Byzantinische Liturgie im Petersdom

Byzantinisches Gebetszentrum Salzburg – Fesko der Marienentschlafungslavra von Univ, Ukraine

Vatikanstadt. Die mit Rom unierten Gläubigen der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine haben mit einer großen Nationalwallfahrt im Vatikan den 150. Jahrestag der Heilig­sprechung des Märtyrerbischofs Josafat Kuncewytsch (1580-1623) begangen. Dieser war am 29. Juni 1867 als »Märtyrer der Einheit« und ers­ter Vertreter einer unierten Ostkirche heiliggesprochen worden. Der tief in der byzantinischen Liturgie und im Jesusgebet verankerte Basilianermönch war bei seinem Tod Erzbischof von Polozk.

Aus der Ukraine und den Ländern der Diaspora hatten sich 6000 Gläubige auf den Weg nach Rom gemacht, um im Zeichen der Einheit die Fürsprache des Bischofs anzurufen, dessen Reliquien sich im Petersdom befinden. Aus Anlass des Jahrestages zelebrierte Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk von Kiew-Halytsch am 25. Juni das Pontifikalhochamt im byzantinischen Ritus am Papstaltar des Petersdoms.

_______

Quelle: Osservatore Romano 26/2017

Krieg in der Ost-Ukraine: Hunger, Bomben, Traumata

ansa747463_articolo

Ukraine in Not (Filmausschnitt)

Hunger, Bomben und Traumata im Herzen des europäischen Kontinentes, und die Welt schaut weg – dabei sind die Opfer des Krieges in der Ostukraine vor allem Kinder: Mit einem flammenden Appell hat sich der Großerzbischof von Kiew-Halytsch jetzt an die internationale Gemeinschaft gewandt. Das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche fordert darin eine diplomatische Lösung der Krise und besonderen Schutz für die minderjährigen Opfer des Konflikte, der nunmehr ins vierte Jahr geht. Laut UNO-Angaben leben in der Ukraine derzeit mindestens eine Millionen hilfsbedürftige Kinder.

Kinder, die verstummen. Kinder, die hungern. Kinder, die beim Spielen umkommen. Es sind schockierende Einblicke, die der griechisch-katholische Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk im Interview mit Radio Vatikan in den Kriegsalltag in der Ostukraine gibt. In der so genannten „Grauen Zone“, die zwischen den von prorussischen Separatisten und den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gegenden liegt, sitzen laut Angaben des Kirchenmanns fast 200.000 Zivilisten fest. Es handele sich vorrangig um alte Menschen und Mütter mit kleinen Kinder, die seit über drei Jahren ständigen Bombardements ausgesetzt seien:

„Sie können nicht weg, denn sie wissen nicht, wohin! Laut offizieller Unicef-Angaben leben in der grauen Zone 12.000 Kinder. Wir können von vielen Fällen bestätigen, dass viele dieser Kinder nicht nur physisch, sondern auch psychologisch verletzt wurden: Da gibt es Kinder, die nach Bombenangriffen nicht mehr sprechen. Wir als Kirchenvertreter tun das Möglichste, um diese Menschen zu erreichen. Der Staat kommt hier nicht an, nur die religiösen Gemeinschaften, bewegt durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten, haben die innere Kraft, diese Menschen erreichen zu wollen.“

Auch bei den Zivilisten, die in den besetzten Gebieten weiter östlich eingekerkert sind, kommen kaum humanitäre Hilfen an, berichtet Schewtschuk weiter. Die Kirche tue ihr Möglichstes, um diesen Menschen zu helfen: „Die einzige Möglichkeit unserer Kirche ist hier, Hilfsmittel über unsere Priester vor Ort hineinzubringen: Sie fahren zwischen dem von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebiet und den besetzten Gebieten hin und her, füllen ihre Autos mit Grundnahrungsmitteln und bringen sie den Leuten. Die Menschen leiden dort Hunger!“ Papst Franziskus hatte zuletzt eine Spendenaktion für die Menschen der Ostukraine initiiert. Dank der Aktion könnten die kirchlichen Mitarbeiter vor Ort zumindest die nötigsten Dinge für das Überleben der Menschen kaufen, so Schewtschuk. Der Papst sei Dank seines Nuntius über die aktuelle Lage bestens informiert.

Das Leben der Kinder in den Kriegsgebieten sei durch Entbehrungen und ständige Gefahr gekennzeichnet, fährt der Kirchenmann fort: „Es ist wirklich bedrückend zu sehen, wie diese Kinder leben, wie sie in fast komplett zerstörten Schulen lernen. 19.000 Kinder in dieser Gegend sind zudem wegen Minen und verstecktem Sprengstoff in andauernder Gefahr. In jedem Klassenraum hängt ein Schild, das davor warnt, unbekannten Objekte anzufassen, aber trotzdem verletzt sich jeden Tag ein Kind. Die paramilitärischen Gruppen lassen auf dem Territorium Spielzeug voll mit Sprengstoff zurück: und diese Objekte fassen nicht die Soldaten, sondern leider die Kinder an.“

Eine weitere Gruppe von Zivilisten, die dringend Hilfe brauche, seien die zahlreichen Vertriebenen aus den besetzten Gebieten und der grauen Zone, die sich im zentral-westlichen Teil der Ukraine gesammelt hätten. „Offiziell spricht man da derzeit von 1.700.000 Menschen, doch die tatsächliche Zahl ist sehr viel höher, man geht hier von über zwei Millionen aus. Innerhalb unserer ukrainischen griechisch-katholischen Kirche haben wir die nationale Caritas; sie ist praktisch das einzige Mittel, mit dem man diesen Menschen zu helfen versucht.“

Eine effektive Waffenruhe ist laut Schewtschuk der einzige Weg, um die Gewalt zu stoppen und den Menschen wirklich helfen zu können. Im Interview mit Radio Vatikan bestätigt der Großerzbischof von Kiew-Halytsch, dass die letzte Vereinbarung in diese Richtung vor Ort keine Wirkung zeigt: „Wir erhalten Nachrichten, dass die Zusammenstöße weitergehen. Die letzte angekündigte Waffenruhe besteht also de facto nicht. Dieser militärische Konflikt geht schon seit drei Jahren: Schwere Waffen gelangen weiter auf ukrainisches Territorium und das verursacht wirklich schweres Leid für die Bevölkerung.“

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz hatten die Außenminister Russlands und der Ukraine, Sergej Lawrow und Pawel Klimkin, einen neuen Anlauf für eine Waffenruhe unternommen. Die neue Waffenruhe, die in einer Kontaktgruppe zwischen den Separatisten und der ukrainischen Regierung vereinbart worden war, war von der Sicherheitsorganisation OSZE verkündet, von den Kampfparteien vor Ort jedoch nicht eingehalten worden. Seit Beginn des Krieges sind laut offiziellen Angaben mindestens 10.000 Menschen ums Leben gekommen.

