Angelus: „Wer mit Christus stirbt, wird mit ihm auferstehen“

Der Petersplatz beim Angelusgebet

Dass der Weg des Christen ein Weg der Hingabe und des Opfers ist – daran hat der Papst beim Angelusgebet auf dem Petersplatz erinnert. Am zweiten Fastensonntag rief der Papst die Gläubigen dazu auf, die Bereitschaft zum Kreuz im eigenen Alltag zu verankern.

Der Papst ging beim Angelus von der Transfiguration Jesu auf dem Berg Tabor aus, von der das Matthäusevangelium erzählt (Mt 17,1-9): dem Moment, als Jesus vor den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in verklärter Form und mit den Propheten Mose und Elija erscheint. Das lichtvolle Ereignis nehme den Sieg Jesu vorweg und verweise zugleich auf den Weg, den die Jünger zu gehen hätten, so der Papst:

„Der verklärte Jesus auf dem Berg Tabor wollte den Jüngern seine Herrlichkeit nicht zeigen, um zu verhindern, dass sie den Weg des Kreuzes gehen, sondern um ihnen zu zeigen, wohin dieser führt. Wer mit Christus stirbt, wird mit Christus wiederauferstehen. Und das Kreuz ist die Tür der Auferstehung. Wer mit ihm zusammen kämpft, wird mit ihm siegen. Das ist die Botschaft der Hoffnung, die Jesu Kreuz beinhaltet, sie appelliert an die Stärke unserer Existenz. Das christliche Kreuz ist kein Hausrat oder ein Ornament, sondern ein Verweis auf die Liebe, mit der sich Jesus geopfert hat, um die Menschheit vom Bösen und von der Sünde zu retten.“

Nicht als mächtiger und ruhmsüchtiger Herr habe sich Jesus gezeigt, sondern als „demütiger und unbewaffneter Diener“, erinnerte der Papst. Mit seiner Offenbarung auf dem Berg der Verklärung habe Jesus seine Jünger auch auf den „Skandal der Kreuzigung“ vorbereiten wollen, die kurze Zeit später stattfinden sollte. Franziskus rief an dieser Stelle die Gläubigen dazu auf, sich in der Fastenzeit mit Buße auf das Osterfest vorzubereiten:

„Betrachten wir in dieser Fastenzeit mit Hingabe das Bild des Kreuzes, Jesus am Kreuz: es ist ein Symbol des christlichen Glaubens, das Sinnbild Jesu, der für uns starb und wiederauferstand. Bemühen wir uns darum, dass das Kreuz die Etappen unserer Fastenzeit prägt, damit wir immer mehr die Schwere der Sünde und den Wert des Opfers verstehen, mit dem der Erlöser uns gerettet hat, uns alle.“

(rv 12.03.2017 pr)

Die Papstpredigt am Aschermittwoch

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Stationengottesdienst zum Aschermittwoch: Hier in Santa Sabina – RV

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes in der offiziellen Übersetzung

»Kehrt um zu mir von ganzem Herzen, […] kehrt um zum Herrn« (Joël 2,12.13): Das ist der Ruf, mit dem sich der Prophet Joël im Namen des Herrn an das Volk wendet. Keiner konnte sich ausgenommen fühlen: »Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säuglinge; […] Bräutigam […] und Braut« (V. 16). Das ganze gläubige Volk ist aufgerufen, sich auf den Weg zu machen und seinen Gott anzubeten, »denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld« (V. 13).

Auch wir wollen diesem Aufruf Gehör verschaffen; wir wollen zurückkehren zum erbarmungsvollen Herzen des Vaters. In dieser Gnadenzeit, die wir heute beginnen, richten wir wieder unseren Blick auf seine Barmherzigkeit. Die Fastenzeit ist ein Weg: Sie führt uns zum Sieg der Barmherzigkeit über alles, was uns zu erdrücken sucht oder was uns zu irgend einer Sache machen will, die nicht unserer Würde als Kinder Gottes entspricht. Die Fastenzeit ist die Straße von der Knechtschaft in die Freiheit, vom Leiden zur Freude, vom Tod zum Leben. Das Zeichen der Asche, mit dem wir uns auf den Weg machen, erinnert uns an unsere ursprüngliche Situation: Wir sind von der Erde genommen, wir sind Staub. Ja, aber Staub in den liebenden Händen Gottes, der seinen Lebensgeist über jeden von uns blies und dies auch weiter tun will. Er will fortfahren, uns diesen Lebensatem zu geben, der uns vor anderen Weisen des Atemholens bewahrt: der Beklemmung, die durch unsere Egoismen hervorgerufen wird; dem Um-Luft-Ringen, das durch kläglichen Ehrgeiz und stumme Teilnahmslosigkeit hervorgerufen wird; der Atemnot, die den Geist erstickt, den Horizont verengt, den Herzschlag einschlafen lässt. Der Lebensatem Gottes rettet uns vor dieser Luftnot, die unseren Glauben auslöscht, unsere Nächstenliebe erkalten lässt und unsere Hoffnung vernichtet. Die Fastenzeit leben heißt nach diesem Lebensatem lechzen, den unser Vater uns unaufhörlich im Schmutz unserer Geschichte darbietet.

