Bischof Oster: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann“

Mgr. Stefan Oster / Pressestelle Bistum Passau – Pbp

Augsburg: Priester- und Diakonetag zu „Berufung“

Der Passauer Bischof Dr. Stefan Oster SDB hat heute in der Basilika St. Ulrich und Afra an den Inhalt und die Mitte unseres Glaubens erinnert: „Nicht etwas, sondern jemand, nämlich unser Herr Jesus Christus“, betonte Bischof Oster. Ihn in unserem Leben wirklich werden zu lassen, sich an Jesus festzumachen, ein Diener Christi zu sein, gebe uns erst die Freiheit Gott und den Nächsten zu lieben. „Nur wenn uns das nahe geht, spüren wir, er ist die Mitte von allem.“ Mit dem feierlichen Pontifikalamt begann der „Tag der Priester und Diakone“ im Rahmen der Ulrichswoche, der sich heuer mit dem Thema „Berufung“ beschäftigte.

Ausgehend von der Frage, wo das Problem liege, dass es gegenwärtig eher weniger als mehr junge Menschen gibt, die eine geistige Berufung in sich spüren, näherte sich Bischof Oster in seinem Vortrag zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungen“ vom christlichen Menschenbild her. Vor rund 100 Priestern und Diakonen beschrieb er die Erfahrung des Seins, die Sinnerfahrung und die Erfahrung einer Christusbeziehung als drei Wege der Berufungsfindung. Diese müssten nicht nacheinander abgelaufen werden, sondern seien meist ineinander verwoben. „Berufung ereignet sich in der konkreten Wirklichkeit.“ Letztlich sei es aber erst durch die Begegnung mit dieser Wirklichkeit möglich, dass die Fähigkeit zur Entscheidung für einen bestimmten Berufungsweg wachse.

Was verwandelt also den Menschen, darf Christus in mein Leben hineinkommen, fragte Bischof Oster. Seine Antwort: Die Erfahrung von Sinn, Beziehung und Leid. „Menschen entwickeln Leidenschaft für andere Menschen, Geschöpfe, Dinge, Tätigkeiten und Ziele. Sie entdecken, was für sie Sinn und Freude macht und was Erfüllung schenkt.“ Für junge Menschen sei es daher wichtig, das zu entdecken und darin sich selbst, Prioritäten zu setzen und diese zu verändern. Letztlich gewinne aber alles in unserem Leben seinen Sinn durch Christus. Erst die Begegnung und Beziehung mit ihm mache uns liebes- und leidensfähig. „Bei Jesus daheim sein, verwandelt alles andere.“

Warum es dennoch immer weniger gelingt, junge Menschen für Gott und die Nachfolge Christi zu gewinnen, machte der Bischof an mehreren Punkten fest und stellt diese als drängende Herausforderungen für die Zukunft der Kirche heraus. Bischof Oster ermutigte dazu, wieder den ganzen Jesus zu verkündigen und dadurch eine neue Leidenschaft für Christus zu entfachen: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann!“ Dass es um unser Heil gehe und nicht um einen „Humanismus der Nettigkeit“, gelte es aber auch mit Überzeugung zu vertreten, so der Bischof. „Wenn wir einen Jesus verkünden, der Wellness lehrt, dann werden wir irrelevant“. In der Nachfolge Christi zu leben, bedeute nämlich, sich die Jüngerschaft zum Lebensthema zu machen. Nur wenn wir im, mit und vom Herrn lernen, könnten wir ihn auch lieben. „Das ist unsere Herausforderung“, wandte er sich an die Priester und Diakone, die er gleichermaßen zu echtem, intensivem treuem geistlichem Leben bestärkte: „Wir sind berufen, Gott zu lieben, weil er so großartig ist, und müssen die Sehnsucht nach ihm wecken.“

Bestätigung erhielten seine Aussagen im anschließenden Podiumsgespräch, das Schwester Dr. Theresia Mende OP vom Institut für Neuevangelisierung moderierte.  Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass es das gute Beispiel und Vorbild von authentischen Priesterpersönlichkeiten war, das in jungen Menschen heute noch die Sehnsucht nach einem Leben in der Nachfolge Christi wecken kann.

Vor der Pontifikalvesper mit Bischof Dr. Konrad Zdarsa in der Ulrichsbasilika hatten die Priester und Diakone in sechs Gesprächsrunden die Möglichkeit, sich über Themen der Berufungspastoral auszutauschen. Dabei stand die Frage „Kann man Berufungen machen?“ ebenso im Raum wie die kirchliche Jugendarbeit als Quelle für Berufungen, die Berufungspastoral aus der Sicht von Papst Franziskus, die geistliche Begleitung von jungen Priestern und die Erfahrungen von Anbetungsinitiativen.

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 10.07.2017)

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Quelle

D: Bischof Oster lobt und kritisiert Jugendverbände

Lob und Tadel: Jugendbischof Stefan Oster

Jugendbischof Stefan Oster fordert von den kirchlichen Jugendverbänden, die Gottes- und Glaubensfrage stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Die Verbände gäben sich teils mit einer „Lightversion des Evangeliums“ zufrieden, sagte Oster am Freitag bei der Hauptversammlung des Bundes der Katholischen Jugend (BDKJ) im bergischen Odenthal-Altenberg. Oster lobte das sozialpolitische Engagement der Verbände etwa für Flüchtlinge und dankte ihnen für die demokratische Beteiligungskultur. Kritik übte er aber an dem BDKJ-Positionspapier „Theologie der Verbände“, in dem Jesus „zu einer Karikatur“ verkommen sei. Er sei nicht „so ein Netter“, der die unterschiedlichen Wege, mit ihm zu leben, einfach bestätige. Vielmehr sei Jesus die „größte Herausforderung“ seit Menschengedenken.

Die Verbände hätten nach den Worten Osters vergessen, Jesus als denjenigen zu verkündigen, der den Einzelnen zu einer dramatischen persönlichen Entscheidung herausfordere und rette. Aus der Entscheidung für Jesus folge alles andere wie etwa gesellschaftliches Engagement. Als positives Beispiel nannte Oster die katholische Jugendorganisation Loretto Gemeinschaft in Österreich: Sie vertrete diese Botschaft beispielhaft.

Oster appellierte an die Verbände, gegen Abtreibungen aufzustehen. 90 Prozent der Embryonen mit Down Syndrom würden abgetrieben. Zudem rief er dazu auf, sich mehr mit dem Islam auseinanderzusetzen. Neben Wertschätzung müsse es auch kritische Anfragen an manche Erscheinungsformen geben. Auch sollten sich die Verbände für ein Familienrecht stark machen, bei dem Eltern für sich selbst und für ihre Kinder abstimmen können.