(rv 23.02.2017 pr)

Russland: Kyrill will mit Katholiken für Frieden eintreten

epa2265295_articolo

Kyrill I. und Putin

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. will sich gemeinsam mit der katholischen Kirche für Frieden in Syrien starkmachen. Bei einer Begegnung mit dem Ökumene-Beauftragten des Vatikan, Kurienkardinal Kurt Koch, kündigte er am Dienstag in Moskau russischen Agenturberichten zufolge eine weitere Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche an. Man wolle „mit vereinten Kräften erreichen, dass das Leid aufhört und die Menschen ein friedliches Leben haben“.

Syrien müsse vollständig wiederaufgebaut werden, hieß es weiter. Mit Blick auf Moskau und Washington sagte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche: „Beide Koalitionen haben ihren Kampf gegen den Terrorismus bisher nicht genügend koordiniert, um erfolgreich zu sein.“ Für die syrischen Christen sei es wichtig, dass auch die Kirchen wiedererrichtet würden. Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche hatten im Frühjahr ein gemeinsames Programm zum Wiederaufbau von christlichen Gotteshäusern beschlossen.

Kyrill I. sprach sich auch für die Umsetzung des Minsker  Friedensabkommens für die Ukraine aus. Er stehe weiter zu der im Februar auf Kuba mit Papst Franziskus vereinbarten „friedensstiftenden Mission“ für das osteuropäische Land.

(kna 23.11.2016 sk)

Kiewer Großerzbischof an Westen: „Gebt die Ukraine nicht auf!“

epa855279_articolo

Ansicht von Lviv/Lemberg im Westen der Ukraine

„Gebt die Ukraine nicht auf! Geht nicht den Weg einfacher Lösungen!“ Das sagt der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk in Richtung EU und Westen. Das ukrainische Volk sei „geeint im Streben, in die europäische Familie zurückzukehren, wohin es gehört“. Das gesamte Volk teile diese Einstellung, im Westen des Landes wie im Osten. „Alle wollen die Ukraine als ein freies europäisches Land sehen“, so das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK) bei einem Besuch in Wien.

Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten seien unbestritten, unterstrich Schewtschuk. Das müsse freilich nicht zugleich auch eine sehr rasche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedeuten.

Laut Schewtschuk gilt die Orientierung Richtung Westen auch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten in der umkämpften Ostukraine. Er sprach von „gefangenen“ Menschen in der Region von Donezk und Lugansk, die auf ihren „Befreiung“ warten würden. Schewtschuk: „Die Menschen dort erkennen zunehmend, dass Russland sie nicht braucht und nicht will.“ Auch ihre Zukunft liege in einer freien und unabhängigen Ukraine.

Erst letzte Woche hatte Schewtschuk die Ostukraine besucht. Sein Eindruck: Eine Lösung des Konflikts könne nicht von außen kommen, sondern nur innerhalb der Ukraine seinen Anfang nehmen. Die Menschen seien „des Krieges müde“ und würden realisieren, dass ihnen niemand von außen helfen wird. Die Ukraine müsse sich in erster Linie selber helfen. „Deshalb brauchen wir innerhalb der Ukraine Reformen, Solidarität und Zusammenarbeit. Wir müssen all unsere inneren Kräfte mobilisieren, um mit dieser ausländischen Agression umzugehen.“ Er setze voll auf die Zivilgesellschaft, so der Großerzbischof. „Politiker kommen und gehen, aber das Volk bleibt!“

Angesprochen auf die immer noch weit verbreitete Korruption in der Ukraine, meinte das Kirchenoberhaupt, dass dies zuerst einmal ein moralisches Problem sei. Deshalb bemühe sich die Kirche auf vielfältige Weise, das Bewusstsein der Menschen für die „Sündhaftigkeit“ von Korruption zu schärfen. Schewtschuk sprach sich für „Null-Toleranz“ gegenüber Korruption welcher Art auch immer aus, denn: „Korruption zerstört unser Land.“ Erste kleine Erfolge eines Bewusstseinswandels erkenne er schon, so Schewtschuk.

In der Frage nach der möglichen Bedeutung der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA für die politische Entwicklung in der Ukraine wollte sich der Großerzbischof nicht festlegen. Trump sei derzeit schlicht ein „großes Geheimnis“, seine politischen Vorhaben seien nicht vorhersehbar. Er hoffe aber sehr, so Schewtschuk, dass sich der neue Präsident auch seiner weltpolitischen Verantwortung bewusst sei. Die USA dürfe ihre weltpolitische Führungsrolle nicht aufgeben.

Der Papst und die Ukraine

Großerzbischof Schewtschuk war am Freitag von Rom aus nach Wien gereist. Am Donnerstag war er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen worden. Der Papst sei den leidenden Menschen in der Ukraine sehr nahe, berichtete Schewtschuk, im Gebet, aber auch in der konkreten Tat. Der Großerzbischof erinnerte daran, dass es nach der Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba im Februar in der Ukraine „Unverständnis“ gegeben habe.

Einige Punkte der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch hätten nach Ansicht der Ukrainer nicht die tatsächliche politische und kirchliche Situation vor Ort in der Ukraine wiedergespiegelt. „Es war deshalb unsere Pflicht, den Papst aufzuklären“, so Schewtschuk wörtlich. Das sei bei einer Begegnung der ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe mit Franziskus am 5. März passiert. Schewtschuk: „Unsere Botschaft war: Heiliger Vater, Sie haben Patriarch Kyrill umarmt, nun umarmen sie bitte auch das ukrainische Volk.“ Und er habe dies auch getan.

