MARIA IMMACULATA – Die Unbefleckte Empfängnis – nach dem seligen P. Maximilian Kolbe

(Übernahme des Textes der 1976 erschienenen Broschüre
der „Gemeinschaft aktiver Katholiken [GAK], D-7521 Ubstadt-Weiher:)

Aus der Ansprache Papst Pauls VI. bei der Seligsprechung:

„Der Name, das Schaffen und die Sendung des seligen Kolbe können nicht getrennt werden vom Namen Mariens, der unbefleckt Empfangenen . . . Wie die gesamte katholische Lehre, Liturgie und Frömmigkeit, so sieht auch Kolbe Maria in  den GÖTTLICHEN Plan eingeordnet. Nach ihm hat sie einen ,unbestreitbaren Platz im ewigen Ratschluß‘: er sieht sie als voll der Gnade, als Sitz der Weisheit, zur Mutterschaft CHRISTI vorherbestimmt, als Königin des messianischen Reiches. Gleichzeitig ist sie für ihn die Magd des HERRN, die an der Fleischwerdung des WORTES in unersetzbarer Weise mitwirkte, die Mutter des Mensch gewordenen GOTTES, unseres Erlösers . . . Der Selige und mit ihm die Kirche verdienen wegen ihrer Begeisterung in der Verehrung der allerseligsten Jungfrau keinen Vorwurf. In  Anbetracht des Segens, der auf ihr ruht, kann diese Verehrung nie groß genug sein, gerade wegen des Geheimnisses der Bindung Marias an CHRISTUS, das im Neuen Testament einen überzeugenden Ausdruck findet. Ebensowenig besteht die Gefahr einer ,Idolatrie Mariens`, wie die Sonne je durch den Mond verdeckt werden könnte . . . Charakteristisch, aber keineswegs neu ist es, wenn der selige Kolbe der besonderen Verehrung Mariens große Bedeutung beimißt im Blick auf die Bedürfnisse der Kirche, auf Marias prophetisch-wirksame Vorausschau der Verherrlichung des HERRN, im Blick auf die Erhöhung der Demütigen, auf die Macht ihrer Fürbitte, das Strahlende ihres Beispiels und ihre mütterliche Liebe, die uns nahe ist. Das Konzil hat uns in dieser Sicherheit bestärkt, und nun lehrt und hilft Pater Kolbe vom Himmel aus, darüber nachzudenken und unser Leben entsprechend zu gestalten.

Diese Ausrichtung des Seligen auf Maria reiht ihn unter die großen Heiligen und  Seher, die das Geheimnis Marias gesehen, verehrt und besungen haben.“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir  nehmen“ (Paris 1830)

„Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren” (Fatima)

 

I. DER RITTER DER IMMACULATA

Pater Maximilian Kolbe, OFM, wurde am 7. Januar 1894 in Zdunska-Wola bei Lodz (Polen) geboren. Seine einfachen, frommen Eltern — der Vater war Lohnweber — ließen ihn auf den Namen Raimund taufen. Der Knabe war wahrheitsliebend, draufgängerisch, unternehmungslustig. Als er zehn Jahre alt war, erschien ihm — wie er der Mutter offenbarte — die heilige Jungfrau. Sie zeigte ihm zwei Kränze (Kronen), sah ihn liebevoll an und sagte: „Welchen willst du? Der weiße Kranz bedeutet, daß du die Reinheit bewahren wirst, der rote bedeutet, daß du als Märtyrer stirbst.“ Der Knabe antwortete der GOTTESmutter: „Ich wähle beide.“ Da lächelte sie und verschwand.

Im Jahr 1907 trat er in das Knabenseminar der Minoriten in Lemberg ein. 1911 legte er die zeitlichen Gelübde ab. Im Herbst 1912 wurde er von den Oberen zum Studium nach Rom geschickt. Durch Anwendung von Lourdeswasser wird er vor dem Verlust des rechten Daumens (eitriger Abszeß) bewahrt. In diesem Zusammenhang spricht er zum ersten Mal von der Immaculata („Niepokalana“). Er sollte zu ihrem heiligen Ritter werden.

Am Allerheiligentag 1914 legte er in Rom die ewigen Gelübde ab, am 28. April 1918 fand dort seine Priesterweihe statt. In seiner Studienzeit in Rom gründete er mit sechs Gefährten den „Kreuzzug der Unbefleckten Jungfrau“ — die Militia Immaculatae (übrigens wenige Tage nach dem Sonnenwunder in Fatima!). Anlaß dafür war ein Erlebnis in Rom: Am 24. Juni 1917 hatten die Freimaurer ihr zweihundert‑jähriges Bestehen gefeiert; auf dem Petersplatz wurden Satansbanner herumgetragen, auf denen die Losung stand: „Satan soll im Vatikan herrschen, der Papst wird sein Sklave sein.“ P. Kolbe schreibt in einem 1935 auf Weisung des Oberen verfaßten Dokument über die Entstehung der Militia Immaculatae darüber: „Als die Freimaurer begannen, sich immer schamloser zu ereifern und ihr Banner sogar direkt unter den Fenstern des Vatikans aufgepflanzt hatten, dieses Banner, auf dem, auf schwarzem Grund, Luzifer den Erzengel Michael mit Füßen trat, als sie begannen, Flugblätter zu verteilen, in denen der Heilige Vater beschimpft wurde, entstand der Gedanke, eine Vereinigung zu gründen, deren Aufgabe es sein sollte, die Freimaurer und andere Abgesandte Luzifers zu bekämpfen“, eben die M. I. Als Doktor der Philosophie und Theologie (summa cum laude) kehrte P. Maximilian 1919 nach Polen zurück. Er war sehr krank — Tuberkulose. Die Ärzte rechneten mit seinem baldigen Tod. Beim Aufenthalt im Sanatorium erlangte er durch Vorträge auffallende Bekehrungen bei Freigeistern. 1922 gibt er die erste Nummer einer Zeitschrift heraus — sie hat den Titel „Der Ritter der Unbefleckten“. Die Kosten deckt er aus zusammengebettelten Spenden. Aus dem Nichts, nur im Vertrauen auf die Immaculata, wächst diese Zeitschrift – 1939 hat sie eine Auflage von einer Million. Weitere christliche Presseerzeugnisse kommen hinzu, die „Stadt der Immaculata“ (Niepokalanow) mit einer Großdruckerei entsteht. 700 Ordens­brüder arbeiten dort.

1930 reist er nach Japan. Vier Wochen nach der Ankunft berichtet der arme Missio­nar nach Polen: „Versenden heute erste Nummer. Haben Druckerei. Hoch die Un­befleckte!“ Zwei Jahre danach fährt er nach Indien, um dort den dritten Stütz­punkt der Immaculata zu gründen; dann Rückkehr nach Japan und Bau einer Kirche.

1936 kehrte er nach Polen zurück und wurde zum Guardian von Niepokalanow gewählt: neue Aufgaben, neue Zeitschriften, Vorträge . . . Doch es ging ihm nicht um äußere Erfolge, sondern um die Seelen. Alles ist vom Gebet getragen. 1939 beginnt der Krieg. P. Maximilian und die meisten seiner Mitbrüder von Niepokalanow kommen in ein Lager — am Tag der Unbefleckten Empfängnis werden sie freigelassen. Ein Jahr später gelingt es nochmals, eine Nummer der Zeit­schrift erscheinen zu lassen. Am 17. Februar 1941 wird er verhaftet; bei einer SS-Inspektion schlägt man ihn brutal zusammen. Als er wieder zu sich kommt, beruhigt er seine Leidensgefährten: „Meine Freunde, ihr müßt euch mit mir freuen: dies ist für die Seelen, für die Immaculata!“ Am 29. Mai 1941 kommt er ins Konzentra­tionslager Auschwitz, in die schlimmste Abteilung. Er bekommt Nummer 16670. Schließlich bietet er sein Leben an für einen Familienvater und stirbt im Hunger­bunker: ein leuchtender Glanz liegt auf dem Antlitz des Toten — der Glanz der Immaculata, die ihren treuen Ritter zu sich gerufen hatte. Es war der 14. August 1941, Vigil des Festes Mariä Himmelfahrt.

 

II. WORTE UND GEDANKEN PATER MAXIMILIAN KOLBES
ÜBER DIE IMMACULATA

1. Die Immaculata im Herzen der Dreifaltigkeit

Alles kommt vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST und kehrt wieder zurück zum VATER durch den HEILIGEN GEIST und den SOHN. Alle Gnaden kommen vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST. Jedes Geschöpf kommt zum Sein durch GOTT. GOTT allein existiert durch Sich selbst. Alles, was wir sind, empfangen wir jeden Augenblick vom Wesen GOTTES her, dies gilt selbst für die Menschheit JESU; und unsere heiligste Mutter ist auch nur ein Geschöpf GOTTES. In diesem Sinn, durch sich selbst also, ist sie nichts. Das, was sie hat, hat sie von GOTT empfangen. Es ist wahr: die Immaculata ist ein Geschöpf wie alle anderen, vollkommen abhängig von ihrem Schöpfer. Aber sie ist das vollkommenste, das heiligste Geschöpf. Bonaventura sagt: „GOTT hätte eine vollkommenere und größere Welt erschaffen können, aber ER konnte nichts Wür­digeres erschaffen als Maria.“

Die irdische Mutter ist das Bild der himmlischen Mutter, wie die himmlische Mutter das Bild der Güte GOTTES, des Herzens GOTTES ist. Die Vollkommenheiten, die ausstrahlen vom Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, spiegeln sich wider in den Geschöpfen wie in einem vielfachen Echo. Und durch die Geschöpfe erhebt sich unser Herz bis zu der Erkenntnis der Liebe GOTTES in der Heiligsten Dreifaltig­keit. Aber unser Herz liebt auch diese Widerspiegelungen der Liebe GOTTES: näm­lich die Geschöpfe; denn sie kommen von GOTT, sie sind von GOTT geschaffen und ganz auf GOTT hin geschaffen.

Pius XII.: „Wie schön muß die Jungfrau sein . . .! Gewiß hat GOTT im Antlitz Seiner eigenen Mutter allen Glanz Seiner GÖTTLICHEN Schöpferkunst vereint. Der Blick Mariens, das Lächeln Mariens, die Sanftmut Mariens, die Schönheit Mariens unterscheiden sie von allen anderen Geschöpfen die neben ihr nur wie ein Schatten erscheinen. Gott hat in den Blick Mariens etwas von Seiner GÖTTLICHEN Würde gelegt. Ein Strahl der Schönheit GOTTES leuchtet auf in den Augen Seiner Mutter.“

Die Immaculata, Gipfel der geschaffenen Liebe, Echo GOTTES, voll der Gnade. Dann tritt in diese Welt die Unbefleckte, ohne den geringsten Makel der Sünde: das Meisterwerk aus den Händen GOTTES, voll der Gnade. GOTT, die Allerheiligste Dreifaltigkeit, schaut herab auf die Niedrigkeit, d. h. die Demut (Wurzelgrund aller Tugenden) seiner Magd und tut an ihr große Dinge, ER, der allmächtig ist. Voll der Gnaden — ja, wahrhaftig, keine Gnade konnte ihr fehlen. Welche Schön­heit der Gnadenfülle, dessen Überfluß sich überströmend auf uns ergießt, oder vielmehr, diese Fülle ist die Quelle der Gnaden für uns. Und diese Gnade, die dann in uns ist, bindet uns an sie und durch sie an GOTT.

Pius XII.: „GOTT hat in die Seele Mariens durch ein Wunder Seiner All­macht die Fülle Seiner Reichtümer gelegt.“

Wir wissen, daß die Mutter GOTTES die vollkommenste aller Kreaturen ist. Sie ist die Unbefleckte, voll der Gnade, ganz schön. GOTT empfängt durch sie Seinen größten Ruhm.

2. Vatikanisches Konzil: „Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk hat sie bei weitem den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen.“ (LG 53)

Der Gipfel der Liebe eines Geschöpfes, das sich zu GOTT hinwendet, ist die Un­befleckte: dies Wesen ohne Makel der Sünde, ganz schön, ganz göttlich.* In kei­nem Augenblick hat sich ihr Wille vom Willen GOTTES entfernt. Mit ihrem ganzen Willen hängt sie GOTT an. Durch sich selbst ist sie nichts, wie alle anderen Krea­turen; aber durch GOTT ist sie die vollkommenste aller Kreaturen: das vollkom­menste Bild des GÖTTLICHEN Wesens in einer rein menschlichen Kreatur. Die Unbefleckte hatte keinen Makel, d. h. daß ihre Liebe immer vollkommen war, ohne einen Fehler. Sie hat GOTT mit ihrem ganzen Wesen geliebt und diese Liebe hat sie schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an so vollkommen mit GOTT ver­eint, daß der Engel am Tage der Verkündigung sagen konnte: „Voll der Gnade, der HERR ist mit Dir.“ Sie ist also Geschöpf GOTTES, Eigentum GOTTES, Bild GOTTES, Kind GOTTES, und dies auf die vollkommenste Art und Weise unter allen reinen Geschöpfen.** Man muß zu begreifen suchen, daß GOTT in Seiner schöpferischen Allmacht die Immaculata ganz heilig erschaffen hat. Als Geschöpf ist sie uns nahe, als Mutter GOTTES berührt sie die GOTTHEIT. Die Immaculata ist der höchste Gipfel der Vollkommenheit und der Heiligkeit unter allen Geschöp­fen. Niemand kann diesen Gipfel der Gnaden erreichen; denn die Mutter ist die ein­zige. Die Immaculata ist die Schwelle zwischen GOTT und den Kreaturen. Sie ist der getreue Spiegel der Vollkommenheiten GOTTES und Seiner Heiligkeit.

 

2. Die Immaculata und die drei Personen in GOTT

„Unbefleckte Empfängnis“, diese Worte hat die Immaculata selbst gesprochen;*** also müssen diese Worte genau und vollkommen das zum Ausdruck bringen, was ihr innerstes Wesen ist.

Wer bist Du, Unbefleckte Empfängnis?

Wer ist der VATER? Welches ist Sein persönliches Leben? Es ist: zu zeugen — denn

* Im Sinn von „vergöttlicht“.
** CHRISTUS, der GOTTmensch, ist der Schönste unter allen Menschenkindern, aber er ist kein ‚reines‘ Geschöpf, sondern GOTT in Person.
*** In Lourdes.

ER zeugt ewiglich den SOHN. Wer ist der SOHN? Der, der geboren wird aus dem VATER, ewig geboren aus dem VATER ( „gezeugt, nicht geschaffen“).

Und wer ist der HEILIGE GEIST? ER ist die Frucht der Liebe des VATERS und des SOHNES.

Die Frucht der geschaffenen Liebe ist eine geschaffene Empfängnis. Aber das Urbild dieser Liebe (nämlich der HL. GEIST) ist notwendigerweise selbst „Empfängnis“. Der HL. GEIST ist also die ewige, ungeschaffene „Empfängnis“, das Urbild allen Lebens, das im Kosmos empfangen wird.

Der VATER zeugt, der SOHN ist gezeugt und der HEILIGE GEIST ist die daraus hervorgehende Empfängnis und dies ist ihr persönliches Leben, durch das sich die drei GÖTTLICHEN Personen unterscheiden. Aber sie sind eins in derselben Natur, eins im GÖTTLICHEN Wesen. Der HEILIGE GEIST ist als die allerheiligste Unbefleckte Empfängnis unendlich heilig.

