Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt

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EINLEITUNG

1. Erfahren in der Menschlichkeit, ist die Kirche immer an den Belangen von Mann und Frau interessiert. In der letzten Zeit wurde viel über die Würde der Frau, über ihre Rechte und Pflichten in den verschiedenen Bereichen der bürgerlichen und der kirchlichen Gemeinschaft nachgedacht. Die Kirche, die besonders durch die Lehre von Johannes Paul II. zur Vertiefung dieses grundlegenden Themas beigetragen hat,1 wird heute von einigen Denkströmungen herausgefordert, deren Ideen oft nicht mit den genuinen Zielsetzungen der Förderung der Frau übereinstimmen.

Nach einer kurzen Darlegung und kritischen Bewertung verschiedener gegenwärtiger anthropologischer Auffassungen möchte das vorliegende Dokument Überlegungen über einige Voraussetzungen für ein rechtes Verständnis der aktiven Zusammenarbeit von Mann und Frau in der Kirche und in der Welt — bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit — bieten. Diese Überlegungen sind inspiriert von den Lehraussagen der biblischen Anthropologie, die unerlässlich sind, um die Identität der menschlichen Person zu wahren. Sie wollen überdies Ausgangspunkt für einen Weg der Vertiefung innerhalb der Kirche und für den Aufbau eines Dialogs mit allen Männern und Frauen guten Willens sein, in der aufrichtigen Suche nach der Wahrheit und im gemeinsamen Bemühen um die Förderung von immer authentischeren Beziehungen.

 

I.
DAS PROBLEM

2. In den letzten Jahren haben sich in der Auseinandersetzung mit der Frauenfrage neue Tendenzen abgezeichnet. Eine erste Tendenz unterstreicht stark den Zustand der Unterordnung der Frau, um eine Haltung des Protestes hervorzurufen. So macht sich die Frau, um wirklich Frau zu sein, zum Gegner des Mannes. Auf die Missbräuche der Macht antwortet sie mit einer Strategie des Strebens nach Macht. Dieser Prozess führt zu einer Rivalität der Geschlechter, bei der die Identität und die Rolle des einen zum Nachteil des anderen gereichen. Die Folge davon ist eine Verwirrung in der Anthropologie, die Schaden bringt und ihre unmittelbarste und unheilvollste Auswirkung in der Struktur der Familie hat.

Im Sog dieser ersten Tendenz ergibt sich eine zweite. Um jegliche Überlegenheit des einen oder des anderen Geschlechts zu vermeiden, neigt man dazu, ihre Unterschiede zu beseitigen und als bloße Auswirkungen einer historisch-kulturellen Gegebenheit zu betrachten. Bei dieser Einebnung wird die leibliche Verschiedenheit, Geschlecht genannt, auf ein Minimum reduziert, während die streng kulturelle Dimension, Gender genannt, in höchstem Maß herausgestrichen und für vorrangig gehalten wird. Die Verschleierung der Verschiedenheit oder Dualität der Geschlechter bringt gewaltige Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen mit sich. Diese Anthropologie, die Perspektiven für eine Gleichberechtigung der Frau fördern und sie von jedem biologischen Determinismus befreien wollte, inspiriert in Wirklichkeit Ideologien, die zum Beispiel die Infragestellung der Familie, zu der naturgemäß Eltern, also Vater und Mutter, gehören, die Gleichstellung der Homosexualität mit der Heterosexualität sowie ein neues Modell polymorpher Sexualität fördern.

3. Die unmittelbare Wurzel der genannten Tendenz findet sich im Kontext der Frauenfrage. Ihre tiefste Begründung muss aber im Versuch der menschlichen Person nach Befreiung von den eigenen biologischen Gegebenheiten gesucht werden.2 Gemäß dieser anthropologischen Perspektive hätte die menschliche Natur keine Merkmale an sich, die sich ihr in absoluter Weise auferlegen: Jede Person könnte und müsste sich nach eigenem Gutdünken formen, weil sie von jeder Vorausbestimmung auf Grund ihrer Wesenskonstitution frei wäre.

Diese Perspektive hat vielfältige Auswirkungen. Zum einen wird dadurch die Meinung bekräftigt, die Befreiung der Frau bringe eine Kritik an der Heiligen Schrift mit sich, die ein patriarchalisches Verständnis von Gott überliefere, das von einer wesentlich männlichen Kultur genährt sei. Zum anderen ist es gemäß dieser Tendenz unwichtig und bedeutungslos, dass der Sohn Gottes die menschliche Natur als Mann angenommen hat.

4. Angesichts dieser Denkströmungen spricht die Kirche hingegen, erleuchtet vom Glauben an Jesus Christus, von aktiver Zusammenarbeit von Mann und Frau bei ausdrücklicher Anerkennung ihrer Verschiedenheit.

Um die Grundlage, den Sinn und die Auswirkungen dieser Antwort besser zu verstehen, ist es angebracht, wenigstens kurz auf die Heilige Schrift zurückzugreifen, die auch reich ist an menschlicher Weisheit. In ihr wurde diese Antwort Schritt für Schritt dank des Eingreifens Gottes zum Wohl des Menschen offenbart.3

 

II.
DIE GRUNDAUSSAGEN
DER BIBLISCHEN ANTHROPOLOGIE

5. Eine erste Reihe biblischer Texte, die es zu untersuchen gilt, sind die ersten drei Kapitel der Genesis. Sie führen uns »in den Bereich jenes biblischen ”Anfangs“, wo die über den Menschen als ”Abbild und Gleichnis Gottes“ offenbarte Wahrheit die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie darstellt«.4

Der erste Text (Gen 1,1-2,4) beschreibt die Schöpfermacht des Wortes Gottes, die bewirkt, dass im ursprünglichen Chaos das eine vom anderen geschieden wird. So erscheinen Licht und Finsternis, Meer und Land, Tag und Nacht, Pflanzen und Bäume, Fische und Vögel, alle »nach ihrer Art«. Ausgehend von Verschiedenheiten, die zugleich neue Beziehungen verheißen, entsteht eine geordnete Welt. Dies ist der allgemeine Rahmen, in den die Erschaffung des Menschen eingeordnet ist. »Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich… Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,26-27). Der Mensch wird hier als ein Wesen beschrieben, das sich von seinem ersten Anfang an in der Beziehung von Mann und Frau artikuliert. Dieser geschlechtlich differenzierte Mensch wird ausdrücklich »Abbild Gottes« genannt.

6. Der zweite Schöpfungsbericht (Gen 2,4-25) bekräftigt in unzweideutiger Weise die Wichtigkeit der geschlechtlichen Verschiedenheit. Einmal von Gott geformt und in den Garten gesetzt, um ihn zu bebauen, macht jener, der noch mit dem allgemeinen Ausdruck Mensch beschrieben wird, die Erfahrung einer Einsamkeit, die von den anwesenden Tieren nicht ausgefüllt werden kann. Er braucht eine Hilfe, die ihm entspricht. Dieser Ausdruck bezeichnet hier nicht eine untergeordnete Rolle, sondern eine vitale Hilfe.5 Das Ziel besteht darin, es möglich zu machen, dass das Leben des Menschen nicht in einer fruchtlosen und am Ende tödlichen Beschäftigung nur mit sich selbst versinkt. Es ist notwendig, dass er mit einem anderen, auf seiner Ebene lebenden Wesen in Beziehung tritt. Nur die Frau, die aus demselben «Fleisch» geschaffen und von demselben Mysterium umhüllt ist, gibt dem Leben des Mannes eine Zukunft. Die Erschaffung der Frau durch Gott charakterisiert den Menschen auf seinsmäßiger Ebene als Wesen in Beziehung. In dieser Begegnung fällt auch das Wort, das den Mund des Mannes zum ersten Mal in einem Ausdruck des Staunens öffnet: »Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch« (Gen 2,23).

Der Heilige Vater hat mit Bezug auf diesen Text der Genesis geschrieben: »Die Frau ist ein anderes ”Ich“ im gemeinsamen Menschsein. Von Anfang an erscheinen sie [Mann und Frau] als ”Einheit von zweien“, und das bedeutet die Überwindung der ursprünglichen Einsamkeit, in welcher der Mensch ”keine Hilfe fand, die ihm entsprach“ (Gen 2,20). Handelt es sich hier nur um die ”Hilfe“ bei der Arbeit, beim ”Unterwerfen der Erde“ (vgl. Gen 1,28)? Mit Sicherheit handelt es sich um die Lebensgefährtin, mit der sich der Mann als mit seiner Frau verbinden kann, so dass er ”ein Fleisch“ mit ihr wird und deshalb ”Vater und Mutter verlässt“ (vgl. Gen 2,24)«.6

Die vitale Verschiedenheit ist auf die Gemeinschaft ausgerichtet und wird in friedlicher Weise gelebt, wie es im Thema des Nacktseins zum Ausdruck kommt. »Beide, Adam und Eva, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander« (Gen 2,25). Der menschliche Leib, der vom Siegel der Männlichkeit bzw. der Weiblichkeit geprägt ist, »umfasst von ”Anfang“ an auch die Eigenschaft des ”Bräutlichen“, das heißt die Fähigkeit, der Liebe Ausdruck zu geben: jener Liebe, in welcher der Mensch als Person Geschenk wird und — durch dieses Geschenk — den eigentlichen Sinn seines Seins und seiner Existenz verwirklicht«.7 In der weiteren Auslegung dieser Verse der Genesis fährt der Heilige Vater fort: »In dieser seiner Besonderheit ist der Leib Ausdruck des Geistes und dazu gerufen, gerade im Mysterium der Schöpfung in der Gemeinschaft der Personen ”das Ebenbild Gottes“ zu sein«.8

In der gleichen bräutlichen Perspektive versteht man, in welchem Sinn der alte Bericht der Genesis erkennen lässt, wie die Frau in ihrem tiefsten und ursprünglichsten Sein »für den anderen« (vgl. 1 Kor 11,9) da ist. Diese Aussage will in keiner Weise eine Entfremdung heraufbeschwören. Sie bringt vielmehr einen grundlegenden Aspekt der Ähnlichkeit mit der heiligen Dreifaltigkeit zum Ausdruck, deren Personen sich durch das Kommen Christi als Gemeinschaft der gegenseitigen Liebe offenbaren. »In der ”Einheit der zwei“ sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur ”nebeneinander“ oder ”miteinander“, sondern auch einer für den anderen zu leben… Der Text von Gen 2,18-25 weist darauf hin, dass die Ehe die erste und gewissermaßen grundlegende Dimension dieser Berufung ist. Allerdings nicht die einzige. Die gesamte Geschichte des Menschen auf Erden vollzieht sich im Rahmen dieser Berufung. Aufgrund des Prinzips, dass in der interpersonalen ”Gemeinschaft“ einer ”für“ den anderen da ist, entwickelt sich in dieser Geschichte die Integration dessen, was ”männlich“ und was ”weiblich“ ist, in das von Gott gewollte Menschsein«.9

Die friedliche Schau am Ende des zweiten Schöpfungsberichts ist ein Echo jenes »sehr gut«, das im ersten Bericht die Erschaffung des ersten Menschenpaares abgeschlossen hat. Hier ist die Herzmitte des ursprünglichen Planes Gottes und der tiefsten Wahrheit über Mann und Frau, so wie Gott sie gewollt und geschaffen hat. Diese ursprünglichen Verfügungen des Schöpfers, wie sehr sie auch durch die Sünde entstellt und verdunkelt sind, können niemals zunichte gemacht werden.

7. Die Erbsünde verfälscht die Art, in welcher der Mann und die Frau das Wort Gottes aufnehmen und leben, sowie ihre Beziehung zum Schöpfer. Sofort nachdem Gott dem Menschen den Garten anvertraut hat, gibt er ihm ein positives (vgl. Gen 2,16) und dann ein negatives Gebot (vgl. Gen 2,17), in dem implizit die wesentliche Verschiedenheit zwischen Gott und Mensch ausgesagt wird. Verführt durch die Schlange, wird diese Verschiedenheit vom Mann und von der Frau bestritten. Als Folge davon wird auch die Art verzerrt, in der sie ihre geschlechtliche Verschiedenheit leben. Der Bericht der Genesis stellt so eine Beziehung von Ursache und Wirkung zwischen den beiden Verschiedenheiten her: Wenn der Mensch Gott als seinen Feind betrachtet, wird auch die Beziehung von Mann und Frau verdorben. Andererseits droht der Zugang zum Antlitz Gottes gefährdet zu werden, wenn die Beziehung von Mann und Frau entstellt wird.

In den Worten, die Gott nach dem Sündenfall an die Frau richtet, kommt in knapper, aber erschütternder Weise zum Ausdruck, welches Gepräge die Beziehungen zwischen Mann und Frau nun haben werden: »Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen« (Gen 3,16). Häufig wird die Liebe durch die bloße Suche nach dem eigenen Ich entstellt, so dass eine Beziehung entsteht, in der die Liebe missachtet und getötet und durch das Joch der Herrschaft des einen Geschlechts über das andere ersetzt wird. Die Geschichte der Menschheit gibt diese Verhältnisse wieder, in denen sich offen die dreifache Begierde ausdrückt, an die der heilige Johannes erinnert, wenn er von der Begierde des Fleisches, der Begierde der Augen und der Hoffart der Welt spricht (vgl. 1 Joh 2,16). In dieser tragischen Situation gehen jene Gleichheit, Achtung und Liebe verloren, die für die Beziehung von Mann und Frau nach dem ursprünglichen Plan Gottes erforderlich sind.

8. Eine Durchsicht dieser grundlegenden Texte macht es möglich, einige Kernaussagen der biblischen Anthropologie zu bekräftigen.

Vor allem muss der personale Charakter des Menschen unterstrichen werden. »Der Mensch ist eine Person: das gilt in gleichem Maße für den Mann und für die Frau; denn beide sind nach dem Bild und Gleichnis des personhaften Gottes geschaffen«.10 Die gleiche Würde der Personen verwirklicht sich als physische, psychologische und ontologische Komplementarität, die eine auf Beziehung angelegte harmonische »Einheit in der Zweiheit« schafft. Nur die Sünde und die in der Kultur eingeschriebenen »Strukturen der Sünde« haben aus dieser Beziehung eine potentielle Konfliktsituation gemacht. Die biblische Anthropologie legt nahe, die Probleme im Zusammenhang mit der Verschiedenheit des Geschlechts auf öffentlicher und privater Ebene in einer Weise anzugehen, die von der gegenseitigen Beziehung und nicht von Konkurrenz oder Rache ausgeht.

Darüber hinaus ist zu unterstreichen, wie wichtig und sinnvoll die Verschiedenheit der Geschlechter als eine dem Mann und der Frau tief eingeschriebene Wirklichkeit ist. »Die Geschlechtlichkeit kennzeichnet Mann und Frau nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der psychologischen und geistigen Ebene und prägt alle ihre Ausdrucksweisen«.11 Sie kann nicht auf einen unbedeutenden biologischen Aspekt reduziert werden, sondern »ist eine grundlegende Komponente der Persönlichkeit; sie ist eine ihrer Weisen zu sein, sich zu äußern, mit den anderen in Kontakt zu treten und die menschliche Liebe zu empfinden, auszudrücken und zu leben«.12 Diese Fähigkeit zu lieben, Abglanz und Bild Gottes, der die Liebe ist, äußert sich auch im bräutlichen Charakter des Leibes, in dem die Männlichkeit bzw. die Weiblichkeit der Person eingeschrieben ist.

Diese anthropologische Dimension der Geschlechtlichkeit kann nicht von der theologischen Dimension getrennt werden. Das menschliche Geschöpf in seiner Einheit von Seele und Leib ist von Anfang an durch die Beziehung zum anderen gekennzeichnet. Diese Beziehung ist immer gut und zugleich entstellt. Sie ist gut, von einer ursprünglichen Güte, die Gott vom ersten Augenblick der Schöpfung an kundgetan hat. Sie ist aber auch entstellt durch die Disharmonie zwischen Gott und Mensch, die mit der Sünde gekommen ist. Diese Verfälschung entspricht jedoch weder dem anfänglichen Plan Gottes über Mann und Frau noch der Wahrheit der Beziehung zwischen den Geschlechtern. Daraus ergibt sich, dass diese gute, aber verwundete Beziehung der Heilung bedarf.

Welche Wege der Heilung kann es geben? Würden die Probleme im Zusammenhang mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern nur ausgehend von der durch die Sünde geprägten Situation betrachtet und analysiert, fiele das Denken notwendigerweise in die oben erwähnten Irrtümer zurück. Man muss deshalb die Logik der Sünde durchbrechen und einen Weg suchen, der es möglich macht, diese Logik aus dem Herzen des sündigen Menschen zu beseitigen. Einen klaren Hinweis in diesem Sinn enthält die göttliche Verheißung eines Retters, in welche die »Frau« und ihr »Nachwuchs« einbezogen sind (vgl. Gen 3,15). Diese Verheißung kennt vor ihrer Verwirklichung eine lange Vorbereitung in der Geschichte.

9. Ein erster Sieg über das Böse wird in der Geschichte des Noach geschildert, einem gerechten Mann, der von Gott geführt wird und mit seiner Familie und den verschiedenen Tierarten der Sintflut entkommt (vgl. Gen 6-9). Aber vor allem durch die göttliche Erwählung Abrahams und seiner Nachkommen (vgl. Gen 12,1ff.) wird die Hoffnung auf Heil bekräftigt. So beginnt Gott, sein Antlitz zu enthüllen, damit die Menschheit durch das auserwählte Volk den Weg der Ähnlichkeit mit ihm lerne: den Weg der Heiligkeit und damit der Verwandlung des Herzens. Unter den vielen Weisen, in denen sich Gott — gemäß einer langen und geduldigen Pädagogik — seinem Volk offenbart (vgl. Hebr 1,1), findet sich auch der regelmäßig wiederkehrende Hinweis auf das Thema des Bundes von Mann und Frau. Dies ist paradox, wenn man das Drama, an das die Genesis erinnert und das sich zur Zeit der Propheten auf sehr konkrete Weise wiederholt hat, sowie die Vermischung zwischen Sakralem und Sexualität in den Religionen rund um Israel in Betracht zieht. Dieser Symbolismus scheint aber unerlässlich, um die Weise zu verstehen, in der Gott sein Volk liebt: Er gibt sich als Bräutigam zu erkennen, der Israel, seine Braut, liebt.

Wenn Gott in dieser Beziehung als »eifersüchtiger Gott« (vgl. Ex 20,5; Nah 1,2) beschrieben und Israel als »ehebrecherische« Frau oder als »Dirne« (vgl. Hos 2,4-15; Ez 16,15-34) angeklagt wird, hat dies seinen Grund gerade in der durch das Prophetenwort bekräftigten Hoffnung, das neue Jerusalem als die vollkommen gewordene Braut zu sehen: »Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich« (Jes 62,5). Neu geschaffen in »Gerechtigkeit und Recht«, in »Liebe und Erbarmen« (Hos 2,21), wird jene, die sich abgewandt hat, um Leben und Glück bei falschen Göttern zu suchen, zu dem zurückkehren, der zu ihrem Herzen spricht. Sie wird singen »wie in den Tagen ihrer Jugend« (Hos 2,17), und sie wird hören, wie er verkündet: »Dein Schöpfer ist dein Gemahl« (Jes54,5). Hier kommt im Wesentlichen dasselbe zum Ausdruck wie an den Stellen, an denen das Buch Jesaja parallel zum Mysterium des Werkes, das Gott durch die männliche Gestalt des leidenden Knechts vollbringt, die weibliche Gestalt von Zion erwähnt, die geschmückt ist mit einer Transzendenz und Heiligkeit, die das Geschenk des für Israel bestimmten Heils ankündigen.

Im Gebrauch dieser Weise der Offenbarung ist das Hohelied zweifellos von herausragender Bedeutung. In den Worten einer ganz und gar menschlichen Liebe, welche die Schönheit der Leiber und das Glück der gegenseitigen Suche besingt, kommt auch die göttliche Liebe für sein Volk zum Ausdruck. Die Kirche ist deshalb nicht in die Irre gegangen, wenn sie in der kühnen Verbindung des ganz und gar Menschlichen mit dem ganz und gar Göttlichen durch die Verwendung derselben Ausdrücke das Mysterium ihrer Beziehung zu Christus erkannt hat.

