PREDIGT VON PAPST BENEDIKT XVI. 2008 IN LOURDES

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Predigt von Papst Benedikt XVI.

bei der Lichterprozession
am Samstag. dem 13. September 2008
in der Wallfahrtsstätte Lourdes.

Der Papst stand dabei auf der Terrasse der Rosenkranzbasilika.

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Vor hundertfünfzig Jahren, am 11. Februar 1858, sah ein einfaches Mädchen aus Lourdes, Bernadette Soubirous, an diesem Ort außerhalb der Stadt, der sogenannten Grotte von Massabielle, ein Licht und in diesem Licht eine junge Dame, „schön, über alles schön“. Diese Dame wandte sich mit Güte und Liebenswürdigkeit, mit Achtung und Vertrauen an sie. „Sie siezte mich“, erzählt Bernadette, „… Möchten Sie mir den Gefallen tun, in den nächsten fünfzehn Tagen hierher zu kommen?“ fragt die Dame sie. „… Sie schaute mich an wie ein Mensch, der mit einem anderen Menschen spricht.“ In dieser Unterhaltung, in diesem ganz von Feingefühl geprägten Dialog beauftragt die Dame sie, einige ganz einfache Botschaften über das Gebet, die Buße und die Umkehr zu vermitteln. Daß Maria schön ist, überrascht nicht, offenbart sie doch in der Erscheinung vom 25. März 1858 ihren Namen so: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“.

Betrachten wir unsererseits diese „mit der Sonne bekleidete Frau“, die uns die Schrift vor Augen stellt (vgl. Offb 12,1). Die Allerseligste Jungfrau Maria, die glorreiche Frau der Geheimen Offenbarung, trägt auf ihrem Haupt einen Kranz von zwölf Sternen, welche die zwölf Stämme Israels, das ganze Volk Gottes, die gesamte Gemeinschaft der Heiligen darstellen, und zugleich hat sie unter ihren Füßen den Mond, das Bild des Todes und der Sterblichkeit. Maria hat den Tod hinter sich gelassen; sie ist ganz vom Leben bekleidet, vom Leben ihres Sohnes, des auferstandenen Christus. So ist sie das Zeichen für den Sieg der Liebe und des Guten, für den Sieg Gottes. Sie gibt unserer Welt die Hoffnung, die sie braucht. Richten wir heute Abend unseren Blick auf Maria, die so glorreich und so menschlich ist, und lassen wir uns von ihr zu Gott, dem Sieger, führen.

Zahlreiche Menschen haben es bezeugt: Die Begegnung mit dem leuchtenden Antlitz von Bernadette verwandelte die Herzen und die Blicke. Sowohl während der Erscheinungen als auch, wenn sie davon erzählte, begann ihr Gesicht über und über zu strahlen. Bernadette war bereits erfüllt von dem Licht von Massabielle. Das alltägliche Leben der Familie Soubirous bestand jedoch aus Elend und Traurigkeit, aus Krankheit und Unverständnis, aus Ablehnung und Armut. Auch wenn es in den familiären Beziehungen nicht an Liebe und Wärme fehlte, war es doch schwierig, im cachot („Verließ“) zu leben. Aber die Schatten der Erde haben das Licht des Himmels nicht daran gehindert zu leuchten: „Das Licht leuchtet in der Finsternis…“ (Joh 1,5). 

Lourdes ist einer der Orte, die Gott erwählt hat, um dort einen besonderen Strahl seiner Schönheit leuchten zu lassen; daher rührt die Bedeutung, die hier das Symbol des Lichtes bekommt. Von der vierten Erscheinung an entzündete Bernadette, wenn sie an der Grotte ankam, jeden Morgen eine gesegnete Kerze und hielt sie in der linken Hand, bis die Jungfrau sich zeigte. Sehr bald übergaben verschiedene Personen Bernadette eine Kerze, damit sie diese in der Tiefe der Grotte in die Erde stecke. Sehr bald brachten andere Menschen auch selbst Kerzen an diesen Ort des Lichtes und des Friedens. Die Muttergottes tat selber kund, daß ihr diese berührende Huldigung dieser Tausenden Kerzen gefiel, die seitdem zu ihrer Ehre ununterbrochen den Felsen der Erscheinung erleuchten. Von jenem Tag an glüht vor der Grotte Tag und Nacht, im Sommer wie im Winter, ein brennender Dornbusch, entzündet vom Gebet der Pilger und der Kranken, die ihre Sorgen und Nöte, vor allem aber ihren Glauben und ihre Hoffnung zum Ausdruck bringen.

Lourdes, procession aux flambeaux, 13 septembre 2008Da wir als Pilger hier nach Lourdes kommen, wollen wir auf den Spuren Bernadettes in diese außergewöhnliche Nähe zwischen Himmel und Erde eintreten, die sich niemals widersprochen hat und die sich unaufhörlich weiter festigt. Während der Erscheinungen ist zu bemerken, daß Bernadette den Rosenkranz unter den Augen Marias betet, die im Moment der Doxologie mit einstimmt. Diese Tatsache bestätigt den zutiefst theozentrischen Charakter des Rosenkranzgebets. Wenn wir den Rosenkranz beten, leiht uns Maria ihr Herz und ihre Augen, um das Leben ihres Sohnes, Christus Jesus, zu betrachten. Mein verehrter Vorgänger Papst Johannes Paul II. ist zweimal hierher nach Lourdes gekommen. Wir wissen, wie sehr sich in seinem Leben und in seinem Dienst das Gebet auf die Fürsprache der Jungfrau Maria stützte. Wie viele seiner Vorgänger auf dem Stuhl Petri hat auch er das Rosenkranzgebet nachdrücklich gefördert; er hat dies unter anderem in einer ganz besonderen Weise getan, indem er es durch die Betrachtung der lichtreichen Geheimnisse bereichert hat. Sie sind übrigens auf der Fassade der Basilika in den neuen, im vergangenen Jahr eingeweihten Mosaiken dargestellt. Wie bei allen Geschehnissen im Leben Christi, die sie in ihrem Herzen bewahrte und überdachte (vgl. Lk 2,19), läßt Maria uns alle Etappen seines öffentlichen Wirkens als einen Teil der Offenbarung der Herrlichkeit Gottes begreifen. Möge der lichterfüllte Ort Lourdes eine Schule zum Erlernen des Rosenkranzgebets bleiben, das die Jünger Jesu in Gegenwart seiner Mutter in einen echten und herzlichen Dialog mit ihrem Meister einführt!

Lourdes, procession aux flambeaux, 13 septembre 2008Durch den Mund Bernadettes  hören wir die Bitte der Jungfrau Maria an uns, in Prozession hierher zu kommen, um in Einfachheit und mit Eifer zu beten. Die Lichterprozession vermittelt unseren sinnlichen Augen das Geheimnis des Gebetes: In der Gemeinschaft der Kirche, welche die Erwählten des Himmels und die Pilger der Erde miteinander vereint, entspringt das Licht aus dem Gespräch zwischen dem Menschen und seinem Herrn, und eine leuchtende Straße öffnet sich in der Geschichte der Menschen, auch in den dunkelsten Augenblicken. Diese Prozession ist ein Moment großer kirchlicher Freude, aber auch eine Zeit tiefen Ernstes: Die Anliegen, die wir mit uns tragen, unterstreichen unsere tiefe Verbundenheit mit allen, die leiden. Denken wir an die unschuldigen Opfer, die unter Gewalt, Krieg, Terrorismus und Hungersnot leiden oder die die Folgen von Ungerechtigkeiten, Plagen und Unheil, von Haß und Unterdrückung, von Angriffen auf ihre Menschenwürde und ihre Grundrechte, auf ihre Handlungs- und Gedankenfreiheit zu tragen haben. Denken wir auch an jene, die familiäre Probleme erleben oder die infolge von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Gebrechen, Einsamkeit oder ihrer Situation als Einwanderer leiden. Außerdem möchte ich diejenigen nicht vergessen, die um des Namens Christi willen leiden und für ihn sterben.

Maria lehrt uns, zu beten und unser Gebet zu einem Akt der Gottes- und der Nächstenliebe zu machen. Wenn wir mit Maria beten, nimmt unser Herz die Leidenden auf. Wie könnte unser Leben dabei unverändert bleiben? Warum sollte unser Sein und unser ganzes Leben nicht Ort der Gastfreundschaft für unseren Nächsten werden? Lourdes ist ein Ort des Lichtes, weil es ein Ort der Gemeinschaft, der Hoffnung und der Umkehr ist.

Lourdes, procession aux flambeaux, 13 septembre 2008Nun, beim Einbruch der Nacht,sagt Jesus zu uns: „Laßt eure Lampen brennen!“ (Lk 12,35): die Lampe des Glaubens, die Lampe des Gebetes, die Lampe der Hoffnung und der Liebe! Dieses Gehen in der Nacht mit dem Licht in der Hand spricht unser Inneres nachdrücklich an, es berührt unser Herz und besagt viel mehr als jedes andere gesprochene oder gedachte Wort. Diese Geste erfaßt allein unsere Lage als Christen unterwegs: Wir brauchen Licht und sind zugleich berufen, Licht zu werden. Die Sünde macht uns blind; sie hindert uns daran, unsere Mitmenschen führen zu können, und bewirkt, daß wir ihnen mißtrauen und uns selber nicht führen lassen. Wir haben es nötig, erleuchtet zu werden, und wiederholen die flehentliche Bitte des blinden Bartimäus: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können!“ (Mk 10,51). Mach, daß ich meine Sünde sehe, die mich hemmt, doch vor allem: Herr, gib, daß ich deine Herrlichkeit sehe! Wir wissen, daß unser Gebet schon erhört ist, und wir sagen Dank, denn, wie der heilige Paulus im Epheserbrief sagt: „Christus wird dein Licht sein“ (5,14), und der heilige Petrus fügt hinzu: „Er hat euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen“ (1 Petr 2,9).

Zu uns, die wir nicht das Licht sind, kann Christus nun sagen: „Ihr seid das Licht der Welt“ (Mt 5,14), indem er uns aufträgt dafür zu sorgen, das Licht der Liebe leuchten zu lassen. Wie der Apostel Johannes schreibt: „Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht; da gibt es für ihn kein Straucheln“ (1 Joh 2,10). Die christliche Liebe leben bedeutet, das Licht Gottes in die Welt zu tragen und zugleich auf seine wahre Quelle hinzuweisen. Der heilige Leo der Große schreibt: „Wer nämlich fromm und keusch in der Kirche lebt, wer seinen Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische lenkt (vgl. Kol 3,2), ist in gewisser Weise dem himmlischen Licht gleich; während er selbst auf den Glanz eines heiligen Lebens achtet, weist er wie ein Stern vielen den Weg, der zu Gott führt“ (Sermon III,5).

Lourdes, procession aux flambeaux, 13 septembre 2008
In diesem Wallfahrtsort Lourdes, auf den die Christen der ganzen Welt ihren Blick richten, seit die Jungfrau Maria hier die Hoffnung und die Liebe hat erstrahlen lassen, indem sie den Kranken, den Armen und den Kleinen den ersten Platz zuwies, sind wir eingeladen, die Einfachheit unserer Berufung zu entdecken: Denn es genügt zu lieben.

Morgen wird uns die Feier der Kreuzerhöhung direkt ins Herz dieses Geheimnisses einführen. In dieser Vigil richtet sich unser Blick schon auf das Zeichen des Neuen Bundes, auf das das ganze Leben Jesu zuläuft. Das Kreuz ist der höchste und vollkommenste Akt der Liebe Jesu, der sein Leben für seine Freunde hingibt. „So muß der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat“ (Joh 3,14-15).

Wie es in den Liedern vom Gottesknecht  angekündigt wurde, ist der Tod Jesu ein Tod, der zum Licht für die Völker wird; es ist ein Tod, der in Verbindung mit der Sühneliturgie die Versöhnung bringt, ein Tod, der das Ende des Todes bedeutet. Von da an ist das Kreuz ein Zeichen der Hoffnung, ein Banner des Sieges Jesu, denn „Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3,16). Durch das Kreuz empfängt unser ganzes Leben Licht, Kraft und Hoffnung. Mit ihm ist die ganze Tiefe der Liebe offenbart, die im ursprünglichen Plan des Schöpfers enthalten war; mit ihm ist alles geheilt und zur Vollendung geführt. Das ist der Grund, warum das Leben im Glauben an den gestorbenen und auferstandenen Christus Licht wird.

