Die Frau als „Weg“ — I. Christus, der Weg zum Vater

(Fortsetzung)

Als Gottmensch steht Jesus Christus ganz auf Seiten Gottes und ganz auf Seiten des Menschen. Er ist Gott und Mensch zugleich ohne jeden Abstrich. „Denn wir haben keinen Hohenpriester, der mit unserer Schwachheit nicht mitempfinden könnte, sondern einen, der in allem ebenso versucht worden ist, die Sünde ausgenommen“ (Hebr. 4, 15). Als Gott-Mensch ist Jesus Christus die lebendige Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Er ist der Pontifex schlechthin. In seiner Gottmenschlichkeit gründet der Titel als Mittler. Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. „Es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus“ (1. Tim. 2, 5).

Will der Herr seine mittlerische Tätigkeit durch die Sprache der Bilder und Gleichnisse wiedergeben, bezeichnet er sich als den Weg. Er ist der einzige Weg zum Vater, weil er der einzige Mittler ist. Die Exklusivität des Mittlertums Christi betont die Schrift mit aller Deutlichkeit und ist kirchliche Lehre. „Niemand kommt zum Vater als durch mich“, sagt der Herr selbst (Joh. 14, 6). Niemand. Da bleibt kein Zweifel mehr, da gibt es keine Ausnahme. Wie alles vom Vater durch den Sohn ausgeht, so muss auch alles durch den Sohn zum Vater heimfinden. Der Weg der Hinkunft zu Gott ist der gleiche, wie der seiner Herkunft von Gott.

Das christologische Prinzip „niemand kommt zum Vater außer durch mich“ lautet, übertragen auf die Kirche als den in der Geschichte weiterlebenden und weiterwirkenden Christus, „außer der Kirche kein Heil“. Diese Formel „darf … nicht als Antwort auf die Frage <Wer wird gerettet?> betrachtet werden, sondern man muss in ihr die Antwort auf die Frage sehen: <Wer ist beauftragt, den Heilsdienst auszuüben>“.

Maria als Weg zu Christus

Der Offenbarungsweg, den der Vater gegangen ist, heißt: Gott, Christus, Kirche. Gott offenbart sich durch Christus in seiner Kirche. Dieser Weg kennzeichnet das „descendere“, den „Abstieg“ Gottes zu uns. Will der Mensch zu Gott „aufsteigen“, muss er genau den umgekehrten Weg gehen: Kirche, Christus, Gott. Wir gelangen zum Vater durch Christus in seiner Kirche. Wie Christus vor dem Vater steht, steht die Kirche vor Christus. „Ich bin die Straße aller Straßen: auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott“, lässt Le Fort die Kirche sprechen. Nun ist aber Maria Typus der Kirche.

Mariologie und Ekklesiologie interpretieren sich gegenseitig. Das Bild der Kirche erhält das Bild Mariens, aber umgekehrt wird auch die Wirklichkeit der Kirche am konkretesten dargestellt und am schönsten il-lustriert im Bilde Mariens. „Die Kirche ist ja nicht eine Substanz; sie geschieht und ereignet sich immer aufs neue im konkreten Menschen. Man muss also auf diese schauen, will man wissen, was Kirche ist. Nun gibt es aber niemand, der als erlöster Mensch, als Frucht der Erlösung (und in dieser Dimension bewegt sich die Kirche) deutlicher das christliche Dasein repräsentieren könnte, als die heiligste Jungfrau und Mutter Gottes“.

Das Verhältnis Christus–Maria impliziert auch das Verhältnis Kirche–Maria. Kirche und Maria sind die Möglichkeiten der Christusbegegnung. Maria ist die Frau, die uns das Heil gebracht, den Erlöser geboren, alle seine Worte in ihrem Herzen bewahrt hat und deswegen uns die Gestalt Christi am deutlichsten „zeigen“ kann. Die Bitte des „Salve Regina“, „Zeige uns nach diesem Elende Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes“, hat nicht nur einen eschatologischen Sinn.

Weil wir nur durch die Kirche zu Christus gelangen, gilt auch das Wort „per Mariam ad Christum“, durch Maria zu Christus. Maria steht, wie die Kirche, „vor“ Christus. In der praktischen Frömmigkeit finden wir diese marianische „Vorgegebenheit“ immer bestätigt. Die Verehrung Mariens ist für viele die letzte Verbindung mit Christus und seiner Kirche.

Maria und die Kirche stehen „vor“ Christus, insofern sie uns Christus vermitteln. Die Mittlerschaft Mariens ist also in der Mittlerschaft der Kirche begründet. Das gilt auch umgekehrt. Die Mittlerrolle Mariens hat mehrere Aspekte. „Maria vermittelt zunächst dadurch, dass sie unter dem Kreuze im Namen aller das Ja der Zustimmung gesprochen hat und in den Tod Christi als Repräsentantin der Menschheit selbst eingetreten ist. Infolgedessen ist der Glaube, in dem sich ein Mensch dem Herrn zuwendet, Mitvollzug des von Maria vorausgenommenen Ja zum Tode Jesu Christi. Sie ist jedoch noch in einer zweiten, dem einzelnen noch näherkommenden Weise Mittlerin zu Christus.  Denn sie wünscht … jedem einzelnen die Auswirkung des Werkes Christi. Ihre Sehnsucht geht dahin, dass der Herr, ihr Sohn, der am Kreuz starb, in jedem einzelnen Menschen mächtig wird, so dass der Mensch <in Christus Jesus> lebt und darin des Heils teilhaftig wird. Die Zuwendung Christi zu dem einzelnen Menschen und des Menschen zu Christus ist daher getragen und umfangen von der Liebe Marias. Es gibt tatsächlich keine Begegnung mit Jesus Christus, welche nicht von ihrer Liebe zum Herrn begleitet wäre“.