Das ganze Alte Testament hindurch nimmt eine Heilsgeschichte Gestalt an, bei der sowohl männliche als auch weibliche Gestalten mitwirken. Die Begriffe von Bräutigam und Braut oder auch von Bund, durch die sich die Dynamik des Heils auszeichnet, haben gewiss eine offenkundig bildliche Dimension, sind aber doch viel mehr als bloße Metaphern. Das hochzeitliche Vokabular berührt nämlich das Wesen der Beziehung, die Gott mit seinem Volk aufbaut, auch wenn diese Beziehung über das hinausgeht, was mit der menschlichen Erfahrung der Hochzeit zum Ausdruck gebracht werden kann. Zugleich sind in der Art, in der etwa die Weissagungen des Jesaja männliche und weibliche Rollen bei der Ankündigung und Verheißung des Heilswerkes durch Gott miteinander verknüpfen, die konkreten Bedingungen der Erlösung im Spiel. Dieses Heil weist den Leser sowohl auf die männliche Gestalt des leidenden Knechts als auch auf die weibliche Gestalt von Zion hin. In den Weissagungen des Jesaja wechseln die Gestalt von Zion und jene des Gottesknechts einander ab, bevor sie am Ende des Buches in der geheimnisvollen Schau der Stadt Jerusalem gipfeln, die ein Volk an einem einzigen Tag gebiert (vgl. Jes 66,7-14): Prophetie der großen Neuheit, die Gott dabei ist zu verwirklichen (vgl. Jes 48,6-8).

10. Im Neuen Testament gehen alle diese Verheißungen in Erfüllung. Auf der einen Seite umfasst und verwandelt Maria, die auserwählte Tochter Zions, als Frau das Brautsein des Volkes Israel, das auf den Tag seines Heils wartet. Auf der anderen Seite kann man im Mannsein des Sohnes erkennen, wie Jesus in seiner Person all das aufnimmt, was der alttestamentliche Symbolismus auf die Liebe Gottes zu seinem Volk angewandt hatte, die als die Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut beschrieben wird. Jesus und Maria, seine Mutter, sichern so nicht nur die Kontinuität des Alten Testaments mit dem Neuen, sondern ragen darüber hinaus, weil mit Jesus Christus »die ganze Neuheit«13 sichtbar wird, wie der heilige Irenäus sagt.

Dieser Aspekt wird besonders durch das Johannesevangelium herausgestrichen. Bei der Hochzeit in Kana zum Beispiel wird Jesus von seiner Mutter — die »Frau« genannt wird — gebeten, für das Zeichen des neuen Weines der zukünftigen Hochzeit mit der Menschheit zu sorgen (vgl. Joh 2,1-12). Diese messianische Hochzeit verwirklicht sich unter dem Kreuz, wo — wieder in Gegenwart der Mutter, die als »Frau« angesprochen wird — aus dem geöffneten Herzen des Gekreuzigten das Blut/der Wein des Neuen Bundes strömt (vgl. Joh19,25-27.34).14 Es ist deshalb nicht überraschend, dass Johannes der Täufer auf die Frage, wer er sei, sich »Freund des Bräutigams« nennt, der sich freut, wenn er die Stimme des Bräutigams hört, und der bei seinem Kommen zurücktreten muss: »Wer die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dabei steht und ihn hört, freut sich über die Stimme des Bräutigams. Diese Freude ist nun für mich Wirklichkeit geworden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden« (Joh 3,29-30).15

In seinem apostolischen Wirken entfaltet Paulus den ganzen hochzeitlichen Sinn der Erlösung, wenn er das christliche Leben als hochzeitliches Mysterium begreift. Er schreibt an die von ihm gegründete Kirche von Korinth: »Ich liebe euch mit der Eifersucht Gottes; ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrau zu Christus zu führen« (2 Kor 11,2).

Im Brief an die Epheser wird die bräutliche Beziehung zwischen Christus und der Kirche aufgegriffen und ausführlich vertieft. Im Neuen Bund ist die geliebte Braut die Kirche. Im Brief an die Familien lehrt der Heilige Vater: »Diese Braut, von der der Epheserbrief spricht, vergegenwärtigt sich in jedem Getauften und ist wie eine Person, die vor dem Blick ihres Bräutigams erscheint: Er hat ”die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben… So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5,25-27)«.16

Bei der Betrachtung der Vereinigung von Mann und Frau, wie sie im Zusammenhang mit der Erschaffung der Welt beschrieben wird (vgl. Gen 2,24), ruft der Apostel aus: »Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche« (Eph 5,32). Die in der Kraft der Taufgnade gelebte Liebe von Mann und Frau wird nun zum Sakrament der Liebe Christi und der Kirche, zum Zeugnis für das Mysterium der Treue und der Einheit, aus dem die »neue Eva« geboren wird und von dem sie auf ihrem irdischen Pilgerweg lebt, während sie auf die Vollendung der ewigen Hochzeit wartet.

11. Die christlichen Eheleute, die in das Paschamysterium eingetaucht und zu lebendigen Zeichen der Liebe Christi und der Kirche gemacht wurden, sind in ihrem Herzen erneuert. Sie können die Beziehungen meiden, die von der Begierde und der Tendenz, den anderen zu beherrschen, geprägt sind, welche der Bruch mit Gott durch die Sünde im ersten Menschenpaar hinterlassen hatte. Die Güte der Liebe, nach der sich das verwundete menschliche Herz immerfort gesehnt hatte, offenbart sich durch sie mit neuen Akzenten und Möglichkeiten. In diesem Licht kann Jesus im Zusammenhang mit der Frage nach der Scheidung (vgl. Mt 19,3-9) an die Forderungen des Bundes zwischen Mann und Frau erinnern, wie Gott sie am Anfang stellte, also vor dem Einbruch der Sünde, der die nachfolgenden Anordnungen des mosaischen Gesetzes gerechtfertigt hatte. Dieses Wort Jesu will in keiner Weise eine starre, unbarmherzige Ordnung auferlegen, sondern ist in Wirklichkeit die Ankündigung einer »frohen Botschaft«, der Botschaft der Treue, die stärker ist als die Sünde. In der Kraft der Auferstehung ist der Sieg der Treue über die Schwächen, die erlittenen Verwundungen und die Sünden des Ehepaares möglich. In der Gnade Christi, der ihr Herz erneuert, werden Mann und Frau fähig, sich von der Sünde zu befreien und die Freude der gegenseitigen Hingabe zu erkennen.

12. »Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt. Es gibt nicht mehr… Mann und Frau«, schreibt der heilige Paulus an die Galater (3,27-28). Der Apostel erklärt hier nicht, dass die Unterscheidung von Mann und Frau hinfällig ist, von der er an anderer Stelle sagt, dass sie zum Plan Gottes gehört. Er will vielmehr sagen, dass in Christus die Rivalität, die Feindschaft und die Gewalt, welche die Beziehung von Mann und Frau entstellt haben, überwunden werden können und überwunden wurden. In diesem Sinn wird die Unterscheidung von Mann und Frau mehr als je zuvor bekräftigt, welche die biblische Offenbarung übrigens bis zum Ende begleitet. In der letzten Stunde der gegenwärtigen Geschichte erscheinen in der Offenbarung des Johannes «ein neuer Himmel« und »eine neue Erde« (Offb 21,1), und es taucht in der Vision die weibliche Gestalt der Stadt Jerusalem auf, »bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat« (Offb 21,2). Die Offenbarung schließt mit dem Wort des Geistes und der Braut, die um das Kommen des Bräutigams beten: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20).

Mannsein und Frausein sind so als ontologisch zur Schöpfung gehörend offenbart und deshalb dazu bestimmt, über die gegenwärtige Zeit hinaus Bestand zu haben, natürlich in einer verwandelten Form. Auf diese Weise charakterisieren sie die Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13,8), wenngleich die zeitliche, irdische Ausdrucksweise der Geschlechtlichkeit in ihrer Hinordnung auf die durch Zeugung und Tod geprägten Lebensbedingungen vergänglich ist. Für diese Form der zukünftigen Verwirklichung des Mann- und Frauseins will die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ein prophetisches Zeichen sein. Jene, die zölibatär leben, nehmen eine Wirklichkeit des Daseins vorweg, die jene eines Mannes bzw. einer Frau bleibt, aber nicht mehr den gegenwärtigen Begrenzungen der ehelichen Beziehung unterworfen sein wird (vgl. Mt 22,30). Für jene, die in der Ehe leben, ist dieser Stand zudem ein Hinweis und ein prophetisches Zeichen für die Vollendung, die ihre Beziehung in der Begegnung mit Gott von Angesicht zu Angesicht finden wird.

Mann und Frau sind von Beginn der Schöpfung an unterschieden und bleiben es in alle Ewigkeit. In das Paschamysterium Christi eingefügt, erfahren sie ihre Verschiedenheit nicht mehr als Ursache von Uneinigkeit, die durch Leugnung oder Einebnung überwunden werden müsste, sondern als Möglichkeit zur Zusammenarbeit, die in der gegenseitigen Achtung der Verschiedenheit zu verwirklichen ist. Von hier aus eröffnen sich neue Perspektiven für ein tieferes Verständnis der Würde der Frau und ihrer Rolle in der menschlichen Gesellschaft und in der Kirche.

 

III.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER GESELLSCHAFT

13. Unter den Grundwerten, die mit dem konkreten Leben der Frau verbunden sind, ist jener zu erwähnen, den man ihre »Fähigkeit für den anderen« genannt hat. Trotz der Tatsache, dass eine gewisse Strömung des Feminismus Ansprüche »für sie selber« einfordert, bewahrt die Frau doch die tiefgründige Intuition, dass das Beste ihres Lebens darin besteht, sich für das Wohl des anderen einzusetzen, für sein Wachstum, für seinen Schutz.

Diese Intuition ist mit ihrer physischen Fähigkeit verbunden, Leben zu schenken. Die gelebte oder potentielle Fähigkeit zur Mutterschaft ist eine Wirklichkeit, die die weibliche Persönlichkeit zutiefst prägt. Sie hilft ihr, sehr schnell Reife, Sinn für die Bedeutung des Lebens und die damit verbundene Verantwortung zu erlangen. Sie entfaltet in ihr den Sinn und die Ehrfurcht gegenüber dem Konkreten, das sich den Abstraktionen entgegenstellt, die für das Leben des Einzelnen und der Gesellschaft oft tödlich sind. Schließlich besitzt die Frau auch in den aussichtslosesten Situationen — Vergangenheit und Gegenwart sind dafür Zeugen — eine einzigartige Fähigkeit, in den Widerwärtigkeiten standzuhalten, in extremen Umständen das Leben noch möglich zu machen, einen festen Sinn für die Zukunft zu bewahren und durch Tränen an den Preis jedes Menschenlebens zu erinnern.

Auch wenn die Mutterschaft eine zentrale Bedeutung für die weibliche Identität hat, ist es aber nicht richtig, die Frau nur unter dem Aspekt der biologischen Fortpflanzung zu sehen. In dieser Hinsicht kann es schwerwiegende Übertreibungen geben, welche die biologische Fruchtbarkeit mit vitalistischen Ausdrücken verherrlichen und oft mit einer gefährlichen Abwertung der Frau verbunden sind. Die christliche Berufung zur Jungfräulichkeit, die gegenüber der alttestamentlichen Tradition und den Ansprüchen vieler menschlicher Gesellschaftssysteme eine echte Herausforderung ist, hat in dieser Hinsicht größte Bedeutung.17 Diese Berufung widerlegt radikal jeden Anspruch, die Frauen in ein bloß biologisches Schicksal einzuschließen. Wie die Jungfräulichkeit durch die leibliche Mutterschaft daran erinnert wird, dass zur christlichen Berufung immer die konkrete Selbsthingabe an den anderen gehört, so wird die leibliche Mutterschaft durch die Jungfräulichkeit an ihre wesentlich geistliche Dimension erinnert: Um dem anderen wirklich das Leben zu schenken, darf man sich nicht mit der physischen Zeugung begnügen. Dies bedeutet, dass es Formen der vollen Verwirklichung der Mutterschaft auch dort geben kann, wo keine physische Zeugung erfolgt.18

In dieser Perspektive wird die unersetzliche Rolle der Frau in allen Bereichen des familiären und gesellschaftlichen Lebens verständlich, bei denen es um die menschlichen Beziehungen und die Sorge um den anderen geht. Hier zeigt sich deutlich, was der Heilige Vater den Genius der Frau genannt hat.19 Dies beinhaltet vor allem, dass die Frauen aktiv und auch fest in der Familie, »der anfänglichen und in gewissem Sinn ”souveränen“ Gesellschaft«,20gegenwärtig sein sollen. Besonders hier wird nämlich das Antlitz eines Volkes geformt, hier eignen sich seine Glieder die grundlegenden Kenntnisse an. Sie lernen lieben, weil sie selber umsonst geliebt werden; sie lernen jede andere Person achten, weil sie selber geachtet werden; sie lernen das Antlitz Gottes kennen, weil sie dessen erste Offenbarung von einem Vater und einer Mutter erhalten, die ihnen ihre ganze Zuwendung schenken. Jedes Mal, wenn diese Grunderfahrungen fehlen, wird der ganzen Gesellschaft Gewalt angetan und bringt die Gesellschaft dann ihrerseits vielfältige Formen der Gewalt hervor. Dies beinhaltet darüber hinaus, dass die Frauen in der Welt der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gegenwärtig sein und zu verantwortungsvollen Stellen Zugang haben sollen, die ihnen die Möglichkeit bieten, die Politik der Völker zu inspirieren und neue Lösungen für die wirtschaftlichen und sozialen Probleme anzuregen.

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die Überschneidung von zwei Tätigkeiten — Familie und Arbeit — bei der Frau andere Merkmale annimmt als beim Mann. Deshalb stellt sich die Aufgabe, die Gesetzgebung und die Organisation der Arbeit mit den Anforderungen der Sendung der Frau innerhalb der Familie zu harmonisieren. Hier geht es nicht nur um eine rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische Frage, sondern vor allem um eine Frage der Mentalität, der Kultur und der Ach- tung. Erforderlich ist eine gerechte Wertschätzung der Arbeit, welche die Frau in der Familie leistet. So könnten die Frauen, die es freiwillig wünschen, ihre ganze Zeit der häuslichen Arbeit widmen, ohne sozial gebrandmarkt und wirtschaftlich bestraft zu werden. Jene hingegen, die auch andere Tätigkeiten verrichten möchten, könnten dies in einem angepassten Arbeitsrhythmus tun, ohne vor die Alternative gestellt zu werden, ihr Familienleben aufzugeben oder einer ständigen Stresssituation ausgesetzt zu sein, die weder dem persönlichen Gleichgewicht noch der Harmonie in der Familie förderlich ist. Johannes Paul II. hat darüber geschrieben: »Es wird einer Gesellschaft zur Ehre gereichen, wenn sie es der Mutter ermöglicht, sich ohne Behinderung ihrer freien Entscheidung, ohne psychologische oder praktische Diskriminierung und ohne Benachteiligung gegenüber ihren Kolleginnen der Pflege und Erziehung ihrer Kinder je nach den verschiedenen Bedürfnissen ihres Alters zu widmen«.21

14. Es ist jedoch angebracht, daran zu erinnern, dass die eben erwähnten fraulichen Werte vor allem menschliche Werte sind: Die menschliche Verfassung, sowohl des Mannes als auch der Frau, die als Abbild Gottes erschaffen wurden, ist nämlich eine und unteilbar. Nur weil die Frauen spontaner mit den genannten Werten übereinstimmen, können sie ein Aufruf und ein bevorzugtes Zeichen für diese Werte sein. Letztlich ist aber jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dazu bestimmt, »für den anderen« da zu sein. In dieser Perspektive ist das, was man »Fraulichkeit« nennt, mehr als ein bloßes Attribut des weiblichen Geschlechts. Der Ausdruck beschreibt nämlich die grundlegende Fähigkeit des Menschen, für den anderen und dank des anderen zu leben.

Deshalb muss die Förderung der Frau innerhalb der Gesellschaft als eine Vermenschlichung verstanden und gewollt werden, welche durch die dank der Frauen neu entdeckten Werte Wirklichkeit wird. Jede Perspektive, die sich als Kampf der Geschlechter ausgeben möchte, ist nur Illusion und Gefahr: Sie würde in Situationen der Abkapselung und der Rivalität zwischen Männern und Frauen enden und eine Ichbezogenheit fördern, die von einem falschen Freiheitsverständnis genährt wird.

Unbeschadet der Bemühungen zur Förderung der Rechte, welche die Frauen in der Gesellschaft und in der Familie anstreben, wollen diese Anmerkungen eine Perspektive korrigieren, in der die Männer als Feinde betrachtet werden, die zu besiegen wären. Die Beziehung zwischen Mann und Frau kann ihre gerechte Ordnung nicht in einer Art misstrauischer, defensiver Gegnerschaft finden. Es ist notwendig, dass diese Beziehung im Frieden und im Glück der ungeteilten Liebe gelebt wird.

Auf einer mehr konkreten Ebene müssen die sozialpolitischen Maßnahmen — bezüglich der Erziehung, der Familie, der Arbeit, dem Zugang zu Dienstleistungen, der Mitwirkung am bürgerlichen Leben — auf der einen Seite jegliche ungerechte geschlechtliche Diskriminierung bekämpfen und auf der anderen Seite die Bestrebungen und Bedürfnisse eines jeden wahrzunehmen und zu erkennen wissen. Die Verteidigung und die Förderung der gleichen Würde und der gemeinsamen persönlichen Werte müssen mit der sorgsamen Anerkennung der gegenseitigen Verschiedenheit harmonisiert werden, wo dies von der Verwirklichung des eigenen Mann- oder Frauseins gefordert wird.

 

IV.
DIE AKTUALITÄT
DER FRAULICHEN WERTE
IM LEBEN DER KIRCHE

15. Was die Kirche betrifft, ist das Zeichen der Frau mehr denn je zentral und fruchtbar. Dies hängt mit der Identität zusammen, welche die Kirche von Gott erhalten und im Glauben angenommen hat. Diese »mystische«, grundlegende, seinshafte Identität muss man beim Nachdenken über die entsprechenden Rollen des Mannes und der Frau in der Kirche gegenwärtig halten.

Seit den ersten christlichen Generationen betrachtet sich die Kirche als Gemeinschaft, die von Christus gezeugt wurde und durch eine Beziehung der Liebe an ihn gebunden bleibt, deren vorzüglichster Ausdruck die hochzeitliche Erfahrung ist. Daraus ergibt sich, dass die erste Aufgabe der Kirche darin besteht, in der Gegenwart dieses Mysteriums der Liebe Gottes zu bleiben, das in Jesus Christus offenbar wurde, es zu betrachten und zu feiern. In dieser Hinsicht ist Maria in der Kirche der grundlegende Bezugspunkt. Man könnte mit einer Metapher sagen, dass Maria der Kirche den Spiegel reicht, in dem sie ihre eigene Identität erkennen soll, aber auch die Einstellungen des Herzens, die Haltungen und die Taten, die Gott von ihr erwartet.

Marias Dasein ist für die Kirche eine Einladung, ihr Sein im Hören und Aufnehmen des Wortes Gottes zu verankern. Der Glaube ist nämlich nicht so sehr die Suche des Menschen nach Gott, sondern vielmehr die Anerkennung des Menschen, dass Gott zu ihm kommt, ihn heimsucht und zu ihm spricht. Dieser Glaube, gemäß dem »für Gott nichts unmöglich ist« (vgl. Gen 18,14; Lk 1,37), lebt und wächst im demütigen, liebenden Gehorsam, mit dem die Kirche zum Vater sagen kann: »Mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38). Der Glaube weist immerfort auf Jesus hin: »Was er euch sagt, das tut!« (Joh 2,5). Der Glaube geht mit Jesus den Weg bis unter das Kreuz. In der Stunde der tiefsten Finsternis harrt Maria mutig und getreu aus, weil sie mit einzigartiger Gewissheit auf das Wort Gottes vertraut.

