Wie ein Kreuz eine der großen Mystikerinnen des 20. Jahrhunderts ankündigte

Ungefähr 40 Meilen nördlich von Porto in Portugal liegt das Dorf Balazar. Hier wurde die selige Mystikerin Alexandrina Da Costa 1904 geboren. Auf der Flucht vor einigen Männern, die sie vergewaltigen wollten, erlitt sie eine Lähmung. Bekannt wurde sie dadurch, dass sie Anteil an den Leiden der Passion und Kreuzigung Christi erhalten hatte.

Viele Jahre vor Geburt der Seligen trat in Balazar ein merkwürdiges Kreuz am Erdboden auf, das bis heute sichtbar ist. Am Fronleichnamstag des Jahres 1832 bemerkten die Gläubigen, die zur Heiligen Messe gingen, nahe der Kirche dieses geheimnisvolle Kreuz.

Damals sandte der Pfarrer von Balazar einen Brief an den Erzbischof von Braga, in welchem er ihm berichtete, „dass die Erde, die das Kreuz zeichnete, weißer war als die umliegende und dass es schien, als würde auf den gesamten Erdboden Tau gefallen sein, außer auf die Stelle, an der sich das Kreuz befand.“

„Ich bat sie, den ganzen Staub und die Erde wegzufegen, die an diesem Ort verstreut waren, und wie zuvor erschien an der gleichen Stelle und in der gleichen Form das Kreuz. Ich befahl, reichlich Wasser darauf zu schütten, damit das Kreuz und die Erde verschwänden. Daraufhin nahm die Erde, die die Form des Kreuzes bildete, eine schwarze Färbung an, welche sie bis heute bewahrt hat“ schildert Pater Leopoldino Mateus.

Am Ort der Erscheinung des Kreuzes wurde eine Kapelle errichtet, mit der Zeit nahm die Verehrung zu und es geschahen Wunder. Trotzdem konnte sich niemand erklären, warum sich dieser Vorfall in Balazar ereignet hatte.

An einem Donnerstag, dem 30. März 1904, wurde in diesem Dorf Alexandrina María Da Costa geboren. Als die Selige 14 Jahre alt war, drangen Männer in ihr Haus ein, in der Absicht sich an ihr, an ihrer Schwester und an einer Freundin der beiden zu vergehen. Um ihre Reinheit zu verteidigen, stürzte sich Alexandrina aus dem Fenster des zweiten Stocks und blieb später aufgrund der Folgen des Sturzes für den Rest ihres Lebens gelähmt.

Ihr Gebetsleben vertiefte sich und sie hatte mehrere mystische Visionen, in denen der Herr sie einlud, ihre Leiden und Opfer für die Rettung der Seelen darzubringen.

Die selige Alexandrina erlitt mehrere Jahre hindurch an jedem Freitag die Schmerzen der Passion Christi und am 5. Dezember 1947 offenbarte ihr Christus die Bedeutung der Erscheinung des Kreuzes in Balazar.

„Ich habe der Pfarrei dieses Kreuz gesandt als Vorankündigung Deiner Kreuzigung. Das Kreuz war bereit, Du aber fehltest noch. Du bist das erwählte Opfer des göttlichen Ratschlusses. Es ist nicht nur meine Alexandrina, die gekreuzigt ist, sondern Christus in ihr. Durch sie habe ich zwei Früchte erhalten: die Liebe zum Kreuz und eine große Sühne für die Sünden der Welt.“

Gegenwärtig hat sich die Kapelle, die an der Stelle des Kreuzes und des Geburtshauses der seligen Alexandrina Da Costa steht, in eine Gebets- und Wallfahrtsstätte für Tausende von Gläubigen aus aller Welt verwandelt. Das Fest des Heiligen Kreuzes (auch Fest des Herrn vom Kreuz genannt) wird in Balazar jedes Jahr am zweiten Sonntag im Juli mit einem feierlichen Gottesdienst begangen.

(Eine frühere Version dieser Geschichte wurde am 10. Oktober 2015 veröffentlicht.)

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PORTO , 03 January, 2017 / 8:47 AM (CNA Deutsch).-

Quelle

Ephesus in Dülmen

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Artikel aus dem Viktorboten, Ausgabe 8, April 2016

Rückt die Heiligsprechung des berühmtesten Mitglieds der Pfarrei St. Viktor, Anna Katharina Emmerick, in greifbare Nähe? Viele Menschen hoffen das. „Ich bin überzeugt: Anna Katharina ist eine Heilige!“ – so äußert sich Pater Alfred Bell, der für die Vorbereitung der Heiligsprechung beauftragte Vertreter des Bistums Münster. Kriterium einer Heiligsprechung ist nicht zuletzt die nachgewiesene internationale Verehrung eines Glaubenszeugen: Ist eine Seligsprechung von regionaler Bedeutung, so regelt eine Heiligsprechung die weltweite Verehrung eines Menschen, den die Kirche offiziell zum Vorbild für die Menschen und Fürsprecher bei Gott erklärt.

Die weltweite Bekanntheit und auch Verehrung der Anna Katharina Emmerick setzte schon im 19. Jahrhundert durch die rasche Übersetzung und Verbreitung der von Clemens Brentano aufgezeichneten Visionsberichte ein. Ein spektakuläres Ereignis, das für internationales Aufsehen sorgte, war gegen Ende des 19. Jahrhundert ein archäologischer Fund in Kleinasien, im Westen der Türkei: Zwei deutsche Priester des Lazaristen-Ordens hatten sich mit den visionären Schilderungen des Lebens Mariens in der Hand zu einer Expedition zum antiken Ephesus aufgemacht, wo nach Angaben Anna Katharina Emmericks die Gottesmutter Maria an der Seite des Evangelisten Johannes ihre letzten Lebensjahre verbracht habe.

Die Patres untersuchten gemäß den Angaben in den Brentano-Aufzeichnungen die topographischen Gegebenheiten der Gegend, befragten die eingesessene Bevölkerung und entdeckten nicht zuletzt dank des Zufalls an einer verborgenen Wasserstelle die Reste einer frühchristlichen Gebetsstätte. Die aufgefundenen Fundamente und Mauerreste vom „Haus der Maria“ wurden freigelegt und zu einer kleinen massiven Kapelle hochgezogen. Heute ist das Marienheiligtum von Ephesus ein Wallfahrtsort. Prominente Besucher in jüngerer Zeit waren die Päpste Paul VI. (1967), Johannes Paul II. (1979) sowie Benedikt XVI. im Jahre 2006. Die „Dülmener Heimatblätter“ widmeten 1972 der „Kunde aus Ephesus“ einen Artikel, ein umfangreicher Bericht fand sich 2011 in den „Emmerickblättern“.

Wer sich mit Anna Katharina Emmerick als weltweitem Phänomen befasst, der kennt das vertraute Bild vom „Hauses der Maria“ mit der markanten Bruchsteinfassade, den drei Rundbögen und dem knorrigen Baum davor. Und dieses Bild lässt sich auch in Dülmen entdecken! Als Wandmalerei – und dies fast exakt an jener Stelle, an der einst Clemens Brentano am Bett der Seherin seine Aufzeichnungen niederschrieb. Die Rede ist vom Döner-Restaurant an der Nonnengasse in Dülmen, in direkter Nähe zum früheren Kloster Agnetenberg und unweit der einstigen Bürgerhäuser Roters und Limberg, wo Anna Katharina Emmerick nach ihrer Ausweisung aus dem Kloster Agnetenberg ihr Quartier bezog. Hier also, an der Nonnengasse 2, betreibt Mehmed Kabukcu, der mit Frau und zwei Kindern in Dülmen lebt, seit 2004 einen Schnellimbiss. Eingerichtet und ausgestaltet wurde die Räumlichkeit allerdings schon Mitte der 1990er Jahr durch den damaligen Inhaber, einen aus der Türkei eingewanderten Armenier. Armenier sind Christen, und so finden sich unter den insgesamt sieben auf Putz aufgemalten Bildern im Speiseraum nicht nur Szenen aus dem antiken Kleinasien, sondern etwa auch von einer orthodoxen Kirche – und eben auch vom „Haus der Maria“ in Ephesus. Mehmed Kabukcu, geboren 1975  in der Gegend der südtürkischen Stadt Maras, hat damit kein Problem: Er bekennt sich ganz bewusst zu religiöser Toleranz. Und das auch aus eigener leidvoller Erfahrung: Zwar ist seine Familie muslimisch, gehört aber zur Glaubensgemeinschaft der Aleviten, die sich keiner klassischen Moscheegemeinde anschließen und seit jeher vom „offiziellen“ Islam in der Türkei unterdrückt werden. Und: Er ist Kurde – was ebenfalls bis heute zu Repressionen an seiner Volksgruppe in der Türkei führt. Daher kam Kabukcu 1993 als Asylbewerber nach Deutschland, 2001 wurde er eingebürgert. Mehmed Kabukcu hat seine Flucht nach Deutschland nicht bereut. Fremdenfeindlichkeit sei ihm in Dülmen noch nicht begegnet. Sein Restaurant läuft gut: „Wer gute Arbeit leistet, wird auch anerkannt“, meint er. Das derzeitige Flüchtlingsdrama empfindet er als Katastrophe, weniger hierzulande als vor allem weltweit.

Das „Haus der Maria“ setzt vielleicht gerade in diese aufgeheizte Stimmung hinein ein stummes Zeichen, ist doch das Marienheiligtum von Ephesus bis heute eine Pilgerstätte von Orthodoxen, Katholiken – und Muslimen! Insbesondere muslimische Frauen pilgern hierhin, schöpfen aus der dortigen Wasserquelle, hängen ihre niedergeschriebenen Gebetsanliegen auf ausgespannte Schnüre. Der Koran spricht voll Ehrfurcht von Maria. Das Konzilsdekret des Zweiten Vatikanums über die nicht-christlichen Religionen betont ausdrücklich die Marienverehrung der Muslime. In der schon erwähnten Ausgabe der „Emmerickblätter“ (2011/II, S. 20) resümiert der frühere Dülmener Pfarrer Dr. Clemens Engling nach einer Reise zum „Haus der Maria“, hier sei „ein Ort, der aus großer urchristlicher Tradition Christen und Muslime verbinden kann.“

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Quelle

Die eigenartige Geschichte von Pater Suitbert Mollinger und 5.000 Reliquien

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Besucher sprechen oft von einer „Präsenz“, die zu spüren sei: Die Antoniuskapelle in Pittsburgh ist bis unter die Decke gefüllt mit Reliquien der Heiligen und sakraler Gegenstände. Foto: CNA/Adelaide Mena

Wie die weltgrößte Sammlung von Reliquien außerhalb des Vatikans
in einem Vorort von Pittsburgh landete

Eingebettet in einem verschlafenen Viertel inmitten der Hügel über Pittsburgh liegt ein kleines Kirchlein. Im Inneren der St. Antonius Kapelle befinden sich ein Stück der Dornenkrone, ein Zahn des Heiligen Antonius von Padua und mehr als 5.000 weitere geprüfte Reliquien von Heiligen aus der ganzen Welt.

In der Tat haben diese Reliquien, die Fragmente der Körper und die Fetzen der Habseligkeiten von unzähligen Heiligen, auch noch lange nach dem Tod der Heiligen irdische Abenteuer durchlebt.

Viele der Reliquien sind um die ganze Welt gereist, um Krieg, Beschlagnahmung und Schändung zu entkommen und um schließlich in die sicheren Händen eines in Belgien geborenen Arztes und Priesters, Pater Suitbert Mollinger, zu gelangen, der diese Kapelle gegründet hat. Heute ist sie mit der größten Reliquiensammlung außerhalb Roms bestückt.

„Nun ja, Pater Suitbert Mollinger hatte ein ungewöhnliches Hobby, indem er es mochte, Reliquien der Heiligen zu sammeln“, so Carole Brückner, Vorsitzende des Ausschusses der St. Antonius-Kapelle, gegenüber der CNA.

Inmitten der politischen und sozialen Unruhen, die Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte, war dieses neugierige Hobby entscheidend um Reliquien vom ganzen Kontinent zu retten.

Seit dem zweiten Jahrhundert verehren Katholiken Reliquien von Heiligen; entweder Stücke ihrer Körperteile oder geschätzten Habseligkeiten der heiligen Männer und Frauen. Während Theologen und kirchliche Dokumente klarstellen, dass Reliquien nicht angebetet werden dürfen und auch keine magischen Kräfte  in sich tragen, betont die Lehre, dass Reliquien mit Respekt behandelt werden müssten, da sie zu Menschen gehören, die nun im Himmel seien.

Während Reliquien an und für sich keine Macht haben, könne Gott weiterhin in der Gegenwart des Körpers eines Heiligen auch nach dem Tod noch Wunder geschehen lassen – so lehrt es die Kirche. Reliquien befinden sich in oder unterhalb von vielen katholischen Altären.

Aufgrund ihrer hohen Stellung bei katholischer Liturgie und Anbetung wurden Reliquien zum Ziel der antikatholischen Verfolgung in Europa – auch und gerade in Deutschland, wo bis heute Vorurteile zur Kultur gehören.

„In einem gewissen Sinn war es damals eine sehr chaotische Zeit für die Katholiken, weil die Menschen um Gebiete und Länder kämpften“, sagte Brückner. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts verschoben sich die politischen Grenzen – und auch religiöse Identitäten – in ganz Europa, als sich die modernen Nationalstaaten Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien bildeten, als die Macht des Adels und der Kirche verebbte und weltliche Regierungen entstanden.

Viele Edelleute und Religiöse „waren besorgt, dass ihre Regierungen oder die Monarchien, in denen sie lebten, ihre Reliquien beschlagnahmen würden“, erklärte sie. In einigen Regionen, führte Brückner fort, hätten die Behörden „die Reliquien sogar entweiht und gelegentlich jemanden ins Gefängnis gesteckt, um eine Reliquie in ihren Besitz bringen.“

„Angesichts der Geschehnisse in Europa, war dies ein günstiger Zeitpunkt für den Pater, seine persönliche Sammlung von Überresten der Heiligen zu bereichern“, erklärte sie. Während es für Katholiken verboten ist, Reliquien zu verkaufen oder zu kaufen, bekam Pater Mollinger Reliquien von Freunden, die er aus seinem Heimatland Belgien oder von Reisen in die Niederlande, nach Italien oder anderswohin kannte.

„Oft hatten seine Freunde, die auch religiös waren, ihm wohl geschrieben mit der Bitte, ihre Reliquien an sich zu nehmen und sie sicher zu verwahren, bis die Situation in ihren Ländern oder Monarchien wieder stabil werden würde. Der Pater habe darauf stets mit „Ja“ geantwortet, erläuterte sie. „Er verfügte außerdem wohl über Agenten in ganz Europa, die für ihn auf der Suche nach Reliquien waren, denn im Grunde wollte sie retten, damit sie nicht von den Regierungen und Monarchen, die in Europa zu dieser Zeit existierten, zerstört werden würden.“

Zunächst behielt Pater Mollinger die wachsende Reliquiensammlung in seinem Pfarrhaus. Kranke und gläubige Katholiken hatten den Priester, der auch Arzt war,  wohl oft für körperliche und spirituelle Behandlungen besucht. Dann hatten „sie auch die Gelegenheit gehabt, die Reliquien zu verehren.“

Viele Pilger, sagte Brückner, „wurden von ihrer Anomalie oder Behinderung geheilt“ nachdem sie körperliche oder geistige Unterstützung in Anwesenheit der Reliquien erfahren hatten. Demgemäß „galt der Pater als Priester-Arzt-Heiler“, erklärte sie. Aufzeichnungen von Pittsburgher Lokalzeitungen aus der Zeit berichten von Pater Mollingers Behandlungen sowie von den Tausenden von Menschen, die zu ihm reisten, um die Reliquien zu verehren.

Pater Mollinger „dachte hingegen, dass die Reliquien in eine schöne Kirche gehören, sodass sie besuchen und verehren kann.“ Also errichtete er aus eigenen Mitteln eine Kapelle, um sie dort unterzubringen.

Der erste Teil des Baus wurde am Fest des Heiligen Antonius im Jahre 1883 fertig und beherbergt die Tausenden von Reliquien, die Pater Mollinger zu der Zeit gesammelt hatte. Der zweite Abschnitt wurde neun Jahre später (1892) –  ebenfalls am Fest des Heiligen Antonius – fertiggestellt. Dort befinden sich der Kreuzweg sowie weitere Reliquien, die nach der Errichtung der Kapelle gesammelt wurden. Pater Mollinger starb zwei Tage nachdem der letzte Teil des Kirchenbaus fertiggestellt war.

Unter den Reliquien befänden sich auch Splitter des Heiligen Kreuzes und der Martersäule; Steine aus dem Garten Gethsemane; ein Nagel, der Christus am Kreuz gehalten hat; Stoffteile der Kleidung von Jesus, Maria und Joseph; ein „Stück Knochen von allen Aposteln“; sowie Reliquien der Heiligen Therese von Liseux, der Heiligen Rose von Lima, der Heiligen Faustina und der Heiligen Kateri Tekawitha.

„Wenn ich die Namen aller Heiligen dort nennen würde, dann würden wir für immer hier stehen“, meinte Brückner. Die Echtheit fast aller Reliquien sei außerdem überprüft worden.

„Wenn eine Reliquie zu dieser Sammlung kommt, wird sie versiegelt und kann nie wieder geöffnet werden“, sagte Brückner und erklärte, dass die strengen Regeln der Kirche vor Manipulation und Fälschung der Reliquien schützen. „Um eine Reliquie zu verehren, benötigt man ein Dokument, das aus der Hierarchie der Kirche stammt. Dieses Dokument gibt an, wer der Heilige ist, was die Reliquie ist, und es bestätigt, dass die katholische Kirche Untersuchungen dazu angestellt, und dann können wir sagen, was die Reliquie ist.“

„So ein Echtheitszertifikat besitzen wir für fast alle unserer Reliquien hier in der Kapelle.“

Der Glaube an die Echtheit der Reliquien stützt sich auf das Vertrauen, dass „die katholische Kirche ihre Untersuchungen durchgeführt hat. Ich werde dem glauben, was die katholische Kirche sagt“, so Brückner. Auch die Besucher erleben noch dieselbe Präsenz, die schon von den ersten Pilgern zu der Reliquiensammlung dokumentiert wurde. „Oft wenn Menschen in diese Kapelle treten, sagen sie, dass sie tatsächlich eine gewisse Anwesenheit fühlen.“

„Ich sage immer, dass es so ist, wie einen kleinen Teil des Himmels zu betreten, denn man ist umgeben von so vielen Menschen, von denen unsere Kirche sagt, dass sie im Himmel sind“, bemerkte sie.

(Ursprünglich veröffentlicht am 28. Dezember 2015)

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Quelle

DIE STUNDE MARIENS – MARGARETE MARSURA (1909 – 1971)

Titelseite Die Stunde Mariens

Holzstatue „Unsere Liebe Frau vom Frieden“ aus dem Besitz der Familie Marsura. Sie wurde am 8. Dezember 1968, am Fest der Unbefleckten Empfängnis (Immaculata) geweiht und über dem Altar in der Kapelle auf dem Segensbühel aufgestellt.

EINFÜHRUNG

Diese Kurzbiografie über Margarete Marsura wurde von Prof. Dr. P. Antonio M. Artola C.P. verfaßt, der seine theologischen Studien an der Päpstlichen Universität St. Thomas von Aquin («Angelicum»), am Päpstlichen Bibelinstitut, Rom, und an der Bibelschule Jerusalem absolviert hat. Er hat sein Lizentiat bei der Päpstlichen Bibelkommission, Rom, und seinen Doktortitel in Theologie an der Katholischen Universität von Freiburg (Schweiz) erworben. Jetzt ist er Ordentlicher Professor der Hl. Schrift an der Theologischen Fakultät der Universität von Deusto-Bilbao (Spanien) und Dozent der Theologie des Kreuzes an der gleichnamigen Oberschule bei der Päpstlichen Universität «Antonianum» in Rom.

Die Arbeit wurde im Auftrag der «Gruppe für den Weltfrieden», Segensbühel, Meran (Bozen), geleistet.

Anfangs dachte man an eine Einführung in eine Auswahl des geistlichen Tagebuches von Margarete Marsura. Aber man verschob auf einen anderen Zeitpunkt die Veröffentlichung des Tagebuches, und hat einstweilen die Initiative ergriffen, diese Biografie getrennt zu veröffentlichen, damit die Seelen, die sich für den Weltfrieden einzusetzen wünschen, diese demütige Frau kennenlernen, eine große Charismatikerin für die europäische Einheit, den Weltfrieden, die christliche Familie und die Verwirklichung der vom II. Vatikanischen Konzil angegebenen Ziele.

«Gruppe für den Weltfrieden»

Meran, 8. Dezember 1982
Am Fest der Unbefleckten Empfängnis der hlst. Jungfrau Maria

 

I.
DAS GEISTLICHE TAGEBUCH
EINER AUSERWÄHLTEN SEELE

Im Jahr 1959, wenige Monate vor der Vollendung des 50. Lebensjahres, beschloß eine einfache Familienmutter mit tiefem Frömmigkeitsleben, jeden Tag schriftlich ihr Innenleben niederzulegen: «Von diesem Tag an will ich auch schriftlich mein geistliches Leben unter Kontrolle halten» (1.1.59).

Nach einem ersten einleitenden Abschnitt mit unvermeidlichen Unterbrechungen wird die Askese des täglichen geistlichen Innenlebens eine Gewohnheit und eine Notwendigkeit: «Jeden Tag ein schriftlicher Gedanke für Dich, meinen süßesten Bräutigam» (21.2.61).

