Angelus: Ohne Kreuz geht es nicht

Der Papst beim Angelus

Christusnachfolge ohne Kreuz? Das geht nicht. Das hat Papst Franziskus schon 2013 in seiner ersten Predigt als Papst überhaupt gesagt, und an diesem Sonntag schlug er beim Angelus dieselbe Saite von neuem an. Es gebe keine „wahre Liebe“, wenn man sich um die „Selbsthingabe“ herumdrücke.

Franziskus ging vom Tagesevangelium aus (Mt 16, 21-27). Es schildert, wie Jesus einmal Petrus gegenüber unwirsch wird. „Die Szene spielt sich ab, als Jesus den Jüngern ankündigt, dass er in Jerusalem leiden müsse, getötet werde, aber dann wieder auferstehen werde. Da nimmt Petrus den Herrn beiseite und macht ihm Vorwürfe, weil das doch Ihm, dem Christus, nicht zustoßen dürfe. Doch Jesus macht wiederum dem Petrus mit harten Worten Vorwürfe: „Weg mit dir, Satan! … Du willst mich zu Fall bringen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ Noch einen Moment zuvor war der Apostel ein starker „Fels“ gewesen, auf den Jesus seine Kirche bauen wollte – und sofort danach wird er zu einem Hindernis, einem Stolperstein auf der Straße des Messias!“

Was Jesus nach dieser Szene zu seinen Jüngern sage, das gelte auch uns Heutigen, so Papst Franziskus: Wer Jesus nachfolgen wolle, der müsse sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und ihm folgen. „Immer – auch heute – gibt es die Versuchung, Christus ohne Kreuz zu folgen, ja sogar Gott den richtigen Weg zeigen zu wollen. Wie Petrus sagt: Nein nein, Herr, das darf nicht passieren! Aber Jesus erinnert uns daran, dass sein Weg der Weg der Liebe ist, und es gibt keine wahre Liebe ohne die Selbsthingabe! Wir sind dazu aufgerufen, uns nicht von der Vision dieser Welt absorbieren zu lassen, sondern uns immer bewusster zu werden, dass wir Christen einen mühsamen Weg zu gehen haben – gegen den Strom, und bergauf.“

Wer nur sich selbst verwirklicht, der verliert sich

Das Evangelium dieses Sonntags bietet nach der Einschätzung des Papstes Worte von „großer Weisheit“ – etwa dieses: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren.“ „Dieses Paradox enthält die goldene Regel, die Gott in die menschliche Natur eingeschrieben hat: die Regel, dass nur die Liebe dem Leben Sinn und Glück zu geben vermag. Wer seine Talente und Energien nur dazu gebraucht, um sich selbst zu verwirklichen, der verliert sichin Wirklichkeit – eine traurige, sterile Existenz. Wenn wir hingegen für den Herrn leben und wie Jesus unser Leben auf die Liebe ausrichten, dann werden wir die wahre Freude erleben, und unser Leben wird nicht steril, sondern es wird fruchtbar sein!“

In der Messfeier werde jedes Mal von neuem „das Geheimnis des Kreuzes gegenwärtig“, fuhr der Papst fort. Das sei nicht nur „Erinnerung“, sondern erneute Vergegenwärtigung des „rettenden Opfers, bei dem der Sohn Gottes sich selbst vollkommen verliert, um sich vom Vater von neuem zu empfangen und so uns, die wir verloren waren, wiederzufinden, zusammen mit allen Geschöpfen. Jedes Mal, wenn wir an der Heiligen Messe teilnehmen, teilt sich uns die Liebe des gekreuzigten und auferstandenen Christus als Nahrung mit, damit wir Ihm auf dem Weg des Alltags, im konkreten Dienst an den Geschwistern, folgen können.“

Man dürfe „keine Angst haben vor dem Kreuz“, schloss der Papst: Es gebe „kein Kreuz ohne Jesus“.

(rv 03.09.2017 sk)

Bischof Oster: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann“

Mgr. Stefan Oster / Pressestelle Bistum Passau – Pbp

Augsburg: Priester- und Diakonetag zu „Berufung“

Der Passauer Bischof Dr. Stefan Oster SDB hat heute in der Basilika St. Ulrich und Afra an den Inhalt und die Mitte unseres Glaubens erinnert: „Nicht etwas, sondern jemand, nämlich unser Herr Jesus Christus“, betonte Bischof Oster. Ihn in unserem Leben wirklich werden zu lassen, sich an Jesus festzumachen, ein Diener Christi zu sein, gebe uns erst die Freiheit Gott und den Nächsten zu lieben. „Nur wenn uns das nahe geht, spüren wir, er ist die Mitte von allem.“ Mit dem feierlichen Pontifikalamt begann der „Tag der Priester und Diakone“ im Rahmen der Ulrichswoche, der sich heuer mit dem Thema „Berufung“ beschäftigte.

Ausgehend von der Frage, wo das Problem liege, dass es gegenwärtig eher weniger als mehr junge Menschen gibt, die eine geistige Berufung in sich spüren, näherte sich Bischof Oster in seinem Vortrag zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungen“ vom christlichen Menschenbild her. Vor rund 100 Priestern und Diakonen beschrieb er die Erfahrung des Seins, die Sinnerfahrung und die Erfahrung einer Christusbeziehung als drei Wege der Berufungsfindung. Diese müssten nicht nacheinander abgelaufen werden, sondern seien meist ineinander verwoben. „Berufung ereignet sich in der konkreten Wirklichkeit.“ Letztlich sei es aber erst durch die Begegnung mit dieser Wirklichkeit möglich, dass die Fähigkeit zur Entscheidung für einen bestimmten Berufungsweg wachse.

Was verwandelt also den Menschen, darf Christus in mein Leben hineinkommen, fragte Bischof Oster. Seine Antwort: Die Erfahrung von Sinn, Beziehung und Leid. „Menschen entwickeln Leidenschaft für andere Menschen, Geschöpfe, Dinge, Tätigkeiten und Ziele. Sie entdecken, was für sie Sinn und Freude macht und was Erfüllung schenkt.“ Für junge Menschen sei es daher wichtig, das zu entdecken und darin sich selbst, Prioritäten zu setzen und diese zu verändern. Letztlich gewinne aber alles in unserem Leben seinen Sinn durch Christus. Erst die Begegnung und Beziehung mit ihm mache uns liebes- und leidensfähig. „Bei Jesus daheim sein, verwandelt alles andere.“

Warum es dennoch immer weniger gelingt, junge Menschen für Gott und die Nachfolge Christi zu gewinnen, machte der Bischof an mehreren Punkten fest und stellt diese als drängende Herausforderungen für die Zukunft der Kirche heraus. Bischof Oster ermutigte dazu, wieder den ganzen Jesus zu verkündigen und dadurch eine neue Leidenschaft für Christus zu entfachen: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann!“ Dass es um unser Heil gehe und nicht um einen „Humanismus der Nettigkeit“, gelte es aber auch mit Überzeugung zu vertreten, so der Bischof. „Wenn wir einen Jesus verkünden, der Wellness lehrt, dann werden wir irrelevant“. In der Nachfolge Christi zu leben, bedeute nämlich, sich die Jüngerschaft zum Lebensthema zu machen. Nur wenn wir im, mit und vom Herrn lernen, könnten wir ihn auch lieben. „Das ist unsere Herausforderung“, wandte er sich an die Priester und Diakone, die er gleichermaßen zu echtem, intensivem treuem geistlichem Leben bestärkte: „Wir sind berufen, Gott zu lieben, weil er so großartig ist, und müssen die Sehnsucht nach ihm wecken.“

Bestätigung erhielten seine Aussagen im anschließenden Podiumsgespräch, das Schwester Dr. Theresia Mende OP vom Institut für Neuevangelisierung moderierte.  Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass es das gute Beispiel und Vorbild von authentischen Priesterpersönlichkeiten war, das in jungen Menschen heute noch die Sehnsucht nach einem Leben in der Nachfolge Christi wecken kann.

Vor der Pontifikalvesper mit Bischof Dr. Konrad Zdarsa in der Ulrichsbasilika hatten die Priester und Diakone in sechs Gesprächsrunden die Möglichkeit, sich über Themen der Berufungspastoral auszutauschen. Dabei stand die Frage „Kann man Berufungen machen?“ ebenso im Raum wie die kirchliche Jugendarbeit als Quelle für Berufungen, die Berufungspastoral aus der Sicht von Papst Franziskus, die geistliche Begleitung von jungen Priestern und die Erfahrungen von Anbetungsinitiativen.

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 10.07.2017)

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Weiße Blumen um das Herz des Herrn

Montmartre, Tympanon / Pixabay CC0 – DEZALB, Public Domain

Impuls zum Herz-Jesu-Fest im Lesejahr A — 23. Juni 2017

PETER VON STEINITZKOMMENTAR ZU SONNTAGSLESUNGEN IM JAHRESKREIS

Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, dass die Herz-Jesu-Verehrung in der Kirche schon bessere Zeiten gekannt hat. Die Älteren erinnern sich noch an die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Herz-Jesu-Messen und –Andachten, die mit großer Anteilnahme des Volkes gefeiert wurden. Leider ging mit der echten Verehrung manchmal auch manch unechtes Bildwerk Hand in Hand, das man ruhig Kitsch nennen kann, und das vielen die Herz-Jesu-Verehrung verleidete.

Eigentlich aber sollte die Verehrung des Herzens Jesu, also das Aufmerken auf die barmherzige Liebe eines Gottes, der ein menschliches Herz hat, gerade den Menschen unserer ziemlich herzlosen Zeit entgegen kommen. Man muss ja nur manche Kinder oder älteren Leute beobachten, um zu sehen, wie vielen Menschen das fehlt, was wir heute Zuwendung nennen, und was nichts anderes ist als Liebe.

Die Offenbarung der barmherzigen Liebe Gottes geht klar aus dem Evangelium hervor, dennoch war es wohl wegen unserer Hartherzigkeit nötig, dass Gott außerdem sein Herz mehrfach einigen Personen besonders offenbarte, von denen er wusste, dass sie diese Erkenntnis unter die Leute bringen würden. Das sind im Mittelalter die großen Mystiker Albert der Große und die Frauen Mechthild von Hackeborn, Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg – wirklich ein Ruhmesblatt der deutschen Geschichte. All die Zartheit dieser Liebesbeziehung zwischen Christus und der Seele ging in den Stürmen der Reformation, wie so manches andere, zu Bruch.

Im 16. und 17. Jahrhundert hatte die katholische Kirche alle Hände voll zu tun, den in seinen Grundlagen erschütterten Glauben neu zu formulieren. Die Offenbarungen des Heiligsten Herzens verließen das Land der Reformation: Jesus erschien der Ordensschwester Margarethe Maria Alacoque (+ 1690) in Frankreich und sagte ihr, der König solle für den Bau einer Kirche in Paris zu Ehren des Heiligsten Herzens Jesu Sorge tragen. Sie fand einen Weg, diesen Wunsch dem König zu übermitteln.

Ludwig XIV., der einen ausgeprägten Sinn für die eigene Ehre hatte, aber sehr viel weniger interessiert war an der Ehre Gottes, ging nicht darauf ein. Zwei Generationen später war das glanzvolle französische Königtum am Ende. Es sollte noch einmal zwei Generationen dauern, bis die Franzosen den Gedanken wieder aufgriffen und es nun als nationales Anliegen ansahen, diese Kirche zu errichten. So kam es zum Bau der berühmten Kirche Sacré Coeur auf dem Montmartre in Paris.