Der Lebensatem Gottes befreit uns von jener Luftnot, die uns so oft nicht bewusst ist und die wir in unserer Gewohnheit sogar als „normal“ ansehen, auch wenn ihre Wirkungen zu spüren sind. Sie scheint uns „normal“, weil wir uns daran gewöhnt haben, Luft zu atmen, wo die Hoffnung dünn geworden ist; Luft, die von Traurigkeit und Resignation belastet ist; Luft, die voll Angst und Feindseligkeit stickig ist.

Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen. Nein zur Erstickung des Geistes wegen der Luftverschmutzung, die durch die Teilnahmslosigkeit verursacht wird oder durch die Nachlässigkeit, zu denken, dass das Leben des Anderen mich nichts angeht. Nein zur Erstickung des Geistes wegen jedes Versuchs, das Leben zu banalisieren, besonders bei denen, die am eigenen Fleisch die Last großer Oberflächlichkeit tragen. Die Fastenzeit will nein sagen zur giftigen Luftverschmutzung der leeren Worte und des sinnlosen Redens, der rüden und vorschnellen Kritik, der allzu simplen Rezepte, die die Vielschichtigkeit der Probleme der Menschen nicht zu erfassen vermögen, besonders derjenigen, die am meisten leiden. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen; nein zur Beklemmung durch ein Beten, das unser Gewissen ruhig stellt, und durch ein Almosengeben, das uns falsche Befriedigung schenkt; nein zur Atemnot durch ein Fasten, das uns das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen zur Erstickung, die von missverstandener Innerlichkeit herrührt, die ausschließt und zu Gott gelangen will, indem sie den Wunden Christi in den Wunden seiner Brüder und Schwestern ausweicht. Dies sind jene Formen von Spiritualität, die den Glauben zu einer Ghetto- und Ausschließungskultur machen.

Die Fastenzeit ist eine Zeit des Erinnerns. Sie ist die Zeit, nachzudenken und sich zu fragen: Was wäre mit uns, wenn Gott uns die Türen versperrt hätte? Was wäre mit uns ohne seine Barmherzigkeit, die nicht müde wird, uns zu verzeihen, und uns immer die Möglichkeit gibt, immer wieder neu anzufangen? Die Fastenzeit ist die Zeit, sich zu fragen: Wo wären wir ohne den Beistand so vieler stiller Gesichter, die uns auf tausendfache Weise die Hand hingestreckt und uns mit ganz konkreten Taten wieder Hoffnung geschenkt, uns geholfen haben, wieder neu anzufangen?

Die Fastenzeit ist die Zeit, um wieder durchzuatmen. Sie ist die Zeit, um das Herz dem Atem des Einzigen zu öffnen, der fähig ist, unseren Staub in Menschsein zu verwandeln. Es ist nicht die Zeit, um sich die Kleider zu zerreißen angesichts des Bösen, das uns umgibt; es geht vielmehr darum, in unserem Leben all dem Guten, das wir wirken können, Raum zu geben, indem wir uns dessen entledigen, was uns isoliert, uns verschließt und uns lähmt. Die Fastenzeit ist die Zeit des Mitfühlens, um mit dem Psalmisten zu sprechen: Herr, gib uns wieder die Freude deines Heils, rüste uns aus mit dem Geist der Großmut, damit wir mit unserem Leben dein Lob verkünden (vgl. Ps 51,14.17) und unser Staub – kraft deines Lebensatems – zu einem in dich „verliebten Staub“ wird.

(rv 01.03.2017 mg)

Der Weg in die Fremde verändert mein Leben

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Bischof Stefan Oster SDB

Predigt am Hochfest Erscheinung des Herrn im Dom zu Passau

 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in den letzten Jahren gibt es immer mehr junge Menschen, die meist nach dem Schulabschluss ein soziales Jahr oder ein so genanntes Volontariat im Ausland machen. Auch meine Ordensgemeinschaft, die Salesianer Don Boscos, bieten solche Möglichkeiten in den vielen Projekten, die der Orden weltweit unterhält. Und die erstaunliche Erfahrung ist oftmals diese: Wenn es den jungen Leuten gelingt, sich wirklich auf Land und Leute und auf die jeweilige Arbeit offen einzulassen, dann kommen sie meistens erstaunlich verändert zurück, reifer, erfahrener, mit einem klareren Blick auf die Welt und auf sich selbst. Häufig durfte ich erleben, dass so ein Jahr mehr an innerer Veränderung bewirkt als viele Jahre davor und danach. Warum ist das so?

IN DER VERTRAUTEN WELT BIN ICH WENIGER MIT MIR SELBST KONFRONTIERT

Nun, jeder von uns ist einigermaßen vertraut mit der Welt in der er hier lebt. Er gibt sich sprechend und handelnd in diese Welt hinein. Und die vertraute Welt und die anderen Menschen antworten. Man bekommt in der Regel Reaktionen zurück, die man erwartet, die man kennt und erlernt hat. In der vertrauten Umgebung sind Sie deshalb auch mit sich selbst vertraut. Die anderen Menschen, die Umwelt reagiert auf Ihr Handeln in einer erwartbaren Weise, die Sie oft schon kennen oder vorausahnen. Das heißt, Sie werden in einer vertrauten Welt meist sehr viel weniger mit sich selbst konfrontiert. Sie lernen dann oft auch weniger über sich selbst.