Die geistliche Tat dessen, was schriftlich niedergelegt wird, hat eine einmalige Wirksamkeit: «Ich schreibe diese Gedanken auf die Zeilen eines Heftes . . . Sie bleiben eingeprägt auf den Seiten und so bleibt in meinem Herzen mit unauslöschlichen Lettern eingeprägt, was mein Herr in der intimen Stille der Seele mir eingibt, wenn ich von Du zu Du hinhöre und mit Ihm spreche» (14.3.61).

Die Verpflichtung der täglichen Heftseite hat die übernatürliche Wirkung, dem Willen große Festigkeit zu geben, zu erfüllen, was in der Betrachtung sich als Wille Gottes erweist: «Der Herr lädt mich ein, mit der Feder zu bestätigen, was Er eindringlich von mir verlangt» (15.12.60). Die Ausdauer in der täglichen Aufgabe der geistlichen Niederschrift läßt die Überzeugung entstehen, daß der Tag unvollständig ist, wenn sie nicht irgendetwas schreibt. «Wenn ich mein Tagebuch für einige Tage schweigen lasse, fühle ich, daß mein geistliches Leben nicht vollständig ist. Jedes geschriebene Wort in diesem Heft ist wie eine Bestätigung dessen, was meine Vereinigung mit Gott ist» (4.12.60). Die Aufrichtigkeit und der Ernst, mit der sie die tägliche Pflicht der geistlichen Gedanken erfüllt, bildet ihr Leben genau nach besagten schriftlichen Gedanken: «Eine Bestätigung ist dir, daß du lebst wie du schreibst» (30.8.60). Jeder Augenblick des Tages ist gut, eine innere Bewegung bezeugen zu lassen oder einen Gruß an Jesus zu richten: «Ich will, daß die ersten Worte für Dich sind, mein Herr, auch auf den Zeilen dieses armen Heftes» (22.6.61). Gewöhnlich wird das Tagebuch am Ende der Betrachtung geschrieben wie eine normale Verlängerung derselben: «Nach der Betrachtung schriftliche Fortsetzung» (27.8.60).

Das war die Entstehung des geistlichen Tagebuches Margaretens.

Der Entschluß, die eigenen inneren Erfahrungen niederzuschreiben hatte tiefgreifende Folgen im Leben dieser Seele. Vor allem eine intensive und tägliche, auf den geistlichen Fortschritt konzentrierte Aufmerksamkeit. In der Folge richtet sich die Aufmerksamkeit in den inneren Eingebungen und Rufen des Herrn auf eine jedesmal großherzigere Antwort. Und die Wirkungen der inneren Besserung wachsen. Es ist eine größere Klarheit und eine Zunahme der übernatürlichen Kenntnis in der Notwendigkeit, in einigen Zeilen festzulegen, was die Seele in den Augenblicken des stillen Dialogs fühlt. Nach und nach verschwindet alles, was nicht privilegierten Gegenstand dessen bildet, was im Tagebuch von der Welt der unmittelbaren Interessen bleibt. Die unsichtbare Welt wird zur gewöhnlichen Atmosphäre des ganzen Tages und des ganzen Seelenlebens. Es interessiert nicht mehr, was äußerlich ist, wenn man das innere Paradies des Geistes entdeckt hat. Der Augenblick des Tagebuches ist der Augenblick der Kontrolle, der Prüfung und des Abschätzens des eigenen Verhaltens. Das Heft ist die unersetzliche Hilfe, wenn das Gebet trocken und die reine geistige Konzentration unmöglich wird. Anstelle der steril gewordenen Seele und des gefühllosen Herzens wird die Hand zum Geist und drückt dem Herrn aus, was keine andere Dimension des Seins in der Dunkelheit äußern kann.

Der Preis dieser Askese Margaretens ist die mystische Evolution. Es sind nicht mehr ihre Betrachtungen, die auf das demütige Schulheft übertragen werden. Es ist nicht mehr das mehr oder weniger forcierte Zwiegespräch, Frucht des menschlichen Geistes, das sich an Gott wendet. Nach und nach beginnen die inneren Eingebungen die Intensität und die Klarheit des von einem anderen Geist ausgehenden Wortes zu erlangen, der sich von Angesicht zu Angesicht mit ihrem eigenen Ich befindet. Es entsteht ein nahezu vor-mystischer Augenblick, in dem die Seele jenseits der erfahrenen Eingebung und der Sammlung im Gebet eine süße und bescheidene Stimme hört. Es entsteht das Bewußtsein, daß Gott schon ein Gesprächspartner ist mit einem erkennbaren Angesicht und unverwechselbarer Stimme: «Fürchte dich nicht, meine kleine Seele. Ich werde dir kein besonderes Zeichen geben: du hast nur mit einfältiger Sicherheit zu glauben, daß diese Gespräche zwischen mir und dir wirklich stattfinden» (19.8.60).

Die Gewißheit des Gesprächs bewegt sich auf der Linie der Äußerungen mit neuem Inhalt. Margarete wird es bewußt, daß der Dialog Licht, Erkenntnis, einige neue Erleuchtungen mit sich bringt. Die Er¬leuchtungen nehmen manchmal die Form eines Auf¬trages an dritte Personen an oder konkreter Aufträge an sie selbst. Es entstehen die Botschaften ihrer Mis¬sion: «Meine Kleine, sage mir nicht nein in dem, was ich von dir verlange. Ich wünsche, daß du meine Fort¬setzung bist. Denke nicht, daß du nichts bist, denn Ich kann aus dem Nichts Alles machen. Von dir wün¬sche Ich nur den Willen, mit ruhiger Sicherheit zu denken, daß Ich du bin. Du wirst immer das Nichts sein, das du in allen natürlichen Dingen bist, denen dein Körper unterworfen ist. Aber mit der Seele und dem Willen will ich, daß du meine Fortsetzung bist» (25.1.60).

Nachdem einmal das Bewußtsein der persönlichen Sendung geschaffen ist, wird das Tagebuch zu einem Dokument geistlicher Wichtigkeit für die Zukunft zahlreicher anderer Seelen: «Wenn sie eines Tages über das, was du schreibst, Betrachtungen anstellen, werden sie begreifen, daß all das Wahrheit ist» (23.12.60).

Margarete hat die Vorahnung der Wichtigkeit dieser Schriften. Am 17. August 1961 hört sie den Herrn sagen:

«Ich wünsche, daß viele Dinge geschrieben werden, denn man soll mein kleines Mädchen kennenlernen, das mir auf Erden so nahe steht, wenn sie mit mir im Himmel sein wird und auf alle Seelen, besonders der Priester, die weißen Blütenblätter ausstreuen wird, die sie jetzt dauernd, bei jedem Ave Maria, in den Schoß meiner Mutter legt.»

Und am 27. September 1967 führt sie aus:

«Wer eines Tages diese Gedanken liest, soll wissen, daß sie nicht oberflächlich geschrieben sind, nur damit etwas geschrieben ist, sondern die wirkliche Vereinigung und Verschmelzung einer Seele mit Gott darstellen, der unser Vater die kindliche Kenntnis Seiner Selbst geschenkt hat, verbunden mit zartem Vertrauen. In der Tat, alle Gedanken, die man in diesem Heft meines geistlichen Lebens geschrieben findet, sind ganz und gar nicht einstudiert, wie zum Beispiel wenn jemand einen Brief an eine Person schreibt und zuerst gewöhnlich einen Entwurf macht. Nein die Gedanken dieser Momente geistlichen Zwiegesprächs gehen spontan aus dem Geist hervor und fließen ins Herz, in die Feder wie ein Bach, der aus seiner natürlichen Quelle hervorkommt und ruhig und einfach dahinfließt, dahinfließt, sicher, seine Harmonie nicht zu erschöpfen, denn seine Quelle ist unerschöpflich, entspringt sie doch aus den ewigen Gletschern. In diesen intimen Augenblicken befinde ich mich von du zu du mit meinem Herrn: mit unserem Vater, der mir das Sein gegeben hat; mit Jesus, dem süßesten Bräutigam meiner Seele, mit dem Heiligen Geist, der die Liebe des Vaters und Jesu ist, verschmolzen in einer einzigen Liebe, die mich umfaßt, erleuchtet und den Geist, das Herz, die Seele, mein ganzes Sein durchdringt. Es ist in diesen Augenblicken, daß ich aus der Quelle der Göttlichen Familie alle die schönsten und erhabensten Gedanken schöpfe, die spontan und einfach hervorfließen. Es ist wahr, es sind dabei auch meine Gedanken, wenn mein Herz vom Gewicht meiner armen, schwachen, kranken Natur belastet ist, denn so ist es für jedes in die Sünde gefallene menschliche Geschöpf.»

Wenn die geistliche Läuterung Margaretens hohe Grade erreicht haben und die Intimität mit dem Herrn fortgeschritten sein wird, wird das Gespräch mit Jesus ein wirklicher und fühlbarer Dialog. Und die Worte des Herrn erreichen einen Grad authentischer Diktate.

Niemand wußte von diesem Tagebuch Margaretens, als sie noch lebte. Erst einige Monate bevor sie starb, bekannte sie ihrem Mann, daß sie in einem Schrank ihre «Memoiren» aufbewahrte, so nannte sie ihr Tagebuch. Herr Marsura hatte dieser vertraulichen Mitteilung seiner Frau keine große Bedeutung beigemessen, bis er eines Tages damit begann, diese Hefte durchzublättern. Er wurde dadurch ganz unerwartet gerührt, und sein Gemüt wurde tief bewegt. Er hatte nichts von dem wunderbaren Innenleben Margaretens gewußt. Lange weinte er über diesen so einfachen und doch so außerordentlichen Seiten.

II.
IM ZEICHEN
EINER GROSSEN EINFACHHEIT

Margarete führte bis zum Jahr 1937 ein demütiges und schlichtes Leben in ihrem Geburtsstädtchen, umgeben von einer sanften Hügellandschaft.

Sie war geboren in Cornuda di Treviso am 5.7.1909. Sie empfing die erste hl. Kommunion im Alter von 7 Jahren im Jahre 1916, mitten im Weltkrieg. Von ihrer Jugend schreibt sie in ihrem Tagebuch: «Schon als kleines Kind wollte der Herr mich immer nah bei sich, und Er ließ mich oft seine Stimme so klar hören, daß ich oft das Bedürfnis fühlte, mich in die Stille zurückzuziehen, um mich ganz einer tiefen Betrachtung mit Ihm hinzugeben» (9.7.59). Diese frühzeitige Intimität mit dem Herrn ließ sie ein besonderes Hingezogensein zur Reinheit empfinden: «Ich fühlte stark den Wunsch, in Keuschheit zu leben» (18.1.60): «Warum hast Du mich nicht gerufen, o guter Vater, als ich noch ein ganz reines, unberührtes Mädchen war? Damals hätte ich meinem Bräutigam die Jungfräulichkeit, die Reinheit, mein Herz frei von der Kenntnis des Bösen geben können», schrieb sie mit 50 Jahren, als sie schon ganz dem Herrn hingegeben war (29.8.1960).

Der Wunsch nach einem reinen Leben brachte sie sehr bald zur marianischen Frömmigkeitl. Von der heiligsten Jungfrau erflehte sie die Gnade einer vollkommenen Reinheit. «Wie oft habe ich zu ihr gebetet von meiner zarten Kindheit, von meiner Jugend an! Sie hat mich rein bewahrt, einfältig, fern von der Kenntnis des Bösen und von allem, was nicht unschuldig ist, bis zum Alter von 28 Jahren, meiner Heirat, und dann noch und immer» (13.6.1961).

Aus dieser einfachen, marianischen Frömmigkeit der Jugendzeit stach die Andacht des heiligen Rosenkranzes hervor: «Ich hatte von frühester Jugend an eine besondere Andacht zur Unbefleckten Jungfrau des Rosenkranzes von Pompei, und ich habe zu ihr die Novene des Bartolo Longo gebetet — er war es, der die Andacht zur Madonna des Rosenkranzes begann und verbreitete — in allen Gegebenheiten und den größten Nöten meines Lebens» (3.10.65).

Am 1. Oktober 1918, im Alter von 9 Jahren, traf sie der Schmerz des Todes ihres Vaters infolge der bekannten Epidemie, die in Europa nach dem Weltkrieg wütete. 51 Jahre darnach, am 10.10.1968, vermerkte sie in ihrem Tagebuch die Einzelheiten jenes Todes:

«Es war im Jahr 1918, ich war neun Jahre alt. Es war zur Zeit des Ersten Weltkrieges, der seinem Ende zuging. Wir wohnten in der Nähe des Piave, gerade dort, wo die erbittertsten Schlachten tobten. Von unserem Ort, Cornuda, mußten wir im November 1917 fliehen. Zuerst hielten wir uns einige Monate lang in Casella d’Asolo im Haus der Brüder meiner Mutter auf, dann wurden alle Flüchtlinge in südlichere Regionen, etwas überall zerstreut, geschickt. Unser Bestimmungsort war Lucera, ein Städtchen in der Provinz Foggia in Apulien. Wir kamen dort nach vielen Tagen Eisenbahnfahrt an. In dieser Stadt, an diesem Tag und zu dieser Stunde — es war 15 Uhr — starb mein Vater. Meine Mutter war allein mit mir und mit meinem kaum zwei Jahre alten Schwesterchen; ich war neun Jahre alt. Die zwei älteren Brüder waren an der Front, und die zwei älteren Schwestern waren im Krankenhaus mit der ‹spanischen› Krankheit. An dieser Krankheit starb der Vater. Ich erinnere mich an den letzten Kuß, den ich dem sterbenden Papa gab, die Tränen meiner Mutter und die kindlichen Gebete, die ich an den Herrn richtete. Ich erinnere mich noch an den Leichenwagen mit vielen Särgen, denn viele starben zu dieser Zeit an der Epidemie. Ich kleines Mädchen war die einzige Hilfe und der einzige Trost meiner Mutter. Wie war meine Mutter so lieb, wieviele Leiden in ihrem Leben. Ich habe sie alle in mein Herz aufgenommen und habe mit ihr viele Tränen geweint. Mein geliebter Papa, von ihm erinnere ich mich an wenig, aber sehr gut an den letzten Kuß, den ich ihm auf die Stirne, naß von Schweiß, gab: es war vielleicht der Todesschweiß. Die Krankheit hatte ihn befallen, und er konnte nicht mehr reden. Er hatte jedoch einen Blick, der noch verstand; daran erinnere ich mich, und vielleicht war der Kuß seiner kleinen Angelina Margareta, die er so liebte, wie die Kommunion, die er nicht empfangen konnte. Und mit meinem Kuß auf die Stirne kehrte Papa heim zum Herrn. Papa und Mama sind jetzt im Himmel in der Glückseligkeit Gottes. Auch ich werde bald bei ihnen sein.»

Von ihrer frühen Jugend an fühlte sie sich zur Frömmigkeit und zur Liebe zu Christus hingezogen: «Von meiner frühen Jugend an hast Du mich immer gerufen, anders als bei meinen Kolleginnen, mit Dir allein zu sein. Wie oft wolltest du mich, in der Stille meiner Pfarrkirche, vor dem Tabernakel oder dem Altar der Jungfrau Maria; oder im Garten meines Hauses an den vom matten Schein des Mondes erleuchteten Abenden oder am frühen Morgen bei Sonnenaufgang in den klaren Morgenstunden des Sommers, als noch alle in tiefem Schlaf lagen; oder auch in der Intimität meines weißen Zimmerchens. Immer, oh mein Jesus, hast Du mich im Lauf meines Lebens gerufen, immer wolltest Du mich nah bei Dir in intimem Gespräch mit Dir. Ich konnte nie widerstehen, nie» (20.2.60).

Margarete gehörte einer Familie mit acht Kindern an. Sie erlernte den Beruf einer Schneiderin und gründete im Haus eine Schneiderei, wo mit ihr andere junge Mädchen als Lehrmädchen arbeiteten. Obwohl sie nach dem hohen Ideal der Reinheit strebte, wollte der Herr diese Seele zum Eheleben führen. Sie geht die Ehe mit einem frommen jungen Mann von ihrem Ort am 8. Mai 1937 ein, in der Pfarrkirche von Cornuda.

Ihr Eheleben verläuft normal. Margarete übt weiter das Apostolat aus, mit dem sie sich als Ledige beschäftigt hatte. Sie arbeitet in der Katholischen Aktion als Präsidentin der weiblichen Abteilung und als Delegierte der Kinderabteilung.

Der Herr segnet ihre Ehe und gewährt ihr, Mutter zweier Kinder zu werden. Nach der zweiten Geburt hört ihre Fruchtbarkeit auf. Margarete findet da einen Weg, ihren Zustand zu erheben: sie widmet sich von ganzer Seele der Erziehung ihrer Kinder und anderer Kinder ihrer Umgebung.

Vom Augenblick der ihr versagten Mutterschaft an beginnt sie, an das Ideal der ehelichen Keuschheit in der Enthaltung zu denken. «Dem Wunsche nach habe ich immer in Keuschheit gelebt, wenn ich auch meine Pflicht als Gattin und Mutter erfüllte», schrieb sie am 28.1.60. Ihre Vorbilder im Eheleben waren die heiligen Ehefrauen und Mütter der christlichen Geschichte: «Ich bin nicht wie Agnes, die kleine Theresia, Margarethe, aber ich bin wie Rita: auch sie war Mutter und dann Deine Braut . . . Ich bin nicht eine jungfräuliche Braut von Dir, ich bin eine Mama . . .» (29.8.60). Die Gestalten der heiligen Monika, der heiligen Zäzilia, der heiligen Rita ziehen sie an.

Der Ruf des Herrn und die geistliche Veränderung in ihr seit 1959 geben ihr einen starken Wunsch eines in vollkommener Enthaltsamkeit gelebten Ehelebens ein. Die eheliche Beziehung hatte nie den brennenden Wunsch ausgelöscht, sich dem Herrn als einzigem Bräutigam der Seele zu weihen: «Auch wenn er mir einen Begleiter im Leben gegeben hat, habe ich immer gefühlt, daß der süßeste Bräutigam meiner Seele Jesus war» (26.7.59). «Ich fühlte stark den Wunsch, in Keuschheit zu leben» — schreibt sie am 18.1.60 — «aber was tun?» Unter Keuschheit verstand sie die vollständige Entbehrung des ehelichen Verkehrs. Zu diesem Zweck mußte sie die Zustimmung des Mannes haben, der noch ziemlich jung war. Nachdem die geistliche Veränderung des Jahres 1959 in ihr dieses Ideal entzündet hatte, bemühte sie sich, die Zustimmung des Ehegatten zu erhalten.

Der Wunsch nach vollkommener Keuschheit wurde beim 50. Geburtstag ihres Mannes besonders stark (28.1.60).
«Das schönste Geschenk, das ich ihm machte, war die hl. Messe und die hl. Kommunion zusammen mit ihm, in die ich die besondere Meinung gelegt habe, daß Jesus, der süßeste Bräutigam der Seele, ihm die Gnade schenke, von jetzt an in vollkommener Keuschheit neben seiner Lebensgefährtin zu leben. Daß er denke, nicht eine Frau, sondern einen Engel zu haben . . . Der gute Gott wird uns großen Verdienst für den Himmel geben. Und ist es vielleicht nicht ein besonderer Vorzug, daß ich in vollkommener Keuschheit neben einem jungen Mann leben kann? Und ist das vielleicht nicht ein Zeichen, daß Jesus mich für sich ganz rein und schön will? Oh meine Seele, frohlocke, denn dein Herr hat eines seiner wunderbaren Dinge gewirkt! Er hat dir gegeben, eine Tugend zu besitzen, aus der alle anderen Kraft schöpfen; mit der du neben den Engeln leben kannst. Oh mein Jesus, du weißt, und es weiß gut auch Deine Mutter, wie sehr ich immer die Tugend der Reinheit gewünscht und geliebt habe. Vielleicht könnte ich sagen, daß ich dem Wunsch nach immer in Keuschheit gelebt habe, wenn ich auch meine Pflicht als Gattin und Mutter erfüllt habe.»

Am 23. Jahrestag ihrer Ehe schrieb sie: «Ich habe Ihn (Jesus) gebeten, Seine Braut zu sein, wenn ich auch neben meinem Lebensgefährten bleibe. Ich habe ihn gebeten, mich in Keuschheit leben zu lassen, denn ich weiß, daß ich ohne dieses reine Leben nicht seine Braut sein könnte» (8.5.60).

Der sehnliche Wunsch nach vollkommener Reinheit in der Ehe verschaffte ihr eine Reihe von Erleuchtungen und Intuitionen über den Sinn ihrer vorausgegangenen ehelichen Hingabe, die sie in einfachster und reinster Liebe zu ihrem irdischen Partner gelebt hatte: «Meine kleine Seele, du bist meine Braut. Von dir bewahre ich die Jungfräulichkeit, die Mutterschaft und die eheliche Keuschheit. Das ist die Wahrheit, denn alles ist in meinem Herzen. Und ich werde dich groß machen durch den Glauben, den du hineinlegst in das, was du schreibst» (30.8.60).

Um ihr Ideal ehelichen Zusammenlebens zu erreichen, mußte sie vom Herrn die innere Erleuchtung des Gemahls erhalten, die notwendig war, damit sie auf ihrem Weg hoher Spiritualität unterstützt würde. Am 25.3.63 schrieb sie: «Oh mein Bräutigam, nichts will ich mir selbst ersparen, um Deine Wünsche bekannt zu machen, die Du meinem Herzen geoffenbart hast und dem Herzen dessen, der mich hier auf der Erde beschützt (der Vater meiner Kinder, der Gefährte meines irdischen Lebens). Wie Maria als Gefährte ein Ehemann gegeben wurde, damit sie im Angesicht der Welt vorgestellt und beschützt würde, so mir. Jetzt lebt mein irdischer Vermählter neben mir in der schönsten Keuschheit und Reinheit, er beschützt mich und läßt mich ganz für Dich, der Du mein Unbefleckter Vermählter bist, und ich kann mich in reiner Liebe schenken und jeden Augenblick vor Deinem Angesicht erscheinen, o Jesus.»