(kap 12.05.2017 gs)

Eine Regel kann es nicht geben

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Bischof Stefan Oster:
Kommunion wird für Wiederverheiratete eine Ausnahme bleiben

Passau (DT/KNA) Der Passauer Bischof Stefan Oster geht davon aus, dass der Sakramentenempfang für wiederverheiratete geschiedene Katholiken auch künftig nicht die Regel, sondern Ausnahme bleiben wird. Papst Franziskus habe in seinem Schreiben „Amoris laetitia“ einen „anspruchsvollen Weg“ vorgezeichnet, sagte Oster am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur in Passau. „Die Priester haben die Aufgabe, die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten“, zitierte Oster aus dem Schreiben. Der Passauer Bischof fügte hinzu, die Beichte sei der geeignete Weg, sich in rechter Weise für den Kommunionempfang zu disponieren. Dabei komme es dem Priester zu, die Lossprechung von den Sünden zu erteilen, „sofern der Beichtende diese bekennt und bereut“. Das heiße aber auch, dass es „keinen automatischen Anspruch auf die Absolution“ gebe. Ein Seelsorger könne nach einem längeren Prozess des Begleitens auch zum Ergebnis kommen, dass ein Empfang der Sakramente nicht möglich sei.

„Echte Unterscheidung sucht nach einem Ergebnis und setzt es nicht schon voraus“, betonte Oster. Er hoffe aber, dass der Priester mit dem betroffenen Gläubigen gemeinsam zum Ergebnis finde. Der Bischof räumte ein, dass „jetzt schon nicht so selten“ betroffene Katholiken in eigener Verantwortung die Kommunion empfingen. Dies könne aber nach Lehre der Kirche und „einem strengen Wort des Apostels Paulus“ bei fehlender Disposition schädlich für den Empfänger sein. Es sei auch Aufgabe der Verkündigung und Begleitung, diesen Schaden für den Gläubigen nach Möglichkeit zu verhindern. Außerdem habe die Kirche die Verantwortung, „die Glaubenswahrheiten über die Sakramente Ehe und Eucharistie nicht zu verdunkeln“.

Oster hatte sich bereits am 20. Juli 2016, vier Monate nach Veröffentlichung von „Amoris laetitia“, schriftlich mit „Orientierungslinien“ an die Seelsorger seines Bistums gewandt. „Verbindliche, allgemeine Vorgaben für die seelsorgliche Praxis der Begleitung des Einzelfalls könne es jedoch nicht geben, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. „Jeder Fall zeigt sich anders.“ Im Nachgang zu seinem Schreiben findet sich ein vom Passauer Offizial Claus Bittner formulierter Katalog mit Fragen. Sie sollen der Gewissenserforschung von Personen dienen, die „in irregulären Verhältnissen“ leben und in der Begleitung durch einen Priester die Zulassung zur Kommunion erbitten. Dabei geht es unter anderem um die Umstände, die zum Scheitern der Erst-Ehe geführt haben und wie die Verantwortung gegenüber dem früheren Partner und eventuell gemeinsamen Kindern wahrgenommen wird.

Der Bittsteller soll sich außerdem fragen, was er mit seinem aktuellen Partner tut, „um neuen Brüchen und Problemen vorzubeugen“, und ob er Verzeihung und Barmherzigkeit leben könne, „die er selbst für sich von der Kirche erbittet“.

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Quelle (Die Tagespost – 10. Februar 2017)

Bischofssynode 2018: Vorbereitungsdokument vorgestellt

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Bischofssynode 2015 / CCEW – Mazur, CC BY-NC-SA

Bischof Genn und Bischof Oster:
„Jeder junge Mensch ist zur Fülle der Freude in Christus berufen!“

Im Vatikan ist heute das Vorbereitungsdokument zur Bischofssynode 2018 vorgestellt worden. Sie steht unter dem Leitwort „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“. In einer ersten Stellungnahme erklären der Vorsitzende der Kommission für Geistliche Berufe und kirchliche Dienste, Bischof Dr. Felix Genn (Münster), und der Vorsitzende der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Stefan Oster (Passau): 

„Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15,11): Das ist der Plan Gottes für die Frauen und Männer jeden Zeitalters und daher auch für alle Jugendlichen des dritten Jahrtausends – ohne Ausnahme. So heißt es in der Einleitung zum Dokument, das der Synode „Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsentscheidung“ vorangeht. Damit wird der synodale Weg eröffnet, die Freude der Liebe Jesu Christi als Plan für die Jugend im dritten Jahrtausend zu entdecken. Das Dokument geht vielfach von den Jugendlichen selbst aus und beschreibt eine Kirche, die sie auf ihrem Entscheidungs- und Unterscheidungsweg zur Fülle des Lebens begleitet. Mit großer Freude wollen wir uns diesem Weg in der Berufungs- und Jugendpastoral in Deutschland anschließen. Der besondere Blick dieser Synode geht nicht nur auf die Jugend in der Welt von heute, sondern er kommt von den Jugendlichen her. Die Kirche soll durch diesen Blick „die Stimme des Herrn vernehmen, der auch heute noch spricht. Wie früher Samuel und Jeremia, so gibt es auch heute Jugendliche, die in der Lage sind, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die der Geist uns schenkt“.

Das Dokument beginnt im ersten Teil mit einer knappen Beschreibung der „Jugendlichen in der Welt von heute“. Die Schnelligkeit der Prozesse und des Wandels, die Globalisierung, die von der Technik beherrschte Kultur und die Multireligiosität werden als Herausforderungen der Gegenwart benannt. Junge Menschen sind vielfach kritisch gegenüber Institutionen, dennoch sehnen sie sich nach festen Bezugspersonen und sind bereit, Verantwortung in Kirche und Gesellschaft zu übernehmen.

Der zweite Teil befasst sich mit dem Prozess der Berufungsfindung junger Menschen. Die Quelle für eine Entscheidung stellt dabei der Dialog mit Gott dar. Dem eigenen Gewissen kommt eine besondere Bedeutung zu. Zur Unterscheidung schlägt das Dokument den Dreischritt Erkennen, Interpretieren und Wählen vor. Die Kirche hat den Auftrag, auf diesem Weg die Jugendlichen mit Gott und zu Gott zu begleiten und an dieser Freude mitzuarbeiten. Erkennbar ist, dass Papst Franziskus diesen Weg der Kirche, wie schon in den Dokumenten Amoris laetitia und Evangelii gaudium, als einen Weg beschreibt, der froh macht und Freude schenken soll.

Der letzte große Abschnitt blickt auf die konkrete Pastoral vor Ort. Zunächst ist es dabei Aufgabe der Kirche, in mutiger Kreativität zu jungen Menschen hinauszugehen, sie zu sehen und sie zu rufen, sodass junge Menschen der Freude des Evangeliums begegnen können. Durch glaubwürdige Bezugspersonen und einladende Räume kann die Kirche Jugendlichen helfen, in der Entscheidungs- und Unterscheidungsfähigkeit im Licht des Evangeliums zu wachsen.

Den Abschluss des Dokumentes bildet ein Fragebogen zur Situation der Jugendpastoral in den einzelnen Ländern. Die große Überraschung aber erwartet einen direkt zu Beginn: Erstmals in der über 50-jährigen Geschichte der Bischofssynode wird sich der Vatikan mit einer Online-Umfrage direkt an junge Menschen wenden.

„Wir rufen – gerade die junge Generation – in unserem Land auf, sich daran zu beteiligen. Papst Franziskus wendet Euch sein Ohr zu. Nutzt diese Chance! Erhebt Eure prophetische Stimme und bringt Euch in die Kirche ein! Erfahrt die Freude, die Christus jedem Menschen im Evangelium schenkt!“

Wir hoffen sehr, dass wir auch für die westliche Kirche neue Wege finden und nicht einfach in plakativen Antworten und Forderungen stecken bleiben. Die Synode soll ein gemeinsamer Weg sein, die Freude der verschiedenen Berufungen und die Freude des Glaubens zu entdecken.