Demjenigen, der die Geschichte der Herz-Jesu-Verehrung kennt, bedeutet diese Kirche, die bewusst als Sühnetempel konzipiert ist, viel. Das Allerheiligste ist dort ständig ausgesetzt. Die meisten Menschen aber, vor allem die Maler und die Touristen, sehen in dem neo-byzantinischen Kuppelbau lediglich ein malerisches Paris-Motiv und gehen damit auch wieder am Wesentlichen vorbei.

Immer wieder muss Gott mit uns Menschen diese Erfahrung machen: Er beschenkt uns mit zahllosen Wohltaten, aber es gelingt uns doch immer wieder, zu all dem nein zu sagen oder wenigstens wegzugucken.

So ist es wohl auch zu verstehen, dass die anfangs so innige und unbeschwerte mittelalterliche Herz-Jesu-Verehrung sich in der Neuzeit immer mehr mit dem Sühnegedanken verbunden hat. Sühne dafür, dass wir immer dann, wenn wir gegen die Liebe verstoßen, Gott selbst mitten ins Herz treffen.

Im Jubiläumsjahr der Erscheinungen von Fatima liegt es nahe, das, was dort gesprochen worden ist, mit den Fragen unserer Zeit zu konfrontieren. Maria hat zu den unschuldigen Kindern, durch sie aber auch zu uns gesagt: „Die Menschen sollen Gott nicht mehr beleidigen, der schon zu sehr beleidigt worden ist!“ Und sie fordert besonders zur Sühne auf.

Im heutigen Leben der Kirche sind viele Anregungen aus Fatima in Vergessenheit geraten. Maria sagte dort, dass der Himmlische Vater die besondere Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens wünsche, als Sühne für die Sünden der Menschen. Unser Unglück ist, dass man von Sünde überhaupt nicht mehr reden mag. Man muss sie natürlich nicht hochstilisieren, aber es ist doch auch unrealistisch so zutun, als gäbe es sie nicht mehr (was sich praktisch im Verschwinden des Beichtsakraments niederschlägt).

Der hl. Josefmaria betete:

„Cor Mariae Dulcissimum, iter para tutum!“ und

„Cor Iesu Sacratissimum dona nobis pacem!“

Die Kuppel der Kirche Sacré Coeur in Paris trägt die lateinische Inschrift: „Cordi Jesu Sacratissimo Gallia poenitens et devota” – Dem Heiligsten Herzen Jesu das fromme, büßende Frankreich.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.  Der Fe-Medienverlag hat einige ZENIT-Beiträge vom Autor als Buch mit dem Titel „Der Stein, den die Bauleute verwarfen“ herausgebracht.

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Papst bei Generalaudienz: Christen sollen staunen können

Ein Plädoyer für die Kunst des Staunens machte der Papst bei seiner Generalaudienz

Der Kern des christlichen Glaubens ist die Auferstehung Jesu. Christen bräuchten die Fähigkeit zum Staunen, denn das Christentum ist Gnade und Überraschung, erinnerte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz.In seiner 19. Katechese zum Thema der christlichen Hoffnung und im Licht des eben begangenen Osterfestes wolle er über den Auferstandenen sprechen, so wie ihn der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther beschreibe, leitete Franziskus seine Ausführungen auf dem Petersplatz ein.

Die Auferstehung sei der Reihenfolge nach das letzte Argument, das Paulus in seinem Brief an die junge Gemeinde behandele, doch es sei möglicherweise das wichtigste des gesamten Schreibens. „Alles fußt in der Tat auf dieser Annahme“, betonte der Papst.

Die christliche Botschaft erwachse nicht aus den Gedanken eines Weisen, sondern trete von außen an die Menschheit heran. „Das Christentum hat von hier aus seinen Ursprung. Es ist keine Ideologie, kein philosophisches System, sondern ein Weg des Glaubens, der von einem Ereignis ausgeht, das die ersten Jünger bezeugen. Paulus fasst es auf diese Weise zusammen: Jesus ist für unsere Sünden gestorben, er wurde begraben und am dritten Tag ist er auferstanden und Petrus und den Zwölf erschienen. Das ist die Tatsache. Jesus lebt. Das ist der Kern der christlichen Botschaft.”

Paulus wolle das Unerhörte des Ostergeheimnisses deutlich machen, wenn er hervorhebe, dass Christus für uns nicht nur gestorben sei, so der Papst. Denn wenn alles mit dem Tod Jesu geendet hätte, wäre das zwar ein Beispiel höchster Hingabe gewesen, doch als tragfähiges Fundament für den Glauben hätte das nicht genügt. Vielmehr drehe sich alles um die Auferstehung Jesu. Zur Untermauerung dieses historischen Ereignisses liefert Paulus eine Liste von Zeugen, die das Ereignis weiter verkünden könnten – er selbst sei der unwürdigste all dieser Zeugen, eine „Missgeburt“, wie er sich selbst nennt.

„Paulus benutzt diesen Ausdruck, weil seine persönliche Geschichte dramatisch ist. Er war kein unschuldiger Ministrant, nicht wahr? Er hat die Kirche verfolgt, war stolz auf seine Überzeugungen; er fühlte sich als Mann, der angekommen ist, mit einer sehr klaren Idee davon, was sein Leben und seine Pflicht sei. Aber in diesem perfekten Leben passiert eines Tages etwas vollkommen Unvorhersehbares: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus auf der Straße nach Damaskus.“

Und hier, so führte der Papst weiter aus, werde der Verfolger zum Apostel, denn er habe den auferstandenen Jesus gesehen – die Grundlage des Glaubens der Kirche, wie auch unseres eigenen Glaubens.

„Wie schön ist es, zu denken, dass das Christentum im Kern genau das ist. Es ist nicht so sehr unsere Suche nach Gott – eine Suche, die in Wahrheit so zögerlich ist – sondern vielmehr die Suche von Gott nach uns. Das Christentum ist Gnade, Überraschung, und aus diesem Grund setzt es ein Herz voraus, das fähig zum Staunen ist.“

Auch wenn wir Sünder seien – und das seien wir alle, erinnerte der Papst – und unsere guten Vorsätze nicht eingehalten oder viele Misserfolge gesammelt hätten, könnten wir am Ostermorgen das tun, was auch die Menschen taten, von denen das Evangelium spricht: „Zum Grab des Christus gehen, den großen Fels verrückt zu sehen und zu denken, dass Gott für mich, für uns alle, eine unerwartete Zukunft Wirklichkeit werden lässt. Hier ist das Glück, hier ist die Freude und das Leben, wo alle dachten, dass es nur Traurigkeit, Niederlage und Schatten gebe. Gott lässt seine schönsten Blumen inmitten der unwirtlichsten Felsen wachsen.“

(rv 19.04.2017 cs)

Pater Raniero Cantalamessa: Die Gottheit Christi verkünden

Pater Raniero Cantalamessa, 17. März 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Zweite Fastenpredigt 2017
von Pater Raniero Cantalamessa OFM

„Was tun wir Christen aus unserem Glauben an Jesus Christus?“ Dies hat Pater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, in seiner zweiten Predigt in der Fastenzeit am Freitag gefragt. „Wenn wir noch nie ernsthaft über die Chance nachgedacht haben, die wir durch den Glauben an Jesus Christus haben, kann dies die Gelegenheit sein, es zu tun“, sagte er.

Die zweite Meditation freitags in der Fastenzeit stand unter dem Motto „Der Heilige Geist führt uns in das Geheimnis der Gottheit Christi“. In der Kapelle Redemptoris Mater des Apostolischen Palastes in Anwesenheit von Papst Franziskus und Beamten der römischen Kurie betrachtete der Prediger die Gottheit Christi als „Eckstein, der die beiden großen Geheimnisse des christlichen Glaubens unterstützt: die Trinität und der Menschwerdung.“

„Jeder glaubt, dass Jesus Mensch ist“, stellte er fest. Das, was den Unterschied zwischen Gläubigen und Ungläubigen ausmache, sei zu glauben, dass er Gott ist.

„In jedem Alter und in jeder Kultur muss Christus als Gott verkündet werden, nicht in irgendeinem Sinne sekundär oder als Derivat, sondern im höchsten Sinne, den das Wort ‚Gott’‪‪ in einer solchen Kultur hat.“ Die Rettung des Menschen werde nicht durch eine Vermittlung erreicht, sondern nur durch Gott selbst.

Pater Cantalamessa stellt in der heutigen Gesellschaft eine „Präsenz-Abwesenheit Christi“ auf einer bestimmten Ebene fest: In der Unterhaltung und den Massenmedien im Allgemeinen sei Jesus Christus als eine Art literarische Gattung gegenwärtig. Aber auf dem Gebiet des Glaubens sei eine beunruhigende Abwesenheit, vielleicht sogar eine Ablehnung seiner Person festzustellen. Die meiste Zeit, so fügte er hinzu, würden diejenigen, die sich selbst als „Gläubige“ verstehen, an die Existenz eines höchsten Wesens, eines Schöpfers glauben. „Sie glauben, dass es ein Jenseits gibt.“ Dies sei ein deistischer Glaube, nicht ein christlicher. „Bei dieser Art von Religiosität ist Jesus Christus praktisch nicht vorhanden.“

Während seiner Meditation lud er zur Auseinandersetzung mit der Frage an die Jünger ein: „Und Ihr, was sagt Ihr? Für wen haltet Ihr mich?“ Die Bedingungen für einen Glauben an die Göttlichkeit Christi müssten vorbehaltlos und ohne zu zögern wieder geschaffen werden. „Wir haben dies aufs Neue nötig.“

Unter Berufung auf den Ausruf Christi „Selig sind die Augen, die sehen, was Ihr seht“, erklärte Pater Cantalamessa, warum die Christen glücklich seien:  „Weil sie den Sinn des Lebens und des Todes kennen, warum das Reich Gottes Eures in dem Sinne ist, dass Ihr bereits dazu gehört, die Früchte genießt“. Die schönsten Sätze, die eine Frau ihrem Mann und umgekehrt sagen könne, besage: „Du hast mich glücklich gemacht.“ Jesus verdiene es, dass ihm seine Braut, die Kirche, dies aus der Tiefe ihres Herzens sage, bemerkte er abschließend. (mk)

Der Volltext der Predigt ist hier (auf Englisch) abrufbar.

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Quelle

„Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16,13)

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Grundfragen der Christologie1

von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

I. Die Nichtselbstverständlichkeit der Selbstbezeichnung als „Christen“

Wir halten es für selbstverständlich, uns Christen zu nennen. Und wir dürfen diesen Namen ja auch tragen, wissend, was für einen Anspruch er birgt.

1. Die erste Verwendung der Bezeichnung „Christen“ in Antiochia (Apg 11, 26) Schon in der ersten Generation, so berichtet die Apostelgeschichte (11,26), wurden die Anhänger Jesu nach ihrem Meister benannt und als „Christen“ bezeichnet. Christ ist, wer Jesus als den „Christus“ (= „Messias“), den „Sohn Gottes“ erkennt und bekennt und in der Taufe mit ihm und seinen Schwestern und Brüdern gemeinschaftlich verbunden wurde.

2. Die Taufe als Eingliederung in den Leib Christi (Gal 3, 26–29)

Paulus deutet im Galaterbrief (Gal 3, 26–29) das Taufkleid christologisch. In der Taufe zieht der Mensch Christus an, und alle Unterschiede, die die Natur und die Geschichte aufstellt, zählen nicht mehr in diesem einen Leib, in den er hineingetauft wird, Christus, in dem alle „einer“ geworden sind.