Jede Mutter zeigt gern ihr Kind. Wir bekunden unseren Glauben an die Mittlerschaft Mariens auf mannigfache Art. Wir bitten sie im Lied „Meestern ich dich grüße“: „Gib ein reines Leben, mach den Weg uns eben, dass in Himmelshöhen froh wir Jesum sehen“. Wir bekennen: „Durch das Kind auf deinen Armen wirkst du Wunder ohne Zahl.“ Wir rufen Sie an als die „Mittlerin“, als die „Fürsprecherin“. Es gibt im Himmel und auf Erden keinen Menschen, der bei Jesus Christus ein geneigteres und bereitwilligeres Ohr für alle Anliegen fände als seine Mutter Maria. Es gibt aber auch keinen Menschen im Himmel und auf Erden, der als Mutter Christi so um das Christusleben der einzelnen Seele besorgt wäre wie Maria. Weil sie Mutter Christi und unsere Mutter ist, ist sie gleichzeitig unsere Mittlerin. Es sind mütterliche Funktionen und Aufgaben, die Maria mit Christus und uns verbinden. Gerade wegen dieser doppelten Mutterschaft ist Maria der „kürzeste und sicherste Weg zu Christus“.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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Der frauliche Vorrang der Liebe — GOTT IST DIE LIEBE

„Gott ist die Liebe.“ Dieses Gotteswort sollte auf der Fahne stehen, die über unserem Leben weht, das uns auch bald dieses bald jenes „Wetter“ beschert. Weil alle Offenbarung Gottes in Jesus Christus ihren Höhepunkt erreicht und damit auch ihren Abschluss gefunden hat, muss Jesus Christus auch die höchstmögliche Offenbarung göttlicher Liebe sein. Er ist die fleischgewordene, Mensch gewordene Liebe Gottes (1. Joh. 4, 7 ff.).

Mit Berufung auf die Hl. Schrift sagt Thomas von Aquin in seiner Summe „Die Liebe Gottes ist seine Wesenheit“ (s. Th. I. 20, 3). Sie ist also mehr als eine Eigenschaft. Sie ist der geheime Quellgrund göttlichen Seins und göttlichen Tuns. Alle Offenbarungen Gottes kommen aus dieser abgrundtiefen Liebesquelle. Weil Gottes Wesen die Liebe ist, kann er keine einsame Monade sein, die sich selbst genügt. Hinter dem Geheimnis der Trinität leuchtet das Geheimnis der Liebe auf. Weil Gott die Liebe ist, erschafft er die Welt. Viele Spuren Gottes lässt die Schöpfung erkennen, aber am strahlenden leuchtet die Spur seiner Liebe.

Weil Gott die Liebe ist, erschafft er den Menschen und erlöst ihn nach dem Sündenfall. Gott braucht die Schöpfung nicht. Gott braucht nicht den Menschen. Er ist als der dreifaltige Gott in sich unendlich vollkommen und glücklich! In seinem Selbstbesitz erfährt er seine eigene Glückseligkeit, die seine Vollkommenheit ist. In Gott gibt es keine Möglichkeiten, keine Wünsche, kein Streben, keine Ziele. Er ist vollendete Wirklichkeit, das Sein selbst. Irgendein Seinsmangel stände im schärfsten Widerspruch zum Wesen Gottes. Wenn der Mensch schafft, dann steht dahinter vielfach die Pflicht, die Notwendigkeit. Der Mensch braucht die Dinge. Wenn Gott erschafft, kann dahinter nur die Liebe stehen. „Alles wirkt Gott wegen seiner Güte“ (s. th. I. 105, 2).

Diese Güte Gottes ist in seiner Schöpfung abgestuft. Nichts Geschaffenes entbehrt gänzlich der Güte Gottes (s. Th. I. 19, 4). Denn jedes Sein ist ein Gut. Mit dem Seinsreichtum tritt auch der Reichtum der Güte Gottes zutage. Darum tut sich die Liebe und Güte Gottes in der natürlichen Offenbarung am meisten im personalen Sein, im Menschen kund. Wenn der Mensch Bild und Gleichnis Gottes ist, muss sein Wesen in der Fähigkeit zur Liebe gesehen werden. Ein Liebender kann er nur sein, weil er ein von Gott geliebter ist. Mensch sein heißt: Von Gott geliebt werden. In dieser Passivität gründet alle Aktivität menschlicher Liebe. „Darin zeigt sich die Liebe Gottes. Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden gesandt“ (1. Joh. 4,10).

Menschliche Liebe ist immer Antwort auf das Wort der Liebe, das in der Erlösung ungleich froher und lauter erklingt als in der Erschaffung. Das Wesen menschlicher Liebe besteht in der möglichst getreuen Wiedergabe der Gabe göttlicher Liebe. Diese Wiedergabe ist gleichzeitig auch eine Weitergabe. Insofern der Frau in der Liebe der Vorrang zufällt und sie im Verhältnis zum Manne mit einer reicheren Liebesfülle und einer stärkeren Liebeskraft ausgestattet ist, soll sie selber auch der hellere Widerstrahl dieser Liebe sein.

Wir unterscheiden zwei Grundfähigkeiten des menschlichen Geistes: Erkennen und lieben. Die diesen beiden Fähigkeiten entsprechenden Akte sind der Akt der reflexio und der devotio. Beide Fähigkeiten muss der Mensch aktuieren, wenn er sich selber verwirklichen soll. Aber beide Akte haben nicht den gleichen Akzent. Der Mensch verwirklicht und erfüllt sich mehr im Akt der Liebe, im Devotio-Akt, als im Akt des Erkennens, im Reflexio-Akt. Peter Wust grenzt das Verhältnis beider Akte mit folgenden Worten gegeneinander ab:

„Denn so notwendig auch der <reflexio>-Akt des Geistes für die wahrhafte Menschwerdung sein mag, so muss doch mit allem Nachdruck betont werden, dass Reflexion und philosophische Spekulation ein reiner und entbehrlicher Luxus sind im Hinblick auf die letzten Aufgaben des Menschen, weil schließlich nicht das Wissen den Menschen als Menschen vollendet sondern nur die Liebe.

Wenn man also die beiden Grundakte des Geistes im Hinblick auf ihre letzte Mission an der Menschheit miteinander vergleicht, dann schrumpft die Bedeutung des Wissensaktes der <reflexio> auf ein Minimum zusammen, und der Hingabe-Akt der <devotio> gewinnt eine geradezu alles überragende Bedeutung. Denn ein Mensch kann als Mensch niemals nach dem gewertet und niemals an dem gemessen werden, was er und wie viel er weiß, sondern nur nach dem was er liebt und in welchem Maße er zu letzter Liebe fähig und bereit ist“.

