Bischof Stefan Oster SDB: Anmerkungen zum Text von Papst em. Benedikt XVI. zur Krise des Missbrauchs in der Kirche

Die Moral, das Martyrium
und die Abwesenheit Gottes

Der emeritierte Papst Benedikt hat sich geäußert – und er tut es nicht, so meine Wahrnehmung, weil er ein angebliches Schweigeversprechen nicht halten will, das er so nicht gegeben hat. Und er tut es auch nicht, um sich besserwisserisch einzumischen in Vorgänge, bei denen er längst außen vor ist. Und hier schreibt auch kein alter Mann, der sich selbst rechtfertigen will, der aber angeblich keine Ahnung mehr hat von der Wirklichkeit des Lebens. Ich lese den Text schlicht als Ausdruck seines Mitgehens, Mitfühlens und Mitleidens mit der Kirche, mit der geschichtlichen Situation, in der wir stehen und in die wir gekommen sind, mit den Menschen, die in der Kirche handeln und mit denen, die von der Kirche misshandelt worden sind. Der Text hat die Absicht, Entwicklungen zu verdeutlichen – in der Gesellschaft und in der Kirche – um daraus zu lernen, um besser zu verstehen, wer oder was die Kirche im Innersten ist und sein kann – und was deshalb nötig ist.

KRISE DER MORALTHEOLOGIE, DAS MARTYRIUM – UND DIE ABWESENHEIT GOTTES

Ich möchte nur auf drei wesentliche Aspekte eingehen, die Benedikt XVI. in dieser Reihenfolge verdeutlicht hat – und die in einem inneren Zusammenhang stehen: Die Krise der Moraltheologie, die Abwesenheit Gottes und das Martyrium. Diese Punkte, besonders der zweite, sind in den schnellen und aufgeregten Kommentierungen kaum erwähnt worden – was aus meiner Sicht schon ein Hinweis dafür ist, dass Benedikt etwas Zentrales benennt. Gottes Abwesenheit wird in den Kommentierungen so wenig wahr- oder ernstgenommen, dass sie es nicht einmal mehr als Thema in die Anwesenheit schafft.

DIE GEGLAUBTE REALITÄT VERÄNDERT VERHALTEN

Unser Glaube lehrt aber, dass sich der Gott der Wahrheit und der Liebe, in Christus geoffenbart hat und dass er unter uns ist, real gegenwärtig, insbesondere in der Eucharistie. Das Verhalten eines Gläubigen gegenüber dieser Gegenwart bestimmt sich durch die Qualität, die Tiefe, die Intensität seiner vertrauenden Zustimmung gegenüber dieser Gegenwart. Wenn ich wirklich gläubig bejahe, dass der Herr in der Kommunion da ist, bestimmt das, wie ich ihm gegenüber trete, wie ich ihn verehre, wie ich in seiner Gegenwart da bin. Umgekehrt: Je schwächer meine Zustimmung zur Gegenwart Gottes in der Eucharistie wird, desto weniger wird das mein Verhalten dazu beeinflussen.

ES GEHT UM QUALITÄT VON BEZIEHUNG

Es ist analog zu einem verehrten Menschen: Ja, natürlich, es gibt gewisse eingeübte sittliche Grundregeln des Verhaltens anderen gegenüber, aber je tiefer meine Achtung und Hochschätzung des Anderen ist, desto mehr wird das mein Denken und Handeln in seiner Gegenwart beeinflussen. Das heißt: Es geht um Qualität von Beziehung. Glaube ist Beziehungsgeschehen und die Tiefe der inneren Zustimmung zu dieser Gegenwart beeinflusst, wie ich von dieser Gegenwart bestimmt werde! Fällt es dem Einzelnen schwer, ein inneres Ja zu dieser Gegenwart zu sagen, wird er vor allem „bei sich“ bleiben, wird sich nicht beeinflussen lassen, wird er in der Regel bloßen Konventionen genügen, aber kaum mehr. Abwesenheit Gottes bedeutet nicht, dass Gott real abwesend ist, sondern dass der Glaube an seine Anwesenheit derart Schaden leidet, dass kaum mehr einer sein Verhalten ändert, wenn die Kirche gläubig bekennt: Gott ist in seiner Kirche da; er ist in der Eucharistie da, in den Sakramenten, in seinem Wort – und im Liebeshandeln der Kirche.

WAS FREIHEIT IST, BESTIMME ICH SELBST

Wenn die Abwesenheit Gottes „atmosphärisch“ dominant wird, oder wenn die behauptete Anwesenheit bloß auf einen frommen Gedanken reduziert wird, dann wird der Mensch dazu neigen, vor allem aus sich heraus zu bestimmen, was Freiheit ist und für welche Bereiche seines Lebens er welche Freiheit zulässt. Macht, Sex und Geld sind zu allen Zeiten die großen und bleibenden Herausforderungen des Menschen gewesen und das Evangelium ist in allen diesen Punkten sehr klar und sehr ausdrücklich: diejenigen, die an Jesus glauben, sind herausgefordert und eingeladen Ihm zu folgen in der Absage an eine Macht, die andere beherrschen will, in der Absage an ein Besitzen, das hinderlich ist für den Eintritt in das Reich Gottes und in der Einladung die Kraft und Schönheit von Sexualität dort zu leben, wo sie der Liebe und dem (neuen) Leben dient und nicht, wo sie sich zuerst von egozentrischer Triebhaftigkeit bestimmen lässt.

GIBT ES DAS IN SICH SCHLECHTE?

Benedikt stellt die für die Moraltheologie entscheidende Frage, nämlich ob es das „intrinsece malum“, das in sich Schlechte gibt. Gibt es schlechte Handlungen, die immer und unter allen Umständen schlecht sind, oder kommt es immer auf Zeit und Umstände und mögliche Folgen an, um eine Tat als gut oder schlecht zu qualifizieren? Diese Frage kann aus meiner Sicht positiv nur beantwortet werden aus der kontrastierenden gläubigen Erfahrung, dass der schlechthin Gute und Wahre anwesend ist. Es gibt das In-sich-Schlechte oder Böse nur im Verhältnis zum absolut Wahren und Guten. Andernfalls bleibt das urteilende Subjekt der alleinige Maßstab und dieses ist als begrenztes, geschaffenes Wesen immer in eine Geschichte und in Umstände gestellt, die relativieren.

DAS ABSOLUTE UND DAS MARTYRIUM

Erst das Hineingestelltsein in die Begegnung mit dem absolut Wahren und Guten kann deutlich machen, welche Handlung von hier aus in sich selbst immer und unter allen Umständen schlecht oder böse ist. Und eben deshalb weist Benedikt am Ende seines Aufsatzes auf das Martyrium hin, auf das Zeugnis der Lebenshingabe für Christus, das in der Christenheit so viele Menschen gegeben haben. Der Märtyrer glaubt: „Es gibt eine Wahrheit, die größer und tiefer ist als ich selbst. Und sie ist da. An ihr misst sich mein Leben und mein Verhalten. Für diese Wahrheit allein kann ich leben – und sterben!“.