Das Universum spiegelt diese Unterscheidung und Einigung wider, wie sie in der Dreifaltigkeit ist. In allem Geschaffenen spiegelt sich die Dreifaltigkeit wider in den Aktionen der geschaffenen Dinge.* Die Einigung ist die Liebe, die schöpfe­rische Liebe. GOTT schuf das Universum, zur Unterscheidung von IHM. Und die Geschöpfe streben nach Vervollkommnung gemäß den Gesetzen, die GOTT in sie gelegt hat; sie werden IHM ähnlich, kehren zu IHM zurück. Und die intelligenten Geschöpfe lieben IHN auf bewußte Art und durch diese Liebe vereinigen sie sich mit IHM immer mehr und kehren zu IHM zurück. Jenes Geschöpf aber, das am voll­kommensten von dieser Liebe erfüllt ist, von der GÖTTLICHKEIT erfüllt ist: das ist die Immaculata, ohne Makel der Sünde, die sich in nichts vom Willen GOTTES je entfernt hat, in unaussprechlicher Weise mit dem HEILIGEN GEIST als Braut vereinigt, in einem unaussprechlich vollkommeneren Sinn als man es sonst bei den Geschöpfen sagen kann. Welcher Art ist nun diese Vereinigung? Sie ist vor allem ganz innerlicher Art: Einigung ihres Wesens mit dem Wesen des HEILIGEN GEISTES. Der HEILIGE GEIST wohnt in ihr, lebt in ihr, und dies schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an, von Anfang und für immer.

Und worin besteht dieses Leben des HEILIGEN GEISTES in ihr? Es ist die LIEBE in ihr, die LIEBE des VATERS und des SOHNES, die LIEBE, mit der sich GOTT Selbst liebt, die LIEBE der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, fruchtbare LIEBE, EMP­FÄNGNIS. Bei den geschaffenen Wesen, die in Ähnlichkeit mit GOTT geschaffen sind, ist die Vereinigung durch die Liebe die innigste Vereinigung. Auf eine noch präzisere Art, noch viel innerlicher, noch viel wesentlicher lebt der HEILIGE GEIST in der Seele der Immaculata . . . und dies seit dem ersten Augenblick ihres Daseins, ihr ganzes Leben hindurch und immer.

Diese ewige UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS (nämlich der HEILIGE GEIST) empfängt auf unbefleckte Weise das GÖTTLICHE Leben in den Tiefen der Seele Mariens: das ist ihre Unbefleckte Empfängnis. Und der jungfräuliche Schoß

* Vgl. B. Philbert, „GOTT der Dreieine“.

Mariens ist für IHN bewahrt und ER wirkt dort die Empfängnis in der Zeit, so wie alles, was materiell ist, sich in der Zeit vollzieht – auch das menschliche Leben des GOTTmenschen.

Und sie, eingesenkt in die Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, wird schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an und für immer die „Ergänzung“ (complement) der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

In der Vereinigung des HEILIGEN GEISTES mit ihr – das ist nicht nur einfachhin die Liebe zweier Wesen – ist auf der einen Seite die Liebe der Heiligsten Dreifaltig­keit und auf der anderen Seite die ganze Liebe der Schöpfung, und in dieser Ver­einigung der Liebe vereinigen sich Himmel und Erde, der ganze Himmel mit der ganzen Erde, die ganze Ewige Liebe mit der ganzen geschaffenen Liebe*. „Der HERR ist mit Dir“ – o wahrhaftig, GOTT ist immer mit ihr, ganz innig, ganz vollkommen. Ist sie nicht gewissermaßen wie ein „Teil“ der Allerheiligsten Dreifaltigkeit?** GOTT der VATER: ihr Vater. GOTT der SOHN: ihr Sohn. GOTT der HEILIGE GEIST: ihr Bräutigam. Und überall wohin sie geht, trägt sie mit sich die Heiligste Dreifaltigkeit. Wie wahr sind doch die Worte: Alles im Uni­versum vollendet sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILI­GEN GEISTES – durch die Immaculata . . . da, wo sie abwesend ist, da ist auch GOTT, da ist auch JESUS abwesend; und da, wo sie ist, da ist auch die HEILIGSTE DREIFALTIGKEIT.

Pius XII.: „Erstgeborene Tochter des VATERS, vollkommene Mutter des SOHNES, bevorzugte Braut des HEILIGEN GEISTES.“

2. Vatikanisches Konzil: „Im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst und mit Ihm in enger und unauflöslicher Ver­bindung geeint, ist sie mit dieser höchsten Aufgabe und Würde beschenkt, die Mutter des SOHNES GOTTES und daher die bevorzugt geliebte Tochter des VATERS und das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES zu sein.“ (LG 53)

Wer ist die Immaculata und wie lernen wir sie kennen?

Vor CHRISTUS war das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit sozusagen nicht bekannt. Damit die Welt es kennenlernen konnte, wurde die zweite Person der Tri­nität Mensch und kam in diese Welt; das war der erste Schritt zur vollkommenen Erkenntnis GOTTES. Aber damit der SOHN GOTTES besser bekannt wurde, mußte der HEILIGE GEIST kommen – die dritte Person der Heiligsten Dreifal­tigkeit.

In GOTT VATER gibt es eine einzige Natur, eine einzige Person. Im SOHNE GOTTES gibt es eine Person und zwei Naturen. Im HEILIGEN GEIST gibt es so

* Himmel und Erde vereinigen sich in ihr und durch sie: im GOTTmenschen JESUS CHRISTUS.
** Vgl. Worte Mariens bei der Erscheinung am 12. 4. 1947 in Tre Fontane in Rom: „Ich bin jene, die hineingenommen ist in das geheimnisvolle Leben des Dreieinigen GOTTES.“

etwas wie zwei Personen und zwei Naturen; denn die heiligste Mutter ist sehr eng mit dem HL. GEIST verbunden. Es wird uns schwierig, dies zu begreifen: die Imma­culata ist so etwas wie die „Inkarnation“ des HL. GEISTES. Die heilige Jungfrau ist da, damit der HEILIGE GEIST besser bekannt sei.*

Die Einheit zwischen dem HEILIGEN GEIST und der Immaculata ist so unaus­sprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST nur durch seine Braut, die Imma­culata, handelt . . ., und indem wir die Immaculata ehren, verehren wir auf eine besondere Art den HL. GEIST. In ihr lieben wir den HL. GEIST und durch sie den SOHN. Der HEILIGE GEIST ist sehr wenig bekannt.

Papst Paul VI.: „Es ist angebracht, hier einen der wesentlichen Glau­bensinhalte entsprechend hervorzuheben: die Person und das Wirken des HEILIGEN GEISTES (im Hinblick auf Maria). Die theologischen Stu­dien und die Liturgie haben in der Tat aufgezeigt, wie das heiligende Ein­greifen GOTT des HEILIGEN GEISTES bei der Jungfrau von Nazaret ein Höhepunkt seines Wirkens in der Heilsgeschichte gewesen ist . . . In noch tieferer Ergründung des Geheimnisses der Menschwerdung sahen sie (hl. Väter und kirchliche Schriftsteller) in der geheimnisvollen Bezie­hung HEILIGER GEIST — Maria einen bräutlichen Aspekt . . . und nannten sie das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES, eine Formulierung, die den Charakter der Heiligkeit Mariens unterstreicht, die der ständige Wohnsitz des GOTTESGEISTES geworden ist.“ (Marialis Cultus 26)

Papst Paul VI.: „. . . aufzufordern, die Überlegungen über das Wirken des GEISTES in der Heilsgeschichte zu vertiefen . . . Aus einer solchen theologischen Vertiefung wird vor allem die geheimnisvolle Beziehung zwischen dem GEISTE GOTTES und der Jungfrau von Nazaret und ihrer beider Einwirkung auf die Kirche deutlich hervortreten; und aus den tiefer meditierten Glaubensinhalten wird eine intensiver gelebte Frömmigkeit erwachsen.“ (Marialis Cultus 27)

Der Wille der Immaculata ist ganz mit dem Willen des HEILIGEN GEISTES ver­einigt: er besitzt sie vollkommen.

GOTT hat uns diese ganz reine Leiter gegeben und ER will, daß wir auf dieser Leiter bis zu IHM gelangen. Aber man kann eher sagen, daß sie uns, indem sie uns an ihr Herz drückt, bis zu GOTT emporträgt. In Wirklichkeit (d. h. auch wenn es uns nicht bewußt ist) sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich der Immaculata geweiht, und durch sie vollständig und gänzlich und ausschließlich JESUS und in IHM und durch IHN sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich unserem VATER im Himmel geweiht.

* Man könnte es auch so formulieren: Wie CHRISTUS in Seiner Menschheit das Bild des VATERS ist, so ist Maria das Bild des HL. GEISTES.

Jede Seele, die sich ohne Einschränkung der Immaculata hingibt, bezeugt damit, daß sie in ihr und durch sie wünscht, den HERRN JESUS zu finden und durch JESUS zu GOTT VATER zu kommen.

Weihen wir uns ganz der Immaculata: Indem wir uns der Immaculata schenken, werden wir selbst irgendwie ,Immaculata` und so, unbefleckt, GOTT angenehmer; in diesem Fall sind nicht wir es, sondern sie durch uns und in uns, die der Dreifal­tigkeit die größte Ehre verschafft im HEILIGEN GEISTE. Deshalb ist das Lob, das GOTT durch die Immaculata verschafft wird, das vollkommenste Lob, das höchste Lob, das intensivste Lob, das er von unserer Seite* empfangen kann. Woll­ten wir uns von der Immaculata entfernen, so würden wir die Dreifaltigkeit ver­letzen. Nur durch sie steigt das Lob der Geschöpfe zu JESUS, und durch IHN zum VATER. Obwohl die Geschöpfe nicht daran denken, geschieht es doch immer in dieser Ordnung und Reihenfolge.**

 

3. Heilige Maria, Mutter GOTTES, Mutter der GÖTTLICHEN Gnade

Sie war die Unbefleckte, weil sie die Mutter GOTTES werden sollte. Sie ist nicht nur Geschöpf, nicht nur Dienerin GOTTES, mehr noch: sie ist Mutter GOTTES. Maria, die Mutter CHRISTI, ist auch unsere Mutter; denn es gibt kein Leben ohne Mutter — und das übernatürliche Leben hat auch eine Mutter: die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade.

2. Vatikanisches Konzil: „Zugleich aber findet sie sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams ver­bunden, ja, sie ist sogar Mutter der Glieder (CHRISTI), denn sie hat in Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in der Kirche geboren würden, die dieses Hauptes Glieder sind‘ . . . Die katholische Kirche verehrt sie, vom HEILIGEN GEIST belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter.“ (LG 53)

* von den Menschen (und Engeln); CHRISTUS überragt ja bei Seinem Lob, das ER dem himmlischen VATER darbringt, die geschöpfliche Ebene, weil er GOTTmensch ist.
** Der protestantische Pfarrer Richard Baumann bestätigt dies aus eigenem Erleben. In seinem Buch „Maria Retterin“ schreibt er: „Mit eigenem Verstand fand der Schreiber dieser Zeilen keinen Platz für Maria … Dann ist es geschehen: GOTT VATER, SOHN und HL. GEIST hat auch mir Maria kundgemacht. Maria lebt, Maria herrscht mit CHRISTUS. Maria hilft der Menschheit zum Leben in GOTT. Nur noch durch Maria habe ich den einen Herrn, den einen GEIST, den einen GOTT . .. Nur durch Maria lebe ich noch meinem Herrn und GOTT JESUS CHRISTUS. Wer hat das geschaffen? ER, der HERR, der VATER, und ER, GOTT HEILIGER GEIST . . Mit und in Maria ist er (Baumann meint sich selbst) in der Anbetung GOTTES gewachsen. Er ist durch Maria näher zu GOTT gekommen. In Maria ist er von GOTT Selbst näher zu IHM gezogen worden . . . Durch Maria sind wir ganz beim HERRN, beim GEIST und bei GOTT.“

Die geistliche Mutterschaft Mariens nimmt am Fuße des Kreuzes die Dimension des Herzens ihres Sohnes an*.

Plus XII.: „Das Fiat bei der Menschwerdung, die Mitwirkung beim Er­lösungswerk ihres Sohnes, die Tiefe ihres Leidens bei der Passion und dieses seelische Mitsterben, das sie auf Kalvaria erlitt, haben das Herz Mariens zu einer universalen Liebe für die ganze Menschheit geöffnet, und das Hinscheiden ihres Sohnes drückte ihrer Gnadenmutterschaft das Siegel der Allmacht auf“

2. Vatikanisches Konzil: „Die selige Jungfrau, die von Ewigkeit her zu­sammen mit der Menschwerdung des GÖTTLICHEN Wortes als Mutter GOTTES vorherbestimmt wurde, war nach dem Ratschluß der GÖTT­LICHEN Vorsehung hier auf Erden die erhabene Mutter des GÖTT­LICHEN Erlösers, in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin und die demütige Magd des HERRN. Indem sie CHRISTUS empfing, gebar und nährte, im Tempel dem VATER darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und bren­nender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter.“ (LG 61)

Wie alle Menschen, ist sie von GOTT geschaffen, also Tochter GOTTES. Aber das ist nicht alles. Die Jungfrau Maria ist mehr als das. Sie ist nicht nur Tochter GOTTES, sondern die Mutter des SOHNES GOTTES; aber sie ist nicht nur die Mutter des Menschen JESU, sondern die Mutter der Person des SOHNES GOTTES . . Wir wissen nicht recht, wie das geschieht, aber so ist die Wirklich­keit . . . Sie ist die Mutter dieses SOHNES, dessen Vater GOTT-VATER ist. Wer bist Du, Immaculata?

Nicht nur Kreatur, nicht nur eine Adoptivtochter, sondern die Mutter GOTTES, nicht die Adoptivmutter, sondern wahrhaftig MUTTER GOTTES. Und selbst jetzt noch (im Himmel) bist Du die Mutter GOTTES. Der Titel „Mutter“ kann sich nicht ändern.

Konzil von Ephesus 431: Dogmatisierung der Wahrheit, daß Maria

wahrhaft GOTTESgebärerin ist: „. . Denn es ist nicht zuerst ein ge­wöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das WORT herabgestiegen, sondern aus dein Mutterschoße selbst ist ER geeint (d. h. als GOTT und Mensch in einer Person) hervor­gegangen; und deshalb heißt es, daß ER sich der fleischlichen Geburt unter­zogen hat, weil ER die Geburt Seines Fleisches zu Seiner eigenen Geburt machte . . .“ (NR 246, DS 251)

* Die Lanze, die das Herz ihres Sohnes öffnete, der für alle starb, hat auch ihr Herz geöffnet für alle Menschen.

Konzil von Chalzedon 451: „Vor aller Zeit wurde ER aus dem VATER gezeugt Seiner GOTTHEIT nach, in den letzten Tagen aber wurde Der­selbe für uns und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der GOTTESgebärerin, der Menschheit nach geboren.“ (NR 252, DS 301)

Pius XII.: „Mutter GOTTES, welch unaussprechlicher Titel! Die Gnade der GÖTTLICHEN Mutterschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der unaussprechlichen Reichtümer der Seele Mariens.“

In alle Ewigkeit nennt Dich GOTT: meine Mutter! . . .

Gestatte mir, Dich zu loben, Jungfrau, Immaculata!

Ich bete Dich an, o VATER, der DU im Himmel bist, weil Du in ihren ganz reinen Schoß Deinen SOHN gelegt hast.

Ich bete Dich an, GOTT SOHN, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihren ganz reinen Schoß einzutreten.*

Ich bete Dich an, GOTT HEILIGER GEIST, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihrem unbefleckten Schoß den Leib des SOHNES GOTTES zu bilden. Was hast Du gedacht, Immaculata, als Du zum ersten Mal dieses kleine GÖTTLICHE Kind auf’s Heu gelegt hast? Als Du IHN in Windeln eingewickelt hast und an Dein Herz drücktest? Welche Gefühle überfluteten da Deine Seele? Du wußtest wohl, wer dieses kleine Kind war; denn die Propheten sprachen von IHM, sie hatten IHN angekündigt und Du, Du hast sie besser verstanden als alle Pharisäer und Schrift­gelehrten, die die heilige Schrift erforschten.

