DER HEILIGE JOHANNES PAUL II. IM STUNDENBUCH (BREVIER)

Newly elected Pope John Paul II -- Polish Cardinal Karol Wojtyla -- is pictured as he greets the world from the central balcony of St. Peter's Basilica Oct. 16, 1978. Blessed John Paul II and Blessed John XXIII will become saints April 27, the feast of the Divine Mercy, in a ceremony led by Pope Francis at the Vatican. (CNS photo/Catholic Press Photo) (Sept. 30, 2013) See JPII-JXXIII (UPDATED) Sept. 30, 2013.

Papst Johannes Paul II. am 22. Oktober 1978

Proprium der Heiligen – 22. Oktober – Hl. Johannes Paul II.

22. Oktober

HEILIGER JOHANNES PAUL II.
PAPST

LESEHORE

ZWEITE LESUNG

Johannes Paul II. (+2005)

Aus der Ansprache des Heiligen Johannes Paul II., Papst, am Beginn des Pontifikats (22. Oktober 1978)

Habt keine Angst! Öffnet die Tore für Christus!

Petrus ist nach Rom gekommen! Nur der Gehorsam gegenüber dem Auftrag des Herrn hat seine Schritte geführt und ihn bis zu dieser Stadt gelangen lassen, dem Herzen des Römischen Reiches. Vielleicht wäre er lieber dort geblieben, an den Ufern des Sees von Gennesaret, bei seinem Boot mit den Fischernetzen. Aber unter der Führung des Herrn und seinem Auftrag getreu ist er hierhergekommen!

Nach einer alten Überlieferung wollte Petrus während der Verfolgung des Nero die Stadt Rom verlassen. Da aber griff der Herr ein: er ging ihm entgegen. Petrus sprach ihn an und fragte: „Quo vadis, Domine?“ „Wohin gehst du, Herr?“ und der Herr antwortete sofort: „Ich gehe nach Rom, um dort ein zweites Mal gekreuzigt zu werden.“ Da kehrte Petrus nach Rom zurück und ist dort bis zu seiner Kreuzigung geblieben.

Unsere Zeit lädt uns dazu ein, drängt und verpflichtet uns, auf den Herrn zu schauen und uns in eine demütige und ehrfürchtige Betrachtung des Geheimnisses der höchsten Gewalt Jesu Christi selbst zu vertiefen. Er, der aus der Jungfrau Maria geboren wurde, der Sohn des Zimmermanns — wie man glaubte —, der Sohn des lebendigen Gottes — wie Petrus bekannte —, ist gekommen, um uns alle zu einem „königlichen Priestertum“ zu machen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns das Geheimnis dieser Herrschergewalt wiederum in Erinnerung gebracht und auch die Tatsache, dass die Sendung Christi als Priester, prophetischer Lehrer und König in der Kirche fortdauert. Alle, das ganze Volk Gottes, haben Anteil an dieser dreifachen Sendung. In der Vergangenheit hat man vielleicht dem Papst die Tiara, die dreifache Krone, aufs Haupt gesetzt, um durch diese symbolische Geste den Heilsplan Gottes für seine Kirche zum Ausdruck zu bringen, dass nämlich die ganze hierarchische Ordnung der Kirche Christi, die ganze in ihr ausgeübte „heilige Gewalt“ nichts anderes ist als Dienst, ein Dienst, der nur das eine Ziel hat: dass das ganze Volk Gottes an dieser dreifachen Sendung Christi Anteil habe und immer unter der Herrschaft des Herrn bleibe, die ihre Ursprünge nicht in den Mächten dieser Welt, sondern im Geheimnis des Todes und der Auferstehung hat.

Die uneingeschränkte und doch milde und sanfte Herrschaft des Herrn ist die Antwort auf das Tiefste im Menschen, auf die höchsten Erwartungen seines Verstandes, seines Willens und Herzens. Sie spricht nicht die Sprache der Gewalt, sondern äußert sich in Liebe und Wahrheit. Der neue Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl in Rom betet heute innig, demütig und vertrauensvoll: „Christus! lass mich ganz Diener deiner alleinigen Herrschaft werden und sein! Diener deiner sanften Herrschaft! Diener deiner Herrschaft, die keinen Untergang kennt! Lass mich Diener sein! Mehr noch ein Diener deiner Diener!“

Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen!

Helft dem Papst und allen, die Christus und mit der Herrschaft Christi dem Menschen und der ganzen Menschheit dienen wollen!

Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, „was im Innern des Menschen ist“. Er allein weiß es!

Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also — ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an —, erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens, ja, des ewigen Lebens!

RESPONSORIUM

R Habt keine Angst: Der Erlöser der Menschheit hat die Macht des Kreuzes offenbart und für uns das Leben gegeben! * Öffnet, reißt die Tore weit auf für Christus!

V In der Kirche sind wir dazu berufen, an seiner Macht Anteil zu haben. * Öffnet, reißt die Tore weit auf für Christus!