Lourdes, procession aux flambeaux, 13 septembre 2008Die Erscheinungen waren von Licht umflutet, und Gott hat im Blick von Bernadette eine Flamme entzündet, die zahllose Herzen bekehrt hat.
Wie viele Menschen kommen hierher, um ein Wunder zu sehen, und hoffen vielleicht insgeheim, eines an sich selbst zu erfahren; auf dem Heimweg, nachdem sie eine geistliche Erfahrung eines echten kirchlichen Lebens gemacht haben, ändert sich dann ihr Blick auf Gott, auf die anderen und auf sich selbst. Eine kleine Flamme, die sich Hoffnung, Mitleid und Zartgefühl nennt, wohnt in ihnen. Die verborgene Begegnung mit Bernadette und mit der Jungfrau Maria kann ein Leben verändern, denn sie sind an diesem Ort Massabielle gegenwärtig, um uns zu Christus zu führen, der unser Leben, unsere Kraft und unser Licht ist. Mögen die Jungfrau Maria und die heilige Bernadette Euch helfen, als Kinder des Lichtes zu leben, um alle Tage Eures Lebens zu bezeugen, daß Christus unser Licht, unsere Hoffnung und unser Leben ist!

Benedikt XVI

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Quelle 

Predigt von Benedikt XVI. am 8. Dezember 2005 zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils

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Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Vor 40 Jahren, am 8. Dezember 1965, vollzog Papst Paul VI. auf dem Vorplatz dieser Petersbasilika den feierlichen Abschluß des II. Vatikanischen Konzils. Es war nach dem Wunsch von Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962, damals Fest der Mutterschaft Mariens, eröffnet worden und fand seinen Abschluß am Tag der Unbefleckten Empfängnis. Ein marianischer Rahmen umgibt also das Konzil. Tatsächlich ist es aber viel mehr als ein Rahmen: Es ist eine Orientierung für den ganzen Verlauf des Konzils. Ebenso wie seinerzeit die Konzilsväter verweist es auch uns auf das Bild der Jungfrau, die zuhört, die im Wort Gottes lebt, die die Worte, die von Gott zu ihr gelangen, in ihrem Herzen bewahrt und die sie begreifen lernt, indem sie sie gleichsam zu einem Mosaik zusammenfügt (vgl. Lk Lc 2,19 Lk Lc 2,51); es verweist uns auf die große Glaubende, die sich demütig und vertrauensvoll in die Hände Gottes übergibt, indem sie sich seinem Willen überläßt; es verweist uns auf die demütige Mutter, die, wenn es die Sendung des Sohnes verlangt, in den Hintergrund tritt, und zugleich auf die mutige Frau, die unter dem Kreuz steht, während die Jünger die Flucht ergreifen. In seiner Ansprache anläßlich der Promulgation der Konzilskonstitution über die Kirche hatte Paul VI. Maria als »tutrix huius Concilii« – »Beschützerin dieses Konzils« – bezeichnet (vgl. Oecumenicum Concilium Vaticanum II, Constitutiones Decreta Declarationes, Vatikanstadt 1966, S. 986) und mit unverkennbarer Bezugnahme auf den von Lukas überlieferten Pfingstbericht (Apg 1,12–14) gesagt, die Konzilsväter hätten sich »cum Maria, Matre Iesu« – »mit Maria, der Mutter Jesu« – in der Konzilsaula versammelt und würden nun auch in ihrem Namen aus ihr hinausgehen (ebd., S. 985).

Unauslöschlich bleibt in meinem Gedächtnis der Augenblick, in dem sich die Konzilsväter, als sie seine Worte hörten: »Mariam Sanctissimam declaramus Matrem Ecclesiae« – »Wir erklären die seligste Jungfrau Maria zur Mutter der Kirche« –, spontan von ihren Sitzen erhoben und stehend applaudierten und auf diese Weise der Gottesmutter, unserer Mutter, der Mutter der Kirche huldigten. In der Tat faßte der Papst mit diesem Titel die marianische Lehre des Konzils zusammen und bot den Schlüssel zu deren Verständnis. Maria steht nicht nur in einer einzigartigen Beziehung zu Christus, dem Sohn Gottes, der als Mensch ihr Sohn werden wollte. Indem sie vollkommen mit Christus verbunden ist, gehört sie auch vollkommen zu uns. Ja, wir können sagen, Maria ist uns so nahe wie kein anderer Mensch, weil Christus Mensch für die Menschen ist und sein ganzes Sein ein »Sein für uns« ist. Christus als Haupt ist, wie die Konzilsväter sagen, nicht von seinem Leib, der Kirche, zu trennen; er bildet zusammen mit ihr sozusagen ein einziges lebendiges Subjekt. Die Mutter des Hauptes ist auch die Mutter der ganzen Kirche; sie wird sozusagen sich selbst vollkommen entzogen; sie gibt sich ganz Christus hin und wird mit ihm uns allen geschenkt. Denn je mehr sich die menschliche Person hingibt, um so mehr findet sie sich selbst.

Das Konzil wollte uns sagen: Maria ist so in das große Geheimnis der Kirche eingewoben, daß sie und die Kirche ebenso wenig voneinander zu trennen sind wie sie und Christus. Maria ist Spiegelbild der Kirche, sie nimmt sie in ihrer Person vorweg und bleibt in allen Turbulenzen, die die leidende und sich abmühende Kirche heimsuchen, immer der Stern des Heils. Sie ist ihre wahre Mitte, der wir vertrauen, auch wenn uns ihre Randbereiche so oft schwer auf der Seele lasten. Dies alles hat Papst Paul VI. bei der Verkündigung der Konstitution über die Kirche mittels eines neuen, tief in der Überlieferung verwurzelten Titels in der Absicht herausgestellt, die innere Struktur der auf dem Konzil entwickelten Lehre über die Kirche zu erhellen. Das II. Vaticanum sollte über die institutionellen Glieder der Kirche sprechen: über die Bischöfe und über den Papst, über die Priester, die Laien und die Ordensleute in ihrer Gemeinschaft und in ihren Beziehungen zueinander; es sollte die pilgernde Kirche beschreiben, »die in ihrem eigenen Schoß Sünder umfaßt; die zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig ist…« (Lumen gentium LG 8). Aber diese »petrinische« Dimension der Kirche ist in jener »marianischen« Dimension enthalten. In Maria, der unbefleckt Empfangenen, begegnen wir dem unentstellten Wesen der Kirche. Von ihr sollen wir lernen, selber zu »kirchlichen Seelen« zu werden, wie sich die Konzilsväter ausdrückten, damit auch wir, nach dem Wort des hl. Paulus, »schuldlos« vor den Herrn treten können, so wie er uns von Anfang an haben wollte (vgl. Kol Col 1,22 Ep 1,4).

Aber nun müssen wir uns fragen: Was bedeutet »Maria, die unbefleckt Empfangene«? Hat uns dieser Titel etwas zu sagen? Die Liturgie des heutigen Tages erklärt uns den Inhalt dieses Wortes in zwei großartigen Bildern. Da ist zuerst der wundervolle Bericht von der Ankündigung des Kommens des Messias an Maria, die Jungfrau aus Nazaret. Der Gruß des Engels ist aus Fäden des Alten Testaments, besonders aus dem Buch des Propheten Zefanja, gewoben. Er zeigt, daß Maria, die einfache Frau aus der Provinz, die aus einem priesterlichen Geschlecht stammt und das große priesterliche Erbe Israels in sich trägt, der »heilige Rest« Israels ist, auf den sich die Propheten zu allen Zeiten der Drangsal und Finsternis bezogen haben. In ihr ist das wahre, das reine Zion, die lebendige Wohnstatt Gottes, gegenwärtig. In ihr wohnt der Herr, in ihr findet er seinen Ort der Ruhe. Sie ist das lebendige Haus Gottes, der nicht in steinernen Häusern wohnt, sondern im Herzen des lebendigen Menschen. Sie ist der Sproß, der in der dunklen Winternacht der Geschichte aus dem Baumstumpf Davids hervorsprießt. In ihr erfüllt sich das Psalmwort: »Das Land gab seinen Ertrag« (Ps 67,7). Sie ist der junge Trieb, aus dem der Baum der Erlösung und der Erlösten heranwächst. Gott ist nicht gescheitert, wie es gleich am Anfang der Geschichte mit Adam und Eva oder während des Babylonischen Exils vielleicht scheinen mochte und wie es sich zur Zeit Mariens neuerlich abzuzeichnen schien, als Israel zu einem bedeutungslosen Volk in einem besetzten Land geworden war, wo kaum Zeichen seiner Heiligkeit zu erkennen waren. Gott ist nicht gescheitert. In der Schlichtheit des Hauses von Nazaret lebt das heilige Israel, der lautere Rest. Gott hat sein Volk gerettet und rettet es auch weiterhin. Seine Geschichte beginnt von neuem zu leuchten von dem Baumstumpf aus, der zu einer neuen lebendigen Kraft wird, die Orientierung gibt und die Welt durchdringt. Maria ist das heilige Israel; sie sagt »Ja« zum Herrn, sie stellt sich ihm voll zur Verfügung und wird so zum lebendigen Tempel Gottes.

Das zweite Bild ist viel schwieriger und dunkler. Diese Metapher aus dem Buch Genesis spricht zu uns aus einer großen historischen Distanz und läßt sich nur mühsam erklären; erst im Laufe der Geschichte war es möglich, ein tieferes Erfassen des dort Berichteten zu entwickeln. Es wird vorausgesagt, daß während der ganzen Geschichte der Kampf zwischen dem Menschen und der Schlange, das heißt zwischen dem Menschen und den Mächten des Bösen und des Todes, weitergehen wird. Es wird jedoch auch vorhergesagt, daß »die Nachkommenschaft« der Frau eines Tages siegen und der Schlange, dem Tod, den Kopf zertreten wird; es wird vorhergesagt, daß die Nachkommenschaft der Frau – und in ihr die Frau und Mutter – siegen wird und daß auf diese Weise, nämlich durch den Menschen, Gott siegen wird. Wenn wir zusammen mit der glaubenden und betenden Kirche hörend an diesen Text herangehen, dann können wir beginnen zu verstehen, was die Ursünde, die Erbsünde ist, und auch, was der Schutz vor dieser Erbsünde ist, was die Erlösung ist.