Paul VI.: „Und wie ist CHRISTUS zu uns gekommen? Ist ER aus sich Selbst gekommen? (ER hätte eine menschliche Natur aus dem Nichts er­schaffen können). Sicher nicht. Das Mysterium CHRISTI ist eingefügt in den GÖTTLICHEN Plan einer menschlichen Mitwirkung. ER wollte eine Mutter haben; ER wollte Fleisch werden durch die lebendige Mit­wirkung einer Frau, die gebenedeit ist unter allen Frauen.“

GOTT VATER gibt ihr Seinen SOHN als Sohn; GOTT SOHN steigt herab in ihren Schoß; und GOTT HEILIGER GEIST bildet den Leib CHRISTI im ganz reinen Schoß der Jungfrau: „Und das WORT ist Fleisch geworden.“

Kommuniongebet der Marienmesse: „Selig der Schoß der Jungfrau Maria, der getragen den SOHN des Ewigen VATERS.“

Die Immaculata wird die Mutter GOTTES.

Die Frucht der Liebe GOTTES und der Liebe Mariens, der Unbefleckten: das ist CHRISTUS, der GOTTmensch. Ihre Liebe zu GOTT erreichte einen solchen Grad der Einigung, daß sie Mutter GOTTES wird. Die Immaculata, Braut des HEILI­GEN GEISTES, und dies in einer unaussprechlichen Weise, . . . hat denselben Sohn wie der VATER im Himmel. Welch wunderbare Familie!

* Te Deum: „non horruisti virginis uterum“ — Du hast den Schoß der Jungfrau nicht gescheut.

 

4. Mutter der Getauften, Mutter der Christen

Und welches ist jetzt die Rolle der heiligsten Jungfrau? Man muß ihr gestatten, daß sie uns erziehe, wie sie es bei CHRISTUS getan. Wir sehen so, welches ihre hervor­ragende Rolle ist (im geistlichen Leben). Wenn die Heiligen sich heiligen konnten, so deshalb, weil SIE sie erhoben hat — mit großer Hingabe, als die beste aller Mütter. Daß doch die Immaculata Besitz nehme von unserem Herzen; daß sie dort hervorbringe unseren gütigen JESUS — GOTT —; daß sie IHN dort forme bis zum vollkommenen Mannesalter.

Wer nicht Maria, die Unbefleckte, zur Mutter haben will, wird auch CHRISTUS nicht zum Bruder haben; der VATER wird ihm nicht Seinen SOHN senden; der SOHN wird nicht in seine Seele hinabsteigen; der HEILIGE GEIST wird nicht mit Seinen Gnaden den mystischen Leib (die Kirche) bilden nach dem Vorbild CHRISTUS: denn alles vollzieht sich in Maria, der Gnadenvollen, und nur in Maria.

Wenn ihr glücklich leben und sterben wollt, dann bemüht euch, diese Kindesliebe gegenüber unserer besten Himmelsmutter zu vertiefen. Unser HERR JESUS CHRISTUS ehrte sie als erster als Seine Mutter gemäß dem Gebote GOTTES: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Und darin müssen auch wir IHN nach­ahmen. Selbst wenn wir zu einer glühenden Innigkeit in dieser Liebe (zu Maria, unserer Mutter) gelangen, werden wir niemals jenen Grad der Liebe erreichen, die JESUS ihr gegenüber hat.

2. Vatikanisches Konzil: „In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefah­ren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Des­halb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Für­sprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen.“ (LG 62)

Papst Paul VI.: „Die vielfältige Sendung Mariens im GOTTESvolk ist nämlich eine Wirklichkeit, die auf übernatürliche Weise wirksam und im kirchlichen Organismus fruchtbar wird. Es ist beglückend, die einzelnen Aspekte dieser Sendung zu betrachten und zu sehen, wie sie sich . . . auf das gleiche Ziel hinordnen: in ihren Kindern die geistigen Züge ihres erst­geborenen Sohnes nachzuzeichnen . . . Die mütterliche Sendung der Jungfrau veranlaßt das GOTTESvolk, sich mit kindlichem Vertrauen an sie zu wenden, die stets bereit ist, es mit der Liebe einer Mutter und mit dem wirksamen Beistand einer Helferin zu erhören.“ (Marialis Cultus 57)

 

5. Mittlerin der Gnaden

Wenn die Immaculata nicht die Mittlerin aller Gnaden wäre, gäbe es keinen Grund, die ganze Welt und jede Seele im einzelnen für das heiligste Herz JESU durch die Immaculata zu erobern; denn die Seelen könnten auch anders ins Para­dies gelangen.

GOTT hat verfügt, daß wir alles vom VATER, vom SOHN und vom HEILIGEN GEIST durch die Immaculata erhalten. Das ist der einzige Weg für jede Gnade. Die Immaculata als Mittlerin aller Gnaden kann geben und möchte geben: die Gnade der Bekehrung und der Heiligung; und zwar nicht da und dort, dann und wann, sondern sie will alle Seelen wiedergebären (zum ewigen Leben).

Wie wahr sind doch diese Worte: alles im Universum vollzieht sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILIGEN GEISTES durch die Imma­culata. Was die Bekehrung der Seelen betrifft, so können wir sie nur durch Maria erlangen und nicht anders.*

GOTT hat in Seiner unendlichen Güte Maria zur Schatzmeisterin bestimmt für alle Gnaden und nur durch sie fließen sie in diese Welt.** Es ist normal, diese Gnaden von GOTT zu erbitten; man muß dies jedoch tun durch die Vermittlung der Imma­culata. Wahrlich, wenn die Immaculata – und das ist sicher – die Mittlerin aller Gnaden ist, dann gibt es kein wirksameres Mittel für die Mission, als sich dieser Mitt­lerin aller Gnaden zu nähern, um die Gnaden der Bekehrung zu erhalten. JESUS CHRISTUS ist der einzige Mittler zwischen GOTT und der Menschheit. Die Immaculata aber ist die einzige Mittlerin zwischen JESUS und der Mensch­heit. Und wir, wir sind die glücklichen Mittler zwischen der Immaculata und den in der ganzen Welt zerstreuten Seelen.

2. Vatikanisches Konzil: „Ein einziger ist unser Mittler nach dem Wort des Apostels . . . (1 Tim 2, .5-6). Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft CHRISTI in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft.“ (LG 60)

Da sie die Mittlerin aller Gnaden ist, können wir nur in dem Maß ein Kanal der Gnaden werden, als wir uns ihr nähern: Mittler der Gnaden, die sich vom VATER durch den SOHN (der sie uns verdient hat) und durch die Immaculata (die deren Ausspenderin ist – als Werkzeug des HEILIGEN GEISTES) auf uns ergießen und durch uns auf die anderen.

Pius XII.: „Sie ist der Kanal, ganz rein, und nicht die Quelle dieser über­fließenden Gnade, die ihr durch die Vermittlung ihres unbefleckten Her­zens erbittet.“

Der HERR JESUS insofern ER Mensch ist, ist im Paradies unser Mittler beim VATER im Himmel. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin zwischen uns und dem

* Ohne Maria ist jedes Apostolat unfruchtbar.
** Marguerite: „Kanal, durch den alle Gnaden bis zu den Menschenkindern fließen.“

HERRN JESUS und alle Gnaden kommen uns durch sie. Sie ist von JESUS zur Mittlerin eingesetzt, und wir glauben dies. Die Vereinigung zwischen der Imma­culata und dem HEILIGEN GEIST ist so unaussprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST einzig und allein durch die Immaculata, Seine Braut, handelt. Von daher ist sie Mittlerin aller Gnaden des HEILIGEN GEISTES.

Die Immaculata ist die Mittlerin aller Gnaden und nur durch die Gnade können wir uns GOTT nahen.*

Leo XIII.: „In der Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau an Stelle der gesamten menschlichen Natur erwartet. So darf man im vol­len Sinne als wahr behaupten: Von jenem großen Gnadenschatz, den der HERR gebracht hat durch CHRISTUS sind uns ja Wahrheit und Gnade geworden (Joh 1,17) fließt uns nach GOTTES Willen nichts zu außer durch Maria. Wie deshalb zum höchsten VATER niemand hintre­ten kann außer durch den SOHN, so kann gewissermaßen niemand zu CHRISTUS hintreten, außer durch die Mutter.“ (NR 327, DS 3274).

Alle notwendigen Gnaden der Heiligung sind gekommen durch die Hände der Immaculata, Mittlerin aller Gnaden. Und was ist die Heiligung? Sie besteht darin, von GOTT viele Gnaden zu empfangen und das Ideal ist, diesen Gnaden zu ent­sprechen.

Damit die Arbeit gelinge, gehen wir zur Jungfrau Maria. Sehen wir doch, was in jeder Familie vor sicht geht: Der Vater arbeitet und er verdient das Brot zum Lebensunterhalt – und wer gibt es den Kindern, wenn nicht die Mutter! Die Mutter verteilt die Nahrung ihren Kindern und gibt jedem, was es braucht. Wenn ein Kind sagt, es brauche die Mutter nicht, dann ist dies die Ausnahme in der Familie . . . Das also ist es, was die Jungfrau Maria tut: Sie verteilt die Gnaden und gibt jedem, was er nötig hat.

Pius XII.: „Vergessen wir nicht, daß Maria wahrhaft unsere Mutter ist. Denn durch sie haben wir das GÖTTLICHE Leben empfangen. Sie hat uns JESUS geschenkt und mit JESUS die Quelle der Gnaden selbst. Maria ist Mittlerin und verteilt die Gnaden.“

Und wir kennen diese Himmelsmutter; wir wissen, daß ohne sie keine Gnade auf die Erde kommt. Wenn der Geber aller Gnaden auf diese Erde gekommen ist, so nur mit ihrem Einverständnis, und dann kommt auch jede Gnade nur, weil sie es will. Wenn der SOHN GOTTES im Augenblick Seines irdischen Lebens Seinen eigenen

* GOTT VATER schenkt uns Seinen SOHN, der durch den HL. GEIST in Maria Mensch wird. Der SOHN verdient uns alle Gnaden und der HL. GEIST als die schenkende Liebe teilt sie aus durch die Mutter der schönen Liebe. Allerdings verdient Maria als „erhabene Gefährtin des Erlösers“, als „Mitwirkende bei Erlösungswerk ihres Soh­nes“ (vgl. 2. Vatikanum, Paul VI. u. a.) auch die Gnade mit, aber „angemessener-weise (de congruo), was CHRISTUS uns von Rechts wegen (de condigno) verdiente“ (Pius X., NR 334, DS 3370).

Willen erfüllte, so wartete ER doch auf die Zustimmung der Jungfrau Maria: Also hängt jede Gnade von ihr. ab.

Man muß einen tiefen Glauben im Herzen haben, eine sehr starke Liebe, und man muß oft zur Mutter GOTTES seine Zuflucht nehmen. Sie ist ja die Mutter des über­natürlichen Lebens, die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade. Der HERR will, daß wir die Gnaden von ihr empfangen und alles hängt davon ab, sich ihr zu nahen. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin aller Gnaden — ohne Ausnahme. In der über­natürlichen Welt sagt man einfach: das Leben der Gnade. Das Leben der Gnade hängt vom Grade der Vereinigung der Seele mit der Immaculata ab . . . Wir können nirgendwo anders die Gnaden suchen, denn sie ist deren Mittlerin.

Sicher ist die Quelle alles Guten, sowohl im natürlichen als auch im übernatürlichen Bereich, GOTT VATER, der immer durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST handelt: die Quelle alles Guten ist die Heiligste Dreifaltigkeit.

In Wahrheit ist der einzige Mittler beim VATER der menschgewordene SOHN, JESUS CHRISTUS, GOTT und Mensch, durch den alle Huldigungen, die wir dar­bringen, vergöttlicht werden und so also einen unendlichen Wert erhalten und wür­dig werden der Majestät des Vaters. Wahrhaftig, wir lieben den VATER im SOHN und wir müssen IHM alle Liebe geben, damit der VATER in IHM und durch IHN all unsere Liebe empfängt. Aber dennoch ist es auch wahr, daß all unsere Handlungen, selbst die heiligsten, nicht ohne Makel sind, und wenn wir sie dem HERRN JESUS anbieten als reine und unbefleckte Gabe, dann müssen wir sie direkt der Immaculata geben, damit sie daraus ihr Eigentum mache und sie als solches ihrem Sohne schenke — und so werden dann unsere Gaben unbefleckt, ohne Makel, und indem sie durch die GÖTTLICHKEIT JESU einen unendlichen Wert erhalten, werden sie GOTT VATER verherrlichen. Diese Gnaden, die durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST zu den Geschöpfen gekommen sind, rufen wiederum die Antwort der Geschöpfe hervor: Die Antwort gelangt auf demselben Weg zu GOTT VATER, auf dem sie zu uns gekommen sind — durch den HEILI­GEN GEIST und den SOHN, d. h. durch die Immaculata, Braut des HEILIGEN GEISTES, und durch JESUS, den GOTTmenschen.

Sie ist die Mutter GOTTES und nennt sich selbst die „Immaculata“. Indem sich GOTT Moses offenbarte, sagte ER von Sich Selbst: „Ich bin der ICH BIN“, d. h. das Sein selbst. Die Jungfrau antwortet auf die Frage Bernadettes selbst: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Das ist die Definition der Immaculata. Wir sagen: Ich vermag alles in dem, der mich stärkt — durch die Immaculata.

 

6. Im Kontakt mit der Immaculata

Wir haben sieben Jahrhunderte gekämpft, damit die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis anerkannt würde; dieser Kampf wurde gekrönt durch die Verkündi­gung des Dogmas und die Erscheinung der Jungfrau in Lourdes. Jetzt folgt der zweite Teil in dieser Geschichte: diese Wahrheit in die Seelen einzupflanzen, das Wachstum zu überwachen und die Früchte der Heiligkeit zu ernten.

Der Kult der Immaculata steht im Zentrum unserer Heiligung.*

Sich der Immaculata nähern: zur Heiligkeit sind übernatürliche Gnaden nötig. Aber weil die Unbefleckte die Mittlerin aller Gnaden ist, wird unser geistliches Leben um so mehr an Glanz gewinnen, je mehr wir uns ihr nähern. Die vollkom­menste Form, uns ihr zu nähern: das ist die Ganzhingabe.

Aus dem Akt der Ganzhingabe an JESUS durch Maria vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort:

„In Gegenwart des ganzen himmlischen Hofes erwähle ich Dich heute, o Maria, zu meiner Mutter und Herrin. Dir weihe und schenke ich als Dein Gut und Eigentum meinen Leib und meine Seele, all meinen äußeren und inneren Besitz, ja selbst den Wert all meiner guten Werke, der vergange­nen, gegenwärtigen und zukünftigen. Ganz und voll, ohne jede Aus­nahme, sollst Du das Recht haben, über mich und all das Meine nach Dei­nem Gutdünken zu verfügen in Zeit und Ewigkeit zur größeren Ehre G OTTES .“

Im allgemeinen ist ein Kind mit seiner Mutter eng verbunden. Später verläßt es das Vaterhaus. Das Band zwischen Sohn und Mutter wird schwächer. Aber in der über­natürlichen Ordnung ist es umgekehrt. Je mehr eine Seele sich entfaltet (im über­natürlichen Leben), ein um so größeres Bedürfnis verspürt sie, von der Immaculata abzuhängen.

Pius XII.: „Es genügt nicht, Maria und ihre Größe nur zu kennen; man muß sich ihr nähern und im Glanze ihrer Gegenwart leben. Ich möchte, daß ihr Tag für Tag, jeden Augenblick, der Immaculata immer mehr näherkommt und daß ihr sie noch besser kennenlernt, daß ihr sie immer noch mehr liebt.“

Paul VI.: „Nun aber bitten Wir, und rufen dazu alle Söhne und Töchter der Kirche auf, sich persönlich und von neuem aufrichtig der Mutter der Kirche anzuvertrauen (zu weihen).“ (Signum Magnum 25)

Bemühen wir uns, nicht so viel an uns zu denken und nicht zu arbeiten, damit die Welt uns lobt, sondern ein jeder von uns nähere sich der Immaculata und damit auch den anderen.

Je mehr wir uns der Immaculata nähern, um so mehr verkosten wir schon auf dieser Erde ein vollkommenes Glück.

