LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS

Papst Franziskus betet in Irland in einer Kapelle, die dem Gedenken an von Priestern missbrauchten

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE       

RUNDSCHREIBEN,
UM DEN BISCHOFSKONFERENZEN ZU HELFEN,
LEITLINIEN FÜR DIE BEHANDLUNG VON FÄLLEN SEXUELLEN MISSBRAUCHS VON MINDERJÄHRIGEN DURCH KLERIKER ZU ERSTELLEN

 

Zu den wichtigen Verantwortlichkeiten des Diözesanbischofs im Hinblick auf die Sicherung des Gemeinwohls der Gläubigen und insbesondere auf den Schutz von Kindern und Jugendlichen gehört es, auf eventuelle Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker in seiner Diözese angemessen zu reagieren. Dies beinhaltet sowohl die Festsetzung von geeigneten Verfahren, um den Opfern derartiger Missbräuche beizustehen, als auch die Bewusstseinsbildung der kirchlichen Gemeinschaft im Blick auf den Schutz Minderjähriger. Dabei ist für die rechte Anwendung des einschlägigen kanonischen Rechts zu sorgen; zugleich sind die entsprechenden staatlichen Rechtsvorschriften zu beachten.

I. Allgemeine Aspekte

a. Die Opfer sexuellen Missbrauchs

Die Kirche muss, in der Person des Bischofs oder eines von ihm Beauftragten, die Bereitschaft zeigen, die Opfer und ihre Angehörigen anzuhören und für deren seelsorgerlichen und psychologischen Beistand zu sorgen. Im Verlauf seiner Apostolischen Reisen hat Papst Benedikt XVI. durch seine Bereitschaft, Opfer sexuellen Missbrauchs zu treffen und anzuhören, ein besonders wichtiges Beispiel gegeben. Anlässlich dieser Begegnungen hat sich der Heilige Vater mit einfühlsamen und aufbauenden Worten an die Opfer gewandt, so auch in seinem Hirtenbrief an die Katholiken in Irland (Nr. 6): „Ihr habt schrecklich gelitten, und das tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, dass nichts das von Euch Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen wurde missbraucht und Eure Würde wurde verletzt.“

b. Der Schutz Minderjähriger

In einigen Ländern wurden im kirchlichen Bereich Erziehungsprogramme zur Prävention gestartet, die „geschützte Räume“ für Minderjährige gewährleisten sollen. Diese Programme versuchen sowohl den Eltern als auch den in Pastoral und Schule Tätigen zu helfen, Anzeichen sexuellen Missbrauchs zu erkennen und geeignete Maßnahmen zu ergreifen. Oftmals haben die genannten Programme Anerkennung gefunden als Modelle dafür, wie der sexuelle Missbrauch Minderjähriger in der heutigen Gesellschaft wirkungsvoll eingegrenzt werden kann.

c. Die Ausbildung zukünftiger Priester und Ordensleute

Im Jahr 2002 sagte Papst Johannes Paul II.: „Im Priestertum und Ordensleben ist kein Platz für jemanden, der jungen Menschen Böses tun könnte“1. Diese Worte erinnern an die spezifische Verantwortung der Bischöfe, der höheren Oberen und derer, die für die Ausbildung der zukünftigen Priester und Ordensleute Sorge tragen. Die einschlägigen Hinweise im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis sowie die Instruktionen der zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls lenken in zunehmendem Maß den Blick auf die Wichtigkeit einer korrekten Berufungsklärung und einer gesunden menschlichen und spirituellen Ausbildung der Kandidaten. Dabei geht es insbesondere darum, dass die Kandidaten die Keuschheit und den Zölibat der Kleriker sowie deren Verantwortung in der geistlichen Vaterschaft wertschätzen und ihr Wissen um die diesbezügliche Ordnung der Kirche vertiefen können. Genauere Angaben können in die Ausbildungsprogramme der Seminare und der Ausbildungshäuser in jedem Land, jedem Institut des geweihten Lebens und jeder Gesellschaft des apostolischen Lebens mittels der jeweiligen Ratio institutionis sacerdotalis eingefügt werden.

Darüber hinaus muss besondere Aufmerksamkeit auf den gebotenen Informationsaustausch gerichtet werden, vor allem im Zusammenhang mit Priesteramts- oder Ordenskandidaten, die von einem Seminar zu einem anderen, zwischen verschiedenen Diözesen oder zwischen Ordensgemeinschaften und Diözesen wechseln.

d. Die Begleitung der Priester

1. Der Bischof hat die Pflicht, alle seine Priester wie ein Vater und Bruder zu behandeln. Auch soll der Bischof sich mit besonderer Aufmerksamkeit um die ständige Weiterbildung des Klerus sorgen, vor allem in den ersten Jahren nach der Priesterweihe, und dabei auf die Wichtigkeit des Gebets und der gegenseitigen Unterstützung in der priesterlichen Gemeinschaft hinweisen. Die Priester sollen über den Schaden, den ein Kleriker bei Opfern sexuellen Missbrauchs anrichtet, und über die eigene Verantwortung vor dem kirchlichen und staatlichen Recht informiert werden. Auch sollte ihnen geholfen werden, Anzeichen für einen eventuellen Missbrauch Minderjähriger erkennen zu können, von wem auch immer dieser begangen wurde.

2. Die Bischöfe müssen in der Behandlung von möglichen Fällen sexuellen Missbrauchs, die ihnen gemeldet wurden, jeden erdenklichen Einsatz, unter Beachtung der kanonischen und staatlichen Vorschriften und unter Wahrung der Rechte aller Parteien, zeigen.

3. Bis zum Erweis des Gegenteils steht der angeklagte Kleriker unter Unschuldsvermutung. Als Vorsichtsmaßnahme kann der Bischof aber die Ausübung des Weiheamtes bis zur Klärung der Anschuldigungen einschränken. Für den Fall, dass ein Kleriker zu Unrecht beschuldigt wurde, soll man alles unternehmen, um seinen guten Ruf wieder herzustellen.

e. Die Zusammenarbeit mit den staatlichen Behörden

Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger ist nicht nur eine Straftat nach kanonischem Recht, sondern stellt auch ein Verbrechen dar, das staatlicherseits verfolgt wird. Wenngleich sich die Beziehungen zu staatlichen Behörden in den einzelnen Ländern unterschiedlich gestalten, ist es doch wichtig, mit den zuständigen Stellen unter Beachtung der jeweiligen Kompetenzen zusammenzuarbeiten. Insbesondere sind die staatlichen Rechtsvorschriften bezüglich einer Anzeigepflicht für solche Verbrechen immer zu beachten, freilich ohne das Forum internum des Bußsakraments zu verletzten. Selbstverständlich beschränkt sich diese Zusammenarbeit nicht nur auf die von Klerikern begangenen Missbrauchstaten, sondern erfolgt auch bei Delikten, die Ordensleute oder in kirchlichen Einrichtungen tätige Laien betreffen.

II. Eine kurze Zusammenfassung zur geltenden kirchlichen Gesetzgebung bezüglich der Straftat des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker

Am 30. April 2001 hat Papst Johannes Paul II. das Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela [SST] promulgiert, durch das der von einem Kleriker begangene sexuelle Missbrauch eines Minderjährigen unter 18 Jahren in die Liste der delicta graviora aufgenommen wurde, die der Kongregation für die Glaubenslehre vorbehalten sind. Die Verjährungsfrist für dieses Delikt wurde auf 10 Jahre festgesetzt, beginnend mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers. Die Bestimmungen des Motu proprio gelten für Kleriker der Lateinischen Kirche wie auch für jene der Orientalischen Kirchen, für den Weltklerus wie auch für den Ordensklerus.

Im Jahr 2003 erteilte Papst Johannes Paul II. dem damalige Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, einige Sondervollmachten, um eine größere Flexibilität in der Durchführung von Strafprozessen bei diesen delicta graviora zu ermöglichen. So wurde etwa die Möglichkeit geschaffen, Verwaltungsstrafverfahren durchzuführen, oder in besonders schweren Fällen um Entlassung aus dem Klerikerstand ex officio zu ersuchen. Diese Vollmachten wurden in die von Papst Benedikt XVI. am 21. Mai 2010 approbierte überarbeitete Fassung des Motu proprio aufgenommen. In den neuen Normen wurde im Fall des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger die Verjährungsfrist, die mit der Vollendung des 18. Lebensjahres des Opfers zu laufen beginnt, auf 20 Jahre festgesetzt. In besonderen Fällen kann die Glaubenskongregation gegebenenfalls von der Verjährung derogieren. In der revidierten Fassung des Motu proprio wurde auch ausdrücklich Kauf, Besitz und Verbreitung kinderpornografischen Materials als Straftatbestand des kanonischen Rechts spezifiziert.

Für die Behandlung von Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger sind an erster Stelle die Bischöfe und höheren Oberen verantwortlich. Sofern eine Anzeige nicht völlig abwegig erscheint, muss der Bischof, der höhere Obere oder ein von ihnen Beauftragter eine kanonische Voruntersuchung gemäß can. 1717 CIC bzw. can. 1468 CCEO sowie Art. 16 SST durchführen.

Wenn sich die Anschuldigung als glaubwürdig erweist, muss der Fall an die Glaubenskongregation übermittelt werden. Nach Studium der Angelegenheit wird die Glaubenskongregation den Bischof oder höheren Oberen anweisen, wie weiter zu verfahren ist. Zugleich wird sie Hilfestellung leisten, um zu gewährleisten, dass geeignete Maßnahmen ergriffen werden. Dabei wird sowohl für ein gerechtes Verfahren für die beschuldigten Kleriker gesorgt, in dem ihr fundamentales Verteidigungsrecht gewahrt wird, als auch das Wohl der Kirche, einschließlich des Wohls der Opfer, sichergestellt. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Verhängung einer unbefristeten Strafe, wie etwa die Entlassung aus dem Klerikerstand, normalerweise ein gerichtliches Strafverfahren erfordert. Nach kanonischem Recht (vgl. can. 1342 CIC) können die Ordinarien unbefristete Strafen nicht durch außergerichtliches Dekret verhängen. Zu diesem Zweck müssen sie sich an die Glaubenskongregation wenden, der es zukommt, ein endgültiges Urteil über die Schuld und über eine eventuelle Ungeeignetheit des Klerikers für den pastoralen Dienst zu fällen und die entsprechende unbefristete Strafe zu verhängen (SST Art. 21 § 2).

Die kanonischen Maßnahmen, die gegenüber einem Kleriker Anwendung finden, der des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger schuldig befunden wurde, sind grundsätzlich zweifacher Art: 1.) Auflagen, die die öffentliche Ausübung des geistlichen Amtes vollständig oder zumindest insoweit einschränken, dass ein Kontakt mit Minderjährigen ausgeschlossen wird. Diese Auflagen können mit einem Strafgebot (praeceptum poenale) versehen werden. 2.) Kirchliche Strafen, unter denen die schwerste die Entlassung aus dem Klerikerstand ist. In einigen Fällen kann auf Antrag des Klerikers selbst die Dispens von den Verpflichtungen des klerikalen Standes, einschließlich der Zölibatspflicht, pro bono Ecclesiae gewährt werden.

Die Voruntersuchung und das gesamte Verfahren müssen so durchgeführt werden, dass die Privatsphäre der beteiligten Personen geschützt und ihrem guten Ruf die gebotene Aufmerksamkeit zuteil wird.

Sofern nicht gewichtige Gründe entgegenstehen, muss ein beschuldigter Kleriker über die gegen ihn erhobene Anklage informiert werden, um ihm die Möglichkeit zu einer Stellungnahme zu geben, ehe der Fall der Glaubenskongregation gemeldet wird. Der Klugheit des Bischofs oder des höheren Oberen obliegt es, zu entscheiden, welche Informationen während der Voruntersuchung an den Beschuldigten weitergegeben werden.

Es kommt dem Bischof oder dem höheren Oberen zu, für das Gemeinwohl zu sorgen und festzulegen, welche der in can. 1722 CIC bzw. can. 1473 CCEO genannten Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen. Nach Art. 19 SST kann dies geschehen, sobald die Voruntersuchung begonnen wurde.

Schließlich ist festzuhalten: Wenn eine Bischofskonferenz beabsichtigt, Spezialnormen zu erlassen, müssen diese Partikularnormen, unbeschadet der notwendigen Approbation durch den Heiligen Stuhl, stets als Ergänzung, nicht jedoch als Ersatz der universalkirchlichen Gesetzgebung verstanden werden. Deshalb müssen Partikularnormen sowohl mit dem CIC bzw. CCEO als auch mit dem Motu proprio Sacramentorum sanctitatis tutela (30. April 2001) in seiner überarbeiteten Fassung vom 21. Mai 2010 übereinstimmen. Im Fall, dass eine Bischofskonferenz sich entscheiden sollte, verbindliche Normen zu erlassen, ist es notwendig, bei den zuständigen Dikasterien der Römischen Kurie um die recognitio anzusuchen.