Was Wust hier sagt, gilt zumal für die Frau. Gerade sie verwirklicht ihr innerstes Wesen im Akt der Devotio.

Der Fortschritt der göttlichen Offenbarung ist eine fortschreitende Enthüllung göttlicher Liebe, bis in Jesus Christus „die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes sichtbar erschienen“ ist. Alle Spuren der Liebe und Güte Gottes in der natürlichen und positiven Offenbarung weisen auf die personale Güte und Liebe Gottes, auf Jesus Christus, hin.

Ist das Sein des Menschen ein Sein in Liebe, dann muss die Liebe zu einem „Sollen“ werden. Alles Handeln folgt dem Sein. Indem die Schrift mit aller Schärfe die Liebe als das Hauptgebot, als das erste Gebot als das königliche Gebot, als das Kennzeichen der Jünger Christi, in Form eines „Sollens“ fordert, weist sie indirekt auf das Sein des Menschen hin. Das menschliche Sollen, dem wir in der Schrift begegnen, ist damit gleichzeitig auch die Interpretation menschlichen Seins. Das Seinshafte der Person wird durch die Liebe ins Akthafte überführt. Die Liebe ist die dem Sein des Menschenwesens eigene Verhaltensweise. Mangel an Liebe ist Mangel an Menschlichkeit. Hass ist widergöttlich und darum auch widermenschlich.

Alle Offenbarungen Gottes tendieren auf die Offenbarung seines Wesens, auf die Offenbarung seiner Liebe. Im Wesen Gottes wird das Wesen des Menschen aufgehellt. Darum muss sich parallel mit der Offenbarung auch das Gebot der Liebe entfalten. Die Liebe ist im Neuen Testament das Formprinzip aller anderen Gebote. In der Liebe sind alle anderen Gebote „aufgehoben“.

Die differenzierte Vielfalt der Gebote des A. T. wird auf das eine Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgeführt. Die Liebe ist die Einheit in der Vielheit aller anderen Gebote. Sie ist das Konzentrationsprinzip der gesamten Sittlichkeit. „Wer den nächsten liebt, erfüllt das ganze Gesetz. Denn die <Gebote>: du sollst nicht brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren, sowie alle anderen Gebote sind in dem einen Wort zusammengefasst: <du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.> Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu. darum ist in der Liebe das ganze Gesetz erfüllt“ (Römer 13.8). – Dem Täufling, der von der Kirche „das ewige Leben“ begehrt, antwortet die Kirche in der Taufliturgie: „willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Aufgezählt werden dann aber nicht etwa die Gebote; sondern es wird nur hingewiesen auf das Gebot: „du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften, und dem Nächsten wie dich selbst.“

Erfüllt der Mensch dieses Gebot der Liebe, offenbart er darin sein gottebenbildliches Sein und wird zu einer mittelbaren Offenbarung Gottes selbst. Je mehr der Mensch sich ausspricht durch seine „benignitas et humanitas“, desto mehr bleibt er sich treu, desto mehr kommt er zu sich selbst. Weil die Gnade nirgendwo die Natur zerstört, sondern sie erhöht, vollendet sich die Menschlichkeit in der Christlichkeit, die natürliche in der übernatürlichen Liebe, wobei die übernatürliche Liebe auch die „Taufe“ aller Formen irdischer Liebe ist. Wenn vom „Primat“ der Liebe gesprochen wird, darf dabei nicht das Gebot der Liebe den anderen Geboten, etwa dem sechsten Gebot entgegengesetzt werden. Das Gebot der Liebe schließt das erste nicht aus, sondern ein. Ist doch die leibseelische Hingabe des Mannes und die seelisch-leibliche Hingabe der Frau in der sakramentalen Ehe die Hochform der Liebe. Da Jesus Christus die Liebe selbst ist, ist er allein auch ihre absolute Form und Norm.

Menschliche und frauliche Liebe haben nur soweit Gültigkeit, als sie die analoge Widerspiegelung und der ähnlich-unähnlichen Widerschein seiner Liebe sind.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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Der frauliche Vorrang der Liebe — 1. Die Liebe Christi

 

In der Enzyklika „Casti Connubii“ sagt der Heilige Vater Pius XI: „Wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sondergut in Anspruch nehmen“.

Diese Wahrheit kommt schon im Wort „Weib“ zum Ausdruck. „Die Etymologie des Wortes „Weib“ deutet auf die Wurzel „vip“ zurück und heißt, auf den Priester bezogen, begeistert, innerlich erregt sein. Damit ist das Vorrecht der Frau zu lieben ausgesprochen“.

Weil die grundsätzlich dem Menschen zugeordnete Frau zur Befähigung ihrer Aufgabe in einer besonderen Weise mit der Liebe be-gabt sein muss, gewinnt für sie die quantitative und qualitative Normierung ihrer Liebe an der Liebe Christi eine erhöhte Bedeutung.

Was Liebe ist, weiß der Mensch nicht von sich aus. Eine Methode, die auf induktiven Weg, also von der konkreten menschlichen Erfahrung aus, das Wesen der Liebe bestimmen will, kann leicht das Ziel verfehlen. Einem solchen Versuch begegnen wir heute. Sein und Sinn der Liebe sind weithin von Gott losgelöst und darum willkürlich bestimmt. Menschliche Beziehungen werden als Liebe ausgegeben, die mit wirklicher Liebe nichts mehr zu tun haben. Wo eine „freie Liebe“ gepredigt und die „Liebe ohne Ring“ praktiziert wird, wird ja von vornherein die der echten Liebe wesentliche Kommunikation abgelehnt. Liebe meint hier nicht eine Beziehung des Ich zum Du, sondern eine intensive Ich-Beziehung bei der das „Du“ nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Zweck missbraucht wird; noch schärfer formuliert, es handelt sich hier gar nicht mehr um ein Ich-Du, sondern um ein Ich-Es-, bzw. Es-Es-Verhältnis. Der Sexus versachlicht den Menschen, die Frau wird zum „Weibchen“ und der Mann zum „Männchen“.