Oration Gott, du bist reich an Erbarmen und hast den heiligen Papst Johannes Paul II. zur Leitung deiner ganzen Kirche bestellt; gib, dass wir, durch seine Lehre geführt, unsere Herzen vertrauensvoll öffnen für die heilbringende Gnade Christi, des einzigen Erlösers der Menschheit. Der mit dir lebt und herrscht in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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Quelle

LITURGISCHE TEXTE ZU EHREN VON JOHANNES PAUL II., PAPST

01914-Profess-03

KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

STUNDENGEBET

22. Oktober *

HEILIGER JOHANNES PAUL II. PAPST

Karl Josef Wotjtyła wurde 1920 in Wadowice in Polen geboren. Nach der Priesterweihe und dem Studium der Theologie in Rom kehrte er in die Heimat zurück und übernahm verschiedene pastorale und akademische Aufgaben. Er wurde zunächst Weihbischof und 1964 Erzbischof von Krakau und nahm am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Am 16. Oktober 1978 wurde er zum Papst gewählt und nahm den Namen Johannes Paul II. an. Sein außerordentlicher apostolischer Eifer, besonders für Familien, Jugendliche und Kranke, führte ihn auf unzählige Pastoralreisen in der ganzen Welt. Zu den vielen Früchten, die er der Kirche als Erbe hinterlassen hat gehören vor allem sein reiches Lehramt und die Promulgation des Katechismus der Katholischen Kirche sowie des Codex des Kanonischen Rechts für die lateinische Kirche und für die Ostkirchen. Er entschlief im Herrn am 2. April 2005, dem Vorabend des Zweiten Sonntags der Osterzeit (von der göttlichen Barmherzigkeit), in Rom.

Commune für einen Hirten der Kirche: für einen Papst.

Lesehore

Zweite Lesung

Aus der Ansprache des Heiligen Johannes Paul II., Papst, am Beginn des Pontifikats

(22. Oktober 1978: AAS 70 [1978], 945-947)Habt keine Angst! Öffnet die Tore für Christus!

Petrus ist nach Rom gekommen! Nur der Gehorsam gegenüber dem Auftrag des Herrn hat seine Schritte geführt und ihn bis zu dieser Stadt gelangen lassen, dem Herzen des Römischen Reiches. Vielleicht wäre er lieber dort geblieben, an den Ufern des Sees von Gennesaret, bei seinem Boot mit den Fischernetzen. Aber unter der Führung des Herrn und seinem Auftrag getreu ist er hierhergekommen!

Nach einer alten Überlieferung wollte Petrus während der Verfolgung des Nero die Stadt Rom verlassen. Da aber griff der Herr ein: er ging ihm entgegen. Petrus sprach ihn an und fragte: “Quo vadis, Domine?” — “Wohin gehst du, Herr?” und der Herr antwortete sofort: “Ich gehe nach Rom, um dort ein zweites Mal gekreuzigt zu werden.” Da kehrte Petrus nach Rom zurück und ist dort bis zu seiner Kreuzigung geblieben.

Unsere Zeit lädt uns dazu ein, drängt und verpflichtet uns, auf den Herrn zu schauen und uns in eine demütige und ehrfürchtige Betrachtung des Geheimnisses der höchsten Gewalt Jesu Christi selbst zu vertiefen.

Er, der aus der Jungfrau Maria geboren wurde, der Sohn des Zimmermanns — wie man glaubte —, der Sohn des lebendigen Gottes — wie Petrus bekannte —, ist gekommen, um uns alle zu einem “königlichen Priestertum” zu machen.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns das Geheimnis dieser Herrschergewalt wiederum in Erinnerung gebracht und auch die Tatsache, dass die Sendung Christi als Priester, prophetischer Lehrer und König in der Kirche fortdauert. Alle, das ganze Volk Gottes, haben Anteil an dieser dreifachen Sendung. In der Vergangenheit hat man vielleicht dem Papst die Tiara, die dreifache Krone, aufs Haupt gesetzt, um durch diese symbolische Geste den Heilsplan Gottes für seine Kirche zum Ausdruck zu bringen, dass nämlich die ganze hierarchische Ordnung der Kirche Christi, die ganze in ihr ausgeübte “heilige Gewalt” nichts anderes ist als Dienst, ein Dienst, der nur das eine Ziel hat: dass das ganze Volk Gottes an dieser dreifachen Sendung Christi Anteil habe und immer unter der Herrschaft des Herrn bleibe, die ihre Ursprünge nicht in den Mächten dieser Welt, sondern im Geheimnis des Todes und der Auferstehung hat.

Die uneingeschränkte und doch milde und sanfte Herrschaft des Herrn ist die Antwort auf das Tiefste im Menschen, auf die höchsten Erwartungen seines Verstandes, seines Willens und Herzens. Sie spricht nicht die Sprache der Gewalt, sondern äußert sich in Liebe und Wahrheit.

Der neue Nachfolger Petri auf dem Bischofsstuhl in Rom betet heute innig, demütig und vertrauensvoll: “Christus! lass mich ganz Diener deiner alleinigen Herrschaft werden und sein! Diener deiner sanften Herrschaft! Diener deiner Herrschaft, die keinen Untergang kennt! Lass mich Diener sein! Mehr noch ein Diener deiner Diener!”

Brüder und Schwestern! Habt keine Angst, Christus aufzunehmen und seine Herrschergewalt anzuerkennen!

Helft dem Papst und allen, die Christus und mit der Herrschaft Christi dem Menschen und der ganzen Menschheit dienen wollen!

Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts seiner rettenden Macht! Habt keine Angst! Christus weiß, “was im Innern des Menschen ist”. Er allein weiß es!

Heute weiß der Mensch oft nicht, was er in seinem Innern, in der Tiefe seiner Seele, seines Herzens trägt. Er ist deshalb oft im Ungewissen über den Sinn seines Lebens auf dieser Erde. Er ist vom Zweifel befallen, der dann in Verzweiflung umschlägt. Erlaubt also — ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an —, erlaubt Christus, zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens, ja, des ewigen Lebens!

Responsorium

R/.  Habt keine Angst: Der Erlöser der Menschheit hat die Macht des Kreuzes offenbart und für uns das Leben gegeben! * Öffnet, reißt die Tore weit auf für Christus!

V/.  In der Kirche sind wir dazu berufen, an seiner Macht Anteil zu haben. * Öffnet, reißt die Tore weit auf für Christus!

Oration

Gott, du bist reich an Erbarmen und hast den Heiligen Papst Johannes Paul II. zur Leitung deiner ganzen Kirche bestellt; gib, dass wir, durch seine Lehre geführt, unsere Herzen vertrauensvoll öffnen für die heilbringende Gnade Christi, des einzigen Erlösers der Menschheit. Der mit dir lebt und herrscht  in der Einheit des Heiligen Geistes, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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Quelle

*) Siehe: Decretum


Commune für einen Hirten der Kirche: für einen Papst.

Tagesgebet

Gott, du bist reich an Erbarmen
und hast den Heiligen Papst Johannes Paul II.
zur Leitung deiner ganzen Kirche bestellt;
gib, dass wir, durch seine Lehre geführt,
unsere Herzen vertrauensvoll öffnen
für die heilbringende Gnade Christi,
des einzigen Erlösers der Menschheit.
Der mit dir lebt und herrscht
in der Einheit des Heiligen Geistes,
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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Quelle

DIE PSALMEN AUSGELEGT VON JOHANNES PAUL II. UND BENEDIKT XVI.

Pope

 

(Fortsetzung vom 1. Teil)

JOHANNES PAUL II.

Zu einem Psalm
der ersten Vesper vom Sonntag der ersten Woche

Psalm 141,1-9

1

Herr, ich rufe zu dir. Eile mir zu Hilfe;
höre auf meine Stimme, wenn ich zu dir rufe.

2

Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf;
als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe.

3

Herr, stell eine Wache vor meinen Mund,
eine Wehr vor das Tor meiner Lippen!

4

Gib, daß mein Herz sich bösen Worten nicht zuneigt,
daß ich nichts tue, was schändlich ist, zusammen mit Menschen,
die Unrecht tun. Von ihren Leckerbissen will ich nicht kosten.

5

Der Gerechte mag mich schlagen aus Güte:
Wenn er mich bessert, ist es Salböl für mein Haupt;
da wird sich mein Haupt nicht sträuben.
Ist er in Not, will ich stets für ihn beten.

6

Haben ihre Richter sich auch die Felsen hinabgestürzt,
sie sollen hören, daß mein Wort für sie freundlich ist.

7

Wie wenn man Furchen zieht und das Erdreich aufreißt,
so sind unsre Glieder hingestreut an den Rand der Unterwelt.

8

Mein Herr und Gott, meine Augen richten sich auf dich;
bei dir berge ich mich. Gieß mein Leben nicht aus!

9

Vor der Schlinge, die sie mir legten, bewahre mich,
vor den Fallen derer, die Unrecht tun!

Bitte um Bewahrung

1. In den vorhergehenden Katechesen haben wir einen Überblick von der Struktur und dem Wert der Liturgie der Vesper, des großen kirchlichen Abendgebetes, gegeben. Jetzt dringen wir ins Innere vor. Es ist gleichsam ein Pilgern in jene Art »Heiliges Land«, das hier aus Psalmen und Cantica besteht. Wir werden bei jedem einzelnen dieser poetischen Gebete, die Gott mit seiner Inspiration besiegelt hat, halt­machen. Es sind die Anrufungen, die auf Wunsch des Herrn an ihn zu richten sind. Er hört sie gern, weil er in ihnen den Herzschlag seiner geliebten Kinder vernimmt.
Wir beginnen mit Psalm 141, der die sonntägliche Vesper in der ersten Woche des Vier-Wochen-Psalters eröffnet, in den das Abendgebet der Kirche seit dem Konzil gegliedert ist.

2. »Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf; als Abendopfer gelte vor dir, wenn ich meine Hände erhebe.« Vers 2 dieses Psalms kann als kennzeichnend für den gan­zen Psalm betrachtet werden und als offensichtliche Be­rechtigung dafür, daß er in die Liturgie der Vesper eingebaut wurde. Die Idee spiegelt den Geist der prophetischen Theo­logie wider, die den Kult mit dem Leben, das Gebet mit dem Dasein vereint.
Das Gebet mit reinem und aufrichtigem Herzen wird zu ei­nem Opfer, das Gott dargebracht wird. Das ganze Wesen der Person, die betet, wird ein Opferakt mit der Vorweg­nahme dessen, was der Apostel Paulus gelehrt hat, als er die Christen einlud, sich selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist das geistliche Opfer, das er annimmt (vgl. Röm 12,1).
Die zum Gebet erhobenen Hände sind eine Verbindungs­brücke zu Gott, wie es der Rauch ist, der als angenehmer Duft vom Opfertier während des Abendopfers aufsteigt.