Was für ein Bild wird uns in diesem Abschnitt vor Augen geführt? Der Mensch vertraut nicht auf Gott. Von den Worten der Schlange verführt, hegt er den Verdacht, daß Gott letzten Endes ihm etwas von seinem Leben wegnehme, daß Gott ein Konkurrent sei, der unsere Freiheit einschränke, und daß wir erst dann im Vollsinn Menschen sein würden, wenn wir Gott zurückgesetzt haben; kurz, daß wir nur auf diese Weise unsere Freiheit voll verwirklichen können. Der Mensch lebt in dem Verdacht, die Liebe Gottes erzeuge eine Abhängigkeit und er müsse sich von dieser Abhängigkeit befreien, um vollkommen er selbst zu sein. Der Mensch will seine Existenz und die Fülle seines Lebens nicht von Gott empfangen. Er will selber vom Baum der Erkenntnis die Macht dazu erlangen, die Welt zu formen, Gott zu werden, indem er sich auf eine Stufe mit Ihm erhebt, und den Tod und die Finsternis mit eigener Kraft zu besiegen. Er will nicht auf die Liebe zählen, die ihm nicht zuverlässig erscheint; er zählt einzig und allein auf die Erkenntnis, da sie ihm die Macht verleiht. Anstatt auf die Liebe setzt er auf die Macht, mit der er sein Leben selbständig in die Hand nehmen möchte. Und indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod. Liebe ist nicht Abhängigkeit, sondern Geschenk, das uns leben läßt. Die Freiheit eines Menschen ist die Freiheit eines begrenzten Wesens und ist daher selbst begrenzt. Wir können sie nur als geteilte Freiheit, in der Gemeinschaft der Freiheiten, besitzen: Nur wenn wir in rechter Weise miteinander und füreinander leben, kann sich die Freiheit entfalten. Aber wir leben in rechter Weise, wenn wir gemäß der Wahrheit unseres Seins, das heißt nach dem Willen Gottes leben. Denn der Wille Gottes ist für den Menschen nicht ein ihm von außen auferlegtes Gesetz, das ihn einengt, sondern das seiner Natur wesenseigene Maß, ein Maß, das in ihn eingeschrieben ist und ihn zum Abbild Gottes und somit zum freien Geschöpf macht. Wenn wir gegen die Liebe und gegen die Wahrheit – also gegen Gott – leben, zerstören wir uns gegenseitig und zerstören die Welt. Dann finden wir nicht das Leben, sondern handeln im Interesse des Todes. Das alles wird mit den unvergänglichen Bildern in der Geschichte vom Sündenfall und von der Vertreibung des Menschen aus dem irdischen Paradies erzählt.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir über uns und über unsere Geschichte aufrichtig nachdenken, müssen wir sagen, daß mit diesem Bericht nicht nur die Geschichte des Anfangs, sondern die Geschichte aller Zeiten beschrieben wird und daß wir alle einen Tropfen des Giftes von jener Denkweise in uns tragen, wie sie in den Bildern aus dem Buch Genesis veranschaulicht wird. Diesen Gifttropfen nennen wir Erbsünde. Gerade am Hochfest der Unbefleckten Empfängnis taucht in uns der Verdacht auf, daß eine Person, die gar nicht sündigt, im Grunde genommen langweilig sei; daß etwas in ihrem Leben fehle, nämlich die dramatische Dimension, autonom zu sein; daß die Freiheit, nein zu sagen, hinabzusteigen in die Dunkelheiten der Sünde und des Selber-machen-Wollens zum wahren Menschsein gehöre; daß man nur dann die ganze Weite und Tiefe unseres Menschseins, des wahren Wir-selbst-Seins bis zum Letzten ausnützen könne; daß wir diese Freiheit auch gegen Gott auf die Probe stellen müssen, um wirklich voll und ganz wir selbst zu werden. Mit einem Wort, wir meinen, daß das Böse im Grunde genommen gut sei, daß wir es, zumindest ein wenig, brauchen, um die Fülle des Seins zu erleben. Wir meinen, daß Mephistopheles – der Versucher – Recht habe, wenn er sagt, daß er die Kraft sei, die »stets das Böse will und stets das Gute schafft« (J. W. von Goethe, Faust I, 3). Wir meinen, ein wenig mit dem Bösen zu paktieren, sich ein wenig Freiheit gegen Gott vorzubehalten, sei im Grunde genommen gut, vielleicht sogar notwendig.

Wenn wir uns allerdings die Welt um uns herum anschauen, können wir sehen, daß es sich eben nicht so verhält; daß vielmehr das Böse den Menschen immer vergiftet, ihn nicht erhöht, sondern ihn erniedrigt und demütigt, ihn nicht größer, reiner und reicher macht, sondern ihm schadet und ihn kleiner werden läßt. Das müssen wir vor allem am Tag der Unbefleckt Empfangenen lernen: Der Mensch, der sich vollkommen in die Hände Gottes übergibt, wird keine Marionette Gottes, keine langweilige, angepaßte Person; er verliert seine Freiheit nicht. Nur der Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, findet die wahre Freiheit, die große und schöpferische Weite der Freiheit des Guten. Der Mensch, der sich zu Gott hinwendet, wird nicht kleiner, sondern größer, denn durch Gott und zusammen mit Ihm wird er groß, wird er göttlich, wird er wirklich er selbst. Der Mensch, der sich in die Hände Gottes übergibt, entfernt sich nicht von den anderen, indem er sich in sein privates Heil zurückzieht; im Gegenteil, nur dann erwacht sein Herz wirklich und er wird zu einer einfühlsamen und daher wohlwollenden und offenen Person.

Je näher der Mensch Gott ist, desto näher ist er den Menschen. Das sehen wir an Maria. Der Umstand, daß sie ganz bei Gott ist, ist der Grund dafür, daß sie auch den Menschen so nahe ist. Deshalb kann sie die Mutter jeden Trostes und jeder Hilfe sein: Jeder kann es in seiner Schwachheit und Sünde wagen, sich in jeder Art von Not an diese Mutter zu wenden, denn sie hat Verständnis für alles und ist die für alle offene Kraft der schöpferischen Güte. Ihr hat Gott sein Bild aufgeprägt, das Bild dessen, der dem verlorenen Schaf bis in die Berge und bis in die Stacheln und Dornen der Sünden dieser Welt nachgeht, indem er sich von der Dornenkrone dieser Sünden verwunden läßt, um das Schaf auf seine Schultern zu nehmen und es nach Hause zu tragen. Als Mutter, die mitleidet, ist Maria die vorweggenommene Gestalt und das bleibende Bildnis des Sohnes. Und so sehen wir, daß auch das Bild der Schmerzensmutter, der Mutter, die das Leiden und die Liebe des Sohnes teilt, ein wahres Bild der Immaculata ist. Ihr Herz hat sich durch das Mit-Gott-Leben und Mit-Gott-Fühlen geweitet. In ihr ist uns Gottes Güte sehr nahe gekommen. So steht Maria vor uns als Zeichen des Trostes, der Ermutigung und der Hoffnung. Sie wendet sich an uns und sagt: »Hab’ Mut, es mit Gott zu wagen! Versuche es! Hab’ keine Angst vor Ihm! Hab’ Mut, das Wagnis des Glaubens einzugehen! Hab’ Mut, dich auf das Wagnis der Güte einzulassen! Laß dich für Gott gewinnen, dann wirst du sehen, daß gerade dadurch dein Leben weit und hell wird, nicht langweilig, sondern voll unendlicher Überraschungen, denn Gottes unendliche Güte erschöpft sich niemals!«

Wir wollen an diesem Festtag dem Herrn danken für das große Zeichen seiner Güte, das er uns in Maria, seiner Mutter und der Mutter der Kirche, geschenkt hat. Wir wollen ihn bitten, Maria auf unserem Weg Raum zu geben – als Licht, das uns hilft, unsererseits zum Licht zu werden und dieses Licht in die Nächte der Geschichte hineinzutragen. Amen.

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PAPST PIUS XII.: Die Enzyklika von 1957: „Die Wallfahrt von Lourdes“

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Am 2. Juli 1957 unterzeichnete Papst Pius XII. eine Enzyklika anlässlich des nahenden hundertjährigen Jubiläums der Erscheinungen Mariens vor Bernadette Soubirous in Lourdes. Mit dem Titel “Die Wallfahrt von Lourdes” ist dieses Schreiben eines der wichtigsten über Lourdes. Hier der Text.

Diese Enzyklika wurde veröffentlicht in Rom
am Fest Heimsuchung am 2. Juli 1957, dem 19. Jahr des Pontifikates von Pius XII.

1. Teil

Geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, Heil und apostolischer Segen. Die Wallfahrt nach Lourdes, die zu machen Wir die Freude hatten, als Wir Uns im Namen Unseres Vorgängers Pius XI. zur Übernahme des Präsidiums bei den eucharistischen und marianischen Schlussfeiern des Jubeljahrs der Erlösung dorthin begaben, hat in Unserer Seele tiefe und liebe Erinnerungen zurückgelassen. Daher freut es Uns besonders, zu erfahren, dass die Marienstadt sich auf Betreiben des Bischofs von Tarbes und Lourdes anschickt, das hundertjährige Jubiläum der Erscheinungen der Unbefleckten Jungfrau in der Grotte von Massabielle mit großer Pracht zu begehen, und dass selbst ein internationales Komitee unter dem Vorsitz Kardinal Tisserants, des Dekans des Heiligen Kollegs, zu diesem Zweck eingesetzt worden ist.

Mit euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, möchten Wir Gott für die außerordentliche Gnade, die er eurem Lande geschenkt, und für all die Gnadenerweise, die er seit einem Jahrhundert auf die Scharen der Pilger ausgegossen hat, danken. Wir möchten zugleich alle Unsere Kinder ermahnen, in diesem Jubiläumsjahr ihre vertrauensvolle und hochherzige Frömmigkeit gegenüber derjenigen zu erneuern, die nach den Worten des heiligen Pius X. sich herabließ, in Lourdes „den Thron ihrer unermesslichen Schönheit“ zu errichten (1).

Jedes christliche Land ist ein marianisches Land, und kein Volk ist durch Christi Blut erlöst, das nicht Maria seine Mutter und Schutzherrin nennen möchte. Diese Wahrheit nimmt jedoch eine ergreifende Bedeutung an, wenn man sich die Geschichte Frankreichs ins Gedächtnis ruft. Die Verehrung der Gottesmutter reicht bis in die Anfänge seiner Bekehrung zurück, und unter den ältesten Marienheiligtümern zieht Chartres noch heute Scharen von Pilgern und Tausende von jungen Menschen an. Das Mittelalter, das vor allem mit dem heiligen Bernhard das Lob Mariens sang und ihre Geheimnisse feierte, sah die wunderbare Blüte eurer Kathedralen zu Ehren von Notre-Dame: Le Puy, Reims, Amiens, Paris und all die anderen. Sie verkünden schon von ferne mit ihren aufragenden Türmen diesen Ruhm der Unbefleckten, sie lassen ihn im reinen Licht ihrer Glasfenster und in der harmonischen Schönheit ihrer Statuen aufleuchten; sie bezeugen vor allem den Glauben eines Volkes, das in einem herrlichen Aufschwung über sich selbst hinausstrebt, um das unvergängliche Zeugnis seiner marianischen Frömmigkeit in den Himmel Frankreichs emporzuheben

In den Städten und Dörfern, auf den Gipfeln der Hügel oder auf meerbeherrschenden Klippen begannen bescheidene Kapellen und strahlende Basiliken nach und nach das Land mit ihrem schützenden Schatten zu bedecken. Fürsten und Hirten, unzählige Gläubige sind dort im Laufe der Jahrhunderte zu der Heiligen Jungfrau geeilt, die sie mit den bedeutungsvollsten Titeln ihres Vertrauens und ihrer Dankbarkeit grüßten. Hier ruft man Unsere Liebe Frau von der Barmherzigkeit, von der immerwährenden Hilfe, die Nothelferin an; dort flüchtet sich der Pilger zur Mutter Gottes von der Wacht, der Erbarmung und des Trostes; anderswo steigt sein Gebet zur Mutter Gottes vom Licht, vom Frieden, von der Freude oder Hoffnung auf; oder er fleht die Mutter Gottes von den Tugenden, von den Wundern oder den Siegen an. Wunderbare Litanei der Beinamen, die die niemals abgeschlossene Folge der Wohltaten der Gottesmutter erzählt, die sie im Laufe der Zeit über die Erde Frankreichs ausgegossen hat.

Doch es war das 19. Jahrhundert, das nach den Wirren der Revolution in mancher Hinsicht das Jahrhundert der marianischen Gunsterweise werden sollte. Um nur eine Tatsache zu erwähnen: Wer kennt heute nicht die „wundertätige Medaille“? Im Herzen der französischen Hauptstadt selber einer demütigen Tochter des heiligen Vinzenz von Paul offenbart, hat sie mit dem Bild der „unbefleckt empfangenen Maria“ überall ihre geistigen und materiellen Wunder verbreitet. Und einige Jahre später, vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858, gefiel es der Allerseligsten Jungfrau Maria, sich durch eine neue Gunst auf pyrenäischer Erde einem frommen und reinen Kind kundzutun, das aus einer in seiner Armut fleißigen christlichen Familie stammte. „Sie kommt zu Bernadette“, sagten Wir damals, „sie macht sie zu ihrer Vertrauten, ihrer Mitarbeiterin, dem Werkzeug ihrer mütterlichen Zärtlichkeit und der barmherzigen Allmacht ihres Sohnes, um die Welt in Christus wiederherzustellen durch eine neue unvergleichliche Ausgießung der Erlösung“ (2).

