Schweiz: Bischöfe erinnern zur Bundesfeier an Bruder Klaus

Bruder Klaus – RV

Wir leben „außenorientiert“, sind in der Welt ständig von Reizen umgeben. Aber macht uns das glücklich? Diese Frage stellt die Schweizer Bischofskonferenz zum Auftakt der Wallfahrt in den Flüeli Ranft, die dem Nationalheiligen der Schweiz gilt. Dort im Flüeli lebte von 1467 bis 1487 Niklas von Flüe, genannt „Bruder Klaus“. In einer Videobotschaft zur schweizerischen Bundesfeier am 1. August erinnert der Weihbischof des Bistums Chur, Marian Eleganti, an den Heiligen, der vor 600 Jahren geboren wurde.

„Ein Aussteiger. Und ein Heiliger. Wohlhabend, Bauer, Familienvater, Politiker; nach eigenen Worten ‚angesehen und mächtig‘. Aber er war auch ein Visionär, ein Gottsucher. Er kannte sie gut, die Welt. Nur zu gut, um sich für immer in ihr einzurichten.“

Deshalb gab Niklaus von Flüe sein weltliches Leben auf und begann ein Leben in der Stille, als Einsiedler im Flüeli-Ranft. Er fastete, betete und wurde zum Ratgeber für zahlreiche Menschen, die ihn auf dem Ranft besuchten und nach Antworten auf ihre spirituellen Fragen suchten. Beim Stanser Verkommnis, einer Übereinkunft zwischen streitenden Stadt- und Landorten, spielte „Bruder Klaus“ eine wichtige Rolle als Friedensstifter.

Schon zu Lebzeiten wurde er als Heiliger verehrt; später bezogen sich die Reformatoren Zwingli und Bullinger auf die politischen Lehren des Niklaus von Flüe. Katholiken heben eher seine religiöse und mystische Lehre hervor. Während seiner neunzehneinhalb Jahre im Ranft soll er komplett ohne Nahrung ausgekommen sein – das wird als ein Zeichen der Liebe Gottes gewertet.

Für Weihbischof Eleganti können auch Menschen heute viel von Bruder Klaus lernen: „Irgendwie bleibt sich der Mensch gleich – er wird versucht, abgelenkt vom Wesentlichen. Wir hören das nicht so gerne, denn wir lieben die Welt. Trotzdem wahr.“

Sich wieder auf das Wesentliche zu besinnen, das wahre Freiheit eröffnet – das sind Ziele der Wallfahrt zum Flüeli Ranft, zu der die Bischofskonferenz im Anschluss an ihre nächste ordentliche Vollversammlung einlädt. Der Weg wird am 6. September 2017 um 10.15 Uhr beim Gästehaus Kloster Bethanien in St. Niklausen/Obwalden beginnen und um 11.15 Uhr mit einer öffentlichen Eucharistiefeier im Ranft abschließen.

Im 600. Jahr nach der Geburt des Heiligen finden außerdem Ausstellungen in katholischen und protestantischen Kirchen, Vorträge und szenische Gottesdienste zu Ehren von Niklaus von Flüe statt. Bis September wird auf einer Wiese in St. Niklausen auch ein Visionsgedenkspiel aufgeführt, inspiriert von Bruder Klaus‘ Pilgervision.

(rv 31.07.2017 jm)

Schweiz: „Bruder Klaus ein Kompass auch für heute“

Der Schweizer Nationalheilige Bruder Klaus, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum 600. Mal jährt, wurde an diesem Sonntag in Sarnen geehrt. Bundespräsidentin Doris Leuthard hob bei der Gedenkfeier für Niklaus von Flüe vor hunderten Pilgern und Besuchern die Werte des Glaubensmannes hervor. Sie ist überzeugt, Bruder Klaus würde der Gesellschaft auch heute noch guttun.

„Trotz der Abgeschiedenheit im Ranft war er über das wichtige informiert, er genoss der Vertrauen der weltlichen und kirchlichen Würdenträgern genauso wie das des einfachen Mannes und der einfachen Frau, weil er Vertrauen schenkte und Vertrauen nicht missbrauchte. Danach können wir unseren Kompass auch heute ausrichten.“

Niklaus von Flüe lebte von 1417 bis 1487. Er gehörte zum Führungszirkel Obwaldens, verließ aber seine Frau Dorothee und die zehn gemeinsamen Kinder und zog sich als Eremit in Flüeli-Ranft zurück. Die Klause ist heute eine Pilgerstätte.