3. Der Psalm geht weiter im Ton einer Bitte, die uns von einem Text überliefert ist, der im hebräischen Original nicht wenige Schwierigkeiten und Unverständlichkeiten für die Deutung aufweist (vor allem in den Versen 4-7).
Der allgemeine Sinn kann dennoch erkannt und in Medi­tation und Gebet verwandelt werden. Der betende Mensch bittet den Herrn vor allem, er möge ihn davor bewahren, daß seine Lippen (V. 3) und die Gefühle seines Herzens vom Bösen angezogen werden und ihn dazu verleiten, etwas zu tun, »was schändlich ist« (V. 4). Denn die Worte und Werke sind Ausdruck der moralischen Entscheidung der Person. Es ist leicht möglich, daß das Böse auch auf den Gläubigen eine große Anziehung ausübt und daß er die »Leckerbis­sen« verkostet, die die Sünder anbieten können, wenn er sich an ihren Tisch setzt, das heißt an ihrem unrechten Tun teilhat.
Der Psalm bekommt somit den Beigeschmack einer Gewis­senserforschung, auf die das Bemühen folgt, immer Gottes Wege zu wählen.

4. Aber an dieser Stelle ist der Beter so tief erschüttert, daß er in leidenschaftlichen Worten jede Komplizenschaft mit dem Frevler ablehnt: Er will bei dem Frevler nicht zu Gast sein und nicht zulassen, daß das für die hochrangigen Gäste vorbehaltene wohlriechende Salböl (vgl. Ps 23,5) ein Beweis ist für seine Mitwisserschaft mit den Menschen, die Unrecht tun (vgl. Ps 140,4). Um seine radikale Absage an den Frevler noch zu verstärken, spricht der Psalmist ihm dann voller Entrüstung seine Mißbilligung aus, die er in drastischen Bil­dern als ein strenges Gericht beschreibt.
Es handelt sich um eine der typischen Flüche des Psalters (vgl. Ps 58 und 109), die den Zweck haben, plastisch und sogar malerisch die Feindschaft gegenüber dem Bösen und die Entscheidung für das Gute zu beteuern sowie die Ge­wißheit zu bekräftigen, daß Gott in die Geschichte eingreift durch sein Gericht und die strenge Bestrafung der Unge­rechtigkeit (vgl. V. 6-7).

5. Der Psalm endet mit einer letzten vertrauensvollen Bitte (vgl. V. 8-9): Es ist ein Lied des Glaubens, des Dankes und der Freude in der Gewißheit, daß der Gläubige nicht in den Haß einbezogen wird, den die Frevler ihm gegenüber he­gen, und daß er nicht in die Falle gerät, die sie ihm stellen, nachdem sie seinen festen Entschluß für das Gute bemerkt hatten. Der Gerechte wird so jeder Gefahr heil entkommen, wie es in einem anderen Psalm heißt: »Unsere Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen: das Netz ist zer­rissen, und wir sind frei« (Ps 124,7).
Wir beenden unsere Lektüre des Psalms 141, indem wir zum anfänglichen Bild zurückkehren, dem des Abendgebe­tes als ein Gott wohlgefälliges Opfer. Ein großer geistlicher Lehrer, Johannes Cassian, der zwischen dem 4. und 5. Jahr­hundert gelebt hat, aus dem Orient kam und seinen Lebens­abend im südlichen Gallien verbrachte, hat die Psalmworte nach einem christologischen Schlüssel gedeutet: »In ihnen kann man in höherem Sinn eine Anspielung auf das Abend­opfer sehen, das vom Herrn und Erlöser während seines letzten Abendmahls vollbracht und den Aposteln aufgetra­gen wurde, als er den Anfang der heiligen Geheimnisse der Kirche setzte; oder (man kann darin eine Anspielung sehen) an das Opfer, das er am Abend des folgenden Tages in sich selbst durch die Erhebung seiner Hände darbrachte, ein Op­fer, das sich bis ans Ende der Zeiten für das Heil der gan­zen Welt fortsetzen wird« (Giovanni Cassiano, Le istituzioni cenobitiche, Padua 1989, S. 92).

Generalaudienz vom 16. November 2005

 

JOHANNES PAUL II.

Zu einem Psalm
der ersten Vesper vom Sonntag der ersten Woche

Psalm 142

2

Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn,
laut flehe ich zum Herrn um Gnade.

3

Ich schütte vor ihm meine Klagen aus,
eröffne ihm meine Not.

4

Wenn auch mein Geist in mir verzagt,
du kennst meinen Pfad.
Auf dem Weg, den ich gehe,
legten sie mir Schlingen.

5

Ich blicke nach rechts und schaue aus,
doch niemand ist da, der mich beachtet.
Mir ist jede Zuflucht genommen,
niemand fragt nach meinem Leben.

6

Herr, ich schreie zu dir, ich sage: Meine Zuflucht bist du,
mein Anteil im Land der Lebenden.

