LE BARROUX: „Wir sind nicht bedeutender als unsere Väter“

In Le Barroux, nahe Avignon, kann sich die Benediktiner-Gemeinschaft, die Dom Gérard Calvet im Zeichen der strengen Beachtung der Regel der Liebe und der liturgischen Tradition der Kirche gegründet hat, seit vierzig Jahren einer großen Blüte erfreuen.

Von Giovanni Ricciardi

01-11-011bis

Die Kirche von Le Barroux. [© Massimo Quattrucci]

Von den Fenstern des Klosters Le Barroux aus betrachtet, mutet der Himmel der Provence an wie eine gigantischehellblaue Fahne, die im Wind weht. Der Mistral setzt ihr mitunter gewaltig zu: an manchen Wintertagen kann die Windstärke in den Bergen stolze 300Stundenkilometer erreichen. Den Olivenbäumen und den Weinstöcken scheint das nichts auszumachen; die Vegetation besteht größtenteils aus Zypressen und anderen niedrig wachsenden mediterranen Pflanzen. Gegen den Himmel zeichnet sich das dunkle Bergmassiv des Mont Ventoux ab. Hier wagte Francesco Petrarca am Karfreitag des Jahres 1336 mit seinem Bruder Gherardo seine abenteuerliche Berg-Besteigung. Dem Augustiner-Freund Dionigi aus Borgo San Sepolcro, der ihn zum Lesen der Bekenntnisse inspiriert hatte, schilderte er den berühmten „Aufstieg“ später in einem Brief. Kurz vor Erreichen des Gipfels rief der Dichter seinem Bruder Gherardo die Passage des 10. Buches in Erinnerung, in der Augustinus schreibt: „Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres, die weit dahinfließenden Ströme und die Kreisbahnen der Gestirne, und haben nicht Acht ihrer selbst.“

In seinem kontinuierlichen Kampf zwischen der Liebe zu den irdischen Dingen und der Sehnsucht nach denen des Himmels beneidete der Dichter den Mönch Gherardo um die Unbeschwertheit und Freiheit, die ihn den Berg zügig und leicht hinaufstiegen ließen, während es ihn selbst viel Mühe und Anstrengung kostete, mit dem voraneilenden Bruder Schritt zu halten.

Die Geschichte der Treue zur Tradition

Vor 40 Jahren, am 22. August 1970, kam ein anderer Gherardo – Gérard Calvet, ein französischer Benediktiner – auf dem Motorrad hierher. Die Erlaubnis dazu hatte ihm der Abt seines Klosters gegeben. Er ließ sich in der kleinen Kapelle von Bédoin nieder, die der hl. Maria Magdalena geweiht ist. In den turbulenten Nachkonzilsjahren wollte er einfach nur sein monastisches Leben weiterführen, ohne sich den „Experimenten“ der lehrmäßigen oder liturgischen Erneuerung unterwerfen zu müssen, die ihm im Vergleich zum „alten und allzeit neuen“ Reichtum der Tradition (Gebet, Stille, Handarbeit, Messen auf Lateinisch, traditionelle Liturgie) so unvergleichlich arm erschien.

Die selbstgewählte Einsamkeit war nicht von langer Dauer. Schon drei Tage nach seiner Ankunft wurde in Bédoin ein junger Mann vorstellig, der darum bat, als Novize aufgenommen zu werden. Der überraschte Dom Gérard gab ihm zunächst zu verstehen, ihn unmöglich aufzunehmen zu können, doch der junge Mann ließ sich nicht abweisen. Und das war erst der Anfang: in nur 8 Jahren konnte sich die kleine Gruppe zu einer Gemeinschaft von 11 Mönchen mausern. Die Kapelle mit dem kleinen, verfallenen Priorat wurde restauriert, war aber schon bald zu eng für das neue Zönobium. Das Wachstum der von Abt Dom Gérard geförderten Gemeinschaft war nicht mehr aufzuhalten.

