Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel V

Die Kapelle

 

Werden in Massen kommen

Nicht zum ersten Mal sollte von außen eine Anregung an Antonie herangetragen werden. In diesem Fall war es eine verwitwete Bäuerin aus Wangen, Cäcilia Geyer. Sie genoss in ihrem Umfeld den Ruf einer nüchternen und doch sehr frommen Frau. Auch sie gehörte zu den Betern vor der Lourdesgrotte in Wigratzbad. Am Allerseelentag 1937 kam sie auf Antonie zu und meinte, man müsste vor der Grotte eine gedeckte Halle errichten, um die Beter vor den Launen der Witterung zu schützen. Sie selber wolle einen ansehnlichen Beitrag dazu leisten. Weder sie noch Antonie ahnten, dass es ein bitterer Weg werden und dass am Ende sogar eine Kapelle das Ergebnis sein würde.

Antonie reagierte zunächst zögernd. Aber die Frau ließ nicht locker und sprach noch zweimal bei ihr vor. Daraufhin rang sich Antonie dazu durch, beim Bauamt in Lindau um eine Genehmigung vorzusprechen. Es wurde ein hartes Ringen. Erst beim zweiten Mal zeigten sich die Beamten ein wenig aufgeschlossen, nicht ohne sie mit herben Vorwürfen zu überschütten. Die Grotte sei ohne behördliche Genehmigung erbaut worden. In der Gegend existierten genug Kapellen. Das Dritte Reich habe für solche Vorhaben kein Verständnis.

„Aber wenn Sie wollen“, meinte der Beamte, „erstellen Sie einen Plan.“ Das ließ sich Antonie nicht zweimal sagen. Sie besorgte einen entsprechenden Entwurf mit dem Ergebnis, dass er abgewiesen wurde. Das sei bereits ein kultureller Bau, für den das Landesbauamt in Kempten zuständig sei. Man wollte sie offensichtlich abwimmeln. Für Antonie war es jedoch eine neue Herausforderung.

An dieser Stelle muss noch einmal auf die einfache Bäuerin Cäcilia Geyer zurückgegriffen werden. In einem Brief, den sie an die Familie Rädler in schlichten, zum Teil unbeholfenen Worten geschrieben hat, berichtet sie dieser von einem Erlebnis, das Licht auf die Entstehung des späteren Kapellenbaus wirft.

Es war am 22. Februar 1938. Sie stand früh auf, um in der Stadtpfarrkirche an der hl. Messe teilzunehmen. Nach einem kurzen Gebet zur Gottesmutter glaubte sie ein leises Rauschen zu hören. Vor ihren Augen bildete sich eine Lichtwolke. Aus dieser trat die Unbefleckte Empfängnis heraus, wie sie in Wigratzbad verehrt wurde. Die Frau sah sich plötzlich in die Grotte versetzt. Die „Erscheinung“ trat bis an den Betschemel Antonies heraus. Da fragte die ungebildete Bäuerin mehrmals, ob die Gottesmutter wolle, dass man hier baue. Die Antwort war jedes Mal „Ja“. Die schlichte Frau fasste nach. Ob sie in Wigratzbad bleiben wolle. Daraufhin zeigte Maria auf einen Platz, auf dem später die Gnadenkapelle stehen sollte und sagte: „Baut mir hier eine Kapelle! Sage es den Leuten!“ Frau Geyer äußerte Bedenken. Antonie dürfe ja nicht einmal einen Vorbau vor der Grotte errichten. Die Antwort war: „Die Kapelle kommt zustande. Ich führe dem, der die Erlaubnis zu geben hat, selbst die Hand und schreibe das ‚Ja‘ selbst hin. Lass alles seinen Weg gehen! Ich werde der höllischen Schlange den Kopf zertreten. Ich kann die zerschmettern, die gegen diese Sache sind. Die Menschen werden in Massen kommen und ich werde die Gnaden in Strömen über sie ausgießen. Betet viel, betet noch viel mehr! Der hl. Josef der hl. Antonius und die Armen Seelen werden helfen!“

Bei diesen Worten hätten sich die Statuen der beiden Heiligen zustimmend durch eine Drehung der Madonna zugewandt. Diese befahl nun der Frau: „Gehe jetzt hin und bete meinen göttlichen Sohn an im heiligen Sakrament! Bete ihn fromm und gläubig an!“ Verstört meinte die Bäuerin, wo sie denn hingehen solle. Zu dieser Zeit sei nirgendwo das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Da habe die „Erscheinung“ auf jene Stelle verwiesen, die sie vorher für den Bau auserwählt hatte. Nun stand dort eine Kapelle so groß wie eine Kirche. Sie sei eingetreten und habe auf dem Hochaltar eine Monstranz gesehen, heller leuchtend als die Sonne. Die Strahlen hätten das ganze Land überflutet, so weit das Auge reichte, über ein Meer von weißen, roten und gelben Rosen.

Die Frau kniete nieder, betete ein Vaterunser und kehrte in die Grotte zurück. Aber die „Erscheinung“ habe ihr ein zweites und ein drittes Mal befohlen, ihren göttlichen Sohn auf dem Altar anzubeten. Dann die abschließenden Worte: „Danke für die besondere Gnade, die du heute empfangen hast. Du musst besonders viel beten. Bete viel, bete gut! Bete besonders viel für die Armen Seelen. Sie haben eine große Macht.“

Daraufhin sei sie verschwunden, die Wolke habe sich aufgelöst, nur die Grotte hätte sie noch gesehen, ganz mit Schmutz beworfen. Dann sei alles vorbei gewesen.

Von welcher Qualität dieses Erlebnis war, soll hier nicht beurteilt werden. Erstaunlich ist nur, dass sich die ,Yision“ voll erfüllt hat. Vier Tage nach dem Erlebnis der Cäcilia Geyer tauchte plötzlich in Wigratzbad ein Beamter vom Landesbauamt in Kempten auf, Regierungsassessor Wölfl, ein Protestant. Er sollte alles überprüfen und lehnte das Gesuch ab. Aber zu Antonies großem Erstaunen meinte er, sie solle doch eine schöne Kapelle bauen und zeigte auf den Platz, den vier Tage vorher die „Erscheinung“ gegenüber der einfachen Bäuerin für den Bau bestimmt hatte. Auf die geäußerten Zweifel, ob das von der Behörde genehmigt werde, antwortete er: „Die Behörde, die zu bestimmen hat, sind wir.“ Und ging auf den spontanen Vorschlag Antonies ein, selber den Plan zu entwerfen. Der Weg aber, der noch zu gehen war, blieb dornenreich.

Herr im Elend

Zwei Wochen nach dem Besuch des Beamten aus Kempten betete Antonie mit vielen Menschen vor der Grotte. Da erlebte sie in ihrem Inneren die Gegenwart Mariens und hörte klar die Worte: „Hole den Herrn im Elend in Matrei. Ich will, dass Jesus in seinem Leiden auch hier geliebt und verherrlicht wird. Jesus im Elend wird aus dem Elend retten.“ Antonie blieb keine Zeit, Fragen zu stellen. Die Gottesmutter hatte sich zurückgezogen.

Mit dem Wort Matrei konnte sie nichts anfangen, so sehr sie auch darüber nachdachte. Sie betete bis zum Abend weiter. Als danach alle Beter den Heimweg angetreten hatten, kam ein Mädchen aus Opfenbach auf sie zu. Wie zufällig zeigte sie ihr ein Pilgerbüchlein vom Gnadenort Matrei am Brenner, wo seit Jahrhunderten ein Gnadenbild des „Herrn im Elend“ verehrt wird. Man staunt über das feine und zielstrebige Wirken Mariens. Es scheint, als ob sie möglichst viele Menschen einbezogen haben wollte für das, was sie vorhatte. Antonie strahlte. Sie schlug dem Mädchen vor, sofort eine Wallfahrt zum angegebenen Ort zu machen. Es war der Botin jedoch nicht möglich, mitzufahren.

In diesem Augenblick hörten sie vor der Grotte einen gewaltigen Lärm, als würde dort ein schwerer Lastwagen vor-beirollen, aber nichts war zu sehen. Nur das Mädchen entdeckte mit Entsetzen, dass ihr Fahrrad völlig zertrümmert und nicht mehr zu gebrauchen war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Antonie ahnte den Urheber: „Es war die Hölle!“ sagte sie.

Was in dieser Zeit in Wigratzbad abgelaufen ist, ist von großer Bedeutung für ein volles Verständnis dieser Stätte. Es ist eine Botschaft an die ganze Welt. Maria verbindet ihren Titel vom „Sieg“ mit dem sühnenden Leiden ihres Sohnes. Ganz gezielt. Das kann gar nicht ernst genug genommen werden.

Antonie spürte das. Mit dem Nachteilzug fuhr sie nach Innsbruck und weiter nach Matrei. In der dortigen Pfarrkir-che entdeckte sie auf dem Hochaltar das Gnadenbild. Sie betete lange davor. Dann suchte sie den Pfarrer auf und erzählte ihm, was sie in der Grotte von Wigratzbad erlebt hatte. Das Standbild konnte er ihr natürlich nicht geben, aber er nannte ihr einen Künstler, der ihr eine genaue Kopie anfertigen würde. Aber der war mit Aufträgen eingedeckt.

Wie schon oft, schaltete Antonie erst einmal einen neuen heroischen Akt davor: das Opfer. In dem Schwesternhaus, in dem sie übernachtete, erfuhr sie von der kleinen Wallfahrtskirche „Maria Waldrast“ hoch oben auf dem Berg in 2000 Meter Höhe. Sie hätte gern die Nacht vor dem leidenden Jesus in der Kirche verbracht, aber man erlaubte es ihr nicht. Dafür wollte sie am nächsten Tag auf den Berg pilgern, obwohl der Geistliche und die Schwestern ihr dringend davon abrieten, weil die Absturzgefahr wegen des vielen Schnees noch groß sei. Antonie ließ sich dennoch nicht entmutigen. Sie wagte den Aufstieg, aber sie brauchte eine Führung. Und wer bot sich an? Ein elfjähriger Junge.

Der Weg war voller Gefahren. Aber sie kamen oben heil an, beteten in der Kirche den Rosenkranz. Dann jedoch war der Junge, ein Kind noch, am Ende seiner Kräfte. Antonie gab ihm etwas Geld, damit er sich im Gasthaus bei einer warmen Mahlzeit erholen konnte. Sie aber blieb bei der eisigen Kälte noch oben, betete, bis die Zeit sie zwang, den Heimweg anzutreten, um noch vor der Dunkelheit unten zu sein. Sie kam mit leerem Magen an, aber überglücklich. Sie setzte auf die Gottesmutter.

Wieder in Bregenz angekommen, suchte sie das Kloster der Kapuziner auf, um ein Almosen abzugeben. Dort erfuhr sie von dem Bildschnitzer Franz Albertani. Dieser hatte durch die neue Zeit des Nationalsozialismus, die angebrochen war, alle Aufträge verloren. Für seine sechsköpfige Familie erwies sich Antonie als Rettungsanker. Seine Arbeiten gefielen ihr weit besser als die des Künstlers in Matrei. Sie luden wirklich zum Beten ein. Der Mann erwies sich als eigentliches Geschenk der Wallfahrt, die Antonie unternommen hatte. Zunächst aber brauchte sie etwa tausend Mark. Und wieder staunt man über das Eingreifen der göttlichen Vorsehung.

Daheim warteten nämlich zwei Frauen auf sie. Sie hatten mit einem schweren Anliegen im Herzen die Grotte besucht und verrieten, dass sie bereit seien, zu Ehren der Gottesmutter ein größeres Werk zu stiften. Antonie erzählte von ihrer Reise nach Matrei. Sofort erklärte sich eine der Damen bereit, die Kosten für die Statue zu übernehmen. Am nächsten Morgen händigte der Ehemann ihr die ersten 400 Mark aus, die Antonie sofort nach Bregenz brachte.

Das Standbild, in das Albertani seine ganze Seele hineingearbeitet hatte, wurde zunächst im Schuppen der Familie aufgestellt und verehrt. Ganze Nächte wurde davor gebetet. In der späteren Kapelle fand es seinen Platz in der Unterkirche.

Neues Denken

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Statue des „Herrn im Elend“ nicht unwichtig. Um das Jahr 1210 lebte auf dem Schloss Aufenstein Ritter Heinrich III. Er war nicht nur das Vorbild eines ritterlichen Menschen, sondern hatte dazu auch noch eine tiefe Beziehung zum Leiden und Sterben Jesu. Deshalb brach er eines Tages ins Heilige Land auf, um in der Kirche des heiligen Grabes zu beten. Dort sah er ein Standbild des leidenden Erlösers. Es zeigte Ihn nicht in aufrechter, sondern in liegender Haltung und war deshalb besonders eindrucksvoll. Der Ritter war davon sehr betroffen. Er ließ ein möglichst getreues Abbild machen und nahm es mit auf das Schiff. Unterwegs erhob sich ein gewaltiger Sturm und brachte alle in Gefahr. Ritter und Mannschaft flehten vor dem Standbild. Und alsbald legte sich der Sturm. Sie kamen glücklich im Hafen an.

In der Schlosskapelle von Aufenstein fand es bald breite Verehrung. Deshalb bat er die geistliche Obrigkeit, ob es nicht in der Pfarrkirche aufgestellt werden könnte, um es noch breiteren Schichten zugänglich zu machen. Die Kirche wurde zum Wallfahrtsort. Ein Dorn im Auge eines Ritters, der eine entgegengesetzte Einstellung hatte. Er hasste Standbilder und Wallfahrten. So ließ er es über Druck und Bestechung vom Küster der Kirche nachts in den Fluss werfen. Aber am anderen Morgen befand es sich wieder unversehrt an seiner Stelle in der Kirche. Ein zweiter Versuch endete ebenso. Beim dritten wollte der Ritter von Raspenbühl selber dabei sein. Aber am Morgen befand sich das Standbild abermals an seinem Platz in der Kirche. Beide Männer erschraken zutiefst und der Ritter wurde vom Gegner zum Verehrer des Bildes.

Antonie, in langen Gebeten erleuchtet, hat die Bedeutung des Bildes für Wigratzbad so verstanden:

„Als Jesus vor seinem Leiden am Ölberg betete, hat ihm der Vater alle Sünden der Welt gezeigt, die er zu sühnen hatte, aber auch alle Leiden, die er, um der Gerechtigkeit willen, als Genugtuung erdulden sollte. Jesus sah sich selbst, wie er mit seinen Augen die Sünden der Augen, mit seinen Ohren die Sünden der Ohren, mit seinem Munde die Sünden der Zunge und Unmäßigkeit, mit seinem dornengekrönten Haupt alle Sünden des Eigensinns, des Eigenwillens, der Selbstherrlichkeit, mit seinen Händen die Sünden der Hände, mit seinen Füßen alle sündigen Schritte, mit seinem Herzen allen Mangel an Liebe und alle ungeordneten Leidenschaften, mit den Wunden, verursacht durch die Geißelung, die Sünden des Leibes, mit den schrecklichen inneren Leiden die Sünden des Geistes sühnen sollte. Er sah sich – wie die Statue es darstellt – versenkt in die tiefsten Tiefen aller Leiden und bot sich dem Vater in seinem Elend als Sühne an, um uns aus unserem Elend zu erretten. Darum ist er nicht als Toter, sondern als Lebender dargestellt.

Durch seinen Tod am Kreuze hat Jesus in Maria den Satan besiegt, sie vorwegnehmend vor der Erbsünde bewahrt, damit sie als Makellose im Namen der Menschheit ganz eins mit ihm leidend ihn und sich selbst in ihm und mit ihm und durch ihn dem Vater opfernd den Satan in der Menschheit besiegen konnte. Der Sieg ist errungen, aber er muss von jedem Einzelnen für sich und für andere gewollt werden durch Gebet, Empfang der Sakramente und durch Werke der Liebe.“

Die Betrachtung kurz zusammengefasst könnte heißen: Sieg der Sühne. Das ernst genommen, müsste ein neues Denken unter Christen einleiten, die in 2000 Jahren nicht der Versuchung widerstanden haben, ihren höchsten Werten und Idealen oft weltliche Inhalte zu geben oder sie sich aufdrängen zu lassen, wie es seit dem Jahre 1968 im Übermaß geschehen ist. Wir erleben es Tag für Tag. Die Auswirkungen sind verheerend – für Milliarden von Menschen. Der „Sieg der Sühne“ ist die Wurzel der christlichen Verkündigung und das, was das Christentum – neben der Feindesliebe – von allen anderen Religionen haushoch unterscheidet. Den Feind zu lieben erfordert oft schon einen heroischen Akt, für ihn zu sühnen übersteigt alles menschliche Vorstellungsvermögen – es kann nur göttlichen Ursprungs sein.