III. Hinweise für die Ordinarien zum Verfahrensablauf

Die von der Bischofskonferenz erarbeiteten Leitlinien sollten den Diözesanbischöfen und höheren Oberen Orientierungshilfen bieten für den Fall, dass diese von möglichen Taten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger Kenntnis erlangen, die von Klerikern auf dem Gebiet ihrer Jurisdiktion begangen wurden. Solche Leitlinien sollten daher folgende Gesichtspunkte berücksichtigen:

a. Der Gebrauch des Begriffs „sexueller Missbrauch Minderjähriger“ muss mit der Definition in Art. 6 SST („Die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot mit einem Minderjährigen unter achtzehn Jahren“) und mit der Auslegungspraxis und der Rechtsprechung der Kongregation für die Glaubenslehre übereinstimmen und auch die gesetzlichen Regelungen des jeweiligen Landes berücksichtigen.

b. Die Person, die eine Straftat anzeigt, muss mit Respekt behandelt werden. In den Fällen, bei denen sexueller Missbrauch mit einer Straftat gegen die Heiligkeit des Bußsakramentes (Art. 4 SST) verbunden ist, hat diese Person das Recht zu fordern, dass ihr Name nicht dem beschuldigten Priester mitgeteilt wird (Art. 24 SST).

c. Die kirchlichen Autoritäten sollten sich dazu verpflichten, den Opfern seelsorgerliche und psychologische Hilfe anzubieten.

d. Die Ermittlungen zu den Beschuldigungen sind unter gebührender Wahrung des Grundsatzes der Vertraulichkeit und des guten Rufs der beteiligten Personen durchzuführen.

e. Sofern nicht schwerwiegende Gründe dem entgegenstehen, sollte der beschuldigte Kleriker schon in der Phase der Voruntersuchung über die Anschuldigungen informiert werden und ihm dabei auch die Gelegenheit gegeben werden, dazu Stellung zu nehmen.

f. Die mancherorts vorgesehenen Beratungsorgane und -kommissionen zur Überprüfung und Bewertung einzelner Fälle dürfen nicht das Urteil und die potestas regiminis der einzelnen Bischöfe ersetzen.

g. Die Leitlinien müssen die staatliche Gesetzgebung im Konferenzgebiet beachten, insbesondere was eine eventuelle Unterrichtungspflicht staatlicher Behörden anbelangt.

h. In jedem Moment des Disziplinar- oder Strafverfahrens ist für den beschuldigten Kleriker ein gerechter und ausreichender Unterhalt sicher zu stellen.

i. Die Rückkehr eines Klerikers in den öffentlichen Seelsorgsdienst ist auszuschließen, wenn dieser Dienst eine Gefahr für Minderjährige darstellt oder ein Ärgernis in der Gemeinde hervorruft.

Schluss

Die von den Bischofskonferenzen erarbeiteten Leitlinien haben zum Ziel, Minderjährige zu schützen und den Opfern zu helfen, Unterstützung und Versöhnung zu finden. Sie müssen darüber hinaus deutlich machen, dass in erster Linie der zuständige Diözesanbischof bzw. höhere Obere für die Behandlung von Straftaten sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker zuständig ist. Schließlich werden die Leitlinien innerhalb einer Bischofskonferenz zu einem einheitlichen Vorgehen führen, das dazu beiträgt, die Bemühungen der einzelnen Bischöfe zum Schutz Minderjähriger besser aufeinander abzustimmen.

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre am 3. Mai 2011.

William Kardinal Levada
Präfekt

+ Luis F. Ladaria, S.I.
Titularerzbischof von Thibica
Sekretär

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1 Ansprache beim interdikasterialen Treffen mit den Kardinälen und führenden Vertretern der Bischofskonferenz der USA, 23. April 2002, Nr. 3.

[00714-05.01] [Originalsprache: Italienisch]

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Quelle

Kongregation für die Glaubenslehre zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

KOMMENTAR
zu den
Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten
bezüglich der Lehre über die Kirche

Die verschiedenen Fragen, auf welche die Kongregation für die Glaubenslehre antworten möchte, betreffen das allgemeine Verständnis der Kirche, wie es sich aus den dogmatischen und ökumenischen Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils ergibt. Denn diesem „Konzil der Kirche über die Kirche“, das nach den Worten von Paul VI. eine „neue Epoche für die Kirche“ eingeleitet hat, kommt das Verdienst zu, „das wahre Antlitz der Braut Christi besser beschrieben und enthüllt“ zu haben[1]. Darüber hinaus werden die wichtigsten Dokumente von Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II. sowie Äußerungen der Kongregation für die Glaubenslehre in Erinnerung gerufen. Alle diese Verlautbarungen wollen zu einem vertieften Verständnis der Kirche beitragen und bieten häufig Klärungen zur beachtlichen theologischen Produktion nach dem Konzil, die nicht immer frei war von Abweichungen und Ungenauigkeiten.

Dieselbe Zielsetzung findet sich im vorliegenden Dokument, mit dem die Kongregation die authentische Bedeutung einiger Äußerungen des Lehramts im Bereich der Ekklesiologie in Erinnerung rufen möchte, damit die gesunde theologische Forschung nicht beeinträchtigt werde durch Irrtümer, die Unklarheiten verursachen können. In diesem Zusammenhang ist die literarische Gattung der „Antworten auf Fragen“ (Responsa ad quaestiones) zu beachten, die ihrer Natur nach nicht Argumentationen für den Aufweis der dargelegten Lehre liefern, sondern sich darauf beschränken, Äußerungen des vorhergehenden Lehramts in Erinnerung zu rufen und somit ein sicheres und zuverlässiges Wort zum Thema zu sagen.

In der ersten Frage geht es darum, ob das Zweite Vatikanum die vorhergehende Lehre über die Kirche verändert habe.

Die Frage bezieht sich auf die Bedeutung jenes neuen Antlitzes der Kirche, welches das Zweite Vatikanum nach den zitierten Worten von Paul VI. geboten hat.

Die Antwort, die auf das Lehramt von Johannes XXIII. und Paul VI. gründet, ist sehr klar: Das Zweite Vatikanum wollte die vorhergehende Lehre über die Kirche nicht verändern und hat sie auch nicht verändert, sondern vielmehr vertieft und organischer dargelegt. In diesem Sinn werden die Worte von Paul VI. aus seiner Ansprache bei der Promulgation der dogmatischen Konzilskonstitution Lumen gentium angeführt, mit denen er bekräftigt, dass die überlieferte Lehre in keiner Weise verändert worden ist: „Nur ist nun das, was früher bloß in der Praxis des Lebens enthalten war, auch offen als Lehre zum Ausdruck gebracht. Nun ist das, was bis jetzt Gegenstand des Nachdenkens, der Diskussion und zum Teil auch der Auseinandersetzungen war, in einer sicher formulierten Lehre dargelegt“[2].

In gleicher Weise besteht Kontinuität zwischen der Lehre des Konzils und den nachfolgenden Verlautbarungen des Lehramts, die diese Lehre aufgegriffen und vertieft und zugleich zu ihrer Entfaltung beigetragen haben. In diesem Sinn hat etwa die von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlichte Erklärung Dominus Iesus nur die Texte des Konzils und der Nachkonzilsdokumente aufgegriffen, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen.

Trotz dieser klaren Äußerungen war die Lehre des Zweiten Vatikanums in der Zeit nach dem Konzil – und sie ist es noch immer – Gegenstand von Interpretationen, die abwegig und in Diskontinuität zur überlieferten katholischen Lehre über das Wesen der Kirche sind. Auf der einen Seite sah man in der Lehre des Konzils eine „kopernikanische Wende“, auf der anderen Seite konzentrierte man sich auf einige Themen, die als gleichsam gegensätzlich zu anderen Themen betrachtet wurden. In Wirklichkeit lag die Grundabsicht des Zweiten Vatikanischen Konzils eindeutig darin, die Rede von der Kirche der Rede von Gott ein- und unterzuordnen und so eine im eigentlichen Sinn theologische Ekklesiologie vorzulegen. Die Rezeption des Konzils hat dieses bestimmende Vorzeichen aber häufig zugunsten einzelner ekklesiologischer Aussagen vernachlässigt, sich auf einzelne Stichworte konzentriert und einseitige, partielle Auslegungen der Konzilslehre begünstigt.

Was die Ekklesiologie von Lumen gentium angeht, sind im kirchlichen Bewusstsein einige Stichworte haften geblieben: der Begriff Volk Gottes, die Kollegialität der Bischöfe als Aufwertung des Bischofsamtes gegenüber dem Primat des Papstes, die Neubewertung der Teilkirchen innerhalb der Gesamtkirche, die ökumenische Öffnung des Kirchenbegriffs und die Öffnung zu den anderen Religionen, und schließlich die Frage nach dem spezifischen Status der katholischen Kirche, die sich in der Formel festmacht, dass die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, von der das Glaubensbekenntnis spricht, „in der katholischen Kirche subsistiert“ (subsistit in Ecclesia catholica).

Einige dieser Begriffe, vor allem die Aussage über den spezifischen Status der katholischen Kirche mit seinen Auswirkungen auf dem Gebiet der Ökumene, bilden die Hauptthemen, die von dem Dokument in den nachfolgenden Fragen behandelt werden.

In der zweiten Frage geht es darum, wie man die Aussage verstehen müsse, gemäß der die Kirche Christi in der katholischen Kirche subsistiert.

Als G. Philips schrieb, der Ausdruck subsistit in werde Ströme von Tinte fließen lassen[3], hatte er wohl nicht vorhergesehen, dass die Debatte so lange und mit solcher Heftigkeit andauern und die Kongregation für die Glaubenslehre dazu drängen würde, das vorliegende Dokument zu veröffentlichen.

Eine solche Eindringlichkeit, die übrigens in den Texten des Konzils und des nachfolgenden Lehramts verankert ist, entspricht der Sorge um die Wahrung der Einheit und der Einzigkeit der Kirche, die verloren gingen, wenn man annehmen würde, dass es mehrere Subsistenzen der von Christus gegründeten Kirche gäbe. Wenn es so wäre, müsste man sich nämlich – wie in der Erklärung Mysterium Ecclesiae festgehalten wird – „die Kirche Christi als eine gewisse Summe von Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften“ vorstellen, „zwar getrennt, aber doch irgendwie eine“, oder man müsste annehmen, „die Kirche Christi bestehe heute in Wahrheit nirgendwo mehr, sondern sei nur als ein Ziel zu betrachten, das alle Kirchen und Gemeinschaften suchen müssen“[4]. Die einzige Kirche Christi würde als eine Kirche in der Geschichte nicht mehr bestehen oder nur in ideeller Weise bestehen, also in fieri in einer zukünftigen durch den Dialog ersehnten und geförderten Konvergenz oder Wiedervereinigung der verschiedenen Schwesterkirchen.

Noch klarer ist die Notifikation der Kongregation für die Glaubenslehre zu einem Buch von Leonardo Boff, gemäß dem die einzige Kirche Christi „auch in anderen christlichen Kirchen subsistieren kann“. Im Gegensatz dazu präzisiert die Notifikation: „Das Konzil hingegen hatte das Wort ‚subsistit’ gerade deshalb gewählt, um klarzustellen, dass nur eine einzige ‚Subsistenz’ der wahren Kirche besteht, während es außerhalb ihres sichtbaren Gefüges lediglich ‚Elemente des Kircheseins’ gibt, die – da sie Elemente derselben Kirche sind – zur katholischen Kirche tendieren und hinführen“[5].

In der dritten Frage geht es darum, weshalb der Ausdruck „subsistiert“ und nicht einfach das Wort „ist“ gebraucht wurde.

Genau diese terminologische Veränderung beschreibt die Beziehung zwischen der Kirche Christi und der katholischen Kirche, die – vor allem auf ökumenischem Gebiet – für die unterschiedlichsten Schlussfolgerungen Anlass gegeben hat. In Wirklichkeit wollten die Konzilsväter einfach anerkennen, dass es in den nicht katholischen christlichen Gemeinschaften selbst kirchliche Elemente gibt, die der Kirche Christi eigen sind. Daraus folgt, dass die Identifikation der Kirche Christi mit der katholischen Kirche nicht so zu verstehen ist, dass es außerhalb der katholischen Kirche ein „kirchliches Vakuum“ gäbe. Zugleich bedeutet dies, dass – unter Berücksichtigung des Kontextes, in den der Ausdruck subsistit in eingefügt ist, nämlich der Beziehung zur einzigen Kirche Christi, die „in dieser Welt als Gesellschaft verfasst und geordnet…, vom Nachfolger des Petrus und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“ – dem Übergang von „ist“ zu „subsistiert“ keine besondere theologische Bedeutung im Sinn einer Diskontinunität mit der vorausgehenden katholischen Lehre zukommt.

Weil nämlich die so von Christus gewollte Kirche tatsächlich in der katholischen Kirche weiter besteht (subsistit in), besagt die Fortdauer der Subsistenz eine substantielle Identität zwischen dem Wesen der Kirche Christi und der katholischen Kirche. Das Konzil wollte lehren, dass die Kirche Jesu Christi in der katholischen Kirche als konkretes Subjekt in dieser Welt anzutreffen ist. Dies geht nur einmal, und die Vorstellung, das subsistit sei zu multiplizieren, verfehlt genau das Gemeinte. Mit dem Wort subsistit wollte das Konzil das Besondere und nicht Multiplizierbare der katholischen Kirche ausdrücken: Es gibt die Kirche als Subjekt in der geschichtlichen Wirklichkeit.