Franziskus startete die humanitäre Hilfsaktion „Der Papst für die Ukraine“ und entsandte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in die Ukraine. Schewtschuk: „Die Ukrainer sind ihm dafür dankbar.“

Innerkirchliche Konflikte

Wie der Großerzbischof weiter sagte, teilten zudem alle Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Ukraine die Überzeugung, dass Religion nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe. Insofern herrsche durchaus „religiöser Friede“ in der Ukraine.

Allerdings gibt es auch eine Reihe innerorthodoxer Konflikte, die die Ukraine beschäftigen. In diese Auseinandersetzungen, etwa zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchat von Konstantinopel oder zwischen der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und dem Kiewer Patriarchat, mische man sich aus Prinzip nicht ein, unterstrich der Großerzbischof: „Wir können ihre internen Probleme nicht lösen.“

Indirekt würden diese Konflikte freilich auch die UGKK betreffen: „Das Moskauer Patriarchat wirft uns ständig vor, ein Hindernis für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Orthodoxie und Römisch-katholischer Kirche zu sein.“ Auf der anderen Seite gebe es aber gute Beziehungen seiner Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, hielt der Großerzbischof diesen Moskauer Anschuldigungen entgegen.

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist heute eine der religiös und gesellschaftlich bedeutendsten Kirchen in der Ukraine. Tausende Gläubige dieser Kirche leben auch in Österreich, das seit fast 300 Jahren Ziel einer starken ukrainischen Migration ist. Die UGKK entstand 1596 durch die Kirchenunion von Brest, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zur Gemeinschaft mit dem Papst entschloss.

(kap 12.11.2016 sk)

Solidaritätsbesuch in der Ukraine: Parolin traf Poroschenko

EPA2104768_Articolo

Solidaritätsbesuch in der Ukraine: Parolin traf Poroschenko

Im Rahmen seines fünftägigen Besuchs in der Ukraine hat der vatikanische Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Kiew getroffen. Kardinal Parolin habe dem ukrainischen Präsidenten den Reisezweck erläutert: es gehe ihm darum, die Solidarität des Heiligen Stuhls zu bekunden, hieß es im Redemanuskript Parolins. Dies sei auch der Grund, weshalb Papst Franziskus ihn extra in die Ukraine geschickt habe, um bei dem mehrtätigen Besuch mit den politischen und religiösen Verantwortlichen zusammenzutreffen. Es gehe auch um konkrete Umsetzung der Hilfe, die durch die von Franziskus angeregte europaweite Spende vom 24. April zustande gekommen ist.

Mit dieser habe der Papst den Ukrainern seine Nähe bekundet und mit Parolins Besuch auch „in besonderer Weise unterstrichen“, sagt im Gespräch mit Radio Vatikan das Oberhaupt der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche der Ukraine, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk.

„Es war für uns sehr wichtig, dass Kardinal Parolin hier bei uns von einem ,vergessenen Krieg´ gesprochen hat. Ich selber bezeichne diese Situation seit einem Jahr so. Als der Papst die Sonderkollekte ankündigte, waren ja viele in Westeuropa überrascht, weil sie dachten, dass der Krieg vorbei sei. Dem ist leider nicht so.“

Es herrschten im Übrigen sehr viele Konflikte auf der Welt, die in Europa in Vergessenheit geraten und die weiterhin im Gange seien, fügt Großerzbischof Schewtschuk an. Seine Heimat erlebe derzeit eine schwierige Wiederaufbauphase, die auch von der katholischen Kirche mitgetragen werde, fügt er an. Dennoch dürfe man die Zahlen nicht übersehen: Millionen Binnenflüchtlinge und über 9.000 Kriegstote in zwei Jahren Krieg im Donbas.

„Ich hoffe, dass der Besuch von Kardinal Parolin auch die diplomatischen Beziehungen fördern kann, um den Konflikt in unserem Land ein Ende zu bereiten. … Diese persönliche Geste des Papstes – also die Sendung des Kardinalstaatssekretärs – ist nicht eine abstrakte Hilfe, sondern es zeigt, wie ein Vater seine Kinder liebt und diese Kinder sind die Menschen in der Ukraine. Dieses Gefühl der Nähe ist mehr wert als jegliche materielle oder finanzielle Hilfe und andererseits zeigt der Papst, dass er für ein schnelles Ende des Krieges eintritt.“

Dies seien auch die Worte von Kardinalstaatssekretär Parolin vor dem Rat der ukrainischen Kirchen in der südöstlichen Stadt Saporischja vor wenigen Tagen gewesen. Die fünftägige Reise Parolins endet am Montag. Neben Saporischja und Kiew steht auch die westukrainische Metropole Lemberg auf dem Reiseprogramm.

(rv 18.06.2016 mg)

Josyf Kardinal Slipyj, das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche

im-gespraech

Josyf Kardinal Slipyj im Gespräch mit Pater Werenfried van Straaten

Am 7. September 1984, starb in der Verbannung in Rom das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche, Josyf Kardinal Slipyj. Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT, verband eine tiefe Freundschaft mit diesem Märtyrer-Bischof, der vielleicht der letzte “Kirchenfürst” des 20. Jahrhunderts und eine ihrer größten kirchlichen Persönlichkeiten gewesen ist. Kurz nach seinem Tod gab Pater Werenfried der Hoffnung Ausdruck, dass der Tag nicht mehr fern sein, “dass Recht geschehen wird. Dann wird dieser starke, mutige, väterliche Oberhirte als Patriarch seiner Kirche aus dem Himmel die ukrainische Nation segnen, wie einst der Apostel Andreas die Hügel Kiews gesegnet hat.” Dieser Tag sollte dann tatsächlich schneller kommen, als die meisten vermutet hatten, vielleicht auch er selbst …

Gelehrter und Priester

Josyf Slipyj wurde am 17. Februar 1892 als Sohn begüterter und gläubiger Eltern im galizischen Sadrist geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Neben einer tiefen Frömmigkeit zeichnete sich der junge Josyf schon früh durch seine Liebe zur Wissenschaft aus. Er studierte Philosophie an der Universität Lemberg und wurde in das dortige Priesterseminar aufgenommen. Metropolit Andrej Szeptyckyjerkannte die Begabung des jungen Studenten und sandte ihn zu höheren Studien nach Innsbruck in Tirol.

