Regina Coeli: „Auf die Stimme des Guten Hirten hören“

Der Gute Hirt

Papst Franziskus hat an diesem Sonntag des Guten Hirten dazu eingeladen, die Stimme des Herrn von derjenigen des Bösen sorgfältig zu unterscheiden. Wie während dieser Phase der Pandemie üblich, hielt der Papst seine Ansprache aus dem Inneren des Apostolischen Palastes, bevor er sich anschließend zum Fenster begab, auf den menschenleeren Petersplatz blickte und erneut den Segen in die Weite spendete.

Der Herr, so der Papst mit Blick auf das Tagesevangelium von Guten Hirten, rufe uns alle einzeln beim Namen – weil er uns liebt. Doch im Evangelium selbst wird auch gewarnt vor Stimmen, auf die man besser nicht hören sollte, nämlich „die von Fremden, Dieben und Räubern, die den Schafen Böses wollen“, so Franziskus:

„Diese unterschiedlichen Stimmen wollen sich in uns Gehör verschaffen. Da ist die Stimme Gottes, die sanft zum Gewissen spricht, und da ist die verführerische Stimme, die zum Bösen verleitet. Wie können wir die Stimme des Guten Hirten von der des Diebes unterscheiden; wie erkennen, was Inspiration Gottes und was Einflüsterung des Teufels ist?“ Doch man könne lernen, die beiden Stimmen zu unterscheiden, die eine völlig unterschiedliche Spräche sprächen, fuhr Franziskus fort. Denn während die Stimme Gottes sich niemals aufdränge, einem alle Freiheit lasse, setze die Stimme des Bösen auf die Verführung: „Sie weckt schillernde Illusionen; Emotionen, die verlockend, aber vergänglich sind. Zuerst ist sie schmeichelnd, lässt uns glauben, dass wir allmächtig sind, dann aber hinterlässt sie in uns eine innere Leere und macht uns den Vorwurf: ,Du bist nichts wert!‘ Die Stimme Gottes dagegen korrigiert uns mit viel Geduld; wird nicht müde, uns immer wieder zu ermutigen und zu trösten – und immer macht sie Hoffnung.“

„Du kannst jetzt Gutes tun“

Doch es gebe auch noch einen weiteren Unterschied: Denn die Stimme des Feindes lenke uns von der Gegenwart ab; verführe dazu, sich auf die Angst vor der Zukunft oder eine Vergangenheit, der man nachtrauere, oder in der man bittere Erfahrungen gemacht habe, zu konzentrieren. „Die Stimme Gottes dagegen spricht in der Gegenwart: ,Du kannst jetzt Gutes tun; du kannst jetzt die Kreativität der Liebe üben; du kannst jetzt der Reue und den Gewissensbissen entsagen, die dein Herz gefangen halten.’“

„Die Stimme des Bösen dreht sich immer um das Ich, seine Triebe, seine Bedürfnisse, und es will immer alles, und das sofort“

Gleichzeitig würfen die beiden Stimmen völlig unterschiedliche Fragen in uns auf, gibt der Papst weiter zu bedenken. Während die Stimme, die von Gott kommt, frage, was mir gut tue, werde die Frage des Verführers darauf zielen, wonach mir der Sinn stehe: „Die Stimme des Bösen dreht sich immer um das Ich, seine Triebe, seine Bedürfnisse, und es will immer alles, und das sofort.“ Die Stimme Gottes dagegen verspreche keine „billige Freude“, sondern lade uns ein, über unser Ich hinauszugehen, um das wahre Gut, nämlich den Frieden zu finden. „Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Das Böse schenkt niemals Frieden, es beginnt mit Besessenheit und hinterlässt Bitterkeit.“

„Das Gute dagegen lädt dazu ein, sich zu öffnen, aufrichtig zu sein, Vertrauen zu Gott und zu den anderen zu haben“

Während die Stimme Gottes das Licht und die Offenheit nicht scheue, bevorzuge der „Feind“ die Dunkelheit, die Falschheit, das Geschwätz, hebt der Papst hervor: „Der Feind wird zu uns sagen: ,Kapsel dich ab, es versteht dich ohnehin niemand; niemand hört dir zu, trau den anderen nicht!‘ Das Gute dagegen lädt dazu ein, sich zu öffnen, aufrichtig zu sein, Vertrauen zu Gott und zu den anderen zu haben.“

Gerade in dieser Zeit brächten uns viele Gedanken und Sorgen dazu, uns den anderen zu verschließen, mahnt der Papst zur Vorsicht. Da gelte es besonders, auf die Stimmen zu achten, die „zu unserem Herzen sprechen“, und sich zu fragen, aus welcher Richtung sie auf uns eindrängen. „Bitten wir um die Gnade, die Stimme des Guten Hirten zu erkennen und auf diese Stimme zu hören, die uns aus dem Gefängnis unseres Egoismus befreit und uns zu den Weiden der wahren Freiheit führt. Möge die Muttergottes, die Mutter vom Guten Rat, unseren Unterscheidungsprozess leiten und begleiten“, so die abschließende Bitte des Papstes, bevor er den Segen spendete.

(vatican news – cs)

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Die Frau als „Weg“ — I. Christus, der Weg zum Vater

(Fortsetzung)

Als Gottmensch steht Jesus Christus ganz auf Seiten Gottes und ganz auf Seiten des Menschen. Er ist Gott und Mensch zugleich ohne jeden Abstrich. „Denn wir haben keinen Hohenpriester, der mit unserer Schwachheit nicht mitempfinden könnte, sondern einen, der in allem ebenso versucht worden ist, die Sünde ausgenommen“ (Hebr. 4, 15). Als Gott-Mensch ist Jesus Christus die lebendige Brücke zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Er ist der Pontifex schlechthin. In seiner Gottmenschlichkeit gründet der Titel als Mittler. Er ist der einzige Mittler zwischen Gott und Mensch. „Es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, den Menschen Jesus Christus“ (1. Tim. 2, 5).

Will der Herr seine mittlerische Tätigkeit durch die Sprache der Bilder und Gleichnisse wiedergeben, bezeichnet er sich als den Weg. Er ist der einzige Weg zum Vater, weil er der einzige Mittler ist. Die Exklusivität des Mittlertums Christi betont die Schrift mit aller Deutlichkeit und ist kirchliche Lehre. „Niemand kommt zum Vater als durch mich“, sagt der Herr selbst (Joh. 14, 6). Niemand. Da bleibt kein Zweifel mehr, da gibt es keine Ausnahme. Wie alles vom Vater durch den Sohn ausgeht, so muss auch alles durch den Sohn zum Vater heimfinden. Der Weg der Hinkunft zu Gott ist der gleiche, wie der seiner Herkunft von Gott.

Das christologische Prinzip „niemand kommt zum Vater außer durch mich“ lautet, übertragen auf die Kirche als den in der Geschichte weiterlebenden und weiterwirkenden Christus, „außer der Kirche kein Heil“. Diese Formel „darf … nicht als Antwort auf die Frage <Wer wird gerettet?> betrachtet werden, sondern man muss in ihr die Antwort auf die Frage sehen: <Wer ist beauftragt, den Heilsdienst auszuüben>“.

Maria als Weg zu Christus

Der Offenbarungsweg, den der Vater gegangen ist, heißt: Gott, Christus, Kirche. Gott offenbart sich durch Christus in seiner Kirche. Dieser Weg kennzeichnet das „descendere“, den „Abstieg“ Gottes zu uns. Will der Mensch zu Gott „aufsteigen“, muss er genau den umgekehrten Weg gehen: Kirche, Christus, Gott. Wir gelangen zum Vater durch Christus in seiner Kirche. Wie Christus vor dem Vater steht, steht die Kirche vor Christus. „Ich bin die Straße aller Straßen: auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott“, lässt Le Fort die Kirche sprechen. Nun ist aber Maria Typus der Kirche.

Mariologie und Ekklesiologie interpretieren sich gegenseitig. Das Bild der Kirche erhält das Bild Mariens, aber umgekehrt wird auch die Wirklichkeit der Kirche am konkretesten dargestellt und am schönsten il-lustriert im Bilde Mariens. „Die Kirche ist ja nicht eine Substanz; sie geschieht und ereignet sich immer aufs neue im konkreten Menschen. Man muss also auf diese schauen, will man wissen, was Kirche ist. Nun gibt es aber niemand, der als erlöster Mensch, als Frucht der Erlösung (und in dieser Dimension bewegt sich die Kirche) deutlicher das christliche Dasein repräsentieren könnte, als die heiligste Jungfrau und Mutter Gottes“.

Das Verhältnis Christus–Maria impliziert auch das Verhältnis Kirche–Maria. Kirche und Maria sind die Möglichkeiten der Christusbegegnung. Maria ist die Frau, die uns das Heil gebracht, den Erlöser geboren, alle seine Worte in ihrem Herzen bewahrt hat und deswegen uns die Gestalt Christi am deutlichsten „zeigen“ kann. Die Bitte des „Salve Regina“, „Zeige uns nach diesem Elende Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes“, hat nicht nur einen eschatologischen Sinn.