Entgegen einer Vielzahl von unbegründeten Interpretationen bedeutet darum der Ersatz des est mit subsistit in nicht, dass die katholische Kirche von der Überzeugung ablasse, die einzige wahre Kirche Christi zu sein. Diese terminologische Veränderung bedeutet einfach, dass die Kirche offener ist für das besondere ökumenische Anliegen, den wirklich kirchlichen Charakter und die wirklich kirchliche Dimension der christlichen Gemeinschaften anzuerkennen, die nicht in voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, und zwar aufgrund der in ihnen vorhandenen „vielfältigen Elemente der Heiligung und der Wahrheit“ (plura elementa sanctificationis et veritatis). Folglich gibt es, obwohl die Kirche nur eine ist und nur in einem geschichtlichen Subjekt „subsistiert“, auch außerhalb dieses sichtbaren Subjekts echte kirchliche Wirklichkeiten.

In der vierten Frage geht es darum, weshalb das Zweite Vatikanische Konzil den Ostkirchen, die nicht in  voller Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen, die Bezeichnung „Kirchen“ zuschreibt.

Trotz der klaren Aussagen, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche „subsistiert“, beinhaltet die Tatsache, dass es auch außerhalb ihres sichtbaren Gefüges „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit“[6] gibt, die Anerkennung des obgleich unterschiedlichen kirchlichen Charakters der nicht katholischen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Auch diese sind nämlich „keineswegs ohne Bedeutung und Gewicht“ in dem Sinn, dass der Geist Christi sich nicht weigert, „sie als Mittel des Heils zu gebrauchen“[7].

Der Text zieht zunächst die Wirklichkeit der Ostkirchen in Betracht, die nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehen. Unter Verweis auf verschiedene Konzilstexte wird anerkannt, dass diese den Titel „Teil- oder Ortskirchen“ verdienen und Schwesterkirchen der katholischen Teilkirchen genannt werden, weil sie mit der katholischen Kirche verbunden bleiben aufgrund der apostolischen Sukzession und der gültigen Eucharistie, durch welche die Kirche Gottes aufgebaut wird und wächst[8]. Die Erklärung Dominus Iesus nennt sie sogar ausdrücklich „echte Teilkirchen“[9].

Trotz der klaren Anerkennung ihres „Teilkircheseins“ und des damit verbundenen Heilswertes konnte das Dokument nicht unterlassen, den Mangel (defectus) zu erwähnen, unter dem sie gerade in ihrem Teilkirchesein leiden. Denn wegen ihrer eucharistischen Kirchenvorstellung, die den Akzent auf die Wirklichkeit der im Namen Christi in der Eucharistiefeier und unter der Leitung des Bischofs versammelten Teilkirche legt, betrachten sie die Teilkirchen als vollständig in ihrem Teilsein[10]. Daraus folgt, dass in Anbetracht der grundlegenden Gleichheit zwischen allen Teilkirchen und allen Bischöfen, die sie leiten, jede von ihnen eine eigene innere Autonomie besitzt. Dies hat offenkundige Auswirkungen auf die Lehre vom Primat, der nach katholischem Glauben „ein inneres Wesenselement“ für das Bestehen einer Teilkirche ist[11]. Natürlich muss immer unterstrichen werden, dass der Primat des Nachfolgers Petri, des Bischofs von Rom, nicht als äußere Zutat oder als Konkurrenz gegenüber den Bischöfen der Teilkirchen verstanden werden darf. Der Primat muss als Dienst an der Einheit des Glaubens und der Gemeinschaft ausgeübt werden, und zwar innerhalb der Grenzen, die sich aus dem Gesetz Gottes und der in der Offenbarung enthaltenen, unantastbaren göttlichen Verfassung der Kirche ergeben[12].

In der fünften Frage geht es darum, weshalb den kirchlichen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, der Titel „Kirche“ nicht zugeschrieben wird.

Dazu muss man sagen: „Die Wunde ist allerdings noch viel tiefer bei den kirchlichen Gemeinschaften, die die apostolische Sukzession und die gültige Eucharistie nicht bewahrt haben“[13]. Deshalb sind sie „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“[14], sondern „kirchliche Gemeinschaften“, wie die Konzils- und Nachkonzilslehre bezeugt[15].

Auch wenn diese klaren Aussagen bei den betroffenen Gemeinschaften und auch in katholischen Kreisen Unbehagen verursacht haben, ist nicht ersichtlich, wie man diesen Gemeinschaften den Titel „Kirche“ zuschreiben könnte. Denn sie nehmen den theologischen Begriff von Kirche im katholischen Sinn nicht an; ihnen fehlen Elemente, die von der katholischen Kirche als wesentlich betrachtet werden.

Man muss aber daran erinnern, dass diese Gemeinschaften selbst – wegen der verschiedenen Elemente der Heiligung und der Wahrheit, die in ihnen wirklich vorhanden sind – zweifellos einen kirchlichen Charakter und einen daraus folgenden Heilswert haben.

Das neue Dokument der Kongregation für die Glaubenslehre, das im Wesentlichen die Konzilslehre und das Nachkonzilslehramt aufgreift, ruft mit Klarheit die katholische Lehre über die Kirche in Erinnerung. Es weist unannehmbare Auffassungen zurück, die immer noch verbreitet sind, selbst in katholischen Kreisen, und es bietet wertvolle Hinweise für die Fortführung des ökumenischen Dialogs, der immer eine der Prioritäten der katholischen Kirche bleibt, wie Benedikt XVI. schon in seiner ersten Botschaft an die Kirche (20. April 2005) und bei vielen anderen Gelegenheiten bekräftigt hat, besonders bei seiner Apostolischen Reise in die Türkei (28. November – 1. Dezember 2006). Damit der Dialog aber wirklich konstruktiv sein kann, bedarf es neben der Offenheit für die Gesprächspartner der Treue zur Identität des katholischen Glaubens. Nur auf diese Weise kann man zur Einheit aller Christen in der einen Herde und dem einen Hirten (vgl. Joh 10,16) gelangen und so jene Wunde heilen, welche die katholische Kirche immer noch an der vollen Verwirklichung ihrer Universalität in der Geschichte hindert.

Der katholische Ökumenismus mag auf den ersten Blick paradox erscheinen. Mit dem Ausdruck subsistit in wollte das Zweite Vatikanische Konzil zwei Lehraussagen miteinander verbinden: Auf der einen Seite besteht die Kirche Christi – trotz der Spaltungen der Christen – voll nur in der katholischen Kirche fort; auf der anderen Seite gibt es viele Elemente der Heiligung und der Wahrheit außerhalb ihres Gefüges, also in den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die noch nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen. In diesem Zusammenhang hat das Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus Unitatis redintegratio den Ausdruck „Fülle“ (der Einheit/Katholizität) – plenituto (unitatis/catholicitatis) – eingeführt, eben um zu helfen, diese in gewissem Sinn paradoxe Situation besser zu verstehen. Auch wenn die katholische Kirche die Fülle der Heilsmittel besitzt, „sind die Spaltungen der Christen für die Kirche ein Hindernis, dass sie die ihr eigene Fülle der Katholizität in jenen Söhnen wirksam werden lässt, die ihr zwar durch die Taufe zugehören, aber von ihrer vollen Gemeinschaft getrennt sind“[16]. Es geht also um die Fülle der katholischen Kirche, die schon gegenwärtig ist und die zunehmen muss in den Brüdern und Schwestern, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen, aber auch in den eigenen Söhnen und Töchtern, die der Sünde ausgesetzt bleiben, bis das Volk Gottes „zur ganzen Fülle der ewigen Herrlichkeit im himmlischen Jerusalem freudig gelangt“[17]. Das Voranschreiten in der Fülle ist in der Dynamik des Einsseins mit Christus grundgelegt: „Die Vereinigung mit Christus ist zugleich eine Vereinigung mit allen anderen, denen er sich schenkt. Ich kann Christus nicht allein für mich haben, ich kann ihm zugehören nur in der Gemeinschaft mit allen, die die Seinigen geworden sind oder werden sollen. Die Kommunion zieht mich aus mir heraus zu ihm hin und damit zugleich in die Einheit mit allen Christen“[18].

 

[1] Paul VI., Ansprache vom 21. September 1964: AAS 56 (1964) 1012.
[2] Ebd., 1010.
[3] Vgl. G. Philips, La Chiesa e il suo mistero nel Concilio Vaticano II, Milano 1975, I, 111.
[4] Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Mysterium Ecclesiae, 1: AAS 65 (1973) 398.
[5] Kongregation für die Glaubenslehre, Notifikation zu dem Buch „Kirche: Charisma und Macht. Versuch einer militanten Ekklesiologie“ von P. Leonardo Boff OFM: AAS 77 (1985) 758-759. Der angeführte Absatz aus der Notifikation wird zwar in der Antwort nicht zitiert, findet sich aber zur Gänze in der Erklärung Dominus Iesus, 16, Fußnote 56.
[6] II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 8.2.
[7] II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, 3.4.
[8] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, 15.1.
[9] Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus, 17: AAS 92 (2000) 758.
[10] Vgl. Gemischte katholisch-orthodoxe Kommission in Frankreich, Der römische Primat in der Gemeinschaft der Kirchen, Schlussfolgerungen: Enchiridion oecumenicum (1991), IV, 956.
[11] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Communionis notio, 17: AAS 85 (1993) 849.
[12] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Erwägungen Der Primat des Nachfolgers Petri im Geheimnis der Kirche, 7 und 10, in: L’Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache, 11. Dezember 1998, 8-9.
[13] Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben Communionis notio, 17: AAS 85 (1993) 849.
[14] Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus, 17: AAS 92 (2000) 758.
[15] Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, 4; Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 48: AAS 93 (2001) 301-302.
[16] II. Vatikanisches Konzil, Dekret Unitatis redintegratio, 4.
[17] Ebd., 3.
[18] Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 14: AAS 98 (2006) 228-229.

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Quelle

Erzbischof Fisichella: Wir haben ein Pontifikat der Neuevangelisierung

Erzbischof Rino Fisichella

Das vergangene Jahr hat eine Neuigkeit für den Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung bereit gehalten: die Zuständigkeit für Wallfahrtsorte, die Papst Franziskus von der Kleruskongregation an den Päpstlichen Rat übertragen hatte.

Christine Seuss und Alessandro Gisotti – Vatikanstadt

Darüber und über die anderen Tätigkeitsfelder seines Rates, der auch bei der Organisation des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit federführend war, spricht im Interview mit Vatican News Erzbischof Rino Fisichella, der Leiter der Einrichtung. Das Gespräch ist das zweite in einer Reihe, die wir mit den Leitern der verschiedenen Kuriendikasterien führen – den Anfang machte am vergangenen 10. März Erzbischof Ladaria Ferrer, der Präfekt der Glaubenskongregation.

Ein typischer Tag an seinem Rat gestalte sich „extrem dynamisch“, erzählt uns Erzbischof Fisichella, „denn sehr früh am Morgen beginnen wir, alle Vorgänge einzusehen, die Post… und vor allem empfangen wir: wir empfangen viele Gruppen aus den Diözesen, wir empfangen die Bischöfe, die auf Ad-limina-Besuch sind, Gruppen von Seminaristen und jungen Leuten: all die Einrichtungen, von Bewegungen zu Vereinigungen, konkret jeden Tag Neuevangelisierung betreiben.“ Dazu gehörten seit vergangenem April auch die Gruppen, die sich um die Wallfahrtsorte kümmern, führt der Erzbischof weiter aus. „Also, ich würde sagen, dass das ein extrem dynamisches Leben ist, aber die Evangelisierung ist dynamisch! Deshalb müssen wir uns an die Evangelisierungsmission der Kirche anpassen.“

“ Evangelisierung ist dynamisch ”

Dabei sieht sich Fisichella ganz auf einer Linie mit dem Pontifikat von Franziskus: man dürfe nicht vergessen, dass dessen programmatisches erstes Schreiben, die postsynodale Exhortation Evagelii gaudium, die Beratungen der Bischofsynode zur Neuevangelisierung und Glaubensweitergabe zur Basis hatte, betont der Erzbischof: „Deshalb scheint es mir, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass das Pontifikat von Papst Franziskus sich durch diese Sehnsucht, diesen Drang zur Evangelisierung auszeichnet. An wie viele Ausdrücke, die Papst Franziskus geprägt hat, erinnern wir uns täglich: eine Kirche, die „herausgeht“, ein „Feldlazarett“ ist… Das sind alles Ausdrücke, die nichts anderes tun, als zum Herzen seiner zentralen Botschaft zurückzutragen: die Kirche lebt für die Evangelisierung! Die Kirche ist von Jesus gewollt und die Mission, die Jesus ihr anvertraut hat, ist die der Evangelisierung.“

“ Die Kirche lebt für die Evangelisierung! ”

Evangelisierung, die auch an den Wallfahrtsstätten der Welt geschieht und nach dem Wunsch des Papstes noch stärker betont werden soll. Aus diesem Grund hatte er am vergangenen 1. April mit dem Motu Proprio „Sanctuarium in Ecclesia“ die Zuständigkeiten neu geregelt und dem Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung die Aufgabe übertragen, künftig die Errichtung internationaler Wallfahrtsstätten und die Billigung ihrer Statuten zu übernehmen. Außerdem soll der Rat weiter die Prüfung und Umsetzung von katechetischen Programmen sowie die Förderung einer geeigneten Seelsorge überwachen, unter anderem mit Tagungen und einer speziellen Ausbildung der Wallfahrtsseelsorger.