Missverstanden wird Liebe auch da, wo sie gleichgesetzt wird mit sachlicher Hilfe, wo sie verwechselt wird mit Nachgiebigkeit und Schwäche, wo sie als elterliche, freundliche oder pädagogische Liebe glaubt, dem anderen „Partner“ alles gewähren zu müssen. Aus diesem Missverständnis der Liebe ist das Wort zu erklären „wie kann Liebe Sünde sein“. Aus diesem Missverständnis der Liebe des Erziehers zum Zögling, die eben um das Ziel der Erziehung nicht mehr weiß, ist nicht zuletzt das Phänomen der Halbstarken zu verstehen. Der halbstarke Zögling in das pädagogische Produkt eines halbschwachen Erziehers. Dem halbschwachen Erzieher fehlt der Mut zum kraftvollen Nein. Die Schrankenlosigkeit der Genußsucht resultiert nicht zuletzt aus der Maßlosigkeit der Liebe.

Diesen Missverständnissen können wir nur begegnen, wenn wir auf deduktivem Weg nach dem Wesen der göttlichen Liebe fragen und menschliche Liebe wieder an der göttlichen messen. Nicht die menschliche Erfahrung, die vom konkreten Erlebnis ausgeht und auf analytischem Weg zu allgemein gültigen Erkenntnissen, Regeln und Gesetzen gelangen will, kann ein Ausgangspunkt für die Wesensbestimmung der Liebe sein, sondern die Wirklichkeit Gottes und seine Offenbarung. Die Wirklichkeit Gottes ist immer das erste. Das Wesen väterlicher Liebe wird verbindlich nur erhellt im Licht der Liebe des himmlischen Vaters zu seinem einzigen vielgeliebten Sohn und zu denen, die in seinem Sohn sich Gotteskinder nennen dürfen. Was kindliche Liebe ist, hat uns Jesus Christus gezeigt in seinem Verhältnis zum Vater. Freundliche und eheliche Liebe bekommen ihr Maß vom Liebesbündnis Christi mit seiner Kirche. Alle Formen menschlicher Liebe sind nur schwache Abbilder des göttlichen Urbilder der Liebe. Weil aber die Liebe Gottes in Jesus Christus sichtbar erschienen ist, kulminieren in ihm alle diese Formen. „Christus nennt sich unser Meister und unser Freund, uns nennt er seine Brüder, Schwestern, Mütter – also ist er auch das „Kind“ unserer Seele, er wird in unserer Seele vom Vater geboren – doch nicht ohne unser Zutun – ist aber selbst wieder unsere Mutter (im Bild von der Henne und den Kücklein). In entsprechender Weise sind die Beziehungen zwischen Paulus und seiner Gemeinde so reich, dass Paulus sich als ihren Vater, ihre Amme, ihren Lehrer und ihren Freund und Bruder bezeichnen kann“.

Leider gehen wir oft mit menschlichen Vorstellungen von Liebe an die Liebe Gottes heran. Wir versuchen, von der menschlich erfahrbaren Liebe aus einen Zugang zur Liebe Gottes zu finden. Dieser Weg kann zu einem Gottesbild führen, das wir mit dem Ausdruck „der liebe Gott“ zu bezeichnen pflegen. Josef Andreas Jungmann hat darauf hingewiesen, dass diese Bezeichnung aus der Aufklärung stammt. Sie ist unbiblisch. Dahinter steckt der Gottesbegriff des Deismus, für den Gott nur die Verbrämung eines selbstherrlichen menschlichen Daseins ist. Gegen dieses Gottesbild hat schon Augustin Gruber Stellung genommen. Er macht darauf aufmerksam, wie sehr es der göttlichen Offenbarung widerspricht, „wenn man – was man seit einigen Dezennien häufig im Religionsunterricht tut und getan wissen will – Gott nur als einen weichen Vater darstellt, der alles Böse ohne Sinnesänderung hingehen lasse und auch dem im bösen Sinne Fortbleibenden verzeihe; wenn man besorgt, man möchte die Menschen durch die Darstellung der göttlichen Strafgerechtigkeit zu viel ängstigen, Ihnen das Herz schwer machen“. Noch stärker spricht sich Beta Weber gegen ein Gottesbild aus, „der ‚liebe Gott‘ den sie – damit sind die protestantischen Konfirmanten gemeint – bisweilen genannt und wiederholt bekommen, ist ein freundlicher morgenländlicher Emir, aus dessen Bart beständig die Tränen der Rührung träufeln, mit einem Schäferstock aus grünem Schilfrohr, damit er ja niemandem wehtun kann“.

Der Gottesbegriff des Deismus schillert von der absoluten Transzendenz bis zur absoluten Immanenz. Im Ausdruck „der liebe Gott“ schwingt stark die Transzendenz mit. Man lässt Gott „einen guten, alten Mann sein“, wie eine typische Redewendung besagt. Gott hat mehr Großväterliches als Väterliches an sich.

Es ist von entscheidender Bedeutung, den Gläubigen in Predigt und Katechese ein Gottesbild zu vermitteln, das größer ist als das Leben. Denn dieses kann einen engen Gottesbegriff sprengen. Den Gläubigen sollte das unendlich weite Bild des lebendigen und stets wirkenden Gottes der Offenbarung geboten werden, in dem alles Geschehen noch Platz hat, das eine Antwort gibt auf die Qualen der Hölle und den Tod Christi am Kreuz. Der Vater im Himmel hat niemals etwas Furchtbareres zugelassen als den Tod seines einzigen vielgeliebten Sohnes.

Der missverständliche und belastete Ausdruck „der liebe Gott“ müsste in der Sprache der Verkündigung verschwinden. Er könnte ersetzt werden mit „Vater-Gott“, oder „Herr-Gott“, oder „der liebe Herrgott“. Die Liebe Gottes ist etwas anderes als der liebe Gott. Wer die Liebe Gottes „verstehen“ will, darf das Ziel dieser Liebe nicht aus dem Auge verlieren. Das Ziel aber ist die Heiligkeit, die Vollendung des Menschen.