Hinweise:

Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz wird sich mit dem Dokument und dem Fragebogen befassen.

Auf der Internetseite des Vatikans sind das Synodendokument und der Fragebogen verfügbar. Jugendliche sind aufgerufen, sich bis Oktober 2017 im Internet direkt an der Umfrage zu beteiligen. Die Seite www.sinodogiovani2018.va soll laut dem Generalsekretär der Bischofssynode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, am 1. März 2017 freigeschaltet werden.

(Quelle: Pressemitteilung der DBK)

Der Weg in die Fremde verändert mein Leben

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Bischof Stefan Oster SDB

Predigt am Hochfest Erscheinung des Herrn im Dom zu Passau

 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

in den letzten Jahren gibt es immer mehr junge Menschen, die meist nach dem Schulabschluss ein soziales Jahr oder ein so genanntes Volontariat im Ausland machen. Auch meine Ordensgemeinschaft, die Salesianer Don Boscos, bieten solche Möglichkeiten in den vielen Projekten, die der Orden weltweit unterhält. Und die erstaunliche Erfahrung ist oftmals diese: Wenn es den jungen Leuten gelingt, sich wirklich auf Land und Leute und auf die jeweilige Arbeit offen einzulassen, dann kommen sie meistens erstaunlich verändert zurück, reifer, erfahrener, mit einem klareren Blick auf die Welt und auf sich selbst. Häufig durfte ich erleben, dass so ein Jahr mehr an innerer Veränderung bewirkt als viele Jahre davor und danach. Warum ist das so?

IN DER VERTRAUTEN WELT BIN ICH WENIGER MIT MIR SELBST KONFRONTIERT

Nun, jeder von uns ist einigermaßen vertraut mit der Welt in der er hier lebt. Er gibt sich sprechend und handelnd in diese Welt hinein. Und die vertraute Welt und die anderen Menschen antworten. Man bekommt in der Regel Reaktionen zurück, die man erwartet, die man kennt und erlernt hat. In der vertrauten Umgebung sind Sie deshalb auch mit sich selbst vertraut. Die anderen Menschen, die Umwelt reagiert auf Ihr Handeln in einer erwartbaren Weise, die Sie oft schon kennen oder vorausahnen. Das heißt, Sie werden in einer vertrauten Welt meist sehr viel weniger mit sich selbst konfrontiert. Sie lernen dann oft auch weniger über sich selbst.

DIE FREMDE WELT BRINGT AUCH IN MIR NEUES, MANCHMAL FREMDES HERVOR

Aber in einer fremden Welt, mit fremden Menschen, fremden Sitten und Gebräuchen, fremder Sprache, da kommen auf Ihr Dasein und Sprechen und Handeln andere Reaktionen zurück, solche, die Sie nicht erwarten. Solche, die Sie nicht antizipieren können. Das bedeutet, Sie lernen in einer fremden Welt auch sich selbst und Ihre Reaktionen und Ihr Vermögen, damit umzugehen, noch einmal ganz neu kennen. Und damit lernen Sie oft neu und tiefer etwas über sich selbst. Sie sind freilich auch verletzbarer, schutzloser, weniger kontrolliert. Das heißt, das Hinausgehen in die Fremde ist auch ein Risiko: Wer weiß, was Ihnen da alles widerfährt, was Sie nicht absehen können? Aber wenn Sie trotzdem einigermaßen offen bleiben, werden Sie sich selbst ganz neu entdecken, neue Seiten an sich, neue Eigenschaften, auch neue Verletzbarkeiten, neue Höhen und Tiefen.

ES GIBT AUCH RISIKOMINIMIERER

Freilich, es gibt auch die Risikominimierer. Menschen, die zum Beispiel auf Reisen gehen, und trotzdem nur dorthin gehen, wo sie das Vertraute treffen können, also in gewisser Weise verlässlich auch nur sich selbst. Sie gehen dann auch im Ausland zum Beispiel nur dorthin, wo sie ein Wiener Schnitzel und ein Bayerisches Weißbier bekommen, oder wo es auch ein McDonalds gibt, oder sie umgeben sich wieder nur mit Landsleuten und ähnliches. Solche Menschen werden dann auch beim Gehen in die Fremde kaum wachsen und reifen. Sie bleiben innerlich irgendwie stehen. Es gibt ein Wort des berühmten Philosophen Hegel, das das Phänomen erklären kann. Hegel sagt: Fortgang ist Rückgang in den eigenen Grund. Was bedeutet das? Es bedeutet: Die Begegnung mit der Fremde oder dem Fremden zeigt auch, dass es tiefer in mir Seiten gibt, Potentiale, die mir auch noch fremd sind, die ich aber entdecken kann, weil sie zu mir gehören, an denen ich wachsen kann.

KANN ICH DURCH DIE BEGEGNUNG MIT DEM ANDEREN GANZ NEU WERDEN?

Und wenn das richtig ist, ist die Frage, die sich mir stellt: Kann es eine Begegnung mit dem Fremden geben, ein Hinausgehen, das mir so tief geht, so nahe geht, dass ich wirklich neu werde? So, dass Reifung und Veränderung nicht nur die eine oder andere neue Eigenschaft hervorbringt, sondern so, dass ich spüre, der Grund meines Seins hat sich verändert, der Sinn meines Daseins ist neu geworden. Ich bin vielleicht äußerlich derselbe, aber nun gehe ich innerlich einen anderen Weg, mein Leben hat einen anderen, tieferen Sinn bekommen. Ich bin wie neu geboren?

DIE ERFAHRUNG DER STERNDEUTER

Liebe Schwestern, liebe Brüder, als Antwort auf diese Frage kann man nun die Geschichte der drei Sterndeuter lesen, die uns heute die Liturgie schenkt. Da sind gelehrte, weise Männer, die offensichtlich in der Lage sind, die Zeichen der Natur zu lesen, die Sterne zu lesen. Und sie sind auf der Suche nach dem Sinn, dem Sinn des Ganzen. Sie sehen ein neues, gewaltiges Naturphänomen am Himmel und sie kennen womöglich die heiligen Bücher des jüdischen Volkes, in denen ein neuer König verheißen wird, auf dem Thron Davids. Und sie halten es für möglich, dass sie in ihm einen finden, der der Welt Frieden schenkt und Heil und sie bringen den Stern mit dieser Verheißung in Verbindung. Sie ziehen los, gehen nach Jerusalem und gehen zunächst dort in eine immer noch vertraute Vorstellung hinein: Wenn ein König geboren wird, dann geht man zuerst in den Königspalast, dort wo es Macht gibt und Pracht. Sie gehen also zu Herodes, aber sie spüren mit ihrem offenen Herzen: Das kann es wohl nicht sein. Sie erfahren freilich von den Schriftgelehrten des Herodes den Namen Betlehem und sehen plötzlich den Stern wieder. Sie folgen dem äußeren Stern, der aber tief mit dem Leuchten und Brennen ihrer inneren Sehnsucht korrespondiert. Und tatsächlich: der Stern führt sie nach Betlehem zu Maria, zu Josef und ihrem Kind. Und wenn sie vorher im Königspalast einen korrupten, machtgierigen und mörderischen König getroffen haben, so entdecken sie jetzt in diesem armen Stall, in dieser erbärmlichen Umgebung ein Königtum, das sie nie erwartet hatten. Mitten in der Armut dieser Menschen leuchtet ihnen ein ungeahnter, unfasslicher Reichtum auf: Sie spüren königliche Seelen, menschliche Klarheit und Schönheit, Demut und Liebe, wie sie es nie zuvor gekannt haben. Und sie spüren, dass das Kind der Stern ist, den sie gesucht haben. Der Sinn für ihr Leben, die Richtung für ihr Leben, die Tiefe geht ihnen auf in einem Baby, vor dem sie anbetend niederfallen. In diesem königlichen Kind erfüllt sich jetzt schon die uralte Verheißung der Schriften, dass alle Völker in Israel werden einen König finden können. Einen, der für die ganze Menschheitsfamilie Sinn bringt, einen Stern, der die Richtung nach Hause weist, einen Frieden, der nicht von Menschen gemacht ist.