Gottes große Wege sind mit Opfern und mit Leiden gepflastert. Das sollte Antonie in des Wortes wahrster Bedeutung erfahren. Zunächst schien alles recht glücklich zu laufen. Der protestantische Regierungsassessor machte sich mit Sorgfalt an die Arbeit. Aber dann stand die Bewilligung durch die Behörden aus.

Die Bewilligung

In Wigratzbad wurde derweil wie vor jeder Hürde viel gebetet. Antonie ging mit gutem Beispiel voran. Sie fastete oft drei Tage bei Brot und Wasser oder aß überhaupt nichts. Sie pilgerte von Bregenz barfuß nach Maria Bildstein und verbrachte dort die Nacht in der Kirche. Ein andermal fuhr sie nach Bregenz ins Kloster Mehrerau, um dort die ganze Nacht zu beten und von 3 Uhr früh an den hl. Messen beizuwohnen. Um 7 Uhr kehrte sie heim, um den ganzen Tag hindurch schwer zu arbeiten. Sie machte sogar eine Pilgerfahrt zu ihrem Namenspatron, zur Kirche in Egg im Kanton Zürich.

32mal musste sie im Bauamt in Lindau vorsprechen und wurde immer wieder abgewiesen. Beim 33. Mal endlich klappte es. Man ließ sie zwar den ganzen Vormittag vor der Türe stehen, weil sie sich weigerte, mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Gegen Mittag durfte sie jedoch eintreten und konnte die Baubewilligung in Empfang nehmen. Voll innerer Freude eilte sie damit in die Pfarrkirche, um sich vor dem Marienaltar zu bedanken. Aber dann geschah etwas, was mit menschlicher Logik kaum zu verstehen war. Sie erhielt den inneren Befehl, den Plan sofort zu zerreißen. Er sei ungeeignet, die Kapelle zu klein. Alles, so schien es, war umsonst gewesen, alle Gebete, alle Bußübungen, alle Mühen, alle Arbeit.

Antonie gehorchte. Die Welt der Mystik hat ihre eigenen Gesetze. In einer inneren Schau bekam sie jedoch jene Kapelle zu sehen, die später erbaut wurde. Der eigentliche Kreuzweg, den sie in Verbindung mit der Entstehung eines Heiligtums gehen sollte, der sollte erst beginnen. Und der Widersacher Gottes ihr auf diesem Wege sein hässliches Gesicht zeigen.

Daheim machte sie sich an die Zeichnung der Kapelle, wie sie ihr in der inneren Schau gezeigt worden war. Mit der Skizze fuhr sie sofort in das Landesbauamt in Kempten und bat um Entschuldigung, dass sie den Herren so viel Arbeit zugemutet hatte. Die Reaktion war verständlich. Der Assessor war außer sich. Antonie ließ alle Vorwürfe über sich ergehen. Im Gedächtnis hatte sie die Verheißung der Gottesmutter, sie würde demjenigen, der den Bau zu genehmigen hätte, selber die Hand führen.

Nach und nach beruhigten sich die Männer und Assessor Wölfl zeigte sich bereit, den neuen Entwurf zu überprüfen, den er recht brauchbar fand. Aber der neue Plan musste den ganzen Behördenweg durchlaufen. Als erster ging der Bürgermeister von Opfenbach auf die Barrikaden. Als Antonie ihm den Plan übergab, wäre er um ein Haar ihr gegenüber handgreiflich geworden. Zunächst einmal ließ er sich Zeit, dann rief er den Gemeinderat zusammen, schwor diesen auf seine Linie ein und bekam ein vollzähliges „Nein“ gegen das Projekt.

Dabei ließ er es nicht bewenden. Er wandte sich in einem Brief an die höhere Instanz, das Bezirksamt, stellte Antonie als fanatische Gegnerin des Nationalsozialismus dar, die in Wigratzbad ein Zentrum gegen die neue Zeit aufbaue und mit ihrer religiösen Grundeinstellung weite Teile der Bevölkerung infiziere. In Opfenbach existierten bereits drei Kapellen, es bestehe kein Bedürfnis für eine weitere. Neben den Behörden stachelte er auch die höheren Parteiinstanzen gegen den Bau auf.

Die bitterste Erfahrung jedoch sollte Antonie mit ihrem eigenen Seelsorger machen. Er hieß Hermann Rädler und war ein Jahr zuvor Pfarrer der Gemeinde Wohmbrechts geworden. Bei seiner Einführung hatte er sich von der Sturmabteilung (SA) begleiten lassen. Bei seiner ersten Ansprache sagte er: „Ich nehme Besitz von dieser Pfarrei im Namen des gottbegnadeten Führers Adolf Hitler!“ Er wurde ein tödlicher Feind Antonies und der Kapelle.

Diese Gegner erreichten, dass Vertreter der Behörden und der Partei vor Ort eine Sitzung einberiefen, um sich dem Bau in den Weg zu stellen. Alle Bemühungen um eine Bewilligung schienen fortan aussichtslos. Gegen solche Mächte als hilflose Frau anzugehen, musste bedeuten, dem eigenen tragischen Untergang den Weg zu ebnen.

Aber das sind rein menschliche Überlegungen. Antonie hatte längst in einer anderen Welt Wurzeln geschlagen. Auf die setzte sie. Der beim Künstler Albertani in Bregenz in Auftrag gegebene „Herr im Elend“ war noch nicht ganz fertig. Antonie störte das nicht. Sie wagte die erste Wallfahrt zum Herrn, ließ vor Ort einen Pater aus Mehrerau kommen, das Standbild zu segnen, schmückte es mit Blumen und Kerzen. Mit ausgespannten Armen betete sie einen Psalter, die Familie schloss sich an. Beim Abschied bat sie alle, dies neun Tage fortzusetzen. Sie selbst wollte es in der Grotte tun.

Acht Tage später, es war der 17. Juni 1938, wurde Antonie ins Bauamt nach Lindau gerufen und ihr gegen 12 Uhr, beim Ave-Läuten, die Bewilligung zum Bau der Kapelle von einem gewissen Regierungsrat Dr. Widmann ausgehändigt. Der Bürgermeister von Opfenbach wurde übergangen. Das schien sehr entgegenkommend, aber es stand eine perfide Absicht dahinter. Denn die Bewilligung wurde mit der Auflage verknüpft, das Geld für den Rohbau und eine Notbausumme, insgesamt 14 500 Mark, innerhalb von drei Tagen auf einer Bank zu hinterlegen und den Depotschein auf dem Amt vorzuzeigen.

Voll innerer Dankbarkeit brachte Antonie das Geld tatsächlich zusammen, trug es zur Grotte und legte es der Got-tesmutter zu Füßen. Sie betete bis in die tiefe Nacht hinein. Da kroch zu ihrem Entsetzen eine dicke schwarze Schlange, etwa anderthalb Meter lang, auf die Altardecke, züngelte und schien nach dem Geld schnappen zu wollen.

Die Beterin sah darin ein Zeichen. Sie durchschaute den Plan ihrer Gegner. Hätte sie das Geld bei der Bank hinterlegt, es wäre verloren gewesen. Also suchte sie in der Frühe den Baumeister (Ruß) direkt auf und übergab ihm die Summe mit der Bitte, sofort das notwendige Material einzukaufen und ihr die Quittungen zu geben. Diese brachte sie zum Amt.

Die Reaktion der Beamten war die übliche. Man beschimpfte sie und verbot ihr, mit dem Bau zu beginnen. Aber der Baumeister und jene Männer, die die Pläne erarbeitet hatten, setzten sich durch. Sie kamen persönlich nach Wigratzbad, um den Platz zu bestimmen. Eltern und Geschwister willigten ein, den väterlichen Grundbesitz für die Kapelle abzutreten. Antonie nahm die Gelegenheit wahr, eine weitere Idee durchzusetzen. Unter der Kapelle schwebte ihr eine Art Krypta vor. Das war im Plan nicht vorgesehen. Da der Vorgesetzte in Urlaub war, konnten die Herren in eigener Vollmacht entscheiden und schickten den Plan für die Unterkirche nach. Am 1. Juli 1938 wurde mit dem Erdaushub begonnen. Eine Bitte an den Ortspfarrer, bei der Grundsteinlegung die Weihe vorzunehmen, schlug dieser aus. Er wolle damit nichts zu tun haben. Er sei gegen den Bau.

Schwarz gekleidet

Manch eine hier geschilderte Einzelheit mag überflüssig oder gar ermüdend erscheinen. Es wird dennoch über sie berichtet, um darzulegen, dass Gottes große Werke nicht im Scheinwerferlicht irdischer Stars entstehen, sondern in mühsamer, teils qualvoller Kleinarbeit. Die Menschwerdung Gottes erfolgte in einem Stall, in bitterer Kälte, setzte sich fort in der Flucht durch Wüstensand nach Ägypten. Gott war auf dieser Erde als Mensch von Anfang an ein Verfolgter. Und hat seine große Mission unscheinbar in einer Werkstatt vorbereitet. Warum soll es einer Jüngerin besser ergehen als dem Meister. Am eigenen Leibe musste sie es erfahren, mehrere leidvolle Jahre standen ihr bevor, meistens am Rande des Todes stehend.

Am Ringen um die Entstehung einer Kapelle in Wigratzbad zeigt sich, wie unablässig hier auf Erden Himmel und Hölle miteinander kämpfen. Es geht immer um den Menschen, am Ende um das Heil von Milliarden von Menschen. Und es ist der graue Alltag, in dem Gott sich immer wieder offenbart, nicht in Triumphzügen und unter Fanfarenklängen.

Als in Wigratzbad die Fundamente für eine Anbetungsstätte gelegt wurden, ließ Hitler unter großen Opfern den sog. Westwall bauen, der Deutschland angeblich gegen Frankreich schützen sollte. Ein Täuschungsmanöver. Es war Hitler, der Frankreich überrollte, sich ganz Europa unterwarf und die Herrschaft über den ganzen Erdball im Auge hatte.

Um jeden Baustein musste Antonie kämpfen, um jede Arbeitskraft werben und fand oft unerwartet Helfer, wie jenen Offizier, der einen Waggon mit Zement nach Wigratzbad abkommandierte. Nicht selten wusste man am Abend nicht, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Dann hat Antonie durchgebetet. Am nächsten Tag konnte es weitergehen.

Während der Arbeiten wollten Architekten den Plan so umfunktionieren, dass die Kapelle schnell in ein Heim für die Hitlerjugend umgestaltet werden konnte. Es sollten keine Altäre hinein. Aber die schwache Frau erwies sich als starke Frau. Sie setzte sich durch – zwei Altäre in der Krypta, drei Marmoraltäre und Kommunionbank aus schlesischem Marmor, Kirchenfenster mit Bildern von La Salette, vom Pfarrer v. Ars und von Bruder Konrad aus Altötting. Antonie stellte ihre Gegner oft vor vollendete Tatsachen. Ende November stand der Bau.

Die materiellen Sorgen entpuppten sich als nichts im Vergleich zu den geistigen Schwierigkeiten, die jetzt auf sie warteten. Und es waren wohl die bittersten. Es ging um den Segen der Kirche.

Sie fuhr nach Augsburg, um dem Bischof ihr Anliegen vorzutragen. Der Oberhirte konnte sie nicht empfangen. Dann reiste sie ihm nach Kempten nach, wo er sie anlässlich einer Firmung empfangen wollte. Das Gespräch dauerte kaum vier Minuten. Sie versuchte es ein drittes Mal. Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle entließ sie mit seinem Segen. Inzwischen war die Krypta fertig geworden. Noch einmal bat sie schriftlich um die kirchliche Weihe. Sie wurde an den Ortspfarrer von Wohmbrechts verwiesen, sollte sich seinen Anordnungen fügen. Dieser weigerte sich und verwies sie an den zuständigen Dekan. Der versprach die Weihe für den 8. Dezember.

Jedoch die Gegner schliefen nicht. Unter ihnen waren auch Seelsorger der Umgebung, die das Pilgern ihrer Gläubigen zur Grotte nach Wigratzbad mit gemischten Gefühlen beobachteten. Einige gingen zu offenen Angriffen über. Der Stadtpfarrer von Wangen kam am Fest Allerheiligen in allen Gottesdiensten auf sie zu sprechen, nannte den Bau Einfall eines hysterischen, überspannten Menschen, Ausgeburt einer überhitzten Fantasie. Das Projekt habe keine Zukunft. Antonie war bei diesen Predigten auch noch anwesend. Sie schwieg. Ihr Hauptfeind, der Pfarrer von Wohmbrechts, erreichte unterdessen, gestützt auf unwahrhaftige Darstellungen, dass das Ordinariat in Augsburg seine Zusage zurücknahm. Die große Beterin von Wigratzbad ahnte davon nichts.

Ahnungslos suchte sie Ende November den Dekan auf, der teilte ihr mit, dass Ortspfarrer Rädler nun doch die Weihe selbst vornehmen wolle. Der empfing sie mit Beschimpfungen und stellte den Sinn des Betens überhaupt in Frage: „Hätte es eine Wirkung, wäre die Welt längst eine andere, wo doch Männer und Frauen in den Klöstern so viel und ständig beten.“ An die Weihe sei vorerst nicht zu denken. Antonie mit einer inzwischen vom Geist des Gebetes durchdrungenen Seele war es, als würde man ihr das Herz aus dem Leibe reißen.

Der Himmel ließ sie jedoch nicht allein. Während des Gebetes in der Grotte erschien ihr die Mutter des Herrn, ganz in Schwarz gekleidet. Tränen rollten über ihre Wangen. Verstört fragte Antonie nach dem Grund, verstand jedoch die Antwort nicht. Doch dann erhellte sich das Gesicht Marias. Ihre Augen leuchteten. Sie wirkte mütterlich gütig, war aber von himmlischer Majestät. Sie trat ganz nahe an Antonie heran. „Leg‘ deine Hand in meine“, sagte sie, „und bete: Jungfrau, mächtig bei Gott, bitte für mich!“ Dann zog sie sich in die Ewigkeit zurück. Mit diesen Worten flößte sie der so umstrittenen Frau aus Wigratzbad eine große Zuversicht ein. Die brauchte sie. Denn die Leiden, die bereits wie eine dunkle Wolke heraufzogen, waren unvorstellbar. Sie sollten sich über sechs Jahre hinziehen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel IV

Geheimnisvolle Reise

 

Frau aus Bregenz

Etwa ein Jahr nach der Einweihung der Stätte betete An­tonie mit einer größeren Volksmenge vor der Grotte. Da er­schien ihr die Gottesmutter lächelnd, mit einem Ausdruck großer Güte und sagte ihr mit einer leichten Handbewegung: „Antonie komm! Nächsten Sonntag will ich dich in Lourdes sehen!“ Erschrocken sträubte sie sich, es sei nicht möglich, sie bekomme keinen Pass, habe keine Devisen, spreche kein Fran­zösisch. Aber Maria blieb hart: „Komm! Auf Wiedersehen in Lourdes.“

Damit begann eine Pilgerfahrt voller Merkwürdigkeiten und geheimnisvoller Zeichen. Ein Jahr zuvor war sie schon einmal in Lourdes gewesen, kurz vor ihrem überstürzten Ab­bruch als Leiterin der Filiale ihres Vaters in Lindau. Damals hatte sie sich einem österreichischen Pilgerzug angeschlossen. Der Anstoß kam von einer Frau Gasser, Gattin eines Ober­lehrers in Bregenz, die schon dreizehnmal in Lourdes gewe­sen war.

In Lourdes eröffnete die Frau ihr etwas, das wiederum zeigt, wie sehr Wigratzbad keineswegs das Werk einer einzelnen Person ist, sondern dass viele Menschen mit einbezogen wa­ren bei der Entstehung eines Heiligtums, das zur Botschaft werden sollte. Die Frau eröffnete ihr, dass Maria ihr geoffen­bart habe, Antonie würde die Gnade erhalten, nach ihrem Tode eine Kapelle zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis zu bauen. Sie selber dürfe mit ihrem Leben einen ersten Beitrag dazu leisten, sie werde bald sterben. Mit dieser Kapelle wür­den reiche Gnaden verbunden sein, vor allem für Bayern, das ihr besonders am Herzen liege. Antonie reagierte skeptisch, der Gesundheitszustand der Frau deutete keineswegs auf ei­nen baldigen Tod hin.