In dieser Zeit brach der Erste Weltkrieg aus. Im September 1914 besetzten zaristische Truppen die West-Ukraine und verhafteten den Metropoliten der Ukrainisch Katholischen Kirche, weil dieser von seinen Gläubigen Treue zum Papst forderte. Er blieb Gefangener Russlands bis zum März 1917, als die kommunistischen Revolutionäre den Zaren und seine Familie absetzten und das zaristische Russlands in der russischen Revolution zugrunde ging.

In dieser unsicheren Zeit wurde Josyf Slipyj in Lemberg zum Priester geweiht und kehrte nach Innsbruck zurück, wo er 1918 promovierte und 1920 habilitierte. Für weitere zwei Studienjahre ging er nach Rom, bis er 1922 nach Lemberg zurückkehrte, um dort Dogmatik zu lehren und die theologische Zeitschrift Bohoslovia herauszugeben. Bereits als 33-jähriger wurde er 1925 Regens des Lemberger Priesterseminars und vier Jahre später Rektor der theologischen Akademie.

“Per aspera ad atsra” – Die Ukrainische Kirche in Krieg und Verfolgung

Außerhalb der Mauern der Hochschule waren es bewegte und unruhige Zeiten. Nach der Russischen Revolution 1917 hatte die Ukraine von 1918-1922 kurzzeitig ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, was auch die Wiedergeburt der Ukrainischen Autokephalen Kirche, die sich von der Russischen Kirche, abspaltete, zur Folge hatte. Das Blatt sollte sich jedoch schon bald wenden, denn bereits Anfang der Zwanziger Jahre übernahmen die Bolschewiken zunehmend das Ruder in Russland und vermochten den größten Teil der Ost- und Mittelukraine unter ihre Kontrolle zu bringen, während der westliche Teil, einschließlich Galizien, Polen zufiel. Da

___

1
Andrej Szeptyckyj war von 1901 bis 1944 das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche. Er erlitt bereits in der Zarenzeit Gefangenschaft um des Glaubens willen und war einer der ersten Ökumeniker des 20. Jahrhunderts. Sein Seligsprechungsprozess ist seit 1958 im Gange.

___

der Westen sich passiv verhielt, blieb die Ukraine bis zur Wende Anfang der Neunziger Jahre eine Teilrepublik des Sowjetimperiums.

Die atheistischen Bolschewiken begannen schon bald ihren Kampf gegen die Religion und vernichteten die Orthodoxe Kirche in ihrem Machtbereich fast völlig, während die katholische Minderheit in Galizien unter der Führung des alternden Metropoliten Szeptyckyj überleben konnte.

Im November 1939 – zwei Monate, nachdem Hitler Polen den Krieg erklärt hatte – bat der Metropolit Papst Pius XII., Josyf Slipyj zu seinem Koadjutor und Nachfolger zu ernennen. Der Papst willigte gerne ein in diese Auszeichnung des “bevorzugten Schülers, von dem Du so oft anerkennend gesprochen hast.” Und so wurde Josyf Slipyj am 22. Dezember 1939 von dem alten Metropoliten zum Erzbischof konsekriert. Als Bischofsspruch erwählte er die Worte “per aspera ad astra” – “durch Prüfungen himmelwärts”; Worte, die sich nur allzu bald bewahrheiten sollten, denn kurz zuvor war der polnische Staat zusammengebrochen. Die bisher zu Polen gehörige West-Ukraine wurde nun aufgrund der Bestimmungen des Hitler-Stalin-Paktes in die Sowjetunion eingegliedert.

Die Kommunisten begannen nun auch in diesem Gebiet gegen die katholische Kirche zu wüten, was erst von der deutschen Invasion im Juli 1941 unterbrochen wurde. Zu diesem Zeitpunkt allerdings hatten die Kommunisten bereits 250.000 Einwohner der Erzeparchie Lemberg und doppelt so viele aus der ganzen West-Ukraine deportiert. Dutzende Priester waren verschleppt, in Kerker geworfen oder ermordet worden.

Auf der Schwelle des Martyriums

Als sich die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug befand, kehrten die Sowjets im Juli 1944 in die Ukraine zurück. Am 1. November starb das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche, Szeptyckyj, und sein Nachfolger, der nunmehrige Metropolit Slipyj sandte im Dezember 1944 eine Delegation nach Moskau, um die staatliche Anerkennung der Ukrainischen Katholischen Kirche zu erwirken. Die Sowjets waren auch bereit dazu, allerdings nur unter der Bedingung, dass Slipyj seinen Einfluss geltend mache, um die ukrainischen Aufständischen dazu zu bewegen, ihren Kampf für die nationale Unabhängigkeit aufzugeben. Slipyj lehnte dies entschieden ab, was die totale Verfolgung zur Folge hatte.

Bereits 1941, als die Sowjets vor nach Osten drängenden deutschen Wehrmacht zurückweichen mussten, war Erzbischof Slipyj von einem Erschießungskommando an die Wand gestellt worden und wie durch ein Wunder verschont worden. Jetzt aber, da sich das Kriegsgeschehen zugunsten der Kommunisten entwickelte, wurde die Verfolgung der Ukrainischen Kirche wieder aufgenommen, in deren Verlauf zehn Bischöfe, mehr als 1400 Priester und 800 Ordensschwestern ihre Treue zum Papst und zur Universalkirche mit dem Opfer ihres Lebens besiegelt haben. Am 11. April 1945 wurde Erzbischof Slipyj zusammen mit allen anderen Bischöfen verhaftet und die Kathedrale von Lemberg durchsucht. Innerhalb eines Jahres folgten ihnen mehr als 800 Priester in die Gefangenschaft. Die Inhaftierten wurden vor die Wahl gestellt, sich der Orthodoxie anzuschließen oder als “faschistische Agenten” abgeurteilt zu werden, was für mindestens zehn Jahre das harte Schicksal der Deportation mit allen daraus resultierenden Strafmaßnahmen bedeutete.