Von Maria lernt die Kirche die Vertrautheit mit Christus. Maria, die das kleine Kind von Betlehem in ihren Händen getragen hat, lehrt die unendliche Demut Gottes erkennen. Sie, die den gemarterten, vom Kreuz abgenommenen Leib Jesu in ihre Arme genommen hat, zeigt der Kirche, wie sie sich aller Menschen annehmen soll, die in dieser Welt durch Gewalt und Sünde entstellt sind. Von Maria lernt die Kirche die Bedeutung der Macht der Liebe, wie Gott sie im Leben seines vielgeliebten Sohnes zeigt und offenbart: »Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind… und erhöht die Niedrigen« (Lk 1,51-52). Von Maria empfangen die Jünger Christi den Sinn und den Geschmack für den Lobpreis vor dem Werk der Hände Gottes: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk1,49). Sie lernen, dass sie in der Welt sind, um das Andenken an diese »Großtaten« zu bewahren und den Tag des Herrn wachsam zu erwarten.

16. Auf Maria schauen und sie nachahmen, bedeutet aber nicht, die Kirche einer Passivität preiszugeben, die von einer überwundenen Auffassung der Weiblichkeit inspiriert ist, und sie einer Verwundbarkeit auszusetzen, die gefährlich ist in einer Welt, in der vor allem die Herrschaft und die Macht zählen. Der Weg Christi ist nämlich weder der Weg der Herrschaft (vgl. Phil 2,6) noch der Weg der Macht im weltlichen Sinn (vgl. Joh 18,36). Vom Sohn Gottes kann man lernen, dass diese »Passivität« in Wirklichkeit der Weg der Liebe ist, dass sie eine königliche Macht darstellt, die jede Gewalt besiegt, dass sie »Passion« ist, welche die Welt von Sünde und Tod erlöst und die Menschheit neu schafft. Der Gekreuzigte, der den Apostel Johannes seiner Mutter anvertraut, lädt seine Kirche ein, von Maria das Geheimnis jener Liebe zu lernen, die triumphiert.

Der Hinweis auf Maria und ihre Haltungen des Hörens, des Aufnehmens, der Demut, der Treue, des Lobpreises und der Erwartung verleiht der Kirche in keiner Weise eine Identität, die in einem zufälligen Modell der Weiblichkeit gründet, sondern stellt sie in die Kontinuität mit der geistlichen Geschichte Israels. In Jesus und durch Jesus werden diese Haltungen zur Berufung eines jeden Getauften. Unabhängig von den Verhältnissen, den Lebensständen, den verschiedenen Berufungen — mit oder ohne öffentliche Verantwortung — machen die genannten Haltungen einen wesentlichen Aspekt der Identität des christlichen Lebens aus. Auch wenn es sich dabei um Einstellungen handelt, die jeden Getauften prägen sollten, zeichnet sich die Frau dadurch aus, dass sie diese Haltungen mit besonderer Intensität und Natürlichkeit lebt. So erfüllen die Frauen eine Rolle von größter Wichtigkeit im kirchlichen Leben. Sie rufen allen Getauften diese Haltungen in Erinnerung und tragen auf einzigartige Weise dazu bei, das wahre Antlitz der Kirche, der Braut Christi und der Mutter der Gläubigen, zu offenbaren.

In dieser Perspektive wird auch verständlich, wie die Tatsache, dass die Priesterweihe ausschließlich Männern vorbehalten ist,22 die Frauen in keiner Weise daran hindert, zur Herzmitte des christlichen Lebens zu gelangen. Die Frauen sind berufen, unersetzliche Vorbilder und Zeugen dafür zu sein, wie die Kirche als Braut mit Liebe auf die Liebe des Bräutigams antworten muss.

 

SCHLUSS

17. In Jesus Christus ist alles neu gemacht worden (vgl. Offb 21,5). Es gibt aber keine Erneuerung in der Gnade ohne die Bekehrung der Herzen. Im Blick auf Jesus und im Bekenntnis, dass er der Herr ist, geht es darum, den Weg der Liebe zu erkennen, der die Sünde besiegt und den er seinen Jüngern weist.

So wird die Beziehung des Mannes zur Frau umgestaltet und die dreifache Begierde, von der der erste Johannesbrief spricht (vgl. 1 Joh 2,16), hat nicht mehr die Oberhand. Man muss das Zeugnis annehmen, das vom Leben der Frauen ausgeht und Werte offenbart, ohne die sich die Menschheit in Selbstgenügsamkeit, in Machtträumen und im Drama der Gewalt einsperren würde. Auch die Frau muss sich bekehren lassen und die einzigartigen, in der Liebe zum anderen so wirksamen Werte anerkennen, deren Trägerin sie als Frau ist. In beiden Fällen handelt es sich um die Bekehrung des Menschen zu Gott, so dass sowohl der Mann als auch die Frau Gott in Wahrheit anerkennen als ihre »Hilfe«, als Schöpfer, der voll Erbarmen ist, als Erlöser, der »die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh 3,16).

Eine solche Bekehrung kann es nicht ohne demütiges Gebet geben, um von Gott jenen klaren Blick zu erhalten, der sowohl die eigene Sünde als auch die heilende Gnade erkennt. In besonderer Weise muss man die Jungfrau Maria anrufen, die Frau nach dem Herzen Gottes, »gesegnet mehr als alle anderen Frauen« (vgl. Lk 1,42) und dazu auserwählt, den Menschen, Männern und Frauen, den Weg der Liebe zu offenbaren. Nur so kann in jedem Mann und in jeder Frau, nach der je eigenen Gnade, das »Abbild Gottes« sichtbar werden, jenes heilige Bild, mit dem sie ausgezeichnet sind (vgl. Gen 1,27). Nur so kann die Straße des Friedens und des Staunens wiedergefunden werden, welche die biblische Tradition in den Versen des Hohenliedes bezeugt, in denen die Leiber und die Herzen in denselben Jubel ausbrechen.

Die Kirche weiß um die Macht der Sünde, die in den Einzelnen und in den Gesellschaftssystemen am Werk ist und manchmal dazu führen könnte, die Hoffnung auf das Gutsein von Mann und Frau zu verlieren. Aber auf Grund ihres Glaubens an den gekreuzigten und auferstandenen Christus weiß sie noch mehr um die Kraft der Vergebung und der Hingabe trotz aller Wunden und Ungerechtigkeiten. Der Friede und das Staunen, auf die sie die Männer und Frauen von heute mit Vertrauen hinweist, sind der Friede und das Staunen, die im Garten der Auferstehung unsere Welt und die ganze Geschichte erleuchtet haben mit der Offenbarung: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8.16).

Papst Johannes Paul II. hat das vorliegende Schreiben, das in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten gewährten Audienz approbiert und seine Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 31. Mai 2004, dem Fest Mariä Heimsuchung.

+ Joseph Card. Ratzinger
Präfekt

+ Angelo Amato, SDB
Titularerzbischof von Sila
Sekretär


1Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981): AAS 74 (1982) 81-191; Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988): AAS 80 (1988) 1653-1729; Brief an die Familien (2. Februar 1994): AAS 86 (1994) 868-925; Brief an die Frauen (29. Juni 1995): AAS 87 (1995) 803-812; Katechesen über die menschliche Liebe (1979-1984): Insegnamenti II (1979) – VII (1984); Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983): Ench. Vat. 9, 420-456; Päpstlicher Rat für die Familie, Menschliche Sexualität: Wahrheit und Bedeutung. Orientierungshilfen für die Erziehung in der Familie (8. Dezember 1995): Ench. Vat. 14, 2008-2077.

2Zur komplexen Frage des Gender vgl. auch Päpstlicher Rat für die Familie, Familie, Ehe und »de-facto« Lebensgemeinschaften (26. Juli 2000), 8: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache (22.Dezember 2000), 8.

3 Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 21: AAS 91 (1999) 22: »Diese Öffnung für das Geheimnis, die ihm [dem biblischen Menschen] von der Offenbarung zukam, war schließlich für ihn die Quelle einer wahren Erkenntnis, die seiner Vernunft das Eintauchen in die Räume des Unendlichen erlaubte, wodurch er bis dahin unverhoffte Verständnismöglichkeiten erhielt«.

4Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1662; vgl. hl. Irenäus, Adversus haereses, 5, 6, 1; 5, 16, 2-3: SC 153, 72-81; 216-221; hl. Gregor von Nyssa, De hominis opificio, 16: PG 44, 180; In Canticum homilia, 2: PG 44, 805-808; hl. Augustinus, Enarratio in Psalmum, 4, 8: CCL 38,17.

5Das hebräische Wort ezer, das mit Hilfe übersetzt wird, bezeichnet eine Hilfeleistung, die nur eine Person einer anderen Person gewährt. Der Ausdruck hat in keiner Weise den Beigeschmack des Minderwertigen oder Zweckdienlichen, wenn man bedenkt, dass auch Gott in seinem Verhältnis zum Menschen manchmal ezer genannt wird (vgl. Ex 18,4; Ps 10,14).

6 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 6: AAS 80 (1988) 1664.

7 Johannes Paul II., Katechese Der Mensch als Person wird Geschenk in der Freiheit der Liebe (16. Januar 1980), 1: Insegnamenti III, 1 (1980) 148.

8Johannes Paul II., Katechese Die Begehrlichkeit des Leibes entstellt die Beziehungen zwischen Mann und Frau (23. Juli 1980), 1: Insegnamenti III, 2 (1980) 288.

9 Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 7: AAS 80 (1988) 1666.

10Ebd., 6: a.a.O. 1663.11 Kongregation für das Katholische Bildungswesen, Orientierung zur Erziehung in der menschlichen Liebe. Hinweise zur geschlechtlichen Erziehung (1. November 1983), 4: Ench. Vat. 9, 423.

12Ebd.

13 Hl. Irenäus, Adversus haereses, 4, 34, 1: SC 100, 846: »Omnem novitatem attulit semetipsum afferens«.

14 Die alte exegetische Tradition sieht in Maria zu Kana die »figura Synagogae« und die »inchoatio Ecclesiae«.

15 Das vierte Evangelium vertieft hier ein Thema, das schon bei den Synoptikern zu finden ist (vgl. Mt 9,15 und Parallelstellen). Zum Thema Jesus, der Bräutigam, vgl. Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 18: AAS 86 (1994) 906-910.

16Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 19: AAS 86 (1994) 911; vgl. Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem (15. August 1988), 23-25: AAS 80 (1988) 1708-1715.

17Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 16: AAS 74 (1982) 98-99.

18Ebd., 41: a.a.O. 132-133; Kongregation für die Glaubenslehre, Instruktion Donum vitae (22. Februar 1987), II, 8: AAS 80 (1988) 96-97.

19Vgl. Johannes Paul II., Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 9-10: AAS 87 (1995) 809-810.

20Johannes Paul II., Brief an die Familien (2. Februar 1994), 17: AAS 86 (1994) 906.

21Enzyklika Laborem exercens (14. September 1981), 19: AAS 73 (1981) 627.

22Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Ordinatio sacerdotalis (22. Mai 1994): AAS 86 (1994) 545-548; Kongregation für die Glaubenslehre, Antwort auf den Zweifel bezüglich der im Apostolischen Schreiben »Ordinatio sacerdotalis« vorgelegten Lehre (28. Oktober 1995): AAS 87 (1995) 1114.  

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Quelle

Kardinal Levada über „Strukturen, die bewahren“

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Kardinal William Levada

Der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, hat die wichtige Rolle der Vatikanbehörde für die Einheit der Gesamtkirche betont. Angesichts der anhaltenden Diskussionen über eine mögliche Dezentralisierung der Kurie sprach er sich in einem Interview der Zeitung „National Catholic Register“ dafür aus, den Beitrag der Kongregation zur kirchlichen Einheit anzuerkennen und zu sichern.

Das Verhältnis zwischen der Glaubenskongregation und den nationalen Bischofskonferenzen beschrieb Levada als „Geben und Nehmen“. Es müsse einen Dialog mit den Bischöfen geben, um die Vorgaben des Papstes in die Tat umzusetzen und das Kirchenoberhaupt über mögliche Probleme zu informieren.

Ein Modell „wie die Europäische Union“ mit einer schwächeren Rolle der Kongregation und mehr Unabhängigkeit für die Bischofskonferenzen halte er indes nicht für hilfreich. Derartige Vorschläge basierten allzu sehr auf einer „politischen Sicht“ der Kirchenstrukturen und ließen die theologischen Wurzeln der Kirche außer Acht.

„Es geht nicht nur um Organisationsfragen“, sagte Levada. Vielmehr gehe es darum, wie die Strukturen das bewahren und fördern könnten, was Jesus selbst hinterlassen habe. „Diese Diskussionen werden weitergehen“, so der Kardinal. Er erwarte aber keinerlei „dramatische Dezentralisierung“. Es gebe Dinge, die man dezentralisieren könne. „Aber ‚Unabhängigkeit‘ ist nicht das Wesen der Beziehung.“ Wesentlich seien dagegen „Solidarität und Zusammenhalt“.

Der vormalige Erzbischof von San Francisco wurde von Benedikt XVI. im Mai 2005 als erster US-Amerikaner an die Spitze der einflussreichen Glaubenskongregation berufen, die Ratzinger selbst zuvor ein Vierteljahrhundert lang geleitet hatte. Levada, am 15. Juni 1936 im kalifornischen Long Beach geboren, war bereits von 1976 bis 1983 als Sachbearbeiter in der Glaubenskongregation tätig, zuletzt unter dem Präfekten und Kurienkardinal Joseph Ratzinger.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ratzinger stand Levada nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit, sondern wirkte eher im Stillen. In seine Amtszeit fiel die Aufhebung der Exkommunikation der Piusbrüder und die schwierigen, bislang erfolglosen Diskussionen um eine Wiedervereinigung der Traditionalisten mit der katholischen Kirche. Nachdem er sein vatikanisches Amt niedergelegt hatte, kehrte der gesundheitlich angeschlagene Levada in die USA zurück; er lebt im kalifornischen Menlo Park. Sein Nachfolger wurde der vormalige Regensburger Bischof und jetzige Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller.

(kna 18.01.2017 pr)

Kardinal Müller spricht im italienischen Fernsehen über die Fragen der vier Kardinäle

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Kardinal Müller / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

„‚Amoris Laetitia’‪‪ ist in seiner Lehre ganz klar“,
so der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre

„Eine brüderliche Zurechtweisung des Papstes scheint mir sehr fernliegend, unmöglich im Moment, weil der Glaube nicht gefährdet ist, wie der heilige Thomas das sagte“. Mit diesen Worten hat Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, im italienischen Nachrichtenkanal TGCOM24 auf die fünf „dubia“ (Zweifel) der vier Kardinäle reagiert, die sich mit der Auslegung des Apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ zur Frage der Sakramente für zivil Geschiedene und Wiederverheiratete auseinandersetzen.

„Wir sind von einer Korrektur weit entfernt und ich sage, es schadet der Kirche, diese Dinge öffentlich zu diskutieren“, sagt Kardinal Müller. Jeder habe das Recht, einen Brief an den Papst zu schreiben,vor allem die Kardinäle der römischen Kirche. „Aber ich war überrascht zu sehen, dass dieser veröffentlicht und der Papst gezwungen wurde, ja oder nein zu sagen. Das hat mir nicht gefallen.“ Unterzeichnet hatten die vier Kardinäle Walter Brandmüller, Raymond Leo Burke, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die ihre Fragen in der Tat öffentlich gemacht haben.

„‚Amoris Laetitia’‪‪ ist in seiner Lehre ganz klar“, so die Einschätzung des Glaubenshüters. Die gesamte Lehre Jesu über die Ehe, die ganze Lehre der Kirche in 2.000 Jahren Geschichte könne so ausgelegt werden. Franziskus fordere die Unterscheidung, um die Situation der Betroffenen zu beurteilen, die in einer irregulären Verbindung leben, das heißt, nicht von der Lehre der Kirche über die Ehe her, und er verlange, für diese Menschen einen Weg zu einer neuen Integration in die Kirche entsprechend der Bedingungen der Sakramente, der christlichen Botschaft über die Ehe, zu finden. „Aber ich sehe keinen Widerspruch: Auf der einen Seite haben wir die klare Lehre über die Ehe und auf der anderen Seite die Verpflichtung der Kirche, sich um diese Menschen in Schwierigkeiten zu kümmern.“

Kardinal Agostino Vallini, Vikar des Papstes für die Diözese Rom, sagte ebenfalls in einem Interview mit dem „Vatican Insider“, dass die Lehre der Kirche „immer die gleiche“ bleibe, aber sie sei aufgefordert, sich um Menschen zu sorgen, die von verletzter oder verlorener Liebe betroffen sind, „die sich in der Mitte des Sturms befinden“. Jeder Priester habe eine sehr heikle und wichtige Aufgabe zu erfüllen, Rigorismus und Laxheit zugleich zu vermeiden und nie vom Vorschlag des Ideals der vollen Ehe abzurücken.

Diese pastorale Unterscheidung von Individuen sei sehr heikel und müsse den Grad der Verantwortung berücksichtigen, der nicht in allen Fällen gleich sei, da mildernde Faktoren auch ins Gewicht fielen. „Es ist daher möglich, dass in einer objektiven Situation der Sünde ein Weg gefunden wird, im christlichen Leben zu wachsen, und dazu die Unterstützung der Kirche zu bekommen“, so Vallini. (mk)

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Was bedeutet Reform in der Kirche?

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Von Gerhard Kardinal Müller

Als „Reformation“ bezeichnet in einer großangelegten Studie der Oxforder Kirchenhistoriker Diarmaid MacCulloch die Epoche zwischen 1490-1700, als deren Ergebnis die religiöse und politische Zersplitterung der abendländischen Christenheit vor uns steht.[1] Je nach Standpunkt fällt die Bewertung dieser geschichtlichen Vorgänge unterschiedlich und gegensätzlich aus. Manche sehen ganz vom Inhalt des christlichen Glaubens ab und deuten die protestantische Reformation zusammen mit der katholischen Reform und Gegenreformation als Pluralisierungsprozess am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit. Im Sinne eines linearen Fortschrittsglaubens wird die historische Reformation zum Vorläufer und Ideengeber einer Entwicklung, die sich in der Aufklärung und Neuzeit vollendet. Was aber ist das Wesen der Neuzeit: Der Mensch ohne Gott oder der Mensch im freien Gegenüber zu Gott? Die Reformation führt demnach unter Absehung ihres eigentlichen religiösen Anliegens letztlich zu einer säkularen Weltsicht, in der die religiöse Option überhaupt und die christliche speziell selbst nur eine unter vielen ist.[2] Somit wäre die Reformation nur der erste Schritt zu einer Selbstrelativierung der Wahrheit und des Heils, die mit der eschatologischen Selbstoffenbarung Gottes ein für allemal in die Welt eingetreten ist. Die Reformatoren wollten dagegen nicht den Weg zur einer Entchristlichung der Gesellschaft und einer Entkirchlichung der Christengemeinde bahnen. Sie wollten die Erneuerung der Kirche gemäß dem Evangelium, wie sie es verstanden. Damit traten sie zwar in einen Gegensatz zur katholischen Sicht auf Evangelium und Kirche, aber sie bildeten keine Koalition mit der beginnenden säkularen Kultur seit der Renaissance, wie die kulturprotestantische Interpretation des historischen Ereignisses der protestantischen Reformation und der Revolution gegen die katholische Kirche es wollte.

Darum sind die alten konträren und polemischen Charakterisierungen einer evangelischen Kirche des Evangeliums, der Freiheit, des Gewissens, des Wortes gegenüber der katholischen Kirche des Gesetzes, des Gehorsams, der Autorität und der Sakramente, wie sie aus einer oberflächlichen Interpretation der Gerechtigkeit aus dem Glauben oder den Werken stammen, der Sache nach hinfällig.