Am 27. Jahrtag ihrer Ehe stellt sie fest: «Während meines ganzen Ehelebens habe ich die Keuschheit im Herzen und im Willen gelebt, und jetzt seit einigen Jahren lebe ich, im Einvernehmen mit meinem Mann, die Keuschheit und die vollkommene Enthaltsamkeit. Jesus und Maria haben meinen Wunsch erfüllt, ganz für Sie da zu sein, rein und heilig an Seele und Leib. An diesem Tag, den 8. Mai, eigens ausgesucht, weil Maria die Unbefleckte des heiligen Rosenkranzes immer meine süßeste und liebe Fürsprecherin und Mutter gewesen ist, habe ich seinerzeit mein Leben als Ehefrau und Mutter beginnen wollen» (8.5.64).

Das inständige Flehen Margaretens hatte die ersehnte Gnade erhalten. Sie hatte begonnen, jenes Leben zu leben, das in der christlichen geistlichen Geschichte Heilige wie der heilige Heinrich und seine Frau Kunigunde gelebt hatten. Es inspiriert sich am keuschesten Zusammenleben von Josef und Maria.

III.
DAS JAHR DES HEILS 1959

Der irdische Lebensweg Margaretens, so einfach und gewöhnlich, erfährt im Jahr 1959 eine starke Veränderung. Am 1. Dezember beschließt sie, sich einer intensiveren und verpflichtenderen Spiritualität zu widmen. Zu diesem Zweck legt sie Hand an ihr geistliches Tagebuch. Die ersten Monate verfließen ohne bemerkenswerte Ereignisse, bis sie am 2. Juli eine tiefe Bewegung empfindet. In Südtirol brechen die Feindseligkeiten zwischen der deutschen und der italienischen Volksgruppe aus. Dieser Zustand verwirrt ihre Seele.

Sie beschließt, achttägige Exerzitien zu machen. Die Einkehr beginnt am Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli). In dieser Zeit vollendet Margarete ihr 50. Lebensjahr (5. Juli). Schon im Verlauf ihrer Einkehr erscheint am Horizont ihrer Sorgen eine Wirklichkeit, die ihre Existenz in ihren letzten zwölf Lebensjahren so sehr ausrichten sollte: das Priestertum.

In einem ersten Augenblick kommen die Priester ihr vor als jene, denen es vor allem obliegt «den Seelen Frieden und Liebe einzuflößen» (7.7.59). Und von der Ortskirche sagt sie: «Ich fühle, daß meine Pfarrei meine zweite Familie ist» (7.7.59).

Aber die grundlegende Wirklichkeit ihrer Exerzitieneinkehr war die intensive Erleuchtung über jenes Geheimnis der Liebe, das Gott ist. Margarete fühlt sich berufen, nur von Liebe zu leben.

Nach ihrer Einkehr beginnt das neue Leben. Es ist wie eine zweite Bekehrung. Die Lage ihrer Familie gestattet es ihr, Entscheidungen von großer Bedeutung zu treffen. Ihre beiden Söhne studieren in einem religiösen Seminar. Margarete ist allein mit ihrem Mann. Sie hat die Seele vollkommen offen und verfügbar für das, was der Herr von ihr verlangen kann. Eine weitere wichtige Tatsache dieses Jahres des Heils war der Entschluß, sich einen Seelenführer zu erwählen (22.10.59): «Ein großer Tag war dieser für mich: es ist der Anfang eines kontrollierten geistlichen Lebens unter der Leitung eines Führers, den der Herr mir bereitet hat.»

Infolge der achttägigen Exerzitien und des Beginns der Seelenführung beginnt auch ein tiefgreifender und genauer Lebensplan, der den ganzen Tag umfaßt, vom Augenblick des Erwachens bis zur nächtlichen Ruhe.

Am 21. November beginnt ein weiterer entscheidender Lebensabschnitt. An diesem Tag, an dem man die Darstellung im Tempel der seligsten Jungfrau feiert, fühlt sich Margarete berufen, auch in ihrem Leben, denselben Akt der Selbstaufopferung zu erneuern: «Heute, in der Nachfolge der heiligen Jungfrau, die vor allem vom zartesten Kindesalter an sich Gott darbringen wollte, habe ich mich Ihm dargebracht, als kleine Braut, und in der Stille des Herzens habe ich Ihn immerzu ‹süßer Bräutigam meiner Seele› genannt» (21.11.59).

Diese Hingabe ihrer selbst war eine Opfergabe von großer Weitherzigkeit, die bald ihren Ausdruck in dem Bedürfnis finden sollte, sich vollständig hinzuopfern. Dies vollzieht sich am Tag Mariä Lichtmeß des Jahres 1960: «Heute morgen habe ich der heiligen Messe meines Seelenführers beigewohnt. Durch die Hände Mariens, mit den Meinen im Herzen, wie eins in Jesus, habe ich dem Vater die totale Selbstaufopferung gemacht . . . Ich habe gesagt: ich ‹will›, in feierlicher Form am Altar. Der himmlische Vater nahm das Opfer der seligsten Jungfrau ihres Jesus, im Tempel, an. Der himmlische Vater hat auch mein Opfer von heute morgen angenommen, denn auch es wurde durch die Hände Mariens dargebracht» (2.2.60).

Die Hingabe hatte den Charakter eines vollständigen Opfers: «Ich möchte Dein vollkommenes Abbild sein. Deine Liebe zu den Seelen drängte Dich zu unendlichen Leiden: als erstes bitte ich Dich also, mich bis zu den Grenzen des Menschenmöglichen leiden zu lassen» (13.8.60). «Jesus will mich als Schlachtopfer mit Ihm im freiwilligen Leiden, im Tiefsten des Herzens» (5.5.61, erster Monatsfreitag).

IV.
DIE PERSÖNLICHE SENDUNG

Von der inneren Umwandlung des Jahres 1959 an tritt in der Seele Margaretens das Bewußtsein auf, vom Herrn zu einem großen Werk bestimmt zu sein. Es handelt sich um das Bewußtsein, in der Kirche zu einer besonderen Sendung berufen zu sein. «Den ganzen Morgen — schreibt sie am 4.2.61 — habe ich einen Anruf des Herrn gehört, der mich als sein Eigen will, um die Sendung zu erfüllen, die mit einem großen Werk beginnen soll, das mich viel Mühe kosten wird.»

Der erste Ausdruck dieses Bewußtseins war eine geheimnisvolle geistliche Mutterschaft den Priestern gegenüber, mit einem besonderen Interesse für die Heiligung derselben. Der erste Keim kam ihr von ihrer besonderen Lage als Mutter von zwei Söhnen, die sich auf das Priestertum vorbereiteten. Dieses Hingezogensein nahm mit den Jahren zu und entwickelte sich bis zu einer kirchlichen Sendung.

Diese geistliche Ausrichtung wurde schon im Jahr ihrer zweiten Konversion offenkundig, wie schon früher hervorgehoben wurde. Der Augenblick, in dem das Interesse für das Priestertum außergewöhnlich zunahm, war ihr Unterordnung unter die geistliche Führung. Dadurch machte sie eine erste wichtige Erfahrung, von dem, was der Priester für den Gläubigen darstellt und gleichzeitig von dem, was der Priester braucht und was er von den Seelen empfangen kann, die sich geistlich an sein besonderes Geschick binden. Das erste, was sie von der geistlichen Führung dachte, war eine vollkommene Durchdringung mit der Seele des Seelenführers. «Meine Begegnungen mit dem geistlichen Vater müssen eine gegenseitige Hilfe zu dauernder Besserung sein. Zwei Seelen, die sich geistlich verstehen und sich bei der Hand nehmen und sich begleiten, gelangen ohne Weiteres zur Heiligkeit» (21.1.60).

Ihre Art, die Hilfe von seiten des Seelenführers zu verstehen, näherte sich einer Art von geistlicher Freundschaft: «Unsere Seelen müssen wie ein offenes Buch des einen für den anderen sein, um eine gegenseitige geistliche Kontrolle auszuüben» (ebendort).

Aber mehr als um Freundschaft handelte es sich um eine gegenseitige Beziehung von geistlicher Vaterschaft—Mutterschaft: «Er als geistlicher Vater, ich als seine geistliche Mutter. In dieser Vaterschaft und Mutterschaft befinden wir uns auf der gleichen Ebene» (ebendort).

Diese Idee von der Führung entstand aus einer Realität großer Einsamkeit des Geistes: «Niemand, niemand wird je das Tiefste meiner Seele verstehen. Nur der geistliche Vater kann es» (24.1.60).

Aber die Bedingung zu dieser Durchdringung war sehr streng und verlangte viel vom geistlichen Führer. Es war erforderlich, daß er auf der Höhe des Anspruchs Jesu war: «Wenn er will, auf der von Jesus verlangten Höhe» (ebendort).

Nach einer gewissen Zeit der Idealisierung des geistlichen Vaters kommt Margarete zur Überzeugung, daß es ihr Geschick sei, im Nichtverstandensein vom Führer, in der Tiefe, die sie wünschte und die sie brauchte, zu leben. Diese schmerzliche Erfahrung diente dazu, den Horizont ihrer Sehnsucht nach geistlicher Mutterschaft zu weiten. Nicht mehr einen konkreten Führer, der für sie eine Art geistlicher Sohn war, sondern alle Priester der Welt setzen ihre Familie zusammen: «Du wirst die geistliche Mutter der gegenwärtigen und zukünftigen Priester sein, und alle, die zu dir mit Glauben beten, wenn du mit Mir im Himmel sein wirst, und dich um Heiligkeit bitten, werde ich dir durch die Hände meiner Mutter gewähren» (5.7.61).

Für alle ihre Priestersöhne wird sie um nichts weniger als die Heiligkeit bitten.

Diese ihre geistliche Mutterschaft lernt sie von der Mutterschaft Mariens dem heiligen Apostel Johannes gegenüber wie ihr von Jesus verliehen: «Maria wohnt mit Johannes, sie unterrichtet ihn mit ihren Tugenden. Johannes beschützt Maria, er nennt sie Mutter und empfängt von ihr alles» (19.6.60).

Am fünften Mai 1962 opfert sie sich wie folgt für die Priester auf: «Wie du an den Vater das Gebet gerichtet hast ‹Vater, für sie heilige ich mich selbst›, so wiederhole ich in dir jeden Tag dieselbe Anrufung: Mein Jesus, für sie (Deine Priester) heilige ich mich selbst. Von Dir lebe ich, o Jesus, Du willst, daß ich eine kleine Heilige für die Priester sei, denn nur durch die Heiligkeit der Priester wird die Welt der Seelen gerettet.»

In der Folge wird die Sendung Margaretens weiter und vollständiger im Hinblick auf den Frieden der Welt, die christliche Familie im allgemeinen, die Einheit der Kirchen.

V.
DER FRIEDE DER WELT

Während Margarete ganz ihrer Aufgabe als geistliche Mutter der Priester hingegeben war, dringt die Sorge um den Frieden der Welt hart in ihr Leben ein. Der auslösende Funke war die Krisis im Zusammenleben der Volksgruppen italienischer und deutscher Sprache in ihrem eigenen Land; «Ich habe vor allem gebetet, daß die Königin des Friedens der Welt den Frieden schenke und die brüderliche Liebe aller Bewohner dieses Landes. Hier fehlt die Liebe nur, weil nicht alle die gleiche Sprache sprechen» (2.10.60).

Und am 4.2.61 schreibt sie:
«Wir müssen ein Werk der Friedensstiftung unter diesem Volk beginnen. Wir haben bisher der ganzen Welt ein Schauspiel des Zwistes, der Uneinigkeit, des Antagonismus geboten. Jetzt müssen wir als Katholiken zeigen, daß wir alles vergessen können, uns die Hand drücken und uns wirklich als Brüder in Christus fühlen. Wir müssen daher Hand anlegen an einem Werk der Friedensstiftung. Der Herr will es. Oft läßt er mich es während des Gebetes und der Betrachtung fühlen, seit langem. Und wir müssen es zusammen tun.»

Von den Problemen der Religion weitet sich ihr apostolisches Interesse auf ganz Europa, auf die ganze Welt aus.
Und am 18.8.61: «Und hier, in diesem unseren von Feindseligkeiten unter Katholiken so sehr gestörten Land, will Jesus uns als ersten den Frieden geben und von hier aus ganz Europa und der ganzen Welt.»

Die vorrangige Erfahrung der in ihrem Land gelebten Probleme der Einheit geben Margarete die Intuition, daß das zukünftige Gotteshaus des Friedens in diesem gleichen zerstrittenen Land erbaut werden soll: «Von hier muß eines Tages das Licht der Brüderlichkeit ausgehen. Hier muß ein großes, der unbefleckten Jungfrau, der Königin des Friedens geweihtes Gotteshaus erstehen; von hier aus wird man erfahren, daß die Grenzen nur geografisch bestehen, aber daß sie moralisch auf der ganzen Erdoberfläche, für alle Völker, nicht existieren; denn es soll nur ein Schafstall sein, und alle werden erkennen, daß sie Brüder und Kinder eines einzigen Vaters sind. Wir werden mit einer Woche des Gebetes, der freiwilligen Buße und des Opfers beginnen. Dann werden wir ein Programm entwerfen. Wir werden uns sofort ans Werk machen, stark nur durch einen Glauben, der uns keine Demütigungen und Mühen fürchten läßt. Der Herr wird uns die Kraft geben, alles zu überwinden, den Mut, vor jedermann hinzutreten, auch vor die höchsten kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten» (4.2.61).

Die Sorgen Margaretens sind in ihrer vollen Bedeutung geschichtlich zu verstehen. Von 1956 an (Vertrag von Rom) bemühten sich die großen christlichen Politiker Europas um ein zukünftiges vereintes Europa. Aber die Sorgen um den Frieden der Welt ließen stark ihr Gewicht spüren. Schon im Sommer 1955 traten die vier Großen zusammen (USA, UdSSR, England und Frankreich), um ein Programm des Friedens zu erstellen, das jedoch gegen die Mauer des schwierigen kalten Krieges stieß. Im November 1956 brach der Suezkrieg aus und in Ungarn wurde einmarschiert. 1958 brachte der Krieg in Algerien Frankreich an den Rand eines Bürgerkrieges. 1959 wurde mit De Gaulle die 5. französische Republik begründet, und es begann ein wichtiger Abschnitt in der europäischen Politik. In diesem politischen Zusammenhang geschahen die mystischen Intuitionen Margaretens bezüglich eines zukünftigen befriedeten Europas und einer Welt, in der der Friede Christi herrscht.

VI.
EIN GROSSES MARIANISCHES
GOTTESHAUS IN MERAN

Der realistische Sinn Margaretens erfaßte, daß ihre ganze Sehnsucht nach Frieden und Eintracht nicht Wirklichkeit werden könnte, wenn man nicht den Weg tatsächlicher Verwirklichungen einschlagen würde. Das erste, was man in die Tat umzusetzen hatte, war das inständige Gebet einer großen Menge von Personen. Es war aber auch notwendig, daß materiell etwas geschah. Margarete denkt an ein großes marianisches Gotteshaus in Meran. Es war im Jahr 1961, daß diese Gedanken begannen, Gestalt anzunehmen:

«Es soll in Meran ein großes, herrliches, Maria, der Unbefleckten, geweihtes Gotteshaus erstehen für die Einheit und christliche Brüderlichkeit aller Menschen. Unter dem Schutz Mariens soll dann ein Seminar für priesterliche Berufungen Europas und der Welt errichtet werden, und die hier berufenen Priester sollen als erste Ausbildung haben, Jesus zu leben und Ihm zu helfen, Seelen zu retten. Unter dem Schutz Mariens soll noch das erste Seminar für jene Laien entstehen, die die Lehrkräfte für die Ehevorbereitungsschule sein werden. Der Besuch besagter Schule soll zur Pflicht gemacht werden. Besagte Schule ist so notwendig, um den kommenden Generationen, den neuen Familien, eine gesunde und genaue christliche Ausrichtung zu geben» (14.4.61).

Am 18.8.61 faßt sie alle früheren Intuitionen bezüglich des großen marianischen Gotteshauses wie folgt zusammen:

«In Meran, oberhalb des Dorns, auf dem nahen Berg, von dem man die ganze Meraner Mulde überblickt, soll ein großes, Maria, der Unbefleckten, geweihtes Gotteshaus erstehen für die Brüderlichkeit aller Menschen und den Frieden der Welt. Die himmlische Mutter soll unter dem Namen ‹Königin und Herrscherin Europas und der Welt› verehrt werden. Neben diesem Gotteshaus soll dann ein Haus errichtet werden, wo Priester und Ordensleute aufgenommen werden, die sich dem Herrn mit einer zweiten Berufung schenken wollen: die standesgemäße Heiligkeit. Hier verbringen sie eine gewisse Zeit als Vorbereitung auf das Leben der Heiligkeit. Darnach gehen sie überallhin als Missionare und bringen ihre gelebte Heiligkeit in die Welt. Außerdem soll eine Schule erstehen, wo Lehrer ausgebildet werden sollen mit der Bestimmung, den jungen Menschen, die eine Familie gründen wollen, eine voreheliche Aus-bildung und Unterweisung zu geben. Damit die Familien der zukünftigen Generationen erfahren, welches ihre Pflichten und Rechte sind und was der Zweck der Ehe ist. Zum Bau dieses Gotteshauses sollen als erste alle Bürger unserer Provinz beitragen, nicht mit Geldmitteln, sondern mit spontanem Willen, indem sie der christlichen Brüderlichkeit zustimmen: um der ganzen Welt zu beweisen, daß wir als Katholiken uns vereinen, verzeihen, gern haben können. Mit diesem Akt aufrichtiger Güte dieses Volkes können wir uns daran machen, die Zustimmung aller Nationen Europas und der Welt zu verlangen. Wenn wir die Teilnahme vieler haben, werden die Völker der Erde verstehen, daß dies das Haus der Brüderlichkeit ist. Alle werden empfinden, daß dies Haus ihr Gotteshaus ist und wer es besucht, wird von der seligsten Jungfrau die Gnade empfangen, ein neues Licht zu sehen; sie werden den Glauben erhalten und sich bekehren . . . Durch Bernadette von Lourdes entstand ein großes Gotteshaus zu Ehren der Unbefleckten; in Fatima ein Heiligtum durch drei arme Hirtenkinder; hier wird sich der Herr einer armen Mutter und eines demütigen Priesters bedienen, damit im Zentrum Europas ein großes Gotteshaus der Brüderlichkeit ersteht, das auch Maria der Unbefleckten als Königin und Herrscherin Europas und der Welt geweiht ist, und so auch das Haus für Priester, die sich der Heiligkeit weihen und die Schule, um bessere Familien heranzubilden. Wenn man einen Blick auf dieses gewaltige Werk wirft, so scheint es Wahnsinn, nur daran zu denken. Doch bei Gott ist kein Ding unmöglich. Aus dem Nichts hat Er alles gemacht und Er bedient sich meiner, die ich nichts bin, um seine Wünsche bekannt zu machen, um sie zu erfüllen. Er will es, und das genügt. Dieses Gotteshaus wird das Bollwerk sein, um die Feinde der Seelen zu besiegen und lange Zeit wird auf der Erde Frieden sein.»

VII.
DAS ZEICHEN DES REGENBOGENS

Die mystischen Erleuchtungen Margaretens wurden durch ein ungewöhnliches Ereignis bestätigt, wovon sie wie folgt berichtet:

«Und jetzt will ich von einem Ereignis berichten, das ein eigenartiges Zusammentreffen hatte, worüber ich nicht umhin konnte, nachzudenken. Sie müssen wissen, daß ich wirklich nie abergläubisch gewesen bin, noch je irgendwelche Fantasiebilder beachtet habe, aber was ich Ihnen berichte, hat mich wirklich nachdenklich gemacht. Der Ort, an dem das Gotteshaus errichtet werden soll, befindet sich auf einem Hügel etwas oberhalb der Stadtpfarrkirche von Meran. Ich habe ihn immer angeschaut, aber ich wollte von nahe sehen, ob sich die Idee tatsächlich verwirklichen ließe. An einem Festtag, nach dem Gottesdienst, um es genau zu sagen, kam mir der Gedanke, dort hinauf einen Spaziergang zu machen. Ich hatte schon länger daran gedacht, dorthin zu gehen. Außerhalb der Kirche — es war vier Uhr nachmittags, sagte ich zu P. und vier Mädchen, die sich gerade unterhielten: ‹Kommt mit mir, ich lasse euch einen schönen Spaziergang machen.› So zogen wir los. Niemand wußte, wohin ich gehen wollte, aber sie kamen mir nach. Niemand wußte von meinen Absichten, denn meine Intimität mit dem Herrn war niemandem bekannt; nur Ihnen Pater, aber noch nicht ganz. Wir gelangten also auf den Hügel. Es war wunderbar: alle waren bezaubert von den Tönungen, die in dieser Abendstunde die Natur uns bewundern ließ.