SIE ZOGEN AUF EINEM ANDEREN WEG ZURÜCK

Und am Ende der heutigen Erzählung heißt es schließlich: Sie zogen auf einem anderen Weg heim in ihr Land. Sie gehen nicht zurück zu Herodes, sie suchen nicht mehr Macht und Reichtum. Sie gehen einen anderen Weg und sie sind auch anders geworden.

ES IST DIE GESCHICHTE VON UNS ALLEN

Liebe Schwestern, liebe Brüder, hier in dieser Erzählung kommen wir alle vor. Die allermeisten von uns entstammen nicht dem jüdischen Volk, wie die Sterndeuter auch nicht. Auch wir kommen von überall her, wir sind ursprünglich Heiden. Und wir sind bildlich gesprochen alle zur Krippe hingezogen. Und wir sind von dort als Getaufte wieder weg gezogen. Und jetzt geht es um die Frage: Wenn wir jedes Jahr Weihnachten feiern, geht uns dann noch etwas auf von dem Geheimnis unserer Taufe auf den Namen des Kindes? Gehen wir von der Krippe als neue, als weihnachtliche Menschen wieder weg, einen anderen Weg als wir gekommen sind? Geht uns noch manchmal auf, dass das Kind in der Krippe eigentlich ein Kind ist, das uns aus dem Vertrauten ziemlich radikal weg führt? Ahnen wir, dass das Kind uns aus der Behaglichkeit dieses Festes in eine Fremde führt, die auch ganz anders ist als das, was wir durchschnittlich vom Leben erwarten? Denn das Kind steht nicht für die beständige Suche nach Anerkennung, nach Lusterfüllung, nach Sicherheit, nach Macht und materiellem Wohlstand. Das Kind sagt uns vielmehr: In alledem, was Dir hier in Deinem Wohlstandsland so vertraut ist, was Du so selbstverständlich genießt, in alledem liegt nicht Dein Heil. Das Kind wird uns später in seinem Leben eine Bergpredigt halten, in der zuallererst die glücklich gepriesen werden, die arm sind vor Gott, die die lieben und Mitleid haben, die friedfertig und reinen Herzens sind, sogar die, die um des Kindes willen verfolgt werden.

JESUS IST DER GANZ NAHE – UND DOCH AUCH DER GANZ ANDERE

Erkennen wir also noch, Schwestern und Brüder, dass der Weg zu Jesus auch ein Weg in die Fremde ist? So sehr, dass dieser Weg, diese Begegnung uns dann auch tatsächlich tiefer in den eigenen Grund zurück führen kann, so sehr, dass wir spüren können: Wenn wir bei Ihm wirklich ankommen, wenn wir uns vom Geheimnis von Weihnachten wirklich berühren lassen, wenn wir das Geheimnis unserer Taufe auf den Namen Jesu wirklich anfangen zu leben, dann kehren wir auf einem anderen Weg nach Hause zurück. Denn dann wird er selbst für uns der Weg, der Weg, die Wahrheit und das Leben – und er wird selbst der, der uns heimführt zum Vater.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus ist der Stern – und je weiter wir zu Ihm in den Stall hinausgehen, in diese fremde, armselige und doch so reiche Gegenwart, desto tiefer finden wir in den eigenen Grund zurück. Dorthin, wo der tiefste Sinn unseres Lebens aufleuchtet. Und so bitten wir den Herrn: Möge die Gnade, die von diesem weihnachtlichen Geheimnis ausgeht, immer wieder unser Herz öffnen und uns über das bloß Vertraute hinausführen. Mögen wir berührt werden davon, dass hier ein verborgener Stern am Grund unserer Seele aufleuchtet, in dem nichts weniger enthalten ist als der Sinn der Welt und der Sinn meines und Deines Lebens. Amen.

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Quelle

Über das Evangelium vom Reich Gottes

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Gottes Größe und menschliche Erlösungsbedürftigkeit: Die Wiederentdeckung der Beichte setzt eine Erneuerung der Verkündigung voraus.

Von Bischof Stefan Oster SDB

Das Beichtsakrament erlebt seit Jahren einen kontinuierlichen Niedergang. Zumindest quantitativ ist dies den allermeisten bewusst. Aber der Befund ist aufs Ganze auch für die Qualität des geistlichen Lebens der Kirche dramatisch. Ein ehrlicher und schonungsloser Blick auf die Ursachen für diesen Befund wird uns freilich auch helfen, Wege zur Erneuerung des geistlichen Lebens zu entdecken.

Vordergründig betrachtet geht es bei der Beichte vor allem um ein Sündenbekenntnis, das weiß jeder Katholik. Aber längst nicht mehr jeder weiß, was Sünde ist, genauer, wie sich Sünde existenziell in seinem Leben auswirkt – und was er am Ende beichten sollte. Weiterhin weiß aber auch längst nicht mehr jeder Katholik, warum er seine Sünden in Gegenwart eines Priesters bekennen soll; womöglich noch in einer muffeligen, dunklen und engen Kammer. In vielen Gesprächen erzählen mir gestandene, langjährige und oft engagierte Gläubige auch von seltsamen Erfahrungen, die sie vor Jahrzehnten als Kommunionkinder oder Firmlinge im Beichtstuhl hatten – und dass sie deswegen seitdem auch nicht mehr hingehen würden. Andere erzählen, dass sich schon seit Jahren in der Gemeinde die Praxis eines Bußgottesdienstes eingebürgert habe – und das würde ja wohl die Beichte erübrigen; wenngleich auch bei diesen Gottesdienstformen die Zahl der Gläubigen ebenso nicht selten dramatisch abnimmt. Wieder andere verdächtigen Priester generell der Indiskretion, entweder mit unanständigen Fragen im Beichtstuhl selbst oder nach außen – und deswegen würden sie erst gar nicht hingehen. Zudem gibt es wohl auch nicht wenige Gläubige, die untergründig womöglich um einen Restsinn der Beichte für sich wüssten, aber schnell geneigt sind, allerhand Gründe zusammenzusuchen und vorzuschieben, um sich dieses Unangenehme vom Leib halten zu können.