DIE FREMDE WELT BRINGT AUCH IN MIR NEUES, MANCHMAL FREMDES HERVOR

Aber in einer fremden Welt, mit fremden Menschen, fremden Sitten und Gebräuchen, fremder Sprache, da kommen auf Ihr Dasein und Sprechen und Handeln andere Reaktionen zurück, solche, die Sie nicht erwarten. Solche, die Sie nicht antizipieren können. Das bedeutet, Sie lernen in einer fremden Welt auch sich selbst und Ihre Reaktionen und Ihr Vermögen, damit umzugehen, noch einmal ganz neu kennen. Und damit lernen Sie oft neu und tiefer etwas über sich selbst. Sie sind freilich auch verletzbarer, schutzloser, weniger kontrolliert. Das heißt, das Hinausgehen in die Fremde ist auch ein Risiko: Wer weiß, was Ihnen da alles widerfährt, was Sie nicht absehen können? Aber wenn Sie trotzdem einigermaßen offen bleiben, werden Sie sich selbst ganz neu entdecken, neue Seiten an sich, neue Eigenschaften, auch neue Verletzbarkeiten, neue Höhen und Tiefen.

ES GIBT AUCH RISIKOMINIMIERER

Freilich, es gibt auch die Risikominimierer. Menschen, die zum Beispiel auf Reisen gehen, und trotzdem nur dorthin gehen, wo sie das Vertraute treffen können, also in gewisser Weise verlässlich auch nur sich selbst. Sie gehen dann auch im Ausland zum Beispiel nur dorthin, wo sie ein Wiener Schnitzel und ein Bayerisches Weißbier bekommen, oder wo es auch ein McDonalds gibt, oder sie umgeben sich wieder nur mit Landsleuten und ähnliches. Solche Menschen werden dann auch beim Gehen in die Fremde kaum wachsen und reifen. Sie bleiben innerlich irgendwie stehen. Es gibt ein Wort des berühmten Philosophen Hegel, das das Phänomen erklären kann. Hegel sagt: Fortgang ist Rückgang in den eigenen Grund. Was bedeutet das? Es bedeutet: Die Begegnung mit der Fremde oder dem Fremden zeigt auch, dass es tiefer in mir Seiten gibt, Potentiale, die mir auch noch fremd sind, die ich aber entdecken kann, weil sie zu mir gehören, an denen ich wachsen kann.

KANN ICH DURCH DIE BEGEGNUNG MIT DEM ANDEREN GANZ NEU WERDEN?

Und wenn das richtig ist, ist die Frage, die sich mir stellt: Kann es eine Begegnung mit dem Fremden geben, ein Hinausgehen, das mir so tief geht, so nahe geht, dass ich wirklich neu werde? So, dass Reifung und Veränderung nicht nur die eine oder andere neue Eigenschaft hervorbringt, sondern so, dass ich spüre, der Grund meines Seins hat sich verändert, der Sinn meines Daseins ist neu geworden. Ich bin vielleicht äußerlich derselbe, aber nun gehe ich innerlich einen anderen Weg, mein Leben hat einen anderen, tieferen Sinn bekommen. Ich bin wie neu geboren?

DIE ERFAHRUNG DER STERNDEUTER

Liebe Schwestern, liebe Brüder, als Antwort auf diese Frage kann man nun die Geschichte der drei Sterndeuter lesen, die uns heute die Liturgie schenkt. Da sind gelehrte, weise Männer, die offensichtlich in der Lage sind, die Zeichen der Natur zu lesen, die Sterne zu lesen. Und sie sind auf der Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Ganzen. Sie sehen ein neues, gewaltiges Naturphänomen am Himmel und sie kennen womöglich die heiligen Bücher des jüdischen Volkes, in denen ein neuer König verheißen wird, auf dem Thron Davids. Und sie halten es für möglich, dass sie in ihm einen finden, der der Welt Frieden schenkt und Heil und sie bringen den Stern mit dieser Verheißung in Verbindung. Sie ziehen los, gehen nach Jerusalem und gehen zunächst dort in eine immer noch vertraute Vorstellung hinein: Wenn ein König geboren wird, dann geht man zuerst in den Königspalast, dort wo es Macht gibt und Pracht. Sie gehen also zu Herodes, aber sie spüren mit ihrem offenen Herzen: Das kann es wohl nicht sein. Sie erfahren freilich von den Schriftgelehrten des Herodes den Namen Betlehem und sehen plötzlich den Stern wieder. Sie folgen dem äußeren Stern, der aber tief mit dem Leuchten und Brennen ihrer inneren Sehnsucht korrespondiert. Und tatsächlich: der Stern führt sie nach Betlehem zu Maria, zu Josef und ihrem Kind. Und wenn sie vorher im Königspalast einen korrupten, machtgierigen und mörderischen König getroffen haben, so entdecken sie jetzt in diesem armen Stall, in dieser erbärmlichen Umgebung ein Königtum, das sie nie erwartet hatten. Mitten in der Armut dieser Menschen leuchtet ihnen ein ungeahnter, unfasslicher Reichtum auf: Sie spüren königliche Seelen, menschliche Klarheit und Schönheit, Demut und Liebe, wie sie es nie zuvor gekannt haben. Und sie spüren, dass das Kind der Stern ist, den sie gesucht haben. Der Sinn für ihr Leben, die Richtung für ihr Leben, die Tiefe geht ihnen auf in einem Baby, vor dem sie anbetend niederfallen. In diesem königlichen Kind erfüllt sich jetzt schon die uralte Verheißung der Schriften, dass alle Völker in Israel werden einen König finden können. Einen, der für die ganze Menschheitsfamilie Sinn bringt, einen Stern, der die Richtung nach Hause weist, einen Frieden, der nicht von Menschen gemacht ist.