Historisch verbürgt ist die Rolle von Bruder Klaus als Ratgeber und Vermittler. 1481, am Tag des „Stanser Verkommnis“, vermittelte er im Streit zwischen den Stadtkantonen Zürich und Bern und den Urschweizer Landkantonen.

Papst Johannes Paul II. war 1984 im Flüeli vorbeigekommen. Vor dem Haus des Heiligen und seiner Familie feierte er eine Messe und hielt eine bemerkenswerte Predigt, in der er den Schweizern sagte, Nikolaus von der Flüe erinnere auch an ihre „Verantwortung für den Frieden in der Welt“.

Im Monat März haben wir unsere Radioakademie-Reihe Bruder Klaus und Huldrych Zwingli gewidmet, die als „Schweizermacher“ heute noch einen Einfluss auf die Schweiz haben. Hier können Sie die CD gegen eine Spende bestellen.

(rv/srf 01.05.2017 gs)

Der verborgene Schatz auf dem Acker des Lebens

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Christliches Sterben

Wort der Bischöfe zum Krankensonntag 2017
(5. März 2017)

Ob wir krank oder gesund sind, wir alle sind herausgefordert, über den Sinn der Krankheit nachzudenken und die möglichen Situationen, in die wir an unserem Lebensende geraten können, im Geiste vorwegzunehmen. Jener Tag, den viele als den letzten fürchten, war für Seneca (†65) „der Geburtstag der Ewigkeit.“ „Lebt wie Menschen, die täglich sterben”, sagt der Wüstenvater Antonius (†356) seinen Brüdern vor seinem Tod. Der französische Skeptiker Montaigne (†1592) versteht Philosophieren als ein Einüben des Sterbens. “Warum Angst vor dem Tod haben?”, sagt der blinde Mönch der Grossen Kartause im Film »Die grosse Stille«, „je mehr man sich Gott nähert, umso glücklicher ist man. Das ist die Vollendung unseres Lebens”.

Wie man sieht, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Lebensführung und dem Erleben des Todes eines Menschen. Franziskus (†1226) stirbt nackt auf dem Boden der Portiuncula, umgeben von seinen Brüdern; Benedikt (†547) stirbt stehend im Gebet der Psalmen, auf zwei Brüder gestützt; Seraphin von Sarov (†1833) übergibt seine Seele Gott kniend vor der Ikone der Gottesmutter der Freude.

Das Alter bzw. Älterwerden ist geeignet, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, eine Frage, die durch die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit der Alltagsgeschäfte oft in den Hintergrund gedrängt wird. Bei Thomas von Kempen (†1471) heisst es: „Was antwortest Du auf die Frage: Warum bist du auf die Welt gekommen? Es ist von Zeit zu Zeit gut, dir diese Frage zu stellen.“ Das gilt vor allem für den letzten Lebensabschnitt. Im Psalm 138, Verse 13-16 lesen wir: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. … Deine Augen sahen, wie ich entstand, in Deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ Gott hat also all meine Tage angeschaut und gesegnet: auch die letzten. Ihr Sinn liegt wie ein verborgener Schatz auf dem Acker des Lebens und muss geborgen werden.

Der drohende Verlust der geistigen Kontrolle über sein Leben hat Gunter Sachs (†2011) als einen würdelosen Zustand betrachtet, dem er durch Selbsttötung entschieden entgegentreten bzw. zuvorkommen wollte. Keinen Augenblick lang habe ich jedoch persönlich den Verlust der geistigen Kraft bei meinen betagten Eltern als einen Verlust ihrer Würde erlebt. Würde hat jeder Mensch, gerade der Schwache. Allenfalls sind wir es, die sie ihm absprechen oder ihn nicht seiner Würde gemäss behandeln.

Was hat Abhängigkeit mit Würdelosigkeit zu tun? Ist ein Kind würdelos, weil es noch nicht vollkommen über sein Leben zu verfügen vermag, auf Hilfe angewiesen ist? Darf unser Dasein keine Schwäche dulden? Muss nun jeder, der schwach ist, sich als eine Zumutung für die Gesellschaft sehen, als ein Kostenfaktor, als emotionale und kräftemässige Überforderung für sein Umfeld?