Als die ganze ukrainische Kirchenhierarchie im Gefängnis saß, richtete Patriarch Alexej I. (1945 – 1970) von Moskau einen “Hirtenbrief” an die katholischen Gläubigen mit der Mitteilung, ihre Hirten hätten sie im Stich gelassen. Daraufhin protestierten dreihundert mutige Priester bei Sowjetminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und forderten die Freilassung ihrer Bischöfe. Dieser mutige Einsatz war jedoch vergeblich, die Kommunisten brachten Slipyj nach Kiew, isolierten ihn und nahmen ihn ins nächtliche Dauerverhör. Als Lockmittel für den Abfall vom Papst boten sie ihm in der Russischen Kirche den Metropolitansitz von Kiew an. Mit allen seinen bischöflichen Mitbrüdern blieb er unbeugsam angesichts dieser Versuchung.

Die Sowjets verurteilten ihn zu acht Jahren Haft und Zwangsarbeit. Die Stationen seines Kreuzwegs hießen: Maklakowo, Wiatka, Nowosibirsk, Boimy, Petschora, Krasnojarsk, Kamtschatka Inta, Jenisseisk, Potma, Workuta und Mordowia. Sein Leiden wurde noch erschwert durch das traurige Schicksal seiner Kirche. Die Russisch Orthodoxen beschlagnahmten alle Pfarreien. Katholisch zu sein, war ein Verbrechen. Alle Eparchien, Klöster und Schulen wurden beseitigt. Die Hälfte des Klerus wurde verhaftet, ein Fünftel verschleppt.

Vom Papst geliebt, vom Westen vergessen

Papst Pius XII. war eifrigst bemüht, den Ukrainern und ihrem Metropoliten zu helfen. Zu ihrer Verteidigung verfasste er zwei Enzykliken, 1945 “Orientales omnes ecclesias”2 und 1952 “Orientales ecclesia”3. Darin beschuldigte er den Patriarchen Alexej namentlich der Beihilfe zur Glaubensverfolgung. Weihnachten 1957 sandte er Josyf Slipyj einen rührenden Brief anlässlich seines 40-jährigen Priesterjubiläums. Seine Besorgnis fand jedoch nur wenig Anklang in der katholischen Welt.

Eine detaillierte Aufzählung der Daten und Orte des Kreuzwegs von Josyf Slipyj gibt ein weniger anschauliches Bild seiner Leiden als einige Vorkommnisse dieser schrecklichen Zeit, die wir aus seinen eigenen Schriften und jener seiner Schicksalsgenossen kennen.

In seinem Testament berichtet er in ergreifender Weise: “Ich habe nächtliche Verhaftungen, geheime Gerichtssäle, endlose Verhöre und Bespitzelung, moralische und physische Quälereien, Demütigung, Folterung und Aushungerung erdulden müssen. Ich habe vor skrupellosen Richtern gestanden wie einer, der als hilfloser Gefangener und stummer Zeuge, physisch und Psychisch erschöpft, seinen Glauben an die zum Schweigen gebrachte und zum Tode verurteilte Kirche seiner Heimat bekennen musste.”

“Als Gefangener um Christi Willen fand ich während meines ganzen Kreuzweges Kraft in dem Bewusstsein, dass meine geistliche Herde, mein ukrainisches Volk, alle Bischöfe, Priester und Gläubigen, Väter, Mütter und kleine Kinder, engagierte Jugendliche und hilflose alte Leute den gleichen Weg gehen musste. Ich war nicht allein!”

Zweimal haben ihn Mitgefangene ihn vor dem Tod errettet. Einmal, als seine Tagesration bereits wochenlang aus einem einigen gefrorenen Fischlein bestand, sank er nach einem Verhör zusammen. Seine Leidensgenossen skandierten drei Stunden lang: “Warmes Wasser für den Alten.” Am Ende ließen sich die Gefängniswärter erweichen. – Ein anderes Mal, als der US-amerikanische Vizepräsident Richard Nixon per Zug durch Russland reiste, gehörte der Metropolit zu einem Gefangenentransport, der nicht vom Gast gesehen werden durfte. Bis

___

2
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xii/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_23121945_orientales-omnesecclesias_en.html
(Stand: August 2009).
3
3http://www.vatican.va/holy_father/pius_xii/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_15121952_orientales_lt.html
(Stand: August 2009).

___

Nixon vorbei war, wurden sie in einem einzigen Luftloch zusammengepfercht. Viele starben,aber jedes Mal, wenn der alte Erzbischof ohnmächtig wurde, zog man ihn zu dem Loch, so dass er überlebte.

Als 1953 seine erste Strafzeit vorüber war, erhielt er eine zweite Verurteilung zu fünf Jahren Zwangsarbeit. Ab und zu erreichten in diesen Jahren Hirtenbriefe seine Gläubigen. Manchmal bat er, keine Pakete oder Briefe mehr zu schicken, weil sie seine Lage nur erschwerten. Im Jahr 1958 wurde er zum dritten-, 1962 zum vierten Mal verurteilt und auf Transport nach Mordowia geschickt, woher “niemand lebendig zurückkommt”, aber wo man “einen natürlichen Tod” stirbt.

Ein wahrer “Ecce homo”

Pater Leoni, der die Gräuel des schmutzigen, von Ungeziefer geplagten Durchgangslagers Kiwow beschrieben hat, vermerkt: “Inzwischen waren andere politische Gefangene in unsere Zelle gebracht worden. Im Zwielicht hörte ich eine unbekannte Stimme meinen Namen rufen. Ein bärtiger alter Mann stand vor meinem Stockbett: er reichte mir die Hand und sagte, ‘Josyf Slipyj‘. Es war zugleich eine Freude und ein Schmerz, meinem Metropoliten hier zu begegnen.”

