Papst Franziskus betet an Mariensäule für Rom

Die Mariensäule an der Spanischen Treppe in Rom

Sünder zu sein und verdorben zu sein ist nicht dasselbe. Das stellte Papst Franziskus an diesem Sonntag beim Gebet an der Mariensäule in Rom klar. „Das eine ist, hinzufallen und dann mit Reue und der Hilfe der Barmherzigkeit Gottes wieder aufzustehen. Das andere ist das heuchlerische Sich-Arrangieren mit dem Bösen“, sagte der Papst im Herzen Roms, seiner Bischofsstadt.

Wie jedes Jahr besuchte das Kirchenoberhaupt zum Hochfest der unbefleckten Empfängnis die Mariensäule an der Spanischen Treppe, um die Muttergottes mit einem Gebet und einem Blumenbukett zu ehren. Er bat dabei auch für alle Menschen in Rom und auf der Welt, die „von Misstrauen und Entmutigung niedergedrückt sind und denken, für sie gebe es keine Hoffnung mehr, weil ihre Schuld zu groß ist“. Jesus Christus allein sprenge die Ketten des Bösen, löse kriminelle Bindungen und erweiche die härtesten Herzen. „Und wenn das in den Menschen geschieht: wie sehr das Gesicht der Stadt sich ändert!“, so der Papst.

Das Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens wird in Rom stets feierlich begangen. Auf dem Weg zur Spanischen Treppe hatte Franziskus wie in den Vorjahren einen Zwischenstopp an der Basilika Santa Maria Maggiore eingelegt, um vor der Marien-Ikone „Salus Populi Romani“ zu beten.

Die Mariensäule nahe der Spanischen Treppe und den teuersten Einkaufsstraßen Roms wurde 1856 errichtet. Sie erinnert an das von Papst Pius IX. zwei Jahre zuvor erlassene Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens.

(vatican news – gs)

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Papst-Brief über Krippe als Vorbereitung auf Weihnachten

Der Papst in Greccio

Wie nach dem Angelusgebet an diesem 1. Adventssonntag angekündigt, begab sich Papst Franziskus am Sonntagnachmittag nach Greccio, um ein Apostolisches Schreiben über die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe zu unterzeichnen.

AKTUALISIERUNG vom 1. Dezember, 16.30 Uhr!

Bereits am Mittag erläuterte der Papst auf dem Petersplatz im Vatikan, dass er nach Greccio gehen wolle, „dem Ort, an dem der heilige Franziskus die erste Krippe gemacht hat“. Dort wolle er einen Brief über die Bedeutung und den Wert der Krippe unterschreiben. „Die Krippe ist ein einfaches und wunderbares Zeichen des christlichen Glaubens. Es ist ein kurzer Brief, der gut zur Vorbereitung auf Weihnachten geeignet ist. Begleite mich mit dem Gebet auf diesem Weg“, so der Papst nach dem Mittagsgebet.

In Greccio empfingen ihn die franziskanische Ordensgemeinschaft, Kinder und der zuständige Bischof von Rieti, Domenico Pompili. Den Ordensleuten bei der Grotte, wo die Weihnachtskrippe ausgestellt ist, sagte der Papst:

„Die größte Botschaft des heiligen Franziskus ist das Zeugnis und seine Bitte: ,Predigt das Evangelium, und wenn nötig auch mit Worten´, es geht nicht darum, Proselytismus zu betreiben. Es geht um die Bedürftigen, um die Sünder. Es geht um das Zeugnis. Gott hat uns aus der ,Erde´ erschaffen, wie es im Buch der Genesis heißt: Er hat uns Erde gemacht, wir sind Erde. Er verliebte sich in unserer Erde. Das ist das Zeugnis von Jesu Liebe. Denkt daran: Armut und Demut. Danke.“

Danach unterzeichnete der Papst das Schreiben „Admirabile signum“, in der es um die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe geht. „Wie viele Gedanken drängen sich in den Geist an diesem heiligen Ort! Und doch sind wir vor dem Felsen dieser Berge, die dem Heiligen Franziskus so teuer sind, aufgerufen, vor allem die Einfachheit wiederzuentdecken“, sagte der Papst in seiner Betrachtung bei der feierlichen Unterzeichnung seines Schreibens. Die Krippe, die der heilige Franziskus „auf engstem Raum“, in Anlehnung an die schmale Grotte von Bethlehem, zum ersten Mal herstellte, spreche für sich, führte Franziskus weiter aus. Mit der Weihnachtskrippe bestehe keine Notwendigkeit, Worte zu vervielfachen, „denn die Szene vor unseren Augen drückt die Weisheit aus, die wir brauchen, um das Wesentliche zu erfassen“, erinnerte der Papst weiter:

„Vor der Weihnachtskrippe entdecken wir, wie wichtig es für unser so oft hektisches Leben ist, Momente der Stille und des Gebets zu finden. Stille, um die Schönheit des Gesichts von Jesus, dem Kind, dem Sohn Gottes, zu betrachten, der in der Armut eines Stalls geboren wurde. Gebet, um das ,Dankeschön´ auszudrücken, das über dieses große Geschenk der Liebe, das uns gegeben wird, erstaunt ist.“

In diesem „einfachen und wunderbaren Zeichen“ der Weihnachtskrippe offenbare sich „das große Geheimnis unseres Glaubens“. Gott liebe jeden Menschen. Das sei die zentrale Botschaft der Krippe. Es handele sich um eine Tradition, die zur Volksfrömmigkeit gehöre und „von Generation zu Generation“ weitergegeben werde.

„Gott lässt uns nie allein; er begleitet uns mit seiner verborgenen Gegenwart, aber nicht unsichtbar. In jeder Situation, in Freude wie in Schmerz, ist er der Emmanuel, Gott mit uns. Wie die Hirten von Bethlehem nehmen wir die Einladung an, in die Grotte zu gehen, um das Zeichen zu sehen und zu erkennen, das Gott uns gegeben hat. Dann wird unser Herz voller Freude sein, und wir werden es dort hinbringen können, wo es Traurigkeit gibt; es wird voller Hoffnung sein, um mit denen geteilt zu werden, die es verloren haben.“

Zum Abschluss seiner kurzen Ansprache rief der Papst die Gläubigen auf, sich mit Maria zu identifizieren, die ihren Sohn in die Krippe gelegt habe, weil in einem Haus kein Platz war.