Gott lässt Schweres über den Menschen kommen – aus Liebe –, damit er daran innerlich wachse und reife. Es ist ein allgemeines Gesetz, dass der Mensch nur am Schweren wächst. Dieses Gesetz beobachten wir allenthalben. In der Schule werden dem Kind zunächst leichte und kleine Aufgaben gestellt. Soll es wachsen in der Erkenntnis und im Wissen, müssen die Aufgaben von Jahr zu Jahr schwieriger und grösser werden. Auf die Dezimalrechnung folgt die Bruchrechnung, auf die Bruchrechnung die Prozentrechnung, usw. Wer Klavier lernen will, beginnt mit ganz leichten Etüden, die sich aber im Schwierigkeitsgrad immer mehr steigern, bis man schließlich die Etüden von Chopain und Liszt bewältigen kann und so in der Lage ist, auch die schwierigsten Klavier Sonaten von Beethoven zu spielen. Ein guter Lehrer, der seinen Schüler weiterführen will, macht ihm Schwierigkeiten, mutet ihm mit zunehmendem Fortschritt mehr und mehr zu. Er versucht gerade durch die schwere der gestellten Aufgaben die letzten schlummernden Möglichkeiten im Kind wachzurufen, er will mit seinen Schülern bis an die äusserste Grenze des möglichen gehen. Ebenso macht es der Sportler, der jeweils die Latte höher legt, wenn er im Hochsprung eine gewisse Höhe erreicht hat. Nur wer etwas von Menschen fordert, fördert ihn.

Der Mensch liebt es, die letzte Grenze der Leistung zu suchen. Wer Auto fährt, möchte den Wagen einmal „ausfahren“, er will wissen, was der Wagen „hergibt“, was in ihm steckt.

Ähnlich verhält es sich mit der Heilspädagogik Gottes. Gott weiß, dass der Mensch zur Trägheit neigt und am liebsten den bequemen Weg geht. Die wenigsten Menschen würden sich Schwierigkeiten machen. Jeder Mensch geht gerne Schwierigkeiten aus dem Weg. Der beliebteste Weg ist immer der Weg des geringsten Widerstandes. Nun macht Gott dem Menschen Schwierigkeiten, er lässt Leid und Not und Versuchung über ihn kommen, weil er ihm damit eine Chance geben möchte, den Höhenweg einzuschlagen. Der Mensch soll die Potenzen seiner inneren Kräfte aktivieren. Gott ruft den Menschen in die äußersten Möglichkeiten des Glaubens, um ihn zu wahrer Größe zu führen. Das Schulbeispiel dafür ist die Glaubensprobe Abrahams. Gott prüft und läutert ihn, wie man Gold und Silber im Feuer läutert. Nur im Feuer schmilzt die Schlacke weg. Nur in „Feuer“ der Leiden wird der Mensch „lauter“ und rein vor Gott.

Wir beobachten jährlich in der Natur den Reifungsprozess. Es gibt kein Reifen ohne die Glut der Sonne. Je heißer die Sonne brennt, desto süßer werden die Trauben, desto schmackhafter der Wein, desto besser der „Jahrgang“. Auch der Mensch braucht zum inneren Wachsen und Reifen die „Sonne“. Diese Sonne ist das Leid. So verschieden auch das Leben der Heiligen sein mag, in einem stimmen sie alle überein: Niemand ist heilig geworden ohne das Leid.

Gott lässt sich im Verhältnis zu uns Menschen von der wahren Liebe leiten, die niemals unser Ziel, die Heiligung, aus dem Auge verliert. Die Liebe Gottes lässt sich auch durch unsere Bitten von diesem Ziel nicht abbringen. Wir wollen oft, was uns passt; Gott will, was uns frommt. – Wir wollen unser Liebstes; Gott unser Bestes. Gott muss uns aus Liebe unser Liebstes nehmen, damit wir das Beste finden, wenn unser Liebstes unser Bestes, unser Heil, gefährdet.

Die tiefste Offenbarung über Gottes Wesen ist die, dass er die Liebe ist. Das versichert uns mehrmals eindringlich der Evangelist Johannes (1. Joh. 4.7ff.). Wenn die Liebe das Wesen Gottes ausmacht, muss diese Liebe auch am deutlichsten geoffenbart sein. Krippe, Kreuz, Altar reißen die Abgründe göttlicher Liebe auf. Sie sind drei Höhepunkte in der Liebesoffenbarung Gottes. Wenn die Offenbarung eine Tatsache immer wieder erhärtet, dann ist es die, dass Gott die Liebe ist. Gerade die größten Heilstaten Gottes, die Menschwerdung seines Sohnes im Stall von Bethlehem, der Tod des Herrn am Kreuz, die Einsetzung der heiligen Eucharistie, sind unüberhörbare und unübersehbare Manifestationen seiner Liebe.

Gott ist ewig und unveränderlich. Er ist der unbedingt getreue Gott. Er kann sich auch nicht ändern in der Liebe zum Menschen. Seine Liebe zu uns hat die Beständigkeit seines eigenen Wesens. Das Symbol der ewigen Liebe Gottes ist das von der Lanze durchbohrte geöffnete Herz des Gott-menschen. In der Präfation vom Herz-Jesu-Fest heißt es: „Dies Herz, in dem die Glut der Liebe zu uns nie erlischt, sollte den Frommen eine Stätte der Ruhe werden, den Büßenden aber als rettende Zuflucht offenstehen.“

Für den gläubigen Christen gibt es keine größere und unumstößliche Gewissheit als die, dass er von Gott geliebt wird. Dieser Glaube dürfte den Christen zu keiner Stunde seines Lebens verlassen. Dieses Licht sollte ihm gerade in den dunkelsten schwersten Stunden leuchten. Nur im Dunkeln leuchten die Sterne. Nur im Dunkel der Nacht des Leidens und der Prüfung kann das Licht des Glaubens erstrahlen.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 1. CHRISTUS, DAS LEBEN