Wir gingen kreuz und quer über das Hochplateau und G. sagte von Zeit zu Zeit: ‹Schau, wohin mich Frau Angelina Margarete geführt hat.› Ich dachte und betete still während des ganzen Weges: ‹Gegrüßt seist du Maria, Gegrüßt seist du Maria.› Nachdem wir uns die ganze Gegend angeschaut hatten, blieben wir etwas weiter unten stehen, weil es etwas regnete. Als wir uns wieder auf den Weg machten, erschien ein Regenbogen gerade über dem Hochplateau, aber so nah und schön, daß wir genau jede einzelne der sieben Farben der Iris unterscheiden konnten; dann höher, über dem ersten, ein zweiter Bogen, der im Osten begann und im Westen endete. Wir alle bewunderten die Schönheit dieser Erscheinung, die lange andauerte! Als wir unten im Tal waren, sah man sie noch.

Am Abend, als ich allein war und überdachte, was alles dort oben errichtet werden sollte, konnte ich nicht umhin, und ich kann es immer noch nicht, zu sagen, der Herr hat mir ein Zeichen geben wollen. Wenn ich auch überlegte, daß dieser Regenbogen trotzdem an diesem Abend erschienen wäre, so mußte ich allerdings zugeben, daß ich mich an diesen Ort plötzlich begeben hatte, von einem ungewohnten Wunsch getrieben, gerade an diesem Tag und gerade an diesem Nachmittag. Während ich auf die Fräuleins einredete, daß sie mit mir kämen, dachte ich: ich muß heute gehen und in Gesellschaft von jemandem. So, als ob ich Zeugen gebraucht hätte: für den Anblick des Regenbogens, erschienen als Zeichen, daß an diesem Ort eines Tages ein majestätisches Gotteshaus da sein würde, für den Frieden der Welt und die Brüderlichkeit unter den Menschen» (18.8.61).

Die Mystik Margaretens hat ein anderes Polarisationszentrum: die christliche Familie. Da sie selbst Familienmutter war, mußte sie lebhaft die Sorge um die christliche Familie fühlen. Das marianische Gotteshaus sollte anschließend ein Gebäude haben als Sitz eines Werkes für die Heranbildung von Lehrern der Familie, um die Paare auf die heilige Ehe vorzubereiten.

Der Eifer Margaretens für die christliche Familie ist von grundlegender Bedeutung in ihrer Botschaft. Die Sorgen Margaretens sollten sich sehr bald als berechtigt erweisen wegen der fürchterlichen Krisis, in die die christliche Ehe schnell geraten sollte mit den europäischen Gesetzen über die Scheidung und die Abtreibung.

VIII.
ANORDNUNG UND VERHEISSUNGEN

Das Werk, das Margarete gründen wollte, stellte große geistliche Anforderungen.

Folgendermaßen faßte sie Margarete auf einer Seite ihres unter Diktat des Herrn geschriebenen Tagebuches zusammen:

«Frage jede Person, die ich dir im Herzen bezeichnen werde, Folgendes: ob sie im Geist des Glaubens und mit dem Willen, in Stille den Weg der Vollkommenheit zu beschreiten, sich dem Wunsch nach Vollbringung des Werkes anschließen will. 1) Auch nur dieses Werk zu wünschen, das der Menschheit zu unermeßlichem Wohl gereicht. 2) Von der Person, an die du die Aufforderung richtest, wird mit größter Liebe verlangt, noch bevor sie antwortet, zehn Tage lang vor Mir, Jesus, zu beten und zu betrachten, damit Ich sie erleuchten kann; darnach ist sie freundlich gebeten zu antworten, und das wird als Akt der Liebe verlangt auch in dem Fall, daß sie sich nicht dem Werk anschließen will. 3) Jedwede ledige oder verheiratete Person kann sich anschließen, die Mein Evangelium leben will, indem sie sich Mir selbst gleichförmig macht mit immer größerer Intensivierung des Glaubens und des Wunsches, das Werk zu verwirklichen. 4) Jeder, der sich anschließt, hat sich mit Meiner Hilfe, die ich ihm ohne weiteres geben werde, zu verpflichten, immer im Stand der Gnade zu leben und zwar: keine Todsünde zu wollen und daran zu arbeiten, keine läßliche Sünde zu begehen. Das ist notwendig; denn die Gemeinschaft hat einen Gnadenschatz zu besitzen, auf den Meine Gaben (des Heiligen Geistes) in großer Fülle herabkommen wie ein Hochwasser führender Fluß, die sich dann über die ganze Menschheit mittels des Werkes ergießen, das, infolge des riesigen Gnadenschatzes, sich schnell weiterentwickelt. 5) Wer sich diesem Werk anschließen will, hat folgende Punkte zu beachten: Gnadenleben, Betrachtung jeden Tag, Gebet und wer kann die hl. Messe und die hl. Kommunion jeden Tag oder wenigstens oft. Glauben, Gebet und Wunsch nach Verwirklichung des Werkes. Sich ganz den Absichten des Werkes hingeben. 6) Wer sich nicht anschließt, ist gebeten, mit niemandem von der Aufforderung zu sprechen und wer den Wunsch fühlt, sich anzuschließen, ist ebenso gebeten, nicht zweite Personen um Rat zu fragen, außer den Beichtvater, wenn er will, denn diese Aufforderung ist eine einfache Einladung und verlangt keine Verpflichtung irgend jemandem gegenüber. Es wäre nur der freie Wille, im Stand der heiligmachenden Gnade zu leben, auf dem Weg der Vollkommenheit zu schreiten, indem das Evangelium gelebt wird, Glauben zu haben, und sich ganz dem Werk hinzugeben: jeder in dem Stand, in dem er sich befindet. Wer sich anschließt, kann, falls er nicht mehr bleiben will, in jedem Augenblick seinen Namen von der Gemeinschaft zurückziehen und von dem was er an Gnade geschenkt hat, bleibt immer das Verdienst vor dem Herrn und das Gute für das Werk; er kann zu jeder Zeit wieder zurückkehren.»

Der Herr gibt sich nicht zufrieden, ein Gotteshaus zu Ehren Seiner Mutter von Margarete zu verlangen. Um sie zur Verwirklichung Seiner Absichten anzueifern, läßt er sie Seine Gnadenerweise sehen, die Seine unendliche Großherzigkeit auf die Mitarbeiter Seines Werkes auszuschütten gedenkt und auf alle, die das seiner Dienerin angegebene Gotteshaus besuchen: «Wer das Gotteshaus betritt, hat die Gnade der Bekehrung und wird sich retten. Die Priester, die das Gotteshaus betreten, werden die Heiligkeit erlangen. Sie werden Mich leben und mich in der ganzen Welt so wie ich wirklich bin bekannt machen» (30.6.61).

«Meine Mutter kann die Gnaden, die sie den Seelen schenken will, nicht zurückhalten: Gnaden des Glaubens und der Bekehrung für alle, die das eigens für meine Mutter gebaute neue Haus betreten: das großartige Gotteshaus der Brüderlichkeit unter den Völkern, der Einheit aller Menschen für den Frieden der Welt. Mach schnell, die Tore des Hauses für das Heil aller Mir fernstehenden Menschen zu öffnen! Wie durch eine aufgebrochene, geöffnete Tür werden durch die Hände und das Herz Meiner unbefleckten Mutter die Gnaden wie ein leuchtender Wasserfall herabfließen. An jenem Tag (bald) werden auf allen Bergen dieses Landes Feuer entzündet werden. Nicht mehr, um des Sieges über die Feinde zu gedenken, sondern um alle Feinde zur Brüderlichkeit, zur Liebe, zum Frieden einzuladen. Und die heilige Jungfrau wird allen, die in dieses Gotteshaus kommen, die Gnade des Glaubens, der Bekehrung und der Heiligkeit geben. Glauben für den, der ihn nicht hat, Bekehrung für die Sünder und für jene, die der Wahrheit meines Evangeliums fernstehen, Heiligkeit für meine Liebsten, die mir nahestehen, besonders für viele Priester. Dieser Wille muß der ganzen Welt bekannt gemacht werden, damit alle, direkt oder indirekt, an der Errichtung des Gotteshauses teilnehmen mittels moralischem und finanziellem Beitrag, und alle mögen wissen, daß es das Gotteshaus der Brüderlichkeit unter den Völkern der Erde sein wird, für den wahren Frieden der Welt, geweiht der Königin des Weltalls, Maria der Unbefleckten» (22.8.61).

«Allen, die in das Gotteshaus kommen, das du auf dem Segensbühel von Dorf Tirol über Meran errichten lassen wirst, und mit Glauben beten, wirst du reichliche Gnaden durch die Hände Mariens erlangen. Und überdies, alle, die dort vorbeikommen, stehenbleiben und ein ‹Gegrüßt seist du Maria› beten, werden Gnade für ihre Seele erhalten. Mein kleines Mädchen, Braut meines Herzens, erbitte dir von Mir Gnaden, und ich werde dich für alle erhöhren; geh auf den Hügel beten, und Maria wird sie dir geben» (5.11.62).

Zahlreich und sehr schön sind die Verheißungen des Herrn für jene, die das Werk Margaretens annehmen. Eine ganz besondere betrifft die Priester. Am 6.10.62 hörte Margarete folgendes: «Die Madonna wird um sich viele Priester rufen, auch diejenigen, die mich verraten haben, und sie werden heilig werden und über die ganze Erde mein Evangelium und Meine von ihnen gelebten Tugenden bringen. Mich selbst, denn sie werden Mich wirklich leben, wie du selbst Mich lebst.»

IX.
DAS ZIEL:
DIE CHRISTLICHE HEILIGKEIT

Das Werk Margaretens, mit ihrem Interesse für das marianische Gotteshaus, die Priester, den Frieden der Welt, die christliche Familie, hatte kein anderes Ziel, als die volle menschliche Verwirklichung, die man in der christlichen Heiligkeit hat. Der letzte Urgrund, aus dem die persönliche Sendung Margaretens kam, war der Plan Gottes, die Menschen zu Idealen der Heiligkeit zurückzuführen. Deshalb beginnen die göttlichen Anrufe damit, eine Erschlaffung und ein Vergessen dieser Ideale hervorzuheben. So schrieb sie am 5.6.61 folgendes: «Ich finde keine Seelen, die Meine Sache leben wollen, denen Ich meine Wünsche mitteilen kann, Seelen guten Willens, bereit, ernstlich daran zu denken, welches der Zweck der Neuschöpfung in der Liebe ist. Ich finde keine Heiligkeit in den Seelen, auch nicht in Meinen Priestern. Deshalb kann Ich keinen Zugang zu den Seelen finden, die mich noch nicht kennen; und das sind viele. Alles kommt von Mir, und man sucht es nicht; oder man sucht es ganz allgemein, ohne Überzeugung . . . Nur die Heiligkeit vieler Seelen, unter allen Völkern zerstreut, kann die Einheit unter den Menschen, den Frieden und die brüderliche Liebe begründen.»

Margarete entsprach diesem Ruf durch unbegrenzte Hingabe. Am 5.4.63 schrieb sie: «Jesus, Bräutigam unserer Seelen, Du willst uns heilig haben, und wir werden Deiner Gnade mit beharrlichem Willen entsprechen. In der gleichen Absicht vereint, von Dir geführt, werden wir den Weg und das Feld bereiten, auf das Du Maria die Unbefleckte unter alle Deine Kinder herabsteigen läßt.»

Von dieser starken Sehnsucht nach Heiligkeit für sich, die Priester, die Kirche und die christliche Familie hingerissen, schreibt sie am 16.8.61 unter Eingebung des Herrn:

«Heiligkeit ist, Mich selbst und alle Meine Tugenden zu leben. Jetzt höre Mir zu: Heiligkeit ist dauerndes Gebet, tiefe, nie zu vernachläßigende Betrachtung: jeden Tag, mindestens eine Stunde lang, die dann durch die innige Vereinigung mit Mir fortgesetzt wird.

Heiligkeit ist unerschütterlicher Glaube an die göttlichen und geistlichen Dinge.

Heiligkeit ist vertrauensvolle und ruhige Hingabe und sicherer Verlaß und die göttliche Hilfe in allen Prüfungen, Versuchungen, Widerständen, Kämpfen, die einem entgegenkommen müssen.

Heiligkeit ist Wahrheit, die man nie verbergen soll von den kleinsten bis zu den größten Dingen.

Heiligkeit ist Gerechtigkeit bis zum höchsten Grad. Heiligkeit ist gewollte und gelebte Reinheit, bis man immun und indifferent gegenüber allem wird, was sie verdunkeln könnte.

Heiligkeit ist tiefe und aufrichtige Demut.

Heiligkeit ist Einfachheit, bis man sich wie ein Kind fühlt und als solches immer mit dem Herrn verkehrt und spricht.

Heiligkeit ist Loyalität, Aufrichtigkeit in allen, auch den kleinsten Dingen.»

Und Margarete fährt fort, indem sie mit eigenen Worten kommentiert:
Heiligkeit ist Fügsamkeit. Unser Lächeln, unsere guten Manieren müssen die Leute spontan anziehen.
«Heiligkeit ist Bescheidenheit auch in den intimsten Dingen: ‹Ich bin nicht allein, Jesus ist in mir›; daran erinnert sich die treue Seele.
Heiligkeit ist unveränderliche Güte. Nie ein Zornausbruch, weder innerlich noch äußerlich.
Heiligkeit ist unbegrenzte Liebe zu allen, aber besonders zu jenen, bei denen es uns am meinsten kostet, uns mit ihnen abzugeben.
Heiligkeit ist, nie jemanden verurteilen, weder in Gedanken noch mit Worten.
Heiligkeit ist aufrichtige Klugheit. Aber nicht, indem man schweigt oder etwas nicht tut — wenn das moralischen Schaden mit sich bringen kann — nur aus Angst zu beleidigen oder um die Freundschaft zu gewinnen oder aus irgendeinem anderen Grund des persönlichen Interesses.
Heiligkeit ist, in allen Geschöpfen Brüder und Schwestern zu sehen und sie gerne haben ohne Unterschied von Sprache, Rasse, Stand, Alter.
Heiligkeit ist, Gott riesig lieben und sich Ihm ohne irgendeinen Vorbehalt schenken, mit einem Willen ohne Grenzen.
Heiligkeit ist, dauernd all das ablegen, was wir von der Begierde der Sünde in uns tragen und mit zähem Willen auch das Aufkommen der kleinsten Fehler abweisen.»
Der Herr fügt hinzu: «Schließlich ist Heiligkeit, Mich sanft im Herzen zu tragen wie mich Meine Mutter trug, alles das leben und fühlen, was ich gelebt und gefühlt habe. Ohne Unterschied alle meine Tugenden leben, meine Vollkommenheiten wollen, geistig alle meine Leiden empfinden, denn sie alle, körperliche und seelische, hatten einen einzigen Grund: den Wunsch, dem Vater alle Seelen zuzuführen und den Schmerz, daß viele nicht mehr zu Ihm heimkehren, in alle Ewigkeit.

Die höchste Heiligkeit ist, tatsächlich diesen Meinen Schmerz leben und fühlen. Das Geschöpf, das Mich so lebt, fühlt nicht mehr, es selbst zu sein: es wird Mich in allen seinen Fähigkeiten fühlen und Ich werde in ihm leben und mit seinem Herzen leiden, mit seiner Seele Qualen ausstehen, mit seinen Tränen weinen und durch das Geschöpf wieder mein Blut verströmen lassen. Und all das, gelebt und gelitten in diesem Geschöpf, das sich mir schenkt, hat einen unendlichen Wert, denn Ich bin es wieder, der sich in der Person dieser auserwählten kleinen Geschöpfe dem Vater aufopfert. Mein kleines Mädchen, Ich möchte aus dir eine kleine Heilige der Priester machen. Durch deine Heiligkeit werden viele sich heiligen und werden der Welt das wahre Leben bringen, das allen Frieden und Ausgeglichenheit schenkt.»

Und was der Herr denen verheißt, die den Margarete angegebenen Weg einschlagen, ist die Heiligkeit. In erster Linie für die Priester:

«Ich werde dir die Möglichkeit geben, ein Seminar zu gründen, in das alle, junge und alte, eintreten können, wenn sie nur aufgeschlossen für die Vollkommenheit und die persönliche Heiligkeit sind, die sie durch viel Betrachtung erwerben müssen. In der Betrachtung werde Ich sie lehren, alle Tugenden im Leben zu verwirklichen, wie Ich sie übte und nach und nach werde Ich von ihnen Besitz ergreifen und werde in ihnen Meine Wohnung aufschlagen. Ich werde handeln und sie werden Mich überall hinbringen, wo Seelen zu retten sind. Die Heiligkeit dieser von mir umhüllten Seelen wird Wunder zahlreicher Bekehrungen bewirken» (5.6.61).

Und von einem erneuerten und heiligen Priestertum kommt die Heiligkeit der Kirche: «Ich will dich heilig, um ganz von dir Besitz zu ergreifen und dich allen Priestern zu schenken. Du wirst ihre kleine Heilige sein und deine Heiligkeit wird alle, die sich der Heiligkeit schenken wollen, führen, um sie dann der ganzen Welt zu bringen» (18.8.61).

X.
DIE VERWIRKLICHUNGEN

Wie verwirklicht die demütige Margarete ihre hohen Wünsche? Anfänglich bewirkte die Sendung, die der Herr ihr anvertraute, den Eindruck einer unerträglichen Last.

Am 14.5.1961 schrieb sie: «Der Gedanke an meine Kleinheit ließ mich oft weinen, dann aber kehrte gleich ein lebendiges Vertrauen in mich zurück. Jesus sprach wiederholt zu meinem Herzen: ‹Mein kleines Mädchen, fürchte dich nicht, es genügt, daß du Mich trägst. Alles mache Ich, Ich werde dir alles sagen. Ich bin in dir, fürchte dich nicht, bete und bleibe einfältig. Du wirst viel leiden müssen, aber zweifle keinen Augenblick: du bist von Mir umhüllt. ›»

Der Herr versichert ihr, daß gerade die Kleinheit und die Ohnmacht das geeignetste Mittel zur Verwirklichung Seiner großen Pläne sind: «Ich habe Mich immer einfacher und verborgener Seelen bedient, um auch große Dinge zum Wohl der Seelen zu vollbringen. Und ich tue dies, um denen, die sehr bekannt in der Welt sind und sich vielleicht für groß halten, verstehen zu geben, daß sie nichts sind, wenn sie nicht daran denken, daß Ich über ihnen stehe. Und das müssen sie anerkennen, sonst zerfallen ihre Werke. Die Großen der Erde dieser Zeit sollen wissen, was Ich Dir anbefohlen habe. Sie müssen sich an Meine Mutter wenden, denn ihr habe ich die Aufgabe anvertraut, Mich bei allen Völkern der Erde bekannt zu machen, damit sie das Heil finden. Du bete, leide und suche weitere Seelen, viele, die sich vereinen sollen, und betet für die Staatenlenker, daß sie auf Meine Wünsche hören, die du ihnen offenbaren wirst» (21.1.1963).

Sehr bald machte sich Margarete ans Werk, um zu vollenden, was sie vom Herrn zu erfahren geglaubt hatte, als persönliche Sendung im Bezug auf das Werk. 1961 wandte sie sich zuerst an die kirchlichen Obrigkeiten. Das Ergebnis war negativ. Aber sie ließ sich nicht entmutigen. Sie beschloß, nach Rom zu fahren, um eine Audienz bei Papst Johannes XXIII. nachzusuchen. Sie wurde von Kardinal Cento gut aufgenommen, sie konnte aber nicht das gewünschte Gespräch mit dem Heiligen Vater führen. Sie glaubte jedoch immer, dass der Papst gern bereit sei, sie zu unterstützen.

Die Sendung Margaretens war nicht leicht. Der Herr kommt ihr zuvor und läßt sie klar die Nachstellungen des Bösen erkennen sowie den Kampf, den die Mächte des Bösen gegen sie und ihre Initiative unternehmen würden:

«Ich werde dir wahren Frieden und Ausgeglichenheit bei jeder Prüfung geben und bei jedem Hindernis, das Meine Feinde — die Dämonen — die auf viele Arten sich Meiner Geschöpfe bemächtigt haben, dazwischen stellen werden. Von diesen Geschöpfen, derer sich die Dämonen bemächtigt haben, wirst du Widerstand erfahren, der dir viele Leiden verursachen wird. Aber die Dämonen werden keine Macht gegen Mich haben, der Ich in dir lebe, Meine kleine Braut. Du bringst Mich überall hin, wie Mich Meine Mutter während Meines Erdenlebens überall hinbrachte. Sie hatte neben sich Josef, der sie beschützte und für das Notwendige auch in materiellem Sinn sorgte. Jetzt vertraue Ich dich, was die materiellen Dinge betrifft, dem hl. Josef an; Ich gebe ihm die Macht im Himmel, damit er dir alles Notwendige verschafft und dir den Weg bereitet. Wenn du Mich trägst, bin ich wie damals auf der Erde, um Mich zu erkennen zu geben in dem, was Mein Vater wünscht. Es ist daher recht, daß St.Josef uns hilft, den Weg Maria der Unbefleckten zu bereiten, um ein ganz neues Haus zu schaffen, worin sie, wie Ich wünsche, als Mutter aller Völker der Erde und Königin des Weltalls proklamiert wird. Sie wird in diesem Gotteshaus und von diesem Gotteshaus aus die unendliche Barmherzigkeit Meines Vaters über alle entferntesten und armseligsten Seelen ausbreiten» (6.10.1962).

Am Tag Mariae Verkündigung des gleichen Jahres (25.3.1963) drückte sie dem Herrn ihre vollständige Verfügbarkeit mit folgenden Worten aus:

«Auch ich, o mein Herr, in Erinnerung an das große ‹Fiat› Deiner Mutter, spreche mein ‹Fiat›. Ich bin Dein Nichts, das armseligste und ärmste Geschöpf, das je auf Erden existierte und existieren wird. Siehe, hier bin ich, ich bin bereit, alles zu tun, was Du von mir willst, die Wünsche, die Du dich würdigst, meinem armen Herzen zu offenbaren, anzuhören und zu befolgen. Ich bin Dein Kind, demütig und einfach, ich gehe von Dir an der Hand gehalten.»