Weil wir nur durch die Kirche zu Christus gelangen, gilt auch das Wort „per Mariam ad Christum“, durch Maria zu Christus. Maria steht, wie die Kirche, „vor“ Christus. In der praktischen Frömmigkeit finden wir diese marianische „Vorgegebenheit“ immer bestätigt. Die Verehrung Mariens ist für viele die letzte Verbindung mit Christus und seiner Kirche.

Maria und die Kirche stehen „vor“ Christus, insofern sie uns Christus vermitteln. Die Mittlerschaft Mariens ist also in der Mittlerschaft der Kirche begründet. Das gilt auch umgekehrt. Die Mittlerrolle Mariens hat mehrere Aspekte. „Maria vermittelt zunächst dadurch, dass sie unter dem Kreuze im Namen aller das Ja der Zustimmung gesprochen hat und in den Tod Christi als Repräsentantin der Menschheit selbst eingetreten ist. Infolgedessen ist der Glaube, in dem sich ein Mensch dem Herrn zuwendet, Mitvollzug des von Maria vorausgenommenen Ja zum Tode Jesu Christi. Sie ist jedoch noch in einer zweiten, dem einzelnen noch näherkommenden Weise Mittlerin zu Christus.  Denn sie wünscht … jedem einzelnen die Auswirkung des Werkes Christi. Ihre Sehnsucht geht dahin, dass der Herr, ihr Sohn, der am Kreuz starb, in jedem einzelnen Menschen mächtig wird, so dass der Mensch <in Christus Jesus> lebt und darin des Heils teilhaftig wird. Die Zuwendung Christi zu dem einzelnen Menschen und des Menschen zu Christus ist daher getragen und umfangen von der Liebe Marias. Es gibt tatsächlich keine Begegnung mit Jesus Christus, welche nicht von ihrer Liebe zum Herrn begleitet wäre“.

Jede Mutter zeigt gern ihr Kind. Wir bekunden unseren Glauben an die Mittlerschaft Mariens auf mannigfache Art. Wir bitten sie im Lied „Meestern ich dich grüße“: „Gib ein reines Leben, mach den Weg uns eben, dass in Himmelshöhen froh wir Jesum sehen“. Wir bekennen: „Durch das Kind auf deinen Armen wirkst du Wunder ohne Zahl.“ Wir rufen Sie an als die „Mittlerin“, als die „Fürsprecherin“. Es gibt im Himmel und auf Erden keinen Menschen, der bei Jesus Christus ein geneigteres und bereitwilligeres Ohr für alle Anliegen fände als seine Mutter Maria. Es gibt aber auch keinen Menschen im Himmel und auf Erden, der als Mutter Christi so um das Christusleben der einzelnen Seele besorgt wäre wie Maria. Weil sie Mutter Christi und unsere Mutter ist, ist sie gleichzeitig unsere Mittlerin. Es sind mütterliche Funktionen und Aufgaben, die Maria mit Christus und uns verbinden. Gerade wegen dieser doppelten Mutterschaft ist Maria der „kürzeste und sicherste Weg zu Christus“.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Der frauliche Vorrang der Liebe — GOTT IST DIE LIEBE

„Gott ist die Liebe.“ Dieses Gotteswort sollte auf der Fahne stehen, die über unserem Leben weht, das uns auch bald dieses bald jenes „Wetter“ beschert. Weil alle Offenbarung Gottes in Jesus Christus ihren Höhepunkt erreicht und damit auch ihren Abschluss gefunden hat, muss Jesus Christus auch die höchstmögliche Offenbarung göttlicher Liebe sein. Er ist die fleischgewordene, Mensch gewordene Liebe Gottes (1. Joh. 4, 7 ff.).

Mit Berufung auf die Hl. Schrift sagt Thomas von Aquin in seiner Summe „Die Liebe Gottes ist seine Wesenheit“ (s. Th. I. 20, 3). Sie ist also mehr als eine Eigenschaft. Sie ist der geheime Quellgrund göttlichen Seins und göttlichen Tuns. Alle Offenbarungen Gottes kommen aus dieser abgrundtiefen Liebesquelle. Weil Gottes Wesen die Liebe ist, kann er keine einsame Monade sein, die sich selbst genügt. Hinter dem Geheimnis der Trinität leuchtet das Geheimnis der Liebe auf. Weil Gott die Liebe ist, erschafft er die Welt. Viele Spuren Gottes lässt die Schöpfung erkennen, aber am strahlenden leuchtet die Spur seiner Liebe.

Weil Gott die Liebe ist, erschafft er den Menschen und erlöst ihn nach dem Sündenfall. Gott braucht die Schöpfung nicht. Gott braucht nicht den Menschen. Er ist als der dreifaltige Gott in sich unendlich vollkommen und glücklich! In seinem Selbstbesitz erfährt er seine eigene Glückseligkeit, die seine Vollkommenheit ist. In Gott gibt es keine Möglichkeiten, keine Wünsche, kein Streben, keine Ziele. Er ist vollendete Wirklichkeit, das Sein selbst. Irgendein Seinsmangel stände im schärfsten Widerspruch zum Wesen Gottes. Wenn der Mensch schafft, dann steht dahinter vielfach die Pflicht, die Notwendigkeit. Der Mensch braucht die Dinge. Wenn Gott erschafft, kann dahinter nur die Liebe stehen. „Alles wirkt Gott wegen seiner Güte“ (s. th. I. 105, 2).

Diese Güte Gottes ist in seiner Schöpfung abgestuft. Nichts Geschaffenes entbehrt gänzlich der Güte Gottes (s. Th. I. 19, 4). Denn jedes Sein ist ein Gut. Mit dem Seinsreichtum tritt auch der Reichtum der Güte Gottes zutage. Darum tut sich die Liebe und Güte Gottes in der natürlichen Offenbarung am meisten im personalen Sein, im Menschen kund. Wenn der Mensch Bild und Gleichnis Gottes ist, muss sein Wesen in der Fähigkeit zur Liebe gesehen werden. Ein Liebender kann er nur sein, weil er ein von Gott geliebter ist. Mensch sein heißt: Von Gott geliebt werden. In dieser Passivität gründet alle Aktivität menschlicher Liebe. „Darin zeigt sich die Liebe Gottes. Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt und seinen Sohn als Sühneopfer für unsere Sünden gesandt“ (1. Joh. 4,10).

Menschliche Liebe ist immer Antwort auf das Wort der Liebe, das in der Erlösung ungleich froher und lauter erklingt als in der Erschaffung. Das Wesen menschlicher Liebe besteht in der möglichst getreuen Wiedergabe der Gabe göttlicher Liebe. Diese Wiedergabe ist gleichzeitig auch eine Weitergabe. Insofern der Frau in der Liebe der Vorrang zufällt und sie im Verhältnis zum Manne mit einer reicheren Liebesfülle und einer stärkeren Liebeskraft ausgestattet ist, soll sie selber auch der hellere Widerstrahl dieser Liebe sein.

Wir unterscheiden zwei Grundfähigkeiten des menschlichen Geistes: Erkennen und lieben. Die diesen beiden Fähigkeiten entsprechenden Akte sind der Akt der reflexio und der devotio. Beide Fähigkeiten muss der Mensch aktuieren, wenn er sich selber verwirklichen soll. Aber beide Akte haben nicht den gleichen Akzent. Der Mensch verwirklicht und erfüllt sich mehr im Akt der Liebe, im Devotio-Akt, als im Akt des Erkennens, im Reflexio-Akt. Peter Wust grenzt das Verhältnis beider Akte mit folgenden Worten gegeneinander ab:

„Denn so notwendig auch der <reflexio>-Akt des Geistes für die wahrhafte Menschwerdung sein mag, so muss doch mit allem Nachdruck betont werden, dass Reflexion und philosophische Spekulation ein reiner und entbehrlicher Luxus sind im Hinblick auf die letzten Aufgaben des Menschen, weil schließlich nicht das Wissen den Menschen als Menschen vollendet sondern nur die Liebe.

Wenn man also die beiden Grundakte des Geistes im Hinblick auf ihre letzte Mission an der Menschheit miteinander vergleicht, dann schrumpft die Bedeutung des Wissensaktes der <reflexio> auf ein Minimum zusammen, und der Hingabe-Akt der <devotio> gewinnt eine geradezu alles überragende Bedeutung. Denn ein Mensch kann als Mensch niemals nach dem gewertet und niemals an dem gemessen werden, was er und wie viel er weiß, sondern nur nach dem was er liebt und in welchem Maße er zu letzter Liebe fähig und bereit ist“.

Was Wust hier sagt, gilt zumal für die Frau. Gerade sie verwirklicht ihr innerstes Wesen im Akt der Devotio.

