„Anruf an uns und an die ganze Welt“

19.07.2017 Foto: Wächter — Für den geistlichen Kampf empfiehlt Maria ihren Kindern den Rosenkranz und persönliche Bekehrung. Daran erinnerte Weihbischof Florian Wörner in seiner Predigt.

Symposium in Marienfried zeigt die geschichtstheologische Bedeutung der Erscheinungen von Fatima für Russland und Deutschland. Von Julia Wächter

Marienfried (DT) Mit gerade einmal zehn Jahren hat Erich Maria Fink von der Botschaft der Gottesmutter in Fatima erfahren, die im Jahr 1917 zur Weihe Russlands an ihr Unbeflecktes Herz aufgerufen hatte. Von da an wollte er Priester werden und „für die Bekehrung Russlands arbeiten“. Schon als junger Bub habe er gespürt, dass „diese besondere Erwählung Russlands etwas Positives an sich hat“, dass „Russland, wenn es zu Gott zurückgefunden hat, eine Schlüsselrolle“ für den Frieden in Europa spielen werde. Heute ist Erich Maria Fink Pfarrer in Beresniki. Sein „Kindertraum“, so Fink, ging in Erfüllung. Beim Fatima-Symposium in der Gebetsstätte Marienfried im Bistum Augsburg berichtete er kürzlich von seinen Erfahrungen. Die Frage nach den Auswirkungen Fatimas auf Russland, aber auch auf Deutschland, wurde zum Leitfaden des Symposiums, das mittlerweile zum zweiten Mal von Clemens Maria Henkel, dem Direktor der Gebetsstätte, veranstaltet wurde. Anschließend fand der „Große Gebetstag“ statt.

Dass die Aussagen über Russland zum „Wesenskern von Fatima“ gehören, daran besteht für Fink kein Zweifel. Im zweiten Teil des „Geheimnisses“ von Fatima findet Russland direkte Erwähnung. Johanna von Siemens, gottgeweihte Frau im Regnum Christi, führte die Symposiumsteilnehmer in die Botschaft ein. Sie stellte die vorausgehenden Engelserscheinungen im Jahr 1916 und die Marienerscheinungen von 1917 vor. In Bezug auf Russland warnt die Gottesmutter in Fatima vor Krieg und Verfolgung der Kirche, vor Irrlehren, die Russland in der ganzen Welt verbreiten werde. Wie dieses Unheil verhindert werden kann, zeigt Maria zugleich auf, wenn sie bittet, der Papst möge in Einheit mit allen Bischöfen Russland ihrem Unbefleckten Herzen weihen.

Wie kein anderes Volk, so Fink, habe Russland „unter den Manifestationen des Bösen im 20. Jahrhundert gelitten“. Die prophetischen Worte der Gottesmutter hätten sich im durch den deutschen Nationalsozialismus entfesselten Zweiten Weltkrieg sowie durch den atheistischen Bolschewismus in Russland erfüllt. Fatima sei deshalb ein „Angebot der mütterlichen Liebe an das russische Volk“ gewesen, von diesen beiden gegen Gott gerichteten Regimen befreit zu werden.

Die Frage, ob das Angebot der Gottesmutter angenommen, ob also die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens durch die Päpste in gültiger Weise vollzogen worden ist, wird in der Forschung mannigfaltig diskutiert. In diesem Kontext wird zumeist angeführt, dass Russland in den Weiheformeln nicht explizit erwähnt worden ist. Albrecht von Brandenstein-Zeppelin, der seinen Vortrag unter das Thema „Ist die Weihe an das Unbefleckte Herz vollzogen?“ stellte, ging auf diese Debatte nicht im Detail ein, hob stattdessen die Pflicht jedes Einzelnen hervor, die Weihe nicht nur zu vollziehen, sondern auch zu leben. Erich Maria Fink berichtete von einem Brief Papst Pius‘ XII. vom 7. Juli 1952, in dem er explizit „die Völker Russlands“ dem Unbefleckten Herzen weihte, wenn freilich auch nicht in ritueller Form. Dennoch sagte Fink: „Dieser Brief verdient viel mehr Beachtung.“

Den Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens sieht Fink in einer erhofften Erneuerung des kirchlichen Lebens sowie in der Überwindung der Spaltungen der Christenheit. Als Ziel erkennt er die „Wiedervereinigung der russisch-orthodoxen Kirche mit dem Stuhl Petri“. Die Berichte Finks zeigten zugleich, dass der Weg dorthin noch ein weiter ist. „Die orthodoxe Kirche tut sich schwer mit Fatima“, gab er zu bedenken und berichtete von einer offiziellen Stellungnahme der russisch-orthodoxen Kirche vom 17. November 2011, die Fatima als eine Manifestation des Antichristen versteht. „Sie konnten nicht anders, als es so zu deuten“, erklärte Fink. Würde die russisch-orthodoxe Kirche die Echtheit der Erscheinungen von Fatima annehmen, müsste sie zugleich den Primat des Papstes anerkennen.