Am 5.5.1964 schrieb sie:
«Ich bin ein Werkzeug in der Hand meines Herrn. Das Werkzeug wird nie gelobt und gepriesen. Wenn es seine Arbeit beendet hat, stellt es der Künstler in eine Ecke oder legt es in eine Schublade und keiner schaut es mehr an und lobt es. Gelobt wird der Künstler und bewundert das von ihm geschaffene Werk mit dem geeigneten Werkzeug.

Hier also ist das Werkzeug, das Jesus gewählt hat, um das Werk auf dem Segensbühel zu schaffen, das Er wünscht: ein einfältiges Geschöpf, ein absolutes Nichts, eine demütige und unbedeutende Mutter, die ihr gewöhnliches Leben unter dem Volk führt. Niemand soll deshalb dieses Werkzeug loben und preisen, das der Herr in Seiner Hand hält und nach Seinen Wünschen leitet. Wenn das Werk erstehen wird, lobt den Herrn, den göttlichen und barmherzigen Urheber, der es mit Seinen Händen verwirklicht hat, fest das Werkzeug haltend, denn manchmal wollte es wegen der großen Mühe entwischen. Singet ein Lied Maria, denn das Werk wird dann durch ihre Wunderzeichen vervollständigt. Jubelt, denn die Barmherzigkeit des Vaters wird durch die heiligsten Hände Seiner auserwählten Tochter, Maria, die Unbefleckte, kommen. Und alle Geschöpfe werden Frieden und ewiges Heil erhalten.»

Am 29.4.1964 vertraute sie ihrem Tagebuch folgendes an:

«Meine sichere Hoffnung auf Hilfe ist nur in Jesus, der in mir lebt. Er kann nicht Hoffnungen in Geschöpfen hervorrufen, die nicht einmal an Ihn denken. Jedoch zu entsprechender Zeit bedient Er sich Umständen und Personen, um zu vollbringen, was Sein Herz wünscht zugunsten der gleichen Personen, die sich überhaupt nicht um Ihn kümmern. Denn Jesus liebt sehr, und für uns alle, gute und schlechte, hat Er Sein Leben dahingegeben. Ich fühle mich stark und sicher in Seiner Stärke und Sicherheit, denn Jesus lebt in mir, und vor Seinem Willen beugt sich gefügig jeder menschliche Wille ohne es überhaupt zu merken.»

Trotz ihres erschreckenden Komplexes der Kleinheit, Nutzlosigkeit, Unmöglichkeit, das große Unternehmen zuendezuführen, macht sich Margarete an die Arbeit. Zuerst gewinnt sie ihren Mann für ihre Ideale. Wie er in ihrer Sehnsucht nach vollkommener Enthaltsamkeit gefolgt war, sollte er sie auch in der Verwirklichung ihrer großen Sendung begleiten. Der erste Schritt ist ein Besuch der Gegend von Meran, wo, wie der Himmel es ihr offenbart hat, das marianische Gotteshaus errichtet werden sollte. Dies geschah am 30.8.1962. Auf ihrem Weg begleitete sie ihr Gemahl. Angesichts der Schwierigkeiten, die der Bau eines großen Gotteshauses mit sich brachte, hatte Margarete begonnen, an ein bescheideneres Projekt zu denken. Sie gab sich jetzt damit zufrieden, vorerst eine Kapelle zu errichten, in der sie eine Statue der ‹Jungfrau des Friedens› aufstellen würde. Von da ab denkt sie an nichts anderes mehr, als an den Bau der kleinen Kapelle. Sie machte sich mit Kraft an die Arbeit, damit ehestens auf dem Segens-bühel das kleine Heiligtum erstehe.

Am 11. November tritt sie in Verhandlungen für den Erwerb des Grundstücks:
«Wir sind in Dorf Tirol gewesen, um eine gute Person aufzusuchen; wir haben sie um Hilfe gebeten, um den Platz zu erhalten, wo die Kapelle für die Muttergottes errichtet werden soll. Wir haben sie zuhause angetroffen, und sie hat uns ihre ganze Hilfe versprochen. Wenn das Ergebnis günstig ist, wird die Muttergottesstatue dort hinaufkommen; wir werden ihr ein schönes kleines Haus ähnlich einem kleinen Paradies bereiten, und sie wird von dort aus beginnen, ihre Gnaden auszuschütten über alle, die das ‹Gegrüßet seist du Maria› beten und die sie von nah und fern anrufen. Denn von diesem Ort aus wird Maria alle Völker der Erde rufen, um sie zur Mutter aller Völker und Königin des ganzen Weltalls zu proklamieren und um der Menschheit den wahren Frieden und die Einheit in der Liebe zu geben. Mein Herr, mein demütiges Gebet wird inniger werden, denn an nichts anderes darf ich denken, als die Sendung, die Du mir anvertraut hast zu erfüllen, indem ich Dich ruhig in mir leben lasse und jede Mühe annehme.»

Am vierzehnten des gleichen Monats pilgert sie an den ausgesuchten Ort.
«Gestern bin ich in Dorf Tirol gewesen. Mit jener guten Frau, deren Beistand wir für das Grundstück verlangt hatten. Wir sind an der Stelle gewesen, die sie nicht kannte. Dann sind wir nach Meran hinuntergegangen, und ich habe sie zu mir nach Hause mitgenommen, um ihr die Statue zu zeigen, die in dem zu erbauenden Gotteshaus aufgestellt werden soll.»

Die Statue der Jungfrau, die sie für die Kapelle bereit hält, ist ein Familienbesitz: «Diese Statue — schreibt sie am 15.11.1965 —wäre vom Schutt zerstört worden, wenn der Vater meines Mannes zusammen mit meinem Mann sie nicht aus der Nische einer Wand senkrecht über einer Schlucht unter eigener Lebensgefahr entfernt hätten. Sie wurde immer von der Familie Marsura aufbewahrt.»

Von diesem Augenblick an beginnt die Initiative der kleinen Kapelle gut voranzugehen. Am 5. April 1963 erhält Margarete von einem Priester die Gewißheit, daß ihre Wünsche und Pläne von Gott kommen. Von diesem Tag an vertraut sie die konkrete Verwirklichung des Planes vom Segensbühel dem heiligen Josef an. Nach einem Jahr langer Verhandlungen, am 25. April 1964, erhält sie von den zivilen Behörden des Ortes die Erlaubnis, die Kapelle zu erbauen. Margarete sieht darin den Beginn der Verwirklichung des ganzen Planes des marianischen Gotteshauses. Aber die Dinge gehen nicht so schnell voran wie sie möchte. Beim Abschluß des II. Vatikanischen Konzils macht sie eine Wallfahrt nach Rom und nach Pompei und bittet den Herrn, daß die Dinge schneller vorangehen.

Endlich, am 13. Dezember, geben die Provinzbehörden in Bozen italienischer und deutscher Sprache die Genehmigung zum Bau der Kapelle genau an dem von ihr angegebenen Ort. Sie mußte dann die Gutheißung der kirchlichen Behörde erhalten. Im Hinblick auf den Bau beschließt sie, ihr Haus in Cornuda zu verkaufen und den Erlös für den Bau der Kapelle zu verwenden.

Am Fest der Reinigung Mariens (2.2.1966) gießt sie ihr Herz wie folgt vor der Jungfrau Maria aus:

«Ich war auf dem Segensbühel, um den Ort aufzusuchen, auf den Maria, mit der Statue, die ich zuhause habe, ihren Fuß setzen wird. Ich werde eine kleine Kapelle vorbereiten, die wie ein kleiner Königspalast sein wird, und ich bringe meine Madonna dort hinauf. Maria wird von diesem Ort aus den Menschen ihr Licht senden und ihre Aufforderung, sich an sie zu wenden. Maria ist die Voll-der-Gnade. Alle Gnaden des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes gehen durch ihr Herz und vom Herzen in ihre Hände, um dann ihren Kindern auf der Erde geschenkt zu werden. Aber wir müssen sie darum bitten, denn so ist es im Willen der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Maria weiß sehr gut, was wir brauchen, sie kennt die Bedürfnisse eines jeden und von uns allen, so als ob wir nur eines wären, aber sie kann nicht geben, wenn wir nicht mit Glauben und Liebe bitten. Jetzt befindet sich die Menschheit am Rand einer schweren Gefahr, eines fürchterlichen Krieges. Jesus will, daß wir alle vereint zu Maria gehen, um sie zu bitten, diese Gefahr zu bannen, uns den wahren Frieden zu geben und uns dann zu helfen, die große menschliche Familie und die Kirche ihres Jesus wiederherzustellen, die ganz zerstückelt ist und ohne den sanften Duft der Heiligkeit Jesu selbst. Jesus hat mich gerufen, diese Sendung zu vollbringen: Seine Wünsche, Seinen Willen bekannt zu machen.»

Am 5. Dezember 1966 kommt in die Pfarrei Margaretens S.E. der Bischof auf Pastoralvisite. Es war der providentielle Augenblick, um die ersehnte Erlaubnis zu erbitten. Aber die Unterredung mit ihm war nicht möglich.

Am 13. Mai — 50. Jahrtag der Erscheinung von Fatima — hatte man noch nichts erreicht. Margarete aber sagt prophetisch: «Es wird ein Tag kommen (ich habe es erfahren, als ich der Messe des Hl. Vaters in Fatima beiwohnte), daß auch auf dem Segensbühel sich Menschenmengen versammeln werden. Alle Völker der Erde werden vertreten sein, um Maria ihre Liebe zu bezeigen. Dann werde ich im Himmel sein. Maria wird uns von Jesus den wahren Frieden auf Erden erhalten, und dann werden die Völker sehen, daß sie von ihr geführt werden und alle werden besser sein.»

Am Fest Mariae Himmelfahrt (15.8.1967) steigt Margarete auf den Segensbühel, und am darauffolgenden Tag vermerkt sie in ihrem Tagebuch: «Gestern habe ich den Ort aufgesucht, wo Du eines Tages Deinen Fuß hinsetzen wirst, an dem Tag, der von Jesus schon festgesetzt ist. Jesus hat mir die Sendung anvertraut, diese Deine Stunde vorzubereiten, o Maria, und ich arbeite in großer Demut und in der Stille, um zu verwirklichen, was Jesus will. Er lebt in dieser kleinen Seele, Er hat von ihr Besitz ergriffen, Er wirkt in ihr und bedient sich aller ihrer Fähigkeiten. Ich bin mir dessen bewußt und lebe dauernd aus Ihm, meinem Jesus, der mich kleine Seele haben wollte.»

Endlich kommt die kirchliche Genehmigung. Am 7. März 1968 beginnen die Arbeiten zur Errichtung der Kapelle. Voll heiliger Rührung schreibt Margarete in ihrem Tagebuch:

«Heute ist ein so schöner Tag. Auf dem Segensbühel beginnen die Arbeiten, um die Kapelle zu Ehren der Muttergottes des Friedens zu errichten. Heute steigt im Angesicht jedes Geschöpfes der Stern des wahren Friedens auf, den Maria von diesem Berg zu allen Völkern der Erde gelangen läßt. Es ist der kleine Senfkornsamen, der, wie im Evangelium geschrieben steht, wenn er aufbricht, schnell wächst. Aus dem kleinen Samen, dem kleinsten von allen, wird ein großer starker Baum herauswachsen, reich an Ästen, auf denen alle, von wo immer auch sie kommen, ruhige Zuflucht finden können. Der Baum ist das Zeichen des großen Gotteshauses für den Frieden der Welt, das spontan von allen Völkern guten Willens der heiligsten Jungfrau dargebracht wird, als Zeichen des Glaubens und der Liebe, und des großen Heilswerkes, das um es herum erstehen wird. Mit der Hilfe Mariens werden wir den wahren Frieden erhalten, und mit dem Frieden auf Erden und unter Ihrer Führung werden wir, wie Sie will, alles erneuern.»

Am Fest Maria Verkündigung (25.3.1968) geht Margarete persönlich die Arbeiten kontrollieren.

Am Fest der Unbefleckten Empfängnis 1968 ist der Bau der Kapelle beendet, und es findet die Einweihung mit der Weihe an die Jungfrau statt: «In diesem genauen Augenblick ist die auf dem Segensbühel errichtete Kapelle der Unbefleckten Jungfrau für den Frieden in der Welt dargebracht worden. Das Opfer wurde durch gute Kinder dargebracht, für die Maria besondere Vorliebe hatte, da Sie sie für ihre Erscheinungen auserwählt. Durch den Willen meines Jesus bin ich in diesem Augenblick der Einweihung der Kapelle und der Aufopferung an Maria nicht gegenwär-tig. Ich sollte nur alles vorbereiten, mit der genauen Absicht und dem festen Willen und Bewußtsein, daß all das von Jesus selbst gemacht wurde, der in mir lebt und wirkt. Oh mein Jesus, mache jetzt, daß Maria, Deine und unsere Mutter, gleich beginnt, ihre Gnaden des Friedens, der Brüderlichkeit, der Liebe über ihre Kinder, die sie mit Glauben anrufen, auszugießen und auszuteilen.

Der gesundheitliche Zustand gestattet Margarete nicht, der Einweihung der Kapelle beizuwohnen. Die Einweihung wurde von Mons. Forer, Weihbischof von Bozen, assistiert von einigen Priestern des Ortsklerus, vorgenommen Sobald sie wiederhergestellt ist, wird der geweihte Ort des Segensbühels das ständige Ziel ihrer Wallfahrten, und ihr Gebet tritt für die Meinungen, die ihr am Herzen liegen, ein: das Priestertum, der Frieden, die christliche Familie, die weltweite Heiligkeit. Sie wünscht nichts anderes, als hinzugehen und bei der Kapelle zu wohnen. Aber es war noch nicht Zeit zu ruhen. Was wäre dann mit ihren großen Plänen geworden: das marianische Gotteshaus, den zwei Namen Priestertum-Christliche Familie? Da war sogar jemand, der ihr ins Gesicht sagte: «Sie, Frau Marsura, müssen sich damit zufrieden geben, die Kapelle erbaut zu haben; denken Sie nicht an den Plan des Werkes, denn er wird nicht angenommen» (11.6,1969). Es war der bittere Kelch, der ihr noch zu trinken blieb.

XI.
DER SYMBOLISMUS DES GROSSEN
MARIANISCHEN GOTTESHAUSES

In den Plänen des Herrn und Seiner treuen Dienerin ist das marianische Gotteshaus eine Wirklichkeit auf zwei Ebenen. Vor allem handelt es sich um einen materiellen Bau für die Verehrung Mariens. Aber die hauptsächliche Wirklichkeit ist höher und geistlich. Es ist eine neue Ära inniger Andacht zu Maria, aus der unbegrenzte Gnaden für die Menschheit und die Kirche entspringen: im besonderen der Friede, die Heiligkeit des Priestertums, des Schutzes der christlichen Werte der Familie und die Einheit der Christen.

Um die Dinge im richtigen Licht zu sehen, ist es notwendig, daran zu erinnern, daß in den entscheidenden Jahren des Tagebuches Margaretens in der Kirche jene starke Kritik an der Marienverehrung begonnen hatte, die in der nachkonziliären Zeit eine der schwersten Krisen der Marienverehrung der katholischen Geschichte heraufbeschworen hatte. Margarete empfand mit feinem mystischem Gefühl die gegenwärtige Wirklichkeit: «Wer weiß, aus welchem Sinn geringer Liebe zu Maria eine weit verbreitete Rede hervorgegangen ist? Man warnt die Gläubigen vor einer übertriebenen Marienverehrung, die — wie man sagt — die Gläubigen vom wahren Glauben an Gott ablenken könnte. Das ist sicher eine Machenschaft Satans, denn er weiß sehr gut, daß wer Maria anruft und zu ihr betet, nie in eine Sünde fällt und noch weniger in die Hölle kommt. Die diese Angst wollen, mögen wissen, daß wer zu Maria betet und sie anruft, nie in Fanatismus fällt. Der Herr kann es nicht zulassen.

Er liebt Seine Mutter mit größter, riesiger, unendlicher Liebe, und der Thron Mariens ist das Herz Jesu selbst, das Herz, das aus dem reinsten, unbefleckten Blut Mariens gebildet ist. Und wenn es auch geschehen sollte, daß das Gebet immer und nur an Maria gerichtet wäre, man würde den Herrn nicht beleidigen, nein, sicher, denn die Madonna ist der Glanz der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, sie ist die Tochter, die Braut, die Mutter Gottes, des Einen und Dreifaltigen. In dieser unserer Zeit sind wir in eine Unmenge von Fehlern und Irrwegen gefallen, weil man nicht die Einflüsterungen Satans hemmen wollte, der um jeden Preis die Seelen von der Marienverehrung abbringen will. Sie will uns in der Tat retten und vom Feind losreißen, der uns sicher mit sich in die Hölle bringt, wenn wir uns nicht fest an unsere Mutter anklammern» (3.9.1969).

Margarete erfaßte intuitiv die katastrophalen Wirkungen, die diese Krisis der Kirche gebracht hätte, angefangen bei den Priestern. Deshalb war die Analyse der gegenwärtigen Lage hinsichtlich der priesterlichen Spiritualität streng. «Meine kleine Seele, höre zu und schreibe, was Ich will, daß du in diesem Augenblick schreibst, denn es ist wichtig; mehr als alle Neuerungen, die die Meinen jetzt in Meiner Kirche machen wollen. Sie wollen den Entwicklungen der materiellen Welt folgen, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, daß Meine Kirche, gegründet, um jede Verderbtheit des Menschen, meines Geschöpfes, das ich retten will, zu überwinden, sich in keiner Weise dem Gang der Dinge anpassen kann. Die Kirche lebt jetzt in einer fürchterlichen Gefahr, denn jene, die zu hohen Studien der Theologie gelangt sind, sind daran, das Licht der Wahrheit zu verlieren. Durch ihr allzugroßes Wissen haben sie die Einfachheit verloren, die die unentbehrliche Verfassung ist, um direkt vom Heiligen Geist über die höchsten und erhabensten Wahrheiten er-leuchtet zu werden. In ihre Herzen, voll von menschlichem Wissen, auch wenn sie, Meine Gottgeweihten sind, kann ich nie Meine Weisheit schicken. Der Stolz ist menschliches und satanisches Gebrechen. Ich betrete und erleuchte nur die Herzen der einfachen Seelen. Sie wollen alles umwandeln und bemerken gerade in ihrem Stolz nicht, daß sie in die fürchterlichste Verwirrung abgleiten und nehmen in die Verwirrung auch die noch in ihrem demütigen und ehrfürchtigen Glauben einfachen Seelen mit» (22.9.1960).

Am 28.8.1962 hörte sie folgende Worte:

«Meine arme Kirche, doch von Mir gegründet und von Meinem Blut besprengt und vom Blut der Apostel und Martyrer aller Zeiten. Meine Priester dieser Zeit vergeuden und vergeuden weiter jenes heilige Erbe, das noch bleibt, aber nurmehr in sehr geringer Menge. Die von wenigen gelebte Heiligkeit ist nicht ausreichend, die Mängel aller anderen zu ersetzen. Meine Kirche wird von vielen von ihnen dauernd zerrissen. Sie usurpieren das heilige Erbgut der Heiligkeit und des Blutes, das in ihr angesammelt wurde, um es den Seelen, die in den Schoß der Kirche zu rufen sind, zufließen zu lassen. Nunmehr haben sie nichts mehr zu geben, und die Seelen dürsten nach Weisheit! Sie reden leere Worte, denn ihr Herz ist leer; voll nur von weltlichen Wünschen. Sie versprechen, was sie nicht halten können, denn nunmehr ist das Einkommen vergeudet worden. Meine arme Kirche! Nicht Meine Feinde haben sie zugrunde gerichtet, sondern Meine Freunde: die ich berufen hatte, sie zu behüten und in ihr den Reichtum (der Heiligkeit) zu vermehren. Sie sind nicht mehr heilig, Meine Priester. Die wenigen guten sind nicht mehr fähig, etwas aufzubauen, zuviel ist zugrunde gegangen in Meiner Kirche. Es herrscht dort nur Äußerlichkeit in Gebet und Handlungen und im Herzen nur Leere und Verwirrung und viele menschliche Leidenschaften. Wehe, wenn die ersten Priester, die Meine Kirche leiten, nicht auf das hören, was ich dich geschickt habe, sie wissen zu lassen! Sie werden großes Leid erfahren. Ich werde Mich an andere Völker wenden, die augenblicklich gefesselt sind, aber die Meine Mutter von den Fesseln Satans lösen kann.»

Das Heilmittel für dieses Übel sieht Margarete in dem, was sie «DIE STUNDE MARIENS» nennt, das heißt in einer Erneuerung und Intensivierung der marianischen Frömmigkeit:

«Ich will — schreibt sie unter Diktat des Herrn — die Stunde Mariens vorbereiten, denn sie hat in ihren Händen alle Macht zur Rettung der Menschen. Ich bin es, ihr Sohn, der ihr diese Macht verliehen hat. Aber man muß ihre Botschaften anhören, die sie in Visionen und Erscheinungen an demütige, unschuldige Geschöpfe kundtut. Die Kirche selbst berücksichtigt nicht diese Botschaften, und die Erscheinungen werden komplizierten Studien unterzogen. Sie können nicht glauben, denn das Herz Meiner Priester ist nicht mehr einfach und dem, der nicht einfach ist, gebe ich nicht die Gnade eines sicheren und klaren Glaubens. Meine kleine Seele, laß Mich fortsetzen, was Ich in dir wirken will. Ich will, daß die Wallfahrt des Rosenkranzes im Geist der Buße zur Kapelle gemacht wird. Höre keiner Stimme zu, weder äußerer noch innerer, achte nicht darauf, was sie über Reformen, auch bezüglich des Rosenkranzes schreiben. Meine Mutter will und verlangt ihn, und nur mit dem Rosenkranz kann man viel von der Menschheit retten. »

Das große Gotteshaus ist JENE STUNDE MARIENS, die Margarete vorbereiten, beschleunigen, verkünden soll. Ihr Darauf-Bestehen der Dringlichkeit einer intensiven marianischen Frömmigkeit nimmt heftigste Akzente von Glauben und Theologie an.