Die Suizidraten bei alten Menschen nehmen zu, auch weil Teile der Gesellschaft daran sind, neue Standards zu setzen durch die Rechtfertigung und Legitimierung der Selbsttötung als Versuch der Suizidenten, bis zum Schluss die Autonomie und damit die menschliche Würde zu bewahren. Der christliche Glaube hingegen spricht seit jeher vom Übergang und Heimgang der Verstorbenen und sieht das Leben als eine grosse Bewährungs- und Vorbereitungszeit auf die Vollendung in Gott. Das lässt Christen zuversichtlich auf die Todesstunde blicken.
Mit meinen besten Segenswünschen

 

Im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz

✠  Marian Eleganti

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Quelle

Papst bekam Reliquie des Schweizer Nationalheiligen

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Bischof Vitus Hounder war am vergangenen Samstag beim Papst

Der Churer Bischof Vitus Huonder hat am Samstag Papst Franziskus eine Reliquie des Heiligen Niklaus von Flüe – „Bruder Klaus“ – überreicht. „Der Papst hat sich sehr über das Geschenk gefreut und die Reliquie sogleich geküsst“, teilte Bischofssprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage mit. Bei der Reliquie handle es sich um einen Knochen vom Gebein des Heiligen. Dieses habe zum Bestand des Ordinariats gehört, über das der Bischof verfügen könne, so Gracia weiter. Über den Inhalt des Gesprächs dürfe er keine Auskunft geben.

Franziskus empfing Huonder an seinem 80. Geburtstag. Ob es bei einem Gespräch unter vier Augen auch um die Nachfolgeregelung des Bischofs, der im April 75 wird, ging, wollte der Medienbeauftragte der Diözese nicht kommentieren. Die Katholiken der Schweiz begehen im kommenden Jahr ein Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr. Niklaus von Flüe wurde 1417 in Flüeli-Ranft geboren. Im Alter von 30 Jahren heiratete er Dorothea Wyss, die halb so alt war wie er. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Niklaus von Flüe war Bauer, Ratsherr in Obwalden und Richter seiner Gemeinde.

Nach einer inneren Krise legte er 1467 alle Ämter nieder und verließ seine Familie, um auf Pilgerschaft zu gehen. Der Überlieferung nach geschah dies mit dem Einverständnis seiner Familie. Die Legende erzählt, dass er in Liestal eine Vision hatte, die ihn an seinen Wohnort zurückschickte. Er ließ sich daraufhin in der Ranftschlucht, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus seiner Familie entfernt, nieder. Die Bevölkerung baute ihm hier eine Klause direkt an eine Kapelle.

Der Eremit nannte sich fortan Bruder Klaus und führte ein Leben des Gebets. Er soll sich nur von der Heiligen Kommunion ernährt haben. Menschen von nah und fern suchten seinen Rat. 1481 führte eine durch einen Pfarrer überbrachte Botschaft von Bruder Klaus an eine Ratsversammlung in Stans zum Frieden unter den Eidgenossen.

1487 starb Niklaus von Flüe. Sein Grab befindet sich in der Pfarrkirche in Sachseln. Im Jahr 1947 wurde er heiliggesprochen.

(kap 19.12.2016 pdy)

Menschenrechtstag: Die Schweizer Kirchen erinnern an die Unverfügbarkeit der Menschenwürde

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Bönigen, Schweiz / Wikimedia Commons – Andrew Bossi, CC-BY-SA-2.5

Achtung und Schutz der Menschenwürde sind in vielen Bereichen eine bleibende Aufgabe: in Migration, Globalisierung und Welthandel, Klimawandel und Umweltschutz oder in schwierigen Situationen am Beginn und Ende des Lebens. Die Würde jedes Menschen ist dabei keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz betrifft alle, überall auf der Welt. Diese Überzeugung betonen die römisch-katholische, die christkatholische und die reformierten Kirchen der Schweiz zum internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember.

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Zwischen Machen und Lassen

Zur Unverfügbarkeit der menschlichen Würde

«Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt»
2. Korinther 12,9 

Die Globalisierung und die rasanten technologischen Entwicklungen haben uns die Welt verfügbar gemacht. Im «globalen Dorf» gibt es kaum noch Regionen, auf die nicht von jedem beliebigen Standort aus zugegriffen werden kann. Satelliten- und Informationstechnologien machen jeden Winkel der Erde sichtbar, Biotechnologien erlauben tiefe Einblicke in das Leben selbst. Kaum etwas bleibt unbemerkt, fast alles erscheint wissenschaftlich erklärbar. Wir sind dabei, uns und unsere Umwelt restlos zu entzaubern, getrieben von der Idee, nichts mehr dem Zufall zu überlassen.

So jedenfalls stellt sich im Grossen und Ganzen die Welt für die Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel dar. Wir profitieren von den Errungenschaften der wissenschaftlich-technologischen Neugierde. Nicht nur unsere Lebenserwartung ist ständig angestiegen, sondern mit ihr auch unsere Lebensqualität. Problematisch werden diese Entwicklungen, wenn sie auf Kosten anderer gehen, denen dadurch der Zugang zu einer menschenwürdigen, lebensfreundlichen und gedeihlichen Existenz verbaut und unmöglich gemacht wird. Erst im globalen Kontext zeigt sich die prekäre Voraussetzung unserer Lebensweisen, bei der allein der Geburtsort, die Herkunft und das soziale Milieu darüber entscheiden, ob jemandem ein Leben auf der Sonnen- oder Schattenseite bevorsteht. Für die, denen es am Grundlegendsten mangelt, ist diese Vorentscheidung auf grausame Weise unverfügbar, weil sie auf die Rahmenbedingungen ihres Lebens keinen Einfluss haben. Der fortschreitende Klimawandel macht die unverfügbaren äusseren Lebensbedingungen für immer mehr Menschen zur nackten Überlebensfrage. In den Wohlstands- und Technologiegesellschaften der nördlichen Erdhalbkugel, die kaum noch etwas dem Schicksal überlassen, werden Erfahrungen von Unverfügbarkeit zur Ausnahme. Und die ethische Forderung nach Unverfügbarkeit wird zumeist als Störung wissenschaftlich-technologischer und ökonomischer Betriebsamkeit zurückgewiesen. Den Preis für diese Verfügungsmacht zahlen diejenigen, die Unverfügbarkeit in pervertierter Form als politische und ökonomische Ohnmacht erleben müssen: als Opfer himmelschreiender Gewalt und Ungerechtigkeit, gegenüber den Folgen des Klimawandels und als Machtlosigkeit derjenigen, die nicht mitreden und entscheiden dürfen.

Das gilt für Menschen in den ärmsten und von politischem Terror, Gewalt und Korruption verwüsteten Regionen unserer Welt ebenso, wie in anderer Weise für Embryonen und Föten bei uns, denen die fortpflanzungsmedizinische Diagnostik ein Leben mit Behinderung prognostiziert. Denn in beiden Situationen masst sich ein Teil der Menschheit völlig selbstverständlich an, über die Leben eines anderen Teils zu entscheiden: die Satten über die Hungernden, die Mächtigen über die Ohnmächtigen, die Geborenen über die Ungeborenen. Und es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die Hochbetagten rechtfertigen müssen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, dem gleichen Respekt und den gleichen Rechten in unserer Gesellschaft leben zu dürfen, wie diejenigen, die ein souveränes und ökonomisch attraktives Leben führen.

Angesichts dieser Bedrohungen reichen wechselseitige Appelle an die Menschenwürde nicht aus. Stattdessen ist ein Umdenken nötig, dem ein anderes Handeln folgt. Das Diktat der Verfügbarkeit bestreitet der Würde ihren Platz in der Welt. Denn Würde verweist gerade darauf, was der menschlichen Verfügbarkeit auf immer entzogen bleiben soll. Die fixe Idee, alles machen zu wollen, lässt den Gedanken nicht zu, etwas zu lassen, weil es, so wie es ist, gut ist. Die Würde der Menschen und der Kreatur kann gerade nicht gemacht, sondern muss gelassen – zugelassen – werden. Die Würde kann nur anerkannt und geschützt werden, wenn der Machbarkeitswahn von einer Lassensbesonnenheit durchbrochen wird.