Einen Monat später kam Frau Gasser barfuß von Bregenz nach Lindau, um sich von Antonie zu verabschieden, sprach ihr Mut zu und teilte ihr mit, am kommenden Freitag (es war der Herz-Jesu-Freitag im Juli 1936) dürfe sie ihr Blut vergie­ßen. Sie opfere ihr Leben für Bayern, seine christliche Aufer­stehung und für die Kapelle. „Auf Wiedersehen im Himmel!“ Tief erschüttert verabschiedete sich Antonie von ihr.

Acht Tage später, am vorausgesagten Freitag, klingelte das Telefon. Frau Gasser war tödlich verunglückt. Sie war auf dem Heimweg von der Kirche, wo sie die hl. Kommunion emp­fangen hatte. In der einen Hand hielt sie den Rosenkranz, in der anderen einen Blumentopf. Den wollte sie zur Seekapelle bringen, die der Gottesmutter geweiht war. Beim Überque­ren der Straße kam von der Seite ein Auto. Die Frau wollte ihm ausweichen. In diesem Augenblick raste von der ande­ren Seite ein zweites heran und stieß sie so unglücklich nie­der, dass sie auf der Stelle tot war. Ihr Blut rötete die Straße. Sie war vielen als Mensch bekannt, dessen Leben im Opfer für den anderen bestand.

An diesen Tod wurde Antonie erinnert, als sie jetzt, ein Jahr danach, vor einer schweren Entscheidung stand. Am nächs­ten Tag erhielt sie Besuch von einer Frau aus der Schweiz. Diese hatte Antonie einmal beobachtet, wie sie in Einsiedeln über Stunden einer Menge in und außerhalb der Gnadenka­pelle vorbetete. Ihre innere Glaubenskraft hatte sie so beein­druckt, dass sie ihre Anschrift erbat. Jetzt war sie mit folgen­dem Anliegen zu ihr gekommen.

Sie sollte für eine Schwerkranke eine Pilgerfahrt nach Lour­des machen. Es sei aber für sie unmöglich, deshalb hätte sie sich an Antonie erinnert. Sie wolle sie bitten, an ihrer Stelle die Fahrt anzutreten. Für die Karte nach Lourdes, für eine Rundfahrt und alle anderen Kosten wolle sie aufkommen.

Antonie weihte den Familienrat ein, erzählte von ihrem Er­lebnis in der Grotte. Aber sie stieß auf Ablehnung. Man be­zeichnete sie als Abenteurerin. Beim Mittagessen meinte ihr Bruder Martin jedoch, dass ein holländischer Viehtransport vielleicht die Gelegenheit bieten könnte, in die Schweiz zu kommen. Am Nachmittag stiegen zwei mit Antonie bekannte Damen aus dem Auto. Die Sprache kam auf den Transport. Sie wussten Abhilfe und innerhalb von zwei Stunden war die Sache erledigt. Antonie durfte in die Schweiz. Noch am glei­chen Abend trat sie die Reise an. Die erwähnte Bittstellerin fuhr mit ihr nach Basel, besorgte die Karten durch Frankreich, brachte Antonies Gepäck mit einem Eilzug nach St. Louis, der ersten Station jenseits der Grenze. Antonie aber schickte sie unter Umgehung der Zollstation zu Fuß über Felder und Wie­sen über die grüne Grenze. Zweimal wurde sie angehalten, aber als harmlose Spaziergängerin laufen gelassen. So traf sie rechtzeitig auf dem Bahnhof ein, mit zehn Mark in der Ta­sche, die sie in französische Franken umtauschte. Zehn Minu­ten später setzte sich der Zug in Richtung Paris in Bewegung.

Paris und Lisieux

Und dort ereigneten sich bei ihrer Ankunft Dinge, die zei­gen, was der Himmel im Leben eines Menschen bewirken kann, der bedingungslos aus dem Glauben lebt. Es war Mit­ternacht, als sie in Paris ankam. Der Bahnhof wurde geschlos­sen, verlassen stand sie in der Weltstadt auf der Straße. Sie schaute sich um und ihr Blick fiel auf ein Plakat, das zur Ein­weihung der Basilika der kleinen hl. Theresia von Lisieux ein­lud, verbunden mit dem Eucharistischen Kongress vom 8.­ – 15. Juli. „Da muss ich hin“, ging es Antonie durch den Kopf. Dann wandte sie sich in einem kurzen, lauten Gebet an den hl. Josef: „Hilf du weiter. Jetzt brauche ich erst einmal ein Nachtquartier!“

Da sprach sie ein Mann an, der hinter ihr herkam. Sie ver­riet ihm, dass sie eine Übernachtungsmöglichkeit suche. „Ge­hen Sie geradeaus bis zum Hotel ,London-New York‘ „, sagte der hilfsbereite Unbekannte, „dort finden Sie einen Portier, einen Schweizer, der deutsch spricht.“ Der Mann im Hotel zeigte sich sehr erstaunt. Er sei gerade erst vor fünf Minuten aus dem Bett geholt worden, weil der Kollege erkrankt sei. Woher habe der unbekannte Helfer wissen können, dass er da sei. Das Hotel sei überfüllt, aber er wolle ihr ein Privatquar­tier suchen.

Antonie trat derweil ins Freie. Plötzlich hielt ein Auto vor ihr an. Der Fahrer stieg aus und fragte sie in Deutsch, was sie suche. Sie erklärte, dass sie auf den Portier warte, der ihr ein Quartier besorgen wolle, morgen wolle sie nach Lisieux. Der Mann wies sich als Deutscher aus und schlug vor, sie zum Bahnhof zu fahren und ihr in der Nähe ein Hotel zu besorgen. Antonie zögerte, aber eine innere Stimme riet ihr: „Fahr mit!“ Er fuhr sie dann zum Bahnhof; sie stieg aus und suchte nach ihrem Geldbeutel. Da waren Mann und Auto plötzlich ver­schwunden. Sie konnte kaum darüber nachdenken, da wur­de sie wieder von einem Mann angesprochen. Als dieser von ihrem Anliegen und ihrem Reiseziel erfuhr, brachte er sie in ein nahe gelegenes Hotel. Mehr noch: Er gab dem Kellner ein Trinkgeld, dann wies er ihn an, dafür zu sorgen, dass Anto­nie um 4 Uhr den Zug nach Lisieux erreiche. Das tat dieser auch und gab ihr am frühen Morgen noch jemand mit, der sie bis zum Zug begleitete.

Eine Million Pilger aus aller Welt waren in Lisieux zusam­mengekommen. Rom hatte Kardinal Eugenio Pacelli als seinen Vertreter geschickt, der zwei Jahre später als Papst Pius XII. Nachfolger Petri werden sollte. Aus Deutschland, in dem in jenen Jahren Pläne für eine ganz andere Welt geschmiedet wurden, war sie offensichtlich die einzige Verehrerin der jun­gen, beliebten Heiligen. Darin kam bereits symbolisch zum Ausdruck, wie sehr Gott auf das Verantwortungsbewusstsein und die Opferbereitschaft des einzelnen Menschen setzt, eine der großen Botschaften von Wigratzbad: Einer stellvertretend für viele.

Der erste Gang führte sie in die Basilika, von der erst der untere Teil ausgebaut war. Die ganze Nacht verbrachte sie in stiller Anbetung vor dem Allerheiligsten. Am nächsten Mor­gen suchte sie alle Orte auf, die an das Leben, die Gebete und die Leiden der kleinen Thérèse erinnern. Über ihre inneren Erlebnisse in Lisieux hat Antonie immer geschwiegen.

Gegen Mittag überfiel sie eine große Müdigkeit, sie hatte ja in der Nacht kaum geschlafen. Eine Kellnerin erbarmte sich schließlich ihrer, besorgte ihr eine Ecke, wo sie sich auf einer Bank ausruhen konnte. Nach einer halben Stunde Schlaf fühl­te sie sich erfrischt, als habe sie die ganze Nacht ausgeruht. Insgesamt drei Tage verbrachte sie in Lisieux, die Nächte vor dem ausgesetzten Allerheiligsten.

Bei dieser Menschenmenge entstand bei der Abfahrt ein großes Gedränge. Als sie stürzte, kam ihr ein französischer Priester zu Hilfe und fragte nach ihrem Ziel. Er verstand so viel, dass sie nach Lourdes wollte. Daraufhin nahm er ihre Koffer und begleitete sie bis Paris. Dort angekommen, fuhr er mit ihr in aller Eile auf den Montmartre, um ihr die Sühne­kirche Sacré Coeur zu zeigen, dann zur Rue du Bac, zur Stätte, wo die Unbefleckte Empfängnis 1830 der Katharina Labouré erschienen ist. Es waren nur kurze Besuche, aber sie müssen einen prägenden Eindruck in Antonies Seele hinterlassen haben. Am Ende mussten sie sich beeilen. Der Priester schob den Koffer in den Zug und verschwand. Es war Samstag. Der Zug rollte in Richtung Lourdes. Die Hilfsbereitschaft, die sie in den letzten Tagen erfahren hatte, schrieb sie dem hl. Josef zu, um dessen Hilfe sie am Anfang gebeten hatte.

Lourdes und Ars

In Lourdes traf sie in der Frühe ein. Ihre ersten Schritte führten sie zur Grotte, wo sie der hl. Messe beiwohnen konn­te. Zwei Wochen blieb sie und lebte nur von Brot und Wasser. Die Nächte durchwachte sie an der Grotte, und wenn diese geräumt wurde, betete sie auf dem Berg den Kreuzweg. Um 5 Uhr nahm sie an der ersten hl. Messe teil. Jeden Tag badete sie im kalten Lourdeswasser. Dadurch fiel alle Müdigkeit von ihr ab. Obwohl der berühmte Wallfahrtsort Hauptziel ihrer Reise war, hat sie relativ wenig über ihre Tage dort berichtet. Es waren Tage der Askese, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts zu einem Fremdwort in der Kirche werden sollte. Wohlbefinden ist gefragt, nicht Askese. Aber große Lebenswe­ge führen immer über die Selbstabtötung. Erst wenn der Leib sich dem Geist ganz unterordnet, kann die Mission des Aus­erwählten ausstrahlen und Früchte tragen. Als sie die Heim­reise antreten wollte, hörte sie eine innere Stimme sagen: „Du bist für die Priester gekommen und gehst jetzt zuerst nach Ars!“

Keineswegs begeistert bestieg sie den Zug nach Lyon. Dort angekommen, stand sie hilflos auf dem Bahnsteig. Man ver­wies sie an einen Bahnbeamten, der nahm ihr Gepäck, steu­erte auf einen Zug zu, schob sie und den Koffer hinein und schlug die Türe zu. Bei der Fahrkartenkontrolle gab sie zu ver­stehen, dass sie nach Ars wolle. Man versuchte ihr zu erläutern, dass sie offensichtlich den falschen Zug erwischt habe. Da griff ein Mitreisender ein, der sich auskannte, nannte die Station, an der sie aussteigen musste, dann gab er ihr einen Zettel mit dem Hinweis, wohin sie wolle, und als er hörte, dass sie kein Geld habe, fügte er noch ein Geldstück hinzu. Der Anschlusszug an der genannten Station wartete bereits. Sicher landete sie in Ars.

Das Geld, das sie bei sich hatte, reichte gerade noch für drei Kerzen. Sie gab es dem Küster. Eine Verständigung war nicht möglich, aber er begriff, was Antonie wollte, öffnete den Schrein mit dem unverwesten Körper des heiligen Priesters, so dass sie eine lange Bittschrift unter sein Kopfkissen schie­ben konnte. Dann betete sie lange und innig um heiligmäßige Priester. Schließlich kam sie mit einem kanadischen Geistli­chen ins Gespräch, der sie anschließend nach Lyon begleiten konnte.

Askese und Sühne

Man staunt, wie lückenlos die Reihe der Menschen war, die stets auftauchten, wenn sie Hilfe brauchte. So war es auch in Lyon. Auf der Brust trug sie eine Medaille vom Eucharisti­schen Kongress in Lisieux. Eine Dame bemerkte es und sprach sie an. Auch sie eine Pilgerin zur hl. Thérèse. Sie nahm An­tonie unter den Arm, führte sie ins Restaurant und bezahl­te ihr ein gutes Abendessen. Gestärkt konnte sie den Zug in Richtung Basel besteigen.

Vor der Grenze stieg sie in St. Louis aus. Sie hatte 20 Liter Lourdeswasser bei sich. Damit konnte sie kaum über Wiesen und Felder marschieren. Deshalb versuchte sie den Übergang an der Zollstation. Ohne Pass ein schwieriges Unterfangen.

Zur Rettung wurde für sie das viele Wasser aus Lourdes. Man hielt sie für eine Spinnerin und ließ sie durch, auch auf der Seite der Schweiz.

In Basel steuerte sie auf die Heilig-Geist-Kirche zu, stieß dort während der hl. Messe auf eine Schwester Luise, die sie kannte. Diese nahm sie auf die Krankenstation mit und fragte sie über alles aus. Dabei kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie lud die ermüdete Pilgerin zum Mittagessen ein, zwang sie, sich auszuschlafen, danach schenkte sie ihr das Geld für die Heimfahrt. Daheim wurde sie allerdings mit bitters­ten Vorwürfen empfangen, als Landstreicherin bezeichnet, aber man freute sich doch, sie wieder bei sich zu haben, nach­dem man Todesängste über ihr langes Fortbleiben ausgestan­den hatte.

Worin lag der tiefere Sinn dieser Reise, die scheinbar vol­ler Ungereimtheiten schien, auf der Antonie dennoch wichti­ge Stationen hinter sich gebracht hatte. Es war immerhin eine schwierige Zeit, der blutige Zweite Weltkrieg hing in der Luft, eine verhängnisvolle Ideologie zog immer mehr Massen in ih­ren Bann. Und ausgerechnet in dieser Zeit wird die Frau aus Wigratzbad nach Lisieux geführt. Die kleine Thérèse (1873 – ­1897) steht für die große Bedeutung des Individuums, für den Gedanken der Sühne, des Gebetes für andere. Johannes Paul II. hat sie 1997 zur Kirchenlehrerin erklärt. Eine blutjunge, 24­jährige Frau als Kirchenlehrerin! Nicht das irdisch Große ist es, was zählt, sondern das Kleine, über das Kleine setzt Gott das Neue in Bewegung. Das muss Antonie in Lisieux bewusst geworden sein.

In Paris führt sie ein unbekannter Geistlicher zur Sühne­kirche auf den Montmartre. Dass in Wigratzbad auch einmal ein Sühneheiligtum entstehen würde, davon wagte sie damals sicherlich nicht einmal zu träumen. Aber sie wurde vom Himmel bereits darauf vorbereitet. In der Rue du Bac hat Maria begonnen, in die neuzeitliche Geschichte der Menschen ein­zugreifen, nachdem diese im Begriff waren, einen verhäng­nisvollen Weg einzuschlagen, den Weg der Selbstvergottung. Und Antonie war vom Himmel in dieser Auseinandersetzung mit den Verirrungen der Zeit eine Rolle zugedacht. Die Tage in Lourdes waren Tage der Askese, der härtesten Läuterung. Und in Ars wurde ihr abermals vor Augen geführt, dass es ein unscheinbarer, vollkommen missverstandener und falsch eingeschätzter Priester war, der durch seinen tiefen, vorbehalt­losen Glauben Menschen von weit her anzog und zum Vor­bild für neue Priestergenerationen geworden ist. Das Kleine und Unscheinbare, das sind die Trumpfkarten Gottes.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel I

Sternstunde

 

Ungewöhnliche Begegnung

Es gibt im Leben eines jeden verantwortungsbewussten Journalisten Begegnungen, Ereignisse, die er erlebt, Berichte, die er schreibt, von denen er im Nachhinein sagen kann, dass es für ihn eine Sternstunde war. Persönlich habe ich Gelegen­heit gehabt, Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Minister, Po­litiker aller Couleur, Wissenschaftler und Künstler jedweden Grades zu befragen.