* „Unsere Heiligkeit, das ist JESUS, empfange in der Kraft des HEILIGEN GEISTES und heranwachsend im Schoß Seiner Mutte . In der Taufe haben wir unser übernatür­liches Leben begonnen, wie JESUS im Schoße Seiner Mutter Maria. Und indem wir in Maria leben, werden wir im neuen Leben wachsen, dem Leben, das wir in JESUS leben werden und JESUS in uns.“ (Intineraire de 1′ äme; Franziskaner, Paris.)

Der Weg der Gnade hängt ab vom Grade der Annäherung der Seele zur Imma­culata hin. Je mehr eine Seele ihr nahekommt, um so reiner wird sie, um so lebendi­ger wird ihr Glaube, um so strahlender ihre Liebe.

 

7. Ihr gehören

Wir wollen von ihr in Besitz genommen sein, damit sie selbst spricht, denkt und handelt in unseren Unternehmungen. Wir wollen dermaßen der Immaculata ge­hören, daß nichts in uns bleibt, was nicht ihr gehört, damit wir wie vernichtet seien in ihr, umgewandelt seien in sie, transsubstantiiere* seien in sie, daß nichts bleibe als sie allein: daß wir ihr gehören, wie sie GOTT gehört.                  •

Wir haben ihr alles gegeben, und wenn es in uns etwas gibt, so gehört es ihr. Und umgekehrt sind ihre Angelegenheiten die unsrigen, ebenso auch ihre Tugenden und Verdienste.

Es braucht keiner besonderen Gebete, noch außergewöhnlicher Abtötungen, son­dem man muß sich nur ihr schenken und darin weitermachen. Lieben wir die Imma­culata von Tag zu Tag mehr, ohne Grenzen, und sie wird immer mehr unser Herz vom Menschlichen reinigen und uns in sie umformen.

Pius XII.: „Wir möchten vor allem, daß ihr als Söhne und Töchter Marien darnach strebt, in eurer Seele ihre übernatürliche Schönheit her­zustellen. Vollzieht also nach ihrem Vorbild die vollkommene Vereini­gung mit JESUS. Daß JESUS in euch sei, daß ihr in IHM seid, bis hin zur Verschmelzung eures Lebens mit Seinem Leben. Möge euer Geist vom Glanz des Glaubens erleuchtet sein und möchtet ihr wie sie — sehen, urtei­len und denken wie GOTT. Möge euer Herz, so weit es möglich ist, die Unversehrtheit, wie sie ihrem Herzen eigen ist, anstreben. Traget in den Zügen eurer Seele die Ähnlichkeit mit der Himmelsmutter. Lasset in eine Welt, die eingehüllt ist in die Finsternis und bedeckt ist mit Schmutz, laßt in diese Welt eindringen die Lichtstrahlen und den Wohlgeruch einer Reinheit ohne Makel.“

Wir müssen darauf achten, daran denken, daß alles ihr gehört. Nichts tun, was ihr unangenehm wäre. Bitten wir sie, daß sie und nur sie unser Herz leite.** Kein Geschöpf ist so nahe bei GOTT, wie die Immaculata. Derjenige, der mehr als die anderen der Immaculata gehört, wird sich mit um so mehr Mut und Freiheit den Wunden des Erlösers, der Eucharistie, dem Herzen JESU, GOTT VATER, ja der

* „Transsubstantiation“ ist der theologische Begriff für die Wesensverwandlung von Brot in den Leib CHRISTI, wobei der äußere Anschein (die Akzidentien) unverändert bleiben.
** Vgl. Immaculata-Rosenkranz, Marienfried: „Durch Deine Unbefleckte Empfängnis leite uns!“

ganzen Dreifaltigkeit nähern. Aber dies alles, diese übernatürlichen Dinge formt sie in uns und durch uns.

Sei sicher, daß derjenige, der der Immaculata gehört, niemals wird verloren gehen. Je mehr er aber ihr gehört, um so mehr gehört er JESUS, um so mehr gehört er dem VATER. Er wird sich ein Gewissen daraus machen, den Willen GOTTES immer vollkommener zu erfüllen und mehr und mehr seine Treulosigkeiten gegen den Willen GOTTES abzulegen, und er wird um so mehr den Frieden des Herzens haben inmitten der Stürme. Zu seiner Zeit wird ihm die Immaculata alle Geheim­nisse des Herzens JESU enthüllen und er wird der Vielgeliebte unseres HERRN JESUS sein. Aus der Erfahrung wissen wir, daß die Seelen, die sich der Immaculata geschenkt haben, und zwar vollständig und ohne Einschränkungen, den HERRN JESUS und das Geheimnis GOTTES besser kennen. Die GOTTESmutter kann nicht anders führen als zum HERRN JESUS hin.

Paul VI.: „Das Leitwort ,Durch Maria zu JESUS gilt deshalb auch für die Nachfolge CHRISTI . . . Ihre Person stellte ER uns als Beispiel vor Augen, damit wir Seine Heiligkeit nachahmen . . . Mit allem Recht stellt uns die Kirche Maria als Leitbild für die Nachfolge CHRISTI vor! Sie tut es, damit wir ihr nachfolgen. Sie tut es, damit wir so würdig, wie es eben geht, das Wort GOTTES in uns aufnehmen. So sollen wir es aufneh­men, wie es der hl. Augustinus weise vermerkt: ‚Seliger ist Maria durch die Annahme des Glaubens an CHRISTUS, als durch das Empfangen Seines Fleisches.'“ (Signum Magnum 17, 18)

 

8. Das Herz JESU lieben mit dem Herzen der Immaculata

Die Immaculata weiß alles und lenkt alles.* Man muß nur seine Einwilligung geben, daß sie uns mehr und mehr führt, und dann wird sie selbst alles vollbringen – durch uns, zum Heil der Seelen.

Das Herz ist das Symbol der Liebe GOTTES. Die Seele, die diese Offenbarung der Liebe betrachtet, möchte Liebe um Liebe geben. Aber aus der Erfahrung wissen wir, daß wir sehr schwach sind. Und da offenbart sich die Liebe des GÖTTLICHEN HERZENS, da ER uns Seine eigene Mutter gibt („Siehe da, Deine Mutter!“), damit wir IHN lieben können mit ihrem Herzen, nicht mit unserem armen, sündigen Herzen, sondern mit ihrem unbefleckten Herzen.

Die Liebe der Imrnaculata ist die vollkommenste Liebe, mit der ein Geschöpf seinen GOTT lieben kann.

Geben wir uns also Mühe, JESUS zu lieben mit dem Herzen der Immaculata, IHN zu empfangen mit ihrem Herzen, IHM zu danken mit ihrem Herzen, auch wenn wir

* nicht aus sich, sondern nach dem Willen GOTTES.

dies nicht fühlen und verstehen. Durch ihr Herz, durch ihre Haltung loben wir JESUS.

Sie allein wird uns lehren, wie man den HERRN JESUS am besten liebt, unver­gleichlich besser als alle Bücher und Lehrmeister.

Sie wird uns lehren, IHN zu lieben wie sie IHN liebt.

 

III. DIE IMMACULATA IM DOGMA,

IN DER HL. SCHRIFT, IN DER TRADITION

1. Im Dogma

Sieben Jahrhunderte ging das Ringen um dieses Geheimnis des Glaubens. Erst 1854 verkündete Papst Pius IX. in seiner Bulle „Ineffabilis Deus“ das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Schon vier Jahre später gab die GOTTESmutter selbst in Lourdes die Bestätigung (1858): „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“* Wortlaut des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis:

„Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherr­lichung der jungfräulichen GOTTESgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion erklären, verkünden und bestimmen Wir in Vollmacht unseres HERRN JESUS CHRISTUS, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen GOTTES, im Hinblick auf die Verdienste CHRISTI JESU, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von GOTT geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.

Wenn sich deshalb jemand, was GOTT verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, daß er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, daß er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, daß er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.“ (NR 325, DS 2803f.)

2. In der Hl. Schrift

Nicht alle Glaubenswahrheiten sind ausdrücklich in der Hl. Schrift enthalten, aber doch im Kern. In der Tradition entfaltet sich die Wahrheit, die in der Schrift grund­gelegt ist, unter dem Beistand des HEILIGEN GEISTES.

a) Das „Protoevangelium“ (Gen 3, 15):

„Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten und du wirst seiner Ferse nach­stellen.“ (Die Vulgata, der kirchenamtliche lateinische Bibeltext, der weithin auf

* 1876 offenbarte sich Maria auch in Deutschland, in Marpingen/Saar, als die „unbefleckt Empfangene“. Infolge der damaligen Kulturkampfsituation (Bismarck zu Marpingen: „Wir können kein deutsches Lourdes gebrauchen!“) kam es zu keiner offiziellen Stellung­nahme der Kirche. Der große Dogmatiker Scheeben z. B. setzte sich von Anfang an für die Echtheit der Erscheinungen ein.

den hl. Hieronymus zurückgeht, sagt: „Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“)

Der Erlöser ist der Schlangenzertreter, das Weib aber ist Maria, die Mutter des Erlösers: so legen es alle maßgeblichen Kirchenlehrer aus. Aber auch die Überset­zung der Vulgata sagt die Wahrheit aus, daß Maria alle bösen Mächte besiegen wird; wird ihr doch die Ehre zuerkannt, alle Irrlehren des Bösen überwunden zu haben. Dem Erlöser CHRISTUS und Maria stehen die „Schlange“ (Satan) und seine aus Sündern bestehende Anhängerschaft gegenüber. Hätte Maria auch nur einen Augenblick unter der Herrschaft Satans (nämlich durch die Erbsünde) gestan­den, dann hätte er über sie gesiegt, nicht aber Maria über den Satan. Ihre un­befleckte Empfängnis aber machte sie zur uneinnehmbaren GOTTESstadt. Hätte Satan nur einen Augenblick über sie die Herrschaft gehabt, so wäre die Aussage des Protoevangeliums von der Feindschaft, dem Kampf zwischen Maria und dem Bösen nicht wahr.

b) Der Engelsgruß (Lk 1, 28):

„Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnaden.“ Selbst Luther sagte, man könne zu ihr nicht sagen: „Gebenedeit bist Du . . .“, wenn sie je unter der Vermaledeiung gelegen wäre. Der Engel grüßt sie, d. h. GOTT läßt ihr durch den Erzengel Gabriel den Gruß bringen und nennt sie „Maria voll der Gnaden“. Dieser „Zuname“ ,Voll der Gnaden‘ kennzeichnet ihr ganzes Wesen. So wie ihr Sohn den Namen JESUS (Hei­land, Erlöser, Retter) erhielt, weil ER Sein Volk von seinen Sünden erlösen, vom ewigen Tode erretten sollte, so wird sie „Voll der Gnaden“ genannt, weil sie so eine würdige Wohnstätte für den eingeborenen SOHN GOTTES war.

Sie wäre nicht die ganz Heilige, ohne Makel, hätte je der Makel der Schuld Adams ihre Seele befleckt. Sie wäre also nicht ganz heilig, ganz voll der Gnaden, wenn nicht auch der Anfang ihres Daseins schon ganz heilig wäre. Es kann in ihr keinen Zustand gegeben haben, wo sie einmal nicht in der Gnade war. Wie in der Knospe schon ganz die Blüte enthalten ist, aber noch nicht so erkennbar, so ist auch in dem Namen „Voll der Gnaden“ die Unbefleckte Empfängnis eingeschlossen. Erst unserer Zeit war es geschenkt, die entfaltete Blüte zu erkennen, und Pater Maximilian Kolbe war gewürdigt, dieses Geheimnis in allen Dimensionen und in seiner ganzen Schön­heit zu künden.

3. In der hl. Tradition

Der hl. Irenäus (2. Jh.): „Der HERR war sündelos, weil aus dem unverweslichen Holz der Menschheit nachgebildet, d. h. aus der Jungfrau Maria und dem HL. GEIST inwendig und auswendig wie mit dem reinsten Golde des Logos um­kleidet.“

Ein klassischer Zeuge ist der hl. Ephräm (370): „Du und Deine Mutter, Ihr seid die einzigen, die in jeder Hinsicht ganz schön sind; denn an Dir, o HERR, ist kein Fleckchen, und keine Makel an Deiner Mutter.“

Unsterblichen Ruhm erwarb sich Don Scotus (t 1308), indem er den wichtigen und entscheidenden Begriff der Vorerlösung aufstellte. Auch die Mutter GOTTES bedurfte eines Mittlers und Erlösers, nur die Art und Form ihrer Erlösung ist eine andere als bei allen Menschen sonst: Sie bestand in der gänzlichen Bewahrung vor der Erbsünde, in die Maria hätte fallen müssen, wenn GOTT ihr und nur ihr allein nicht ein einmaliges und einzigartiges Privileg zugestanden hätte: die Vorerlösung im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes, des Erlösers.

Als letzter Zeuge aus der hl. Tradition sei Kardinal Newman angeführt, den man auch den Kirchenvater der neuen Zeit nennt (1801-1890). Mit 45 Jahren konver­tierte er vom Anglikanismus zur katholischen Kirche. Aber immer schon fühlte er sich zur GOTTESmutter hingezogen.

Aus seiner Predigt „Die Angemessenheiten der Herrlichkeiten Mariens“: „Singt doch die Kirche ,Du hast den Schoß der Jungfrau nicht verschmäht‘. Die Substanz Seines menschlichen Fleisches hat ER aus ihr angenommen und, in sie gekleidet, ruhte ER in ihrem Schoß; nach der Geburt hat ER sie mit sich getragen, sozusagen als Zeichen und Zeugnis dafür, daß ER, obwohl GOTT, auch der ihre war. Von ihr wurde ER genährt und gepflegt, sie reichte IHM ihre Brust und in ihren Armen hat ER geruht. In der Folgezeit hat ER ihr gedient und Gehorsam geleistet.

ER hat dreißig Jahre in ein- und demselben Haus mit ihr gelebt, in ununterbroche­ner Gemeinsamkeit, die außer ihr nur der hl. Josef teilte . . . All diese Zeit hindurch war sie selig in Seinem Lächeln, in der Berührung Seiner Hand, im Lispeln Seiner Liebe, in der Aussprache Seiner Gedanken und Seiner Empfindungen. Nun, meine Brüder, was müßte sie wohl sein, was stand ihr geziemenderweise zu, ihr, der so hoch Begnadeten?… Was wird die würdige Ausstattung sein für jene, die der Allmäch­tige zu erheben geruht hat, nicht zu Seinem Knecht, zu Seinem Freund, zu Seinem Vertrauten, sondern zu Seiner Vorgesetzten, zum Ursprung Seines anderen Seins, zur Pflegerin Seiner hilflosen Kindheit, zur Lehrmeistern Seiner beginnenden Jahre? Ich antworte mit den Worten des Königs: ‚Nichts ist zu hoch für sie, der GOTT Sein menschliches Leben verdankt.‘ Es gibt keine Überfülle von Gnade, kein Übermaß an Herrlichkeit, die nicht für sie geziemend wären, in der GOTT sich nie­dergelassen hat, von der GOTT ausgegangen ist. Die Fülle GOTTES möge sie über­strömen, daß sie in ihrer lebendigen Gestalt die unmittelbare Heiligkeit, Schönheit und Herrlichkeit GOTTES Selbst widerstrahlt, daß sie der Spiegel der Gerechtig­keit, die mystische Rose, der elfenbeinerne Turm, das goldene Haus, der Morgen­stern sei . . . Können wir der Heiligkeit jener Grenzen setzen, die die Mutter des All­heiligen war? . . . Johannes der Täufer wurde schon vor seiner Geburt geheiligt: Soll Maria lediglich ihm gleich sein? Ist es nicht geziemend, daß ihr Gnadenvorrecht das seinige übertreffen mußte? Ist es verwunderlich, daß die Gnade, die seiner Geburt um drei Monate vorausging, in Maria bis zum allerersten Augenblick ihres Daseins zurückreichen, alle Gedanken an eine Sünde unmöglich machen und der Besitz­nahme durch Satan zuvorkommen sollte? Maria mußte alle Heiligen übertreffen.