3. Die Benennung nach dem Stifter als religionsgeschichtliche Besonderheit

Die Tatsache, dass Christen sich nach ihrem Herrn benennen, ist übrigens ein bemerkenswerter Unterschied zu den Muslimen. Diese wehren sich mit Recht, nach ihrem Religionsstifter „Mohammedaner“ genannt zu werden. Mohammed nämlich ist nur Überbringer der Rechtweisung Gottes, „Sprachrohr“ sozusagen. Der offenbarungstheologische Unterschied liegt darin, dass Jesus selbst der Inhalt des Evangeliums ist. Jesu Botschaft ist nicht etwas von ihm verschiedenes, er ist nicht wie ein Straßenschild, das sagt: dort, in diese Richtung, geht’s nach Salzburg. Aber kümmere Dich nicht weiter um dieses Zeichen. Nein, in ihm, in der Begegnung mit ihm, in der Freundschaft mit ihm vor allem besteht christlicher Glaube, und die Liebe zu ihm ist grundlegend für das Christsein.

Deshalb ist es entscheidend wichtig, sich im Klaren darüber zu sein, wer er ist.

[1] Vortrag gehalten bei der Ordenstagung des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens am 13. Februar 2016 in Salzburg anlässlich der Ausstellung „Wer ist der Mann auf dem Tuch?“.

Interessanterweise heißen wir nicht Jesuaner. Wir heißen Christen, weil wir glauben, dass dieser Jesus – so sein Name, den Maria und Joseph ihm gemäß jüdischem Brauch am 8. Tag zur Beschneidung gegeben haben – der Christus ist, der von Gott gesandte Mittler des Heils, der Versöhner, der, in dem wir Gott selbst begegnen.

Christus ist zunächst ein Titel, der Jesu Bedeutung aussagt, und der dann wie zu einem Namen geworden ist.

 

II. „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“ (Mt 16, 13)

Es ist entscheidend wichtig zu wissen, wer er ist. Merkwürdigerweise fragen nicht die Jünger. Jesus selbst ergreift die Initiative, er hat selbst größtes Interesse daran, dass seine Jünger Klarheit über ihn haben. Er ist es, der die Frage stellt.

1. Die falschen Alternativen: Johannes der Täufer, Elias, Jeremias (vgl. Mt 16, 14)

Nach Auskunft der Jünger versuchen die „Leute“, Jesus in die ihnen bekannten Kategorien einzuordnen. Sie halten ihn für einen der religiös begabten Gestalten ihrer Geschichte, vom älteren Mose bis zum jüngst erst hingerichteten Johannes den Täufer, deren mögliche Wiederkehr vorausgesetzt

Charakteristisch für die berichteten Antworten ist, dass sie Jesus auf das Altbekannte zurückführen. Er ist, so beeindruckend seine Worte und Taten auch sein mögen, einer unter anderen. Ins Heute übersetzt könnte eine solche Rückführung lauten: Sie halten ihn für einen Weisheitslehrer, für einen Moralprediger, für einen Sozialreformer oder sonst einen der vielen Religionsstifter. Doch damit ist Jesus nicht wirklich erfasst.

2. Das Bekenntnis des Simon: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Mt 16, 16)

Jesu zweite Frage ist an die Jünger selbst gerichtet, und Simon ist es, der – wie immer! – für alle das Wort ergreift. Simon erkennt und bekennt stellvertretend für die übrigen Apostel: Du bist der Messias Gottes! D.h. Du bist der Gesalbte Gottes, Du bist der Christus. So berichten es die synoptischen Evangelien mit leichten Differenzen in der Mitte des Wirkens Jesu (vgl. Mt 16,16, Mk 8, 29, Lk 9, 20).

Somit ist Simon Petrus im wahrsten Sinne des Wortes der erste Christ, der erste, der Jesus als den Christus bekennt.

3. Die Reaktion Jesu: das Messiasgeheimnis (vgl. Mt 16, 20)

Warum aber in aller Welt verbietet Jesus den Aposteln, darüber zu reden, es anderen weiter zu sagen und den Messias-Titel zu verbreiten?

Müsste man nicht erwarten, dass er sie im Gegenteil damit beauftragt, dies jetzt allen zu verkünden, es auf die Marktplätze, in die Synagogen und überall dorthin zu tragen, wo Menschen suchen und fragen nach dem Sinn des Lebens? Aber das sagt Jesus nicht, sondern er verbietet es geradezu, ihn in der Öffentlichkeit als den Messias zu proklamieren. Warum nur?

Alle Titel wären vor Ostern, vor Kreuz und Leiden missverständlich gewesen. Man spricht in der Exegese vom sogenannten „Messiasgeheimnis“. Jesus wollte vor dem Ende seines Weges nicht, dass er in irgendeiner Weise mit einem Hoheitstitel belegt und in das bisher Bekannte eingeordnet und damit auf das Alte herabgezogen wird. Das Messiasgeheimnis ist die jesuanische Legitimierung der Unterscheidung in vor- österlich und nach-österlich im Blick auf die Lehre von Jesus dem Christus.

Unter dem Messias, also unter dem Christus hätten die allermeisten jemanden verstanden, der sich zum Anführer eines Aufstandes gegen die Römer macht und das besetzte und gedemütigte Israel von seiner Besatzungsmacht befreit. Doch dazu war Jesus nicht gekommen. Er war kein politischer Messias. Sein Auftrag geht tiefer. Er kam nicht, um nur ein Volk von seinen Besatzern zu befreien, sondern die Menschheit insgesamt mit Gott zu versöhnen. Er war gesandt, den ärgsten Feind zu besiegen, den Tod, der aus der Sünde und Gottferne aufsteigt. Dies aber ist ein schwerer Weg, den erst einmal nur wenige verstehen und den man wohl überhaupt nur versteht, wenn man sich auf diesen Weg einlässt. Auch Petrus hat dies mühsam und langsam lernen müssen.

Jesus fügt an das Messiasbekenntnis des Petrus dann auch die erste Leidensweissagung an.

Und so werden dann auch Jesu Nachfolgeworte verständlich. Denn der Messias Jesus ist nicht vom Vater gesandt, um dem Leiden aus dem Weg zu gehen, sondern die Welt dadurch zu retten, dass er seiner Sendung treu bleibt bis ans Kreuz. Gerade auch Simon Petrus wird noch lernen müssen: erst dem geht das Geheimnis Jesu ganz auf, der sich in die Bewegung der Hingabe und der Preisgabe seines Lebens für die anderen einlässt und so die Quelle göttlichen Lebens entdeckt; wer sich nicht an sein Leben, wer sich nicht an seine engen und kleinen Glückserwartungen klammert, sondern wer sein Leben investiert, mit Jesus drangibt, verschenkt, der wird spüren, wie er innerlich reich und wahrhaft glücklich wird.

Erst nachdem der Herr gezeigt hat, dass er als der Messias Gottes die Welt nicht anders als durch das Kreuz erlösen wollte, und nachdem der Vater ihn von den Toten auferweckt hat, kann der Herr die Jünger aussenden (siehe Mt 28, 18–20; Mk 16, 14–16; Joh 20, 19–21). Jetzt dürfen sie nicht mehr schweigen, jetzt sollen und müssen es alle erfahren.

 

III. Implizite Christologie: das göttliche Selbstbewusstsein im Lehren und Handeln Jesu

In der systematischen Christologie hat sich für den Weg, dem Persongeheimnis Jesu durch eine Analyse seines vorösterlichen Lehrens und Handelns auf die Spur zu kommen, der Begriff „implizite Christologie“ eingebürgert. Man versteht darunter eine „eingewickelte“, verborgene Christologie, die das Persongeheimnis an seinem Handeln, an seinem vollmächtigen Wirken und Auftreten abliest.[2]

Einige dieser vorösterlichen, historisch greifbaren Elemente sollen nun exemplarisch betrachtet werden.

1.  Die Reich-Gottes-Verkündigung in Wort und Tat (Wunder, Zeichen)

Jesus verstand sich als der Künder der nahe herbei gekommenen „Königsherrschaft Gottes“ (basileia tou theou), im deutschen zumeist mit „Reich“ oder „Herrschaft Gottes“ wiedergegeben. Bei Matthäus ist im Unterschied zu Markus und Lukas meist vom „Reich der Himmel“ oder „Himmelreich“ die Rede.

Der Markusevangelist hat daher das Wirken Jesu im Sammelbericht zu Beginn seines Evangeliums treffend zusammengefasst.

14 Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,14–15)

Jesus hat nirgendwo definiert, was er unter Reich Gottes versteht. Der Begriff war seinen Zeitgenossen nicht ganz fremd, er spielte jedoch in ihrer Vorstellungswelt keine herausragende Rolle[4].

Das Gottesvolk Israel wusste sich in seiner geschichtlichen Existenz ganz dem Befreiungshandeln Gottes verdankt. Doch angesichts der politischen

[2] Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[3] Vgl. Joachim GNILKA, Jesus von Nazaret. Botschaft und Geschichte, Freiburg 1990, Sonderausgabe 2007, 88.2 Vgl. ausführlich dazu: Rudolf VODERHOLZER, Vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus (= Theologie im Fernkurs. Der christliche Glaube: Grundkurs, Lehrbrief 10), Würzburg 2010, 21 f.

[4]  Vgl. Rolf BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, in: Orientierung 54 (1990) 74–78.

Bedeutungslosigkeit Israels und der römischen Fremdherrschaft war von einer Königsherrschaft Gottes kaum etwas zu spüren. In den so genannten apokalyptischen Kreisen des damaligen Judentums hatte man aufgehört, sich von der elenden Gegenwart noch irgendetwas zu erwarten, und so setzte man alle Hoffnung auf eine bald hereinbrechende Wende der Geschichte und die Heraufkunft eines neuen Äons (= Zeitalters). Die Zeloten, religiös motivierte, auf die irdische Königsherrschaft Gottes ausgerichtete Freiheitskämpfer, waren bereit, sich auch mit Waffengewalt für die Beseitigung der neuerlichen Fremdherrschaft durch eine heidnische Besatzungsmacht und die Vorbereitung einer so verstandenen Königsherrschaft Gottes einzusetzen.

Doch in diesen Erwartungshorizont fügt sich Jesu Reich-Gottes-Botschaft nicht ein. Ausgeschlossen werden müssen Verstehensweisen, die darunter die Aufrichtung einer irdisch-politischen Herrschaft im Sinne des politischen Messianismus verstehen. Als ein politischer Freiheitskämpfer ist Jesus nicht aufgetreten.

Wenn Jesus den Reich-Gottes-Begriff ins Zentrum seiner Botschaft stellt, dann wird alle Hoffnung auf das Handeln Gottes gerichtet, der in seinem Gott- und Herrsein allein Heil und Zukunft schaffen kann. Diese Herrschaft Gottes aber schafft einen Be- Reich, in dem Menschen und Welt „richtig“ und heil werden können[5].