„Mit ihr und mit dem heiligen Josef, ihrem Mann, schauen wir auf das Jesuskind. Möge ihr Lächeln, das in der Nacht erblüht, Gleichgültigkeit zerstreuen und die Herzen für die Freude derer öffnen, die sich vom Vater im Himmel geliebt fühlen.“

(vatican news –mg)

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Allerheiligen und Allerseelen: Papst ruft zum Friedhofbesuch auf

Papst Franziskus beim Mittagsgebet (AFP or licensors)

Papst Franziskus wird die Allerseelenmesse an einem besonderen Ort zelebrieren: wie er selbst beim Angelus zum Hochfest Allerheiligen an diesem Freitag bekannt gab, wird er am Samstag in den Katakomben der Priscilla die Messe feiern. Dabei rief er die Gläubigen dazu auf, wenn möglich einen Besuch und ein Gebet an den Gräbern ihrer Lieben einzuplanen.

Die Feste von Allerheiligen und Allerseelen seien eine Gelegenheit, sich an das Band zu erinnern, „das zwischen der Kirche des Himmels und der Kirche der Erde bestehe, zwischen uns und unseren Lieben, die ins andere Leben eingetreten sind“, so der Papst: 

„Morgen Nachmittag werde ich mich für die Feier der Eucharistie in die Priscilla-Katakomben begeben, eine der Begräbnisstätten der ersten Christen Roms. In diesen Tagen, in denen leider auch negative Botschaften mit Blick auf den Tod und die Toten verbreitet werden, lade ich dazu ein, wenn möglich einen Besuch und ein Gebet auf dem Friedhof nicht zu vernachlässigen.“

Radio Vatikan wird die Messfeier aus der Priscilla-Katakombe live und mit deutschem Kommentar übertragen. Ebenfalls übertragen wird, wie gewohnt, das Mittagsgebet am kommenden Sonntag. Live und mit deutschem Kommentar werden wir auch die Messe übertragen, die Papst Franziskus am Montag im Petersdom für die im Lauf des Jahres verstorbenen Kardinäle und Bischöfe hält: Sie beginnt am 4. November um 11.30 Uhr. Die Übertragungen können Sie verfolgen über unsere Homepage sowie über unseren Youtube-Kanal.

(vaticannews – cs)

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PREDIGT BENEDIKT XVI.: CHRISAM-MESSE 1. APRIL 2010

CHRISAM-MESSE

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Petersdom
Gründonnerstag, 1. April 2010

(Video)

Bilder von der Feier

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Zentrum des Gottesdienstes der Kirche ist das Sakrament. Sakrament bedeutet, dass zuallererst nicht wir Menschen etwas tun, sondern dass Gott uns im voraus mit seinem Handeln entgegengeht, uns ansieht und zu sich hinführt. Und da ist noch einmal etwas Besonderes: Gott rührt uns an durch materielle Wirklichkeiten, durch Gaben der Schöpfung hindurch, die er in seinen Dienst nimmt, zu Instrumenten der Begegnung zwischen uns und sich selber macht. Es sind vier Elemente der Schöpfung, aus denen der Kosmos der Sakramente gebaut ist: das Wasser, das Weizenbrot, der Wein und das Olivenöl. Das Wasser als das Grundelement und die Grundbedingung allen Lebens ist das wesentliche Zeichen der Christwerdung in der Taufe, der Geburt ins neue Leben hinein. Während das Wasser das Lebenselement überhaupt ist und so den gemeinsamen Zugang aller zur neuen Geburt ins Christsein hinein darstellt, gehören die drei anderen Elemente der Kultur des Mittelmeerraums an. Sie verweisen so auf den konkreten geschichtlichen Raum, in dem das Christentum geworden ist. Gott hat an einer ganz bestimmten Stelle der Erde gehandelt, wirklich Geschichte mit den Menschen gemacht. Diese drei Elemente sind einerseits Gaben der Schöpfung und andererseits doch auch Ortsbezeichnungen der Geschichte Gottes mit uns. Sie sind eine Synthese von Schöpfung und Geschichte: Gaben Gottes, die uns immer an jene Orte der Welt knüpfen, in denen Gott mit uns in der Zeit der Geschichte handeln, einer von uns werden wollte.

In diesen drei Elementen gibt es wieder eine Stufung. Das Brot verweist auf den Alltag. Es ist die grundlegende Gabe des Lebens Tag um Tag. Der Wein verweist auf das Fest, auf die Köstlichkeit der Schöpfung, in der sich zugleich auf besondere Weise die Freude der Erlösten ausdrücken kann. Das Öl des Olivenbaumes hat umfassende Bedeutung. Es ist Nahrung, es ist Medizin, es gibt Schönheit, es rüstet zum Kampf und gibt Stärke. Die Könige und die Priester werden mit Öl gesalbt, das so Zeichen von Würde und Verantwortung wie auch der Kraft von Gott her ist. In unserem Namen „Christen“ ist das Geheimnis des Öls anwesend. Denn das Wort „Christen“, mit dem die Jünger Christi schon zu Beginn des Heidenchristentums benannt werden (vgl. Apg 11, 20f.), ist von dem Wort Christus her genommen – der griechischen Übersetzung des Wortes Messias, das „der Gesalbte“ bedeutet. Christsein heißt: Von Christus herkommen, zu Christus gehören, zu dem Gesalbten Gottes, zu dem, dem Gott das Königtum und das Priestertum geschenkt hat. Zu dem, den Gott selbst gesalbt hat – nicht mit materiellem Öl, sondern mit dem, wofür das Öl steht: mit seinem Heiligen Geist. Das Öl der Olive ist so in ganz besonderer Weise Symbol für das Durchdrungensein des Menschen Jesus mit dem Heiligen Geist.