Was aber im Grunde bei der Ursachensuche für die verlorene Beichtpraxis bei den Befragten so gut wie nie zur Sprache kommt, ist das reale Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu Gott selbst. Dass die Beichte ein Geschenk der Barmherzigkeit von Gott selbst ist. Dass er uns immer neu anbietet, vermittels des Sakraments unsere Beziehung zu Ihm zu heilen, zu erneuern, zu vertiefen, ist im Normalfall jenseits des gläubigen Bewusstseins. Und natürlich damit auch die Erfahrung, dass sich das Heilende und Befreiende der Beichte auch real auswirken könnte im Leben des Einzelnen, besonders in seinem geistlichen Leben.

Und dies hat wiederum wohl damit zu tun, dass der „liebe Gott“ von den meisten als irgendwie abstrakt Geglaubter über allem schwebt, alles duldet, alles verzeiht und den Menschen vor allem so liebt, wie er ist – den Menschen in seiner liebenswerten Durchschnittlichkeit, aber auch in seinem alltäglichen Kampf, den er ohnehin zu bestehen hat in Familie und Arbeitswelt. Der Mensch hat genug zu tun, fühlt sich moralisch ganz passabel und der liebe Gott wird schon auf ihn aufpassen. Und um sich als Mensch von heute allzu sehr um Gott zu kümmern, da fehlt jedenfalls die Zeit. Aber das wird Gott eh‘ schon wissen. Also was soll’s.

Ist damit – wenn auch knapp, zugespitzt und sehr verkürzt – ein allgemeines, auch innerkirchlich verbreitetes religiöses Bewusstsein recht beschrieben, dann wird daran zugleich deutlich, was fehlt. Es fehlt ein Bewusstsein von der Größe, der Heiligkeit und Herrlichkeit Gottes, von seiner abgründigen Majestät, von seiner schöpferischen Macht, von seiner radikalen Unverfügbarkeit. Gott ist in einem dramatischen Sinn der ganz Andere, der dem Menschen Ehrfurcht gebietet, dem der Mensch Gehorsam schuldet und dem gegenüber er anbetend in die Knie fällt. Zugleich mit diesem Bewusstsein schwindet zweitens die christliche Grunderfahrung, dass es eben dieser abgründig majestätische Gott ist, der sich in Christus in einer unauslotbaren Herablassung aus Liebe verschenkt hat, der sich in Christus hat foltern und töten lassen – um den Menschen, und zwar jeden einzelnen, in eine geheilte und versöhnte Beziehung zu Gott als dem über alles barmherzigen Vater zurückzuführen.

Die Dramatik des Kreuzes Christi macht zudem drittens offenbar, wie es tatsächlich um den Menschen bestellt ist, in seiner Not und Erlösungsbedürftigkeit, in seiner Sünde, in seiner Egozentrik und Gottvergessenheit. Es stimmt schon, Gott nimmt den Menschen liebend an – so wie er ist. Aber die Annahme durch Gott soll den Menschen ja gerade in die Lage versetzen, nicht bleiben zu müssen, wie er ist, sondern sich von dieser Liebe verwandeln zu lassen in ein Kind Gottes, in eine neue Schöpfung, in einen neuen Menschen, der real in Kopf und Herz weiß und vertrauen kann, wer sein Vater ist – und der als Kind Gottes auch neu weiß, wer die Gemeinschaft der Gotteskinder ist, zu der er gehören darf – die Gemeinschaft der Kirche. Als Sünder aber bleibe ich draußen, als Sünder bin ich zuerst und vor allem bei mir selbst, der von Gott und der Hingabe an ihn und die Menschen nicht viel wissen will. Als Sünder setze ich selbst die Maßstäbe für das, was in meinem Leben gut, wahr und nützlich ist, als Sünder richte ich mich zuerst einmal nach mir selbst und vielleicht noch nach denen, die das Herrschaftssystem meines Egos stützen. Sünde ist daher beides: der Zustand der Ichverhaftetheit und die daraus folgende sündige Tat, sie ist damit letztlich die strukturelle und konkrete Unfähigkeit, wirklich barmherzig wie Jesus zu lieben und zu vertrauen.

Nun lebt aber jeder Christ, jeder Katholik, in eben dieser Welt von heute, mit all ihren Gaben und Schönheiten, aber auch mit all ihren Herausforderungen, Versuchungen und Kämpfen mit seinem Hin und Her zwischen Ego und Gottes Liebe. Als Glieder der Kirche glauben wir, dass wir in der Eucharistiefeier hinzutreten zu eben dieser gläubigen Gemeinschaft, in der sich immer neu der Himmel öffnet, in der wir das Angenommen-sein durch Christus vom Vater an Kindes statt immer neu dankbar in seiner realen Gegenwart feiern und vollziehen. Wir vergewissern uns dankbar als Einzelne und als Gemeinschaft, zu wem wir eigentlich gehören – um dann eben diese Erfahrung auch in der alltäglichen Lebenswelt durchzutragen, um in Christus bleiben zu können, um seine Gegenwart und die Durchsichtigkeit der Welt auf Ihn hin auch vertrauend bewahren zu können, um in der Beziehung zu ihm zu wachsen und zu reifen. Reich Gottes ist das Reich, in dem Christus regiert in den Herzen der Seinen.

Nun spüren wir gleichzeitig, wenn wir in diesem Licht wirklich ehrlich mit uns sind, wie wenig uns das Bleiben-bei-Ihm gelingt, wir spüren, wie sehr uns andere Dinge in Beschlag nehmen, wie sehr wir uns gefangen nehmen lassen von dem, was vermeintlich wichtiger ist als er. Wir realisieren, wie unsere Egozentrik viel stärker dazu neigt, ein inneres Reich des Ego um mich selbst aufzurichten, als im Königreich Gottes zu dessen König zu gehören und ihm aus Liebe zu gehorchen.

Wenn wir uns dann fragen, wann, wo und wie diese Seite die Oberhand in uns behält, mit ihren Folgen von Neid und Gier und übler Nachrede und Zorn und Geiz und schlechten Gedanken, schlechten Angewohnheiten und Unzucht und Trägheit und so vielem anderen mehr, dann werden die allermeisten wissen, wovon ich rede. Und angesichts dieses Befundes ist es ein völlig unverdientes und unangemessenes Gnadengeschenk, immer neu im Sakrament der Versöhnung alles vor den barmherzigen Vater hinlegen zu können – um durch seine maßlose Vergebungsbereitschaft die Zugehörigkeit zu Ihm und seinem Reich immer wieder neu empfangen und dankbar feiern zu können.

Christen leben aus der Tiefe des Geheimnisses der Zugehörigkeit zu Jesus – und durch ihn zum Vater. Diese Zusicherung Gottes ist niemals einfach nur gedacht, niemals einfach nur ein gläubiger gedanklicher Überbau, Ausgeburt unseres Kopfes. Sie ist im Laufe eines Weges mit Jesus immer neu real erfahrbar, sie wird tiefer und fester. Eine davon geprägte Glaubenshaltung wird nach und nach gewahr, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns in der Versöhnung durch Christus geschenkt hat. Und der so berührte Mensch drängt von selbst immer neu zu dieser Versöhnung hin, zur Versöhnung, die immer neu Heimkehr bedeutet, Rückkehr in das „Land der Ruhe“ (Hebräer 4), das allen verheißen ist, die den Vater lieben in Christus. So gesehen bedeutet Verlust der Beichte im Grunde Verlust des Evangeliums vom Reich Gottes.