Vier Tage vor dem berüchtigten 11. September 2001 haben sich bei einer Begegnung mit dem US-Armeeminister Thomas White in Fulda die Rollen auf seltsame Weise verkehrt. Ich war nicht, wie für einen Journalisten üblich, Fragender, sondern plötzlich Warnender geworden. Auf rätselhafte Weise konnte ich ihm den Terroranschlag auf Washington und New York ankündigen, die Gruppe benennen und das Land, von dem der Angriff ausgehen würde, und die neuartige Art der Waffe, die zum Einsatz kommen könnte. Meine Frage, ob sein Land darauf vorbereitet sei, beantwortete der Minister positiv und nannte es die asymmetrischen Gefahren. Aber es zeigte sich, die Supermacht Amerika war keineswegs vorbereitet.

Als mich jemand, der bei dem Gespräch dabei war, am 11. September am Vormittag anrief und empfahl, den Fernsehsen­der einzuschalten, war ich selber tief betroffen. Meine Ankün­digung gegenüber der US-Administration war überraschend schnell bittere Wirklichkeit geworden. Für die Weltmacht USA war es ein Schock. Für den Journalisten wurde diese Vorah­nung zu einer Sternstunde.

Mehr als zwanzig Jahre vorher, im September 1977 hatte Dr. Josef Stimpfle, seit 1963 Bischof von Augsburg, einflussreiche Persönlichkeiten zu einem Kongress nach Ottobeuren einge­laden, um der damals sich abzeichnenden Europamüdigkeit zu begegnen. Das weckte meine publizistische Neugier. Keine po­litische Partei, ein Oberhirte war es, der dem Gedanken an die Einheit Europas neue Impulse geben wollte. Deshalb bat ich ihn als leitender politischer Redakteur der „Esslinger Zeitung“ im März 1978 um ein Gespräch, um ihn zu seinen Motiven für diese Initiative zu befragen. Es wurde für den leidenschaftlich engagierten Publizisten eine ganz ungewöhnliche Begegnung, denn aus diesem Pressegespräch entwickelte sich eine per­sönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tode anhielt.

Zu jener Zeit, als in Ottobeuren der Europakongress ab­lief, hatten meine Frau und ich aus Indien gerade unsere erste indische Tochter geholt und waren im Begriff, eine zweite und dritte hinzuzufügen. Wir hatten uns etwas dabei gedacht, als wir uns entschlossen, gerade indischen Mädchen ein Zuhau­se zu geben, Geborgenheit und Liebe, und ihnen ihre Iden­tität zu bewahren, ja zu pflegen.

1964 hatte ich mit einem kleinen Filmteam die Reise Pauls VI. zum Eucharistischen Kongress nach Bombay begleitet, der ersten Reise eines Papstes nach Übersee. Das Team nahm die Gelegenheit wahr, am Rande auch andere Eindrücke zu sam­meln, die ansonsten Kameraleuten kaum zugänglich waren. Dabei waren unserem Wagen eines Tages drei hungernde Kin­der nachgelaufen. Ich konnte ihre Gesichter nie vergessen. Sie verfolgten mich bis in die Träume hinein und wurden drei­zehn Jahre später zum Anstoß, drei Kinder aus diesem Lande zu adoptieren und ihnen ein Familienleben zu schenken.

Diese Haltung berührte den Bischof sehr. Sie bildete eine ge­meinsame Basis, auf der wir uns verstanden. Unseren Haupt­wohnsitz hatten wir in Fulda. Das nahm der Oberhirte wahr, um uns am Rande der Fuldaer Bischofskonferenz jedes Jahr zu besuchen und dabei das Wachstum der Mädchen zu verfolgen. Das tat er sogar noch nach seinem Rückzug in den Ruhestand.

Prophetische Mahnung

In dem umfangreichen Interview, das der Bischof mir sei­nerzeit gab, meinte er zur Situation unseres Kontinentes, die entscheidende Ursache für die gegenwärtige Krise Europas bestehe im Verlust seiner geistig-sittlichen Identität. Zu den Wurzeln des europäischen Selbstverständnisses gehöre vor al­lem der christliche Glaube, der allein eine umfassende, trag­fähige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Welt sowie deren Gestaltung geben könne.

Zu den wichtigsten Diensten, die das Abendland gegen­über der ganzen Welt geleistet habe, gehöre die Einsicht in das Wesen des Menschen, seine ursprünglichen Rechte, seine ihm von Gott geschenkte Freiheit und Verantwortung. Wegen dieser Personalität sei der Mensch „Ursprung, Träger und Ziel des gesellschaftlichen Lebens“. Kurz danach machte der neu gewählte amerikanische Präsident Jimmy Carter (1977-1981) in seiner Außenpolitik die Einhaltung der Menschenrechte zum Maßstab. Ein Hinweis, wie überreif dieses Problem ge­worden war, dem der Bischof von Augsburg einen Kongress gewidmet hatte.

Die Anfälligkeit junger Menschen für kollektive Leitbilder sei größtenteils – so meinte Dr. J. Stimpfle – eine Reaktion auf eine übertriebene Ichbezogenheit. Und diese habe ihre Wurzeln in der neuzeitlichen Forderung nach einer möglichst absoluten Unabhängigkeit für die Person. Dabei würden die Beziehungen zu und die Verantwortung für die Mitmenschen verkümmern.

Das ganze Interview war eine prophetische Mahnung, die sich heute mehr und mehr bestätigt. Es wurde später, zum 25. Bischofsjubiläum Stimpfles, in dem umfangreichen Band „Im Dienst am Evangelium“ übernommen.

In diesem befindet sich auch ein Kapitel zur Krise des Mari­anischen in der Gegenwart. „Die Erwartungen, die das Konzil mit dem marianischen Kapitel in der ,Dogmatischen Konstitu­tion über die Kirche‘ verband“, meinte der Augsburger Bischof, „haben sich nicht in befriedigender Weise erfüllt. Neben der Rücksicht auf das ökumenische Gespräch kamen Tendenzen zum Durchbruch, die nicht durchwegs mit dem katholischen Glaubensgut und einer gesunden Überlieferung in Überein­stimmung stehen, wie etwa die radikale Entmythologisierung des Neuen Testamentes und neuere Theorien über die Erbsün­de und die Auferstehung der Toten. Dabei sind die Glaubens­wahrheiten über Maria mitbetroffen, ja zum Teil restlos in Fra­ge gestellt. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die ge­nannten Tendenzen und Theorien auch die Verehrung der Got­tesmutter in Glaube und Frömmigkeit bedrohen, denn in der sog. ,Zweiten Aufklärung‘ werden heutzutage nicht nur die Ge­lehrtenstuben, sondern mittels der Massenmedien auch das kleinste Dorf und jedes Haus von den Neuerungen erfasst.“

Die Sichtweise zu beiden Themen, einmal zu den christli­chen Wurzeln der Menschenrechte, wie sie zunehmend in der Politik herausgestellt werden und an Bedeutung gewinnen, und zum anderen das Gewicht der Lehre über Maria für den geistigen Fortschritt der Menschheit erklären die innere An­teilnahme Stimpfles an den Ereignissen in Wigratzbad zwi­schen den beiden Weltkriegen und danach. Verständlich, dass die Gespräche mit dem Bischof in unserem Hause sich oft um diese Problematik bewegten, insbesondere nachdem meine Bücher über den prophetischen Aufbruch von Medjugorje er­schienen waren, die er sorgfältig studiert hatte. Gelegentlich erwähnte er dabei Wigratzbad und die dortige Charismati­kerin Antonie Rädler. Er habe darüber auch vor Bischöfen in Rom gesprochen.

Begeistert verfolgte er den Werdegang unserer indischen Töchter, die bemüht waren, ihn jedes Mal zu überraschen. Einmal empfing ihn die jüngste Tochter, von der ältesten, die ein humanistisches Gymnasium besuchte, eingeübt, mit den ersten Versen des Prologs des Johannesevangeliums in Grie­chisch: „En arche en ho logos …“ (Am Anfang war das Wort …). Als sie mit ihren Zeilen zu Ende war, griff er die Stelle auf und führte den Text lückenlos auswendig zu Ende.

Ein anderes Mal rezitierte eine Tochter für ihn das Gedicht des großen Mystikers Johannes vom Kreuz „Das Lied der Lie­be“: „Wohin – Geliebter schwangst du? – Verlassen hab ich Seufzer nur gefunden. – Gleich einem Hirsch entsprangst du – und durftest mich verwunden, ich drang dir nach, ich rief – du bliebst entschwunden.“ Dies alles blieb nicht ohne tie­fen Eindruck auf ihn.

Dringende Bitte

Dennoch war ich überrascht, als er mich einige Monate vor seinem Tode schriftlich dringend bat, mich in besonderer Wei­se der Geschichte und Berufung von Wigratzbad zuzuwen­den und darüber ein Buch zu verfassen. Er glaube, so hieß es, meine literarische Art und die Richtung meines Denkens wür­den mich den Geist der Stätte erfassen lassen. Er lud mich nach Augsburg ein, um den Plan ausführlich zu besprechen. Beim Mittagessen wiederholte er noch einmal dieses sein Her­zensanliegen, dabei begannen ihm die Hände zu zittern, so sehr, dass ich erschrocken meine Hand beruhigend auf sei­nen Arm legen musste.

In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass er ins­geheim befürchtete, ich würde die Dringlichkeit seines Anliegens nicht ganz erfassen, weil ich zu sehr auf die Botschaf­ten von Medjugorje eingeschworen war. Er versprach, mich persönlich zur Gebetsstätte zu begleiten und mich in alles einzuführen. Leider kam es nicht mehr dazu. Vierzehn Tage später erlitt er in der Schweiz einen Schlaganfall und verstarb plötzlich. Erschüttert fragte ich bei seiner Schwester an, ob sie irgendwelche Unterlagen habe, aber in der Trauer um den Tod ihres Bruders ließ sie nichts von sich hören.

Nach vielen Jahren traf ich – scheinbar zufällig – Pfarrer Erich Maria Fink, einen der Herausgeber der Monatsschrift „KIRCHE heute“ und Seelsorger in Russland. Er versuchte mich ebenfalls für Wigratzbad zu interessieren. Dabei kam so ganz nebenbei das Vermächtnis des verstorbenen Bischofs von Augsburg zur Sprache. Von nun an ließ mich das Anliegen nicht mehr los. Der verstorbene, ganz ungewöhnliche Ober­hirte besaß ein feines Gespür für die Bedeutung des Charis­mas in unserer Zeit. Kaum im Amt, versagte er Antonie Rädler, der Begründerin der Stätte, nach eingehender Prüfung sei­ne Unterstützung nicht, was ihm bei der Zurückhaltung, ja Ab­lehnung seiner beiden Vorgänger und eines Teiles der Geist­lichkeit nicht wenig Mut abforderte. Offensichtlich war hier ein großes Charisma einem anderen großen begegnet.

Im Laufe des Jahres 2007 erreichte mich die Einladung von Thomas Maria Rimmel, Direktor der Gebetsstätte, auf dem Rosenkranzkongress 2008 in Wigratzbad ein paar Referate unter dem Titel „Mit Maria gegen die Irrlehren der Zeit“ zu übernehmen. Eine geistige Welt, die mich seit mehreren Jahr­zehnten beschäftigte.

Dem vorausgegangen war, dass bei mir im Jahre 2005 ein verschleppter bösartiger Blutkrebs festgestellt wurde. Die Ärz­te, allen voran Prof. H.G. Höffkes vom Klinikum in Fulda, machten mir gegenüber kein Geheimnis aus dem ernsten Zustand. Mit anderen Worten, ich stand an der Schwelle zur Ewigkeit, was mich, als es mir voll bewusst wurde, mit tiefer Freude erfüllte. Dieser Freude machte einige Wochen später eine Spontanheilung einen Strich durch die Rechnung. Sie ging auf den berühmten Ort Medjugorje in der Herzegowina zurück, den Menschen aus der ganzen Welt aufsuchen, aber auch viele – selbst in der Kirche – unversöhnlich ablehnen. Um meine Gesundung hatten dort Menschen gebetet. Inzwi­schen lag über die Heilung auch das von mir verfasste Buch vor, unter dem Titel „Jenseits des Scheins“.

In Wigratzbad sollte ich meine Gesundung vom Blutkrebs in einem weiteren Licht sehen, einige Tage den Puls dieses vom Gebet geprägten Ortes erleben. Alles seelische und kör­perliche Leid dieser Erde schien hier – wie in Lourdes – zu­sammenzukommen, sich mit den Strömen von Schmerz an­derer Länder zu vereinen. Auch mit der Architektur des Got­teshauses musste man erst vertraut werden, ihren Geist er­gründen, die Dimension ihrer Aussage erfassen.

Tiefster Sinn des Kreuzes

Beklommen betrat ich das Gotteshaus und kniete vor dem Allerheiligsten nieder. Dahinter ein gewaltiges Kreuz, von dem mein Blick sich nicht lösen konnte. Bischof Stimpfle hatte ver­sprochen, an meiner Seite zu sein, wenn ich den Fuß über die Schwelle dieser Kirche setzen sollte. Nun war ich allein, al­lein mit einer mir auferlegten schweren Bürde. Sein Nachfol­ger im Amt, Dr. Walter Mixa, einer der furchtlosen Mahner unter den Oberhirten Deutschlands, hatte mich ermuntert, die Arbeit in Angriff zu nehmen, als er erfuhr, auf wen diese Ini­tiative zurückging. Das konnte ein Gefühl innerer Verlassenheit nicht aufheben. Warum hat dieser große Oberhirte mich allein gelassen bei einer Aufgabe, die ihm so dringend am Her­zen lag? Diese Frage bohrte in mir. Dennoch war mir, als wür­de der verstorbene Bischof mir jetzt über die Schulter schauen und sagen: „Lange haben wir auf dich gewartet, endlich bist du da, aber wir sind mit dir, du bist keineswegs allein“.

Draußen war die Nacht hereingebrochen, es wurde kühl. Drinnen beteten Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Hier und da konnte man sogar ein bekanntes Gesicht erken­nen, von weither gekommen. Jeder einer geheimnisvollen Stimme folgend. Was ich nicht ahnen konnte war, unter wel­chen schmerzdurchtränkten Begleitumständen ich meine Ar­beit durchführen sollte. Die Kirche war dem Gedanken der Sühne gewidmet, das ließ einiges erahnen, auch für mich. Ich wusste es von meinen anderen Büchern her. Sühne, ein unter den sich modern wähnenden Menschen unbeliebt geworde­nes Wort. Sühne, ein Akt, ohne den die Beziehungen zwi­schen Gott und den mit Schuld beladenen Menschen ein aussichtsloses Unterfangen bleiben müssten. Sühne, die es für die Menschheit, vor allem aber für die Kirche Jesu, neu zu entdecken gilt.

Es war eine Frau, auf die dieser Impuls zurückging. Es ist nicht das Große, das Eindrucksvolle, bei dem Gott ansetzt, sondern das Kleine, das Unscheinbare, von nichts anderem geführt als von der Gnade allein. Und diese unscheinbare Frau hat einen der gewaltigsten Gedanken in den Beziehungen zwi­schen Gott und den Menschen aufgegriffen, den Gedanken der Sühne, der im 20. Jahrhundert immer mehr und immer unverhohlener verdrängt und gar verhöhnt wird. Der sühnen­de Gott am Kreuze, Ausdruck unfassbarer Liebe, ist für viele sich selbst anbetende Menschen – und oft auch für Christen – unverständlich, ja geradezu eine Peinlichkeit geworden.

Aber Sühne ist die Wiederherstellung des Gleichgewichtes im Kosmos. Schon im sichtbaren Universum erkennen wir die Bedeutung des Gleichgewichtes, durch das ein gewaltiges Universum nicht im Chaos versinkt, sondern eine wunderbare Ausgewogenheit aufweist, die immer mehr aufrichtige Natur­wissenschaftler in Staunen versetzt. Diesen komplexen, sen­siblen Aufbau des Kosmos hat der Architekt Professor Gott­fried Böhm – bewusst oder unbewusst – in der Struktur des Gotteshauses von Wigratzbad wiedergeben wollen, in der nun schon seit Jahrzehnten Sühne geleistet wird für die gestörte Ordnung in der Welt des Menschen, in der Welt des Geistes.