7

Vernimm doch mein Flehen; denn ich bin arm und elend.
Meinen Verfolgern entreiß mich; sie sind viel stärker als ich.

8
Führe mich heraus aus dem Kerker,
damit ich deinen Namen preise.
Die Gerechten scharen sich um mich,
weil du mir Gutes tust.

 

Hilferuf in schwerer Bedängnis

1. Am Abend des 3. Oktober 1226 verstarb der hl. Franz von Assisi. Sein letztes Gebet war der Psalm 142, den wir so­eben gehört haben. Der hl. Bonaventura berichtet, daß Fran­ziskus »in den Ruf des Psalms ausbrach: ›Mit lauter Stimme schreie ich zum Herrn, laut flehe ich zum Herrn um Gnade‹, und er sprach ihn bis zum letzten Vers: ›Die Gerechten scha­ren sich um mich, weil du mir Gutes tust«‹ (Legenda maior, XIV, 5, in: Fonti francescane, Padua – Assisi 1980, S. 958).
Der Psalm ist ein dringender Hilferuf mit einer Reihe von Bitten, die an den Herrn gerichtet sind: »Ich schreie«, »ich flehe laut zum Herrn«, »ich schütte vor ihm meine Klagen aus«, »eröffne ihm meine Not« (V. 2-3). Im mittleren Teil des Psalms herrscht das Vertrauen auf Gott vor, dem das Leid des Gläubigen nicht gleichgültig ist (vgl. V. 4-8). In dieser Haltung sah der hl. Franz dem Tod entgegen.

2. Gott wird mit »Du« angesprochen, wie eine Person, die Sicherheit gibt: »Meine Zuflucht bist du« (V. 6). »Du kennst meinen Pfad«, das heißt meinen Lebensweg, einen Weg, der von der Suche nach Gerechtigkeit gekennzeichnet ist. Aber auf diesem Weg legten die Gottlosen mir Schlingen (vgl. V. 4): Es ist das typische Bild, das den Jagdszenen entnom­men ist und in den Bittrufen der Psalmen häufig auftritt, um auf die Gefahren und Tücken hinzuweisen, denen der Gerechte ausgesetzt ist.
Angesichts dieses Alptraums gibt der Psalmist sozusagen ein Alarmsignal, damit Gott seine Lage sieht und eingreift: »Ich blicke nach rechts und schaue aus« (V. 5). Nach ori­entalischem Brauch stand am Gerichtsort rechts von einer Person der Verteidiger oder der entlastende Zeuge und im Kriegsfall die Leibwache. Der Gläubige ist also allein und verlassen, »niemand ist da, der mich beachtet«. Er stellt vol­ler Angst fest: »Mir ist jede Zuflucht genommen, niemand fragt nach meinem Leben« (V. 5).

3. Ein Schrei, gleich danach, offenbart die Hoffnung, die im Herzen des Betenden wohnt. Der einzige Schutz und die ein­zige wirksame Nähe ist Gott: »Meine Zuflucht bist du, mein Anteil im Land der Lebenden« (V. 6). »Anteil« bedeutet im Sprachgebrauch der Bibel das Geschenk des verheißenen Lan­des, das Zeichen der Liebe Gottes zu seinem Volk. Der Herr ist nun letztes und einziges Fundament, auf das man sich stützen kann, die einzige Lebensmöglichkeit, die letzte Hoffnung.
Der Psalmist ruft ihn eindringlich an, denn er ist »arm und elend« (V. 7). Er bittet ihn einzugreifen und die Ketten sei­nes Kerkers der Verlassenheit und Anfeindung zu zerreißen und ihn aus dem Abgrund der Prüfung herauszuführen (vgl. V. 8).

4. Wie in anderen Bittpsalmen ist der letzte Ausblick eine Danksagung, die nach der Erhörung Gott dargebracht wird: »Führe mich heraus aus dem Kerker, damit ich deinen Na­men preise« (ebd.). Der Gläubige wird nach seiner Rettung dem Herrn inmitten der liturgischen Versammlung danken (vgl. ebd.). Die Gerechten werden sich um ihn scharen und das Heil des Bruders als ein Geschenk aufnehmen, das auch ihnen zuteil wird.
Diese Atmosphäre sollte auch in den christlichen Versamm­lungen herrschen. Der Schmerz des einzelnen soll in den Herzen aller Widerhall finden; ebenso soll die Freude eines jeden von der ganzen betenden Gemeinde geteilt werden. Denn es ist »gut und schön, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen« (Ps 133,1), und der Herr Jesus hat ge­sagt: »Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versam­melt sind, bin ich mitten unter ihnen« (Mt 18,20).