Eine Erneuerung des Beichtsakraments setzt daher eine Erneuerung der Verkündigung vom Reich Gottes voraus: Das Evangelium von der Größe Gottes, von der Abgründigkeit seiner Liebe, von der dramatischen Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, von seiner Heimholung durch das Kreuz Christi, vom Weg des Menschen in der Kirche, in der das Reich Gottes schon angebrochen ist! Neben vielen anderen Ursachen, die die Glaubens- und Beichtpraxis in einer säkularen Gesellschaft bedrohen, ist kirchenintern eine der Hauptursachen der Mangel an einer Katechese und Verkündigung, die sich wirklich aus Schrift und Tradition speist und die genannten Kernthemen unseres Glaubens immer neu so in Erinnerung ruft, dass die Menschen existenziell erfahren, dass es dabei wirklich um etwas geht, nämlich um ihr Heil – und um die reale Möglichkeit, dessen verlustig zu gehen.

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Quelle

Christus und die Gewalt – Eine Betrachtung über den Unterschied zwischen prinzipieller und gradueller Annäherung an den Frieden.

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Von Bischof Stefan Oster OSB

Es gibt eine sehr tiefe, aber zugleich erschreckende Aussage von Jesus im Johannes-Evangelium (10,7-10) „Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“

Jesus formuliert hier einen Absolutheitsanspruch, der seine eigene Person und sein erlösendes Handeln in den Mittelpunkt stellt – und von allen anderen dramatisch abgrenzt. Er allein ist demnach in der Lage zu befreien, zu nähren, in die Gemeinschaft mit dem Vater zu führen. Warum? Weil er sein Leben gibt, in absoluter, in göttlicher Hingabe, in radikaler Gewaltlosigkeit. Die Offenbarung von Jesu Liebe und die Berührung mit ihr vermag im Menschen eine Sehnsucht zu wecken, ein Vertrauen, das ihn befähigt, dieser absoluten Freiheit zu folgen und sich von ihr verwandeln zu lassen – hinein in die Fähigkeit zur Liebe und zur Gewaltlosigkeit, die von ihm kommt.  Sie befähigt das Menschenherz zum erlösten, zum befreiten Dasein – durch die innere Verbundenheit mit Christus und das gläubige Vertrauen auf ihn.

Dieses Begegnungsgeschehen reicht radikal in den Abgrund der menschlichen Existenz: „Neugeburt, Werden wie ein Kind, neue Schöpfung, vom Tod zum Leben“ sind die Metaphern und Begriffe der Hl. Schrift für diese durch Christus erwirkte, existenzielle Umkehr und Erneuerung. Und Jesus sagt im zitierten Evangelium zumindest indirekt: Alle anderen Versuche, den Menschen real in die Beziehung zu Gott, dem Vater, hinein zu befreien und zwar so, dass sie zugleich den Menschen tiefer zu sich selbst und zum anderen führen, müssen letztlich scheitern. Sie scheitern an der Unfähigkeit des Menschen aus sich selbst existenziell so frei zu sein, dass sein eigenes Herz Abstand davon nehmen könnte, sich zuerst um sich selbst zu kümmern und dies notfalls auch mit Gewalt.

DAS MENSCHENHERZ – EIN ABGRUND

Denn der unerlöste Mensch vollzieht diese egozentrische Selbstsorge – wenn es darauf ankommt und der Druck hoch genug ist – auch unter Missachtung der Freiheit und der Rechte der Anderen. Das Herz des Menschen ist im unerlösten Zustand ein Abgrund. Die biblische Menschheitsgeschichte nach dem Verlassen des Paradieses (Gen 4,8) beginnt mit einem Brudermord. Das will sagen: Im Herzen eines jeden wohnt seither nicht nur aber auch ein ichhaftes, begierliches, besitzergreifendes und vor allem in der Bedrängnis auch gewaltbereites Wesen. Und dieses Menschenwesen und Menschenherz ist nicht mehr das, was Gott bei der Erschaffung des Menschen gemeint hatte. Wäre es anders, wir hätten den Erlöser und sein am Kreuz für uns durchstoßenes Herz nicht nötig. Aber unser durchschnittliches, auch religiöses Bewusstsein ist sich in der Regel weder der Tiefe der Sünde und ihrer Folgen in unserem Leben bewusst, noch der Abgründigkeit des Angebotes der vergebenden Liebe Gottes, die am Kreuz offenbar wird.

Die christliche Grunderfahrung ist aber genau diese: Sie ist zuerst Begegnung mit Jesus, der fleischgewordenen Liebe Gottes, dem Gekreuzigten für uns. Diese Erfahrung in der Gemeinschaft seiner Kirche setzt frei und verwandelt. Und wenn Jesus nun im zitierten Evangelium sagt, dass alle, die vor ihm kamen, Diebe und Räuber gewesen seien, die im Letzten auch nur gestohlen, geschlachtet und vernichtet haben, dann ließe sich die Frage stellen: „Wie Jesus? Meinst Du mit ‚vor mir‘ auch Abraham, auch Mose, auch die Propheten, auch Johannes den Täufer? Alles Diebe und Räuber?“ Die Antwort wäre: Im Grunde ja, auch wenn deren Dienst als Vermittler für die Menschen auf Gott hin, von Gott selbst schon geführt und unterstützt wurde. Aber auch deren Dienst blieb in einer Art Vorläufigkeit, weil auch diese großen biblischen Gestalten selbst nicht „die Tür“ waren und auch nicht der „gute Hirte“ schlechthin. Auch in ihren Herzen blieb die Neigung zur Selbstaneignung der Schafe – vor allem deshalb, weil sie selbst nicht Vergebung der Sünden leisten und auch nicht im Letzten für sich selbst beanspruchen konnten. Erst in Christus hat Gott alles mit sich versöhnt und unsere Sünden vergeben und auf sich genommen (2 Kor 5,19). Und schon der Kleinste in diesem Reich der Versöhnung, im Himmelreich (Mt 11,11), ist größer als Johannes der Täufer –  sagt Jesus. Obgleich doch laut demselben Jesus niemand vor Johannes gelebt hat, der größer gewesen wäre als dieser.

ES GIBT NUR EINE LÖSUNG: DIE GEKREUZIGTE LIEBE

Es gibt nur einen, einen einzigen, der diese Spannung auflösen konnte: Radikale, gottmenschliche Pro-Existenz als tiefsten Ausdruck seines Selbstseins, seiner Sendung vom Vater her: Jesus, der Christus. Erst Jesus kann das ichsüchtige und damit im Tiefsten auch gewaltbereite Menschenherz zu einer Liebe befreien, die nicht mehr sich selbst meint, die auch nicht mehr ihre eigene Ehre sucht, die geduldig und langmütig ist, sich an der Wahrheit freut, nicht den eigenen Vorteil sucht, sich nicht aufbläht, nicht prahlt, sondern alles glaubt, alles hofft, allem stand hält. Eine Liebe, die niemals aufhört (vgl. 1 Kor 13). Diese (!) Liebe gibt es nicht ohne ihn.