Der Herr nennt sich „das Leben“ (Joh. 11, 25; 14, 6). Die frohe Botschaft, dass Jesus Christus das Leben ist, kündet uns vor allem der heilige Evangelist Johannes. „In ihm war das Leben“ (Joh. 1, 4). Der Sohn hat nicht nur das Leben, er ist es. Er hat das Leben nicht etwa von einem anderen „empfangen“ er selbst ist der Urheber des Lebens (Apg. 3,15). „Denn gleich wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh. 5, 26). In Christus begegnen wir der ungebrochenen Fülle, der Quelle des Lebens. Er allein ist der „Lebendige“ schlechthin. In Jesus Christus ist „das Leben sichtbar erschienen. Wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist“ (Joh. 1, 2). Der Herr bezeichnet es als eine spezifische Sendung, den Menschen das Leben zu bringen. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10). In dem Maße, wie ein Mensch teilhat an Jesus Christus, ist er lebendig. Ohne Teilnahme an Jesus Christus gibt es kein Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben, wer den Sohn aber nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1. Joh. 5,12). Es genügt dem Herrn in keiner Weise, dass die Menschen „etwas vom Leben haben“, dass sie ein „bisschen“ Leben besitzen, dass ihr Leben sich am Rande des Nichts bewegt und immer vom Tod bedroht ist, er will vielmehr den Menschen ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln, ihrem Hunger nach Leben in einer Weise entgegenkommen, die uns Menschen völlig den Atem verschlägt. Weil er allein das Leben ist, will er selbst sich uns vermitteln. Wer sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, isst ihn selbst und lebt durch ihn (vgl. Joh. 6, 57). Darum kann der Herr sagen „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56).

Weil Christus das Leben ist, kann ihm der Tod nichts anhaben. Christus ist der einzige vom Wesen her Lebendige, vor dem der Tod kapitulieren musste, und der den Tod siegreich überwunden hat. Weil Christus das Leben ist, ist er auch die Auferstehung (Joh. 11, 25).

In seinem Leiden und Sterben hat Christus den Tod mehr als besiegt, er hat den Tod in Leben gewandelt. Alles was mit Christus in Berührung kommt, wird neu lebendig. Die Kranken, die Aussätzigen, die Besessenen, die Sünder, sie alle schöpfen von ihm das Leben und spüren die lebendigmachende Kraft, die selbst vom Saum seines Kleides ausgeht. Christus verlebendigt sogar den Tod. Das ist fürwahr der göttliche Triumph des Lebens über den Tod. Im Durchgang durch den Tod wird Christus das Leben der Welt. „Dux vitae mortuus regnat vivus“ singt die Kirche in ihrer österlichen Freude und dem stolzen Bewusstsein ihres österlichen Sieges. „Der Fürst des Lebens, tot, herrscht lebend.“ Nur angesichts des Todes kann sich Christus als das Leben offenbaren. Der Tod ist der dunkle Hintergrund, der Christus als das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit ausstrahlen lässt. Wenn schon die machtvolle Begegnung Christi mit den Kranken mannigfachster Art, mit Kranken, die an einer unheilbaren Krankheit litten, alle medizinischen Kapazitäten damaliger Zeit konsultierten und ihr ganzes Vermögen ihrer Gesundheit opferten (vgl. Mark. 5, 24), ihn als das Leben erscheinen liessen, dann musste die Begegnung mit dem Tod ihn vollends als den Fürsten und Urheber des Lebens herausstellen. Mit Christus und in Christus stirbt der Tod, um mit ihm als Leben aufzuerstehen. Im Tode Christi wird der Tod zum Prinzip und zur Quelle des Lebens. Am Kreuz Christi entspringt der siebenfache Strom der Sakramente.

Im Tod besiegt Christus nicht nur seinen persönlichen Tod, wie er etwa bei der Auferweckung des Lazarus nur den persönlichen Tod seines Freundes überwand, sondern er besiegt den Tod aller, weil er den Tod aller stirbt; er besiegt den Tod als solchen. Darum hat Christus ein- für allemal dem Tod den Stachel genommen. Er hat grundsätzlich für immer und für alle den Tod um den Sieg gebracht. Der Tod ist nicht mehr in der Welt, seitdem das Leben den Tod im Tod begraben hat. Wer an Christus glaubt, „hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 47). Wer von seinem Brot ist, „wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 51). Wer an Jesus Christus glaubt, „wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der im Glauben an ihn lebt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 11, 26f.).

Es ist ungemein wichtig, unseren Mädchen den Blick für Christus als das wahre Leben zu öffnen. Sie haben oft eine zu einseitige Auffassung vom Leben. Es wird verstanden als die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt und Tod, zwischen Wiege und Bahre. Es wird rein diesseitig-irdisch gesehen. Das Leben des Menschen wird auf eine Stufe gestellt mit dem Leben der Pflanzen und Tiere. – Aus dieser Sicht entstehen viele Kurzschlüsse. Wer seinen Blick nur auf dieses sein irdisch-sichtbares Leben gerichtet hat, stellt sich die begreifliche Frage: ist das denn das Leben? Ist das alles? Wie viele Arbeiterinnen, die unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine völlig unfrauliche Arbeit verrichten müssen, sagen: Das ist doch kein Leben mehr. Das ist ein Hundeleben! Ich möchte aber auch einmal leben! Das Leben beginnt nach Feierabend! Die sehr berechtigte Parole: „Freut euch des Lebens“, die wir Christen, richtig interpretiert, nicht dick genug unterstreichen können, wird vielfach rein materialistisch missverstanden. Wer als Mädchen „das Leben genießen möchte“, meint damit: ein Liebesabenteuer, einen schönen Film, einen rauschenden Ballabend, festliche Kleider, gehobenes Essen, und dergl. mehr. Vitalität und Gesundheit, Tod und Leben sind rein diesseitige Begriffe, die Zustände des leiblichen Lebens charakterisieren. Das „Leben“ ist säkularisiert und wird nicht mehr im biblischen Sinne genommen. Wenn Christus das Leben ist, darf es nicht von ihm losgelöst werden. Wer es tut, gleicht einem Manne, der den Fluss von seiner Quelle und den Ast vom Baum trennt. Der Fluss trocknet aus und der Ast modert. Das ist die notwendige Folge. Der Begriff des Lebens hat in der Hl. Schrift eine eminent christologische Valenz.  Wer dem Leben Christus nimmt, entwertet es völlig und macht es sinnlos. Es ist sehr bedauerlich und schließlich ein Zeugnis unseres Unglaubens, dass im Wort Leben das Wort Christus nicht mehr mitschwingt.