«Alle Gnaden — schreibt sie am 30.5.1961 — die Jesus auf die Erde herabkommen läßt, können nicht ankommen, wenn nicht durch Seine Mutter Maria. Lourdes, Fatima sind ein großer Ruf, aber jetzt ist der Augenblick gekommen, die Erinnerung zu erneuern, einen neuen Impuls und erneuten Glanz dem zu geben, was die Zeit fast zum Stocken gebracht hat. Man wird den Frieden in der Welt nicht haben können, wenn man nicht offiziell und feierlich anerkennt, daß die heilige Jungfrau, heilige Mutter Jesu, des Sohnes Gottes des Vaters, des Königs des Universums, auch Königin und Herrscherin der Welt, des ganzen Universums ist. Sie sagte es in Fatima den Hirtenkindern. ‹Wenn man Mein Herz, Meine Herrschaft anerkennt, werde ich den Frieden schenken, und viele Völker werden sich bekehren, Rußland, in-begriffen.› Jesus läßt mein Herz diese dringende Notwendigkeit fühlen, den Glaubenden neu zum Bewußtsein zu bringen und den nicht Glaubenden bekannt zu machen, daß man Seine Mutter anerkennen und zu ihr beten soll. Daß wir nur durch Sie den Frieden haben werden, über den die Politiker so sehr diskutieren. Der Feind drängt ganz fürchterlich und Zeit verlieren würde bedeuten, der Katastrophe freie Bahn zu lassen.»

Am 30.6.1961 schreibt sie: «Sie will sich allen Seelen der Welt bekannt machen, um sie alle zum Vater zu führen. Die Unbefleckte ist der Tempel der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Sie ist der Glanz des gesamten Universums, und wer Sie in diesem Gotteshaus sehen wird, wird Sie in einem blendenden Licht sehen und wird ohne Zögern angezogen sein. Niemand wird das Gotteshaus verlassen, ohne sich Bruder seines Nächsten zu fühlen.»

Alle großen Verheißungen des Herrn für das Werk Margaretens können als das Kommen der neuen marianischen Frömmigkeit verstanden werden. Wir können mit aller Offenheit sagen, daß Margarete eine der größten ‹Evangelienkünderinnen› der Verehrung der heiligsten Jungfrau Maria in der nachkonziliären Zeit ist.

XII.
DIE ERFÜLLUNG DES KONZILS

Margarete hatte eine hohe Meinung von der Aufgabe, die ihr der Herr anvertraute. Es handelte sich um nichts anderes bei ihr, als darum, die großen Pläne des Konzils zu Ende zu führen. Es ist kennzeichnend, daß diese Idee den Sinn Margaretens von der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils an durchdrang.

Am 7. Oktober 1962 nahm sie an einer Prozession zum nahen Marienheiligtum Riffian teil und bat um Gnade für das kommende Konzil. Bei dieser Gelegenheit setzt sie das Konzil mit dem gleich, was sie im Sinn hat, aus dem Wunsch nach der Erneuerung der Kirche:

«Jesus hat in mir alle Gebete der Versammelten Seiner Mutter dargebracht, damit seine mir inspirierten Wünsche, die das ganze von mir bekannt gemachte Werk umfassen, angenommen und verwirklicht werden.»

Aber ausführlicher, am 15., nur vier Tage vor der feierlichen Eröffnung des Konzils, drückt sie ihre Ideen bezüglich des Werkes als Erfüllung des Konzils selbst aus:

«Ich will hier an die Wallfahrt von Samstag auf den Bühel erinnern. Drei volle Stunden lang bin ich im Regen gewandert, immer im Gebet. Ich habe mich an der Stätte des Gotteshauses vor dem Kruzifix aufgehalten, um die Novene zur Jungfrau des Rosenkranzes von Pompei zu beten. Alles will ich geben von dem, was mir möglich ist zu geben, damit die Wünsche Jesu erfüllt werden. Alles werde ich tun, um den Weg und das ganz neue Haus Seiner und meiner Mutter zu bereiten, damit sie von diesem Ort aus alle Völker der Erde zur Brüderlichkeit aufruft und allen Völkern den Frieden und die Einheit in einer Kirche gibt: jener ihres Jesus unter der Leitung von Petrus: dem Papst. Von dem Haus auf dem Bühel aus wird Maria ihre Priester zur Heiligkeit rufen, und viele werden wirklich heilig sein. Maria wird die Führerin der zukünftigen Familien der neuen Generation sein. Dieses Werk wird die Ergänzung sein, die der Heilige Vater dem von ihm begonnenen Konzil geben wird. Seine Wünsche — es sind die gleichen, die Jesus meinem armen, demütigen Herzen vor ungefähr drei Jahren inspiriert hat — werden verwirklicht werden, mit der Kette des Glaubens, durch welche alle katholischen und nicht-katholischen Nationen sich an Maria die Unbefleckte binden werden und mit einem ihr geweihten Gotteshaus als Mutter Jesu, Mutter aller Völker der Erde und Königin des Weltalls ausrufen werden. Durch sie will unser Vater seine unendliche Barmherzigkeit über die ganze Menschheit ausbreiten und die Profezeiungen, die sie in Fatima den demütigen Hirtenkindern gemacht hat, werden sich erfüllen. Es wird sich Rußland bekehren und andere Völker, die die Kirche Jesu bekämpfen. Die Heiden, die Atheisten werden durch einen lebendigen Glauben erleuchtet werden, und alle Völker werden sich als Brüder fühlen. Ich fühle dauernd im Herzen die Aufforderung, die Maria an die Hirtenkinder richtete: Betet und tut Buße, damit alle sich retten können.»

Margarete verfolgte das Konzil mit großem Interesse. Auffallend ist das Zusammentreffen ihres Tagebuches mit der Zeit des Konzils. Das Tagebuch beginnt im Jahr 1959, dem Jahr der Ankündigung des Konzils und während seiner Vorbereitung bemüht sie sich getreu, ihre Betrachtungen niederzuschreiben, wie wir bereits gezeigt haben. Sie verfolgt dann mit Aufmerksamkeit die verschiedenen Abschnitte des großen kirchlichen Ereignisses.

Am 8. Dezember 1965 pilgert sie nach Rom und Pompei. Nach ihrer Rückkehr schreibt sie am 1. Januar 1966 folgende Sätze:

«Aber um die schönste und größte Gnade habe ich Dich in Pompei gebeten: Daß Du Deinen Sitz als Königin und Mutter auch hier aufschlägst, auf diesem Bühel oberhalb Meran, an dem Ort, den mir Dein Jesus angegeben hat. Du, o Mutter, wirst nicht zögern zu kommen, denn Jesus will es, Du weißt es. Sende, o unsere Mutter, das Licht eines großen Glaubens den Menschen, an die ich mich wende, damit sie erfassen, daß sie Dir den Weg bereiten müssen, denn Du mußt kommen. Du wirst von allen Völkern der Erde gerufen, damit Du der großen menschlichen Familie den Frieden, die Brüderlichkeit, die Heiligkeit, die Erneuerung des Lebens nach dem Evangelium bringst. Ich erwarte in beharrlichem Schweigen Deine Stunde, o Maria, auch wenn ich diese Stunde vielleicht nicht hier auf der Erde sehen werde, aber ich werde sie vom Himmel aus noch leuchtender sehen. Kein irdisches Geschöpf, so heilig es auch in den Augen Gottes sein mag, kann den Frieden erlangen, den jetzt alle Völker erwarten. Nur du, o Maria, kannst ihn uns erlangen, wenn wir alle zu Dir mit der Stimme weltweiten Bittgebetes kommen. Das will Jesus; Du weißt es. Die Gnaden, um die ich Dich gebeten habe und die Du, o Maria, zu Füßen des Altares der Kirche von Pompei bereit hältst, hast Du mir eine nach der anderen zu geben begonnen.»

Die Notwendigkeit dieser Erfüllung sah sie von den ersten Tagen des Konzils an. Sie verstand, daß die grandiose Initiative Papst Johannes XXIII. tückische Gefahren einer Abgleitung in sich barg. So schrieb sie am 15.10.1962:

«Papst Johannes, der jetzt meine Kirche leitet, ist heilig. Aber nicht alle sind heilig, und sie werden ihn in große Verwirrung bringen.»

Um den Zustand der Verwirrung, auf den sie, vom Herrn erleuchtet, so klar anspielte, zu überwinden, würde sie das kühne Projekt der Erfüllung des Vatikanischen Konzils entwerfen. Die nachkonziliäre Geschichte hat ihr Recht gegeben. Die Themen, die ihr so sehr am Herzen lagen (Priestertum, Friede, christliche Familie) würden im Zentrum des Interesses der nachkonziliären Kirche stehen. Sicher kennt die gegenwärtige Kirche wenige Seelen mit so außerordentlichen grandiosen Vorhaben wie diese demütige Familienmutter, von derselben Art wie eine heilige Katharina und eine heilige Brigitte.

XIII.
DAS ENDE
DES STERBLICHEN WEGES

Als die Abenddämmerung über ihr irdisches Leben hereingebrochen war, hatten Ereignisse, deren Tragweite wir nicht beschreiben können, ihre Seele in eine schreckliche dunkle Nacht gestürzt. Schmerz, Kreuz, dichte Finsternis waren das Brot ihrer drei letzten Lebensjahre. Ihre Gesundheit brach schnell zusammen.

Während des Jahres 1971 schrieb sie wenig in ihrem Tagebuch.

Am 15. September, Fest der Schmerzhaften Muttergottes, drückte sie sich folgendermaßen aus:

«Du weißt, mein Jesus, was ich in Dir leide, denn dieser Schmerz ist nichts anderes als Dein Schmerz. Ich danke Dir, daß Du mich hast daran teilnehmen lassen wollen in dieser schweren Stunde für Deine Kirche, die Du heilig und unbefleckt willst, so wie heilig und unbefleckt Deine Mutter ist. Nimm an meinen Gedanken, meinen Dank, den ich unter Tränen Dir darbringe, damit er gereinigt und wohlgefällig dem Herzen des Vaters ist.»

Und am 25. Oktober trug sie folgende Sätze ein:

«Jesus, mein Bräutigam, als ich heute morgen in der Kirche während der hl.Messe das große Kruzifix mir gegenüber anschaute, sah ich mit dem Blick der Seele das Blut, das aus den Wunden der von Nägeln durchbohrten Hände und Füße herausfloß. Ich sah es herunterfließen und die Erde durchnässen. Dieses göttliche Blut ist wirklich auf den Altar geflossen, und ich habe es in mein Herz aufgenommen, um es durch meine Tränen zu vergießen. Mein Jesus, laß mich dauernd Dein Blut weinen, um viele Seelen zu reinigen, damit sie das Heil finden.»

Fortan wird sie nicht mehr in ihr geliebtes Tagebuch schreiben.

Die seelischen Schmerzen und die Sendung der vollständigen Aufopferung für die Kirche und die Priester hatten die Gesundheit Margaretens untergraben.

Im Herbst 1971 mußte sie sich wegen Blasensteinen und Blinddarmgeschwür zwei chirurgischen Eingriffen unterziehen. Im Verlauf eines Monates nahmen ihre Kräfte ganz ab.

Da sie ihr baldiges Ende voraussah, sagte sie zu ihren Mitarbeitern:

«Jetzt macht ihr weiter!»

Es war die Übergabe ihrer persönlichen Aufgabe, damit andere sie nach ihrem Dahinscheiden erfüllen. Am 24. November 1971 übergab sie ihre Seele Gott.

XIV.
ZEUGNISSE NACH DEM TOD

Viele Bezeugungen der Bewunderung und der Verehrung gibt es nach dem Tod Margaretens. Wir legen eine vor, die für alle gelten kann. Es ist ein Brief des hochw. Herrn Pio Mazzarella; auch er ist noch vor Veröffentlichung dieser Zeilen verstorben.

Am 23. Dezember 1975 schrieb er:

«Ich glaube, niemand hat sie mehr gekannt und geschätzt als ich! . . . ich wußte schon von ihrem geheimen Wunsch am Segensbühel (sie hatte mir etwas angedeutet) und ich bin froh, daß sie ihn vor ihrem Tod verwirklichen konnte . . . Sie war ein Kind und Gott kam gern in ihrer Kleinheit zu wohnen und zu wirken! . . . Sie schien ohne Zunge und ohne Stimme, deshalb sang sie Gott die schönsten Liebeslieder! . . .»

Im Jahre 1977 kam der hochw. Herr Pio zur Kenntnis des Manuskriptes Margaretens. Nachdem er es gelesen hatte, schrieb er zu Ostern des gleichen Jahres:

«Es gibt keinen Morgen der Auferstehung ohne den tragischen Karfreitag. Das ist auch unser Ostergeheimnis, das wir berufen sind, während unseres ganzen Lebens zu verwirklichen: Gestorben mit Christus, auferstanden mit Christus. Danke für die Ablichtung des Manuskriptes. Ich betrachte es als ein Geschenk Gottes. Wenn ich noch in Untermais gewesen wäre, wäre ich sicher der erste gewesen, diese schöne Geschichte Gottes kennenzulernen. Ich sehe die unverwechselbare Handschrift meiner Präsidentin, wenn sie mit soviel Liebe und Hingabe ihre Aufgabe in der Frauen- und Kindergruppe erledigte . . . Ich habe es mit tiefer Verehrung und geistlichem Genuß gelesen und bin dabei noch einmal zur Überzeugung gekommen, daß Gott sich demütiger Werkzeuge bedient, um seine Werke inmitten der Menschen zu verwirklichen. Ihre Reise nach (. . .), die sie sich nie hervortun wollte und so schüchtern war, hat mich wirklich überrascht und bewegt! . . . Man sieht, daß Gott in seiner kleinen Dienerin wirkte. Ich kann es verstehen, denn vielleicht gab es niemanden, der sie so intim kannte wie ich. Deo Gratias!

Liebes Geschöpf Gottes, ihren Traum, wenn auch in geringstem Ausmaß, hat sie verwirklicht sehen können! . . . Ich denke, daß man auf dieses Werk die Worte aus dem Buch Ester (10,6 . . .) anwenden kann und muß, wenn es von dem Traum des Mardochäus spricht und die Bedeutung für Ester versteht: ‹Die kleine Quelle, die anwuchs und ein großer Fluß wurde, reich an Wasser› . . . Die kleine Quelle, von der ganz kleinen Angelina eröffnet (die wie Ester zur Braut genommen wurde, damit sie Königin werde) wird wachsen bis sie ein Fluß wird voller Wasser, Licht, Sonne . . . Könnte das kleine Kirchlein am Segensbühel (wie oft war ich auf einem Spaziergang dort) dieser große Fluß Gottes werden. Kleiner ‹Tau-tropfen› ausgestrahlt von der Sonne Gottes, so wie es auch Beatrix und die Botin des von Gott gewollten Werkes tut . . .

Auch ich kann bestätigen, daß sie für die Heiligkeit der Priester sich aufopferte und wirkte.

Sehr tief hatte sie diesen kirchlichen Geist. In einem ihrer letzten Briefchen schrieb sie mir, daß sie sich in besonderer Weise Mutter von 3 Priestern fühlte und der dritte von diesen war gerade ich . . Wieviel könnte ich sagen, und ich bewahre es in meinem Herzen! . . . Wenn ich ihr Sohn war, als sie noch lebte, wieviel mehr bin ich es jetzt, wo sie im Himmel ist. Und wie oft ist das für mich eine wahre Quelle geistlicher Kraft gewesen! Und seitdem ich in Ferrara von ihrem Tod erfuhr, bete ich jeden Tag zu ihr. Auch Du, lieber P. , sag ihr einige Worte für mich, denn sie hat Dich noch so gern.

Jetzt erwartet sie uns in ihrem schönen Himmel Gottes . . . Du tust gut daran, ihre Schriften eifersüchtig zu bewahren, sie werden Dir Trost sein und sie tun Dir gut für Dein geistliches Leben. Suche, ihr ganz ähnlich zu werden und, in der Ewigkeit, werdet Ihr zusammen noch glücklicher sein . . .

Ich bewahre mit größter Sorgfalt soviel liebe Erinnerungen, denn ich kann Dir sagen, daß sie etwas auch mein geistlicher Vater war. Jetzt bereue ich, nicht mit ihr ständigen Briefwechsel gehabt zu haben, aber ich bin eben so.
Ich bitte Dich um Entschuldigung, lieber P., denn alle beide habt Ihr mich wirklich gern gehabt. Ich habe immer für alle gebetet . . .

Dein H. Pio»


Quelle: Broschüre des IMMACULATA-VERLAGS, [P. O. Schenker] CH-9050 Appenzell, ISBN 3-7195-0102-7, 1. deutsche Auflage, Mai 1985

4. Umschlagseite der Broschüre:joao pauloII - visita01fatima

FATIMA, 13. MAI 1982: WEIHE DER WELT AN MARIA

Papst Johannes-Paul II. während der feierlichen Überantwortung der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens vor dem Gnadenbild.

«. . . Vor 40 Jahren und 10 Jahre danach hat dein Diener, Papst Pius XII. , angesichts der schmerzlichen Erfahrungen der Menschheitsfamilie DIE GANZE WELT und vor allem jene Völker, denen Deine besondere Liebe und Sorge galt, Deinem Unbefleckten Herzen anvertraut und geweiht.
Diese Welt der Menschen und Völker habe auch ich heute vor Augen, da ich die Überantwortung und Weihe, die von meinem Vorgänger auf dem Stuhl Petri vollzogen wurde, erneuern möchte: die Welt des zweiten Jahrtausends, das sich seinem Ende zuneigt, die Welt unserer Zeit, unsere heutige Welt! . . . Darum, o Mutter der Menschen und Völker, die du «alle ihre Leiden und Hoffnungen kennst» und mit mütterlichem Herzen an allen Kämpfen zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis Anteil nimmst, die unsere heutige Welt erschüttern, höre unser Rufen, das wir unter dem Antrieb des Heiligen Geistes direkt an Dein Herz richten, und umfange mit Deiner mütterlichen und dienenden Liebe diese unsere Welt, die wir Dir anvertrauen und weihen, erfüllt von Sorge um das Heil der Menschen und Völker. Vor allem überantworten und weihen wir Dir jene Menschen und Völker, die dieser Überantwortung und Weihe besonders bedürfen . . . »

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Siehe dazu auch:

Johannes Paul II.: Weihe des neuen Heiligtums der Göttlichen Barmherzigkeit

MZ

APOSTOLISCHE REISE NACH POLEN

WEIHE DES NEUEN HEILIGTUMS DER GÖTTLICHEN BARMHERZIGKEIT

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II.

Krakau-Łagiewniki
Samstag, 17. August 2002

 

»O unbegreifliche und unergründliche Barmherzigkeit Gottes,
wer vermag dich würdig zu ehren und zu rühmen?
Du größte Eigenschaft des Allmächtigen Gottes,
Du süße Hoffnung des sündigen Menschen
«
(Tagebuch, 951).

Liebe Brüder und Schwestern! 

1. Heute wiederhole ich diese einfachen und aufrichtigen Worte der hl. Faustyna, um gemeinsam mit ihr und mit euch allen das unbegreifliche und unergründliche Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit zu verehren. Ebenso wie sie wollen auch wir bekennen, daß es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann. In tiefem Glauben wiederholen wir: Jesus, ich vertraue auf dich!

Diese Botschaft, die das Vertrauen auf die allmächtige Liebe Gottes zum Ausdruck bringt, brauchen wir vor allem in der heutigen Zeit, in der der Mensch mit Verwirrung den zahlreichen Formen des Bösen gegenübersteht. Die flehentliche Bitte um das göttliche Erbarmen muß aus der Tiefe der Herzen kommen, die voller Leid, Angst und Unsicherheit sind, gleichzeitig aber nach einer untrüglichen Quelle der Hoffnung suchen. Daher sind wir heute an diesen Ort gekommen, zum Heiligtum von Lagiewniki, um in Christus das Antlitz des Vaters wiederzuentdecken: das Antlitz dessen, der »Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes« (2 Kor1,3) ist. Mit den Augen der Seele wollen wir fest in die Augen des barmherzigen Jesus schauen, um in der Tiefe dieses Blickes den Widerschein seines Lebens sowie das Licht der Gnade zu finden, das wir schon so oft empfangen haben und das uns Gott jeden Tag und am letzten Tag erweist. Zeit und Raum gehören vollkommen Gott

2. Nun werden wir dieses neue Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes weihen. Doch zuvor möchte ich all jenen herzlich danken, die zu seiner Errichtung beigetragen haben. Insbesondere danke ich Kardinal Franciszek Macharski, der sich in treuer Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit so sehr für dieses Vorhaben eingesetzt hat. Von Herzen umarme ich die Schwestern aus der Kongregation der Muttergottes von der Barmherzigkeit und danke ihnen für ihr Wirken zur Verbreitung der von Schwester Faustyna hinterlassenen Botschaft. Ferner grüße ich die Kardinäle und Bischöfe Polens mit ihrem Oberhaupt, dem Kardinalprimas, sowie die Bischöfe aus verschiedenen Teilen der Welt. Die Anwesenheit der Priester, Ordensleute und Seminaristen der Diözese erfüllt mich mit Freude.