Der Fortschritt der göttlichen Offenbarung ist eine fortschreitende Enthüllung göttlicher Liebe, bis in Jesus Christus „die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes sichtbar erschienen“ ist. Alle Spuren der Liebe und Güte Gottes in der natürlichen und positiven Offenbarung weisen auf die personale Güte und Liebe Gottes, auf Jesus Christus, hin.

Ist das Sein des Menschen ein Sein in Liebe, dann muss die Liebe zu einem „Sollen“ werden. Alles Handeln folgt dem Sein. Indem die Schrift mit aller Schärfe die Liebe als das Hauptgebot, als das erste Gebot als das königliche Gebot, als das Kennzeichen der Jünger Christi, in Form eines „Sollens“ fordert, weist sie indirekt auf das Sein des Menschen hin. Das menschliche Sollen, dem wir in der Schrift begegnen, ist damit gleichzeitig auch die Interpretation menschlichen Seins. Das Seinshafte der Person wird durch die Liebe ins Akthafte überführt. Die Liebe ist die dem Sein des Menschenwesens eigene Verhaltensweise. Mangel an Liebe ist Mangel an Menschlichkeit. Hass ist widergöttlich und darum auch widermenschlich.

Alle Offenbarungen Gottes tendieren auf die Offenbarung seines Wesens, auf die Offenbarung seiner Liebe. Im Wesen Gottes wird das Wesen des Menschen aufgehellt. Darum muss sich parallel mit der Offenbarung auch das Gebot der Liebe entfalten. Die Liebe ist im Neuen Testament das Formprinzip aller anderen Gebote. In der Liebe sind alle anderen Gebote „aufgehoben“.

Die differenzierte Vielfalt der Gebote des A. T. wird auf das eine Gebot der Gottes- und Nächstenliebe zurückgeführt. Die Liebe ist die Einheit in der Vielheit aller anderen Gebote. Sie ist das Konzentrationsprinzip der gesamten Sittlichkeit. „Wer den nächsten liebt, erfüllt das ganze Gesetz. Denn die <Gebote>: du sollst nicht brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren, sowie alle anderen Gebote sind in dem einen Wort zusammengefasst: <du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.> Die Liebe fügt dem Nächsten nichts Böses zu. darum ist in der Liebe das ganze Gesetz erfüllt“ (Römer 13.8). – Dem Täufling, der von der Kirche „das ewige Leben“ begehrt, antwortet die Kirche in der Taufliturgie: „willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Aufgezählt werden dann aber nicht etwa die Gebote; sondern es wird nur hingewiesen auf das Gebot: „du sollst den Herrn deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deinem ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften, und dem Nächsten wie dich selbst.“

Erfüllt der Mensch dieses Gebot der Liebe, offenbart er darin sein gottebenbildliches Sein und wird zu einer mittelbaren Offenbarung Gottes selbst. Je mehr der Mensch sich ausspricht durch seine „benignitas et humanitas“, desto mehr bleibt er sich treu, desto mehr kommt er zu sich selbst. Weil die Gnade nirgendwo die Natur zerstört, sondern sie erhöht, vollendet sich die Menschlichkeit in der Christlichkeit, die natürliche in der übernatürlichen Liebe, wobei die übernatürliche Liebe auch die „Taufe“ aller Formen irdischer Liebe ist. Wenn vom „Primat“ der Liebe gesprochen wird, darf dabei nicht das Gebot der Liebe den anderen Geboten, etwa dem sechsten Gebot entgegengesetzt werden. Das Gebot der Liebe schließt das erste nicht aus, sondern ein. Ist doch die leibseelische Hingabe des Mannes und die seelisch-leibliche Hingabe der Frau in der sakramentalen Ehe die Hochform der Liebe. Da Jesus Christus die Liebe selbst ist, ist er allein auch ihre absolute Form und Norm.

Menschliche und frauliche Liebe haben nur soweit Gültigkeit, als sie die analoge Widerspiegelung und der ähnlich-unähnlichen Widerschein seiner Liebe sind.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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Der frauliche Vorrang der Liebe — 1. Die Liebe Christi

 

In der Enzyklika „Casti Connubii“ sagt der Heilige Vater Pius XI: „Wenn der Mann das Haupt ist, dann ist die Frau das Herz, und wie er das Vorrecht der Leitung, so kann und soll sie den Vorrang der Liebe als ihr Eigen- und Sondergut in Anspruch nehmen“.

Diese Wahrheit kommt schon im Wort „Weib“ zum Ausdruck. „Die Etymologie des Wortes „Weib“ deutet auf die Wurzel „vip“ zurück und heißt, auf den Priester bezogen, begeistert, innerlich erregt sein. Damit ist das Vorrecht der Frau zu lieben ausgesprochen“.

Weil die grundsätzlich dem Menschen zugeordnete Frau zur Befähigung ihrer Aufgabe in einer besonderen Weise mit der Liebe be-gabt sein muss, gewinnt für sie die quantitative und qualitative Normierung ihrer Liebe an der Liebe Christi eine erhöhte Bedeutung.

Was Liebe ist, weiß der Mensch nicht von sich aus. Eine Methode, die auf induktiven Weg, also von der konkreten menschlichen Erfahrung aus, das Wesen der Liebe bestimmen will, kann leicht das Ziel verfehlen. Einem solchen Versuch begegnen wir heute. Sein und Sinn der Liebe sind weithin von Gott losgelöst und darum willkürlich bestimmt. Menschliche Beziehungen werden als Liebe ausgegeben, die mit wirklicher Liebe nichts mehr zu tun haben. Wo eine „freie Liebe“ gepredigt und die „Liebe ohne Ring“ praktiziert wird, wird ja von vornherein die der echten Liebe wesentliche Kommunikation abgelehnt. Liebe meint hier nicht eine Beziehung des Ich zum Du, sondern eine intensive Ich-Beziehung bei der das „Du“ nicht als Ziel, sondern als Mittel zum Zweck missbraucht wird; noch schärfer formuliert, es handelt sich hier gar nicht mehr um ein Ich-Du, sondern um ein Ich-Es-, bzw. Es-Es-Verhältnis. Der Sexus versachlicht den Menschen, die Frau wird zum „Weibchen“ und der Mann zum „Männchen“.

Missverstanden wird Liebe auch da, wo sie gleichgesetzt wird mit sachlicher Hilfe, wo sie verwechselt wird mit Nachgiebigkeit und Schwäche, wo sie als elterliche, freundliche oder pädagogische Liebe glaubt, dem anderen „Partner“ alles gewähren zu müssen. Aus diesem Missverständnis der Liebe ist das Wort zu erklären „wie kann Liebe Sünde sein“. Aus diesem Missverständnis der Liebe des Erziehers zum Zögling, die eben um das Ziel der Erziehung nicht mehr weiß, ist nicht zuletzt das Phänomen der Halbstarken zu verstehen. Der halbstarke Zögling in das pädagogische Produkt eines halbschwachen Erziehers. Dem halbschwachen Erzieher fehlt der Mut zum kraftvollen Nein. Die Schrankenlosigkeit der Genußsucht resultiert nicht zuletzt aus der Maßlosigkeit der Liebe.

Diesen Missverständnissen können wir nur begegnen, wenn wir auf deduktivem Weg nach dem Wesen der göttlichen Liebe fragen und menschliche Liebe wieder an der göttlichen messen. Nicht die menschliche Erfahrung, die vom konkreten Erlebnis ausgeht und auf analytischem Weg zu allgemein gültigen Erkenntnissen, Regeln und Gesetzen gelangen will, kann ein Ausgangspunkt für die Wesensbestimmung der Liebe sein, sondern die Wirklichkeit Gottes und seine Offenbarung. Die Wirklichkeit Gottes ist immer das erste. Das Wesen väterlicher Liebe wird verbindlich nur erhellt im Licht der Liebe des himmlischen Vaters zu seinem einzigen vielgeliebten Sohn und zu denen, die in seinem Sohn sich Gotteskinder nennen dürfen. Was kindliche Liebe ist, hat uns Jesus Christus gezeigt in seinem Verhältnis zum Vater. Freundliche und eheliche Liebe bekommen ihr Maß vom Liebesbündnis Christi mit seiner Kirche. Alle Formen menschlicher Liebe sind nur schwache Abbilder des göttlichen Urbilder der Liebe. Weil aber die Liebe Gottes in Jesus Christus sichtbar erschienen ist, kulminieren in ihm alle diese Formen. „Christus nennt sich unser Meister und unser Freund, uns nennt er seine Brüder, Schwestern, Mütter – also ist er auch das „Kind“ unserer Seele, er wird in unserer Seele vom Vater geboren – doch nicht ohne unser Zutun – ist aber selbst wieder unsere Mutter (im Bild von der Henne und den Kücklein). In entsprechender Weise sind die Beziehungen zwischen Paulus und seiner Gemeinde so reich, dass Paulus sich als ihren Vater, ihre Amme, ihren Lehrer und ihren Freund und Bruder bezeichnen kann“.