Ein Weg, den Glauben an Christus als das Leben der Welt neu zu wecken, wäre die rechte Zuordnung von Taufe und Eucharistie. Man darf wohl sagen, dass kein Glaube so tief und fest im Bewusstsein unseres Volkes verwurzelt ist, wie der Glaube an die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Dieser eucharistische Glaube manifestiert sich in den mannigfachen Formen: in der Kniebeuge, im Segen mit dem Allerheiligsten, im Anschauen der Gestalten bei der heiligen Wandlung, in öffentlichen und privaten Anbetungsstunden, im Benehmen im Gotteshaus, in theophorischen Prozessionen, im Schmuck der Altäre, in kunstvollen heiligen Gefäßen, im ewigen Licht, im Opfer für das Gotteshaus. All das ist letztlich Zeugnis des eucharistischen Glaubens.

Jedes Brot aber ist auf ein Leben hin geordnet und setzt es voraus. Nur der Lebendige kann essen. Der Appetit ist ist ja geradezu ein Gradmesser der Gesundheit. Darum spricht man von einem „gesunden“ Appetit. Umgekehrt ist Appetitlosigkeit oft ein Krankheitssymptom. Wenn es dem kleinen Kind nicht mehr schmeckt und es die Nahrungsaufnahme verweigert, geht die besorgte Mutter zum Arzt. Sie weiß: meinem Kind fehlt etwas. Leben und Brot sind korrelativ. Alles Brot steht im Dienst des Lebens. Brot gibt Blut und Blut gibt Leben, sagt der Volksmund. Oder das andere von der Mutter oft zitierte Wort: Milch und Brot macht die Wangen rot.

Nun wird aber die Qualität des Brotes ganz bestimmt von der Qualität des Lebens. Jedes Leben fordert ein ihm homogenes Brot. Dem vergänglichen leiblichen Leben genügt ein vergängliches leibliches Brot. Im Leben von unten entspricht ein Brot von unten. Auf das „irdische“ Leben antwortet das irdische Brot. Der menschliche Leib ist von der Erde genommen und wird auch wieder zur Erde zurückkehren. Demselben Gesetz unterliegt alle leibliche Nahrung. Wie dieses Leben sich nicht „hält“, und der Leib verfault, so kann sich auch keine irdische Speise „halten“, so ist auch sie dem Prozess der Fäulnis ausgesetzt. Weil das leibliche Leben des Menschen ein Leben auf den Tod hin ist, ist das tägliche Brot ein „totes“ Brot, dem Christus sich selbst als das „lebendige“ Brot gegenüberstellt.

Analog lassen sich die Parallelen ziehen zwischen dem Leben und dem Brot der Seele. Beide kommen von „oben“, vom „Himmel“ und sind geistiger Natur. Jedes Brot erhält und erhellt das Leben. Im Licht des Brotes enthüllt sich das Leben. Wie kostbar muss ein Leben sein, das mit dem Christus-Brot genährt wird! Wie heilig muss ein Leben sein, dem Christus selbst sich zur Speise gibt! Welche Fülle des Lebens muss in uns verborgen sein, wenn Christus selbst und mit ihm der dreifaltige Gott zu uns kommen, um Wohnung bei uns zu nehmen! Das Brot der heiligen Eucharistie ist nicht nur christliche Existenzerhaltung, sondern auch – und das nicht zuletzt – christliche Existenzerhellung. Die Herrlichkeit des Christusbrotes lässt uns die Herrlichkeit des Christuslebens ahnen. Die Glaubenswirklichkeit der Taufe wird bestätigt und neu erschlossen in der Glaubenswirklichkeit der hl. Eucharistie.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Das heilige Messopfer, die wertvollste Aufopferung des Kostbaren Blutes Jesu Christi

Das heilige Messopfer ist die lebendige Fortsetzung und Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers Christi. Darum strömt auch im Heiligen Messopfer, wie aus frischer Wunde blutend, das Kostbare Blut des Herrn. In diesem Opfer wird das Kostbare Blut in unsere Zeit, in unsere Gemeinde hineingetragen. Nirgends ist das Kostbare Blut so wirklich, so lebendig und so greifbar nahe wie im Opfer der heiligen Messe. Hier können wir es mit den Händen greifen; denn es fließt lebendig im hl. Kelche. Hier können wir es trinken beim Empfange der hl. Kommunion. Weil es hier nun so wirklich gegenwärtig ist, gibt es auch für den himmlischen Vater keine wertvollere Aufopferung des Kostbaren Blutes als die, die wir in Verbindung mit dem hl. Messopfer machen. Der Heilige Vater sagt hierüber: „Wir haben ein mächtiges Mittel, um den religiösen Eifer mehr zu wecken und um dem frevelhaften Treiben der Gotteshasser womit unsere Zeit besudelt wird, einen Damm und ein Heilmittel entgegenzustellen. Was vermöchten nicht unsere Gebete! Was vermöchte nicht die Bitte, die im Namen Christi von einem unschuldigen und reuigen Herz ausgesprochen wird, stark durch die Kraft des Vertrauens, begleitet vom Gefolge guter Werke! „Das Gebet ist die Mauer des Glaubens, unsere Wehr und Waffe gegen den Feind, der uns allenthalben belauert“ (Tertullian). Doch alles, was die religiöse Huldigung und Übung ist, tritt zurück vor dem eucharistischen Opfer, das in unblutiger Weise die blutige Hinopferung Christi am Kreuze fortsetzt und deren reichste Heilsfrüchte den Menschen zuleitet. Da wird der himmlische und ewige Vater geehrt, um Verzeihung gebeten und versöhnt durch das Kostbare Blut des makellosen Lammes, dessen Stimme wirksamer ist als die Stimme des unschuldigen Blutes Abels und aller Gerechten, weil es unendliche Würde und Kraft besitzt; von uns genommen, wird es für uns vom Sohnes Gottes selbst dargebracht, bewirkt es uns Frieden und Versöhnung, schenkt uns unerschöpflich jegliche himmlische Gabe.