Die Christen aller Konfessionen sind aber trotz aller Kontroversen, was Lehre, Leben und Verfassung der Kirche angeht, eins im Glauben an die endgültige und unüberholbare Selbstmitteilung Gottes in seinem Wort, dem Sohn des Vaters, der unser Fleisch angenommen und durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten das Reich Gottes für immer aufgerichtet hat. Unter diesem Gesichtspunkt verbindet das gemeinsame Bekenntnis zur Gottessohnschaft und der einzigen Heilsmittlerschaft Christi das katholische und das evangelische Christentum und trennt die Kirche nicht in eine vermeintlich mittelalterlich rückständige und eine vermeintlich mit der Moderne kompatible Form ihrer geschichtlichen Realisierung. Die Kirche als sakramentales Zeichen und Werkzeug der gekommenen und sich im kommenden Christus erfüllenden Gottesherrschaft kann durch die Mächte des Todes und des Bösen nicht überwältigt werden. So hat Jesus es seinen Jüngern mit Simon Petrus an der Spitze einst bei Cäsarea Philippi verheißen (vgl. Mt 16, 18). Wenn in Christus die Fülle der Zeiten gekommen ist, kann es über ihn hinaus nichts Neues geben, das ihn überholt oder das seine Botschaft veralten lässt. Die Kirche ist aber als der Leib Christi mit ihrem Haupt so eng verbunden, dass sie immer an seinem Leben Anteil hat und durch seinen Geist verlebendigt wird, so dass sie nie völlig von ihm abgetrennt werden kann, und sozusagen einer Neugeburt und Neustiftung bedürfte. „Denn Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie dahingegeben, um sie durch das Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen“ (Eph 5, 25f). So wie die Ehe von Mann und Frau in Christus unauflösbar ist und trotz möglicher Krisen immer aus dem Quell der Liebe erneuert wird, so wendet sich Christus von der Kirche nicht ab trotz der Sünden und Verfehlungen ihrer Glieder. So wie der Ehemann mit seiner Frau ein Leib ist, so gilt auch von Christus, dem Haupt der Kirche, dass „er seinen eigenen Leib nicht hasst, sondern die Kirche nährt und pflegt, denn sie ist sein Leib“ (Eph 5,29). Reform bedeutet nicht Veränderung der von Christus seiner Kirche eingestifteten Lebensvollzüge in Martyria, Leiturgia und Diakonia, sondern Erneuerung der Glieder des Leibes Christi im Leben, das vom Haupt auf den Leib seiner Kirche übergeht. Reform ist kein Weg zurück ad fontes im Sinn des Humanismus und der Renaissance mit dem Überlegensheitsdünkel derer, die die griechischen, hebräischen und lateinischen Urtexte der Bibel, der Kirchenväter und der heidnischen Autoren der Antike philologisch sich besser aneignen konnten als ihre Vorfahren auf den Lehrstühlen oder gar als das gemeine Volk. Erneuerung in Christus ist ein Weg nach vorn – dem kommenden Herrn entgegen, damit wir wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam mit brennenden Lampen entgegengehen und zum Herrn in den Hochzeitssaal eintreten können (vgl. Mt 25,10).

Reform im theologischen Sinn hat nichts mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters in grauer Vorzeit zu tun, das man wiederherstellen will. Auch jede Deutung der Kirchengeschichte nach dem Schema des Abfalls vom reinen Ursprung oder der bloß positiven Entfaltung nach vorne hin, scheitert am Glauben an die eschatologische Gegenwart des Heils in Christus und dem Wissen um die Dramatik von Welt- und Kirchengeschichte zwischen der civitas Dei und der civitas terrena. Christus ist das unvergängliche Licht Gottes in der Welt. Aber die Kirchengeschichte bewegt sich zwischen Licht und Schatten. „Die Kirche ’schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin‘ und verkündet das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. 1 Kor 11,26). Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden wird“ (LG 8). Auf die Frage der Gnostiker, was denn mit Christus unüberbietbar Neues gekommen sei, antwortete Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert: „Er hat nur Neues gebracht, indem er, der Angekündigte, sich selbst brachte, um den Menschen zu erneuern und zu beleben“.- Omnem novitatem attulit semetipsum afferens … quoniam novitas veniet innovatura et vivificatura hominem.[3]

Christus kann durch innerweltlichen Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Gesellschaftsordnung weder überboten noch eingeholt werden. Die Fülle des Heils und der Wahrheit ist allen Menschen in Christus von Gott seinem Vater für immer vermittelt worden. Im Heiligen Geist wird die Kirche zu einer immer tieferen Einsicht in die geoffenbarte Wahrheit eingeführt. Darum gibt es trotz der Fülle der Zeiten, die in Christus verwirklicht worden ist, einen gemeinschaftlichen und individuellen Fortschritt und eine jeweils andere Form der Inkulturation des Christentums und damit das Entstehen neuer christlicher Kulturformen. Es handelt sich – der inkarnatorischen und sakramentalen Präsenz der Wahrheit und des Heils gemäß – nicht um eine mechanische Weitergabe, sondern um eine lebendige Tradition der apostolischen Lehre, die lebt und geistiges und geistliches Leben weckt. Das kirchliche Lehramt hat darum weder eine konservative noch eine innovative Funktion je für sich. Im Zusammenwirken beider zeigen sich vielmehr die Treue zur Endgültigkeit der Offenbarung und das Wachstum der Kirche im lebendigen Glauben ihrer Glieder. Das II. Vatikanische Konzil bringt dieses Spannungsgefüge auf den Punkt, wenn es in der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung Dei Verbum erklärt: „Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen ihr ‚eigenes Lehramt überliefert‘ (Irenäus von Lyon, Adversus haer. II,3,1)… Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Progressus; es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch die innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen.“ (DV 7u.8).

Nach der in den Worten Jesu begründeten katholischen Glaubensüberzeugung widerspricht eine Vielheit von entgegengesetzten Konfessionen der Einheit der Kirche in der geoffenbarten Wahrheit. Da die Kirche der Leib Christi ist, der von Christus selbst als Haupt dieses Leibes in den vielen Glieder zusammengehalten wird, kann es im Glauben und im sakramentalen Leben nur eine Kirche geben. Die Kirche ist „ein Geist und ein Leib“, und es gilt: „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,4ff).

Auch Martin Luther, Huldrych Zwingli und Jean Calvin, die diese historische Epoche der Reformation wesentlich beeinflusst und auf den Weg gebracht haben und darum als „Reformatoren“ bezeichnet werden, wollten keineswegs die Einheit der Kirche zugunsten einer Vielzahl von Konfessionen aufgeben. Ihr Ziel war die Reform und Erneuerung der bestehenden und von Christus in der Geschichte gestifteten Kirche im Geiste ihres göttlichen Gründers und ihres lebendigen Hauptes. Ihre Methode war die Reinigung der Kirche Christi von dogmatischen Irrtümern, die eine das Heil gefährdende Praxis von Missständen und Missbräuchen hervorgebracht hätten. Nicht die Verbesserung des moralischen und geistlichen Lebens und die Modernisierung der menschlichen Einrichtungen der Kirche (Universitäten, Armenpflege, Auswahl und Ausbildung der geeigneten Kandidaten für das geistliche Amt) und der Kampf gegen die Verweltlichung der Kirche war Anlass zur Trennung der Anhänger Luthers, Zwinglis und Calvins von der Kirche um den Papst und die Bischöfe, sondern die Behauptung, die Kirche habe im Glauben schwer geirrt und habe durch ein falsches Sakramentenverständnis das Heil der Gläubigen in die größte Gefahr gebracht, bedeutete den Wendepunkt von einer Reform in der Kirche zur Reformation, die eine andere Kirche hervorbrachte.

Hier stehen wir an dem Punkt, an dem katholisches und protestantisches Verständnis von Reform der Kirche auseinandergehen. Wenn die Kirche von der Offenbarung abfallen kann und allein die Heilige Schrift das Kriterium für die rechte Lehre und Praxis ist, dann gilt es, die Kirche dem Wort Gottes gemäß zu reinigen und zu reformieren in Lehre, Leben und Verfassung. Wenn aber – wie es katholische Lehre ist – die Kirche nicht von der Offenbarung abfallen kann, dann kann es Reform nur geben in der Gestalt der Erneuerung und der Vertiefung. Protestantisch gibt es eine Reformation der Kirche, also eine tiefgreifende Umformung der Kirche nach Gottes Wort. Katholisch dagegen gibt es nur eine Reform in der Kirche, indem Papst und Bischöfe, Priester und Ordensleute und alle Laien in ihrem Leben aufgerufen sind, ihrer Berufung besser zu entsprechen. Weil die Reformatoren überzeugt waren, dass die Kirche mit dem Papst und den Bischöfen an der Spitze in der zentralen Lehre von der Erlösung und der Rechtfertigung des Sünders vom Evangelium Christi abweiche, kamen sie zur Überzeugung von der Notwendigkeit einer Reformation und substantiellen Umformung der Kirche, die einer ganz anderen Kategorie von Reform angehört, wie sie bisher in der Kirche durchgeführt worden war.

Es sei erinnert an Reformen in der katholischen Kirche wie z.B. die karolingische Renaissance, die im Wesentlichen eine Reform der theologischen Bildungseinrichtungen bedeutete. Die Gregorianische Reform zielte auf die Befreiung der Kirche aus dem Korsett der Feudalgesellschaft und des Eigenkirchenwesens. Ihre Ziele waren der Kampf gegen Simonie, Laieninvestitur und für den Priesterzölibat. Es gab die großen Klosterreformen (Gorze, Cluny, Hirsau, Windsheim, Melk) und die neu entstehenden Orden, die einem spezifischen Charisma entsprachen und eine Antwort auf besondere Herausforderungen angesichts kirchlicher und gesellschaftlicher Wandlungsprozessen waren. Es sind bekannt die Reformen der Studienordnungen und Seminare nach dem Trienter Konzil. Wir kennen die Bischöfe, die dem Trienter Ideal des Hirten mit apostolischem Eifer entsprechen wollten (etwa Kardinal Carlo Borromäus von Mailand, Erzbischof Toribio von Mongrovejo; Kardinal Gregorio Barbarigo von Padua).

In den großen Ordensgründungen des hl. Dominikus und des hl. Franziskus ging es um die Erneuerung der apostolischen Predigt, eine angemessene Seelsorge in der aufstrebenden Stadtkultur und für die akademische Jugend, wie auch um das Lebensideal der evangelischen Armut und Demut. Im 19. und 20. Jahrhundert hat die Kirche mit neuen Orden und der Entwicklung ihrer Sozialllehre großartige Beispiele der Anpassungsfähigkeit ihrer Mentalität und Struktur gegeben.

Die Reformkonzilien des 15. Jahrhunderts versuchten, wenn auch weithin vergeblich, eine Reform der Kirche an Haupt und Gliedern. Für die entstehende antirömische Stimmung und die immer stärker werdenden Zweifel an der sichtbaren Kirche und ihrer sakramentalen Heilsvermittlung sind bezeichnend u.a. die häufig vorgebrachten Gravamina Germanicae nationis auf den Reichstagen, die insgesamt den Boden für die kirchliche Revolution des 16. Jahrhunderts bereiteten.

Die katholische Reform aufgrund des Trienter Konzils unterscheidet sich wesentlich von der Reformation, aus der die verschiedenen protestantischen Konfessionsverbände hervorgegangen sind, weil die katholische Kirche ihre Identität in der Lehre und in der sakramentalen Verfassung gewahrt hat. Aber es sind auch Verbindungen mit den aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften dadurch gegeben, dass es beiderseits um die Vertiefung der Frömmigkeit und um die Ernsthaftigkeit des sittlichen Lebens in der Nachfolge Christi geht.

Das Christentum insgesamt hat aber an Glaubwürdigkeit verloren durch die Religionskriege in England, Frankreich, der Schweiz und Deutschland wie auch die inhumane und unchristliche Verfolgung und Unterdrückung der Angehörigen der jeweils anderen Konfessionen wie auch schon vorher durch das gewaltsame Vorgehen gegen christliche Häretiker, gegenüber den jüdischen Mitbürgern und Menschen nichtchristlicher Religionen. Die Aufklärung stellte dem Christentum und allen auf die Transzendenz ausgerichteten Religionen eine Daseinsdeutung gegenüber, welche das Ziel menschlicher Existenz nicht mehr in Gott, sondern im innerweltlichen Glück sah. Von hier aus beginnt der Glaube an den Fortschritt hin zur Selbstvervollkommnung mittels der Wissenschaft und der idealen Gesellschaftskonstruktion. Dadurch soll der Glaube an die Erlösung durch Gottes Gnade ersetzt werden. Theonomie in Gottes Wort und Gebot wird gegen die sittliche Autonomie des menschlichen Subjekts ausgespielt. Man vergaß dabei allerdings, dass die Gnade Gottes uns nicht zur Passivität verdammt, sondern den freien Willen zur aktiven Mitwirkung am Kommen des Reiches Gottes befähigt. Denn die Gnade setzt die Natur in Vernunft und Freiheit voraus, vervollkommnet sie und zerstört sie nicht, wie schon Thomas von Aquin das Verhältnis des Geschöpfs zu seinem Herrn und Schöpfer auslegte.[4] Die Spannung zwischen dem Glauben an die Offenbarung und die Gnade als Grund des Heils aller und den innerweltlichen liberalistischen und sozialistischen Selbsterlösungsprogrammen wurde in den verschiedenen Formen eines Kulturchristentums zu mindern versucht.

Auch auf katholischer Seite wurde die Spannung zwischen dem überliefertem Glauben und der sog. modernen Welt empfunden. Unter „moderner Welt“ versteht man dann nicht nur einige technische Errungenschaften, die das praktische Leben erleichtern. Die moderne Kultur ist der Inbegriff all der Prinzipien und Leitbilder, die besonders dem katholischen Glauben und seiner kirchlichen Form entgegen gesetzt erscheinen: die Subjektivität, die Freiheit, die Autonomie des Gewissens und überhaupt das metaphysik-freie Weltbild des Empirismus und Positivismus. Der Syllabus (1864) mit den 80 von Papst Pius IX. verurteilten Irrtümern galt lange Zeit bei Freund und Feind als Synonym und Beweis für den unversöhnlichen Gegensatz zwischen dem katholischen Glauben und der modernen Welt. Der letzte verurteilte Satz dieses Dokuments lautete: „Der römische Papst kann und soll sich mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und mit der modernen Kultur versöhnen und anfreunden“ (DH 2980).

Dabei ist allerdings zu bedenken, was die Vokabel der modernen liberalen Leit-Kultur meint, mit der sich der Papst als höchster Repräsentant des christlichen Offenbarungsglaubens anfreunden soll. Gemeint ist der Liberalismus, der allenfalls eine Immanenz-Religion in Form eine Kulturchristentums zulässt und sich im Übrigen der Staatsomnipotenz bedient, um alle Bürger gleichzuschalten und ihrem eigenen Erkenntnisparadigma zu unterwerfen. Die sogenannten Kulturkämpfe und Kirchenkämpfe im 19. und 20. Jahrhundert geben uns genügend Beispiele, welche Form von Toleranz und Gewissensfreiheit die Kirche von den Vertretern einer wissenschaftlichen Weltanschauung und Ideologie erwartet.

Albert Ehrhard als bedeutender Vertreter des sog. Reformkatholizismus hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen die These u.a. Adolfs von Harnack von der Inkompatibilität der modernen Kultur mit der katholischen Kirche und sogar von der Kirche als Gegner und Hemmschuh des Fortschritts überzeugend die Kulturbedeutung des Katholizismus nachgewiesen.[5]

Gerade mit der Pastoralkonstitution Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute hat das II. Vatikanische Konzil die positive und konstruktive Beziehung der Kirche zur Welt in ihrer immanenten Entwicklung und im transzendenten Ziel des Menschen in Gott dargestellt und somit die feindselige Gegenüberstellung von Kirche und Welt, wie sie vom weltanschaulichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts und von den politischen Ideologien des 20. Jahrhunderts behauptet wurden, Lügen gestraft. Niemand mehr als die katholische Kirche hat mit ihrem Festhalten an der unveräußerlichen Menschenwürde, mit ihrer Soziallehre seit Papst Leo XIII. und jetzt in der Enzyklika Laudato sì von Papst Franziskus zur schöpfungstheologischen Ökologie für den Fortschritt der Menschheit im Guten entscheidende Weichen gestellt.

Dass die Kirche gegenüber einer innerweltlichen Fortschritts- und Selbsterlösungsideologie ihre Identität als von Gott eingesetztes Sakrament des Heils der Welt wahren muss und auf die tiefgründige Umformung unseres naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Welt- und Menschenbildes hin immer neue theologische und lebenspraktische Synthesen von Glauben und Vernunft, von Gnade und Freiheit entwerfen muss, hat im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte auch zur innerkirchlichen Polarisierung und Parteibildung von sog. Liberalen und Progressiven einerseits und sog. Konservativen und Integralisten auf der anderen Seite geführt. Die hat allerdings verheerende Konsequenzen für die Mission und den Weltauftrage der Kirche.

Das hat auch zu einer Umbildung von Inhalt und Zielsetzung des Reformbegriffs innerhalb der katholischen Kirche geführt.

In allen historischen Formen der Kirchenreform ging es um die Erneuerung des Christseins und des kirchlichen Lebens und um eine Vertiefung des Glaubens und einer Erneuerung in Christus. Der Begriff „Reform“ kommt durch die Vulgata-Übersetzung des Römerbriefs in die kirchliche Terminologie hinein. Der Apostel fordert die Gläubigen in Rom auf, sich nicht dieser Welt anzugleichen (nolite conformari huic saeculo), sondern sich in seinem Denken sich zu reformieren und zu erneuern ( sed reformamini in novitate sensus vestri), „damit ihr prüfen und erkennen könnt, was Gottes Wille ist; was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist“ (Röm 12,2).

Gegenwärtig versteht man unter den Reformen, die für notwendig gehalten werden, eher eine Verweltlichung der Kirche. Die nicht lebbaren Gebote Gottes sollen auf Ideale reduziert werden, die jeder nach seinem Wissen und Gewissen anstreben kann, aber keineswegs muss, um mit sich ins Reine zu kommen oder im irdischen Sinn sich glücklich zu fühlen. Die Kirche dient nicht mehr der Welt auf ihrem Weg zu Gott, sondern dient sich ihr an, damit sie sich als eine von vielen gesellschaftlichen Initiativen nützlich macht und somit ihr Existenzrecht unter Beweis stellt. Die Kirche ist nur noch eine Weltanschauung zur Kontingenzbewältigung und eine Agentur für soziales Engagement.

Die Kirche kann aber nicht einen ihr fremden politischen und weltanschaulichen Begriff von Reform übernehmen, weil sie eine Stiftung Gottes darstellt und nicht eine von Menschen geschaffene endliche und vergängliche Realität ist. Alles, was vom Menschen stammt, kann und muss an die sich ändernden Rahmenbedingungen angeglichen werden, damit es dem Menschen in der Familie, in der Nation, im sozialen und ökonomischen Bereich immer besser dient. Das Maß ist die Verwirklichung und Wahrung der Würde des Menschen. Eine Aufmerksamkeit für die „Zeichen der Zeit“ und eine Analyse der gegenwärtigen kulturellen und gesellschaftlichen Situation der Menschheit mit Hilfe auch der empirischen Wissenschaften bilden die Voraussetzung, damit die Kirche ihre Mission erfüllen kann. Sie ist von Christus in die ganze Welt und zu allen Menschen gesandt, damit sie im Licht Christi und der Kraft des Geistes Gottes jedem Menschen seine Berufung zur Erkenntnis Gottes und zum Leben aus seiner Gnade und Barmherzigkeit nahe bringt. So beschreibt es das II. Vatikanische Konzil in Gaudium et spes (GS 4-10).