Vergleichbares gilt für die für uns unsichtbare Welt jenseits der Materie. Luzifer, der Engel des Lichtes, ein großer Intellekt, lehnte sich einst gegen Gott auf, wollte es besser wissen als sein Schöpfer, versagte Ihm mit seinem „Non serviam“, „Ich werde nicht dienen“, die Gefolgschaft. Aber Michael, der Erzengel, stellte sich der Auflehnung entgegen und somit das Gleich­gewicht wieder her. „Keiner kann sein wie Gott!“ schleuderte er dem rebellierenden Engel entgegen und stürzte ihn in den Abgrund der Hölle, das heißt in die ewige Gottferne, ausge­schlossen vom Mitwirken am Heilswillen Gottes gegenüber der Schöpfung, in ewiger Selbstentfremdung von der Liebe.

Papst Benedikt XVI. hat am 12. September 2008 in Paris, auf seinem Weg nach Lourdes, in einer Ansprache einen fein­sinnigen Vergleich unserer Zeit mit den Zuständen im grie­chischen Korinth der Antike zur Zeit des Apostels Paulus ge­wagt, einer Stadt, die von moralischer Verkommenheit und materialistischem Sumpf geprägt war.

Es dürfte daher nicht abwegig sein, den Hochmut, die Selbstsicherheit unserer Zeit mit der großen Auseinanderset­zung unter den größten Geistern vor dem Angesichte Gottes zu vergleichen. Wer Ohren hat zu hören, dem wird in seiner Umgebung oft das „Non serviam“, das „Ich werde nicht die­nen“, das „Ohne mich“ gegenüber Gott, im Ohr klingen, fein und zart oder offen und brutal, zynisch bis zur Unerträglich­keit. Nicht nur bei sehr gebildeten Gehirnen, sondern über­raschenderweise bei ganz einfachen Gemütern.

Antonie Rädler, der jungen, einsamen Frau aus Wigratz­bad, ging es nicht, das schält sich bei eingehendem Studium ihres Lebens heraus, um neue Formen der Frömmigkeit, nicht einmal um Wiederbelebung vergessener Kulte. Sie hatte in­stinktiv, oder von der Gnade her erleuchtet, eine ganzheitliche Sicht der Dinge. Es ging um den Sieg der „demütigen Magd“, Mariens, über alle geistige Unordnung, über alle Häresien, über alle ideologischen Verirrungen der Gegenwart.

Aber im Gegensatz zum säkularen Denken gibt es im über­natürlichen Bereich keinen Sieg ohne Sühne. Das hat Maria bei allen Erscheinungen klargestellt, von der Rue du Bac über Lourdes und Fatima. Siegen im diesseitigen Denken heißt niederringen, in der Mentalität des Jenseits „sich hingeben“, „sich aufopfern“. Darin liegt der tiefste Sinn des Kreuzes, der Sieg des Kreuzes, der Sieg der Liebe.

Noch am Anfang der 70er Jahre glaubte ein hoher Wür­denträger, es handle sich bei der Charismatikerin Antonie um „Befriedigung ungesunder religiöser Bedürfnisse“. Aber reli­giöse Überspanntheit ist leicht daran zu erkennen, dass ein Hysteriker große Opfer scheut. In Wigratzbad haben wir es dagegen mit einem Opfergeist über mehrere Jahrzehnte zu tun, der tief beeindruckt. Wer war dieser Mensch, dieses Mäd­chen, diese Frau, der die Gnade zuteil wurde, ein Gespür für das Wesentliche der Entfremdung des Menschen von Gott in unserer Zeit zu entwickeln? Dem soll in dieser Arbeit nach­gegangen werden.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel II

Unerwünscht

Schlüsselerlebnis

Antonie kam am 15. Dezember 1899 zur Welt, an der Schwelle eines Jahrhunderts, das zu einem blutgetränkten wer­den sollte, ein Jahrhundert des Völkermordes, der Vertreibun­gen, der Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und des Versuchs, die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte um viele Jahrtausende zurückzudrehen.

Sie kam als unerwünschtes Kind zur Welt, genauer gesagt als unerwünschtes Mädchen. Drei Kinder waren den Eltern bereits geschenkt worden, zwei Mädchen und ein Junge. Nun hatte sich Mutter Rädler einen Sohn gewünscht, mit dem sie besondere Vorstellungen verband. Sie hatte darum gebetet, er möge einmal zum Priester berufen werden. Es dauerte lange, bis sie sich damit abgefunden hatte, dass es eine Tochter gewor­den war. Aber gerade das sollte einmal zum Zeichen werden.

Dabei dürfte man annehmen, dass ein tiefreligiöses Ehe­paar, und das waren Andreas (1869-1946) und Maria Rädler (1869-1950), davor bewahrt würden, eigene Wunschvorstel­lungen mit den Dimensionen Gottes zu verwechseln. Auch ganz lautere Seelen sind zuweilen nicht davor gefeit, mehr auf eigene Ideale als auf Gottes Visionen zu setzen. Ihr Bund fürs Leben, den sie am 25. Oktober 1889 schlossen, war auf Rat eines alten, frommen Priesters in Mywiler zustande gekom­men. Er hatte dem Mädchen Maria den jungen Andreas als Mann empfohlen. Gott pflegt manche Lebenswege bis ins De­tail hinein lange vorher zu ebnen und zu lenken.

Der andersgeschlechtliche Elternteil hat einen stark prägen­den, besonderen Einfluss auf das Kind. Das weiß man heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass der Vater von Antonie ein unerschütterliches Gottvertrauen besaß, was ein Ereignis bei der Geburt des sechsten Kindes beleuchtet.

Maria Rädler erkrankte an Kindbettfieber. Ein halbes Jahr quälte sie sich trotz guter Pflege dahin, magerte zum Skelett ab. An einem Samstag hörte dann das Herz plötzlich auf zu schlagen.

Erschrocken stürzte die Krankenschwester in den Metzger­laden, um den Mann zu holen: „Sie ist gestorben, es ist so schnell gegangen!“ Der Mann rannte sofort die Treppe hinauf, aber nicht ans Krankenlager der Frau, sondern in das Schlaf­zimmer des Paares. Dort stand ein Hochzeitsgeschenk der El­tern, eine Lourdesgrotte, vor der sie jeden Abend gebetet ha­ben. Vor dieser warf er sich auf die Knie und begann zu beten. Es war mehr ein Aufschrei zum Himmel als ein Gebet:

„Liebe Mutter Gottes! Hilf! Du hast noch immer geholfen. Du bist allmächtig mit deiner Fürbitte. Wir haben dich immer verehrt. So viele Rosenkränze haben wir gebetet. Das kannst du uns nicht antun, du darfst den Kindern die Mutter nicht nehmen. Du hast ein Kind gehabt. Ich habe sechs. Ruf die Mutter zum Leben zurück! Gib mir ein Zeichen der Erhö­rung. Ich stehe nicht auf, bis du es mir gegeben hast!“

Und da geschah das Unglaubliche. Die Statue in der Grotte erhob ihr Haupt und senkte es zustimmend nieder. Wie immer es gewesen sein mag, noch Jahre danach konnte der nüchter­ne Mann jedenfalls darüber nur unter Tränen berichten.

Erst dann ging er ins Krankenzimmer, ergriff die schon starren Hände der Frau, schüttelte sie zum Entsetzen der Pflegerin und befahl: „Mama, wach auf!“ Alle Kinder standen herum und beobachteten erschüttert, was vor sich ging. Da öffnete die scheinbar oder wirklich Tote die Augen, schaute umher und hauchte: „Hunger!“ Der Ehemann holte eiligst eine Flasche lauwarmer Milch, schob der Frau mit Mühe den Strohhalm zwischen die schon erstarrten Lippen. Sie saugte, trank, trank die Flasche leer.

In diesem Augenblick betrat der Arzt das Haus. Als er hörte, was genau abgelaufen war, meinte er: „So etwas ist nur in Ih­rem Hause möglich!“ Und beide Männer, Arzt und Ehe­mann, sanken weinend vor der Gottesmutter in die Knie.

Antonie war damals drei Jahre jung. Ein sehr aufgeweck­tes, intelligentes Kind. Sie hatte alles verfolgt. Der Vorfall muss in der sensiblen Kinderseele einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das scheinbare Ableben der Mutter, die Reaktion des Vaters, sein fast beispielloses Gott­vertrauen, die rätselhafte Genesung der Mutter blieben als Ur-, als Grunderlebnisse in ihrer Psyche zurück. Ein frühes Schlüsselerlebnis, das seinen Niederschlag im Leben des spä­teren Mädchens, dann der jungen und schließlich der reifen Frau finden sollte.

Das eher schüchterne Kind zeigte einen besonderen Hang zum Gebet. Mit dem Eintritt ins Schulalter verriet es ein auf­fälliges Organisationstalent. Der mühsame Alltag fing für alle Kinder damals mit dem langen Schulweg an, vorher der Be­such der hl. Messe. Antonie wurde bald Klassenbeste, sonnte sich jedoch nicht in dieser Stellung, sondern versuchte Schwä­cheren zu helfen, oft eine Gelegenheit, die ihr dazu diente, an­dere zum gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes einzuladen.

In der vierten Klasse traf sie ein erstes persönliches Un­glück. In der Pause stürzte sie beim Spiel kopfüber aus dem ersten Stock und blieb bewusstlos liegen. Erst nach drei Ta­gen kehrte das Bewusstsein zurück. Der Vorfall bewirkte je­doch, dass das Kind innerlicher und stiller wurde.

Wenig spürbare Liebe erhielt Antonie von der eigenen Mut­ter, im Gegenteil, diese behandelte das Mädchen besonders hart, konnte ihr wohl nicht verzeihen, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen war und nicht als der erwünschte Junge. Als sie eines Tages einen Fleißzettel nach Hause brachte, bemerkte die Mutter missachtend: „Das ist nichts Beson­deres. Das bekommen andere auch.“ Viel Vertrauen ging da­durch bei dem enttäuschten Kind gegenüber der eigenen Mut­ter verloren. Instinktiv wandte es sich einer anderen zu, der Mutter des Herrn, und lud ihre Enttäuschungen bei ihr ab, teilte aber auch alle Freuden mit ihr.

Mit fünfzehn Jahren schickten die Eltern sie in eine Haus­haltsschule der Franziskanerinnen in Bonlanden. Dort wurde die Aufnahme in die Marianische Jungfrauenkongregation für das Mädchen zu einem einschneidenden Erlebnis, es war eine Lebensweihe an Maria: „Ich wurde innerlich von einer solchen Freude und Glückseligkeit erfüllt“, berichtete sie später, „nun Maria zur Mutter zu haben, dass ich den ganzen Tag vor lau­ter Freude weinte.“ Täglich ging sie zur hl. Kommunion.

Nach der Internatszeit kehrte sie ins Elternhaus zurück. Es war mitten im Ersten Weltkrieg, überall galt es zuzupacken, im Hause, im Geschäft, in der Metzgerei, selbst zum Einkauf von Vieh wurde sie herangezogen. Materielle Sorgen drohten Antonie zu vereinnahmen.

„Komm und diene mir!“

1918 schwiegen schließlich die Kanonen, die so viele Men­schenleben gefordert hatten. Niemand ahnte, dass sie nur noch größere Leiden eingeläutet hatten, die den ganzen Erdball überziehen sollten. Zunächst suchte die Spanische Grippe den ganzen Kontinent heim und raffte weitere Millionen Men­schen hinweg. Auch das Haus Rädler blieb davon nicht ver­schont. Antonie pflegte alle mit großer Hingabe, bis auch sie sich ansteckte. Aus dieser Zeit, es war Dezember 1919, be­richtete sie später von einem merkwürdigen Todeserlebnis.

Nach einer Operation an der Brust krampfte sich die Lun­ge zusammen. Das Gehör wurde schwach, das Augenlicht schwand. An einem Nachmittag hatte sie den Eindruck, der Tod betrete das Zimmer, nähere sich ihrem Bett und sage zu ihr: „Geh mit!“ Zwei Schwestern wachten an ihrer Seite und wischten ihr den Todesschweiß von der Stirn.

Spät nach Mitternacht sah sie plötzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vom Erwachen der Vernunft in der Kindheit bis zu diesem Augenblick. Sie sah alles Gute, das sie hat tun dürfen, aber auch alle Sünden, jedes Fehlverhalten. Sie durfte das Leiden Christi sehen, den Schmerz für jeden einzelnen Menschen, für jedes Mitglied des ganzen Menschengeschlech­tes. Das bewegte sie zu einer solch tiefen Reue, dass sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen. Als Trost erkannte sie aber auch alle Akte guten Willens, zu denen sie sich je durchgerungen hatte, und darü­ber empfand sie eine große Freude. Eine glühende Liebe er­fasste sie, ein brennendes Verlangen durchdrang ihre Seele, ganz Jesus zu gehören, ihre Seele ganz in ihn zu versenken. Das Glück über diese Liebe war wie ein Magnet, der sie ganz in das Herz Gottes hineinzog. Sie dachte nur noch daran, Ihn zu besitzen, und wollte nicht mehr in das Leben zurückkeh­ren. In der Frühe wachte sie auf, konnte plötzlich wieder se­hen und hören.

Aber das Leiden blieb. Eine Komplikation folgte der ande­ren: eitrige Hirnhautentzündung, Drüsenschwellungen, Was­sersucht, Lungenentzündung und Nierenblutungen. Die El­tern schleppten sie von einem Spezialisten zum anderen – bis nach Augsburg und München, opferten ein Vermögen. Erst versuchten zwei Ärzte im nahe gelegenen Bregenz ihr zu hel­fen, bis sie resignierten: „Es ist zu spät. Das Mädchen ist verlo­ren.“ Am Ende kam sie nach Wörishofen. Nach drei Monaten erklärte der behandelnde Arzt Dr. Schaller: „Hier ist die ärztli­che Kunst am Ende. Hier gibt es keine Rettung mehr. Ich gebe dem Mädchen im besten Fall noch ein paar Tage.“ Antonie bat die Eltern, sie heim zu nehmen, sie wolle zu Hause sterben. Der Körper war voll Wasser, die Nieren vereitert, Erstickungs­anfälle häuften sich, nur mühsam konnte sie kurze Atemzüge am offenen Fenster machen. Sie ertrug alles mit großer Ge­duld, als Sühne für die Sünden des eignen Lebens und anderer.

Da trat eines Tages eine überraschende Wende ein. Es war gegen Abend. Antonie wandte sich im Gebet an die Gottes­mutter, wohl ein letzter Versuch, eine klärende Antwort von oben zu bekommen: „Liebe himmlische Mutter! Wie freue ich mich, Jesus und dich bald sehen zu dürfen. Wenn du mich aber noch brauchen willst auf Erden, wenn ich hier noch et­was tun kann zu deiner Ehre, so stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Ich werde nicht heiraten. Mein Leben soll einzig Jesus und dir geweiht sein.“

Dieses Gebet verrät – zum Beispiel die Freude auf die bal­dige Anschauung Gottes – bereits mystische Reife. Auf der­selben Linie liegt ihr Angebot der totalen, exklusiven Hingabe an Jesus und seine Mutter. Und die Antwort blieb nicht aus. In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“ Eine wunderbare Kraft durchströmte den ganzen zermarter­ten Körper und heilte ihn. Antonie schlief ein. Es war der erste tiefe Schlaf nach Jahren. Am Morgen stand sie gesund auf und verlangte ihre Arbeitskleider. „Ich bin gesund“, sagte sie. „Gebt mir zu essen, ich habe einen riesigen Hunger.“ Und dann nahm sie ihre Arbeit auf, wie in früheren Jahren.

Die Geburtsstunde einer Gnaden- und Sühnestätte hatte geschlagen, noch von niemandem wahrgenommen, von niemandem erkannt. Es war das Jahr 1923. Der Same wurde in die Seele einer begnadeten jungen Frau gelegt, anders als an­derweitig. Gott wiederholt sich nicht. Die Früchte sollten es eines Tages ans Licht bringen.

Mystische Vermählung

Auf das Versprechen folgten Taten. Sie wollte ihr Wort ein­lösen und begann mit der Gründung einer Mädchenkongre­gation. Der zuständige Ortspfarrer von Wohmbrechts, Josef Basch, willigte gern ein, blieb jedoch skeptisch bezüglich des Erfolges. Er sollte sich geirrt haben.