5. Die christliche Tradition hat Psalm 142 auf den ver­folgten und leidenden Christus angewandt. In dieser Sicht verwandelt sich das leuchtende Ziel des Bittpsalms in ein österliches Zeichen aufgrund des herrlichen Ausgangs des Lebens Christi und unserer Bestimmung der Auferstehung mit ihm. Das bekräftigt der hl. Hilarius von Poitiers, der berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, in seinem Traktat über die Psalmen.
Er kommentiert die lateinische Übersetzung des letzten Psalmverses, wo von der Belohnung des Betenden und der Erwartung der Gerechten die Rede ist: Me expectant iusti, donec tribuas mihi. Hilarius erklärt: »Der Apostel lehrt uns, welche Belohnung der Vater seinem Sohn Jesus Christus ge­geben hat: ›Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr — zur Ehre Gottes, des Vaters‹ (Phil 2,9-11). Das ist der Lohn: dem Leib, den er angenom­men hat, wird die ewige Herrlichkeit des Vaters geschenkt. Was dann die Erwartung der Gerechten bedeutet, lehrt uns der Apostel, wenn er sagt: ›Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter, der unseren armseligen Leib verwan­deln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes‹ (Phil 3,20-21). In der Tat, die Gerechten warten auf ihn, damit er sie belohnt, das heißt, daß er sie der Herrlichkeit seines Lei­bes gleich macht, der gepriesen sei von Ewigkeit zu Ewig­keit. Amen« (Patrologia Latina 9,833-837).

Generalaudienz vom 12. November 2003

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Quelle: Buch „DIE PSALMEN – DAS ABENDGEBET DER KIRCHE – ausgelegt von JOHANNES PAUL II. und BENEDIKT XVI. – Sankt Ulrich-Verlag GmbH, 2006

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Fortsetzung folgt!

 

DIE PSALMEN AUSGELEGT VON JOHANNES PAUL II. UND BENEDIKT XVI.

p2

JOHANNES PAUL II.

Zur Bedeutung der Vesper

1. »Jeden Tag erfahren wir aufs neue das Wirken der Güte Gottes« (vgl. Präfation für die Sonntage im Jahreskreis, VI). Des­halb hatte man in der Kirche immer das Bedürfnis, die Tage und Stunden des menschlichen Lebens dem Lob Gottes zu widmen. Der Aufgang und der Untergang der Sonne, für alle Völker zwei typische religiöse Momente, galten schon in der biblischen Tradition durch die morgendliche und abendliche Darbringung des Opfers (vgl. Ex 29,38-39) und des brennenden Räucherwerks (vgl. Ex 30,6 -8) als heilig; auch für die Christen sind sie seit den ersten Jahrhunderten zwei besondere Gebetszeiten.
Der Aufgang der Sonne und ihr Untergang sind keine anony­men Tageszeiten. Sie haben unverwechselbare Kennzeichen: die freudvolle Schönheit einer Morgendämmerung und der wunderbare Glanz eines Sonnenuntergangs kennzeichnen die Rhythmen des Universums, in die das Leben des Men­schen von Grund auf mit einbezogen ist. Außerdem hat das Heilsgeheimnis, das in der Geschichte Wirklichkeit wird, seine Momente an verschiedene Zeitabschnitte gebunden. Darum hat sich mit der Feier der Laudes am Tagesanfang in der Kirche auch die Feier der abendlichen Vesper durchge­setzt. Das eine und das andere Stundengebet hat eine eigene evokative Funktion, die die beiden wesentlichen Aspekte des Ostergeheimnisses hervorhebt: »Am Abend hängt der Herr am Kreuz, am Morgen steht er von den Toten auf … Am Abend erzähle ich von den Leiden, die er im Tod erlit­ten; am Morgen verkünde ich das Leben dessen, der aufer­standen ist« (Sant’Agostino, Esposizioni sui Salmi, II, Nuova Biblioteca Agostiniana 26, Roma 1971, S. 109).
Die Laudes als Morgengebet und die Vesper als Abendgebet bilden, gerade weil sie mit dem Gedächtnis des Todes und der Auferstehung Christi verbunden sind, »nach der ehr­würdigen Überlieferung der Gesamtkirche die beiden An­gelpunkte des täglichen Stundengebetes« (II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Sacrosanctum Concilium, 89).

2. Im Altertum brachte das Anzünden der Lampe nach Sonnenuntergang einen Ton von Wärme und Gemeinschaft ins Haus. Wenn die christliche Gemeinschaft bei Anbruch des Abends die Lampe anzündete, bat sie auch dankbaren Herzens um das Geschenk des geistlichen Lichtes. Das war das sogenannte »Lucernar«, das heißt das rituelle Anzün­den der Lampe, deren Flamme Christus symbolisiert, »die Sonne, die nicht untergeht«.
In der Tat, wenn die Dunkelheit einbricht, wissen die Chri­sten, daß Gott auch die finstere Nacht durch den Glanz seiner Gegenwart und durch das Licht seiner Lehre erhellt. Hier ist an den ältesten gebräuchlichen Hymnus beim Anzünden der Lampe, Fos hilarón, zu erinnern, der in die armenische und äthiopische byzantinische Liturgie aufgenommen wurde: »Jesus Christus, helles Licht der Herrlichkeit des unsterbli­chen, himmlischen, heiligen, seligen Vaters! Nach Sonnen­untergang lobpreisen wir im Abendlicht Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Es ist würdig, dir, Sohn Gottes, zu allen Zeiten mit wohlklingenden Stimmen Lob zu singen; du hast uns das Leben gegeben. Darum verkündet das Uni­versum deine Herrlichkeit.« Auch der Westen hat viele Lie­der verfaßt, um Christus, das Licht, zu feiern.
Indem es aus der Symbolik des Lichtes seine Inspiration schöpfte, hat sich das Beten der Vesper zum abendlichen Op­fer des Lobes und Dankes für das Geschenk des physischen und geistlichen Lichtes und für die übrigen Geschenke der Schöpfung und der Erlösung entwickelt. Der hl. Cyprian schreibt: »Ebenso hat man unbedingt wieder zu beten, wenn die Sonne untergeht und der Tag sich neigt; denn Christus ist die wahre Sonne und der wahre Tag. Wenn wir also beim Untergang der zeitlichen Sonne und beim Schwinden des zeitlichen Tages darum beten und bitten, das Licht möge von neuem über uns aufgehen, so flehen wir um die An­kunft Christi, die uns die Gnade des ewigen Lichtes bringen soll« (De oratione dominica, 35; Patrologia Latina 4,560; Des Heiligen Kirchenvaters Caecilius Cyprianus Traktate, Bibliothek der Kirchenväter, 34, Kempten – München 1918, S. 195).