„Wenn durch unsere Schulden wir reizen
unseres Richters Rachestrahl,
möge uns dann Schutz verleihen,
dieses Heiligen Blutes Ruf;
und es möge von uns weichen
aller drohenden Übel her.“

(Aus dem Hymnus des Festes vom kostbaren Blute)

Als wahres Sühneopfer wird es auch dargebracht „für die Sünden, Strafen, Genugtuung und die übrigen Nöte.“ (Konzil von Trient). Wenn also die Gottesleugnung und der Hass gegen Gott eine ungeheure Schuld ist, wodurch das gegenwärtige Jahrhundert entstellt wird und weswegen es nicht ohne Grund erschreckende Strafen zu fürchten hat, so können wir durch das Bad des Blutes Christi, das der Kelch des neuen Bundes enthält, den entsetzlichen Frevel gutmachen, dessen Folgen nach erlangter Verzeihung für die Schuldigen beseitigen und der Kirche einen herrlichen Triumph bereiten (aus der Apostolischen Mahnung des Papstes Pius XII. an die Bischöfe der ganzen Welt am 11. Februar 1949).

Nehmen wir deshalb recht oft am Heiligen Messopfer teil. Wir werden nicht nur für uns großen Nutzen daraus ziehen, sondern wir erweisen dadurch der menschlichen Gesellschaft den größten Dienst und bewahren sie vor dem völligen Untergang.

Du hast uns erlöst, oh Herr, in Deinem Blute!

Der Wert und die Macht der Aufopferung des Kostbaren Blutes.

(Fortsetzung von „Die große Versöhnungsmacht“)

Dem hl. Caspar del Bufalo wurden Blicke in die Zukunftsgeschichte Europas gewährt. Was er sah, war so schrecklich, dass er im Innersten erschauderte und unter Tränen seine Mitbrüder immer wieder ermahnte, das Kostbare Blut Jesu Christi dem himmlischen Vater aufzuopfern mit der Bitte um Abwendung der drohenden Strafgerichte. Er versicherte dabei, dass in den für die kommenden Zeiten angekündigten Heimsuchungen jene Barmherzigkeit finden werden, die das Kostbare Blut in besonderer Weise verehren. Er selbst hat zu seinen Lebzeiten wiederholt die Erfahrung gemacht, wie sehr dieses Mittel geeignet sei, den Zorn Gottes zu besänftigen und die Strafgerichte abzuwenden.

Als im Jahre 1837 in Rom die Cholera ausbrach und täglich Hunderte von Menschen wegraffte, hielt der hl. Kaspar auf Geheiß des Papstes eine Mission in vielen Kirchen der Stadt, mit einer Sühne und Bußandacht zum Kostbaren Blute; und Gott nahm diese furchtbare Geißel hinweg. Im Jahre 1849 wurde Papst Pius IX. durch eine Revolution aus Rom vertrieben. Die Aufständischen behaupteten sich immer mehr und an eine Rückkehr des Heiligen Vaters war nicht zu denken. Erst als Papst Pius IX. sich auf Anraten des ehrwürdigen Pater Johannes Merlini (3. Generaloberer der Missionäre vom Kostbaren Blute) entschloss, das Fest des Kostbaren Blutes auf die ganze Welt auszudehnen durch ein Dekret verordnete, dass dieses Fest fortan in der ganzen Kirche am ersten Sonntag im Juli zu feiern sei, wurden die Feinde plötzlich so geschlagen, dass sie sich am anderen Tage ohne weiteres Blutvergießen ergaben. Rom war wieder frei, und der Heilige Vater konnte unbehindert zurückkehren. So lasset auch uns wieder tiefer und eindringlicher die Stimme des Blutes Christi übernehmen, ja lassen wir unsere Herzen wieder neu in glühender Liebe zum Kostbaren Blute entflammen und mit unerschütterlichen Vertrauen auf seine Macht beseelen.

Pater Faber, der große Lobredner des Kostbaren Blutes im 19. Jahrhundert, sagte: „Die Aufopferung des Kostbaren Blutes ist mehr wert als ein Gebet. Beim Gebet sind wir es, die empfangen, aber bei der Aufopferung lässt sich Gott zu uns herab, um von uns zu empfangen.“

Die hl. Magdalena von Pazzis rief in einer Verzückung aus: „Jedesmal, wenn eine Kreatur das Kostbare Blut Jesu Christi, durch das sie erkauft worden ist, aufopfert, bringt sie eine Gabe von unendlichem Wert dar, den niemand ersetzen kann.“ Diese Übung hatte Gott ihr geoffenbart, als Er sich bei ihr beklagte, dass man auf Erden so wenig Anstrengungen mache, um Seinen gegen die Sünder erhobenen Arm zu entwaffnen. Dieser Ermahnung folgend, opferte sie täglich fünfzigmal das Kostbare Blut zum Heile der Lebenden und Verstorbenen auf. Sie tat es mit solcher Andacht, dass ihr Gott bei mehreren Gelegenheiten die vielen Seelen zeigte, deren Bekehrung sie auf diese Weise erlangt, und all die armen Seelen, die sie aus dem Fegefeuer befreit hatte. Ein anderes Mal sah die heilige Magdalena in der Verzückung alle heiligen Schutzpatrone der Stadt Florenz in Begleitung einer unzähligen Menge von anderen Himmelsbürgern vor dem Throne Gottes; alle legten Fürbitte ein für die armen Sünder, wurden aber nicht erhört. Nach diesen kamen die Schutzengel der armen Sünder, auch diese fanden keine Erhöhung. Nach den Engeln kamen Scharen der Seligen und flehten für die tief verschuldeten Seelen. Diese aber opferten zugleich dem ewigen Vater das Kostbare Blut Jesu Christi auf, und um dieses Blutes willen wurden sie erhört.

Wollen wir durch das Kostbare Blut Jesu Christi ganz besondere Gnaden erlangen, so bitten wir die allerseligste Jungfrau, dass sie es für uns Gott aufopfere. Diesen Rat gab uns der hl. Pfarrer von Ars.

Mögen uns diese Beispiele den großen Wert und die Macht der Aufopferung des Kostbaren Blutes erkennen lassen. Mögen sie uns antreiben, öfters am Tage das Kostbare Blut dem himmlischen Vater aufzuopfern.

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(Fortsetzung folgt!)

Siehe dazu in meinem Blog „Heilige Gebete und Andachten“: „Die Andacht zum kostebaren Blute Jesu Christi“