Die Kirche als Schöpfung Gottes kann freilich nicht Gegenstand menschlicher Reformbemühungen sein. Wir können die Kirche nicht reformieren und umgestalten nach unserem Befinden und Gutdünken. Gott ist das Subjekt des Bundesvolkes, das er beruft. Gott stiftet in Christus die Kirche. Er selbst leitet sie als der gute Hirte und erfüllt sie mit seinem Geist und Leben. Nicht wir reformieren die Kirche Gottes und formen sie um nach unserem Bild und Gleichnis, sondern Gott reformiert uns, wenn wir uns in Christus erneuern lassen in unserem Denken und Handeln und ihm gleichförmig werden. Daraus ergibt sich die Verlebendigung der Kirche in den Grundvollzügen in Verkündigung und Seelsorge, in der Liturgie und der Caritas und den sozialen Diensten. Der Geist ist es, der Leben bringt, nicht der Buchstabe, d.h. die Lebenserneuerung in Christus gibt auch den Reformen der Struktur und Organisation eine positive Richtung. Deshalb kann der politisch gebrauchte Begriff vom Reformstau nicht auf die Kirche angewendet werden, ohne sie zu politisieren und zu verweltlichen. Es ist die Meinung weit verbreitet, man müsse nur den Priesterzölibat „abschaffen“ oder die viri probati einführen und schon gebe es keinen zahlenmäßigen Mangel an Priestern mehr. Man müsse nur Frauen zu den heiligen Weihen zulassen und schon kehre beim Thema „Kirche und Frau“ Ruhe ein. Man müsse nur die evangelischen Christen zur heiligen Kommunion einladen und schon sei die Einheit im Glauben hergestellt, wenn auch die Lehrgegensätze bleiben und die getrennt bleibenden Kirchen mit diesem sichtbaren Widerspruch zum Willen Christi ein Anti-Zeugnis von der vollen Gemeinschaft in der einen Kirche Christi ablegen. Man brauche nur an die Barmherzigkeit Jesu zu appellieren und schon hätten wir uns der Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe entledigt, die wir aber damit zu einer rein menschlichen Institution herabwürdigen und womit wir ihren Ursprung im göttlichen Bundeshandeln leugnen.

Das sind alles Operationen und Optionen, die mit ihrer Bezeichnung Reformen eine positive Konnotation für sich reklamieren, die aber mit den historischen Kirchen- und Klosterreformen und mit der Reform als Erneuerung in der unvergänglichen Neuheit Christi  nichts zu tun haben.

Die Formulierung Ecclesia semper reformanda stammt nicht, wie häufig angenommen, vom hl. Augustinus, sondern kommt aus dem Umfeld der reformierten Theologie im 17. Jahrhundert, genauer vom reformierten holländischen Theologen Jodocus van Lodenstein in seiner Schrift Contemplazione di Sion (Amsterdam 1674) und wurde noch von Karl Barth gerne benutzt. Nach katholischer Auffassung kann die Kirche in ihrem bischöflichen und päpstlichen Lehramt aufgrund der apostolischen Sukzession nicht in Gegensatz zum geoffenbarten Glauben in der Heiligen Schrift und in der Apostolischen Tradition geraten. Während die Kirche heilig ist und in den sakramentalen Mitteln der Heiligung immer des Beistandes Gottes gewiss sein kann, umfasst sie in ihren Gliedern von den Laien bis zu den Bischöfen auch Sünder in ihrem Schoß. Diese können durch persönliche Sünden, durch das Versagen in ihren Aufgaben oder das Unterlassen dringender Maßnahmen schuldig werden vor Gott und den Menschen. Darum ist die Kirche „zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung“ (LG 8), wie das II. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen gentium erklärt.

Hier zeigt sich der Zusammenhang zwischen Kirchenreform und Ökumene. Wir müssen uns im Rückblick auf die unselige Aufsplitterung der abendländischen Christenheit fragen nach dem menschlichen Anteil und der gegenwärtigen Schuld an der Störung des ökumenischen Prozesses durch mangelnde Liebe, durch bequeme Verhärtung alter Vorurteile und durch den Vorrang des politischen vor dem theologischen Denken bei der Überwindung der Kontroversthemen. Im Dekret über den Ökumenismus hat das II. Vatikanische Konzil „die Bekehrung des Herzens und die Heiligkeit des Lebens“ als „die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung“ (UR 8) bezeichnet. Erst in diesem Kontext vermag die Theologie bei der Annäherung in dogmatischen Fragen wichtige Hilfen zu bieten.

Und nur so kann die historische Reformation von 1517 etwas über eine rein historische Fragestellung hinaus Wichtiges beitragen für die Herausforderung an alle Christen, durch die Erneuerung in Christus und die Reform unseres Denkens und Handelns glaubwürdig Zeugnis zu geben von der Erlösung der Welt durch den stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten.

Wenn heute von der Reform der Kirche oder von den Reformen in der Kirche die Rede ist, stellt sich sofort die Frage , was wir tun können und machen sollen. Wir veranstalten einen Dialog, wir beauftragen eine Beraterfirma, die sich in der Wirtschaft bewährt hat und deren Rat im wahrsten Sinn des Wortes uns „lieb und teuer“ ist. Wir organisieren irgendeine Aktion in der Pfarrei und Diözese und gründen eine weitere Kommission. Die Orden arbeiten neue Statuten aus und die Theologieprofessoren organisieren Unterschriftenlisten für flammende Manifeste und folgenlose Aufrufe. Das alles ist zu pelagianisch gedacht. Man meint: Erst müssen wir etwas tun, damit wir etwas bei den Menschen erreichen und damit schließlich am Ende der Heilige Geist seinen Segen dazu gibt.

Der Apostel Paulus setzt aufgrund seiner Lehre vom Primat der Gnade vor dem Tun umgekehrt an: Nicht wir sollen uns der Welt angleichen. Der Mensch ist durch die Taufe Christus gleichförmig geworden und er kann dann von daher sein Leben als Weg der ständigen Nachfolge Christi gehen. Aus dem neuen Sein folgt das neue Denken und Handeln. Denn wir sollen unsere Denken examinieren und reformieren, damit wir Gottes Willen erkennen und, indem wir ihm gehorchen, gut und vollkommen werden.

Das muss sich auch auf den bisher kontroversen Begriff der Kirche als creatura verbi oder als sacramentum mundi beziehen.

Der bislang unüberbrückbare protestantisch-katholische Gegensatz zeigt sich nicht eigentlich in der Rechtfertigung aus Gnade allein, sondern im Kirchenbegriff. Denn es ist aus den Quellen des christlichen Glaubens in der gemeinsamen Heiligen Schrift evident, dass keinem Menschen die Erlösung subjektiv in der Rechtfertigung zuteilwerden kann durch eigenes Tun, wodurch dann der Sünder gleichsam zu seinem eigenen Erlöser würde. Aber der objektive Glaube an die Heilswirklichkeit in Christus darf auch nicht reduziert werden auf die subjektive Gewissheit, gerechtfertigt zu sein, denn dann wäre der Zustand meiner persönlichen Überzeugtheit wichtiger als das Faktum  der realen Erlösung in Christus. Denn zum Glauben als Vertrauen gehört auch die Erkenntnis Gottes und seiner Offenbarung in der Lehre der Kirche, gehört die Hoffnung als beständige Gnade zum Weitergehen auf dem Weg, der Christus ist, zum Ziel, das ebenfalls Christus ist, gehört auch die Liebe als das innerste Wesen und erreichte Ziel des Gottesverhältnis.

Worin der bis heute ungelöste Gegensatz besteht, ist nicht die Existenz und das Wesen der Kirche, sondern die Bedeutung ihrer sakramentalen Gestalt und Notwendigkeit der Heilsvermittlung. Daran schließen sich die Fragen nach den Sakramenten, dem Priestertum und der Lehrautorität nur konsequent an.

Für Luther ist die Kirche creatura verbi:„Denn die Kirche entspringet aus dem Wort der Verheißung durch den Glauben und wird eben mit demselben Wort der Verheißung ernähret und erhalten, d. i. sie wird durch die Verheißung Gottes und nicht die Verheißung durch sie gestiftet. Denn das Wort Gottes ist unvergleichlicher weise über der Kirche, über welches Wort Gottes die Kirche als Kreatur nicht Macht hat, etwas zu stiften, zu ordnen oder zu tun, sondern sie soll gestiftet, geordnet und gemacht werden.“[6]

Damit ist gesagt, dass sich die innere Kirche als Gemeinschaft der Heiligen, der Gerechtfertigten, die Gott alleine kennt, durch das Wort der Verheißung im Glauben bildet, die aber nur dort ist und sich manifestiert, wo das Wort und das Sakrament stiftungsgemäß gepredigt und verwaltet werden (CA 7). Etwas anderes ist es, wenn die äußere Kirchenordnung von der weltlichen Obrigkeit oder von den Mitgliedern einer Organisation geordnet wird. Diese institutionelle Zugehörigkeit zu einer Körperschaft hat keine heilsrelevante Bedeutung für die Rechtfertigung und damit für die Zugehörigkeit zur Kirche im eigentlichen und wahren Sinn, nämlich der Kirche als communio sanctorum, d. h. der wahrhaft im Glauben Gerechtfertigten, die Gott alleine kennt.

Die katholische Sicht auf die Kirche geht davon aus, dass wir nur durch die sichtbare Kirche mit ihrer verbindlichen Lehre, ihren sakramentalen Heilsmitteln und der Anerkennung ihrer von Christus im Heiligen Geist gestifteten apostolischen Verfassung und Ordnung zur Heilsgemeinschaft gelangen können.

Johann Adam Möhler bringt in seiner „Symbolik“ die Differenz auf den Begriff: „Die Katholiken lehren: die sichtbare Kirche ist zuerst, dann kommt die unsichtbare: jene bildet erst diese. Die Lutheraner sagen dagegen umgekehrt: aus der unsichtbaren geht die sichtbare hervor, und jene ist der Grund von dieser. In diesem scheinbar höchst unbedeutenden Gegensatze ist eine ungeheure Differenz ausgesprochen.“[7]

Luthers Kirchenverständnis ist nach Möhler nicht schlichtweg falsch, aber einseitig. Es muss also nicht in toto abgelehnt werden und kann auch als Korrektur für eine einseitig auf die sichtbare Gestalt der Kirche festgelegte katholische Ekklesiologie bewertet sein. Um die Heilsgewissheit nicht von geschaffenen Dingen und Menschen in der Kirche abhängig zu machen, lehnt Luther die Heilswirksamkeit der Sakramente ex opere operato, die heilsrelevante Verbindlichkeit und Unfehlbarkeit ihrer Konzilsentscheidungen und die geistliche Vollmacht des in der Ordination konsekrierten Priesters (character indelebilis) zur Darbringung des Messopfers ab. Denn er sieht in all dem die Gefahr, dass der Mensch statt durch den Glauben sich selbst durch menschliche Werke und Einrichtungen in das rechte Verhältnis zu Gott setzt. Das Geschaffene kann für ihn aber nie der Grund der Rechtfertigung des Sünders sein, sondern nur der der leiblichen Natur des Menschen gemäße Ort und Erscheinungsraum. Das Sichtbare dient nur der Vergewisserung dessen, was auf der Ebene der Unmittelbarkeit zwischen Gott und Mensch in der Korrelation von Verheißung Gottes und gnadengewirktem Glauben geschieht. Luther unterschätzt aber das in der Inkarnation begründete Grundgesetz der Heilsvermittlung, dass wir aufgrund unserer leiblichen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Verfassung nur per visibilia ad invisibilia gelangen können. Wenn man die sichtbare und unsichtbare Kirche, göttliches Heil und die den Menschen anvertraute Vermittlung nicht dialektisch entgegensetzt, sondern im Licht des Inkarnationsmysteriums analog aufeinander bezieht − in Verbindung und Unterscheidung −, dann kann man mit dem II. Vatikanum das Anliegen Luthers aufgreifen und dennoch den katholischen Glauben frei von kontroverstheologischer Zuspitzung so ausdrücken:

„Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfasst und trägt sie unablässig; so gießt er durch sie Wahrheit und Gnade auf alle aus. Die mit hierarchischen Organen ausgestattete Gesellschaft und der geheimnisvolle Leib Christi, die sichtbare Versammlung und die geistliche Gemeinschaft, die irdische Kirche und die mit himmlischen Gaben beschenkte Kirche sind nicht als zwei verschiedene Größen zu betrachten, sondern bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem und göttlichem Element zusammenwächst. Deshalb ist sie in einer nicht unbedeutenden Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich. Wie nämlich die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16). Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. Sie zu weiden, hat unser Erlöser nach seiner Auferstehung dem Petrus übertragen (Joh 21,17), ihm und den übrigen Aposteln hat er ihre Ausbreitung und Leitung anvertraut (vgl. Mt 28,18ff.), für immer hat er sie als ‚Säule und Feste der Wahrheit‘ errichtet (1 Tim 3,15). Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. Das schließt nicht aus, dass außerhalb ihres Gefüges vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit zu finden sind, die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“ (LG 8).

Die katholische Kirche kann im exakt evangelisch-lutherischen Sinn nicht als die Kirche, sondern nur als eine kirchliche Gemeinschaft unter anderen anerkannt werden. Eine umfassende Einheit aller Christen in einer sichtbar-einen Kirche, wie sie sich, katholisch ausgedrückt, aus ihrer Sakramentalität als Folge des inkarnatorischen Charakters ihrer Stiftung ergibt, ist nicht heils-notwendig; wenn auch aus pragmatischen Gründen wünschbar („der Papst als Sprecher der Christenheit“, aber nicht als Zeuge Christi und darum immerwährendes Prinzip der Einheit der Kirche in Christus).[8] Deshalb könne „versöhnte Verschiedenheit“ bestehen trotz der Widersprüche im Bekenntnis und der Ordnung der manifesten Kirchengemeinschaften, wenn nur durch die Gemeinschaft in Predigt, Taufe und Abendmahl die Einheit mit Christus und damit die Gemeinschaft der Heiligen angezeigt ist.

In katholischem Sinn ist Kirche nicht ein Allgemeinbegriff, der konkreten Kirchengemeinschaften per definitionem zugesprochen oder abgestritten wird. Kirche ist immer die geschichtlich kontinuierlich existierende, an ihren Wesensmerkmalen identifizierbare Gemeinschaft, die ihren Ursprung auf Christus, das fleischgewordene Wort, zurückführt. Der Ausweis ihrer geschichtlichen Identität und Kontinuität gehört zu ihrem Wesen und macht darum die Kirche im eigentlichen Sinn aus.

Von daher definiert sie auch ihr Verhältnis zu anderen bischöflich verfassten Kirchen und nicht-bischöflich verfassten kirchlichen Gemeinschaften. Und sie sucht die volle Gemeinschaft durch die Wiederherstellung der Einheit im Glaubensbekenntnis, den wesentlichen sakramentalen Formen der Gottesverehrung und Heilsvermittlung und in der apostolischen Grundlage ihrer Lehrautorität. Das II. Vatikanum spricht ausdrücklich den ohne eigene Schuld nichtkatholischen Christen die gnadenhafte Einheit mit Christus in Glaube, Hoffnung und Liebe zu und spricht gerade auch den anderen kirchlichen Gemeinschaften, trotz der Differenzen im Verständnis und Umfang der Heilsmittel, den Rang eines Mediums des Heils zu (vgl. UR 3). Darum besteht auch auf der Ebene der Sichtbarkeit, besonders im Taufsakrament, noch eine Einheit der Kirche und eine sichtbare Gemeinschaft der Christen untereinander als Glieder des einen Leibes Christi, wenn auch die Communionicht vollständig ist und auf ihre volle sichtbare Einheit in der sakramentalen Kirche hinzielt.

Das katholische Verständnis von Ökumene und Kirchenreform hat weder die Herstellung des status quo ante 1520 im Blick noch kann sie das Paradigma eines geistesgeschichtlich notwendigen Pluralisierungsprozesses akzeptieren, der den status quo der institutionell und bekenntnismäßig verschiedenen Kirchentümer sich zu eigen macht, weil darin ein diametraler Widerspruch zum Willen Christi liegt, in dem die Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität der Kirche, deren Haupt er ist, dauernd gründet. Das Ziel ist nicht versöhnte Verschiedenheit − mit dem Ton auf der bleibenden Verschiedenheit −, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra. Nachdem es die vielfältigen Bande der Einheit zu den nichtkatholischen Kirchen dankbar in Erinnerung gerufen hat, fährt das Konzil fort:

„So erweckt der Geist in allen Jüngern Christi Sehnsucht und Tat, dass alle in der von Christus angeordneten Weise in der einen Herde unter dem einen Hirten in Frieden geeint werden mögen. Um dies zu erlangen, betet, hofft und wirkt die Mutter Kirche unaufhörlich, ermahnt sie ihre Söhne zur Läuterung und Erneuerung, damit das Zeichen Christi auf dem Antlitz der Kirche klarer erstrahle“ (LG 15). Die Heilsmittel außerhalb der sichtbaren Communio dürfen ebenfalls nicht dazu verleiten, die volle Gemeinschaft der sichtbaren, institutionellen Kirche nicht mehr als Ziel der Ökumene zu betrachten – denn die Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nicht erst von Menschen durch Kompromisse und Verhandlungen zu errichten, sondern bereits konkret in der Einheit mit dem Papst und den Bischöfen verwirklicht. Dies betrifft die Vollständigkeit der Heilsmittel, aber nicht das spirituelle und moralische Leben der Katholiken, das in vorbildlicherer Weise bei nichtkatholischen Christen und in ihrer Gemeinschaft gegeben sein kann.

Indem Möhler die menschliche Schuld an der Trennung von Katholiken und Protestanten feststellt, beschwört er das Ziel der Ökumene: die Versöhnung der Christen und die Einheit der Kirche. „Dies ist auch die Stelle, auf welcher einst Katholiken und Protestanten in großen Massen begegnen und die Hände sich reichen werden. Beide müssen schuldbewusst ausrufen: Wir alle haben gesündigt, nur sie ist unbefleckt auf Erden. An dies offene Bekenntnis der gemeinsamen Schuld wird das Versöhnungsfest sich anschließen.“[9]

500 Jahre Reformation und Kirchenspaltung – kein Anlass zum protestantischen Triumphalismus und zur Erneuerung katholischer Inferioritätsgefühle. Bis 2017 sollten wir alle evangelischer und katholischer geworden sein im Sinn gemeinsamer Buße und Versöhnung und der Erneuerung in Christus.

Das ist die Reform der Kirche nicht durch uns, sondern in uns.

 

[1] Vgl. Diarmond MacCulloch, Die Reformation 1490-1700, München 2008.

[2] Vgl. dazu Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009.

[3] Irenäus, Adversus haer. IV,34,1.

[4] Vgl. S.Th I, q. 8 ad 2.

[5] Vgl. Albert Ehrhard, Der Katholizismus und das zwanzigste Jahrhundert im Lichte der kirchlichen Entwicklung der Neuzeit, Stuttgart und Wien 1902.

[6] Martin Luther, De captivitate babylonica: WA 6,560.

[7] Möhler, Symbolik, §48.

[8] Vgl. CA 7, wo unter menschlichen Traditionen nicht sekundäre Ausprägungen verstanden, sondern die katholisch für heilsnotwendig gehaltenen Heilsmittel und die Sakramentalität der Kirche ausgeschlossen werden.

[9] Möhler, Symbolik, §37.

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Kardinal Müller: „Lateinamerika wird gedrängt, die Gender-Ideologie anzunehmen“

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller am 26. Dezember 2016. Foto: CNA/Paul Badde

Vor „dem Druck eines ideologischen Totalitarismus“ auf die Länder Lateinamerikas, der Entwicklungshilfe davon abhängig mache, Abtreibung und Gender-Ideologie zu akzeptieren, hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, gewarnt.

Der kirchliche Würdenträger erhob diese Anklage in einem exklusiven Interview mit der italienischen Ausgabe von CNA, ACI Stampa, anlässlich seines Buches „Benedikt & Franziskus: Ihr Dienst in der Nachfolger Petri“.

„Die Staaten und die Gesellschaft Lateinamerikas sind, wie auch jene in Europa und Nordamerika, unter dem Druck eines neuen ideologischen Totalitarismus, der sich allen Ländern aufzwingen will, indem er die Entwicklungshilfe an die Akzeptanz seiner Postulate koppelt, wie es bei der Gender-Ideologie und dem freien Zugang zur Abtreibung geschieht, die ein Mord ist, der als Recht dargestellt werden soll. Das sind Bedrohungen, die die Fundamente der modernen Staaten schwächen“, mahnte Kardinal Müller.