Diese Entscheidung des Papstes sieht Fisichella als „geglückte Intuition“: „Aus den Wallfahrtsorten besondere Orte der Evangelisierung machen! Wir haben Wallfahrtsorte in den Vereinigten Staaten, in Afrika, in Indien… Das sind Situationen, die die Fähigkeit aufzeigen – wenn auch mit der speziellen Prägung, die jedes Heiligtum in Verbindung mit der eigenen Ortskirche aufweist – aus diesen Orten einen speziellen Ort für die Evangelisierung zu machen. Und das verwirklicht man mit der Aufnahme, durch die Feier der Sakramente, durch die Verkündigung des Wortes Gottes und das Zeugnis der Nächstenliebe.“

600 Missionare der Barmherzigkeit in Rom

Eine große Rolle spiele auch nach dem Jahr der Barmherzigkeit sein Rat bei der Fortführung der Initiativen, die die Spiritualität der Barmherzigkeit im Zentrum hätten, erzählt Fisichella. Ein besonderes Event in diesem Zusammenhang: Ein Kongress, der an den Tagen nach dem Sonntag der Barmherzigkeit, den Papst Franziskus am Sonntag nach Ostern eigeführt hat, rund 600 Missionare der Barmherzigkeit in Rom zusammenführen wird. „Wie wir wissen hat Papst Franziskus gewünscht, dass diese Priester die gleichen Befugnisse des Papstes haben, was die Vergebung bestimmter Sünden betrifft. Diese kommen hier in Rom zusammen, weil der Papst will, dass sie ihr Amt auch nach dem Jahr der Barmherzigkeit weiterführen. Sie werden hier für drei Tage mit dem Papst zusammentreffen: ein Moment der Begegnung, ein Moment der Besinnung und des Gebetes, der ihnen helfen wird, noch ihr Amt noch besser und reicher zu versehen.“

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Quelle

LESEN SIE AUCH:

Vatikan-Brief an Bischöfe zum Thema Erlösung – voller Wortlaut

Erzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer, Präfekt der Glaubenskongregation

Die Glaubenskongregation hat am Donnerstag einen Brief an die Bischöfe der Weltkirche veröffentlicht. Darin geht es um „einige Aspekte des christlichen Heils“. Hier finden Sie den Brief im vollen Wortlaut.

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE

Schreiben Placuit Deo

an die Bischöfe der katholischen Kirche
über einige Aspekte des christlichen Heils

I. Einleitung

1.      «Es hat Gott in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens bekannt zu machen (vgl. Eph 1,9), dass die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig werden (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4). […] Die Tiefe der durch diese Offenbarung über Gott und über das Heil des Menschen erschlossenen Wahrheit leuchtet uns auf in Christus, der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist».[1] Die Lehre über das Heil in Christus muss immer wieder neu vertieft werden. Den Blick fest auf den Herrn Jesus gerichtet, wendet sich die Kirche in mütterlicher Liebe an alle Menschen, um ihnen den ganzen Bundesplan des Vaters zu verkünden. Dieser hat beschlossen, durch den Heiligen Geist «das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen» (Eph 1,10). Das vorliegende Schreiben möchte auf der Linie der großen Tradition des Glaubens und unter besonderer Bezugnahme auf die Lehre von Papst Franziskus einige Aspekte des christlichen Heils hervorheben, deren Verständnis heute aufgrund der jüngsten kulturellen Wandlungen erschwert sein kann.

II. Der Einfluss der aktuellen kulturellen Wandlungen auf das christliche Heilsverständnis

2.      Die Welt von heute vernimmt nicht ohne Schwierigkeit das christliche Glaubensbekenntnis, das Jesus als einzigen Erlöser des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit verkündet (vgl. Apg 4,12; Röm 3,23-24; 1 Tim 2,4-5; Tit 2,11-15).[2] Auf der einen Seite neigt der auf das autonome Subjekt konzentrierte Individualismus dazu, den Menschen als ein Wesen zu betrachten, dessen Verwirklichung allein von seinen eigenen Kräften abhängt.[3] In dieser Sichtweise entspricht die Gestalt Christi eher einem Vorbild, das durch Worte und Taten zu guten Werken anspornt, als demjenigen, der die menschliche Verfasstheit wandelt und durch den Geist in ein neues mit dem Vater und untereinander versöhntes Dasein hineinnimmt (vgl. 2 Kor 5,19; Eph 2,18). Auf der anderen Seite breitet sich die Sichtweise eines rein innerlichen Heils aus, die vielleicht eine starke persönliche Überzeugung oder ein intensives Gefühl der Vereinigung mit Gott weckt, ohne aber unsere Beziehungen mit den anderen und mit der geschaffenen Welt anzunehmen, zu heilen und zu erneuern. In dieser Perspektive wird es schwierig, den Sinn der Menschwerdung des Wortes zu erfassen, durch die der Herr – für uns Menschen und zu unserem Heil – ein Glied der Menschheitsfamilie geworden ist und unser Fleisch sowie unsere Geschichte angenommen hat.

3.      Papst Franziskus hat in seinem ordentlichen Lehramt oft auf zwei Tendenzen Bezug genommen, die mit den eben angedeuteten Abweichungen zusammenhängen und die in einigen Punkten Ähnlichkeiten mit zwei alten Häresien, nämlich dem Pelagianismus und dem Gnostizismus, aufweisen.[4] In unseren Tagen gedeiht ein Neu-Pelagianismus, gemäß dem das radikal autonome Individuum vorgibt, sich selbst zu erlösen, ohne anzuerkennen, dass es im Tiefsten seines Seins von Gott und von den anderen abhängig ist. Das Heil wird deshalb von den Kräften des Einzelnen oder von rein menschlichen Strukturen erwartet, die aber nicht imstande sind, die Neuheit des Geistes Gottes aufzunehmen.[5] Eine Art von Neu-Gnostizismus propagiert ihrerseits ein rein innerliches, im Subjektivismus eingeschlossenes Heil,[6] das darin bestünde, dass sich der Verstand «über das Fleisch Christi hinaus zu den Geheimnissen der unbekannten Gottheit erhebt».[7] So wird der Anspruch erhoben, die Person vom Leib und von der materiellen Welt zu befreien, in denen man nicht mehr die Spuren der Vorsehung des Schöpfers erkennt, sondern nur eine Wirklichkeit ohne Sinn, die der eigentlichen Identität der Person fremd wäre und gemäß dem Gutdünken des Menschen manipuliert werden könnte.[8] Es ist freilich klar, dass der Vergleich mit den Häresien des Pelagianismus und des Gnostizismus nur allgemeine gemeinsame Merkmale andeuten will, ohne eine Beurteilung der genauen Art der alten Irrtümer vorzunehmen. Groß ist nämlich der Unterschied zwischen dem heutigen historischen Kontext, der von der Säkularisierung geprägt ist, und der Situation der ersten christlichen Jahrhunderte, in denen diese Häresien entstanden sind.[9] Doch weil der Gnostizismus und der Pelagianismus bleibende Gefahren für ein falsches Verständnis des biblischen Glaubens darstellen, ist es möglich, eine gewisse Ähnlichkeit mit den eben beschriebenen Tendenzen unserer Zeit zu finden.

4.      Der Individualismus des Neu-Pelagianismus sowie die Leibverachtung des Neu-Gnostizismus entstellen das Bekenntnis des Glaubens an Christus, den einzigen und universalen Retter. Wie könnte Christus den Bund mit der ganzen Menschheitsfamilie aufrichten, wenn der Mensch ein isoliertes Individuum wäre, das sich nur mit eigenen Kräften selbstverwirklichen könnte, wie der Neu-Pelagianismus vorgibt? Und wie könnte das Heil durch die Menschwerdung Jesu, sein Leben und Sterben und die Auferstehung in seinem wahren Leib zu uns kommen, wenn nur das wichtig wäre, was das Innere des Menschen von den Begrenzungen des Leibes und der Materie befreit, wie der Neu-Gnostizismus meint? In Anbetracht dieser Strömungen möchte das vorliegende Schreiben bekräftigen, dass das Heil in unserer Vereinigung mit Christus besteht, der durch seine Menschwerdung, sein Leben und Sterben und seine Auferstehung eine neue Ordnung von Beziehungen mit dem Vater und unter den Menschen gestiftet und uns dank der Gabe seines Geistes in diese Ordnung hineingenommen hat. So können wir uns als Söhne und Töchter im Sohn mit dem Vater vereinen und ein Leib im «Erstgeborenen unter vielen Brüdern» (Röm 8,29) werden.

III. Die menschliche Sehnsucht nach Heil

5.      Der Mensch erfährt sich direkt oder indirekt als ein Rätsel: Wer bin ich, der ich lebe, aber das Prinzip meines Daseins nicht in mir habe? Jede Person sucht auf ihre Weise das Glück und strebt danach, es durch den Einsatz der ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu erlangen. Diese allgemeine Sehnsucht kommt aber nicht notwendig zur Sprache oder zum Ausdruck. Sie ist viel geheimer und verborgener, als es scheinen mag, sie zeigt sich vor allem in Situationen der Not. Sehr oft deckt sie sich mit der Hoffnung auf körperliche Gesundheit. Manchmal nimmt sie die Form der Sorge um größeren wirtschaftlichen Wohlstand an. Häufig zeigt sie sich im Wunsch nach innerem Frieden und unbeschwertem Zusammenleben mit dem Nächsten. Das Streben nach Heil zeigt sich als Mühen um ein höheres Gut, trägt aber immer wieder auch das Merkmal des Widerstands und der Überwindung des Schmerzes an sich. Zum Kampf um die Erlangung des Guten kommt das Mühen um Schutz vor dem Bösen: vor Unwissenheit und Irrtum, vor Gebrechlichkeit und Schwäche, vor Krankheit und Tod.

6.      Im Blick auf diese Sehnsucht lehrt uns der Glaube an Christus, der jeden Anspruch auf Selbstverwirklichung zurückweist, dass sie ganz nur dann in Erfüllung gehen kann, wenn Gott selbst dies möglich macht und uns an sich zieht. Das wahre Heil des Menschen besteht nicht in Dingen, die er von sich aus erlangen könnte, wie etwa in Besitz oder materiellem Wohlstand, in Wissenschaft oder Technik, Macht oder Einfluss auf andere, gutem Ruf oder Selbstgefälligkeit.[10] Nichts Geschaffenes kann den Menschen ganz erfüllen, weil Gott uns zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt hat und unser Herz ruhelos ist bis es ruht in ihm.[11] «In Wahrheit gibt es nur eine letzte Berufung des Menschen, die göttliche».[12] Die Offenbarung beschränkt sich darum nicht darauf, das Heil als Antwort auf unsere jeweiligen Erwartungen zu verkünden. «Wenn die Erlösung nach den existentiellen Bedürfnissen der Menschen beurteilt oder gemessen werden müsste, wie könnte man dann den Verdacht zurückweisen, einfach einen Erlösergott geschaffen zu haben, der nach dem Bild unserer Bedürfnisse gemacht ist?».[13]

7.      Darüber hinaus muss bekräftigt werden, dass sich der Ursprung des Bösen nach dem biblischen Glauben nicht in der materiellen, körperlichen Welt findet, die als Begrenzung oder Gefängnis erfahren würde, woraus wir gerettet werden müssten. Der Glaube verkündet im Gegenteil, dass die ganze Welt gut ist, weil sie von Gott erschaffen wurde (vgl. Gen 1,31; Weish 1,13-14; 1Tim 4,4), und dass das Böse, das dem Menschen am meisten schadet, aus seinem Herzen kommt (vgl. Mt 15,18-19; Gen 3,1-19). Durch die Sünde hat der Mensch die Quelle der Liebe verlassen. So verliert er sich in Scheinformen der Liebe, die ihn immer mehr in sich selbst verschließen. Diese Trennung von Gott – von dem, der die Quelle der Gemeinschaft und des Lebens ist – zerstört die Harmonie unter den Menschen sowie zwischen den Menschen und der Welt und führt zur Herrschaft der Zerrissenheit und des Todes (vgl. Röm 5,12). Das Heil, das der Glaube uns verkündet, betrifft deshalb nicht nur unser Inneres, sondern unser ganzes Menschsein. Die ganze Person, Leib und Seele, ist nämlich durch die Liebe Gottes nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen, und sie ist berufen, in Gemeinschaft mit ihm zu leben.