Leider gehen wir oft mit menschlichen Vorstellungen von Liebe an die Liebe Gottes heran. Wir versuchen, von der menschlich erfahrbaren Liebe aus einen Zugang zur Liebe Gottes zu finden. Dieser Weg kann zu einem Gottesbild führen, das wir mit dem Ausdruck „der liebe Gott“ zu bezeichnen pflegen. Josef Andreas Jungmann hat darauf hingewiesen, dass diese Bezeichnung aus der Aufklärung stammt. Sie ist unbiblisch. Dahinter steckt der Gottesbegriff des Deismus, für den Gott nur die Verbrämung eines selbstherrlichen menschlichen Daseins ist. Gegen dieses Gottesbild hat schon Augustin Gruber Stellung genommen. Er macht darauf aufmerksam, wie sehr es der göttlichen Offenbarung widerspricht, „wenn man – was man seit einigen Dezennien häufig im Religionsunterricht tut und getan wissen will – Gott nur als einen weichen Vater darstellt, der alles Böse ohne Sinnesänderung hingehen lasse und auch dem im bösen Sinne Fortbleibenden verzeihe; wenn man besorgt, man möchte die Menschen durch die Darstellung der göttlichen Strafgerechtigkeit zu viel ängstigen, Ihnen das Herz schwer machen“. Noch stärker spricht sich Beta Weber gegen ein Gottesbild aus, „der ‚liebe Gott‘ den sie – damit sind die protestantischen Konfirmanten gemeint – bisweilen genannt und wiederholt bekommen, ist ein freundlicher morgenländlicher Emir, aus dessen Bart beständig die Tränen der Rührung träufeln, mit einem Schäferstock aus grünem Schilfrohr, damit er ja niemandem wehtun kann“.

Der Gottesbegriff des Deismus schillert von der absoluten Transzendenz bis zur absoluten Immanenz. Im Ausdruck „der liebe Gott“ schwingt stark die Transzendenz mit. Man lässt Gott „einen guten, alten Mann sein“, wie eine typische Redewendung besagt. Gott hat mehr Großväterliches als Väterliches an sich.

Es ist von entscheidender Bedeutung, den Gläubigen in Predigt und Katechese ein Gottesbild zu vermitteln, das größer ist als das Leben. Denn dieses kann einen engen Gottesbegriff sprengen. Den Gläubigen sollte das unendlich weite Bild des lebendigen und stets wirkenden Gottes der Offenbarung geboten werden, in dem alles Geschehen noch Platz hat, das eine Antwort gibt auf die Qualen der Hölle und den Tod Christi am Kreuz. Der Vater im Himmel hat niemals etwas Furchtbareres zugelassen als den Tod seines einzigen vielgeliebten Sohnes.

Der missverständliche und belastete Ausdruck „der liebe Gott“ müsste in der Sprache der Verkündigung verschwinden. Er könnte ersetzt werden mit „Vater-Gott“, oder „Herr-Gott“, oder „der liebe Herrgott“. Die Liebe Gottes ist etwas anderes als der liebe Gott. Wer die Liebe Gottes „verstehen“ will, darf das Ziel dieser Liebe nicht aus dem Auge verlieren. Das Ziel aber ist die Heiligkeit, die Vollendung des Menschen.

Gott lässt Schweres über den Menschen kommen – aus Liebe –, damit er daran innerlich wachse und reife. Es ist ein allgemeines Gesetz, dass der Mensch nur am Schweren wächst. Dieses Gesetz beobachten wir allenthalben. In der Schule werden dem Kind zunächst leichte und kleine Aufgaben gestellt. Soll es wachsen in der Erkenntnis und im Wissen, müssen die Aufgaben von Jahr zu Jahr schwieriger und grösser werden. Auf die Dezimalrechnung folgt die Bruchrechnung, auf die Bruchrechnung die Prozentrechnung, usw. Wer Klavier lernen will, beginnt mit ganz leichten Etüden, die sich aber im Schwierigkeitsgrad immer mehr steigern, bis man schließlich die Etüden von Chopain und Liszt bewältigen kann und so in der Lage ist, auch die schwierigsten Klavier Sonaten von Beethoven zu spielen. Ein guter Lehrer, der seinen Schüler weiterführen will, macht ihm Schwierigkeiten, mutet ihm mit zunehmendem Fortschritt mehr und mehr zu. Er versucht gerade durch die schwere der gestellten Aufgaben die letzten schlummernden Möglichkeiten im Kind wachzurufen, er will mit seinen Schülern bis an die äusserste Grenze des möglichen gehen. Ebenso macht es der Sportler, der jeweils die Latte höher legt, wenn er im Hochsprung eine gewisse Höhe erreicht hat. Nur wer etwas von Menschen fordert, fördert ihn.

Der Mensch liebt es, die letzte Grenze der Leistung zu suchen. Wer Auto fährt, möchte den Wagen einmal „ausfahren“, er will wissen, was der Wagen „hergibt“, was in ihm steckt.

Ähnlich verhält es sich mit der Heilspädagogik Gottes. Gott weiß, dass der Mensch zur Trägheit neigt und am liebsten den bequemen Weg geht. Die wenigsten Menschen würden sich Schwierigkeiten machen. Jeder Mensch geht gerne Schwierigkeiten aus dem Weg. Der beliebteste Weg ist immer der Weg des geringsten Widerstandes. Nun macht Gott dem Menschen Schwierigkeiten, er lässt Leid und Not und Versuchung über ihn kommen, weil er ihm damit eine Chance geben möchte, den Höhenweg einzuschlagen. Der Mensch soll die Potenzen seiner inneren Kräfte aktivieren. Gott ruft den Menschen in die äußersten Möglichkeiten des Glaubens, um ihn zu wahrer Größe zu führen. Das Schulbeispiel dafür ist die Glaubensprobe Abrahams. Gott prüft und läutert ihn, wie man Gold und Silber im Feuer läutert. Nur im Feuer schmilzt die Schlacke weg. Nur in „Feuer“ der Leiden wird der Mensch „lauter“ und rein vor Gott.

Wir beobachten jährlich in der Natur den Reifungsprozess. Es gibt kein Reifen ohne die Glut der Sonne. Je heißer die Sonne brennt, desto süßer werden die Trauben, desto schmackhafter der Wein, desto besser der „Jahrgang“. Auch der Mensch braucht zum inneren Wachsen und Reifen die „Sonne“. Diese Sonne ist das Leid. So verschieden auch das Leben der Heiligen sein mag, in einem stimmen sie alle überein: Niemand ist heilig geworden ohne das Leid.

Gott lässt sich im Verhältnis zu uns Menschen von der wahren Liebe leiten, die niemals unser Ziel, die Heiligung, aus dem Auge verliert. Die Liebe Gottes lässt sich auch durch unsere Bitten von diesem Ziel nicht abbringen. Wir wollen oft, was uns passt; Gott will, was uns frommt. – Wir wollen unser Liebstes; Gott unser Bestes. Gott muss uns aus Liebe unser Liebstes nehmen, damit wir das Beste finden, wenn unser Liebstes unser Bestes, unser Heil, gefährdet.

Die tiefste Offenbarung über Gottes Wesen ist die, dass er die Liebe ist. Das versichert uns mehrmals eindringlich der Evangelist Johannes (1. Joh. 4.7ff.). Wenn die Liebe das Wesen Gottes ausmacht, muss diese Liebe auch am deutlichsten geoffenbart sein. Krippe, Kreuz, Altar reißen die Abgründe göttlicher Liebe auf. Sie sind drei Höhepunkte in der Liebesoffenbarung Gottes. Wenn die Offenbarung eine Tatsache immer wieder erhärtet, dann ist es die, dass Gott die Liebe ist. Gerade die größten Heilstaten Gottes, die Menschwerdung seines Sohnes im Stall von Bethlehem, der Tod des Herrn am Kreuz, die Einsetzung der heiligen Eucharistie, sind unüberhörbare und unübersehbare Manifestationen seiner Liebe.