Aber die furchtbarsten Erinnerungen haben jene bewahrt, die den Erzbischof in Int bei Komi, in der Nähe des Polarkreises, gesehen haben. Sie beschreiben, wie er mit Lumpen bekleidet war, die um Knöchel und Knie mit Wickeln zusammengehalten wurden, die Füße mit einer Kalkschicht bedeckt, wehrlos gegen die Kälte, di eis auf 45 Grad gesunken war: Ein wahrer “Ecce homo”. Und dennoch blieb er ruhig, wohlwollend und sogar großmütig gegenüber den Wärtern und Spitzeln, die auch an diesem Ort überwältigenden Leidens nicht fehlten.

Der österreichische Professor Grobauer beschreibt Slipyjs Ankunft in Inta. Während des Marsches zum Lager durch hohen Schnee brach er zusammen. Mit Gewehrkolben zwang ein Soldat ihn zum Aufstehen. Er fiel von neuem und reagierte nicht mehr auf die Grobheiten des Wärters. Grobauer griff ihm unter die Arme und zog ihn mit. Im Lager eingetroffen, saß der Metropolit erschöpft auf seinem Köfferchen. Zwei Kerle nahmen alle seine Besitzungen an sich und ließen ihn, aus Mund und Nase blutend, im Schnee liegen.

Papst Johannes greift ein

Im Jahr 1962 versuchte der sowjetische Geheimdienst KGB noch einmal, sich den Mann Gottes mit dem Prunk von Moskaus Orthodoxie zu erkaufen. Diesmal wurde ihm sogar das Patriarchat über ganz Russland angeboten. Abermals weigerte er sich.

Papst Johannes XXIII. versuchte auf diplomatischem Wege, seine Freilassung zu erlangen, und schließlich willigte der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow ein. Kardinal Slipyj erzählte später, wie er es erfuhr: Eines Tages, als er sterbenskrank danieder lag, erkundigte sich ein Inspektor: “Alter Mann, wie geht es Dir?” Man gab ihm Suppe und ein Bett und brachte ihn nach Moskau. Am 9. Februar 1963 kam er in Rom an. Als er mit erfrorenem Fuß in die Abtei von Grottaferrata hereinhumpelte, gaben die Mönche ihm heiße Milch.

Verbannter und Prophet

Niemals während seiner lagen Leidenszeit war bei dem ukrainischen Oberhirten der Gedanke aufgekommen, seine Kirche oder sein Volk im Stich zu lassen. Als er freigelassen wurde, war seine erste Frage: “Bedeutet meine Befreiung auch Freiheit für die griechisch-katholische Kirche?” Man sagte ihm nur, dass er nach Moskau gehen und dort diese Frage besprechen solle. Das stellte ihn jedoch vor eine Gewissensfrage. Er wollte zurück nach Lemberg: “Ich kann mein Volk nicht verlassen, aber aus Gehorsam gegenüber dem Papst und falls es für mein Volk nützlich ist, werden wir sehen, was aus meinem Leben wird, wenn man mich nicht in die Ukraine zurückkehren lässt.”

Im Testament schrieb er darüber: “Die Stimme von Papst Johannes rief mich zum vatikanischen Konzil. Ich verstand es als einen Befehl, worin ich die unergründliche Absicht Gottes vermutete. Bedeutete das nicht den Auftrag, Zeugnis über unsere Kirche abzulegen und zu vollenden, was ich als Gefangener nicht zu einem guten Ende bringen konnte?”

Er hatte gehofft, nach dem Konzil bald in die Ukraine zurückkehren zu dürfen, aber seine Freilassung war ohne sein Wissen mit Bedingungen verbunden, die diesem Wunsch zuwider waren. Die Unterhändler hatten außerdem den Sowjets garantiert, seine Freilassung nicht gegen den Kommunismus auszunutzen. Umso mehr war er gerührt durch die Klarheit, mit der der damalige italienische Verteidigungsminister Giulio Andreotti seine fast verstohlene Ankunft in Rom bedauerte: “Als Sie in diese Stadt kamen, wurden Sie von uns, katholischen Römern, mir einem ungewöhnlichen Schweigen begrüßt. Wir leben in einer sonderbaren Welt, in der man vermeidet, die Verfolgten zu ehren aus Furcht, die Verfolger könnten dies zum Anlass nehmen, noch größeres Unheil zu stiften. Wir hatten Sie mit der gleichen unbändigen Freude begrüßen wollen, mit der die Christen Roms den Heiligen Petrus empfangen haben.”

“Ausbildung von Granit”

Erzbischof Slipyj begann jetzt im Exil sein wiedererlangtes Hirtenamt mit großer Energie auszuüben. Am 17. März 1963 erschien er bei der Seligsprechung von Elisabeth Seton zum ersten Mal auf dem Bildschirm. Eine Woche später wandte er sich im päpstlichen griechischen Kolleg an die Studenten: “Ihr könntet heute leicht in einer völlig atheistischen Umgebung leben, worin die übergroße Mehrheit die Existenz Gottes verneint, jeden Gottesdienst ablehnt und euch als Betrogene oder Betrüger, Faulenzer oder Volksfeinde beschimpft. Wer keine theologische Ausbildung von Granit genossen hat, kann sich leicht durch die atheistische Strömung mitreißen lassen.”

Im Mai desselben Jahres sandte er ein rührendes Abschiedswort an den sterbenden Papst Johannes und wurde selbst schwer krank. Der neue Papst, Paul VI., besuchte ihn am Krankenbett. Er genas, präsidierte das Kapitel der Basilianerinnen, besuchte Sizilien und ergriff am 11. Oktober 1963 auf dem Konzil das Wort.

Noch im Jahre seiner Befreiung begann er mit dem Werk, das ihm am meisten am Herzen lag, und gründete am 8. Dezember 1963 in Rom die Ukrainische Katholische Universität. Von Anfang an wurde festgelegt, diese in die Ukraine zu verlegen, sobald dort die Religionsfreiheit wieder herrschen würde. Im darauffolgenden Jahr 1964 erwarb er beim Albano-See ein Kloster für seine Studiten-Mönche und hatte die Freude, diese Gemeinschaft am 8. Januar 1965 Papst Paul VI. vorstellen zu dürfen.