Antonie begann Mädchen um sich zu sammeln, zunächst Mädchen aus Wangen und Umgebung, die in einem Haus­halt halfen. Ein halbes Dutzend konnte sie zunächst begeis­tern, bald waren es jedoch 70 bis 80. Sie hielt ihnen anregen­de Vorträge. Anfangs beobachtete der Pfarrer sie genau, kam dann zur Überzeugung, dass er sich auf die junge Frau ver­lassen konnte. Der Erfolg ermunterte diese wiederum, eine Kinderkongregation ins Leben zu rufen, eine Gruppe mit jün­geren (zwischen 6 und 13 Jahren) und eine zweite für ältere (13 bis 20 Jahre).

Bedenkt man, was sie alles anstoßen konnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Antonie schon in jenen Jahren eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Jeden Monat führte sie die Gruppen zur hl. Kommunion, betete vor der hl. Messe mit ihnen den Rosenkranz und erreichte, dass jeden Montag früh vor der hl. Messe eine Sühnestunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gehalten wurde. An Sonnta­gen brachen die Gruppen oft zu Wallfahrten auf. Schließlich übertrug der Geistliche ihr sogar die Führung des Frauenbun­des, als die Vorsteherin erkrankte. Eine so rege Aktivität weck­te natürlich – wie immer – auch Neid und gehässigen Wider­spruch bei manchen Menschen in der Gemeinde. Das ist der Preis, den begnadete Seelen zahlen müssen.

In diese Zeit fällt ein mystisches Christuserlebnis, wie es in dieser Art aus dem Leben anderer Mystiker nicht unbekannt ist. In der Stadtpfarrkirche in Wangen nahm sie mit anderen an einem Hochamt teil. Während des Gloria, also am Anfang der hl. Messe, versank die Umwelt um sie herum. Was sie dann erlebte, darüber schwieg sie jahrzehntelang. Als sie es preisgab, hat sie versucht, es mit folgenden Worten wiederzugeben:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötz­lich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und gro­ßer Majestät. Er legte mir die Hand auf das Haupt mit den Worten: ,Sei mein! Ich will dich mir vermählen‘ und küsste mich auf die Stirn. Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige. Tief beschämt versank ich im Abgrund des eigenen Nichts und konnte nur stammeln: ,Nein, das kann ich nicht. Ich bin doch ein Nichts, ein sündiges armes Ding, deiner unwürdig.‘

Da verwandelte sich die Erscheinung in den kreuztragen­den Heiland, der folgende Worte an mich richtete: ,Folge mir!‘ Ich antwortete: ,Auf den Weg des Kreuzes will ich Dir gern folgen, will die Last des Kreuzes Dir tragen helfen.‘ Da­nach trat Stille ein. Ich kam in ein fremdes Land und musste ganz niedrige Dienste leisten, Opfer bringen und Entsagung üben bis zur Erschöpfung. Keine Demütigung blieb mir er­spart. Dann trat abermals Stille ein. Danach kam Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern auf mich zu. Wieder sagte ich ihm: ,Jetzt will ich Dir helfen und Dir folgen.‘ Jesus sah mich mit einem dankbaren Lächeln an.

Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schön­heit vor mir, küsste mich mit den Worten auf die Stirn: ,Sei mein und bleibe mein!‘ Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unüberseh­bare Menschenmenge schloss sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet: ,Heil dem König und der Königin.‘ Wir nahten uns einem Schloss, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströ­mender Freude zu und hieß uns willkommen.

In diesem Augenblick kam ich wieder zu mir. Der amtie­rende Priester gab eben den Schlusssegen. Die hl. Messe war vorbei.“

An die Worte der Offenbarung des Johannes wird man bei diesem Bericht erinnert: „Wer siegt, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich gesiegt und mich zu meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe“ (Offb 3,21). In der Vision werden auch die Enttäuschungen, Demütigungen und Leiden angedeutet, die Antonie zu erwar­ten hatte. Vor allem aber erfüllte sie die junge Frau mit tiefer Freude. Sie nahm die mystische Vermählung sehr ernst, eine glühende Liebe erfasste sie, die jede irdische Beziehung in den Schatten stellte.

Zur Erinnerung an dieses Erlebnis trug sie zuerst einen Ring am Finger mit einem roten Stein, der an der Blutreliquie in Weingarten berührt worden war. Diesen Ring liebte An­tonie sehr, bis die Gottesmutter ihr eines Tages zu verstehen gab: „Leg den Ring weg. Es braucht niemand zu wissen, wem du vermählt bist!“ Daraufhin steckte Antonie den Ring der Gottesmutter in der Grotte im Schlafzimmer der Eltern an den Finger und hat ihn nie mehr getragen. Lange hat sie die­ses Geheimnis für sich behalten. Die Auswirkungen sprachen aber ihre eigene Sprache. In den Jahren und Prüfungen, die auf sie zukamen, zeigte sie eine ungewöhnliche Klarheit des Urteils, Sicherheit und Charakterstärke, Mut und Zuversicht.

Verlockende Angebote

Ihre Treue zu Jesus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ver­lockende Heiratsanträge wurden ihr gemacht. Eine sehr reiche Dame aus Lindau zum Beispiel versuchte alles, sie für ihren Sohn zu gewinnen. Sie bot ihr eine herrliche Villa am Boden­see an, ein großes Vermögen und versprach, ihr alle Wünsche zu erfüllen, wenn sie nur den Sohn heiraten wollte. Ohne ei­nen Augenblick zu zögern, wies Antonie den Antrag lächelnd zurück. „Ich bin schon vergeben“, war ihre Antwort.

Für diese Haltung der Tochter konnte die eigene Mutter kein Verständnis aufbringen. Sie redete auf sie ein und dräng­te, so glänzende Anträge nicht einfach abzuweisen. Aber An­tonie hatte für alle Überredungskünste nur eine Antwort: „Mutter! Ich kann nicht, ich bin schon vermählt.“

Ein neuer Lebensabschnitt begann für Antonie im Jahre 1927. Er sollte sich fast zehn Jahre hinziehen und für die jun­ge Frau zu einem Kreuzweg werden. Der Vater beschloss, in Lindau eine Filiale seiner Metzgerei einzurichten, und über­trug die Leitung seiner Tochter. Das bedeutete auch, dass sie die Betreuung der jungen Frauen in der Gemeinde abgeben musste.

Dafür vertiefte sie ihr Gebets- und Innenleben. Jede Ge­schäftspause nutzte sie dazu, in der Stadtpfarrkirche in Lin­dau vor dem Tabernakel zu beten. Schließlich erfuhr sie, dass sich im nahe gelegenen Schloss Moos, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, über der Familiengruft eine neugotische Kapelle befand. Die Herren von Quadt hatten sie 1882 errichtet. Alle zwei Wochen wurde dort die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste aufbewahrt. Aber die Kapelle blieb die übrige Zeit geschlossen. Antonie erbat sich von der Gräfin, der Schloss­herrin, den Schlüssel, der es ihr ermöglichte, in den kleinen Erker hinaufzusteigen und dort allein zu wachen und zu beten. Erst war es eine halbe Stunde täglich, dann wurden Stunden daraus. In diesen Stunden fühlte sie sich gedrängt, die ver­schiedenen Rosenkränze zusammenzustellen, die später in den Sühnenächten in Wigratzbad viele Male gebetet wurden.

Aber damit nicht genug. Auf dem Wege nach Hause mach­te sie einen Abstecher in die Hauskapelle des Marienheims der Englischen Fräulein. Die verständnisvolle Hausoberin, Mater Maria, überließ Antonie die Schlüssel zur Kapelle, so dass sie jederzeit hinein konnte, ohne jemanden zu stören. In dieser ungeheizten Kapelle verbrachte sie weitere Stunden des Ge­betes, manchmal bis zwei, drei Uhr in der Nacht. Es waren Sühnestunden.

Für die eigentliche Nachtruhe blieben so oft nur drei bis vier Stunden. Dennoch war sie bei der Frühmesse in der Stadtpfarrkirche wieder dabei. Das ist ohne besondere Gna­de, ohne Beistand von oben kaum durchzuhalten. Um diese Gnade, nämlich die der Ausdauer, flehte sie zur Gottesmutter, sie betete für die Frauen und Mädchen, für deren Umkehr, erflehte für sie ein Leben im Sinne Marias.

Ihr vergeistigtes Leben begann auszustrahlen. Immer mehr Frauen fassten Vertrauen zu ihr und suchten mit ihren Sor­gen und Nöten bei ihr Zuflucht. Beim Stadtpfarrer, Prälat Kerler, erreichte sie, dass jeden Abend öffentlich der Rosen­kranz gebetet wurde. Sie selber führte die Frauen an Sonnta­gen betend hinauf zum Gnadenbild der Rosenkranzkönigin von Unterreitnau. Mehrfach unternahm sie den Versuch, in Lindau oder Umgebung eine Lourdesgrotte zu errichten. Der Vorschlag scheiterte am Widerspruch des Pfarrers.

In diesen Jahren lernte Antonie eine sich damals entfalten­de, ganz auf Maria ausgerichtete Bewegung kennen, bei Val­lendar am Rhein ins Leben gerufen von dem charismatischen Priester Josef Kentenich. Sechsmal suchte sie das Kapellchen in Schönstatt auf, um dort an achttägigen Exerzitien teilzu­nehmen. Beim letzten Mal hörte sie während der hl. Messe eine innere Stimme, die ihr sagte: „Von nun an will ich dir einen zweiten Schutzengel als besonderen Beistand und Schutz für das kommende Leben an die Seite stellen, den hl. Erzengel Michael. Rufe ihn oft an und verehre ihn sehr!“

Antonie vertraute sich mit diesem Erlebnis dem Leiter des Kurses an, Pater Michael Kolb, einem reifen Priester, und schloss mit der Bitte, ihr aus dem Städtchen Vallendar einen Strauß weißer Schwertlilien mitzubringen. Sie wollte diese der Gottesmutter schenken. Aber der Pater konnte nur rote auftreiben. Als er ihr die Blumen überreichte, meinte er lä­chelnd, ohne zu ahnen, wie prophetisch seine Worte waren: „Seien Sie künftig auf große Kämpfe in Ihrem Leben gefasst.“ Sie hat den Erzengel zeit ihres Lebens besonders verehrt und ihm am Weg zur großen Kirche ein Denkmal gestiftet. Schönstatt, inzwischen ein weltweit bekanntes Marienheiligtum, stand somit Pate für ein weiteres späteres Heiligtum — in Wi­gratzbad nämlich.

Beschlossener Mord

Einige Jahre vergingen scheinbar gleichförmig. Da gewann ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland immer mehr an Einfluss. In seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er der Kirche den Kampf angesagt. Antonie bekam es bald zu spüren. Eines Tages betraten Parteileute den Metzgerladen, brachten ein Bild des Führers Adolf Hitler mit und verlangten, dass es im Verkaufsraum aufgehängt wird. Das Bild der Gottesmut­ter von Schönstatt sollte ihm weichen. Antonie weigerte sich. „Für Ihr Bild ist in diesem Raum, wie Sie selber sehen, kein Platz mehr. Das Bild der Mutter des Allerhöchsten, das Sie dort sehen, hängt schon seit Jahren dort. Ich werde es unter keinen Umständen entfernen.“

Wusste sie, wen sie da herausgefordert hatte, oder handelte sie auf höheren Impuls? Hitler hatte in seinem Buch keinen Zweifel darüber gelassen, wie er mit dem Christentum umzu­gehen gedachte. Am 30. Januar 1933 erlangte er schließlich die Macht, aus der nach dem Tode des Reichspräsidenten Hin­denburg die absolute wurde. In den ersten Ausgaben seiner Kampfschrift hieß es: „Eine Weltanschauung kann mit einer anderen keinen Kompromiss schließen, denn sie ist totalitär. Mit dem Christentum ist ein infernaler Terror in die Welt ge­kommen, der nur überwunden werden kann durch einen Ter­ror, der noch infernaler ist.“ Die Worte ließen keinen Zwei­fel daran, dass Hitler die totale Vernichtung der Kirche, des Christentums zum Ziele hatte.

Für Antonie muss es ein Schock gewesen sein, wie sich die von ihr gegründeten marianischen Gruppen im Jahre 1932 sang- und klanglos auflösten. Nach einem Auftritt des natio­nalsozialistischen Gruppenleiters liefen Frauen und Mädchen zu den Nazis über und traten dem Bund deutscher Mädchen (BdM) und der Frauenschaft bei. Sie wollten in der modernen, neuen Zeit den anderen Frauen nicht nachstehen.

Das hätte Antonie wankend machen müssen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt, bleibt man am Ende nicht allein auf weiter Flur, der Lächerlichkeit preisgegeben? Sie musste das Schicksal aller Charismatiker teilen, deren Berufung oft in tiefster Vereinsamung auf den Prüfstand kommt.

Die Weigerung, das Bild des Führers in ihrem Verkaufs­raum aufzuhängen, der sich mit „Heil“-Rufen als neuer Hei­land feiern ließ, musste den Zorn seiner blinden Anhänger he­rausfordern. Sie beschlossen, Antonie Rädler umzubringen.

Man wusste um ihre Gebetsstunden in der Nacht. Ein Be­weis, wie sehr sie bereits bespitzelt worden war und dass es hässliche Zuträger gegeben haben muss. Darin witterten sie ei­ne Gelegenheit, mit ihr abzurechnen. In einem kleinen Wäld­chen gegenüber dem Marienheim lauerten sie ihr auf. Als An­tonie gegen 3 Uhr herauskam, versuchten drei Männer sich auf sie zu stürzen. Da geschah das fast Unglaubliche. Mitten in der Nacht tauchte ein junger Radfahrer im Alter von etwa 20 Jah­ren auf, blendete die Männer mit starkem Licht, umkreiste Antonie in großem Bogen und begleitete sie nach Hause. Die drei Männer waren nicht in der Lage, sich ihr zu nähern.

Antonie wurde jetzt klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Aus natürlicher Angst überlegte sie, ob sie die nächtliche An­betung nicht aufgeben sollte. Da glaubte sie, so erzählte sie später, eine Stimme zu hören, die ihr befahl: „Leiste Sühne! Du darfst nicht nachgeben! Du stehst unter dem Schutze Gottes!“ Sie pflegte immer sieben Vaterunser zu Ehren der fünf Wun­den Jesu zu beten. Das gab ihr Kraft. Entgegen ihrer inneren Angst und der offensichtlichen Gefahr suchte sie am nächsten Tag wieder das Marienheim auf, verließ allerdings eine halbe Stunde früher die Kapelle. Kaum hatte sie die Parktüre hin­ter sich geschlossen, sprangen wieder drei Männer auf sie zu. Die Gesichter hatten sie mit einer Zipfelmütze halb verhüllt, wie man es von kriminellen Überfällen her kennt. Da tauch­te der geheimnisvolle Radfahrer wieder auf und blendete die Männer, dann begleitete er Antonie nach Hause.

Aus heutiger Sicht muss man vermerken, dass Fahrradlam­pen damals nur ein ganz schwaches Licht hatten, das kaum die nächsten Meter erhellen konnte. Antonie glaubte, dass dieser Radfahrer ihr Schutzengel gewesen sein muss. Und wieder fällt auf, dass eine geheimnisvolle Stimme, als sie ver­zagen wollte, ihr zuflüsterte: „Leiste Sühne!“ Der Gedanke der Sühne zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, von der frühen Kindheit an.

Einen dritten Versuch unternahmen ihre fanatisierten Geg­ner. Diesmal warteten sie vor ihrem Hause. Zu ihrer Wohnung führte ein Korridor, der auf der anderen Seite in eine Wasch­küche führte und zum See hin endete. Als sie vor dem Hause stand, sprangen zwei verhüllte Männer wieder auf sie zu; sie hatten einen Sack bei sich, den sie offenbar über sie stülpen wollten. Antonie erschrak zu Tode und streckte instinktiv ab­wehrend die Hände aus. Da stolperten diese, fielen zu Boden und konnten nicht sofort aufstehen. Inzwischen gelang es der bedrohten jungen Frau, die Treppen hinaufzuspringen und hinter sich die Türe zu schließen und zu verriegeln.