Es ist ein menschliches Merkmal, sich nicht selbst zu genügen. Der moderne Mensch hat daraus die Strategie abgeleitet, sich selbst auf allen Ebenen verbessern zu wollen. Das Christentum hat aus der gleichen Einsicht die umgekehrte Konsequenz gezogen und lässt sich von Gott mit den Worten an den Apostel Paulus zusprechen: «Meine Gnade genügt dir». Darin steckt bereits ein komplettes Würdekonzept. Meine Gnade genügt dir, bedeutet zugleich: Gottes Gaben sind genug! Die Begabung eines jedes Menschen ist seine je eigene Würde und entzieht sie als Gabe Gottes der menschlichen Verfügung. Gottes Gaben brauchen keine menschliche Perfektionierung. Gerade das in unseren Augen Unperfekte erweist sich aus der Perspektive Gottes als das unverfügbar Gute. Die Würde ist kein Merkmal des Gemachten, sondern ausschliesslich des Gegebenen. Dem Geschöpflichen den Titel der Würde zuzusprechen fordert uns nicht dazu auf, es nach unseren Vorstellungen zuzurichten, sondern vor Verletzung und Missachtung zu schützen. Das Ende der Unverfügbarkeit ist der Anfang der Entwürdigung.

Der Schutz der Würde ist keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz ist universal oder gar nicht. Geschützt wird die universale Würde dann, wenn nicht nur die Ressourcen der Erde unter allen Mitgliedern der Menschheitsfamilie gerecht verteilt werden, sondern wenn auch die Bedrohungen und Sorgen gemeinsam wahrgenommen und angepackt werden. Darin stimmen Würde und Klima überein: Sie kümmern sich nicht um von Menschen gezogene Grenzen.

Die Bibel bringt diese Einsicht auf den Begriff der und des Nächsten. Es ist die Person, die weder nach ihrem Pass, ihrer Herkunft, ihrem Glauben oder ihrer moralischen Integrität gefragt wird. Natürlich gilt das im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner für Menschen in Not. Aber diese produzieren unsere Machbarkeitslogiken täglich neu.

Bern und Freiburg, im Dezember 2016

(Quelle: Webseite der Schweizer Bischofskonferenz, 08.12.2016)

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LIEBER TOT ALS BEHINDERT?

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Das Gesetz
über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung
täuscht falsche Tatsachen vor

Von Bischof Vitus Huonder

Am 5. Juni kommt [in der Schweiz] das revidierte Fortpflanzungsmedizingesetz vors Volk. Dazu werden wir in den Abstimmungsunterlagen gefragt: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung (Fortpflanzungsmedizingesetz, FMedG) annehmen?» Dies lädt zu einer positiven Antwort ein. Wer möchte sich schon gegen eine wertvolle medizinische Innovation stellen? Das ist doch selbstverständlich, das ist etwas Gutes. Die Medizin ist da, um zu helfen und Leben zu erhalten. Wer kann sich das Verbot einer medizinischen Fortpflanzungshilfe wünschen, gerade in Zeiten des Geburtenrückgangs?

Die Fragestellung führt leider in die Irre. Sie täuscht etwas vor. Sie täuscht ein Gut vor, wo ein Übel besteht. Sie erwähnt nur die Sonnenseite und verschweigt die Schattenseite. Sie vermischt ein Gut mit einem Übel – und zwar so, dass das Übel von den Menschen gar nicht mehr wahrgenommen werden soll. Ehrlicherweise müsste die Frage etwa so lauten: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die Tötung von Embryonen annehmen?» Dazu die Erklärung: «Embryonen sind Menschen im Anfangsstadium des Lebens.» Im Klartext würde die Frage also lauten: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die medizinisch unterstützte Tötung von Menschen im Anfangsstadium des Lebens annehmen?»

Im Text der Vorlage wird vom Einsetzen der Embryonen gesprochen. Dabei wird abermals etwas Entscheidendes verschwiegen, nämlich die Frage, was nach einer negativen genetischen Untersuchung passiert. In den Unterlagen steht: «Dabei dürfen pro Behandlung höchstens zwölf Embryonen entwickelt werden.» Aber es steht nichts darüber, was mit den elf weiteren Embryonen geschieht, nachdem einer zum Einsatz gekommen ist.

Gesagt wird nur: «Nicht sofort eingesetzte Embryonen können für eine spätere Behandlung eingefroren werden.» Das ist ja sehr menschenwürdig! Ein Leben auf Reserve im Kühlschrank, falls die neuen Herren der Schöpfung eines Tages erlauben, dass es aufgetaut wird.