SIE ZOGEN AUF EINEM ANDEREN WEG ZURÜCK

Und am Ende der heutigen Erzählung heißt es schließlich: Sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land. Sie gehen nicht zurück zu Herodes, sie suchen nicht mehr Macht und Reichtum. Sie gehen einen anderen Weg und sie sind auch anders geworden.

ES IST DIE GESCHICHTE VON UNS ALLEN

Liebe Schwestern, liebe Brüder, hier in dieser Erzählung kommen wir alle vor. Die allermeisten von uns entstammen nicht dem jüdischen Volk, wie die Sterndeuter auch nicht. Auch wir kommen von überall her, wir sind ursprünglich Heiden. Und wir sind bildlich gesprochen alle zur Krippe hingezogen. Und wir sind von dort als Getaufte wieder weg gezogen. Und jetzt geht es um die Frage: Wenn wir jedes Jahr Weihnachten feiern, geht uns dann noch etwas auf von dem Geheimnis unserer Taufe auf den Namen des Kindes? Gehen wir von der Krippe als neue, als weihnachtliche Menschen wieder weg, einen anderen Weg als wir gekommen sind? Geht uns noch manchmal auf, dass das Kind in der Krippe eigentlich ein Kind ist, das uns aus dem Vertrauten ziemlich radikal weg führt? Ahnen wir, dass das Kind uns aus der Behaglichkeit dieses Festes in eine Fremde führt, die auch ganz anders ist als das, was wir durchschnittlich vom Leben erwarten? Denn das Kind steht nicht für die beständige Suche nach Anerkennung, nach Lusterfüllung, nach Sicherheit, nach Macht und materiellem Wohlstand. Das Kind sagt uns vielmehr: In alledem, was Dir hier in Deinem Wohlstandsland so vertraut ist, was Du so selbstverständlich genießt, in alledem liegt nicht Dein Heil. Das Kind wird uns später in seinem Leben eine Bergpredigt halten, in der zuallererst die glücklich gepriesen werden, die arm sind vor Gott, die die lieben und Mitleid haben, die friedfertig und reinen Herzens sind, sogar die, die um des Kindes willen verfolgt werden.

JESUS IST DER GANZ NAHE – UND DOCH AUCH DER GANZ ANDERE

Erkennen wir also noch, Schwestern und Brüder, dass der Weg zu Jesus auch ein Weg in die Fremde ist? So sehr, dass dieser Weg, diese Begegnung uns dann auch tatsächlich tiefer in den eigenen Grund zurück führen kann, so sehr, dass wir spüren können: Wenn wir bei Ihm wirklich ankommen, wenn wir uns vom Geheimnis von Weihnachten wirklich berühren lassen, wenn wir das Geheimnis unserer Taufe auf den Namen Jesu wirklich anfangen zu leben, dann kehren wir auf einem anderen Weg nach Hause zurück. Denn dann wird er selbst für uns der Weg, der Weg, die Wahrheit und das Leben – und er wird selbst der, der uns heimführt zum Vater.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ist der Stern – und je weiter wir zu Ihm in den Stall hinausgehen, in diese fremde, armselige und doch so reiche Gegenwart, desto tiefer finden wir in den eigenen Grund zurück. Dorthin, wo der tiefste Sinn unseres Lebens aufleuchtet. Und so bitten wir den Herrn: Möge die Gnade, die von diesem weihnachtlichen Geheimnis ausgeht, immer wieder unser Herz öffnen und uns über das bloß Vertraute hinausführen. Mögen wir berührt werden davon, dass hier ein verborgener Stern am Grund unserer Seele aufleuchtet, in dem nichts weniger enthalten ist als der Sinn der Welt und der Sinn meines und Deines Lebens. Amen.

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Quelle

Epiphanie: Das zweite Weihnachten

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Anbetung des Kindes durch die Weisen: Epiphanie – RV

Am Tag der Epiphanie wird verschiedener Ereignisse im Leben Jesu gedacht, die ihn „epiphan“, also offenbar haben werden lassen: der Besuch der Weisen aus dem Osten und Erscheinung des Herrn, so die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes „Epipháneia“.Während an Weihnachten die Menschwerdung des Gottessohnes zu Bethlehem gefeiert wird, so ist Epiphanie das Sichtbar-Werden desselben für die Welt. Doch können diese beiden Feste nicht getrennt voneinander gesehen werden. Immerhin ist Epiphanie auch das Fest, an dem die orthodoxen Kirchen den Heiligabend feiern. Weil auch in der Westkirche an diesem Tag liturgisch noch immer die Heilige Nacht gefeiert wird, ist es eigentlich noch ein zweites Mal das Weihnachtsfest.

