Der verborgene Schatz auf dem Acker des Lebens

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Christliches Sterben

Wort der Bischöfe zum Krankensonntag 2017
(5. März 2017)

Ob wir krank oder gesund sind, wir alle sind herausgefordert, über den Sinn der Krankheit nachzudenken und die möglichen Situationen, in die wir an unserem Lebensende geraten können, im Geiste vorwegzunehmen. Jener Tag, den viele als den letzten fürchten, war für Seneca (†65) „der Geburtstag der Ewigkeit.“ „Lebt wie Menschen, die täglich sterben”, sagt der Wüstenvater Antonius (†356) seinen Brüdern vor seinem Tod. Der französische Skeptiker Montaigne (†1592) versteht Philosophieren als ein Einüben des Sterbens. “Warum Angst vor dem Tod haben?”, sagt der blinde Mönch der Grossen Kartause im Film »Die grosse Stille«, „je mehr man sich Gott nähert, umso glücklicher ist man. Das ist die Vollendung unseres Lebens”.

Wie man sieht, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Lebensführung und dem Erleben des Todes eines Menschen. Franziskus (†1226) stirbt nackt auf dem Boden der Portiuncula, umgeben von seinen Brüdern; Benedikt (†547) stirbt stehend im Gebet der Psalmen, auf zwei Brüder gestützt; Seraphin von Sarov (†1833) übergibt seine Seele Gott kniend vor der Ikone der Gottesmutter der Freude.

Das Alter bzw. Älterwerden ist geeignet, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, eine Frage, die durch die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit der Alltagsgeschäfte oft in den Hintergrund gedrängt wird. Bei Thomas von Kempen (†1471) heisst es: „Was antwortest Du auf die Frage: Warum bist du auf die Welt gekommen? Es ist von Zeit zu Zeit gut, dir diese Frage zu stellen.“ Das gilt vor allem für den letzten Lebensabschnitt. Im Psalm 138, Verse 13-16 lesen wir: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. … Deine Augen sahen, wie ich entstand, in Deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ Gott hat also all meine Tage angeschaut und gesegnet: auch die letzten. Ihr Sinn liegt wie ein verborgener Schatz auf dem Acker des Lebens und muss geborgen werden.

Der drohende Verlust der geistigen Kontrolle über sein Leben hat Gunter Sachs (†2011) als einen würdelosen Zustand betrachtet, dem er durch Selbsttötung entschieden entgegentreten bzw. zuvorkommen wollte. Keinen Augenblick lang habe ich jedoch persönlich den Verlust der geistigen Kraft bei meinen betagten Eltern als einen Verlust ihrer Würde erlebt. Würde hat jeder Mensch, gerade der Schwache. Allenfalls sind wir es, die sie ihm absprechen oder ihn nicht seiner Würde gemäss behandeln.

Was hat Abhängigkeit mit Würdelosigkeit zu tun? Ist ein Kind würdelos, weil es noch nicht vollkommen über sein Leben zu verfügen vermag, auf Hilfe angewiesen ist? Darf unser Dasein keine Schwäche dulden? Muss nun jeder, der schwach ist, sich als eine Zumutung für die Gesellschaft sehen, als ein Kostenfaktor, als emotionale und kräftemässige Überforderung für sein Umfeld?

Die Suizidraten bei alten Menschen nehmen zu, auch weil Teile der Gesellschaft daran sind, neue Standards zu setzen durch die Rechtfertigung und Legitimierung der Selbsttötung als Versuch der Suizidenten, bis zum Schluss die Autonomie und damit die menschliche Würde zu bewahren. Der christliche Glaube hingegen spricht seit jeher vom Übergang und Heimgang der Verstorbenen und sieht das Leben als eine grosse Bewährungs- und Vorbereitungszeit auf die Vollendung in Gott. Das lässt Christen zuversichtlich auf die Todesstunde blicken.
Mit meinen besten Segenswünschen

 

Im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz

✠  Marian Eleganti

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Quelle

Papst bekam Reliquie des Schweizer Nationalheiligen

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Bischof Vitus Hounder war am vergangenen Samstag beim Papst

Der Churer Bischof Vitus Huonder hat am Samstag Papst Franziskus eine Reliquie des Heiligen Niklaus von Flüe – „Bruder Klaus“ – überreicht. „Der Papst hat sich sehr über das Geschenk gefreut und die Reliquie sogleich geküsst“, teilte Bischofssprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage mit. Bei der Reliquie handle es sich um einen Knochen vom Gebein des Heiligen. Dieses habe zum Bestand des Ordinariats gehört, über das der Bischof verfügen könne, so Gracia weiter. Über den Inhalt des Gesprächs dürfe er keine Auskunft geben.

Franziskus empfing Huonder an seinem 80. Geburtstag. Ob es bei einem Gespräch unter vier Augen auch um die Nachfolgeregelung des Bischofs, der im April 75 wird, ging, wollte der Medienbeauftragte der Diözese nicht kommentieren. Die Katholiken der Schweiz begehen im kommenden Jahr ein Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr. Niklaus von Flüe wurde 1417 in Flüeli-Ranft geboren. Im Alter von 30 Jahren heiratete er Dorothea Wyss, die halb so alt war wie er. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Niklaus von Flüe war Bauer, Ratsherr in Obwalden und Richter seiner Gemeinde.

Nach einer inneren Krise legte er 1467 alle Ämter nieder und verließ seine Familie, um auf Pilgerschaft zu gehen. Der Überlieferung nach geschah dies mit dem Einverständnis seiner Familie. Die Legende erzählt, dass er in Liestal eine Vision hatte, die ihn an seinen Wohnort zurückschickte. Er ließ sich daraufhin in der Ranftschlucht, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus seiner Familie entfernt, nieder. Die Bevölkerung baute ihm hier eine Klause direkt an eine Kapelle.

Der Eremit nannte sich fortan Bruder Klaus und führte ein Leben des Gebets. Er soll sich nur von der Heiligen Kommunion ernährt haben. Menschen von nah und fern suchten seinen Rat. 1481 führte eine durch einen Pfarrer überbrachte Botschaft von Bruder Klaus an eine Ratsversammlung in Stans zum Frieden unter den Eidgenossen.

1487 starb Niklaus von Flüe. Sein Grab befindet sich in der Pfarrkirche in Sachseln. Im Jahr 1947 wurde er heiliggesprochen.

(kap 19.12.2016 pdy)

Menschenrechtstag: Die Schweizer Kirchen erinnern an die Unverfügbarkeit der Menschenwürde

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Bönigen, Schweiz / Wikimedia Commons – Andrew Bossi, CC-BY-SA-2.5

Achtung und Schutz der Menschenwürde sind in vielen Bereichen eine bleibende Aufgabe: in Migration, Globalisierung und Welthandel, Klimawandel und Umweltschutz oder in schwierigen Situationen am Beginn und Ende des Lebens. Die Würde jedes Menschen ist dabei keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz betrifft alle, überall auf der Welt. Diese Überzeugung betonen die römisch-katholische, die christkatholische und die reformierten Kirchen der Schweiz zum internationalen Menschenrechtstag am 10. Dezember.