MIT DEM KERN DES GLAUBENS VERSCHWINDET DAS MARTYRIUM

Benedikt hat Recht: Wenn Gott nicht mehr als anwesend geglaubt wird, verlagert sich die Einschätzung dessen, was Sünde ist, vor allem in mein eigenes, subjektives Urteil. Oder es bilden sich –  wie passend – Allianzen in kollektivem Subjektivismus. Beide, individueller oder kollektiver Subjektivismus, müssen notwendig das An-sich des absolut Wahren und Guten ausschließen. Es wäre eine gefährliche Bedrohung. Daher gibt es vom individuellen oder kollektiven Subjektivismus her geurteilt auch nicht mehr das „In-sich-Schlechte“ unter allen Umständen; auch nicht mehr in den Bereichen von Macht, Sex und Geld. Und auch meine eigenen Ressourcen, einer egozentrischen Triebdynamik in mir entgegenzuwirken, sind dann ebenfalls sehr begrenzt. Oder umgekehrt: Mit meiner wendigen Vernunft finde ich schon genügend Gründe, warum die ehemals schlecht genannte Tat jetzt womöglich sogar gut heißen kann. Schließlich: Wenn Gottes Anwesenheit nicht mehr geglaubt wird, verschwindet im Grunde mit Notwendigkeit auch das Martyrium – weil es keine umgreifende Wahrheit mehr geben kann, für die es wert wäre sein Leben zu geben. Benedikt hat auf den Kern des Glaubens verwiesen – und auf unser prekäres Verhältnis zu dieser Wahrheit: auf die Realpräsenz des Herrn in seiner Kirche, die alles verändert, wenn sie geglaubt wird. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

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Quelle

Ecclesia, quo vadis? Gedanken am Ende eines Jahres über die Kirche und ihre Herausforderungen

Wo stehen wir? Wo geht es hin? Was sind die drängenden Herausforderungen für die Kirche, wo müssen wir handeln, uns bewegen, uns erneuern? Nach einem ereignisreichen Jahr voller Höhen und Tiefen möchte ich meine Einschätzung teilen und gern auch zur Diskussion stellen.

Die größte Herausforderung ist aus meiner Sicht für mich persönlich und für uns als Kirche insgesamt: Immer wieder neu und je tiefer hineinzufinden in das Christusgeheimnis, das heißt um das immer wieder neue Einüben in ein substanzielles Gebetsleben, um Beziehungsleben mit dem Herrn, um Leben aus dem Wort Gottes und den Sakramenten – persönlich und gemeinschaftlich. Aus diesem konkreten Leben in Jesu Gegenwart folgt die zweite Herausforderung: Die Dinge, die wir tun, möglichst qualitätsvoll, wahrhaftig, freudig, demütig, treu und mit Hingabe zu tun – denn wir tun sie ja zuerst für Ihn und für die Menschen und die Welt, in der wir leben – und nicht zuerst für uns selbst oder damit sie halt auch getan sind oder damit der Betrieb weitergeht.

Die Krise der Kirche ist aus meiner Sicht zuerst eine geistliche Krise: Christus ist da in einer Realpräsenz, die Leben und Welt transformieren und erneuern kann. Und am Ende ist das einzig Wesentliche und so nirgendwo anders als in Kirche zu findende und daher auch das einzig wirklich Anziehende eben dieses: Dass der Herr wirklich da ist. Alles andere, was Kirche tut und wirkt, bezieht sich darauf und hängt davon ab. Aber für viele, vor allem für junge Menschen, scheinen wir als Kirche oft alles andere als erneuert oder in Christus verjüngt oder aus seiner Gegenwart lebend. Offenbar also haben wir hier den größten Wachstumsbedarf, die Gegenwart des Herrn in unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben transparent werden zu lassen. Im Grunde geht es also um unsere Identität als Kinder Gottes, letztlich um Heiligkeit – das heißt um den Willen Gottes für jeden von uns (1 Tim 4,3): dass wir ganz werden, weil erfüllt von Ihm und seiner Gegenwart, als seine Jünger und Jüngerinnen. Das macht jung und anziehend, es weckt Sehnsucht und lässt auch Berufungen wachsen. Aber es macht auch angreifbar und fordert Mut zum Bekenntnis in einer Welt, die das Zeugnis für Jesus ganz offenbar mehr und mehr vergessen machen will; und in einer Gesellschaft, die sich in einigen Grundüberzeugungen Schritt für Schritt weiter entfernt von denen des Offenbarungsglaubens, obgleich sie sich gerne den Schein des Christlichen bewahren will.

Konkreten Handlungsbedarf sehe ich daher in vielen Punkten, hier die wesentlichen Fragen und Probleme aus meiner Sicht:

  • Welche Form der Ausbildung für Priester aber auch für pastorale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen braucht es für heute und morgen, für die Evangelisierung im 21. Jahrhundert – wenn wir allenthalben merken, dass viele klassische Sozialisierungsformen von „Gläubigwerden“ kaum mehr greifen? Was braucht es heute neu? Und wie kommen wir da hin und wie schaffen wir das gemeinsam als Kirche in Deutschland?
  • Ich meine außerdem, dass unsere Priester, aber auch die Haupt- und Ehrenamtlichen in den Pfarreien deutliche Entlastung von immer noch mehr Verwaltungsaufgaben brauchen.
  • Ich glaube auch, wir brauchen neue Formen und neue Räume für das Einüben von Gebetsleben, Räume für das Sprechenlernen über das Evangelium und den eigenen Glauben – und für das diakonische, soziale und ökologische Engagement in unserer Gesellschaft. Vor allem brauchen wir solche Räume und Gemeinschaften vor Ort – und intensiv getragen oder mitgetragen von Laien. Unsere Christgläubigen jeden Alters dahin zu begleiten, dass sie miteinander Kirche sind in der Form von „Gemeinschaft von Gemeinschaften“ und dass sie lernen, auch solche kleineren Glaubensgemeinschaften neben der Feier der Heiligen Messe zu pflegen, sehe ich als drängend an – um gläubigen Eigenstand zu gewinnen, um dem Druck der Säkularisierung begegnen zu können, und um Glaubensgemeinschaft vor Ort zu bewahren.
  • Ich frage mich weiterhin: Wie überwinden wir Polarisierungen oder wie hüten wir uns wenigstens davor, sie nicht bewusst zu verschärfen, weil uns seltsamerweise der innerkirchliche Widerpart oftmals der liebste Feind zu sein scheint – und nicht etwa die Herausforderung durch aggressiven Atheismus, religiöse Gleichgültigkeit, durch Ideologien oder durch Fundamentalismen in anderen Religionen.
  • Zentral damit verbunden scheint mir auch die erneuerte Fähigkeit zur Plausibilisierung von kirchlichen Positionen, generell von Kernthemen des Glaubens (Was heißt: Heil, Erlösung, Gnade, Sünde, Leben, Leid, Tod, Auferstehung….)  und natürlich auch von den so genannten Reizthemen, die sich direkt oder indirekt nahezu immer um Sexualität und/oder das Verhältnis der Geschlechter zueinander drehen. Viele Menschen in- und außerhalb der Kirche glauben ja, wir brauchen eine neue Lehre – gerade im Blick auf das menschliche Leben in Beziehungen und Sexualität. Ich glaube eher, wir müssen erst wieder in die Lage kommen, unsere kirchlich bestehenden Positionen aus unserer biblischen Anthropologie und unserer Tradition her gründlich zu verstehen und sie dann klar, demütig und besonnen zu erklären – und zwar ohne uns dabei schon für moralisch besser zu halten als Menschen, die sich in diesem Menschenbild nicht wiederfinden.
  • Dahinein gehört auch die Frage: Wer oder was ist die Kirche? Meine Überzeugung: Wenn wir Kirche nicht zuerst von Strukturen oder von der Hierarchie oder von Geld oder Einrichtungen oder sozialem Engagement her verstehen, sondern zuerst von Maria her, also vom Urbild von Kirche und ihrem innersten Geheimnis weil vom personalen „Wohnort Gottes in der Welt“ her, dann wird es uns leichter fallen, die Kirche auch zu lieben, uns mit ihr zu identifizieren. Dann werden wir weniger um uns kreisen, sondern viel schlichter in ihr und ihrem Glauben beheimatet sein – und können uns einerseits engagiert der Welt und den anderen zuwenden. Andererseits können wir dann auch konkrete Sünden in jedem von uns und in der Kirche deutlicher benennen.
  • Aus einem solchen Verstehen von Kirche würde sich auch die Frage beantworten lassen, ob es bei dem Vorgetragenen nicht doch wieder um eine Art „Elitechristentum“ geht? Meine Überzeugung dazu: Gott erwählt immer einzelne oder einige für die Vielen. Denn nur wer tief im Eigenen steht, kann weit hinaus gehen und erst recht einladend sein für die Vielen, für alle.
  • Ich denke, wir müssen auch besonders die jungen Menschen aufsuchen, ihnen zuhören – und von und mit ihnen ein Sprechen lernen, dass das Evangelium für sie plausibel macht – als echten, neues Leben bringenden, alternativen Lebensentwurf. Die Statistiken zeigen ja, dass gerade im jungen Erwachsenenalter prozentual die meisten Menschen der Kirche und damit oft auch dem Glauben der Kirche den Rücken kehren.
  • Dazu gehört auch eine glaubwürdige Erneuerung der Sakramentenpastoral, die sich nicht immer noch mehr an das jeweilig herrschende, nicht selten oberflächliche Verstehensniveau anpasst – und dann dazu tendiert, die Sakramente immer noch billiger wegzugeben. Das gilt m. E. besonders im Blick auf Eucharistie, Firmung, Buße – und noch einmal verstärkt für das Ehesakrament. Es ist in der Vorbereitung auf die Sakramente nötig, ein erneuertes, vertieftes Verstehen und persönliche Entschiedenheit ihrer Empfänger anzustreben.
  • Konkreten Handlungsbedarf sehe ich auch in der konsequenten Weiterarbeit in der Missbrauchsthematik. Auch wenn in der Kirche schon sehr viel passiert ist, um solche Taten zu verhindern, brauchen wir dennoch verstärkt die konsequente Orientierung an den Betroffenen, in einer wahrhaftigen Aufarbeitung und in weiteren Anstrengungen im Bereich Prävention und Schutz vor allem von jungen Menschen.
  • Wir brauchen deshalb auch einen neuen Stil von Leitung in unserer Kirche, eine Leitung, die wirklich geistlich ist und sich am Beispiel Jesu orientiert. Wir brauchen Formen und Struktur von Leitung, die Machtmissbrauch möglichst verhindern und nicht begünstigen – und die deutlich machen, dass alle Getauften miteinander Volk Gottes sind.
  • Im Grunde geht es in so vielen Bereichen für uns immer wieder um die persönliche und gemeinschaftliche Überprüfung der Frage: Wie nah sind wir am Herrn, am Evangelium – und braucht es nicht wirklich eine konsequente neue Evangelisierung, eine neue missionarische Anstrengung, die Papst Franziskus von der Kirche wünscht – ein missionarisches Bemühen, das sowohl evangelisierend wie diakonisch an die Ränder von Kirche und Gesellschaft geht, zu den Glaubensfernen wie zu den Marginalisierten und denen in Not? Und eine Kirche, die sich konsequent auch um zentrale Themen für heute kümmert, die der Papst in den Mittelpunkt gestellt hat: die Familie (Amoris laetitia) die Bewahrung der Schöpfung (Laudato si), das Bemühen um die Einheit der Christen.
  • Die jüngsten intensiveren Debatten im deutschen Episkopat drehten sich im Kern um die Frage: Wie gehören Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft zusammen. Ich würde mir wünschen, dass durch die Diskussion die Kostbarkeit der Eucharistie von vielen Gläubigen wieder neu entdeckt werden kann, als „Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens“, wie das II. Vatikanische Konzil sagt. Wenn die Konzilsaussage aber richtig ist, dann ist die Tatsache, dass rund 90 Prozent der Katholikinnen und Katholiken bei uns nicht mehr daran teilnehmen, aus meiner Sicht eine spirituelle Tragödie für Kirche und Welt. Hier lohnt daher jede Bemühung um Erneuerung – eben weil es um die Erschließung der realen Anwesenheit des Herrn geht. Und hier schließt sich der Kreis zum Ausgangspunkt der Überlegungen. Freilich: Dass Er da ist und da bleibt und uns nicht verlässt ist, ist zugleich die größte Hoffnung und Freude die wir haben. Wie gut, dass es immer wieder Weihnachten wird!

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Quelle

Bischof Stefan Oster SDB: Missbrauch – Bitte um Vergebung

Es war Verrat! Die Missbrauchskrise, die Bitte um Vergebung und der Weg der Wahrheit.

Eine Botschaft von Bischof Stefan Oster zu den dramatischen Zahlen von Missbrauch in der Katholischen Kirche in Deutschland, die im September 2018 bekannt wurden.

Bischof Stefan Oster SDB: Gottesvergessenheit und Sexualität

Unzeitgemäße Gedanken zu einem biblischen Zusammenhang

1. EINE DER WIEDERKEHRENDEN KERNFRAGEN:
WELCHER SEX IST RECHT VOR GOTT?

Die  Debatten in und außerhalb der Kirche zum Thema Sexualität und allem, was damit zusammen hängt, reißen nicht ab. Sie scheinen in medialen Wellenbewegungen immer neu auf die Kirche zuzurollen – in wechselnden Themen: Mal sind es die wiederverheirateten Geschiedenen, mal der Zölibat, mal der Umgang der Kirche mit Menschen, die homosexuelle Neigungen haben – um nur die am meisten diskutierten Themen aufzugreifen. Und ist es nicht paradox? Da nimmt sich der Papst mit der Bischofssynode des Themas der Familie an und das Wesentliche, was Monate vor, während und nach der Synode vordringlich zum Thema wird, sind zwei Menschengruppen, die gerade nicht in Verhältnissen leben, die den Normalfall von Familie bilden: wiederverheiratete Geschiedene und Homosexuelle. In beiden Fällen geht es aber im Kern der Debatte letztlich um die Praxis gelebter Sexualität, die nicht dem entspricht, was die Kirche in diesem Bereich seit jeher für Weisung und Willen Gottes hält.

Und man muss es ehrlich sagen, auch im Blick auf viele andere Themen, die immer neu diskutiert werden: Ein Kernproblem, eine Kernfrage, um die es sich dann ausgesprochen oder unausgesprochen immer wieder dreht, hängt tatsächlich genau damit zusammen: Was sagen der Glaube, die Schrift, die Tradition, die Kirche über menschliche Sexualität? Und vor allem, was sagen sie über recht vollzogene sexuelle Praxis, die dann dem entspricht und gerecht wird, was Christen für den Willen Gottes und seine Offenbarung halten? Die Tatsache, dass die Kirche hier in ihren Antworten immer ziemlich klar war, ist deshalb beständiger Stein des Anstoßes, beständiger  Stachel im Fleisch. Die öffentlichen Einwände dagegen gehen konsequent immer in die Richtung  nach einer Forderung von veränderter Lehre über genau diese Frage: Welcher Sex ist recht? Die Argumente: „Die Zeiten haben sich geändert, die Menschen haben sich geändert, die Gesellschaft hat sich geändert, die Beziehungsformen haben sich geändert, die Einsichten über die Sexualität des  Menschen haben sich geändert, also muss sich endlich auch die Lehre der Kirche ändern.“

Freilich, die Tatsache, dass das Thema und seine Klarheit bereits in der Hl. Schrift schon so präsent ist, weist eher das Gegenteil nach, nämlich dass es im Christentum bereits von Anfang an eine heftig angefragte Lehre war und nicht erst heute. Auch in der Zeit der Entstehung des christlichen Glaubens stehen dessen Lehren über menschliche Sexualität quer zu vielem von dem, was in der damaligen Gesellschaft, vor allem in einer griechisch-römisch geprägten Kultur, aber auch in einem jüdischen Kontext (hier etwa die Möglichkeit zur Mehrehe) gängig oder möglich war.

2. IST DIE KIRCHE SEXFIXIERT?

Der Kirche wird heute häufig vorgeworfen, sie sei manchmal allzu fixiert auf das Sexthema. Dabei scheint es mir auch hier eher umgekehrt. Wann etwa hat der durchschnittliche Kirchgänger zuletzt eine Predigt gehört, in der der Pfarrer so mutig war, die Sexualmoral der Kirche tatsächlich und wahrhaftig und ohne Abstriche zu erläutern oder sich dazu zu bekennen? Es passiert vermutlich eher in seltenen Ausnahmen. Ist es also nicht eher anders herum? Ist nicht die Gesellschaft eher so fixiert auf sexuelle Liberalisierung, dass ihr gerade die Kirche mit ihrer vermeintlich sturen Beharrung so sehr ein Dorn im Auge ist, dass Sie das immer und immer wieder, vor allem medial zum Thema machen muss? Und das, obwohl sich der größere Teil derjenigen, die diese Themen medial so sehr ventilieren, für die wirklichen Kernthemen des kirchlichen Glaubens in der Regel kaum mehr interessieren: Erlösung, Sündenvergebung, Versöhnung mit Gott, Kreuz, Auferstehung….?

Der mediale, der öffentliche und gesellschaftliche Druck auf die Kirche wächst also oder er kommt eben wellenartig wieder. Gleichzeitig sinken bei uns die Mitglieder‐ und Kirchenbesucherzahlen; gleichzeitig auch geht man durch verschiedene Krisen der Glaubwürdigkeit (vgl. Missbrauch, Limburg, Kölner Krankenhausaffäre etc.). Und so neigen wir als Kirchenverantwortliche vielleicht allzu leicht zu der Ansicht, wir könnten endlich einmal „punkten“, wenn sich  am innerkirchlich im Grunde wenig geliebten Sexthema endlich mal ein paar, wenigstens kleine „Fortschritte“ zeigen könnten.

3. WAS SAGEN SCHRIFT, TRADITION UND DER GLAUBE?

Aber wie befragen wir die Möglichkeit von vermeintlichen „Fortschritten“ auf diesem Gebiet? Wie befragen wir, welche Formen gelebter Sexualität gut und recht sind in Gottes Augen? Wir blicken auf das Evangelium und erkennen: Es gibt im Grunde keine einzige Form vollzogener Sexualität außerhalb der Ehe, die von der Hl. Schrift nicht entweder Unzucht oder Ehebruch genannt würde. Wir lesen aber auch, dass das Thema in der Schrift immer wieder prominent behandelt wird. Und wir lesen vor allem, dass da ein geheimnisvoller Zusammenhang hergestellt wird zwischen dem, wie Gott den Menschen sieht und will einerseits und sittlicher und sexueller Reinheit andererseits (vgl. Mt 5,28, Eph 5,3f, 1 Kor 6, 18‐20, Röm 1,21ff, 1 Thess 4,3f, Hebr 12, 14ff). In der Bergpredigt preist Jesus die Menschen selig, die ein reines Herz haben, sie würden Gott schauen (Mt  5,8),um nur wenige Zeilen später zu sagen, dass schon der lüsterne Blick auf eine Frau eben diese Menschenherz in seiner Reinheit eintrübe und in eine quasi ehebrecherische Verfassung bringe  (Mt  5,28)!

Gott will den Menschen seinem Sohn ähnlich machen. Er will ihm die Gnade und Kraft schenken, ein heiliges Leben zu leben. Dabei ist Heiligkeit freilich nicht misszuverstehen als eine Art religiöser Leistungssport, gepaart mit außergewöhnlichen Anstrengungen in der Übung der Tugenden. Heiligkeit ist zunächst das Erfüllt sein des Menschen mit Gottes Gegenwart, das Geschenk überfließender Gnade, die aus ihm, aus Gott selbst kommt. Erst sekundär folgt aus dieser Erfahrung des Beschenktseins von Gott und des Lebens aus dieser Gegenwart die Fähigkeit, in der Freiheit des Christenmenschen gut und selbstlos, also auch tugendhaft zu leben.

4. DAS KERNPROBLEM: GOTTESVERGESSENHEIT

Aber meines Erachtens rühren wir genau hier am entscheidenden Problem: Es ist das Ernstnehmen der Gegenwart Gottes. Und zwar zuerst in seiner Heiligkeit, Majestät, abgründigen Unterschiedenheit von jedem Geschöpf. Er ist der Schöpfer des Alls, er ist der Herr aller Welten. Und er gibt uns die Erlaubnis, ihm nahe zu kommen. Israel hat gewusst, dass solches Näherkommen gefährlich ist. Der Israelit des Alten Bundes wusste, dass er grundsätzlich vor Gottes Angesicht vergehen musste (Ex  33,20); und ganz besonders dann, wenn er sich Gott in einer unangemessenen Weise näherte. Die zahlreichen Reinigungsvorschriften des Volkes für den Vollzug des Kultes hatten eben auch diesen Ursprung, nämlich das Bewusstsein, dass man dem Heiligen Israels nur nahen kann, wenn man selbst rein, heil, ganz ist, eben reingewaschen (z.B.  Ex  30,20‐21).

Das Anliegen Jesu liegt auch ganz auf dieser Linie, aber er weiß, dass die Fülle an Vorschriften, dass „das Gesetz“ dazu tendiert, veräußerlicht verstanden zu werden: „Ich wasche mich (äußerlich), dann bin ich schon rein.“ Doch bereits die Propheten des Alten Bundes kündigen einen neuen Bund an, einen der ein „neues Herz“ (Ez 36,26) schenken will, einen Bund, in dem der Mensch seinen Gott nicht nur durch veräußerlichtes Ritual und Gesetz kennt, sondern persönlich, von Herz zu Herz. Die Taufe des Neuen Bundes rettet uns, sagt der Autor des ersten Petrusbriefes: Und „sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ (1 Petr 3,21). Freilich: Es bleibt auch im Neuen Bund derselbe majestätische Gott, der ganz Andere. Aber Jesus macht in seiner Person deutlich, dass eben dieser andere, der furchteinflößende, der Herr des Alls zugleich der Allliebende ist, derjenige der sich abgründig niederbeugt, konkret zu jedem von uns, der sich klein macht, um den Menschen wieder aufzurichten zu sich selbst und zurück in seine Beziehung zum Vater. In jeder Hl. Messe feiern wir Wandlung. Christus wandelt sich der Welt ein – in den Gestalten von Brot und Wein. Aber er tut es, um uns zu wandeln und zu neuen Menschen zu machen. Lassen wir es zu, halten wir das überhaupt für möglich?

Und genau hier liegt meines Erachtens unser Problem: Der Glaube daran, dass Gott in Christus wirklich da ist, dass er uns real und schon in diesem Leben, berühren, heilen, verwandeln kann in ein neues, besseres, gottbezogenes und gottgefälliges Leben, dieser Glaube scheint in unseren Breiten in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr zu verdunsten. Wie viele glauben wirklich noch, dass Christus das Leben eines Einzelnen tatsächlich im Hier und Jetzt spürbar erneuern kann? Wie viele glauben wirklich noch, dass sie durch Christus „neu geboren“ (Joh 3,3) sind, tatsächlich „neue Schöpfung“ (2 Kor 5,17) sind? Und zwar so, dass sie es an realen und konkreten Lebensvollzügen festmachen können? Die Schrift ist aber voll davon, dass die Brüder und Schwestern jetzt wo sie den Glauben angenommen haben, ihrem alten Leben entronnen sind, ihrer Gefangenschaft in solchen Bedürfnissen, Trieben und Egoismen, die auf alles mögliche, aber nicht auf Gott hin orientiert waren (vgl. 1 Petr 1,14; 2 Petr 1,9, Hebr 10,32; 1 Thess 1,9; Kol 3,7; Eph 4,17-20 u.a.). Wer hat in volkskirchlichen Breiten, in denen der Glaube von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation schwindet, denn noch die reale Erfahrung von Bekehrung und wer hätte konsequent auch noch zusätzlich das Bestreben, kraft einer geduldigen, beständigen, alltäglichen Bekehrung mit der Hilfe Gottes ein neuer Mensch, ein echter Christ zu werden? Einer, der Gott, der Christus kennt, der ihm wirklich nachfolgen, der sein Kreuz tragen will? Einer, der von ihm die Fülle und die Freude erwartet und diese nicht leicht verwechselt mit den Freuden, die nur diese Welt gibt? All das ist der Kern einer christlichen Anthropologie und des christlichen Menschenbildes, von dem wir – ohne diesen Kern wahrzunehmen – all zu schnell und damit oft auch allzu weich gespült in unserem gesellschaftlichen Diskurs reden.

Wer hätte denn noch wirklich Ehrfurcht vor der Gegenwart Gottes in einem Gotteshaus? Wer fällt hier wirklich angesichts seiner Gegenwart noch voller ernsthafter Demut auf die Knie, weil er weiß, wer Gott ist und wer er selbst im Verhältnis zu diesem Gott ist? Und wer blendet umgekehrt nicht gerne die Tatsache aus, dass der vermeintlich so liebe Jesus in etwa einem Drittel seiner Worte im Neuen Testament Gerichtsworte spricht oder Gerichtsgleichnisse erzählt? Es sind Worte, in denen er den Menschen zur Entscheidung auffordert für ihn und zwar ganz und entschieden. Wer müht sich denn noch „mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12) um sein Heil, wie es Paulus nahe legt, weil nach der Schrift und aus der Sicht Jesu völlig ohne Zweifel die Möglichkeit besteht, auch verloren zu gehen? Viel mehr aber noch ist Paulus von der Hoffnung getragen, dass er, der Allmächtige, uns aus Liebe zu neuen Menschen machen will und schon damit begonnen hat.

In dem Augenblick aber, wo all diese Erfahrungen eben keine mehr sind, nicht mehr nachvollziehbar sind, nicht mehr im Kirchenvolk erlebt, erzählt, tradiert werden, in dem Augenblick kann es im Grunde auch gar nicht mehr sein, dass wir einen Anspruch von Gott selbst an uns wahrnehmen. Einen Anspruch von dem, der uns heiligen will. Der Anspruch wird verdünnt und reduziert auf ein nur mehr gedachtes Gesetz, und von hier ist der nächste Schritt nur ein ganz kleiner, der dann sagt: „Das gedachte Gesetz hat sich die Kirche aus-gedacht, um uns zu knechten. Und jetzt wo die Zeiten sich ändern, muss sie das Gesetz auch ändern!“ Der Anspruch, in der Kirche durch Gottes Gegenwart geheiligt zu werden, ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Gutes Leben ist jetzt, was alle gut finden; die Gesellschaft als Messlatte für einen, hoffentlich nicht allzu zu anspruchsvollen Humanismus. Und nur die Kirche ist dann schlecht und von gestern, weil sie uns unser gutes, heutiges Leben nicht gönnt!

Wenn diese Diagnose zutrifft, dann können auch wir Amtsträger uns nicht aus der Verantwortung nehmen. Es ist nämlich ein Grundgesetz des geistlichen Lebens, dass das spirituelle Niveau einer christlichen Gemeinschaft oder Gemeinde – nicht nur aber auch – vom geistlichen Leiter abhängt. Ich habe den Verdacht (und schließe mich ein): Womöglich haben wir selbst die leidenschaftliche, gläubige Proklamation und Deutung der Gegenwart Gottes nicht allzu intensiv gepflegt – und vielleicht auch gar nicht mehr recht geglaubt? Und womöglich haben wir auch die Liturgie nicht allzu oft derart mit den Gläubigen gefeiert, dass unser Beten darin sehr real und voll liebender Ehrfurcht und Freude auf diese Gegenwart bezogen wäre.

5. DER WILLE GOTTES FÜR JEDEN: VERWANDLUNG UND HEILIGUNG DES GANZEN MENSCHEN, EINSCHLIESSLICH SEINER SEXUALITÄT DURCH GÖTTLICHE LIEB

Die Heiligung, in der Gott sich uns ähnlich machen will, ist vor allem eine Heiligung in und durch Liebe. Und Gott als unsere Antwort auf seine Liebe mit ganzem Herzen und ganzer Seele und allen Gedanken zu lieben und den Nächsten wie uns selbst ist die „Erfüllung des ganzen Gesetzes“ (vgl. Mt 22,40), es ist die Erfüllung dessen, wozu der Mensch in Gott geschaffen ist. Aber die Liebe, um die es hier geht, ist in der Tiefe absichtslos, sie ist umsonst. Und man kann Gott auch nur lieben, wenn man ihn kennengelernt hat, so wie er sich uns eben in Christus zu erkennen gibt; wenn man in einem Leben der Suche nach Gott, im Gebet, im Meditieren der Schrift wirklich immer wieder auf ihn selbst gestoßen ist. Eine Liebe, die aus Gott kommt, meint dann den anderen Menschen wirklich um seinet- und um Gottes Willen. Sie manipuliert nicht hintergründig und will den Geliebten nicht wie einen Besitz „haben“. Zu dieser Liebe will uns Gott nach dem Zeugnis der Schrift befähigen und die Schrift erklärt auch, dass da der ganze Mensch dazu gehört, mit Leib und Seele und Geist.

Deshalb ist die menschliche Sexualität in diese Bewegung der Heilung und Heiligung mit hineingenommen und bleibt gerade nicht davon unberührt. Und von diesem Anspruch her gibt es von Gott bejahte und konkret vollzogene sexuelle Aktivität in ihrer ganzheitlichen Zielrichtung auch nur ganz oder gar nicht. Das heißt nur und ausschließlich in einer Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, mit der Offenheit auf Lebensweitergabe, mit Verbindlichkeit und Treue und der Sorge um das gegenseitige Wohl der Ehepartner – bis zum Lebensende wenigstens eines der Partner.

Katholische Christen glauben ja, dass Gott in und durch Christus diese Kraft zur Treue schenken kann und will, ja dass er darin selbst als der Treue gegenwärtig ist und bleibt. Das ist, knapp gesagt, der Inhalt dessen, was sie Sakrament nennen. Sie glauben auch, dass Christus darin die Kraft und Schönheit der Sexualität auch reifen lassen und ebenfalls tiefer und heiler machen will. Immer mehr weg von der Möglichkeit bloßer Triebabfuhr oder Triebbefriedigung, hin zu einer ganzheitlichen Erfahrung, in der der eine ganze Mensch in Leib und Seele auf den einen Partner ebenfalls als ganzen Menschen liebend ausgerichtet ist und bleibt.

Das Bemerkenswerte ist also: Schon für den konkreten Weg der Ehe sieht Gott einen Weg der Verwandlung vor – und zwar auch der Sexualität der Partner und ihrer Ausrichtung und Integration. Ehrliche Liebe, die sich von Gott begnadet weiß, verwandelt, heilt und integriert auch das sexuelle Begehren, die Sehnsucht, die Bedürfnisse. Wie gesagt, alles das setzt voraus, dass ich überhaupt an die Gegenwart Christi in meinem Leben glaube und vertraue, dass er mein Leben schon jetzt verwandeln kann und will und wird. Unser christliches Nachdenken über Sexualität hat nur unter dieser Voraussetzung überhaupt Sinn! Anders werden Christen in dem, was sie über Sexualität sagen, gar nicht (mehr) verstanden werden können. Schon gar nicht in stark säkularisierten Zeiten.

Und Christen, die diesen Hintergrund sehen, müssten ihrerseits auch ein mitgehendes Verständnis dafür aufbringen können, dass diese Debatten in gottvergessenen Zeiten immer wieder aufbrechen und womöglich auch noch intensiver werden. Denn dort, wo es Gott nicht mehr gibt, dort ist (nach einem herausforderndem Wort Dostojewskis) im Grunde alles erlaubt, aber in sittlichen Fragen insbesondere das, was mehrheitlich Zustimmung findet. Zustimmende Mehrheit ist freilich noch kein hinreichendes Kriterium für Wahrheit. Das Problem ist nur: Wo Gott „fehlt“, dort gibt es auch gar keinen letzten Orientierungspunkt mehr als entscheidendes Wahrheitskriterium. Und in so einem Fall scheint dann Mehrheit eben doch meist der plausibelste Bezugspunkt.

Das erste in der christlichen Verkündigung – auch über diese Themen – wäre also aus meiner Sicht nicht zuerst die Bekanntgabe von moralischen Vorschriften, sondern das Hineinhelfen in die Berührung mit der Gegenwart eines Gottes, der uns liebt und dem es gerade deshalb nicht egal ist, wie wir leben und zwar auch als sexuelle Wesen.

6. WAS IST MIT DENEN, DIE NICHT HEIRATEN WOLLEN ODER KÖNNEN?

Analoges zu dem, was eben über christliche Ehe gesagt wurde, gilt nun aber auch für diejenigen, die an Christus glauben, die seine Realpräsenz in unserer Welt bejahen, und beispielsweise keinen Partner finden oder etwa einen gleichgeschlechtlichen Partner ersehnen, weil sie Menschen mit homosexuellen Neigungen sind. Die Kirche hat stets daran festgehalten, dass der Glaube an die heiligende Gegenwart Christi, dass der Weg in beständiger Verbundenheit mit ihm selbst hilft, aus dieser Kraft zu leben und sein Leben so zu gestalten, dass es dem Willen Gottes gemäß ist. Christus verwandelt und heilt unsere Sexualität hinein in ein Leben vor ihm und mit ihm selbst. In ein Leben, das von ihm auch die Kraft bezieht, sich selbst und seine sexuelle Kraft verwandeln zu lassen in eine Liebe, die der Seinen ähnlich ist – die im rechten Sinn verstanden immer absichtsloser und lauterer wird. Ehrlicher, tiefer Glaube kann also beispielsweise dem Single helfen, ein froher Single zu bleiben, und er kann dem Menschen mit homosexueller Neigung helfen, auch ohne die volle sexuelle Erfahrung erfüllt zu leben bzw. sich von Gott in ein Leben hinein führen zu lassen, das seinem Willen entspricht. Und er kann auch einem von seinem Partner getrennt lebenden Verheirateten die Kraft geben, diese Situation mit ihm zu tragen. Und all das ist nicht zuerst eine moralische Forderung, das ist nach der Überzeugung von Schrift und Tradition und von zahllosen geistlichen Menschen zuerst ein Geschenk. Wir sprechen von Gnade, von der zuvorkommenden geschenkten Gnade, die dem Menschen Kraft und Vertrauen schenkt, dass er seinen Weg mit Gott gehen kann, auch und gerade dann, wenn es ein Kreuzweg ist.

Freilich ist es auch ein Weg, auf dem keiner von Anfang an fertig ist. Jeder ernsthaft geistlich Suchende, zumal die Erfahrenen, wissen, dass der Weg mit Gott und auf ihn hin ein Ringen bleibt, ein Reifen, ein Suchen, auch ein Kampf. Und auch auf diesem Weg wird und kann es Versagen und Scheitern geben. Gott will ja auf unser Ringen und tiefstes Sehnen nach ihm und auf unser Herz viel eher schauen als auf die Schuld. Und er vergibt immer neu jedes Versagen, das aufrichtig vor ihn gebracht wird.

7. DIE REALE ANWESENHEIT GOTTES REDUZIERT AUF EIN ABSTRAKTES KIRCHENGESETZ

Ich bin daher der Ansicht, dass der Glaube an die reale Gegenwart des Herrn und ihre real verändernde Kraft der alles entscheidende Aspekt ist. Steht dieser Glaube fest in vielen Herzen der Menschen, wird das Verständnis für die Lehre der Kirche zur menschlichen Sexualität verständlich sein und ebenso fest stehen. Verdunstet er aber, dann verdunstet mit ihm auch das Verständnis für das, was Bekehrung, Umkehr, Gnade, Heiligung des Lebens bedeuten. Der Verlust des Beichtsakraments ist dann eine weitere notwendige Folge. Und zugleich damit verschwindet ebenfalls notwendig das Verständnis für die von Gott geschenkte Fähigkeit und Herausforderung, seinem Gebot gemäß Sexualität zu leben und von ihm verwandeln zu lassen. Die Folge ist: Ein von Gottes Präsenz losgelöstes, bloßes „Gesetz der Kirche“ wird dann automatisch wie ein Stachel im Fleisch meiner sexuellen Bedürfnisse betrachtet, das zuerst knechten und nicht befreien will. Der Ruf nach Veränderung wird dann von selbst immer lauter: „Nicht mehr Gott will und kann mich verwandeln, sondern ich will ein ärgerliches Gesetz so gewandelt wissen, dass es mir und meiner Lebensweise nun passt.“ Der Glaube an die Realpräsenz, an die konkrete Vergebung der Sünden und das ernsthafte Ringen um sittliche Qualität des menschlichen Lebens auch in sexueller Hinsicht bilden damit einen unauflöslichen Zusammenhang.

Umgekehrt kann man sagen: Eine beständig vorgetragene Anfrage an die Lehre des kirchlichen Glaubens zur Sexualität ist damit bewusst oder unbewusst zugleich eine Anfrage an die Überzeugung von der verwandelnden Gegenwart Gottes in unserem Leben. Denn wenn er, Gott selbst, und seine Präsenz aus der persönlichen Wahrnehmung und dem kollektiven Gedächtnis der Menschen oder einer Gesellschaft endlich verschwunden ist, dann kann der Mensch gerade in diesem Bereich endlich und erst recht tun, was er will und bleiben, wie er ist.

Das sind meines Erachtens einige geistliche Hintergründe und Zusammenhänge dafür, dass die Wellen des gesellschaftlichen Diskurses über die Sexuallehre der Kirche bei abnehmendem Glauben mit zunehmender Frequenz auf uns zurollen werden. Der kirchliche Stachel im buchstäblichen Fleisch liberalisierter Sexualität will endlich beseitigt werden. Und als Christen werden wir solchen Wellen aus meiner Sicht mit Sicherheit nicht dadurch fruchtbar begegnen können, dass wir der Vielzahl der Bedürfnisse in einer glaubensloser werdenden Welt entgegenkommen und ein paar Lockerungen zulassen. Denn es ist vorhersehbar: Man wird dann mehr nicht ruhen, bis endlich alles gleich-gültig ist. Die hier angesprochenen Themen samt ihren medial vorgetragenen Forderungen wären nur ein Anfang, der dem Zeugnis der Schrift und der Überlieferung zwar schon klar widerspricht. Aber wenn die Tür erst einmal im Namen vermeintlicher Barmherzigkeit geöffnet ist, dann wird wohl kaum ein Thema und am Ende womöglich auch nicht einmal manche sexuelle Perversion im selben Namen ausgespart bleiben. Die Geschichte der Internet-Pornographie und ihrer Ausbreitung dürfte hier ruhig als Lehrstück dienen, aber damit verbunden auch die gesellschaftlich-politische Geschichte sexueller Liberalisierung in vielen Ländern der Welt. Freilich, nicht jede gesellschaftliche Liberalisierung ist schon in sich schlecht, vor allem dann nicht, wenn sie Heucheleien überwindet. Aber umgekehrt gilt noch mehr, dass längst nicht jede Liberalisierung automatisch sinnvoll und gut wäre, nur weil sie liberal ist: „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe!“, sagt Paulus (Gal 5,13).

8. DIE NÖTIGE UMKEHR SCHEINT HEUTE ALLZU WELTFREMD.

Der stimmigere und notwendigere Weg aus meiner Sicht heißt biblische Bekehrung, also die erneute Hinwendung zum Gott des Lebens, um ihn tiefer im Glauben zu finden und überzeugender zu bekennen, dass Gott in Christus real gegenwärtig ist und bleibt; dass er uns wahrhaftig liebt und unser eigenes, konkretes, oft erbärmliches Leben tatsächlich verwandeln will und kann.

Und um gleich auf die Frage zu antworten, ob das alles nicht ein wenig weltfremd sei? Ja, natürlich, weil es von der Erfahrung ausgeht, dass Gott selbst dieser Welt und womöglich auch vielen Menschen in seiner Kirche ziemlich fremd geworden ist. Nicht von sich, von Gott selbst her, denn er will ja nach dem Zeugnis der Schrift uns nahe sein. Aber von uns Menschen her bedeutet Säkularisierung auch, dass der innere Abstand der Menschen von Gott heute offenbar wieder größer geworden ist. Paulus sieht das genau, die Problemlagen bleiben nämlich von der menschlichen Konstitution her betrachtet, weitgehend konstant: Die Menschen, schreibt Paulus, haben Gott zwar irgendwie „erkannt, ihn aber nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt. Sie verfielen in ihrem Denken der Nichtigkeit und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“ (Röm 1,21f) Die Folge: „Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, so dass sie ihren eigenen Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.“ Der tatsächliche Hintergrund zur Debatte um die sexuelle Liberalisierung in der Kirche ist also aus meiner Sicht zuerst geistlicher Natur, weshalb dann auch die Antworten auf die angesprochenen Fragen ebenfalls zuerst theologisch-geistlich sein müssen und gerade nicht zuerst nur als pragmatisches Eingehen auf geänderte gesellschaftliche Verhältnisse. Nicht nur die je neue Kultur soll dem Evangelium immer wieder ein neues konkretes Gesicht für diese jeweilige Zeit geben, sondern auch die umgekehrte Bewegung ist nötig: das Evangelium (besser: Christus selbst!) will in die Kultur hinein inkarniert werden, damit die Kultur selbst verändert, verwandelt und erneuert wird.

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Bischof Stefan Oster SDB: Warum ich Papst Franziskus glaube

Papst Franziskus im März 2013

In VerschiedenesWortmeldungen von Bischof Stefan Oster SDB kommentieren

im Folgenden ein Blick auf das Pontifikat unseres Papstes – in der gegenwärtig auch für ihn so herausfordernden Situation, in der er von vielen Seiten heftig kritisiert und angefragt wird. Unter anderem ist er von Erzbischof Vigano, bis 2016 Nuntius in den USA, zum Rücktritt aufgefordert worden, weil er angeblich in der Missbrauchsaffäre um Kardinal McCarrick mehr und früher Bescheid wusste als später bekannt.

ICH GLAUBE DEM PAPST

Ich glaube Papst Franziskus. Ich nehme ihm sein aufrichtiges Bemühen für tieferen Glauben, mehr Hoffnung und größere Liebe und Barmherzigkeit ab – und sein unermüdliches Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in der Welt. Der Heilige Vater hat sein großes Anliegen und ihren inneren Zusammenhang aus meiner Sicht in den vier bedeutsamsten Texten seines bisherigen Pontifikates verdeutlicht:

ES GEHT IHM UM DIE RÜCKKEHR ZUM HERRN UND DEN MISSIONARISCHEN AUFBRUCH

Es geht ihm erstens immer neu um die Rückkehr zu Jesus, um die tiefe Freundschaft mit ihm – die uns zugleich zu einem frohen, erneuerten missionarischen Engagement, zu einer neuen Evangelisierung befähigt. Sein erster programmatischer Text heißt „Evangelii gaudium“ und entfaltet dieses Programm, das innerste Anliegen der Kirche: die Erfahrung der erlösenden und bleibend gegenwärtigen Liebe des Herrn, unsere antwortende Liebe für IHN und das daraus erwachsende Bestreben, die Welt zu erneuern, indem wir sie mit IHM bekannt machen – und indem wir uns vor allem den Armen und Benachteiligten barmherzig zuwenden.

ES GEHT UM DIE FAMILIE

Das zweite große Schreiben zielt ins Herz des Ortes, an dem der Glaube der Menschen seine ursprünglichste Heimat hat: Es geht um die Familie, um diese für jede Gesellschaft und die Kirche so fundamental wichtige, aber gerade heute zugleich so zerbrechliche Institution. Wie helfen wir mit, dass Familie entstehen und wachsen kann, dass Familienleben gelingt? Aber auch: Wie begleiten wir alle diejenigen, die auf diesem Weg scheitern? „Amoris laetitia“ gibt von alledem ein schönes, ein großes Zeugnis.

ES GEHT UM DIE WELT, IN DER WIR LEBEN

Wir alle erleben aber, dass der Glaube, dass die Welt und die Gesellschaften nicht nur vom inneren Kern, der Familie, her bedroht sind, wir erkennen zugleich die äußeren Bedrohungen. Es geht um die Schöpfung, die Wirtschaft, die soziale Frage und mehr. Alles hängt mit allem zusammen, in allem gefährdet der Mensch eine ursprüngliche, der Schöpfung und dem Menschen inhärente Ordnung, von der wir wieder neu oder tiefer lernen müssen, und die wir nicht unsererseits nur dominieren und ausbeuten können. Der große Text „Laudato si“ gibt deshalb drittens eine grundsätzliche Orientierung darüber, wie Christen und alle Menschen guten Willens dazu beitragen können, dass wir unsere Welt bewahren und den nachfolgenden Generationen als eine lebens- und liebenswerte Welt übergeben können. Und Papst Franziskus geht darin selbst voran. Er geht auch selbst an die Ränder dieser Welt. Und er tut es ganz offenbar ohne Angst und in großem Vertrauen, wenn er sich  auch in schwierige Länder und Regionen begibt oder sich immer wieder auf überaus heikle Missionen und Begegnungen einlässt.

IST DER PAPST LIBERAL ODER KONSERVATIV?

Schließlich wird in der Kirche auf der Folie der genannten und anderer Texte von Papst Franziskus immer wieder darüber diskutiert, ob er nun ein Konservativer oder ein Liberaler ist, ob er die bestehende Lehre bewahren, ob er sie entwickeln oder gar verändern will. Die überwiegend liberale mediale und innerkirchliche Beobachtung nimmt die genannten Texte häufig zum Anlass, um den Papst zum liberalen Erneuerer zu stilisieren: Evangelii gaudium nimmt eine solche Lesart gerne als Ausdruck der Dezentralisierung, und nicht als Aufruf zur neuen Evangelisierung. Amoris laetitia liest sie entgegen dem ausdrücklichen Wortlaut als einen Paradigmenwechsel in der Sexualmoral der Kirche, Laudato si endlich als einen Text, in dem deutlich werde, dass es der Kirche vor allem und zuerst um das politische, ökologische und soziale Engagement gehen müsse. Die andere, die traditionsorientiertere Seite blickt eher besorgt auf diese Debatte. Sie fragt, ob da nicht tatsächlich zu viel Veränderung drohe oder zu viel verkehrte Schwerpunktsetzung, die am Ende eine andere Kirche, samt anderer Lehre am Horizont aufscheinen lässt – und ob nicht Lehre, Glaube, Liturgie, der Aufruf zur Bekehrung oder zum Gebet letztlich doch zu kurz kämen. Und ich gestehe: diese Seite kenne ich in der einen oder anderen Frage auch in mir selbst.

ES GEHT UM HEILIGKEIT

Aber tiefer hingesehen und weniger ängstlich meine ich zu sehen, dass der Heilige Vater hier entschieden weder den einen noch den anderen Weg geht. Er sucht vielmehr nach dem Weg der Tiefe, der Ehrlichkeit, der wirklichen Liebesfähigkeit und Glaubwürdigkeit: „Ecclesia semper reformanda“. Und auch wenn er dabei – wie wir alle – womöglich bisweilen Fehler macht, etwa wenn er Situationen oder Menschen vielleicht nicht sofort richtig einschätzt: Ich bin überzeugt, er sucht nach dem Weg mit Jesus und in seinem Geist. Es gibt eine authentische, tief glaubwürdige Linie in seinem Pontifikat. Und das zeigen nicht nur die genannten Texte und seine Initiativen. Ich glaube, es geht ihm wirklich um den Weg der Heiligkeit.

„GAUDETE ET EXSULTATE“

Sein vierter bedeutsamer Text heißt deshalb: „Gaudete et exsultate“. In ihm macht der Papst deutlich, dass der Weg mit Christus ein Weg der Heiligkeit für jede und jeden ist. Ein Weg aus dem Herzen und der Mitte des Glaubens und der Kirche für die Welt, in der wir alle leben. Heiligkeit ist aber weder banale Liberalisierung noch schlichte Zementierung des Bestehenden; Heiligkeit ist der Weg des konkreten, alltäglichen Lebens mit Christus, in der täglichen Umkehr, im vertrauensvollen Gebet, im Leben der Kirche, im liebenden Dienst an den anderen – immer genau an dem Ort, an den ich hingestellt bin. Es ist auch ein Weg in den sich wandelnden Herausforderungen der Welt, die auch die Kirche zu neuen Antworten drängt. Wenn wir daher zuerst und in allem auf Jesus schauen, wenn wir uns mühen, in unserem Leben, in unserer eigenen Durchschnittlichkeit und Sündigkeit immer neu von IHM her berühren und verwandeln zu lassen, dann verändert sich nach und nach das je eigene Leben und dann verändert sich dort, wo ich bin, die Kirche und die Welt, in der ich lebe.

DAS BÖSE KOMMT ANS LICHT

Ich vertraue fest, dass Papst Franziskus aus der Kraft des Heiligen Geistes leben will und lebt, bei allem bloß Menschlichen, das auch ihm wie jedem von uns anhaftet. Ich vertraue deshalb auch, dass ihm kraft seines Amtes das besondere Charisma des Geistes zur Leitung der Kirche gegeben ist. Und ich halte es deshalb für gut möglich, dass gerade heute Vieles von dem, was in der Kirche nur eitel, nur lügenhaft oder sogar böse und verbrecherisch ist, nicht deshalb zum Vorschein kommt, weil der Papst in seiner Führung Fehler machen würde, sondern viel eher auch deshalb, weil durch seine Verkündigung und seine Praxis ein Licht aufleuchtet, in dem erst deutlich wird, wieviel Dunkles, wieviel Abgründiges in der Kirche auch da ist. Dieses Dunkle und Abgründige, diese Lüge und Zweideutigkeit, ja auch das Verbrecherische kann sich vor allem dort behaupten, wo der Wille zur Wahrheit, das Streben nach Heiligkeit, nach Wahrhaftigkeit und Liebe allzu wenig ausgeprägt ist. Es kann überall dort unter der Decke bleiben, wo wir als Gläubige und vor allem wir als Verantwortliche der Kirche allzu kompromisshaft unseren Glauben leben, allzu bedacht auf das eigene Ansehen und den eigenen Vorteil oder allzu arrangiert mit alledem, was uns als vermeintlich gut und vorteilhaft suggeriert wird, aus dem einfachen Grund, weil Menschen und Gesellschaften von heute sich darin bestätigt sehen wollen.

DANKBAR FÜR SEIN ZEUGNIS

Nein, ich sehe keinen Papst, der die Lehre umstürzen will, ich sehe auch keinen, der selbst vertuschen oder sein eigenes Süppchen kochen oder eigene Seilschaften knüpfen will. Ich sehe einen, der die Kirche konsequent in einen Weg der Erneuerung führen will, die weder einfach liberal noch konservativ ist, sondern die aus dem Geist der Heiligkeit, aus dem Geist der Gegenwart des Herrn ein Zeugnis für die Welt sein soll, ein Ort, an dem jeder Mensch Gottes verwandelnde Liebe erfahren und in seinem Herzen heiler werden kann – und mit ihm die Welt. Und ich bin Papst Franziskus dankbar für seinen Dienst und für dieses Zeugnis!

(Bild: Casa Rosada)

Bischof Stefan Oster, Bistum Passau: Weihnachtsbotschaft 2017

Was das Leben reich macht

Auf welche Herzensregung könnten Sie in Ihrem Leben nicht verzichten, ohne dass ein Leben arm oder gar sinnlos wäre? Bischof Stefan Oster macht sich in seiner diesjährigen Weihnachtsbotschaft darüber Gedanken. Er wünscht allen Gläubigen im Bistum Passau und darüber hinaus ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest 2017 und einen guten Start ins neue Jahr.

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Quelle

Bischof Oster: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann“

Mgr. Stefan Oster / Pressestelle Bistum Passau – Pbp

Augsburg: Priester- und Diakonetag zu „Berufung“

Der Passauer Bischof Dr. Stefan Oster SDB hat heute in der Basilika St. Ulrich und Afra an den Inhalt und die Mitte unseres Glaubens erinnert: „Nicht etwas, sondern jemand, nämlich unser Herr Jesus Christus“, betonte Bischof Oster. Ihn in unserem Leben wirklich werden zu lassen, sich an Jesus festzumachen, ein Diener Christi zu sein, gebe uns erst die Freiheit Gott und den Nächsten zu lieben. „Nur wenn uns das nahe geht, spüren wir, er ist die Mitte von allem.“ Mit dem feierlichen Pontifikalamt begann der „Tag der Priester und Diakone“ im Rahmen der Ulrichswoche, der sich heuer mit dem Thema „Berufung“ beschäftigte.

Ausgehend von der Frage, wo das Problem liege, dass es gegenwärtig eher weniger als mehr junge Menschen gibt, die eine geistige Berufung in sich spüren, näherte sich Bischof Oster in seinem Vortrag zum Thema „Jugend, Glaube und Berufungen“ vom christlichen Menschenbild her. Vor rund 100 Priestern und Diakonen beschrieb er die Erfahrung des Seins, die Sinnerfahrung und die Erfahrung einer Christusbeziehung als drei Wege der Berufungsfindung. Diese müssten nicht nacheinander abgelaufen werden, sondern seien meist ineinander verwoben. „Berufung ereignet sich in der konkreten Wirklichkeit.“ Letztlich sei es aber erst durch die Begegnung mit dieser Wirklichkeit möglich, dass die Fähigkeit zur Entscheidung für einen bestimmten Berufungsweg wachse.

Was verwandelt also den Menschen, darf Christus in mein Leben hineinkommen, fragte Bischof Oster. Seine Antwort: Die Erfahrung von Sinn, Beziehung und Leid. „Menschen entwickeln Leidenschaft für andere Menschen, Geschöpfe, Dinge, Tätigkeiten und Ziele. Sie entdecken, was für sie Sinn und Freude macht und was Erfüllung schenkt.“ Für junge Menschen sei es daher wichtig, das zu entdecken und darin sich selbst, Prioritäten zu setzen und diese zu verändern. Letztlich gewinne aber alles in unserem Leben seinen Sinn durch Christus. Erst die Begegnung und Beziehung mit ihm mache uns liebes- und leidensfähig. „Bei Jesus daheim sein, verwandelt alles andere.“

Warum es dennoch immer weniger gelingt, junge Menschen für Gott und die Nachfolge Christi zu gewinnen, machte der Bischof an mehreren Punkten fest und stellt diese als drängende Herausforderungen für die Zukunft der Kirche heraus. Bischof Oster ermutigte dazu, wieder den ganzen Jesus zu verkündigen und dadurch eine neue Leidenschaft für Christus zu entfachen: „Jesus war ein Erdbeben, nicht nur ein lieber Mann!“ Dass es um unser Heil gehe und nicht um einen „Humanismus der Nettigkeit“, gelte es aber auch mit Überzeugung zu vertreten, so der Bischof. „Wenn wir einen Jesus verkünden, der Wellness lehrt, dann werden wir irrelevant“. In der Nachfolge Christi zu leben, bedeute nämlich, sich die Jüngerschaft zum Lebensthema zu machen. Nur wenn wir im, mit und vom Herrn lernen, könnten wir ihn auch lieben. „Das ist unsere Herausforderung“, wandte er sich an die Priester und Diakone, die er gleichermaßen zu echtem, intensivem treuem geistlichem Leben bestärkte: „Wir sind berufen, Gott zu lieben, weil er so großartig ist, und müssen die Sehnsucht nach ihm wecken.“

Bestätigung erhielten seine Aussagen im anschließenden Podiumsgespräch, das Schwester Dr. Theresia Mende OP vom Institut für Neuevangelisierung moderierte.  Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass es das gute Beispiel und Vorbild von authentischen Priesterpersönlichkeiten war, das in jungen Menschen heute noch die Sehnsucht nach einem Leben in der Nachfolge Christi wecken kann.

Vor der Pontifikalvesper mit Bischof Dr. Konrad Zdarsa in der Ulrichsbasilika hatten die Priester und Diakone in sechs Gesprächsrunden die Möglichkeit, sich über Themen der Berufungspastoral auszutauschen. Dabei stand die Frage „Kann man Berufungen machen?“ ebenso im Raum wie die kirchliche Jugendarbeit als Quelle für Berufungen, die Berufungspastoral aus der Sicht von Papst Franziskus, die geistliche Begleitung von jungen Priestern und die Erfahrungen von Anbetungsinitiativen.

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 10.07.2017)

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Quelle