Zu der Treue zur traditionellen Liturgie kam damals noch eine fast schon natürliche Sympathie für die Position Msgr. Lefebvres, der im Juli 1974 die ersten Weihen der Mönche vornahm. Das missfiel dem Abt, der Dom Gérard anfänglich unterstützt hatte: er befahl ihm, das Kloster zu schließen, und die Gemeinschaft wurde aus der Benediktiner-Kongregation von Subiaco ausgeschlossen.

Doch Dom Gérard ließ sich von diesem Ultimatum nicht ins Bockshorn jagen, sondern beschloss, weiterzumachen. Trotz der schmerzlichen Trennung wusste er tief in seinem Herzen, dass die jahrhundertealte Liebe zur liturgischen Tradition der Kirche nicht im Kontrast zur Mitte des Glaubens und der Treue zum Papst stehen konnte. Er vertraute darauf, dass Gott einen Weg finden würde, diese irregulär gewordene kanonische Situation zu klären. 1980, als die Tage von Bédoin gezählt waren, wurde in der Gemeinde Le Barroux, zwischen dem Mont Ventoux und den „Dentelles“ von Montmirail, der Grundstein zu einem neuen Kloster gelegt: der schmucklose, aufs Wesentliche reduzierte Bau im neoromanischen Stil konnte in weniger als einem Jahrzehnt fertiggestellt werden.

Obwohl die Kluft zwischen Lefebvre und der Kirche in der Zwischenzeit immer tiefer geworden war, hoffte Dom Gérard weiterhin auf eine Lösung. Und als Johannes Paul II. den „traditionalistischen“ Katholiken 1988 mit dem Motu proprio Ecclesia Dei einige, wenngleich an gewisse Bedingungen geknüpfte Zugeständnisse machte und ihnen erlaubte, die Messe im vorkonziliaren Ritus zu feiern, war es für das Kloster von Le Barroux ein Freudentag. Seinen Mönchen hatte Dom Gérard stets gesagt, dass es nur natürlich war, dass sie unter der kanonisch ungelösten Situation des Klosters litten – nicht zu leiden hätte bedeutet, dass sie die Kirche nicht wirklich liebten. Und als Msgr. Lefebvre, der den von Rom gemachten Zugeständnissen nicht so recht trauen wollte, noch im selben Jahr ohne päpstliche Genehmigung Bischofsweihen vornahm und das Schisma einläutete, wählte das Kloster die bedingungslose Treue zu Rom und den Bruch mit der Bewegung des französischen Erzbischofs. Dom Gérard bezahlte seine Treue zur Kirche mit dem Umstand, dass sich die inzwischen in Brasilien gegründete Zweigniederlassung von Le Barroux von ihm abwandte. Dort wollte man der „harten Linie“ Lefebvres treubleiben.

Im Jahr darauf, am 2. Oktober 1989, nahm Kardinal Gagnon im Beisein des Bischofs von Avignon die feierliche Weihe der gerade vollendeten Klosterkirche vor. Mit dieser öffentlichen Geste wurde die volle Einheit des Klosters von Le Barroux mit der katholischen Kirche unterstrichen.

04-11-011

Die Mönche beim Gebet der Laudes um 6 Uhr morgens. [© Massimo Quattrucci]

Der Alltag 

Im warmen Licht der provenzalischen Landschaft erscheint das Kloster heute weit entfernt von den Tumulten der kirchlichen Kämpfe und der Negativ-Presse der Vergangenheit. Die Neuankömmlinge, die hier anfänglich mit Misstrauen und Argwohn betrachtet wurden, haben ein arbeitsreiches Leben: sie stehen mitten in der Nacht auf, um die Matutin zu beten und erwarten die Morgendämmerung in ihren Zellen, wo sie die Heilige Schrift und die Texte der Kirchenväter meditieren. Um 6 Uhr versammeln sie sich im Kloster zum Gebet der Laudes; danach zelebrieren jene unter ihnen, die die heiligen Weihen empfangen haben, an den Seitenaltären die Messe auf Lateinisch nach dem römischen Messbuch, das Johannes XXIII. 1962 promulgiert hat. Auch der ein oder andere Gläubige findet sich trotz der kühlen Morgenstunde ein und kniet wortlos nieder, um dem Gottesdienst beizuwohnen. Dann gehen alle ihrem Tagwerk nach.