In der Chrisam-Messe des Gründonnerstags stehen die heiligen Öle im Mittelpunkt der liturgischen Handlung. Sie werden in der Kathedrale vom Bischof geweiht für das ganze Jahr. So drücken sie auch die Einheit der Kirche aus, die durch das Bischofsamt gewährleistet wird und verweisen auf Christus, den wahren „Hirten und Bischof unserer Seelen“, wie der heilige Petrus ihn nennt (1 Petr 2, 25). Und sie halten zugleich das ganze liturgische Jahr zusammen, verankert im Geheimnis des Gründonnerstags. Endlich verweisen sie auf den Ölgarten, in dem Jesus sein Leiden von innen her angenommen hat. Der Ölgarten ist aber auch der Ort, von wo aus er zum Vater aufgestiegen ist und so der Ort der Erlösung: Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen. Jesus lebt für immer beim Vater und ist eben deshalb allgegenwärtig, immer bei uns. Dieses doppelte Geheimnis des Ölbergs ist immer mit anwesend im sakramentalen Öl der Kirche. In vier Sakramenten ist das Öl Zeichen der Güte Gottes, die uns anrührt: in der Taufe, in der Firmung als dem Sakrament des Heiligen Geistes, in den verschiedenen Stufen des Weihesakraments und schließlich in der Krankensalbung, in der das Öl uns gleichsam als Medizin Gottes angeboten wird – als die Medizin, die uns jetzt seiner Güte versichert, uns stärken und trösten soll, die aber zugleich über den Augenblick der Krankheit hinaus auf die endgültige Heilung verweist, auf die Auferstehung (vgl. Jak 5, 14). So begleitet das Öl in seinen verschiedenen Formen uns das ganze Leben hindurch: vom Katechumenat und der Taufe angefangen bis in den Augenblick, da wir uns auf die Begegnung mit dem richtenden und rettenden Gott bereiten. Die Chrisam-Messe, in der uns das sakramentale Zeichen des Öls als Schöpfungssprache Gottes vor Augen gestellt wird, spricht schließlich in besonderer Weise uns Priester an: Sie spricht uns von Christus, den Gott zum König und zum Priester gesalbt hat – von Ihm, der uns an seinem Priestertum, an seiner „Salbung“ teilhaben lässt in unserer Weihe zum Priestertum.

So möchte ich versuchen, das Geheimnis dieses heiligen Zeichens nun noch kurz in seiner wesentlichen Beziehung zur priesterlichen Berufung auszulegen. In volkstümlichen Ethymologien hat man schon im Altertum das griechische Wort Elaion – Öl – mit dem Wort Eleos – Erbarmen – in Verbindung gebracht. In der Tat: Das geweihte Öl ist in den verschiedenen Sakramenten immer Zeichen der Barmherzigkeit Gottes. Die Salbung zum Priestertum bedeutet daher immer auch den Auftrag, das Erbarmen Gottes zu den Menschen zu bringen. In der Ampel unseres Lebens sollte das Öl des Erbarmens nie ausgehen. Holen wir es uns immer rechtzeitig beim Herrn – in der Begegnung mit seinem Wort, im Empfangen der Sakramente, im betenden Verweilen bei ihm.

Durch die Geschichte von der Taube mit dem Ölzweig, die das Ende der Flut und so den neuen Frieden Gottes mit der Welt der Menschen verkündete, ist nicht nur die Taube, sondern auch der Ölzweig und das Öl selber zum Symbol des Friedens geworden. Die Christen der ersten Jahrhunderte liebten es, die Grabstätten ihrer Toten mit Siegeskranz und Olivenzweig, dem Symbol des Friedens, zu schmücken. Sie wussten, dass Christus den Tod besiegt hat und dass ihre Toten im Frieden Christi ruhten. Dass sie selber von Christus erwartet wurden, der ihnen seinen Frieden verheißen hatte, den die Welt nicht geben kann. Sie erinnerten sich daran, dass das erste Wort des Auferstandenen an die Seinen lautete: Friede sei mit euch (Joh 20, 19). Er selbst bringt gleichsam den Ölzweig, trägt seinen Frieden in die Welt herein. Er verkündet Gottes rettende Güte. Er ist unser Friede. So sollten Christen Menschen des Friedens sein, die das Geheimnis des Kreuzes als Geheimnis der Versöhnung erkennen und leben. Christus siegt nicht durch das Schwert, sondern durch das Kreuz. Er siegt, indem er den Hass überwindet. Er siegt durch die Kraft seiner größeren Liebe. Das Kreuz Christi drückt das Nein zur Gewalt aus. Und gerade so ist es das Siegeszeichen Gottes, das den neuen Weg Jesu verkündigt. Der Leidende war stärker als die Inhaber der Gewalt. In der Hingabe am Kreuz hat Christus die Gewalt besiegt. Als Priester sind wir berufen, in der Gemeinschaft mit Jesus Christus Menschen des Friedens zu sein, der Gewalt entgegenzustehen und der größeren Macht der Liebe zu vertrauen.

Zur Symbolik des Öls gehört es auch, dass es stark macht zum Kampf. Das steht nicht gegen das Thema Friede, sondern ist ein Teil davon. Der Kampf der Christen bestand und besteht nicht im Gebrauch der Gewalt, sondern darin, dass sie für das Gute, für Gott zu leiden bereit waren und sind. Er besteht darin, dass die Christen sich als gute Staatsbürger an das Recht halten, das Rechte und das Gute tun. Er besteht darin, dass sie nicht tun, was in den geltenden Rechtsordnungen nicht Recht, sondern Unrecht ist. Der Kampf der Märtyrer bestand in ihrem konkreten Nein zum Unrecht: Indem sie sich dem Götzenkult, der Anbetung des Kaisers versagten, haben sie sich geweigert, sich vor der Unwahrheit zu beugen, vor der Anbetung von Menschen und ihrer Macht. Sie haben mit dem Nein zur Unwahrheit und zu allen ihren Folgen die Macht des Rechts und der Wahrheit aufgerichtet. So haben sie dem wirklichen Frieden gedient. Auch heute ist es für Christen wichtig, dem Recht zu folgen, das die Grundlage des Friedens ist. Auch heute ist es für Christen wichtig, Unrecht, das zu Recht erhoben wird, nicht anzunehmen – etwa wenn es um die Tötung unschuldiger ungeborener Kinder geht. Gerade so dienen wir dem Frieden, und gerade so sind wir auf der Spur Jesu Christi, von dem der heilige Petrus sagt: „Er wurde geschmäht, schmähte aber nicht; er litt, drohte aber nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter. Er hat unsere Sünden mit seinem Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot seien für die Sünde und für die Gerechtigkeit leben“ (1 Petr 2, 23f).