3. Der Abend ist der richtige Zeitpunkt, um im Gebet vor Gott den vergangenen Tag zu überdenken. Er ist der Mo­ment, »um für das, was uns geschenkt wurde oder was wir mit Rechtschaffenheit vollbracht haben, zu danken« (Ba­silius, Regulae fusius tractatae, 37,3; Patrologia Graeca 3,1015). Er ist auch der Zeitpunkt, an dem wir um Verge­bung bitten für das, was wir an Bösem getan haben, wäh­rend wir die göttliche Barmherzigkeit bitten, daß Christus wieder in unsere Herzen einkehre.
Aber der anbrechende Abend zeigt auch das mysterium noctis an. Die Dunkelheit wird als Gelegenheit zu häufigen Versuchungen und der besonderen Schwäche und Nachgie­bigkeit gegenüber den Angriffen des Teufels empfunden. Durch ihre Gefahren wird die Nacht zum Symbol alles Bö­sen, von dem Christus uns befreit hat. Andererseits läßt uns das Abendgebet am Ostergeheimnis teilhaben, in dem »die Nacht hell wird wie der Tag« (Exultet). Und das Gebet läßt die Hoffnung auf den Übergang vom vergänglichen Tag zum dies perennis, vom schwachen Licht der Lampe zum lux perpetua, von der wachsamen Erwartung des Tagesanbruchs zur Begegnung mit dem König der ewigen Herrlichkeit auf­kommen.

4. Die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht regelte für den Menschen der Antike mehr noch als für uns das Dasein und löste das Nachdenken über die großen Lebensfragen aus. Der moderne Fortschritt hat die Beziehung zwischen dem menschlichen Leben und der kosmischen Zeit etwas gewandelt. Aber der schnelle Rhythmus der menschlichen Aktivität hat die Menschen von heute den Rhythmen des Sonnenzyklus doch nicht ganz entzogen.

Die beiden Schwerpunkte des täglichen Gebets behalten ihre ganze Bedeutung, weil sie mit unveränderlichen Phä­nomenen und unmittelbarer Symbolik verbunden sind. Der Morgen und der Abend sind immer angemessene Zeiten, in Gemeinschaft oder als einzelner zu beten. So erweisen sich die Stundengebete der Laudes und der Vesper, verbunden mit besonderen Zeiten unseres Lebens und Wirkens, als ein gutes Mittel, um unseren täglichen Weg erfolgreich auf Christus, »das Licht der Welt« ( Joh 8,12), auszurichten und hinzulenken.

Generalaudienz vom 8. Oktober 2003

 

JOHANNES PAUL II.

Zum Aufbau der Vesper

1. Aus vielen Zeugnissen wissen wir, daß die Laudes und die Vesper seit dem 4. Jahrhundert eine feste Einrichtung in allen großen Kirchen des Westens und des Ostens sind. Der hl. Ambrosius zum Beispiel bezeugt es so: »Wie wir jeden Tag mit Gott beginnen und in Ihm beenden, indem wir in die Kirche gehen oder zu Hause beten, so nimmt der Tag unseres ganzen Lebens auf Erden und der Verlauf jedes ein­zelnen Tages immer von Ihm seinen Anfang und endet in Ihm« (De Abraham, II, 5,22).
Die Laudes ist an den Tagesanfang gestellt, und die Vesper hat ihren Platz beim Sonnenuntergang, in der Stunde, in der im Jerusalemer Tempel das Rauchopfer dargebracht wurde. Zu dieser Stunde ruhte Jesus im Grab, nach seinem Tod am Kreuz und nachdem er sich dem Vater für das Heil der Welt als Opfer hingegeben hatte.
Die einzelnen Kirchen haben, den jeweiligen Traditionen folgend, das Stundengebet ihren rituellen Gepflogenheiten entsprechend geregelt. Wir betrachten hier den römischen Ritus.