Die Mönche sind „Selbstversorger“. Die 52 Klosterinsassen (einige sind noch sehr jung, das Durchschnittsalter beträgt 46 Jahre), aus denen die Gemeinschaft heute zusammengesetzt ist (plus weiteren 13, die eine neue Gemeinschaft im Süd-Westen Frankreichs gegründet haben) leben der Benediktiner-Tradition entsprechend von ihrer Hände Arbeit. Hergestellt wird nicht nur Olivenöl, sondern auch Wein; die hauseigene Bäckerei deckt nicht nur den Eigenbedarf des Klosters, sondern stellt auch Kekse, Baguettes und köstliches Backwerk für die Dorfbewohner und Touristen her. Vor ein paar Jahren hat das Kloster auch eine Ölmühle geöffnet: hier können die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Oliven pressen lassen. Dabei werden zwei Steinmolen eingesetzt, die man eigens aus der Toskana kommen ließ und die von modernen Maschinen bewegt werden. Auch die Druckerei ist immer im Einsatz: hier werden nicht nur die Messbücher im traditionellen römischen Ritus gedruckt, sondern auch die Aufträge des kleinen, von Dom Gérard gegründeten Verlagshauses ausgeführt. Vor dem schweigend eingenommenen Essen – die Küche ist streng vegetarisch – wird gemeinsam mit den Gästen im Speisesaal das Benedicite gebetet. Als Zeichen der Gastfreundschaft wäscht ihnen der Abt die Hände. Doch damit ist die Gastfreundschaft noch nicht zu Ende: wer kein Dach über dem Kopf hat, kann auch hier übernachten. Zum Mittag- oder Abendessen liest ein Mönch eine geistliche Lektüre vor, manchmal aber auch einen Text zu einem geschichtlichen oder allgemeinen kulturellen Thema.

Wir sind nicht bedeutender als unsere Väter

„Die traditionelle Liturgie ist reich an Zeichen, die uns daran erinnern, woher der Glaube kommt, und sie lehrt uns, dass wir nicht bedeutender sind als unsere Väter, sondern nur das weitergeben, was wir erhalten haben“. In den Worten des Abtes, Pater Louis-Marie, liegt keine Polemik. Er war ein Freund und Schüler Dom Gérards, der ihm 2003 die Leitung der Gemeinschaft übertragen hat und nur 5 Jahre nach seinem Rücktritt verstorben ist. Die Erfahrung der aus dieser Liturgie kommenden Schönheit ist kein „Sonderrecht“ dieses Klosters. Im heutigen Frankreich haben weitere Klöster diese Gebetsform übernommen. Der Abt erklärt: „Ein ukrainischer Bischof hat mir einmal gesagt, dass man im säkularisierten Frankreich zwar eine große spirituelle Wüste zu sehen scheine, es in dieser Wüste aber sehr schöne Oasen gebe“. Nicht nur solche wie Le Barroux. Es ist etwas in Gang gekommen, ohne die starren Schemata von vor 20 Jahren. Die Beziehung des Klosters zur Diözese Avignon, zu der auch das von Dom Gérard gegründete Kloster gehört, ist längst nicht mehr so gespannt wie früher. Jedes Jahr konzelebriert der Abt mit dem Bischof am Gründonnerstag die Chrisam-Messe. Viele Priester der Diözese sind aufgeschlossen für diese monastische Erfahrung, die Kommunikations-Brücken zur französischen Kirche baut. Allgemeiner gesprochen, scheinen die Leute – wie uns der Abt verrät –, „nicht nur davon angezogen zu sein, dass die Messe hier im vorkonziliaren römischen Ritus gefeiert wird, sondern auch von der Schönheit des monastischen Gebets, des gregorianischen Gesangs, der hier praktiziert wird, weil das Gebet so in der Tiefe der Stille, in der Hinwendung zum Herrn, gelebt wird.“

Jedes Jahr verbringen Hunderte von Priestern, vor allem aus Frankreich, Italien, Deutschland, Großbritannien und Holland, Einkehrtage in Le Barroux. Sie unterhalten sich mit den Mönchen oder wollen einfach nur lernen, wie man die Messe im alten Ritus feiert. Das Kloster zählt ca. 300 Oblaten – Priester, Laien und Familien, die der Benediktiner-Spiritualität anhängen.

Die Neuberufenen, die es nach Le Barroux zieht – zwei, drei im Jahr – kommen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen. Da ist beispielsweise ein junger Mönch, der eine militärische Karriere hinter sich hat – ein anderer wieder war Ingenieur in China und ist im Internet auf die Webseite von Le Barroux gestoßen. Ein Dritter, der im Alter von 20 Jahren einen Priester aus Marseille darum gebeten hat, getauft zu werden, ist dann in einen religiösen Orden eingetreten, der ihm allerdings wenig „anspruchsvoll“ erschien. So kam es, dass ihn der französische Priester hierher brachte. „Einer der Aspekte, die die Menschen zu einem Ort wie diesem hier ziehen“, erklärt der Abt, „ist, dass es eine freie, radikale Entscheidung für ein evangeliumsgemäßes Leben ist“. Frei und radikal sind die beiden Adjektive, die man hier am häufigsten hören kann. Für einige Lefebvrianer, nicht viele, um die Wahrheit zu sagen, ist Le Barroux wie eine Brücke für eine Rückkehr zur vollen Gemeinschaft mit der Kirche. Ein weiterer Grund ist aber, dass sie – wie der Abt feststellt –, „die in der Bruderschaft des hl. Pius X. herrschende Atmosphäre als gespannt und von einem gewissen klerikalen Autoritarismus geprägt empfinden.“

Es ist, als entstünde hier ein Gleichgewicht, das weder auf einem Kompromiss beruht, noch auf einem Gegensatz zu anderen kirchlichen Realitäten, sondern einfach nur darauf, dass man sich auf die Regel des hl. Benedikt zurückbesinnt, um die Mitte des christlichen Lebens wiederzuentdecken. „Damals“, erklärt der Abt, „konnten wir feststellen, dass jene Klöster, die sich die Mühe gemacht hatten, die Formen religiösen Lebens zu erneuern und revolutionieren, heute auch diejenigen sind, die weniger Berufungen in Frankreich haben. Ich glaube, dass sich die jungen Menschen heute nicht nur wegen der in Le Barroux spürbaren Vitalität – eine Gabe, die wir von unserem Gründer geerbt haben – angezogen fühlen, sondern vielmehr wegen der radikalen Entscheidung für Gott, und natürlich der Schönheit der bei uns gefeierten Liturgie. Aber das ist nicht alles. Ja, im Grunde genommen ist es nicht einmal das Wesentliche. Auch ich habe mich, als ich hierher kam, in diesen Ort verliebt – in den Klang der Glocken, die den Tagesablauf bestimmen, genauso wie in die Aufmerksamkeit, die man dem Gottesdienst hier widmet: mir war sofort klar, dass das monastische Leben nichts anderes ist als ein Werk der Aufopferung, die totale Hingabe unser selbst an Gott.“

Am Abend rufen die Glocken zur Vesper, dem vielleicht innigsten und feierlichsten Moment der Gemeinschaftsliturgie. Und wenn die Stimmen der Betenden die Stille der Abenddämmerung durchbrechen und der Schatten, den das Kruzifix auf dem Altar an die steinerne Mauer der Apsis wirft, länger wird, erscheint alles auf einmal soviel klarer. Auf einmal versteht man die Worte, mit denen der Abt seine Reflexion über die Faszination dieses Ortes ausklingen lässt: „Das, was ich gesagt habe, ist wahr, aber zweitrangig. Die letzte Anziehungskraft einer Berufung ist einfach nur der liebe Gott. Und das ist auch der Grund dafür, warum die Berufungen, jede Berufung, im Wesentlichen ein Geheimnis bleibt“.

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Quelle

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