Er betonte, dass Europa und Lateinamerika jedoch unterschiedliche Charakteristiken besäßen, die es ihnen erlauben würden, auf unterschiedliche Weise auf dieses Phänomen zu reagieren.

„In Europa hat sich die Demokratie besser entwickelt. In Lateinamerika hingegen wird ein Präsident gleichsam wie ein Idol betrachtet, das dazu bestimmt ist, alle Probleme zu lösen. Die Gesellschaft braucht Bildung. Es braucht Personen, die fähig sind, sich um das Gemeinwohl zu kümmern, nicht nur um ihre eigenen Kunden.“

„Andererseits verhindert der Klientelismus manchmal auch im Westen eine gute Entwicklung der Gesellschaft und eine angemessene Beziehung zum Staat. Es ist wichtig, darauf zu bestehen, dass Staat und Gesellschaft nicht [miteinander] identifiziert werden können. Wenn das geschieht, bedeutet es, dass sich ein neuer Totalitarismus bildet“, fügte er hinzu.

Während des Interviews mit CNA erinnerte Kardinal Müller daran, dass es „Aufgabe der Bischöfe und vor allem des Papstes sei, der einen besonderen Auftrag für die Einheit und die Wahrung des Glaubens hat“, die Bedrohungen anzuprangern, die der Gesellschaft von der Verbreitung bestimmter Ideologien totalitären Anspruchs kommen – konkret Ideologien wie die Gender-Theorie – dass es aber auch eine Verkörperung des Naturgesetzes sei.

Im Fall Lateinamerikas, sagte er, sei es nötig, dass die Kirche „ein prophetisches Zeugnis für eine würdige Entwicklung der Strukturen von Staat und Gesellschaft gebe.“

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Erklärung zur Frage der Zulassung der Frauen zum Priesteramt

file -- in this file photo, taken on june 5, 2016, pope francis meets lutheran archbishop antje jackelen, primate of the church of sweden, on the occasion of the canonization ceremony of two new saints, stanislaus of jesus and maria elizabeth hesselblad, at the vatican. pope francis travels to sweden next week to commemorate the split in western christianity 500 years ago. (l'osservatore romano/pool photo via ap);june 5 2016 file photo - pool photo

HL. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

ERKLÄRUNG
ZUR FRAGE DER ZULASSUNG DER FRAUEN
ZUM PRIESTERAMT

EINLEITUNG:

DIE STELLUNG DER FRAU
IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT UND IN DER KIRCHE

 

Zu den besonderen Merkmalen, die unsere Zeit kennzeichnen, zählte Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Pacem in terris vom 11. April 1963 »den Eintritt der Frau in das öffentliche Leben, der vielleicht rascher bei den christlichen Völkern erfolgt und langsamer, jedoch in zunehmendem Umfang auch bei den Völkern anderer Traditionen und Kulturen«.1Ebenso nennt das II. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution Gaudium et spes, wo es die Formen von Diskriminierung in den Grundrechten der Person aufzählt, die überwunden und beseitigt werden müssen, da sie dem Plan Gottes widersprechen, an erster Stelle jene Diskriminierung, die wegen des Geschlechts erfolgt.2 Die Gleichheit, die sich hieraus ergibt, wird dazu führen, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die nicht völlig nivelliert und einförmig, sondern harmonisch und in sich geeint ist, wenn die Männer und die Frauen ihre jeweiligen Veranlagungen und ihren Dynamismus in sie einbringen, wie es Papst Paul VI. erst kürzlich dargelegt hat.3

Im Leben der Kirche selbst haben Frauen, wie die Geschichte bezeugt, einen entscheidenden Beitrag geleistet und bedeutsame Werke vollbracht. Es genügt, an die Gründerinnen der großen Frauenorden zu erinnern, wie die hl. Klara oder die hl. Theresia von Avila. Letztere und die hl. Katharina von Siena haben der Nachwelt so tiefgründige geistliche Schriften hinterlassen, daß Papst Paul VI. sie unter die Zahl der Kirchenlehrer aufgenommen hat. Noch sind jene unzähligen Frauen zu vergessen, die sich dem Herrn geweiht haben, um die tätige Nächstenliebe zu üben oder in den Missionen zu arbeiten, noch die christlichen Mütter, die in ihren Familien einen tiefen Einfluß ausüben und vor allem ihren Kindern den Glauben vermitteln.

Unsere Zeit erhebt jedoch noch höhere Forderungen: »Da heute die Frauen eine immer aktivere Funktion im ganzen Leben der Gesellschaft ausüben, ist es von großer Wichtigkeit, daß sie auch an den verschiedenen Bereichen des Apostolates der Kirche wachsenden Anteil nehmen«.4 Dieser Hinweis des II. Vatikanischen Konzils hat bereits eine entsprechende Entwicklung in die Wege geleitet: die verschiedenen Erfahrungen müssen natürlich noch reifen. Sehr zahlreich sind jedoch schon, wie Papst Paul VI. noch bemerkt hat,5 die christlichen Gemeinschaften, denen der apostolische Einsatz der Frauen sehr zum Nutzen gereicht. Einige von diesen Frauen wurden als Mitglieder in die Gremien für die pastorale Planung sowohl auf diözesaner wie pfarrlicher Ebene berufen. Auch der Heilige Stuhl hat in einige Ämter der Kurie Frauen aufgenommen.

Nun haben seit einigen Jahren mehrere christliche Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jh. oder der nachfolgenden Zeit hervorgegangen sind, auch Frauen in der gleichen Weise wie Männern den Zugang zum pastoralen Dienst eröffnet. Ihre Initiative hatte von Seiten der Mitglieder dieser Gemeinschaften oder ähnlicher Gruppen Forderungen und Veröffentlichungen zur Folge, die darauf abzielen, diese Zulassung auszuweiten, ebenso aber auch Reaktionen im entgegengesetzten Sinn. Diese Frage stellt also ein ökumenisches Problem dar, zu dem die katholische Kirche ihre Auffassung darlegen muß, und das umso mehr, als man sich in verschiedenen Bereichen der öffentlichen Meinung die Frage gestellt hat, ob die Kirche nicht auch ihrerseits ihre Praxis ändern und Frauen zur Priesterweihe zulassen sollte. Sogar mehrere katholische Theologen haben diese Frage offen gestellt und so zu Untersuchungen nicht nur im Bereich der Exegese, der Patristik und der Kirchengeschichte, sondern auch auf dem Gebiet der geschichtlichen Erforschung der Institutionen und Gebräuche, der Soziologie und der Psychologie angeregt. Die verschiedenen Argumente, die zur Klärung dieses bedeutsamen Problems beitragen können, sind einer kritischen Prüfung unterzogen worden. Da es sich hierbei aber um eine Diskussion handelt, der die klassische Theologie kaum größere Aufmerksamkeit geschenkt hat, läuft die gegenwärtige Argumentation leicht Gefahr, einige wesentliche Elemente zu vernachlässigen.

Aus diesen Gründen erachtet es die Kongregation für die Glaubenslehre in Erfüllung eines Auftrags, den sie vom Heiligen Vater erhalten hat, und als Antwort auf die von ihm in seinem Schreiben vom 30. November 1975 gemachten Erklärung6 als ihre Pflicht, erneut festzustellen: Die Kirche hält sich aus Treue zum Vorbild ihres Herrn nicht dazu berechtigt, die Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Gleichzeitig ist die Kongregation der Meinung, daß es in der gegenwärtigen Situation nützlich ist, diese Haltung der Kirche näher zu erklären, da sie von einigen vielleicht mit Bedauern zur Kenntnis genommen werden wird. Auf längere Sicht dürfte jedoch ihr positiver Wert ersichtlich werden, da sie dazu beitragen könnte, die jeweilige Sendung von Mann und Frau tiefer zu erfassen.

1.

DIE TATSACHE DER TRADITION

Niemals ist die katholische Kirche der Auffassung gewesen, daß die Frauen gültig die Priester- oder Bischofsweihe empfangen könnten. Einige häretische Sekten der ersten Jahrhunderte, vor allem gnostische, haben das Priesteramt von Frauen ausüben lassen wollen. Die Kirchenväter haben jedoch sogleich auf diese Neuerung hingewiesen und sie getadelt, da sie sie als für die Kirche unannehmbar ansahen.7 Es ist wahr, daß man in ihren Schriften den unleugbaren Einfluß von Vorurteilen findet, die sich gegen die Frau richten, die sich aber – was ebenfalls festzustellen ist – kaum auf ihre pastorale Tätigkeit und noch weniger auf ihre geistliche Führung ausgewirkt haben. Neben diesen durch den Geist der Zeit beeinflußten Überlegungen findet man, vor allem in den kirchenrechtlichen Werken der antiochenischen und ägyptischen Tradition, als wesentliches Motiv dafür angeführt, daß die Kirche, indem sie nur Männer zur Weihe und zum eigentlichen priesterlichen Dienst beruft, jenem Urbild des Priesteramtes treu zu bleiben sucht, das der Herr Jesus Christus gewollt und die Apostel gewissenhaft bewahrt haben.8

Dieselbe Überzeugung bestimmt auch die mittelalterliche Theologie,9 obgleich die scholastischen Theologen, wenn sie die Glaubenswahrheiten durch die Vernunft zu erklären suchen, zu dieser Frage oft Argumente anführen, die das moderne Denken nur schwerlich gelten läßt oder sogar mit Recht zurückweist. Seither ist diese Frage bis in unsere Zeit sozusagen nicht mehr erörtert worden, da die geltende Praxis von einer bereitwilligen und allgemeinen Zustimmung getragen wurde.

Die Tradition der Kirche ist also in diesem Punkt durch die Jahrhunderte hindurch so sicher gewesen, daß das Lehramt niemals einzuschreiten brauchte, um einen Grundsatz zu bekräftigen, der nicht bekämpft wurde, oder ein Gesetz zu verteidigen, das man nicht in Frage stellte. Jedesmal aber, wenn diese Tradition Gelegenheit hatte, deutlicher in Erscheinung zu treten, bezeugte sie den Willen der Kirche, dem ihr vom Herrn gegebenen Beispiel zu folgen.

Dieselbe Tradition ist auch von den Ostkirchen treu bewahrt worden. Ihre Einmütigkeit in diesem Punkt ist umso bemerkenswerter, als ihre Kirchenordnung in vielen anderen Fragen eine große Verschiedenheit zuläßt. Auch diese Kirchen lehnen es heute ab, sich jenen Forderungen anzuschließen, die den Frauen den Zugang zur Priesterweihe eröffnen möchten.

2.

DAS VERHALTEN CHRISTI

Jesus Christus hat keine Frau unter die Zahl der Zwölf berufen. Wenn er so gehandelt hat, dann tat er das nicht etwa deshalb, um sich den Gewohnheiten seiner Zeit anzupassen, denn sein Verhalten gegenüber den Frauen unterscheidet sich in einzigartiger Weise von dem seiner Umwelt und stellt einen absichtlichen und mutigen Bruch mit ihr dar.

So spricht er zur großen Verwunderung seiner eigenen Jünger öffentlich mit der Samariterin (vgl. Joh 4, 27); er beachtet nicht die gesetzliche Unreinheit der blutflüssigen Frau (vgl. Mt9, 20-22); er läßt sich im Hause des Pharisäers Simon von einer Sünderin berühren (vgl. Lk7, 37 ff.); indem er der Ehebrecherin verzeiht, möchte er zeigen, daß man mit der Verfehlung einer Frau nicht strenger verfahren darf, als mit der von Männern (vgl. Joh 8, 11); ferner zögert er nicht, sich vom Gesetz des Moses zu distanzieren, um die Gleichheit der Rechte und Pflichten von Mann und Frau hinsichtlich des Ehebandes zu bekräftigen (vgl. Mk 10, 2-11; Mt 19, 3-9).

Auf seinen Wanderpredigten ließ Jesus sich nicht nur von den Zwölf begleiten, sondern auch von einer Gruppe von Frauen: »Maria, genannt Maria aus Magdala, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren, Johanna, die Frau des Chuzas, eines Bekannten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen« (Lk 8, 2-3). Im Gegensatz zur jüdischen Mentalität, die dem Zeugnis von Frauen keinen großen Wert zuerkannte, wie es das jüdische Gesetz bezeugt, waren es dennoch Frauen, die als erste den auferstandenen Christus sehen durften und von Jesus den Auftrag erhielten, die erste österliche Botschaft sogar den Aposteln mitzuteilen (vgl. Mt 28, 7-10; Lk 24, 9-10; Joh 20, 11-18), um sie darauf vorzubereiten, später selbst die offiziellen Zeugen der Auferstehung zu werden.

Gewiß, diese Feststellungen bieten keine unmittelbare Evidenz. Man sollte sich darüber aber nicht wundern, denn die Fragen, die sich aus dem Worte Gottes ergeben, übersteigen die Evidenz. Um den letzten Sinn der Sendung Jesu und den der Schrift zu verstehen, kann die rein historische Exegese der Texte nicht genügen. Man muß jedoch anerkennen, daß es hier eine Anzahl von konvergierenden Fakten gibt, die die bemerkenswerte Tatsache unterstreichen, daß Jesus den Auftrag der Zwölf keinen Frauen anvertraut hat.10 Nicht einmal seine Mutter, die so eng mit seinem Geheimnis verbunden ist und deren erhabene Funktion in den Evangelien von Lukas und Johannes hervorgehoben wird, war mit dem apostolischen Amt betraut. Das veranlaßt die Kirchenväter, sie als das Beispiel für den Willen Christi in dieser Frage hinzustellen. Dieselbe Lehre hat noch am Anfang des 13. Jh. Papst Innozenz III. wiederholt, indem er schrieb: »Obwohl die allerseligste Jungfrau Maria alle Apostel an Würde und Erhabenheit übertroffen hat, hat der Herr nicht ihr, sondern jenen die Schlüssel des Himmelreiches anvertraut«.11

3.

DIE HANDLUNGSWEISE DER APOSTEL

Die apostolische Gemeinde ist dem Verhalten Jesu Christi treu geblieben. Obgleich Maria im engen Kreis derer, die sich nach der Himmelfahrt im Abendmahlssaal versammelten, einen bevorzugten Platz einnahm (vgl. Apg 1, 14), war nicht sie es, die man in das Kollegium der Zwölf berief, sondern man schritt zur Wahl, die dann auf Matthias fiel. Aufgestellt wurden zwei Jünger, die in den Evangelien nicht einmal erwähnt werden.

Am Pfingsttag ist der Heilige Geist auf alle her abgekommen, auf Männer und Frauen (vgl. Apg 2, 1; 1, 14), und dennoch waren es nur »Petrus zusammen mit den Elf«, die die Stimme erhoben und verkündeten, daß in Jesus die Propheten erfüllt sind (Apg 2, 14).

Als diese und Paulus die Grenzen der jüdischen Welt überschritten, haben die Verkündigung des Evangeliums und das christliche Leben in der griechisch-römischen Zivilisation sie veranlaßt, mitunter sogar auf schmerzliche Weise mit der Beobachtung des mosaischen Gesetzes zu brechen. Sie hätten also auch daran denken können, Frauen die Weihe zu erteilen, wenn sie nicht davon überzeugt gewesen wären, in diesem Punkt dem Herrn die Treue wahren zu müssen. In der hellenistischen Welt waren mehrere Kulte der heidnischen Gottheiten Priesterinnen anvertraut. Die Griechen teilten nämlich nicht die jüdischen Vorstellungen. Wenn auch die Philosophen die Frau als minderwertiger beurteilten, so weisen die Geschichtsexperten doch während der römischen Kaiserzeit auch die Existenz einer gewissen Bewegung nach, die sich um die Förderung der Frau bemühte. In der Tat stellen wir auch in der Apostelgeschichte und in den Briefen des hl. Paulus fest, daß die Frauen bei der Verkündigung des Evangeliums mit den Aposteln zusammenarbeiteten (vgl. Röm 16, 3-12; Phil 4, 3); er nennt mit Freude ihre Namen in den abschließenden Gruß werten seiner Briefe; einige von ihnen üben häufig einen bedeutenden Einfluß bei den Bekehrungen aus: Priscilla, Lydia und andere; Priscilla vor allem, die sich darum bemühte, die Glaubensunterweisung des Apollo noch weiter zu vervollkommnen (vgl. Apg 18, 26); Phöbe steht im Dienst der Gemeinde Kenchreä (vgl. Röm 16, 1). All diese Tatsachen offenbaren in der Kirche zur Zeit der Apostel einen beachtlichen Fortschritt im Vergleich zu den Sitten des Judentums. Und dennoch hat man niemals daran gedacht, diesen Frauen die Weihe zu erteilen.

In den paulinischen Briefen haben anerkannte Exegeten einen Unterschied zwischen zwei Redeweisen des Apostels festgestellt: er spricht unterschiedslos von »meinen Mitarbeitern« (Röm 16, 3; Phil 4, 2-3) hinsichtlich der Männer und Frauen, die ihm auf die eine oder andere Weise in seiner apostolischen Arbeit helfen; dagegen reserviert er die Bezeichnung »Mitarbeiter Gottes« (1 Kor 3, 9; vgl. 1 Thess 3, 2) für Apollo, Timotheus und sich selbst, Paulus; sie werden so bezeichnet, weil sie direkt zum apostolischen Amt und zur Verkündigung des Gotteswortes berufen sind. Obgleich die Frauen am Tag der Auferstehung eine bedeutsame Aufgabe zu erfüllen hatten, geht ihre Mitarbeit für den hl. Paulus nicht bis zur offiziellen und öffentlichen Verkündigung der Frohbotschaft, die exklusiv der apostolischen Sendung vorbehalten bleibt.

4.

DIE BLEIBENDE BEDEUTUNG DER VERHALTENSWEISE
JESU UND DER APOSTEL

Könnte sich die Kirche nicht von dieser Verhaltensweise Jesu und der Apostel, die zwar durch die ganze Tradition bis in unsere Tage als Norm angesehen worden ist, heute eventuell entfernen? Man hat zugunsten einer positiven Beantwortung dieser Frage verschiedene Argumente vorgebracht, die es nun zu prüfen gilt.

Man hat vor allem behauptet, daß das Verhalten Jesu und der Apostel sich durch den Einfluß ihres Milieus und ihrer Zeit erklären ließe. Wenn Jesus, so sagt man, weder den Frauen noch seiner eigenen Mutter ein Amt übertragen hat, das sie den Zwölfen zuordnete, so liegt der Grund darin, daß die historischen Umstände es ihm nicht gestatteten. Keiner hat indes jemals bewiesen, und es ist auch nicht möglich nachzuweisen, daß dieses Verhalten sich allein an soziologisch-kulturellen Motiven orientiert. Die Nachforschungen in den Evangelien ergeben, wie wir oben gesehen haben, gerade das Gegenteil, daß nämlich Jesus mit den Vorurteilen seiner Zeit gebrochen hat, indem er den konkreten Formen der Diskriminierung der Frauen entschlossen entgegengetreten ist. Man kann also nicht behaupten, daß Jesus sich einfach von Opportunitätsgründen habe leiten lassen, wenn er keine Frauen in die Gruppe der Apostel aufgenommen habe. Noch weniger hätten diese soziologisch-kulturellen Bedingungen die Apostel im griechischen Milieu davon zurückhalten können, wo diese Diskriminierungen nicht existierten.