Gott ist ewig und unveränderlich. Er ist der unbedingt getreue Gott. Er kann sich auch nicht ändern in der Liebe zum Menschen. Seine Liebe zu uns hat die Beständigkeit seines eigenen Wesens. Das Symbol der ewigen Liebe Gottes ist das von der Lanze durchbohrte geöffnete Herz des Gott-menschen. In der Präfation vom Herz-Jesu-Fest heißt es: „Dies Herz, in dem die Glut der Liebe zu uns nie erlischt, sollte den Frommen eine Stätte der Ruhe werden, den Büßenden aber als rettende Zuflucht offenstehen.“

Für den gläubigen Christen gibt es keine größere und unumstößliche Gewissheit als die, dass er von Gott geliebt wird. Dieser Glaube dürfte den Christen zu keiner Stunde seines Lebens verlassen. Dieses Licht sollte ihm gerade in den dunkelsten schwersten Stunden leuchten. Nur im Dunkeln leuchten die Sterne. Nur im Dunkel der Nacht des Leidens und der Prüfung kann das Licht des Glaubens erstrahlen.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 1. CHRISTUS, DAS LEBEN

Der Herr nennt sich „das Leben“ (Joh. 11, 25; 14, 6). Die frohe Botschaft, dass Jesus Christus das Leben ist, kündet uns vor allem der heilige Evangelist Johannes. „In ihm war das Leben“ (Joh. 1, 4). Der Sohn hat nicht nur das Leben, er ist es. Er hat das Leben nicht etwa von einem anderen „empfangen“ er selbst ist der Urheber des Lebens (Apg. 3,15). „Denn gleich wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh. 5, 26). In Christus begegnen wir der ungebrochenen Fülle, der Quelle des Lebens. Er allein ist der „Lebendige“ schlechthin. In Jesus Christus ist „das Leben sichtbar erschienen. Wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist“ (Joh. 1, 2). Der Herr bezeichnet es als eine spezifische Sendung, den Menschen das Leben zu bringen. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10). In dem Maße, wie ein Mensch teilhat an Jesus Christus, ist er lebendig. Ohne Teilnahme an Jesus Christus gibt es kein Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben, wer den Sohn aber nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1. Joh. 5,12). Es genügt dem Herrn in keiner Weise, dass die Menschen „etwas vom Leben haben“, dass sie ein „bisschen“ Leben besitzen, dass ihr Leben sich am Rande des Nichts bewegt und immer vom Tod bedroht ist, er will vielmehr den Menschen ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln, ihrem Hunger nach Leben in einer Weise entgegenkommen, die uns Menschen völlig den Atem verschlägt. Weil er allein das Leben ist, will er selbst sich uns vermitteln. Wer sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, isst ihn selbst und lebt durch ihn (vgl. Joh. 6, 57). Darum kann der Herr sagen „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56).

Weil Christus das Leben ist, kann ihm der Tod nichts anhaben. Christus ist der einzige vom Wesen her Lebendige, vor dem der Tod kapitulieren musste, und der den Tod siegreich überwunden hat. Weil Christus das Leben ist, ist er auch die Auferstehung (Joh. 11, 25).

In seinem Leiden und Sterben hat Christus den Tod mehr als besiegt, er hat den Tod in Leben gewandelt. Alles was mit Christus in Berührung kommt, wird neu lebendig. Die Kranken, die Aussätzigen, die Besessenen, die Sünder, sie alle schöpfen von ihm das Leben und spüren die lebendigmachende Kraft, die selbst vom Saum seines Kleides ausgeht. Christus verlebendigt sogar den Tod. Das ist fürwahr der göttliche Triumph des Lebens über den Tod. Im Durchgang durch den Tod wird Christus das Leben der Welt. „Dux vitae mortuus regnat vivus“ singt die Kirche in ihrer österlichen Freude und dem stolzen Bewusstsein ihres österlichen Sieges. „Der Fürst des Lebens, tot, herrscht lebend.“ Nur angesichts des Todes kann sich Christus als das Leben offenbaren. Der Tod ist der dunkle Hintergrund, der Christus als das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit ausstrahlen lässt. Wenn schon die machtvolle Begegnung Christi mit den Kranken mannigfachster Art, mit Kranken, die an einer unheilbaren Krankheit litten, alle medizinischen Kapazitäten damaliger Zeit konsultierten und ihr ganzes Vermögen ihrer Gesundheit opferten (vgl. Mark. 5, 24), ihn als das Leben erscheinen liessen, dann musste die Begegnung mit dem Tod ihn vollends als den Fürsten und Urheber des Lebens herausstellen. Mit Christus und in Christus stirbt der Tod, um mit ihm als Leben aufzuerstehen. Im Tode Christi wird der Tod zum Prinzip und zur Quelle des Lebens. Am Kreuz Christi entspringt der siebenfache Strom der Sakramente.

Im Tod besiegt Christus nicht nur seinen persönlichen Tod, wie er etwa bei der Auferweckung des Lazarus nur den persönlichen Tod seines Freundes überwand, sondern er besiegt den Tod aller, weil er den Tod aller stirbt; er besiegt den Tod als solchen. Darum hat Christus ein- für allemal dem Tod den Stachel genommen. Er hat grundsätzlich für immer und für alle den Tod um den Sieg gebracht. Der Tod ist nicht mehr in der Welt, seitdem das Leben den Tod im Tod begraben hat. Wer an Christus glaubt, „hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 47). Wer von seinem Brot ist, „wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 51). Wer an Jesus Christus glaubt, „wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der im Glauben an ihn lebt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 11, 26f.).

Es ist ungemein wichtig, unseren Mädchen den Blick für Christus als das wahre Leben zu öffnen. Sie haben oft eine zu einseitige Auffassung vom Leben. Es wird verstanden als die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt und Tod, zwischen Wiege und Bahre. Es wird rein diesseitig-irdisch gesehen. Das Leben des Menschen wird auf eine Stufe gestellt mit dem Leben der Pflanzen und Tiere. – Aus dieser Sicht entstehen viele Kurzschlüsse. Wer seinen Blick nur auf dieses sein irdisch-sichtbares Leben gerichtet hat, stellt sich die begreifliche Frage: ist das denn das Leben? Ist das alles? Wie viele Arbeiterinnen, die unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine völlig unfrauliche Arbeit verrichten müssen, sagen: Das ist doch kein Leben mehr. Das ist ein Hundeleben! Ich möchte aber auch einmal leben! Das Leben beginnt nach Feierabend! Die sehr berechtigte Parole: „Freut euch des Lebens“, die wir Christen, richtig interpretiert, nicht dick genug unterstreichen können, wird vielfach rein materialistisch missverstanden. Wer als Mädchen „das Leben genießen möchte“, meint damit: ein Liebesabenteuer, einen schönen Film, einen rauschenden Ballabend, festliche Kleider, gehobenes Essen, und dergl. mehr. Vitalität und Gesundheit, Tod und Leben sind rein diesseitige Begriffe, die Zustände des leiblichen Lebens charakterisieren. Das „Leben“ ist säkularisiert und wird nicht mehr im biblischen Sinne genommen. Wenn Christus das Leben ist, darf es nicht von ihm losgelöst werden. Wer es tut, gleicht einem Manne, der den Fluss von seiner Quelle und den Ast vom Baum trennt. Der Fluss trocknet aus und der Ast modert. Das ist die notwendige Folge. Der Begriff des Lebens hat in der Hl. Schrift eine eminent christologische Valenz.  Wer dem Leben Christus nimmt, entwertet es völlig und macht es sinnlos. Es ist sehr bedauerlich und schließlich ein Zeugnis unseres Unglaubens, dass im Wort Leben das Wort Christus nicht mehr mitschwingt.

Ein Weg, den Glauben an Christus als das Leben der Welt neu zu wecken, wäre die rechte Zuordnung von Taufe und Eucharistie. Man darf wohl sagen, dass kein Glaube so tief und fest im Bewusstsein unseres Volkes verwurzelt ist, wie der Glaube an die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Dieser eucharistische Glaube manifestiert sich in den mannigfachen Formen: in der Kniebeuge, im Segen mit dem Allerheiligsten, im Anschauen der Gestalten bei der heiligen Wandlung, in öffentlichen und privaten Anbetungsstunden, im Benehmen im Gotteshaus, in theophorischen Prozessionen, im Schmuck der Altäre, in kunstvollen heiligen Gefäßen, im ewigen Licht, im Opfer für das Gotteshaus. All das ist letztlich Zeugnis des eucharistischen Glaubens.

Jedes Brot aber ist auf ein Leben hin geordnet und setzt es voraus. Nur der Lebendige kann essen. Der Appetit ist ist ja geradezu ein Gradmesser der Gesundheit. Darum spricht man von einem „gesunden“ Appetit. Umgekehrt ist Appetitlosigkeit oft ein Krankheitssymptom. Wenn es dem kleinen Kind nicht mehr schmeckt und es die Nahrungsaufnahme verweigert, geht die besorgte Mutter zum Arzt. Sie weiß: meinem Kind fehlt etwas. Leben und Brot sind korrelativ. Alles Brot steht im Dienst des Lebens. Brot gibt Blut und Blut gibt Leben, sagt der Volksmund. Oder das andere von der Mutter oft zitierte Wort: Milch und Brot macht die Wangen rot.

Nun wird aber die Qualität des Brotes ganz bestimmt von der Qualität des Lebens. Jedes Leben fordert ein ihm homogenes Brot. Dem vergänglichen leiblichen Leben genügt ein vergängliches leibliches Brot. Im Leben von unten entspricht ein Brot von unten. Auf das „irdische“ Leben antwortet das irdische Brot. Der menschliche Leib ist von der Erde genommen und wird auch wieder zur Erde zurückkehren. Demselben Gesetz unterliegt alle leibliche Nahrung. Wie dieses Leben sich nicht „hält“, und der Leib verfault, so kann sich auch keine irdische Speise „halten“, so ist auch sie dem Prozess der Fäulnis ausgesetzt. Weil das leibliche Leben des Menschen ein Leben auf den Tod hin ist, ist das tägliche Brot ein „totes“ Brot, dem Christus sich selbst als das „lebendige“ Brot gegenüberstellt.

Analog lassen sich die Parallelen ziehen zwischen dem Leben und dem Brot der Seele. Beide kommen von „oben“, vom „Himmel“ und sind geistiger Natur. Jedes Brot erhält und erhellt das Leben. Im Licht des Brotes enthüllt sich das Leben. Wie kostbar muss ein Leben sein, das mit dem Christus-Brot genährt wird! Wie heilig muss ein Leben sein, dem Christus selbst sich zur Speise gibt! Welche Fülle des Lebens muss in uns verborgen sein, wenn Christus selbst und mit ihm der dreifaltige Gott zu uns kommen, um Wohnung bei uns zu nehmen! Das Brot der heiligen Eucharistie ist nicht nur christliche Existenzerhaltung, sondern auch – und das nicht zuletzt – christliche Existenzerhellung. Die Herrlichkeit des Christusbrotes lässt uns die Herrlichkeit des Christuslebens ahnen. Die Glaubenswirklichkeit der Taufe wird bestätigt und neu erschlossen in der Glaubenswirklichkeit der hl. Eucharistie.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Das heilige Messopfer, die wertvollste Aufopferung des Kostbaren Blutes Jesu Christi

Das heilige Messopfer ist die lebendige Fortsetzung und Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfers Christi. Darum strömt auch im Heiligen Messopfer, wie aus frischer Wunde blutend, das Kostbare Blut des Herrn. In diesem Opfer wird das Kostbare Blut in unsere Zeit, in unsere Gemeinde hineingetragen. Nirgends ist das Kostbare Blut so wirklich, so lebendig und so greifbar nahe wie im Opfer der heiligen Messe. Hier können wir es mit den Händen greifen; denn es fließt lebendig im hl. Kelche. Hier können wir es trinken beim Empfange der hl. Kommunion. Weil es hier nun so wirklich gegenwärtig ist, gibt es auch für den himmlischen Vater keine wertvollere Aufopferung des Kostbaren Blutes als die, die wir in Verbindung mit dem hl. Messopfer machen. Der Heilige Vater sagt hierüber: „Wir haben ein mächtiges Mittel, um den religiösen Eifer mehr zu wecken und um dem frevelhaften Treiben der Gotteshasser womit unsere Zeit besudelt wird, einen Damm und ein Heilmittel entgegenzustellen. Was vermöchten nicht unsere Gebete! Was vermöchte nicht die Bitte, die im Namen Christi von einem unschuldigen und reuigen Herz ausgesprochen wird, stark durch die Kraft des Vertrauens, begleitet vom Gefolge guter Werke! „Das Gebet ist die Mauer des Glaubens, unsere Wehr und Waffe gegen den Feind, der uns allenthalben belauert“ (Tertullian). Doch alles, was die religiöse Huldigung und Übung ist, tritt zurück vor dem eucharistischen Opfer, das in unblutiger Weise die blutige Hinopferung Christi am Kreuze fortsetzt und deren reichste Heilsfrüchte den Menschen zuleitet. Da wird der himmlische und ewige Vater geehrt, um Verzeihung gebeten und versöhnt durch das Kostbare Blut des makellosen Lammes, dessen Stimme wirksamer ist als die Stimme des unschuldigen Blutes Abels und aller Gerechten, weil es unendliche Würde und Kraft besitzt; von uns genommen, wird es für uns vom Sohnes Gottes selbst dargebracht, bewirkt es uns Frieden und Versöhnung, schenkt uns unerschöpflich jegliche himmlische Gabe.

„Wenn durch unsere Schulden wir reizen
unseres Richters Rachestrahl,
möge uns dann Schutz verleihen,
dieses Heiligen Blutes Ruf;
und es möge von uns weichen
aller drohenden Übel her.“

(Aus dem Hymnus des Festes vom kostbaren Blute)

Als wahres Sühneopfer wird es auch dargebracht „für die Sünden, Strafen, Genugtuung und die übrigen Nöte.“ (Konzil von Trient). Wenn also die Gottesleugnung und der Hass gegen Gott eine ungeheure Schuld ist, wodurch das gegenwärtige Jahrhundert entstellt wird und weswegen es nicht ohne Grund erschreckende Strafen zu fürchten hat, so können wir durch das Bad des Blutes Christi, das der Kelch des neuen Bundes enthält, den entsetzlichen Frevel gutmachen, dessen Folgen nach erlangter Verzeihung für die Schuldigen beseitigen und der Kirche einen herrlichen Triumph bereiten (aus der Apostolischen Mahnung des Papstes Pius XII. an die Bischöfe der ganzen Welt am 11. Februar 1949).

Nehmen wir deshalb recht oft am Heiligen Messopfer teil. Wir werden nicht nur für uns großen Nutzen daraus ziehen, sondern wir erweisen dadurch der menschlichen Gesellschaft den größten Dienst und bewahren sie vor dem völligen Untergang.

Du hast uns erlöst, oh Herr, in Deinem Blute!

Der Wert und die Macht der Aufopferung des Kostbaren Blutes.

(Fortsetzung von „Die große Versöhnungsmacht“)

Dem hl. Caspar del Bufalo wurden Blicke in die Zukunftsgeschichte Europas gewährt. Was er sah, war so schrecklich, dass er im Innersten erschauderte und unter Tränen seine Mitbrüder immer wieder ermahnte, das Kostbare Blut Jesu Christi dem himmlischen Vater aufzuopfern mit der Bitte um Abwendung der drohenden Strafgerichte. Er versicherte dabei, dass in den für die kommenden Zeiten angekündigten Heimsuchungen jene Barmherzigkeit finden werden, die das Kostbare Blut in besonderer Weise verehren. Er selbst hat zu seinen Lebzeiten wiederholt die Erfahrung gemacht, wie sehr dieses Mittel geeignet sei, den Zorn Gottes zu besänftigen und die Strafgerichte abzuwenden.

Als im Jahre 1837 in Rom die Cholera ausbrach und täglich Hunderte von Menschen wegraffte, hielt der hl. Kaspar auf Geheiß des Papstes eine Mission in vielen Kirchen der Stadt, mit einer Sühne und Bußandacht zum Kostbaren Blute; und Gott nahm diese furchtbare Geißel hinweg. Im Jahre 1849 wurde Papst Pius IX. durch eine Revolution aus Rom vertrieben. Die Aufständischen behaupteten sich immer mehr und an eine Rückkehr des Heiligen Vaters war nicht zu denken. Erst als Papst Pius IX. sich auf Anraten des ehrwürdigen Pater Johannes Merlini (3. Generaloberer der Missionäre vom Kostbaren Blute) entschloss, das Fest des Kostbaren Blutes auf die ganze Welt auszudehnen durch ein Dekret verordnete, dass dieses Fest fortan in der ganzen Kirche am ersten Sonntag im Juli zu feiern sei, wurden die Feinde plötzlich so geschlagen, dass sie sich am anderen Tage ohne weiteres Blutvergießen ergaben. Rom war wieder frei, und der Heilige Vater konnte unbehindert zurückkehren. So lasset auch uns wieder tiefer und eindringlicher die Stimme des Blutes Christi übernehmen, ja lassen wir unsere Herzen wieder neu in glühender Liebe zum Kostbaren Blute entflammen und mit unerschütterlichen Vertrauen auf seine Macht beseelen.

Pater Faber, der große Lobredner des Kostbaren Blutes im 19. Jahrhundert, sagte: „Die Aufopferung des Kostbaren Blutes ist mehr wert als ein Gebet. Beim Gebet sind wir es, die empfangen, aber bei der Aufopferung lässt sich Gott zu uns herab, um von uns zu empfangen.“

Die hl. Magdalena von Pazzis rief in einer Verzückung aus: „Jedesmal, wenn eine Kreatur das Kostbare Blut Jesu Christi, durch das sie erkauft worden ist, aufopfert, bringt sie eine Gabe von unendlichem Wert dar, den niemand ersetzen kann.“ Diese Übung hatte Gott ihr geoffenbart, als Er sich bei ihr beklagte, dass man auf Erden so wenig Anstrengungen mache, um Seinen gegen die Sünder erhobenen Arm zu entwaffnen. Dieser Ermahnung folgend, opferte sie täglich fünfzigmal das Kostbare Blut zum Heile der Lebenden und Verstorbenen auf. Sie tat es mit solcher Andacht, dass ihr Gott bei mehreren Gelegenheiten die vielen Seelen zeigte, deren Bekehrung sie auf diese Weise erlangt, und all die armen Seelen, die sie aus dem Fegefeuer befreit hatte. Ein anderes Mal sah die heilige Magdalena in der Verzückung alle heiligen Schutzpatrone der Stadt Florenz in Begleitung einer unzähligen Menge von anderen Himmelsbürgern vor dem Throne Gottes; alle legten Fürbitte ein für die armen Sünder, wurden aber nicht erhört. Nach diesen kamen die Schutzengel der armen Sünder, auch diese fanden keine Erhöhung. Nach den Engeln kamen Scharen der Seligen und flehten für die tief verschuldeten Seelen. Diese aber opferten zugleich dem ewigen Vater das Kostbare Blut Jesu Christi auf, und um dieses Blutes willen wurden sie erhört.