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Zwischen Machen und Lassen

Zur Unverfügbarkeit der menschlichen Würde

«Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt»
2. Korinther 12,9 

Die Globalisierung und die rasanten technologischen Entwicklungen haben uns die Welt verfügbar gemacht. Im «globalen Dorf» gibt es kaum noch Regionen, auf die nicht von jedem beliebigen Standort aus zugegriffen werden kann. Satelliten- und Informationstechnologien machen jeden Winkel der Erde sichtbar, Biotechnologien erlauben tiefe Einblicke in das Leben selbst. Kaum etwas bleibt unbemerkt, fast alles erscheint wissenschaftlich erklärbar. Wir sind dabei, uns und unsere Umwelt restlos zu entzaubern, getrieben von der Idee, nichts mehr dem Zufall zu überlassen.

So jedenfalls stellt sich im Grossen und Ganzen die Welt für die Menschen auf der nördlichen Erdhalbkugel dar. Wir profitieren von den Errungenschaften der wissenschaftlich-technologischen Neugierde. Nicht nur unsere Lebenserwartung ist ständig angestiegen, sondern mit ihr auch unsere Lebensqualität. Problematisch werden diese Entwicklungen, wenn sie auf Kosten anderer gehen, denen dadurch der Zugang zu einer menschenwürdigen, lebensfreundlichen und gedeihlichen Existenz verbaut und unmöglich gemacht wird. Erst im globalen Kontext zeigt sich die prekäre Voraussetzung unserer Lebensweisen, bei der allein der Geburtsort, die Herkunft und das soziale Milieu darüber entscheiden, ob jemandem ein Leben auf der Sonnen- oder Schattenseite bevorsteht. Für die, denen es am Grundlegendsten mangelt, ist diese Vorentscheidung auf grausame Weise unverfügbar, weil sie auf die Rahmenbedingungen ihres Lebens keinen Einfluss haben. Der fortschreitende Klimawandel macht die unverfügbaren äusseren Lebensbedingungen für immer mehr Menschen zur nackten Überlebensfrage. In den Wohlstands- und Technologiegesellschaften der nördlichen Erdhalbkugel, die kaum noch etwas dem Schicksal überlassen, werden Erfahrungen von Unverfügbarkeit zur Ausnahme. Und die ethische Forderung nach Unverfügbarkeit wird zumeist als Störung wissenschaftlich-technologischer und ökonomischer Betriebsamkeit zurückgewiesen. Den Preis für diese Verfügungsmacht zahlen diejenigen, die Unverfügbarkeit in pervertierter Form als politische und ökonomische Ohnmacht erleben müssen: als Opfer himmelschreiender Gewalt und Ungerechtigkeit, gegenüber den Folgen des Klimawandels und als Machtlosigkeit derjenigen, die nicht mitreden und entscheiden dürfen.

Das gilt für Menschen in den ärmsten und von politischem Terror, Gewalt und Korruption verwüsteten Regionen unserer Welt ebenso, wie in anderer Weise für Embryonen und Föten bei uns, denen die fortpflanzungsmedizinische Diagnostik ein Leben mit Behinderung prognostiziert. Denn in beiden Situationen masst sich ein Teil der Menschheit völlig selbstverständlich an, über die Leben eines anderen Teils zu entscheiden: die Satten über die Hungernden, die Mächtigen über die Ohnmächtigen, die Geborenen über die Ungeborenen. Und es ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, wann sich die Hochbetagten rechtfertigen müssen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit, dem gleichen Respekt und den gleichen Rechten in unserer Gesellschaft leben zu dürfen, wie diejenigen, die ein souveränes und ökonomisch attraktives Leben führen.

Angesichts dieser Bedrohungen reichen wechselseitige Appelle an die Menschenwürde nicht aus. Stattdessen ist ein Umdenken nötig, dem ein anderes Handeln folgt. Das Diktat der Verfügbarkeit bestreitet der Würde ihren Platz in der Welt. Denn Würde verweist gerade darauf, was der menschlichen Verfügbarkeit auf immer entzogen bleiben soll. Die fixe Idee, alles machen zu wollen, lässt den Gedanken nicht zu, etwas zu lassen, weil es, so wie es ist, gut ist. Die Würde der Menschen und der Kreatur kann gerade nicht gemacht, sondern muss gelassen – zugelassen – werden. Die Würde kann nur anerkannt und geschützt werden, wenn der Machbarkeitswahn von einer Lassensbesonnenheit durchbrochen wird.

Es ist ein menschliches Merkmal, sich nicht selbst zu genügen. Der moderne Mensch hat daraus die Strategie abgeleitet, sich selbst auf allen Ebenen verbessern zu wollen. Das Christentum hat aus der gleichen Einsicht die umgekehrte Konsequenz gezogen und lässt sich von Gott mit den Worten an den Apostel Paulus zusprechen: «Meine Gnade genügt dir». Darin steckt bereits ein komplettes Würdekonzept. Meine Gnade genügt dir, bedeutet zugleich: Gottes Gaben sind genug! Die Begabung eines jedes Menschen ist seine je eigene Würde und entzieht sie als Gabe Gottes der menschlichen Verfügung. Gottes Gaben brauchen keine menschliche Perfektionierung. Gerade das in unseren Augen Unperfekte erweist sich aus der Perspektive Gottes als das unverfügbar Gute. Die Würde ist kein Merkmal des Gemachten, sondern ausschliesslich des Gegebenen. Dem Geschöpflichen den Titel der Würde zuzusprechen fordert uns nicht dazu auf, es nach unseren Vorstellungen zuzurichten, sondern vor Verletzung und Missachtung zu schützen. Das Ende der Unverfügbarkeit ist der Anfang der Entwürdigung.

Der Schutz der Würde ist keine Frage von Selbstbestimmung, sondern geht dieser stets voraus. Weil kein Mensch seine Würde selbst garantieren kann, gilt Würdeschutz immer der und dem Anderen. Würdeschutz ist universal oder gar nicht. Geschützt wird die universale Würde dann, wenn nicht nur die Ressourcen der Erde unter allen Mitgliedern der Menschheitsfamilie gerecht verteilt werden, sondern wenn auch die Bedrohungen und Sorgen gemeinsam wahrgenommen und angepackt werden. Darin stimmen Würde und Klima überein: Sie kümmern sich nicht um von Menschen gezogene Grenzen.

Die Bibel bringt diese Einsicht auf den Begriff der und des Nächsten. Es ist die Person, die weder nach ihrem Pass, ihrer Herkunft, ihrem Glauben oder ihrer moralischen Integrität gefragt wird. Natürlich gilt das im Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner für Menschen in Not. Aber diese produzieren unsere Machbarkeitslogiken täglich neu.

Bern und Freiburg, im Dezember 2016

(Quelle: Webseite der Schweizer Bischofskonferenz, 08.12.2016)

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LIEBER TOT ALS BEHINDERT?

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Das Gesetz
über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung
täuscht falsche Tatsachen vor

Von Bischof Vitus Huonder

Am 5. Juni kommt [in der Schweiz] das revidierte Fortpflanzungsmedizingesetz vors Volk. Dazu werden wir in den Abstimmungsunterlagen gefragt: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die medizinisch unterstützte Fortpflanzung (Fortpflanzungsmedizingesetz, FMedG) annehmen?» Dies lädt zu einer positiven Antwort ein. Wer möchte sich schon gegen eine wertvolle medizinische Innovation stellen? Das ist doch selbstverständlich, das ist etwas Gutes. Die Medizin ist da, um zu helfen und Leben zu erhalten. Wer kann sich das Verbot einer medizinischen Fortpflanzungshilfe wünschen, gerade in Zeiten des Geburtenrückgangs?