Entscheidend für das Verständnis der Reich-Gottes-Botschaft Jesu ist, dass er sie mit seiner Person selbst verknüpft. Zwar ist auch für Jesus das Reich Gottes noch etwas Ausstehendes und zu Erbetendes. Die Jünger lehrt er, zu beten: „Vater, […] Dein Reich komme“ (Lk 11,2). Doch ist das Reich Gottes letztlich nicht etwas nur Zukünftiges und von Jesus Verschiedenes, sondern es ist mit ihm und seiner Person, seinem Wirken zum Heil für die Menschen, auch schon mitten unter den Menschen da. Trotz des endzeitlichen Charakters des Reiches Gottes hat Jesus es also mit einem eigentümlichen Gegenwartsbewusstsein verbunden, worin sein Sendungsanspruch gründet[6]:

Wenn ich aber die Dämonen mit dem Finger Gottes [= Geist Gottes] austreibe, dann ist doch das Reich Gottes schon zu euch gekommen (Lk 11,20).

[5] BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

[6] Vgl. Jörg FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, in: Jens Schröter / Ralph Brucker (Hg.), Der historische Jesus. Tendenzen und Perspektiven der gegenwärtigen Forschung (= Beihefte zur Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche, Bd. 114), Berlin 2002, 273–336, 316.5  BAUMANN, „Gottesherrschaft“ oder „Reich Gottes“, 74f.

 

Der frühchristliche Theologe Origenes (180/85 – 253/54) hat diese im Neuen Testament nachweisbare Identifizierung Jesu und seiner heilbringenden Gegenwart mit dem Reich Gottes auf die Formel gebracht: Jesus ist die „autobasileia“[7], das heißt, Jesus ist das Reich Gottes selbst, das Reich Gottes in Person.

Eine weitere inhaltliche Füllung des Reich-Gottes-Begriffs ist am gesamten Wirken Jesu, seiner Wortverkündigung, seinem in seinem Handeln zutage tretenden Anspruch und seiner Lebenspraxis abzulesen.

Eine indirekte und doch unmissverständliche Antwort auf das Wesen der Königsherrschaft Gottes ist in der Antwort Jesu enthalten, die er den Johannesjüngern mit auf den Weg gibt. Johannes sitzt im Gefängnis und beginnt an seiner Sendung, der Wegbereiter des kommenden Größeren zu sein, irre zu werden. Jesus antwortet auf die Täuferzweifel mit dem Hinweis auf die durch ihn geschehenen Zeichen und Wunder:

Mt 11,2–6: Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm 3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? 4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. 6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt. (vgl. die darin anklingenden Motive aus Jes 29,35 mit ihrer Beschreibung der messianischen Heilszeit).

Die Heilungen Jesu und seine Wunder sind die Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Im Einflussbereich Jesu werden die Menschen heil, wird aller Mangel beseitigt, wird überwunden, was den Menschen erniedrigt und in seiner schöpfungsmäßigen Würde beraubt. Hatte die klassische Apologetik vor allem den Charakter des Außergewöhnlichen und alle Vernunft und Erwartbarkeit Übersteigenden der Zeichen und Wunder Jesu hervorgehoben, so erkennt eine das Gesamtzeugnis der Schrift berücksichtigende biblische Theologie deutlicher, dass Jesu Soteriopraxis (= Heilshandeln) selbst zum Inhalt der Selbstmitteilung Gottes als Leben gehören und Verheißungen der endgültigen Heilung der Schöpfung darstellen.

[7] ORIGENES, In Mattaeum tomus XIV 7 (zu Mt 18,23), (Die griechischen christlichen Schriftsteller 40,289).

2. Jesu Anspruch göttlicher Autorität in seiner Schriftauslegung und Sündenvergebungspraxis

In den Antithesen der Bergpredigt kommt dieses Selbstverständnis Jesu vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck. Jesu Haltung zur Heiligen Schrift unterscheidet sich radikal von der der Pharisäer und Schriftgelehrten. Seine Auslegung stellt er nicht neben die anderer vorausgehender Autoritäten, sondern er beansprucht Letztgültigkeit für seine den inneren Kern des Gesetzes freilegende Auslegung. Vor allem die ersten beiden der bei Matthäus überlieferten Antithesen dokumentieren Jesu außergewöhnlichen Anspruch im Umgang mit der religiösen Tradition:

Vom Töten: 5,21: Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.

Vom Ehebruch: 5,27f. Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

Jesus hat nicht einen Bibelkreis gegründet, wo jeder seine Erfahrungen und Deutungen einbringt. Nichts gegen Bibelkreise! Es ist wichtig, dass wir Christen die Heilige Schrift studieren, gemeinsam lesen und bedenken. Aber in allen Bibelkreisen geht es um die durch Jesus bekräftigte und in Jesus kulminierende biblische Botschaft. Jesus selbst hat seine eigene Schriftauslegung nie eingeordnet in die der anderen Pharisäer und Schriftgelehrten. Er kann es sich sogar herausnehmen, Mose, die höchste Autorität, zu relativieren, beispielsweise wenn es im Streitgespräch mit den Pharisäern um die Möglichkeit der Ehescheidung geht. Dort stellt Jesus die Scheidungsmöglichkeiten dar als ein Zugeständnis des Gesetzes an die Hartherzigkeit und Unbarmherzigkeit der Menschen. Er sagt: „Am Anfang war es nicht so“ (Mt 19, 8), und rekurriert damit auf den Schöpfungswillen Gottes.

Ganz typisch für Jesus ist auch, wie er sein eigenes Wirken in Beziehung setzt zu Jona und Salomo: „Hier“ sei „mehr als Jona“ (Mt 12,41) und „mehr als Salomo“ (Mt 12,42; Lk 11,31). Mit dieser aktualisierenden Aufnahme des Schriftzeugnisses bringt Jesus zum Ausdruck, dass mit seinem Kommen Höhepunkte der alttestamentlichen Offenbarungsgeschichte noch einmal überboten werden, die sowohl die Größe Jesu als auch die Dringlichkeit seines Umkehrrufes deutlich machen[8].

Charakteristisch für die Jesusüberlieferungen ist die Bekräftigung seines Wortes durch ein vorangestelltes „Amen, ich sage euch“ (Mt 5,18; 5,26; 6,2 u.ö.; für den johanneischen Christus ist das doppelte „Amen, amen“ charakteristisch: Joh 1,51; 3,3; 5,19 u.ö.). Wenn das „Amen“ nicht als Bekräftigung eines Gebetes an dessen Schluss oder als Antwort auf die Rede eines Anderen benutzt, sondern vorangestellt wird, spricht man von seiner „nicht-responsorischen“ Verwendung. Eine solche Beteuerungs- oder Bekräftigungsformel ist ohne Parallele und dürfte eine Sprachschöpfung Jesu sein. Das nicht-responsorische Amen erfüllt dieselbe Funktion wie die alttestamentliche Botenformel „So spricht der Herr“ und bringt zum Ausdruck: Hier spricht ein Prophet oder mehr als ein Prophet.

Wenigstens einmal ist im Neuen Testament bei Mk 2,1–12 von Jesu ausdrücklichem Sündenvergebungszuspruch die Rede (vgl. aber auch Lk 7,36–50). Trotz der nur geringen Bezeugung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass historisch zuverlässiges Jesusgut überliefert ist, denn die Sündenvergebung ist Thema auch zahlreicher Gleichnisse und Mahnworte Jesu und deckt sich darüber hinaus mit seiner Zuwendung zu den „Zöllnern und Sündern“. Jesus erbittet nicht nur die Sündenvergebung, sondern er spricht sie dem gelähmten Mann, den seine Freunde angesichts des überfüllten Raumes und der belegten Eingänge kurzerhand durch ein ins Dach geschlagenes Loch zu Jesus herablassen, aus eigener Vollmacht zu. Die sich anschließende Heilung des Gelähmten (als das vermeintlich „schwerere“) wird darüber hinaus zur Bestätigung für die Vollmacht zum wahrhaft „schwereren“, nämlich der Sündenvergebung.[9]

[8] Vgl. Gerd THEISSEN / Anette MERZ, Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen ³2001, 243 und 320; vgl. FREY, Der historische Jesus und der Christus der Evangelien, 317.

[9] 1 Als er einige Tage später nach Kafarnaum zurückkam, wurde bekannt, dass er (wieder) zu Hause war. 2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm; er wurde von vier Männern getragen. 4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen (die Decke) durch und ließen den Gelähmten auf seiner Tragbahre durch die Öffnung hinab. 5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten im Stillen: 7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? 8 Jesus erkannte sofort, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr im Herzen? 9 Ist es leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Tragbahre und geh umher? 10 Ihr sollt aber erkennen, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben. Und er sagte zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Tragbahre, und geh nach Hause! 12 Der Mann …

Sündenvergebung ist ein göttliches Privileg. Nur der Schöpfer, der alle Wunden der Schuld (sowohl beim Opfer wie auch beim Täter) heilen kann, kann auch die Vergebung zusprechen. Wenn nun nicht einmal der Priester im Jerusalemer Tempelkult durch sein Wort die Sündenvergebung zusprechen konnte, und man sie Gott wohl zutraute, sie aber nicht an Gottes Stelle persönlich zusprach10, dann ist es nur konsequent, wenn die Gegner Jesu im Anschluss an das Geschehene fragen: Wie kann dieser sich das herausnehmen? Sie erkennen in diesem Zuspruch einen das Menschliche übersteigenden Anspruch. Weil sie sich aber diesem Anspruch gegenüber verschließen, fassen sie wenig später den Entschluss, Jesus aufgrund von Gotteslästerung (in diesem Fall frevlerischer Inanspruchnahme göttlicher Privilegien) zu beseitigen.

3. Jesu Lebensstil (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) als Ausdruck seiner Sendung

Ausdruck von Jesu Reich Gottes Verkündigung ist auch sein Lebensstil. Jesus hat auf die Gründung einer eigenen Familie verzichtet. Nach Joachim Gnilka überliefert der so genannte „Eunuchenspruch“ in Mt 19,12 authentisch Jesu Antwort auf den Spott, aber auch den Vorwurf seiner Gegner, durch die Ehelosigkeit dem Gebot Gottes zur Zeugung von Nachkommenschaft (vgl. Gen 1,28) und zur Vermehrung des messianischen Gottesvolkes zuwider zu handeln.

Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es. (Mt 19,12f.)

Jesu Lebensform in Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit kann nur verstanden werden als ein ganzheitliches, Leib und Seele umfassendes Zeugnis für die Größe der Gottesherrschaft, die heraufzuführen er gekommen war. „Innerhalb des zeitgenössischen Judentums musste dieses Verhalten anstößig, schockierend wirken. […] Wiederum ist der vom Gewohnten sich abhebende Lebensstil auf die Gottesherrschaft gerichtet. Der Verzicht auf Ehe und Familie erfolgt nicht um eines asketischen Ideals willen, auch nicht um die Gottesherrschaft zu erlangen, sondern um ungeteilt und mit allen Kräften für die Basileia wirken zu können. Sie erfolgt auch um der Menschen willen. Jesus schenkte seine Liebe gerade auch jenen, in die sich niemand verliebte.“11 Die Ehelosigkeit ist dabei nicht isoliert, sondern in Einheit zu sehen mit Jesu Armut und seinem Gehorsam zum Vater.

[10]  Vgl. THEISSEN / MERZ, Der historische Jesus, 460.stand sofort auf, nahm seine Tragbahre und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle außer sich; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen. (Mk 2 1–12).

[11]  GNILKA, Jesus von Nazaret, 178f.