Doch dieses „zweite Weihnachtsfest“ will sagen: Nicht nur Gott ist zu den Menschen gekommen, sondern durch seine Tat sind die Menschen selbst in Bewegung geraten und gehen zu dem, der zu ihnen gekommen ist. Auf diese Bedeutung weist der volkstümliche Name des Fests, „Dreikönig“, hin: Die Sterndeuter aus dem Morgenland suchten sich durch alle Gefahren hindurch den Weg zum Kind.

Vom 3. Jahrhundert an wurde von der Dreizahl ihrer Gaben (Weihrauch, Myrrhe und Gold) auf drei Weise geschlossen, denen vom 6. Jahrhundert an Namen beigelegt wurden. Gleichzeitig wurden sie aufgrund alttestamentlicher Weissagung zu Königen gemacht. Der Legende zufolge, die ins 12. Jahrhundert zu datieren ist, sollen ihre Gebeine durch die Heilige Helena nach Konstantinopel gebracht worden sein. Von dort kamen sie nach Mailand. Später wurden sie nach Köln übertragen, wo sie im berühmten Dreikönigsschrein beigesetzt wurden.

Das Fest fordert dazu auf, sich dem unbegreiflichen Geheimnis der Liebe Gottes zu nähern, vor ihm auf die Knie zu fallen und anzubeten. Es lädt dazu ein, sich die eigene Sendung und die Verantwortung gegenüber der Welt noch mehr bewusst zu machen.

 

(rv 05.01.2017 jg)

Der Brief von Papst Franziskus an die Bischöfe der Welt zum Fest der Unschuldigen Kinder am 2. Januar 2017

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Lieber Bruder,

heute, am Tag der Unschuldigen Kinder, während in unseren Herzen noch die Worte des Engels an die Hirten nachklingen: »Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren« (Lk 2,10-11), ist es mir ein Bedürfnis, Dir zu schreiben. Es tut uns gut, noch einmal diese Botschaft zu hören; wieder zu hören, dass Gott in der Mitte unseres Volkes ist. Diese Gewissheit, die wir uns Jahr für Jahr neu vergegenwärtigen, ist Quelle unsere Freude und Hoffnung.

In diesen Tagen können wir erfahren, wie die Liturgie uns an die Hand nimmt und zum Herzen von Weihnachten führt, uns in sein Geheimnis einführt und allmählich zur Quelle der christlichen Freude gelangen lässt.

Wie die Hirten sind auch wir gerufen, diese Freude inmitten unseres Volkes wachsen zu lassen. Wir werden gebeten, uns um diese Freude zu kümmern. Ich möchte mit Dir die Einladung erneuern, uns diese Freude nicht nehmen zu lassen. Denn während wir oft – und nicht ohne Grund – von der Wirklichkeit, der Kirche oder auch von uns selbst enttäuscht sind, verspüren wir die Versuchung, uns an eine hoffnungslose, süßliche Traurigkeit zu klammern, die sich der Herzen bemächtigt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 83).

Gegen unseren Willen wird Weihnachten auch vom Weinen begleitet. Die Evangelisten nahmen es sich nicht heraus, die Wirklichkeit zu verschleiern, um sie glaubwürdiger oder anregender werden zu lassen. Sie nahmen es sich nicht heraus, einen „schönen“, aber irrealen Text zu verfassen. Weihnachten war für sie nicht ein imaginärer Zufluchtsort, wo man sich angesichts der Herausforderungen und Ungerechtigkeiten ihrer Zeit verstecken konnte. Vielmehr verkünden sie uns auch die Geburt des Sohnes Gottes in eine leidvolle Tragödie eingebettet. Mit einem Zitat des Propheten Jeremia stellt dies der Evangelist Matthäus mit großer Härte dar: »Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder« (2,18). Es ist das Wehklagen der Mütter, die angesichts der Tyrannei und der ungehemmten Herrschsucht des Herodes den Tod ihrer unschuldigen Kinder beweinen.

Es ist ein Wehklagen, das wir auch heute weiter hören können. Es bewegt uns in unserer Seele, und wir können und wollen es weder ignorieren noch zum Schweigen bringen. Unter den Menschen heute hört man leider – und ich schreibe dies tief bedrückt – das Wehklagen und Weinen vieler Mütter, vieler Familien um den Tod ihrer Kinder, ihrer unschuldigen Kinder.

Die Krippe zu betrachten heißt auch, dieses Weinen zu betrachten. Es bedeutet auch, zu hören lernen, was rundherum geschieht, und ein Herz zu haben, das empfindsam und offen ist gegenüber dem Schmerz des Nächsten, insbesondere wenn es sich um Kinder handelt. Es heißt ebenso erkennen zu können, dass noch heute dieses traurige Kapitel der Geschichte eben geschrieben wird. Die Krippe zu betrachten und sie dabei vom Leben, das sie umgibt, zu isolieren würde heißen, aus dem Weihnachtsgeschehen ein schönes Märchen zu machen, das in uns gute Gefühle hervorzurufen zwar imstande wäre, uns aber der schöpferischen Kraft der Frohbotschaft berauben würde, die uns das menschgewordene Wort schenken will. Und diese Versuchung gibt es.

Ist es möglich, die christliche Freude zu leben, während man diesen Wirklichkeiten den Rücken kehrt? Ist es möglich, die christliche Freude zu verwirklichen, während man das Wehklagen des Mitmenschen, der Kinder überhört?