Die Fragestellung führt leider in die Irre. Sie täuscht etwas vor. Sie täuscht ein Gut vor, wo ein Übel besteht. Sie erwähnt nur die Sonnenseite und verschweigt die Schattenseite. Sie vermischt ein Gut mit einem Übel – und zwar so, dass das Übel von den Menschen gar nicht mehr wahrgenommen werden soll. Ehrlicherweise müsste die Frage etwa so lauten: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die Tötung von Embryonen annehmen?» Dazu die Erklärung: «Embryonen sind Menschen im Anfangsstadium des Lebens.» Im Klartext würde die Frage also lauten: «Wollen Sie die Änderung vom 12. Dezember 2014 des Bundesgesetzes über die medizinisch unterstützte Tötung von Menschen im Anfangsstadium des Lebens annehmen?»

Im Text der Vorlage wird vom Einsetzen der Embryonen gesprochen. Dabei wird abermals etwas Entscheidendes verschwiegen, nämlich die Frage, was nach einer negativen genetischen Untersuchung passiert. In den Unterlagen steht: «Dabei dürfen pro Behandlung höchstens zwölf Embryonen entwickelt werden.» Aber es steht nichts darüber, was mit den elf weiteren Embryonen geschieht, nachdem einer zum Einsatz gekommen ist.

Gesagt wird nur: «Nicht sofort eingesetzte Embryonen können für eine spätere Behandlung eingefroren werden.» Das ist ja sehr menschenwürdig! Ein Leben auf Reserve im Kühlschrank, falls die neuen Herren der Schöpfung eines Tages erlauben, dass es aufgetaut wird.

Nicht der Lüge verfallen

Die Lüge, das Vortäuschen falscher Tatsachen oder Wirklichkeiten, ist in sich etwas Teuflisches. Satan wird Vater der Lüge genannt (Joh 8,44). Denn er täuscht dem Menschen etwas vor, was nicht ist. Er täuscht etwas vor, was zur Vernichtung und zum Tod führt. Das ist die Lehre aus der Paradiesesgeschichte. Und wir müssen auch heute sehr darauf achten, dass wir nicht dem Geist der Lüge verfallen. Wir müssen uns immer wieder darum bemühen, die Lebensverachtung und Menschenverachtung, die im Laufe der Geschichte verschiedene Formen annehmen, als solche zu erkennen. In diesem Fall müssen wir erkennen, dass uns Lebensverachtung und Menschenverachtung durch staatliche Gesetze als Kampf gegen das Leid, als Fortschritt und erstrebenswertes Gut angepriesen werden.

Beim Fortpflanzungsmedizingesetz geht es nicht um das Verhindern von Leid, sondern um die Eliminierung derer, die leiden. Demgegenüber warnt die Kirche mit Nachdruck vor der Anmaßung, die eigenmächtige vorgeburtliche Selektion als Fortschritt oder Ausdruck humaner Medizin zu betrachten. Eine solche Denkart nennt das Dokument «Dignitas personae» der Kongregation für die Glaubenslehre (2008) «niederträchtig und höchst verwerflich». In diesem Text heißt es: «Wenn man den menschlichen Embryo als bloßes Labormaterial behandelt, kommt es zu einer Veränderung und Diskriminierung des Begriffs der Menschenwürde. (…) So anerkennt man nicht mehr den ethischen und rechtlichen Status von Menschen, die mit schweren Pathologien oder Behinderungen behaftet sind. Man vergisst, dass kranke und behinderte Personen nicht eine Art Sonderkategorie bilden, weil Krankheit und Behinderung zum Menschsein gehören und alle persönlich angehen, auch wenn man nicht direkt davon betroffen ist. Eine solche Diskriminierung ist unsittlich und müsste als rechtlich unannehmbar betrachtet werden.»

Beschönigte Unkultur

Ich glaube, diese Worte helfen uns heute mehr denn je beim rechten Umgang mit den Möglichkeiten der Wissenschaft. Selbstverständlich ist die Medizin ein Segen für die Menschheit. Aber das Problem ist der Punkt, an dem die bestmögliche Behandlung zum Versuch einer völligen Beherrschung wird, zu Selektion und Tötung. Und in einem größeren Zusammenhang gedacht: Was ist das für eine Gesellschaft, die das Leid derart fürchtet, dass sie den Leidenden lieber tötet, noch vor der Geburt, statt ihn in Nächstenliebe anzunehmen? Was ist das für eine Kultur, die sagt: «Lieber tot als krank, lieber ausgelöscht als behindert.»

Nein, das ist keine menschenfreundliche Kultur. Und im Grunde wissen wir das auch. Zumindest spüren wir, dass etwas faul ist. Darum versucht man nämlich, uns diese Unkultur mit technisch klingenden Beschönigungen und mit Lügen unterzujubeln.

Dr. theol. habil. Vitus Huonder ist Diözesanbischof des Bistums Chur.

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Kardinal Koch fordert Respekt gegenüber christlicher Mehrheit

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Kardinal Kurt Koch

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch beklagt ein Verdrängen des Religiösen aus der Gesellschaft. Die Öffentlichkeit sei voll von Zeichen, an denen sich niemand störe, schreibt Koch in einem Beitrag für die Weihnachtsausgabe der Schweizer Zeitung „Sonntagsblick“. Nur religiöse Zeichen schienen Probleme zu machen.

„Dies weist auf eine ungesunde Einstellung zur Religion hin und hat seinen Grund in der heute starken Tendenz, die Religion überhaupt aus der gesellschaftlichen Öffentlichkeit in die Privatsphäre des einzelnen Menschen oder gar in eine gesellschaftliche Subkultur abzudrängen“, so der Kurienkardinal.

Gerade an der Einstellung zur öffentlichen Darstellung von Weihnachten zeige sich, so Koch, „ob eine Gesellschaft noch darum weiß, dass Religion zur Kultur gehört, und sie deshalb nicht als Subkultur behandelt“. Die Kultur Europas habe christliche Wurzeln; zudem seien die Schweizer mehrheitlich Christen. „Mehrheiten sollten in einer Demokratie einen anderen Respekt erfahren – auch und gerade an Weihnachten“, forderte der Kardinal.

(kath.ch 26.12.2015 sk)

DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. UND DIE SCHWEIZ

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Papst Johannes Paul II wird am 16. Juni 1984 bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Sion begeistert empfangen.

DIE SCHWEIZER NATIONALHYMNE

 

PASTORALBESUCH IN DER SCHWEIZ

FERNSEHBOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE SCHWEIZER BEVÖLKERUNG

Montag, 11. Juni 1984

 

Liebe Brüder und Schwestern in der Schweiz!

In den nächsten Tagen darf ich Ihrem Land meinen Besuch abstatten, der schon seit langem geplant gewesen ist. Ich freue mich sehr darauf. Meine Reise ist in erster Linie ein kirchliches Ereignis. Denn sie gilt vor allem den katholischen Christen in der Schweiz, die mit dem Bischof von Rom als dem Nachfolger des hl. Petrus in besonderer Weise verbunden sind. Es ist mir aber eine große Freude, auch mit den Vertretern der anderen Kirchen zusammenzukommen, um mit ihnen im Gespräch und Gebet unsere gemeinsame Verantwortung für die Einheit der Christen zu bedenken und zu vertiefen.