Neben der Verheißung für Russland sei im „Gesamtkomplex der Botschaft von Fatima“ eine „spezifische Botschaft“ für Deutschland enthalten, wie Dorothea und Wolfgang Koch herausstellten. Bezeichnend hierfür sei ein Brief Schwester Lucias an den deutschen Priester Ludwig Fischer. Darin schreibt die Seherin von ihren Gebeten für Deutschland, das – wenn auch „sehr langsam“ – in den „Schafstall des Herrn zurückkehren“ werde. Die Gebete, die Fischer seinerseits für sein Land sprach, sah Koch sich erfüllen in den Aufbrüchen der jungen Bundesrepublik.

So stellte das Ehepaar Koch die Bedeutung mehrerer von marianischer Spiritualität gezeichneter Persönlichkeiten für den Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg heraus, darunter Papst Pius XII., der mit Deutschland aus seiner Zeit als Nuntius vertraut war und als Papst die Welt dem Unbefleckten Herzen Mariens weihte, Konrad Adenauer, der den Friedenspreis der „Blauen Armee Mariens“, des heutigen „Fatima-Weltapostolats“, erhielt, sowie Kardinal Josef Frings, der Deutschland dem Unbefleckten Herzen Mariens weihte.

Maßgeblich für die Verkündigung der Botschaft von Fatima in Deutschland war zudem Rudolf Graber, von 1962 bis 1982 Bischof von Regensburg – das stellte Adolfine Therese Treiber vom Institutum Marianum Regensburg heraus. Graber gilt heute als einer der bedeutendsten Mariologen des vergangenen Jahrhunderts. Von Fatima erfahren hatte er durch Ludwig Fischer, der es, so Treiber, „wahrlich verdient hat, als erster Künder der Botschaft von Fatima im deutschen Sprachraum“ bezeichnet zu werden. Treiber stellte dar, wie Graber die Zeitschrift „Bote von Fatima“, die von Ludwig Fischer ins Leben gerufen wurde, nach dessen Tod in das Institutum Marianum eingliederte und ihr so zu weiteren Blüten verhalf. In der Botschaft von Fatima habe Bischof Graber stets den Imperativ hervorgehoben. Fatima sei „nicht bloß eine besondere Art der Marienverehrung“, sagte Graber 1987 bei einem Fatima-Gebetstag im bayerischen Eggenfelden: „Fatima bedeutet einen Anruf an uns und an die ganze Welt.“ In derselben Predigt erwähnte er auch Fischer und dessen Berichte über Fatima, von denen Graber nach eigener Aussage zunächst „nicht sonderlich berührt“ gewesen war. Erst als er sich der geschichtstheologischen Bedeutung Fatimas bewusst wurde, als er die Erscheinungen „auf dem Hintergrund der damaligen Zeit betrachtete“, gewann er Zugang. Mit den Worten des Pastoraltheologen Ludwig Mödl sprach Treiber von der Fähigkeit Grabers, „Weltereignisse in Zusammenhang mit Marienerscheinungen“ zu bringen und „marianischen Aussagen kirchengeschichtliche Bedeutung“ zuzumessen.

Dass Fatima neben seiner geschichtlichen Bedeutung eine ebensolche Aktualität für unsere Zeit birgt, zeigte der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, der mit einem Pontifikalamt das Symposium eröffnet hatte. Er rief die Schreckensbilder aus dem Irak, Syrien oder auch aus Hamburg während des G20-Gipfels vor Augen, hinter denen sich ein „geistlicher Kampf“ abspiele. Entgegnet werden könne dem mit der „geistlichen Waffe des Gebets“, dem Rosenkranz, mit Umkehr, Vergebung und Opfer, wie es die Gottesmutter in Fatima gefordert hatte. Die Beter in Marienfried, die das Symposium geistlich nährten, gingen mit gutem Beispiel voran.

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