Der heilige Josef war als erster gerufen, die Freude des Heils zu behüten. Angesichts der grausamen Verbrechen, die gerade geschahen, war der heilige Josef – Beispiel des gehorsamen und treuen Menschen – fähig, auf die Stimme Gottes und die ihm vom Vater anvertraute Sendung zu hören. Und weil er auf die Stimme Gottes zu hören wusste und sich von Gottes Willen leiten ließ, nahm er besser wahr, was ihn umgab, und konnte die Geschehnisse mit Realismus verstehen.

Heute wird auch von uns Hirten dasselbe gefordert, nämlich Männer zu sein, die zuhören können und nicht taub sind gegenüber der Stimme Gottes und so die Wirklichkeit besser wahrnehmen, die uns umgibt. Heute, mit dem heiligen Josef als Vorbild, sind wir aufgefordert, nicht zuzulassen, dass man uns die Freude nimmt. Wir sind aufgefordert, sie vor den Gestalten eines Herodes unserer Tage zu verteidigen. Und wie der heilige Josef brauchen wir Mut, um diese Wirklichkeit anzunehmen, um aufzustehen und sie in die Hände zu nehmen (vgl. Mt 2,20). Wir brauchen den Mut, sie vor den neuen Gestalten eines Herodes unserer Zeit zu verteidigen, welche die Unschuld unserer Kinder missbrauchen. Unschuld gebrochen unter der Last der Schwarz- und Sklavenarbeit, unter der Last der Prostitution und Ausbeutung. Unschuld zerstört von Kriegen und gezwungener Auswanderung zusammen mit dem Verlust von allem, was dies mit sich bringt. Tausende unserer Kinder sind in die Hände von Banditen, von Mafiaorganisationen, von Todeshändlern geraten, die nichts anderes machen, als ihre Bedürfnisse zu missbrauchen und auszubeuten.

Beispielsweise mussten gegenwärtig 75 Millionen Kinder – aufgrund von Notsituationen und anhaltender Krisen – ihre Ausbildung abbrechen. Im Jahr 2015 waren 68% aller vom Sexualhandel betroffenen Menschen Kinder. Andererseits war ein Drittel der Kinder, die außerhalb ihrer Heimatländer leben mussten, zum Weggehen gezwungen. Wir leben in einer Welt, in der fast die Hälfte aller Kinder, die unter fünf Jahren sterben, wegen Unterernährung stirbt. Im Jahr 2016 haben 150 Millionen Kinder, so die Berechnungen, Kinderarbeit verrichtet; viele von ihnen leben unter Bedingungen der Sklaverei. Nach dem jüngsten UNICEF-Bericht werden, wenn sich die weltweite Lage nicht ändert, im Jahr 2030 167 Millionen Kinder in äußerster Armut leben, 69 Millionen Kinder unter fünf Jahren zwischen 2016 und 2030 sterben und 60 Millionen Kinder keine Grundschule besuchen.

Hören wir das Weinen und die Wehklage dieser Kinder; hören wir auch das Weinen und die Wehklage unserer Mutter Kirche, die nicht nur über den Schmerz, der ihren kleinsten Kindern zugefügt wurde, weint, sondern auch weil sie die Sünde einiger ihrer Glieder kennt: das Leid, die Geschichte und den Schmerz von Minderjährigen, die von Priestern sexuell missbraucht wurden. Eine Sünde, die beschämt. Menschen, die verantwortlich waren, für diese Kinder zu sorgen, haben ihre Würde zerstört. Wir beklagen dies zutiefst und bitten um Vergebung. Wir vereinen uns mit dem Schmerz der Opfer und beweinen unsererseits die Sünde. Die Sünde für das, was geschehen ist; die Sünde der unterlassenen Unterstützung; die Sünde des Vertuschens und Leugnens; die Sünde des Machtmissbrauchs. Auch die Kirche beweint bitterlich diese Sünde ihrer Glieder und bittet um Vergebung. Wenn wir heute der Unschuldigen Kinder gedenken, möchte ich all unseren Einsatz bekräftigen, damit diese Gräueltaten unter uns nicht mehr vorkommen. Finden wir den nötigen Mut, um alle notwendigen Mittel zu fördern und um in allem das Leben unserer Kinder zu schützen, damit sich solche Verbrechen nicht mehr wiederholen. Machen wir uns den Auftrag zu „null Toleranz“ in diesem Bereich klar und aufrichtig zu Eigen.

Die christliche Freude ist nicht eine Freude, die am Rande der Wirklichkeit geschaffen wird, indem man sie ignoriert oder so tut, als würde es sie nicht geben. Die christliche Freude entsteht aus einer Berufung – aus der gleichen, die der heilige Josef erhielt –, das Leben, insbesondere das der heiligen Unschuldigen von heute, zu „nehmen“ und zu schützen. Weihnachten ist eine Zeit, die uns dazu auffordert, das Leben zu behüten und ihm zu helfen, dass es geboren wird und wächst; die uns dazu auffordert, uns zu erneuern als mutige Hirten. Dieser Mut bringt Dynamiken hervor, die uns die Wirklichkeit, die viele Kinder heutzutage erleben, bewusst macht und uns arbeiten lässt, um ihnen die notwendigen Bedingungen zu gewährleisten, damit ihre Würde als Kinder Gottes nicht nur geachtet, sondern vor allem tatkräftig verteidigt wird.