Einen weiteren Einwand leitet man von dem zeitbedingten Charakter her, den man heute in einigen Vorschriften des hl. Paulus für die Frauen und in den Schwierigkeiten, die sich diesbezüglich aus einigen Aspekten seiner Lehre ergeben, zu erkennen glaubt. Man muß jedoch dagegen feststellen, daß diese Vorschriften, die wahrscheinlich durch die Sitten seiner Zeit beeinflußt sind, sich fast nur auf disziplinare Praktiken von geringer Bedeutung beziehen, wie z.B. die den Frauen auferlegte Verpflichtung, einen Schleier zu tragen (vgl. 1Kor 11, 2-16); diese Forderungen haben natürlich keinen normativen Wert mehr. Das Verbot des Apostels jedoch, daß Frauen in der Versammlung nicht »sprechen« dürfen (vgl. 1 Kor 14, 34-35; 1 Tim 2, 12), ist anderer Natur. Die Exegeten erklären seine richtige Bedeutung: Paulus widersetzt sich keineswegs dem Recht, in der Versammlung prophetisch zu reden, was er den Frauen übrigens ausdrücklich zuerkennt (vgl. 1 Kor 11, 5); das Verbot bezieht sich ausschließlich auf die offizielle Funktion, in der christlichen Versammlung zu lehren. Diese Vorschrift ist für den hl. Paulus mit dem göttlichen Schöpfungsplan verbunden (vgl. 1 Kor 11, 7; Gen 2, 18-24); man könnte sie nur schwerlich als Ausdruck der kulturellen Verhältnisse ansehen. Ferner darf nicht vergessen werden, daß wir dem hl. Paulus einen jener Texte verdanken, in denen im Neuen Testament mit größtem Nachdruck die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau als Kinder Gottes in Christus unterstrichen wird (vgl. Gal 3, 28). Es besteht also kein Grund, ihn unfreundlicher Vorurteile gegenüber den Frauen anzuklagen, wenn man das Vertrauen beachtet, das er ihnen entgegenbringt, und die Mitarbeit, die er von ihnen für seine apostolische Tätigkeit erbittet.

Außer diesen Einwänden, die man aus der Geschichte der apostolischen Zeit entnimmt, gibt es andere, die für eine berechtigte Entwicklung in dieser Frage eintreten und als Argument dafür auf die Praxis hinweisen, die die Kirche hinsichtlich der Riten der Sakramente befolgt hat. Man hat hervorheben können, wie sehr die Kirche gerade in unserer Zeit darum weiß, daß sie über die Sakramente, obgleich sie von Christus eingesetzt worden sind, eine gewisse Verfügungsgewalt besitzt. Sie bedient sich ihrer im Lauf der Jahrhunderte, um für diese das äußere Zeichen und die Bedingungen der Spendung genauer zu bestimmen: die jüngsten Entscheidungen der Päpste Pius XII. und Paul VI. sind ein Beweis dafür.12 Doch muß betont werden, daß diese Gewalt, die tatsächlich besteht, begrenzt ist. Pius XII. hat daran erinnert, als er schrieb: »Die Kirche hat keine Gewalt über die Substanz der Sakramente, d.h. über alles, von dem Christus nach dem Zeugnis der Quellen der Offenbarung gewollt hat, daß es im sakramentalen Zeichen erhalten bleibt«,13 Dies war auch schon die Lehre des Trienter Konzils: »Stets hatte die Kirche die Vollmacht, in der Spendung der Sakramente unter Beibehaltung ihres Wesens Bestimmungen oder Abänderungen zu treffen, die, entsprechend dem Wechsel von Verhältnissen, Zeit und Ort, das Seelenheil der Empfänger oder die Ehrfurcht vor den Sakramenten förderten«.14

Anderseits darf nicht vergessen werden, daß die sakramentalen Zeichen keine konventionellen Zeichen sind; und selbst wenn es zutrifft, daß sie unter bestimmten Aspekten natürliche Zeichen sind, weil sie der tiefen Symbolik der Gesten und Dinge entsprechen, so sind sie doch mehr als das: sie sind vor allem dafür bestimmt, den Menschen einer jeden Epoche mit dem erhabensten Geschehen der Heilsgeschichte in Verbindung zu bringen, ihm durch den ganzen Reichtum der Pädagogik und der Symbolik der Bibel die Erkenntnis der Gnade zu vermitteln, die sie bezeichnen und bewirken. So ist das Sakrament der Eucharistie nicht nur ein brüderliches Mahl, sondern zugleich auch die Gedächtnisfeier, die das Opfer Christi und seine Hingabe durch die Kirche vergegenwärtigt und wirksam macht; das Priesteramt ist nicht ein einfacher pastoraler Dienst, sondern gewährleistet die Kontinuität jener Funktionen, die Christus den Zwölfen übertragen hat, und der Gewalten, die sich darauf beziehen. Die Angleichung an bestimmte Zivilisationen und Epochen kann also nicht, was die wesentlichen Elemente betrifft, ihre sakramentale Bezogenheit auf die grundlegenden Ereignisse des Christentums und auf Christus selbst abschaffen.

Es ist letztlich die Kirche, die durch die Stimme ihres Lehramtes in diesen verschiedenen Bereichen die richtige Unterscheidung zwischen den wandelbaren und den unwandelbaren Elementen gewährleistet. Wenn sie gewisse Änderungen nicht übernehmen zu können glaubt, so geschieht es deshalb, weil sie sich durch die Handlungsweise Christi gebunden weiß: ihre Haltung ist also entgegen allem Anschein nicht eine Art Archaismus, sondern Treue. Nur in diesem einen Licht kann sie sich selbst richtig verstehen. Die Kirche fällt ihre Entscheidungen kraft der Verheißung des Herrn und der Gegenwart des Heiligen Geistes, und zwar stets in der Absicht, das Geheimnis Christi noch besser zu verkünden und dessen Reichtum unversehrt zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen.

Diese Praxis der Kirche erhält also einen normativen Charakter: in der Tatsache, daß sie nur Männern die Priesterweihe erteilt, bewahrt sich eine Tradition, die durch die Jahrhunderte konstant geblieben und im Orient wie im Okzident allgemein anerkannt ist, stets darauf bedacht, Mißbräuche sogleich zu beseitigen. Diese Norm, die sich auf das Beispiel Christi stützt, wird befolgt, weil sie als übereinstimmend mit dem Plan Gottes für seine Kirche angesehen wird.

5.

DAS PRIESTERAMT IM LICHTE DES GEHEIMNISSES CHRISTI

Nachdem die Norm der Kirche und ihre Grundlagen in Erinnerung gebracht worden sind, scheint es nützlich und angemessen zu sein, sie noch weiter zu erläutern. Dabei soll nun die tiefe Übereinstimmung aufgezeigt werden, die die theologische Reflexion zwischen der dem Weihesakrament eigenen Natur – mit ihrem besonderen Bezug auf das Geheimnis Christi – und der Tatsache, daß nur Männer zum Empfang der Priesterweihe berufen werden, feststellt. Es geht hierbei nicht darum, einen stringenten Beweis zu erbringen, sondern diese Lehre durch die Analogie des Glaubens zu erhellen.

Die konstante Lehre der Kirche, die das II. Vatikanische Konzil erneut bekräftigt und präzisiert hat und die auch durch die Bischofssynode von 1971 und durch diese Kongregation für die Glaubenslehre in ihrer Erklärung vom 24. Juni 1973 vorgetragen worden ist, bekennt, daß der Bischof oder der Priester bei der Ausübung seines Amtes nicht in eigener Person, in persona proprio, handelt: er repräsentiert Christus, der durch ihn handelt. »Der Priester waltet wirklich an Christi statt«, schreibt wörtlich schon der hl. Cyprian im 3. Jahrhundert.15 Diese Eigenschaft, Christus zu repräsentieren, ist es, die der hl. Paulus als charakteristisch für seine apostolische Tätigkeit betrachtet (vgl. 2 Kor 5, 20; Gal4, 14). Sie erreicht ihren höchsten Ausdruck in der Feier der Eucharistie, die die Quelle und der Mittelpunkt der Einheit der Kirche ist, das Opfermahl, in dem sich das Volk Gottes mit dem Opfer Christi vereint. Der Priester, der allein die Vollmacht hat, die Eucharistiefeier zu vollziehen, handelt also nicht nur kraft der ihm von Christus übertragenen Amtsgewalt, sondern in persona Christi,16 indem er die Stelle Christi einnimmt und sogar sein Abbild wird, wenn er die Wandlungsworte spricht.17

Das christliche Priesteramt ist also sakramentaler Natur: der Priester ist ein Zeichen, dessen übernatürliche Wirksamkeit sich aus der empfangenen Weihe herleitet, ein Zeichen aber, das wahrnehmbar sein muß18 und von den Gläubigen auch leicht verstanden werden soll. Die Ökonomie der Sakramente ist in der Tat auf natürlichen Zeichen begründet, auf Symbolen, die in die menschliche Psychologie eingeschrieben sind: »Die sakramentalen Zeichen«, sagt der hl. Thomas, »repräsentieren das, was sie bezeichnen, durch eine natürliche Ähnlichkeit«.19 Dasselbe Gesetz der Ähnlichkeit gilt ebenso für die Personen wie für die Dinge: wenn die Stellung und Funktion Christi in der Eucharistie sakramental dargestellt werden soll, so liegt diese »natürliche Ähnlichkeit«, die zwischen Christus und seinem Diener bestehen muß, nicht vor, wenn die Stelle Christi dabei nicht von einem Mann vertreten wird: andernfalls würde man in ihm nur schwerlich das Abbild Christi erblicken. Christus selbst war und bleibt nämlich ein Mann.

Gewiß, Christus ist der Erstgeborene der ganzen Schöpfung, der Frauen ebenso wie der Männer: die Einheit, die er nach dem Sündenfall wiederherstellt, ist derart, das es nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau gibt; denn alle sind eins in Christus Jesus (vgl. Gal 3, 28). Nichtsdestoweniger ist die Menschwerdung des Wortes in der Form des männlichen Geschlechtes erfolgt. Dies ist natürlich eine Tatsachenfrage; doch ist diese Tatsache, ohne daß sie im geringsten eine vermeintliche natürliche Überordnung des Mannes über die Frau beinhaltet, unlösbar mit der Heilsökonomie verbunden: sie steht in der Tat im Einklang mit dem Gesamtplan Gottes, wie er selbst ihn geoffenbart hat und dessen Mittelpunkt das Geheimnis des Bundes ist.

Das Heil, das von Gott den Menschen angeboten wird, die Gemeinschaft, zu der sie mit ihm berufen sind, mit einem Wort der Bund, wird schon von den Propheten des Alten Testaments mit Vorliebe unter dem Bild eines geheimnisvollen Brautverhältnisses beschrieben: das erwählte Volk wird für Gott zur innig geliebten Braut; die jüdische wie die christliche Tradition haben die Tiefe dieser innigen Liebe erkannt, indem man immer wieder das Hohelied der Liebe gelesen hat; der göttliche Bräutigam bleibt treu, selbst dann, wenn die Braut seine Liebe verrät, d.h. wenn Israel Gott gegenüber untreu wird (vgl. Hos 1-3; Jer 2). Als die »Fülle der Zeit« (Gal 4, 4) kam, hat das Wort, der Sohn Gottes, Fleisch angenommen, um in seinem Blut, das für die vielen zur Vergebung der Sünden vergossen wird, den neuen und ewigen Bund zu beginnen und zu besiegeln: sein Tod wird erneut die zerstreuten Kinder Gottes versammeln; aus seiner durchbohrten Seite wird die Kirche geboren, wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde. Jetzt erst verwirklicht sich vollkommen und endgültig das bräutliche Geheimnis, das im Alten Testament angekündigt und besungen worden ist: Christus ist der Bräutigam; die Kirche ist seine Braut, die er liebt, da er sie durch sein Blut erworben und sie lobwürdig, heilig und ohne Makel gestaltet hat und mit ihr nunmehr untrennbar verbunden ist. Das Brautthema, das sich von den Briefen des hl. Paulus (vgl. 2 Kor 11, 2; Eph 5, 22-33) bis zu den Schriften des hl. Johannes entfaltet (vgl. vor allem Joh 3, 29; Offb 19, 7 u. 9), ist auch in den synoptischen Evangelien anzutreffen: solange der Bräutigam unter ihnen weilt, dürfen seine Freunde nicht fasten (vgl. Mk 2, 19); das Himmelreich ist zu vergleichen mit einem König, der für seinen Sohn ein Hochzeitsfest veranstaltet (vgl. Mt 22, 1-14). Durch diese Sprache der Schrift, die ganz von Symbolen durchdrungen ist und den Mann und die Frau in ihrer tiefen Identität zum Ausdruck bringt und erfaßt, wird uns das Geheimnis Gottes und Christi geoffenbart, ein Geheimnis, daß in sich unergründlich ist.

Das ist auch der Grund, warum man nicht die Tatsache vernachlässigen kann, daß Christus ein Mann ist. Um die Bedeutung dieser Symbolik für die Ökonomie der Offenbarung gebührend zu berücksichtigen, muß man daher einräumen, daß in den Funktionen, die den Weihecharakter erfordern und wo Christus selbst, der Urheber des Bundes, der Bräutigam und das Haupt der Kirche, in der Ausübung seiner Heilssendung repräsentiert wird – was im höchsten Maße in der Eucharistie geschieht – seine Rolle von einem Mann verkörpert wird (das ist der eigentliche Sinn des Wortes persona). Das gründet bei diesem letzteren nicht in irgendeiner persönlichen höheren Würde in der Wertordnung, sondern ergibt sich allein aus einer faktischen Verschiedenheit in der Verteilung der Aufgaben und Dienste.

Könnte man vielleicht dagegen einwenden, daß es nun, da Christus in seiner himmlischen Seinsweise lebt, gleichgültig sei, ob er fortan von einem Mann oder von einer Frau repräsentiert wird, da man ja »im Zustand der Auferstehung nicht mehr heiratet« (Mt 22, 30)? Dieser Text bedeutet jedoch nicht, daß der Unterschied von Mann und Frau, insofern er die Identität der Person bestimmt, in der ewigen Herrlichkeit aufgehoben wäre. Das gilt für Christus ebenso wie für uns. Es ist offensichtlich, daß der geschlechtliche Unterschied in der menschlichen Natur einen bedeutenden Einfluß ausübt, mehr noch als z. B. die ethnischen Unterschiede: diese berühren die menschliche Person nicht so tief wie der Unterschied der Geschlechter, der direkt auf die Gemeinschaft zwischen den Personen sowie auf die menschliche Fortpflanzung hingeordnet ist und in der biblischen Offenbarung einem ursprünglichen Willensentscheid Gottes zugeschrieben wird: »Als Mann und Weib schuf er sie« (Gen 1, 27).

Es mag einer ferner einwenden, daß der Priester, vor allem wenn er bei den liturgischen und sakramentalen Handlungen den Vorsitz führt, in gleicher Weise die Kirche repräsentiert: er handelt in ihrem Namen, mit der Intention »zu tun, was sie tut«. In diesem Sinn sagten die mittelalterlichen Theologen, daß der Priester auch in persona Ecclesiae handle, d. h. im Namen der ganzen Kirche und um sie zu repräsentieren. Welches auch immer die Teilnahme der Gläubigen an der liturgischen Handlung sein mag, es ist in der Tat der Priester, der sie im Namen der ganzen Kirche vollzieht: er betet im Namen aller; er opfert in der Messe das Opfer der ganzen Kirche: im neuen Ostermahl wird Christus von der Kirche durch die Priester unter sichtbaren Zeichen geopfert.20 Da der Priester also auch die Kirche repräsentiert, könnte man sich da nicht denken, daß diese Repräsentation entsprechend der schon dargelegten Symbolik auch von einer Frau vorgenommen wird? Es ist wahr, daß der Priester die Kirche repräsentiert, die der Leib Christi ist. Er tut das jedoch gerade deshalb, weil er zuvor Christus selbst repräsentiert, der das Haupt und der Hirt der Kirche ist. So sagt es das II. Vatikanische Konzil,21 wodurch es den Ausdruck in persona Christi genauer bestimmt und ergänzt. In dieser Eigenschaft führt der Priester in der christlichen Versammlung den Vorsitz und feiert er das eucharistische Opfer, »das die ganze Kirche aufopfert und in dem sie auch sich selbst ganz als Opfer darbringt«.22

Wenn man diesen Überlegungen die gebührende Bedeutung beimißt, wird man besser erkennen, wie gut begründet die geltende Praxis der Kirche ist. Durch die Diskussion, die in unseren Tagen um die Priesterweihe der Frau entstanden ist, sollten sich alle Christen eindringlich dazu aufgerufen fühlen, die Natur und die Bedeutung des Bischofs- und Priesteramtes tiefer zu erforschen und die authentische Stellung des Priesters in der Gemeinschaft der Getauften wiederzuentdecken, der er selbst als Glied angehört, von der er sich aber auch unterscheidet. Denn in den Handlungen, die den Weihecharakter erfordern, ist er für sie mit der ganzen Wirksamkeit, die dem Sakrament innewohnt, das Abbild und Zeichen Christi selbst, der zusammenruft, von Sünden losspricht und das Opfer des Bundes vollzieht.

6.

DAS PRIESTERAMT IM GEHEIMNIS DER KIRCHE

Es ist vielleicht nützlich daran zu erinnern, daß die Probleme der Ekklesiologie und der Sakramententheologie, besonders wenn sie – wie im hier vorliegenden Fall – das Priestertum betreffen, ihre Lösung nur im Licht der Offenbarung finden können. Die menschlichen Wissen­schaften, so wertvoll ihr Beitrag in ihrem jeweiligen Bereich auch sein mag, können hier nicht genügen, denn sie vermögen die Wirklichkeiten des Glaubens nicht zu erfassen: was hiervon im eigentlichen Sinn übernatürlich ist, entzieht sich ihrer Zuständigkeit.

Ebenso deutlich muß hervorgehoben werden, wie sehr die Kirche eine Gesellschaft ist, die von anderen Gesellschaften verschieden ist; sie ist einzigartig in ihrer Natur und in ihren Strukturen. Der pastorale Auftrag ist in der Kirche gewöhnlich an das Weihesakrament gebunden: es ist nicht eine einfache Leitung, die mit den verschiedenen Formen der Autoritätsausübung im Staat vergleichbar wäre. Er wird nicht nach dem freiem Belieben der Menschen übertragen. Wenn er auch eine Designierung nach Art einer Wahl miteinschließt, so sind es doch die Handauflegung und das Gebet der Nachfolger der Apostel, die die Erwählung durch Gott verbürgen. Der Heilige Geist ist es, der durch die Weihe Anteil gibt an der Leitungsgewalt Christi, des obersten Hirten (vgl. Apg 20, 28). Es ist ein Auftrag zum Dienst und zur Liebe: »Wenn du mich liebst, weide meine Schafe« (vgl. Joh 21, 15-17).

Aus diesem Grund ist nicht einzusehen, wie man den Zugang der Frau zum Priestertum aufgrund der Gleichheit der Rechte der menschlichen Person fordern kann, die auch für die Christen gelte. Man beruft sich zu diesem Zweck mitunter auf die früher schon zitierte Stelle aus dem Galaterbrief (3, 28), nach der in Christus zwischen Mann und Frau kein Unterschied mehr besteht. Doch bezieht sich dieser Text keinesfalls auf die Ämter der Kirche. Er bekräftigt nur die universelle Berufung zur Gotteskindschaft, die für alle die gleiche ist. Anderseits mißversteht derjenige vor allem völlig die Natur des Priesteramtes, der es als ein Recht betrachtet: die Taufe verleiht kein persönliches Anrecht auf ein öffentliches Amt in der Kirche. Das Priestertum wird nicht zur Ehre oder zum Nutzen dessen übertragen, der es empfängt, sondern zum Dienst für Gott und die Kirche. Es ist die Frucht einer ausdrücklichen und gänzlich unverdienten Berufung: »Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt« (Joh 15, 16; vgl. Hebr 5, 4).

Man sagt und schreibt ferner mitunter in Büchern oder Zeitschriften, daß einige Frauen in sich eine Berufung zum Priestertum verspüren. Ein solches Empfinden, so edel und verständlich es auch sein mag, stellt noch keine Berufung dar. Diese läßt sich nämlich nicht auf eine persönliche Neigung reduzieren, die rein subjektiv bleiben könnte. Da das Priestertum ein besonderes Amt ist, von dem die Kirche die Verantwortung und Verwaltung empfangen hat, ist hier die Bestätigung durch die Kirche unerläßlich: diese bildet einen wesentlichen Bestandteil der Berufung; denn Christus erwählte die, »die er wollte« (Mk 3, 13). Hingegen gibt es eine universelle Berufung aller Getauften zur Ausübung des königlichen Priestertums, indem sie Gott ihr Leben aufopfern und zur Ehre Gottes Zeugnis ablegen.

Die Frauen, die für sich das Priesteramt erbitten, sind sicher von dem Wunsch beseelt, Christus und der Kirche zu dienen. Und es überrascht nicht, daß in dem Augenblick, da die Frauen der Diskriminierungen bewußt werden, denen sie bisher ausgesetzt gewesen sind, einige von ihnen dazu veranlaßt werden, sogar das Priesteramt für sich zu erstreben. Man darf jedoch nicht vergessen, daß das Priestertum nicht zu den Rechten der menschlichen Person gehört, sondern sich aus der Ökonomie des Geheimnisses Christi und der Kirche herleitet. Die Sendung des Priesters ist keine Funktion, die man zur Hebung seiner sozialen Stellung erlangen könnte. Kein rein menschlicher Fortschritt der Gesellschaft oder der menschlichen Person kann von sich aus den Zugang dazu eröffnen, da diese Sendung einer anderen Ordnung angehört.

Es bleibt uns also nun noch die wahre Natur dieser Gleichheit der Getauften tiefer zu bedenken, die eine der bedeutendsten Lehren des Christentums darstellt: Gleichheit ist nicht gleich Identität, da die Kirche ein vielgestaltiger Leib ist, in dem ein jeder seine Aufgabe hat. Die Aufgaben sind aber verschieden und dürfen deshalb nicht vermischt werden. Sie begründen keine Überlegenheit der einen über die andern und bieten auch keinen Vorwand für Eifersucht. Das einzige höhere Charisma, das sehnlichst erstrebt werden darf und soll, ist die Liebe (vgl. 1 Kor 12-13). Die Größten im Himmelreich sind nicht die Amtsdiener, sondern die Heiligen.

Die Kirche wünscht, daß die christlichen Frauen sich der Größe ihrer Sendung voll bewußt werden. Ihre Aufgabe ist heute von höchster Bedeutung sowohl für die Erneuerung und Vermenschlichung der Gesellschaft als auch dafür, daß die Gläubigen das wahre Antlitz der Kirche wieder neuentdecken.

Seine Heiligkeit Papst Paul VI. hat diese Erklärung in der am 15. Oktober 1976 dem unterzeichneten Präfekten der Kongregation gewährten Audienz approbiert, bekräftigt und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, bei der Kongregation für die Glaubenslehre, am 15. Oktober 1976, dem Fest der hl. Theresia von Avila.

 

Franjo Card. Šeper
Präfekt

 

+ Fr. Jérôme Hamer, O.P
Titularerzbischof von Lorium
Sekretär

 

1 AAS 55 (1963), S. 267-268.

2 Vgl. II. Vat. Konzil, Past. Konst. Gaudium et Spes, 7. Dez. 1965, Nr. 29; AAS 58 (1966), S. 1048-1049.

3 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, 18. April 1975; AAS 67 (1975), S. 265.

4 II. Vat. Konzil, Dekret Apostolicam actuositatem, 18. Nov. 1965, Nr. 9; AAS 58 (1966), S. 846.

5 Vgl. Papst Paul VI., Ansprache an die Mitglieder der »Studienkommission über die Aufgaben der Frau in der Gesellschaft und der Kirche« und des »Komitees für das Internationale Jahr der Frau«, a.a.O., S. 266.

6 Vgl. AAS 68 (1976), S. 599-600; vgl. ebd., S. 600-601.

7 Vgl. Irenäus, Adv. haereses I, 13, 2; PG 7, 580-581; ed Harvey, I, 114-122; Tertullian, De praescript. haeretic. 41, 5; CCL 1, S. 221; Firmilian von Cäsarea, in S. Cyprian, Epist. 75; CSEL 3, S. 817-818; Origenes, Fragmenta in I Cor. 74, in Journal of theological studies 10 (1909), S. 41-42; Epiphanes, Panarion, 49, 2-3; 78, 23; 79, 2-4: Bd. 2, GCS 31, S. 243-244; Bd. 3, GCS 37, S. 473, 477-479.

8 Vgl. Didascalia Apostolorum, c. 15, ed. R. H. Connolly, S. 133 u. 142; Constitutiones Apostolicae, lib. 3, c. 6, Nr. 1-2; c. 9, Nr. 3-4; ed. F. X. Funk, S. 191, 201; Johannes Chrysostomus, De sacerdotio, 2, 2; PG 48, 633.

9 Vgl. Bonaventura, In IV Sent., Dist. 25, art. 2, q. 1, ed. Quaracchi, Bd. 4, S. 649; Richardus de Mediavilla (Middletown), In IV Sent., Dist. 25, art. 4, Nr. 1, ed. Venedig, 1499, f° 177r; Johannes Duns Scotus, In IV Sent., Dist. 25; Opus Oxoniense, ed. Vivès, Bd. 19, S. 140; Reportata Parisiensia, Bd. 24, S. 369-371; Durand de Saint-Pourcain, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, ed. Venedig, 1571, f° 364v.

10 Man hat diese Tatsache auch durch einen von Jesus beabsichtigten Symbolismus erklären wollen: die Zwölf hätten die Stammväter der zwölf Stämme Israel repräsentieren sollen (vgl. Mt 19, 28; Lk 22, 30). Doch geht es in diesem Text nur um ihre Teilnahme am eschatologischen Gericht. Der eigentliche Grund für die Wahl der Zwölf ist vielmehr in ihrer gesamten Sendung zu suchen (vgl. Mk 3, 14): sie sollen Jesus im Volk repräsentieren und sein Werk fortsetzen.

11 Papst Innozenz III., Brief vom 11. Dezember 1210 an die Bischöfe von Palencia und Burgos, in Corpus Iuris, Decret. lib. 5, tit. 38, De paenit., c. 10 Nova: ed. A. Friedberg, Bd. 2, col. 886-887; vgl. Glossa in Decretal. lib. 1, tit. 33, c. 12 Dilecta, v° Iurisdictioni; vgl. Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 27, a. 5, ad 3; Pseudo Albertus Magnus, Mariale, quaest. 42, ed. Borgnet 37, 81.

12 Vgl. Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, 30. Nov. 1947, AAS 40 (1948), S. 5-7; Papst Paul VI., Apost Konst. Divine consortium naturae, 15. Aug. 1971, AAS 63 (1971), S. 657-664; Apost Konst. Sacram unctionem, 30. Nov. 1972, AAS 65 (1973), S. 5-9.

13 Papst Pius XII., Apost. Konst. Sacramentum ordinis, a.a.O., S. 5.

14 Sessio 21, cap. 2; Denzinger-Schönmetzer, Enchiridion symbolorum …, Nr. 1728.

15 Cyprian, Epist. 63, 14: PL 4, 397 B; ed. Hartel, Bd. 3, S. 713.

16 Vgl. II. Vat. Konzil, Konst. Sacrosanctum Concilium, 4. Dez. 1963, Nr. 33: »… der Priester, in der Rolle Christi an der Spitze der Gemeinde stehend…«; Dogm. Konst. Lumen gentium, 21. Nov. 1964, Nr. 10: »Der Amtspriester nämlich bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar«; Nr. 28: »kraft des Weihesakramentes nach dem Bilde Christi, des höchsten und ewigen Priesters, … üben sie ihr heiliges Amt am meisten in der eucharistischen Feier oder Versammlung aus, wobei sie in der Person Christi handeln …«; Dekret Presbyterorum ordinis, 7. Dez. 1965, Nr. 2: »Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so daß sie in der Person des Hauptes Christi handeln können«; Nr. 13: »Im Dienst am Heiligen, vor allem beim Meßopfer, handeln die Priester in besonderer Weise an Christi Statt…«; vgl. ferner Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4; Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zur katholischen Lehre über die Kirche, 24. Juni 1973, Nr. 6.

17 Thomas v. Aquin, Summa theol., IIIa pars, q. 83, art. 1, ad 3um: »Es ist zu sagen, daß (wie die Feier dieses Sakramentes das vergegenwärtigende Abbild seines Kreuzes ist: ebd. ad 2um) aus demselben Grunde der Priester das Abbild Christi ist, in dessen Person und Kraft er die Wandlungsworte spricht«.

18 »Denn da das Sakrament ein Zeichen ist, wird in dem, was im Sakrament geschieht, nicht nur die »res«, sondern auch die Bedeutung der »res« gefordert«, sagt der hl. Thomas gerade um die Weihe von Frauen zurückzuweisen: In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, corp.

19 Thomas v. Aquin, In IV Sent., Dist. 25, q. 2, art. 2, quaestiuncula 1a, ad 4um.

20 Vgl. Konzil von Trient, Sessio 22, cap. 1; DS, Nr. 1741.

21 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium, Nr. 28: »Das Amt Christi des Hirten und Hauptes üben sie entsprechend dem Anteil ihrer Vollmacht aus…«; Dekret Presbyterorum ordinis, Nr. 2: »…so daß sie in der Person des Hauptes Christus handeln können«; Nr. 6: »das Amt Christi, des Hauptes und Hirten«. – Vgl. Papst Pius XII., Enzykl. Mediator Dei: »Der Diener des Altares handelt in der Person Christi als des Hauptes, der im Namen aller Glieder opfert«; AAS 39 (1947), S. 556. – Bischofssynode 1971, De sacerdotio ministeriali, I, Nr. 4: »Christus, das Haupt der Gemeinschaft, setzt er gegenwärtig …«.

22 Papst Paul VI., Enzykl. Mysterium fidei, 3. Sept. 1965, AAS 51 (1965), S. 761.

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Quelle

Text der Instruktion „Ad resurgendum cum Christo“

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Instruktion „Ad resurgendum cum Christo“

über die Beerdigung der Verstorbenen und
die Aufbewahrung der Asche im Fall der Feuerbestattung

1. Um mit Christus aufzuerstehen, muss man mit Christus sterben; dazu ist es notwendig, „aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein“ (2 Kor 5,8). Mit der Instruktion Piam et constantem vom 5. Juli 1963 bestimmte das ehemalige Heilige Offizium, dafür Sorge zu tragen, dass „die Gewohnheit, den Leichnam der verstorbenen Gläubigen zu beerdigen, heilig gehalten werde“. Es fügte aber hinzu, dass die Feuerbestattung der christlichen Religion nicht „an sich“ widerspricht und jenen, die sich dafür entschieden haben, die Sakramente und das Begräbnis nicht mehr verweigert werden dürfen. Voraussetzung dafür ist, dass sie die Einäscherung nicht „aus Ablehnung der christlichen Dogmen, aus sektiererischer Gesinnung oder aus Hass gegen die katholische Religion und Kirche“ gewählt haben.  Diese Änderung der kirchlichen Ordnung wurde später in den Kodex des kanonischen Rechtes (1983) und in den Kodex der Kanones der katholischen Ostkirchen (1990) aufgenommen.

Mittlerweile hat sich die Feuerbestattung in nicht wenigen Ländern stark ausgebreitet. Aber zugleich haben sich auch neue Ideen verbreitet, die dem Glauben der Kirche widersprechen. Nach Anhören der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte und zahlreicher Bischofskonferenzen und Bischofssynoden der katholischen Ostkirchen hat die Kongregation für die Glaubenslehre es für angebracht gehalten, eine neue Instruktion zu veröffentlichen, um die lehrmäßigen und pastoralen Gründe für die Bevorzugung der Beerdigung der Verstorbenen darzulegen und Normen für die Aufbewahrung der Asche im Fall der Feuerbestattung zu erlassen.

2. Die Auferstehung Jesu, in der die christliche Glaubenswahrheit ihren Höhepunkt findet, wurde von den Anfängen des Christentums an als wesentlicher Teil des Pascha-Mysteriums verkündet: „Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf“ (1 Kor 15,3-5).

Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat uns Christus von der Sünde befreit und den Zugang zu einem neuen Leben eröffnet: “Wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben” (Röm 6,4). Darüber hinaus ist der auferstandene Christus Ursache und Urgrund unserer künftigen Auferstehung: „Christus ist von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen… Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1 Kor 15,20-22).

Christus wird uns am Letzten Tag auferwecken; andererseits sind wir aber schon in gewisser Weise mit Christus auferstanden. Denn durch die Taufe sind wir in den Tod und die Auferstehung Christi eingetaucht und sakramental ihm gleichgestaltet worden: „Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat“ (Kol 2,12). Durch die Taufe sind wir mit Christus vereint und haben deshalb schon jetzt wirklich Anteil am Leben Christi (vgl. Eph 2,6).

Durch Christus hat der christliche Tod einen positiven Sinn. Die Liturgie der Kirche betet: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet“.  Durch den Tod wird die Seele vom Leib getrennt; in der Auferstehung aber wird Gott unserem verwandelten Leib das unvergängliche Leben geben, indem er ihn wieder mit unserer Seele vereint. Auch in unseren Tagen ist die Kirche gerufen, den Glauben an die Auferstehung zu verkünden: „Die Auferstehung der Toten ist die Zuversicht der Christen; im Glauben an sie existieren wir“.

3. Gemäß ältester christlicher Tradition empfiehlt die Kirche nachdrücklich, den Leichnam der Verstorbenen auf dem Friedhof oder an einem anderen heiligen Ort zu beerdigen.

Im Gedenken an den Tod, das Begräbnis und die Auferstehung des Herrn – ein Geheimnis des Lichtes, in dem der christliche Sinn des Sterbens offenbar wird  – ist die Beerdigung die angemessenste Form, um den Glauben und die Hoffnung auf die leibliche Auferstehung zum Ausdruck zu bringen.

Die Kirche, die den Christen während seiner Pilgerschaft auf Erden als Mutter begleitet hat, bietet in Christus dem Vater das Kind seiner Gnade an und senkt voll Hoffnung auf die Auferstehung in Herrlichkeit dessen sterbliche Überreste in die Erde.

Indem die Kirche den Leichnam der Verstorbenen beerdigt, bekräftigt sie den Glauben an die Auferstehung des Fleisches.  Zugleich möchte sie so die hohe Würde des menschlichen Leibes als wesentlicher Teil der Person, dessen Geschichte der Leib teilt, ins Licht stellen.  Sie kann deshalb nicht Haltungen oder Riten erlauben, die falsche Auffassungen über den Tod beinhalten, etwa wenn er als endgültige Vernichtung der Person, als Moment ihrer Verschmelzung mit der Mutter Natur oder dem Universum, als Etappe im Prozess der Reinkarnation oder als endgültige Befreiung aus dem „Gefängnis“ des Leibes verstanden wird.

Zudem entspricht die Beerdigung auf dem Friedhof oder an einem anderen heiligen Ort in angemessener Weise der Ehrfurcht und Achtung, die den Leibern der Verstorbenen gebührt, welche durch die Taufe Tempel des Heiligen Geistes geworden sind und derer sich „der Geist wie eines Werkzeuges oder einer Vase bedient hat, um viele gute Werke zu vollbringen“.

Der gerechte Tobit wird wegen seiner Verdienste gelobt, die er sich vor Gott aufgrund der Beerdigung der Toten erworben hat.  Die Kirche sieht in der Bestattung der Verstorbenen ein Werk der leiblichen Barmherzigkeit.

Schließlich fördert die Beerdigung der heimgerufenen Gläubigen auf dem Friedhof oder an einem anderen heiligen Ort das Andenken und das Gebet für die Verstorbenen durch die Angehörigen und die ganze christliche Gemeinschaft, wie auch die Verehrung der Märtyrer und der Heiligen.

Durch die Beerdigung des Leichnams auf Friedhöfen, in Kirchen oder in der Nähe der Kirchen hat die christliche Tradition die Gemeinschaft zwischen den Lebenden und den Toten bewahrt und sich der Tendenz entgegengestellt, das Sterben und dessen Bedeutung für die Christen zu verschleiern oder zu privatisieren.

4. Wo Gründe hygienischer, ökonomischer oder sozialer Natur dazu führen, sich für die Feuerbestattung zu entscheiden – eine Wahl, die nicht dem ausdrücklichen oder vernünftigerweise angenommenen Willen des verstorbenen Gläubigen entgegenstehen darf –, sieht die Kirche keine lehrmäßigen Gründe, um diese Praxis zu verbieten. Denn die Einäscherung des Leichnams berührt nicht die Seele und hindert die Allmacht Gottes nicht daran, den Leib aufzuerwecken. Sie beinhaltet deshalb an sich nicht die Leugnung der christlichen Lehre über die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes.

Die Kirche bevorzugt weiterhin die Beerdigung des Leichnams, die eine größere Wertschätzung für die Verstorbenen zeigt. Aber die Feuerbestattung ist nicht verboten, „es sei denn, sie ist aus Gründen gewählt worden, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen“.

Wenn keine Gründe vorliegen, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen, begleitet die Kirche – nach der Begräbnisfeier – die Wahl der Feuerbestattung durch entsprechende liturgische und pastorale Hinweise und sorgt sich besonders auch darum, jede Form des Ärgernisses oder der religiösen Gleichgültigkeit zu vermeiden.

5. Wenn aus legitimen Gründen die Wahl der Feuerbestattung getroffen wird, ist die Asche des Verstorbenen in der Regel an einem heiligen Ort aufzubewahren, also auf einem Friedhof oder, wenn es angebracht ist, in einer Kirche oder an einem für diesen Zweck von der zuständigen kirchlichen Autorität bestimmten Ort.

Von Anfang an haben die Christen danach verlangt, dass die christliche Gemeinschaft für ihre Verstorbenen betet und ihrer gedenkt. Ihre Gräber wurden Orte des Gebetes, des Andenkens und der Besinnung. Die verstorbenen Gläubigen gehören zur Kirche; denn sie glaubt an die Gemeinschaft „derer, die hier auf Erden pilgern; derer, die nach Abschluss des Erdenlebens geläutert werden; und derer, die die himmlische Seligkeit genießen; sie alle bilden zusammen die eine Kirche“.

Die Aufbewahrung der Asche an einem heiligen Ort kann dazu beitragen, dass die Gefahr verringert wird, die Verstorbenen dem Gebet und dem Gedenken der Verwandten und der christlichen Gemeinschaft zu entziehen. Auf diese Weise wird auch vermieden, dass man sie möglicherweise vergisst oder es an Ehrfurcht fehlen lässt, vor allem, wenn die erste Generation nicht mehr lebt, oder dass es zu unangemessenen oder abergläubischen Praktiken kommt.

6. Aus den oben angeführten Gründen ist die Aufbewahrung der Asche im Wohnraum nicht gestattet. Nur im Fall von schwerwiegenden und außergewöhnlichen Umständen, die von kulturellen Bedingungen lokaler Natur abhängen, kann der Ordinarius im Einvernehmen mit der Bischofskonferenz oder der Bischofssynode der katholischen Ostkirchen die Erlaubnis für die Aufbewahrung der Asche im Wohnraum gewähren. Die Asche darf aber nicht unter verschiedenen Familien aufgeteilt werden, und in jedem Fall müssen Ehrfurcht und angemessene Bedingungen der Aufbewahrung gewährleistet sein.

7. Um jegliche Zweideutigkeit pantheistischer, naturalistischer oder nihilistischer Färbung zu vermeiden, ist es nicht gestattet, die Asche in der Luft, auf dem Land oder im Wasser oder auf andere Weise auszustreuen oder sie in Erinnerungsgegenständen, Schmuckstücken oder anderen Objekten aufzubewahren. Denn für diese Vorgangsweisen können nicht die hygienischen, sozialen oder ökonomischen Gründe angeführt werden, die der Wahl der Feuerbestattung zugrunde liegen können.

8. Falls sich der Verstorbene offenkundig aus Gründen, die der christlichen Glaubenslehre widersprechen, für die Feuerbestattung und das Ausstreuen der Asche in der Natur entschieden hat, ist das kirchliche Begräbnis nach Maßgabe des Rechts zu verweigern.

Papst Franziskus hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekt am 18. März 2016 gewährten Audienz die vorliegende Instruktion, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation am 2. März 2016 beschlossen worden war, approbiert und ihre Veröffentlichung angeordnet.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 15. August 2016, Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel.

 

Gerhard Kardinal Müller, Präfekt

Erzbischof Luis F. Ladaria, S.J, Sekretär

 

(rv 25.10.2016 mg)