Über den Tagen meines Pastoralbesuches steht das Motto: ”Offen für Christi Geist“. Ich habe dafür gebetet, daß Sie, die gläubigen Christen in der Schweiz, und auch ich selber diesen Geist Christi lebendig erfahren. Möge der Geist Christi unsere Herzen erfüllen, wenn wir miteinander auf Gottes Wort hören und den Tod und die Auferstehung unseres Erlösers feiern. Möge der Geist Christi aber auch mit uns sein in den zahlreichen anderen Begegnungen, die vorgesehen sind.

Indem ich auch Sie dafür aufrichtig um Ihr Gebet bitte, grüße ich Sie alle sehr herzlich. Ich danke schon jetzt für das Wohlwollen, das so viele von Ihnen mir und meinem Dienst in der Kirche entgegenbringen. In diesen Dank schließe ich auch Ihre Behörden ein, besonders die Kantons- und Landesregierungen, die mir großzügige Gastfreundschaft gewähren werden, wie auch die vielen Organisatoren und Helfer, die mir durch ihren persönlichen Einsatz diesen Pastoralbesuch in Ihrem Land ermöglichen.

Möge der Herr unsere kommenden Begegnungen, Ihr Land und alle seine Bewohner mit seinem besonderen Segen begleiten!

Je suis très heureux d’avoir, pour la première fois, l’occasion de m’adresser, à travers les médias, à tous et à chacun des citoyens et des habitants de la Suisse ou je vais avoir le bonheur de me rendre. Et, pour vous saluer, j’ose reprendre le salut même de Jésus ressuscite à ses disciples: “La paix soit avec vous” (Joh. 20, 19).

Vous le savez, ce souhait – qui est si fort – s’adresse à chacun des disciples du Seigneur, à ceux d’aujourd’hui comme à ceux d’hier. Plus qu’un souhait, c’est une promesse de l’Esprit, dont la paix est un des “fruits” (Gal. 5, 22); c’est également un appel et un encouragement à une vocation magnifique et exigeante.

Mais je crois que la paix peut être ou peut devenir comme la vocation particulière d’un pays. Cet appel s’est souvent fait entendre dans l’histoire de la Suisse, alors que des difficultés internes vous menaçaient. Mais votre confiance dans les forces supérieures de la paix vous ont permis de les dépasser. L’histoire, au niveau international, retiendra également que vous avez su être, et que vous êtes toujours, des coopérateurs actifs de tant d’efforts, humbles et difficiles, entrepris par les hommes de bonne volonté, pour que l’idéal de la paix demeure malgré tout un lieu d’authentique espérance.

Oui, “que la paix soit avec vous”! Et que mon pèlerinage parmi vous en soit une nouvelle expression et une nouvelle expérience, dans la charité du Christ!

Carissimi fratelli e sorelle della Svizzera italiana!

A voi tutti il mio saluto cordiale! Nel rivolgervelo, già sento pulsare in me la gioia del prossimo incontro con voi. “Ho infatti un vivo desiderio di vedervi per comunicarvi qualche dono spirituale perché ne siate fortificati, o meglio, per rinfrancarmi con voi e tra voi mediante la fede che abbiamo in comune voi e io” (Rm 1, 11-12).

Sono lieto che la mia visita pastorale alla Chiesa che è in Svizzera avvenga nell’anno commemorativo del quarto centenario della morte del grande vescovo, amico e celeste patrono delle vostre terre, san Carlo Borromeo.

Sulla “Via Gentium”, che attraversa le vostre regioni, camminò a suo tempo il messaggio evangelico grazie al lavoro dei missionari e dei monaci, ma anche grazie alla testimonianza dei viandanti, dei mercanti, dei soldati, e si impiantò in Europa con radici profonde sin dai tempi più remoti. Il vostro Paese – terra circonfusa da un particolare splendore della natura – è ancor oggi un luogo di passaggio e di turismo: sappia sempre testimoniare Cristo e il Vangelo.

La Vergine Maria – da voi venerata con tanta filiale pietà in numerosi santuari come quello del Sasso di Locarno o di Morbio Inferiore, santuari che visiterò spiritualmente, inginocchiandomi davanti all’immagine della Madonna delle Grazie nella cattedrale di San Lorenzo in Lugano – benedica il nostro incontro e apra i nostri cuori all’azione dello Spirito di Cristo, affinché col generoso contributo di tutti il fermento evangelico continui ad agire nella società di oggi con rinnovata efficacia e gli uomini della presente generazione possano riconoscere in Cristo il loro Redentore, trovando in lui la risposta appagante agli interrogativi fondamentali del loro cuore.

 


 

EUCHARISTIEFEIER AUF DER WIESE VOR DEM HAUS
DES „HL. BRUDERS KLAUS“
 

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Flüeli – Donnerstag, 14. Juni 1984

 

Liebe Brüder und Schwestern!


”Der Name Jesus sei euer Gruß!“

Mit diesem Grußwort eures Landesvaters darf ich hier im Flüeli in eure Mitte treten. Hier hat der heilige Bruder Klaus gelebt und gewirkt. Hier hat er mit seiner Frau Dorothea 23 Jahre lang ein glückliches Familienleben geführt und seine zehn Kinder großgezogen. Hier hat er in schwerem inneren Ringen den Entschluß gefaßt, um des Namens Christi willen Brüder, Schwestern, Frau und Kinder, Äcker und Haus zu verlassen (Mt 19, 29), um Gott allein zu dienen. Hier hat er im Ranft, auf eigenem Grund und Boden, zwanzig Jahre lang ein Einsiedlerleben geführt, weltabgeschieden und doch offen für die Nöte der Welt und seiner Heimat.

Im Namen Jesu grüße ich die Schweizer Bürger, die heute in diesen Gemeinden wohnen und das kostbare Andenken dieses außergewöhnlichen Heiligen hüten; ebenso alle Gläubigen, die sich von nah und fern mit uns, mit ihren Bischöfen und Priestern zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben. Einen ehrerbietigen Gruß richte ich auch an die anwesenden Vertreter aus Staat und Gesellschaft, denen die Sorge für das Wohl der Bürger in den Kantonen anvertraut ist und für die das Wirken des hl. Nikolaus von der Flüe für Frieden und Gerechtigkeit heute in einer besonderen Weise Vorbild und Verpflichtung sein kann.

1. ”Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, es ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14, 17), so hörten wir eben in der Lesung aus dem Römerbrief. Der Apostel Paulus hat diese Worte der Gemeinde von Rom in einem damaligen konkreten Kontext geschrieben. Wir möchten sie heute im Blick auf dieses Land und diesen Heiligen auslegen, der ein Symbol für das Land und Volk ist: Nikolaus von der Flüe und die Schweiz.

Diese Wahrheit vom Reich Gottes ist im Leben des Nikolaus zur äußersten Konsequenz gekommen, weit über normale menschliche Maßstäbe hinaus. Er ist ein Mann, der viele Jahre seines Lebens hindurch auf Speise und Trank verzichtet hat, um das Reich Gottes zu bezeugen.

Im Leben und Wirken von Bruder Klaus in der Schweiz hat sich das Reich Gottes als ”Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ erwiesen. Vor über fünfhundert Jahren erging von diesem Ort aus, aus der Stille des Gebetes und der Gottverbundenheit im Ranft, seine Friedensbotschaft, die die entzweiten und zerstrittenen Eidgenossen auf der Tagsatzung zu Stans wieder zur Einheit gebracht und einen neuen Abschnitt eurer Geschichte eingeleitet hat. Hier im Flüeli, wo uns die Gestalt von Bruder Klaus immer noch lebendig vor Augen steht, glauben wir auch heute noch seine Stimme zu hören, die uns zum Frieden mahnt, zum Frieden in eurem eigenen Land, zur Verantwortung für den Frieden in der Welt, zum Frieden im eigenen Herzen.