2. Das Stundengebet beginnt mit dem Bittruf: Deus in adiutorium nach dem zweiten Vers des Psalms 70, den der hl. Benedikt für jedes Stundengebet Der Vers erin­nert daran, daß die Gnade, Gott würdig zu loben, allein von ihm kommen kann. Es folgt das »Ehre sei dem Vater …«, weil der Lobpreis der Dreifaltigkeit die grundlegende Aus­richtung des christlichen Betens ausdrückt. Am Schluß wird das Halleluja angefügt (ausgenommen in der Fastenzeit), das jüdische Wort für Lobt den Herrn, das für die Christen eine frohe Kundgabe des Vertrauens in den Schutz geworden ist, den Gott seinem Volk gewährt.
Der gesungene Hymnus läßt die Gründe des Lobes seitens der betenden Kirche erklingen, indem er in der Abendstunde mit dichterischer Eingebung die zum Heil des Menschen vollbrachten Geheimnisse, insbesondere das von Christus am Kreuz vollbrachte Opfer, in Erinnerung ruft.

3. Die Psalmodie der Vesper besteht aus zwei dieser Stunde angemessenen Psalmen und aus einem dem Neuen Testa­ment entnommenen Canticum. Die Typologie der für die Ves­per bestimmten Psalmen weist verschiedene Nuancen auf. Es gibt die Psalmen des »Lucernars«, in denen ausdrücklich der Abend, die Lampe oder das Licht erwähnt werden; die Psalmen, die das Vertrauen auf Gott als sichere Zuflucht in der Vorläufigkeit des menschlichen Lebens bekunden; die Dank- und Loblieder; die Psalmen, in denen der eschatolo­gische Sinn durchscheint, auf den das Tagesende hinweist, und andere Psalmen in Form von Weisheitsliedern oder in bußfertigem Ton. Wir finden außerdem Psalmen des »Hallel« mit Bezug auf das letzte Abendmahl Jesu mit den Jüngern. In der lateinischen Kirche wurden Elemente überliefert, die das Verständnis der Psalmen und ihre christliche Auslegung, wie Titel, Orationen und vor allem Antiphonen erleichtern (vgl. Prinzipien und Normen für die Feier des Stundengebets, 110-120). Einen besonderen Platz hat die Kurzlesung, die in der Vesper dem Neuen Testament entnommen ist. Sie hat den Zweck, einen biblischen Sinnspruch mit Nachdruck und Entschie­denheit anzubieten und ihn in die Herzen einzusenken, da­mit er im Leben umgesetzt wird (vgl. ebd., 45, 156, 172). Um die Verinnerlichung des Gehörten zu erleichtern, folgt auf die Lesung ein angemessenes Stillschweigen und ein Re­sponsorium, das die Aufgabe hat, mit einigen gesungenen Versen auf die Botschaft der Lesung »zu antworten« und ihre Aufnahme in den Herzen der Teilnehmer des Stunden­gebets zu erleichtern.

4. Beginnend mit dem Kreuzzeichen, wird mit großer Verehrung das dem Evangelium entnommene Canticum der seligen Jungfrau Maria angestimmt (vgl. Lk 1,46-55). Der schon in der Regel des hl. Benedikt bezeugte Brauch (Kap. 12 und 17), bei der Laudes das Benedictus und zur Ves­per das Magnifikat zu singen, »wird von der weltlichen und volkstümlichen Tradition der römischen Kirche bestätigt« (Prinzipien und Normen für die Feier des Stundengebets, 50). In der Tat sind diese Gesänge beispielhaft, um den Sinn des Lobes und Dankes an Gott für das Geschenk der Erlösung auszudrücken.
In der gemeinschaftlichen Feier des Stundengebets kann die Geste, den Altar, den Priester und das Volk zu beweihräu­chern, während die dem Evangelium entnommenen Gesänge erklingen, den Opfercharakter des »Lobopfers« andeuten; dies gilt im Hinblick auf die jüdische Tradition, am Morgen und am Abend auf dem Altar für Räucherwerk Weihrauch darzubringen. Indem wir uns im Gebet um Christus scharen, können wir persönlich erleben, was im Brief an die Hebräer gesagt wird: »Durch ihn also laßt uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen preisen« (13,15; vgl. Ps 50,14.23; Hos 14,3).

5. Die an den Vater oder manchmal an Christus gerichteten Fürbitten nach dem Canticum sind Ausdruck der flehenden Stimme der Kirche, eingedenk der göttlichen Sorge um die Menschheit, die Werk seiner Hände ist. Für die abendlichen Fürbitten ist es bezeichnend, die Hilfe Gottes für alle Perso­nengruppen, für die christliche Gemeinschaft und für die Bürgergesellschaft, zu erbitten. Zum Schluß wird der ver­storbenen Gläubigen gedacht.
Die Feier der Vesper findet ihre Krönung im Gebet Jesu, dem Vaterunser, in dem aller Lobpreis und alle Bitten der aus dem Wasser und dem Heiligen Geist wiedergeborenen Kinder Gottes zusammengefaßt werden. Zum Tagesab­schluß hat die christliche Tradition die von Gott im Vaterun­ser erbetene Vergebung mit der gegenseitigen brüderlichen Versöhnung der Menschen verbunden: Die Sonne soll nicht über dem Zorn der Menschen untergehen (vgl. Eph 4,26).
Das Abendgebet wird mit einer Oration beendet, die im Ein­klang mit dem gekreuzigten Christus die Übergabe unseres Daseins in die Hände des Vaters ausdrückt in dem Bewußt­sein, daß sein Segen nie fehlen wird.

Generalaudienz vom 15. Oktober 2003

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