 

4.  Die Jüngerberufung und die Problematik der „Kirchengründung“ (implizite Ekklesiologie)

Jesus lässt sich keiner der im zeitgenössischen Judentum etablierten religiösen Gruppen zuordnen. Religionssoziologisch betrachtet war er kein Priester und gehörte nicht der Jerusalemer Tempelaristokratie an. Die Sadduzäer waren im Gegenteil seine wohl erbittertsten Gegner. Aber auch den „Pharisäern“ mit ihrer strengen Gesetzesobservanz gehörte er nicht an, wenngleich er ihnen näher gestanden haben dürfte, als es der Eindruck vermittelt, den die späteren neutestamentlichen Zeugnisse geben. Auch die Hypothese, Jesus könnte wenigstens zeitweise der „Mönchsgemeinschaft“ von Qumran oder den Essenern angehört haben, kann als widerlegt gelten. Jesu Ziel war ferner nicht die Gründung einer neuen partikularen Bewegung etwa von Armen (anawim). Jesus wusste sich zum ganzen Volk Israel gesandt. Und er wandte sich mit seiner Botschaft an das ganze Volk. Er wollte Gehör finden, Glauben wecken, Umkehr bewirken. Wenn er gerade zwölf Jünger als engsten Kreis um sich scharte, hat dies seinen Grund auch in der Absicht, das Zwölfstämmevolk Israel zu erneuern. Angesichts der Berufung von ausgerechnet Zwölf steht die Frage auf: Wer muss der sein, der dieses Zwölfstämmevolk, das heilige Volk Gottes, neu aufzustellen antritt? Er gründet nicht eine neue Partei oder eine neue religiöse Bewegung, sondern das Gottesvolk soll neu aufgestellt werden. Die Wahl und Berufung der Zwölf ist ein sprechendes Element der impliziten Christologie und zugleich auch impliziter Ekklesiologie.

Nach dem Zeugnis der Evangelien beginnt Jesus sein öffentliches Wirken damit, Jünger in seine Nachfolge zu rufen. Der Gottmensch ist zugleich Mitmensch, der nichts alleine tun will. Im Johannesevangelium nennt er die Jünger seine Freunde, denen er alles mitteilt.

Anders als beim Anschluss an eine zeitgenössische Rabbinenschule (vgl. etwa Paulus, der ein Schüler des Rabbi Gamaliel war), ist für den Eintritt in die Nachfolge Jesu nicht der Entschluss des Jüngers entscheidend, sondern der souveräne Wille Jesu, der in die Nachfolge ruft. Während sich bei einem rabbinisch-jüdischen Lehrer- Schüler-Verhältnis der Schüler seinen Lehrer aussuchte – in der Regel jenen, bei dem er die beste Ausbildung zu erhalten hoffte – und von dem er auch zu einem anderen Lehrer überwechseln konnte, geht die Initiative hier von Jesus aus. Der besondere charismatische Charakter der jesuanischen Nachfolge kommt darin zum Ausdruck, dass Jesus die Initiative ergreift und den berufenen Jünger gewissermaßen lebenslang in die persönliche Beziehung mit ihm einbezieht. Ein Jünger Jesu bleibt immer ein „Jünger“, auch wenn er zum Rabbi, zum Lehrer oder zum Verkünder als Apostel wird. Es wird eine lebenslange Beziehung gestiftet. Während Ziel einer Rabbinatsausbildung ist, selbst Rabbi zu werden, bleibt der von Jesus in die Nachfolge Gerufene immer der „Jünger“.

Vergleicht man weiter das Verhältnis der Jünger Jesu zu ihrem Meister mit dem, was von Rabbinen und ihren Schülern berichtet wird, so zeigt sich, dass das Neue Testament nirgends von gelehrten Disputationen zwischen Jesus und den Jüngern berichtet. „Das Ziel der Jüngerschaft ist nicht die Vermittlung von Tradition, sondern Teilhabe an der Proklamation der Herrschaft Gottes, Teilhabe auch an der Vollmacht Jesu, die Nähe der Gottesherrschaft mit Kraft anzusagen und die bösen Geister auszutreiben.“[12]

Die Jüngerberufungen machen den Vollmachtsanspruch Jesu deutlich und sind ein wichtiges Element der impliziten Christologie. Jesus ist mehr und anderes als die Propheten oder Rabbinen. Er beruft mit Vollmacht und übernimmt Verantwortung für das Leben der ihm Nachfolgenden. Die Apostel, die er am See Genesareth von ihren Netzen und von ihren Familien wegholt, werden für diese ihre Entscheidung, ihm zu folgen, in den Tod gehen.

5.  Jesu Abba-Relation und sein Sohnes-Bewusstsein

Jesus hat wohl keinen der ihm nachösterlich zugesprochenen Hoheitstitel vor Ostern zu seiner Selbstvorstellung gebraucht. Dem Messiastitel gegenüber war er sehr reserviert, weil er nicht im Sinne eines politischen Freiheitskämpfers missverstanden werden wollte. Auch hat er sich nicht als „Sohn Gottes“ in einem titularen Sinn präsentiert. Der spätere dogmatische Gebrauch von Sohn Gottes hat jedoch im vorösterlich nachweisbaren Sohnes-Bewusstsein Jesu in einem absoluten Sinne seinen historischen Anhaltspunkt.

Im so genannten „messianischen Jubelruf“, der sowohl bei Matthäus und bei Lukas überliefert ist und dementsprechend der Quelle Q entstammt, spricht Jesus von sich als dem „Sohn“ in einem absoluten Sinne:

25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. 26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen.

 

[12] Walter KASPER, Jesus der Christus, Mainz 1974 [mehrere Aufl., zuletzt in: Walter Kasper Gesammelte Schriften, Bd. 3, Freiburg 2007], 121.

 

27 Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. (Mt 11,25–27; vgl. Lk 10,21–22)

Zwischen Vater und Sohn besteht eine Offenbarungseinheit. Und in dieser Offenbarungseinheit liegt auch begründet, weshalb sein Wirken solchen Anstoß erregte.

Jesus hat sich gewiss nicht, gleichsam egozentrisch, selbst ins Zentrum seiner Reich- Gottes-Verkündigung gestellt. Seine Speise ist es, den Willen des Vaters zu erfüllen, der ihn gesandt hat (Joh 4,34). Seine Verkündigung ist theozentrisch, also ganz auf Gott den Vater ausgerichtet. Aber diese Theozentrik der Verkündigung ereignet sich doch in der Person des Mittlers. Jesus weiß sich als der Mittler der Gottesherrschaft, und insofern gehört er mit seiner ganzen Existenz in die Reich-Gottes-Botschaft hinein und verweist zugleich ganz auf den Vater. Alle späteren trinitätstheologischen Reflektionen und der Glaube der Kirche an Gott, den Dreifaltigen, haben in dieser innigen Beziehung, die sich schon vorösterlich in der Abba-Relation Jesu ausdrückt ihren Grund.[13]

Jesus sprach Gott mit dem intim-vertraulichen Wort „Abba“ („Papa“, „lieber Vater“) an (Mk 14,36; vgl. Lk 23,46; vgl. das auch von Paulus überlieferte aramäische Original in Gal 4,6 und Röm 8,15). Von ihm wusste er sich in ganz exklusiver Weise gesandt, Exponent und Repräsentant Gottes zu sein, und zwar einmal seinem Bundesvolk gegenüber, zum anderen auch stellvertretend für dieses Volk, um gegenüber Gott den Bundes-Gehorsam zu vollziehen. Mit dieser seiner Abba- Beziehung korrespondiert Jesu Sohnesbewusstsein. Als der, der ganz auf diesen Abba hin und von ihm her lebte, wusste sich Jesus als „der Sohn“ (Mk 13,32) des Vaters schlechthin. Die Abba-Beziehung, die sich in der Anrede „mein Vater“ (Mk 14,36; Mt 7,21; 11,25–27 u.ö.; Lk 2,49; 22,29; 23,34.46.49; vgl. Mk 8,38; vgl. auch bei Joh

durchgängig) ausdrückt, ist dabei mehr als ein Aspekt der privaten Frömmigkeit Jesu, so als habe er sich von selbst in die Vertraulichkeit zu Gott hineingebetet. Dies widerspräche ganz der Erhabenheit und Transzendenz Gottes, wie sie vom Alten Testament her zum Glaubensbewusstsein Israels gehört. Den Anspruch, der Mittler der Gottesherrschaft und damit die Selbstvermittlung Gottes in der Gestalt des menschlichen Mittlers zu sein, konnte Jesus sich nicht einfach angemaßt haben. Sein

[13] Vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Christologie. Die Lehre von Jesus dem Christus, in: Wolfgang Beinert (Hg.), Glaubenszugänge. Lehrbuch der Katholischen Dogmatik (Bd. 2), Paderborn u. a. 1995, 1–297; vgl. Gerhard Ludwig MÜLLER, Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie, Freiburg 1995, 92012, 254–387.

Bewusstsein „der Sohn“ (Mk 13,32) zu sein, kann nur als Antwort auf den Ruf Gottes des Vaters gedeutet werden, der sich durch ihn, den Sohn, den Menschen offenbaren will. Insofern korrespondieren bei Jesus seine Theozentrik, und andererseits die Christozentrik des Vaters, der sich in seinem Sohn endgültig als Heil und Leben der Menschen offenbart.

Erst dieses Sendungsbewusstsein macht verständlich, warum für die Gegner Jesu sein Wirken und seine Verkündigung von der kommenden Herrschaft Gottes so anstößig war. Allein die Umkehrpredigt und die Erinnerung an die Einhaltung der Weisungen der Thora als Bundesgesetz sprengte den Rahmen des jüdisch Möglichen nicht. „Entscheidend war vielmehr die Vollmacht und Sendungsautorität, die er für sich beanspruchte, so daß die Stellungnahme zu ihm, d.h. der Glaube an sein Evangelium und die Bereitschaft zu seiner persönlichen Nachfolge das Gottesverhältnis der Menschen definitiv entscheiden sollte.“[14]

Papst Benedikt hat in seinem Jesus-Buch auch einen jüdischen Gesprächspartner einbezogen, Jacob Neusner. Der amerikansich-jüdische Theologe bestätigt diese Beobachtungen alle bestätigt, insbesondere Jesu vollmächtige Schriftauslegung in der Bergpredigt. Nur kommt Neusner zu der Überzeugung, dass ihm das zu weit geht und dass er diesen Anspruch Jesu, die Thora in Person zu sein, nicht mitgehen kann. Im Modus der Ablehnung ist das noch einmal die Bestätigung, dass uns das Neue Testament implizit, vorösterlich diesen unerhörten Anspruch Jesu bezeugt.[15]

Das Kapitel über die „implizite Christologie“ abschließend kann gesagt werden: Jesus war gegenüber den Titeln, gegenüber einem expliziten, also ausdrücklichen Hoheitsanspruch bei seinem vorösterlichen Wirken äußerst zurückhaltend. Dieser Anspruch ist aber ablesbar an seinem Lehren, Leben und Handeln. Erst dort, wo kein Missverständnis mehr möglich ist, erst wo er mit gefesselten Händen vor dem Hohen Rat verhört wird, gibt er die Zurückhaltung und Vorsicht auf und widerspricht nicht mehr (Mk 14, 60f.). Auf das zweite Nachfragen des Hohenpriesters, „bist Du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“, antwortet Jesus:

„Du sagst es“. Darauf antwortet der Hohepriester vollkommen konsequent: „Was brauchen wir noch weitere Zeugen? Wir haben es ja selbst gehört, dieser Mann muss als Gotteslästerer beseitigt werden“. Erst wie jegliches Missverständnis bezüglich eines politischen Messianismus ausgeschlossen war angesichts der offenkundigen

[14] MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.
[15] Vgl. Joseph RATZINGER / BENEDIKT XVI., Jesus von Nazareth, in: Ders., Jesus von Nazareth. Beiträge zur Christologie (= JRGS 6), 216 ff.14  MÜLLER, Katholische Dogmatik, 286.