2. Euer Landesvater mahnt auch heute noch zum Frieden im eigenen Land. ”Mein Rat ist auch, daß ihr in diesen Sachen gütlich seiet, denn ein Gutes bringt das andere. Wenn es aber nicht in Freundschaft möchte geschlichtet werden, so laßt doch das Recht das beste sein“, so schrieb Bruder Klaus im Jahre 1482 an Bürgermeister und Rat von Konstanz.

Güte und Wohlwollen sind die erste und grundlegende Bedingung für den Frieden, im Leben einer Gemeinschaft wie im Leben jedes einzelnen. ”Bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! Ertragt euch und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat“, so ermahnt der heilige Paulus die Getauften (Kol 3, 12-14). Damit diese Mahnung in der harten politischen und sozialen Wirklichkeit eines Landes nicht bloß ein frommes Ideal bleibt, müssen wir sehen, wie sie sich ins öffentliche Leben umsetzen läßt. Die Geschichte des Stanser Ereignisses kann uns zeigen: Es gilt, einander anzunehmen bei aller Verschiedenheit und dafür verzichten zu können auf die Durchsetzung mancher sogar berechtigter Ansprüche.

3. Heute sind diesem Einander-Annehmen neue Aufgaben gestellt. Die Kluft zwischen den Generationen ist größer geworden. Die Jugendlichen müssen die Erwachsenen, die Erwachsenen die Jugendlichen, und beide zusammen müssen die ältere Generation annehmen. Gerade da braucht es heute viel ”Güte und Freundlichkeit“ : in Freundschaft die Probleme der anderen Generation verstehen, ihre berechtigten Anliegen anerkennen, in gemeinsamen Bemühen nach neuen Lösungen suchen. Laßt euch in eurem Bemühen um gegenseitiges Verstehen nicht entmutigen!

Bisher habt ihr euch in eurem Land als Mit-Eidgenossen verschiedener Sprache, verschiedener Kultur und verschiedenen Bekenntnissen gegenseitig angenommen; heute muß sich dieses Einander-Annehmen ausweiten auf Menschen ganz anderer Denk- und Lebensweise und vielleicht auch ganz anderer Religion, die bei euch Arbeit und Schutz suchen, indem sie euch ihre Dienste – und ihre Menschlichkeit! – anbieten. Gewiß eine schwierige Aufgabe, aber nicht schwieriger als das bisher erreichte Zusammenwachsen der Eidgenossenschaft und ihrer vielfältigen Menschengruppen. Seht in euren Gästen zuallererst Menschen, die mit euch in den grundlegenden Freuden und Sorgen, Wünschen und Hoffnungen zuinnerst verbunden sind und euer eigenes menschliches Los teilen!

4. Nicht immer kann jedoch das Einander-Annehmen in lauter ”Güte und Freundschaft“ geschehen; oft fehlt das Verständnis, oft fehlt der gegenseitige Kontakt. Darum gilt der weitere Rat des heiligen Bruders Klaus: ”Wenn es aber nicht in Freundschaft möchte geschlichtet werden, so laßt das Recht das beste sein“. Frieden beruht auf der Freundschaft, aber noch grundlegender auf der Gerechtigkeit. Der Schutz der Menschenrechte und der Einsatz für den Frieden gehören notwendig zusammen. Euer Staat rühmt sich, ein Rechtsstaat zu sein. Ein Rechtsstaat aber kann sich heute nicht bloß auf das bisher formulierte Recht stützen; den rasch sich wandelnden Verhältnissen entsprechend muß auch neues Recht geschaffen werden, ein Recht, das vor allem die Ungeschützten und Zurückgestellten verteidigt: das ungeborene Leben, die Jungen und die Alten, die Ausländer, die ausgebeutete Natur. Nehmt diese vordringlichen Aufgaben mutig in die Hand und versucht sie mit jener Weisheit zu lösen, von der Bruder Klaus sagt: ”Weisheit ist das allerliebste deswegen, weil sie alle Dinge zum besten anfängt“.

5. Brüder und Schwestern! Nikolaus von der Flüe erinnert uns auch an unsere Verantwortung für den Frieden in der Welt. Es gehört bereits zum Grundauftrag der Kirche, das Reich Gottes zu verkünden, das ein Reich von ”Gerechtigkeit, Frieden und Freude“ ist. Dieses Evangelium des Friedens verkündigt die Kirche heute mit besonderem Nachdruck, angesichts der weltweiten Bedrohungen unserer Tage.

Politisch-ideologische Spannungen, Hunger und Verelendung, Überschuldung vieler Staaten, vielfältige Verletzung der Menschenrechte: diese Quellen von Angst bis hin zur Verzweiflung wirken sich heute weltweit aus und lassen auch die besser gestellten Völker nicht unbeeinflußt. Alle Völker müssen sich heute gemeinsam diesen Herausforderungen stellen und menschenwürdige, gerechte Auswege suchen. In den Botschaften zum jährlichen Weltfriedenstag, in vielfältigen Friedensinitiativen und Kontakten mit Politikern, Diplomaten und Wissenschaftlern sucht sie unermüdlich dafür zu werben, daß es in der heutigen Lage keine Alternative zu Dialog, Interessenausgleich und gerechten Vereinbarungen gibt.

6. Was die Schweiz und ihre Beziehungen zu anderen Staaten betrifft, so hat Bruder Klaus damals seinen Mitbürgern nach der Überlieferung diesen Rat gegeben: ”Macht den Zaun nicht zu weit . . . Mischt euch nicht in fremde Händel“. Dieses Prinzip hat schließlich zu eurer anerkannten und sicher verdienstvollen Neutralität geführt. In ihrem Schutz ist die kleine Schweiz heute zu einer Wirtschafts- und Finanzmacht geworden. Wacht als demokratisch verfaßte Gemeinschaft aufmerksam über alle Vorgänge in dieser mächtigen Welt des Geldes! Auch die Finanzwelt ist Menschenwelt, unsere Welt, unser aller Gewissen unterworfen; auch zu ihr gehören ethische Grundsätze. Wacht vor allem darüber, daß ihr mit eurer Wirtschaft und eurem Bankwesen der Welt Friedensdienste leistet und nicht – vielleicht indirekt – zu Krieg und Unrecht in der Welt beitragt!

Die schweizerische Neutralität ist ein hohes Gut; nutzt ihre Möglichkeiten weiterhin voll aus, um Flüchtlingen Asyl zu gewähren und um Hilfswerke zu fördern, die nur von einem neutralen Land aus möglich sind. Nicht wenige meiner eigenen Landsleute haben zu verschiedenen Zeiten in eurem Land Zuflucht gefunden – so zum Beispiel in einem Lager hier in Flüeli -, und immer hört man mit Dankbarkeit von der raschen und großzügigen Hilfe der Schweizer in Katastrophenfällen. Ja, ”macht den Zaun nicht zu weit“, aber scheut euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht die Sorgen anderer Völker zu euren eigenen und bietet über die Grenzen hinweg eine helfende Hand, und dies auf der Ebene eurer staatlichen Organe und Finanzmittel. Die internationalen Organisationen mit Sitz in Genf bedeuten eine ehrende Verpflichtung für die ganze Schweiz und für jeden einzelnen Schweizer.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Nikolaus von der Flüe mahnt uns zum Frieden im eigenen Land und zum Frieden in der Welt, ermahnt uns vor allem zum Frieden im eigenen Herzen. Jesus preist in der Bergpredigt nicht einfach die Friedfertigen, sondern die Friedensstifter, jene, die mit dem Einsatz ihres ganzen Wesens ”Frieden machen“. Der Friede muß erarbeitet, erlitten, erbetet werden.

Ein Mensch aber, der mit sich selbst uneins ist, der im inneren Unfrieden lebt, kann keinen Frieden stiften. Darum weist uns Bruder Klaus auf die tiefste Quelle allen Friedens hin, wenn er an den Rat von Bern schreibt: ”Fried ist allweg in Gott, denn Gott ist der Fried“. Gott in der Einheit seiner drei Personen ist das Urbild und die Quelle allen Friedens; er schenkt uns diesen Frieden als erste Gabe der Erlösung, als Anfang der Herrschaft Gottes auf Erden, als Geschenk des Heiligen Geistes: ”Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede,  . . . Treue“ (Gal 5, 22). ”Das Reich Gottes . . . ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm14, 17). Wir müssen dem Geist für seinen Frieden danken und ihn bitten, sein Wirken in uns noch zu vertiefen. Dann kann der Friede, den Gott in uns wirkt, aus dem Innersten unserer Person ausstrahlen und andere überzeugen. Im Frieden Jesu Christi, den die Welt nicht geben kann (Joh 14, 27), können wir selbst echte Friedensstifter werden.

In dieser Gesinnung sind wir heute zum heiligen Nikolaus von der Flüe gepilgert. Diesen Frieden ”im Heiligen Geist“ wollen wir uns mit seiner Fürsprache erbeten! Am Bruder Klaus haben sich in wunderbarer Weise die Worte der heutigen Liturgie erfüllt: ”Wirf deine Sorge auf den Herrn, er hält dich aufrecht! Er läßt den Gerechten niemals wanken“ (Ps 55, 23). Und im Antwortpsalm hören wir geradezu unseren Heiligen beten: ”Unsere Tage zu zählen, lehre uns (o Gott), damit wir ein weises Herz gewinnen!  . . . Laß deine Knechte dein Walten sehen und ihre Kinder dein herrliches Tun!“ (Ps 90, 12. 16). Ja, das ”herrliche Tun“ Gottes erblickt der heilige Mensch überall dort, wo wahrhaft Frieden gestiftet wird. Diese Botschaft brachten die Engel schon in der Nacht der Geburt des Herrn. Auf Schweizer Erde hat Bruder Klaus sie aufgenommen. Sein Friedenswerk hat er mit einem eindrucksvollen Zeugnis für die Ehre Gottes verbunden, die er seinen Landsleuten über Generationen hin bis heute vor Augen stellt.

8. Im heutigen Evangelium spricht Christus zu Petrus und den anderen Aposteln: ”Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und wer um meines Namens willen Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder, Äcker und Häuser verlassen hat, wird das Hundertfache dafür erhalten und das ewige Leben gewinnen“ (Mt 19, 28. 29).

Seht, das ist Nikolaus von der Flüe, euer Landsmann! Vor 517 Jahren hat er um seiner Berufung willen seine Frau, seine Kinder, sein Haus, seine Äcker verlassen: Er hat die Worte des Evangeliums wörtlich genommen! In den Schweizer Kantonen hat sich sein Name eingeprägt: Er ist ein echter Zeuge Christi! Ein Mensch, der das Evangelium bis zum letzten Wort verwirklicht hat. Ehren wir auch seine Frau Dorothea: In einem durchlittenen Entschluß hat sie den Gatten freigegeben. Zu Recht trägt sie in den Augen vieler das heroische Lebenszeugnis des Bruders Klaus mit.

So bleiben die heiligen Menschen im Volke Gottes wie ein lebendiges Beispiel des Weges, der Wahrheit und des Lebens, das Christus selber ist.

Die Heiligen sind aber auch Richter: ”Ihr werdet die zwölf Stämme Israels richten“, so lautet das Evangelium. Ja, sie richten die Herzen, die Gewissen, unsere Taten. Sie richten die Lebensformen und Sitten. Sie richten die Generationen: vor allem die Generationen jenes Landes, aus dem Christus sie jeweils berufen hat.

Söhne und Töchter der Schweiz! Nehmt das Beispiel des Bruders Klaus an, stellt euch unter sein Urteil! Unter seinem Beispiel und Urteil soll die Geschichte eures Landes vorangehen. Seit so vielen Generationen ist unter euch ein Mensch geistig gegenwärtig, der mit seinem ganzen irdischen Leben die Wirklichkeit des ewigen Lebens in Gott bekräftigt hat. Schaut auf ihn! Und schaut auf diese Wirklichkeit Gottes! Gebt ihr aufs neue Raum in eurem Bewußtsein, in eurem Verhalten, in eurem Gewissen, in eurem Herzen!

”Unsere Tage zu zählen, lehre uns (o Gott), damit wir ein weises Herz gewinnen!  . . . Laß deine Knechte dein Walten sehen und ihre Kinder dein herrliches Tun“ : Das gewähre uns der himmlische Vater als ein besonderes Erbe vom heiligen Bruder Klaus, dem Patron eures Vaterlandes. Amen.


 

GEBET VON JOHANNES PAUL II.
VOR DEM GRAB DES HL. „BRUDERS KLAUS“

Pfarrkirche Sachseln
Donnerstag, 14. Juni 1984

 

1. Mein Herr und mein Gott, großes Vertrauen auf dein gütiges Wirken in unserer Zeit hat mich an diese heilige Stätte geführt. Von hier aus ist auf die Fürsprache des hl. Bruders Klaus schon so viel Segen und Gnade für den Frieden ausgegangen.

So viele Menschen erfahren heute das Unwesen der Sünde: Sie wendet von dir ab und verspricht den Menschen dafür die große Freiheit, das Glück und den Frieden. In Wirklichkeit aber bringt sie Egoismus, Konflikte, Unzufriedenheit und Unfrieden, Krieg und Vernichtung. Die Sünde verblendet den Menschen und führt in die Irre.

Gott der Wahrheit und des Erbarmens, du hast uns deinen Sohn als unseren Erlöser gesandt. Freiwillig hat er den bitteren Karfreitag der ganzen Welt auf sich genommen und kraft deines allmächtig wirkenden Heiligen Geistes über Sünde und Tod gesiegt. Wie damals seinen verzagten Aposteln ruft uns auch heute der auferstandene Herr zu: ”Der Friede sei mit euch!“.

2. Mein Herr und mein Gott, an Pfingsten hast du deinen göttlichen Geist ausgegossen in die Herzen der Menschen: den Geist, der die Menschen aus verschiedenen Sprachen und Kulturen zur einen Sprache der Liebe und des Friedens, zur Gemeinschaft der Kirche zusammengeführt hat. Ergriffen von deinem pfingstlichen Wirken unter den Menschen knie ich heute als Bittender am Grab des hl. Bruders Klaus, den du in besonderer Weise zum Friedensstifter berufen hast. Im Vertrauen auf seine Fürsprache vereinige ich meine Gebete und Bitten um Frieden und Versöhnung unter den Menschen mit denen dieses großen Heiligen.