Schon die Tatsache, daß wir wissen, daß bestimmte Gnadenvorrechte ihnen zuteil geworden waren, überzeugt uns fast mit Notwendigkeit, daß Maria dieselben und noch höhere besessen hat. So war ihre Empfängnis makellos, damit sie alle Heiligen übertreffe, sowohl im Zeitpunkt als auch in der Fülle ihrer Heiligkeit.“

 

IV. SCHLUSSBETRACHTUNG

1. Katharina Emmerich, die große Mystikerin, berichtet uns, daß GOTT die Eltern Marias, Joachim und Anna, ehe sie zusammenkamen, in den Zustand der übernatür­lichen Gnade erhoben hat, so daß sie ihr Kind Maria, um das sie lange Jahre zu GOTT gefleht hatten in dem Zustand zeugten, wie es bei Adam und Eva vor ihrem Sündenfall gewesen wäre. Weiterhin berichtet die Mystikerin, daß bei der Un­befleckten Empfängnis Mariens die ganze Schöpfung von einer großen Freudigkeit durchströmt wurde; auch die vernunftlosen Geschöpfe wurden von diesem seligen Ahnen ergriffen. Maria ist ja die Morgenröte der neuen Zeit, die Morgenröte, die Zeichen und Wirkung der neu aufgehenden Sonne, des GOTTmenschen JESUS CHRISTUS, ist.

GOTT hat bei der Unbefleckten Empfängnis Mariens die Erschaffung einer ganz reinen, ganz heiligen, eben einer von der Erbschuld unbefleckten Seele vorgenom­men, die ganz in Liebe auf IHN hingeordnet war. So hat GOTT, da niemand wür­dig war, das Heil zu empfangen, wie der Prophet Isaias sagt, selbst die Eine würdig gemacht, das Heil, den Heiland der Welt zu empfangen: Maria war durch ihre Unbefleckte Empfängnis eine würdige Wohnstatt für den Erlöser. In Maria hat ER die Verheißungen Seines Bundes mit Seinem auserwählten Volk verwirklicht, in­dem ER uns durch sie den Erlöser geschenkt hat. Durch die Menschwerdung GOTTES in ihrem unbefleckten Schoße hat sich das Wort des Propheten wunder­bar erfüllt: „GOTT Selber wird kommen, Sein Volk zu erlösen.“ So ist die Un­befleckte Empfängnis der Anfang unseres Heiles. Aber auch die Unbefleckte Empfängnis ist die Frucht der Erlösung, vorweggenommen, wie auch CHRISTUS in unblutiger Weise Sein blutiges Sterben vorwegnahm durch das eucharistische Opfer beim Abendmahl.

2. „Ganz schön bist Du, Maria, und der Erbschuld Makel ist nicht in Dir!“ Weil GOTT „in der Unbefleckten Empfängnis Mariens Seinem Sohne eine würdige Wohnstätte bereitet hat“ und „weil DU sie im Hinblick auf den Tod Deines SOHNES vor allem Makel bewahrt hast, so laß uns auch durch ihre Fürsprache rein und lauter zu Dir gelangen“, so betet und jubiliert die hl. Kirche am hohen Fest der Unbefleckten Empfängnis und drückt so in ihren Gebeten das ganze Glaubensgeheimnis der Immaculata aus.

Noch ein Gedanke sei zum Schluß ausgesprochen: Wie hat sich das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis im Leben Mariens ausgewirkt? Da sie nie von der Makel der Erbsünde befleckt war, war sie auch nicht behaftet mit der Verwundung, die bei allen anderen zurückbleibt nach der Reinigung von der Erbschuld (in der Taufe). Wie auch sonst von den „reliquae peccatae“ (zurückbleibende Schwäche und Nei­gung zur Sünde hin) die Rede ist, so bleibt auch bei allen Heiligen eine gewisse Schwäche der Natur zurück. Selbst die kleine hl. Theresia, die von sich behaupten konnte, sie habe den Heiland nie durch eine bewußte läßliche Sünde beleidigt, mußte bekennen, daß es bei ihr wie ein Kampf auf Leben und Tod war, ihre Emp­findlichkeit, ihren inneren Stolz zu überwinden.

Dies alles war bei der allerseligsten Jungfrau nicht der Fall: ihr Herz hatte keine Schwäche zum Bösen hin; niemals konnte der Böse in ihrem Herzen eitle Gedanken, Regungen der Sinnlichkeit, hervorrufen. Niemals reagierte die GOTTESmutter ungeduldig, ärgerlich oder unwillig. Dies alles war nicht möglich bei ihr, da ihr Herz bis in die letzte Wurzel heilig war. Was sie empfinden konnte, waren Schmerz, Herzeleid — und dies in viel höherem Maß als alle anderen Geschöpfe; denn je höher die Liebe, desto tiefer das Leid, das ihr die Sünde zufügt. Da Maria ohne Makel der Erbsünde war und ganz heilig, konnte sie auch nicht sündigen, dann das Böse kommt aus dem Herzen des Menschen.*

Aber auch die Folgen der Erbschuld brauchte sie nicht zu erleiden: Sie gebar ohne Schmerzen, sie trug auch das GOTTESkind ohne Weh in ihrem Schoß; sie litt unter keiner Krankheit und hätte auch nicht zu sterben brauchen. Den Tod erlitt sie nur in Ähnlichkeit mit ihrem Sohn; aber GOTT mußte diesen makellosen Leib, der DAS LEBEN trug, vor der Verwesung bewahren. ER konnte die Heiligste nicht die Verwesung schauen lassen.

* Maria ‚konnte‘ nicht sündigen, weil sie ganz in GOTT lebte. Das mindert aber nicht ihren eigenen Anteil an ihrer Heiligkeit. Denn sie war wie wir „im Pilgerstand“ und so in das „Dunkel“ des Glaubens gestellt. Gerade im Hinblick auf die Verheißungen, die ihr der Engel bei der Verkündigung gegeben hatte, mußten die auferlegten Glaubensprüfungen um so schwerer wiegen: die Armut bei der Geburt ihres GÖTTLICHEN Kindes, die Flucht nach Ägypten, die Unbegreiflichkeit des Zwölfjährigen im Tempel, die Erfahrung, daß ihr Sohn trotz aller Zeichen Seiner Liebe von Seinem Volk als Heiland verworfen wurde .
Maria kannte keine Krankheit, somit auch keine körperlichen Schmerzen, wie sie von der durch die Erbsünde angeschlagenen Natur herrühren. Doch sie hat seelisch ‚unendlich‘ viel gelitten. — Jeden Menschen, der GOTT liebt, schmerzt es (seelisch und manchmal fast körperlich), wenn er Sünde, Haß gegen GOTT, miterleben muß. So litt Melanie von La Salette unter dem Pestgeruch der Sünde mehr als unter körperlichen Schmerzen. Um wieviel mehr die allerseligste, allerreinste GOTTESmutter! Unter dem Kreuz erlebte und erlitt sie jede Phase des Leidens und Sterbens ihres Sohnes in einzigartiger Weise mit. Der Heiland soll einmal von Seiner hl. Mutter gesagt haben: „Das ‚Unbefleckt‘ habe ich ihr geschenkt, das ‚Schmerzvoll‘ hat sie sich verdient.“ („Unbeflecktes und schmerzvolles Herz Mariae!“)
In ihren Glaubensprüfungen, in ihrem Gehorsam und vor allem in ihren Leiden hat sich die heilige Jungfrau die größten Verdienste vor GOTT erworben, die je ein Mensch erwarb.
Die Bedeutung für uns liegt darin: Je mehr wir uns Maria nähern, uns mit ihr vereinigen, um so mehr erhalten wir Anteil an ihren Verdiensten und an ihrer Unfähigkeit, zu sündi­gen (d. h. aus der GOTTESnähe herat zufallen, den Lockungen des Versuchers nach­zugeben).

 

3. Mahnung von Kardinal Newman (Schluß seiner Predigt „Die Angemessenheit der Herrlichkeit Mariens“):

„Vor allem, laß uns ihre Reinheit nachahmen . . . Ihr, meine teuren Kinder, ihr Jungmänner und ihr jungen Mädchen, wie sehr bedürft ihr gerade hierin der Für­bitte der Jungfrau-Mutter, ihrer Hilfe, ihres Vorbildes. Was soll euch, wenn ihr in der Welt lebt, auf dem engen Pfad vorwärts bringen, wenn nicht der Gedanke an Maria und ihren Schutz? Was wird eure Sinne versiegeln, was euer Herz beruhigen, wenn gefährliche Bilder und Klänge euch rundum bedrängen, was anders als Maria? Was soll euch Geduld und Beharrlichkeit verleihen, wenn ihr des langen Kampfes gegen das Böse überdrüssig geworden sei, überdrüssig der nie endenden Notwendigkeit von Vorsichtsmaßregeln, der Mühsal, sie zu beobachten, der Lästig­keit ihrer steten Wiederholung, überdrüssig eurer freudlosen Situation, die wie ein verlorener Posten ist — was anders als die liebende Verbundenheit mit Ihr? Sie wird euch stärken in eurer Entmutigung, wird euch trösten in eurer Müdigkeit, euch aufrichten nach dem Fall und euch belohnen für eure Erfolge. Sie zeigt euch ihren Sohn, der euer GOTT und alles ist. Wenn euer Herz in euch aufgeregt oder schlaff oder niedergeschlagen ist, wenn es das Gleichgewicht verliert, wenn es ruhelos und schwankend ist, wenn es angeekelt ist, von dem, was es hat, und dem nachjagt, was es nicht hat, wenn euer Auge vom Bösen belästigt wird und eure sterbliche Hülle unter den Schatten des Versuchers erzittert, was wird euch zu euch selbst zurück­führen, zum Frieden und zur Gesundung, was anderes als der kühlende Atem der Unbefleckten und der Duft der Rosen von Saron? Es ist der Ruhm der katholischen Religion, daß sie die Gabe hat, junge Herzen zur Keuschheit zu führen — woher kommt das? Weil sie uns JESUS CHRISTUS zur Nahrung gibt und Maria zu unserer Nährmutter. Bringt diesen Ruhm zur Erfüllung in euch selbst. Beweiset der Welt, daß ihr keiner falschen Lehre nacheifert, rechtfertigt die Herrlichkeit eurer von der Welt geschmähten Mutter Maria ins Antlitz der Welt hinein durch die Schlichtheit eures eigenen Wandels, und durch die Heiligkeit eurer Worte und Taten. Erbittet euch von ihr das königliche Herz der Unschuld. Sie ist die leuch­tende Gabe Gottes, die den Zauber der bösen Welt überstrahlt und noch niemand, der sie in Aufrichtigkeit suchte, enttäuscht hat. Sie ist der personale Typus und das repräsentative Bild jenes geistlichen Lebens und jener gnadenvollen Erneuerung, ,ohne sie wird niemand GOTT je schauen‘ (Hebr. 12, 14). ,Ihr Geist ist süßer als Honig und ihr Erbe süßer als Honigseim. Die sie genießen, hungern nach mehr und die sie trinken, dürsten nach mehr. Wer auf sie hört, wird nicht zuschanden und wer um sie sich müht, sündigt nicht‘ (Sir. 24, 20-22).“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen. Amen.“

Predigt von Bischof Vitus Huonder am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung! Das tönt ganz kriegerisch. Ist es aber nicht. Denn die Worte stammen aus dem jüngsten Apostolischen Schreiben Gaudete et exultate von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Papst Franziskus ist alles andere als ein Befürworter von Krieg und Gewalt. Deshalb müssen wir die Worte Kampf, Wach­samkeit und Unterscheidung richtig einordnen.

Was meint der Heilige Vater mit Kampf? Um das zu erfahren, müssen wir das fünfte Kapitel des Apostolischen Schreibens lesen. Gleich zu beginn lesen wir: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“ (158). Mit Kampf meint der Heilige Vater den Widerstand gegen den Teufel. Einige Zeilen später bekräftigt er nämlich: „Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (159). Nochmals einige Zeilen später lesen wir: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit ‘der Böse’ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrt uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche“ (160). Und, darf ich nochmals den Papst zitieren. Deutlich sagt er: „Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee ist“ (161). Mit anderen Worten sagt der Heilige Vater, dass Satan existiert und sein Unwesen in unserer Welt treibt. Der Kampf, von welchem der Papst spricht, ist daher ein Kampf gegen Satan und seine Anhänger.

Nun werdet Ihr fragen: Ist das ein Thema für Pfingsten? Sehr wohl ist dies ein Thema für Pfingsten. Denn im Kampf mit dem Satan brauchen wir das Gegengewicht. Da Satan nicht ein körperliches Wesen ist, sondern ein geistiges, brauchen wir im Kampf gegen Satan ein geistiges Gegengewicht. Nochmals zum Wort des Papstes zum Vaterunser: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen“. Der Papst macht uns eigens auf diese letzte Bitte des Gebetes unseres Herrn aufmerksam. Wir dürfen sagen, an Pfingsten hat sich diese Bitte erfüllt, genauer ausgedrückt, sie hat sich in einem besonderen Maß erfüllt: Das Kommen des Heiligen Geistes am Tag von Pfingsten bedeutet in besonderer Weise die Erlösung vom Bösen, die Erlösung von Satan. Denn die Kirche hat den Geist der Wahrheit empfangen, wie es Jesus im heutigen Evangelium verheißen hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wann aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Die Wahrheit ist das Gegenteil des Bösen, des Verderblichen, der Lüge. Deshalb macht sie uns frei (vgl. Joh  8,32). Sie befreit uns. Sie erlöst uns. Denn Wahrheit ist an und für sich ein anderer Begriff für die Wirklichkeit Gottes, für alles, was Gott ist und was Gott tut. In Gott und durch Gottes Wirken sind wir frei. Durch den Geist der Wahrheit sind wir frei, befreit, oder werden wir frei, sofern wir die Wahrheit zur Grund­lage unseres Lebens nehmen.

Ist Ostern der Anfang unserer Erlösung und unserer Freiheit, die sich vor allem im auferstandenen Herrn erweisen, so ist Pfingsten deren Vollendung in der von Gott neu geschaffenen Menschheit, im Volk Gottes, in der Kirche. Aber es ist noch eine Erlösung und eine Freiheit unter dem Banner des Kampfes, der Wachsamkeit und der Unterscheidung. Deshalb dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und nachlässig werden (vgl. Gaudete et exultate 161). Das bedeutet: Wir müssen uns immer wieder in den Schutz des Heiligen Geistes begeben und unser Leben unter diesem Schutz gestalten, im Schut­z des Geistes der Wahr­heit, im Schutz seiner Liebe und seiner Lehre. Beten wir daher mit der Pfingstsequenz häufig: O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium. Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium. – Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele GrundOhne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn , kann nichts heil sein noch gesund.  Amen.

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Papst Franziskus: Die Kraft der Veränderung des Heiligen Geistes

Papst Franziskus – Heilige Messe am Pfingstfest 20.5.2018

Franziskus an Pfingsten: der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod. Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens

Rom (kath.net) Am Hochfest Pfingsten feierte Papst Franziskus die heilige Messe in der Petersbasilika.

„Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen.

Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.“

„Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.“

„Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt. Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein.

Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.“

„Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde.“

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der heiligen Messe in der Petersbasilika am Hochfest Pfingsten 2018: 

In der ersten Lesung wird das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten mit einem heftigen Sturm (vgl. Apg 2,2) verglichen. Was sagt uns dieses Bild? Der heftige Sturm lässt uns an eine große Kraft denken, die aber nicht um ihrer selbst willen da ist: Es ist eine Kraft, die die Wirklichkeit verändert. Der Wind bringt tatsächlich Veränderung: warme Strömungen bei Kälte, kühle Strömungen bei Hitze, Regen bei Trockenheit… Auch der Heilige Geist bewirkt solches, wenn auch auf einer anderen Ebene: Er ist die göttliche Kraft, die die Welt verwandelt. Die Sequenz hat uns daran erinnert. Der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod; und so bitten wir ihn: »Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält«. Er begibt sich in Situationen hinein und verwandelt sie; er verwandelt die Herzen und verändert das Zeitgeschehen.