IV. Christus, Heiland und Heil

8.      In keinem Augenblick des Weges der Menschheit hat Gott aufgehört, den Kindern Adams sein Heil anzubieten (vgl. Gen 3,15). In Noach richtet er mit allen Menschen einen Bund auf (vgl. Gen 9,9), später mit Abraham und seinen Nachkommen (vgl. Gen 15,18). Das göttliche Heil nimmt so die geschaffene Ordnung auf, die von allen Menschen geteilt wird, und geht seinen konkreten Weg in der Geschichte. Gott erwählt sich ein Volk, dem er die Mittel anbietet, um gegen die Sünde zu kämpfen, und sich ihm zu nähern. So bereitet er den Weg für das Kommen «eines starken Retters im Hause seines Knechtes David» (Lk 1,69). In der Fülle der Zeiten sendet der Vater seinen Sohn in die Welt, der das Reich Gottes verkündet und alle Krankheiten heilt (vgl. Mt 4,23). Die von Jesus gewirkten Heilungen, in denen die Vorsehung Gottes sichtbar wird, sind Zeichen, die auf seine Person verweisen, auf denjenigen, der sich im Osterereignis in Fülle als Herr über Leben und Tod offenbart. Nach dem Evangelium nimmt das Heil für alle Völker seinen Anfang, wenn Jesus aufgenommen wird: «Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden» (Lk 19,9). Die Frohbotschaft vom Heil hat einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus, der Sohn Gottes, der Retter. «Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt».[14]

9.      Der christliche Glaube hat das Heilswerk des Fleisch gewordenen Sohnes Gottes in seiner jahrhundertelangen Tradition durch verschiedene Bilder dargelegt. Er trennte dabei nie die heilende Dimension – Christus hat uns von der Sünde erlöst – von der Dimension der Erhöhung – er hat uns zu Söhnen und Töchtern Gottes gemacht, die seiner göttlichen Natur teilhaftig werden (vgl. 2 Petr 1,4). Wenn wir auf die Gabe des Heils in ihrer absteigenden Perspektive schauen (von Gott her, der kommt, um die Menschen zu erlösen), ist Jesus Lichtbringer und Offenbarer, Erlöser und Befreier, derjenige, der den Menschen vergöttlicht und rechtfertigt. Insofern wir die aufsteigende Perspektive einnehmen (vom Menschen her, der sich Gott zuwendet), ist Jesus derjenige, der als der Hohepriester des Neuen Bundes dem Vater im Namen der Menschheit das vollkommene Opfer darbringt: Er opfert sich selbst, er sühnt für die Sünden, er lebt allezeit, um für uns einzutreten. So wird im Leben Jesu eine wunderbare Synthese zwischen göttlichem und menschlichem Wirken offenbar, welche die Haltlosigkeit der individualistischen Sichtweise zeigt. Einerseits bezeugt nämlich die absteigende Perspektive den absoluten Primat des freien Wirkens Gottes. Die Demut, die Gaben Gottes anzunehmen, bevor wir irgendetwas tun, ist wesentlich, um auf seine Erlöserliebe antworten zu können. Andererseits erinnert uns die aufsteigende Perspektive daran, dass der Vater durch das ganz menschliche Handeln seines Sohnes unser Tun erneuern wollte, damit wir – Christus gleichgestaltet – «die guten Werke» tun können, «die Gott für uns im Voraus bestimmt hat» (Eph 2,10).

10.    Es ist zudem klar, dass das Heil, das Jesus in seiner eigenen Person gewirkt hat, nicht nur das Innere des Menschen betrifft. Um nämlich die heilbringende Gemeinschaft mit Gott jedem Menschen bringen zu können, ist der Sohn Fleisch geworden (vgl. Joh 1,14). Eben weil er Fleisch angenommen hat (vgl. Röm 8,3; Hebr 2,14; 1 Joh 4,2) und von einer Frau geboren wurde (vgl. Gal 4,4), ist «der Sohn Gottes zum Menschensohn»[15] und zu unserem Bruder (vgl.Hebr 2,14) geworden. Indem er so ein Glied der Menschheitsfamilie geworden ist, hat er sich «gewissermaßen mit jedem Menschen vereinigt»[16]. Er hat eine neue Ordnung von Beziehungen mit Gott, seinem Vater, und allen Menschen gestiftet, in die wir eingefügt werden können, um an seinem eigenen Leben teilzuhaben. Die Annahme des Fleisches ist folglich weit davon entfernt, das Heilswirken Christi einzugrenzen, sondern macht es ihm konkret möglich, das Heil Gottes allen Kindern Adams zu vermitteln.

11.     Als Antwort auf die individualistische Verkürzung des Neu-Pelagianismus sowie auf das Versprechen einer bloß innerlichen Befreiung von Seiten des Neu-Gnostizismus muss schließlich daran erinnert werden, wie Jesus als Retter wirkt. Er hat sich nicht darauf beschränkt, uns den Weg zur Begegnung mit Gott zu zeigen – einen Weg, den wir dann mit eigener Kraft im Gehorsam gegenüber seinen Worten und in Nachahmung seines Beispiels gehen könnten. Um uns die Tür zur Erlösung aufzutun, ist Christus vielmehr selbst der Weg geworden: «Ich bin der Weg» (Joh 14,6).[17] Dieser Weg ist zudem nicht ein bloß innerlicher Weg am Rand unserer Beziehungen zu den anderen und zur geschaffenen Welt. Im Gegenteil, Jesus «hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen […] durch sein Fleisch» (Hebr 10,20). Christus ist also Retter, weil er unsere ganze menschliche Natur angenommen und ein wirklich menschliches Leben in Gemeinschaft mit dem Vater und den Brüdern und Schwestern geführt hat. Das Heil besteht darin, dass wir uns in dieses Leben Christi einfügen lassen, indem wir seinen Geist empfangen (vgl. 1 Joh 4,13). So ist er «in gewisser Weise das Prinzip jeder Gnade gemäß der menschlichen Natur» geworden.[18] Er ist zugleich Heiland und Heil.

V. Das Heil in der Kirche, dem Leib Christi

12.    Der Ort, wo uns das von Christus gebrachte Heil geschenkt wird, ist die Kirche, die Gemeinschaft derer, die in die von Christus gestiftete neue Ordnung der Beziehungen eingegliedert werden und die Fülle des Geistes Christi empfangen können (vgl. Röm 8,9). Das Verständnis für diese Heilsmittlung der Kirche ist eine wesentliche Hilfe, um jedwede Tendenz zu verkürzten Auffassungen zu überwinden. Denn das Heil, das Gott uns anbietet, ist nicht mit eigenen Kräften zu erlangen, wie der Neu-Pelagianismus möchte, sondern mittels der Beziehungen, die dem Fleisch gewordenen Sohn Gottes entspringen und die Gemeinschaft der Kirche formen. Weil die Gnade, die Christus uns schenkt, darüber hinaus nicht ein bloß innerliches Heil bringt, wie die neu-gnostische Sichtweise vorgibt, sondern uns in konkrete Beziehungen hineinnimmt, die er selbst gelebt hat, ist die Kirche eine sichtbare Gemeinschaft: In ihr berühren wir das Fleisch Jesu, in herausragender Weise in den ärmsten und leidenden Brüdern und Schwestern. Die Heilsvermittlung der Kirche, dem «allumfassenden Heilssakrament»,[19] versichert uns, dass das Heil weder in der Selbstverwirklichung des isolierten Individuums noch in seiner inneren Verschmelzung mit dem Göttlichen besteht, sondern in der Eingliederung in eine Gemeinschaft von Personen, die an der Gemeinschaft der Dreifaltigkeit teilhat.

13.    Die individualistische Sichtweise sowie die rein innerliche Heilsperspektive widersprechen zudem der sakramentalen Heilsordnung, durch die Gott den Menschen retten will. Die in der Kirche mögliche Teilhabe an der neuen Ordnung der Beziehungen, die von Jesus gestiftet wurden, geschieht durch die Sakramente, unter denen die Taufe die Tür[20] und die Eucharistie die Quelle und der Höhepunkt ist.[21] So wird auf der einen Seite sichtbar, dass die Anmaßung einer Selbsterlösung, die nur auf die eigenen menschlichen Kräfte zählt, haltlos ist. Der Glaube bekennt im Gegenteil, dass wir durch die Taufe gerettet werden, die uns das unauslöschliche Siegel der Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche einprägt. Darin wurzelt die Wandlung unserer konkreten Weise, die Beziehungen mit Gott, mit den Menschen und mit den geschaffenen Dingen zu leben (vgl. Mt 28,19). Gereinigt von der Erbsünde und jeder persönlichen Sünde, sind wir so zu einem neuen Leben gerufen, das Christus entspricht (vgl. Röm 6,4). Die Gläubigen wachsen und erneuern sich beständig durch die Gnade der sieben Sakramente, vor allem wenn der Weg schwerer wird und Rückfälle nicht ausbleiben. Wenn sie durch die Sünde von ihrer Liebe zu Christus ablassen, können sie durch das Sakrament der Buße wieder in die Ordnung der von Jesus gestifteten Beziehungen aufgenommen werden, um einen Lebenswandel zu führen, wie er ihn geführt hat (vgl. 1 Joh 2,6). Auf diese Weise blicken sie voll Hoffnung auf das Letzte Gericht, in dem jeder Mensch nach den konkreten Taten der Liebe (vgl. Röm 13,8-10), besonders zu den Schwächsten (vgl. Mt 25,31-46), gerichtet wird.

14.    Der sakramentalen Heilsordnung widersprechen auch die Strömungen, die ein bloß innerliches Heil propagieren. Der Gnostizismus verbindet sich nämlich mit einer negativen Sicht auf die geschaffene Ordnung, die als Begrenzung der absoluten Freiheit des menschlichen Geistes verstanden wird. Folglich wird das Heil als Befreiung vom Leib und von den konkreten Beziehungen, in denen der Mensch lebt, gesehen. Für uns als Erlöste ist das wahre Heil «durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi» (Hebr 10,10; vgl. Kol 1,22) jedoch weit davon entfernt, Befreiung vom Leib zu sein. Es schließt vielmehr auch dessen Heiligung ein (vgl. Röm 12,1). In den menschlichen Leib, der von Gott geformt wurde, ist eine Sprache eingeschrieben, welche den Menschen einlädt, die Gaben des Schöpfers zu erkennen und in Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern zu leben.[22] Durch seine Menschwerdung und sein Ostergeheimnis hat der Retter diese ursprüngliche Sprache wiederhergestellt, erneuert und uns in der leibhaften Ordnung der Sakramente vermittelt. Dank der Sakramente können die Christen in Treue zum Fleisch Christi und folglich in Treue zur konkreten Ordnung der von ihm geschenkten Beziehungen leben. Diese Ordnung von Beziehungen erfordert in besonderer Weise die Sorge um alle Menschen in ihren Leiden, vor allem durch die leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit.[23]

VI. Schluss: den Glauben verkünden in der Erwartung des Retters

15.    Das Bewusstsein der Lebensfülle, in die uns Jesus, der Retter, hineinnimmt, drängt die Christen zur Mission, um allen Menschen die Freude und das Licht des Evangeliums zu verkünden.[24] In diesem Bemühen sind sie auch bereit, einen aufrichtigen und konstruktiven Dialog mit den Anhängern anderer Religionen aufzubauen im Vertrauen, dass Gott «alle Menschen guten Willens, in deren Herzen die Gnade unsichtbar wirkt»[25], zum Heil in Christus führen kann. Während sich die Kirche mit allen ihren Kräften der Evangelisierung widmet, hört sie nicht auf, das endgültige Kommen des Retters zu erflehen, denn «auf Hoffnung hin sind wir gerettet» (Röm 8,24). Das Heil des Menschen wird erst dann vollendet sein, wenn wir nach dem Sieg über den letzten Feind, den Tod (vgl. 1 Kor 15,26), ganz an der Herrlichkeit des auferstandenen Jesus teilhaben, der unsere Beziehung mit Gott, mit den Brüdern und Schwestern sowie mit den geschaffenen Dingen zur Vollendung führen wird. Das umfassende Heil, das Heil der Seele und des Leibes, ist die endgültige Bestimmung, zu der Gott alle Menschen ruft. Gegründet im Glauben, gestützt auf die Hoffnung, tätig in der Liebe nach dem Beispiel Marias, der Mutter des Retters, der Ersterlösten, haben wir die Gewissheit: «Unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann» (Phil 3,20-21).

Papst Franziskus hat dieses Schreiben, das von der Vollversammlung dieser Kongregation am 24. Januar 2018 beschlossen worden war, am 16. Februar 2018 gutgeheißen und seine Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 22. Februar 2018, dem Fest Kathedra Petri.

+ Luis F. Ladaria, S.I.
Titularerzbischof von Thibica
Präfekt

+ Giacomo Morandi
Titularerzbischof von Cerveteri
Sekretär

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[1] II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, Nr. 2.

[2] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus (6. August 2000), Nr. 5-8: AAS 92 (2000), 745-749.

[3] Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), Nr. 67: AAS 105 (2013), 1048.

[4] Vgl. Ders., Enzyklika Lumen fidei (29. Juni 2013), Nr. 47: AAS 105 (2013), 586-587; Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, Nr. 93-94: AAS (2013), 1059; Ansprache an die Vertreter des fünften Nationalen Kongresses der Kirche in Italien, Florenz (10. November 2015)AAS 107 (2015), 1287.