In schwerer Zeit hast du den heiligen Bruder Klaus berufen, ”Gewissen“ der Mitbürger zu sein und Frieden zu stiften. Dank deiner Führung wurde die Gemeinschaft der Ehe und Familie auf dem Flüeli zum Ort des Glaubens und des Gebetes. Dank deiner gütigen Vorsehung fand Bruder Klaus in Dorothea eine verständige Gattin, die mit ihm gerungen und gebetet hat um die Kraft, deinem göttlichen Willen zu gehorchen. Du hast Dorothea berufen, an Stelle ihres Gatten die Verantwortung für Familie, Haus und Hof zu übernehmen, damit der Weg des Heiligen frei werde für das Leben im Ranft, frei für das Gebet, frei für deinen Auftrag, Frieden zu stiften.

Gott, du Quelle des Friedens, zusammen mit den vielen Menschen, die hier um Frieden gebetet haben, danke ich dir für diesen großen Fürsprecher und Vorkämpfer des Friedens, den hl. Bruder Klaus. Wir danken dir für die Berufung von Menschen, die heute helfen, deinen Willen zu erkennen und zu erfüllen. Laß uns mit Bruder Klaus und seiner heiligmäßigen Frau Dorothea immer mehr einsehen, daß echte Versöhnung und dauerhafter Friede allein von dir kommt. Darum öffnen wir uns deinem Geist, indem wir dich für den Frieden im eigenen Herzen und den Frieden in der Welt mit dem Lieblingsgebet des Heiligen gemeinsam inständig bitten:

Mein Herr und mein Gott, / nimm alles von mir, / was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott, / gib alles mir, / was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott, / nimm mich mir / und gib mich ganz zu eigen dir. / Amen.


 

SCHREIBEN VON JOHANNES PAUL II.
AN MSGR. JOHANNES VONDERACH
ANLÄSSLICH DES 500. TODESTAGES DES HL. NIKLAUS VON FLÜE

Meinem verehrten Bruder Johannes Vonderach,
Bischof von Chur

”Seit so vielen Generationen ist unter euch ein Mensch geistig gegenwärtig, der mit seinem ganzen irdischen Leben die Wirklichkeit des ewigen Lebens in Gott bekräftigt hat“. Diese Worte, die ich am 14. Juni 1984 bei der heiligen Eucharistiefeier auf dem Flüeli gesprochen habe, kommen mir erneut in den Sinn, wenn ich heute durch Dich, lieber Mitbruder, diese kurze Grussbotschaft an alle richte, die sich hier aus Anlass des 500. Todestages des heiligen Niklaus von Flüe – Bruder Klaus genannt – zum festlichen Gottesdienst versammelt haben oder aus der Ferne mit Euch verbunden sind.

Meine Gedanken sind beim ganzen Schweizervolk, das sich auf jenen 21. März 1487 zurückbesinnt, da der heilige Einsiedler und Friedensstifter im Ranft nach einer schweren Leidenswoche starb. Dieser Gottesfreund, dessen Lebenszeugnis bis in unsere Tage hereinleuchtet, ist geistig gegenwärtig in den Kirchen und Kapellen, die ihm geweiht sind oder sein Andenken bewahren; in Bildern und Schriften, die sein friedvolles und zugleich ernstes Antlitz aufstrahlen lassen; in Liedern und Gebeten, die von seinem Christsein künden. Vielfältige Schöpfungen des Glaubens und der Frömmigkeit wollen dazu einladen, das Leben und Sterben, das Beten und Wirken des Schweizer Landespatrons zu betrachten und seinem Vorbild nachzueifern.

In meiner Predigt vor drei Jahren habe ich Euch die Verantwortung für den Frieden im Kleinen und im Grossen, die ständige Aufgabe des Einanderannehmens, den heilsamen Verzicht auf einen Teil des materiellen Wohlstandes zugunsten der Schwachen und Armen in nah und fern eindringlich ins Bewusstsein gerufen. Dem Rat von Bruder Klaus ”Macht den Zaun nicht zu weit“ habe ich den Aufruf hinzugefügt: ” . . . scheut Euch nicht, über den Zaun hinauszuschauen, macht die Sorgen anderer Völker zu Euren eigenen und bietet über die Grenzen hinweg eine helfende Hand“.

Ich darf Euch heute an diese Worte erinnern und möchte beim Gedenken an den Todestag des heiligen Niklaus von Flüe den Gebetsruf des Psalmisten wiederholen: ”Unsere Tage zu zählen, lehre uns (o Gott), damit wir ein weises Herz gewinnen!“ (Ps 90, 12). Dieses weise Herz, das den Friedensstifter Bruder Klaus auszeichnete, brauchen wir alle, wenn wir Antwort auf die drängenden Fragen des Lebens erhalten wollen, wenn wir Lösungen für alte und neue Probleme suchen, wenn wir Schwierigkeiten im persönlichen und gesellschaftlichen Bereich zu meistern haben, wenn wir im Auf und Ab der Stimmungen und Meinungen für das Wahre und Gerechte eintreten müssen. Ein weises Herz gewinnt nur, wer die ”Kraft aus der Tiefe“ schöpft, aus der Tiefe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ein weises Herz erlangt, wer sich in das unergründliche Geheimnis Gottes versenkt und im Gebet mit dem dreifaltigen Gott verbunden bleibt.

Im Vertrauen auf die Fürsprache der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria bitten wir den gerechten und barmherzigen Gott: ”Lass uns mit Bruder Klaus und seiner heiligmässigen Frau Dorothea immer mehr einsehen, dass echte Versöhnung und dauerhafter Friede allein von dir kommen“. Diese Bitte habe ich hier am Grab des heiligen Niklaus von Flüe ausgesprochen. Ich erneuere sie heute zusammen mit Euch und erteile allen von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 3. September 1987.

 IOANNES PAULUS PP. II


 

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
AN DIE NEUEN REKRUTEN DER SCHWEIZERGARDE

Freitag, 6. Mai 1988

 

Rekruten der Schweizergarde,
liebe Brüder und Schwestern!

Wieder sind wir um den Altar versammelt, um am Tag der Vereidigung, eines neuen Jahrgangs der Garde zuerst Gott die Ehre zu geben und Euer Treueversprechen mit in das Opfer Christi hineinzunehmen. Ihr werdet ja keinem weltlichen Herrscher dienen, sondern dem Nachfolger des Petrus auf dem Bischofssitz in Rom, dem die Sorge für die Gesamtkirche in einer besonderen Weise anvertraut ist. Und diese Kirche lebt wesentlich aus der Kraft und nach dem Maßstab des Lebens Christi: Dieser will gerade dadurch der ”Herr“ der Kirche sein, daß er der ”Diener aller“ ist.

Liebe Rekruten, stellt Euch für Euren Dienst auch unter den Schutz und das Vorbild Eures verehrten Landespatrons, des heiligen Niklaus von der Flüe. Von ihm lernt Ihr, wie ein erwachsener Mensch neben seiner Verpflichtung für Familie und Beruf auch Gemeinschaftsaufgaben in der Nachbarschaft und in der Bürger- und Kirchengemeinde übernimmt, gemäß den Gaben, die ihm geschenkt sind. Und als sich Bruder Klaus zu intensiverem Gebet in den Ranft zurückzog, nahm sein Gemeinschaftsbezug keineswegs ab, sondern weitete sich sogar noch aus bis zu jenen berühmten Friedensvermittlungen in damaligen Auseinandersetzungen unter seinen Mitbürgern.