Er verwandelt die Herzen. Jesus hatte zu seinen Aposteln gesagt: Ihr »werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen […] und ihr werdet meine Zeugen sein« (Apg 1,8). Und genau so ist es geschehen: Die Jünger, die anfangs ängstlich waren und sich auch nach der Auferstehung des Meisters hinter verschlossenen Türen versteckt hielten, werden vom Geist verwandelt und, wie Jesus im heutigen Evangelium verkündet, »legen für ihn Zeugnis ab« (vgl. Joh 15,27). Aus zaudernden werden mutige Jünger, und von Jerusalem aus machen sie sich auf bis zu den Enden der Erde. Als Jesus unter ihnen war, waren sie furchtsam, ohne ihn nun sind sie mutig, denn der Geist hat ihre Herzen verwandelt.

Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen. Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.

Früher oder später vergeht die Jugendzeit trotz aller Versuche, sie zu verlängern; der Geist hingegen ist es, der das einzig ungesunde Altern, nämlich das innere, verhindert. Wie macht er das? Indem er das Herz erneuert und dem sündigen Herzen Vergebung zuteilwerden lässt.

Das ist die große Veränderung: Uns Schuldige macht er zu Gerechten, und so ändert sich alles, denn aus Sklaven der Sünde werden wir zu freien Menschen, aus Knechten zu Söhnen, aus Verworfenen zu geschätzten Freunden, aus Enttäuschten zu Hoffenden. Auf diese Weise lässt der Heilige Geist die Freude neu erstehen und im Herzen den Frieden erblühen.

Wir lernen also heute, was zu tun ist, wenn wir echter Veränderungen bedürfen. Wer von uns braucht sie nicht? Vor allem, wenn wir am Boden sind, wenn wir unter der Last des Lebens stöhnen, wenn unsere Schwächen uns bedrücken, wenn es schwierig ist vorwärts zu gehen und wenn es unmöglich erscheint zu lieben. Dann brauchen wir einen kräftiges „Stärkungsmittel“: Und das ist Er, das ist die Kraft Gottes. Der Geist ist es, der „Leben gibt“, wie wir im „Credo“ bekennen. Wie gut täte es uns, jeden Tag dieses Stärkungsmittel des Lebens zu uns zu nehmen und etwa beim Aufwachen zu sagen: „Komm, Heiliger Geist, komm in mein Herz, komm in meinen Tag“.

Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.

Als die Jünger es nicht erwarten, sendet der Geist sie zu den Heiden. Er eröffnet neue Wege, wie in der Begebenheit mit dem Diakon Philippus. Der Geist führt ihn auf eine verlassene Straße zwischen Jerusalem und Gaza – Was für einen traurigen Klang dieser Name heute hat! Der Geist verändere die Herzen und die Verhältnisse und bringe Frieden ins Heilige Land –. Auf diesem Weg predigt Philippus dem äthiopischen Beamten und tauft ihn; dann führt ihn der Geist nach Aschdot und nach Cäsarea: immer in neue Situationen, damit er Gottes Botschaft verbreite. Dann ist da auch Paulus, der »gebunden durch den Geist« (Apg 20,22), bis an die Enden der Erde reist und Völkern das Evangelium bringt, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wenn der Geist da ist, geschieht immer etwas; wenn er weht, gibt es keine Flaute.

Wenn das Leben unserer Gemeinschaften durch Zeiten der „Mattheit“ geht, in denen die häusliche Idylle der Neuheit Gottes vorgezogen wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass man Schutz vor dem Wind des Geistes sucht. Wenn man für die Selbsterhaltung lebt und darüber nicht hinauskommt, ist das kein schönes Zeichen. Der Geist weht, aber wir holen die Segel ein. Und doch haben wir viele Male gesehen, wie er Wunderbares bewirkt.

Oft, gerade in den dunkelsten Zeiten, hat der Geist die strahlendste Heiligkeit hervorgebracht! Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens. Es ist, wie wenn in einer Familie ein Kind geboren wird: Es bringt den Zeitplan durcheinander, lässt einen nicht schlafen, schenkt dafür aber eine Freude, die das Leben erneuert, die ihm Antrieb verleiht und es in der Liebe weit macht. Ja, der Geist bringt ein „Aroma“ von Kindheit in die Kirche. Er bewirkt ein beständiges Wiederaufleben. Er frischt die Liebe des Anfangs wieder auf.

Der Geist erinnert die Kirche daran, dass sie trotz ihrer jahrhundertealten Geschichte immer eine zwanzigjährige ist, die junge Braut, in die der Herr hoffnungslos verliebt ist. So lasst uns nicht müde werden, den Geist in unser Lebensumfeld einzuladen, und ihn vor jeder Tätigkeit unsererseits anzurufen: „Komm, Heiliger Geist!“.

Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt.

Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein. Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.

Bitten wir ihn darum, so sein zu dürfen. Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde. Amen.

 

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PAPST PAUL VI.: DIE KIRCHE KANN NIE ALT WERDEN

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter’s Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

Bei der Generalaudienz am 12. Juni 1974

Während uns noch Pfingsten, das Fest zur Erinnerung an die Belebung der Kirche durch den Heiligen Geist, Erleuchtung und Freude schenkt, ergibt sich ein für unser Le­ben wesentlicher Aspekt dieses Ereignisses, nämlich der seiner Fortdauer. Pfingsten ist ja nicht eine ferne und schon in die Geschichte eingegangene Begebenheit. Es ist ein Ereignis, das bleibt; fortdauernde Geschichte. Die Kirche lebt noch immer aus der Kraft dieser wunderbaren Ausgießung der göttlichen Gnade, aus der Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen (vgl. Röm 5, 5). Die zur Kirche gewordene Menschheit wird von dem Geist belebt, den Christus als das Haupt nach seinem Aufstieg in die Herrlichkeit des Vaters seinem in Welt und Zeit zurückgebliebenen Leib sendet (vgl. Joh 16, 7: „Wenn ich fortgehe“, sagte er in der denkwürdigen Nacht des Letzten Abendmahles, „werde ich euch einen Beistand senden, damit er immer bei euch bleibt. Es ist der Geist der Wahrheit“; vgl. Joh 14, 16-17). Dies ist das großartige Geheimnis vom mysti­schen Leib Christi, das Geheimnis im Mittelpunkt lebendigen und wahren Christentums, über das wir nachdenken und das wir eifersüchtig hüten müssen. Immer noch ist uns der hl. Augustinus Lehrmeister, wenn er schreibt: „Nur die katholische Kirche ist der Leib Christi, dessen Haupt und Erlöser er ist (Eph 5, 23). Außerhalb dieses Leibes schenkt der Heilige Geist niemandem Leben… Wer sich der Einheit widersetzt, hat kei­nen Teil an der göttlichen Liebe. Wer außerhalb der Kirche steht, hat nicht den Heiligen Geist… Wer den Heiligen Geist haben will, gebe sorgfältig acht, daß er nicht außerhalb der Kirche bleibt!“ Epist. 185, C. XI, 50; PL 33, 815; vgl. Tract. in Ioannem 27, 6; PL 35, 1618: „Denn nichts soll der Christ mehr fürchten, als vom Leib Christi getrennt zu werden. Denn wenn er vom Leib Christi getrennt wird, ist er nicht mehr ein Glied von ihm; ist er aber nicht ein Glied von ihm, dann wird er nicht am Leben erhalten von Seinem Geist“.

Das könnte uns zum Nachdenken darüber veranlassen, daß wir unbedingt auf entsprechende Weise in die Strukturen der Institution eingefügt sein müssen, die der Kirche Bestand als Leib verleihen. Hier werden sie als Vorbedingung dafür aus­gesprochen, daß wir an der Belebung durch den Heiligen Geist Anteil bekommen, wie sie eben diesem Leib der Kirche, dem mystischen Leib Christi, eigen ist.

Aber wir wollen uns nun einer anderen charakteristischen Auswirkung von Pfingsten zuwenden, dem Fest dieser geheim­nisvollen und wunderbaren übernatürlichen Beseelung, gesche­hen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in den sicht­baren, sozialen, menschlichen Leib der Jünger Christi hinein. Wir meinen das ewige Jungsein der Kirche. „Durch die Kraft des Evangeliums läßt der Heilige Geist die Kirche allezeit sich verjüngen, erneuert sie immerfort …“ (Lumen gentium, Nr. 4). Wie in einem Springbrunnen der Strahl immer quicklebendig und frisch hochschießt, solange ihm Wasser zuströmt, auch wenn dieses danach herabfällt und sich unten verteilt, so wird zwar die zur Kirche gewordene Menschheit, dem Los dieser Zeit unterworfen, unausweichlich vom irdischen Tod ereilt, aber dadurch wird das Zeugnis der Kirche die Jahrhunderte hindurch weder aufgehoben noch unterbrochen. So hat es Christus vorhergesagt und versprochen : „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28, 20). Das ließ er auch den Simon erkennen, als er ihm einen Namen gab, der Unvergänglichkeit bedeutet : „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte des To­des werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18).

Mit vielen Menschen unserer Zeit kann man sogleich ein­wenden: mag sein, daß die Kirche fortdauert; sie besteht schon fast zweitausend Jahre; aber gerade wegen ihres langen Beste­hens ist sie alt, antik. Weiterbestehen bedeutet nicht schon Jugend. Die Menschen von heute lieben das Moderne, Be­wegliche, das für den Tag Gemachte am meisten; nicht alte Dinge. Sie bringen vielleicht Achtung vor der Geschichte auf, sie bewundern die Archäologie. Aber ihre Vorliebe gilt dem Aktuellen. Die Kirche mag also aufgrund ihres Alters und ihrer besonders gearteten Beständigkeit im Wechsel der Zeiten verehrungswürdig sein. Aber, so sagen sie, die Kirche lebt nicht aus dem Atem der heutigen Zeit, der immer neu ist; sie ist einfach nicht jung.

Der Einwand wiegt schwer und würde als Antwort eine lange Abhandlung verdienen mit vielen Seiten voll kosmischer, theologischer, philosophischer, historischer, anthropologischer, phänomenologischer und anderer Darlegungen. Dagegen kann aber die Gleichsetzung von ewiger Dauer und Jugend einem für die Wahrheit geöffneten Geist von sich aus genügen. Denn es ist genau so, und „es ist ein Wunder in unseren Augen“ (Mt 21, 42) : die Kirche ist jung! Und was noch mehr Staunen erregt, ist die Tatsache, daß ihre Jugendkraft von ihrem un­veränderlichen Bestehen die Zeiten hindurch herkommt. Die Zeit läßt die Kirche nicht alt werden; sie läßt sie wachsen, sie fordert sie zum Leben, zur Fülle heraus. Sagen wir es ge­nauer: Der menschliche Teil der Kirche kann den unerbittli­chen Gesetzen der Geschichte und der Zeit unterliegen, und so ist es tatsächlich: ihre menschliche Gestalt kann verfallen, kann altern, kann absterben. Es sterben ja in der Tat viele Glieder der Kirche; ganzen Völkern ist es gelungen, das irdi­sche Leben der Kirche zu ersticken, ihre geschichtliche Gegen­wart zu unterdrücken. Und dann sterben natürlich, wie alle Menschen (und vielleicht aus einfacheren und handgreiflicheren Gründen), alle die, welche als Menschen die Kirche bilden. Aber die Kirche hat in sich selbst nicht nur einen unbesieg­baren, übernatürlichen und übergeschichtlichen Quellgrund der Unvergänglichkeit, sondern sie verfügt außerdem auch über unabsehbare Kräfte zur Erneuerung.

Hat man in der Zeit des Konzils nicht vor allem vom „ag­giornamento“ gesprochen, was nichts anderes heißt als Ver­jüngung? Und legt uns das Heilige Jahr nicht vor allem ein Programm der Erneuerung vor? Dabei muß die Kirche heute aber viele ihrer Kinder ermahnen, nicht einem Mißverständnis zu verfallen und zu glauben, Erneuerung bedeute Anpassung an die Welt, die ja dem Gesetz des Todes, der jeden rein irdi­schen Wert anfällt und vernichtet, nicht anders zu entfliehen weiß, als daß sie ihren Lauf beschleunigt, eine Bewegung, die oft eine Flucht vor eben den Dingen ist, die sie kennzeichnen.

Damit haben wir dann die Revolution als unerschöpfliches Programm des politischen und sozialen Lebens. Damit haben wir die „Mode“, bei der nichts länger als „einen Morgen“ leben darf … Gewiß darf sich die Kirche, wenn sie von Er­neuerung spricht und für ihre Verjüngung sorgt, keinesfalls den schwindelerregenden Veränderungen der sichtbaren Welt an­passen, und doch lebt in ihr die Kirche ihr geschichtliches und irdischzeitliches Sein. Sie kann zahlreiche Formen modernen menschlichen Lebens übernehmen und sich zu eigen machen. Sie kann mitgehen mit den sozialen Gewohnheiten, solange diese nicht die Grundbedingungen ihres Lebens verletzen, wel­ches sie aus dem Evangelium und anderen unantastbaren, stets fruchtbaren Überlieferungen für sich ableiten muß.

Zugleich steht aber auch fest, daß die Kirche, in Treue zu ihrer inneren religiösen Einstellung, den Menschen, auch den modernen Menschen versteht, und sie ist heute vielleicht mehr denn je imstande, ihm näherzukommen, ihn anzuhören, ihn zu stärken und ihm jene Botschaft der Wahrheit auszurichten, die allein das Geheimnis für jede Zeit, für jedes Volk und für jeden Menschen in sich trägt: das Geheimnis des Lebens (vgl. Gaudium et spes). Dieses Leben ist das Jungsein der Kirche! Das sei besonders den jungen Menschen gesagt, damit sie Ver­trauen in die Kirche haben.

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano.

PAPST PAUL VI.: PFINGSTEN – GEBURTSSTUNDE DER KIRCHE

Bei der Generalaudienz am 5. Juni 1974

Unsere Gedanken und Herzen sind noch beim Pfingstfest, und wir wissen auch warum. Pfingsten ist ein Fest, das nicht enden darf; es geht weiter, ja es wird immer fortdauern. Wir haben gesagt, daß Pfingsten das Geburtsfest der Kirche ist. Solange also die Kirche lebt, geht das für Pfingsten cha­rakteristische Ereignis weiter: Gott haucht einer gläubigen Menschheit durch die Ausgießung des Heiligen Geistes Leben ein, und das wird — wir wiederholen es noch einmal — im­mer fortdauern. Das ist ein geschichtliches und zugleich über­geschichtliches Ereignis, denn es geschah zu einem bestimmten Zeitpunkt, 50 Tage nach dem jüdischen Paschafest bzw. für uns nach der Auferstehung Christi, und es geschah entspre­chend der Vorherbestimmung des göttlichen Heilsplanes eben bei jener Gelegenheit, als der himmlische Vater beschloß, uns das Geheimnis seines Willens kundzutun, nämlich in Christus alles zu vereinen (vgl. Eph 1, 9-10) und die Kirche zu grün­den, die „auf das Fundament der Apostel und Propheten ge­baut ist; der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“. Auch wir sind ein Teil dieses Baues, „im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2, 20-21).

Diese geheimnisvolle Seite der Kirche verleiht ihr in der Heiligen Schrift und in der Sprache der Frömmigkeit verschie­dene symbolische Bezeichnungen: mystischer Leib, Volk Got­tes, Braut Christi, wahrer Weinstock, Herde des guten Hirten, Tempel der wahren Religion, Bundeslade, Reich Christi, Fa­milie Gottes und andere (vgl. Lumen gentium, Nr. 6). Der ety­mologischen Bedeutung nach heißt Kirche jedoch „einberufene Versammlung“, Gemeinde, Gesellschaft (vgl. Y. CONGAR, Hei­lige Kirche, Seite 16 ff, Stuttgart 1966). Der Augenblick nun, in dem diese einzigartige göttlichmenschliche Gemeinschaft zu leben und zu handeln begann, sich ihrer selbst bewußt wurde und merkte, daß sie von einer prophetischen, übernatürlichen, ganz besonderen, neuen und unbezwingbaren Kraft, nämlich vom Heiligen Geist, beseelt war, dieser Augenblick war Pfing­sten. Es war wie das Entzünden eines Feuers im Inneren jedes einzelnen, das auch nach außen seine Flammen schlug; wie ein Sturmwind, wie gewaltiges Brausen und ein Beben der Erde. Es war, als ob eine Menschenmenge gleichzeitig er­wachte, ein Ausbruch heftiger Freude, ein überquellen des Geistes in sprudelnder Beredsamkeit, das sich sogleich als Wun­der erwies, da es allen Zuhörern, die doch aus verschiedensten Ländern stammten, verständlich und offensichtlich für die ge­samte Menschheit bestimmt war. Das war die überraschende Geburtsstunde der Kirche, die wir an ihren vier wesentlichen Merkmalen erkennen: die heilige, apostolische, die eine und universale, d. h. katholische Kirche.