“Schon längst Kardinal”

Einige Wochen später, am 25. Januar 1965, kreierte Papst Paul 27 neue Kardinäle, darunter auch Metropolit Slipyj. Zunächst wurden die Namen der orientalischen Patriarchen, sofort danach Kardinal Slipyj genannt. Kardinal Gustavo Testa (1886 – 1969) sagte ihm: “Sie sind schon längst Kardinal in pectore von Papst Johannes!” und bestätigte damit die Vermutung, dass er einer der drei Kardinäle gewesen sei, deren Namen von Papst Johannes XXIII. im Konsistorium vom 28. März 1960 nicht erwähnt wurden. Der neue Kardinal fragte Msgr. Loris Capovilla (geb. 1915), den Privatsekretär des Papstes, warum er ihn nicht darüber unterrichtet habe. “Weil ich dafür keine Erlaubnis hatte”, lautete die Antwort. Aber Kardinal Testa hatte das Geheimnis liebenswürdigerweise ausgeplaudert.

Zu Kardinal Slipyjs großen Werken im Exil gehört auch der Bau der Kathedrale der Heiligen Weisheit in der Via Boccea in Rom. Dieser Sobor – eine Kirche, wohin an bestimmten Festen das Volk von fern und nah zur Wallfahrt kommt – wurde nach den Anweisungen des Kardinals in den Jahren 1967 bis 1969 erbaut. Sie ist eine Replik der Weisheitskirche in Kiew und wurde am 27. September 1969 konsekriert. Tags darauf beschenkte Paul VI. sie mit den Reliquien des Hl. Papstes Klemens. Der Sobor war fortan der geistliche Mittelpunkt für alle ukrainischen Katholiken in der ganzen Welt. In seinem Testament hat Kardinal Slipyj die Kathedrale mit besonderen Empfehlungen seinem Volk anvertraut.

Vater seiner Kirche

In der Geschichte des römischen Exils Slipyjs gibt es drei andere Grundzüge: Seine Besorgtheit für alle Kirchen des ukrainischen Ritus; sein Verdruss über die Weigerung, den patriarchalen Charakter seiner Kirche anzuerkennen; und seine unermüdliche Verteidigung der Opfer kommunistischer Verfolgung.

Es war ihm nicht vergönnt, in seine geliebte Ukraine zurückzukehren, aber er konnte – obwohl nicht ohne Hindernisse – durch wiederholte Pastoralreisen sein ukrainisches Volk in der Verbannung besuchen. 1968 reiste er zu seinen Landsleuten in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland. In den folgenden Jahren besuchte er Deutschland, Spanien, England, Frankreich und Österreich. In Lourdes wiederholte er gerührt die letzten Worte der Sterbenden in den Sowjetlagern: “Mutter, hörst Du mich?” Seine letzte Pastoralreise brachte ihn 1976 nach Kanada, die Vereinigten Staaten, Holland und erneut nach Deutschland.

Die Streitfrage über das Patriarchat war die größte Prüfung seines Exils. Er unterschrieb zwar sein Testament als “demütiger Josyf, Patriarch und Kardinal”, aber aus Gründen, die er für weltlich und unwürdig hielt, wurde das nicht anerkannt. Bald nach seiner wiedergewonnenen Freiheit schrieb er im August 1963 an Papst Paul VI. und bat ihn um die Anerkennung des Patriarchats. Am 11. Oktober des gleichen Jahres reichte er ein ähnliches Gesuch beim Vatikanischen Konzil ein. Mit Nachdruck verteidigte er seine Überzeugung, dies sei das einzige Mittel, die Einheit und den Fortbestand seiner Kirche zu sichern.

Papst Paul VI. kam ihm entgegen, indem er ihn als Großerzbischof anerkannte. Dieser alte Titel des Metropoliten von Kiew verleiht Rechte, die jenen der Patriarchen orientalischer Kirchen entsprechen. Im Jahre 1980 erweiterte Papst Johannes Paul II. diese Rechte, und 1982 schrieb Kardinal Slipyj als letztes Plädoyer für den patriarchalen Status sein eindrucksvolles “pro Memoria”. Aber er starb, ohne sein Ziel erreicht zu haben, in tiefem Gram über die Zwietracht, die deswegen unter seiner Herde gesät worden war.

Was das Vaterherz des Patriarchen am meisten bewegte, war das Leiden seiner verfolgten Gläubigen und aller, die unter dem kommunistischen Joch seufzten. Er schrieb sowohl an die Vereinten Nationen, wie auch an US-Präsident Jimmy Carter und plädierte auf Synoden und Bischofskonferenzen unermüdlich für die Rechte seines Volkes. In ergreifender Weise sagte er, 85-jährig, vor dem Sacharow-Tribunal in Rom aus: “Ich stehe aus zwei Gründen vor euch: heute wird hier über die Glaubensverfolgung in der Sowjetunion und in meiner ukrainischen Heimat gesprochen. Die Kirche, deren Haupt und Vater ich bin, ist ein Opfer dieser Verfolgung. Wo über meine Kirche gesprochen wird, muss ich zugegen sein, um sie zu verteidigen. Der zweite Grund ist, dass ich der ’Verurteilte’ bin. Ich bin der lebendige Beweis dieses berüchtigten Archipels, wie ein anderer ’Verurteilter’, Solshenitsyn ihn genannt hat. Und ich trage die Narben des Terrors an meinem Körper.”

Die Stimme solcher Zeugen wurde in dem weit von den Sowjetlagern entfernten Westen leider von wohlhabenden Menschen übertönt, die trotz siebzig Jahren andauernder Gegenbeweise vor dem Leiden und Tod unzähliger Scharen von Gläubigen blind blieben und dachten, dass das Volk Gottes mit marxistischen Atheisten zu einer Verständigung kommen könnte.