[5] Vgl. Ders., Ansprache an die Vertreter des fünften Nationalen Kongresses der Kirche in Italien, Florenz (10. November 2015): AAS 107 (2015), 1288.

[6] Vgl. Ders., Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, Nr. 94: AAS 105 (2013), 1059: «die Faszination des Gnostizismus, eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt»; Päpstlicher Rat für die Kultur – Päpstlicher Rat für den interreligiösen Dialog, Jesus Christ. The Bearer of the Water of Life. A Christian Reflection on the “New Age” (Januar 2003), Vatikanstadt 2003.

[7] Franziskus, Enzyklika Lumen fidei, Nr. 47: AAS 105 (2013), 586-587.

[8] Vgl. Ders., Ansprache an die Teilnehmer der Pilgerfahrt der Diözese Brescia (22. Juni 2013)AAS 95 (2013), 627: «in dieser Welt, […] wo man lieber den Weg des Gnostizismus geht, […] des „kein Fleisch“ – ein Gott, der nicht Fleisch geworden ist […]».

[9] Gemäß der Häresie des Pelagianismus, die sich im fünften Jahrhundert um Pelagius entwickelt hat, braucht der Mensch die Gnade zur Erfüllung der Gebote Gottes und zu seiner Rettung nur im Sinn einer äußerlichen Hilfe für seine Freiheit (etwa wie ein Licht, ein Beispiel, eine Kraft), nicht aber im Sinn einer gänzlich unverdienten Heilung und radikalen Erneuerung seiner Freiheit, die es ihm möglich macht, das Gute zu tun und das ewige Leben zu erlangen.

Komplizierter ist die gnostische Bewegung, die im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden ist und viele unterschiedliche Formen kennt. Im Allgemeinen glaubten die Gnostiker, dass man das Heil durch eine esoterische Kenntnis oder “Gnosis” erlangt. Diese Kenntnis macht dem Gnostiker sein wahres Wesen bekannt, nämlich einen Funken des göttlichen Geistes, der in seinem Inneren wohnt, das vom Leib befreit werden muss, weil dieser seinem wahren Menschsein fremd ist. Nur auf diese Weise kehrt der Gnostiker zu seinem ursprünglichen Sein in Gott zurück, von dem er sich durch den Sündenfall entfernt hatte.

[10] Vgl. Thomas von aquin, Summa theologiae, I-II, q. 2.

[11] Vgl. Augustinus, Bekenntnisse, I, 1: Corpus Christianorum, 27,1.

[12] II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 22.

[13] Internationale Theologische Kommission, Gott der Erlöser. Zu einigen ausgewählten Fragen, 1995, Nr. 2.

[14] Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), Nr. 1: AAS 98 (2006), 217; vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, Nr. 3: AAS 105 (2013), 1020.

[15] Irenäus, Adversus haereses, III, 19,1: Sources Chrétiennes, 211, 374.

[16] II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, Nr. 22.

[17] Vgl. Augustinus, Tractatus in Ioannem, 13, 4: Corpus Christianorum 36, 132: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Wenn du die Wahrheit suchst, folge dem Weg, denn der Weg ist auch die Wahrheit. Das Ziel, dem du zustrebst, und der Weg, den zu einschlagen musst, sind dasselbe. Du kannst nicht zum Ziel gelangen, wenn du einem anderen Weg folgst; auf einem anderen Weg kannst du nicht zu Christus gelangen: Zu Christus kannst du nur durch Christus kommen. In welcher Hinsicht gelangst du durch Christus zu Christus? Du kommst zu Christus, der Gott ist, durch Christus, der Mensch ist. Durch das Wort, das Fleisch geworden ist, kommst du zum Wort, das am Anfang Gott bei Gott war».

[18] Thomas von Aquin, Quaestio de veritate, q. 29, a. 5, co.

[19] II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 48.

[20] Vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, III, q. 63, a. 3.

[21] Vgl. II. Ökumenisches Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, Nr. 11; Konstitution Sacrosanctum Concilium, Nr. 10.

[22] Vgl. Franziskus, Enzyklika Laudato si’ (24. Mai 2015), Nr. 155, AAS 107 (2015), 909-910.

[23] Vgl. Ders., Schreiben Misericordia et misera (20. November 2016), Nr. 20: AAS 108 (2016), 1325-1326.

[24] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris missio (7. Dezember 1990), Nr. 40: AAS 83 (1991), 287-288; Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudiumNr. 9-13: AAS 105 (2013), 1022-1025.

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Quelle

Siehe auch:

Cardinal Müller Speaks Out on ‘Amoris Laetitia,’ the Dubia and the Vatican

Cardinal Gerhard Ludwig Müller speaks at the presentation of the document Iuvenescit Ecclesia in the Vatican Press Office June 14, 2016. (Daniel Ibáñez/CNA)

The former prefect of the Congregation for the Doctrine of the Faith gives an extensive interview to the Register.

Over the course of Pope Francis’ pontificate, reports from Rome have frequently mentioned the fact that when it comes to drafting documents, the Holy Father has preferred to consult his own advisers rather than depend on the Congregation for the Doctrine of the Faith (CDF), leading to the dicastery’s isolation. Added to this have been reports that since Francis’ election, the congregation has been less stringent in taking action against dissident theologians.

How important is the CDF — until the 1960s, the most important Vatican department — in the life of the Church today? To find out, the Register sat down Sept. 13 with Cardinal Gerhard Müller, who had served five years as the congregation’s prefect until Pope Francis decided not to renew his term in July for reasons the cardinal has said were never explained to him.

In this extensive interview, Cardinal Müller criticizes what he describes as careerists and opportunists who he says are sowing discord in the Roman Curia and besmirched his name. He also discusses the dangers of the CDF being ignored, particularly in the drafting process of pontifical documents such as the Pope’s apostolic exhortation on the family, Amoris Laetitia (The Joy of Love)and how a pervading sense of fear is preventing more people, particularly priests, seminarians and professors, from daring to openly criticize aspects of this pontificate.

He also shares his opinion on the dubia (five questions posed to the Pope by four cardinals aimed at clarifying passages of Amoris Laetitia), the extent of authority held by the Pope’s closest advisers, and the dangers some of them present by invoking the Holy Spirit to justify their positions considered by some scholars as propagating heresy.

 

Your Eminence, last month it was reported that, since 2013, no action has been taken against dissident theologians. Is this true? 

This observation is not correct. The approach of the Congregation for the Doctrine of Faith since the changes of the Second Vatican Council is first to promote the faith — and the second is to defend the faith. In some cases we act as a tribunal for delicts against the faith and morals. But in my time there were cases in which we had first to dialogue with some theologians to resolve problems in a brotherly way. But I think there has been no absolute change in the role of the congregation. It must continue to defend the faith against heresies, schisms and other delicts against unity of the Church and the holiness of the sacraments, all according the apostolic constitution Pastor Bonus (1988).

 

So there haven’t been, at least publicly, cases of dissident theologians being disciplined in any way over the past four or so years?

There were often reproaches against us over the past year, which belong to an anachronistic view of the CDF, which carries no resemblance to the role and the work of the congregation in modern times. There was a group of so-called progressive activists, who issued propaganda against us, saying the existence of the congregation is a throwback to the days of the Inquisition. These are old obsessions dating back to ’68. Now the same people say they’ve been successful in intervening with “their” Pope, that the congregation isn’t doing its work, but this is not true. We addressed some cases involving problematic views and theologians. For example, we couldn’t give the nihil obstat in some — few — cases.

 

Do you have examples of theologians who have been disciplined over the past few years, perhaps who we haven’t heard of?

No, I cannot give the names because they’re under the pontifical secret, but my impression of the situation over the past five years is that there hasn’t been any change in the role of the congregation.

 

There has been a lot of talk about the congregation being downgraded, even isolated, during this pontificate. Instead, the Holy Father prefers to consult his advisers, such as his close confidant Archbishop Victor Fernandez, rector of the Pontifical Catholic University of Argentina in Buenos Aires. Are such people directing doctrine, and is the CDF being sidelined?

I heard that the Pope is close to certain theologians, but they cannot claim to be authoritative interpreters of the Pope. If Archbishop Fernandez makes a declaration, for instance, that’s only private. It has no more weight than the statements of other bishops — and certainly for the whole Church, he has no magisterial authority — and so it holds no more authority for me than any other theological voice.

 

But when he ghostwrites a document such as Amoris Laetitia, as evidence has shown, then his views become authoritative?

I don’t know if he was the ghostwriter of the eighth chapter of Amoris Laetitia [the highly disputed chapter on, among other things, allowing Holy Communion for remarried divorcees in a small number of special cases]. It is a text of the Pope, not of Victor Fernandez or of any other ghostwriter. Magisterial documents are the product of a process of theological preparation; and in former times we were given the names of theologians who had made a draft or had added any points or reflections to it. But in the end, what is decisive is the authority of the Pope. An apostolic exhortation of Pope Francis, and all that he says concerning doctrine, has a magisterial authority. It’s binding according to the range of that particular declaration. It does not contain any “new dogma,” but is, rather, an exposition of dogma always held and taught by the Church.

In Amoris Laetitia there’s no new doctrine or explication of some juridical points of the doctrine, but an acceptance of the doctrine of the Church and the sacraments. The only question is their pastoral application in extraordinary situations. The Pope will not and cannot change either the doctrine or the sacraments. What he wants is to help couples in very difficult circumstances as a good shepherd, but in accord with the word of God.

 

You say you don’t know the reasons for the Pope not renewing your term as prefect, but might it be because there’s a wave of heterodoxy at the highest levels, and you didn’t fit into that because you’re considered orthodox? Then you have Amoris Laetitia and your interpretation of it that diverges from those held by the Pope’s closest advisers and, in view of his comments on the issue, very possibly the Pope himself. Could this be the reason for ending your term?

I don’t know because no explanation was offered to me. The Pope only saw me at a routine private audience, at the end of my term, to discuss the work of the congregation, and said, “That is all.” All other explanations in the mass media are speculations. It is true that some time ago the Pope told me that some of his “friends” had been saying that “Müller is an enemy of the Pope.” I suppose these were anonymous accusations, and the anonymity of the accusers suggests that they were not prepared to have their arguments exposed to the light of honest and open discussion. The use of such underhanded tactics is always detrimental to the life of the Church and to the functioning of the Curia. Looking at history, we see that courts are often blighted by such intrigues, and this is something that the Pope himself has condemned very strongly as a longstanding evil in the Roman Curia. He assured me that no credence should be given to such gossip.

For the good of the Curia and the Church, there should be open dialogue. I must refute any calumnies that have originated in certain parts of the press, or from certain ultramontanist circles and Vaticanisti, and this anonymous group of false “friends” around the Holy Father who have questioned my loyalty. All my life as a priest, theologian and bishop, I’ve worked for the Kingdom of God and his Holy Church. And to present me as an enemy of the Successor of St. Peter is completely crazy and unjust.

Throughout the pontificates of St. John Paul II and Benedict XVI, as a theologian and bishop, I was accused by people with an anti-Roman attitude of being too close to the Pope and of not having maintained a critical distance to Rome. It is surely ironic that these same people should accuse me now of being an enemy of the Pope. This is obviously opportunistic behavior we’re seeing. The biggest danger to the Pope these days are these opportunists, careerists and false friends who are concerned not for the good of the Church, but for their own financial interests and self-advancement.

 

Do you think the Pope is advised poorly by these people around him, or is your removal a manifestation of his own will?

I don’t know. As I said, I received no explanation for my dismissal, and it would be wrong to speculate. But I firmly maintain my fidelity to Pope Francis, to whom I devoted myself as a loyal cooperator. In this year of the commemoration of the Protestant revolution against the primacy of the Holy Roman Church, I published a historical and theological study on the mission of the Pope as Successor of St. Peter, and so it is not as if I am unaware of the importance of the papacy in the Church of Jesus Christ. The important thing is that we have to love the Church because she is the Bride of Christ. Loving her means that we sometimes have to suffer with her, because in her members she is not perfect, and so we remain loyal despite the disappointments. In the end, it is how we appear in the eyes of God that matters, rather than how we are regarded by men.

 

While you were head of the CDF, there were reports that the congregation made corrections to various drafts of papal documents, particularly Amoris Laetitia, but also the Pope’s apostolic exhortation Evangelii Gaudium (The Joy of the Gospel), but they were ignored.

We don’t have the right in the congregation to correct the Holy Father, that’s very clear, but it’s always been usual that the first drafts need to have an official comment by the congregation. Regarding Amoris Laetitia, I don’t know who made the ultimate redaction (final edition), the last corrections or editing.

 

Does it disturb you that your corrections to these documents were ignored?