Machtlosigkeit und der (politischen) Vergeblichkeit seines Wirkens, kann er den Messias-Titel für sich beanspruchen – paradox genug.

 

IV. Explizite Christologie: das Bekenntnis der Kirche als Antwort auf das göttliche Selbstbewusstsein nach Kreuz und Auferstehung Jesu

Das Neue Testament bezeugt uns nun nachösterlich Jesus als den Christus, den Sohn Gottes, der für das Heil der Menschen selber Mensch wurde. Das ganze Neue Testament ist aus der nachösterlichen Perspektive geschrieben. Die Auferweckung Jesu von den Toten ist die Initialzündung der kirchlichen Entwicklung bis in unsere Zeit. Ohne sie gäbe es keine Hl. Schrift des Neues Testamentes. In der Auferweckung seines Sohnes aus Grab und Tod bestätigt der Vater den Anspruch Jesu von Nazareth und er bestätigt somit auch alles, was in seinem Selbstanspruch mitgegeben war.

Zugleich setzt der Vater mit diesem Auferweckungshandeln alle ins Unrecht, die meinten, Jesus als Gotteslästerer überliefern und zum Tode verurteilen zu müssen. Die Ostererfahrung ist nicht eine subjektive Befindlichkeit, sondern ein Widerfahrnis, das nach allen Quellen sich gegen den Zweifel und den anfänglichen Unglauben durchsetzen musste. Im Licht der Ostererfahrung kann nun aber auch mit letzter Klarheit jeder der großen Titel auf Jesus angewendet werden. Im Licht der Ostererfahrung wird deutlich: Jesus ist Messias in der Weise, dass er auch das Leiden mit einbezieht. Das ist das große Thema des „Schriftgespräches“ auf dem Weg nach Emmaus, wo Jesus – wie ein alttestamentlicher Theologe einmal gesagt hat – „ein alttestamentliches Kolleg über sich selbst“ hält.[16] „Musste nicht der Messias all das erleiden, um auf diese Weise in seine Herrlichkeit einzugehen?“ (Lk 24, 26) Das war die große Frage, die bewältigt werden musste.

Im Licht der Ostererfahrung kann nun der Gottestitel „Kyrios“ auf ihn angewendet werden, der Herr Jesus ist der Herr! Im Licht der Ostererfahrung kann Thomas gewissermaßen das ganze Bekenntnis der Kirche zusammenfassen, wenn er am zweiten Sonntag der Kirchengeschichte, „acht Tage darauf“, noch einmal dem Auferstandenen begegnen darf, vor ihm auf die Knie fällt und sagt: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20, 28). Im Lichte der Auferstehungserfahrung können all die Titel auf ihn angewendet werden: „Messias“, „Erlöser“, „Soter“. Vorösterlich hätte man

[16] Hans HÜBNER, Biblische Theologie des Neuen Testamentes, Bd. III, Hebräerbrief, Evangelien und Offenbarung. Epilegomena, Göttingen 1995, 142; vgl. Rudolf VODERHOLZER, Die Einheit der Schrift und ihr geistiger Sinn. Der Beitrag Henri de Lubacs zur Erforschung von Geschichte und Systematik christlicher Bibelhermeneutik (= Sammlung Horizonte, Neue Folge, Bd. 31) Freiburg 1998, 251–254.

noch gar nicht wissen können, wodurch die Erlösung geschieht, was sie kostet, wie weit Gott in Jesus dem Christus gehen würde! Nachösterlich aber sind alle diese Titel legitim und notwendig. Aber die Wirklichkeit ist noch viel größer als sie durch alle möglichen Titel zum Ausdruck gebracht werden könnte. Darauf hat Romano Guardini einmal hingewiesen und man kann das gar nicht dick genug unterstreichen. Die nachösterliche Kirche hat Jesus nicht zu etwas hochstilisiert, was er gar nicht gewesen sei – so eine gelegentlich vorgebrachte aber unhaltbare These.

Vielmehr reichen all‘ die Hoheitstitel, die diesem Jesus von Nazareth im Licht von Tod und Auferstehung zu Recht gegeben werden, niemals aus, um die Fülle des Heils und des göttlichen Lebens auszuschöpfen, die er in seiner Person verwirklicht.[17]

 

V. „Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm; durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53, 5)

1.  Christus bringt nicht nur das Heil, sondern er ist es

Jesus bringt nicht nur einfach das Heil. Er ist es. Eine Beziehung zu ihm ist der Dreh- und Angelpunkt aller christlichen Existenz.

In der theologischen Fachsprache hat sich in den letzten Jahrzehnten zur Bezeichnung eines wesentlichen Zuges von Jesu Sein und Wirken ein kurzes prägnantes Fachwort eingebürgert, nämlich „Proexistenz“. „Proexistenz“ ist ein weiterer Begriff, der auf der Reflexionsebene Sein und Wesen Jesu Christi unter der Rücksicht des Daseins-für-uns zum Ausdruck bringt. Es handelt sich bei diesem Wort „Proexistenz“ um eine sprachliche Anlehnung einerseits an den Begriff

„Koexistenz“ sowie andererseits auch an ein schon älteres theologisches Fachwort von der „Präexistenz“, womit die Existenz des Sohnes im ewigen Sein des Dreifaltigen Gottes bezeichnet wird. Schöpfer der Formulierung „proexistent“ oder

„Proexistenz“ scheint nach ähnlichen hinführenden Formulierungen bei den reformierten Theologen Bonhoeffer und Karl Barth aber der katholische Exeget

[17] Romano GUARDINI, Die menschliche Wirklichkeit des Herrn. Beiträge zu einer Psychologie Jesu, Mainz ³1991 [Erstauflage Würzburg 1958], 85: „Der Christus, den der ernsthaft Glaubende meint, ist jener der ursprünglichen Wirklichkeit. Die Verkündigungen der Apostel aber sind Hinführungen zu Ihm und bleiben hinter seiner gottmenschlichen Fülle stets zurück. Die Apostel sagen niemals mehr, als der historische Jesus war, sondern immer nur weniger. Daher denn auch jeder, der das Neue Testament richtig liest, hinter jedem seiner Sätze eine Wirklichkeit vorleuchten fühlt, die das Gesagte übersteigt. Die echte biblische Theologie muss also gegenüber der rationalistischen Einstellung geradezu eine ‚kopernikanische Wendung‘ vollziehen.“ Vgl. Josef KREIML, Die Selbstoffenbarung Gottes und der Glaube des Menschen. Eine Studie zum Werk Romano Guardinis (= MThS II/60), St. Ottilien 2002, 233.

Heinz Schürmann gewesen zu sein.[18] Und er greift damit die Aussage der Abendmahlworte „für euch“ und „für die vielen“ auf, die ihrerseits im großen Glaubensbekenntnis anklingen, wo es heißt: „Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis“ – „Für uns und um unseres Heiles willen, ist er vom Himmel herabgekommen“. Der Begriff ist mittlerweile sogar lehramtlich aufgegriffen worden. In einer Predigt während seines Deutschlandbesuches ging Papst Benedikt XVI. auf Christus und seine Proexistenz für uns ein.[19]

Wenn die an der Kreuzigung als Schaulustige Beteiligten Jesus verspotten als denjenigen, der anderen geholfen hat, nun aber sich selbst nicht helfen könne (vgl. Lk 23, 35), bringen sie ungewollt ein Wesensmoment des Wirkens Jesu zum Ausdruck. Denn er ist tatsächlich nicht für sich, sondern für andere, für die vielen gekommen. Die Hingabe ist dabei sowohl vertikal als auch horizontal zu verstehen. Jesus überliefert sich (vertikal) im Gehorsam restlos dem Willen des Vaters. „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll geschehen“ (Mk 14,36). Und vom Vater her gesendet gibt sich Jesus ganz in den Dienst an den Menschen. Jesu Verkündigung wie sein Handeln stehen im Dienst am Heil der Menschen. Er weiß sich gesandt zu den Kranken, zu den vielfältig Geschundenen, zu denen, die sich in der Sünde und damit in die Gottferne verrannt haben. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“ (Mk 2, 17). In besonderer Weise ist Jesu Dienst Einladung, Tischgemeinschaft, ein Suchen, eine Annahme der Sünder, Schulderlass. Er gilt als Freund der Sünder und Zöllner. Zusammenfassend stellt er sein Wirken als Tischdienst dar. „Ich bin in eurer Mitte wie der, der bei Tisch bedient“ (Lk 22, 27).

Für die Jünger gilt die Regel, die er selbst vorlebt. „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9, 35). Nach dem Johannesevangelium fasst Jesus im Abendmahlssaal seine „Proexistenz“, sein „Dasein für“ in der beispielgebenden Zeichenhandlung der Fußwaschung zusammen (vgl. Joh 13, 1–17).

Eine Schlüsselstelle im Markusevangelium überliefert ein Jesuswort, das sein „Für- Sein“ im Licht der Gestalt des leidenden Gottesknechtes deutet. „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben für die vielen“ (Mk 10, 45). Damit ist nun auch schon

[18] Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372
[19] „Christliche Existenz ist Pro-Existenz: Dasein für den andern, demütiger Einsatz für den Nächsten und für das Gemeinwohl.“ (BENEDIKT XVI., Predigt bei der Eucharistiefeier in Freiburg am 25.18 Vgl. Heinz SCHÜRMANN, „Pro-Existenz“ als christologischer Grundbegriff, in: Analecta Cracoviensia 17 (1985) 345–372. September 2011, online auf http://www.vatican.va)

die Lebenshingabe Jesu in Verbindung mit seiner Proexistenz gebracht. Denn Jesu Passion ist nicht ein Fremdkörper in einer sonst von Erfolg verwöhnten Lebensgeschichte. In Jesu Passion wird der Sinn seiner Sendung offenbar. In Jesu Tod erfüllt sich das Leben Jesu, das in allen seinen Dimensionen Dienst am Gottesreich war. Der Tod Jesu am Kreuz gehört zu den unbestreitbaren, historischen Tatsachen im Leben Jesu. Alle neutestamentlichen Zeugen bestätigen ihn. Jesus war unschuldig verurteilt worden und erlitt die schändlichste Todesart „mors turpissima crucis“. Der Kreuzestod war die römische Hinrichtungsart für rechtlose Sklaven und Staatsverbrecher; schändlich wegen des sich oft lange hinziehenden Erstickungstodes, der mit der Kreuzigung oft verbundenen vielfach bezeugten sadistischen Peinigungen durch die Henker und vor allem wegen des vollends entwürdigenden Öffentlichkeitscharakters. Aus der nachösterlichen Perspektive sprechen die neutestamentlichen Zeugen dem Tod Jesu am Kreuz seine universale Heilsbedeutsamkeit zu. Durch den Tod am Kreuz wurde Jesus zum Retter und Erlöser der Welt! Er habe den Tod im Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters als ein Opfer auf sich genommen, durch das die Sünde gesühnt und der Neue Bund als eine ewige Lebensgemeinschaft der Menschen mit Gott geschlossen wird für jeden, der im Glauben und in der Liebe sich für die Herrschaft Gottes öffnet.