Von Herzen grüße ich alle Teilnehmer an dieser Feier, insbesondere die Vertreter der Stiftung für das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit, die sich um die Bauarbeiten gekümmert hat, sowie das Personal der verschiedenen Unternehmen. Ich weiß, daß viele der hier Anwesenden diesen Bau in materieller Hinsicht hochherzig unterstützt haben. Gott möge ihre Großzügigkeit und ihren Einsatz mit seinem Segen belohnen!

3. Brüder und Schwestern! Während wir diese neue Kirche weihen, können wir uns jene Frage stellen, die König Salomon quälte, als er den Tempel von Jerusalem zum Haus Gottes weihte: »Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wieviel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe« (1 Kön 8, 27). Ja, auf den ersten Blick könnte es unangemessen scheinen, einen bestimmten »Raum« mit der Gegenwart Gottes in Verbindung zu bringen. Doch wir sollten uns daran erinnern, daß Zeit und Raum vollkommen Gott gehören. Auch wenn die Zeit und die ganze Welt als sein »Tempel« anzusehen sind, so gibt es dennoch Zeiten und Orte, die Gott wählt, damit die Menschen in ihnen seine Gegenwart und Gnade auf besondere Art und Weise erfahren. Und die Menschen, vom Geist des Glaubens bestärkt, kommen an diese Orte in der Gewißheit, Gott, der in ihnen gegenwärtig ist, wahrhaft gegenüberzutreten.

Mit dem gleichen Glaubensgeist sind sie nach Łagiewniki gekommen, um dieses neue Heiligtum zu weihen in der Überzeugung, daß es ein besonderer Ort ist, den Gott auserwählt hat, um die Gnade seines Erbarmens allen zuteil werden zu lassen. Möge diese Kirche stets ein Ort der Verkündigung der Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes sein, ein Ort der Bekehrung und der Reue, ein Ort der Feier der Eucharistie, Quelle des Erbarmens, ein Ort des Gebets, an dem inständig das Erbarmen für uns und für die ganze Welt erfleht wird. Mit den Worten Salomons bete ich: »Wende dich, Herr, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet. Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, daß dein Name hier wohnen soll. Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet. Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten. Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst. Höre sie, und verzeih!« (1 Kön 8, 28–30).

4. »Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit;denn so will der Vater angebetet werden« (Joh 4, 23). Wenn wir diese Worte des Herrn Jesus im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit lesen, wird uns in besonderer Weise bewußt, daß man hier einzig und allein im Geist und in der Wahrheit verweilen kann. Es ist der Heilige Geist, Tröster und Geist der Wahrheit, der uns auf den Wegen des göttlichen Erbarmens führt. Er, der die Welt »überführt« und aufdeckt, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist (Joh 16, 8), offenbart gleichzeitig die Fülle des Heils in Christus. Dieses Aufdecken der Sünde steht in einem zweifachen Zusammenhang zum Kreuz Christi. Einerseits ermöglicht uns der Heilige Geist, durch das Kreuz Christi die Sünde, jede Sünde, in der ganzen Dimension des in ihr enthaltenen und verborgenen Bösen zu erkennen. Andererseits ermöglicht uns der Geist, wiederum durch das Kreuz Christi, die Sünde im Licht des »mysterium pietatis« zu sehen, d.h. im Licht der erbarmenden und nachsichtigen Liebe Gottes (vgl. Dominum et vivificantem, 32).

Und so wird das »Aufdecken der Sünde« gleichzeitig zur Überzeugung, daß die Sünden verziehen werden und der Mensch erneut der Würde des von Gott geliebten Sohnes entsprechen kann. »Im Kreuz neigt sich Gott am tiefsten zum Menschen herab … Im Kreuz werden gleichsam von einem heiligen Hauch der ewigen Liebe die schmerzlichsten Wunden der irdischen Existenz des Menschen berührt« (Dives in misericordia, 8). An diese Wahrheit wird stets der Grundstein dieses Heiligtums erinnern, der vom Kalvarienberg stammt; er wurde gewissermaßen unter jenem Kreuz hervorgeholt, auf dem Jesus Christus die Sünde und den Tod besiegt hat.

Ich glaube fest daran, daß dieses neue Heiligtum stets ein Ort sein wird, an dem die Menschen im Geist und in der Wahrheit Gott gegenübertreten. Sie werden mit jenem Vertrauen kommen, das diejenigen stärkt, die demütig ihr Herz dem barmherzigen Wirken Gottes öffnen, mit jener Liebe, die auch die schwerste Sünde nicht besiegen kann. Hier, im Feuer der göttlichen Liebe, brennen die Herzen im Verlangen nach Bekehrung, und jeder, der Hoffnung sucht, wird Trost finden.

5. »Ewiger Vater, ich opfere Dir den Leib und das Blut auf, die Seele und die Gottheit Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, als Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt. Um Seines schmerzhaften Leidens willen habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt« (Tagebuch, 476). Mit uns und mit der ganzen Welt …Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Haß und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfaßbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.

In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, daß die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn Jesus Christus erfüllen: Von hier wird »ein Funke hervorgehen, der die Welt auf Mein endgültiges Kommen vorbereitet« (vgl. Tagebuch, 1732).

Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! Euch, lieben Brüdern und Schwestern, der Kirche in Krakau und Polen und allen, die die Barmherzigkeit Gottes verehren und aus Polen und der ganzen Welt diesen Ort aufsuchen, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!

6. Gott, barmherziger Vater,
der Du Deine Liebe in Deinem Sohn Jesus Christus offenbart
und über uns ausgegossen hast im Heiligen Geist, dem Tröster,
Dir vertrauen wir heute die Geschicke der Welt und jedes Menschen an.

Neige dich zu uns Sündern herab,
heile unsere Schwäche,
besiege alles Böse,
hilf, daß alle Menschen der Erde Dein Erbarmen erfahren,
und in Dir, dem dreieinigen Gott, die Quelle der Hoffnung finden.

Ewiger Vater,
um des schmerzvollen Leidens und der Auferstehung Deines Sohnes willen,
habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt!

Amen.

* * *

Am Ende der Eucharistiefeier sagte der Papst:

Zum Abschluß dieses festlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, daß viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg von Borek Falecki nach Debniki, den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen mußte, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, daß dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages die Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki bei Krakau weihen wird.

Ich freue mich über den Bau dieses schönen Gotteshauses, das der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht ist. Ich empfehle der Obhut von Kardinal Macharski, der ganzen Erzdiözese Krakau und den Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit das Heiligtum und vor allem dessen geistliche Dimension an. Möge diese Zusammenarbeit bei der Verbreitung der Verehrung des barmherzigen Jesus reiche Früchte des Segens in den Herzen der Gläubigen in Polen und der ganzen Welt hervorbringen.

Der barmherzige Gott segne alle Pilger, die heute und in Zukunft hierherkommen, mit seinen überreichen Gaben.

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Quelle

Offizielles zu den angeblichen Offenbarungen von Frau Vassula Ryden

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Kongregation für die Glaubenslehre

Notifikation
über die Schriften und Aktivitäten
von Frau Vassula Ryden

 

Viele Bischöfe, Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Laien wenden sich an diese Kongregation mit der Bitte um ein maßgebendes Urteil über die Tätigkeit der in der Schweiz ansässigen griechisch-orthodoxen Frau Vassula Ryden, die weltweit in katholischen Gebieten ihre Worte und ihre Schriften als angeblich vom Himmel offenbarte Botschaften verbreitet.

Eine von dieser Kongregation vorgenommene aufmerksame und objektive Untersuchung in der Absicht, »die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind« (vgl. 1 Joh 4,1), hat – neben positiven Aspekten – ein Gesamtbild von wesentlichen Elementen gezeigt, die im Licht der katholischen Lehre als negativ betrachtet werden müssen.

Abgesehen davon, daß der verdächtige Charakter der Art und Weise, mit der diese angeblichen Offenbarungen geschehen, im Auge zu halten ist, ist es geboten, auch einige in ihnen enthaltene doktrinäre Irrtümer hervorzuheben.

Unter anderem wird in zweideutiger Ausdrucksweise von den Personen der Heiligsten Dreifaltigkeit gesprochen. Das geht so weit, daß die kennzeichnenden Namen und Funktionen der göttlichen Personen verwechselt werden. In diesen angeblichen Offenbarungen wird eine drohende Periode der Vorherrschaft des Antichristen innerhalb der Kirche angekündigt. In chiliastischer Weise wird ein entscheidendes und glorreiches Eingreifen Gottes prophezeit, der im Begriff sei, auf Erden noch vor der endgültigen Ankunft Christi ein Zeitalter des Friedens und des allgemeinen Wohlergehens zu errichten. Im übrigen wird in nächster Zukunft eine Kirche erwartet, die eine Art pan-christliche Gemeinschaft wäre im Gegensatz zur katholischen Lehre.

Die Tatsache, daß in den späteren Schriften der Ryden die obengenannten Irrtümer nicht mehr erscheinen, ist ein Zeichen dafür, daß es sich bei den angeblichen »himmlischen Botschaften« nur um die Frucht privater Meditationen handelt.

Im übrigen ruft Frau Ryden, die gewöhnlich an den Sakramenten der katholischen Kirche teilnimmt, obschon sie griechisch-orthodox ist, mancherorts in katholischer Umgebung nicht wenig Verwunderung hervor. Sie scheint sich über jede kirchliche Jurisdiktion und jede kirchenrechtliche Regelung zu stellen und verursacht faktisch eine ökumenische Unordnung, die bei nicht wenigen Autoritäten, Geistlichen und Gläubigen ihrer eigenen Kirche Mißfallen hervorruft, da sie sich außerhalb der Disziplin dieser Kirche stellt.

In Anbetracht dessen, daß, trotz einiger positiver Aspekte, die Aktivitäten von Vassula Ryden sich negativ auswirken, ersucht diese Kongregation, daß die Bischöfe einschreiten, ihre Gläubigen angemessen informieren und in ihren Diözesen keine Ausbreitung der Ryden´schen Ideen gestatten. Sie fordert schließlich alle Gläubigen auf, die Schriften und die Interventionen von Frau Vassula Ryden nicht als übernatürlich zu betrachten und den Glauben, den der Herr der Kirche anvertraut hat, rein zu bewahren.

 

Aus der Vatikanstadt, den 6. Oktober 1995.

 

+ Joseph Kardinal Ratzinger
Präfekt

+ Tarcisio Bertone, S.D.B.
em. Erzbischof von Vercelli
Sekretär

 

[L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 1995, Nr. 44, S. 4].

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Quelle

 


KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

RUNDSCHREIBEN AN DIE VORSITZENDEN DER BISCHOFSKONFERENZEN BEZÜGLICH DER SCHRIFTEN UND TÄTIGKEITEN
VON FRAU VASSULA RYDÉN

 

Vatikanstadt, 25. Januar 2007

Hochwürdigster Herr Vorsitzender!

Die Kongregation für die Glaubenslehre wird regelmäßig um Klärung zu den Schriften und Tätigkeiten von Frau Vassula Rydén gebeten, insbesondere über den Stellenwert der Notifikation vom 6. Oktober 1995 und die Kriterien, nach denen die Teilkirchen die Verbreitung der Schriften von Frau Vassula Rydén regeln sollten.

Dazu möchte die Kongregation klarstellen:

1) Die Notifikation von 1995 bleibt in ihrem lehrmäßigen Urteil über die untersuchten Schriften gültig.

2) Nach einem Dialog mit der Kongregation für die Glaubenslehre lieferte Frau Vassula Rydén allerdings Klärungen zu einigen problematischen Punkten, die in ihren Schriften aufschienen, sowie auch zur Natur ihrer Botschaften, die nicht göttliche Offenbarungen, sondern vielmehr ihre persönlichen Meditationen darstellen (vgl. Vassula Rydén: Brief vom 26. Juni 2002, veröffentlicht in True Life in God, Bd. 12, XXI-LI). Nach diesen Klarstellungen gilt darum als Norm, dass von Fall zu Fall eine vorsichtig Abwägung vorzunehmen ist. Dabei soll man beachten, welche konkreten Möglichkeiten die Gläubigen haben, die Schriften im Kontext dieser Klarstellungen zu lesen.

3) Schließlich wird daran erinnert, dass eine Teilnahme von Katholiken an den Gebetsgruppen, die von Frau Vassula Rydén organisiert werden, nicht angebracht erscheint. Im Bezug auf ökumenische Treffen sollen sich die Gläubigen an die Regelungen des Ökumenischen Direktoriums, des Kodex des kanonischen Rechtes (cann. 215; 223 § 2, 383 § 3) und der Ortsordinarien halten.

Indem ich Ihnen dies zur Kenntnis bringe, verbleibe ich mit besten Grüßen und Segenswünschen

im Herrn Ihr

William Kardinal Levada
Präfekt

_______

Quelle

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

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Kapitel III

Die Grotte – Maria vom Sieg

 

„Beginne mit dem Bau!”

Der Rückzug ins Elternhaus veränderte Antonies Leben nur äußerlich. Der Vater übertrug ihr im Hause und im Ge­schäft, was sie zu leisten vermochte. Das und die Erinnerung an den fluchtartigen Rückzug aus Lindau konnten in ihr nicht eine tiefe Sehnsucht nach Einsamkeit und Gebet auslöschen. Eines Tages trat sie an ihren Vater heran und machte ihm fol­genden Vorschlag:

„Vater, ich muss einen einsamen Ort haben, wo ich unge­stört beten kann. Der Weg in die Pfarrkirche ist zu weit. Du weißt um die Notwendigkeit des Gebetes gerade jetzt. Erlau­be mir, auf unserem Grund eine Lourdesgrotte zu bauen! Es soll unser Dank sein für meine wunderbare Rettung. Ich bin überzeugt, dass jener geheimnisvolle Radfahrer in der Nacht in Lindau mein Schutzengel war.“

Der Vater stimmte zu, aber die Familie äußerte Bedenken. Sie befürchtete, dass Antonie mit diesem Bau erneut ihre Geg­ner auf sich aufmerksam machen würde und ihr Leben da­mit wieder in Gefahr geriete.

Antonie überlegte und wartete einen Monat ab. Das zeigt, dass sie in keiner Weise unbedacht war und einfach sponta­nen Neigungen folgte. Sie vertraute sich ihrem seinerzeitigen Seelenführer an. Es war Georg Weiß (1901-1977), der damali­ge Pfarrverweser von Ratzenried, ein sehr vergeistigter, ganz marianischer Priester. Und es ist bemerkenswert, wie er da­rauf einging. Er unternahm seinerseits eine Wallfahrt nach Altötting, betete, fastete, rutschte auf den Knien, das Buß­kreuz auf den Schultern, um die Gnadenkapelle, bis er über den Vorschlag volle innere Klarheit und Sicherheit gewonnen hatte. Die Antwort, die er für Antonie mitbrachte, als er wie­der daheim war, zeigt ein für Wigratzbad bezeichnendes Phä­nomen. Er sagte zu ihr: „Beginne sofort mit dem Bau, oder ich ziehe mich von deiner Leitung zurück!“ Das war beinahe wie ein Befehl. Es zeigt aber auch, dass der Himmel in Wi­gratzbad keine einsame Einzelgängerin auf einen dornenrei­chen Weg berufen hat. Mehrere Menschen erhielten beinahe unerklärliche Anstöße, ihr zu helfen oder ihr beratend zur Seite zu stehen. Antonie war zwar der menschliche Brenn­punkt, aber daneben tauchten immer wieder Personen auf, denen bei der Entstehung eines noch „fiktiven“ Gnadenortes eine ergänzende Rolle zugefallen war.

Die Antwort, die ihr Georg Weiß gab, muss sie sehr glück­lich gemacht haben. Der Geistliche hat übrigens das Aufblü­hen der Gnadenstätte noch miterlebt. Der Bau wurde sofort in Angriff genommen. Nun aber kamen neue Probleme auf, die es zu lösen galt.

Antonies leiblicher Bruder Martin begann die nötigen Stei­ne aus dem nahe gelegenen Fluss, der Laiblach, zu heben und auf den Bauplatz zu karren. Da ließ ein gewaltiges Unwetter den Fluss anschwellen; er trat über die Ufer, vernichtete die Ernte und riss eine eiserne Brücke hinweg, über den die Stei­ne transportiert wurden.

Dann kam ein weiteres Unglück hinzu. Die sechs Metz­gergehilfen und Stallknechte des Hauses, die ab und zu bei den Bauarbeiten mitgeholfen hatten, streikten. Für eine sol­che Arbeit seien sie nicht angestellt worden. Der Bau einer Grotte sei nicht ihre Sache. Sie verließen am gleichen Tag das Haus, ohne die Kündigungsfrist abzuwarten. Die Familie stand mit der ganzen Arbeit allein da.

Das wahre Motiv der Streikenden war jedoch ein anderes. Es überrascht, wie schnell der eigentlich erst geplante Bau der Grotte bereits Antonies Gegner auf den Plan gerufen hatte. Sie streuten in der ganzen Umgebung ein niederträchtiges Gerücht, das eigentlich ihr moralisches Ende hätte sein können. Sie habe – so hieß es – in Lindau von drei Herren 50 000 Mark für den Bau einer Kapelle bekommen. Das Geld habe sie je­doch vertan oder ins Geschäft gesteckt. Mit dem Bau einer Grotte wolle sie nur ihr Gewissen beruhigen. Außerdem hätte sie sündigen Umgang gehabt – in der Sprache von heute wür­de es heißen, sie hätte sexuelle Beziehungen gehabt, die nicht ohne Folgen geblieben seien. Um das Kind abtreiben zu lassen, sei sie zum Schein auf eine Wallfahrt ins Ausland gegangen. Nun erkühne sie sich, hier ein Heiligtum der Unbefleckten Empfängnis zu errichten.

Zu allem Leid kam hinzu, dass ihr Bruder Martin sich im kühlen Wasser erkältet hatte. Der Arzt stellte eine galoppieren­de Kehlkopfschwindsucht fest. Der Hals schwoll an, er konn­te kein Wort mehr reden, nur etwas Flüssigkeit zu sich neh­men, auch das Augenlicht erlosch. Der Arzt meinte, innerhalb von zwei Wochen könnte der Tod eintreten. Martins Frau er­wartete ihr erstes Kind. Die Trauer im ganzen Hause war groß und Antonie musste als Blitzableiter herhalten. Eigensinnig habe sie den Bau der Grotte erzwingen wollen.

Was lag für Antonie näher, als sich in dieser Situation an je­ne Mutter zu wenden, die ihr vor einem Jahrzehnt gesagt hatte: „Komm und diene mir!“, zu der sie ein so inniges Verhältnis besaß. Im Garten betete sie vor einem Bild der Unbefleckten eine Nacht hindurch auf Kieselsteinen kniend, bis die Knie bluteten. „Ich wollte ja nur deine Ehre fördern“, flehte sie, „ich wollte helfen, Sünder zu bekehren, das Vaterland zu retten.“

Es soll schon 4 Uhr in der Frühe gewesen sein, als sie das Haus wieder betrat. Leise klopfte sie an die Tür des kranken Bruders. Die Schwägerin machte auf und erzählte, Martin hätte sie vor einer halben Stunde gerufen, was er vorher gar nicht konnte. Eine Stunde später verlangte er zu essen und zu trinken. Die Geschwulst hatte sich zurückgebildet. Gegen 7 Uhr war auch das Fieber weg.

„Siehst du, was die Mutter Gottes kann“, meinte Antonie lächelnd zu ihrem Bruder. „Du hast recht“, antwortete dieser. „Wenn ich wieder gesund bin, hole ich noch die letzten Stei­ne aus der Laiblach heraus. Ich fürchte mich nicht.“ Als der Arzt, Dr. Frewitz, aus Bregenz kam, zeigte er sich überrascht und machte dann eine Bemerkung, die in diesen Mauern nicht das erste Mal fallen sollte: „Das ist ein wirkliches Wunder! Das ist nur in diesem Hause möglich.“ Es war der unerschüt­terliche Glaube einer jungen Frau, der das alles bewirkte.

Das Standbild

Das Material zum Bau kam zusammen, und der Steinmetz­meister Thronsberg von Wangen begann mit dem Aufbau. Was noch fehlte, war das entsprechende Standbild der Unbe­fleckten Empfängnis von Lourdes. Die Entdeckung dieses Bil­des für Wigratzbad zeigt das Ineinandergreifen verschiede­ner Lebensschicksale, die auf ein Ziel ausgerichtet waren: die Entstehung einer großen Gebetsstätte.

Am 31. Mai 1936 erhielt Antonie in einer inneren Erfah­rung in der hl. Messe, während der Wandlung, und zwar in der kurzen Pause zwischen den Erhebungen der Hostie und des Kelches, einen Hinweis. Sie hörte die Worte: „1,50 Meter. Hole mich!“ Sie konnte damit zunächst nichts anfangen, gab aber dem Steinmetz den Auftrag, eine entsprechende Nische vorzubereiten.

Eine Woche später schickte der Vater sie in einer geschäft­lichen Angelegenheit mit dem Fahrrad nach Wasserburg. Es war ein unfreundlicher, regnerischer Tag, sie wäre lieber daheim geblieben, aber der Vater drängte. In Wasserburg traf sie die gesuchten Leute nicht an und machte sich auf den Heim­weg. Sie hatte den Ort jedoch noch nicht ganz verlassen, da war ihr, als zupfe sie jemand am Mantel und sage ihr: „Steig ab. Hier hole mich!“

Sie stieg ab und schaute sich um. Es war niemand zu sehen, außer einem Mann, der in einem Wiesengraben arbeitete. Deshalb wollte sie weiterfahren, aber das Fahrrad bremste und war nicht in Gang zu bringen. Da erinnerte sie sich an ihre Zeit in Lindau, als sie dort an den Bau einer Grotte dachte, was ihr eine Frau erzählt hatte. Verwandte in Wasserburg wür­den eine große Statue im Hause haben, die für eine Lourdes­grotte bestimmt sei. Das Standbild würde jedes Jahr bei der Fronleichnamsprozession vor das Haus gestellt werden.