“Zeuge heroischer Treue”

Der Kardinal starb an einer Lungenentzündung am 7. September 1984 im Alter von 92 Jahren. Am 17. Oktober 1984 zelebrierte Papst Johannes Paul II. in St. Peter das Heilige Opfer für die Seelenruhe von Kardinal Slipyj. In seinem Abschiedswort nannte er den Verstorbenen, einen Mann, der “immer in Christus die Kraft gefunden (hat), ein Mann unbeugsamen Glaubens, ein Hirte festen Mutes, ein Zeuge heroischer Treue, eine kirchliche Persönlichkeit ersten Ranges zu sein. Nie werden wir die Lehre vergessen können, die er uns mit seinem ganzen Leben gegeben hat. (…) Das Beispiel seines Lebens ist eine Botschaft, die uns und der ganzen Kirche dienen kann (…) eine Botschaft, womit er uns zu einem kraftvollen Glauben an Jesus auffordert: zu einem Glauben, der imstande ist zu leiden, der aber nicht wankt, denn er ist seines Lohnes im Himmel gewiss.”4

___
4
http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/homilies/1984/documents/hf_jp-ii_hom_19841017_suffragiocardinale-slipyi_it.html (Stand: August 2009).

_______

Quelle

UKRAINE: WICHTIG, AUCH JETZT NOCH DAVON ZU ERFAHREN

20110912_bdt_ukr_gk-kirche_jo

SCHREIBEN VON BENEDIKT XVI.
AN KARD. LUBOMYR HUSAR,
GROSSERZBISCHOF VON KIEW-HALIČ (UKRAINE)

800px-Lubomyr_HusarHerrn Kardinal Lubomyr HUSAR,
Großerzbischof von Kiew-Halič

»Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen« (Joh 7,37–38). Diese Worte des Herrn klingen in meinem Herzen wider, wenn ich an die griechisch-katholische Kirche der Ukraine denke, die sich anschickt, der traurigen Ereignisse zu gedenken, deren Zeuge Anfang März vor 60 Jahren die St. Georgskathedrale in Lemberg war. Obwohl sie von einem ideologischen und unmenschlichen Staatsapparat verfolgt, unterdrückt und ihrer Hirten beraubt wurden, waren die Christgläubigen der Ukraine dem geistlichen Erbe von Olga und Wladimir treu geblieben, nachdem sich gezeigt hatte, daß die von ihnen empfangene Taufe ein »entscheidendes Element« war »für jenen zivilen und menschlichen Fortschritt, der für die Existenz und die Entwicklung jeder Nation und jedes Staates von sehr großer Bedeutung ist«, wie der geliebte Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben Euntes in mundum (Nr. 5) ausführte. Leider hatte in jenen traurigen Tagen im März 1946 eine zu einer Pseudosynode versammelte Gruppe von Kirchenleuten, die sich das Recht anmaßte, die gesamte Kirche zu vertreten, die kirchliche Einheit schwer angegriffen. Danach nahm das gewaltsame Vorgehen gegen alle zu, die treu an der Einheit mit dem Bischof von Rom festhielten, was weitere Leiden verursachte und die Kirche zwang, wieder in die Katakomben hinabzusteigen. Aber selbst unter unsäglichen Prüfungen und Leiden ließ die göttliche Vorsehung das Verschwinden einer Gemeinschaft nicht zu, die jahrhundertelang als legitimer und lebendiger Teil der Identität des ukrainischen Volkes betrachtet worden war. So gab die griechisch-katholische Kirche weiterhin Zeugnis von der Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität der Kirche Christi.

Die Erinnerung an das, was vor 60 Jahren geschah, muß für die Gemeinde, die der pastoralen Sorge der neu organisierten griechisch-katholischen Hierarchie in der Ukraine anvertraut ist, zum Anstoß werden, ihre persönliche und überzeugte Verbundenheit mit dem Nachfolger Petri zu vertiefen. Aus jener durch die Verfolgungen gereinigten Kirche sind nicht nur für die katholischen Ukrainer, sondern für die katholische Kirche in der ganzen Welt Ströme lebendigen Wassers geflossen. Auf dem geduldigen Weg eines Tag für Tag gelebten Glaubens, in der Gemeinschaft mit den Nachfolgern der Apostel, deren sichtbare Einheit durch den Nachfolger Petri verbürgt ist, ist es der katholischen Gemeinde der Ukraine gelungen, die heilige Tradition unversehrt am Leben zu erhalten. Damit dieses kostbare Erbe der »Paradosis« in seinem ganzen Reichtum weiterbestehen kann, ist es wichtig, das Vorhandensein der zwei großen Strömungen – der lateinischen und der orientalischen – innerhalb der einen Tradition sicherzustellen, beide in der Vielfalt historischer Ausprägungen, denen die Ukraine Ausdruck zu verleihen wußte. Der in voller Gemeinschaft mit Petrus lebenden griechisch- katholischen Kirche ist eine zweifache Sendung anvertraut: Sie hat einerseits die Aufgabe, in der katholischen Kirche die östliche Tradition sichtbar zu bewahren, und andererseits, die Begegnung der Traditionen dadurch zu fördern, daß sie nicht nur ihre Vereinbarkeit, sondern auch ihre tiefe Einheit in der Verschiedenheit bezeugt.

Ehrwürdiger Bruder, ich bete darum, daß dieser Jahrestag, wie es der verehrte Johannes Paul II. im Apostolischen Schreiben zur Vierhundertjahrfeier der Union von Brest formuliert hat, »flehentliches Bitten« werde »an den Geist, den Beistand, damit er alles wachsen lasse, was der Einheit förderlich ist, und allen Mut und Kraft schenke, die sich gemäß den Weisungen des Konzilsdekretes Unitatis redintegratio um dieses von Gott gesegnete Werk bemühen. Es ist inständiges Bitten darum, die brüderliche Liebe, die Vergebung für die im Laufe der Geschichte erlittenen Verletzungen und Ungerechtigkeiten zu erlangen« (Nr. 11; in: O.R. dt., Nr. 50, 15.12.1995, S. 10). Ich schließe mich im Geiste jener Danksagung an, die im Bewußtsein der gemeinsamen Sendung, dem Gebot Christi zu gehorchen, gefeiert wird: »Ut unum sint«. Ich rufe Maria, die »Theotokos«, und die vielen Märtyrer an, die das Angesicht eurer Gemeinden schmücken, und erteile Ihnen, Herr Kardinal, den Bischöfen, den Priestern, den Ordensleuten und den Gläubigen der griechischkatholischen Kirche der Ukraine als Zeichen meiner beständigen Zuneigung und meines Gedenkens von Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 22. Februar 2006, Fest Kathedra Petri.

BENEDICTUS PP. XVI

_______

Quelle