Die Ereignisse, die sich damals in Lourdes abspielten und deren religiöse Bedeutung man heute besser ermisst, sind euch wohlbekannt. Ihr wisst, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, unter welchen erstaunlichen Umständen sich die Stimme dieses Kindes, der Botschafterin der Unbefleckten, trotz aller Spöttereien, Zweifel und Widerstände der Welt aufgezwungen hat. Ihr kennt die Festigkeit und Reinheit des Zeugnisses, das von der bischöflichen Autorität weise geprüft und 1862 von ihr sanktioniert worden ist. Schon waren die Scharen herbeigeströmt, und sie haben nicht aufgehört, sich zu der Grotte der Erscheinungen, zu der wunderbaren Quelle, zu dem auf Marias Wunsch errichteten Heiligtum zu drängen. Da ist der ergreifende Zug der Armen, Kranken und Bekümmerten; da ist die imponierende Wallfahrt Tausender von Pilgern einer Diözese oder einer Nation; da ist das zurückhaltende Nahen einer unruhigen Seele, die die Wahrheit sucht… „Niemals hat man“, so sagten Wir, „an einem Ort der Erde einen solchen Zug von Leiden, niemals einen solchen Glanz von Frieden, Heiterkeit und Freude gesehen!“ (3) Niemals, könnten Wir hinzufügen, wird man die Summe der Wohltaten ermessen, die die Welt der hilfreichen Jungfrau verdankt! „O selige Grotte, durch den Anblick der göttlichen Mutter geschmückt! Verehrungswürdiger Fels, aus dem die volle Quelle des lebenspendenden Wassers entsprang! “

Diese hundert Jahre marianischer Verehrung haben zudem in gewisser Hinsicht enge Bande zwischen dem Heiligen Stuhl Petri und dem Pyrenäenheiligtum geknüpft, die Wir gerne erwähnen. Hat nicht die Jungfrau Maria selber diese Annäherung gewünscht? „Was der Papst kraft seines unfehlbaren Lehramtes in Rom definiert hat, hat die unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter, die begnadigt ist unter allen Frauen, offenbar durch ihren eigenen Mund bestätigen wollen, als sie sich kurz darauf in einer berühmten Erscheinung in der Grotte von Massabielle kundtat…“ (5). Gewiss hatte das unfehlbare Wort des römischen Papstes, des authentischen Interpreten der geoffenbarten Wahrheit, keine himmlische Bestätigung nötig, um für den Glauben der Gläubigen gültig zu sein. Aber mit welcher Ergriffenheit und Dankbarkeit empfingen das christliche Volk und seine Hirten von den Lippen Bernadettes diese vom Himmel gekommene Antwort: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis“!

Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass Unsere Vorgänger diesem Heiligtum gern immer neue Gunsterweise zuteil werden ließen. Schon 1869 freute sich Pius IX. heiligen Angedenkens darüber, dass die von der menschlichen Bosheit gegen Lourdes errichteten Hindernisse es gestattet hätten, „mit um so mehr Kraft und Unwiderleglichkeit die Klarheit der Tatsache zu manifestieren“ (6). Und kraft dieser Überzeugung überschüttet er die neu erbaute Kirche mit geistigen Wohltaten und lässt die Statue der Mutter Gottes von Lourdes krönen. Leo XIII. bestätigt 1892 das eigene Offizium und die Messe des Festes der „Erscheinungen der seligen unbefleckten Jungfrau Maria“, das sein Nachfolger bald auf die ganze Kirche ausdehnte; der alte Aufruf der Schrift sollte hier nun eine neue Anwendung finden: „Stehe auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm: meine Taube in den Felsenritzen, in der Mauerhöhlung! “ (7)

Am Ende seines Lebens wollte der große Papst noch selber eine Nachbildung der Grotte von Massabielle in den Vatikanischen Gärten einweihen und segnen, und zur gleichen Zeit erhob er seine Stimme in einem glühenden und vertrauensvollen Gebet zu der Jungfrau von Lourdes: „Möge die Jungfrau und Mutter, die einst durch ihre Liebe bei der Geburt der Gläubigen in der Kirche mitwirkte, durch ihre Macht auch heute noch das Werkzeug und die Hüterin unseres Heiles sein; … möge sie den geängstigten Seelen die Ruhe des Friedens wiedergeben; möge sie endlich im privaten wie im öffentlichen Leben die Rückkehr zu Christus beschleunigen“ (8).

Die Fünfzigjahrfeier der Definition des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau bot dem heiligen Papst Pius X. Gelegenheit, in einem feierlichen Dokument das geschichtliche Band zu bezeugen, das zwischen diesem Akt und den Erscheinungen von Lourdes besteht: „Kaum hatte Papst Pius IX. als katholischen Glaubenssatz definiert, dass Maria von Anfang an von Sünde frei war, als die Jungfrau selber begann, in Lourdes Wunder zu wirken“ (9). Kurz darauf schuf er den Bischofstitel von Lourdes, den er mit dem von Tarbes verband, und unterzeichnete die Eröffnung des Seligsprechungsprozesses Bernadettes. Es war vor allem diesem großen Papst der Eucharistie vorbehalten, die wunderbare Verbindung zu betonen und zu fördern, die in Lourdes zwischen dem eucharistischen Kult und der Marienverehrung besteht: „Die Verehrung der Mutter Gottes“, bemerkt er, „ließ dort eine ungewöhnlich glühende Verehrung unseres Herrn Christus aufblühen“ (10).

Hätte es anders sein können? Alles in Maria führt uns zu ihrem Sohn, dem einzigen Erlöser, und nur in Voraussicht seiner Verdienste war sie unbefleckt und voll der Gnaden; alles in Maria erhebt uns zum Lob der anbetungswürdigen Dreifaltigkeit, und glückselig war Bernadette, wenn sie ihren Rosenkranz vor der Grotte betete und von den Lippen und durch den Blick der Allerseligsten Jungfrau lernte, dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste Ehre zu erweisen! Daher sind Wir glücklich, Uns bei dieser Hundertjahrfeier dem Zeugnis des heiligen Pius X. anzuschließen: „Der einzigartige Ruhm des Heiligtums von Lourdes liegt darin, dass die Völker von überallher dort durch Maria zur Anbetung Jesu Christi im erhabenen Sakrament hingezogen werden, so dass dieses Heiligtum, das zugleich Mittelpunkt der Marienverehrung und Thron des eucharistischen Geheimnisses ist, offenbar an Herrlichkeit alle anderen in der katholischen Welt übertrifft“ (11).

Benedikt XV. wollte das bereits mit Gunsterweisen überhäufte Heiligtum noch durch neue und kostbare Indulgenzien bereichern, und wenn die tragischen Umstände seines Pontifikats ihm nicht erlaubten, die öffentlichen Akte seiner Verehrung zu mehren, so wollte er doch wenigstens die Marienstadt dadurch ehren, dass er ihrem Bischof das Privileg des Palliums am Ort der Erscheinungen gewährte. Pius XI., der selber Lourdes-Pilger gewesen war, setzte sein Werk fort und hatte die Freude, das Lieblingskind der Jungfrau, das im Kloster den Namen Schwester Marie Bernard von der Kongregation de la Charite et de l’Instruction chrétienne angenommen hatte, zur Ehre der Altäre zu erheben. Gab er nicht sozusagen seinerseits dem Versprechen der Unbefleckten gegenüber der jungen Bernadette, sie werde „glücklich nicht in dieser Welt, sondern in der anderen“ werden, das authentische Siegel? Seither zieht Nevers, das die Ehre hat, den kostbaren Sarg zu hüten, ebenfalls große Scharen von Lourdes-Pilgern an, die danach verlangen, in der Nähe der Heiligen die Botschaft der Mutter Gottes würdig aufnehmen zu lernen. Bald traf der Papst, der nach dem Beispiel seiner Vorgänger eben das jährliche Gedenkfest der Erscheinungen durch eine Delegation geehrt hatte, den Entschluss, das Jubeljahr der Erlösung in der Grotte von Massabielle zu beschließen, dort, wo nach seinen eigenen Worten „die Unbefleckte Jungfrau Maria sich mehrere Male der seligen Bernadette Soubirous zeigte, wo sie gütig alle Menschen zur Buße mahnte, an eben diesem Ort der wunderbaren Erscheinung, den sie mit Gnaden und Wundern überhäufte“ (12). In der Tat, schloss Pius XI., dieses Heiligtum „gilt jetzt mit Recht als eines der hauptsächlichen marianischen Heiligtümer der Welt“ (13).

Wie hätten Wir nicht Unsere Stimme mit diesem einstimmigen Konzert von Lobpreis vereinigen sollen? Wir taten es namentlich in Unserer Enzyklika „Fulgens corona „, in der Wir wie Unsere Vorgänger daran erinnerten, dass „die Allerseligste Jungfrau Maria selber offenbar durch ein Wunder die Sentenz bestätigen wollte, die der Stellvertreter ihres göttlichen Sohnes auf Erden soeben unter dem Beifall der ganzen Kirche proklamiert hatte“ (14). Und Wir erinnerten bei dieser Gelegenheit daran, wie die römischen Päpste im Bewusstsein der Wichtigkeit dieses Wallfahrtsorts nicht aufgehört hatten, „ihn mit geistigen Gunsterweisen und durch die Wohltaten ihres Wohlwollens zu bereichern“ (15). Ist die Geschichte dieser hundert Jahre, die Wir hier in großen Zügen aufgerollt haben, nicht in der Tat eine dauernde Bestätigung dieses päpstlichen Wohlwollens, dessen letzter Akt der Abschluss der Hundertjahrfeier der Dogmenerklärung der Unbefleckten Empfängnis in Lourdes war? Doch euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, möchten Wir ganz besonders ein neueres Dokument ins Gedächtnis rufen, durch das Wir die Entfaltung eines Missionsapostolats in eurem lieben Vaterland befürworteten. Es lag Uns am Herzen, darin „die einzigartigen Verdienste“ zu betonen, die „Frankreich sich im Laufe der Jahrhunderte um den Fortschritt des katholischen Glaubens erworben hat“, und darum „wandten Wir Unsern Geist und Unser Herz nach Lourdes, wo vier Jahre nach der Dogmenverkündigung die Unbefleckte Jungfrau selber auf übernatürliche Weise durch Erscheinungen, Unterhaltungen und Wunder die Erklärung des Obersten Lehrers bestätigt hat“ (16).

Auch heute wieder wenden Wir Uns dem berühmten Heiligtum zu, das sich anschickt, an den Ufern des Gave die Pilgerscharen zur Jahrhundertfeier zu empfangen. Wenn seit einem Jahrhundert dort glühende öffentliche und private Gebete von Gott durch die Fürbitte Mariens so viele Heilungs- und Bekehrungsgnaden erlangt haben, so haben Wir das feste Vertrauen, dass die Mutter Gottes in diesem Jubiläumsjahr weiter freigebig den Erwartungen ihrer Kinder entsprechen wird; aber vor allem sind Wir überzeugt, dass sie uns drängt, die geistigen Lehren der Erscheinungen anzunehmen und uns auf den Weg zu machen, den sie uns so klar vorgezeichnet hat

2. Teil

Diese Lehren, ein getreues Echo der evangelischen Botschaft, stellen in erschütternder Weise den Gegensatz heraus, der die Gerichte Gottes der eitlen Weisheit dieser Welt gegenüberstellt. In einer Gesellschaft, die sich kaum der Übel, die sie untergraben, bewusst ist, die ihr Elend und ihre Ungerechtigkeiten glänzend und sorglos unter dem Schein von Wohlstand verbirgt, zeigt sich die Unbefleckte Jungfrau, die nie von der Sünde berührt worden ist, einem unschuldigen Kind. In mütterlichem Erbarmen lässt sie ihren Blick über diese Welt gleiten, die durch das Blut ihres Sohnes erkauft worden ist und in der die Sünde leider täglich eine so reiche Ernte hält; und dreimal erhebt sie ihren dringenden Aufruf: „Buße, Buße, Buße!“ Sie fordert selbst ausdrucksvolle Gesten: „Küsse die Erde zur Buße für die Sünder.“ Und mit der Geste soll sich das Gebet vereinen: „Du sollst Gott für die Sünder bitten.“ So gibt die gleiche starke und strenge Aufforderung wie zur Zeit des Täufers Johannes, wie zu Beginn des Wirkens Jesu den Weg zur Rückkehr zu Gott an: „Tuet Buße!“ (17) Und wer könnte wagen zu sagen, dass dieser Aufruf zur Bekehrung der Herzen in unseren Tagen seine Aktualität verloren hätte?