So fragte sie den Mann im Graben, ob hier irgendwo eine große Statue der Madonna stehe. Der Angesprochene konn­te ihr das Haus sofort zeigen. Die Familie hieß Hagen. Man nahm sie freundlich auf und sie konnte ihr Anliegen vorbrin­gen. Als man die Tür zur Kammer öffnete, in der die Statue stand, durchfuhr Antonie ein Schauer. Es war genau das Stand­bild, das ihr während der hl. Messe gezeigt worden war: 1,50 Meter groß! Dann erfuhr sie aus dem Munde des Sohnes die Geschichte der Statue.

Der Vater sei ein sehr frommer Mann gewesen. Mehrfach hätte er Lourdes besucht. Nach der letzten Pilgerreise erzähl­te er daheim, er habe auf geheimnisvolle Weise den Auftrag erhalten, in seiner Heimat eine Marienstätte zu errichten. Der Plan wurde ausgearbeitet. Die Grotte sollte in Naturgröße auf­gebaut werden. Gleichzeitig verfasste er eine Broschüre, 188 Seiten, in der er von zwei seiner Wallfahrten nach Lourdes berichtete und die Vorzüge der Andacht zur Unbefleckten Empfängnis schilderte. Ein Gebets- und Liederteil wurde beigefügt. Der Erlös der Schrift sollte den Bau finanzieren. Hin­zu kam eine Spende von 20 000 Mark von einem protestan­tischen Christen.

300 Fuhren Steine waren schon beisammen, die Behörden hatten bereits die Baugenehmigung erteilt. Da widersetzte sich der damalige Pfarrer von Wasserburg dem Vorhaben, erhob bei den Behörden Einspruch und erreichte, dass die Geneh­migung zurückgezogen wurde. Der vorgesehene Platz wurde später für ein Strandbad verwendet. Vater Hagen starb bald darauf an einem Herzschlag, wahrscheinlich aus Kummer über den gescheiterten Plan.

Vor seinem Tode hatte der Mann bei einem italienischen Künstler eine Marmorstatue der Unbefleckten Empfängnis in Auftrag gegeben. Dieser fertigte aber zunächst ein Modell an, und dieses hat die Familie Hagen als Andenken aufbewahrt und verehrt.

Als Antonie ihre Bitte vortrug, das Standbild zu erwerben, stieß sie auf entschiedenen Widerstand der Familie. Sechs­mal fuhr sie hin, sechsmal unternahm sie den Versuch, die Fa­milie umzustimmen, bot ihr sogar einen kostbaren Brillant­schmuck an. Vergeblich. Daraufhin vertraute sie alles der Got­tesmutter an: „Nun übergebe ich dir die Sache. Wenn du willst, dass diese Statue nach Wigratzbad kommt und hier verehrt wird, dann sorge nun du dafür! Ich habe getan, was in mei­nen Kräften lag.“

Einweihung

Trotz der enttäuschenden Absagen überkam sie plötzlich ein gewaltiges Vertrauen. Sie unternahm etwas, was die Fa­milie als Wahnsinn bezeichnete. Sie ging am Sonntag zum Pfarrer von Wohmbrechts und bat ihn, von der Kanzel zu ver­künden, dass am nächsten Sonntag, am Rosenkranzfest, die Grotte eingeweiht werde. „Entwerfen Sie bitte ein Programm für die Feier!“ bat sie ihn. Und der stimmte seltsamerweise zu. Nicht nur das. Er zeigte sich begeistert: „Das muss feierlich gemacht werden. Ich lade die ganze Gemeinde ein. Die Kom­munionkinder erscheinen in weißen Kleidern. Der Kirchen­chor wird singen. Ich freue mich selbst darauf.“

Im Hauptgottesdienst am Sonntag wurde die Weihe an­gekündigt. Antonies Mutter und die Schwägerin, die in der Kirche anwesend waren, trauten ihren Ohren nicht. Daheim überschütteten sie die Tochter mit heftigsten Vorwürfen: „Du lässt die Weihe verkünden und hast noch keine Statue für die Grotte. Man sagt immer, du spinnst. Nun glauben wir es bald selber.“ Sie sollten schon am nächsten Tag eines Besseren be­lehrt werden.

Am Montagmorgen half Antonie beim Einkochen von Äp­feln. Da klingelte das Telefon und die Schwägerin nahm ab. Sie traute ihren Ohren kaum. Angerufen hatte Frau Hagen, die Besitzerin jenes Standbildes, das Antonie so dringend erbeten hatte: „Holt die Statue sofort ab. Mein verstorbener Mann lässt mir keine Ruhe mehr. Ich kann nicht mehr schlafen. Tag und Nacht drängt er mich ohne Unterlass, ich soll die Statue her­geben. Ich habe genug. Holt sie ab und zwar sofort!“

Noch am gleichen Nachmittag holte Antonie die Mariensta­tue ab. Der Frau übergab sie einen kostbaren Brillantschmuck. Er war dem Vater einmal als Pfand für eine Geldanleihe hin­terlegt und nie eingelöst worden. Er hatte ihn Antonie zum Geschenk gemacht. Jetzt gab sie ihn weiter. Die Madonna war ihr unendlich viel mehr wert.

Daheim wurde das Standbild der Gottesmutter in ein Meer von Blumen gestellt und bis zum Sonntag von der ganzen Fa­milie verehrt. Mit ausgebreiteten Armen haben alle den Ro­senkranz gebetet.

In feierlicher Prozession wurde die Statue am Rosenkranz­sonntag 1936 aus dem Hause der Familie zur Grotte hinaufge­tragen. Den Gesang gestaltete der Kirchenchor von Primiswei­ler, die Festpredigt hielt Pfarrer Bernhard von Maria Thann, die Weihe vollzog Ortspfarrer Basch, und eine große Schar von Menschen war dabei, wie sie Wigratzbad noch nie gesehen hatte. Diese festliche Umrahmung für die Weihe einer Grotte auf privatem Boden muss erstaunen. Hier kündigte sich be­reits Größeres an. Eine Gebetsstätte, die einmal über den gan­zen deutschsprachigen Raum und darüber hinaus über Eu­ropa ausstrahlen sollte, zeichnete sich am Horizont ab.

Es galt nun, sie mit Leben zu füllen. Antonie nahm vor der Statue ihre nächtlichen Anbetungsstunden wieder auf. Wäh­rend eine ganze Nation im politischen Rausch versank – wo­für die Olympiade in Berlin ein Beispiel bot – gelobten eini­ge Mädchen, täglich an dieser Grotte den Rosenkranz zu be­ten. Jeden Samstagabend kam die Gruppe zusammen, oft die Nacht hindurch, bis es Zeit wurde, zur Frühmesse nach Wan­gen zu wandern. Man wollte vor allem die Arbeit der Pries­ter in dieser schweren Zeit unterstützen. Man betete auch in der Hoffnung, dass hier einmal die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste verehrt werde.

Und das Ganze blieb nicht nur Frauensache. Am Sonntag­abend fanden sich Männer ein, um die Nacht hindurch zu be­ten. Unter ihnen war der Landwirt Krug aus Kisslegg, dessen Tochter Maria sich nach dem Zweiten Weltkrieg Antonie an­schloss und in ihre Dienste trat. 25 Jahre hat sie entscheidend am Aufbau der Stätte mitgewirkt.

Erzbischof Josef Stimpfle sagte einmal gegenüber dem Ver­fasser, für ihn sei Wigratzbad ein Beispiel dafür, was das Gebet und das Opfer einiger weniger bewirken könne, wenn dahin­ter der Geist totaler Hingabe an die Sache stehe. Die Entwick­lung um die Grotte ist tatsächlich eine Bestätigung dafür. Immer häufiger erzählten Leute, dass ihre Gebete erhört wurden, andere sprachen von außerordentlichen Gnaden, die sie empfangen hätten. Das machte im Volke die Runde. Im­mer mehr Leute kamen, um vor der Grotte ihr Herz auszu­schütten, erst aus der näheren Umgebung, dann aber auch aus der weiteren. Sehr bald zeigte sich, dass man ein bescheide­nes Dach über der Stätte errichten musste, um die Pilger – das waren sie bereits – vor der Witterung zu schützen.

Es ist wie bei einem Arzt, der ein besonderes Charisma hat, Menschen zu heilen. Das spricht sich wie ein Lauffeuer hrum, auch heute noch. In Wigratzbad war eine geheimnis­volle Kraft am Werke, weit mehr als ein Arzt. Das sollte bald eine weitere Bestätigung finden.

Engelchöre

Es war ein paar Tage nach dem Fest Mariä Empfängnis. Um die Mittagszeit drängte es Antonie zur Grotte und einen schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Beim dritten Geheim­nis, „der für uns mit Dornen gekrönt worden ist“, hörte sie auf einmal ein Rauschen, das immer stärker wurde. Es hörte sich an, als käme es von unzähligen Flügelschlägen. Die jun ge Frau schaute zum Standbild, sah aber nichts. Dann hob ein Gesang an, der immer mächtiger wurde und schließlich gewaltig und wuchtig wurde, als würden unzählige himmli­sche Heerscharen um die Grotte versammelt in wundervol­len Akkorden zusammenstimmen. Sie sangen alle: „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Um die fünfzig Mal hörte Antonie die Worte und begann schließlich unwill­kürlich mitzusingen. Wieder schaute sie auf die Statue, aber es hatte sich nichts verändert. Allerdings hatte sie den Ein­druck, als würde Maria lächeln. Dann hob das Singen wieder an, wurde aber allmählich schwächer und verstummte schließ­lich. Antonie kniete auf ihrem Betschemel und wusste nicht, wie ihr war. Sie war wie gebannt. Plötzlich fiel ihr ein, dass man daheim wohl auf sie wartete.

Tatsächlich empfing die Mutter sie mit bitteren Vorwürfen. „Ich war in der Grotte“, antwortete die Tochter, „dort habe ich ein Erlebnis gehabt. Ich war wie gebannt, ich konnte nicht weg.“ Aber wie so oft stieß die Tochter damit bei ihrer eigenen Mutter auf kein Verständnis. „Immer hast du so eigenartige Sachen im Kopf. Du meinst, du wärest etwas Besonderes. Du bist ein dummes Mädchen, hast Grillen im Kopf, sonst nichts.“ Immerhin hatte die Mutter schon einiges mit ihr erlebt, was sie hätte nachdenklich machen müssen. Aber warum soll es Mystikern anders ergehen als ihrem Meister, der in Nazareth lange von Verwandten verkannt und abgelehnt wurde. Anto­nie schwieg, das Beste, was sie tun konnte, ging früh zu Bett, aber ihr Herz zersprang fast vor Freude.

Es ist nicht zu übersehen, dass Antonie bei ihren entschei­denden Erlebnissen instinktiv den Rat mystisch erfahrener Priester gesucht hat. So war es auch in diesem Fall. Ein paar Wochen nach ihrem Erlebnis in der Grotte erfuhr sie von ei­nem sehr vergeistigten Priester. Es war Pfarrer Norbert Feiel, der damals die Gemeinde Eglofs betreute, drei Wegstunden von Wigratzbad entfernt. Er war selber ein von den Nazis Ver­folgter. Eine Zeitlang verbrachte er im Gefängnis, weil er die Gemeinde aufgefordert hatte, nicht mit „Heil Hitler“, sondern weiterhin mit „Grüß Gott“ und „Gelobt sei Jesus Christus“ zu grüßen. Ein ehemaliger Mitarbeiter, B. Dobler, schilderte ihn später als einen Mann mit großem Wissen, als einen unge­wöhnlichen Pädagogen und Menschenkenner. Die hl. Messe hat er stets in tiefer Ergriffenheit gefeiert und eine besonde­re Verehrung für die kleine Theresia von Lisieux gehabt, die, so wird vermutet, ihm auch erschienen sein soll.

Bei diesem nüchternen, aber doch sehr gläubigen Priester suchte Antonie Rat und ein Urteil über ihre innere Erfahrung. Sie sollte nicht enttäuscht werden.

„Ein Teufelsspuk ist es sicher nicht gewesen“, meinte er im Sinne theologischer Logik, „denn dieser wird sich nie mit einer solchen Formulierung anfreunden: Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg. Was Sie erlebten, war eine gottgewollte Be­gegnung. Gott hat sie mit der Gnade verbunden, Engelchöre zu senden, die der gottfernen, sinkenden Welt andeuten, Maria wolle hier als Siegerin über Welt und Teufel thronen, Siege­rin heißen und sein und als solche große Gnaden in und um dieses Heiligtum verknüpfen und den Menschen schenken. Schon im Uranfang, an der Wiege des Menschengeschlechtes, hat der Schöpfer Maria als Siegerin verheißen, die der hölli­schen Schlange den Kopf zertreten werde. Maria will also, um es Ihnen kurz zu sagen, an diesem Ort genannt werden, wie Sie es gehört haben: ,Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg‘.“

Im Anschluss machte er einen Vorschlag, der beinahe ver­messen hätte erscheinen können, der aber aus dem Leben großer, heiligmäßiger Persönlichkeiten nicht unbekannt ist. Damit sie ganz sicher gehe, solle sie die Gottesmutter in die­sem jungen Heiligtum bitten, binnen acht Tagen drei große Gebetserhörungen zu gewähren. Er wolle das als Zeichen von ihr. Sollte es eintreten, möge sie ihm berichten. Wenn sich nichts ereigne, brauchte sie gar nicht erst zu kommen.

Und was geschah? Daheim steuerte sie gleich auf die Grot­te zu. Sie wollte den Auftrag des Priesters an die Gottesmutter sofort weitergeben. Vor der Grotte traf sie auf den ehemaligen Bürgermeister von Wangen, Geray, und seine Frau. Tränen­überströmt erzählten sie, ihr einziger Sohn sei von der Ge­heimen Staatspolizei abgeholt worden. Seit Wochen hätten sie nichts von ihm gehört. Sie wüssten nicht, ob er überhaupt noch lebe oder wo er gefangen gehalten werde. Antonie trös­tete und forderte sie auf, mit ihr den Psalter, also drei Rosen­kränze zu beten. Nach jedem Zehner fügten sie hinzu „Unbe­fleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“

Schon am nächsten Tag fand sich das Paar wieder ein. Das Gebet war umgehend erhört worden. Am Abend sei der Sohn heimgekommen. Er war in einem Stall eingesperrt gewesen und plötzlich freigelassen worden. Man könne nicht genug danken, beteuerten sie.

Antonie erbat eine schriftliche Erklärung über den Vor­gang, die ihr auch gegeben wurde. Außerdem brachte das Paar eine Reliquie mit und hing sie in der Grotte als Votivgeschenk mit der Inschrift auf: „Unser Dank an die Mutter Gottes, weil sie uns so schnell und wunderbar erhört hat!“ Bei dieser Er­hörung sollte es nicht bleiben.

Schon am anderen Tag kam eine Frau Stadelmann von Scheidegg mit zwei Nachbarinnen zu Antonie. Sie waren auf dem Heimweg vom Krankenhaus Hoyren in Lindau. Dort lag ihr Mann im Sterben, Leberkrebs im letzten Stadium. Zwei Ärzte und die Krankenschwester hatten die Ehefrau kom­men lassen, um ihr mitzuteilen, dass der Mann den nächsten Tag wahrscheinlich nicht überleben werde. Die Schmerzen seien unerträglich. Weinend baten die Frauen, Antonie mö­ge doch für ihn beten: „Wir hätten den Vater noch so bitter notwendig.“

„Bei Gott ist nichts unmöglich“, antwortete Antonie und forderte die Frauen ebenfalls auf, sofort mit ihr drei Rosenkränze zu beten, mit dem Einschub „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Noch am gleichen Abend er­reichte Antonie ein Anruf, aus Hoyren sei eine Nachricht ge­kommen, dem Mann würde es besser gehen. Zu der Zeit, da in Wigratzbad gebetet wurde, seien Fieber und Schmerz gewi­chen. Er habe sich erholt und wenn die Besserung anhalte, könnte er am nächsten Tag entlassen werden. Das geschah auch. Zur Überwachung begleitete ihn eine Krankenschwester.

Auch in diesem Fall erbat Antonie eine schriftliche Erklä­rung und legte sie zu den Akten.

Noch in der gleichen Woche rief eine verzweifelte Frau aus Opfenbach an. Die Mutter, eine Frau Milz, liege im Sterben. Sie bat dringend, Antonie möge ihr doch Wasser aus der Si­ckerquelle in Wigratzbad bringen. Sie wolle sofort aufbrechen und Antonie entgegenkommen. Auf halbem Wege trafen sie zusammen. Mit der Flasche eilte die Tochter an das Sterbe­bett der Mutter und reichte ihr das Wasser. Die Kranke trank sie ganz leer. Daraufhin erholte sie sich zusehends und konn­te am nächsten Tag aufstehen. Alle sprachen von einem Wun­der. Das war nun Fall drei.

Bald danach kam eine Frau aus Wigratzbad selber. Rönt­genaufnahmen hätten bei ihrem Mann Magenkrebs im letzten Stadium erkannt. Eine Operation erschien den Ärzten sinnlos. Der Mann war zum Skelett abgemagert. Antonie sollte für ihn beten. Aber die machte es der Bittstellerin nicht zu leicht. „Schicken Sie mir am Samstagabend Ihre beiden Töchter. Wir werden die Nacht hindurch beten.“ Aber das war für die Frau zu viel des Guten. Dazu würden ihre Kinder kaum be­reit sein. Antonie gab nicht nach: „Wenn ich durchhalte, wer­den auch sie durchhalten. Wenn es ernst ist, dann müsst ihr eben beten.“ Und sie beteten, die ganze Nacht hindurch, zur „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“. Am darauf fol­genden Mittag, es war Sonntag, verlangte der todkranke Mann zu essen, aß mit großem Appetit und spürte keine Schmer­zen mehr. Bei der Röntgenaufnahme stellte man eine völlige Heilung fest. Der Mann lebte danach noch 18 Jahre. Antonie hatte eine weitere schriftliche Erklärung in der Hand.

Die Stätte wird groß werden

Mit diesen Dokumenten machte sie sich eine Woche spä­ter auf den Weg nach Eglofs. Pfarrer Norbert Feiel zeigte sich tief betroffen und betete mit Antonie das „Magnificat“. Dann sagte er zu Antonie ein paar Worte, die man heute als pro­phetisch bezeichnen kann:

„Liebes Marienkind! Diese Stätte wird groß werden. Es wird ein Gnadenort erster Güte werden und bleiben. Bleiben Sie de­mütig! Dienen Sie Maria mit noch größerem Eifer! Ich werde bald sterben und den Triumph Mariens über ihre Feinde, die so zahlreich in unserem Lande geworden sind, nicht mehr er­leben. Ich werde aber vom Himmel aus dieses Heiligtum seg­nen. Meine Füße tragen mich nicht mehr hin zu dieser Stätte, wo ich gerne den Boden küssen wollte aus Ehrfurcht vor der göttlichen Heimsuchung, die dort stattfand. Ich werde eine Predigt halten über Maria vom Sieg und diese Ihnen zuschi­cken. Beten Sie den Rosenkranz immer mit großer Andacht. Dann wird Maria bald die engen Wände sprengen.“

Die Predigt hat er tatsächlich am 23. Mai 1937 in Bühl, das zur Pfarrei Eglofs gehört, gehalten. Darin sagte er u.a.: „Im Allgäu ist ein mutiges Mädchen, das zusammen mit Männern und Frauen, jungen Männern und jungen Frauen, stundenlang vor einer Lourdesgrotte den Rosenkranz betet mit der Anru­fung: 0 Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns! Einzig mit dieser Waffe des Gebetes wollen sie die Welt über­winden.“ Mit diesen Worten schloss er auch die Predigt.

Ein hochsensibler Priester war ein großes Wagnis einge­gangen. Er hatte den Himmel herausgefordert und drei Zei­chen erbeten. Das erinnert an Lourdes, wo der zuständige Seelsorger über die Seherin Bernadette ebenfalls einen Beweis haben wollte. Die Madonna sollte im Februar in der Grotte einen Rosenstrauch erblühen lassen. Statt der Rosen bekam er eine Quelle. Maria lässt sich ihr Handeln nicht vorschrei­ben. Der Geistliche in Eglofs war vorsichtiger, er erbat nur Zeichen, die Art überließ er dem Himmel. Und er erhielt in der Tat Beweise für den übernatürlichen Ursprung der Visio­nen von Antonie Rädler, auch für den Wunsch des Himmels, Maria an dieser Stätte als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ zu verehren.

Der Sieg Jesu am Kreuze, das war der Sühnetod. Auch in Wigratzbad spielt der Gedanke an Sühne von Anfang an ei­ne entscheidende Rolle. Maria fordert zur Sühne für die ei­genen und für die Verfehlungen und Verirrungen anderer auf. Sühne für andere. Das ist ihr großer Sieg in einer Zeit, die sich darin überschlägt, sich und die eigene Schuld ständig zu rechtfertigen, Sünde nicht mehr als Sünde zu beteichnen, son­dern als Tugend, als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit, Sünde als Freiheit. Diese Freiheit hat den Sünder, einsam ge­macht, einsamer denn je, und muss am Ende seinen geistigen Tod bedeuten. Das ist die große Botschaft von Wigratzbad.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe ferner: