DIE GEISTLICHE FAMILIE „DAS WERK“

Das Kloster Thalbach, Bregenz

Geschichte und Gegenwart

Geschichte
Das Kloster Thalbach in der heutigen Form wurde 1675 von den Barockbaumeistern Michael Thumb aus Bezau und Michael Kuen aus Bregenz errichtet.

Das Kloster Thalbach schaut auf eine lange Tradition gottgeweihten Lebens zurück. 1436 wurde am Fuß des Gebhardsberges eine Gemeinschaft von Franziskanerinnen in der „clusa Thalbach“ gegründet. Im Jahre 1485 kam es zur Einweihung der ersten Kapelle in der Thalbachklause. Nach dem ersten Neubau wurde Thalbach 1575 mit allen Rechten eines Klosters ausgestattet. Durch Jahrhunderte waren die Schwestern aus Thalbach für ihr vorbildliches Ordensleben bekannt: Thalbacher Franziskanerinnen wurden gerufen, herabgekommene oder ausgestorbene Klöster (z.B. 1584 Wonnenstein und 1589 Grimmenstein in Appenzell) neu zu beleben oder anderen Klöstern (Sipplingen und Möggingen) leitende Verantwortliche zu sein

Als im Jahr 1592 im Benediktinerkloster Mehrerau (seit 1854 Zisterzienser) eine Seuche wütete, wurden Thalbacher Schwestern um die Besorgung der Klosterküche gebeten. Die Seuche wurde besiegt. Als Dankgeschenk erhielten im Jahr 1592 die Franziskanerinnen eine kostbare Marienstatue vom Typ der „Sedes Sapientiae“ (Sitz der Weisheit). 1609/10 wurde die Klosterkirche von Giovanni Prato neu erbaut. 1675 wurde auch ein neues Kloster von den Barockbaumeistern Michael Thumb aus Bezau und Michael Kuen aus Bregenz errichtet. 1782 erfolgte die Aufhebung des Klosters Thalbach durch Kaiser Joseph II.1796 erwarben die Dominikanerinnen von Hirschberg-Hirschtal/Kennelbach von der Stadt Bregenz das verwaiste Kloster Thalbach. 1797 wurde die wertvolle Marienstatue, die vom Bregenzer Bürger Karg aufbewahrt worden war, in die Klosterkirche zurückgebracht. Das Wirken der Dominikanerinnen als kontemplative Gemeinschaft und zugleich in der Erziehung und Ausbildung der Mädchen war für Bregenz und Umgebung sehr segensreich. 1983 übernahm die geistliche Familie „Das Werk“ (Geistliche Familie „Das Werk“) das Kloster Thalbach auf Bitten der Dominikanerinnen.

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Quelle

Klara Kern: Das Geheimnis des Fegfeuers

Unsere Liebe Frau von Montligeon

Dem Dekret Urbans VIII. entsprechend erklärt der Herausgeber, dass den Berichten von übernatürlichen Gaben und Gnaden, wie sie in diesem Buche enthalten sind, nur eine rein menschliche Glaubwürdigkeit beigemessen wird.
Die Druckerlaubnis erteilte das Erzbischöfliche Ordinariat München-Freising
Offset- und Tiefdruck der Werkstätten des Verlages
Copyright 1933 bei Verlag ARS SACRA
Joseph Mueller, Munich, Printed in Germany

 

Geleitwort

Der Geist weht, wo er will. In einem der Alpenländer hat er in unseren Tagen ein junges Herz bis auf den Grund erregt. Hier auf diesen Blättern vernimmt man seine Stimme, eine schlichte, kindliche und doch so seltsame Stimme. Wovon sie spricht, ist eine geheime, aber doch allen Menschen gemeinsame Ange­legenheit. Oder wer hätte nie mit seinen Toten gesprochen? Und solche Unterredungen, in der Stille des betenden Geistes gepflogen mit den für immer Verstummten, sind hier aufge­zeichnet. Zwischen dem Dasein der «armen Seelen» in der Läuterung und dem unseren im lieben Sonnenlicht geht die Erkenntnis hin und her, und die Nacht, in der niemand mehr wirken kann, gibt uns eine helle und ernste Auskunft über das «Wirket, solange es Tag ist». Mir scheint, da hat in aller Einfalt ein Auge mehr gesehen und ein Ohr mehr gehört, als es den Klugen dieser Welt gegeben ist. Hier ist ein Kind des Volkes, ich weiss nicht wie und woher, mit einer Weisheit versehen worden, die ohne die Gnade von oben nicht zu haben ist. Oder wo sonst, wenn man absieht von den Lehrern der Kirche, von erleuchteten Männern und Frauen, hätte ein ungelehrtes Ge­müt im Morgen seines Lebens so viel ungewöhnliche Wahrheit aus sich selbst geschöpft? Was da beispielshalber über das göttliche Lehramt der «heiligen Vernunft» gesagt ist, tief im unbewussten Einklang mit dem hl. Thomas von Aquin, kann nicht weit genug unter die Menschen, nicht tief genug in ihre Herzen dringen.

Und nehme doch niemand daran Anstoss, wenn die Sprache zuweilen wie der zarte Quell Mühe hat, durch Steinicht und viele Hindernisse den Weg zu finden. Vielmehr hoffen wir, man wird es uns danken, dass Natur auch Natur geblieben ist.

Im Übrigen sieht der Leser selbst, woran er ist. Denn das Echte überzeugt aus sich, und auch die kleine Glocke nimmt die Art des Grossen an, wenn sie Gottes Lob und Wahrheit ver­kündet.

 

Das Geheimnis des Fegfeuers
30. August 1931

Die lehrreichsten Erfahrungen habe ich im Fegfeuer gewon­nen, und meine besten Vorsätze habe ich dort gefasst. Wie oft weile ich stundenlang in dieser Schule, um alles das ablegen zu lernen, was dem heiligen Gotte nicht gefällt.

Das Fegfeuer ist ein Ort der Barmherzigkeit und Güte. Ich hätte es nie gedacht, dass Gott mit den armen Seelen so unend­lich gut ist. Das ist und war mir stets die grösste Neuigkeit. Nir­gends sehe ich die barmherzige Liebe sich so ausströmen wie hier. Da – in diesem Fegfeuer – habe ich die Güte und Barmher­zigkeit Gottes so gefunden, wie meine Seele sie suchte.

Wenn eine Seele in einem Reueakt stirbt, dann kommt sie zu Gott. Und in seiner Gegenwart, seiner Nähe – da durchdringt ein Strahl der Erkenntnis die Seele: sie sieht die Güte und Liebe Gottes – und in diesem Moment geht die Reue, d.h. das Feg­feuer, an.1 Es ist mir, die Seelen bitten Gott: Ja – du darfst jetzt im Noviziate für den Himmel sein und hier alles, alles einsehen und gutleiden, und dann wirst du rein und darfst in mein Reich eingehen. – O mit welchem Danke übernimmt jede Seele ihr Fegfeuer! Jede Seele ist glücklich, dass Gott so gut ist und sie noch ins Fegfeuer schickt. Wie danken sie dem kostbaren Blute, denn durch dieses ist das Fegfeuer uns geschenkt worden. Es ist ja ein Ort der Erlösung, wo die Seelen vor dem Abgrund auf­gefangen werden, es ist die letzte Rettung – eine Ausdenkung der barmherzigen Liebe…

1 Reue hier nur als satispassio zu verstehen. Cf. Thomas v. Aquin, De malo qu. 7, a. 11, ad 9: Venalia remittuntur eis post hanc vitam eo modo quo remittuntur in hac vita, sc. per actum caritatis in Deum Quia tamen post hanc vitam non est status merendi, ille dilectionis motus in eis tollit quidem impedimentum venialis culpae, non tarnen meretur absolutionem vel diminutionem poenae sicut in hac vita.

Das Fegfeuer ist ein Ort der Erkenntnis – da erwachen die Seelen vom Schlafe…

Da sehen sie eigentlich nur, wie lieb und gut und gross Gott ist. Sie erkennen, dass sie diese Liebe und Güte verkannt und oft betrübt haben. Sie sehen die grossen Wohltaten des ganzen Lebens, all die verscherzten, verlorenen Gnaden und Güter, das bittere Leiden des Heilandes, dem sie kein Herz geschenkt, kurz – die ganze Güte Gottes steht vor ihnen, und sie erkennen das Unrecht, das sie Ihm und seiner Liebe angetan. Hier brennt das Feuer, das die Seelen verzehrt, hier ist die Qual, die nur durch das kostbare Blut, den Lösepreis aller Sünden, getröstet werden kann.

Ich denke immer: die armen Seelen leiden an der Güte und Liebe Gottes. Je grösser diese barmherzige Liebe vor ihnen steht, umso grösser ist der Schmerz.

In der Ewigkeit sind eben die Seelen nicht mehr so hart wie im Leben. Gottes Güte, Gottes barmherzige Liebe und ein Strahl seiner Erhabenheit macht sie mürbe. Gott ist nicht hart, nicht grausam mit den armen Seelen, wie viele es sich denken; nein, ach Er ist gut, voll Erbarmen und Liebe gegen sie, und jeder darf wissen, dass Er gut ist.

Es ist mir, als hörte ich das ganze Reich des Fegfeuers: 0 wie gut, gut ist Gott – hätten wir Ihn gekannt – hätten wir Ihn bes­ser kennen, besser verstehen und mehr lieben wollen! Die Er­kenntnis der göttlichen Liebe und die Erkenntnis der eigenen Härte, das bereitet einer Seele grosse Qual. Ich erfahre dies in meinem eigenen Herzen. Das ist ein so gewaltiger Gegensatz, der zu Leid werden muss.

Aber es ist auch ein seliges Leiden – es liegt keine Verzweif­lung darin, denn die armen Seelen wissen sicher, dass sie nicht verloren gehen. Sie wissen, dass Gott sogar so barmherzig sein und sie in den Himmel nehmen wird, wo alles verziehen wor­den ist – wo Er das wenige Gute, das sie im Leben getan, ewig belohnen wird. Die Macht dieser Liebe ist so gross für diese Seelen, dass sie dieselben nur mit Reuequal ertragen können. Aber so sehr sie an dieser Reue leiden, so sind sie doch glück­lich, sie sind frei von Bedrohung und Zweifel, sie steuern ein­fach dem ewigen Lichte zu.

Im Fegfeuer habe ich die Dankbarkeit gegen das kostbare Blut gelernt. Da ist alles vom kostbaren Blute betaut und be­glückt. Da sehe ich die Wohltaten des kostbaren Blutes.

Und ich glaube – auch wir können die armen Seelen nur mit dem kostbaren Blute trösten. Dort ist die schönste Verehrung und Benützung des kostbaren Blutes, die man sich denken kann.

O im Fegfeuer – da empfinde ich so viel Heilandskraft. Da sehe ich, wie Jesus von diesen Seelen das wieder zurückbe­kommt, was sie Ihm verschwendet und verloren haben. Diese vielen Lücken müssen wieder ausgefüllt werden.

Es kommt mir vor wie ein Mosaikbild: Gott ist dies wun­derbare Mosaikbild – von vielen Seelen zusammengesetzt mit wunderbarer Gotteskunst. Alle Gnaden, die wir besitzen, sind eingearbeitet in diese Gotteskunst.

Und – wenn wir so viele Mosaiksteinchen zerstören und ver­lieren, wenn wir nicht Sorge tragen für das Mosaikbild unserer Seele, dann gibt es solche Lücken. Im Fegfeuer muss dieses Bild ergänzt werden – alles muss wieder her, was verloren ist, damit nichts fehlt an der Herrlichkeit Gottes.

Gott selbst – der wunderbare Gott – wäre ja zerstört, wenn nicht alles wieder ersetzt würde. In den Seelen, die in den Him­mel einziehen, darf nichts fehlen – sonst würde ja an Gott etwas fehlen, und dann wäre die Seligkeit in Gott nicht mehr voll­kommen. Wir sind eben dazu berufen, die Herrlichkeit Gottes zu werden. Es ist ein wunderbares Geheimnis, das ich nicht beschreiben, nur schauen kann: wie wir alle zu Gott gehören, gleichsam seine Glieder sind.Hier liegt eben auch der Grund, warum es ein Fegfeuer geben muss – ich möchte es auch «Re­paraturstätte» nennen.

Ja, aus Liebe und Gnade lässt der liebe Gott die Seelen ins Fegfeuer. Die Seelen, wenn sie nicht göttlich rein sein müssten, um in den Himmel einzugehen, hätten ewig nicht diese Selig­keit – wie nach solcher Reinigung.

Sie haben dann viel mehr Verständnis für Gott und geniessen ewig mehr. O das längste Fegfeuer ist nichts im Vergleich zu den Freuden, die sie erwarten dürfen.

Darum ist keine Seele ohne Trost, mag sie noch so tief in den Flammen sein: die Gewissheit, dass sie nur darum leidet, um ewig glücklich zu sein, ist ihr Trost, ihre Sonne der barmher­zigen Liebe…

Aber – nicht alle Seelen haben das gleiche Fegfeuer. Viele meinen, diejenigen, die am meisten gesündigt haben, seien am längsten von Gottes Anschauung getrennt. – Ja, das kann wohl zutreffen, aber vielleicht nicht immer.

Im Fegfeuer habe ich gelernt, über solches nicht mehr zu urteilen. Gott hat unendlich viele barmherzige Entschuldi­gungen. O, es ist wunderbar, sie im Fegfeuer zu erfahren. O, es ist oft in der Ewigkeit ganz anders, als wir es uns denken. Da sind wir nicht fähig und nicht würdig, uns nur einen Gedanken zu machen, da sind wir nicht würdig, mitzurichten.

O wie ganz anders fällt oft dieses göttliche Gericht aus – als das unsrige! – o wie ganz anders…!

Da meint man oft: diese Seele ist sicher verloren – oder zum mindesten noch tief im Fegfeuer – und sie ist schon lange im Himmel.

Da meint man oft – ja sehr oft: diese Seele ist schon lange im Himmel, sie war heiligmässig – und sie ist tief im Fegfeuer… .

Ja, Gott allein kennt seine Herzen – Gott allein hat das Ur­teilsrecht… Gott ist in seinem Gerichte wunderbar zart und fein, da sind wir dagegen so hart und stumpf. Der liebe Gott tut niemandem unrecht – da kommt niemand schlecht an, der guten Willens war… o, Gott ist so zart, so lieb, so gerecht – als Richter.

 

Welche Seelen erleiden nun am meisten Fegfeuer…?
Welche am wenigsten…?

Die Seelen im Fegfeuer sind wie von einer Hülle, einer har­ten Schicht umgeben. Es ist diese Hülle, in die sich die Seelen gehüllt haben im Erdenleben: das eigene Ich – die zu grosse Sorge um sich selbst und um Ehre usw., die Hauptsache war… Das bildet diese Hülle, durch die das Licht Gottes fast gar nicht durchdringen mag.

Es sind die Seelen, die nicht stark fragen, ob ihr Leben Gott gefalle – die ohne Angst meinen, so sei es schon recht.

Ja, es gibt Seelen, sie gehen wohl in die Kirche, sie beten auch, sie tun gute Werke – und doch bildet sich so eine «Kruste» um die Seele. Sie meinen, es sei alles recht, was sie machen. Sie fragen nicht nach den Wünschen Gottes, sie tun alles ohne Liebe, ohne Gottesfurcht und betäuben das Gewissen durch die Erfüllung der äusserlichen Pflichten. Wenn man sie auf Fehler aufmerksam macht, machen sie alles schon recht.

Ja – solche Seelen gibt es viele im Fegfeuer; diese Seelen sind auch dort noch so unempfänglich für die Erkenntnis… Sie kommt erst allmählich – so nach und nach muss das göttliche Licht die Hülle durchbrechen und die Seele von diesem Schlafe wecken.

Es gibt Menschen, die im Leben eine grosse Weisheit hat­ten, die berühmt waren, die auch viel Gutes an der Menschheit getan hatten, die für alles Rechte und Gute ihr Wort einlegten; aber weil es nur aus eigener ehrgeiziger Weisheit geschah, sind sie ganz im Weltgeist aufgegangen, und so lebten sie in zu grosser Selbständigkeit – ohne Zusammenhalten mit dem göttlichen Meister. Diese Seelen kommen in die Ewigkeit mit der grössten Unwissenheit. Auf Erden sind sie in allem reif gewesen – und nun sind sie in grösster Verlegenheit. Sie haben so viel gewusst – und wissen jetzt nichts. Denn nur den Kleinen wird das Grosse geoffenbart…. Solch weise Menschen haben oft eine dumme Seele. – Sie bleiben oft lange im Fegfeuer, bis sie nur von sich selbst erlöst sind – bis sie vom Schlafe erwachen – bis sie die Betäubung des eigenen «Ich» verlieren. Sie liegen wie tot in ihrer Hülle – bis das ewige Licht sie durchbrochen hat. Das sind meist die unbeholfensten Seelen. Sie haben so viel «Welt» und «Ich» an sich. Sobald sie dann etwas erwachen, dann vermag das Licht sie immer mehr zu reinigen – und dann wird die Seele auch empfänglicher für alle Gebete, die man ihr zu­wendet, für alle heiligen Messen und guten Werke. Sie merken es erst allmählich, dass sie Gott brauchen. Im Leben aber – da brauchten sie ihn wenig. Sobald sie erwachen – zur Erkenntnis und Reue, dann werden sie glücklich. Aber bis zu diesem Er­wachen leiden sie besonders viel – sie ersticken in ihrer Hülle, haben kein Licht und keine Luft.

Es gibt im Fegfeuer Weise, die auf der Welt in hohen Ehren standen – und nun sind sie dort so in Verlegenheit… Da ist oft das ärmste Kind weiser. Ja, da sehe ich: dass nur den Kleinen das Grosse geoffenbart wird.

Ja, der liebe Gott ist unendlich zart im Richten. Das wirklich Gute aber, welches die Seele hatte, das reinigt Er und behält es schön, um es ewig der Seele zu lohnen. Und wenn noch so viele, viele Fehler geschehen sind, so lässt Er das Gute nicht verloren gehen. Bei Ihm wird alles anerkannt – das kleinste Öpferchen. Ja, würden wir doch alles Gute, das der liebe Gott uns tut, auch so anerkennen – wie Er uns.

Ach – wie müssen wir uns doch schämen ob unserer Un­dankbarkeit vor Gott. – Ja, im Fegfeuer, da müssen wir alles Gute von Ihm noch anerkennen und danken. Da zieht alles nochmals vor der Seele vorbei – und alles muss «gutgelitten»2 werden.

Diese Seelen auch haben am meisten Fegfeuer: die auf Er­den wegen der Menschen fromm waren. Ich sehe im Fegfeuer viele Seelen, die aus Eigensinn und Eigenliebe heilig werden wollten oder, um dem Seelenführer zu gefallen, ein «heiliges» Leben ausstudierten. Es gibt Seelen dort, die ihre Beichtväter und Seelenführer getäuscht haben, denen nicht Gott der ein­zige Beweggrund war, sondern die eigene Ehre, das eigene Schönsein. Es gibt Seelen, die alle Frömmigkeit übten, aber nicht demütig waren – die keine Fehler einsehen wollten, die selbstbewusst dachten, auf dem besten Wege zu sein. Seelen, die Bussübungen verrichteten aus stolzer Nachahmung der Heiligen, nicht aus Demut und Reue. – Es gibt so viel Imitation, die fast nicht zu unterscheiden ist von der Echtheit. Gott aber ist nicht zu täuschen … – Da sind Seelen, die ein stolzes Verlangen hatten, heilig zu werden – die sich in der Zahl ihrer Opfer und Bussen in dem Spiegel schauten – die alles Grosse tun konnten und die kleinen, wichtigsten Pflichten vernachlässigten.

Ja – solche Seelen gibt es tief in den Flammen des Fegfeuers – ihr Leben war eine Lüge. O wie muss da die ewige Wahrheit brennen! – Mit diesen ist Gott nicht zufrieden – und das fühlen die Seelen in grosser Qual. Aber es braucht bei ihnen noch so viel, bis sie so reumütig sein können, wie Gott es will – bis dieses harte «Ich» sich demütigen kann. Sobald dieser Reuezu­stand, diese Erkenntnis erwacht ist, wird diese Seele unsäglich vernichtet vom göttlichen Lichte – bis sie in der barmherzigen Liebe aufgeht und nicht mehr sich selbst, sondern Jesus lebt.

Diese Erfahrungen haben mich so sehr überrascht. Ich lernte nun vorsichtig zu sein. Ich suche nichts Grosses mehr in den Seelen, sondern nur das Kleine, Einfache. Und ich habe

2 Das Wort trifft schön den Sinn von <satispassio>.

auch immer mehr gelernt, ganz klein und einfach zu sein. So gibt es eben Seelen im Fegfeuer, die getäuscht haben. Ach – für diese betet niemand, weil man sie nur für fromm hielt. Ach die Armen! – diese hat Jesus mir gezeigt, dass ich für sie bete, weil andere sie im Himmel glauben. Diese Seelen, die so starr in sich selbst hineinleben – diese haben das Feuer der Demüti­gung so notwendig.

Eine Seele – und wenn sie noch so fromm ist, und wenn sie alle Werke der Heiligen kann: ist sie nicht reumütig, nicht de­mütig, dann sind eben ihre «Tugenden» Fehler geworden. Ja, das ist mir auch eine grosse Lehre geworden – dass im Fegfeuer selbst die Tugenden gereinigt werden.

Wie oft gibt es Tugenden – sie sind nicht rein! Besonders auch dann, wenn den Tugenden das Licht des Heiligen Geistes fehlt, wenn sie nur natürlich sind. Die Tugenden sind nur dann rein, wenn sie auch klug sind, wenn sie auch Mass haben, wenn sie nicht einseitig sind und wenn sie aus der Demut des Herzens kommen und Liebe sind. Einfach – wenn ihnen die Leitung des Heiligen Geistes nicht fehlt. Man darf auch in den Tugenden nicht sich selbst leben.3 Es gibt Tugenden, die viele Lästerlein in sich haben.

Darum müssen auch die Tugenden gereinigt werden. Wir beflecken eben oft die Gnaden und Tugenden mit unserem eigenen Ich. Sobald alle Tugenden mit heiliger Gottesfurcht geziert sind, dann erst werden sie rein.

Man muss eben immer wieder zu Gott aufblicken und sagen: O Heiland, hilf mir auch da, dass ich es recht mache. Niemand ist der göttlichen Hilfe und Barmherzigkeit so sicher wie eine solche Seele, die in sich selbst unsicher ist. Niemand kann so ruhig sein in seiner Seele wie diese Seele, die reumütig und vertrauensvoll – ängstlich ist, dem lieben Gott alles recht zu

3 Stimmt mit Augustinus und Thomas von Aquin überein.

machen. Die vertrauensvolle Besorgnis, alles so zu machen, wie Jesus es will, das macht die Seele rein. Nur in Jesus – nur im Vertrauen auf Ihn sicher und ruhig sein: das hab‘ ich im Fegfeuer gelernt, und das ist mein Trost. Denn durch meine Erfahrungen im Fegfeuer bin ich so ängstlich um meine Seele geworden: aber Jesus hat mir nun den Weg gezeigt – zum guten Willen, zur Reue und zur Hingabe. – Ach, lieber hier auf Erden schwer an «sich selbst» tragen als drüben in der Ewigkeit!

Jetzt möchte ich noch sagen, welche Seelen im Fegfeuer am glücklichsten sind – und bei welchen die Hülle am schnellsten gelöst ist.

Da kann ein armer, grosser Sünder sein – der viele Schwach­heiten hat. Der liebe Gott allein weiss, wie er erzogen ist und vielleicht veranlagt ist. Er kennt auch die Geheimnisse der Natur, Er weiss auch jede erbliche Belastung. Ach – er ist ein armer Sünder, der Heiland hat Erbarmen mit ihm, weil er seine Fehler und Sünden einsieht und ohne Entschuldigung, ohne Widerrede jede Mahnung annimmt. Ach – und er will sich si­cher bessern – alles, was man ihm vom lieben Gott sagt, klingt an und fällt auf demütigen Grund. Und er denkt: Ach – wenn ich doch besser werden könnte…! Wenn so ein armer Sünder ans Sterbelager gekettet wird, wenn er vor den Toren der Ewigkeit steht – dann ist seine Reue, seine Erkenntnis so gross, dass er seinen barmherzigen Gott um Verzeihung bittet – so aus Liebe wie noch nie im Leben. – O, da ist der Heiland gut – so gut. Da fällt die Hülle weg – es ist nur noch die reueflehende Seele, die alles erkennt, nur noch nach barmherziger Liebe lechzt. Da sind nicht mehr diese Hindernisse da – da braucht es nicht mehr viel, mit dem lieben Gott grosse, intime Freundschaft zu haben.

So kann ein armer Sünder sterben. Der Heiland geht mit ihm ins Fegfeuer – und dort wartet diese Seele glücklich, bis sie ganz rein ist, und verzehrt sich vor Reue und Dankbarkeit – bis der Heiland sie holt. Ja, da geht es viel leichter und schneller, weil die Seele aufrichtig und demütig und vertrauensvoll war, und die barmherzige Liebe hat so Freude an ihrem reuigen Kinde, entschuldigt seine Fehler und Schwachheiten, bezahlt seine Schulden. Und auf Erden hat man oft keine Ahnung, wie schnell so eine Seele in den Himmel kommt. Denken wir an den Schächer am Kreuze – dem ist auch die Hülle weggefallen. Jesus hatte auch viele Entschuldigungen für ihn: seine Erzie­hung, seine Veranlagung und so vieles andere bewegte den Heiland zum Erbarmen, umso mehr, weil es dem armen Schä­cher nie recht war, dass er sich nicht bessern konnte. Und als er den Heiland am Kreuze sah, verstand er das «Warum» – und söhnte sich mit der barmherzigen Liebe ganz aus.

O wie gut und gerecht ist doch Gott mit den armen Seelen.

O es ist doch ein lieber, lieber, lieber Gott – ach man muss Ihn lieben – wenn man an Seine Güte denkt. – Deo gratias.

Am schnellsten sind die Seelen im Himmel, die ihre Feh­ler schnell einsehen – die nicht hartnäckig verhüllt sind vom Selbstbewusstsein. Gott richtet uns nicht nach unseren Fehlern, sondern nach unserem guten Willen. Eine Seele, die immer be­reit ist, seinen Willen zu verstehen und zu tun – die ist gut dran: eine Seele, die man nicht so schnell verletzt, wenn man ihr einen Fehler sagt, die mit grosser Lust und Freude und Dank­barkeit einen Fehler abzulegen sucht.

O mit solchen Seelen hat der liebe Gott gut machen – sie haben nicht so viele Widerstände und so viele Lügen in sich selbst. Diesen Seelen hilft der Heiland, damit sie ihrer Fehler frei werden.

Die demütige Frömmigkeit, diese fehlt so oft – sie ist so sel­ten, diese fromme Frömmigkeit. Was nützt es, wenn wir alles wissen, was man über Himmel und Erde wissen kann, wenn wir aber die Hauptsache nicht wissen: dass wir nichts sind und nichts können – dass Gott alles tun muss, was wir tun? Was nützt alle Weisheit, wenn wir die Weisheit der Kleinen nicht haben? Dann kennen wir ja die barmherzige Liebe nicht – denn wer nicht arm ist, der weiss nichts von Barmherzigkeit.

Dann fällt das ganze selbstgebaute Gebäude zusammen, wenn es nicht auf dem Boden der Armut steht. Die Armut ist das Fundament für alle Gnaden – ja für unser ganzes ewiges Leben. Und wenn diese Wissenschaft fehlt, dann ist alle andere Wis­senschaft und alle Heiligkeit nichts – dann fällt sie beim ersten Windstoss in Trümmer. Wo die Armut ist – da ist der Reichtum der barmherzigen Liebe. Wo die Schwachheit ist – da ist die Kraft Gottes. Und wo die Reue ist – da ist die Treue!

O wie gerne weile ich bei den armen Seelen, um da die tiefen ewigen Lehren in meine durstige Seele einzusaugen. Ich gehe dorthin, um an den Quellen der barmherzigen Liebe zu trinken, wo die armen Seelen ihren Durst stillen… Ich bin ja auch eine arme Seele – auch so arm – so arm, aber ich habe die Quelle gefunden, wo die Durstigen hingehen.

O das Fegfeuer ist ein schöner Ort. Da ist Gott so gut – so gut – so gut!

Ich habe gesagt, wie die armen Seelen arm werden müssen von sich selbst. Dann verstehen sie den Heiland besser. Diese Seelen, die schon arm sind im Leben – diesen geht es am be­sten.

Besonders diese Seelen sind gut dran, die hungern und dür­sten nach dem Worte Gottes. Z.B. wenn eine Seele die Predigt und jeden Zuspruch andachtsvoll aufnimmt – als direkte Got­tesworte –, wenn sie dieselben mit ins Leben nimmt (und alles benützt, um besser zu werden) und sie nie verliert, diese Seele ist auf dem rechten Wege. Wenn ihr das einfachste Gotteswort kostbar ist, wenn sie keines anhört, ohne die Seele dafür zu öff­nen. Jedes Gotteswort ist ja ein Klopfen des Heilandes. In jedem Wort ist Er – und will hinein. O wie schön sind diese Seelen, die andächtig die Gottesworte aufnehmen. Dann fallen die Sämlein auf fruchtbaren Boden… O wie schön ist eine Seele, die das heilige Evangelium liebt und mit Ehrfurcht aufnimmt, die emp­fänglich ist für die einfachsten Heilandsgedanken, die Sorge trägt zu allem, was sie empfangen hat. O diese Seele – mag sie auch viele Fehler haben – sie wird rein werden.

Wenn solche Seelen ins Fegfeuer kommen, hat der liebe Gott nicht viel Arbeit mit ihnen. Nur ein Wort – und die Seele ist ge­sund.

Es gibt Seelen im Fegfeuer, die auf Erden fromm schienen; ­im Fegfeuer sind sie böser als die «Bösen».

Besonders solche, die die Worte und Werke Gottes boshaft angegriffen, die «bekrittelt» und oft verurteilt haben, was heilig und rein aus Jesu Herz kam.

Es gibt Seelen dort, die scheinbar fromm waren – aber ein Unrecht ums andere lastet auf der Seele. Es sind Seelen, die Un­recht getan haben – und die es nun einsehen müssen. Es sind Bosheiten in diesen Seelen – ungelöst –, uneingesehene Bos­heiten, die sie nur deswegen nicht erkannt haben, weil sie sich selbst blenden liessen von ihren Opfern, Gebeten und guten Werken. Gott will ihnen aber zeigen, dass nicht das Frömmig­keit ist – sondern Gerechtigkeit und Wahrheit und Gottesfurcht.

Es gibt eben Seelen, die nicht einmal beim Tod einsehen, dass sie da und dort Unrecht getan haben, – die es nicht einse­hen wollen, um den Stolz nicht zu beugen.

Solche Seelen, die wirklich Bosheiten auf sich haben und sie zu wenig bereuen, zu wenig ernstlich erkennen – diese kom­men, nachdem sie noch durch Gottes Barmherzigkeit gerettet wurden, in das «strafende» Fegfeuer.

Da sagt die Liebe Gottes besonders ernst, was sie begangen. Und doch kann ich es fast nicht Strafe nennen, sondern lieber Gnade – es sieht alles so barmherzig aus, was ich sehe.

Es gibt ja solche Seelen, die nur mit «knapper Not» noch gerettet werden, weil Gott in seiner Barmherzigkeit auch lang­mütig ist. Sie leiden eine grosse Qual, sie sind viel ferner diesen göttlichen Tröstungen und fühlen sich wie in einem ewigen Abgrund. Und doch sind diese Seelen voll Dank gegen die barmherzige Liebe und das kostbare Blut. So ganz verhärtete Bosheiten brauchen ein tüchtiges Fegfeuer, der göttliche Vor­wurf liegt dann auf den Seelen und brennt die Seele durch. Ja, es gibt verschiedene Zustände in jenem heiligen Reinigungsort – unerklärliche Zustände, die ich nicht niederschreiben kann.

Das sind nur einige Notizen, die ich fast nicht wage hier nie­derzulegen.

Aber unaussprechlich schön ist es, wenn eine arme Seele in den Himmel eingeht. O das ist so schön, dass man nicht ohne Tränen diesem Schauspiel zusehen kann.

Je ärmer eine arme Seele wird, umso näher ist sie dem gött­lichen Lichte. Wenn die Hülle aufgebrochen ist, dann wird die Seele vom göttlichen Licht wie aufgesogen; denn sie selbst ist wie ein Lichtlein vom göttlichen Lichte, und die Seele selbst ist ein Fünklein göttlichen Lebens. Und so wird dieses kleine Leben ganz Sein Leben, dieses kleine Lichtlein ganz Sein Licht. In dieser ewigen Liebe und dieser ewigen Ruhe verschwindet dann das Seelchen. Es ist eine Umarmung von unendlich zarter Liebe, ein wunderbares Versöhnungsfest und Erlösungsfest. O dieses Danken der Seele gegen den Erlöser, dieses Danken für sein heiligstes Leiden und Sterben, für sein kostbares Blut – es ist so rührend. O der Heiland und die Seele – beide so zufrieden, wenn sie einander nun ganz haben. Der Himmel ist so wunder­bar, dass selbst der Reine nicht rein genug ist um einzugehen.

Ja diese Heimat ist so rein und schön, dass es wirklich eine besondere Reinigung geben muss, damit die Seele dieser Herr­lichkeit würdig werden kann.

Könnten wir mit unserer Hülle von Selbstsucht in den Him­mel kommen, wir könnten nicht selig sein. Wir würden es gar nicht merken, dass wir im Himmel sind.

Gott hat in allem seine Gesetze, und nach diesen Gesetzen pflegt Er unsere Seelen für dieses reine Himmelsglück.

Diesem Schauspiel zuzuschauen – was dort in der Ewigkeit alles geschieht – ist so erschütternd. Bücher könnten es nicht fassen, was ein Herz da fassen kann…

Gott hat wunderbare Wege, um die Seelen zu retten. Er gibt Wege, die über Höllenqualen führen. Gott ist gut. Ach – Er will seine Seelen nicht verlassen.

Wie oft meint man, es sei eine Seele verloren – aber Gott al­lein ist es bekannt, wie Er sie gerettet hat. Das sind die stillen Wunder seiner barmherzigen Liebe, an denen Er sich aus gött­lichem Herzen freut. Jesus fängt seine Seelen noch an jedem Fädchen. Er hat so viel Liebe – so viel Liebe. Ach – was muss das für ein Riss im Herzen Jesu sein, wenn eine Seele in die Hölle will. Ich ahne nur leise diesen Heilandsschmerz – er muss unvergleichlich schrecklich sein. O was muss sein Herz am Kreuze gelitten haben, um uns Seelen – um uns dem Abgrund zu entreissen.

Ja, die Liebe Gottes ist das Fegfeuer, durch das wir arme Seelen werden.

Man kann aber diese Liebe Gottes schon auf dieser Erde als Fegfeuer haben.

Wenn man an diese Liebe Gottes denkt, die uns überall be­gegnet, dann wird man so arm – man erkennt so sehr, dass man undankbar ist und dass man diese Liebe so wenig erwidern kann. Nichts tut der Seele so weh als der Gedanke, dass der Heiland so gütig ist und wir so böse Kinder – die Ihn abermals gekreuzigt hätten. Wenn wir die Strahlen seiner Liebe auffan­gen, müssen wir davon brennen und arme Seelen werden im Fegfeuer seiner göttlichen Liebe… Je mehr wir Gott und seine Liebe erkennen, umso mehr erkennen wir auch «uns», und je mehr wir auch «uns» erkennen, desto mehr erkennen wir seine barmherzige Liebe. Je näher wir der göttlichen Liebe kommen, umso mehr vernichtet sie uns, und so werden wir «arme» See­len.

Ja – ich begreife immer mehr, dass man die Liebe Jesu lei­den kann.

Ich habe ja auch mein Seelenmartyrium dadurch bekom­men, dass die göttliche Güte mich so arm gemacht hat.

Ich habe in meinem Leben am meisten an Vernichtung und Armut gelitten. Darum bin ich mit den armen Seelen eins ge­worden und bin von ihrem Troste getröstet worden.

Ich komme mir vor wie ein schwarzer Fleck mitten in der Sonne der barmherzigen Liebe.

Ich kann es ja nur Gott allein klagen, was ich gelitten habe und immer noch leide an dieser einen Sehnsucht, seiner Liebe keinen Wunsch zu versagen und dem Heiland alles recht zu machen.

Ich schmachte Tag und Nacht in dieser einzigen Sehnsucht, und sie ist mir zum Schrei der Seele geworden. Meine Seele schreit und schreit – und sie dürstet nach Reinheit, sodass ich nie mehr ruhen kann. Selbst durch den Schlaf hindurch stöhnt meine Seele um Bekehrung.

Ach Gott, wie kann ich die Qualen der armen Seelen ver­stehen! Was habe ich schon gelitten an der göttlichen Liebe, weil sie mich so reuewund gemacht hat – was habe ich schon geweint und gerungen. Der Heiland, der im heiligsten Altarsa­kramente uns so viel Liebe zeigt – Ihm sollten wir nur Freude machen. Aber ich bin ja so arm – so arm – so lauter Elend und Schwachheit – ich fühle so viel Böses in mir. Ach, ich möchte doch gut sein – so gut, dass kein leises Wünschlein dem Heiland unerfüllt wäre. Ach, ich möchte aus Liebe zu seiner Liebe gut sein – allein nur, weil ich Ihn lieb habe und seiner zarten Liebe nie weh tun möchte. Seine Liebe und Güte ist es, die mich ver­zehrt im Rechtmachenwollen. Alle meine Wünsche sind erstor­ben – nur eines noch wünsche ich: seine zartesten Wünsche zu erfüllen.

Ich habe so Angst vor mir selber – so Angst vor mir selber – so Angst vor Selbsttrug und Eigenliebe. Ich muss fliehen vor mir selbst – sonst halte ich mein Ich nicht mehr aus.

O wie oft beneide ich die armen Seelen im Fegfeuer. Wie oft möchte ich mit ihnen tauschen.

Ach – sie dürfen nur gut sein – sie müssen4 nicht mehr bös sein. Die Bedrohung durch das Böse der gefallenen Natur ist von ihnen genommen. Die armen Seelen dürfen gut sein. Wie oft denke ich: das wird mein Himmel sein, wenn ich einmal sicher gut sein darf. Ich denke nicht mehr an ein anderes Selig-sein – nicht mehr an ein selbstisches Glücklichsein. Nur noch eines kann mein Glück, meine Seligkeit sein, wenn ich einmal ganz gut bin, wenn ich einmal alle Wünsche Jesu kennen und erfüllen darf. Gott, welch ein heisses Sehnen brennt in mir! Ich wäre ja zufrieden, wenn ich anstatt in den Himmel nur ins Fegfeuer dürfte, um ewig dort gut zu sein, so recht, wie es der Heiland wünscht. Das würde ja mein Himmel sein. Nur Jesu Wünsche müssen erfüllt sein – dann sind auch alle meinigen

4 Zu verstehen gemäss dem partikularen Heilswillen Gottes und der ira Dei nach Röm. 1, 18 ff. u. 9, 18. Auch Augustinus, De gratia et libero arbitrio c. 21, u. 42 : Satis manifestatur operari Deum in cordibus hominum ad inclinandas eorum voluntates quocumque voluerit, sive ad bona pro sua misericordia, sive ad mala pro meritis eorum.

gestillt. Nur Jesu Seligkeit, Jesu Trost und Jesu Freude ist mein Himmel. O wenn ich im Fegfeuer wäre, wo man doch ganz gut sein darf – wie glücklich wäre ich! ‑

Durch dieses Sehnen sage ich dem Heiland meine Liebe. Nicht durch Akte und viele Worte sage ich sie Ihm, sondern ich zeige Ihm mein Schmachten und Sehnen. Nichts im Himmel und auf der Erde zieht mich so an wie dieser eine Gedanke, der mich in jedem Augenblick meines Lebens verzehrt. O wie wird das mein Himmel sein, wenn ich den Heiland mit mir zu­frieden weiss. – O wie würde ich gerne auf alle ewigen Freuden verzichten, und ich weiss nicht, was ich täte, um das zu errei­chen… Ach – unter Tränen schreibe ich diese Worte, und mein Herz zittert vor Verlangen.

Wann wird der Augenblick kommen, o Gott, wo ich Dir eine reine, schöne Seele schenken darf, damit sie ganz zu Dir gehört! Es ist mir so, als sei ich von diesem einen Gedanken umsponnen – er ist der Pulsschlag meines Lebens… O Heiland, ich vertraue grenzenlos auf Dich, dass Du Dein Wünschen mir erfüllst – denn für Dich allein, o Heiland, ist ja alles, um was ich flehe…

Wenn einmal der Druck der Erbsünde mich erdrückt hat und die letzte Stunde meines Lebens kommen wird, dann wird diese letzte, schwerste Stunde die erste leichte Stunde meines Lebens sein. Dann wird der erste ungeteilte Trost in meine Seele strah­len – denn ich sehne mich ja zu sterben, um gut zu werden. Ich sehne mich zu sterben, um meine Eigenliebe, meine böse Sün­dennatur tot zu wissen – um sicher zu sein, dass ich dem Heiland nie mehr wehe tue. O dieses Ich, das ich im Leben fast nicht mehr ertragen möchte – wenn es stirbt, wird es dem Heiland nie mehr wehe tun. Ach, ich fürchte mein Ich. Aber Jesus – ich vertraue auf Dich! – Wie gerne denke ich an meine letzte Stunde – diese Stunde schon ist mir wie ein Himmelreich. Ich werde des Heilandes Ruf schon erkennen. Er wird sagen: Komm, Kind meiner barmherzigen Liebe, – jetzt darfst du gut sein.

Und dann ist der Moment da, wo ich ruhe – zum ersten Mal in meinem Leben. Dann werde ich mit Freudentränen in Jesu Herz sinken – um ewig gut zu sein. – O, schon während ich dies schreibe, bin ich selig berauscht – ich kann mir keine andere Seligkeit denken, als gut zu sein aus Liebe zum Heiland, der ein so zartes Herz hat und den ich doch so liebe, dass es nichts Schrecklicheres gibt als die Sorge, Ihm wehe zu tun.

Ach – ich möchte so Sorge tragen für das zarte Herz Jesu, möchte so zart sein, möchte doch seine Wunden lieber verbin­den als schmerzen. – Und doch bin ich noch so unfein mit dem feinen, zarten Heiland, bin so klotzig, so rücksichtslos – denke wieder zu sehr «Ich» – als Dich.

Ach, Heiland, fast verblutet mein Herz vor Schmerz und Liebe, und es brennt in heissem Verlangen. Ach Jesu – Du weisst es… Jesu…

Jetzt bin ich ganz in ein anderes Thema hineingeraten. – Ich ruhte ein wenig aus und komme nun zurück auf das Fegfeuer.

Solche Seelen, die so ganz gottausgesöhnt sterben, die ein grosses Vertrauen auf die barmherzige Liebe hatten, streifen oft nur am Fegfeuer vorbei oder gehen durchs Fegfeuer durch. Viele Seelen, die so ganz gut und brav waren, können oft Wo­chen und Monate lang im Übergang sein vom Fegfeuer in den Himmel.

Diesen ist Jesus ganz nahe, und sie kosten schon Himmels­seligkeit. Sie sind im Aufgehen ins ewige Licht. Diese Seelen leiden dann nicht viel; sie harren in einem seligen Erwarten, aber doch voll Reue, bis ihre Reue genug ist.

Ja, es kommt etwa vor, dass eine Seele sogleich in den Him­mel kommt. Das sind Seelen, die nach dem Himmel schmach­teten und die auf Erden schon genügend vertrauensvolle Reue hatten. Reue müssen wir halt haben, weil der Heiland für uns sterben musste.

Eine Seele im Reuezustand kann blendend weiss werden von der barmherzigen Liebe, so dass sie das Fegfeuer schon durch­gemacht hat. Jesus will nur die Armut – dann gibt Er uns das Himmelreich. Ja – solche Seelen, die nichts anderes mehr auf Erden liebten als Jesus und seine Gesetze – diese können schon direkt in die Arme Gottes, in den Himmel hinein fliegen. – Ja, es gibt solche wunderbare Seelen – die aber sind sehr selten, und sie haben das Fegfeuer auf Erden schon durchgemacht.

Zum Schlusse muss ich noch etwas sagen – das ich fast nicht schreiben darf. Aber ich schreibe diese Eindrücke ja nur im Gehorsam auf.

Ach – das schrecklichste Fegfeuer haben die Priester, die nicht treu waren, die ein schlechtes Beispiel gaben und dem Heiland viel Leid gemacht haben. – Wenn sie dann nicht mehr die Gnade haben, vor dem Tode viel zu leiden und viel und ganz zu bereuen – o dann gibt es ein furchtbares Fegfeuer. Es kommt viel vor, dass auch Priester sich noch ganz bekehren und dem Heiland noch viel Freude machen. Aber wenn diese gründliche Bekehrung und Einsicht noch fehlt, wenn der Weg zum Got­tesherzen noch viel zu weit ist, wenn es nur so ein schwaches Vorbereiten gibt auf die Ewigkeit, nur so ein schwaches Zu­sammenknüpfen mit der barmherzigen Liebe: o wie viel hat der liebe Gott dann zu sagen – beim heiligen Gerichte! Aber wie froh sind dann diese Priester, dass sie nicht verloren sind. Es gibt Priester, die bis ans Ende der Zeiten im Fegfeuer bleiben müssen. Mit niemandem ist der liebe Gott so streng wie mit den Priestern – weil niemand so sündigen kann wie ein Priester, der seine Pflicht vergisst.

Aber mit den einsamen, weltabgetrennten Priestern ist Gott so gut, so lieb, dass sie schnell, schnell in den Himmel kommen.

Auch mit den reumütigen Priestern, denen er viel zu verzeihen hat, ist Er so gut – aber gebüsst muss alles werden. – Ich kann es nicht beschreiben, wie ernst der liebe Gott über die Priester­pflichten denkt und wie ernst die Priester gerichtet werden…

Ein Priester, der ganz guten Willens ist, muss nie Angst ha­ben – er erfährt unerwartet und ungeahnt viel Milde und Güte von Gott. O ein Priester, der alles so recht machen wollte, der keine Anhänglichkeiten hatte – dem geht es gut. Einem Priester, der am eucharistischen Jesu allein Freude hatte. Solche Seelen werden nur ausgespült vom kostbaren Blute und dann in den Himmel aufgenommen. – Aber ich darf und kann fast nicht zusehen – wenn ich so viele Priester tief, tief im Fegfeuer sehe – wenn ich sehe, dass sie dem lieben Gott so viel Weh gemacht haben; wenn sie mit der Welt, mit den Menschen verknüpft waren … und der Würde vergassen. Mein Gott, diese Priester – sie stehen zitternd vor ihrem Gotte und büssen eine furchtbare Schuld, – und der liebe Gott ist wieder gut: sobald die Reue sie durchdrungen hat, holt Er sie heim – so lieb….

 

Fortsetzung: Allerheiligen 1931

Der Blick ins Fegfeuer, der heute so tief gedrungen ist, drängt mich, noch mehr von diesem wunderbaren Orte zu erzählen. Ich war wieder bei den armen Seelen, und ich habe wieder so grosse Lehren mit auf die Erde genommen.

Ich sah diese Seelen, die mit der heiligen Kommunion ge­storben sind. 0 der eucharistische Heiland in den armen Seelen – der eucharistische Heiland im Fegfeuer! – Die armen Seelen waren heute so dankbar – sie dankten immer und fühlten so sehr jede Wohltat der Sühne. Sie grüssten mich – als ein Wohl­täterlein – und ich konnte es fast nicht begreifen, dass sie mich kannten und dass sie dankten, denn ich fühlte vielmehr Reue und Armut, dass ich nicht mehr für sie gelitten und gebetet habe. Und doch redeten sie mit mir und sagten mir, dass ich für sie gesühnt habe und dass meine Tränen auch für sie geweint wurden. – Da auf einmal sah ich, dass Jesus es war, der aus den armen Seelen mit mir sprach, Jesus, der sich in den armen Seelen trösten liess. Denn auch hier gilt sein Wort: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan.

0 ich sah es mit tiefem, klarem Blick, dass Jesus es war, der für die armen Seelen dankbar war. Ich schaute Ihn in diesen Seelen – in der heiligen Kommunion. Ich sah, wie der euchari­stische Heiland mit den armen Seelen ist – bis Er sie ganz in den Himmel nehmen kann. Diejenigen, die Ihn fromm empfangen, dürfen Ihn mitnehmen, und Er leidet, schmachtet und dürstet mit ihnen.

Er leidet mit den Leidenden, Er büsst mit den Büssenden und sehnt sich mit den Sehnsüchtigen. – Diese Seelen werden nicht gepeinigt, sondern nur gereinigt. Und sie schätzen Jesus so sehr, sie schätzen die heilige Kommunion, die nicht nur auf Erden bei ihnen war, sondern auch dort ist, wo sie sonst so einsam und allein wären. Auf seine eucharistische Art leidet und fleht der liebe Heiland in diesen Seelen, die Ihn empfangen ha­ben. O wie sah ich eine Herablassung Gottes, dass Er da in und mit diesen Seelen das Fegfeuer erträgt. Er will sie begleiten, bis sie daheim sind. Diese wunderbare Güte und Barmherzigkeit Gottes konnte ich nicht ohne Tränen erleben…

Es gibt aber auch Seelen, die nicht direkt vor dem Sterben kommunizieren konnten, die aber im Leben immer beim eu­charistischen Heiland Trost und Kraft gesucht und Ihn recht andächtig empfangen haben – aber mit Armut und Reue. Diese Seelen haben es auch viel besser als diejenigen, die gewohn­heitsmässig und kalt den lieben Gott kommunizierten. 0 wie stöhnen diese Seelen den verlorenen Gütern nach, wie hungern und brennen sie im Glutofen der Reinigung. Auch Priester, die am Altare ihre schönsten Stunden verbracht, die dort mit tiefer Herzensarmut die barmherzige Liebe eintranken, sind gut dran, und selbst Sünden und Fehler werden bald getilgt sein in diesem Blute unseres Heilandes, welches sie schon im Leben geschätzt und gebraucht haben. – Andern hingegen fehlt die Er­kenntnis, und sie finden nicht das, was sie finden sollten, weil das Bedürfnis schon auf Erden fehlte… Sie sind abgestumpft für all die Erlösungsgnaden, und erst nach und nach erwachen sie zum Leben… und Erkennen.

Jede Seele hat ihren eigenen Zustand, weil jede ihre eigenen Pflichten und Gnaden hatte, und Gott richtet sie nach ihren Talenten, nach der Bestimmung und nach dem guten Willen. Ach – ich kann ja nur stammeln über die wunderbaren Ge­heimnisse des Fegfeuers. Dort sehe ich, wie Gott im heiligsten Sakramente auch dort wohnt, sodass die Seelen Kapellen der hl. Eucharistie sein dürfen. O, Gott ist so lieb und gerecht im Fegfeuer. Niemand verurteilt Er. Wenn es Seelen gibt, die den eucharistischen Heiland nie gefunden, nie gekannt haben, tadelt Er sie nicht. Er entschuldigt sie und ersetzt alles durch den guten Willen – durch den sie nur das Rechte wollten. Diesen Seelen gab Er die Begierdekommunion.

So gut ist Jesus – sodass ich sagen muss: 0 Gott, im Fegfeuer habe ich dein wunderbares Herz kennen gelernt. – Ausser im Himmel kann man seine Liebe und Gerechtigkeit, seine Barm­herzigkeit und Güte nirgends so finden wie in diesem heiligen Orte. Im Fegfeuer sehe ich auch seine heiligen Gesetze, die auf Erden oft zertreten, missachtet und übersehen werden. O seine Gesetze sind dort so schön, so lieb und so zart – und selig diese Seelen, die sie erfüllen. Aber leider sehen wir Menschen unsere Bosheiten oft erst drüben im Ewigen ein.

Wie viele Seelen finde ich da im Fegfeuer, die auf Erden mit­ten im Reichtum lebten; sie waren wohl religiös, aber wie viele Schäden leiden ihre Seelen durch Anhänglichkeit an Geld und Gut.

Mit Zittern und Bangen habe ich diese Schäden betrachtet und meine Erfahrungen daraus gezogen.

Der liebe Gott hat den Menschen, die an irdischen Gütern Überfluss haben, die Pflicht gegeben, anderen, die zu wenig haben, zu helfen. Die Reichen haben den Auftrag, im Namen ihres Gottes zu spenden, weil alles Gut und Geld Ihm gehört. – Und wollen die Reichen wirklich keine Schäden an der Seele erleiden, dann müssen sie ihren Reichtum nicht als eigen be­trachten, sondern als Gottes Sache, und sie müssen Gesandte Gottes sein, um seine Güter zu spenden.

Wenn der liebe Gott sie so sehr mit Gütern segnet und so gut für sie sorgt, so tut Er es, damit diese wieder für andere sorgen oder Er durch diese für andere sorgen kann. Jetzt erst verstehe ich die Warnung des Heilandes, als Er sagte: Wehe den Rei­chen… Erst heute verstehe ich alles – seit ich dieses Gesetz im Fegfeuer geschaut habe.

Es gibt im Fegfeuer viele Reiche, die dort furchtbar arm sind, aber auch viele Arme, die reich sind in Gott. Andern zu helfen und Gutes zu tun, ist nicht nur Wohltätigkeit, sondern Pflicht. Wehe aber den Reichen, die den Überfluss für sich allein ge­brauchten, während sie den armen Mitmenschen zu wenig gaben oder sie für minder anschauten.

Wie viele könnten mehr Gutes tun – und tun es nicht, wäh­rend sie selbst in Überfülle geniessen. – Der liebe Gott gab den Reichtum nicht für diejenigen, die ihn haben – sondern auch für die anderen. Wie vieles stiehlt man Gott weg, wenn man im Überflusse lebt. Ja, Gott verlangt auch Steuern. Wer wenig hat, der hat mit dem wenigsten am meisten gegeben; wer viel hat, soll aber viel geben, und zwar demütig spenden, weil die Gaben von Gott kommen – und Ihm gehören. Ich habe heute viele, viele Sünden gesehen, die durch den Reichtum entstanden sind, weil sie ihn nicht nach Sinn und Zweck Gottes gebrauchten, oder weil sie bei Wohltaten die Ehre für sich selbst erkaufen wollten. – Wie lange warten solche Seelen im Fegfeuer, die hier eine so grosse Pflicht versäumt haben… Wie haben selbst ihre Tugenden Schäden, furchtbare Schäden erlitten, und wie sind diese Reichen arm, bitter arm geworden.

O wie ist der Heiland gut mit denen, die auch gut waren.

Als ich all die armen Seelen mit innigem Flehen trösten wollte, zeigte Er mich den armen Seelen und sagte: Hier will ich für euch weinen, beten und sühnen und viele, viele Tränen vergiessen. Hier will ich euer Leben nochmals gutleben, hier will ich alles tun, was ihr vernachlässigt habt – und dann sagte Er: Das sei euer Trost, meine lieben Kinder. Und bis ins tiefste Fegfeuer hörte ich diese Worte fallen, und es war, als ob das Fegfeuer gelöscht würde – so sehr fühlte ich den Trost der ar­men Seelen.

Und dann fühlte ich mich so arm, und ich bat Jesus, mich hier im Fegfeuer zu lassen, um brav zu werden und all meine Versäumnisse zu büssen. Und dann hat der liebe Gott mich zum Schwesterchen der armen Seelen gemacht und sprach: Ja, dein Leben ist ein Fegfeuer – und so darfst du diese Leiden leiden und diese Sehnsucht nach dem Himmel durchmachen.

O wie fühlten diese Seelen die Güte und Liebe Gottes. Es war wie ein Freudenfest in dieser Reinigungsverbannung, und viele, unzählige Seelen steigen ein in die ewige Liebe und Güte Gottes und waren im Himmel. Sobald sie dieselben erkennen, ganz erkennen – sind sie erlöst… Aber wieder sah ich so viele Seelen, für die niemand betet. Und wie ich schon geschrieben habe, sind es sehr oft Seelen, die im Leben sehr fromm galten, die fromm sein wollten – nur um sich schön zu machen. Diese Seelen schmachten so allein im Fegfeuer, und es wäre ihnen eine Erleichterung, wenn ihre Fehler auf Erden bekannt wür­den, die sie mit aller Kunst verborgen hielten. – Ich habe es wieder gesehen – für diese betet man wenig oder gar nicht, weil man sie im Himmel glaubt. Da gab mir der Heiland den Auftrag, für sie zu leiden und zu beten und für ihre Heimlichkeiten zu sühnen.

Nicht umsonst habe ich deswegen schon so Schreckliches durchgemacht.

Diese Menschen waren auf Erden wie falsche Christusse ­sie liessen sich verehren und als Beispiele hinstellen, sie hatten eine selbstgemachte Heiligkeit, und es waren falsche Gnaden; nach aussen stimmte alles überein, nur nach innen nicht.

Ach – wenn ich mich nur nicht zu scharf ausdrücke – aber ich glaube es ja selber nicht gern, und es tut mir selber weh, während ich schreibe, und doch habe ich solche Seelen ge­schaut, die jetzt hundertmal lieber nicht verehrt worden wären auf Erden – die ihre Falschheit, ihre Eigenwerke, ihre geistigen Eitelkeiten bitter büssen mussten. Die Unwahrheit wird von Gott, der ewigen Wahrheit, verbrannt.

Aber ich sehe, wie sie nun alles einsehen, und darum ist der liebe Gott doch gut mit ihnen. Er hat sie ja doch gerettet und an jedem guten Fädchen sie gezogen. Ja, diese Seelen müssen zu­erst arm werden, und dann ist die Hauptsache an ihnen getan…

Ich sah auch Priester, die wegen dieser Seelen auch lei­den mussten, besonders dann, wenn sie diese Seelen in ihrer falschen Frömmigkeit unterstützt haben und wenn sie nicht um das Licht des Heiligen Geistes gebetet haben; denn ohne den Heiligen Geist kann man oft ein böses Kräutchen pflan­zen und pflegen. Der Heilige Geist muss den Priestern helfen, die echten und unechten Gnaden zu unterscheiden. – Aber in demütigen Herzen hat der Heilige Geist immer Platz – und zur rechten Zeit leuchtet er hinein in manch unsichere Stelle, be­sonders wenn man um das Licht gebetet, viel gebetet hat. – Es gibt Priester, die um einer Seele willen länger leiden müssen als die Seele. Aber es gibt auch Priester, die so recht guten Willens waren und alles, alles nach Gottes Willen machen wollten, die in aller Demut und Gottesfurcht ihr Amt ausübten. Bei diesen sind selbst die Fehler nicht so eingewurzelt, und sie sind wie aller Verantwortung frei. Ich sehe es ganz deutlich, dass diese Priester nicht nach ihren Fehlern gerichtet werden, sondern nach dem guten Willen, auch wenn sie viele Fehler hatten. So lieb und sanft löst der liebe Gott diese kleinen Feh­ler, und sie gehen so gut weg – wenn das Herz demütig ist. Die Demütigen sind halt am besten dran – sie lassen sich so leicht von der göttlichen Hand korrigieren. – Wir müssen darum viel zu Gott aufblicken, um demütig das zu erkennen, was Er von uns will – um nicht durch den eigenen Geist den Heiligen Geist zu verdrängen und nicht durch die eigenen Gedanken Gottes Gedanken zu verlieren.

O wie ruhig können diese Seelen sein, die schon in Demut gedient haben und immer so handeln wollen, wie Er handeln würde.

Jesus in den armen Seelen

November 1931

O es ist so schön, Jesus in den armen Seelen zu sehen – als den Erlöser.

Ich sehe diese Seelen an allen eigenen Fähigkeiten gebun­den, ohne eigene Macht; was sie tun, das muss ihnen Jesus tun.

Wenn sich die armen Seelen melden dürfen durch irgendein Zeichen, so ist das für sie eine grosse Gnade und schon ein grosser Fortschritt; dann sind sie schon aus der grössten Dun­kelheit heraus und näher dem Lichte, und dann nehmen sie schon viel mehr und immer mehr Jesus in sich auf. Und so ist es wiederum Jesus, der sich in den armen Seelen meldet, der für sie bittet, der ihre Wünsche zu den Menschen trägt und zu den Seinigen macht. So ist es Jesus, der um’s Gebet bittet, Jesus, der klagt; denn er will in seiner barmherzigen Liebe ganz für die armen Seelen leben. Jesus tut sie pflegen – und tut ihnen alles besorgen.

O ich kann es nicht beschreiben, wie wunderbar schön diese Herablassung Gottes aus diesen Seelen leuchtet – und von die­ser Güte ergriffen, werden sie zu immer vollkommenerer Reue und Selbsterkenntnis erweckt. Dadurch wird das böse Ich aus­gebrannt – und macht Jesus Platz. Und so wird die arme Seele immer schöner, je mehr sie ihr eigenes Ich sterben lässt. – Wie schön, schön werden allmählich diese ewigen Lichtlein, die sich im Öl der barmherzigen Liebe verzehren.

Wenn eine arme Seele aus dem Fegfeuer mit mir sprechen darf, dann ist es wiederum Jesus, der die Sprache spricht. – «Er ist Dolmetscher im Fegfeuer». Ich fühle und höre es dann so deutlich, dass Jesus aus der armen Seele spricht. Jedes Wort ist Jesus…

Und warum das? – Ja, die Seelen haben halt doch ihre Fehler mitgenommen – sonst wären sie nicht im Fegfeuer. Und würde nicht Jesus ganz allein ihre Wünsche besorgen, so könnte doch manche Eigenliebe dort noch fortdauern – wie manches Böse würde sich regen. Auch die Worte der armen Seelen würden ja nicht ganz himmelsrein, wenn sie selbst sprechen könnten. Da­rum sind sie aller eigenen Macht beraubt und gebunden, und was sie wirklich Gutes tun – tut ihnen Gott.

Das ist das Geheimnis, dass man dort gut sein darf und den lieben Heiland nicht mehr beleidigen kann. Nur noch Gott al­lein darf leben, nur Gott allein besorgt das Wünschen und Bit­ten der armen Seelen.

Wenn diese Seelen für uns beten, so ist es Jesus, der in ihnen betet. Wenn wir die armen Seelen bitten – so ist es Jesus, der uns erhört und hilft. Und wenn wir für die armen Seelen beten, so dürfen sie uns dankbar sein und auch für uns beten. Aber wiederum ist es Jesus, der in ihnen dankbar ist und der ihre Liebe zu den Lieben besorgt und der die Verbindung zwischen den Menschen und dem Fegfeuer ist. Er ist es, der uns aus den armen Seelen segnet und hilft, wenn wir für sie beten. Ich weiss, dass ich mich sehr unbeholfen ausdrücke über dieses Geheimnis. Aber ich schreibe es, so gut ich kann. So schaue ich das Geheimnis des Fegfeuers, aber es ist unbeschreiblich, wie wunderbar sich hier die Grösse und Herablassung der Güte Gottes offenbart. – Darum sind auch alle armen Seelen so ergriffen von der Güte Gottes. Er tut ihnen ja so viele Dienste und ist immer mit ihnen in ihrer Verbrennung und lässt keines ganz ohne Trost und ohne Jesus. Die armen Seelen müssen auch lernen dankbar werden. Gerade die Undankbarkeit gegen Gott müssen sie büssen – durch die Reue. Jetzt, da sie so froh um Jesus sind, müssen sie einsehen, wie sie ihn vergessen und auf die Seite gestellt haben – wie sie im Leben alles allein zu machen glaubten und machen wollten. Hätten sie ihre Armse­ligkeit erkannt und wären sie nicht blind gewesen an sich selbst – wie hätten sie im Leben schon den lieben Gott gebraucht, und wie wären sie dankbar gewesen um Ihn! Und damit sie diese Verfehlung erkennen und bereuen – lehrt Jesus die armen Seelen froh sein um Ihn. Darum müssen viele Seelen viel, viel leiden, wenn sie noch ganz im eigenen Ich leben und darin zu ersticken glauben.

So müssen sie lernen, um Jesus froh zu sein, und darum müssen sie auf Jesus allein ganz angewiesen sein und dürfen selbst keine Macht haben.

O ich sehe im Fegfeuer die Undankbaren zur Dankbarkeit sich umwandeln. Wie jammern sie da über all die Verluste, aber wie sind sie froh, das verlorene Leben nochmals leben zu dürfen. Ja, es ist eine grosse Barmherzigkeit Gottes, dass es sogar nach dem Tode noch einen Ort gibt zum Gutmachen.

Es könnte ja ebenso gut beim Sterben die letzte Frist sein.

Die Undankbarkeit gegen Gott ist meistens auch mit der Undankbarkeit gegen die Menschen verbunden. Wie oft hilft Gott durch Menschen – und wie oft erfährt Er auch auf diesem Wege bitteren Undank. Und auch das enthält oft grosse Sünden, und die müssen gebüsst werden. Durchs «Frohsein» lehrt Je­sus dankbar sein. Darum ist das Fegfeuer auch ein Dankfeuer. Sobald die Seelen zur grossen, durchdringenden Dankbarkeit vorgeschritten sind, ist der Himmel ihnen nahe. Dann dürfen sie umso mehr auch beten für alle (oder vielmehr Jesus betet in ihnen für alle), denen sie wehe getan durch Undankbarkeit und Unzufriedenheit. Und ich sah einmal, wie ein ganzer Strom von Segen und Gnade auf ein Menschenkind herabfloss: durch das Flehen aus dem Fegfeuer für ein Herz, das wegen Undankbar­keit viel Unrecht gelitten und geduldet hat. Und so durfte diese arme Seele die Undankbarkeit auch auf Erden gut machen ­durch das Gebet, durch die Reue und das Nachdankenwollen.

Jesus tut den armen Seelen alle Dienste, sobald sie alles er­kennen und alles bereuen. Dann eilt Er für sie auf die Erde und macht mit Gnade und Segen gut, was die Seele gutzumachen hat. Und so beruhigt Er die Seelen, bis alles in Ordnung ist, und dann kommt die wunderbare Stunde der Aufnahme in den Himmel – wo sie erst beginnen, Gott ewig zu danken. Der liebe Gott hat eben mit den Seelen auch seine Ordnung. Da muss alles nach seinem Gesetze sein, damit die Schönheit und Voll­kommenheit Gottes keinen Mangel hat. Wie Er sogar in jedem Blümchen und Pflänzchen seine Ordnung hat, so hat Er sie in den Seelen. Er ist ein genauer, vollkommener Gott, und darum kann nichts Unvollkommenes in den Himmel eingehen. Er hat es gern und Er wünscht es, dass auch wir in unserer Seele peinlich Ordnung halten und die geistige Reinlichkeit haben. Um Ordnung in der Seele zu haben, müssen wir immer wieder unsere Fehler erkennen und bereuen und bis ins Kleinste alles recht machen wollen. Wir müssen auch das Gute, das wir tun, mit Gott ausmachen und immer wieder beten, dass wir alles er­kennen und ablegen können, was nicht recht sein sollte. Dann wird es immer wieder Ordnung in der Seele, und sie wird stets auf’s Neue rein. Wie wir nach aussen reinlich und ordnungslie­bend sein müssen, so sollten wir es vor allem nach innen sein. Wir dürfen an uns keine Gleichgültigkeit dulden, wir sollten uns unserer täglichen Ewigkeitsaufgabe bewusst sein und un­ser Leben ganz für Gott und die Pflicht ausnützen. Jeder, jeder Lebensaugenblick sollte inhaltsvoll sein, damit nichts verlo­rengeht für Gott. Wenn wir bei allem eine gute Absicht haben, dann ist unser Leben nicht hohl, dann ist selbst das Irdische und scheinbar Nutzlose noch nützlich. So können wir wertvoll machen durch die gute Absicht und gute Meinung, und dann ist Jesus zufrieden mit uns, auch wenn wir viel Weltliches tun mussten. – Es kann ja eine Weltperson oft heiliger sein als eine Klosterfrau; wenn sie nur die ewigen Werte nicht verloren hat, dann ist sie schon auf Erden himmelnahe.

Die echte und unechte Frömmigkeit

(Die heilige Vernunft)

In diesem wunderbaren Fegfeuer, wo man so ganz die unver­stellten Seelen sieht, habe ich auch gelernt, was echte und un­echte Frömmigkeit ist. Alle Erfahrungen, die man für’s Erden­leben braucht, habe ich dort geschöpft – denn sonst wäre ich ja gar ein unerfahrenes Kind.

Ich sah viele Seelen, auch Ordensseelen, die sehr fromm waren; aber sie hatten eine eigensinnige Frömmigkeit. Gerade hier sind meine Augen aufgegangen, um mich vor Täuschung zu schützen. Die eigensinnige Frömmigkeit will so fromm sein, wie sie will, nicht wie Gott will. Diese Frömmigkeit ist kom­pliziert, hochtragend und wichtig – es sind Seelen, die grosse Geschichten machen mit sich selbst. Sie leben von diesem Gedanken: Ich bringe Opfer, ich strebe nach Heiligkeit, ich ma­che, dass ich heilig werde. Während die demütige Frömmigkeit denkt: Du Jesus musst es machen – habe Geduld mit mir – ich kann es nicht. Diese Seelen leben und gedeihen von Jesus aus – andere vom Ich aus.

Diese machen ihre Heiligkeit selbst – während andere nur den guten Willen haben, auf Jesus vertrauen und immer wieder um Gnade und Erbarmung beten.

Es gibt leider im Fegfeuer mehr Pharisäerseelen, als ich ahnte. Hätte ich nicht in’s Fegfeuer geschaut, ich würde der ganzen Welt und allem, was gut erscheint, glauben. Und weil mein Herz allzu gern alles für gut hält, muss der liebe Gott sein Kind im Fegfeuer belehren. Er weiss es, wie furchtbar schwer es mir in diesem Unterricht geht – es zu glauben, dass es solch verstellte Seelen und Menschen gibt. Ich habe in meinem Le­ben immer nur Gutes von anderen gedacht, und es geht mir so schwer, wenn ich nicht lauter Gutes sehen kann. – Leider muss sich die Wahrheit oft in der Unwahrheit finden. Es gibt eben im Fegfeuer Seelen, auch Ordensleute, die wegen ihrer unech­ten Frömmigkeit sehr viel zu leiden haben. Ich muss oft ihre Qualen mitfühlen, um für sie zu sühnen, denn sie hatten eine enge Frömmigkeit und hatten gegen andere ein so hartes, un­gerechtes Herz. Sie haben andere bei jeder Kleinigkeit verur­teilt, wenn sie etwas weitherziger waren als sie. – Das ist dann die unvernünftige Frömmigkeit.

Die wahre Frömmigkeit tut andere Fehler entschuldigen, tut andere Menschen als Beispiel betrachten, denn auch der fehlerhafteste Mensch hat etwas Gutes, das wir lernen können.

Die echte Frömmigkeit ist nur dann fromm, wenn sie von der heiligen Vernunft begleitet ist. Das ist das Zeichen, dass sie mit Jesus eins ist. Und wenn sie lang nicht so viele besondere Werke aufzuzählen hat – ist sie von der heiligen Vernunft be­gleitet, dann kann sie nicht so viel Unrecht und Härte auf ihrem Gewissen haben. – Die heilige Vernunft ist eine wunderbare Gabe, denn sie ist eine Übertragung vom göttlichen Verstande.5 Die heilige Vernunft ist etwas Göttliches. Der liebe Gott tut seine Menschenkinder durch die heilige Vernunft leiten, durch diese Vernunft und durch den Verstand gibt Er dem Menschen ein, was er tun soll –. Die heilige Vernunft ist die Empfangsstelle des Heiligen Geistes – und die Sendstelle für all unser Tun ­und Wirken. Darum wirkt Gott wunderbar durch die heilige Vernunft, die ihm kein Hindernis bereitet durch Eigensinn, sondern nur das will, was recht ist.

Menschen, die eine echte, wahre Frömmigkeit haben, sind immer sehr vernünftig und verständig, weil sie mit dem Hei­ligen Geiste verbunden sind, und darum tun sie niemandem Unrecht, wollen überall sanft und mild sein, überall helfen, und werden dadurch oft Beauftragte Gottes, um andere Menschen

5 bei Thomas, S. Theol. I 10, 3 ad 3; S. c. gentes I 3 u. a.

zu verstehen. Wie oft hilft Er uns durch diese heilige Vernunft, denn sie ist auch das Leitseil des Heiligen Geistes. Der Wille Gottes wird uns dadurch kund. Er hat die heilige Vernunft ge­macht, durch die Er den Menschen den Weg zeigen will.

Und darum ist Vernunft – Gerechtigkeit. Die Vernünftigen sind nie hart, sie können alle verstehen, auch die Sünder – sie können überall wohltun und gut sein. Wir betrachten die Ver­nunft oft für etwas ganz Irdisches, und doch ist sie so eine wun­derbare Einrichtung Gottes, um dem Menschen eine Sicherheit zu geben, was gut ist und was nicht.6 Die heilige Vernunft macht den Menschen so demütig, so einfach, so lieb und gut. Denn nicht Beten allein ist wahre Frömmigkeit – sondern vor allem Gerechtigkeit und Wahrheit.

Die Vernünftigen erwarten oder wünschen nicht überall aus­serordentliche Wunder und Offenbarungen, sondern handeln einfach, wie sie nach innigem Gebete die Gründe der heiligen Vernunft wahrgenommen – und wie oft erfährt man, dass durch dieselbe die Antwort Gottes kam und die Hilfe Gottes zuteil-wurde. Und diese Seelen sind dann so recht dankbar für solche Leitung Gottes, während andere nur mit ausserordentlichen Mitteilungen zufrieden sind. – O wie viele Tugenden liegen in dieser einen Tugend: der heiligen Vernunft. Ich hätte nie gedacht, dass das eine so schöne Gabe Gottes wäre, wenn Er es mir nicht gezeigt hätte. Diese heilige Vernunft ist wie ein geistiges Auge‘ – es ist ein Kunstwerk Gottes, wie auch das kör­perliche Auge ein Kunstwerk Gottes ist.

Ja – im Fegfeuer gibt es viele Gerechte. Diese Seelen sind so schön – und dort wird die Seele nur noch geschliffen wie ein feines Kristallglas. Das Gold wird nur noch geläutert von allen Schlacken der Erde – aber Gold ist es halt doch.

Intellectus als synderesis (Hege des natürlichen Gesetzes) bei Thomas von Aquin, S. th. I 79,2.
7 Thomas, de veritate 22, 13 obj. 1: Oculus in anima est ratio vel intellectus.

Ja die heilige Vernunft ist eine wichtige Sache – für die Ewig­keit. Sie enthält keinen Eigensinn, keine Hartherzigkeit, keinen Unverstand, keine Bosheit und keine Abneigung, keine Macht und keinen Stolz. Die wahre vernünftige und heilige Vernunft ist einfach ein Ausfluss göttlichen Verstandes, des göttlichen Denkens. Durch diese heilige Vernunft allein schon können die Seelen recht und rein sein – weil sie keine Härte haben.8 Die Härte nämlich muss im Fegfeuer Gewalt leiden.

Wie oft hat Jesus mir gesagt: «Mit Vernunftgründen bin ich immer einverstanden.» – Es ist eben ein Gesetz Gottes, dass wir seine Wege durch die heilige Vernunft erkennen. Und darum können wir vernünftig handeln. Es ist unsere Pflicht, überall zu helfen, wo es vernünftig ist, und auch selbst gehorsamst etwas anzunehmen, was eine gütige Vernunft uns tun will, damit wir nie eigensinnig Seine Hilfe versperren, nicht eigensinnig sind im opfern und büssen, sondern in allem vernünftig: dann bleibt man auch demütig und ist geschützt vor dem Stolze der unech­ten Frömmigkeit.

Aber wir müssen auch beten, dass unsere Vernunft heilig sei, sodass sie wirklich vernünftig ist und den Willen Gottes kund­tut.

Es gibt im Fegfeuer viele solche Seelen, die am meisten we­gen der Unvernunft leiden müssen und lange Zeit brauchen, bis diese Härte erweicht ist, denn sie haben durch die Unver­nunft gegen die heilige Vernunft gesündigt, sich dem Willen und Walten Gottes widersetzt durch eigene Macht. Viele haben vor lauter Eigenfrömmigkeit diese schöne, edle Gabe Gottes unterschätzt, als wäre sie nur für die «gewöhnlichen» Men­schen. Diese Seelen gleichen den stolzen Engeln, die mächtiger sein wollten als Gott.

8 Derselbe Gedanke bei Augustinus (De doctr. christ.): Ille autem juste et sancte vivit, qui rerum integer aestimator est.

Wie schwer büssen solche Seelen, die andern harte Op­fer auferlegt haben in unvernünftiger Weise. Denn über die Schicksale der Menschen regiert nur Gott allein. Nur Er hat das Recht, sie ihnen aufzuerlegen, weil Er es aus Liebe tut, um der Seele tausendmal mehr zu vergelten.

Diese Seelen, die so unvernünftig waren im Leben, sehen im Fegfeuer so dunkel aus, und sie können wohl länger leiden als ein armer, grosser Sünder, der sich aufrichtig bekehrt und sein ganzes Leben eingesehen hat. Denn es gibt auch in den «From­men» furchtbar harte, dunkle Stellen, die nur ein Gottes-Auge entdecken kann. So hat mir das Fegfeuer ein Übermass von Erfahrungen gebracht – und darum bete ich immer, dass ich nie etwas Unrechtes unterstütze und nie, nie ein Unrecht tue. –

O ich kann darum nichts anderes wünschen, als dass Gott mich vor solchen Widersetzungen gegen seinen Willen ver­schonen wolle.

O die einfache, schlichte Seele, die kindlich ihren Herrn und Gott liebt, die keine grossen Geschichten macht mit sich selbst, die unscheinbar auf dieser Erde blüht, kann oft viel hei­liger sein als – eine «heilige». O man würde staunen, wie die stillen, schlichten Seelen schön sind! Andere Seelen, wenn sie auch noch so schön beten und fromm sein können – es ist halt bei vielen doch viel Kunst dabei – selbstgemachte Kunst. Es ist wohl ein schönes Menschenkunstwerk in einem Geistesleben, aber ob es ein Gottes-Kunstwerk ist?? – Es gibt auch schöne, prächtige Kunst-Blumen – aber was ist das gegen eine echte Blume, die von einem göttlichen Leben lebt und den Wohlge­ruch Gottes atmet? Die Kunstblumen sind schön anzusehen ­aber das Leben fehlt ihnen.

So ist es mit den Seelen, die ihre Heiligkeit selbst machen. Nur dann ist unsere Seele eine echte Blume, wenn sie aus dem Boden der Armut hervorwächst – in der demütigen Hingabe an den göttlichen Willen und an der Sonne der barmherzigen Liebe gedeiht – so sind wir einfache Kinderlein. Was ist eine grosse Selbstkunst, wenn es nicht Gottes-Kunst ist und nur die Wurzel des Stolzes trägt? Was nützt es für die Ewigkeit?

O wie viele Seelen sind im Fegfeuer – sie glaubten voll zu sein von guten Werken, aber der Stolz hat alles zu nichts gemacht, und diese Seelen müssen im Fegfeuer erst lernen nichts haben – und erst dann bekommen sie das von der barmherzigen Liebe, was nur Gott der Seele geben kann. In der Ewigkeit hat nur das Wert, was Gott in der Seele gewirkt hat und was man in Demut mitwirken durfte – alles andere ist ein selbstgebautes Gebäude. «Wenn Gott nicht baut – bauen die Bauleute umsonst.»

 

Die wahre Nächstenliebe
und Wohltätigkeit

19. Dezember 1931

Die heilige Vernunft enthält auch eine wunderbare Nächsten­liebe – sie ist nicht geleitet von den menschlichen Sympathien, sondern von der göttlichen Gerechtigkeit.Auch die Nächsten­liebe muss von Gott geleitet werden und dadurch die heilige Vernunft in sich tragen. Auch diese Tugend muss rein sein – man muss nicht menschlich-gut sein, sondern göttlich-gut. Ich habe auch nur im Fegfeuer all diese Mängel und Fehler kennen gelernt, die man auch in der Nächstenliebe begehen kann. Ich sah Seelen – sie waren auf Erden wegen ihrer Werke der Nächstenliebe berühmt, und doch hatten sie im Fegfeuer wegen der fehlenden Nächstenliebe zu leiden. – Woher wohl das? – Viele haben nur Gutes getan und oft viel Gutes getan ­dort, wo sie sympathisch gesinnt waren. An einem anderen Ort – wo sie nicht diese Zuneigung hatten, die Not aber viel grösser war – konnten sie hart vorübergehen. Solche Fehler zeigte mir der liebe Gott, und ich sah, wie irdisch und menschlich-gesinnt diese Seelen wurden. Diese Seelen liessen sich von ihren Sym­pathien leiten. Und diese Sympathie gilt nicht vor Gott. Die wahre, gottliebende Nächstenliebe kennt und weiss nichts von Sympathie – sondern nur von Liebe. Wenn man in allem Gott etwas zu Liebe tun will, so richtet man das ganze Herz nach den Bedürfnissen des Nächsten, nicht nach den Launen und Sympathien.

Es kommt nicht darauf an, an wem man Gutes tut – wenn es nur zum Gutes-Tun ist. Dennoch muss man im Gutes-Tun auch klug und vorsichtig sein, muss man in der Nächstenliebe manches ins Auge fassen, wodurch die Güte gehemmt ist. Es kommt ja auch viel vor, dass man die Liebe für sich selber fan­gen könnte statt für Gott, dass man dadurch zu viel und zu sehr menschlich geliebt werden könnte – hier muss die Liebe klug und vorsichtig sein.

Man muss den Mitmenschen immer Jesus geben – nicht sich selbst. Ich habe diesbezüglich sehr vieles im Fegfeuer gesehen, was ich nicht beschreiben kann. Es hat mich gelehrt, vorsichtig zu sein. Diese Vorsicht hat mich schon traurig gestimmt – denn wie oft musste ich dadurch die Liebe zurückhalten, die so hel­fend entgegeneilen wollte. Irgendeine Vorsicht hielt mich ab, sodass ich schon oft weinte vor verhaltener Liebe. Dann trö­stete mich Jesus immer wieder und sagte: Wisse, im Himmel darfst du einmal so lieben, wie du liebst. – Dann war ich immer wieder getröstet. Man muss eben auch im Gutes-Tun Jesus fragen und mit Jesus sich beraten, damit man hierin Gottes Ab­sichten erfüllt – ihnen nichts in den Weg legt.

Man darf auch nicht dort Gutes tun, wo alles verschwendet wird – wo Gott nicht will, dass man gibt. Darum ist das Beraten mit Jesus so notwendig, dass man dann hilft, wenn Jesus helfen will, und so viel hilft, als Jesus helfen will. Darum ist eben auch in der Nächstenliebe die heilige Vernunft so notwendig. Durch sie wird uns das kund, was recht ist, besonders wenn wir gebe­tet haben. Es gibt auch Fälle, wo Jesus mir gesagt hat: Da tust du mehr, wenn du nichts tust – da hat die Not etwas Grosses von mir auszurichten. Wie oft hat mich der Heiland schon abgehal­ten, wenn meine Liebe durchbrennen wollte, um etwas zu tun –, dann sagte Er nur: Hier musst du beten – dann hast du das beste Gute getan.

Dann zeigte mir Gott oft seine Schicksalspläne, und ich sah, dass ich Ihn machen lassen musste – ich sah, dass manche Not schon Rettung brachte für innere Gefahren. – O ich habe in die­ser Sache schon so viel gelernt und vernommen, schon so tief ins Fegfeuer geschaut – und dann stellt sich die Güte des Her­zens auf die göttliche Seite ein, und man sieht erst nachher ein, wie unklug und unweise man gut sein könnte. Man muss bei allem, allem zuerst die heilige Vernunft auf den Heiligen Geist einschalten, und dann werden wir von den Weisheiten Gottes regiert. O sonst könnten wir dem Walten Gottes so vieles drein-pfuschen – die beste Absicht muss geläutert sein durch Gebet, durch einen Aufblick zu Gott, von dem alle Weisheit und Güte kommt und durch den die Güte unseres Herzens erst gut wird.

Und dann ist es immer Seine Güte, die gütig ist…

Ich sehe, dass ich fast in ein anderes Thema hineingeraten bin – ich erwache wieder daraus und komme wieder aufs Feg­feuer zurück.

Wie anders wird dort gedacht als hier in unserer törichten Welt. O könnten die armen Seelen zurückkommen – wie viel würden sie uns sagen und lehren, wie manch verstecktes La­ster würden sie uns aufdecken, auch wenn es in einer Tugend versteckt wäre.

Die wahre und heilige Güte sucht in allem nur Jesus Gutes zu tun. Und wo finden wir Jesus? Wir finden Jesus überall, wo eine wahre Not, ein wahres Bedürfnis ist, denn Er will hilfsbe­dürftig sein, damit Er zu denen, die lieben, sagen kann: Du hast mir geholfen. Überall, wo eine aufrichtige, wahre und echte Not ist, sei es in geistiger oder materieller Hinsicht – da ist Jesus.

O dieser Gedanke! Die herablassende Wahrheit verstehen die armen Seelen nun besser als in ihrem Erdenleben, und wir wollen von ihnen lernen, gut gütig zu sein und Ihm Gutes zu tun. O man sollte Jesus in seinen Verstecken der Armut und Bedürftigkeit viel höher halten.

Bei Menschen ist es üblich, denen am meisten Ehre zu er­weisen, die Geld und Gut haben, die überall in Ehren stehen, überall mit viel Achtung empfangen werden. Aber gebührt denn nicht denen am meisten Ehre, Aufmerksamkeit und Liebe, die überall zurückgesetzt, nicht beachtet werden, die auf Erden nicht viel gelten? In diesen kommt ja der König der Armen, Gott selber, zu uns zu Gaste. Sollten nicht diese den Eh­renplatz haben bis in unser Herz hinein? Denn von diesen gilt ja das Gotteswort: Ihr habt es mir getan. Diese sind ja das grosse, herablassende Mir Gottes. Diesem Mir gebührte eigentlich die grösste Ehre.

Bei denen man auf der Welt Geld und Gut verehrt, verehren wir die Menschen – bei den Armen aber verehren wir Gott sel­ber…

Es gibt wohl Menschen, die sind trotz Geld und Gut arm, weil sie ein Herzeleid oder sonst eine Not haben. Ja – die Glück­lichen, dann dürfen doch auch sie arm sein, und wir können auch dort mit jedem guten Wort, jedem Wohltun Jesus pflegen. Wo immer eine Not ist – da bittet uns Jesus… Ja, der liebste und schönste und verehrungswürdigste Gast ist nicht der Mensch, der in Glück und Reichtum und Wohlbehagen lebt, sondern der Arme – sei er innerlich oder äusserlich arm – der Verwundete – denn dann ist es Jesus, Er ist es dort, wo der Heiland in einer Ecke steht. – Wer Wohltätigkeit empfängt, soll auch wohltätig sein. O es ist so schön, ein Gotteswohltäter zu sein.

Nicht Wohltäter, um die eigene Ehre damit zu kaufen, nicht wohltätig nach eigenem, sondern nach Gottes Sinn und Liebe.

Ach – ich habe im Fegfeuer so zahllose Seelen geschaut, die nicht im richtigen Sinn Gutes taten, so viele, viele, auch so viele Pharisäer-Wohltaten. Ich hätte es nie glauben können, wenn das Fegfeuer nicht der Lehrmeister an mir gewesen wäre. Ich habe viel gelitten, bis ich all das glauben und ver­stehen konnte – denn mein Herz wollte der Welt zu viel trauen und glauben, und Gott musste es zu sich in die Schule des Feg­feuers nehmen.

Auch die urteilenden Seelen haben ihre Bekehrung im Feg­feuer. Wie viele haben so launenhaft geurteilt – auch hierin regierte sie die Sympathie oder Antipathie – nichts Grundtiefes, nichts Gerechtes war der Fuss ihrer Gedanken.

O diese verschiedenen Klassen, die ich dort im Fegfeuer finde! Die einen haben ihre harte Schicht und Hülle auf dieser, andere auf der anderen Seite. Manche haben ihre Härte mitten in ihrer Weichheit – einen Fehler mitten in der Tugend. Und das kann Jesus nicht brauchen für den Himmel – Er muss sie alle mit seiner Liebe rein und weich machen. Wer aber immer aus Liebe Gutes und Böses unterscheidet, um sich von der Wahr­heit zu überzeugen, nicht aber in Unwahrheit sich täuschen und fangen zu lassen und etwa Böses zu unterstützen – das ist die heilige Vorsicht, die heilige Vernunft und Klugheit –: diese haben nicht verurteilt und gerichtet. Wie sind solche Seelen froh, wenn sie von dieser Last frei sind, von der Urteilslast – denn die Urteilsseelen fühlen das Urteil Gottes viel schnei­dender in der Seele. Es sind oft Seelen, die bis zum Tode ihrem unrechten «Rechte» treu geblieben sind.

Es ist darum gut, wenn man auch hierin recht oft betet, da­mit wir es doch auch hier recht machen und immer lieb den­ken, es sei günstig oder ungünstig.

Da darf keine Sympathie – und keine Antipathie ihr Wort ha­ben, sondern nur die Liebe, dann ist es recht. Wohl aber dürfen wir immer ein scharfes Auge haben, um uns auf dieser bösen Welt vor Trug und Schwindel zu schützen – das gebietet ja auch die heilige Vernunft, die zur Vorsicht mahnt.

Hat die Sache einen Grund – durch die heilige Vernunft –, dann ist es schon in Ordnung. Aber bei vielen Seelen hat das Gute und Böse keinen wahren Grund und Entscheid – ihre Sympathie ist ihr Urteil, oder ihre Abneigung ist es, und so fehlt die heilige Gerechtigkeit und Wahrheit, und alles ist hohl und leer – nur die seelische Befleckung ist vorhanden. Man kann ja in Abneigung und Zuneigung zu viel tun, wenn der Heilige Geist uns nicht leitet. Den einen ist ein Mensch heilig, den andern schlecht, – oder das Heilige schlecht, das Schlechte heilig: es kommt ihnen einfach nur auf die Zuneigung an ­ohne Grund und ohne Zweck. Es ist nichts darin, was der Seele nützt – nur das leere, nutzlose Menschenurteil; nichts, das ei­nen zum Guten führt oder vor dem Bösen warnt, nur die leere, blosse Sympathie oder Antipathie – was nützt sie für das Leben und für die Ewigkeit? Wo nur die blosse Menschenlaune und Menschenstimmung ist – ach, diese armen Seelen, wie müssen sie schmachten nach den Strahlen der Ewigkeit und Wahrheit, weil sie so sehr der Unwahrheit und Zwecklosigkeit gelebt haben. Die Seelen aber, die bei allem eine heilige, liebevolle Begründung hatten, denen alles eine Lehre war für Zeit und Ewigkeit, die rechterdings das Böse vom Guten zu unterschei­den suchten, um nur Wahrheit zu finden und nichts Unrechtes zu unterstützen – diese Seelen werden von der ewigen Liebe als Liebe genannt und in den Himmel aufgenommen.

Ja, das Fegfeuer schon sagt einem, wie wunderbar der Him­mel sein muss – sonst nähme Gott nicht eine so peinlich genaue Reinigung mit den Seelen vor. O bereiten wir uns jetzt schon sehnsuchtsvoll auf die Himmelsreinheit vor.

Die kostbare Zeit

Die armen Seelen im Fegfeuer! Wenn ich ihnen so zuschaue und ihre Leiden und Gedanken durchforsche – sie haben eine unbeschreibliche Reue über jeden vergeudeten Lebensaugen­blick. Sie möchten jeden zurückschreien, um ihn für Gott aus­zufüllen. Sie hungern diesen Gnadenhunger, den sie im Leben hätten hungern sollen.

Ich sehe so klar, wie tief diese Reue ist, wenn sie mit der Zeit gespielt haben. Diese Leere, die sie in ihren Seelen dadurch ha­ben, bereitet ihnen so Hunger, dass sie gleichsam ihre Zungen ausstrecken, um geistige Nahrung zu erhalten. Wenn sie aber von dieser Reue durchglüht sind, dann kommt der liebe Gott und bringt ihnen sein heiliges Blut und seine ganze Ewigkeit, um mit ihr die leeren Stellen auszufüllen und mit seinem heili­gen Leiden und Blute das auszufüllen, was tiefbereut ist.

Ja, man denkt noch nicht so ernst daran, solange man noch lebt, wie ernst es Gott mit der Zeit nimmt, besonders bei de­nen, die einen höheren Beruf haben, besonders bei den Gott­geweihten und Gottgeopferten, den Dienern und Dienerinnen Gottes.

Es gibt viele arme Seelen, die mich bitten und bestürmen: Gehe doch auf die Welt und sage es ihnen, damit nicht auch sie in dieser Blindheit leben. So schreibe ich hier – von den armen Seelen gedrängt – diese Worte nieder, so gut ich es eben kann.

Ja, es ist besonders für Gottgeweihte etwas sehr Wichtiges um die Zeit. Es gibt so viel Nutzloses im Leben, und das sind alles leere Stellen, die zum Fegfeuer werden müssen. Es sind alles Lücken, die in der Ewigkeit geflickt werden müssen.

Nicht wir verfügen eben über unsere Zeit. Gott hat sie uns gegeben zum Ausfüllen mit heiligen Zwecken. Er gab sie uns gleichsam als ein Gefäss mit den Worten: Geh hin und schöpfe damit aus dem Brunnen des ewigen Lebens, und dann komm zu mir und bring mir das Gefäss voll zurück.

Und dann wird Jesus aus diesem Gefässe trinken und die Seele zum Danke in diese unendliche Ewigkeit, in das Meer des ewigen Lebens einlassen, wo sie mitströmt in die Ströme der Unendlichkeit und ewigen Ewigkeit.

Die Zeit unseres Lebens muss mit heiligen Zwecken ausge­füllt sein – man sollte eigentlich nichts tun, das keinen heiligen Grund hat. Man kann ja alles mit Wert versehen durch eine hei­lige Absicht, auch das Nutzlose und Wertlose. Wie manch Nutz­loses gehört zu unseren Anstands- und Freundlichkeitsregeln, wie manch Nutzloses zu Beruf und Pflicht! Aber so tut man halt, was man muss, um nicht aufzufallen und um sich andern Men­schen anzupassen – doch auch diese Zeit soll heilig ausgerech­net sein, damit auch im Wertlosen der Wert dieser oder jener Pflicht liegt, was man auch aus Liebe zu Gott tue. Aber auch da möchten viele zu weit sich entschuldigen und mehr Rücksicht nehmen auf alles Irdische als auf Gott allein, indem sie zu lange Zeit brauchen für solche Äusserlichkeiten, die man oft viel kür­zer abmachen oder oft auch ganz unterlassen könnte.

Wer die Welt und ihr Treiben und Tun liebt, der macht gerne mit. Wer sie nicht liebt, dem ist alles ein Opfer, was er mitma­chen muss, und dann verkürzt er von selbst alles aufs Notwen­digste. O, Gott nimmt es ernst mit der Zeit! Wir, die wir nur ein Augenblicklein leben – wie sollten wir da rechnen und sparen! So wie der Geschäftsmann mit seinen Geschäften und seinen Einnahmen, damit er ja viel herausschlägt und aus allem etwas verdient.

O es ist so schade um jeden Augenblick, den wir ohne hö­heren Grund leben – wenn wir die schöne Bahn der Gnade un­benützt lassen. Man kann ja aus allem, auch aus allem Irdischen etwas für Gott gewinnen. Er selbst hat ja unser Leben bestreut mit ewigen Schätzen – bestreut bis in alles, alles hinein. Wir dürfen einfach nicht vergessen, bei allem einen heiligen Grund und Zweck zu haben und ohne dies nichts zu tun.

Jesus hat es gerne, und Er ist zufrieden, wenn wir die Zeit einteilen, wenn wir nicht so selbstherrschend darüber verfü­gen. Die Zeit gehört nicht uns – sondern Ihm. Er hat die Se­kunden unseres Lebens gezählt, und er weiss, was daraus zu gewinnen ist. Er sieht genau, was wir verlieren und was wir finden… Er hat in jeden Augenblick unseres Lebens einen hei­ligen Zweck gelegt, eine Aufgabe, einen Plan, und wir müssen all diese Absichten Gottes erfüllen, indem auch wir allem eine Begründung geben, ich meine, dass seine Zwecke unsere Zwe­cke seien und dass wir nichts, was Er für uns gemacht hat zur Erfüllung, leer zurückbringen.

Der grosse, allmächtige Gott ist auch Gott über die Sekunden unseres Lebens – Gott über unsere kostbare Zeit. Er ist Meister, unser guter Meister, und wir sollen Ihm überall gehorchen. Ich sehe im Fegfeuer auch viele, viele Ordenspersonen, die durch die vielen und zu langen nutzlosen Unterhaltungen bei den Menschen so viele leere Stellen in den Seelen haben, solche, die durch weltliche Freundschaftsverkehre die klösterliche Zierde der Zurückgezogenheit verloren haben, die es nicht verstanden haben, Besuchen und Freundschaften nur diese Zeit zu schenken, die zur klösterlichen Abgeschiedenheit nicht im Widerspruch steht. Ach, so viel Welt finde ich da in diesen Seelen – und diese Welt bedeutet lauter Null für die Ewigkeit. Wie viele haben Stunden und Stunden gebraucht für die Welt, wo man alles hätte kürzer machen können. Wie viele Stunden des inneren Gebetes und des stillen Tabernakelbesuches hätten sie herausschlagen können – wie viele solche kostbare Stunden wurden verscherzt und gingen für Gott und die Ewigkeit verlo­ren. – Wie manche Minute hätte man für den eucharistischen Heiland ersparen können, wenn die Seele den Hunger, den wahren Hunger nach ihren Pflichten, nach Gott gehabt hätte. Wie gut ist Gott, dass die Seelen dies alles im Fegfeuer noch gut machen dürfen. Das Fegfeuer ist darum auch ein Zeitleiden. Sie leiden an der Zeit, und das ist die Sehnsucht: diese Seelen sehnen sich unsäglich nach Gott, nach Reinheit, nach der Ver­besserung, und sie sind auch glücklich, weil sie wissen dürfen, im Ort der Besserung zu sein – das löst sie von jeder Verzweif­lung, ihr Leiden ist ein Hoffen und Vertrauen, ein Sehnen und Bekehren.

Ja, Gott hat uns eben die Zeit nicht gegeben, um damit zu spielen, um damit zu tun, was man will. Die Zeit ist das Gefäss, mit dem wir am Brunnen des ewigen Lebens schöpfen müssen, und wer es nicht voll zurückbringt – den schaut der Herr mit fragendem Blick an und sagt: Was hast du getan mit diesen Gnadenschätzen? Ich habe dir befohlen, mir dieses Gefäss voll zurückzubringen, und du bist deine Wege gegangen, hast den Befehl deines Gottes vergessen, hast sogar das schöne, heilige Gefäss zerbrochen – und was bringst du mir nun zurück?

Dann sinkt die Seele vor Gott nieder, denn jetzt, wo sie vor dem ewigen Richter steht, kann sie nicht mehr davon, nicht mehr seinem Worte entfliehen, wie sie es vielleicht im Leben oft getan. Dann steht sie vor Ihm, dem allmächtigen Gott, und hat Ihm vielleicht nur die Scherben zurückzugeben – die Scher­ben so manch zerbrochener Gnade, so manch verlorener Zeit! Und dann bittet sie Gott: Ach bitte, mach es doch wieder heil! Und wenn die Seele schon beim Sterben reumütig war, wird sie dies noch viel reumütiger sagen – und dann ist der Heiland so gut und sagt: So komm – hier – im Fegfeuer machen wir es wieder heil. Aber ohne Leiden kann und darf dieses Heilen nicht gehen, denn die Seele wird ja nur durch Reue weich, und Reue tut wehe. Wer aber das Gefäss voll zurückbringt, der kommt gut an – dann werden die Tore der Ewigkeit weit offen stehen. O wir haben ja so viel, unendlich viel zu schöpfen am Brunnen der barmherzigen Liebe – bei den heiligen Kommu­nionen und zuerst beim Beichten – in den heiligen Messen und den Predigten. Es fehlt uns ja gar nichts, wir müssen nur keine Verschwender des Wortes Gottes sein – dann lernen wir alles, alles, was zu unserem Heile gut und uns zur himmlischen Rein­heit führt.

O wir sind ja mit Gnaden so gut versehen – wir müssen sie nur nicht undankbar, gewohnheitsmässig und ungerührt emp­fangen. Gott ist aber auch so gut, dass man, wenn man guten Willens ist, auch hier auf Erden noch besser machen kann, was man gefehlt hat. Man muss nur umkehren und mit gutem Wil­len besser werden wollen – dann wird auch die Vergangenheit von Jesus selbst gutgemacht. Wenn das Gefäss der Zeit noch nicht voll ist, kann man es nachfüllen durch Reue und guten Willen und durch heiligen Hunger nach dem Worte Gottes, durch das wir Jesus empfangen, um es zu befolgen. Durchs Wort Gottes finden wir den Weg zu den Quellen der Gnade und lernen sie recht gebrauchen. Im Worte Gottes kommunizieren wir Jesus durchs Ohr, und wer Ihn andächtig empfängt, ist Sei­nem Rufe gefolgt und hat Ihm Einlass ins Herz gewährt. Jedes Wort Gottes, jedes Priesterwort ist ein Pochen ans Herz – und jeder gute Wille ist das Auftun.

Und wer auftut – dem besorgt Jesus selbst die ganze Seele und Ewigkeitsaufgabe.

Weihnachten 1931

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Quelle: Ars Sacra: Klara Kern – Das Geheimnis des Fegfeuers – Copyright 1933

Zeitgenössischer Nachruf auf Pfarrer Franz Sales Handwercher

Geschichtliche und statistische Nachrichten
1. Nekrologe.

a. Franz Sales Handwercher,
Pfarrer zu Schneiding in Niederbayern, gestorben im August 1853.

Seit nahe an vier Decennien wirkte im Weinberge des Herrn ein Mann, der durch seine an’s Wunderbare gränzenden Gaben, womit der Himmel seine reine, schuldlose Seele begnadigte, und durch die in’s Unglaubliche gehenden Erfolge seines rastlosen heiligen Eifers bald die Aufmerksamkeit von nah und fern innerhalb der Gränzen des Vaterlandes und noch weiter hinaus auf sich zog. Es war dieß der hochwürdige allbekannte und allverehrte Pfarrer von Schneiding Franz Sales Handwercher.

Es ist hier weder der Ort, noch gestattet es der Raum, das Gebiet der Mystik zu betreten und von Handwercher’s innerem Seelenleben, den großen Prüfungen und den ihnen zur Seite gehenden außerordentlichen Gunstbeweisen Gottes zu reden, der der strengsten, an die ersten Einsiedler der Thebais erinnerden Verläugnung auf den Wegen der geistlichen Läuterung, durch die Gott seine Seele führte, und der sie begleitenden verschiedenen Erfahrungen der erhabensten Liebeswunder Gottes Erwähnung zu thun. Wir können nur sagen, daß eine solche Tiefe des eigenen Geistes, eine solche Gabe fremder Geister zu prüfen, eine solche Weisheit, die Seelen zu führen, wie sie der Verblichene besessen, nur in dem Umstande seine Erklärung finden kann, daß er selbst den Weg der Vereinigung mit Gott durchgemacht und kennen gelernt wie Wenige. Ja, was eine erquickende und stärkende Oase auf unwirthsamen Boden dem schmachtenden Wanderer durch die lybische Wüste, war sein Geist gegenüber der Falschheit und Seichtigkeit unseres Zeitalters dem Höheres suchendem Gemüthe. Seine aus dem griechischen Urtexte veranstaltete Uebersetzung des kostbaren Werkes des heiligen Johannes Klimakus: „Die Leiter zum Paradiese“ – eine vortreffliche Arbeit, die ihm viel Schweiß gekostet – gibt Zeugniß, wie tief als Eingeweihter er selbst dachte und wie genau er die gewichtigen und erhabenen Ausdrücke, ohne den Sinn zu verletzen, in der Uebersetzung wiederzugeben wußte. Wollen wir in Kürze die Vorzüge dieses Buches berühren und damit das Verdienst des Uebersetzers hervorheben, so müssen wir sagen, daß dieses Werk alle Blendwerke des Geistes zu zerstreuen und das Auge zu reinigen vermag, um die Wahrheit in ihrer lichten Gestalt erblicken und die Seele nahe bringen zu können. Handwercher übersetzte auch: „Das Leben die die Thaten der heiligen Einsiedler und Mönche in der Thebais“ aus dem Lateinischen. Er wurde dazu veranlaßt durch einen damals schon hochgestellten Geistlichen, der jetzt auf einem bischöflichen Stuhle sitzt; die Arbeit ist ein Meisterwerk. „Oft blickte ich“, wie er selber sagt, „bei Bearbeitung des herrlichen Originals gen Himmel, staunte und seufzte aus der Tiefe meines Herzens über jene Zeit, indem mich unwillkürlich der Wunsch ergriff: wäre es doch in vielen Herzen wieder so!“ Wiederum machte sich Handwercher an die Herausgabe der Schrift des Abtes Konrad Tanner: „Das Wesen der Todsünde.“ Man kann das Buch mit dem merkwürdigen Kommentar nicht lesen, ohne von heilsamen Schrecken befallen zu werden; wie tief schaute sein Seherblick in das Wesen der Revolutionen unserer Tage und erkannte sie als das Werk des Satans; nur solche als ihre Urheber, die das Geisterreich Jesu Christi verlassen, und folglich in das Geisterreich des Satans übergegangen sind. – Sein „Beichtvater für das jugendliche Alter“, nach dem ehrwürdigen Michael Wittmann, erlebte in kurzer Zeit zwei Auflagen und sollte in der Bibliothek keines Priesters fehlen. Doch wann würden wir enden, wollten wir nur ein Namensverzeichniß der unzähligen Schriften anführen, von deren Herausgabe dieser rastlose Geist direkt und indirekt die Triebfeder war und die er unter die Menge mit größter Uneigennützigkeit verbreite, um vor der Sünde Anfang und dem Ende des Verderbens zu warnen und genau die Mittel und Wege zu bezeichnen, die zur Tugend und zum Heile führen. Seine Sprache ist immer die Sprache herzlicher, tiefer, inniger Empfindung, eines regen Gefühls, einer tief begeisterten Ansicht des innern Lebens, – die Sprache der Erfahrung, die, mit dem Apostel, seine Mitchristen beständig auf die Erneuerung des Geistes hinwies. Diese seine innigste Ueberzeugung trieb ihn daher schon lange vorher, ehe noch den Priestern Gelegenheit geboten war, durch die heiligen Exercitien im Geiste sich zu erneuern, an, seinen Pfarrhof zu einem Exercitienhaus für solche zu machen, die ein heiliger Drang ihm zuführte; jeder, der ihn besuchte, ward mit der größten Unbefangenheit und Uneigennützigkeit aufgenommen und als Hausfreund behandelt und fand gewiß an dem bescheidenen Landpfarrer den geistvollsten Exercitienmeister. Doch nicht allein ein Exercitienhaus für Priester war sein Pfarrhof, er war auch ein Hospitium für Alle, die in geistlichen und zeitlichen Anliegen ihn aufsuchten; er war ihnen Freund, Vater, Führer, Tröster, Helfer, was gewiß mit unauslöschlichen Zügen in den Herzen der Tausenden, denen er wohlgethan, sowie in dem Buche des Lebens eingetragen bleibt. Ebenso weit entfernt von dem Rigorismus einer herzlosen, alle Blüthen des Frohsinns ertödtenden frostigen Ascese, als von der frivolen, freien Sitte in Rede und Betragen, war bei seinem arglos kindlich unschuldigen Gemüth, verbunden mit himmlischer Weisheit und großer Lebenserfahrung, sein Umgang ebenso anziehend als lehrreich. Er liebte es, arglos heiter mit dem Arglosen zu sein. – Wir könnten gar Manche aus den höchsten Ständen anführen, die es nicht unter ihrer Würde hielten, im freundlichen Pfarrhofe zu Schneiding einige Tage zu verweilen, und in der erquickenden Nähe des seltenen Mannes des heldenmüthigen Glaubens, des wohlbesiegenden Gottvertrauens, der maßlos sich hinopfernden Liebe ihrer Sorgen sich zu entschlagen.

Gehen wir aber auch etwas näher auf sein Verhältniß zur Pfarrgemeinde ein, um den guten Hirten nach dem Beispiele Jesu vollkommen kennen zu lernen. Ein geistvoller und unermüdeter Verkünder des Wortes Gottes, predigte Handwercher nicht in zierlichen Phrasen neumodischer Afterweisheit, sondern in der Kraft des heiligen Geistes, gleich Einem, der da Gewalt hat, Feuerbrände aus seinem liebeflammenden Herzen in die kalten, unbußfertigen Herzen zu schleudern, die Gebeugten durch die heilige Liebe Jesu aufzurichten und an seinem heiligen Herzen zu erwärmen. Wie verklärt sahen wir oft sein Antlitz leuchten, wenn er selber trunken von Jesu Liebe, wie die Braut im hohen Liede, zu uns redete und seine Thränen in die Thränen und das laute Schluchzen der Tausenden mischte, die ihn erst mit Erstaunen und tief erschüttert, dann hingerissen von der Liebessalbung des heiligen Geistes anhörten. – Im Beichtstuhl rastlos thätig und zu jeder Stunde bei Tag und Nacht zugänglich, opferte er, ein Meister in der höheren Seelenführung, ein treuer Hirt für seine Schäflein, sich ganz und gar für das Heil seiner Mitmenschen; kein Wunder, daß Unzählige von nah und fern in besondern Anliegen und Nöthen, wo, um Rat und Hülfe zu schaffen, die gewöhnliche Wissenschaft nicht ausreicht, zu ihm, dem großen Geistesmanne, wie zu einem Orakel wallfahrteten. Durch seine eigene Erfahrung vertand er’s, die Seelen auch auf außerordentlichten Wegen zu Gott zu führen, die verborgensten Wirkungen der Gnade zu erkennen, die Bewegungen der verschiedenen Geister zu unterscheiden und dieselben vor den Täuschungen des bösen Feindes zu bewahren, ja die feindseligen Einwirkungen dämonischer Mächte durch die Kraft seines Glaubens zu heben. – Seine Katechese war nicht magere formelle Salbaderei, welche die Kinder langweilt und die Herzen leer läßt, sondern Geist und Leben; ein Feind der Oberflächlichkeit der Erziehung, war er begeistert, das religiöse Element zur Grundlage jedes Unterrichtes zu machen und selber gläubig, fromm und kindlich herablassend zu den Kleinen, gewann er auch ihre Herzen für Jesus. War ja sein bloßes Erscheinen in der Schule schon ein Religionsunterricht. Wie sehr ihm die christich-religöse Erziehung seiner Jugend am Herzen lag, beweist zur Genüge der Umstand, daß er ganz aus eigenen Mitteln dem Orden der armen Schulschwestern zunächst der Kirche ein herrliches Haus erbaute, und den Unterricht der weiblichen Jugend in ihre Hände legte. Welche kindliche Freude hatte der gute Vater seiner Kinder, als er nach vielen und großen Hindernissen dieses ein Vorhaben bewerkstelligt sah! – Was die armen Kinder, die dürftige und leidende Klasse in und außer seiner Pfarrei an ihm verloren, bezeugen die wehmüthigen Klagen der Dürftigen, welche die Quelle, aus der die gewohnten, im Geheimen so zahllos gespendeten Gaben der Wohlthätigkeit in harter und bedrängnißvoller Zeit reichlich flossen, für immer versiegt zu sehen. Zu einem schönen Garten, gepflegt durch die geschäftige Hand des sorgsamen Gärtners und begossen von seinen Thränen und seinem Schweiße, hat sich die ganze Pfarrei umgewandelt; da blühen in Menge die Lilien der Unschuld und Jungfräulichkeit, die Passionsblumen und ausdauernder Buße und frommer Kreuzesliebe, die Veilchen anspruchloser Demuth, und wenn auch nicht alle krummen Wege gerade gemacht werden konnten, so zeigt doch das siebenjährige Wirken dieses Gottes-Mannes, welch unglaubliche Wirkungen unter Gottes Beistand ein frommer, vom Geiste seines Berufes durchdrungener Seelenhirt hervorzubringen im Stande ist. War er ja doch das Vorbild jeglicher Tugend, und er – im Leiden der Geduligste, im Gebete der Eifrigste, in der Entsagung der Bereitwilligste – durch sein ganzes Leben eine beständige und eindringliche Predigt. Er war der gute und getreue Knecht seines Herrn, der nicht sich, sondern ganz Christo und dem hohen Berufe lebte, zu dem ihn die Gnade Gottes geführt hatte.

Wir trauen es uns offen zu sagen: Schneiding wird einen Pfarrer wieder bekommen, und vielleicht – wir wünschen es – einen würdigen: einen Franz Sales aber, wie der Verblichene war,

(Auch zu Hohenegglkofen bei Landshut, wo H. zuvor mehrere Jahre Pfarrer gewesen ist, spricht man noch mit hehrer Verehrung von ihm. Besonders rühmt man seine Herzensgüte, Wohltätigkeit, seinen Eifer für das Reich Gottes und seine Herablassung und Liebe zu den Kindern, die er sehr oft, um sie zum Lernen und zum Guten aufzumuntern und anzueifern, reichlich beschenkte. Armen Kindern war er ein guter Vater. Sein Andenken ist auch in dieser Pfarrei gesegnet.)

schwerlich mehr, und wir finden es sehr begreiflich, wenn täglich und vielleicht Jahre hinaus sein Grabeshügel nächst der Kichenthüre mit neuen Thränen der Dankbarkeit und Liebe begossen werden wird. „In memoria aeterna erit justus.“ Ja, so lange die nun prachtvoll dastehende Kirche in Schneiding, deren bedeutende Vergrößerung und Verschönerung Handwercher’s Werk ist, das ihm viel Mühe und Opfer gekostet, bestehen wird; so lange die stattliche Kirchthurmspitze, die, durch seine Freigebigkeit restaurirt, so herrlich im freundlichen Glanze der auf- und untergehenden Sonne schimmert, himmelwärts zeigen wird; so lange im harmonischen Silberton das trauliche Geläute der Glocken, durch ihn in solchen Einklang gebracht, über Saat und Felder, über Dorf und Au hin segnend schallen wird; solange es noch Hilfsbedürftige, Arme, Hungernde, Obdachlose geben wird, die in ihm einen sorgsamen Vater und in seinem Hause eine freundliche Aufnahme gefunden; kurz, so lange es eine Pfarrgemeine Schneiding geben wird: so lange wird auch sein Andenken nicht vergehen, während sein verklärter Geist im Sternenkranz der siebenzehn Jahre, die er ihr als Seelenhirt vorstand, vom Himmel auf sie segnend herniederblickt. R.J.P.

J. v. G. M….r. (Augsb. Postztg.)

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Quelle

Transcription von mir [POS] – Lesen Sie auch: „Blicke in die Zukunft„!

Andachtsübungen zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit – mit Ablässen

APOSTOLISCHE PÖNITENTIARIE

DEKRET

Andachtsübungen zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit
mit Ablässen verbunden 



»Großer Gott, dein Erbarmen und deine Güte sind unerschöpflich …« (Gebet nach dem Te deum), und »Großer Gott, du offenbarst deine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen . . .« (Tagesgebet vom 26. Sonntag im Jahreskreis), singt die Heilige Mutter Kirche in Demut und Treue. Gottes unermeßliche Zuwendung sowohl dem gesamten Menschengeschlecht als auch dem einzelnen Menschen gegenüber leuchtet vor allem dann auf, wenn Sünden und moralische Fehler vom allmächtigen Gott vergeben und die Schuldigen wieder in väterlicher Liebe zur Freundschaft mit ihm zugelassen werden, die sie verdientermaßen verloren hatten.

Die Gläubigen werden dadurch in ihrem Herzinnersten zum Gedächtnis und zur andächtigen Feier der Geheimnisse der göttlichen Vergebung bewogen. Sie erfassen auch sehr gut die hohe Angemessenheit, ja Pflichtschuldigkeit, daß das Volk Gottes die Göttliche Barmherzigkeit durch besondere Gebetstexte lobpreist und daß es gleichzeitig, nachdem es die erforderlichen Werke dankbaren Herzens vollbracht und die notwendigen Bedingungen erfüllt hat, geistlichen Gewinn aus dem Schatz der Kirche ziehen kann. »Das Paschamysterium ist der Gipfelpunkt der Offenbarung und Verwirklichung des Erbarmens, das den Menschen zu rechtfertigen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen vermag im Sinne der Heilsordnung, die Gott vom Anbeginn her im Menschen und durch ihn in der Welt wollte« (Enzyklika Dives in Misericordia, 7).

Die Göttliche Barmherzigkeit weiß tatsächlich auch die schwersten Sünden zu vergeben, aber während sie es tut, bewegt sie die Gläubigen dazu, einen übernatürlichen, nicht nur psychologischen Schmerz über die eigenen Sünden zu verspüren, damit die Gläubigen, immer mit Hilfe der göttlichen Gnade, den festen Vorsatz fassen, nicht mehr zu sündigen. Mit einer solchen inneren Haltung erlangt der Gläubige wirklich die Vergebung der Todsünden, wenn er das Bußsakrament fruchtbringend empfängt oder sie in einem Akt vollkommenen Schmerzes und vollkommener Liebe bereut mit dem Vorsatz, baldmöglichst das Bußsakrament zu empfangen. Denn unser Herr Jesus Christus lehrt uns im Gleichnis des verlorenen Sohnes, daß der Sünder sein Elend vor Gott mit den Worten »Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein« (Lk 15, 18–19) bekennen und auch spüren muß, daß es Gottes Werk ist: Er »war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden« (Lk 15, 32).

Unter dem Antrieb der Liebe des Barmherzigen Vaters und mit vorausschauender pastoraler Einfühlsamkeit wollte Papst Johannes Paul II. diese Gebote und Lehren des christlichen Glaubens tief in die Herzen der Gläubigen einsenken. Deshalb hat er den zweiten Sonntag der Osterzeit dazu bestimmt, dieser Gnadengaben mit besonderer Verehrung zu gedenken, und ihn mit der Bezeichnung »Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit« versehen (Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Dekret Misericors et miserator, 5. Mai 2000).

Im Evangelium vom zweiten Sonntag der Osterzeit wird von den Wundertaten erzählt, die unser Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung in der ersten öffentlichen Erscheinung vollbracht hat: »Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, daß sie den Herrn sahen. Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 19–23).

Damit die Gläubigen diese Feier mit ganzem Herzen begehen, hat der Papst festgelegt, daß der vorgenannte Sonntag – wie in der Folge noch näher erklärt wird – mit dem vollkommenen Ablaß ausgestattet wird. Das hat den Zweck, daß die Gläubigen das Geschenk des Trostes des Heiligen Geistes in höherem Maß empfangen und so eine wachsende Liebe zu Gott und zum Nächsten entfalten können und, nachdem sie selbst die Vergebung Gottes empfangen haben, ihrerseits angeregt werden, sogleich den Brüdern und Schwestern zu vergeben.

Die Gläubigen werden dann den Geist des Evangeliums vollkommener beobachten, indem sie ihr Innerstes erneuern, entsprechend den Worten und der Einführung des II. Ökumenischen Vatikanischen Konzils: »Die Christen können, eingedenk des Wortes des Herrn: ›Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt‹ (Joh13, 35), nichts sehnlicher wünschen, als den Menschen unserer Zeit immer großherziger und wirksamer zu dienen … Der Vater will, daß wir in allen Menschen Christus als Bruder sehen und lieben in Wort und Tat« (Pastoralkonst. Gaudium et spes, 93).

Mit dem brennenden Wunsch, im christlichen Volk diese Verehrung der Göttlichen Barmherzigkeit auf Grund der von ihr zu erhoffenden reichen geistlichen Früchte zu fördern, hat der Papst in der Audienz am 13. Juni 2002 sich gewürdigt, den unterzeichneten Seiten der Apostolischen Pönitentiarie die Ablässe unter folgenden Bedingungen zu gewähren:

Der vollkommene Ablaß wird unter den gewohnten Bedingungen (Empfang des Bußsakraments, der heiligen Eucharistie und Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters) dem Gläubigen gewährt, der mit reinem, jeder, auch der läßlichen Sünde abgewandtem Herzen am zweiten Sonntag der Osterzeit, das heißt, dem »der Göttlichen Barmherzigkeit«, in einer Kirche oder einem Oratorium an den zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit durchgeführten Andachtsübungen teilnimmt oder wenigstens vor dem Allerheiligsten Sakrament der Eucharistie – öffentlich ausgesetzt oder im Tabernakel aufbewahrt – das »Vater unser« und das »Credo« betet mit dem Zusatz einer kurzen Anrufung des Barmherzigen Herrn Jesus (z.B. »Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich!«)

Ein Teilablaß wird dem Gläubigen gewährt, wenn er mit reuigem Herzen an den Barmherzigen Herrn Jesus eine der rechtmäßig genehmigten Anrufungen richtet.

Die Seefahrer, die ihre Pflicht im weiten Meer tun; die zahllosen Brüder und Schwestern, die durch das Unheil des Krieges, die politischen Wirrnisse, die Unbarmherzigkeit der Orte und aus anderen Gründen ihre Heimat verlassen haben; die Kranken und ihre Pfleger und alle, die aus berechtigten Gründen nicht außer Haus gehen können oder zugunsten der Gemeinschaft eine unaufschiebbare Tätigkeit ausüben, können den vollkommenen Ablaß am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit gewinnen, wenn sie unter vollständiger Abkehr von jeder Sünde, wie zuvor gesagt, und mit dem Vorsatz, baldmöglichst die drei gewohnten Bedingungen zu erfüllen, vor dem Bild Unseres Barmherzigen Herrn Jesus das »Vater unser« und das Glaubensbekenntnis beten und eine Anrufung an den Barmherzigen Herrn Jesus hinzufügen (z.B. »Barmherziger Jesus, ich vertraue auf dich«).

Sollte den Gläubigen auch das nicht möglich sein, können an demselben Tag den vollkommenen Ablaß erlangen, die sich in der Absicht und Gesinnung des Herzens geistig mit denen vereinen, die in ordentlicher Weise das für den Ablaß vorgeschriebene Werk erfüllen und dem Barmherzigen Gott ein Gebet und die Leiden, die Krankheit und die Beschwerlichkeiten ihres Lebens aufopfern, wobei auch sie den Vorsatz haben, baldmöglichst die für die Gewinnung des vollkommenen Ablasses vorgeschriebenen drei Bedingungen zu erfüllen.

Die Priester, die den pastoralen Dienst versehen, vor allem die Pfarrer, sollen ihre Gläubigen in der angemessensten Weise von dieser heilsamen Verfügung der Kirche unterrichten; sie sollen selbstlos und hilfsbereit deren Beichte hören und am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit nach der Feier der heiligen Messe oder der Vesper oder während einer Andacht zu Ehren der Göttlichen Barmherzigkeit die vorgenannten Gebete mit der dem Ritus entsprechenden Würde leiten; sie sollen, gemäß dem Wort des Herrn: »Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden« (Mt 5, 7), die Gläubigen in der Katechese behutsam dazu drängen, so häufig wie möglich Werke der Barmherzigkeit zu tun und dem Beispiel und Auftrag Jesu Christi folgen, wie es in der zweiten allgemeinen Gewährung des Enchiridion Indulgentiarum angegeben ist.

Das vorliegende Dekret bleibt immer in Kraft, ungeachtet jeglicher gegenteilig lautenden Vorschrift. 

Rom, beim Sitz der Apostolischen Pönitentiarie, am 29. Juni 2002, am Hochfest der hll. Apostel Petrus und Paulus 2002. 

LUIGI DE MAGISTRIS
Titularerzbischof von Nova
Pro-Großpönitentiar 

GIANFRANCO GIROTTI, O. F. M. Conv. 
Regent

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Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

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Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel XI

Die öffentliche Meinung

 

Presse läuft Sturm

Wigratzbad spricht eine Sprache, die diese Welt nicht ver­steht, eigentlich nie verstanden hat. Der Bau des Gotteshau­ses war in vollem Gange, da lief die öffentliche Meinung – so pflegt man zu sagen, auch wenn sie gesteuert ist – Sturm gegen das Vorhaben. Wo demontiert werden kann, da wird nicht viel recherchiert, nicht viel geforscht, nicht gründlich hinter­fragt, da spielt der Wahrheitsgehalt eine untergeordnete Rolle. Was sich in vierzig Jahren an Misstrauen, Ablehnung, Spott, ja Zynismus ausleben durfte, das wurde wieder ausgegraben. Antonie Rädler wurde dämonisiert, wie in den dunkelsten Jahren des sog. Dritten Reiches.

In den Überschriften einiger Presseorgane spiegelte sich dieser Geist wieder. Und erschütternd ist, dass einige katho­lische Blätter eifrig mitzogen. In der „Allgäuer Zeitung“ vom 17. Februar 1973 wurde es mit unschuldiger Miene in die Frage gekleidet: „Wallfahrt oder Geschäft?“ Die geistige Di­mension, die dahinter stand, blieb den Schreibenden in den Redaktionsstuben verborgen. Andere glaubten, in dem Bau und in der Gebetsstätte überhaupt einen Spaltpilz innerhalb der Kirche des Bistums zu entdecken. So der „Südkurier“ am 6. Februar 1973. Dabei wurden dem Dekan von Lindau Aus­sagen in den Mund gelegt, die nicht zutrafen: „In Wigratz­bad sei alles reichlich obskur.“

Ähnlich lauteten andere Schlagwörter, z.B.: „Die wunder­samen Wunder von Wigratzbad“ oder „Ein Allgäuer Dorf wird wider Willen der Kirche Wallfahrtsort“. In der „Ost­schweiz“ aus St. Gallen hieß es am 14. August 1974: „Der Glaube allein macht selig. Ein Wunder für eine Mark zwan­zig“. Die „Stuttgarter Zeitung“ zitierte im Jahre 1974 in ihrer Nr. 88 eine angebliche Aussage aus dem Bischöflichen Ordi­nariat: „Pseudo- und Aftermystik“. Herabsetzender hätte man es nicht ausdrücken können.

In den katholischen Blättern der benachbarten Diözesen blieb man auf der gleichen Linie. Im „Passauer Bistumsblatt“ wurden die Gläubigen weniger ermutigt als entmutigt, diese Stätte zu besuchen. Darin hieß es: „Eine sehr problematische Kirche entsteht im Allgäu.“ Noch zwei Jahre nach der Fertig­stellung und feierlichen Einweihung der Kirche ließ man es am 4. Juni 1978 in der Jubiläumsnummer des „Katholischen Sonntagsblattes“ in einer Leserzuschrift sagen, die zeigte, wie sehr manchen Christen in den letzten Jahrzehnten der Geist des Kreuzes und seine Botschaft fremd geworden sind: „Das ist genau der Weg“, war zu lesen, „der zu den pharisäischen Sühnenächten in Wigratzbad und anderswo führt, wo man die Sünde anderer sühnen will.“

Vergessen sind die Worte Jesu bei Matthäus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24-25). Jesus hat das Kreuz auf sich genommen, um für die Sünden der Welt zu sühnen. Daran wird der Gläubige in jeder hl. Messe bei den Wand­lungsworten erinnert: „Das ist mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bereit zu sein, sogar für die Vergehen des Feindes zu sühnen, macht das Christentum zu einer unvergleichbaren Religion. Das ist christliches Glaubensgut seit 2000 Jahren. Wer dem Herrn nachfolgen will, soll sein Kreuz auf sich nehmen, in dem glei­chen Geist. Christentum bedeutet Verantwortung für den an­dern. Einer auf Selbstverwirklichung und auf Egoismus aus­gerichteten Kultur muss das befremdend erscheinen.

Vier Wochen vor der Einweihung entschloss sich Bischof Josef Stimpfle in seinem Amtsblatt zu einem klärenden Wort. Nach einer kurzen Vorgeschichte erläuterte er die Grundsätze, an denen sich die Seelsorge in Wigratzbad orientiert und in Zukunft ausgerichtet sein wird. Die kirchlichen Verhält­nisse seien geordnet.

Keine Minimalisten

Davon unbeeindruckt wandte sich die Tageszeitung „Der Westallgäuer“ wenige Tage vor der Konsekration an Antonie Rädler und Pater Johannes, um ihnen ein paar kritische Fra­gen zu stellen. Es erweckte den Eindruck, als wollte sie noch in letzter Minute verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Sie begründete ihre Initiative — wie es im Vorspann hieß — mit dem Hinweis darauf, dass die Gebetsstätte Wigratzbad in der Region umstritten sei. Weite Teile der Bevölkerung würden ihr mit Ablehnung oder mit Skepsis begegnen. Die Geistlichkeit verhalte sich reserviert. Antonie und Pater Jo­hannes bezeichnete das Blatt als Hauptverantwortliche.

Eine Zeitung kann unter dem Vorwand, zu informieren, eine Atmosphäre auch anheizen. Die Art der Fragen jeden­falls war nicht zimperlich. Schon in der ersten forschte man nach den Gründen dafür, warum sie den Wallfahrtsbetrieb „aufgezogen“ und ausgebaut habe. In der zweiten beruft man sich darauf, dass Kritiker bei der „Urheberin“ von „Geschäfts­tüchtigkeit“ sprechen. Ob der Besucherstrom ihr persönliche Vorteile gebracht habe, wurde unverblümt gefragt.

Antonie beantwortete die Fragen souverän. Aus Dankbar­keit für die Errettung vom sicheren Tod habe sie eine Marien­grotte auf elterlichem Besitz errichtet, vor der sie in freien Stunden betete. Nachbarn kamen dazu, Menschen von aus­wärts, die Sorgen auf dem Herzen hatten. Eine zarte Anspie­lung auf den Psychoterror, dem sie unter dem Naziregime ausgesetzt war. Persönliche Vorteile habe ihr der Pilgerstrom nicht eingebracht, eher das Gegenteil: Sorgen, Mühen und Ar­beiten bei Tag und Nacht, Sonntag und Werktag. In vierzig Jahren habe sie einmal für drei Tage Urlaub genommen.

Viele Christen vermissten in Wigratzbad die „Kirche von heute“. Ob man sich als konservative Randgruppe verstehe, die im Kampf mit der offiziellen Kirche stehe, ob man die vor­konziliare Kirche kultiviere, lautete die nächste Frage, und sie war an den Pater gerichtet. In Wigratzbad werde jener Spiel­raum genutzt, den die Kirche bei der Feier der Liturgie gelas­sen habe. Bestimmte Reformen seien ein Privileg, aber kein Muss, etwa die Handkommunion, um ein Beispiel zu nennen.

Schließlich kam die Rede auf den angeblich übertriebenen Marienkult in Wigratzbad, den Außenstehende festgestellt haben wollten, und dieser sei nicht im Sinne der Kirche. In Deutschland keine ungewöhnliche Frage, das seit langem ein gespaltenes Verhältnis zur Madonna hat, im Gegensatz zu ei­nigen anderen Ländern Europas, etwa Polen, Italien, Spanien und sogar Russland. Lächelnd konnte der Geistliche, ein in Theorie und Praxis erfahrener Theologe, diese Unterstellung zurückweisen. Ein solcher Widerspruch erkläre sich, wenn man in der neuesten Mariologie nicht zu Hause ist. Dann fügte er hinzu: Natürlich bin ich bei der Marienverehrung kein Minimalist, sondern gehöre eher zu den Maximalisten, aber gerade die haben im Laufe der Geschichte stets den Sieg da­vongetragen.

Am Ende wollte der Journalist eine Erklärung dafür, wa­rum die meisten Pilger nicht aus der näheren Umgebung, son­dern eher von außerhalb des Westallgäus herkämen. Der Seel­sorger empfahl, sich einmal die Fahrzeugschilder anzuschau­en, dann werde man feststellen, dass die Mehrzahl aus dem Allgäu und der Bodenseegegend komme. Übrigens blieben jahrzehntelange Verleumdungen eben nicht ohne Auswirkun­gen, besonders in der nächsten Umgebung. Aber die Tatsache, dass der Bischof des Bistums die Kirche selber konsekriere, sei ein Beweis dafür, wie gegenstandslos die vielen Vorwür­fe gewesen seien. Mit seiner Autorität decke er Wigratzbad und stehe für die Gebetsstätte ein.

Wenn Redakteure an katholischen Zeitschriften sich heute schwer tun, irreführende Behauptungen im Bereich des Glau­bens zurückzuweisen oder ihnen nicht nachzulaufen, wie es z.B. bei der Bibelkritik der Fall ist, wo man auf haarsträuben­de Berichte und Darstellungen stoßen kann, dann ist von Redakteuren der säkularen Presse nicht zu erwarten, dass sie für marianische Mystik ein offenes Ohr haben. Sie sind in diesem Bereich einfach überfordert. In der Auseinanderset­zung um ein christliches Weltbild wird Maria außerdem für Atheisten und Cafeteria-Christen immer ein Stein des An­stoßes bleiben.

 

Kapitel XII

Das Zelt

Welt braucht Beter

Was 1938 niemand erträumen konnte, niemand für mög­lich gehalten hätte, es war nach vierzig Jahren wahr geworden. Am 7. Mai 1976 wurde der Stiftungsbrief unterzeichnet, Vo­raussetzung für ein Gebäude, das für den öffentlichen Kult bestimmt ist. Drei Wochen später, am 30. Mai 1976 weihte der Oberhirte von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, eine aussage­starke Pilgerkirche in Wigratzbad ein. Es war der Sonntag vor Pfingsten und es waren nicht ein paar hundert Gläubige da­bei, wie einst bei der Einweihung der Grotte, es war ein Mas­senansturm aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Die Zeltkirche konnte maximal zwei- bis dreitausend Men­schen fassen. Gekommen waren 8000. Die Feierlichkeiten mussten über eine Lautsprecheranlage nach außen übertra­gen werden.

Pater Johannes Schmid, der seit einigen Jahren die Pilger betreute, begrüßte den Bischof im Namen der Gebetsstätte „Maria vom Sieg“. Die Bedeutung der bischöflichen Entschei­dung für Wigratzbad kurz nach seiner Ernennung fasste er in einem Satz zusammen: „Dieses Ereignis ist ein überzeu­gender Beweis, dass Wigratzbad keine Sekte ist, nicht im Wi­derspruch steht zur offiziellen Kirche.“ Vor ihren geistigen Augen dürfte Antonie die monumentale Sühnekirche auf dem Montmartre in Paris gehabt haben, die sie vor dem Zwei­ten Weltkrieg besuchen durfte. Nun gab es eine solche in Deutschland.

Nach dem feierlichen Amt am Vorabend nahm der Ober­hirte an den Sühnegebetsstunden teil, betete selbst vor. Sie dauerten bis zur Frühmesse um 7 Uhr. So setzt man große Beispiele. Am Sonntag um 9 Uhr begann dann die feierliche Konsekration. In einer Prozession wurden die Reliquien vom Seitenaltar abgeholt und in den Hauptaltar versenkt. Seit ih­ren Anfängen feierte die Kirche das heilige Opfer über den Gräbern der Märtyrer.

Die Auswahl spricht für sich. Es waren Reliquien der Mär­tyrin Christina, die gegen Ende des 3. Jahrhunderts, also in der Zeit der Urkirche, von ihrem eigenen Vater um des Glau­bens willen einem grausamen Tod ausgeliefert wurde. Die an­deren waren von Karl Lwanga, dem Anführer der Märtyrer von Uganda, die am 3. Juli 1886 für ihren Glauben hinge­richtet wurden, also Zeugen aus der Neuzeit. Ein Bogen der Entscheidung für Gott spannt sich von den Anfängen bis in die beginnende Moderne.

Lwanga war Vorsteher von 500 Pagen des Königs, unter ihnen bereits einige Christen, die er besonders vor sexuellen Übergriffen des Königs schützte. Aber andere gewannen Ein­fluss auf den jungen Monarchen. Das besiegelte ihr Schicksal. Am Abend des 25. Mai 1886 zwang der König alle, Farbe zu bekennen. Lwanga und 21 andere bekannten sich zum Chris­tentum. Sie wurden zum Tode verurteilt und mussten zu Fuß 60 Kilometer zum Richtplatz zurücklegen, dann wurden sie auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen. Ein Verwand­ter einer dieser Märtyrer wurde der erste farbige Bischof von Afrika. Bei der Heiligsprechung der Märtyrer feierte er gera­de sein silbernes Bischofsjubiläum.

Die Weihepredigt von Bischof Stimpfle war von besonderer Tiefe und Aktualität: „Christi Sühne aus Liebe zur sündigen Welt ist die Mitte des Heilswerkes“, sagte er. „Die Heiligung, das unsagbar hohe Geschenk der Sühne Christi, soll durch die geheiligten Beter der im Argen liegenden Welt erfleht werden. Die Welt braucht Menschen, die die Nacht durchbe­ten, um die Sünder mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu vermitteln.

In einer Zeit, die Gott vergisst, ist in Wigratzbad eine Stät­te des Gebetes erblüht. Inmitten einer Kirche, die viel über ihre Erneuerung diskutiert, wird in Wigratzbad die Antwort liebender Hingabe in der Herzensgesinnung Jesu und Mari­ens geübt. Im Kampf gegen den Fürsten dieser Welt, der die Geister verwirrt und viele Menschen ins Verderben stürzt, wird im Geiste des gekreuzigten Erlösers Sühne geleistet, um Menschen zu retten. Wer möchte in Abrede stellen, dass die Welt Beter braucht, Beter, die Nächte durchbeten, um Sün­der mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu bringen; Beter, die Sühne leisten für das, was in unserer Gesellschaft und unserem Volk geschieht, wenn Grundwerte des Lebens, die Fundamente des Glaubens und der Kirche aus­gehöhlt werden und der Zeitgeist des Materialismus und Sä­kularismus zu einem Leben verführt, das nur an sich denkt und die Erfüllung und den Sinn des Daseins im Genuss der irdischen Güter sucht.“

Beim anschließenden Festessen fasste er in seiner kurzen Abschiedsrede noch einmal seine Meinung über das Lebens­werk von Antonie Rädler zusammen: „Dass jemand durch vierzig Jahre jede Woche mindestens eine Nacht durchgebe­tet, vierzig Jahre dies durchgehalten hat, so etwas habe ich noch nirgendwo gelesen oder gehört. Da ist ein Quell aufge­brochen, eine Quelle, die von Gott ausgeht. Das ist die heu­tige Festfreude. Deswegen freuen wir uns mit Antonie Räd­ler, dass der liebe Gott alles so wunderbar geführt hat. Ich hänge mich mit der ganzen Diözese bei Ihnen an.“

Damit hat eine leidvolle Entwicklung über vier Jahrzehnte einen krönenden Abschluss gefunden. Er zeigt, dass Maria unter „siegen“ etwas anderes versteht als der Mensch in sei­ner blutgetränkten Geschichte. Es ist ein Sieg des Sühnege­dankens, zu dem Maria unter dem Kreuze ihr Ja gegeben hat.

An dieses Ja möchte sie den Menschen über die Geschichte von Wigratzbad erinnern.

Nicht allein gelassen

Wer von Gott zu einer außergewöhnlichen Aufgabe beru­fen wird, den lässt er nicht allein. Man sieht es am Beispiel großer Ordensstifter oder jener, die Erneuerungsbewegungen ins Leben gerufen haben. Antonie Rädler sollte es auch er­fahren. 1949 trat eine 36-jährige Frau, das neunte von elf Kin­dern einer christlichen Familie, an ihre Seite – es war There­sia Moser, Schwester des praktischen Arztes Dr. Konrad Moser aus Bechtersweiler. Über zehn Jahre als Verkäuferin in einem großen Kaufhaus tätig, musste sie ihre Stelle aus gesundheit­lichen Gründen aufgeben. Ein halbes Jahr half sie in der Pra­xis ihres Bruders aus.

Von ihrer Schwester eines Tages dazu eingeladen, an einer Sühnenacht in Wigratzbad teilzunehmen, sträubte sie sich zunächst, gab dann schließlich nach. In den ersten Stunden konnte sie ihre innere Abneigung nicht überwinden. Aber ge­gen 23 Uhr fiel alle Müdigkeit von ihr ab, die Atmosphäre des Gebetes drang in ihre Seele. Sie hielt bis zum frühen Morgen durch. „Ich komme wieder“, sagte sie zum Abschied.

Im September sprach Antonie sie an, ob sie nicht für im­mer zu ihr kommen möchte. Sie wollte es sich noch überle­gen. Zu ihrer Schwester meinte Antonie jedoch: „Die kommt zu mir. Die Gottesmutter hat sie mir gezeigt und mir gesagt, dass sie zu mir kommt.“

Nach einem Gespräch in Wigratzbad wurde Theresia auf ihrem Fahrrad von zwei Männern über eine längere Strecke verfolgt. Es gelang ihr nicht, sie abzuschütteln. In ihrer Angst zog sie den Rosenkranz aus der Tasche, wickelte ihn um ihre Hand und ließ ihn herunterhängen. Als die beiden ihn be­merkten, verschwanden sie. Auf der Weiterfahrt sah sie plötz­lich einen dicken Baumstamm auf der Straße liegen. Sie stieg ab und wollte ihn wegräumen, aber er war zu schwer. So hob sie das Rad über den Stamm hinweg und wollte zum nächs­ten Haus fahren, um Hilfe zu suchen. Da sah sie mit Entset­zen ein Auto ankommen. Der Baum hätte zum Verhängnis für den Fahrer werden können. Zu ihrem maßlosen Erstau­nen fuhr der Wagen jedoch ohne anzuhalten vorbei. Das Hin­dernis war verschwunden. Ein heiligmäßiger Priester erklär­te ihr später, das alles sei ein Versuch der Hölle gewesen, sie davon abzuhalten, nach Wigratzbad zu gehen.

Daheim fand sie vier Angebote vor. Es waren günstige Ar­beitsplätze. Außerdem hielt jemand um ihre Hand an. In die­ser Situation bat sie die Gottesmutter um Entscheidungshilfe. Am darauf folgenden Donnerstag fuhr sie zur Sühnenacht nach Wigratzbad. In der Esspause blieb sie allein in der Ka­pelle zurück und betete in ihrem Herzensanliegen. Da hörte sie eine innere Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten ge­braucht!“ Als die junge Frau nachfragte: „Was willst du von mir?“ hörte sie abermals die gleiche Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten gebraucht.“ Am Morgen erklärte sie Anto­nie Rädler ihre Bereitschaft, zu kommen. Diese antwortete lächelnd: „Ich wusste es bereits.“

Ein Gotteshaus allein schafft es nicht. Es sind Menschen, betende, ganz auf Gott ausgerichtete Menschen, die ihm seine Ausstrahlung geben. Theresia, von allen Resi genannt, wurde die rechte Hand Antonies und das Herz der Gemeinschaft. Über Jahre oblag ihr die Buchführung, außerdem kümmerte sie sich um die Devotionalien, die an einer Gebetsstätte im­mer gefragt sind. Sie verband gesunden Menschenverstand mit Frohsinn. Mit Energie und Tatkraft meisterte sie schwie­rige Situationen, wirkte ausgleichend. Menschen verschiede­nen Charakters hielten zusammen und blieben dem Werk verpflichtet. Von unvoreingenommenen Beobachtern wurde es als Wunder der Gnade bezeichnet.

Kurz vor ihrem Tode ließ Antonies Mutter Resi ans Ster­bebett kommen und nahm ihr das Versprechen ab, Antonie die Treue zu bewahren. Zu diesem Versprechen stand sie. Nach Antonie wird Theresia Moser das größte Verdienst am Aufblühen der Gebetsstätte zugeschrieben.

Im Jahre 1955 wurde Resi am Pfingstmontag von einem Mann angesprochen, der sich als Anton Walz vorstellte. Ihm war am Motorrad die Kette gerissen, er bat um fünf Mark, die er auf jeden Fall zurückbringen wollte. Resi führte ihn zu Antonie Rädler. Die fragte nach seinem Beruf. Als er sich als Maurer bezeichnete, reagierte sie erfreut und schlug ihm vor, während das Rad repariert werden sollte, bei der Fertigstel­lung des Sanatoriums mitzuhelfen.

Anton Walz gefiel es so gut, dass er Neigung zeigte, für im­mer dort zu bleiben, fürchtete jedoch, sein Arbeitgeber wür­de ihn nicht freigeben. Wider Erwarten willigte dieser jedoch sofort ein und ließ seinen besten Arbeiter gehen, was er später selber nicht verstehen konnte. Es sei wohl eine höhere Kraft gewesen, die ihn dazu bewogen habe. An den Anlagen der Gebetsstätte gab es praktisch nichts, bei dem er nicht mit Hand angelegt hätte, ob Speisesäle, Kühlkeller, ob die Asphaltierung der Wege auf dem Kreuzhügel oder die Treibhäuser, die das Haus das ganze Jahr mit Frischgemüse versorgten. In der Ge­betsstätte fand er sogar seine Frau.

1967 heiratete er Maria Krug, Jahrgang 1915, aus Kisslegg. Sie war 1952, drei Jahre vor ihm, nach Wigratzbad gekommen. Ihr Vater war einer der Ersten, der die Sühnenächte vor der Grotte durchbetete. Der Geist des Vaters ging auf die Tochter über. Sie stand als Köchin zur Verfügung, schmückte die Ka­pelle und später die Kirche, gestaltete mit Resi Moser die Süh­nenächte und die Gottesdienste. Über Jahrzehnte stand sie dem Werk zur Verfügung und hat ihm ihr Leben geweiht.

Nicht unerwähnt bleiben kann hier eine weitere Kraft, Schwester Maria Kennerknecht, Jahrgang 1893. Nach ihrer Versetzung beim Roten Kreuz in den Ruhestand nahm sie 1954 ihren Dienst bei Antonie auf. 28 Jahre hindurch hat sie der Stätte unermüdlich gedient, vor allem bei der Kranken­versorgung. 1982 wurde sie in die Ewigkeit abberufen.

Das Kieswunder

Alle vorgestellten Personen haben Tag für Tag, oft auch die Nacht hindurch, ohne Urlaub, ohne irdischen Gewinn, mit einem kargen Gehalt, viele Stunden, oft bis zur Erschöpfung gearbeitet und viele Stunden gebetet. Jeden Abend hat Anto­nie mit den Angestellten zwei und mehr Stunden im Gebet verbracht. Bisweilen kamen in einer Woche mehrere Sühne­nächte zusammen. Einmal haben sie, so berichtete Resi, in dreieinhalb Tagen nur acht Stunden geschlafen.

Bei dieser Einstellung blieb außerordentliche Hilfe von oben nicht aus. „Als wir das Haus im Garten bauten“, erzählte spä­ter Theresia Moser, „war ich den ganzen Tag an der Beton­maschine tätig. Gegen Mittag sah ich besorgt auf den Kies­haufen, der immer kleiner wurde. Da riefen wir den Bau­meister. Kies hätte er liefern können, hatte aber keine Arbeiter, ihn zu verladen. Da ging Antonie Rädler vorbei. Ich klagte unsere Not. Sie war auf dem Weg zum Kreuzhügel, um dort zu beten. Als sie zurückkam, sagte sie kurz: „Macht nur weiter, der Kies wird reichen!“ Tatsächlich, der Haufen wurde nicht kleiner. Die Decke wurde fertig und es blieben noch fast drei Kubikmeter übrig.“ Ein Vorgang, der übrigens auch aus dem Leben des Pfarrers von Ars berichtet wird.

Diese treuen Begleiter, Gott ganz ergebene Menschen, wa­ren all die Jahre hindurch der Verachtung, dem Hohn und der Verleumdung ausgesetzt. Von Seiten der Bevölkerung schlug ihnen falscher Argwohn entgegen. Auf diese Weise teilten sie das Schicksal Antonies, die sogar von den Kanzeln herunter angefeindet und verunglimpft wurde.

Ideale Voraussetzung

Neben diesen Menschen, jeder in sich eine Persönlichkeit, haben in den späteren Jahren einige Priester die geistliche At­mosphäre geprägt und entfaltet. 1969 stieß Johannes Schmid zur Gemeinschaft, Mitglied des Ordens der Passionisten. Erzbischof Stimpfle nannte ihn eine besondere Aufmerksam­keit Gottes. Die Passionisten sind eine Gemeinschaft, die sich in besonderer Weise der Verehrung des Leidens Christi ver­pflichtet weiß.

Gegründet wurde der Orden 1720 durch den blutjungen Paolo Francesco Danei (1694-1775), der sich später Paul vom Kreuz nannte. Geboren in einer reichen Familie in Ovada in Norditalien, hatte er mit 19 Jahren ein Erlebnis, das ihn be­wog, sich einem dem Gebet gewidmeten Leben hinzugeben. Ein kluger Kapuziner machte ihm klar, dass der Mensch, der auf Gott zugehen will, der Liebe in allem den Vorrang geben und sich von eigenen Gottesbildern lösen muss. Die Erkennt­nis, dass Gott am ehesten im Leiden Christi gefunden werden kann, wurde zur stärksten Triebfeder, sein Leben der Verbreitung dieser Botschaft zu widmen. Die Verehrung des Leidens Christi wurde zum Hauptmerkmal seines Ordens. Paul vom Kreuz gilt als größter Mystiker des 18. Jahrhunderts.

Diese Geisteswelt war eine ideale Voraussetzung für ein Wirken an der Gebetsstätte in Wigratzbad. Mit brennendem Eifer widmete der Passionist sich den zunehmenden Scharen von Pilgern und versuchte ihnen die Bedeutung des Gebetes und der Sühne nahe zu bringen. Seine letzte Ruhestätte fand er 1987 in der Ölbergkapelle im Schatten der Sühnekirche ne­ben Antonie Rädler, die ihm nur ein paar Jahre später folgte.

Die nachlassenden Kräfte von Pater Schmid im Blick, fällte Bischof Stimpfle rechtzeitig eine weitsichtige Entscheidung, die etwas von der Instinktsicherheit dieses Oberhirten erah­nen lässt. Von der berühmten Wieskirche im Allgäu holte er sich einen erfahrenen Theologen, Dr. Dr. Rupert Gläser. Die­ses 1744 erbaute Gotteshaus ist eine Wallfahrtskirche unter dem Titel „Zum Gegeißelten Heiland“. Vielen ist sie jedoch eher bekannt wegen ihrer fantastischen weltberühmten Ar­chitektur. Aber wichtiger ist die Theologie, die sich in ihr aus­drückt. Diese sieht den wesentlichen Zug der Kirche in ihrem eschatologischen Charakter, mit anderen Worten, sie sollte sich nicht von Zeit und Raum einengen lassen, ihr Blick muss vielmehr ständig auf die Wiederkunft des Herrn ausgerichtet sein. Das gefiel gegen Ende des 18. Jahrhunderts – wie auch heute – dem Zeitgeist ganz und gar nicht.

Von einer solchen Theologie geprägt, war Rupert Gläser eine glückliche Besetzung für Wigratzbad. Ihm oblag im Sinne des Oberhirten die Aufgabe, den Geist der Gründergenera­tion in unsere Zeit hinüberzutragen. Das ist ihm in den Jah­ren von 1984 bis 1999, als ihm die Leitung der Stätte anver­traut war, gelungen. Noch heute strahlt er etwas von dieser an ihn ergangenen Berufung aus.

1999 wurde er als Direktor von Thomas Maria Rimmel abgelöst, ernannt von Bischof Dr. Viktor Josef Dammertz, dem Nachfolger von Dr. Josef Stimpfle auf dem Bischofssitz von Augsburg. Rimmel leitete eine neue Phase ein. Er ver­sucht den Geist der Weltkirche in die Stätte hineinzubringen. Typisch dafür ist, dass er an dem weltberühmten Erschei­nungsort Guadalupe in Mexico an Priesterexerzitien teilge­nommen hat. Auch eine Fußwallfahrt nach Santiago de Com­postella gehört dazu.

Seit 1988 hat sich in Wigratzbad die romtreue Petrusbru­derschaft niedergelassen und unterhält dort ein Priestersemi­nar. Um Missverständnissen vorzubeugen, hat Rimmel eine behutsame Entflechtung der Gebetsstätte und der Bruder­schaft vorgenommen. Sein Motto lautet „Integrieren, nicht isolieren“. Das gilt für alle Bewegungen und Gemeinschaften. Programm und eingeladene Gäste, u.a. auch aus Rom, zeigen, dass ihm dies gelungen ist.

Antonie Rädler habe die Menschen im Gebet mitgerissen und ganze Nächte mit ihnen durchgebetet. Daraus seien die sog. Sühnenächte entstanden und zu einem zentralen Moment im Leben der Gebetsstätte geworden. Wigratzbad sei ein Ort – so Rimmel in einem Interview –, der Freude ausstrahle. Das hänge damit zusammen, dass man der Versöhnung des Menschen mit Gott einen hohen Stellenwert einräume. Die Menschen hungerten nach der Botschaft vom Frieden mit Gott. Das zeige u.a. die feierliche Gestaltung des Weißen Sonn­tags als sog. Barmherzigkeitssonntag.

Von Bischof Dr. Walter Mixa, einem Nachfolger im Amt von Dr. Josef Stimpfle, wurde Thomas Maria Rimmel als Di­rektor der Stätte in den Priesterrat der Diözese aufgenommen, ein Beweis für die volle Integration der Gebetsstätte in das Leben der Kirche.

In Wigratzbad wurde im Rahmen der wöchentlichen Süh­nenacht am Donnerstagabend ein Heilungsgebet mit Hand­auflegung durch die anwesenden Priester eingeführt. Der mo­natliche Krankentag mit Eucharistischem Einzelsegen zählt zu den Höhepunkten im Wallfahrtsleben. Ein besonderes Cha­risma, zu segnen, haben die Gläubigen bei dem indischen Priester Santan Fernandes aus St. Ulrich a. Pillersee in Öster­reich entdeckt, der aus diesem Grunde mehrmals im Jahr in die Sühnekirche kommt.

Eng verbunden ist der Stätte auch Erich Maria Fink, gebo­ren in Isny im Allgäu. Von 1992 bis 1995 hat er die Gebets­stätte Marienfried betreut. Zum Beginn des Jahres 2000 wur­de er für den Dienst in Russland freigestellt und ist nun Pfar­rer der Gemeinde „Königin des Friedens“ in Beresniki im Ural. Er ist Wigratzbad treu geblieben und gibt dort zweimal im Jahr Exerzitien.

Ganz von Wigratzbad erfasst wurde auch ein Priester aus der Diözese Hildesheim. Es ist Pfarrer Bernhard Kügler. Seit dem Jahre 2000 steht er der Gebetsstätte zur Verfügung. Die dort gepflegte Geistigkeit entsprach so sehr seinen Vorstel­lungen, dass er sich ihr voll zur Verfügung stellte.

K-TV

Eine Erweiterung des Wirkungsbereiches der Stätte ergab sich in den letzten Jahren durch die Verbindung mit dem ka­tholischen Sender K-TV. Das „K“ steht für Kephas, das grie­chische Wort für Felsen. Er hat sein Hauptstudio im nicht sehr entfernten Dornbirn, im Dreiländereck am Bodensee. Der Sender ist die Verwirklichung eines lang gehegten Wun­sches des Schweizer Geistlichen Hans Buschor aus der Diözese St. Gallen. Er will die christliche Frohe Botschaft in einer säkularen Welt über das Fernsehen verkünden. Besonders ge­pflegt werden dabei Veranstaltungen mit dem Papst in Rom und anderweitig. Oft die einzige Möglichkeit im deutschspra­chigen Raum, über die Reisen des Nachfolgers auf dem Stuhl Petri informiert zu sein.

Medienfachleute gaben der Initiative wenig Chancen. Aber der Sender, der am 11. September 1999 erstmals die Ausstrah­lung auf einem eigenen Kanal über Satellit durchführen konn­te, feierte 2009 sein zehnjähriges Bestehen. In Wigratzbad wurde eigens ein Studio eingerichtet, um Gottesdienste und andere Veranstaltungen zu übertragen.

Von einer solchen neuen Möglichkeit, die Botschaft von Sühne und Versöhnung in die Welt auszustrahlen, hat Anto­nie Rädler noch nicht träumen können. Aber Gott wirkt im­mer und führt fort, wo menschliches Leben seine Grenzen findet. Die Kirche ist unterwegs, woran das Gotteshaus auf dem Hügel Besucher und Pilger erinnert. Sie schreitet voran — bewegt u.a. von Impulsen, wie sie von Orten wie Wigratz­bad immer wieder ausgehen —, der Ewigkeit entgegen, allen Versuchen zum Trotz, die Menschen auch über die Medien mit vorgegaukelten Paradiesen von diesem Weg abzubringen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel X

Geistiger Frühling

Vaterfigur aus dem Buch

Zu den Eigenarten der Gebetsstätte Wigratzbad gehört ­– worauf schon hingewiesen wurde –, dass auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Personen mit einbezogen wurden, um ein Vorhaben voranzubrin­gen, das ganz offensichtlich vom Himmel gesteuert wurde. In diesen Rahmen gehört die ungewöhnliche Gestalt eines Oberhirten, der am 12. September 1963 von Papst Paul VI. zum Bischof von Augsburg ernannt wurde.

Geboren in Maihingen am 25. März 1916 – an einem be­deutenden Marienfest also – in einer aus dem Glauben heraus lebenden Familie, schickte diese ihn mit zehn Jahren in das bischöfliche Knabenseminar nach Dillingen an der Donau. Nach dem Abitur entschied er sich 1935 für die Theologie. Seine Betreuer legten ihm bald nahe, sich um die Möglichkeit eines Studiums an der berühmten päpstlichen Universität, der Gregoriana, in Rom zu bewerben. Damit war seine spätere Laufbahn vorgezeichnet. In der Ewigen Stadt bekam er etwas von der Atmosphäre der Weltkirche mit. Seinen Aufent­halt dort musste er 1940 jäh unterbrechen, weil er zum Wehr­dienst nach Deutschland einberufen wurde.

Nach dem Kriege empfing er von Bischof J. Kumpfmüller die Priesterweihe. Beide ahnten nicht, dass der Geweihte den Weihenden einmal in einer wichtigen Sache korrigieren sollte. Anschließend war er zwei Jahre in der Seelsorge in Augs­burg tätig. 1948 konnte er dann sein Studium in Rom fortsetzen, das er 1951 mit dem Doktortitel abgeschlossen hat. Ein Jahr danach wurde er zum Subregens am Priesterseminar in Dillingen ernannt. Von dort, etwa zehn Jahre später, auf den Bischofssitz von Augsburg berufen.

Er war das genaue Gegenteil seiner beiden Vorgänger und hatte ein ganz anderes Selbstverständnis von seinem hohen Amt. Er wollte geistiger Vater aller sein und somit etwas von der väterlichen Güte Gottes ausstrahlen. Das überzeugte und machte ihn sehr populär. Gegenüber geistigen Impulsen zeig­te er sich aufgeschlossen und ließ sich diesbezüglich nicht von Vorurteilen in die Irre führen. Oft kam er bei den Besuchen unserer indischen Kinder mit Geschenken unter dem Arm. Aber er begnügte sich nicht damit, diese nur zu überreichen. Noch heute haben unsere Töchter, inzwischen reife Frauen und selbst zum Teil schon Mütter, vor Augen, wie er sich mit ihnen auf den Teppich setzte, um ihnen die mitgebrachten Spiele zu erläutern und mit ihnen zu spielen. Eine Vaterfigur wie aus dem Buch.

Als er einmal nach einem Besuch unser Haus verließ, traf er auf der Straße eine Gruppe von Bauarbeitern an, die er so­fort begrüßte und ansprach. Wegen des Autos erkannten sie ihn natürlich als Bischof und waren entsprechend beein­druckt. Als Mitbrüder im Amt Bedenken gegen einen regel­mäßigen Besuch in unserem Hause äußerten, hat ihn das wenig beeindruckt. Im Gegenteil. In der Bischofskonferenz bekam er Gelegenheit, einiges über den bekannten Journalis­ten zurechtzurücken. Auch Johannes Paul II. wurde von ihm über die literarische und publizistische Tätigkeit des Autors unterrichtet.

Das alles konnte er guten Gewissens tun, denn sein Mit­bruder im Amt aus Rottenburg-Stuttgart, Bischof Dr. Georg Moser, war der zweite regelmäßige Besucher in unserem Heim und hat die indischen Kinder mitsamt ihren Eltern einmal für zwei Tage in seine Residenz eingeladen. Beide Oberhir­ten sprachen ihre Visiten miteinander ab, um zeitlich nicht aufeinander zu treffen. Beides Persönlichkeiten von ganz gro­ßem Format, die sich voll als Dienende verstanden.

Die Ernennung Stimpfles zum Bischof erfolgte rechtzeitig, um ihn noch am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen zu lassen. Als Neuling musste er in den hintersten Rängen, nahe der Tür, Platz nehmen, ein Bereich, der von den älteren Bischöfen scherzhaft als „Kindergarten“ bezeichnet wurde. Das hinderte ihn nicht daran, viele Kontakte zu knüpfen, die über Jahre hielten, u.a. auch mit dem damaligen Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II., den er tatkräftig unterstützte, was dieser unter dem kom­munistischen Regime dankbar zu würdigen wusste.

Glaubenssehnsucht bricht durch

Als ihn kurz nach seiner Bischofsweihe der Dekan von Lindau, Josef Hirschvogel, sofort darauf aufmerksam mach­te, dass in Wigratzbad etwas gutzumachen sei, stieß das auf sensible Ohren. Josef Stimpfle ahnte, dass er dieser Anregung folgen musste, und machte sich bereits in den ersten Wochen unerkannt auf den Weg zu der umstrittenen Stätte, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, was dort ablief. So han­deln wahrhaft unabhängige Männer. Er begnügte sich nicht mit dem Bericht aus dritter Hand, er wollte sich selber ein Urteil bilden.

Womit er nicht gerechnet hatte war, dass die Seherin An­tonie ihn erkannte und ihn in ihr Haus einlud. Einen ganzen Nachmittag konnte er sie befragen und ausforschen. Es zeugt von einem besonderen Charisma, dass er damals den „Finger Gottes“ am Wirken erspürte.

In Wigratzbad brach im tiefsten Winter ein geistiger Früh­ling an. Nach vorurteilsfreier Prüfung der Angaben des De­kans in Lindau und des Ortspfarrers Ludwig Dorn in Wohm­brechts lautete die Entscheidung aus Augsburg: „Die Kapelle soll für den öffentlichen Gottesdienst geöffnet werden.“ Am 24. Dezember 1963 durfte der Pfarrer in dem nun als öffent­licher Kapelle anerkannten Heiligtum das hl. Messopfer fei­ern und das Allerheiligste aufbewahrt werden. Die Freunde der Stätte jubelten.

Eine über ein Vierteljahrhundert angestaute Glaubenssehn­sucht brach sich Bahn. Sie explodierte förmlich. Im Jahre 1966 zählte man im Jahr bereits 25 000 ausgeteilte Kommunionen, 1967 stieg die Zahl auf 32 000, 1968 auf 40 000, 1969 regis­trierte man zum Vorjahr eine Verdoppelung auf 80 000 und ab 1970 auf über 100 000 mit steigender Tendenz.

In den Wintermonaten von 1965/1966 führte der Passio­nistenpater Johannes Schmid (1897-1987) sechs marianische Exerzitienkurse durch, an denen mehr als 300 Personen teil­nahmen. 1969 kam er für immer nach Wigratzbad und stand bis 1987 den Pilgern als Seelsorger zur Verfügung. Viele sehen in ihm, übrigens ein Altersgenosse der Seherin, einen Mitbe­gründer der Gebetsstätte.

Zu den Sühnenächten platzten die obere und die untere Kapelle aus allen Nähten. Immer mehr Beter fanden keinen Platz mehr. Mehrere Priester hatten in den Nächten Mühe, den wartenden Gläubigen das Sakrament der Versöhnung zu spenden, in einer Zeit, in der in vielen Kirchen die Beicht­stühle verschwanden und oft nie mehr auftauchten. Es wurde erweitert, aufgestockt, ausgebaut. Die Angestellten arbeite­ten bis in die Nächte hinein, um Platz für die Pilger zu schaf­fen. Eine Lautsprecheranlage übertrug die Gottesdienste in drei Säle. Der Pilgerstrom schwoll an, von niemandem ge­trieben, gedrängt. Es war der Geist von oben, der sie führte. Im Sommer begann man die hl. Messen ins Freie zu verle­gen. Im Winter dagegen wurde die Raumnot unerträglich.

Die Situation rief nach einem größeren Gebetsraum oder nach einer Kirche für tausend bis zweitausend Menschen.

Diese Erfahrung sollte viele Oberhirten nachdenklich ma­chen, wie die aufgeschlossene Haltung eines Bischofs gegen­über dem Wehen des Heiligen Geistes ungeahnte Schleusen der Glaubenssehnsucht öffnen kann. Josef Stimpfle, bei seiner Ernennung für damalige Verhältnisse ein eher blutjunger Bi­schof von erst 47 Jahren, wurde der einzige Bischof Deutsch­lands, der in den letzten hundert Jahren eine Marienerscheinung in seiner Diözese persönlich als echt erkannte und die Verehrung der Stätte förderte. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Bestimmte Kreise hielten mit ihrer Abneigung nicht zurück und verleumdeten ihn bis über den Tod hinaus.

Der Bau der notwendig gewordenen Kirche wurde zu einer weiteren Herausforderung. Das Anliegen überstieg die Kräfte einer Privatperson. So kamen am 21. Juli 1971 zehn Personen zusammen (fünf Priester und fünf Laien), um die rechtlichen Grundlagen zu schaffen. Der Verein „Maria vom Sieg e.V.“ wurde ins Leben gerufen. Die Baukosten schätzte man auf drei bis vier Millionen Deutsche Mark. Antonie Rädler übertrug ihr gesamtes Vermögen auf den Verein, u.a. ein großes Land­gut in Wangen in bester Lage. Es wurde zur wichtigen Rü­ckendeckung für den geplanten Bau. Die Schenkungsurkunde wurde ausgearbeitet und die Bedingungen festgelegt.

Das Finanzamt sah nach eingehender Prüfung aller Ein­nahmen und Ausgaben in den letzten zehn Jahren kein Pro­blem, die Spendenaktion zugunsten der Kirche zu erlauben und die Steuerbegünstigung zu bewilligen. Die Aktion konn­te anlaufen. Die mustergültig geführte Buchhaltung durch einen früheren Angestellten der Stadt Lindenberg wies ohne Zuschuss der Diözese in kurzer Zeit die Summe von vier Millionen Deutsche Mark auf. Die Spenden vieler Wohltä­ter, besonders jener, die hier Hilfe und Heilung erlangt hat­ten, machten es möglich.

Zwei Mentalitäten

Dennoch galt es neue Hürden zu nehmen. Die Behörden, die kirchlichen und die staatlichen, sperrten sich. Am 4. April 1971 erschien die bischöfliche Baukommission in Wigratz­bad, stellte viele Fragen. Die Reaktion der Herren zeigte, dass man kein Vertrauen in die Zukunft des Objektes hatte. Man ließ durchblicken, was man dachte: mit dem Tode der Sehe­rin würde alles sein Ende finden. Aus diesem Grunde schlug man einen Bau vor, der später anderen Zwecken zugeführt werden könnte, etwa als Lagerhalle. Antonie begründete trotz­dem ihr Werk mit so großer Überzeugungskraft, dass die Kommission nicht umhin konnte, ihr zu versprechen, das Gut­achten dem Bischof vorzulegen. Hier waren zwei Denkweisen aufeinander gestoßen – die menschliche, auf das Praktische ausgerichtete, und die mystische, die in einer ganz anderen Dimension beheimatet war und von dort her ihre Sicherheit bezog. Das Gutachten verschwand in der Schublade. Aber der Oberhirte ließ nicht locker, er fragte nach und drängte, die Sache zu fördern.

Nun sträubten sich die staatlichen Ämter. Der eingereich­te Plan des Architekten wurde verworfen, andere Vorschläge gemacht, um eine angeblich optimale Lösung zu finden. Die Absicht war eine andere. Antonie durchschaute sie und lehn­te ab. Da schlug endlich ein Regierungsbaurat vor – und zwar gegenüber dem Sohn des Erbauers der Kapelle „Maria vom Sieg“ –, einen angesehenen Architekten zu finden. Er nann­te Prof. Gottfried Böhm aus Köln. Dem würde man so leicht nichts abschlagen können. So geschah es. Der Professor kam nach Wigratzbad, schaute sich alles an und wollte innerhalb von drei Monaten den Entwurf vorlegen.

Die inzwischen über 70 Jahre alte Antonie trug schwer un­ter dieser Verantwortung. In schlaflosen Nächten betete sie um Erleuchtung, und der Himmel blieb nicht stumm. Am 11. Januar 1972 sah sie am Abend während des Rosenkranzes plötzlich die Gottesmutter oben am Himmel. Die Madonna brachte in den schwarz-dunklen Himmel eine große Lichtfülle zwischen rechts und links aufgeschichtete Felsblöcke, die sich von der Erde bis zum Wolkenhimmel auftürmten. Da erschie­nen Engelchöre, die mit Blitzesschnelle die großen Blöcke nach rechts und links schoben, so dass das Licht in der Mitte vom Wolkenhimmel bis zur Erde alles erhellte und überflutete.

„Innerlich erkannte ich“ — so Antonie „dass die Gottes­mutter jetzt die von der Hölle aufgetürmten Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Eine große innere Ruhe und Freude kam über mich und ließ mich die nächsten Nächte ohne Stö­rung durchschlafen.“ Ein paar Tage später sah sie während der hl. Messe innerlich den himmlischen Vater gütig herab­schauen und hörte die Worte: „Fange mit dem Bau an! Ich segne dich in meiner Allmacht, Weisheit und Güte. Ich bin mit dir. Fürchte nichts! Mein Segen bewirkt alles, überwindet alles, führt das Begonnene zum Ziel. Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, der Mutter Güte bereitet alles wunderbar. Fange an in meinem Namen. Mein Segen ruht auf euch. Auch deine Eltern segnen dich. Lass dich auch segnen von Pfarrer Weiß und Pater Johannes!“

Der Architekt aus Köln hielt Wort. Ende März 1972 legte er einer kirchlich-staatlichen Kommission den Entwurf vor. Dieser wurde widerspruchslos genehmigt. Dem Bau des gro­ßen Gotteshauses stand nichts mehr im Wege. Am 3. November 1972, an einem Herz-Jesu-Freitag, begann Baumeister Ruß das Gelände abzustecken. Der erste Spatenstich für die ei­gentliche Kirche war vollzogen.

Pilgernde Kirche

Vier Jahre harter und sorgfältiger Arbeit sollten ins Land gehen, bis das Werk vollendet war. Viele Einzelheiten mussten bedacht, Hoch- und Seitenaltäre auf das Ganze abgestimmt werden, Orgel, Beichtstühle, Bestuhlung, Verglasung der Kir­chenfenster sich einfügen. Im Oktober 1974 war der Außen-und Innenausbau so weit gediehen, dass ein erster Gottes­dienst gefeiert werden konnte. Aber erst im Frühjahr 1976 war alles für die feierliche Einweihung vollendet.

Ein großer Wurf, ein Bau, in dem die Visionen einer von Gott leidgeprüften Frau Formen annahmen. Den Preis musste sie über Jahrzehnte zahlen. Professor Gottfried Böhm hatte viel Einfühlungsvermögen gezeigt. Das Gotteshaus wurde zur Gestalt gewordenen Botschaft.

Es war als Zelt konzipiert. Wir sind eine pilgernde Kirche, will sie den Gläubigen ins Gedächtnis rufen. Wir sind nicht von dieser Erde und nicht für diese Erde bestimmt. Ein Pilger baut sich keine feste Bleibe für lange Zeit, auch kein Eigen­heim, den Palästen der großen Kaiser nachempfunden, die zu Schutt und Asche wurden, kein Haus, das viel Aufmerk­samkeit und Mühe verschlingt und von der nächsten Gene­ration schon nicht mehr begehrt wird. Das Gotteshaus war ein Appell in Stein, Stahl und Glas und stand im Gegensatz zum Bauboom der Zeit, der dreißig Jahre später zu Beginn eines neuen Jahrtausends in den Vereinigten Staaten einen Kollaps erleiden und weltweit die größte Finanzkrise seit hundert Jahren auslösen sollte. Christen sind — sollten es sein – ­die Alternative zu einer Welt, die sich hier für immer einrich­ten möchte und in allen politischen Systemen und unter allen Regimen das Paradies auf Erden verspricht.

Das Hauptzelt wird von zwölf kleineren umgeben, zur Er­innerung an die zwölf Stämme Israels und an die zwölf Apos­tel, die ihr Erbe angetreten haben auf dem Wege zum Heil der Menschheit. Wir stehen in einer langen Tradition, Gott führt den Menschen seit Jahrtausenden durch seine Propheten und durch seine Heiligen. Die über Jahre sich hinziehende Wan­derung durch die Wüste, die vor über 3200 Jahren die Israe­liten, geführt von Mose, unter großen Opfern auf sich neh­men mussten, wird durch stets neue abgelöst. Geistige Wüs­ten wie die, die wir durchlaufen, können härter sein als jede Sandwüste.

Die Kirche in Wigratzbad erinnert in ihren Strukturen auch an die Worte des Evangelisten Matthäus: „Jerusalem, Jerusa­lem! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt“ (23,37). In diesen Worten Jesu lag auch eine War­nung, eine letzte Warnung. Keine vierzig Jahre später wurden die Einwohner Jerusalems in alle Winde zerstreut. Sie waren dem Ruf des verheißenen Messias nicht gefolgt. Nun muss­ten sie den Befehlen ihrer neuen Herren, der Römer, folgen und in die Sklaverei gehen. Überall heimatlos. Der von ihnen abgelehnte und gekreuzigte, Mensch gewordene Gott aber er­wies sich als Sieger. Andere Nationen folgten ihm und übernahmen die Aufgabe, die dem Volk Israel zugedacht war.

Der Blick des in die Kirche Eintretenden wird sofort vom Altarraum gefesselt. Er steht wie auf einer Insel, drei Stufen über dem Boden, an allen Seiten von einer Kommunionbank umgeben. Hinter dem Altar auf breiter Bank ein goldener Tabernakel, in eine große goldene Sonne hineingestellt. Fünf Strahlenbündel unterstreichen die Bedeutung des Ortes. Die Sonne der Gerechtigkeit soll den ganzen Raum beherrschen. Diese Kirche ist durch und durch eine Anbetungskirche, ruft zur Anbetung auf, zur Anbetung des Herrn, im Gegensatz zu einer Zeit, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, mit all seinen von Sinnlichkeit gespeisten Vorstel­lungen, seinem Ruf nach totaler Autonomie und am Ende hemmungsloser Selbstanbetung. Humanismus und Säkula­rismus nennt sich der Trend, als Fundamentalisten werden jene gebrandmarkt, die sich an Gott und an bleibenden Wer­ten orientieren.

Unübersehbares Zentrum

Während in diesen Jahren in vielen Gotteshäusern im deutschsprachigen Raum die Tabernakel aus der Mitte ver­schwanden, an Seitenwänden oder in Nebenkapellen unter­gebracht wurden, bildet er in dieser „Zeltstadt“ das unüber­sehbare Zentrum. Wie einst die Bundeslade in einem Zelt mit den Israeliten durch die Wüste auf das Heilige Land zu­wanderte, will hier der Tabernakel die Gläubigen dieser Zeit durch die immer trockener werdende Wüste des Säkularis­mus, des Relativismus, des erlöschenden Gewissens und des sich ausbreitenden offenen Atheismus der Wiederkunft des Herrn zuführen. Die Innenansicht dieses Hauses sagt dem Menschen auf den ersten Blick: Gott ist das letzte Maß aller Dinge, nicht der Mensch.

Das gewaltige, eindrucksvolle Kreuz darüber erinnert da­ran, dass hier das Opfer am Kreuze gegenwärtig wird. Da­runter die Sonne als Symbol der Auferstehung.

Im Sechseckraum zur Linken des Hochaltares steht eine lebensgroße Herz-Jesu-Statue, die an die Visionen der großen Mystikerin Margarete Maria Alacoque (1647-1690) erinnert, die im französischen Paray-le-Monial verehrt wird. Sie wurde am 13. Mai 1920, erst 230 Jahre nach ihrem Tode, durch Papst Benedikt XV. heilig gesprochen.

Im Sechseck zur Rechten fällt eine liebliche Statue der Got­tesmutter von Fatima ins Auge, wie sie am 13. Juli 1917 den drei Seherkindern ihr von Dornen durchstochenes Herz auf der Brust gezeigt hat. Beide Standbilder sollen die Anwesen­den ständig an den Titel der Kirche erinnern. Beide waren andernorts nicht erwünscht oder nicht mehr erwünscht, das Jesus-Standbild im Vorarlberg, die Marienstatue in Düssel­dorf. In Wigratzbad wurden sie 1971 willkommen geheißen.

In mehreren Erscheinungen hat sich Jesus bei der jungen Ordensfrau Margarete Maria Alacoque über den Undank, über Kälte und Missachtung beklagt, die ihm – auch in der Eucharistie – entgegengebracht werden. Er schlug vor, sei­nem Herzen ein eigenes Fest, eine Woche nach Fronleich­nam, einzurichten und Abbitte und Sühne für die mangeln­de Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu leisten. In diesen Vi­sionen machte der Sohn Gottes nicht nur auf seine mensch­liche Seite aufmerksam, sondern auch auf die Bedeutung der Wiedergutmachung im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Margarete Maria Alacoque hatte wegen dieser Vi­sionen viel zu erleiden – auch von den eigenen Mitschwes­tern, und das über Jahre hinweg. Sie wurde verspottet und von den Hausgeistlichen gar als besessen oder geisteskrank be­zeichnet. Sie hat dieses Leiden als Sühne angenommen. Sie ist nur 43 Jahre alt geworden. Paray-le-Monial wird interes­santerweise in den letzten Jahren besonders von der jünge­ren Generation neu entdeckt.

Auch in Fatima geht es vor allem um Sühne. Am 13. Juli 1917 erhielten die drei Seherkinder eine Botschaft von großer Bedeutung für das Schicksal der Menschheit: „Der Herr will die Welt retten durch die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens. Wer sie übt, dem verspreche ich das Heil. Ja, diese Seelen werden von Gott bevorzugt werden wie Blumen, die ich vor seinen Thron bringe.“

Anschließend öffnete Maria die Hände, von denen ein ge­heimnisvolles Licht ausstrahlte. Vor der rechten Hand sah man ein Herz, ganz von Dornen umgeben. Die Kinder ver­standen, was gemeint war. Die vielen Sünden der Welt ver­wunden auch das Herz Mariens. Es ruft nach Sühne und Wie­dergutmachung.

Mit ihrem Jawort hat sie der Menschheit den Sohn Gottes geschenkt. Sie ist in tiefster Gemeinschaft mit ihm verbunden, hat alle Opfer, alle ihm zugefügten Erniedrigungen mit ihm geteilt, hat unter dem Kreuze stehend die Kreuzigung erfahren wie ihre eigene. Seine Leiden sind ihre Leiden. Deshalb will ihr Sohn, dass nicht nur ihm, sondern auch ihrem Herzen Sühne geleistet wird. Und aus eben diesem Grunde gehört in die Sühnekirche von Wigratzbad nicht nur das Bild des tief verletzten Gottessohnes, sondern auch das Herz seiner Mutter. Das Heiligtum von Wigratzbad ist eine „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“. Unter diesem Namen wurde sie von ei­nem Bischof konsekriert, der die Zeichen der Zeit voll ver­standen hat und bereit war, dafür viel Kritik, Missverständ­nisse, Kränkungen und Vereinsamung auf sich zu nehmen.

In der äußeren, ausdrucksstarken Architektur dieses Got­teshauses spiegelt sich eine innere Architektur wieder, in der die Impulse Gottes ineinandergreifen. Das wurde von einer Frau, von Antonie Rädler, erahnt und aufgegriffen. Genau vierzig Jahre zuvor hat sie in der gegenüberliegenden Grotte den Gesang himmlischer Chöre vernommen, die der Unbe­fleckt Empfangenen, die Mutter Gottes wurde, geweiht war. Ihr bedingungsloser Gehorsam, ihre unfassbare Demut, die die Hölle in Entsetzen versetzte, aber Engel jubeln ließ, wur­den für sie zum großen Sieg. Darum darf sie mit Recht Mut­ter vom Sieg genannt werden. Für Antonie begann damit ein langer Weg, der voller Dornen und tödlicher Gefahren war.

Was mag sich in ihrem Inneren abgespielt haben, als ein großer Oberhirte das Heiligtum feierlich einweihte? Für sie war es jedenfalls eine Bestätigung, dass Gottes Verheißungen sich immer erfüllen. Für den Menschen gilt es, ihnen voll zu vertrauen, auf sie zu bauen, ihnen zu glauben und bereit zu sein, den eigenen Beitrag zu leisten. Gott hat den Menschen nicht als Marionette gewollt, niemanden, sondern als Mitwir­kenden. Das macht die Kirche von Wigratzbad auch zu einem Mahnmal der Verantwortung – für das eigene Heil und für das Heil anderer Menschen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

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