Aber könnte die Mutter Gottes ihren Kindern anders entgegentreten denn als Botin von Verzeihung und Hoffnung? Schon fließt die Quelle zu ihren Füßen: „Alle, die ihr dürstet, kommet zum Wasser und schöpfet das Heil vom Herrn“ (18). Zu dieser Quelle, zu der Bernadette als erste gehorsam gegangen ist, um zu trinken und sich zu waschen, wird nun alles Elend von Leib und Seele hinströmen. „Ich ging hin, wusch mich, und sah“ (19), könnte der dankbare Pilger mit dem Blinden des Evangeliums sagen. Aber wie für die Menge, die sich um Jesus drängte, so bleibt auch hier die Heilung der physischen Wunden wohl eine Tat des Erbarmens, aber mehr noch Zeichen der Macht des Menschensohnes, die Sünden zu vergeben (20).Bei der gesegneten Grotte lädt uns die Jungfrau im Namen ihres göttlichen Sohnes zur Bekehrung des Herzens und zur Hoffnung auf Vergebung ein.

In der demütigen Antwort des Menschen, der sich als Sünder erkennt, liegt die wahre Größe dieses Jubiläumsjahres. Welche Wohltaten könnte man nicht mit Recht für die Kirche erwarten, wenn jeder Lourdes-Pilger – und selbst jeder Christ, der im Herzen mit den Jahrhundertfeiern vereint ist – zuerst in sich selbst dieses Werk der Genugtuung vollzöge, „nicht mit Wort und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit“ (21). Alles lädt ihn dazu ein, denn vielleicht nirgendwo fühlt man sich so wie in Lourdes gleichzeitig zum Gebet, zur Selbstvergessenheit und zur Liebe hingerissen. Beim Anblick der Hingabe der Krankenträger und des heiteren Friedens der Kranken, beim Anblick der Brüderlichkeit, die die Gläubigen jeder Herkunft im gleichen Gebet vereint, beim Anblick der spontanen gegenseitigen Hilfe und der von innen kommenden Gebetshingabe der vor der Grotte knienden Pilger werden die Besten von der Anziehungskraft eines vollkommener dem Dienste Gottes und ihrer Brüder geweihten Lebens angerührt, die weniger Eifrigen werden sich ihrer Lauheit bewusst und finden den Weg zum Gebet wieder, und selbst die verhärtetsten und ungläubigsten Sünder werden oft von der Gnade berührt, oder zum mindesten bleiben sie, wenn sie ehrlich sein wollen, nicht unbeeindruckt von dem Zeugnis dieser „Schar von Gläubigen, die nur ein Herz und eine Seele haben“(22).

Für sich allein jedoch genügt diese Erfahrung einiger kurzer Tage der Pilgerschaft gewöhnlich nicht, den Anruf Mariens zu einer wahren Glaubensbekehrung mit unauslöschlichen Lettern einzugraben. Daher ermahnen wir die Diözesanoberhirten und alle Priester, miteinander zu wetteifern, damit die Wallfahrten der Jahrhundertfeier eine Vorbereitung, eine Verwirklichung und vor allem eine Fortsetzung finden, die für eine tiefe und dauerhafte Wirkung der Gnade möglichst günstig sein möchten. Rückkehr zu eifrigem Empfang der Sakramente, Beachtung der christlichen Moral im ganzen Leben und schließlich Einsatz in den Reihen der Katholischen Aktion und den verschiedenen Werken, die die Kirche empfiehlt: nur unter diesen Bedingungen, nicht wahr, wird die bedeutende Massenbewegung, die in Lourdes für das Jahr 1958 vorauszusehen ist, gemäß den Erwartungen der unbefleckten Jungfrau selber die Früchte des Heils tragen, deren die gegenwärtige Menschheit so dringend bedarf.

Aber so entscheidend sie ist, die individuelle Bekehrung des Pilgers könnte hier nicht genügen. In diesem Jubiläumsjahr ermahnen Wir euch, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, bei den eurer Sorge anvertrauten Gläubigen eine kollektive Bewegung zur christlichen Erneuerung der Gesellschaft zu wecken, als Antwort auf den Anruf Mariens: „Möchten die blinden Geister durch das Licht der Wahrheit und der Gerechtigkeit erleuchtet werden“, wünschte schon Papst Pius XI. anlässlich der marianischen Feiern des Jubeljahres der Erlösung, „möchten die Irrenden auf den rechten Weg zurückgeführt werden, möchte der Kirche überall die rechtmäßige Freiheit zugestanden werden und eine Zeit der Eintracht und des wahren Wohlstandes sich über den Völkern erheben“ (23).

Die Welt, die in unseren Tagen so viel berechtigten Anlass zu Stolz und Hoffnung gibt, kennt auch eine gefährliche Versuchung zum Materialismus; Unsere Vorgänger und Wir selber haben oft genug darauf hingewiesen. Dieser Materialismus lebt nicht nur in der verurteilten Philosophie, die der Politik und Wirtschaft eines Teils der Menschheit zugrunde liegt; er herrscht auch in der Geldgier, deren Verheerungen sich im Maße der modernen Unternehmen ausdehnen und die leider so viele Zwangsabläufe bestimmt, die auf dem Leben der Völker lasten; er äußert sich im Kult des Leibes, in dem maßlosen Streben nach Komfort und der Flucht vor jeder Strenge der Lebensführung; er führt zur Verachtung des menschlichen Lebens, selbst dessen, das vor seinem Eintritt in die Welt vernichtet wird; er äußert sich in der zügellosen Jagd nach Vergnügen, das sich schamlos zeigt und durch Lektüre und Schauspiele auch die noch reinen Seelen zu verführen sucht; er liegt der Achtlosigkeit gegenüber dem Bruder, dem Egoismus, der ihn vernichtet, der Ungerechtigkeit, die ihn seiner Rechte beraubt, kurz einer Lebensauffassung zugrunde, die alles ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der materiellen Blüte und der irdischen Befriedigungen sieht. „Meine Seele, du hast viele Güter daliegen auf viele Jahre, ruhe aus, iss und trink und lass es dir wohl sein“, sagte ein Reicher. „Gott aber sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern.“ (24).

In eine Gesellschaft hinein, die in ihrem öffentlichen Leben häufig die obersten Rechte Gottes antastet, die die ganze Welt um den Preis ihrer Seele gewinnen möchte (25) und sich so der Gefahr ihres Untergangs aussetzt, hat die mütterliche Jungfrau gleichsam einen Alarmschrei geworfen. Ihrem Anruf gehorchend, mögen die Priester alle ohne Furcht die großen Heilswahrheiten verkünden. Es gibt keine dauerhafte Erneuerung, außer wenn sie sich auf die unumstößlichen Grundsätze des Glaubens stützt, und es ist Sache der Priester, das Gewissen des christlichen Volkes zu formen. Ebenso wie die Unbefleckte in ihrem Mitleid mit unserem Elend, doch auch in der Kenntnis unserer wahren Bedürfnisse zu den Menschen kommt, um sie an die wesentlichen und strengen Forderungen der religiösen Bekehrung zu erinnern, so müssen die Diener des Wortes Gottes in übernatürlicher Zuversicht den Seelen den schmalen Weg weisen, der zum Leben führt (26). Sie sollen es tun, ohne zu vergessen, welchem Geist der Sanftmut und Geduld sie folgen (27), doch auch ohne irgend etwas von den Forderungen des Evangeliums zu verschleiern. In der Schule Mariens sollen sie lernen, nur zu leben, um der Welt Christus zu geben, aber, wenn es sein muss, auch gläubig die Stunde Jesu abzuwarten und am Fuße des Kreuzes auszuharren.

Um ihre Priester geschart, sind die Gläubigen es sich schuldig, an dieser Erneuerungsbemühung mitzuarbeiten. Wer könnte an dem Platz, an den die Vorsehung ihn gestellt hat, nicht noch mehr für die Sache Gottes tun? Unser Gedanke wendet sich zuerst der Menge der geweihten Seelen zu, die sich in der Kirche zahllosen Liebeswerken widmen. Ihr Ordensgelübde verpflichtet sie mehr als andere, unter der Führung Mariens siegreich gegen die Herrschaft der maßlosen Unabhängigkeitsgelüste, der Sucht nach Reichtum und Vergnügen über die Welt anzukämpfen; so werden sie sich auf den Anruf der Unbefleckten hin dem Ansturm des Bösen mit den Waffen des Gebets und der Buße und durch die Siege der Liebe entgegenwerfen. Unser Gedanke wendet sich ebenso den christlichen Familien zu, um sie zu beschwören, ihrer unersetzlichen Aufgabe in der Gesellschaft treu zu bleiben. Möchten sie sich in diesem Jubiläumsjahr dem Unbefleckten Herzen Mariens weihen! Dieser Akt der Frömmigkeit wird für die Ehegatten eine kostbare geistige Hilfe bei der Ausübung der Pflichten der Keuschheit und Treue in der Ehe sein; er wird die Atmosphäre des Heims, in dem die Kinder heranwachsen, rein erhalten; mehr noch, er wird die durch ihre Marienverehrung belebte Familie zu einer lebendigen Zelle sozialer Wiedergeburt und apostolischer Durchdringung machen. Und gewiss, über den Kreis der Familie hinaus bieten die beruflichen und staatsbürgerlichen Beziehungen den Christen, die an der Erneuerung der Gesellschaft mitarbeiten wollen, ein weites Betätigungsfeld. Zu Füßen der Jungfrau versammelt und ihren Mahnungen gehorsam, werden sie zuerst einen anspruchsvollen Blick auf sich selber richten, und sie werden aus ihrem Bewusstsein die falschen Urteile und die egoistischen Reaktionen ausmerzen wollen, weil sie die Lüge einer Gottesliebe fürchten, die sich nicht in tätige Liebe zu den Brüdern umsetzt (28). Die Christen aller Klassen und aller Nationen werden suchen, sich in der Wahrheit und der Liebe zu begegnen und Missverständnis und Misstrauen zu verbannen. Zweifellos ist das Gewicht der sozialen Strukturen und des wirtschaftlichen Drucks, der auf dem guten Willen der Menschen lastet und ihn oft lähmt, enorm. Aber wenn es wahr ist, wie Unsere Vorgänger und Wir selbst nachdrücklich betont haben, dass die Frage des sozialen und wirtschaftlichen Friedens zuerst eine sittliche Frage im Menschen selber ist, so ist keine Reform fruchtbar, kein Vergleich haltbar ohne eine Änderung und Reinigung der Herzen. Die Jungfrau von Lourdes ruft es in diesem Gedenkjahr allen zu!

Und wenn Maria sich in ihrer Sorge mit Vorliebe einigen Kindern zuneigt, sind das nicht, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, die Kleinen, Armen und Kranken, die Jesus so sehr geliebt hat?“ Kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, scheint sie mit ihrem göttlichen Sohn zu sagen (29). Geht zu ihr, die ihr vom materiellen Elend erdrückt und hilflos gegenüber den Härten des Lebens und der Gleichgültigkeit der Menschen seid; geht zu ihr, die ihr von Trauer und seelischen Prüfungen geschlagen seid; geht zu ihr, teure Kranke und Leidende, die ihr in Lourdes wahrhaft als die leidenden Glieder unseres Herrn empfangen und geehrt seid; geht zu ihr und empfanget den Frieden des Herzens, die Kraft zur täglichen Pflicht, die Freude des dargebrachten Opfers. Die unbefleckte Jungfrau, die die geheimen Wege der Gnade in den Seelen und das stille Wirken dieses übernatürlichen Hefeteigs der Welt kennt, weiß, wie viel in den Augen Gottes eure Leiden in Verbindung mit denen des Erlösers wert sind. Sie können, daran zweifeln Wir nicht, gewaltig zu jener christlichen Erneuerung der Gesellschaft mit beitragen, um die Wir Gott durch die mächtige Fürbitte seiner Mutter bitten. Möge Maria auf das Gebet der Kranken, der Demütigen, aller Lourdes-Pilger hin ihren mütterlichen Blick ebenfalls denen zuwenden, die noch außer halb des einen Schafstalls der Kirche weilen, um sie in die Einheit zu versammeln! Möge sie ihren Blick denen zuwenden, die suchen und nach der Wahrheit dürsten, um sie zur Quelle des lebendigen Wassers zu führen! Möge ihr Blick schließlich jene unermesslichen Kontinente und weiten menschlichen Zonen überfliegen, wo Christus leider noch so wenig gekannt, so wenig geliebt wird, und möge ihr gewährt werden, dass die Kirche die Freiheit und die Freude genießt, an allen Orten immer jung, heilig und apostolisch auf die Erwartung der Menschen zu antworten!