Wollen wir durch das Kostbare Blut Jesu Christi ganz besondere Gnaden erlangen, so bitten wir die allerseligste Jungfrau, dass sie es für uns Gott aufopfere. Diesen Rat gab uns der hl. Pfarrer von Ars.

Mögen uns diese Beispiele den großen Wert und die Macht der Aufopferung des Kostbaren Blutes erkennen lassen. Mögen sie uns antreiben, öfters am Tage das Kostbare Blut dem himmlischen Vater aufzuopfern.

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(Fortsetzung folgt!)

Siehe dazu in meinem Blog „Heilige Gebete und Andachten“: „Die Andacht zum kostebaren Blute Jesu Christi“

DIE GROSSE VERSÖHNUNGSMACHT

 

Das Kostbare Blut Jesu Christi

Wie zahlreich und mannigfach sind doch die Beleidigungen, die der ewigen Majestät Gottes zugefügt werden. In satanischem Hass erheben sich die Menschen gegen Gott und suchen jeden Gedanken an Ihn auszulöschen. Solche Frevel aber fordern den Zorn Gottes heraus, der in furchtbaren Strafgerichten über uns herabkommt. In erschreckenden Bildern zeigt uns die Geheime Offenbarung des heiligen Johannes, wie Gott seine Engel beauftragt, die Schalen, die mit seinem Zorne gefüllt sind, über die Menschheit auszugießen. So stehen wir inmitten der Gerichte Gottes, die vielleicht noch erschreckender als bisher über die Menschheit kommen werden.

Gibt es da keine Versöhnung? Wir haben sie im Kostbaren Blute Jesu Christi. Sie muss nur gebraucht werden.

„Gott ist die Liebe“ (1. Joh. 4, 16). Er ist immer zur Versöhnung bereit. „Ich will nicht tun nach der Glut meines Zorns … Denn ich bin Gott und kein Mensch, in deiner Mitte der Heilige“ (Osee 11, 9): Doch die Gerechtigkeit Gottes verlangt Genugtuung und Sühne. Diese aber kann nur durch das Kostbare Blut Jesu Christi geleistet werden. Dieses teure Blut allein entspricht nämlich der beleidigten Majestät Gottes, weil es das Blut des Sohnes Gottes ist und somit eine unendliche Würde vor Gott besitzt; weil es der Preis unserer Erlösung ist und so einen unendlichen Wert vor Gott hat. Schon der heilige Clemens ruft uns zu: „Wir wollen aufblicken zum Blute Christi und erkennen, wie kostbar es vor Gott, unserem Vater ist, weil es zu unserem Heile vergossen, der ganzen Welt die Umkehr zu Gott gebracht hat.“

Wegen dieser göttlichen Würde und dieses einzigartigen Wertes trägt das Kostbare Blut Jesu Christi immer wieder die Macht der Versöhnung in sich. Jedoch wird die Versöhnung des himmlischen Vaters durch das Kostbare Blut nicht ohne uns nein sogar in uns und mit uns erfolgen.

Darum ist es von entscheidender Wichtigkeit, dass wir mit unerschütterlichem Vertrauen zum Kostbaren Blute unseres Herrn aufschauen, es mit gläubigem und glühendem Herzen auffangen und ihm niemals den Zustrom durch die Sünde versperren.

„Darum möge ein jeder seine Verfehlungen verabscheuen und das unserem Erlöser angetane Unrecht nach Kräften wieder gut zu machen trachten, er möge in brennender Liebe Ihm nachfolgen und das beweisen durch ein von christlichen Sitten erfülltes Leben. Und da Christus mit seinem grausamen Blutvergießen alles menschliche Leiden verklärt hat, sollen alle, die Schmerzen und Elend zu erdulden haben, von Ihm lernen, sie mit Gleichmut und zum Himmel erhobenem Geiste zu ertragen, eingedenk jenes göttlichen Ausspruches: „Wer das Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nicht nachfolgt, ist meiner nicht wert“ (Matth. 10, 38). Und wie unser Heiland durch seine schmerzlichen Qualen unsere Betrübnisse aller Art versüßen und erträglicher machen wollte, so sollen auch wir nach seinem Beispiele die Bedrängnis und Schmerzen der anderen mildern und ihnen nach Möglichkeit Trost und Hilfe spenden“ (Aus dem Schreiben des Heiligen Vaters Papst Pius XII. an den Generaloberen der Missionäre vom Kostbaren Blute anlässlich der Jahrhundertfeier des Festes vom Kostbaren Blute Jesu Christi).

„Das Blut Christi ist der Purpur, der die Seelen der Heiligen durchtränkt, nicht nur als Farbe hell erstrahlend, sondern auch als Macht“ (Ambrosius Ps. 118, 17.20).  So wird nämlich das Kostbare Blut Jesu Christi unsere Seelen nicht nur reinigen und in neuem Lichte erstrahlen lassen, sondern es wird in uns auch zu einer Macht, der selbst der erzürnte Vater im Himmel nicht widerstehen kann. Es wird in uns zur großen Versöhnungsmacht, die den Zorn Gottes besänftigt und die Liebe des himmlischen Vaters uns wieder zuwendet.

Glauben wir fest an die Macht des Kostbaren Blutes und machen wir sie uns zu eigen; dann werden wir den Vater versöhnen und die Welt retten.

Blut Christi stärke uns!

(Fortsetzung folgt!)

Siehe auch: diesen Artikel in meinem Blog „Heilige Gebete und Andachten“!

DER BLITZABLEITER

Der zukünftige Geschichtsschreiber, der die Geschichte dieser Katastrophenzeit schreibt, wird auch Kapitel über den Aberglauben einschalten. Nichts ist natürlicher, als dass der Mensch nach Mitteln sucht, um dem Unglück zu entrinnen, um sich schuss- und hiebsicher zu machen gegenüber den zahllosen Gefahren, die ihn umgeben. Leider greift er dabei vielfach nach Dingen, die weder mit der Religion noch mit der Vernunft etwas zu tun haben. Die katholische Kirche, welche immer die Religion des gesunden Menschenverstandes gewesen ist, hat mit diesen lächerlichen Schutzmitteln gegen Unglück und Gefahr nichts zu schaffen. Sie ist z.B. gegen jene Schwindelgebete, die, wenn neunmal abgeschrieben, unfehlbar vor allem Unheil bewahren.

Damit ist aber keineswegs gesagt, dass es nicht Schutzmittel gegen Krankheit und Unglück gibt. Im Gegenteil! Die Kirche hat immer geglaubt dass sie als Universalerbin Jesu Christi nicht nur gegen die Sünde, sondern auch gegen die Folgen der Sünde Macht habe. In diesem Sinne gebraucht sie den heiligen Namen Jesu, das Kreuzzeichen, das geweihte Wasser, Medaillen und Skapuliere und andere gesegnete Gegenstände, die man Sakramentale nennt. Sie erblickt darin keine unfehlbaren, in allen Fällen wirksamen Mittel gegen das Unglück. Aber sie sieht darin, gestützt auf die Heilige Schrift und die Erfahrung, einen mächtigen Schutz gegen zahlreiche Leiden. Alle die Schutzmittel aber haben ihre Kraft vom Kostbaren Blut. Das Kostbare Blut Jesu, das große Schutzmittel der Christenheit!

Die alttestamentliche Kirche seufzte schwer in der ägyptischen Gefangenschaft. Ein harter Kulturkampf erdrückte das auserwählte Gottesvolk. Menschlich gesprochen war es verloren. Ägyptens stolze Kulturmacht triumphierte. Auf einmal hatte Gott genug. Das Maß war voll. Die Wetter Gottes zogen sich zusammen über dem Ägypterland. Der Nilstrom wurde in einen Blutstrom verwandelt. Kein Wesen konnte davon trinken. Alle Fische starben. Es vergingen sieben Tage. Das ganze Land wurde bedeckt mit ekelhaften Fröschen bis hinein in die Häuser, in die Küchen, in die Schlafzimmer. Verwesensgeruch war über dem Land. Dann kamen Mücken, bedeckten Menschen und Vieh. Und es kam die Pest über die Pferde und die Kamele und die Rinder und die Schafe und es starb vor allem Vieh der Ägypter.