Not all were ignored — the Holy Father isn’t obliged to accept our corrections, but I don’t know who made the synthesis of all texts and brought them to the Holy Father. If it were so, that the same people who made the first draft also made the ultimate redaction and that they decided whether or not how to accept the suggestions or not, then that would not be in order. The Holy Father cannot personally do all of the elaboration of different suggestions from this and other congregations, of other theologians. He’s free to ask anybody. If you are a theologian of the congregation and are asked by the Holy Father to make a draft, you must distinguish between your own personal theology and what will be coming out, so that it is a document of the papal magisterium. One must be very humble in preparing a text, always cautious not to take the opportunity to introduce your own personal point of view and to praise yourself or let yourself be celebrated as the famous adviser of the Pope. The more responsible you are the more discreet you have to be.

 

Given the diminishment of the congregation, why does it continue to be important? If it’s being stripped of its main role, why is it necessary?

In the current atmosphere in the Catholic Church, there are many prejudices against the congregation, based on misconceptions and myths. To some people, mention of the CDF conjures up images of Hollywood films about the Inquisition, burnings at the stake, etc. What did or did not happen centuries ago is a question for historians, but bears no relation to the work of the congregation today, when its job is to support the Holy Father in his mission in 2017. But some people don’t understand what the consistory of all the cardinals is, and they do not understand the theological teaching that underpins the role of the Roman Curia. It is not merely a functional apparatus or a bureaucracy.

The cardinals represent the Holy Roman Church. The Pope is the head of the Roman Church, which is ecclesia principalis (the principal Church) in the communion of all the dioceses, bishops and Churches around the world.

Over time, there developed this group of Roman clerics to serve not only the Diocese of Rome, but in service to the Holy Father for the whole Church. As this body of the major clerics of the Roman Church evolved, the cardinals formed a college; and now they have the important role of electing the Pope and of being his primary advisers and collaborators.

In the 16th century, there was a division of responsibilities, so that one group was given the oversight of doctrine, another of the nomination of future bishops, another of the liturgy. But when we consider the mission of the Church, it’s clear that the Congregation for the Doctrine of the Faith is the most important because the mission of the Church is preaching the Gospel of the truth of revelation.

The Holy Father, as Successor of St. Peter, has to unite the Church. His mission and task is to proclaim, “You are Christ, Son of the Living God” (Matthew 16:16). All the other truths are included in this Christological reality, in relation to the Triune God and in Christ’s revelation to us as the Redeemer of all mankind. Therefore, the congregation is so important for the Holy Father. He does right to fulfill his mission with the help of the Holy Roman Church in this form of the congregation of 25 cardinals, some bishops, the working staff and plenty of consulters.

 

Has that been lost, do you think?

It’s not lost, but I’m afraid that there is no clear idea of the ecclesiological status of the Roman Church in the form of the congregation of the cardinals and the Roman Curia. Some think that a pope personally can do whatever he wants because he is absolute sovereign, but that’s not true.

 

He’s the “Servant of the Servants of God.”

He is, and the role of the Pope as the head of the Vatican state has nothing to do with the Pope as the visible head of the Church, the principal of the unity of the Church in the revealed truth. The Pope’s independence of worldly powers is necessary for his mission, but he is not independent of the moral law. He is, in fact, the first interpreter of the natural moral law.

As the first and the last, the highest, most important interpreter of that revelation of God in Jesus Christ, he is not an isolated person, but head of the Roman Church — and, therefore, he is reliant on the qualified and engaged cooperation of the Roman Church in the form of the cardinals and the dicasteries of the Roman Curia.

 

Do you think the fruits of this diminishment of the CDF and the papacy is why we’re seeing this chaos and confusion, bishops having different and, some theologians argue, heretical interpretations of Amoris Laetitia, for example? Is it because of this ignorance, or lack of respect, if you like, for what the Church is?

I think the Pope should not be blamed for this confusion, but he is authorized by Jesus Christ to overcome it. The pope, as bishop of the first apostolic Church in the worldwide communion of Catholic Churches is the permanent principle and foundation of the unity of the Church in the faith and the communion in love (Lumen Gentium 18).

 

He’s known to pay close attention to the media, and so must know what is going on. Is it not, therefore, incumbent on him to put this right, in the interests of unity of the Church, and that this responsibility rests with him, and him only?

I don’t want to criticize him, publicly or privately. But I am free to say what I think is for the good of the Church. I’ve made some interventions in my office as prefect of the congregation, in which I explained that the only true and correct interpretation of Amoris Laetitia — which on the whole is very good and in favor of matrimony — is the orthodox interpretation, by which we mean to say: It is in the line of holy Scripture, apostolic Tradition and the definite decisions of the papal and episcopal magisterium, which is continuous up to now. Nowhere in Amoris Laetitia is it demanded by the faithful to believe anything that is against the dogma because the indissolubility of marriage is very clear. The only question is whether, in some cases, true matrimony exists in today’s context, in a culture where the definition of matrimony is very different from what the Church is teaching.

 

Is it problematic that the Pope is giving his own interpretations that appear to be at odds with the orthodox interpretation you espouse, for example his letter to the Argentine bishops and his praise for the Maltese bishops?

In the case of the letter to the Argentine bishops, if the Pope is writing a personal and private letter, it’s not an official doctrinal document.

 

It has been posted on the Vatican website.

The website of the Vatican has some weight, but it’s not a magisterial authority, and if you look at what the Argentine bishops wrote in their directive, you can interpret this in an orthodox way.

 

To go back to the CDF, how would you like to see it be brought back to its stated purpose? How would you like it to do this under its new prefect, Archbishop Luis Ladaria?

Theologically, Archbishop Ladaria and I have absolutely the same understanding of the Catholic faith and theology, because he refers to the great Church Fathers and theologians and has an orientation to the foundation of the verses of Holy Scripture, the word of God, the apostolic Tradition — the same framework. But I hope that the secretary and undersecretary will have, also, this understanding: to serve the orthodox faith, to serve the Holy Father in his very important role for the unity of the Church and the revealed truth. Competence is more important than friendships, and sincerity serves more than ambitions. I said it personally to the Holy Father that it’s especially important that the congregation’s members, superiors, our collaborators and our consulters are, firstly, orthodox, have theological competence and must have a good moral life, and a deep spirituality as priests.

 

Does such opportunism disturb you?

The Holy Father, in his second Christmas speech to the Roman Curia, to the cardinals, spoke of the 15 illnesses of the Curia very general. Many of the participants felt offended because the press spoke about Vatican officials as if they were all careerists and opportunists, looking around only for money and big apartments, etc. But one should not speak generally about present persons as if they were guilty or stupid.

Careerists and opportunists should not be promoted, and other people who are competent collaborators not excluded without any reason or expelled from the Curia. It’s not good. I heard it from some houses here, that people working in the Curia are living in great fear: If they say one small or harmless critical word, some spies will pass the comments directly to the Holy Father, and the falsely accused people don’t have any chance to defend themselves. These people, who are speaking bad words and lies against other persons, are disturbing and disrupting the good faith, the good name of others whom they are calling their brothers.

The Gospel and the words of Jesus are very strong against those who denounce their brothers and who are creating this bad atmosphere of suspicion. I’ve heard that nobody speaks; everyone is a little afraid because they can be snitched on. It’s not the behavior of adult people, but that of a boarding school.

 

One senior Church figure, speaking to me on condition of anonymity, called it a “reign of terror.”

It’s the same in some theological faculties — if anybody has any remarks or questions about Amoris Laetitia, they will be expelled, and so on. That is not maturity. A certain interpretation of the document’s Footnote 351 cannot be criteria for becoming a bishop. A future bishop must be a witness to the Gospel, a successor of the apostles, and not only someone who repeats some words of a single pastoral document of the Pope without a mature theological understanding.

We must distinguish between what is official doctrine of the Church, the role of the Pope, and what he is saying in private conversations. Those private opinions of the Pope need to be respected because they are opinions and words of the Holy Father, but nobody is obliged to accept uncritically everything that he’s saying, for example, about political or scientific questions. That’s his personal opinion, but nothing to do with our Catholic faith, by which we are justified in the grace of God.

 

Regarding Amoris Laetitia and the fear of criticizing it, and the lack of response to the dubia, isn’t the irony that it goes against the Pope’s wish for parrhesia (to speak boldly and frankly) and dialogue?

Everyone who becomes bishop, cardinal or pope must learn to distinguish between the critics who are against the person and critics against the mission you have. The Holy Father, Francis, must know that it is important one accepts his intention: to help those people who are distant from the Church, from the belief of the Church, from Jesus Christ, who wanted to help them. … This discussion is not against him, it is not against his intentions, but there is need of more clarification. Also, in the past, we had discussions about the faith and the pastoral application of it. It’s not the first time this has happened in the Church, and so why not learn from our long experiences as Church, to have a good, profound discussion in promoting the faith, the life of the Church and not to personalize and polarize? It’s not a personal criticism of him, and everybody must learn it and respect his high responsibility. It is a very big danger for the Church that some ideological groups present themselves as the exclusive guardians of the only true interpretation of Amoris Laetitia. They feel they have the right to condemn all people of another standpoint as stupid, rigid, old-fashioned, medieval, etc.

Nobody can, for example, say Cardinal Caffarra didn’t understand anything of moral theology. Sometimes the un-Christian behavior is printed in L’Osservatore Romano, the semi-official Vatican newspaper, or given in official organs of the media, to make polemics and rhetoric. This cannot help us in this situation — only a profound theological discussion will.

 

Do you think this unwillingness to discuss, and this tendency to make things personal, is because those making these accusations don’t really have the strength of their own convictions, that they know their arguments won’t stand up to rigorous examination?

All my life, after the Second Vatican Council, I’ve noticed that those who support so-called progressivism never have theological arguments. The only method they have is to discredit other persons, calling them “conservative” — and this changes the real point, which is the reality of the faith, and not in your personal subjective, psychological disposition. By “conservative,” what do they mean? Someone loves the ways of the 1950s, or old Hollywood films of the 1930s? Was the bloody persecution of Catholics during the French Revolution by the Jacobins progressive or conservative? Or is the denial of the divinity of Christ by the Arians of the fourth century liberal or traditional? Theologically it’s not possible to be conservative or progressive. These are absurd categories: Neither conservatism nor progressivism is anything to do with the Catholic faith. They’re political, polemical, rhetorical forms. The only sense of these categories is discrediting other persons.

We have Holy Scripture, we have eschatological revelation in Jesus Christ, the irreversibility of Jesus Christ, the Incarnation, the salvation of the cross, the Resurrection, the Second Coming of Jesus Christ for the end of the world. … The responsibility of the Pope and the bishops is to overcome the polarization. Therefore, it’s very dangerous for the Church to divide bishops into friends and enemies of the Pope regarding a footnote in an apostolic exhortation. I am sure that anybody will denounce me also for this interview, but I hope that the Holy Father will read my complete interview here and not only some headlines, which cannot give a complete impression of what I said.

 

Would you say we have never had a Pope like this, who has this disputed approach to doctrine, distinguishing between teaching and pastoral practice, and so allowing false interpretations to grow? In such a context, would you, therefore, say that the CDF is needed more than ever?

He has another approach: John Paul II and former Popes Paul VI and Benedict XVI — they met all the modern questions and genesis of the modern world; they gave good explanations. He [Francis] thinks his contribution is not in this way, because what is clear is to have pastoral approach from the so-called Third World. The poor are the key for the New Evangelization, and he wants that, it is true, and a very good intention to try to overcome this contraposition in the Church. The Holy Father wants to say not only this or that is not allowed, but to give more importance to good intentions, positivity, to say that the Gospel is in favor of life, not only against abortion, for example.

We have the inseparable relation between faith and life, grace and love, and not the dualism between theory and practice. It is a Marxist approach to distinguish the two. We are not speaking from theory because belief isn’t a theory; belief is the unity with God in our conscience. Our categories are not theory and praxis, but truth and life, both gifts of grace, forms of the communication with God in the Church as the Body of Christ. Therefore, pastoral practice means coming to a true understanding of what Christ as pastor and good shepherd is doing for us, leading us to the eternal life.

 

What other concerns would you like to see addressed, in the CDF and further afield, perhaps?

The role of the CDF is very important: The prefect and all the collaborators give interviews and talks that promote the faith. That was a new identity shaped by Cardinal Joseph Ratzinger in his long time as prefect, and we cannot go back to the old pre-conciliar approach when the CDF, or Holy Office, was only a bureaucratic defender behind the walls of the Vatican, and everyone was afraid to get a letter of the congregation. That is an old form, and I hope there’s no way back to that. The congregation has to offer the Church, especially bishops and theologians, impulses and orientations for the teachers of the faith. The best help for the Holy Father today is a high-profiled congregation for the doctrine of faith and morals.

 

And yet many people would like to see the CDF being more of a defender of the faith, especially today. It’s almost as if there’s an absence of authority of defending the faith coming from the Vatican. What do you say to that?

I always tried to avoid this impression. I gave many talks around the world. What I offered was this promotion of the faith and all the teaching, defending the faith, new questions of dogma and moral [questions], and especially the challenges of bioethics and all these big efforts, such as gender ideology, which will absolutely destroy the fundament of human existence, family and future.

 

But what about the problem of secularist thinking and heterodoxy within the Church and defending orthodoxy?

What I could do, I did. I understood the role of the prefect in this new vision manifested by Cardinal Ratzinger and then by his successor, Cardinal William Levada, and therefore Pope Benedict XVI appointed me. I hope that the CDF will now continue with this line promoting the faith. What we need is a great effort for the truth of the faith and not a battle for more power in the whole Church and especially in the Roman Curia.