Eine einzigartige, immer noch bestehende Wirklichkeit, die fortdauern wird bis zur Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, wenn auch nicht mehr von solch sichtbaren äußeren Wunder­zeichen begleitet.

Wir tun gut daran, den Bericht über dieses außergewöhn­liche Ereignis zu lesen, wie es im 2. Kapitel des ersten Buches der Geschichte der Kirche, der vom hl. Lukas geschriebenen sogenannten Apostelgeschichte, geschildert wird. Dieses Buch wird von manchen Gelehrten und Gläubigen sogar das Evangelium des Heiligen Geistes genannt oder auch die erste Verkündigung des Evangeliums durch den hl. Petrus (2, 14 ff) und dann durch den hl. Paulus (9, 20 ff). Ein sehr schönes und hochin­teressantes Buch (vgl. E. JACQUIER, Les Actes des Apôtres, Ga­balda 1926. Ein umfangreiches, nicht gerade neues, aber noch immer gültiges Werk).

Wir möchten gern, daß die Gläubigen heutzutage, noch bevor sie sich mit der Ekklesiologie befassen, dem anziehend­sten Kapitel der modernen Theologie (man denke nur an das Konzil! vgl. Y. Congar) und noch bevor sie eine Einteilung in die eigentlich theologischen Begriffe über die Kirche vor­nehmen gemäß den vier großen Kapiteln der erwähnten Merk­male dieser Kirche: die eine, heilige, katholische und aposto­lische Kirche (vgl. das umfang- und inhaltreiche Werk von Kard. C. Journet), imstande wären, gleichsam zusammenfas­send den unmittelbaren Eindruck zu erfahren, den die geistlich-spirituelle Gesamtschau der Kirche in unseren Herzen erzeugt. Es ist ein Eindruck von ursprunghafter Schönheit.

Ja, wem es gelingt, sich ein Bild von der Wesensgestalt der Kirche zu machen, der vermag sich dem einzigartigen Ein­druck der Schönheit, den sie auf unsere Herzen ausübt, nicht zu entziehen. Es ist die herrliche und vollkommene Gestalt, die Christus seiner Kirche geben wollte. Nicht umsonst schil­dert sie der hl. Paulus mit den Zügen einer durch die Liebe verzauberten Schönheit: „Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche in ihrer gan­zen Herrlichkeit vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, ohne Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5, 25-27). Diese Schönheit ist freilich nur ein Abglanz der Herrlichkeit Christi (vgl. HL AUGUSTINUS, Enarr. in Ps. 44; PL 36, 495-496).

Ist das etwa nur ein Wunschbild, ganz anders als die irdisch-zeitliche Gestalt der Kirche, die wir gut kennen? Dies irdische Bild läßt die Kirche in mancher Hinsicht gewiß nicht so wohl­gestaltet und anziehend erscheinen; besteht sie doch aus lauter Menschen, die noch in dieser Zeit dahinpilgern; diese Kirche hat in ihrer Geschichte auch traurige Kapitel zu verzeichnen; ihr Bild hebt sich um so stärker von dem einer ideal vollkom­menen Kirche ab, je größer der Unterschied zwischen ihrer engelgleich verklärten Gestalt und ihrem gewöhnlichen Ausse­hen ist, das uns die Erfahrung häufig bietet. So haben viele ihrer Gegner es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kirche mit Verachtung, Feindseligkeit, bitterem Spott und sogar mit Ver­leumdung zu überschütten. Wir wollen hier weder Fehler noch Schuld der Menschen verteidigen, die die Kirche in dieser Er­denzeit ausmachen (vgl. Lumen gentium, Nr. 48). Wir wollen hier nur von jener Gestalt sprechen, mit der Christus das men­schliche Antlitz der Kirche überkleidet hat, indem er ihr eine neue Gestalt gab, die der Wiedergeburt aus der Taufe (vgl. S. AMBROSIUS, De Mysteriis, 7, 53; S. AUGUSTINUS, De doctr. ch., 32; PL 34, 83), und indem er ihr heiligmachende Kraft verlieh im Wort, in der Gnade, in dem unermüdlichen Streben, selber dem Evangelium getreu zu leben, und in dem Be­mühen, von der Liebe geleitet, gerade im Antlitz des unglück­lichen Menschen die ausdrucksvollsten Züge ihres eigenen my­stischen göttlichen Aussehens zu entdecken. Die Kirche ist In­begriff des Schönen, schon wegen ihrer Aufgabe, die Sakra­mente zu spenden, wobei sie das Unsichtbare in den sichtbaren Zeichen ihrer Riten zum Ausdruck bringt (vgl. THOMAS V. A., S. Th. I-II, 101, 2 ad 3). Sie ist schön in dem, was sie auf den Gebieten der Kunst, Liturgie und Symbolik, dem Geistlichen zugewandt, schöpferisch hervorgebracht hat. Und sie ist schön vor allem wegen der unschuldigen, reinen und geläuterten See­len, die sie hervorzubringen vermag. Denkt an den Pfingst­hymnus von Manzoni! Lest seine Heiligenbiographien ! Wo bietet uns die Menschheit sonst Gestalten, die unserer Bewun­derung und Verehrung würdiger wären? (vgl. S. AUGUSTINUS, Serm. 112; PL 38, 1012; vgl. R. CHATEAUBRIAND, Le Génie du Christianisme).

Wenn wir die Schönheit der Kirche entdecken, die sich in unserem irdischen Leben zwar kaum abzeichnet, aber doch schon irgendwie den Glanz des künftigen Lebens durchscheinen läßt, dann lernen wir die Kirche lieben, eine gute Menschheit, eine ideal gesinnte Menschheit, eine heilige Menschheit, die der Geist Jesu in dieser irdischen Zeit darauf vorbereitet, daß sie in der ewigen Herrlichkeit in vollem Glanz erstrahlen kann (vgl. H. DE LUBAC, Betrachtungen über die Kirche, Graz 1954).

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Quelle: PAPST PAUL VI. – WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974 – Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano

Kardinal Giovanni Battista Montini – als Erzbischof von Mailand: Pfingstansprache vom 9. Juni 1957 im Mailänder Dom

PFINGSTEN

DIE ENTSTEHUNG DER KIRCHE

Denken wir an Pfingsten zurück als an das Ereignis, das das Erlösungswerk vervollständigt und es — von Christus aus — über die Welt verbreitet hat. Mit ihm hat die Fortdauer Christi begonnen, es hat die Kirche ins Leben gerufen und wirkt und dauert somit erleuchtend, stärkend, belebend und heiligend fort.

Der auf dieser Erde gegenwärtige Christus hatte schon die Ge­meinschaft der Seinen begründet, die zusammengesetzt war aus einer Gruppe von Jüngern, von denen er zwölfen den Rang von Aposteln verlieh, »quos et apostolos nominavit — die er Apostel nannte« (Luk. 6,13), und aus jenen, die, mit den Aposteln vereinigt, sein Predigen aufgenommen hatten und sich vorbereitet zeigten, das »Reich Gottes« zu empfangen, und dieser entstehenden Gemein­schaft hatte er selbst den prophetischen Namen gegeben: »meine Kirche — ecclesiam meam« (Matth. 16,18). Er selbst hatte die Lehre verkündet, das Evangelium, durch welches diese Gemeinschaft unterwiesen und geleitet werden sollte. Er selbst hatte die norma­tiven Grundsätze bezeichnet, um damit der Lebensführung seiner Nachfolger Inhalt und Richtung zu geben, und Er hatte besondere Gnadenmittel eingesetzt, um seine Gläubigen zu kennzeichnen und für jene Form des Lebens zu rüsten, die seine Nachfolge verlangt. Er selbst hatte der »kleinen Schar« befohlen, sich, ausgerüstet nur mit den Waffen des Wortes und der Gnade, aufzumachen, um die Welt zu erobern, und hatte die wunderbare, aber gleichzeitig mühselige und befehdete Verbreitung seiner Botschaft vorausge­sagt.

Aber all das, wie einzigartig und ermutigend es auch war, schien der Gruppe der ersten Nachfolger doch keine andere Organisation und keine andere Aktionsfähigkeit zu verleihen als die, über welche auch sonst menschliche Vereine bei ihrem Entstehen verfügen. Al­lerdings kam dazu die erschwerende Last der offenbaren Mißver­hältnisse zwischen der kleinen Anzahl von Menschen, aus denen der von Christus zusammengefügte Kern bestand, und den unermeß­lichen, steilen, schwer erkennbaren und noch obendrein dem spontanen menschlichen Gefühl unangenehmen Zielen, die es zu verfolgen galt. Bis zum letzten Tag, an dem Christus bei ihnen war, hatten nicht einmal die Apostel eine klare Vorstellung davon, was sie tun sollten und was sie erwartete. Noch knapp vor der Himmelfahrt Christi, als sie erfaßten, daß sich etwas Entscheidendes ereignen würde, fragten sie Ihn: »Herr, richtest du in dieser Zeit das Reich Israel wieder auf?« (Apg. 1,6). Das heißt, daß die Kirche zwar schon existierte, daß es ihr aber noch an Bewußtheit, an innerem Zusammenhalt, an ihrem ureigenen Leben mangelte, die sie in eine religiöse von Christus ausgehende Gemeinschaft verwandelte — von Christus nicht nur als ihrem Begründer, sondern auch als ihrem Lebensprinzip; es fehlte der Heilige Geist. Die Kirche war ein Leib, aber noch der Seele bar.

Ein frommer und tiefschürfender Schriftsteller sagt zu dieser Frage: »Obwohl Jesus Christus nach der Auferstehung unseren Augen unsichtbar geworden ist, fühlen wir dennoch, daß er mit uns lebt — weil wir seinen Atem verspüren. Ich nenne Atem Jesu Christi die Ausgießung des Heiligen Geistes … Am Morgen des Pfingstfestes hat das Menschengeschlecht diesen mächtigen Atem zum erstenmal verspürt.«

Die Seele der Kirche ist der Heilige Geist, das will sagen: Das unsichtbare und übernatürliche Prinzip, das die Kirche Christi leben macht, indem es in ihr die gewohnte, alle ihre Glieder durchfließende Gnade verbreitet, ist der ständige Beistand des Heiligen Geistes, der die Kirche zu der mit Christus verbundenen Menschheit macht, zum Mystischen Leib Christi, und ihr Fähigkeit und Gnaden verleiht, kraft deren er ihr Wissen von sich selbst erzeugt und alle Geschicke lenkt und leitet.

Diese Lehre wird wunderbar erläutert durch die Enzyklika des Papstes Pius XII. (1943) über den Mystischen Leib: »Christus der Herr läßt die Kirche an seinem übernatürlichen Leben teilnehmen, durchdringt ihren ganzen Leib mit seiner göttlichen Kraft und nährt und erhält die einzelnen Glieder gemäß dem Rang, den sie im Leibe einnehmen, ungefähr in der Weise, in welcher der Weinstock die mit ihm verbundenen Rebzweige nährt und fruchtbar macht. Wenn wir nun aufmerksam dieses göttliche von Christus gegebene Lebens- und Kraftprinzip in sich selbst betrachten, insofern es die Quelle einer jeden geschaffenen Gabe und Gnade bildet, werden wir leicht verstehen, daß es nichts anderes ist als der Tröster Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht und der in besonderer Weise Geist Christi und Geist des Sohnes genannt wird.«

So erscheint uns der Heilige Geist als belebendes Prinzip der Kirche. Lebensspender nennen wir ihn im Glaubensbekenntnis. Er ist das vereinigende Prinzip. »Dem Geist Christi als dem unsichtbaren Prinzip«, sagt die genannte Enzyklika noch, »kommt auch die Aufgabe zu, alle Teile des Leibes untereinander sowie mit ihrem erhabenen Haupte zu verbinden.« Er ist das Prinzip, das die verschiedenen Teile des Mystischen Leibes differenziert, indem er jedem seine besondere Funktion gibt: »All die vielen Glieder des Leibes«, schreibt der hl. Paulus, »bilden jedoch zusammen einen Leib. So ist es auch bei Christus. Wir alle sind durch die Taufe in einem Geist zu einem Leib geworden … Der Leib besteht ja auch nicht aus nur einem Glied, sondern aus vielen … So aber gibt es viele Glieder, jedoch nur einen Leib« (1. Kor. 12,12 ff.). Er (der Heilige Geist) ist das wirksame und heiligende Prinzip. » Jedem einzelnen«, lehrt der hl. Paulus (1. Kor. 12,7 ff.), »wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen aller verliehen. Dem einen nämlich wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, dem anderen das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist, einem anderen der Glaube in demselben Geist.«

»Das, was die Seele für den Leib des Menschen ist«, so schließen wir mit dem hl. Augustinus, »ist der Heilige Geist für den Leib Christi, für die Kirche.«

Diese erstaunliche Lehre, die sich durch die Existenz und Geschichte der Kirche bestätigt, stellt heute einen besonders wichtigen Aspekt im Rahmen der Bemühungen um die allgemeine und gemeinschaftliche Belebung des ganzen Mystischen Leibes dar, die dahin geht, daß sie auch die einfachen Gläubigen mit Funktionen betraut und zu lebendigen Gliedern der Kirche macht, ihnen ihre besondere Würde und eine nicht mehr nur rein passive Haltung in bezug auf das Gute der Kirche verleiht.

Wir wissen sehr wohl, daß sich die Kirche Christi in ihrer kämpferischen Phase auf dieser Erde zu einer sichtbaren, organischen und somit hierarchischen Form zusammenfügt und daß auch diese hierarchische Beschaffenheit eine glänzende Darstellung ihres Wesens ist, die nicht nur die verschiedene Verteilung der Gewalten im Schoß der Kirche an deren Gliedern aufzeigt, sondern auch ihre konstitutiven Merkmale wunderbar ins Licht setzt: ihre Einheit und Heiligkeit, ihre Katholizität und Apostolizität. Die Kirche setzt sich in der Tat aus zwei deutlich unterschiedenen Kategorien von Gläubigen zusammen: aus dem Klerus und aus den Laien. Der ersten Kategorie, welche bestimmte, sich auf den ganzen Leib der Kirche beziehende Funktionen hat, gehören jene an, die kraft des Sakraments der Priesterweihe und des kirchlichen Auftrages besondere Macht ausüben — Lehre, Kult, Lenkung — und die in den Abstufungen der Fülle dieser Macht eben die kirchliche Hierarchie bilden. Eine aktive Gruppe, die Lehrende Kirche, Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes eine Aufgabe an den anderen Gliedern der Kirche zu erfüllen haben, an der Hörenden Kirche, dem gläubigen Volk; sie zu lehren, zu heiligen und zu lenken.

Aber wenn dennoch die Funktionen der Kleriker gegenüber denen der Laien verschieden sind, so wissen wir doch auch zwei andere Dinge, denen moderne Theologie ihre Aufmerksamkeit gerne zuwendet. Das erste betrifft die völlig unterschiedslose Gleichheit aller Glieder der Kirche in bezug auf die übernatürliche Berufung: alle, Kleriker wie Laien, sind gleichermaßen Gläubige, alle sind die gleichen Christen, alle in gleicher Weise Schuldner Gottes in der Gnade, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe; alle sind zum gleichen ewigen Schicksal berufen, und alle sind sie Brüder: »Omnes autem vos fratres estis — Ihr aber seid alle Brüder« (Matth. 23,8). Wenn Verschiedenheit der Talente und Kräfte die Gläubigen voneinander unterscheidet, erwartet sie doch dort oben das gleiche Urteil; ja ein anspruchsvolleres und strengeres dort, wo höherer Reichtum an weit umfassenderen Gaben eine weit höhere Verantwortlichkeit erzeugt, die alle Leistung ins richtige Maß rückt.