Und Moses streckte seinen Stab aus gen Himmel und der Herr ließ donnern und hageln und es fuhren Blitze hin und her zur Erde. Und der Hagel schlug im ganzen Land Ägypten alles, was auf dem Felde war, vom Menschen bis zum Vieh. Alles Kraut des Feldes schlug der Hagel und alle Bäume des Landes zerbrach er. Und der Herr sprach zu Moses: strecke deine Hand aus über das Land, dass die Heuschrecke heraufkomme und alles Kraut fresse, das der Hagel übrig liess. Und die Heuschrecken bedeckten das ganze Land und verwüsteten alles. Und es blieb nicht Grünes an den Bäumen und am Kraut des Landes in ganz Ägypten und dann kam die große Finsternis über das Land und um Mitternacht schlug der Herr alle Erstgeburt. So spricht der Herr am Tage seiner Abrechnung mit den Völkern.

Und nun das Wunder! Wo die Söhne Israels wohnten, fiel kein Hagel. Und in den Häusern Israels war kein Toter. Und die Ursache dieses Wunders? Die beiden Türpfosten und die Oberschwelle der Häuser der Israeliten wurden besprengt mit dem Blute eines Lammes. Des Vorbildes jenes Lammes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. So groß ist die Macht dieses am Kalvarienberg vergossenen Blutes, dass es durch Jahrhunderte und Jahrtausende rückwärts wirkt und vor seinem Schatten furchtbare Völkerkatastrophen wie gebannt Halt machen. Der Tod weicht scheu vor diesem Zeichen. Die Verehrung des Kostbaren Blutes in den Zeiten großer Katastrophen bewirkt, dass der gerechte und zürnende Gott mit seinen Strafgerichten schonend vorüberzieht. Darum das große Passahfest des Alten Bundes, das Hauptfest Israels mit dem jährlichen Osterlamm in jeder Familie. Es will erinnern an die Wahrheit: das Kostbare Blut ist die Rettung der Menschheit.

Die Wahrheit, die am Anfang der Geschichte Israels steht, steht riesengroß, alles überragend auch in der Mitte der Zeiten auf dem Golgathaberg: die Rettung der Menschheit liegt im Kostbaren Blute. Was das Alte Testament andeutete, das stellt das Neue in das Zentrum der ganzen Religion: Jesus arbeitete 33 Jahre am Erlösungswerk. Ein Wort von ihm, ein Gebet, eine Tat, war imstande, unermessliche Welten zu retten. Aber Gott wollte keine Erlösung durch das Wort allein und keine durch das Wunder, sondern eine Erlösung durch das Blut. Nicht auf der Kanzel sollte das „es ist vollbracht“ gesprochen werden, sondern am Altar des Kreuzes.

Die Schriften der Apostel werden nicht müde es zu betonen: wir sind erkauft durch das Blut Christi (Apg. 20, 28). Die Erlösung ist durch das Blut Jesu (Eph. 1, 7). Ohne Blut keine Vergebung (Hebr. 9, 21). Der Neue Bund ist im Blute Jesu (11, 25). Der Mittelpunkt der Weltgeschichte ist wohl das Jahr 1-33. Der Mittelpunkt der Jahre 1-33 ist die Persönlichkeit Jesu des Sohnes Gottes. Der Mittelpunkt im Leben Jesu ist der Tag auf dem Kalvarienberg, nachmittags 12–3 Uhr. Der Mittelpunkt des Leidens und Sterbens Jesu ist das Kostbaren Blut. Im Blute Jesu liegt das ganze Christentum.

 Im Blut ist die Seele, lautet ein Grundsatz des Alten Bundes. Es gilt auch vom Neuen Testament. Im Blute Jesu liegt die Seele des ganzen Erlösungswerkes, die ganze Glaubenslehre, die ganze Gnadenlehre, das Messopfer, die Sakramente. Im Blute Jesu das Heil der ganzen Welt! Wenn es einen Himmel gibt, wenn mit dem Jüngsten Tag das Paradies wiederhergestellt wird und es hinführ keinen Tod, kein Leiden, keine Sünde mehr gibt auf Erden, die Ursache ist die unendliche Liebe und Erbarmung Gottes. Der Beweggrund aber für diese Tat der Liebe das Kostbare Blut!

Man ist Christ in dem Maße, als man an dieser zentralen Wahrheit des Christentums festhält. Man ist nicht Christ in dem Maße, als man die Zentralwahrheit leugnet oder missachtet. Im Blute Jesu das Heil der ganzen Welt, das körperliche, das irdische, das ewige. Es gibt keine Andacht, keine einzige, die so sehr im tiefsten innersten Wesen unserer heiligen Religion beruht, keine, die man in gewissem Sinne so mit Recht als alleinseligmachend bezeichnen darf wie die Verehrung des Kostbaren Blutes.

 Was das ganze Alte Testament beherrscht, was im Mittelpunkt der Weltgeschichte wie eine Sonne als Zentralgeheimnis leuchtet, das muss auch für die letzten Zeiten im Vordergrund stehen. Alles Heil der Welt im Blute des Lammes! Das kostbare Blut alleinseligmachend! Es ist das eine Wahrheit, die man nicht mehr beweisen sollte. Was bisher immer Weltgesetz gewesen ist, was seit Jahrtausenden im Opfer aller Völker seinen Ausdruck gefunden, das muss auch heute noch Welt gesetzt sein: Das Blut des Lammes, das wunderbare Schutzmittel gegen gottesgerechte Strafgerichte! Wenn das Blut Christi zum Vater um Erbarmen ruft, scheint mit der Notwendigkeit eines Weltgesetzes folgendes zu geschehen: der Arm, der erhoben war, um die Völker zu strafen, senkt sich, um die Völker zu absolvieren.

Im Jahre 1904 wurde zu Rom der ehrwürdige Caspar Bufalo seliggesprochen. Er gründete vor 100 Jahren nach den großen napoleonischen Kriegen die Kongregation vom Kostbaren Blute. Der Selige tat oft prophetische Blicke in Europas Zukunftsgeschichte. Was er sah, war derart schrecklich, dass er im Innersten schauderte und unter Tränen seine Mitbrüder immer ermahnte, sie möchten doch immer und immer das Kostbare Blut Jesu Christi dem himmlischen Vater aufopfern um Abwendung der drohenden furchtbaren Strafgerichte. Er versicherte, dass in den für die kommenden Zeiten angekündigten Heimsuchungen diejenigen Barmherzigkeit finden werden, welche das Kostbare Blut in besonderer Weise verehren.

 Es hätte eigentlich dazu keine Offenbarung eines Heiligen gebraucht. Die Passahnacht beim Auszug aus Ägypten und die christliche Lehre über das Kreuzesopfer hätten genügen sollen, so dass das Kostbare Blut immer vor unseren Augen wäre als das große Versöhnungsmittel. Dass wir so vergesslich sein konnten und etwas so wichtiges keinen starken Eindruck mehr auf uns machte, beweist, wie wenig tiefes innerstes Christentum noch unter uns ist. Das Kreuz ist nach dem Erlösungsplan Gottes der Blitzableiter der göttlichen Gerechtigkeit. Gott muss strafen, weil Gott gerecht sein muss. Gott muss gerecht sein, weil Gott Gott sein muss. Was geschah? Der Sohn Gottes wurde einer von uns. Dann stieg er im Namen der Menschheit auf Golgotha. Alle Wetter von allen vier Enden der Erde zogen sich auf dem Kalvarienberg zusammen. Christus wurde der Blitzableiter des Menschengeschlechtes.

Nur unter einer Bedingung für uns: Wir müssen uns mit Jesus am Kreuze solidarisch erklären! Wir müssen in unbedingtem Glauben, Vertrauen, in Liebe und Treue eins sein mit Jesus. Wir müssen, wie man zu sagen pflegt, im Kontakt stehen mit dem Kostbaren Blut. Sonst müssen, wieder nach einem Naturgesetze, Gottes Blitze uns treffen. Das geschieht seit 1914: Die Verbindungen, die alle Völker der Erde in unsichtbaren Leitungen mit dem Heiligen Blut vereinigen sollten sind gleichsam durch den öffentlichen Geist der Gottlosigkeit zerrissen. Es ist klar, dass seither Gottes Blitze einschlagen müssen. Entweder das kostbare Blut des Sohnes Gottes oder das Blut der Menschheit! Die Menschheit hat ein einfaches Mittel, die Katastrophen zum Stillstand zu bringen: den Kontakt mit dem Kostbaren Blut wiederherzustellen.

Entweder das Blut des Lammes oder das Blut des Menschengeschlechtes.

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Quelle: Robert Mäder: Das Kostbare Blut Christi (Katholisch 15)