„Willst du die Güte haben zu kommen…“, sagte die heilige Jungfrau zu Bernadette. Diese zurückhaltende Einladung, die keinen Zwang ausübt, die sich an das Herz richtet und gütig eine freie, großmütige Antwort anregt, richtet die Mutter Gottes aufs neue an ihre Kinder in Frankreich und in der Welt. Die Christen werden sich diesem Ruf nicht verschließen; sie werden zu Maria gehen. Und jedem von ihnen wollen Wir am Schluss dieses Briefes mit dem heiligen Bernhard sagen: „In Gefahren, in Ängsten, in Zweifeln denk an Maria, ruf Maria an… Folgst du ihr, so wirst du nicht vom Weg abkommen; fragst du sie, so wirst du nicht verzweifeln; denkst du an sie, so wirst du nicht irren; hältst du dich an sie, so wirst du nicht ins Verderben geraten; schützt sie dich, so brauchst du nichts zu fürchten; führt sie dich, so wirst du nicht müde werden; segnet sie dich, so gelangst du ans Ziel…“ (30).

Wir vertrauen, geliebte Söhne und ehrwürdige Brüder, dass Maria euer und Unser Gebet erhören wird. Wir bitten sie darum an diesem Fest der Heimsuchung, das wohlgeeignet ist, diejenige zu feiern, die sich vor hundert Jahren herabgelassen hat, den Boden Frankreichs zu besuchen. Und indem Wir euch auffordern, mit der Unbefleckten Jungfrau Gott das Magnifikat eures Dankes zu singen, rufen Wir auf euch und auf eure Gläubigen, auf das Heiligtum von Lourdes und seine Pilger, auf alle, die die Verantwortung für die Feste der Jahrhundertfeier tragen, einen reichen Strom der Gnaden herab, als deren Unterpfand Wir euch von ganzem Herzen in Unserer beständigen väterlichen Zuneigung den Apostolischen Segen erteilen.

Pius XII.

Anmerkungen

(1) Brief vom 12. Juli 1914; AAS VI, 1914, S. 376
(2) Rede vom 28. April 1935 in Lourdes; Eug. Card. Pacelli, Discorsi e Panegirici, 2. Ausg., Vatikan 1956, S.435.
(3) Ebd. S. 437.
(4) Offizium des Festes der Erscheinungen, Hymnus der 2. Vesper.
(5) Dekret de Tuto zur Kanonisation der hl. Bernadette, 2. Juli 1933; AAS XXV, 1933, S. 377.
(6) Brief vom 4. September 1869 an Henri Lasserre; Vatikanisches Geheimarchiv, Ep. lat. an. 1869 Nr. CCCLXXXVIII,f.695.
(7) Hld 2,13-14; Graduale der Messe am Feste der Erscheinungen.
(8) Breve vom 8. Sept. 1901; Acta Leonis XIII, vol. XXI, S. 159/60).
(9) Enzyklika „Ad diem illum“ vom 2. Febr. 1904; Acta Pii X, vol I, S. 149; vgl. oben Nr. 139.
(10) Brief vom 12. Juli 1914; AAS VI, 1914, S. 377.
(11) Breve vom 25. April 1911; Arch. Brev. Ap., Pius X., an. 1911, Div. Lib. IX, pars I, f. 337
(12) Breve vom 11. lall. 1933; Arch. Brev. Ap. Pius XI, Ind. Perpet. F. 128.
(13) Ebd.
(14) Enzyklika Fulgens corona vom 8. Sept. 1953; AASXLV, 1953, S. 578.
(15) Ebd.
(16) Constitutio Apost. Omnium Ecclesiarum vom 15. Aug. 1954; AAS XLVI, S. 567
(17) Mt 3,2; 4,17.
(18) Offizium des Festes der Erscheinungen, 1. Responsorium der 3. Nocturn.
(19) Joh 9,11.
(20) Vgl. Mk 2,10.
(21) 1 Joh 3,18.
(22) Apg 4,32.
(23) Brief vom 10. Jan 1935, AAS XXVII, S. 7.
(24) Lk 12,19-20.
(25) Vgl. Mk 8,36.
(26) Vgl. Mk 7,14.
(27) Vgl. Lk 9,55.
(28) Vgl. 1 Joh 4,20.
(29) Mt 11,28.
(30) Horn. II supet Missus est: P.L. 183,70-71

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Quelle

Siehe auch:

Papst Franziskus schreibt kranken Kindern Zehnte Friedenswallfahrt der Kleinen nach Lourdes

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Lourdes, 1. Oktober 2015 (ZENIT.org) Redaktion

​Anlässlich der nationalen Wallfahrt der Unitalsi (Unione Nazionale Italiana Trasporto Ammalati a Lourdes e Santuari Internazionali) hat Papst Franziskus einen Brief an die kranken Kinder verfasst, die sich derzeit in Lourdes aufhalten. Die Idee wurde aus dem Brief des achtjährigen Damiano aus Rom geboren, der den Heiligen Vater um eine Videobotschaft gebeten hatte. Der Papst antwortete mit einem Brief, den er auf all die kleinen Pilger in Lourdes ausweitete, die zu Füßen der Muttergottes um deren Schutz bitten.

„Ich bin froh über Eure Reise, von Unitalsi ermutigt, und ich möchte Euch sagen, dass ich Euch mit einem Gebet begleite: ich fühle mich jedem von euch geistig nahe, vor allem Euch kleinen Kranken“, schreibt der Papst. Mit ihren Erwartungen, ihren Hoffnungen, ihren Freuden und Leiden, sollten sie sich an Gott wenden, ihm vertrauen und auf die Unterstützung der Muttergottes hoffen.

„Eure Mission ist sowohl ein Gebet als auch ein Zeugnis: Zeigt den Erwachsenen, wie die Kinder in der Lage sind zu beten, Jesus zu lieben, den Freund, der Euch nie verrät, einander zu helfen, und auf eine bessere Zukunft zu hoffen.“

Anlässlich dieser „Reise der Hoffnung“, forderte Franziskus die Kinder auf, füreinander Unsere Liebe Frau von Lourdes zu bitten. Nach Gruß und Ermutigung bat er: „Bitte, betet für mich. Ich segne euch von Herzen.“ Der Brief wurde gestern in Lourdes verlesen, am Rande der großen eucharistischen Prozession des französischen Wallfahrtsorts im Rahmen der 10. Wallfahrt der Kinder auf Friedensmission bei der nationalen Wallfahrt der Unitalsi.

( 1. Oktober 2015) © Innovative Media Inc.

PAPST JOHANNES XXIII. ENZYKLIKA: DAS KATHOLISCHE PRIESTERTUM

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III.

ERFOLGREICHE SEELSORGE

 

Was Wir bis jetzt über das herrliche Beispiel der priesterlichen Aszese und des Gebetslebens gesagt haben, Ehrwürdige Brüder, zeigt euch klar, aus wel­cher Quelle der heilige Johannes Maria Vianney sei­nen seelsorglichen Eifer geschöpft hat, und woher jener erstaunliche übernatürliche Erfolg seines Wir­kens kommt. Mit Rücksicht darauf gab Unser Vor­gänger Pius XII. die weise Mahnung: „Der Priester möge wissen, daß der ihm anvertraute wichtige Dienst um so fruchtbarer sein wird, je enger er selbst mit Christus verbunden und von seinem Geiste ge­führt arbeitet“. In der Tat bestätigt das Leben des Pfarrers von Ars von neuem und eindrucksvoll jenes höchste, auf den Worten Jesu Christi gegründete Ge­setz der apostolischen Arbeit: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“71.

Ohne Zweifel brauchen wir hier nicht alle bewun­dernswerten Taten dieses Dorfpfarrers anzuführen, der dreißig Jahre lang im Beichtstuhl von unzähligen Scharen so belagert wurde, daß er von einigen ver­ächtlich „der Volksaufwiegler des 19. Jahrhunderts“ genannt wurde72. Auch halten Wir es nicht für nötig, alle seine seelsorglichen Methoden darzulegen, die für unsere Zeit nicht immer brauchbar sind. Es möge nur das erwähnt werden, daß dieser Heilige für seine Zeit ein Beispiel pastoralen Eifers gewesen ist, und zwar in einem schlichten Dorfe, wo Glaube und Sit­ten noch unter den Nachwirkungen der französischen Revolution daniederlagen. Vor dem Antritt seines Amtes erhielt er nämlich den Auftrag: „Du wirst wenig Liebe zu Gott in jener Pfarrei finden; sorge dafür, daß sie durch dich erweckt wird“73. Ein uner­müdlicher Arbeiter Gottes, geschickt und scharfsinnig bei der Gewinnung der Jugend und der Verchrist­lichung der Familie, aufgeschlossen für die mensch­lichen Nöte seiner Herde und nicht fremd gegenüber ihrer Lebensweise, voll tätiger Sorge für das christ­liche Schulwesen und die Volksmissionen, hat der heilige Johannes Maria Vianney bei dieser kleinen ihm anvertrauten Herde offenkundig das Bild des guten Hirten verwirklicht, der seine Schafe kennt, Gefahren von ihnen fernhält und sie stark und milde zugleich leitet. Er hat unbewußt sein eigenes Lob verkündet, als er einst bei einer Ansprache vor dem Volke sagte: „Ein guter Hirt! Das ist ein Hirt, der den Befehlen und Wünschen Jesu Christi ganz ent­spricht. Das ist das größte Geschenk, das der gütige Gott einer Pfarrei geben kann“74.

Das Beispiel dieses heiligen Mannes hat nun im wesentlichen unter einem dreifachen Gesichtspunkt dauernden und universalen Wert, worauf Wir, Ehr­würdige Brüder, aufmerksam machen möchten.

Es ist zunächst das Bewußtsein der Verantwortung für seine seelsorglichen Aufgaben. So groß war seine Demut, so hoch stand bei ihm im Lichte des Glaubens der Wert des menschlichen Heiles, daß er niemals ohne Furcht das Pfarramt hätte übernehmen können. „Mein Freund“, so sagte er ganz offen einem Mit­bruder, „du weißt nicht, wie furchtbar es ist, wenn ein Priester aus der Seelsorge vor das Gericht Gottes gestellt wird“75. Es ist übrigens schon aus Unseren Darlegungen bekannt, wie lange ihn das Verlangen erfaßt hatte, in die Einsamkeit zu gehen und dort, wie er sagte, sein armseliges Leben zu beweinen und dafür Sühne zu leisten. Auch steht fest, daß ihn nur der Gehorsam und sein Seeleneifer auf das verlassene Feld des Apostolates wieder zurückführen konnten.

Wenn er die große Schwere dieser Last derartig empfand, daß er zuweilen davon fast erdrückt schien, kam es daher, weil er von seinem Amt und der Seelsorge eine so heroische Vorstellung hatte, daß sie nur durch entschlossenes Handeln verwirklicht werden konnte. Zu Beginn seiner pfarrlichen Tätig­keit betete er zu Gott: „Mein Gott, schenke mir die Bekehrung meiner Pfarrei. Ich bin zeitlebens bereit, alles nach deinem Willen zu leiden“76. Gott hat dieses inständige Flehen gewiß erhört, denn später konnte er bekennen: „Wenn mir bei meiner Ankunft in Ars die Leiden, die mich erwarteten, bekannt gewesen wären, wäre ich ohne Zweifel vor Schrecken sofort gestorben“77. Aber nach dem Vorbild apostolischer Männer aller Zeiten sah er vorzüglich im Kreuz das wirksame Mittel, um für das Heil der ihm anver­trauten Seelen zu arbeiten. Für sie ertrug er ohne Klage Verleumdungen, Vorurteile, Widerwärtigkei­ten aller Art; für sie übernahm er gern und täglich ein wahres Martyrium körperlicher und seelischer Art in der fast ununterbrochenen Verwaltung des Bußsakramentes während dreißig Jahren. Für sie brachte er seinen Leib durch freiwillige Abtötungen in Knechtschaft. Sehr bekannt ist seine Antwort an einen Priester, der sich bei ihm über die Unfrucht­barkeit seiner seelsorglichen Tätigkeit beklagte: „Hast du flehentlich zu Gott gebetet, hast du geweint und geseufzt, hast du auch Fasten, Nachtwachen, Schlafen auf dem Erdboden und körperliche Kastei­ungen übernommen? Solange du dazu noch nicht gekommen bist, glaube nicht, alles getan zu haben“78.