Die zweite Sache betrifft die Stellung der Laien in der Kirche und die ihnen zukommende Rolle in der großen Familie Christi. Wenn wir sie so klar vom Klerus getrennt betrachten, überkommt uns die Freude darüber, daß auch sie eine so große, ihren Stand begründende Würde haben. Durch die bloße Tatsache, daß sie Christen sind, sind auch sie, durch die Taufe, Gotteskinder, sind sie durch die Firmung vollkommene Christen und Soldaten Christi, also lebendige und aktive Glieder der Kirche, nicht nur passive und untätige, ohne Rechte und Ehren; auch nicht ausgeschlossen von der großen Berufung zur Vollkommenheit und Heiligkeit, sondern Bürger des Reiches Gottes, Gegenstand der Sorge und der Achtung der ganzen christlichen Gemeinschaft und insbesondere dessen, der verpflichtet ist, für das allgemeine Heil zu sorgen.

»Die Heiligen« (vgl. 1. Petr. 1,15) nannten sich einst die Gläubigen, ganz gleich, welchen Status sie in der Kirche einnahmen; sie waren und sind unentbehrliche Mitglieder der christlichen Gemeinschaft, sie genießen, was die Art ihrer Heiligung im Schoß der Kirche anlangt, große Freiheit und disziplinierte, aber weitläufige Initiative: Das religiöse Leben erwächst daraus. Ja man hat noch mehr gesehen in diesen Beziehungen der Gläubigen zum übernatürlichen Zustand; der Apostel Petrus hat es ein »sacerdotium sanctum«, ein »regale sacerdotium« genannt — ein »heiliges Priestertum«, ein »königliches Priesterum« (1. Petr. 2,7-9), das dem ganzen christlichen Volke gemein ist.

Der hl. Ambrosius sagt, daß jeder von uns geheiligter Priester ist, und der hl. Johannes Chrysostomus erklärt, daß es jeder in der Taufe wird; denn mit der Taufe werden wir Glieder Christi, und — wie Augustinus sagt — »alle sind Priester, insofern sie Glieder des einzigen Priesters sind«, während der hl. Thomas hinzufügt, daß »jeder gute Mensch sich im mystischen Sinne Priester nennen kann, weil er sich selbst als mystisches Opfer Gott darbietet, das heißt als lebendige Hostie für Gott«. Nicht daß diese Teilhaftigkeit am Priesteramt Christi und diese Fähigkeit, sich seinem Opfer zu vereinigen, die dem Sakrament der Priesterweihe eigentümlichen liturgischen Kräfte verleihen, sie schenken jedoch dem Christen, auch dem einfachen Gläubigen, den eigentümlichen Charakter des priesterlichen Leibes Christi und machen so aus der christlichen Gemeinschaft eine »priesterliche Stadt«, das heißt, heilig und zum göttlichen Kult fähig.

In der Enzyklika über den Mystischen Leib preist ein lichtvoller Abschnitt die Würde eines jeden Christen: »Man darf etwa nicht glauben, die organische Struktur der Kirche erschöpfe sich in hierarchischen Stufungen … Mit vollem Recht haben die Kirchenväter, wenn sie die Dienstleistungen, Stufen, Berufe, Stellungen, Ordnungen und Ämter dieses Leibes hervorheben, nicht nur jene vor Augen, die heilige Weihen empfangen haben, sondern auch alle jene, die nach Befolgung der evangelischen Räte ein tätiges Leben unter den Menschen oder ein in der Stille verborgenes führen, oder auch beides je nach ihrer besonderen Verfassung zu verwirklichen trachten; ferner jene, die, obgleich in der Welt lebend, doch sich eifrig in Werken der Barmherzigkeit betätigen, um anderen seelische oder leibliche Hilfe zu leisten; endlich auch jene, die in keuscher Ehe vermählt sind. Ja es ist zu beachten, daß zumal in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Familienväter und -mütter, auch die Taufpaten und namentlich jene, die als Laien zur Ausbreitung des Reiches Christi der kirchlichen Hierarchie hilfreiche Hand bieten, einen ehrenvollen, wenn auch oft bescheidenen Platz in der christlichen Gemeinschaft einnehmen, ja daß auch sie mit Gottes Huld und Hilfe zur höchsten Heiligkeit aufsteigen können.«

Diese Erläuterung der adeligen und lebendigen Stellung des Laientums in der Kirche bejaht und rechtfertigt das Interesse, das sich heute durch die Mitarbeit des Laientums selbst äußert: Was kann es tun? Was soll es tun?

In diesen Jahren haben einige Erscheinungen von immensen Maßen ein dramatisches und wunderbares Kapitel im geschichtlichen Epos der modernen Kirche angezeigt. Diese Phänomene versetzen die Mutter Kirche einerseits in Leid und Angst: Das moderne Leben scheint gegen sie zu revoltieren, und zwar durch die Ungläubigkeit, zu der es sich bekennt, durch die im Menschen erzeugte Illusion, in allem hinreichend befriedigt zu sein, ferner durch den Laizismus und Atheismus, die der immer agnostizistischeren und materialistischeren Geistigkeit der zeitgenössischen Auffassung vom Menschen den Charakter ihrer düsteren Kräfte verleihen. Auf dies alles folgt — von seiten ganzer Völker und der neuen Generation — der Abfall von den heiligen und erhabenen religiösen Überlieferungen, die doch das kostbarste und umsorgteste Erbe unseres Zeitalters darstellen müßten; und mit diesem Abfall die peinliche Unzulänglichkeit des Klerus, sei es an Zahl wie auch an Kraft, um ihr Rettungswerk in einer Gesellschaft durchzuführen, die ihre wahre und letzte Bestimmung vergessen hat. Daraus resultiert ein Zustand, den man als Krise des Katholizismus bezeichnen könnte. Aber andererseits bestätigen Phänomene, die wert sind, daß man sie festhält, eine mächtige Lebenskraft der Kirche; immer mehr der Hilfsmittel und Privilegien beraubt, die ihr aus der umgebenden Gesellschaft zukommen, holt sie aus ihrem eigenen Schoß die Kräfte, sich zu verteidigen und zu gedeihen. Die Kirche, möchte man sagen, beugt sich unter dem ungeheuren Druck der modernen Irreligiosität auf sich selbst zurück, und in dieser inneren Sammlung, ich will sagen: in diesem Zurückgreifen auf die in ihr vorhandenen übernatürlichen Quellen, erprobt sie, wie stark sich ihr Selbstvertrauen, ihre Energie und ihre Eroberungsfähigkeit vervielfältigen. Es ist der Strom des Heiligen Geistes, der nach wie vor in ihre Glieder eindringt, sie beweglich macht und kräftigt. Es ist der Pfingststurm, der in die Segel des mystischen Bootes fährt, das keine Unwetter mehr fürchtet. Es ist, unter sichtbarem und sozialem Aspekt, der Eintritt des katholischen Laientums in eine kräftigere und betonte Zusammenarbeit mit dem hierarchischen Apostolat.

Man hat von der »Mission der Laien«, der »Stunde des Laientums« und der »apostolischen Funktion des Laien« gesprochen; doch hat man damit nicht eine von unten her aufsteigende demokratische Bewegung gemeint, die der Hierarchie Teile ihrer Macht streitig machen oder die Gläubigen von der Vormundschaft der Hierarchie befreien sollte durch Bewußtmachen eines eigenen Vermögens und durch Ausschauhalten nach einer eigenen Autonomie; noch viel weniger hat man dabei den schismatischen Versuch im Auge gehabt, parallel zur kirchlichen eine Hierarchie der Laien her-vorzubringen, und schon gar nicht die Übertragung von besonderen sakralen oder richterlichen Machtvollkommenheiten von der Hierarchie auf die Laien, so als würden diese gleichsam an der Ausübung der priesterlichen Obliegenheit beteiligt werden.

Wir meinen vielmehr die Mitarbeit, welche die Laien als solche als bewußte und großmütige Kinder der Kirche — ihr in dieser schrecklichen und wunderbaren Stunde leihen können. Die Kirche ruft sie, die Kirche ermuntert sie, die Kirche mobilisiert sie, schafft ihnen die modernen und geeigneten Formen, besonders in der Katholischen und sozialen Aktion, damit sie so in die Möglichkeit und in den ehrenvollen Stand gesetzt werden, wirksam und kämpferisch, aktiv und freudig mitzuhalten bei dem wagemutigen Unter-nehmen der modernen Glaubensverkündigung.

Eine große Stunde ist das, die den Gläubigen Gelegenheit bietet, das katholische Leben als Würde und Glück, als Adel und Berufung aufzufassen; eine große Stunde, die das christliche Bewußtsein aus der gewohnten trägen Schläfrigkeit aufweckt, in die es für so viele hineingeraten ist, und ihm das Licht neuer Rechte und neuer Pflichten schenkt. Eine große Stunde, die nicht gestattet, daß einer sich Christ nennt und zugleich moralisch ein schlaffes, mittelmäßiges, abgesondertes und egoistisches Dasein führt, das lediglich durch die kümmerliche Befolgung irgendeiner religiösen Vorschrift gekennzeichnet ist, anstatt verwandelt zu sein durch den positiven, ritterlichen und bisweilen heroischen, immer aber demütigen und zähen Willen, den eigenen Glauben aus voller Überzeugung und ganzem Vorsatz zu leben. Groß ist diese Stunde, die dem christlichen Volk seine Schüchternheit und Furcht nimmt, es befreit vom Dämon der Zwietracht und des Individualismus und von der Feigheit der alle geistigen Ziele vergewaltigenden zeitlichen Interessen. Große Stunde, die sogar aus den Kindern, aus den Jugendlichen, aus den Frauen, selbst aus Denkern und Geschäftsleuten wie auch aus den Kranken Scharen von lebendigen Seelen macht, die brennen für den Messianismus des Reiches Gottes, der weder phantastisch noch illusionistisch ist. Eine große Stunde, in der das Christenvolk so verschmilzt, daß es in einem erneuerten hierarchischen und brüderlichen Sinn »ein Herz und eine Seele« wird rund um den Altar Christi: überzeugt der Klerus, gemeinsam mit allen Gläubigen zu beten, und die Gläubigen davon durchdrungen, an der geheimnisvollen und überwältigenden Liturgie der Kirche teilzunehmen. Groß ist diese Stunde, in der das Pfingstfest den Mystischen Leib Christi mit dem Heiligen Geist erfüllt und ihm von neuem prophetischen Geist gibt entsprechend der Botschaft des Apostels Petrus in der ersten christlichen Predigt, die die Menschheit hörte: »Dann werden eure Söhne und Töchter weissagen, eure Jünglinge Gesichte schauen und eure Greise Traumgesichte haben. Selbst über meine Knechte und Mägde werde ich ausgießen meinen Geist in jenen Tagen, und sie werden weissagen« (Apg. 2, 17-18); das heißt, sie werden innere geistige Fülle genießen und die Fähigkeit haben, davon wunderbare äußere Zeugenschaft abzulegen.

Die Einladung der Kirche ist dringlich und vertrauensvoll, doch darf man nicht verschweigen, daß sie schlecht aufgenommen und interpretiert werden kann. Die aktive Einbeziehung des Laientums in das Leben der Kirche kann ihre Gefahren haben und Entgleisungen mit sich bringen, worauf Wir deshalb sofort verweisen, damit verhindert werde, daß eine so schöne und segensreiche Sache ausarte und schwierige Verbesserungen nötig mache. Wir weisen zum Beispiel auf die doppelte Gefahr des Temporalismus und des Laizismus hin.

Des Temporalismus, sagten wir; das ist die Gefahr, daß die Laien in der Kirche in wachsendem Maße Aufgaben übernehmen und so den Namen und die Verantwortlichkeit der Kirche in profane Bereiche und Angelegenheiten hineinziehen. Solche Bereiche und Angelegenheiten sind mehr Sache des Laientums, dem es nicht, wie dem Klerus, untersagt ist, sich mit den Dingen dieser Welt um ihrer selbst, also um rein irdischer Ziele willen abzugeben, etwa mit weltlichen und politischen Belangen. Daraus kann die Gefahr entstehen, daß, wie man heute zu sagen pflegt, das Heilige mit dem Profanen vermengt wird. Deshalb wird es ratsam sein, zu unterscheiden zwischen der eigentlichen religiösen, katholischen und kirchlichen und der rein sozialen und politischen Aktion der Katholiken; eine Unterscheidung, die immer betont werden muß, sobald man auf dem Feld der Aktion — in bezug auf die Prinzipien, die stets allen bewußt bleiben und für alle gemeinsam sein müssen — mehr die Mittel als die Zwecke und eher die zeitliche als die moralische und geistige Ordnung im Auge hat.

Vom Laizismus droht — an zweiter Stelle — noch eine andere Gefahr; wir wollen von dieser Tendenz sagen, daß sie sich manchmal bei den Katholiken selbst äußert, die sich gegenüber der kirchlichen Hierarchie mitunter ihre eigenen unabhängigen Rechte anmaßen; sie denken, der Klerus möge sich auf die bloße Ausübung des Kultes beschränken und darauf, die christliche Lehre theoretisch darzulegen, wenn es dem selbstgenügsamen Laizismus gerade gefällt, die Geistlichen dazu einzuladen, ihre heiligen Funktionen zu erfüllen; auf diese Art spricht er dem Geistlichen das Recht ab, dort dauernden Beistand zu leisten, Rat zu erteilen und die moralische Führung innezuhaben, wo es ständig darum geht, die Prinzipien zu behaupten, und wo die praktische Steuerung allen Wirkens und die Lenkung der im christlichen Namen und für die christliche Sache geschaffenen Organisationen auf Schritt und Tritt die moralische Mitverantwortlichkeit und geistige Teilnahme auch des Klerus miteinschließt. Das katholische Laientum muß verstehen, daß seine Würde und Aktionsfähigkeit sich nicht herleiten dürfen von einer fortschreitenden Verselbständigung gegenüber der kirchlichen Autorität, sondern davon, daß die Laien die unaufhebbare Sendung derer, die der Heilige Geist zur Leitung der Kirche Gottes eingesetzt hat, wie Söhne unterstützen und sich in Liebe mit ihr solidarisch erklären (vgl. Apg. 20,28).

Es sind dies ernsthafte Gefahren, die neue Probleme, seien es theoretische oder praktische, ins Leben rufen, an deren Lösung auch die Zeit und die Erfahrung — über die Logik der Prinzipien und das Lehramt der Kirche hinaus — noch arbeiten müssen. Sie sind aber mit der menschlichen Natur und mit eben dem Phänomen, das wir gerade feiern, eng verknüpft; mit der Erneuerung des Pfingstereignisses unter den neuen, aufrüttelnden geschichtlichen und geistigen Bedingungen unserer Gegenwart.

Und es sind keine solchen Gefahren, daß sie den Klerus und die Gläubigen von der großen Aufgabe unserer Tage abbrächten, von jener nämlich, die kämpferische Kirche durch die Mobilisierung der zusammenarbeitenden Kräfte, die aus dem Laientum kommen können, zu beleben.

Und wolle Gott, daß das Pfingstereignis, das in den Reihen des Laientunis großartige aktive und bekennende Kräfte weckt, auch weiterhin der Kirche Scharen von katholischen Laien zuführen möge, die tief vom christlichen Geist durchdrungen sind, die bereit sind zu Verteidigung und Eroberung, sich in den vielfältigen Werken der geistigen und zivilen Erneuerung fügsam und mutig erweisen und immer brüderlich vereint und solidarisch sind.

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Quelle: Papst Paul VI. – Christus und der Mensch von heute – Ansprachen und Aufsätze, ausgewählt und eingeleitet von Don Virgilio Levi – Wilhelm Goldmann Verlag, München.