Und wenn dem entgegnet würde: Steht nicht in eurem Evangelium: „Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert“? (Mt 10,34) – dann ist aus dem Zusammenhang des ganzen Evangeliums zugleich völlig klar, dass Jesus hier die Entschiedenheit der Menschen für ihn meint, die um dieser Wahrheit willen auch den Bruch mit der eigenen Herkunft und Familie zu riskieren bereit sind – und die damit bereit sind, auch das Schwert gegen sich selbst zu akzeptieren: „Ihr werdet von allen gehasst werden“ (Lk 21,17). Hier geht es um eine Entschiedenheit, die zugleich immer noch weiß, dass sie selbst nicht zum Schwert greifen darf, denn die, die das tun, „werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26, 52). Und wer uns weiterhin auf die vielen Stellen der Gewaltausübung in unserem Alten Testament verweisen würde, dem dürfen wir sagen: Unser Schlüssel, das Alte Testament zu lesen, ist Jesus selbst, der Gewaltlose, der auch sein eigenes Volk, zu dem er als Erlöser gekommen ist, als der Gottesknecht des Jesaja-Buches in die neue Freiheit der gewaltlosen Liebe führen will: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf“ (Jes 53,7).

Von dort her lässt sich aus der Sicht des christlichen Glaubens über andere Religionen folgendes sagen: Ja, es gibt in ihnen nicht Weniges, „was wahr und heilig“ ist. Und die Kirche „lehnt nichts von alledem ab“. Aber sie kann dennoch nicht aufhören, Jesus als den „Weg, die Wahrheit und das Leben“ schlechthin zu verkünden (vgl. die Zitate aus dem Konzilsdokument Unitatis redintegratio, 2). Nehmen wir nun diesen Befund ernst, so müssen wir aus christlicher Sicht sagen, dass es in keiner anderen Weltanschauung oder Religion ein Verstehen von Liebe und Freiheit aus dieser Tiefe gibt, die allein Jesus, der Gottmensch, schenken kann und schenken will. Erst die radikale Hingabe Jesu ist an ihr selbst schon radikale Gewaltlosigkeit aus existenzieller Freiheit – und ermöglicht dasselbe für die von ihm Befreiten.

Bleiben wir aber „davor“, also vor Jesus oder außerhalb der Christuserfahrung – und versuchen, den Menschen dennoch in den Glauben und zum Beispiel in ein sittlich gutes, friedliches Leben zu führen, so bleiben uns dafür nur das Lehren von Glaubensinhalten etwa aus Büchern oder das gute Beispiel, das Lehren von religiösen oder staatlichen Gesetzen, von Moral und Ethik. Nun ist aber gerade die tiefste Überzeugung zum Beispiel des Apostels Paulus, dass alles dieses alleine, oder schlicht „das Gesetz“ alleine (Röm 8,3) niemals wirklich befreit. Es befreit nicht von Ichsucht, nicht von Selbstgerechtigkeit, nicht von Gottferne und auch nicht von Gewaltbereitschaft. Es vermittelt bestenfalls Annäherung, bleibt aber ungenügend, der Mensch bleibt unerlöst. Nur Christus befreit und die bleibende Verbindung mit ihm. Deshalb sagt er Sätze wie: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,37) – und „getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5).

UND WAS IST MIT DER GEWALT IM CHRISTENTUM?

Von dorther müssen wir im Blick auf unseren eigenen Glauben feststellen: Wo immer ein Mensch im Namen Jesu aggressive Gewalt ausgeübt hat oder ausübt, tut er dies nicht wegen dieses Evangeliums, sondern trotz des Evangeliums! Also unter seiner Missachtung. Es gibt zum Beispiel vom Evangelium her keinerlei Lizenz zur Eroberung anderer Länder mit den Mitteln der Kriegführung im Namen des Glaubens – obgleich es sie in der Geschichte real gegeben hat und wir Buße dafür getan haben oder tun müssen. Aber schon sehr lange ist die Zahl der Menschen, die im Namen Jesu Gewalttaten begehen, auf einen sehr geringen Bruchteil all derjenigen Gewalttaten zurück gegangen, die im Namen anderer Glaubensrichtungen heute begangen werden. In einem ernsthaft gelebten Christentum, dem es tatsächlich um Nachfolge und Jüngerschaft geht,  kann sich im Grunde niemand mehr vorstellen, dass ein Christ einen anderen Menschen ermordet und dabei ausruft: Jesus ist groß!

Ausübung von aggressiver Gewalt im Namen Jesu kann deshalb nur als dramatisches Missverständnis Jesu vorkommen. Gleichwohl kommt sie vor, wo Menschen nicht zum Verständnis und zur genuin christlichen Erfahrung durchdringen – und dann aus diesem Mangel zur Durchsetzung ihrer Ziele seinen Namen missbrauchen. Würden sie tatsächlich zur authentischen Erfahrung „seines Namens“ durchdringen, würde sogleich einsichtig, dass der Unterschied ein prinzipieller und nicht mehr nur ein gradueller ist. Das Wachstum des Christentums verdankt sich besonders am Anfang seiner Geschichte und dann immer und immer wieder der Haltung derjenigen Christen, die auch unter den Bedingungen der Verfolgung und des Martyriums ihr Leben aus Glauben und Liebe verschenkt haben. Und sie verdankt sich nicht der Eroberung anderer Länder mit den Mitteln der Gewalt. Freilich: Die Verwandlung des Christen ist selbst ein Weg, selbst ein Reifungsprozess, ist selbst eine Abfolge von Hinfallen und wieder Aufstehen, ein Weg vom Sünder zum Gerechtfertigten. Selbst der Weg der Kirche als Ganzer ist so ein Prozess: Sie ist die „semper reformanda“, die immer wieder zu erneuernde, immer wieder neu an Jesus und seiner hingebenden Liebe Maß nehmende Kirche. Erlösung beginnt zwar in dieser Zeit, vollendet sich aber nicht in ihr.

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN PRINZIPIELL UND GRADUELL

Und hier sind wir beim Kern des Problems der Diskussion um Gewalt im Namen von Glauben und Religion: Es gibt aus meiner Sicht keine andere Weltanschauung oder Religion, die zu dieser prinzipiellen Erfahrung, zu diesem prinzipiell neuen Anfang real durchstößt, es sei denn der christliche Glaube. Ich respektiere sehr, dass zum Beispiel der Buddhismus in diese Nähe findet, bleibe aber bei der Überzeugung, dass es auch hier eher eine graduelle und keine prinzipielle Annäherung gibt, zumal die Befreiung aus dem Inneren des Menschen selbst kommen soll. Ich verehre den Hindu Mahatma Gandhi und seinen Weg der Gewaltlosigkeit, aber mir scheint, dass es eher der sehr angestrengte Weg eines Einzelnen war. Und ich bin ebenso erstaunt über die mystisch-spirituelle Seite des Islam und ihre Suche nach der barmherzigen und gewaltlosen Liebe Gottes. Aber der prinzipielle Unterschied liegt aus unserer Sicht in der Person des Erlösers selbst, der als der ganz Andere sich in diese geschaffene Welt gewissermaßen von außen, von oben hinein inkarniert hat, um ihr diese prinzipiell andere Erfahrung als Befreiung zu ermöglichen! Erlösung ist also kein Geschehen, das in dieser gebrochenen Welt nur mit den Mitteln eben dieser Welt zu erringen wäre. Der Erlöser ist in dieser Welt bleibend auch der Unterschiedene zur Welt, er ist der Gottmensch.

Wir ringen nun im Westen darum, auch unter dem Eindruck des Terrorismus, ob und welches Gewaltpotenzial Religionen und Weltanschauungen ermöglichen und freisetzen können und welchen Beitrag sie zum Frieden leisten können. Aus dem Gesagten wird deutlich, dass der Beitrag der Christen zum Frieden daher der grundlegendste sein kann und folglich von seinem Verpflichtungcharakter her für uns auch sein müsste.  Könnten andere Formen der Weltdeutung in derselben Weise dazu beitragen, wäre das aus der Sicht von uns Christen tatsächlich schon erlösend –  aber am einzigen Erlöser vorbei. Deshalb bin ich hier skeptisch. Und skeptisch macht auch, dass die wahrhaftig Radikalen unter den Christen die Heiligen sind, die großen Liebenden, die am tiefsten Glaubenden, die Gewaltlosen und Friedfertigen, diejenigen mit dem reinen Herzen (Mt 5,3-11). Während wir in anderen Religionen aus meiner Sicht schneller geneigt sind, Radikalität und Gewaltbereitschaft zusammen zu denken, schließt im Christentum die eine die andere geradewegs aus.

Aber genau deshalb wird das Ringen um die Befreiung des eigenen Ich zur Liebe und zur Befreiung von der Bereitschaft zur persönlichen oder gemeinschaftlichen Gewalt in nichtchristlichen Religionen und Weltdeutungen wohl immer nur eine graduelle bleiben müssen und wohl nie eine prinzipielle werden können; einfach weil dort die schon durch Christus geschenkte, prinzipielle Grundlage zu ihrer Ermöglichung nicht gesehen wird. Und folglich wird es dort immer auch bei Versuchen bleiben, in denen das Ich des Menschen alleine oder gemeinschaftlich, Selbstbefreiung von eben diesem Ich zu erreichen sucht – mit den begrenzten Mitteln, die ein immer schon korrumpiertes Ich eben nur hat. Ein solches Ich, das es in uns allen (!) gibt, steckt aber im Münchhausen-Dilemma. Es kann sich nicht selbst am eigenen Schopf aus dem Schlamassel der eigenen Gewaltbereitschaft ziehen, auch nicht unter noch so großer eigener Anstrengung; eine Anstrengung, die am Ende nicht selten eben selbst wieder gewaltsam wird – und sei es gegen sich selbst. Auch im Religiösen frisst die selbstgemachte Revolution ihre Kinder – wie ehedem im pseudoreligiösen Versuch, den humanen Sozialismus zu verwirklichen; und übrigens auch noch in einem pseudoreligiös missverstandenen Christentum. Wie nähern wir uns also der Freiheit von Gewalt an? Wie nähern wir uns der unbedingten Anerkennung der Religionsfreiheit, der Gewissensfreiheit an? Wie dem Respekt gegenüber der unbedingten Würde von denen, die wirklich anders aussehen, anders denken, anders glauben, anders orientiert sind, ein anderes Geschlecht haben, anders handeln als ich es für richtig hielte?

OHNE CHRISTUS BLEIBT NUR FORTWÄHRENDE ANSTRENGUNG ZUR ANNÄHERUNG

Wir spüren, dass auch eine solche graduelle Annäherung an die Gewaltlosigkeit Anstrengung verlangt. Und wir spüren vielleicht auch, dass sie nur unter der Voraussetzung halbwegs gelingen kann, dass sich für diese Anstrengung viele, möglichst alle, gewinnen lassen. Aber auch dann, wenn eine solche Anstrengung von Vielen erbracht würde, bliebe dem Menschen so etwas wie ein in der Tiefe letztlich doch gewaltbereiter „Untergrund“ – der vor allem unter Druck oder in Not und Unsicherheit wieder freigesetzt würde – einfach weil der unerlöste Mensch so gestrickt ist. Die Herausforderung zum prinzipiellen Gewaltverzicht aus Liebe, kann der Mensch nicht aus sich meistern. Daher wird es Formen von vermeintlich legitimer Gewalt in anderen Glaubenserfahrungen bleibend geben, etwa die Demonstration der eigenen Überlegenheit und der gleichzeitigen Verachtung der Anderen, etwa die physische Unterdrückung von Frauen, etwa die physische Bestrafung von Andersgläubigen oder vom eigenen Glauben Abgefallenen, von Ehebrechern oder anderen Menschen, die sich aus der Sicht der Religion vergehen. Und wenn es das bleibend und vermeintlich sogar legitim gibt, dann wird der Unterschied zwischen diesen Formen von Gewalt einerseits und dem Terror im Namen der Religion andererseits immer nur ein gradueller sein können. Und folglich werden die Grenzen zwischen beiden notwendig auch fließend bleiben und müssten als klare Abgrenzung gegeneinander immer nur mit großer Anstrengung und großem Konsens in den verschiedenen Gruppen und Kontexten je neu errungen werden. Aber sie werden nicht prinzipiell werden können! Die Grenze, der Unterschied könnte erst dann prinzipiell werden, wenn auch diese prinzipielle Gefangenschaft jedes Menschen in seiner von einem selbstherrlichen Ich dominierten, bleibenden letzten Gewaltbereitschaft auch tatsächlich erkannt und überführt würde und mit ihm jede Form aggressiver Gewalt – egal gegen wen.

Und eben dort, wo diese Erkenntnis und Überführung sich tatsächlich ereignete, dort wäre die Nähe zum einzig möglichen Befreier aus dieser Gefangenschaft schon mit Händen und Herzen fassbar. Meine Überzeugung deshalb: Die Welt hat nichts nötiger als Christus, den Gewaltlosen, und sein Evangelium von der Versöhnung mit Gott, dem Vater. Sie hat nichts mehr nötig als die Bekehrung zu ihm. Christus ist nämlich – gewaltlos – für alle Menschen gestorben. Die Verkündigung dieses Evangeliums kann von der Seite der Verkündiger deshalb auch immer nur gewaltlos, im Respekt vor der Andersheit des Anderen und in Liebe sich ereignen. Andernfalls wäre es Verrat am Erlöser selbst. Allerdings: Je weniger sich diese Bekehrung zu Christus real ereignet, umso nötiger wird dennoch immer neu: Anstrengung zu Begegnung, Dialog, Bewusstseinsbildung, Zusammenarbeit, Friedensinitiativen – und damit einhergehend die auf lange Sicht womöglich ermüdende Erfahrung, dass wir aus eigenen Kräften und ohne Christus auch in den verschiedenen Religionen und Weltanschauungen immer nur graduellen und nie prinzipiellen Verzicht auf Gewalt erreichen können.

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