Im Wortlaut: Päpstlicher Hausprediger bei der Karfreitagsliturgie

Pater Raniero Cantalamessa, Prediger des päpstlichen Hauses

Wir dokumentieren hier in einer Arbeitsübersetzung die Predigt von P. Raniero Cantalamessa, ofmcap, bei der Karfreitagsliturgie 2020 mit Papst Franziskus in der Petersbasilika.

„Gedanken des Heils und nicht des Unheils“

Predigt zum Karfreitag 2020 im Petersdom

 

Der heilige Gregor der Große sagte, dass die Schrift „mit ihren Lesern wächst“, cum legentibus crescit. Sie enthüllt immer neue Bedeutungen, je nachdem, welche Fragen die Menschen beim Lesen im Herzen haben. Und in diesem Jahr lesen wir den Passionsbericht mit einer Frage – eher mit einem Schrei in unseren Herzen, der sich über die ganze Erde erhebt. Wir müssen die Antwort suchen, die das Wort Gottes uns gibt.

Die Lesung des Evangeliums, die wir gerade gehört haben, ist der Bericht über das objektiv größte Böse, das auf der Erde begangen wurde. Wir können es aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten: entweder von vorne oder von hinten, d.h. entweder von seinen Ursachen oder von seinen Auswirkungen. Wenn wir bei den historischen Ursachen des Todes Christi stehen bleiben, werden wir verwirrt und jeder wird versucht sein, wie Pilatus zu sagen: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Mannes“ (Mt 27,24). Das Kreuz wird besser durch seine Auswirkungen als durch seine Wurzeln verstanden. Und was waren die Auswirkungen des Todes Christi? Gerecht gemacht durch den Glauben an ihn, Versöhnung und Frieden mit Gott und Erfüllung mit der Hoffnung auf ewiges Leben! (siehe Röm 53,1-5).

Aber es gibt eine Wirkung, die wir in der gegenwärtigen Situation besonders gut erfassen können. Das Kreuz Christi hat die Bedeutung des Schmerzes und des menschlichen Leidens verändert – jede Art von Leiden, physisch und moralisch. Es ist nicht länger eine Strafe, ein Fluch. Es wurde an seiner Wurzel erlöst, als der Sohn Gottes es auf sich nahm. Was ist der sicherste Beweis dafür, dass das Getränk, das uns jemand anbietet, nicht vergiftet ist? Es ist der Beweis, wenn diese Person vor uns aus demselben Kelch trinkt. Das ist es, was Gott getan hat: Am Kreuz trank er vor der ganzen Welt aus dem Kelch des Schmerzes bis auf den letzten Tropfen. Auf diese Weise zeigte er uns, dass er nicht vergiftet ist, sondern dass sich am Boden eine Perle befindet.

Und zwar nicht nur der Schmerz derer, die glauben, sondern jeder menschliche Schmerz. Er starb für alle Menschen: „Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“, sagte er (Joh 12,32). Alle, nicht nur einige! Der heilige Johannes Paul II. schrieb nach dem Attentat vom Krankenhausbett aus: „Leiden bedeutet, besonders empfänglich zu werden, besonders offen für das Wirken der heilbringenden Kräfte Gottes, die der Menschheit in Christus angeboten werden“ (Joh 12,32). Dank des Kreuzes Christi ist das Leiden auf seine Weise auch zu einer Art „universellem Sakrament des Heils“ für die Menschheit geworden.

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Welches Licht wirft all dies auf die dramatische Situation, in der sich die Menschheit jetzt befindet? Auch hier müssen wir mehr auf die Auswirkungen als auf die Ursachen schauen – nicht nur auf die negativen, von denen wir täglich in herzzerreißenden Berichten hören, sondern auch auf die positiven, die wir nur durch eine genauere Beobachtung erfassen können.

Die Pandemie des Coronavirus hat uns schlagartig von der größten Gefahr befreit, der Einzelpersonen und die Menschheit seit jeher ausgesetzt sind: dem Allmachtswahn. Ein jüdischer Rabbiner hat geschrieben, dass wir in diesem Jahr die Gelegenheit haben, einen ganz besonderen Osterexodus zu feiern, nämlich „aus dem Exil des Bewusstseins“ . Es bedurfte lediglich des kleinsten und formlosesten Elements der Natur, eines Virus, um uns daran zu erinnern, dass wir sterblich sind, dass militärische Macht und Technologie nicht ausreichen, um uns zu retten. Wie ein Psalm in der Bibel sagt: „Der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt.“ (Ps 49,21). Wie wahr das ist!

Während er in der St. Paul’s Cathedral in London Fresken malte, war der Künstler James Thornhill an einem bestimmten Punkt so begeistert von seinem Werk, dass er zurücktrat, um es besser zu sehen, und sich nicht bewusst war, dass er kurz davor war vom Gerüst zu fallen. Ein entsetzter Assistent begriff, dass ein Schreien die Katastrophe nur noch beschleunigt hätte. Ohne nachzudenken, tauchte er einen Pinsel in Farbe und schleuderte ihn in die Mitte des Freskos. Der Meister sprang entsetzt nach vorne. Sein Werk war beschädigt, aber er war gerettet.

Das macht Gott manchmal mit uns: Er stört unsere Projekte und unsere Ruhe, um uns vor dem Abgrund zu retten, den wir nicht sehen. Aber wir müssen uns davor hüten, uns täuschen zu lassen. Gott ist nicht derjenige, der den Pinsel auf das funkelnde Fresko unserer technologischen Gesellschaft geschleudert hat. Gott ist unser Verbündeter, nicht der Verbündete des Virus! Er selbst sagt in der Bibel: „Denn ich,…… habe Gedanken des Heils und nicht des Unheils; “ (Jer 29,11).

Wären diese Geißeln Strafen Gottes, ließe sich nicht erklären, warum sie gleichermaßen Gute und Böse treffen und warum die Armen gewöhnlich am meisten an den Folgen leiden. Sind sie größere Sünder als die anderen?

Der, der über den Tod des Lazarus geweint hat, weint heute über die Geißel, die über die Menschheit hereingebrochen ist. Ja, Gott „leidet“, wie jeder Vater und jede Mutter. Wenn wir das eines Tages herausfinden, werden wir uns für alle Anschuldigungen schämen, die wir im Leben gegen ihn erhoben haben. Gott nimmt an unserem Schmerz Anteil, um ihn zu überwinden. „Da er überaus gut ist – schrieb der heilige Augustinus – würde Gott in seinen Werken kein Böses zulassen, es sei denn, er ist in seiner Allmacht und Güte in der Lage, aus dem Bösen das Gute hervorzubringen“.

Hat Gott der Vater möglicherweise den Tod seines Sohnes gewollt, um Gutes daraus zu ziehen? Nein, er hat der menschlichen Freiheit einfach ihren Lauf gelassen, damit sie jedoch Seinen Zwecken und nicht denen der Menschen dient. Dies gilt auch für Naturkatastrophen wie Erdbeben und Seuchen. Sie werden von ihm nicht herbeigeführt. Er hat der Natur auch eine Art von Freiheit gegeben, die sich natürlich qualitativ von der des Menschen unterscheidet, aber dennoch eine Form der Freiheit, sich nach ihren eigenen Gesetzen zu entwickeln. Er hat nicht eine vorprogrammierte Welt geschaffen, in der alles geplant ist. Es ist das, was einige „Zufall“ nennen, aber die Bibel nennt es stattdessen „die Weisheit Gottes“.

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Die andere positive Frucht der gegenwärtigen Gesundheitskrise ist das Gefühl der Solidarität. Wann haben sich die Menschen aller Nationen im Gedächtnis der Menschheit jemals so vereint, so gleichberechtigt, so wenig im Konflikt gefühlt wie in diesem Moment des Schmerzes? Noch nie so sehr wie jetzt haben wir die Wahrheit der Worte eines unserer großen Dichter erfahren: „Friede, ihr Völker! Zu tief ist das Geheimnis der niedergeworfenen Erde“. Wir haben vergessen, Mauern zu bauen. Das Virus kennt keine Grenzen. In einem Augenblick hat es alle Barrieren und Unterscheidungen von Rasse, Nation, Religion, Reichtum und

Macht. Wir sollten nicht zu alten Zeiten zurückkehren, wenn dieser Moment vorüber ist. Wie der Heilige Vater uns ermahnt hat, sollten wir diese Gelegenheit nicht verpassen. Lassen wir nicht zu, dass so viel Schmerz, so viele Tote und so viel heroisches Engagement der im Gesundheitswesen Tätigen vergeblich gewesen sind. Die Rückkehr zur alten Situation ist die „Rezession“, die wir am meisten fürchten sollten.

Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. (Jes 2,4)

 

Dies ist der Augenblick, etwas von der Prophezeiung des Jesaja in die Tat umzusetzen, auf dessen Erfüllung die Menschheit schon lange gewartet hat. Sagen wir „Genug!“ zu dem tragischen Wettrüsten. Sagt es mit aller Kraft, ihr jungen Leute, denn es geht vor allem um euer Schicksal. Widmen wir die unbegrenzten Mittel, die für Waffen eingesetzt werden, den Zielen, die heute am notwendigsten und dringendsten sind: Gesundheit, Hygiene, Ernährung, Armutsbekämpfung, Bewahrung der Schöpfung. Überlassen wir der nächsten Generation eine Welt, die, wenn nötig, ärmer an Gütern und Geld, aber reicher an Menschlichkeit ist.

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Das Wort Gottes sagt uns, dass das erste, was wir in Zeiten wie diesen tun sollten, ist, zu Gott zu schreien. Er selbst ist es, der den Menschen die Worte in den Mund legt, um zu ihm zu schreien, manchmal harte Worte der Klage und fast schon der Anklage: „Wach auf! Warum schläfst du, Herr? Erwache, verstoß nicht für immer! 27 Steh auf, uns zur Hilfe! In deiner Huld erlöse uns!! “ (Ps 44, 24, 27). „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ (Ps 44, 24, 27). (Mk 4,38).

Möchte Gott vielleicht gebeten werden, damit er seine Wohltaten gewähren kann? Kann unser Gebet Gott vielleicht dazu bringen, seine Pläne zu ändern? Nein, aber es gibt Dinge, die Gott beschlossen hat, uns als Frucht seiner Gnade und unseres Gebets zu gewähren, fast so, als ob er mit seinen Geschöpfen die Anerkennung für den empfangenen Nutzen teilen würde. Gott ist derjenige, der uns dazu veranlasst, es zu tun: „Sucht und ihr werdet finden; sagt Jesus, klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Mt 7,7).

Als die Israeliten in der Wüste von Giftschlangen gebissen wurden, befahl Gott Moses, eine Schlange aus Bronze an einem Pfahl zu erhöhen, und wer auch immer sie ansah, wurde gerettet. Jesus machte sich dieses Symbol zu eigen, als er Nikodemus sagte: „Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“ (Joh 3,14-15). Auch wir sind in diesem Augenblick von einer unsichtbaren, giftigen „Schlange“ gebissen worden. Lasst uns auf denjenigen blicken, der für uns am Kreuz „emporgehoben“ wurde. Lasst uns ihn in unserem eigenen Namen und im Namen der ganzen Menschheit anbeten. Wer ihn im Glauben anschaut, stirbt nicht. Und wenn dieser Mensch stirbt, dann um ins ewige Leben einzugehen.

„Nach drei Tagen werde ich auferstehen“, hatte Jesus vorhergesagt (vgl. Mt 9,31). Auch wir werden nach diesen Tagen, die hoffentlich kurz sein werden, auferstehen und aus den Gräbern unserer Häuser herauskommen. Aber nicht, um wie Lazarus in das frühere Leben zurückzukehren, sondern in ein neues Leben, wie Jesus. Ein geschwisterlicheres, menschlicheres, christlicheres Leben!

(vatican news)

Immer um 12 auf diesem Portal: der Rosenkranz aus Loreto

In bevorstehenden Karwoche übertragen wir auf diesem Portal von Montag bis Samstag um 12 Uhr den Rosenkranz aus dem Heiligtum von Loreto in Mittelitalien.

Die Übertragung im italienischen Original mit dem Erzbischof von Loreto, Fabio Cal Cin, tritt an die Stelle des Rosenkranzgebetes, das in den  vergangenen Wochen Vatikan-Kardinal Angelo Comastri im geschlossenen Petersdom leitete.

Loreto ist der bedeutendste Marienwallfahrsort Italiens. In der Basilika wird das Heilige Haus verehrt, in dem der Überlieferung nach die Gottesmutter Maria die Verkündigung durch den Erzengel Gabriel empfing. Im Inneren der Wallfahrtskirche befinden sich die drei Wände des Hauses aus Nazareth, die Kreuzritter 1294 nach Loreto brachten.

Die Basilika von Loreto steht auch in Zeiten der Ausgangssperre in Italien aufgrund de Corona-Pandemie zum individuellen Gebet und zur Beichte offen. Heilige Messen können aufgrund der für das ganze Land geltenden Maßnahmen nur ohne Volk stattfinden, werden aber online übertragen.

(vatican news – gs)

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Die Papstpredigt zum Palmsonntag

Vatican News dokumentiert an dieser Stelle die Papstpredigt zum Palmsonntag in der offiziellen deutschen Übersetzung. Diesen und alle anderen Texte des Papstes können Sie im Orignial und den verschiedenen Übersetzungen auf http://www.vatican.va einsehen.

Jesus »entäußerte sich und wurde wie ein Sklave« (Phil 2,7). Lassen wir uns von diesen Worten des Apostels Paulus in die heiligen Tage einführen, wo Jesus in den Lesungen der Heiligen Schrift wiederholt als Knecht bezeichnet wird: am Gründonnerstag ist er der Diener, der den Jüngern die Füße wäscht; am Karfreitag wird als der leidende und siegreiche Gottesknecht dargestellt (vgl. Jes 52,13); und bereits morgen hören wir die Prophezeiung Jesajas über ihn: »Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze« (Jes 42,1). Gott hat uns gerettet, indem er uns dient. Wir denken im Allgemeinen, dass wir es sind, die Gott dienen. Nein, er ist es, der uns unentgeltlich gedient hat, weil er uns zuerst geliebt hat. Es ist schwierig zu lieben, wenn man selbst keine Liebe erfährt. Und noch schwieriger ist es zu dienen, wenn wir uns nicht von Gott bedienen lassen.

Aber – eine Frage – in welcher Weise hat der Herr uns gedient? Indem er sein Leben für uns gibt. Wir sind ihm lieb und er hat einen teuren Preis für uns gezahlt. Die heilige Angela von Foligno bezeugte, dass Jesus ihr folgende Worte sagte: »Ich habe dich nicht zum Spaß geliebt.« Seine Liebe brachte ihn dazu, sich für uns zu opfern, all unser Böses auf sich zu nehmen. Es fehlen einem die Worte: Gott hat uns gerettet, indem er zuließ, dass unser Böses sich gegen seinen Sohn richtete. Keine Gegenwehr, nur mit Demut, mit Geduld und mit dem Gehorsam des Dieners, allein mit der Kraft der Liebe. Und der Vater hat den Dienst Jesu mitgetragen: Er beseitigte das Böse nicht, das über seinen Sohn hereinbrach, sondern stütze ihn im Leiden, damit unser Böses allein mit dem Guten überwunden wird, damit es durch und durch von der Liebe durchdrungen wird. Durch und durch.

Der Herr hat uns gedient, selbst als er die für einen Liebenden schmerzlichsten Situationen erleben musste: Verrat und Verlassenheit.

Der Verrat. Jesus erlebte den Verrat des Jüngers, der ihn verkaufte, und des Jüngers, der ihn verleugnete. Er wurde von den Menschen verraten, die ihm zuerst zujubelten und dann schrien: »Ans Kreuz mit ihm!« (Mt 27,22). Er wurde verraten von der religiösen Institution, die ihn zu Unrecht verurteilte, und von der politischen Institution, die ihre Hände in Unschuld wusch. Denken wir an die kleinen oder großen Situationen des Verrats, die wir erleben mussten. Es ist schrecklich, wenn man entdeckt, dass das Vertrauen, das man in jemanden gesetzt hat, missbraucht wird. Eine solche Enttäuschung geht einem so zu Herzen, dass das Leben keinen Sinn mehr zu haben scheint. Dies kommt daher, weil wir geboren werden, um geliebt zu werden und um zu lieben, und am schmerzlichsten ist es, von denen verraten zu werden, die versprochen haben, uns loyal und nahe zu sein. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie schmerzhaft das für Gott war, für ihn, der die Liebe ist.

Blicken wir in unser eigenes Leben. Wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind, werden wir unsere Untreue sehen. Wie viel Unaufrichtigkeit, Heuchelei und Doppelzüngigkeit da doch ist! Wie viele gute Absichten wir verraten haben! Wie viele gebrochene Versprechen! Wie viele Vorsätze haben wir aufgegeben! Der Herr kennt unsere Herzen besser als wir selbst, er weiß, wie schwach und unbeständig wir sind, wie oft wir fallen, wie schwer es uns fällt, wieder aufzustehen, und wie schwierig es ist, manche Wunden zu heilen. Und was hat er getan, um uns zu helfen, um uns zu dienen? Das, was er durch den Propheten gesagt hatte: »Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben« (Hos 14,5). Er heilte uns dadurch, dass er unsere Untreue auf sich nahm, dass er unseren Verrat hinwegnahm, damit wir uns nicht von Versagensängsten entmutigen lassen, sondern zum Gekreuzigten aufblicken können, uns von ihm umarmen lassen und sagen können: „Schau, meine Treulosigkeit dort, du, Jesus, hast sie mir genommen. Du kommst mir mit offenen Armen entgegen, du dienst mir mit deiner Liebe, du unterstützt mich weiterhin … So gehe ich weiter!“

Die Verlassenheit. Am Kreuz sagt Jesus im Evangelium des heutigen Tages nur einen Satz: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Mt 27,46). Das ist ein starkes Wort. Jesus hatte die leidvolle Erfahrung machen müssen, dass die Seinen geflohen waren und ihn im Stich gelassen hatten. Der Vater aber war bei ihm geblieben. Nun, in abgrundtiefer Einsamkeit, nennt er ihn zum ersten Mal mit der allgemeinen Bezeichnung „Gott“. Und er ruft ihm mit »lauter Stimme« dieses „Warum?“, dieses herzzerreißende „Warum?“ zu: „Warum hast auch du mich verlassen?“ Dies sind eigentlich Worte eines Psalms (vgl. 22,2). Sie sagen uns, dass Jesus auch seine äußerste Trostlosigkeit ins Gebet gebracht hat. Aber die Tatsache bleibt, dass er dies erlebt hat: Er erlebte die größte Verlassenheit, welche die Evangelien bezeugen und mit seinen ursprünglichen Worten wiedergeben.

Warum all das? Noch einmal für uns, um uns zu dienen. Damit wir dann, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, wenn wir uns in einer Sackgasse befinden, ohne Licht und ohne Ausweg, und wenn es scheint, dass selbst Gott nicht antwortet, uns daran erinnern, dass wir nicht allein sind. Jesus erlebte die totale Verlassenheit, die ihm an sich ganz fremd ist, um mit uns vollkommen solidarisch zu sein. Das hat er für mich getan, für dich, für uns alle; er hat es getan, um uns zu sagen: „Hab keine Angst, du bist nicht allein. Ich habe all deine Trostlosigkeit erlebt, um immer an deiner Seite zu sein.“ So weit also ging Jesus in seinem Dienst, dass er in den Abgrund unserer schrecklichsten Leiden hinabstieg, bis hin zu Verrat und Verlassenheit. Heute, in dieser dramatischen Situation der Pandemie, angesichts so vieler Gewissheiten, die zerbröckeln, angesichts so vieler enttäuschter Erwartungen, in diesem Gefühl bedrückender Verlassenheit, sagt Jesus zu einem jeden: „Nur Mut! Öffne dein Herz meiner Liebe. Du wirst den Trost Gottes spüren, der dir beisteht.“

Liebe Brüder und Schwestern, was können wir, die wir vor Gott stehen, tun, der uns bis zur Erfahrung von Verrat und Verlassenheit gedient hat? Wir sollen das nicht verraten, wofür wir geschaffen wurden, und das nicht aufgeben, was zählt. Wir sind auf der Welt, um Gott und unsere Mitmenschen zu lieben. Das bleibt, alles andere vergeht. Das Drama, das wir in diesen Tagen gerade durchleben, drängt uns, die ernsten Dinge ernst zu nehmen und uns nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren; wiederzuentdecken, dass das Leben zu nichts dient, wenn man nicht dient. Denn das Leben wird an der Liebe gemessen. So stehen wir in diesen heiligen Tagen zu Hause vor dem Gekreuzigten – Schaut, blickt auf den Gekreuzigten! –, an dem sichtbar wird, wie sehr Gott uns geliebt hat. Mit dem Blick auf den Gekreuzigten bitten wir den Gottessohn, dessen Dienst bis zur Hingabe seines Lebens geht, um die Gnade, dass wir leben, um zu dienen. Versuchen wir, mit denen Kontakt zu halten, die leiden, die allein sind und bedürftig. Denken wir nicht nur an das, was uns fehlt, denken wir auch an das Gute, das wir tun können.

Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze. Der Vater, der Jesus auf seinem Leidesweg gestützt hat, ermutigt auch uns in unserem Dienst. Sicherlich, zu lieben, beten, vergeben und sich um andere zu kümmern, in der Familie wie auch in der Gesellschaft, kann einiges kosten. Es mag wie ein Kreuzweg erscheinen. Aber der Weg des Dienens ist der Weg des Sieges, der uns erlöst hat und uns erlöst, der unser Leben rettet. Ich möchte dies besonders den jungen Menschen sagen, an diesem Tag, der ihnen seit 35 Jahren gewidmet ist. Liebe Freunde, schaut auf die wahren Helden, die in diesen Tagen zum Vorschein kommen. Es sind nicht diejenigen, die Ruhm, Geld und Erfolg haben, sondern diejenigen, die in Selbsthingabe anderen dienen. Fühlt euch berufen, euer Leben einzusetzen. Habt keine Angst, es für Gott und die anderen zu geben, ihr werdet dabei gewinnen! Denn das Leben ist ein Geschenk, das einem zuteilwird, wenn man sich selbst hingibt; und die größte Freude besteht darin, Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. Ja zu sagen zur Liebe, ohne Wenn und Aber. So, wie Jesus es für uns getan hat.

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Unser Sonntag: Palmsonntag

Das war einmal – der Petersplatz mit Gläubigen (Vatican Media)

Prof. Gerl-Falkovitz greift die unfassbare Stimmung des Palmsonntags auf: Das Volk war großenteils auf der Seite Jesu, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig, aber Jubel bei Jesu Einzug in Jerusalem.

Prof. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


Mt 21, 1-11 Palmsonntag

Sechs Tage vor der Tötung Jesu scheint sich noch einmal das Geschehen umzudrehen. Der Verrat durch Judas ist schon eingefädelt, die Anklage vor dem Hohen Rat eine beschlossene Sache. Umso mehr, als die vor wenigen Tagen erfolgte Auferweckung des Lazarus von den Toten in Betfage, vor den Toren der Stadt, die Gemüter wieder erregt hatte. Immer wieder geschah dieses Unheimliche: dass der nicht zu greifende, nicht zu begreifende Mann Dinge tat, die nicht zu leugnen, noch weniger zu erklären waren.

„Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.“

Die Hypothese, er tue dies mit dem Beelzebub, spukte in den Gelehrtenköpfen, andererseits überzeugte das nicht wirklich, und doch: Schon die Behauptung, Sünden zu vergeben, klang wie eine Lästerung, und die Erweckung von den Toten verwies auf – ja, was genau?

Das Volk wiederum war großenteils auf seiner Seite, so musste die Tötung rasch und unter politischem Druck erfolgen, unter Kollaboration mit den eigentlich verhassten Römern. Es galt, alles klug einzufädeln und endgültig ein Ende zu machen. Die Stimmung vor dem Pessach-Fest war aufgeladen wie nie, gewittrig.

Jesus rüstet sich zum Äußersten

Als Jesus nun in die Stadt einzog, jubelte das Volk, es rollte eine Welle der Zustimmung und der Freude an. Vor dem Pessach strömten immer zahlreiche Pilger nach Jerusalem; wie die biblische Forschung herausstellte, holte man häufig Pilgergruppen an den Toren ab und begleitete sie durch die Straßen zum Tempel. Diesmal aber brandet der Jubel ungewöhnlich auf, Jesus wird gehuldigt, tatsächlich wie einem König, mit Kleidern als Teppichen, mit Palmen, mit Rufen: „die ganze Stadt erbebte…“ Mit dem einzigartigen Propheten strömt die immer weiter anwachsende Menge in den Tempel, Kinder rufen den Hosanna-Ruf und springen mit. Es ist eine Stunde, in der das Volk „von einer ungeheuren Erregung“ ergriffen wird; Guardini, der den Einzug in seinem Meisterwerk „Der Herr“ beschreibt, meint, die Stunde sei „voll von Mächten des Geistes… In diesen letzten Tage ist es überhaupt so, als hole Jesus Kraft um Kraft aus sich heraus und rüste sich zum Äußersten“. Es ist die große Stunde des Messias, die Stunde des Geistes, ruach oder pneuma. Erst an Pfingsten wird eine vergleichbare Erregung über das Volk kommen. Als die Tempelbehörden den Jubel eindämmen wollen, wehrt Jesus ab, dann würden die Steine schreien…

In der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation

Was ist in dieser Szene zu sehen? Zutiefst die Bestätigung des Messias durch das Volk; in der Tiefe ist es eine Königs-Akklamation, sie gilt dem unvergessenen größten König Israels, David, und seinem jetzt als solchen wahrgenommenen späten Sohn. Freilich ist die Kraft der Begeisterung so unstrukturiert, dass sie allein nicht ausreicht, um die spätere Verurteilung abzuwehren. Das hässliche Gesicht der religiösen Autoritäten taucht auf; sie behalten die Oberhand. Daher mischt sich die Schuld eben dieser Autoritäten an der Tötung Jesu, eine unerhörte Schuld, bereits in die Rufe.
Bleiben wir noch beim Volk. Trotz allem ist es wunderbar zu sehen, wie das Volk die Gestalt Jesu erfasst hat. Natürlich nicht als den Sohn Gottes in unserem Sinn, solches ist erst mit der Auferstehung denkbar. Aber doch als einen Großen, ja, den Größten nach dem Verstummen der alten Propheten. In diese Wahrnehmung schimmert bei aller Undeutlichkeit doch schon ein Widerschein des späteren Glaubens. Wie rasch zündet nach Pfingsten das Feuer, diesen Einzigartigen anzunehmen, für den man damals noch keine andere Auslegung hatte als die eines Propheten. Die Apostel tun sich nicht mehr schwer mit der Botschaft vom Sohn Gottes, nicht mehr nur vom Sohn Davids. Nicht Hunderte, sondern Tausende bekehren sich auf ihr Wort hin – da war die Saat schon längst in den Boden gefallen und begann nun zu wachsen; die Drohungen der Behörden rissen die Wurzeln nicht mehr aus. Die vielen, die Jesus geheilt hatte, die vielen, deren Seele durch sein Wort gereinigt, verjüngt, lebendig geworden war, sie alle sind in der Menge, die durch die Straßen Jerusalems ziehen, sie alle hören Wochen später das lösende Wort von seiner lebendigen Begegnung mit den Jüngern, von seiner Zusage, bis ans Ende der Welt zu bleiben, von der verliehenen Macht, weiterhin zu heilen, Sünden abzuwaschen, ja selbst Tote zu erwecken. Und so bleiben die Zeichen der Macht bei seinen Freunden; sie ernten, was von ihm in Tränen gesät worden war.

Die Geheilten leben mitten im Volk

Es ist das Volk, das verstanden hat – nicht weil es klug war, sondern weil es einfach zu sehen gelernt hatte: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige (am Leib wie am Herzen) werden rein… Und diese Geheilten leben mitten unter dem Volk. Wie kann da der gelehrte Zweifel gegen den Augenschein greifen? Wie kann nicht sein, was doch ist? Zum Glauben braucht man nur das Einfachste: sehen, was ist. Und doch scheint es unmöglich, wenn der Geist schon voreingenommen und betäubt ist. „Was ist das Schwerste zu sehen? Was vor den Augen dir liegt“, sagt Goethe.
So ist die Ablehnung Jesu ein Urteilsspruch über eine Gelehrsamkeit, die das Offenkundige nicht mehr sieht und es zurechtbiegen muss. Heute kann solche Wissenschaft darin bestehen, dass sie das offenkundig Zusammengehörige auseinanderpflücken kann: Sie kann Embryonen von ihren leiblichen Eltern trennen, Väter austauschen, mehrere Mütter anbieten: Eimutter, Leihmutter, Bei-Mutter. Was möglich ist, wird auch noch ethisch abgesichert: Es diene dem Wohl der Erwachsenen, dem Kind werde nichts fehlen, da die Erwachsenen es ja gewollt haben. (In Klammer gefragt: Was geschieht, wenn dieses Wollen reißt? Über die Jahre hinweg?)

„Man tötet nie so gut, wie wenn man mit gutem Gewissen tötet, sagte Solschenyzin.“

Ecce Homo

Es gab Menschen, die nicht Gott suchen wollten, sondern die Wahrheit. Nicht selten begriffen sie später, dass der Weg zur Wahrheit immer dieselbe Mündung hat: Gott. Das ist entlastend, denn Wahrheit fordert zunächst nicht Glauben, sondern Verstehen, aus sich selbst heraus Begreifen. Wahrheit ist Offenlegung, Abräumen von Verdecken und Vergessen, lethe. Wahrheit macht frei, sie zwingt nicht. Oder anders: Sie zwingt auf ihre leise Art, durch die Offenbarung der Lüge, durch das Einströmen von Licht = Erkennen. Wer Wahrheit und Gott ineinander münden sieht, kann sich freiwillig öffnen. Kurz nach dem Verhör erhält dieser König seine Krone: aus Dornen. Auch in dieser schauerlichen Krönung liegt Wahrheit: die Wahrheit über uns und die Welt und über ihre Lüge, nämlich dass sie Gott sagt und ihn in Wirklichkeit ausstößt. Ecce homo.
Hosanna ruft die Menge. „Du allein der Herr.“ Das ist kein bloß kultischer Zuruf im Gloria der Liturgie, darin ist überragende Herrschaft sichtbar geworden. Seitdem wissen wir von göttlicher Gerechtigkeit. All das wird im „heiligen Spiel“ der Liturgie gefeiert. Hosanna dem Sohne Davids, Hosanna über alles behördliche, skeptische Besserwissen hinweg. Herodes, Kaiphas, Pilatus – sie verschwinden ins Nichts vor dem Einzug des einzigen Königs.

(radio vatikan – claudia kaminski)

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Die Feier von Ostern in der Zeit der Seuche

26 März 2020, 15:30
Die Feier von Ostern in der Zeit der Seuche

Dekret der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung

Rom (kath.net/as)
DEKRET – In der Zeit von Covid-19 (II)

In Anbetracht der raschen Entwicklung der Covid-19-Pandemie und unter Berücksichtigung der von den Bischofskonferenzen erhaltenen Beobachtungen bietet diese Kongregation eine Aktualisierung der allgemeinen Hinweise und Vorschläge an, die den Bischöfen bereits im vorhergehenden Dekret vom 19. März 2020 gegeben wurden.

Da das Datum von Ostern nicht verlegt werden kann, sollen die Bischöfe und Priester in den von der Krankheit betroffenen Ländern, in denen es Beschränkungen für Versammlungen und Bewegungen von Menschen gibt, die Riten der Karwoche ohne die Teilnahme des Volkes und an einem geeigneten Ort feiern, wobei Konzelebration und Friedensgruß vermieden werden sollen.

Die Gläubigen sollten über den Zeitpunkt des Beginns der Feierlichkeiten informiert werden, damit sie in ihren Häusern gemeinsam beten können. Die live und nicht aufgezeichneten Kommunikationsmittel sowie On-line-Angebote in Streaming werden von Nutzen sein. In jedem Fall ist es wichtig, dem Gebet ausreichend Zeit zu widmen und dabei vor allem das Stundenbuch zu würdigen.

Die Bischofskonferenzen und die einzelnen Diözesen sollten es nicht versäumen, Hilfsmittel für das Gebet in der Familie und das persönliche Gebet anzubieten.

1 – Palmsonntag. Das Gedenken an den Einzug des Herrn in Jerusalem wird im Innern der Kirche gefeiert; in den Kathedralen wird die zweite Form des Missale Romanum angenommen, in den Pfarrkirchen und an anderen Orten die dritte.

2 – Chrisam-Messe. Die Bischofskonferenzen können nach der Beurteilung des konkreten Falles in den verschiedenen Ländern Hinweise auf eine mögliche Übertragung auf ein anderes Datum geben.

3 – Gründonnerstag. Die bereits optionale Fußwaschung wird weggelassen. Am Ende der Messe beim Abendmahl sollte auch die Prozession ausgelassen und das Allerheiligste im Tabernakel aufbewahrt werden. An diesem Tag wird den Priestern ausnahmsweise die Befugnis eingeräumt, die Messe an einem geeigneten Ort ohne Beteiligung des Volkes zu feiern.

4 – Karfreitag. Im universalen Gebet werden die Bischöfe darauf achten, eine besondere Gebetsmeinung für diejenigen vorzubereiten, die sich in einer Situation der Verwirrung befinden, für die Kranken, die Toten (vgl. Missale Romanum). Der Akt der Kreuzesanbetung durch den Kuss soll auf den Zelebranten allein beschränkt werden.

5 – Osternacht. Sie wird ausschließlich in den Kathedralen und Pfarrkirchen gefeiert. Für die Taufliturgie ist nur die Erneuerung der Taufversprechen zu halten (vgl. Missale Romanum).

Die Seminare, Priesterkollegien, Klöster und Religionsgemeinschaften sollen den Angaben dieses Dekrets folgen.

Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit und Prozessionen, die die Tage der Karwoche und des Ostertriduums bereichern, können nach dem Urteil des Diözesanbischofs auf andere geeignete Tage, z.B. den 14. und 15. September, verlegt werden.

De mandato Summi Pontificis pro hoc tantum anno 2020.

Aus dem Sitz der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 25. März 2020, Hochfest der Verkündigung des Herrn.

Robert Card. Sarah
Präfekt

✠ Arthur Roche
Erzbischof, Sekretär

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Quelle

Kardinal Müller: „Es gibt keine Alternative zu Christus“

ARCHIV - 31.12.2015, Bayern, München: In einer Krippe in der Frauenkirche liegt eine Holzfigur von Jesus. An welchem Tag Jesus geboren wurde, ist unbekannt - das genaue Jahr historisch umstritten. (zu dpa "Dekowahn und nackte Haut - 24 Fakten und Anekdoten zum Fest" vom 20.12.2018 - Wiederholung vom 30.11.2018) Foto: Sven Hoppe/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit

Kurienkardinal Müller sieht Weihnachten auch über den Kreis der Gläubigen hinaus mit einer bestimmten Aura umgeben, „die wir nicht ablehnen wollen“. Im Bild: Das Jesuskind in einer Krippe in der Münchner Frauenkirche. Foto: Sven Hoppe (dpa)

Im Interview spricht der Kurienkardinal über die Bedeutung von Weihnachten, den kindlichen Geist des Vertrauens und den Einfluss glaubensfeindlicher Ideologien.

Lieber Herr Kardinal, weil das Jesuskind in der Krippe so klein ist, wollen wir heute nur ein kleines und kurzes Gespräch über Weihnachten mit Ihnen führen. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Weihnachten denken?

Für mich als Christ und Theologen ist natürlich zuerst die Menschwerdung Gottes das entscheidende Ereignis, das mit der Empfängnis und der Geburt beginnt und sich dann weiter entfaltet in der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu bis zum Kreuz und zur Auferstehung: Gott in der Welt! Das ist Weihnachten.

Ostern ist für Christen entscheidend. Warum ist Weihnachten aber unser populärstes Fest?

Weil es in mitteleuropäischen Zonen auch in fast romantischer Weise als Fest der Familie ausgelegt und als Gelegenheit wahrgenommen wird, mit der Familie zusammenzukommen. Insofern ist Weihnachten auch über den Kreis der Gläubigen hinaus mit einer bestimmten Aura umgeben, die wir nicht ablehnen wollen. Entscheidend ist die Substanz des Festes, damit wir begreifen, wie wichtig wir unserem Gott und Schöpfer sind. „Christ, verstehe und erkenne Deine Würde und bedenke“, sagt der heilige Leo der Große (ca. 400–461) schon im 5. Jahrhundert, „um welchen Preis Du freigekauft worden bist. Gott ist Mensch geworden, damit wir Menschen zu der Höhe Gottes emporgehoben werden. Gott wurde ein Kind, damit die Menschen Kinder Gottes werden.“

„Entscheidend ist die Substanz des Festes,
damit wir begreifen, wie wichtig wir
unserem Gott und Schöpfer sind“

Gerade Familien aber sind heute oft Ort großer und schmerzhafter Dramen. Von unseren Kindern glaubt keiner mehr an das, worauf wir noch unser Leben gesetzt haben. Ist die Vorstellung einer Heiligen Familie da nicht ein Auslaufmodell?

Stimmt, es ist sicher eine Tragödie, dass viele Kinder unter dem Einfluss glaubensfeindlicher Ideologien den Glauben aufgeben, der den Menschen zum Heil hinführt. Deshalb ist es so wichtig, dass Menschen von heute, selbst wenn sie sich von ihrer christlichen Tradition entfernt haben, begreifen, dass es zu Christus eigentlich keine Alternative gibt. Die großen Heilsversprecher oder die materialistischen Stimmen, die sagen, der Sinn des Lebens besteht darin, reich zu werden oder sich im sexuellen Genuss auszuleben, führen die Menschen früher oder später in eine Katastrophe. Der Nihilismus, nach dem das Leben letztlich keinen Sinn hat, und die Erfahrung, dass Gott der Sinn des Lebens ist, ist die Alternative, an der letztlich keiner vorbeikommt.

Sie haben zweimal die Menschwerdung Gottes angesprochen. Warum wird in der Kirche denn das bedeutende Fest der Fleischwerdung am 25. März (am Festtag der Verkündigung Mariä) nicht viel größer gefeiert als Weihnachten?

Weil durch die Geburt Jesu Gott ins Licht der Welt getreten ist. Vorher hat sich seine Menschwerdung gleichsam verborgen im Leib Mariens abgespielt, als Geheimnis Gottes. In der Geburt aber ist er „erschienen“. Natürlich beginnt sein menschliches Leben wie das jedes Menschen mit seiner Empfängnis im Mutterleib. Aber das öffentliche Hervortreten Gottes und seine Inthronisation zuerst auf dem Holz der Krippe und schließlich am Kreuz des Holzes hat mit seiner Geburt aus Maria begonnen, in der die Güte und Menschlichkeit Gottes erstmals „erschienen“ ist: Das Licht der Welt. Darum feiert die orthodoxe Christenheit ja auch die Epiphanie – das heißt, das „Erscheinen“ Gottes – als das eigentliche Weihnachten. Darum wurde den Hirten gesagt: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren: Er ist der Christus, der Herr.“ Ihr werdet ein Kind finden, das in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ (Lk 2, 11f).

Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet Ihr nicht ins Himmelreich eingehen, wissen wir von Jesus. Paulus hingegen schreibt: Früher dachte ich wie ein Kind und glaubte wie ein Kind. Heute aber denke ich wie ein Erwachsener und glaube wie ein Erwachsener etc. Was sagen Sie zu diesem Gegensatz und Widerspruch?

„Jesus selbst ist Sohn Gottes, also auch Kind.
Keinesfalls darf deshalb der Begriff „Kind“
in diesem Zusammenhang mit dem
Aspekt mangelnder Reife verbunden werden“

Die Begrifflichkeit des „Wie-die-Kinder-werdens“ und des „Kind-Gottes-Seins“ ist natürlich analog gemeint. Jesus selbst ist Sohn Gottes, also auch Kind. Keinesfalls darf deshalb der Begriff „Kind“ in diesem Zusammenhang mit dem Aspekt mangelnder Reife verbunden werden. Deshalb unterscheiden wir im Deutschen ja auch die Begriffe „kindlich“ im Sinne des Vertrauens und „kindisch“ im Sinne des mangelnden Vernunftgebrauchs, wo sich jemand auf eine infantile Stufe zurückbegibt. Verlangt ist von uns stattdessen, dass wir den kindlichen Geist des Vertrauens und der Demut  Gott gegenüber wiederfinden und nicht so eingebildet sind und hochmütig fragen: „Wie kann ich jetzt als Erwachsener Kind Gottes sein. Ich bin doch ein mündiger Christ und weiß alles besser als die andern und kann sogar Gott belehren.“  Das habe ich oft gehört und widerspricht dennoch fundamental der wirklichen geistigen und geistlichen Reife-Erfahrung, dass wir auch als erwachsene Menschen im Sohnesverhältnis und Tochterverhältnis zu Gott stehen. Wenn der Sohn Gottes demütig wurde um unsertwegen, warum sollen wir uns gegen die Einsicht sperren, dass wir endliche, sterbliche und sündige Menschen sind, die sich aber ganz Gott anvertrauen dürfen.

Sie haben lange studiert und waren von 1986 bis 2002 Professor für Dogmatik. Welche Rolle spielt da der Kinderglaube für Sie und ihren Glauben?

Das, was wir als Kind schon glauben, wird in seinem Inhalt und seiner Realität nicht anders als das, was wir als Erwachsene glauben. Was wahr ist, kann nicht falsch werden und was falsch ist, wird nicht wahr, nur weil wir an Jahren zulegen. Nur die Sehweise kann sich ändern und vertiefen. Manches kann auch durch die Wechselfälle des Lebens verloren gehen oder verdunkelt werden. Viele, die vom Leben enttäuscht sind, sehnen sich zurück nach dem Kinderglauben. Die Kinderzeit kommt aber nicht mehr zurück.

„Was wahr ist, kann nicht falsch werden
und was falsch ist, wird nicht wahr,
nur weil wir an Jahren zulegen“

Christus hingegen „ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit“, wie es im Hebräerbrief heißt.   Wir sollten uns sehnen nach der Kindlichkeit des Glaubens, doch nicht nach einem vorreflexiven Zustand, als ob der Glaube nur etwas wäre für Leute, die ihre Vernunft noch nicht gebrauchen können. Das wäre völlig falsch. Glaube ist nicht blinder Gehorsam oder ein romantisches Gefühl, sondern die vollkommene Hingabe des Verstandes und Willens an Gott, der sich in seinem Wort offenbart und uns im Heiligen Geist in seine dreifaltige Liebe aufnimmt.

Die Evangelien sagen, Jesus wurde in Bethlehem geboren. Viele Theologen verbreiten hingegen schon lange, dass er in Nazareth geboren wurde. Was sagen Sie?

Ich frage mich, woher die das wissen! Diese Theologen denken, es müsste nach ihren Vorstellungen so sein, weil beim Propheten Micha die Geburt des Messias als Herrscher und Hirt Israels in Bethlehem prophezeit wurde. Deshalb hätten die Evangelisten ihre Berichte entsprechend gefälscht und hätten Bethlehem als literarische Fiktion eingeführt. Theologie aber ist die vernunftgemäße Auslegung des geoffenbarten Glaubens. Es ist absurd, aus einer Verheißung ein späteres historisches Ereignis abzuleiten. Gerade umgekehrt wird das Ereignis der Geburt Jesu, den die Kirche schon vor der Abfassung der Evangelien als Christus und Sohn des lebendigen Gottes im Glauben bekannte, im Licht des universalen Heilswillens dargestellt. Jesus ist in Bethlehem geboren nach dem Ausweis der Evangelien und das ist das Entscheidende, dass sich hier die Verheißung erfüllt, dass Jesus aus dem Stamm Davids in der Stadt Davids geboren wird. Das wäre auch nicht anders, wenn er woanders geboren worden wäre. Es gibt aber keinen Grund, dass die Evangelisten eine vorsätzliche Fälschung in einer Selbsttäuschung vornehmen mussten, um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen.

Zur Jugend Christi und zur Jugend der Kirche: Was sagen Sie zum folgenden Zitat des heiligen Johannes Paul II vom 7. Dezember 1990 aus seiner Enzyklika „Redemptoris missio“: „Wenn man die heutige Welt oberflächlich betrachtet, ist man nicht wenig betroffen von den negativen Tatsachen, die zum Pessimismus führen können. Aber dieses Gefühl ist nicht gerechtfertigt: Wir glauben an Gott, den Vater und Herrn, an seine Güte und Barmherzigkeit. Am Anfang des 3. Jahrtausends der Erlösung ist Gott ist dabei, einen großen christlichen Frühling zu bereiten, dessen Morgenröte man schon ahnend erkennen kann.“ Was sagen Sie dazu?

„Es hängt […] ganz stark von uns ab, ob wir
als Christen wirklich bereit sind, uns
zu öffnen und für den Glauben und die
Kirche, vor allem aber für Christus, einzustehen“

Hier redete Johannes Paul II.  schon vor zwei Jahrzehnten über den Gegensatz zwischen Nihilismus, der zum Pessimismus führt und dem Glauben, der zur Hoffnung führt, auch wenn es da keinen Automatismus gibt zu einem Frühling, den er damals als ein Bildwort benutzte. Denn es hängt in diesem Zusammenhang ja ganz stark von uns ab, ob wir als Christen wirklich bereit sind, uns zu öffnen und bereit sind, für den Glauben und die Kirche, vor allem aber für Christus  einzustehen und Zeugnis abzulegen oder ob wir uns verängstigt zurückziehen wollen, wie einst die Jünger, die dann aber doch den heiligen Geist empfangen haben und das Evangelium mit großer Kraft verkündeten. Christsein heißt, im Leben und im Sterben allein auf Christus seine ganze Hoffnung zu setzen.

Karl Rahner sprach zu seiner Zeit noch von einem „Winter der Kirche“. Würden Sie denn das Wort des heiligen Johannes Paul unterschreiben, dass der Frühling der Kirche noch vor uns liegt?

Nun, momentan sieht es zumindest in Deutschland und Europa ja eher nicht nach Frühling aus. Und doch: In Afrika etwa blüht die Kirche unter schwierigsten Bedingungen wie noch nie. Da muss man unbedingt von einem Frühling sprechen. Und auch persönlich kenne ich viele Jugendliche aus der ganzen Welt aus allen Kontinenten, die sich ganz bewusst und aktiv für den Glauben und die Kirche engagieren, ohne sich von ermüdenden Strukturdebatten oder geistlosen Funktionärsveranstaltungen entmutigen zu lassen.  Es gibt Gläubige aller Altersstufen, die sich an mich und viele andere Seelsorger wenden, weil sie wissen, dass der Glaube an Jesus Christus das Fundament ist für unser Leben, nicht nur in unserem kurzen, keineswegs leidfreien Erdenleben, sondern darüber hinaus in alle Ewigkeit. Und am Schluss wird man den Frühling oder die Zeit der Ernte wohl nur an der Zahl der Heiligen messen können, die in unserer Zeit unter uns heranreifen.

Mit freundlicher Genehmigung von „CNA Deutsch“

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Quelle

Papst bei Generalaudienz: Krippenbau ist Feier der Nähe Gottes

Die Weihnachtskrippe zeigt die Aktualität, den Alltag einer jeden Familie. Das hob Papst Franziskus an diesem Mittwoch bei der Generalaudienz vor etwa 7.000 Pilgern und Besuchern in der Audienzhalle im Vatikan hervor. Eine Woche vor Weihnachten ging das Kirchenoberhaupt auf die Bedeutung der Geburt Jesu ein.

Mario Galgano – Vatikanstadt

In seiner Katechese hob Papst Franziskus zunächst die Bedeutung des Weihnachtskrippenbaus hervor. Man dürfe nicht vergessen, dass dieses „Zeichen für Weihnachten“ vor allem eines aufzeige: Gott wurde Kind, um seinem Volk nahe zu sein.

„Eine Krippe aufzubauen, bedeutet die Nähe Gottes zu feiern. Es bedeutet, die reale Präsenz Gottes wiederzuentdecken, denn Gott ist konkret, lebendig und berührbar. Gott ist nicht ein weit entfernter Herr oder Richter, sondern Gott ist die bescheidene Liebe, die bis zu uns hinabgestiegen ist.“

Die Weihnachtskrippe sei auch eine Einladung an die „Heilige Familie“ in unsere Zuhause zu kommen, um mit uns Freuden und Leiden zu teilen. So sei die Weihnachtskrippe ein wahres „Haus-Evangelium“, so der Papst. In den heutigen, manchmal hektischen Rhythmen des Alltags sei die Krippe eine Einladung zur Vertiefung.

Lass die Mama ausruhen

Lass die Mama ausruhen

„Die Weihnachtskrippe ist aktuell, sie ist die Wirklichkeit jeder Familie. Gestern gab man mir ein kleines Bild von einer speziellen Krippe, einer kleinen, mit dem Titel: ,Lasst die Mama ausruhen´. Da waren die schlafende Madonna und Josef, der das Kind wiegt. Wie viele von euch müssen die Nacht zwischen Mann und Frau aufteilen für das Kind, das weint und weint… ,Lass die Mama ausruhen‘, das ist die Zärtlichkeit einer Familie, einer Ehe.“

Der Aufbau einer Weihnachtskrippe sei das Gegenbild der „jeden Tag hergestellten Waffen“, erinnerte der Papst weiter. Es gebe so viele Bilder von Leid und Gewalt, die in die Köpfe und Herzen der Menschen eindringen. „Die Weihnachtskrippe hingegen ist das Bild des von Hand gefertigten Friedens. Deshalb ist die Krippe das lebendige Evangelium“, fügte Franziskus abweichend vom Redemanuskript an.

Er empfahl allen, daheim eine Krippe aufzustellen, und wenn sie auch sehr klein sei. Durch sie könne man sich an der Menschwerdung Gottes erfreuen und sehen, dass Gott einen jeden einzelnen von uns immer begleite.

„Wenn wir die Krippe zu Hause aufstellen, ist es, als würden wir die Tür öffnen und sagen: ,Komm herein, Jesus!‘ Es ist, als ob wir diese Nähe in unserem Leben umsetzen, indem wir diese Einladung an Jesus, in unser Leben zulassen. Denn wenn er in unserm Leben eintritt, dann wird das Leben neu. Und wenn das Leben wiedergeboren wird, dann ist wirklich Weihnachten. Euch allen: Frohe Weihnachten!“

Auf unserer Facebook-Seite können Sie übrigens bis Montag, 23. Dezember, vor 10 Uhr die schönsten Krippen „liken“, die unsere Facebook-User in diesen Tagen gepostet haben. Die Krippe mit den meisten „Likes“ bekommt von uns ein Buch und wir stellen dem Papst diese Weihnachtskrippe auch vor. Mehr dazu nächste Woche auf unserer Homepage und in unseren Radio-Sendungen.

(vatican news)

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