Nicht der Lüge verfallen

Die Lüge, das Vortäuschen falscher Tatsachen oder Wirklichkeiten, ist in sich etwas Teuflisches. Satan wird Vater der Lüge genannt (Joh 8,44). Denn er täuscht dem Menschen etwas vor, was nicht ist. Er täuscht etwas vor, was zur Vernichtung und zum Tod führt. Das ist die Lehre aus der Paradiesesgeschichte. Und wir müssen auch heute sehr darauf achten, dass wir nicht dem Geist der Lüge verfallen. Wir müssen uns immer wieder darum bemühen, die Lebensverachtung und Menschenverachtung, die im Laufe der Geschichte verschiedene Formen annehmen, als solche zu erkennen. In diesem Fall müssen wir erkennen, dass uns Lebensverachtung und Menschenverachtung durch staatliche Gesetze als Kampf gegen das Leid, als Fortschritt und erstrebenswertes Gut angepriesen werden.

Beim Fortpflanzungsmedizingesetz geht es nicht um das Verhindern von Leid, sondern um die Eliminierung derer, die leiden. Demgegenüber warnt die Kirche mit Nachdruck vor der Anmaßung, die eigenmächtige vorgeburtliche Selektion als Fortschritt oder Ausdruck humaner Medizin zu betrachten. Eine solche Denkart nennt das Dokument «Dignitas personae» der Kongregation für die Glaubenslehre (2008) «niederträchtig und höchst verwerflich». In diesem Text heißt es: «Wenn man den menschlichen Embryo als bloßes Labormaterial behandelt, kommt es zu einer Veränderung und Diskriminierung des Begriffs der Menschenwürde. (…) So anerkennt man nicht mehr den ethischen und rechtlichen Status von Menschen, die mit schweren Pathologien oder Behinderungen behaftet sind. Man vergisst, dass kranke und behinderte Personen nicht eine Art Sonderkategorie bilden, weil Krankheit und Behinderung zum Menschsein gehören und alle persönlich angehen, auch wenn man nicht direkt davon betroffen ist. Eine solche Diskriminierung ist unsittlich und müsste als rechtlich unannehmbar betrachtet werden.»

Beschönigte Unkultur

Ich glaube, diese Worte helfen uns heute mehr denn je beim rechten Umgang mit den Möglichkeiten der Wissenschaft. Selbstverständlich ist die Medizin ein Segen für die Menschheit. Aber das Problem ist der Punkt, an dem die bestmögliche Behandlung zum Versuch einer völligen Beherrschung wird, zu Selektion und Tötung. Und in einem größeren Zusammenhang gedacht: Was ist das für eine Gesellschaft, die das Leid derart fürchtet, dass sie den Leidenden lieber tötet, noch vor der Geburt, statt ihn in Nächstenliebe anzunehmen? Was ist das für eine Kultur, die sagt: «Lieber tot als krank, lieber ausgelöscht als behindert.»

Nein, das ist keine menschenfreundliche Kultur. Und im Grunde wissen wir das auch. Zumindest spüren wir, dass etwas faul ist. Darum versucht man nämlich, uns diese Unkultur mit technisch klingenden Beschönigungen und mit Lügen unterzujubeln.

Dr. theol. habil. Vitus Huonder ist Diözesanbischof des Bistums Chur.

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Kardinal Koch fordert Respekt gegenüber christlicher Mehrheit

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Kardinal Kurt Koch

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch beklagt ein Verdrängen des Religiösen aus der Gesellschaft. Die Öffentlichkeit sei voll von Zeichen, an denen sich niemand störe, schreibt Koch in einem Beitrag für die Weihnachtsausgabe der Schweizer Zeitung „Sonntagsblick“. Nur religiöse Zeichen schienen Probleme zu machen.

„Dies weist auf eine ungesunde Einstellung zur Religion hin und hat seinen Grund in der heute starken Tendenz, die Religion überhaupt aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit in die Privatsphäre des einzelnen Menschen oder gar in eine gesellschaftliche Subkultur abzudrängen“, so der Kurienkardinal.

Gerade an der Einstellung zur öffentlichen Darstellung von Weihnachten zeige sich, so Koch, „ob eine Gesellschaft noch darum weiß, dass Religion zur Kultur gehört, und sie deshalb nicht als Subkultur behandelt“. Die Kultur Europas habe christliche Wurzeln; zudem seien die Schweizer mehrheitlich Christen. „Mehrheiten sollten in einer Demokratie einen anderen Respekt erfahren – auch und gerade an Weihnachten“, forderte der Kardinal.

(kath.ch 26.12.2015 sk)