Lässt sich auch dafür ein historischer Anhaltspunkt im Selbstverständnis Jesu benennen? Wiederum ist ein Ansatz zur Klärung dieses Sachverhalts Jesu zentrales Anliegen der Verkündigung und Vergegenwärtigung der Gottesherrschaft. Rudolf Bultmann, Sie wissen es vielleicht, hat vermutet, Jesus habe selbst nicht von der Heilsbedeutsamkeit seines Todes gesprochen und seinem Tod auch keine Heilsbedeutsamkeit beigemessen. Es sei damit zu rechnen, so Bultmann, dass Jesus seinen Tod ganz einfach als ein Scheitern verstanden hat, so sinnlos wie jedes andere Sterben auch in dieser Welt.[20] Ist Jesus gar – wie auch schon vermutet worden ist – von seinem Tod völlig überrascht worden? Oder ist er in heldenhafter Treue zu seiner Überzeugung untergegangen, während dann die Jünger später im Licht des Osterglaubens eine Erlösungsdimension hineingedeutet haben? Diese Extrempositionen sind heute längst aufgegeben. Davon auszugehen, Jesus sei von seinem Ende in Jerusalem überrascht worden, hieße ihm jeglichen Realitätssinn absprechen. Jesus hatte das gewaltsame Ende Johannes des Täufers vor Augen und er wusste auch um das Schicksal vieler Propheten. Seinen Jüngern verschwieg er nicht, dass ihm nachzufolgen gefährlich sei. Ganz offen hatte er vom Kreuztragen und sogar von der Möglichkeit, sein Leben zu verlieren, gesprochen. Und sollte er,

[20] Vgl. Rudolf BULTMANN, Das Verhältnis der urchristlichen Christusbotschaft zum historischen Jesus, in: Ders., Exegetika, Tübingen 1967, 445–469.

dessen ganzes Reden und Wirken erfüllt war von der Ansage des Reiches Gottes, nun ausgerechnet seinen auf Grund der Reich-Gottes-Proklamation zu erwartenden Tod nicht damit in Verbindung gebracht haben? Wenn schon sein ganzes Wirken Ausdruck der Reich-Gottes-Verkündigung und der Reich-Gottes- Vergegenwärtigung war, musste dann nicht auch der Tod als Konsequenz dieses Wirkens ein sogar entscheidendes Element der Reich-Gottes-Proklamation sein? „Ich sage ich euch, von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis das Reich Gottes kommt“ (Mk 14, 25). Dieses Wort, gesprochen unmittelbar vor der Einsetzung der Eucharistie, verbindet die Ankündigung seines Todes mit dem Ausdruck der festen Zuversicht, dass auch sein gewaltsames Sterben- Müssen die Heraufkunft des Reiches Gottes nicht aufhalten kann, mehr noch, es ist außerordentlich wahrscheinlich, dass er seinen Tod in einen ursächlichen Zusammenhang mit der ausstehenden und erwarteten Vollendung des Reiches Gottes gesetzt hat. In der Stunde der Entscheidung, in der Jesus bewusst werden musste, dass er mit seiner Sendung an Israel nicht erfolgreich war, hat er nicht resigniert und ist nicht verzweifelt. Er bleibt seiner Sendung treu gegen alle menschlichen Widerstände und ist bereit, sein Sterben aus der Hand des Vaters entgegenzunehmen und es auch dem Vater zu überlassen, wie aus seinem Todesgeschick Heil und Leben erwachsen würden. Wenn Jesus sein Todesgeschick als Reich-Gottes-Geschick verstanden hat, konnte er zuversichtlich hoffen, dieses würde Heil wirken. Das nähere Wissen, wie der Vater diese seine Hingabe heilseffizient machen würde, mag auch für ihn in der Todesstunde nur ein existenziell dunkles Verstehen gewesen sein. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15, 34) Ostern sollte dann deutlich werden, wie sehr hier letztlich alle überlieferten soteriologischen Redeweisen versagten, weil Jesus proexistent die Sünderliebe, die proexistente Liebe Gottes präsentierte, die alle Sünde in sich aufnahm und im Herzen Jesu überwand. Zusammenfassend kann man auch hier noch einmal sagen: Die Abendmahlsworte, „das ist mein Leib“ für euch und „dieser Kelch ist der Bund in meinem Blut. Tut dies sooft ihr daraus trinkt zu meinem Gedächtnis“ (vgl. Lk 22, 19; 1 Kor 11, 25) ist Zusammenfassung der gesamten Proexistenz Jesu – vorösterlich – und nach vorne blickend, der Ort seiner sakramentalen Gegenwart bis ans Ende der Zeiten.

2.  Das Grabtuch von Turin als mögliche Brücke zum historischen Jesus

Das Grabtuch von Turin soll nun abschließend betrachtet werden. Man wollte es im Jahre 1898 endgültig verräumen, auf die Müllhalde der frommen Fälschungen und der dem Glauben nicht dienlichen gefälschten Reliquien werfen. Es sollte noch einmal mit der neu aufstrebenden Fotografietechnik festgehalten, dokumentiert und dann weggesperrt werden. Und dann diese Sensation: Im Foto-Negativ kommt deutlicher ein Antlitz zum Vorschein. 1900 Jahre lang hatte man nur ein schwaches Abbild davon sehen können. Seit dieser denkwürdigen Fotosensation ist das Turiner Grabtuch zum am besten erforschten Objekt der Geschichte geworden. Es gibt eine eigene Wissenschaft, die Sinologie, wo in Interdisziplinarität Naturwissenschaftler, insbesondere Chemiker, aber auch Botaniker, Literaturwissenschaftler, Byzantinisten, Historiker, Gerichtsmediziner, Anatomen und Textilkundler zusammenwirken. Es gibt kaum einen Wissensbereich, der nicht berührt ist in der Wissenschaft vom Grabtuch von Turin. Diejenigen, die sich damit zu beschäftigen beginnen, können in aller Regel nicht mehr aufhören, so fasziniert sind sie von den Geheimnissen, die es birgt.

Es werden sieben Besonderheiten des Grabtuchs von Turin benannt, vor allem in Bezug auf das Antlitz, aber auch der übrigen Körperpartien, die es außerordentlich wahrscheinlich machen, dass es das Tuch ist, in das Jesus gelegt worden ist. Fest steht, dass es kein Gemälde ist. Man weiß einfach nicht, wie der Abdruck in dieses Tuch gekommen ist. Es ist ein Geheimnis. Fest steht auch, dass die Radiocarbon- Untersuchung des Jahres 1988 sehr schlampig gemacht worden ist. Es vertritt heute auch kaum mehr einer der Wissenschaftler diese Behauptung, dass es von daher zwingend ins Mittelalter zu datieren sei. Viel bemerkenswerter ist die Pollenanalyse. Es ist nachgewiesen, dass das Tuch Spuren von Blütenstaub hat, wie er in dieser Zusammensetzung nur in Palästina vorkommt. Nimmt man nun die näheren Punkte[21] noch dazu, die ich hier noch nennen darf, steht man wirklich vor einer außerordentlich großen Herausforderung.

Erstens ist die Existenz eines solchen Tuches selbst schon erstaunlich. Die meisten Gekreuzigten wurden zur Abschreckung am Kreuz belassen und dann eben dem Fraß der wilden Tiere überlassen. Dass überhaupt ein Gekreuzigter eine geordnete Kreuzabnahme erfuhr und in ein kostbares Leinentuch gelegt wurde, spricht für ein außerordentlich intaktes und aktives soziales Umfeld, was man wahrscheinlich nur von sehr, sehr wenigen Gekreuzigten sagen kann.

Absolut einzigartig sind die Kopfverletzungen, die der Gekreuzigte, der in diesem Tuch gelegen hat, aufweist. Eine Dornenhaube – der ganze Kopf ist mit Wunden übersät. Es gibt kein Beispiel aus der Geschichte, das bezeugt, dass ein Gekreuzigter

[21] Ich fasse hier frei zusammen, was Bruno BARBERIS, Die Identifizierung des Mannes auf dem Grabtuch. Ein Aspekt der Authentizitätsfrage, in: Elisabeth Maier (Hg.), Das Turiner Grabtuch, Wien 2005, 183–196, ausgeführt hat.

auf diese Weise zusätzlich gequält wurde, wie wir es von Jesus wissen, der ja als vermeintlicher Messias und politischer König verspottet wurde.

Auch die Schulterverletzung, die für das Kreuztragen spricht, ist Jesus spezifisch, wenngleich wir wissen, dass es wohl viele gegeben hat, die ihr Kreuz auch zum Richtplatz tragen mussten. Aber es ist durchaus nicht bei allen Gekreuzigten so gewesen. Manchmal waren bei Massenhinrichtungen einfach gar nicht genügend Kreuze vorhanden, so dass Kreuze oft auch wieder verwendet wurden.

Auch die Nagelwunden, die für eine Annagelung ans Kreuz sprechen, stimmen mit der Jesusüberlieferung überein. Gegen eine Fälschung spricht in diesem Zusammenhang, dass die Nagelwunden nicht, wie es in der Ikonografie üblich ist, in die Handflächen getrieben sind, sondern hinter der Handwurzel. Das ist historisch sehr viel wahrscheinlicher, weil das Handgewebe das Gewicht des Gekreuzigten gar nicht hätte tragen können.

Wiederum außergewöhnlich ist, dass die Beine des Mannes, der ins Turiner Grabtuch gelegt wurde, nicht gebrochen sind. Man hat, um den Erstickungstod zu beschleunigen, das Sich-immer-wieder-Aufrichten des Körpers der Gekreuzigten dadurch unterbunden, dass man die Beine zerbrochen hat. Das hat dann das Aufrichten unmöglich gemacht und den Erstickungstod beschleunigt. Der Mann, der in diesem Tuch gelegen hat, hat keine gebrochenen Beine, dafür eine geöffnete Herzwunde.

Auch handelt es sich um eine provisorische Bestattung. Der Leichnam ist nicht gewaschen worden. Und er kann nur sehr kurz in diesem Tuch gelegen haben. Es gibt zwar eindeutige Zeichen einer Totenstarre, zugleich aber keine Spuren von Verwesung.

Alles das stimmt meines Erachtens sehr, sehr nachdenklich. Das kirchliche Lehramt hat sich klugerweise nie zur Authentizität des Turiner Grabtuches geäußert.

Niemand muss „daran“ glauben. Selbst wenn die Authentizität erwiesen wäre, wäre es noch immer kein Beweis für den Glauben. Für den Glauben gibt es keinen Beweis im mathematisch-naturwissenschaftlichen Sinne. Auf jeden Fall ist es ein Zeichen für die Erfindungskraft menschlicher Grausamkeit einen anderen Menschen zu Tode zu bringen. Die Abgründe menschlicher Brutalität begegnen einem, wenn man sich auf dieses Tuch einlässt. Aber es ist auch durchaus möglich – und ich halte es für außerordentlich wahrscheinlich – dass wir in diesem Tuch tatsächlich unserem Herrn begegnen. Sollte es wirklich das Grabtuch Jesu sein, dann zeigt es uns, was es wirklich und konkret geheißen hat, was Paulus sagt: Dass Gott ihn für uns zur Sünde gemacht hat (vgl. 2 Kor 5, 21), wie er allen Hass der Welt gleichsam auf sich gezogen hat, an sich hat austoben lassen, indem er das Böse nicht mit Bösem vergolten, sondern für seine Peiniger noch gebetet hat und auf diese Weise seine eigene Lebenshingabe zur letzten Realisierung seiner Reich-Gottes-Botschaft hat werden lassen. Setzen wir uns diesem Antlitz aus, das das Antlitz der Barmherzigkeit Gottes ist. Lassen wir uns von ihm bewegen, auch in der Tiefe anrühren, damit wir ihm ähnlicher werden und dann die durch ihn geschenkte Barmherzigkeit auch weiterschenken. Das wäre die Botschaft gerade auch jetzt in diesem von Papst Franziskus ausgerufenen „Jahr der Barmherzigkeit“.