Die Kirchenväter waren fasziniert von einem Wort aus Ps 45 (44) – nach der Überlieferung der Hochzeitspsalm Salomons, der von den Christen neu gelesen wurde als der Hochzeitspsalm des neuen Salomon Jesus Christus mit seiner Kirche. Da wird dem König – Christus – gesagt: „Du liebst das Recht und hasst das Unrecht, darum hat Gott, dein Gott, dich gesalbt mit dem Öl der Freude wie keinen deiner Gefährten“ (v. 8). Was ist das – das Öl der Freude, mit dem der wahre König, Christus, gesalbt wurde? Die Kirchenväter hatten keinen Zweifel darüber: Das Öl der Freude ist der Heilige Geist selbst, der ausgegossen ist über Jesus Christus. Der Heilige Geist ist die von Gott kommende Freude. Von Jesus strömt diese Freude auf uns über in seinem Evangelium, in der frohen Botschaft, dass Gott uns kennt, dass er gut ist, dass seine Güte Macht ist über allen Mächten. Dass wir gewollt und geliebt sind von ihm. Die Freude ist Frucht der Liebe. Das Öl der Freude, das über Christus ausgegossen ist und von ihm zu uns kommt, ist der Heilige Geist, die Gabe der Liebe, die uns des Seins froh werden lässt. Weil wir Christus und in Christus den wahren Gott kennen, wissen wir, dass es gut ist, ein Mensch zu sein. Es ist gut zu leben, weil wir geliebt sind. Weil die Wahrheit selbst gut ist.

In der alten Kirche ist das geweihte Öl in besonderer Weise als Zeichen für die Gegenwart des Heiligen Geistes angesehen worden, der sich uns von Christus her mitteilt. Er ist das Öl der Freude. Diese Freude ist etwas anderes als der Spaß oder die äußere Lustigkeit, die sich die moderne Gesellschaft wünscht. Spaß ist an seinem rechten Ort durchaus etwas Gutes und Erfreuliches. Lachen zu können, ist gut. Aber Spaß ist nicht alles. Er ist nur ein kleiner Teil unseres Lebens, und wo er das Ganze sein will, wird er zur Maske, hinter der sich die Verzweiflung verbirgt oder doch mindestens der Zweifel, ob das Leben wirklich gut ist, ob es nicht besser wäre, nicht zu sein als zu sein. Die Freude, die von Christus auf uns zukommt, ist anders. Sie gibt uns Fröhlichkeit, ja, aber sie kann sehr wohl auch mit dem Leid zusammengehen. Sie gibt uns die Fähigkeit zu leiden und im Leiden doch zuinnerst froh zu bleiben. Sie gibt uns die Fähigkeit, das Leiden anderer mitzutragen und so im Füreinandersein das Licht und die Güte Gottes spürbar zu machen. Mir gibt immer die Erzählung in der Apostelgeschichte zu denken, dass die Apostel, nachdem der Hohe Rat sie hatte auspeitschen lassen, „sich freuten, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden“ (Apg 5, 41). Wer liebt, ist bereit, für den Geliebten und um seiner Liebe willen zu leiden und erfährt gerade so eine tiefere Freude. Die Freude der Märtyrer war stärker als die Qualen, die ihnen angetan wurden. Diese Freude hat letztlich gesiegt und Christus die Tore der Geschichte geöffnet. Als Priester sind wir, wie der heilige Paulus sagt, „Diener eurer Freude“ (2 Kor 1, 24). In der Frucht des Ölbaums, im geweihten Öl rührt uns die Güte des Schöpfers, die Liebe des Erlösers an. Bitten wir darum, dass seine Freude uns immer tiefer durchdringt und dass wir sie neu hineinzutragen vermögen in eine Welt, die der aus der Wahrheit kommenden Freude so dringend bedarf. Amen.

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Quelle

Die Papstpredigt am Palmsonntag im Wortlaut

 

Die letzten Tage vor Ostern, die Karwoche, hat Papst Franziskus mit dem Palmsonntagsgottesdienst auf dem Petersplatz eröffnet. Wir dokumentieren hier die Predigt in einer offiziellen deutschen Übersetzung.

Der Jubel beim Einzug in Jerusalem und die Erniedrigung Jesu. Die Freudenschreie und die grausame Wut: Dieses zweifache Geheimnis begleitet jedes Jahr den Eintritt in die Karwoche durch die beiden Momente, die diese Feier kennzeichnen: die Prozession mit den Palm- und Ölzweigen und dann die feierliche Lesung der Leidensgeschichte.

Lassen wir uns in diese vom Heiligen Geist bewegte Handlung miteinbeziehen, um zu erhalten, worum wir gebetet haben: dass wir unseren Retter auf seinem Weg mit Glauben begleiten und stets seines Leidens gedenken, das uns lehrt und Vorbild ist für das Leben und den Sieg über den Geist des Bösen.

Jesus zeigt uns, wie wir uns den schwierigen Momenten und den tückischsten Versuchungen stellen sollen, nämlich indem wir uns im Herzen einen Frieden bewahren, der nicht Distanziertheit, nicht Teilnahmslosigkeit oder Übermenschentum bedeutet, sondern vertrauensvolle Hingabe an den Vater und an seinen Willen voll Heil, Leben und Barmherzigkeit. Und während seiner ganzen Sendung hat Jesus die Versuchung ausgehalten, „sein eigenes Werk zu tun“, also selbst die Art und Weise zu wählen und sich vom Gehorsam zum Vater loszulösen. Von Anfang an beim vierzigtägigen Kampf in der Wüste bis zum Ende bei der Passion weist Jesus diese Versuchung im gehorsamen Vertrauen auf den Vater von sich.

Auch heute bei seinem Einzug in Jerusalem zeigt er uns den Weg. Denn bei diesem Ereignis hatte der Böse, der Fürst dieser Welt, eine Karte auszuspielen: die Karte des Triumphalismus; und der Herr hat geantwortet, indem er seinem Weg treu blieb, dem Weg der Demut.

Der Triumphalismus versucht, sich dem Ziel durch Abkürzungen, durch falsche Kompromisse zu nähern. Er strebt danach, den Wagen des Siegers zu besteigen. Der Triumphalismus lebt von Gesten und Worten, die jedoch nicht durch den Schmelztiegel des Kreuzes gegangen sind; seine Nahrung ist der Vergleich mit den anderen, die er immer für schlechter, für fehlerhaft, gescheitert hält … Eine subtile Form des Triumphalismus ist die spirituelle Weltlichkeit; sie ist die größte Gefahr, die heimtückischste Versuchung, welche die Kirche bedroht (De Lubac). Jesus hat mit seinem Leiden den Triumphalismus vernichtet.

Der Herr hat wahrhaft die Freude seines Volkes, der jungen Menschen geteilt, die seinen Namen riefen und ihm als König und Messias zujubelten. Sein Herz freute sich, als es die Begeisterung und Festfreude der Armen Israels sah. So weit, dass er den Pharisäern auf ihre Forderung, seine Jünger aufgrund ihrer Ärgernis erregenden Zurufe zurechtzuweisen, antwortete: »Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien« (Lk 19,40). Demut bedeutet nicht, die Wirklichkeit zu leugnen, und Jesus ist wirklich der Messias, der König.

Aber zugleich ist das Herz Christi auf einem anderen Weg, auf dem heiligen Weg, den nur er und der Vater kennen: dieser geht von der »Gestalt Gottes« zur »Knechtsgestalt«, der Weg der Erniedrigung im Gehorsam »bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz« (Phil 2,6-8). Er weiß, dass er für Gott Raum schaffen muss, um zum wahren Triumph zu gelangen; und um für Gott Raum zu schaffen, gibt es nur eine Art und Weise: die Entäußerung, die Selbstentleerung. Schweigen, beten, sich erniedrigen. Mit dem Kreuz kann man nicht verhandeln, entweder man nimmt es an oder man weist es zurück. Und mit seiner Erniedrigung wollte Jesus uns den Weg des Glaubens eröffnen und uns auf ihm vorausgehen.

Nach ihm war seine Mutter, Maria, die Erste, die ihn beschritten hat, die erste Jüngerin. Die Jungfrau und die Heiligen mussten leiden, um im Glauben und im Willen Gottes zu wandeln. Angesichts der harten und schmerzlichen Ereignisse des Lebens im Glauben zu antworten verlangt »eine besondere Mühe des Herzens« (hl. Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater, 17). Es ist die Nacht des Glaubens. Aber nur aus dieser Nacht bricht die Morgenröte der Auferstehung an. Zu Füßen des Kreuzes dachte Maria an die Worte zurück, mit denen der Engel ihr ihren Sohn angekündigt hatte: »Er wird groß sein […] Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben« (Lk 1,32-33). Maria steht auf Golgota vor dem völligen Widerruf dieser Verheißung: ihr Sohn liegt wie ein Missetäter am Kreuz im Todeskampf. So wurde der Triumphalismus, der durch die Erniedrigung Jesu vernichtet wurde, ebenfalls im Herzen der Mutter vernichtet; beide wussten zu schweigen.

Maria ging unzähligen Heiligen voraus, die Jesus auf dem Weg der Demut und des Gehorsams gefolgt sind. Heute am Weltjugendtag möchte ich an die vielen jungen Heiligen erinnern, besonders an die „von nebenan“, die Gott allein kennt und die er zuweilen uns gerne überraschend enthüllt. Liebe junge Menschen, schämt euch nicht, eure Begeisterung für Jesus zu zeigen und auszurufen, dass Christus lebt, dass er euer Leben ist. Aber zugleich habt keine Angst, ihm auf dem Weg des Kreuzes zu folgen. Und wenn ihr spürt, dass er euch bittet, auf euch selbst zu verzichten, eure Sicherheiten abzulegen und euch völlig dem Vater im Himmel anzuvertrauen, dann freut euch und jubelt! Ihr seid auf der Straße des Reiches Gottes.

Freudige Jubelrufe und grausame Wut; das Schweigen Jesu bei seinem Leiden ist beeindruckend. Er besiegt auch die Versuchung zu antworten, „medial“ zu sein. In den Augenblicken von Dunkelheit und großer Bedrängnis muss man schweigen, man muss den Mut haben zu schweigen, vorausgesetzt, dass es ein mildes und nicht nachtragendes Schweigen ist. Die Milde des Schweigens wird uns noch schwächer, noch erniedrigter erscheinen lassen, und dann wird der Teufel Mut fassen und aus der Deckung kommen. Man muss ihm im Schweigen Widerstand leisten, indem man „die Stellung hält“, aber mit der gleichen Haltung Jesu. Er weiß, dass der Krieg zwischen Gott und dem Fürsten dieser Welt besteht und dass es nicht darum geht, Hand ans Schwert zu legen, sondern ruhig zu bleiben, fest im Glauben. Es ist die Stunde Gottes. Und in der Stunde, in der Gott sich in die Schlacht begibt, muss man ihn machen lassen. Unser sicherer Platz wird unter dem Mantel der heiligen Gottesmutter sein. Und während wir darauf warten, dass der Herr kommt und dem Sturm Einhalt gebietet (vgl. Mk 4,37-41), geben wir mit unserem stillen Zeugnis des Gebets uns selbst und den anderen »Rechenschaft […] über die Hoffnung, die [uns] erfüllt« (1 Petr 3,15). Dies wird uns helfen, die heilige Spannung zwischen dem Gedächtnis der Verheißungen, der Wirklichkeit der im Kreuz gegenwärtigen Wut und der Hoffnung der Auferstehung zu leben.

(vatican news)

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11/04/2019

Papstpredigt bei der Bußliturgie im Petersdom

Franziskus bei der Bußfeier (Vatican Media)

BUSSFEIER

HOMILIE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Freitag, 29. März 2019

[Multimedia]


 

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen« (In Joh 33,5). So umschreibt der heilige Augustinus das Ende des Evangeliums, das wir gerade gehört haben. Die gekommen waren, um Steine auf die Frau zu werfen oder um Jesus im Hinblick auf das Gesetz anzuklagen, sind weggegangen. Sie sind weggegangen, sie hatten keine anderen Interessen. Jesus hingegen bleibt. Er bleibt, weil das geblieben ist, was in seinen Augen kostbar ist: jene Frau, diese Person. Für ihn geht der Sünder der Sünde vor. Ich, du, jeder von uns geht im Herzen Gottes vor: wir gehen den Fehlern, Regeln, Urteilen und unserem Scheitern vor. Bitten wir um die Gnade eines Blickes, der dem Blick Jesu ähnlich ist; bitten wir darum, die christliche Bildeinstellung des Lebens zu haben, in der wir voll Liebe den Sünder vor der Sünde sehen, den Fehlenden vor dem Fehler, den Menschen vor seiner Geschichte.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Für Jesus stellt die beim Ehebruch ertappte Frau nicht einen Gesetzesparagraphen dar, sondern eine konkrete Situation, in die man sich einbringen soll. Daher bleibt er dort mit der Frau und schweigt fast immer. Und unterdessen vollbringt er zwei Mal eine geheimnisvolle Geste: er schreibt mit dem Finger auf die Erde (Joh 8,6.8). Wir wissen nicht, was er geschrieben hat, und vielleicht ist es nicht das Wichtigste: die Aufmerksamkeit des Evangeliums ist nämlich auf die Tatsache gerichtet, dass der Herr schreibt. Es kommt einem die Episode vom Sinai in den Sinn, als Gott die Gesetzestafeln mit seinem Finger geschrieben hatte (vgl. Ex 31,18), gerade so, wie es Jesus jetzt tut. Durch die Propheten hatte Gott dann verheißen, nicht mehr auf Tafeln aus Stein zu schreiben, sondern unmittelbar auf die Herzen (vgl. Jer 31,33), auf die Tafeln von Fleisch unserer Herzen (vgl. 2 Kor 3,3). Mit Jesus, dem fleischgewordenen Erbarmen, ist der Augenblick gekommen, in das Herz des Menschen zu schreiben, der menschlichen Erbärmlichkeit eine sichere Hoffnung zu geben: nicht so sehr äußere Gesetze zu erlassen, durch die Gott und Mensch oft einander fern bleiben, sondern das Gesetz des Geistes, das in das Herz eintritt und es befreit. So geschieht es für jene Frau, die Jesus begegnet und wieder zu leben beginnt. Und sie geht hin, um nicht mehr zu sündigen (vgl. Joh 8,11). Es ist Jesus, der uns mit der Kraft des Heiligen Geistes vom Bösen befreit, das wir in uns tragen, von der Sünde, welche das Gesetz behindern, aber nicht entfernen konnte.

Und doch ist das Böse stark, es hat eine verführerische Macht: es zieht an, es betört. Um uns davon zu lösen, genügt unser Bemühen nicht, es bedarf einer größeren Liebe. Ohne Gott kann man das Böse nicht besiegen: Nur seine Liebe richtet innerlich wieder auf, nur seine ins Herz ausgegossene Zärtlichkeit macht uns frei. Wenn wir die Befreiung vom Bösen wollen, müssen wir dem Herrn Raum geben, der verzeiht und heilt. Und er tut es vor allem durch das Sakrament, das wir gleich feiern werden. Die Beichte ist der Übergang von der Erbärmlichkeit zum Erbarmen, sie ist die Schrift Gottes auf dem Herzen. Dort lesen wir jedes Mal, dass wir in den Augen Gottes kostbar sind, dass er Vater ist und uns mehr liebt, als wir selbst uns lieben.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen«. Nur sie. Wie oft fühlen wir uns allein und verlieren den Faden des Lebens. Wie oft wissen wir nicht mehr, wie wir von neuem beginnen sollen, weil wir von der Anstrengung, uns selbst anzunehmen, erdrückt werden. Wir müssen von vorne beginnen, aber wir wissen nicht von wo aus. Der Christ wird mit der Vergebung geboren, die er in der Taufe empfängt. Und er wird immer von da aus wiedergeboren: von der überraschenden Vergebung Gottes, von seinem Erbarmen, das uns wiederherstellt. Nur als solche, die Vergebung empfangen haben, können wir neu gestärkt wieder aufbrechen, nachdem wir die Freude erfahren haben, vom Vater vollkommen geliebt zu sein. Nur durch die Vergebung Gottes geschehen wahrhaft neue Dinge in uns. Hören wir nochmals den Satz, den der Herr heute durch den Propheten Jesaja zu uns gesprochen hat: »Siehe, nun mache ich etwas Neues« (Jes 43,19). Die Vergebung schenkt uns einen neuen Anfang, sie macht uns zu neuen Geschöpfen, sie lässt uns das neue Leben mit Händen greifen. Die Vergebung Gottes ist nicht eine Fotokopie, die jedes Mal, wenn wir in den Beichtstuhl kommen, identisch vervielfältigt wird. Durch den Priester die Vergebung der Sünden zu erhalten ist eine stets neue, ursprüngliche und unnachahmliche Erfahrung. Sie führt uns, wie bei der Frau im Evangelium, vom Alleinsein mit unserer Erbärmlichkeit und unseren Anklägern dahin, dass wir vom Herrn wiederaufgerichtet und ermutigt werden, der uns neu beginnen lässt.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Was soll man tun, um das Erbarmen ins Herz zu schließen, um die Angst vor der Beichte zu überwinden? Nehmen wir wiederum die Einladung Jesajas an: »Merkt ihr es nicht?« (Jes 43,19). Der Vergebung Gottes gewahr werden. Das ist wichtig. Es wäre schön, nach der Beichte wie jene Frau den Blick fest auf Jesus gerichtet zu halten, der uns gerade befreit hat: nicht mehr auf unsere Erbärmlichkeit, sondern auf sein Erbarmen. Auf den Gekreuzigten schauen und mit Erstaunen sagen: „Hier sind also meine Sünden gelandet. Du hast sie auf dich genommen. Du hast nicht mit dem Finger auf mich gezeigt, du hast die Arme ausgebreitet und mir wieder vergeben.“ Es ist wichtig, der Vergebung Gottes zu gedenken, sich an deren Zärtlichkeit zu erinnern, deren Frieden und Freiheit wieder zu kosten, die wir erfahren haben. Denn das ist der Kern der Beichte: nicht die Sünden, die wir sagen, sondern die göttliche Liebe, die wir empfangen und der wir stets bedürfen. Es kann uns noch ein Zweifel kommen: „Beichten nützt nichts, ich begehe immer die gleichen Sünden.“ Aber der Herr kennt uns, er weiß, dass der innere Kampf hart ist, dass wir schwach sind und dazu neigen zu fallen, oftmals rückfällig sind und Böses tun. Und er bietet uns an, damit zu beginnen, im Guten rückfällig zu sein, im Bitten um Erbarmen. Denn er wird uns wiederaufrichten und uns zu neuen Geschöpfen machen. Beginnen wir also wieder mit der Beichte, geben wir diesem Sakrament den Platz zurück, den es im Leben und in der Pastoral verdient!

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Auch wir erleben heute diese Heilsbegegnung in der Beichte: wir mit unserer Erbärmlichkeit und unserer Sünde; der Herr, der uns kennt, liebt und vom Bösen befreit. Treten wir in diese Begegnung ein mit der Bitte um die Gnade, sie wiederzuentdecken.

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Quelle

Siehe auch:

«UNSERE HOFFNUNG FÜR EUCH STEHT FEST»

Joachim Kardinal Meisner

Fastenhirtenbrief 2014

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Seit meiner Bischofsweihe vor 39 Jahren steht in meinem Bischofswappen das Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief: „Spes nostra firma est pro vobis“, das heißt übersetzt: „Unsere Hoffnung für euch steht fest“. Ich schreibe Ihnen zur österlichen Bußzeit 2014 meinen letzten Fastenhirtenbrief als Erzbischof von Köln, der auch mein Abschiedsbrief sein sollte, wenngleich ich in Köln wohnen bleiben werde. Ich möchte Ihnen gern das, was mich fast vier Jahrzehnte meines bischöflichen Wirkens hindurch begleitet und gestärkt hat, als Vermächtnis hinterlassen: Das ist die Wirklichkeit der Hoffnung.

Die Hoffnung gehört zu den göttlichen Tugenden, die wir zum Beispiel bei jedem Rosenkranzgebet am Anfang erbitten: Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig oder willkürlich gewählt, sondern entspricht der Realität, die Gott uns Menschen mit der Hoffnung schenkt. Die Wurzel der Hoffnung ist und bleibt der Glaube an den lebendigen Gott, und das Ziel der Hoffnung ist die Liebe Gottes. Die Hoffnung ist also die Mitte der drei göttlichen Tugenden.

1. Der Glaube ist die Wurzel, der Ausgangspunkt und die Energie der Hoffnung. Wo Glaube fehlt, gibt es keine Hoffnung. Und umgekehrt: wo ein lebendiger Glaube vorhanden ist, dort gibt es eine starke und lebendige Hoffnung. Das Ziel der Hoffnung aber ist die Liebe Gottes. Sie ist wie ein Magnet, der den Menschen anzieht. Um sie zu erreichen, braucht man den langen Atem, und den schenkt uns die Hoffnung. Der Glaube ist gleichsam der Motor der Hoffnung, die den Menschen dynamisiert, ihm immer wieder neue Ideen eingibt, um das Reich Gottes voranzubringen. Die Liebe ist die Zugkraft. Sie bewahrt uns vor Resignation und vor der inneren Müdigkeit. Hoffnungslosigkeit lässt dagegen das menschliche Herz austrocknen und macht es unempfindlich für neue Möglichkeiten, die zu einem neuen Aufbruch motivieren möchten.

Unsere Gesellschaft ist weithin von einer Hoffnungslosigkeit geprägt. Es gibt in unserem Land nicht mehr allzu viele Frauen, die „in guter Hoffnung“ sind und ein Kind zur Welt bringen. Denn das Ja zum Kind ist ein lebendiges Hoffnungszeichen für die menschliche Gesellschaft. Der so genannte wissenschaftliche Fortschritt auf vielen Gebieten könnte uns eigentlich Anlass zur Hoffnung sein, um den Menschen Erleichterung, Hilfe und Zukunft zu bringen. Und trotzdem ist unser gesellschaftliches Leben von Hoffnungslosigkeit, Überdruss, Lustlosigkeit und Fantasielosigkeit überlagert.

2. In meinem 25-jährigen bischöflichen Wirken in der Erzdiözese Köln, aber auch schon vorher neun Jahre in dem damals noch geteilten Berlin und davor fünf Jahre als Weihbischof in Erfurt, war es der Glaube, der mich nicht in die Hoffnungslosigkeit versinken ließ. Nicht nur in der Zeit des staatlich verordneten Atheismus der DDR war das Leben für Christen, namentlich für junge Christen, sehr schwer. Danach in einem weithin gelebten Materialismus voller Pluralität, verbunden mit einem praktischen Atheismus des Westens, war und ist es eigentlich für einen Christen nicht viel anders. In diesen Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Bischof begleitete mich bis heute das Gebet des seligen Kardinals John Henry Newman: „Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch – nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit, nie war sein Kommen deutlicher, nie seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen zwischen Sturm und Sturm in der Erdenzeit zu ihm beten: »O Gott, du kannst das Dunkel erleuchten, du kannst es allein«“. Dieser Glaube ist und bleibt der Ursprung der Hoffnung, die uns realistisch die Wirklichkeiten nüchtern erkennen lässt, aber auch die unbegrenzten Möglichkeiten, die darin enthalten sind.

Je größer der Glaube, desto intensiver die Hoffnung. Hoffnung ist nicht die billige Tugend der Optimisten, sondern sie ist die Grundkraft, die der menschlichen Seele zum Aufbruch verhilft und sie vor dem Scheitern bewahrt. Die große heilige Theresia drückt das in ihrem Gebet aus:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles geht vorüber,
nur Gott bleibt derselbe. Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt!“

„Wer Gott hat, der hat alles“, das ist die Wirklichkeit eines lebendigen Glaubens, der die Hoffnung zu einer unüberwindlichen Kraft der christlichen Wirklichkeit werden lässt.

Jeder von uns, der lebendig unsere Welt wahrnimmt, weiß, wie sehr wir Christen gerade heute die Hoffnung in Kirche und Welt nötig haben. Die Bitte: „Der die Hoffnung in uns stärke“ sollte unser Tagesgebet sein. Es ist zwar kurz, aber umso kräftiger. So gibt es keine hoffnungslosen Fälle und hoffnungslosen Angelegenheiten, wenn man die Wirklichkeit unter der Realität des Glaubens sieht. Die Quelle der Hoffnung ist der Glaube. Würden wir den Rhein von seinen Quellen trennen, dann brauchte es nur kurze Zeit, bis das Wasser abgelaufen ist, und es bliebe nur Schlick und Schlamm im Flussbett übrig. Der Rhein wäre dann nicht mehr die Lebensader unserer Region und unseres Erzbistums. Wenn wir die Hoffnung nicht mehr rückkoppeln an den Glauben, dann stirbt die Hoffnung. Sie gibt uns keine Impulse mehr zur christlichen Bewältigung unseres Lebens.

3. Die Hoffnung hat als Schubkraft den Glauben im Rücken, aber die Hoffnung hat vor sich – gleichsam als Anziehungskraft wie ein starker Magnet – die Liebe Gottes. Je stärker die Sehnsucht nach dieser Liebe, desto größer die Spannkraft der Hoffnung. Die Liebe Gottes zu mir und dann meine Liebe zu Christus und seiner Kirche waren und sind es, die meine Hoffnung nie erlahmen ließen und meine Fantasie neu beflügelten und meine Kräfte gestärkt haben, um das Evangelium Christi vorwärts zu bringen. Dafür bin ich zutiefst dankbar und hoffe, Ihnen hier im Erzbistum Köln wenigstens ein wenig davon mitgegeben zu haben.

Auch habe ich vielen Frauen und Männern in unserem Erzbistum zu danken, die mir in schwierigen Situationen schlicht ihr Gebet versprochen haben. Was ich oft in den Gemeinden bei Gottesdiensten am Schluss gesagt habe, wiederhole ich hier dankbar: „Petrus und damit die Bischöfe stehen unter dem Wort des Herrn: Du aber stärke deine Brüder und Schwestern! – Wer aber stärkt denn einen Bischof?“, war dann immer meine Frage; „auch Bischöfe sind schwache Menschen“. Ich wusste aus Erfahrung, dass der Glaube des Volkes Gottes und das Beten der Mitchristen den Bischof in seinem apostolischen Dienst stärken und ermutigen. Dafür habe ich allen Mitchristen in der Erzdiözese Köln herzlich zu danken.

Auch unseren Priestern, den Diakonen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Seelsorge und Caritas, in den Schulen und auch in der Verwaltung, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, gilt mein besonderer Dank. Ihnen musste ich oft neue Aufgabenstellungen abverlangen, die mir die Situation auferlegte. Sie haben meinen Anliegen entsprochen. Mit viel Sympathie denke ich auch an unsere Ordenschristen, die in großer Treue trotz weniger Schwestern und Brüder zu ihrer Berufung stehen. Die häufigen Begegnungen mit Jugendlichen bei Firmfeiern gaben mir Impulse, nicht der Resignation, sondern der Zuversicht im Herzen Raum zu geben. Regelrechte Feste der Hoffnung waren für mich immer die Fronleichnamsfeiern in Köln und die Gottesdienste im Dom. Feste des Glaubens und damit der Hoffnung und Liebe waren die Besuche in den Gemeinden, von denen ich buchstäblich gelebt habe. Ich denke gerade an meine Hoffnung im Hinblick auf geistliche Berufungen, die sich täglich in den Fürbitten der Heiligen Messe artikuliert und die in der großen „Rogamus-Gemeinschaft“ äußere Gestalt angenommen hat. Die Hoffnung, die inspiriert worden ist durch die Liebe zu Jesus Christus besonders in der Heiligen Eucharistie, habe ich noch im letzten Jahr in ergreifender Weise bei unserem Eucharistischen Kongress in Köln erleben dürfen, und sie stellt sich mir täglich in der immerwährenden eucharistischen Anbetung in der Kapelle des Maternushauses dar. Unsere Hoffnung muss verankert bleiben in der Kraft des lebendigen Glaubens hinter uns und in der Sehnsucht nach der Liebe Gottes vor uns, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (vgl. Röm 5,5). Dann bleibt die Hoffnung vital und bringt unser Leben und das Glaubensleben der Kirche in eine neue Dimension ihres Daseins.

Wie auch immer die Zeiten sein mögen, Christus ist der Herr aller Zeiten. Wer hofft, fürchtet sich nicht vor der Gegenwart und der Zukunft, und wer hofft, bewegt die Welt zum Positiven hin. Alle Welt bewundert

Papst Franziskus, der als Südamerikaner die Kirche und das Interesse an der Kirche so positiv vorwärts bewegt, nicht weil er resigniert nach dem Motto handeln würde: „Das haben wir alles schon versucht. Das haben wir schon alles getan. Das hat ja alles nichts genützt. Das war immer alles ohne Erfolg!“ – Nein! Als Mann der Hoffnung weiß er, dass Gott uns immer wieder Türen auftut, der doch selbst gesagt hat: „Klopft an, dann wird euch geöffnet“ (Mt 7,7). Der Papst probiert das, und wöchentlich ist der Petersplatz bei der Generalaudienz mit fast 100.000 Leuten gefüllt.

Hoffnungslosigkeit, Resignation, Traurigkeit und Trostlosigkeit dürften wir Christen wohl nur vom Hörensagen kennen. Uns ist die Hoffnung als die Grundkraft unseres Lebens gegeben. Und sie bleibt vital, wenn sie im Glauben verankert und auf die Liebe hin orientiert ist. Aller guten Dinge sind drei: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ihnen durfte ich als Erzbischof von Köln ein Vierteljahrhundert dienen. Ich wollte Ihnen immer und überall die Freude an Gott bezeugen und vermitteln, weil sie ja die Stärke unserer Hoffnung ist. Ich danke Ihnen nochmals herzlich für alle Stärkung, die ich dabei gefunden habe, und bitte alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war. Der Herr möge alles ergänzen, was bruchstückhaft in meinem Dienst geblieben ist. Ich bleibe – so Gott will – bis zur Stunde meines Todes in eurer Mitte und werde wohl jetzt mehr Zeit haben, um für euch alle zu beten und eure Sorgen und Hoffnungen durch mein Gebet dem Herzen Gottes entgegenzuhalten.

Es segne euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2014

Euer
Joachim Kardinal Meisner

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