The question of today is not about more power for Church officials, but the truth of God for the lives of all men. Paul VI made a certain mistake when he changed the congregation’s role, and it became one among the other congregations. The truth is that the CDF is more important than the others, not because its members consider themselves better and more powerful than the others, but because the foundation of the Church is not politics, but the faith. The secretary of state has the job of organizing the apostolic nuncios, working for peace and freedom among the states, for social justice and so on. It’s a very important role, but, nevertheless, the Church is not a political organization; it is not a social organization; it’s not a NGO [nongovernmental organization]. The Holy Father underlines all the time that we are the sacrament of the complete unity between God and man on the basis of real faith, hope and love, and nobody can change it.

 

Would you like the Pope to answer the dubia? Is that vital for the well-being of doctrine?

The best thing would have been for the Holy Father to have had an audience before their publication. Now we have the spectacle of a trial of strength. It’s better to speak before and to deepen the questions and give good answers.

 

What is your opinion on the correction? Given the depth of concern among many priests and faithful on the issues raised there, how important is it that the Pope gives a response?
What the Church needs in this serious situation is not more polarization and polemics, but more dialogue and reciprocal confidence. The Holy Father and all good shepherds are wishing the full integration of couples in irregular situations. But this must happen according to the general conditions of the worthy and valid reception of the holy sacraments. We must avoid new schisms and separations from the one Catholic Church, whose permanent principle and foundation of its unity and communion in Jesus Christ is the actual Pope Francis and all bishops in full communion with him. The Successor of St. Peter deserves full respect for his person and divine mandate, and, on the other hand, his honest critics deserve a convincing answer. A possibility of the solution could be a group of cardinals engaged by the Holy Father to begin a theological disputation with some prominent representatives of the dubia and the “corrections” about the different and sometimes controversial interpretation of some statements in Chapter 8 of Amoris Laetitia.

 

There are rumors that the CDF had a file on Archbishop Fernandez because his theology was problematic. Do you know about this?

I don’t; it was before my time. Once, in an interview in Corriere della Sera (2015), he criticized me publicly, saying the prefect of the congregation has nothing to say, that the Pope is his friend, he is the true interpreter, that the Holy Father is enlightened directly by the Holy Spirit. But never have I read that the Holy Father is enlightened by the Holy Spirit in the understanding of a new revelation. The Pope is only assisted by the Holy Spirit for the authentic interpretation of the revelation of God in Christ. He and the bishops are human cooperators in transmitting Revelation, which is completely given in Jesus Christ, the incarnate Word of God, but they don’t get any other revelation.

The Gospels are human words inspired by the Holy Spirit, but that didn’t exclude the true human cooperation of the Evangelists. Catholic theology doesn’t speak about the “enlightenment of the magisterium of the Pope and the bishops.” The apostles listened to the words of Jesus — it was a human mediation by human nature, and so the cooperation of the Church is absolutely needed. Surely the faith is given by the Holy Spirit, but by the mediation of evangelization. Nobody can believe unless heard by human ears the word of God.

 

When some of the Pope’s advisers often invoke the Holy Spirit to justify their positions, implying that if someone doesn’t understand it, he doesn’t understand the workings of the Holy Spirit, is this a dangerous trend?

I am afraid that there is a certain Pentecostal misunderstanding of the role of the Holy Spirit. In the Incarnate Word of God, in the Son of God, Jesus Christ, to us is given all the grace and truth. The Holy Spirit actualizes the full revelation in the doctrine, the sacraments of the Church. The Holy Father plays here a very important role in the apostolic Tradition, but not the only one. His teaching is regulated by the word of God in the Bible and the dogmatic Tradition of the Church. The magisterium and all the believers are supported by the Holy Spirit in the actualization of the full and complete revelation, but they do not receive any new public revelation as a part of the depositum fidei, as it confirmed the Second Vatican Council (Lumen Gentium, 25).

Nobody can demand of a Catholic to believe a doctrine which is in an obvious contradiction to the Holy Scripture, apostolic Tradition and the dogmatic definitions of the Popes and ecumenical councils in the matter of faith and morals. What is needed is a religious obedience, but not a blind faith, to the Pope and the bishops, and nothing at all to private friends and advisers.

These people must come out with their arguments, and they are not allowed to demand any respect for their presumed magisterial authority. We do not just believe things because a Pope teaches them, but because these truths are included in Revelation (cf. II.Vatican Council, Dei Verbum, 10).

Edward Pentin is the Register’s Rome correspondent.

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Quelle

„Der Präfekt hat dem Papst zu dienen“

ARCHIV - Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, spricht am 30.01.2015 auf dem 10. Semperopernball in der Semperoper in Dresden (Sachsen). (zu dpa "Kampf gegen Missbrauch: Deutscher Kardinal in der Kritik" vom 14.03.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Ein Gespräch mit Kardinal Gerhard Müller über den Papst, die Kurie, seine Ausscheiden aus der Glaubenskongregation und seine Zukunftspläne. Von Regina Einig

Eminenz, haben Sie den Eindruck, dass die Nichtverlängerung Ihrer Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation von außen instrumentalisiert worden ist, um gegen Papst Franziskus Stimmung zu machen? Von verschiedenen Seiten sicher. Und ein gewisser Teil der Medien, hinter denen bestimmte ideologische Gruppierungen stehen, jubelt, weil er die Rolle des Präfekten völlig falsch einschätzt. Aber der Präfekt hat dem Papst zu dienen in seinem Dienst an der Einheit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums. Deshalb ist es von vorneherein falsch, die Kirche sozusagen in zwei ideologische Flügel aufzuteilen und die eigene Energie darin zu investieren, dass der eine den anderen überwindet.

Was sagen Sie den Ideologen? Wir sind katholisch, und es gibt nicht konservative und progressive Wahrheiten. Die Wahrheit ist die Wahrheit Gottes – und der müssen wir uns stellen, denn die Wahrheit führt uns in die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,21).

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Nachfolger erlebt? Wir haben die Arbeit in der Glaubens- und Disziplinarabteilung in vollkommener Harmonie ausgeführt. Er ist in seinem theologischen Grundverständnis vom Zweiten Vaticanum, von den Kirchenvätern sowie den großen Theologen des Mittelalters und der Neuzeit geprägt. Wir haben auch die Entwürfe zu Amoris laetitia gemeinsam kommentiert.

Also gibt es zwischen Ihnen keinen Dissens in der Auslegung von Amoris laetitia? Nein. Es ist eigentlich kaum verständlich, dass jemand einen Zweifel daran haben kann, dass die Aussagen eines Papstes immer im Licht und in Konformität mit der Heiligen Schrift, der apostolischen Tradition und den bisherigen Lehrbestimmungen der Päpste und der Konzilien gelesen werden müssen. Sonst steht einer nicht mehr auf dem Boden des katholischen Glaubens. Man lese dazu nur die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung des II. Vatikanums (Dei Verbum 10).

In der Kurie ist ein Umbau im Gange. Wie beurteilen Sie Stimmen, die sagen, dass die Linien Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. verwischt werden sollen? Man sieht allenfalls einige Baustellen, aber welcher Plan dahintersteht, erschließt sich mir bisher nicht. Wichtig ist zu sehen, dass die römische Kurie eine kirchliche Wirklichkeit ist und nicht einfach ein Verwaltungsapparat für eine weltliche Institution (Vgl. das Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe des II. Vatikanums (Christus Dominus 9f). Was Reform heißt, kann einerseits eine strukturelle oder organisatorische Anpassung an die moderne Kommunikation sein. Aber kirchlich betrachtet verstehen wir unter Reform eine innere geistige und geistliche Erneuerung in Christus mit dem Willen, seiner Kirche treu zu dienen.

Täuschen sich diejenigen, die Ihnen Spannungen mit Papst Franziskus nachsagen? Wir Kardinäle dienen der Weltkirche mit dem Papst zusammen unter seiner Leitung. Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Kirche nicht mit politischen Organisationen vergleicht oder wie ein Sozialkonzern oder eine internationale Hilfsorganisation agiert. Sie ist Zeichen und Werkzeug, Sakrament des Heils der Welt in Christus. Die Kirche dient der Wahrheit und steht nicht unter dem Gesetz politischer und ideologischer Machtkämpfe.

Welche Pläne haben Sie für sich nach der Sommerpause? Wie möchten Sie die nächsten Jahre gestalten? Auch wenn ich die alltägliche Arbeit und Verantwortung in der Kongregation nicht mehr habe, bleibe ich Kardinal und Bischof. Bischof, das heißt, dass wir als Diener des Wortes das Evangelium Christi verkünden in der Nachfolge der Apostel und durch unser Gebet die Kirche erbauen. Als Kardinal hat man die besondere Verantwortung auch für die Weltkirche im Senat des Papstes. Insofern wird es inhaltlich nicht anders sein als es auch die Beschreibung der Kongregation ist: den katholischen Glauben zu fördern und zu bewahren in der ganzen Welt. Wie hatte doch damals Kardinal Ratzinger in „Salz der Erde“ geschrieben: „Mir klingen immer die Worte der Bibel wie der Kirchenväter im Ohr, die die Hirten mit großer Schärfe verurteilen, die wie stumme Hunde sind und, um Konflikte zu vermeiden, das Gift sich ausbreiten lassen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, und ein Bischof, dem es nur darauf ankäme, keinen Ärger zu haben und möglichst alle Konflikte zu übertünchen, ist für mich eine abschreckende Vision.“

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BETRIEBSUNFALL IN DER KURIE

 

DIE TAGESPOST – Guido Horst:

Man hat es im Vatikan sorgfältig registriert, dass Papst Franziskus beim jüngsten Konsistorium am 28. Juni, bei dem er fünf Kirchenmännern das rote Birett überreichte, keinen nicht-öffentlichen Teil der Kardinalsversammlung wollte, bei dem es zu einer Aussprache mit seinen engsten Beratern gekommen wäre. Das gilt auch für das Konsistorium davor im November vergangenen Jahres: Der Papst sucht nicht mehr das freie Gespräch mit den Kardinälen – er weiß, was er dann zu hören bekommen könnte. Seit der Veröffentlichung von „Amoris laetitia“ läuft es nicht mehr rund im roten Senat des Papstes. Auch der Weltepiskopat dividiert sich in der Frage der Zulassung von zivil Wiederverheirateten auseinander und der Riss geht ebenso durch den Vatikan. Die ohne Angabe von Gründen vom Papst angeordnete Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation hat das Klima nochmals verschärft und viele vermuten lassen, dass es noch schlimmer kommen könnte. Das ist jetzt geschehen. Einen für Kurienverhältnisse „jungen“ Glaubenspräfekten nach nur einer Amtszeit nicht mehr zu verlängern, ist nicht mehr schönzureden – auch nicht mit dem Hinweis, dass Franziskus in Zukunft die Leiter der vatikanischen Dikasterien häufiger austauschen will. Dafür waren Sprachlosigkeit und Verstimmung zwischen dem Papst und dem Chef der Glaubenskongregation zu spürbar.

Es hat darum keinen Sinn, nach der „Bilanz“ der Zeit von Müller an der Spitze eines der wichtigsten Dikasterien des Vatikans zu fragen. Er hatte gar keine Gelegenheit, sich richtig einzuarbeiten und zum Partner von Franziskus zu werden, so wie man das aus der Zeit von Johannes Paul II. und seinem Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger gewohnt war. Oft musste Müller lange auf die Audienzen beim Papst warten und Franziskus vertraute anderen an, was eigentlich Chefsache des deutschen Kardinals gewesen wäre: Die Federführung beim Gespräch mit den Pius-Brüdern hatte Erzbischof Guido Pozzo übernommen, der Sekretär der Kommission „Ecclesia Dei“, als seinen Chef-Theologen präsentierte der Papst den Wiener Kardinal Christoph Schönborn und auf die Schlussfassung des postsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“ konnte der Glaubenspräfekt so gut wie keinen Einfluss nehmen.

In dieser Situation hat sich Kardinal Müller nicht aufs Schweigen beschränkt. In Interviews und Vorträgen ließ er durchblicken, dass da mehr ist als nur ein dünnes Blatt Papier, das ihn vom Papst trennt. Franziskus erträgt keinen Widerspruch und hatte wenig Verständnis dafür, dass Müller als Glaubenspräfekt ebenso eine Loyalitätspflicht gegenüber der Verkündigung der Vorgänger auf dem Petrusstuhl zu erfüllen hat – gerade auch in Sachen Ehe- und Sakramentenpastoral. Eine offene und ehrliche Aussprache, vielleicht auch ein längeres Hin und Her der Argumente hätte gut getan. Aber dazu kam es nicht. Franziskus griff zu einer drastischen Lösung, die Müller leider den Ruf anhängt, ein abgeschossener Hardliner zu sein. Das alles ist fast tragisch. In seinem Kloster sitzt ein emeritierter Papst, den diese jüngsten Entwicklungen sehr nahe gehen müssen. Es ist keine Zeit, in der man gelöst in die Sommerpause geht.

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