Lassen wir nicht zu, dass man ihnen die Freude nimmt. Lassen wir uns die Freude nicht nehmen, behüten wir sie und helfen wir ihr zu wachsen.

Tun wir dies mit der gleichen väterlichen Treue des heiligen Josef und an der Hand Marias, der Mutter der Zärtlichkeit, damit sich unser Herz nicht verhärte.

In brüderlicher Verbundenheit,

FRANZISKUS

Aus dem Vatikan, am 28. Dezember 2016
Fest der Unschuldigen Kinder

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Quelle

Franziskus: Demut ist die Tugend der Starken

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Papst Franziskus beim Hochfest der Gottesmutter Maria, 1. Januar

Demut und Zärtlichkeit sind nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken. Darüber hat Papst Franziskus am ersten Tag des Neuen Jahres gesprochen. Bei der Predigt zum Hochfest der Gottesmutter Maria, zugleich Weltfriedenstag, legte der Papst eine große marianische Predigt vor. Maria bewahre  die Welt vor dem „Krebsgeschwür“ der „spirituellen Verwaisung“, sagte Franziskus. Er erinnerte an das Wirken der Mütter in der Welt als das „stärkste Gegenmittel gegen unsere egoistischen Neigungen“ und bekannte, wie viel er selbst in seinem Leben als Priester von Müttern gelernt habe. Die Gabenprozession zum Hochfest der Gottesmutter gestalteten auch in diesem Jahr Sternsingerkinder aus dem deutschen Sprachraum.

In der Heiligen Schrift tritt uns Maria als „eine eher wortkarge Frau“ entgegen, „ohne Geltungssucht, aber mit einem aufmerksamen Blick“, sagte Franziskus. Die wichtigste ihrer Eigenschaften: Wärme. „Maria zeigt uns mit ihrer Mütterlichkeit, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind; sie lehrt uns, dass es nicht nötig ist, andere schlecht zu behandeln, um sich wichtig zu fühlen“, so der Papst.

Franziskus stellte die Mutter in seiner Predigt als geradezu heilsbringende Gestalt der Gesellschaft heute vor. „Die Mütter sind das stärkste Gegenmittel gegen unsere individualistischen und egoistischen Neigungen, gegen unsere Formen des Sich-Verschließens und der Gleichgültigkeit. Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre eine erbarmungslose Gesellschaft, die nur noch dem Kalkül und der Spekulation Raum gelassen hat.“

Mütter verstünden es, selbst in den schlimmsten Momenten Präsenz zu zeigen und in dieser Anwesenheit Liebe und Hoffnung zu spenden. „Ich habe viel gelernt von jenen Müttern, deren Söhne im Gefängnis sind oder entkräftet im Bett eines Krankenhauses liegen oder der Sklaverei der Droge verfallen sind, und die bei Kälte oder Hitze, bei Regen oder Dürre nicht aufgeben und weiter kämpfen, um ihnen das Beste zukommen zu lassen. Oder jene Mütter, denen es in den Flüchtlingslagern oder sogar inmitten des Krieges gelingt, ohne zu wanken das Leiden ihrer Kinder auf sich zu nehmen und ihnen Stütze zu sein. Mütter, die buchstäblich ihr Leben hingeben, damit keines ihrer Kinder verloren geht. Wo die Mutter ist, da gibt es Einheit, gibt es Zugehörigkeit, das Zusammengehören der Kinder.“

Mütter: Das Mittel schlechthin gegen „spirituelle Verwaisung“

Deshalb ist es aus Sicht von Franziskus heilsam und recht, das Neue Jahr mit Blick auf Maria zu beginnen. Der Gedanke an die Gottesmutter bewahre uns vor der zersetzenden Krankheit der „spirituellen Verwaisung“. Mit diesem Begriff umreißt Franziskus eine profunde Heimatlosigkeit, die in seiner Darstellung dazu führt, nur noch auf sich selbst blicken zu können und sich im Egoismus zu verschließen; eine Verwaisung, sagte der Papst, „die wir erleben, wenn in uns das Empfinden der Zugehörigkeit zu einer Familie, zu einem Volk, zu einem Land, zu unserem Gott erlischt.“

Wer eine solche Verwaisung erlebe, vergesse, „dass das Leben ein Geschenk gewesen ist – dass wir es anderen verdanken – und dass wir aufgefordert sind, es in diesem gemeinsamen Haus miteinander zu teilen“. Heimtückisch ist diese Verwaisung nach Darstellung von Franziskus, weil sie auf leisen Sohlen kommt und „die Seele zerfrisst. Und so verkommen wir allmählich, da ja niemand zu uns gehört und wir zu niemandem gehören: Ich verderbe die Erde, weil sie mir nicht gehört, ich entwürdige die anderen, weil sie mich nichts angehen, ich „entwürdige“ Gott, weil ich ihm nicht gehöre, und am Ende verderben und entwürdigen wir uns selbst, weil wir vergessen, wer wir sind und welch göttlichen „Familiennamen“ wir haben“.