Die Geschichte hat den katholischen jungen Männern in der Schweiz die Aufgabe zugewiesen, für die Sicherheit des Papstes zu sorgen und dafür die angesehene Schweizergarde zu bilden. Seid Euch der Bedeutung dieser traditionsreichen und zugleich aktuellen Gemeinschaftsaufgabe voll bewußt und erfüllt sie mit Euren besten Kräften! Dankbar nehme ich immer wieder Eure Belange und Euer Wohlergehen in mein Beten auf. Der notwendigen äußeren Distanz, die unsere Begegnungen im Dienst erfordern, entspricht – das möchte ich Euch versichern – eine umso größere innere Wertschätzung für jeden von Euch und für Euren anspruchsvollen Dienst.

Dies zu wissen, macht es Euch, liebe Eltern und Angehörige, gewiß leichter, diese jungen Männer für eine bestimmte Zeit zu entbehren und in der Fremde zu wissen. Je mehr ein Christ seinen Glauben versteht und lebt, umso schneller wird ihm ein fremdes Land sogar wieder zur Heimat in der einen weltweiten Kirche Christi.

So laßt uns nun zusammen mit den Gaben von Brot und Wein auch die Gabe unseres Lebens, unsere Fähigkeiten, unsere Hochherzigkeit auf den Altar legen. Der Herr nehme alles in Güte entgegen und lasse Euren und meinem Dienst sich auswirken zum Besten der Kirche und Menschen.

 

Au moment d’offrir le Sacrifice eucharistique, je suis heureux d’unir également dans ma prière les jeunes Gardes de langue française et leurs familles.

Chers amis, que le Seigneur vous accorde de vivre avec foi vos années de service dans la Cité du Vatican! Les nombreux pèlerins qui viennent prier aux tombeaux des Apôtres et rencontrer le successeur de Pierre aiment vous voir dans l’exercice de vos fonctions: que l’accomplissement joyeux et digne de votre tâche, dans un esprit d’accueil fraternel, les réconforte et les encourage dans le pèlerinage de leur vie chrétienne! Au moment de prendre vos engagements, soyez assurés de la prière de ceux qui vous entourent aujourd’hui de leur affection et de leur amitié!


Quelle mit weiteren Schweiz-bezogenen päpstlichen Ansprachen/Dokumenten! – Allen wärmstens empfohlene Lektüre, gerade auch zum 1. August, dem Nationalfeiertag!

VOR EINEM JAHR: AUS ANLASS DER HEILIGSPRECHUNG JOHANNES PAULS II.

Download (1) Gnesen Polen

Johannes Paul II. in Gnesen (Polen) am 3.6.1979

VIDEOBOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE POLNISCHE BEVÖLKERUNG AUS ANLASS DER HEILIGSPRECHUNG
DES SEL. JOHANNES PAUL II.

Liebe Landsleute des seligen Johannes Paul II.!

Die Heiligsprechung dieses großen Mannes und großen Papstes, der unter dem Namen Johannes Paul II. in die Geschichte eingegangen ist, steht unmittelbar bevor. Ich bin glücklich darüber, dazu berufen zu sein, am kommenden Barmherzigkeitssonntag, zum Abschluss der Osteroktav, seine Heiligkeit zu verkünden. Wie alle Glieder des Volkes Gottes bin auch ich Johannes Paul II.  dankbar für seinen unermüdlichen Dienst, seine geistliche Führung, dafür, dass er die Kirche ins dritte Jahrtausend des Glaubens eingeführt hat, wie auch für das außergewöhnliche Zeugnis seiner Heiligkeit.

Papst Benedikt XVI. hat zu Recht vor drei Jahren, am Tag der Seligsprechung seines Vorgängers, auf das hingewiesen, wozu Johannes Paul II. jedermann aufforderte, nämlich keine Angst zu haben und Christus die Tore zu öffnen – er selbst war der erste, der dies tat: »Er hat die Gesellschaft, die Kultur, die Bereiche der Politik und der Wirtschaft für Christus geöffnet. Mit der Kraft eines Giganten – die er von Gott erhalten hat – hat er eine Tendenz umgedreht, die unumkehrbar erscheinen mochte. Mit seinem Zeugnis des Glaubens, der Liebe und des apostolischen Mutes, das von einer großen Menschlichkeit begleitet wurde, hat dieser beispielhafte Sohn der polnischen Nation den Christen auf der ganzen Welt geholfen, keine Angst zu haben, sich Christen zu nennen, zur Kirche zu gehören und vom Evangelium zu sprechen. Mit einem Wort, er hat uns geholfen, keine Angst vor der Wahrheit zu haben, denn die Wahrheit ist die Garantie der Freiheit« (Predigt, 1. Mai 2011). Ich identifiziere mich voll und ganz mit diesen Worten Papst Benedikts XVI.

Wir alle wissen, dass Karol Wojtyla, bevor er sich auf die Straßen der Welt begeben hat, in seiner Heimat Polen im Dienste Christi und der Kirche herangewachsen ist. Dort wurde sein Herz geformt, ein Herz, das sich dann zur universellen Dimension ausweitete, zunächst durch seine Teilnahme am II. Vatikanischen Konzil, dann aber vor allem nach dem 16. Oktober 1978, damit alle Nationen, Sprachen und Kultur en darin Platz fänden. Johannes Paul II. ist allen alles geworden. Ich danke dem polnischen Volk und der Kirche in Polen für die Gabe, die Johannes Paul II. ist. Wir alle sind durch diese Gabe reicher geworden.

Johannes Paul II. inspiriert uns nach wie vor. Wir werden durch seine Worte, seine Schriften, seine Gesten, seinen Stil des Dienens inspiriert. Sein Leiden inspiriert uns, das er voll heroischer Hoffnung ertragen hat. Wir lassen uns dadurch inspirieren, wie vollkommen er sich Christus, dem Erlöser des Menschen, und der Gottesmutter anvertraut hat.

Beim jüngst erfolgten Besuch ad limina Apostolorum der polnischen Bischöfe habe ich betont, dass die Kirche in Polen auch weiterhin ein großes Potential des Glaubens, des Gebets, der Nächstenliebe und der christlichen Glaubenspraxis aufweist. Ich habe auch die Herausforderungen auf dem Gebiet der Pastoral hervorgehoben, so die Familie, die Jugendlichen, die Armen und die Berufungen zum Priestertum und zum geweihten Leben. Ich hoffe, dass die Heiligsprechung Johannes Pauls II. wie auch jene Johannes’ XXIII. der alltäglichen und beharrlichen Arbeit der Kirche in Eurer Heimat einen neuen Impuls zu übermitteln vermag. Ich freue mich darüber, dass ich, so Gott will, in zwei Jahren aus Anlass des Weltjugendtages erstmals Euer Land besuchen werde.

Ich lade alle dazu ein, die Heiligsprechung des seligen Johannes Paul II.  und des seligen Johannes XIII. zutiefst mitzuerleben. Einige von Euch kommen nach Rom, aber dank der Massenmedien können zahllose Menschen an diesem großartigen Ereignis teilnehmen. Ich möchte daher schon heute allen Presse-, Radio- und Fernsehjournalisten für ihre Arbeit für die am kommenden Sonntag erfolgende Heiligsprechung danken.

Ich grüße alle Landsleute Johannes Pauls II., auch diejenigen, die nicht der katholischen Kirche angehören. Ich trage sie alle in meinem Herzen. Gott segne euch alle!

Aus dem Vatikan, 25. April 2014

FRANZISKUS