Wir wenden Uns wiederum an alle Seelsorger und bitten sie dringend, die Bedeutung dieser gewich­tigen Worte zu erfassen. Ein jeder möge entsprechend der übernatürlichen Klugheit, durch die alle unsere Handlungen geregelt werden müssen, über sein eigenes Verhalten nachdenken, ob es nämlich so ist, wie es die pastorale Sorge für das anvertraute Volk verlangt. Im Vertrauen auf die Hilfe der gött­lichen Barmherzigkeit, die niemals der menschlichen Schwachheit fehlt, mögen die Diener des Heiligtums über die übernommenen Aufgaben und Ämter nach­denken, indem sie auf den heiligen Johannes Maria Vianney wie in einen Spiegel schauen. „Das große Unglück für uns Pfarrer“, klagte dieser heilige Mann, „ist es, daß wir in Trägheit und Erschlaffung untätig werden.“ Mit diesen Worten wollte er auf den gefährlichen Geisteszustand jener Pfarrer hin­weisen, die sich an die Knechtschaft der Sünde ihrer Herde gewöhnt haben. Wenn die Priester aber mehr nach dem Beispiel des Pfarrers von Ars leben wollen, „nach dessen Überzeugung die Menschen geliebt wer­den müssen, damit wir ihnen Gutes tun können“79, mögen sie sich erforschen, wie sie jene lieben, deren Sorge ihnen Gott anvertraut hat, und für die Chri­stus gestorben ist.

Es ist sicher wahr, daß wegen der Freiheit der Menschen und gewisser Ereignisse, die unabhängig sind vom Willen der Menschen, zuweilen auch die Bemühungen der größten Heiligen erfolglos bleiben. Nichtsdestoweniger soll der Priester bedenken, daß nach den geheimen Plänen der göttlichen Vorsehung das ewige Heil der meisten Menschen von seiner Hirtensorge und dem Beispiel seines priesterlichen Lebens abhängt. Ist dieser Gedanke aber nicht von solcher Bedeutung, daß er die Nachlässigen heilsam bewegt und die eifrigen Arbeiter Christi zu noch größerem Eifer antreibt?

„Immer bereit für die Nöte der Seelen“80, hat sich der heilige Johannes Maria Vianney als guter Hirt auch dadurch ausgezeichnet, daß er seine Herde mit religiöser Wahrheit in reicher Fülle genährt hat. Sein ganzes Leben war er Prediger und Katechet.

Es ist allgemein bekannt, welch große und ständige Mühe er auf die gute Erfüllung dieser Aufgabe verwendet hat, die vom Konzil von Trient als die erste und größte Aufgabe bezeichnet wird. Denn der Stu­diengang, erst im späteren Alter vollendet, war für ihn beschwerlich, und die ersten Predigten vor dem Volke verlangten von ihm sehr viele durchwachte Nächte. Welch ein Beispiel für die Verwalter des Wortes Gottes! Einige von ihnen möchten sich für ihre fast gänzliche Vernachlässigung der Studien gern entschuldigen mit der geringen Gelehrsamkeit des Pfarrers von Ars, aber mit Unrecht. Diese mögen sich lieber die feste Ausdauer des Pfarrers von Ars zum Beispiel nehmen, mit der er sich entsprechend seinen geistigen Anlagen für diese Aufgabe fähig machte. Diese Anlagen waren nämlich nicht so ge­ring, wie man gewöhnlich meint, da er reich war an klarem Verstand und richtigem Urteil81.

Jedenfalls müssen sich die Priester jene allgemei­nen Kenntnisse der menschlichen Verhältnisse und jene volle theologische Bildung erwerben, die ihrer Anlage und ihrem Dienst entsprechen. Möchten doch die Hirten der Seelen in dieser Sache soviel Eifer zeigen wie der Pfarrer von Ars, um die Hindernisse und Schwierigkeiten beim Studium zu überwinden, das Gedächtnis durch Übung zu stärken und beson­ders aus dem wichtigsten Buche Wissen zu schöpfen, dem Kreuze des Herrn. Sein Bischof konnte gewissen Widersachern antworten: „Ich weiß nicht, ob er ge­lehrt ist; jedoch ist er übernatürlich erleuchtet“82.

Deshalb hat Unser Vorgänger, Pius XII., mit vollem Recht und ohne Zögern diesen schlichten Landpfarrer den Predigern Roms als Vorbild vor Augen gestellt: „Der heilige Pfarrer von Ars hatte keineswegs das natürliche Redetalent eines Segneri oder Bossuet. Aber die lebendige und lichtvolle Klar­heit der Lehre, die ihm eigen war, strömte aus dem Klang seiner Stimme, leuchtete aus seinen Augen, und so bot er dem Verstande und der Phantasie seiner Zuhörer passende Bilder und anmutige Gleichnisse; auch ein heiliger Franz von Sales hätte von Bewun­derung erfaßt werden können. Das sind die Redner, welche die Herzen der Gläubigen für sich gewinnen. Wer von Christus erfüllt ist, findet ohne Schwierig­keit alle Wege, um andere mit Christus zu verbin­den“83. Mit diesen Worten ist der Pfarrer von Ars als Katechet und heiliger Prediger wunderbar gezeichnet. Als aber beim Nahen des Todes seine zu schwache Stimme die Zuhörer nicht mehr erreichen konnte, be­wegte er die Gläubigen, die seine Kanzel umgaben, zum Guten durch das Feuer seiner Augen, durch Tränen und Gottesliebe ausströmende Seufzer und Zeichen tiefer Trauer bei dem Gedanken an die Sünde. Wie hätten nicht alle heftig bewegt werden müssen, da ihnen ein solches Leben, das ganz Christus geweiht war, so hell voranleuchtete?

Bis zu seinem frommen Tode war der heilige Johannes Maria Vianney ein treuer Lehrer seiner Gläubigen oder der frommen Pilger, die seine Kirche füllten; „gelegen oder ungelegen“84, nannte er offen alle Übel, unter welchem Schein sie auch verborgen waren, suchte aber vor allem, die Seelen zu Gott emporzuheben; denn „er wünschte mehr die Schön­heit der Tugend als die Häßlichkeit des Lasters vor Augen zu führen“85. Dieser demütige Priester er­kannte nämlich die Würde und Erhabenheit des Pre­digtamtes. „Unser Herr“, so sagte er, „der selbst die Wahrheit ist, schätzte sein Wort nicht weniger als seinen Leib.“

Es ist deshalb leicht begreiflich, daß Unsere Vor­gänger mit großer Freude den Vorstehern des christ­lichen Volkes ein solches Beispiel zur Nachahmung empfahlen; denn es ist von großer Bedeutung, daß der Klerus das heilige Lehramt sorgfältig verwaltet. Der heilige Pius X. erklärte mit Bezug darauf, „man möge danach streben und darauf dringen, daß der Priester durch keine andere Aufgabe so schwer verpflichtet, durch kein anderes Band so eng gebunden werde“86. Diese Mahnung haben Unsere Vorgänger immer wieder erneuert, und sie ist unter die Vor­schriften des Kirchlichen Gesetzbuches87 aufgenom­men. Auch Wir richten sie an euch, Ehrwürdige Brü­der, bei Gelegenheit der Zentenarfeier zu Ehren des heiligen Katecheten und Predigers von Ars. Wir loben die Bemühungen, die in kluger Weise unter eurer Führung in verschiedenen Ländern unternom­men sind, um die religiöse Unterweisung der Jugend und der Erwachsenen in ihren verschiedenen Formen mit Berücksichtigung der jeweiligen örtlichen Ver­hältnisse zu verbessern. Solche Versuche sind zwar nützlich, aber bei dieser Zentenarfeier soll nach Gottes Willen die staunenswerte und unüberwind­liche apostolische Macht eines Priesters von neuem ins Licht gerückt werden, der durch Wort und Tat Zeugnis von dem gekreuzigten Christus abgelegt hat: „nicht mit überredenden Worten menschlicher Weis­heit, sondern im Erweis von Geist und Kraft“88.

Wir müssen jetzt noch jene seelsorgliche Tätigkeit des heiligen Johannes Maria Vianney betrachten, die für ihn täglich ein langes Martyrium war, nämlich die Verwaltung des Bußsakraments, die besonderes Lob verdient und überaus reiche und heilsame Früchte hervorbrachte. „Er war durchschnittlich 15 Stunden täglich mit Geduld im Beichtstuhl. Diese Tagesarbeit begann schon sehr früh am Morgen und endete erst tief in der Nacht“89. Als er fünf Stunden vor dem Tode vor Übermüdung zusammenbrach, drängten sich die letzten Pönitenten um sein Sterbebett. Man schätzt, daß gegen Ende seines Lebens jährlich 80 000 Pilger zu ihm kamen90.

Kaum vorstellbar sind die Härten, Unannehm­lichkeiten, körperlichen Beschwerden dieses Mannes während der langen Sitzungen bei der Verwaltung des Bußsakramentes. Das ist um so bewunderns­werter, wenn man bedenkt, daß er durch Fasten, Abtötungen, Nachtwachen und Mangel an Schlaf aufgerieben war. Besonders aber wurde er dabei durch seelische Ängste gequält und ganz niederge­drückt. Man höre seine Klage: „So viel Böses wird gegen Gott getan“, sagte er, „daß man zuweilen das Ende der Welt herbeiwünschen möchte. Man muß nach Ars kommen, um die Schwere und fast unend­liche Menge der Sünden zu erfahren… Wir wissen leider nicht, was wir tun sollen; wir glauben nichts anderes tun zu müssen, als voll Trauer unser Gebet zu Gott zu richten.“ Außerdem konnte dieser heilige Mann hinzufügen, er übernehme freiwillig einen Teil der Sühne für die Sünden. Er sagte nämlich denen, die ihn in dieser Sache befragten: „Ich lege den Beichtkindern, die ihre Sünden rechtmäßig bekannt haben, nur eine kleine Buße auf; das übrige über­nehme ich an ihrer Stelle“91.

Der heilige Johannes Vianney hatte wahrlich, wie er sagte, die armen Sünder immer vor Augen und im Herzen, in der Hoffnung, es schließlich zu erleben, daß sie sich zu Gott bekehrten und ihre Sünden be­weinten. Darauf waren alle seine Sorgen und Ge­danken gerichtet, dafür verwendete er fast alle seine Zeit und alle seine Kräfte92. Aus den Erfahrungen bei der Verwaltung des heiligen Bußsakramentes, bei der er die Bande der Schuld löste, erkannte er, wie­viel Bosheit in der Sünde steckt und welch schreck­liche Verwüstungen sie in den Herzen der Menschen anrichtet93. Er pflegte das in düsteren Farben zu schildern: „Wenn wir“, so versicherte er, „die von schwerer Schuld befleckte Seele im Lichte des Glau­bens betrachten würden, müßten wir vor Schrecken sterben.“

Aber die Heftigkeit seines Schmerzes und seiner Worte kamen weniger aus der Furcht vor den ewigen Strafen, die den unbußfertigen Sünder bedrohen, als aus der angstvollen Sorge, daß die göttliche Liebe nicht erkannt oder aber beleidigt wird. Wegen der Hartnäckigkeit des Sünders und seiner Undankbar­keit gegen einen so guten Gott flossen reichlich Tränen aus seinen Augen! „O mein Freund“, sagte er, „ich weine deshalb, weil ihr nicht weint“94. An­dererseits verstand er es, mit Güte die Hoffnung in den Herzen der reumütigen Sünder wieder wachzu­rufen. Für sie wurde er unermüdlich der Verwalter der göttlichen Barmherzigkeit, sie ist nach seinen Worten „mächtig wie ein reißender Strom und zieht die Herzen mit sich“95, sie ist zarter als die Sorge einer Mutter, „weil Gott mehr bereit ist zu verzeihen, als eine Mutter bereit ist, eines ihrer Kinder aus dem Feuer zu holen“96.

Die Seelsorger mögen sich daher nach dem Bei­spiel des heiligen Pfarrers von Ars dieser so wichtigen Aufgabe eifrig und mit dem notwendigen Wissen widmen, weil hier vorzüglich die göttliche Barmherzigkeit über die Bosheit der Menschen trium­phiert und die Sünder frei von Schuld mit Gott ver­söhnt werden. Man möge auch das bedenken, daß Unser Vorgänger, Pius XII., „mit sehr bedeutungs­vollen Worten“ jene Ansicht verurteilt hat, wonach das häufige Bekenntnis der läßlichen Sünden in der Beichte nicht von Bedeutung sei; der Papst sagt näm­lich: „Für einen täglich größeren Fortschritt in der Tugend empfehlen Wir dringend den frommen Brauch der öfteren Beichte, der von der Kirche nicht ohne Eingebung des Heiligen Geistes eingeführt ist“97. Wir vertrauen zuversichtlich darauf, daß vor allen anderen die Priester die Vorschriften des kirch­lichen Rechts98 treu befolgen, daß sie nämlich das für die Heiligung so notwendige Sakrament der Buße fromm und zu bestimmten Zeiten benutzen. Sie mögen auch jene dringenden Mahnungen mit Hoch­achtung und durch die Tat befolgen, die von Unserem Vorgänger »betrübten Herzens“ öfter ausgesprochen worden sind99.

 

SCHLUSSWORT

Am Schluß dieses Rundschreibens möchten Wir, Ehrwürdige Brüder, noch Unsere Hoffnung aus­drücken, daß mit der Gnade Gottes diese Zentenar­feier in jedem Priester das Verlangen erwecke, mit brennenderem Eifer den heiligen Dienst zu versehen und vor allem auf die »erste priesterliche Pflicht, die eigene Heiligung“, bedacht zu sein100. Wenn Wir von der Höhe der päpstlichen Würde, zu der Uns die göttliche Vorsehung geführt hat, Unseren Geist auf das richten, was im Bereich der Seelsorge noch auf Erfüllung wartet, nämlich auf so viele Gebiete des Erdkreises, die noch nicht vom Lichte des Evan­geliums erleuchtet sind, oder auf die zahllosen Be­dürfnisse des christlichen Volkes, begegnet Uns im­mer wieder die Gestalt des Priesters. Was würden ohne ihn, ohne seine tägliche Arbeit alle aposto­lischen Unternehmungen, auch die scheinbar sehr zeitgemäßen, nützen? Was auch könnten die Laien erreichen, die großmütig das Apostolat unterstützen? Deshalb möchten Wir ohne Zögern alle Priester, denen Wir mit großer Liebe zugetan sind und auf welche die Kirche eine so große Hoffnung setzt, im Namen Jesu Christi und in väterlicher Gesinnung dazu aufrufen, daß sie mit größter Gewissenhaftig­keit alles das leisten, was ihre hohe kirchliche Würde von ihnen verlangt. Dieser Unser Aufruf möge durch die weisen Worte des heiligen Pius X. noch verstärkt werden: „Zur Ausbreitung des Reiches Christi auf Erden ist nichts mehr notwendig als die Heiligkeit der Priester, so daß sie als Führer durch Beispiel, Wort und Lehre den Gläubigen vorangehen“101. Etwas Ähnliches sagte der heilige Johannes Maria Vianney zu seinem Bischof: „Wenn ihr eure Diözese bekehren wollt, müßt ihr dafür sorgen, daß alle eure Pfarrer heilig werden.“

Euch aber, Ehrwürdige Brüder, die ihr vorzüglich verantwortlich seid für die Heiligung eurer Priester, empfehlen Wir, ihnen in ihren zuweilen großen Schwierigkeiten persönlicher oder amtlicher Art zur Seite zu stehen. Was vermag nicht ein Bischof, der seinen Klerus liebt, mit ihm fest verbunden ist, ihn wirklich kennt und ihm in ständiger Sorge nahe ist und ihn fest und väterlich zugleich leitet? Ihr seid Hirten der ganzen Diözese, aber seid es vor allem in besonderer Sorge für jene, die durch die heilige Weihe eure engsten Mitarbeiter und mit so heiligen Banden mit euch verbunden sind.

Auch an alle Gläubigen richten Wir bei Gelegen­heit der Zentenarfeier die väterliche Mahnung, daß sie ihre Priester in ihr Gebet einschließen und so zu ihrer Heiligung nach Kräften beitragen. Heute schauen die eifrigen Christen mit großen Erwartun­gen auf den Priester. In einer Welt, in der überall das Geld herrscht, die Sinnlichkeit und eine Überschätzung der Technik, möchten sie im Priester einen Mann sehen, der im Namen Gottes spricht, der von festem Glauben beseelt ist und selbstlos von Liebe zum Nächsten brennt. Alle Gläubigen mögen deshalb wissen, daß sie viel dazu beitragen können, den Priestern die Erreichung dieses erhabenen Zieles zu erleichtern, wenn sie der priesterlichen Würde Ehr­furcht erweisen, ihre seelsorglichen Aufgaben und Schwierigkeiten richtig einschätzen und den Priestern mit größerem Eifer als bisher zur Seite stehen.

Mit väterlicher Gesinnung möchten Wir Uns auch noch an die Jungmänner wenden, die wir mit großer Liebe umfassen und auf deren Hilfe die Kirche ihre Hoffnung für die Zukunft setzt. „Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige“102. In vielen Gegen­den warten die Boten des Evangeliums, von Arbei­ten überlastet, sehnlichst auf diejenigen, die ihre Auf­gaben übernehmen. Nicht wenige Völker werden mehr durch Hunger nach himmlischer als nach irdischer Nahrung schlaff. Wer wird ihnen die über­natürliche Nahrung des Lebens und der Wahrheit bringen? Wir vertrauen fest darauf, daß die jungen Männer unserer Zeit nicht weniger als früher der Einladung des göttlichen Meisters großmütig ent­sprechen und bei dieser notwendigen Aufgabe mit­helfen.

Die Priester leben oft unter schwierigen Verhält­nissen. Kein Wunder, denn die Feinde der Kirche gehen mit Schmähungen und Nachstellungen zuerst gegen die Priester feindlich vor; wie auch der Pfarrer von Ars sagte, richten die Feinde der Religion ihre Angriffe zuerst gegen den Priester. Aber in dieser schweren Notlage erfahren die eifrigen Priester große und wahre Befriedigung im Bewußtsein ihrer Auf­gabe; sie wissen nämlich, daß sie vom göttlichen Er­löser dazu berufen sind, für eine ganz heilige An­gelegenheit einzutreten, nämlich für die Erlösung der Menschen und das Wachstum des mystischen Leibes Christi. Deshalb mögen die christlichen Familien es als Ehrensache ansehen, der Kirche Priester zu schen­ken; sie mögen freudig und dankbar ihre Söhne für den heiligen Dienst opfern.

Weil aber Unsere Mahnung auch euch heftig be­wegt, Ehrwürdige Brüder, ist es nicht notwendig, länger dabei zu verweilen. Wir sind davon über­zeugt, daß ihr Unsere Sorge klar erkennt und wirk­sam daran teilnehmt. Inzwischen aber übergeben Wir dieses bedeutungsvolle Anliegen der Fürbitte des heiligen Johannes Maria Vianney, mit dem das Heil unzähliger Menschen so eng verbunden ist.

Wir wenden Uns auch an die unbefleckt geblie­bene Gottesgebärerin. Kurz bevor der heilige Pfarrer von Ars sein irdisches Leben, das reich war an über­natürlichen Verdiensten, vollendet hat, erschien sie in einer anderen Gegend Frankreichs einem unschul­digen und demütigen Mädchen und ließ die Menschen zum Gebet und zu christlicher Buße in mütterlicher Weise einladen. Diese erhabene Stimme bewegt noch nach dem Verlauf eines Jahrhunderts die Seelen und hat weithin ein gewaltiges Echo. In Wahrheit war das Leben und die Lehre jenes unter die Heiligen aufgenommenen Priesters, dessen Säkularfeier wir begehen, im voraus eine Illustration jener über­natürlichen Wahrheiten, die in der Grotte von Lour­des dem unschuldigen Mädchen mitgeteilt wurden. Er hatte eine große Verehrung für die unbefleckt empfangene Jungfrau, weihte im Jahre 1836 die Pfarrkirche der unbefleckten Jungfrau Maria und nahm mit größter Pietät und Freude im Jahre 1854 die unfehlbare dogmatische Definition dieser Wahr­heit auf103.

Mit dem schuldigen Dank gegen Gott verbinden Wir deshalb diese beiden Zentenarfeiern von Lour­des und Ars, die aufeinander folgen und sehr ehren­voll für die uns teure Nation sind, die sich jener heiligen Orte rühmt. Eingedenk so vieler Wohltaten und im Vertrauen auf neue Segnungen für Uns und die ganze Kirche, bedienen Wir Uns jener Bitte, die so oft von den Lippen des heiligen Pfarrers kam: „Gepriesen sei die heiligste und unbefleckte Emp­fängnis der seligen Jungfrau Maria und Mutter Gottes. Alle Nationen, alle Länder der Erde mögen dein unbeflecktes Herz loben, anrufen und preisen“104.

Wir haben das feste Vertrauen, daß diese Hundert­jahrfeier zu Ehren des heiligen Johannes Maria Vianney überall frommen Eifer weckt, sowohl bei den Priestern als auch bei denen, die durch Gottes Gnade zum Priestertum berufen werden, und daß sie auch alle Gläubigen zu tätigem Interesse für das Leben und den Dienst der Priester anregt.

In diesem Vertrauen erteilen Wir allen und be­sonders euch, Ehrwürdige Brüder, als Unterpfand himmlischer Gnade und zum Zeugnis Unseres Wohl­wollens liebevoll den apostolischen Segen.

Gegegeben zu Rom beim heiligen Petrus, am 1. August 1959, im ersten Jahre Unseres Pontifikats.

PAPST JOHANNES XXIII.

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ANMERKUNGEN

 

71 Io. 15,5

72 Arch. Secret. Vat. t. 227, 629

73 Ibidem t. 227, 15

74 Sermons, 1. c. t. 2, 86

75 Arch. Secret. Vat. t. 227, 1210

76 Arch. Secret. Vat. t. 227, 53

77 Ibidem t. 227, 991

78 Ibidem t. 227, 991

79 Arch. Secret. Vat. t. 227, 1002

80 Ibidem t. 227, 580

81 Arch.Secret. Vat. t. 3897, 444

82 Ibidem t. 3897, 272

83 Discorso 16. 3. 1946; AAS XXXVIII 1946, 186

84 Ibidem 2 Tim. 4,2

85 Arch. Secret. Vat. t. 227, 185

86 Litt. Enc. Acerbo nimis; Acta Pii X, II 75

87 CIC can. 1330-1332

88 1 Cor. 2,4

89 Arch. Secret. Vat. t. 227, 18

90 Ibidem

91 Ibidem t. 227, 1018

92 Ibidem t. 227, 18

93 Ibidem t. 227, 290

94 Ibidem t. 227, 999

95 Ibidem t. 227, 978 96

96 Ibidem t. 3900, 1554

97 Litt. Enc. Mystici Corporis; AAS XXXV 1943, 235

98 CIC can. 125 5 1

99 Litt. Enc. Mystici Corporis; AAS XXXV 1943, 235. Litt. Enc. Mediator Dei; AAS XXXIX 1947, 585. Adhort. Apost. Menti Nostrae; AAS XLII, 1950, 674

100 Adhort. Apost. Menti Nostrae; AAS XLII 1950, 677

101 Epist. La ristorazione; Acta Pii X, I 257

102 Matth. 9,37

103 Arch. Secret. Vat. t. 227, 90

104 Ibidem t. 227, 1021