Dagegen erinnere uns das Fest der heiligen Gottesmutter daran, „dass wir keine austauschbare Ware oder Empfangsstationen für Informationen sind. Wir sind Söhne und Töchter, wir sind Familie, wir sind Volk Gottes.“ Marias mütterlicher Blick befreie uns von der Verwaisung und lehre, „dass wir lernen müssen, das Leben auf die gleiche Weise und mit derselben Zärtlichkeit zu umsorgen, mit der sie es umsorgt hat: indem wir Hoffnung säen, Zugehörigkeit säen, und Brüderlichkeit säen.“ Zum Ende der Predigt lud der Papst die Gläubigen im Petersdom dazu ein, sich zu erheben und dreimal mit dem Ruf der Christen in Ephesus Maria anzurufen: Heilige Mutter Gottes!

(rv 01.01.2017 gs)

Jahresschluss-Vesper: „Wir diskriminieren die Jugend“

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Verehrung der Krippe: Papst Franziskus bei der Feier der Vesper

Sich die göttliche Logik zu Eigen machen: So lautete die Einladung von Papst Franziskus zum Ende des Jahres 2016. Er feierte im Petersdom die erste Vesper zum Hochfest der Gottesmutter, das gleichzeitig auch das Jahresende markiert und deswegen mit dem großen Gottesdank, dem Te Deum, begangen wird.

Die göttliche Logik, auf die Papst Franziskus immer wieder zu sprechen kommt, bestehe darin, dass Gott in der Kleinheit und Zerbrechlichkeit des Neugeborenen Menschen zu uns gekommen sei. „In Christus hat Gott sich nicht als Mensch ‚verkleidet’, sondern ist Mensch geworden und unsere Befindlichkeit in allem geteilt“, so der Papst. Weit davon entfernt, eine Idee oder etwas Abstraktes zu sein, „wollte er all denen nahe sein, die sich verloren, gedemütigt, verletzt, entmutigt, trostlos und eingeschüchtert fühlen.“ Trostlosigkeit, Verletzung, Scham und Ausschließung sollten nicht das letzte Wort haben im Leben der Kinder Gottes.

Die Kette der Privilegien durchbrechen

Die Einladung, sich diese Logik zu Eigen zu machen, würde durch die Krippe ausgesprochen, die bildliche Betrachtung der Menschwerdung. „Es ist ein Denken, das nicht auf Privilegien, Zugeständnisse und Begünstigungen ausgerichtet ist; es geht um die Logik der Begegnung, der Nähe, der unmittelbaren Nachbarschaft.“ Gott wolle die „Kette des Privilegs, das immer Ausschließung erzeugt“, sprengen. Aber dann auch eine Warnung des Papstes: „Wir können es uns nicht leisten, blauäugig zu sein.“ Die Versuchung, selber in der Logik des Privilegs zu leben, sei stark, es brauche die Erleuchtung und Hilfe durch Gott. „Heute, vor dem Kind von Bethlehem, wollen wir zugeben, dass wir es nötig haben, vom Herrn erleuchtet zu werden. Denn nicht selten erscheinen wir kurzsichtig oder bleiben in dem ausgeprägten Mainstream-Verhalten dessen verhaftet, der die anderen mit Gewalt in die eigenen Schemen pressen will.“

Jetzt, zum Ende des Jahres, wolle er ausdrücklich vor der Krippe inne halten, um für Gottes Großherzigkeit zu danken, „wir halten vor der Krippe inne, um uns darauf zu besinnen, wie Gott während dieses ganzen Jahres gegenwärtig wurde.“

Moralische Pflicht gegenüber der Jugend

Wenn man auf diese Krippe schaue, dann sehe man in den Gesichtern von Josef und Maria Hoffnung und Bestrebungen von jungen Menschen, so der Papst. Damit griff er in seiner Predigt ein Anliegen auf, das ihn während seines Pontifikates ständig begleitet. „Wir haben eine Kultur geschaffen, die einerseits die Jugend vergöttert und versucht, diese Phase ewig hinauszuziehen, paradoxerweise aber haben wir andererseits unsere Jugendlichen dazu verurteilt, keinen Platz für eine wirkliche Eingliederung zu finden.“ Der Papst sprach von der Ausgrenzung von jungen Menschen aus dem öffentlichen Leben und von der Arbeits- und Perspektivlosigkeit, „wir diskriminieren sie und ‚verurteilen’ sie dazu, an Türen zu klopfen, die meist verschlossen bleiben.“

Man könne nicht von Zukunft oder dem neuen Jahr sprechen, ohne von der Verantwortung und der moralischen Pflicht gegenüber den jungen Menschen zu sprechen. Es folgte eine deutliche Aufforderung den jungen Menschen zu helfen, „hier in ihrem Land, in ihrer Heimat wieder konkrete Horizonte für eine Zukunft zu finden“. Italien ist wie andere Länder auch von einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit betroffen. „Auf die Krippe zu schauen fordert uns auf, unseren Jugendlichen zu helfen, damit sie fähig sind zu träumen und für ihre Träume zu kämpfen.“

Das Gotteskind in der Krippe zu betrachten tue angesichts des scheidenden Jahres gut, so der Papst. „Es ist eine Einladung, an die Quellen und an die Wurzeln unseres Glaubens zurückzukehren.“

 

Nach der Vesper besuchte der Papst wie in den vergangenen Jahren auch schon die Krippe auf dem Petersplatz.

 

(rv 31.12.2016 ord)