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Quelle

Der Ehebruch und die Vergebung: Der Sinn der Taufe Jesu

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Predigt von Bischof Stefan Oster SDB, 8. Januar 2017

Liebe Schwestern und Brüder,

der Johannes, der heute im Evangelium vorkommt, heißt mit Beinamen „der Täufer“. Was ist das für eine Taufe, zu der er auffordert? Und was hat diese Taufe mit unserer Taufe zu tun? Johannes erklärt es uns im Evangelium selbst: „Ich taufe euch nur mit Wasser, aber nach mir kommt einer, der wird euch mit Feuer und dem Hl. Geist taufen und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe zu lösen.“ Johannes tauft am Jordan. Er tauft damit an einem schicksalsträchtigen Ort: Den Jordan hatte das Volk Israel Jahrhunderte zuvor überquert, um nach der Flucht aus Ägypten und dem langen Weg durch die Wüste in sein gelobtes Land einzuziehen; in das Land, das Gott verheißen und ihnen geschenkt hatte. Israel soll das Land sein, das zu Gott gehört und das Volk ist das Volk, das Gott gehört. In der Mitte des Volkes Israel soll Gott selbst wohnen, vor allem auf dem Zion, in Jerusalem. Und die Sendung Israels ist es, allen anderen Völkern zu zeigen, wie ein Volk lebt, das mit Gott lebt. Dieses Verhältnis macht die tiefste Identität dieses Volkes Israel aus. Aber die Bibel erzählt auch, wie das Volk dieser Beziehung immer wieder untreu wird, wie es den Bund verlässt und bricht, wie es vor Gott davon läuft und sich anderen Mächten und Einflüssen an den Hals wirft. Israel ist die Braut Gottes, aber es wird immer wieder zur Hure, sagen die Propheten in der Schrift, die Braut wird untreu.

 DAS WARTEN ISRAELS AUF DEN MESSIAS

Und Israel wartet über Jahrhunderte auf den Messias, auf eine Gestalt, die den Bund wieder erneuern, die das Reich Davids wieder herstellen sollte; auf eine Gestalt, die darauf hinweisen sollte, was der Sinn von allem ist, was der Sinn Israels ist. Sie warten auf einen, der alles neu macht. Und Johannes der Täufer lebt nun in dem Bewusstsein: Dieser Messias kommt bald. Auch die religiöse Atmosphäre insgesamt ist erfüllt von dieser Erwartung: Der Messias kommt bald. Mancher denkt sogar, Johannes selbst könnte es sein. Aber er wehrt ab, er ist es nicht. Aber er ist der Vorbereiter: Er führt das Volk hinaus an den Jordan, an den Schicksalsfluss: Hier soll sich Israel erinnern, wer ihnen das Land geschenkt hat, hier soll sich Israel erinnern, wer es eigentlich ist, das Volk, das Gott gehört. Und hier soll sich Israel rein waschen lassen, um sich vorzubereiten. Hier tauft Johannes, um dem Herrn den Weg zu bereiten. Nicht einfach äußerlich, nicht nur durch Waschen, sondern durch Umkehr, durch Buße, der Messias soll im Herzen seines Eigentums ankommen. Nur so kann er der Messias sein, der der alles neu macht. Nur so kann er den Bund mit seinem Volk wiederherstellen.

 WAS IST SÜNDE? BRUCH DES BUNDES!

Das Buße-Tun, das Umkehren, das Johannes fordert, hat etwas mit Sünde zu tun. Und Sünde hat zwei Bedeutungen: Sünde ist erstens eine Haltung, eine Lebenshaltung, die entfernt von Gott lebt; die lebt, als ob es Gott nicht gäbe. Das Gegenteil von Sünde ist deshalb nicht Tugend und auch nicht die gute Tat, sondern das Gegenteil von Sünde in diesem Sinn ist der Glaube, das Vertrauen, dass Gott da ist, dass er mich meint, dass er mit mir geht, dass er mir nahe ist. Oder im Sinn von Israel: dass ich wirklich in der Verbindung, im Bund mit Gott lebe. Erst in einem zweiten Sinn ist Sünde dann die schlechte oder böse Tat, das Vergehen. Denn eine böse Tat kommt meistens aus der inneren Distanz zu Gott, aus der inneren Distanz zur Quelle des Guten. Sie kommt aus der Überzeugung und Haltung, dass am Ende nur ich und mein Vorteil zählt, und dass vor allem das gut ist, was zuerst mal mir nützt. Ein Lügner lügt, weil es ihm nützt. Ein Dieb stiehlt, weil es ihm nützt. Und sogar ein Mörder tötet, weil er glaubt, für sich einen Vorteil daraus zu haben – und niemandem Rechenschaft geben zu müssen.

 DIE EHE ALS BEISPIEL

Stellen Sie sich nun als vertiefendes Beispiel eine Ehe zwischen zwei Menschen vor: Und Sie selbst sind einer der Partner; zuerst entfernen Sie sich innerlich von ihrem Partner und denken vor allem nur noch an sich. Und dann folgt zweitens das Fremdgehen, weil sie gerade Spaß daran haben und nicht mehr an ihren Ehepartner denken. Der Bund ist zerbrochen. Der Bund zwischen Israel und seinem Gott war auch allzu oft zerbrochen, weil das Volk fremdgegangen ist.  Aber nehmen wir an, Sie bereuen als Ehepartner Ihre Entfernung und Ihre schlechte Tat. Und Sie wollen die Beziehung wieder erneuern. Genügt es da, wenn Sie den Wunsch äußern, Sie wollen zurück? Und genügt es, wenn Sie ein Zeichen setzen und wie Israel ins Wasser des Jordans steigen? Genügt es, wenn Sie beim Ehebruch das Zeichen Ihres Bundes, Ihren Ehering mal wieder anziehen oder polieren? Ist dann schon die Beziehung wieder her gestellt? Nein, ist sie natürlich nicht.

VERGEBUNG IST SCHWER

Es braucht auch die Vergebung des betrogenen Bundespartners, wie des betrogenen Ehepartners. Und wenn Sie nun meinen, Vergebung wäre doch für Gott eine einfache Sache, dann denken Sie einfach mal daran, wie das wäre für Sie selbst: Denken Sie, Sie wären der betrogene Teil in der Ehe, Sie wären der, von dem sich der Partner entfernt hätte und fremd gegangen wäre – obgleich Sie wirklich viel in die Beziehung investiert haben, obgleich Sie Ihren Partner wirklich lieben. Könnten Sie so einfach zur Tagesordnung übergehen und vergeben? Könnten Sie Ihren Partner einfach so umarmen und sagen: Schwamm drüber, ich lieb Dich trotzdem? Oder würde Sie so eine versöhnende Umarmung nicht vielmehr etwas kosten? Viel kosten. Gerade weil Sie Ihren Partner lieben? Vergebung, liebe Schwestern und Brüder, ist schwer, wenn wir lieben. Denn die Liebe sieht vor allem das Gute im Anderen und will es hervorlieben. Das liebende Herz, das so an den Anderen glaubt, wird selbst verletzt – und braucht Zeit und Kraft für die Versöhnung. Versöhnung kostet etwas. Uns blutet buchstäblich das Herz.

DAS GANZE JESU LEBEN IST VERGEBENDE LIEBE – IHM BLUTET DAS HERZ

Aber was hat das nun mit der Taufe Jesu zu tun? Nun, derjenige, der es nie wird nötig haben, um Vergebung zu bitten, derjenige, der das reinste Herz hat, das je über die Erde gelaufen ist, derjenige, der die Liebe und Wahrhaftigkeit in Person ist, er steigt mit dem Volk in das Wasser. Er steigt mit dem Volk in den Jordan, wo Israel zurückfinden will zu seinem Ursprung, in den Fluß, in dem Israel sich waschen will von seinen Vergehen und so zeigen will, zu wem es gehört. Er selbst, unser Herr, ist ja zugleich dieser Ursprung, zu dem das Volk gehören will. Er kommt also seinem Volk unfassbar weit entgegen, er steigt mit Israel in den Jordan, um schon anzufangen, sein Volk zu umarmen, um ihm entgegenzukommen. Um seine Sünden mit zu übernehmen. Er ist nicht nur der Gott, der Mensch wird. Er ist jetzt auch ganz der Mensch seines Volkes, der sein ganzes Volk zum Vater zurückführen wird. Er ist in Person die große Umarmung Gottes, die den sündigen Menschen, der umkehren möchte, wieder an sein Herz ziehen will. Aber, meine Lieben, das kostet ihn etwas. Die Geburt als Mensch ist schon ein Abstieg der Umarmung, ein uvorhersehbarer, unglaublicher Abstieg Gottes in die Niedrigkeit des Menschseins. Und es geht heute weiter mit dem Abstieg: Jetzt steigt er in das Wasser, in dem Israel seine Sünden wäscht. Und er wird anschließend umherziehen, das Reich Gottes predigen, vergeben, heilen, lieben, konfrontieren, erziehen, leiden, sterben. Und der allertiefste Abstieg schließlich und die schmerzhafteste Umarmung, die am meisten kostet, ist das Kreuz. Die ausgestreckten, angenagelten Arme sind die Umarmung der Welt aus Liebe, sind nichts als vergebende Liebe. Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen, sagt Jesus im Evangelium über seine Kreuzigung voraus. Und das Herz blutet ihm – so sehr, dass der Tote aus seinem von der Lanze durchstochenem Herzen einen Schwall von Blut und Wasser ausgießt.

 DAS GESCHENK DER VERGEBUNG

Liebe Schwestern und Brüder, immer, wenn wir Eucharistie feiern, heißt es den Wandlungsworten, dass Jesus sein Blut vergießt zur Vergebung der Sünden. Das Angebot seiner Vergebung reicht so tief, dass es ihn das Leben kostet. Seine Taufe im Jordan ist der Anfang davon, dieses Preises, dieser Kosten, die Jesus für uns übernimmt. Er zahlt den Preis. Seine Taufe ist der Beginn des Todesweges und unsere eigene Taufe wird so zum Geschenk des Lebens, zum Geschenk, dass wir zu ihm gehören dürfen. Immer mit dem Ziel, dass uns vergeben wird. Mehr noch: Jesus schenkt seiner Kirche immer neu die Möglichkeit, aus seiner Vergebung, aus seinem ein für alle Mal offenem Herzen, immer wieder neu vergeben zu dürfen in seinem Namen – ganz besonders in der Beichte. Welch ein Geschenk. Sind wir noch  bereit, es zu empfangen? Wissen wir noch, was das für ein Geschenk ist? Liebe Schwestern und Brüder, noch einmal: Jesus ist mit einer Taufe getauft worden, die in seinen Tod am Kreuz mündete, damit wir das Geschenk und die Sakramente des Lebens haben – und versöhnt mit Ihm und dem Vater leben können. Das feiern wir heute – und damit entlässt uns die Weihnachtszeit heute in das alltägliche Gehen mit dem Herrn. Gehen wir im Vertrauen, dass er wirklich bei uns ist und uns immer neu an sich ziehen will – und dafür alles gegeben hat. Amen.

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Quelle