In ihrem Zimmer schlief eine Verkäuferin. Sie war entsetzt über das Aussehen ihrer Chefin. „Ich bin krank vor Angst“, stammelte diese, „habe Furchtbares erlebt, aber der Herrgott hat mir geholfen.“

Als sie am nächsten Tag von der Frühmesse heimkam, war­tete überraschenderweise ein Bote auf sie. Er überreichte ihr einen Brief vom Vater mit der dringenden Bitte: „Komme so­fort heim, sofort. Ich werde dir ein Auto entgegenschicken. Warte so lange.“ Kurz vor 7 Uhr stand der Wagen schon vor der Türe. Die Filiale wurde umgehend geschlossen, bis zum Mittag alles zusammengeräumt und heimgefahren.

Was war passiert? Die Familie hatte in diesen Zeiten doch noch gute Freunde. Einer von ihnen war ein gewisser Ministerialrat Rauch bei der Regierung in München. Der schick­te in der Nacht mit dem Schnellzug über einen Boten einen Brief mit der dringenden Warnung: „Nimm deine Tochter so­fort von der Filiale in Lindau weg, sonst wird sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein!“ Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass Antonies Tod beschlossene Sache sei. SS-Leute sollten sie über Nacht überfallen, in den See werfen und anschlie­ßend das Gerücht ausstreuen, sie habe in religiösem Wahn Selbstmord begangen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein übermächtiger Staat sich von einer jungen wehrlosen Frau, Mitte dreißig, so he­rausgefordert sehen kann, dass er sie über Mord aus dem Wege schaffen will. Hier stand mehr dahinter: Die spirituelle Aus­strahlung Antonies war zum Ärgernis geworden für Macht­haber, die ein neues, ein tausendjähriges Reich nach eigenen Vorstellungen, ohne Gott, ohne Jenseitsbezug ins Leben rufen wollten. Sie spürten, dass hinter Antonie eine Welt stand, die ihnen im Wege war und der sie den Kampf angesagt hatten. Es verrät etwas von der hemmungslosen Wut der Hölle im­mer dann, wenn Maria in die Geschichte der Menschen ein­zugreifen beginnt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe auch:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

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Kapitel III

Die Grotte – Maria vom Sieg

 

„Beginne mit dem Bau!”

Der Rückzug ins Elternhaus veränderte Antonies Leben nur äußerlich. Der Vater übertrug ihr im Hause und im Ge­schäft, was sie zu leisten vermochte. Das und die Erinnerung an den fluchtartigen Rückzug aus Lindau konnten in ihr nicht eine tiefe Sehnsucht nach Einsamkeit und Gebet auslöschen. Eines Tages trat sie an ihren Vater heran und machte ihm fol­genden Vorschlag:

„Vater, ich muss einen einsamen Ort haben, wo ich unge­stört beten kann. Der Weg in die Pfarrkirche ist zu weit. Du weißt um die Notwendigkeit des Gebetes gerade jetzt. Erlau­be mir, auf unserem Grund eine Lourdesgrotte zu bauen! Es soll unser Dank sein für meine wunderbare Rettung. Ich bin überzeugt, dass jener geheimnisvolle Radfahrer in der Nacht in Lindau mein Schutzengel war.“

Der Vater stimmte zu, aber die Familie äußerte Bedenken. Sie befürchtete, dass Antonie mit diesem Bau erneut ihre Geg­ner auf sich aufmerksam machen würde und ihr Leben da­mit wieder in Gefahr geriete.

Antonie überlegte und wartete einen Monat ab. Das zeigt, dass sie in keiner Weise unbedacht war und einfach sponta­nen Neigungen folgte. Sie vertraute sich ihrem seinerzeitigen Seelenführer an. Es war Georg Weiß (1901-1977), der damali­ge Pfarrverweser von Ratzenried, ein sehr vergeistigter, ganz marianischer Priester. Und es ist bemerkenswert, wie er da­rauf einging. Er unternahm seinerseits eine Wallfahrt nach Altötting, betete, fastete, rutschte auf den Knien, das Buß­kreuz auf den Schultern, um die Gnadenkapelle, bis er über den Vorschlag volle innere Klarheit und Sicherheit gewonnen hatte. Die Antwort, die er für Antonie mitbrachte, als er wie­der daheim war, zeigt ein für Wigratzbad bezeichnendes Phä­nomen. Er sagte zu ihr: „Beginne sofort mit dem Bau, oder ich ziehe mich von deiner Leitung zurück!“ Das war beinahe wie ein Befehl. Es zeigt aber auch, dass der Himmel in Wi­gratzbad keine einsame Einzelgängerin auf einen dornenrei­chen Weg berufen hat. Mehrere Menschen erhielten beinahe unerklärliche Anstöße, ihr zu helfen oder ihr beratend zur Seite zu stehen. Antonie war zwar der menschliche Brenn­punkt, aber daneben tauchten immer wieder Personen auf, denen bei der Entstehung eines noch „fiktiven“ Gnadenortes eine ergänzende Rolle zugefallen war.

Die Antwort, die ihr Georg Weiß gab, muss sie sehr glück­lich gemacht haben. Der Geistliche hat übrigens das Aufblü­hen der Gnadenstätte noch miterlebt. Der Bau wurde sofort in Angriff genommen. Nun aber kamen neue Probleme auf, die es zu lösen galt.

Antonies leiblicher Bruder Martin begann die nötigen Stei­ne aus dem nahe gelegenen Fluss, der Laiblach, zu heben und auf den Bauplatz zu karren. Da ließ ein gewaltiges Unwetter den Fluss anschwellen; er trat über die Ufer, vernichtete die Ernte und riss eine eiserne Brücke hinweg, über den die Stei­ne transportiert wurden.

Dann kam ein weiteres Unglück hinzu. Die sechs Metz­gergehilfen und Stallknechte des Hauses, die ab und zu bei den Bauarbeiten mitgeholfen hatten, streikten. Für eine sol­che Arbeit seien sie nicht angestellt worden. Der Bau einer Grotte sei nicht ihre Sache. Sie verließen am gleichen Tag das Haus, ohne die Kündigungsfrist abzuwarten. Die Familie stand mit der ganzen Arbeit allein da.

Das wahre Motiv der Streikenden war jedoch ein anderes. Es überrascht, wie schnell der eigentlich erst geplante Bau der Grotte bereits Antonies Gegner auf den Plan gerufen hatte. Sie streuten in der ganzen Umgebung ein niederträchtiges Gerücht, das eigentlich ihr moralisches Ende hätte sein können. Sie habe – so hieß es – in Lindau von drei Herren 50 000 Mark für den Bau einer Kapelle bekommen. Das Geld habe sie je­doch vertan oder ins Geschäft gesteckt. Mit dem Bau einer Grotte wolle sie nur ihr Gewissen beruhigen. Außerdem hätte sie sündigen Umgang gehabt – in der Sprache von heute wür­de es heißen, sie hätte sexuelle Beziehungen gehabt, die nicht ohne Folgen geblieben seien. Um das Kind abtreiben zu lassen, sei sie zum Schein auf eine Wallfahrt ins Ausland gegangen. Nun erkühne sie sich, hier ein Heiligtum der Unbefleckten Empfängnis zu errichten.

Zu allem Leid kam hinzu, dass ihr Bruder Martin sich im kühlen Wasser erkältet hatte. Der Arzt stellte eine galoppieren­de Kehlkopfschwindsucht fest. Der Hals schwoll an, er konn­te kein Wort mehr reden, nur etwas Flüssigkeit zu sich neh­men, auch das Augenlicht erlosch. Der Arzt meinte, innerhalb von zwei Wochen könnte der Tod eintreten. Martins Frau er­wartete ihr erstes Kind. Die Trauer im ganzen Hause war groß und Antonie musste als Blitzableiter herhalten. Eigensinnig habe sie den Bau der Grotte erzwingen wollen.

Was lag für Antonie näher, als sich in dieser Situation an je­ne Mutter zu wenden, die ihr vor einem Jahrzehnt gesagt hatte: „Komm und diene mir!“, zu der sie ein so inniges Verhältnis besaß. Im Garten betete sie vor einem Bild der Unbefleckten eine Nacht hindurch auf Kieselsteinen kniend, bis die Knie bluteten. „Ich wollte ja nur deine Ehre fördern“, flehte sie, „ich wollte helfen, Sünder zu bekehren, das Vaterland zu retten.“

Es soll schon 4 Uhr in der Frühe gewesen sein, als sie das Haus wieder betrat. Leise klopfte sie an die Tür des kranken Bruders. Die Schwägerin machte auf und erzählte, Martin hätte sie vor einer halben Stunde gerufen, was er vorher gar nicht konnte. Eine Stunde später verlangte er zu essen und zu trinken. Die Geschwulst hatte sich zurückgebildet. Gegen 7 Uhr war auch das Fieber weg.

„Siehst du, was die Mutter Gottes kann“, meinte Antonie lächelnd zu ihrem Bruder. „Du hast recht“, antwortete dieser. „Wenn ich wieder gesund bin, hole ich noch die letzten Stei­ne aus der Laiblach heraus. Ich fürchte mich nicht.“ Als der Arzt, Dr. Frewitz, aus Bregenz kam, zeigte er sich überrascht und machte dann eine Bemerkung, die in diesen Mauern nicht das erste Mal fallen sollte: „Das ist ein wirkliches Wunder! Das ist nur in diesem Hause möglich.“ Es war der unerschüt­terliche Glaube einer jungen Frau, der das alles bewirkte.

Das Standbild

Das Material zum Bau kam zusammen, und der Steinmetz­meister Thronsberg von Wangen begann mit dem Aufbau. Was noch fehlte, war das entsprechende Standbild der Unbe­fleckten Empfängnis von Lourdes. Die Entdeckung dieses Bil­des für Wigratzbad zeigt das Ineinandergreifen verschiede­ner Lebensschicksale, die auf ein Ziel ausgerichtet waren: die Entstehung einer großen Gebetsstätte.

Am 31. Mai 1936 erhielt Antonie in einer inneren Erfah­rung in der hl. Messe, während der Wandlung, und zwar in der kurzen Pause zwischen den Erhebungen der Hostie und des Kelches, einen Hinweis. Sie hörte die Worte: „1,50 Meter. Hole mich!“ Sie konnte damit zunächst nichts anfangen, gab aber dem Steinmetz den Auftrag, eine entsprechende Nische vorzubereiten.

Eine Woche später schickte der Vater sie in einer geschäft­lichen Angelegenheit mit dem Fahrrad nach Wasserburg. Es war ein unfreundlicher, regnerischer Tag, sie wäre lieber daheim geblieben, aber der Vater drängte. In Wasserburg traf sie die gesuchten Leute nicht an und machte sich auf den Heim­weg. Sie hatte den Ort jedoch noch nicht ganz verlassen, da war ihr, als zupfe sie jemand am Mantel und sage ihr: „Steig ab. Hier hole mich!“

Sie stieg ab und schaute sich um. Es war niemand zu sehen, außer einem Mann, der in einem Wiesengraben arbeitete. Deshalb wollte sie weiterfahren, aber das Fahrrad bremste und war nicht in Gang zu bringen. Da erinnerte sie sich an ihre Zeit in Lindau, als sie dort an den Bau einer Grotte dachte, was ihr eine Frau erzählt hatte. Verwandte in Wasserburg wür­den eine große Statue im Hause haben, die für eine Lourdes­grotte bestimmt sei. Das Standbild würde jedes Jahr bei der Fronleichnamsprozession vor das Haus gestellt werden.

So fragte sie den Mann im Graben, ob hier irgendwo eine große Statue der Madonna stehe. Der Angesprochene konn­te ihr das Haus sofort zeigen. Die Familie hieß Hagen. Man nahm sie freundlich auf und sie konnte ihr Anliegen vorbrin­gen. Als man die Tür zur Kammer öffnete, in der die Statue stand, durchfuhr Antonie ein Schauer. Es war genau das Stand­bild, das ihr während der hl. Messe gezeigt worden war: 1,50 Meter groß! Dann erfuhr sie aus dem Munde des Sohnes die Geschichte der Statue.

Der Vater sei ein sehr frommer Mann gewesen. Mehrfach hätte er Lourdes besucht. Nach der letzten Pilgerreise erzähl­te er daheim, er habe auf geheimnisvolle Weise den Auftrag erhalten, in seiner Heimat eine Marienstätte zu errichten. Der Plan wurde ausgearbeitet. Die Grotte sollte in Naturgröße auf­gebaut werden. Gleichzeitig verfasste er eine Broschüre, 188 Seiten, in der er von zwei seiner Wallfahrten nach Lourdes berichtete und die Vorzüge der Andacht zur Unbefleckten Empfängnis schilderte. Ein Gebets- und Liederteil wurde beigefügt. Der Erlös der Schrift sollte den Bau finanzieren. Hin­zu kam eine Spende von 20 000 Mark von einem protestan­tischen Christen.

300 Fuhren Steine waren schon beisammen, die Behörden hatten bereits die Baugenehmigung erteilt. Da widersetzte sich der damalige Pfarrer von Wasserburg dem Vorhaben, erhob bei den Behörden Einspruch und erreichte, dass die Geneh­migung zurückgezogen wurde. Der vorgesehene Platz wurde später für ein Strandbad verwendet. Vater Hagen starb bald darauf an einem Herzschlag, wahrscheinlich aus Kummer über den gescheiterten Plan.

Vor seinem Tode hatte der Mann bei einem italienischen Künstler eine Marmorstatue der Unbefleckten Empfängnis in Auftrag gegeben. Dieser fertigte aber zunächst ein Modell an, und dieses hat die Familie Hagen als Andenken aufbewahrt und verehrt.

Als Antonie ihre Bitte vortrug, das Standbild zu erwerben, stieß sie auf entschiedenen Widerstand der Familie. Sechs­mal fuhr sie hin, sechsmal unternahm sie den Versuch, die Fa­milie umzustimmen, bot ihr sogar einen kostbaren Brillant­schmuck an. Vergeblich. Daraufhin vertraute sie alles der Got­tesmutter an: „Nun übergebe ich dir die Sache. Wenn du willst, dass diese Statue nach Wigratzbad kommt und hier verehrt wird, dann sorge nun du dafür! Ich habe getan, was in mei­nen Kräften lag.“

Einweihung

Trotz der enttäuschenden Absagen überkam sie plötzlich ein gewaltiges Vertrauen. Sie unternahm etwas, was die Fa­milie als Wahnsinn bezeichnete. Sie ging am Sonntag zum Pfarrer von Wohmbrechts und bat ihn, von der Kanzel zu ver­künden, dass am nächsten Sonntag, am Rosenkranzfest, die Grotte eingeweiht werde. „Entwerfen Sie bitte ein Programm für die Feier!“ bat sie ihn. Und der stimmte seltsamerweise zu. Nicht nur das. Er zeigte sich begeistert: „Das muss feierlich gemacht werden. Ich lade die ganze Gemeinde ein. Die Kom­munionkinder erscheinen in weißen Kleidern. Der Kirchen­chor wird singen. Ich freue mich selbst darauf.“

Im Hauptgottesdienst am Sonntag wurde die Weihe an­gekündigt. Antonies Mutter und die Schwägerin, die in der Kirche anwesend waren, trauten ihren Ohren nicht. Daheim überschütteten sie die Tochter mit heftigsten Vorwürfen: „Du lässt die Weihe verkünden und hast noch keine Statue für die Grotte. Man sagt immer, du spinnst. Nun glauben wir es bald selber.“ Sie sollten schon am nächsten Tag eines Besseren be­lehrt werden.

Am Montagmorgen half Antonie beim Einkochen von Äp­feln. Da klingelte das Telefon und die Schwägerin nahm ab. Sie traute ihren Ohren kaum. Angerufen hatte Frau Hagen, die Besitzerin jenes Standbildes, das Antonie so dringend erbeten hatte: „Holt die Statue sofort ab. Mein verstorbener Mann lässt mir keine Ruhe mehr. Ich kann nicht mehr schlafen. Tag und Nacht drängt er mich ohne Unterlass, ich soll die Statue her­geben. Ich habe genug. Holt sie ab und zwar sofort!“

Noch am gleichen Nachmittag holte Antonie die Mariensta­tue ab. Der Frau übergab sie einen kostbaren Brillantschmuck. Er war dem Vater einmal als Pfand für eine Geldanleihe hin­terlegt und nie eingelöst worden. Er hatte ihn Antonie zum Geschenk gemacht. Jetzt gab sie ihn weiter. Die Madonna war ihr unendlich viel mehr wert.

Daheim wurde das Standbild der Gottesmutter in ein Meer von Blumen gestellt und bis zum Sonntag von der ganzen Fa­milie verehrt. Mit ausgebreiteten Armen haben alle den Ro­senkranz gebetet.

In feierlicher Prozession wurde die Statue am Rosenkranz­sonntag 1936 aus dem Hause der Familie zur Grotte hinaufge­tragen. Den Gesang gestaltete der Kirchenchor von Primiswei­ler, die Festpredigt hielt Pfarrer Bernhard von Maria Thann, die Weihe vollzog Ortspfarrer Basch, und eine große Schar von Menschen war dabei, wie sie Wigratzbad noch nie gesehen hatte. Diese festliche Umrahmung für die Weihe einer Grotte auf privatem Boden muss erstaunen. Hier kündigte sich be­reits Größeres an. Eine Gebetsstätte, die einmal über den gan­zen deutschsprachigen Raum und darüber hinaus über Eu­ropa ausstrahlen sollte, zeichnete sich am Horizont ab.

Es galt nun, sie mit Leben zu füllen. Antonie nahm vor der Statue ihre nächtlichen Anbetungsstunden wieder auf. Wäh­rend eine ganze Nation im politischen Rausch versank – wo­für die Olympiade in Berlin ein Beispiel bot – gelobten eini­ge Mädchen, täglich an dieser Grotte den Rosenkranz zu be­ten. Jeden Samstagabend kam die Gruppe zusammen, oft die Nacht hindurch, bis es Zeit wurde, zur Frühmesse nach Wan­gen zu wandern. Man wollte vor allem die Arbeit der Pries­ter in dieser schweren Zeit unterstützen. Man betete auch in der Hoffnung, dass hier einmal die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste verehrt werde.

Und das Ganze blieb nicht nur Frauensache. Am Sonntag­abend fanden sich Männer ein, um die Nacht hindurch zu be­ten. Unter ihnen war der Landwirt Krug aus Kisslegg, dessen Tochter Maria sich nach dem Zweiten Weltkrieg Antonie an­schloss und in ihre Dienste trat. 25 Jahre hat sie entscheidend am Aufbau der Stätte mitgewirkt.

Erzbischof Josef Stimpfle sagte einmal gegenüber dem Ver­fasser, für ihn sei Wigratzbad ein Beispiel dafür, was das Gebet und das Opfer einiger weniger bewirken könne, wenn dahin­ter der Geist totaler Hingabe an die Sache stehe. Die Entwick­lung um die Grotte ist tatsächlich eine Bestätigung dafür. Immer häufiger erzählten Leute, dass ihre Gebete erhört wurden, andere sprachen von außerordentlichen Gnaden, die sie empfangen hätten. Das machte im Volke die Runde. Im­mer mehr Leute kamen, um vor der Grotte ihr Herz auszu­schütten, erst aus der näheren Umgebung, dann aber auch aus der weiteren. Sehr bald zeigte sich, dass man ein bescheide­nes Dach über der Stätte errichten musste, um die Pilger – das waren sie bereits – vor der Witterung zu schützen.

Es ist wie bei einem Arzt, der ein besonderes Charisma hat, Menschen zu heilen. Das spricht sich wie ein Lauffeuer hrum, auch heute noch. In Wigratzbad war eine geheimnis­volle Kraft am Werke, weit mehr als ein Arzt. Das sollte bald eine weitere Bestätigung finden.

Engelchöre

Es war ein paar Tage nach dem Fest Mariä Empfängnis. Um die Mittagszeit drängte es Antonie zur Grotte und einen schmerzhaften Rosenkranz zu beten. Beim dritten Geheim­nis, „der für uns mit Dornen gekrönt worden ist“, hörte sie auf einmal ein Rauschen, das immer stärker wurde. Es hörte sich an, als käme es von unzähligen Flügelschlägen. Die jun ge Frau schaute zum Standbild, sah aber nichts. Dann hob ein Gesang an, der immer mächtiger wurde und schließlich gewaltig und wuchtig wurde, als würden unzählige himmli­sche Heerscharen um die Grotte versammelt in wundervol­len Akkorden zusammenstimmen. Sie sangen alle: „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Um die fünfzig Mal hörte Antonie die Worte und begann schließlich unwill­kürlich mitzusingen. Wieder schaute sie auf die Statue, aber es hatte sich nichts verändert. Allerdings hatte sie den Ein­druck, als würde Maria lächeln. Dann hob das Singen wieder an, wurde aber allmählich schwächer und verstummte schließ­lich. Antonie kniete auf ihrem Betschemel und wusste nicht, wie ihr war. Sie war wie gebannt. Plötzlich fiel ihr ein, dass man daheim wohl auf sie wartete.

Tatsächlich empfing die Mutter sie mit bitteren Vorwürfen. „Ich war in der Grotte“, antwortete die Tochter, „dort habe ich ein Erlebnis gehabt. Ich war wie gebannt, ich konnte nicht weg.“ Aber wie so oft stieß die Tochter damit bei ihrer eigenen Mutter auf kein Verständnis. „Immer hast du so eigenartige Sachen im Kopf. Du meinst, du wärest etwas Besonderes. Du bist ein dummes Mädchen, hast Grillen im Kopf, sonst nichts.“ Immerhin hatte die Mutter schon einiges mit ihr erlebt, was sie hätte nachdenklich machen müssen. Aber warum soll es Mystikern anders ergehen als ihrem Meister, der in Nazareth lange von Verwandten verkannt und abgelehnt wurde. Anto­nie schwieg, das Beste, was sie tun konnte, ging früh zu Bett, aber ihr Herz zersprang fast vor Freude.

Es ist nicht zu übersehen, dass Antonie bei ihren entschei­denden Erlebnissen instinktiv den Rat mystisch erfahrener Priester gesucht hat. So war es auch in diesem Fall. Ein paar Wochen nach ihrem Erlebnis in der Grotte erfuhr sie von ei­nem sehr vergeistigten Priester. Es war Pfarrer Norbert Feiel, der damals die Gemeinde Eglofs betreute, drei Wegstunden von Wigratzbad entfernt. Er war selber ein von den Nazis Ver­folgter. Eine Zeitlang verbrachte er im Gefängnis, weil er die Gemeinde aufgefordert hatte, nicht mit „Heil Hitler“, sondern weiterhin mit „Grüß Gott“ und „Gelobt sei Jesus Christus“ zu grüßen. Ein ehemaliger Mitarbeiter, B. Dobler, schilderte ihn später als einen Mann mit großem Wissen, als einen unge­wöhnlichen Pädagogen und Menschenkenner. Die hl. Messe hat er stets in tiefer Ergriffenheit gefeiert und eine besonde­re Verehrung für die kleine Theresia von Lisieux gehabt, die, so wird vermutet, ihm auch erschienen sein soll.

Bei diesem nüchternen, aber doch sehr gläubigen Priester suchte Antonie Rat und ein Urteil über ihre innere Erfahrung. Sie sollte nicht enttäuscht werden.

„Ein Teufelsspuk ist es sicher nicht gewesen“, meinte er im Sinne theologischer Logik, „denn dieser wird sich nie mit einer solchen Formulierung anfreunden: Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg. Was Sie erlebten, war eine gottgewollte Be­gegnung. Gott hat sie mit der Gnade verbunden, Engelchöre zu senden, die der gottfernen, sinkenden Welt andeuten, Maria wolle hier als Siegerin über Welt und Teufel thronen, Siege­rin heißen und sein und als solche große Gnaden in und um dieses Heiligtum verknüpfen und den Menschen schenken. Schon im Uranfang, an der Wiege des Menschengeschlechtes, hat der Schöpfer Maria als Siegerin verheißen, die der hölli­schen Schlange den Kopf zertreten werde. Maria will also, um es Ihnen kurz zu sagen, an diesem Ort genannt werden, wie Sie es gehört haben: ,Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg‘.“

Im Anschluss machte er einen Vorschlag, der beinahe ver­messen hätte erscheinen können, der aber aus dem Leben großer, heiligmäßiger Persönlichkeiten nicht unbekannt ist. Damit sie ganz sicher gehe, solle sie die Gottesmutter in die­sem jungen Heiligtum bitten, binnen acht Tagen drei große Gebetserhörungen zu gewähren. Er wolle das als Zeichen von ihr. Sollte es eintreten, möge sie ihm berichten. Wenn sich nichts ereigne, brauchte sie gar nicht erst zu kommen.

Und was geschah? Daheim steuerte sie gleich auf die Grot­te zu. Sie wollte den Auftrag des Priesters an die Gottesmutter sofort weitergeben. Vor der Grotte traf sie auf den ehemaligen Bürgermeister von Wangen, Geray, und seine Frau. Tränen­überströmt erzählten sie, ihr einziger Sohn sei von der Ge­heimen Staatspolizei abgeholt worden. Seit Wochen hätten sie nichts von ihm gehört. Sie wüssten nicht, ob er überhaupt noch lebe oder wo er gefangen gehalten werde. Antonie trös­tete und forderte sie auf, mit ihr den Psalter, also drei Rosen­kränze zu beten. Nach jedem Zehner fügten sie hinzu „Unbe­fleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“

Schon am nächsten Tag fand sich das Paar wieder ein. Das Gebet war umgehend erhört worden. Am Abend sei der Sohn heimgekommen. Er war in einem Stall eingesperrt gewesen und plötzlich freigelassen worden. Man könne nicht genug danken, beteuerten sie.

Antonie erbat eine schriftliche Erklärung über den Vor­gang, die ihr auch gegeben wurde. Außerdem brachte das Paar eine Reliquie mit und hing sie in der Grotte als Votivgeschenk mit der Inschrift auf: „Unser Dank an die Mutter Gottes, weil sie uns so schnell und wunderbar erhört hat!“ Bei dieser Er­hörung sollte es nicht bleiben.

Schon am anderen Tag kam eine Frau Stadelmann von Scheidegg mit zwei Nachbarinnen zu Antonie. Sie waren auf dem Heimweg vom Krankenhaus Hoyren in Lindau. Dort lag ihr Mann im Sterben, Leberkrebs im letzten Stadium. Zwei Ärzte und die Krankenschwester hatten die Ehefrau kom­men lassen, um ihr mitzuteilen, dass der Mann den nächsten Tag wahrscheinlich nicht überleben werde. Die Schmerzen seien unerträglich. Weinend baten die Frauen, Antonie mö­ge doch für ihn beten: „Wir hätten den Vater noch so bitter notwendig.“

„Bei Gott ist nichts unmöglich“, antwortete Antonie und forderte die Frauen ebenfalls auf, sofort mit ihr drei Rosenkränze zu beten, mit dem Einschub „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!“ Noch am gleichen Abend er­reichte Antonie ein Anruf, aus Hoyren sei eine Nachricht ge­kommen, dem Mann würde es besser gehen. Zu der Zeit, da in Wigratzbad gebetet wurde, seien Fieber und Schmerz gewi­chen. Er habe sich erholt und wenn die Besserung anhalte, könnte er am nächsten Tag entlassen werden. Das geschah auch. Zur Überwachung begleitete ihn eine Krankenschwester.

Auch in diesem Fall erbat Antonie eine schriftliche Erklä­rung und legte sie zu den Akten.

Noch in der gleichen Woche rief eine verzweifelte Frau aus Opfenbach an. Die Mutter, eine Frau Milz, liege im Sterben. Sie bat dringend, Antonie möge ihr doch Wasser aus der Si­ckerquelle in Wigratzbad bringen. Sie wolle sofort aufbrechen und Antonie entgegenkommen. Auf halbem Wege trafen sie zusammen. Mit der Flasche eilte die Tochter an das Sterbe­bett der Mutter und reichte ihr das Wasser. Die Kranke trank sie ganz leer. Daraufhin erholte sie sich zusehends und konn­te am nächsten Tag aufstehen. Alle sprachen von einem Wun­der. Das war nun Fall drei.

Bald danach kam eine Frau aus Wigratzbad selber. Rönt­genaufnahmen hätten bei ihrem Mann Magenkrebs im letzten Stadium erkannt. Eine Operation erschien den Ärzten sinnlos. Der Mann war zum Skelett abgemagert. Antonie sollte für ihn beten. Aber die machte es der Bittstellerin nicht zu leicht. „Schicken Sie mir am Samstagabend Ihre beiden Töchter. Wir werden die Nacht hindurch beten.“ Aber das war für die Frau zu viel des Guten. Dazu würden ihre Kinder kaum be­reit sein. Antonie gab nicht nach: „Wenn ich durchhalte, wer­den auch sie durchhalten. Wenn es ernst ist, dann müsst ihr eben beten.“ Und sie beteten, die ganze Nacht hindurch, zur „Unbefleckt empfangenen Mutter vom Sieg“. Am darauf fol­genden Mittag, es war Sonntag, verlangte der todkranke Mann zu essen, aß mit großem Appetit und spürte keine Schmer­zen mehr. Bei der Röntgenaufnahme stellte man eine völlige Heilung fest. Der Mann lebte danach noch 18 Jahre. Antonie hatte eine weitere schriftliche Erklärung in der Hand.

Die Stätte wird groß werden

Mit diesen Dokumenten machte sie sich eine Woche spä­ter auf den Weg nach Eglofs. Pfarrer Norbert Feiel zeigte sich tief betroffen und betete mit Antonie das „Magnificat“. Dann sagte er zu Antonie ein paar Worte, die man heute als pro­phetisch bezeichnen kann:

„Liebes Marienkind! Diese Stätte wird groß werden. Es wird ein Gnadenort erster Güte werden und bleiben. Bleiben Sie de­mütig! Dienen Sie Maria mit noch größerem Eifer! Ich werde bald sterben und den Triumph Mariens über ihre Feinde, die so zahlreich in unserem Lande geworden sind, nicht mehr er­leben. Ich werde aber vom Himmel aus dieses Heiligtum seg­nen. Meine Füße tragen mich nicht mehr hin zu dieser Stätte, wo ich gerne den Boden küssen wollte aus Ehrfurcht vor der göttlichen Heimsuchung, die dort stattfand. Ich werde eine Predigt halten über Maria vom Sieg und diese Ihnen zuschi­cken. Beten Sie den Rosenkranz immer mit großer Andacht. Dann wird Maria bald die engen Wände sprengen.“

Die Predigt hat er tatsächlich am 23. Mai 1937 in Bühl, das zur Pfarrei Eglofs gehört, gehalten. Darin sagte er u.a.: „Im Allgäu ist ein mutiges Mädchen, das zusammen mit Männern und Frauen, jungen Männern und jungen Frauen, stundenlang vor einer Lourdesgrotte den Rosenkranz betet mit der Anru­fung: 0 Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns! Einzig mit dieser Waffe des Gebetes wollen sie die Welt über­winden.“ Mit diesen Worten schloss er auch die Predigt.

Ein hochsensibler Priester war ein großes Wagnis einge­gangen. Er hatte den Himmel herausgefordert und drei Zei­chen erbeten. Das erinnert an Lourdes, wo der zuständige Seelsorger über die Seherin Bernadette ebenfalls einen Beweis haben wollte. Die Madonna sollte im Februar in der Grotte einen Rosenstrauch erblühen lassen. Statt der Rosen bekam er eine Quelle. Maria lässt sich ihr Handeln nicht vorschrei­ben. Der Geistliche in Eglofs war vorsichtiger, er erbat nur Zeichen, die Art überließ er dem Himmel. Und er erhielt in der Tat Beweise für den übernatürlichen Ursprung der Visio­nen von Antonie Rädler, auch für den Wunsch des Himmels, Maria an dieser Stätte als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ zu verehren.

Der Sieg Jesu am Kreuze, das war der Sühnetod. Auch in Wigratzbad spielt der Gedanke an Sühne von Anfang an ei­ne entscheidende Rolle. Maria fordert zur Sühne für die ei­genen und für die Verfehlungen und Verirrungen anderer auf. Sühne für andere. Das ist ihr großer Sieg in einer Zeit, die sich darin überschlägt, sich und die eigene Schuld ständig zu rechtfertigen, Sünde nicht mehr als Sünde zu beteichnen, son­dern als Tugend, als Ausdruck seiner persönlichen Freiheit, Sünde als Freiheit. Diese Freiheit hat den Sünder, einsam ge­macht, einsamer denn je, und muss am Ende seinen geistigen Tod bedeuten. Das ist die große Botschaft von Wigratzbad.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe ferner: