Zeitgenössischer Nachruf auf Pfarrer Franz Sales Handwercher

Geschichtliche und statistische Nachrichten
1. Nekrologe.

a. Franz Sales Handwercher,
Pfarrer zu Schneiding in Niederbayern, gestorben im August 1853.

Seit nahe an vier Decennien wirkte im Weinberge des Herrn ein Mann, der durch seine an’s Wunderbare gränzenden Gaben, womit der Himmel seine reine, schuldlose Seele begnadigte, und durch die in’s Unglaubliche gehenden Erfolge seines rastlosen heiligen Eifers bald die Aufmerksamkeit von nah und fern innerhalb der Gränzen des Vaterlandes und noch weiter hinaus auf sich zog. Es war dieß der hochwürdige allbekannte und allverehrte Pfarrer von Schneiding Franz Sales Handwercher.

Es ist hier weder der Ort, noch gestattet es der Raum, das Gebiet der Mystik zu betreten und von Handwercher’s innerem Seelenleben, den großen Prüfungen und den ihnen zur Seite gehenden außerordentlichen Gunstbeweisen Gottes zu reden, der der strengsten, an die ersten Einsiedler der Thebais erinnerden Verläugnung auf den Wegen der geistlichen Läuterung, durch die Gott seine Seele führte, und der sie begleitenden verschiedenen Erfahrungen der erhabensten Liebeswunder Gottes Erwähnung zu thun. Wir können nur sagen, daß eine solche Tiefe des eigenen Geistes, eine solche Gabe fremder Geister zu prüfen, eine solche Weisheit, die Seelen zu führen, wie sie der Verblichene besessen, nur in dem Umstande seine Erklärung finden kann, daß er selbst den Weg der Vereinigung mit Gott durchgemacht und kennen gelernt wie Wenige. Ja, was eine erquickende und stärkende Oase auf unwirthsamen Boden dem schmachtenden Wanderer durch die lybische Wüste, war sein Geist gegenüber der Falschheit und Seichtigkeit unseres Zeitalters dem Höheres suchendem Gemüthe. Seine aus dem griechischen Urtexte veranstaltete Uebersetzung des kostbaren Werkes des heiligen Johannes Klimakus: „Die Leiter zum Paradiese“ – eine vortreffliche Arbeit, die ihm viel Schweiß gekostet – gibt Zeugniß, wie tief als Eingeweihter er selbst dachte und wie genau er die gewichtigen und erhabenen Ausdrücke, ohne den Sinn zu verletzen, in der Uebersetzung wiederzugeben wußte. Wollen wir in Kürze die Vorzüge dieses Buches berühren und damit das Verdienst des Uebersetzers hervorheben, so müssen wir sagen, daß dieses Werk alle Blendwerke des Geistes zu zerstreuen und das Auge zu reinigen vermag, um die Wahrheit in ihrer lichten Gestalt erblicken und die Seele nahe bringen zu können. Handwercher übersetzte auch: „Das Leben die die Thaten der heiligen Einsiedler und Mönche in der Thebais“ aus dem Lateinischen. Er wurde dazu veranlaßt durch einen damals schon hochgestellten Geistlichen, der jetzt auf einem bischöflichen Stuhle sitzt; die Arbeit ist ein Meisterwerk. „Oft blickte ich“, wie er selber sagt, „bei Bearbeitung des herrlichen Originals gen Himmel, staunte und seufzte aus der Tiefe meines Herzens über jene Zeit, indem mich unwillkürlich der Wunsch ergriff: wäre es doch in vielen Herzen wieder so!“ Wiederum machte sich Handwercher an die Herausgabe der Schrift des Abtes Konrad Tanner: „Das Wesen der Todsünde.“ Man kann das Buch mit dem merkwürdigen Kommentar nicht lesen, ohne von heilsamen Schrecken befallen zu werden; wie tief schaute sein Seherblick in das Wesen der Revolutionen unserer Tage und erkannte sie als das Werk des Satans; nur solche als ihre Urheber, die das Geisterreich Jesu Christi verlassen, und folglich in das Geisterreich des Satans übergegangen sind. – Sein „Beichtvater für das jugendliche Alter“, nach dem ehrwürdigen Michael Wittmann, erlebte in kurzer Zeit zwei Auflagen und sollte in der Bibliothek keines Priesters fehlen. Doch wann würden wir enden, wollten wir nur ein Namensverzeichniß der unzähligen Schriften anführen, von deren Herausgabe dieser rastlose Geist direkt und indirekt die Triebfeder war und die er unter die Menge mit größter Uneigennützigkeit verbreite, um vor der Sünde Anfang und dem Ende des Verderbens zu warnen und genau die Mittel und Wege zu bezeichnen, die zur Tugend und zum Heile führen. Seine Sprache ist immer die Sprache herzlicher, tiefer, inniger Empfindung, eines regen Gefühls, einer tief begeisterten Ansicht des innern Lebens, – die Sprache der Erfahrung, die, mit dem Apostel, seine Mitchristen beständig auf die Erneuerung des Geistes hinwies. Diese seine innigste Ueberzeugung trieb ihn daher schon lange vorher, ehe noch den Priestern Gelegenheit geboten war, durch die heiligen Exercitien im Geiste sich zu erneuern, an, seinen Pfarrhof zu einem Exercitienhaus für solche zu machen, die ein heiliger Drang ihm zuführte; jeder, der ihn besuchte, ward mit der größten Unbefangenheit und Uneigennützigkeit aufgenommen und als Hausfreund behandelt und fand gewiß an dem bescheidenen Landpfarrer den geistvollsten Exercitienmeister. Doch nicht allein ein Exercitienhaus für Priester war sein Pfarrhof, er war auch ein Hospitium für Alle, die in geistlichen und zeitlichen Anliegen ihn aufsuchten; er war ihnen Freund, Vater, Führer, Tröster, Helfer, was gewiß mit unauslöschlichen Zügen in den Herzen der Tausenden, denen er wohlgethan, sowie in dem Buche des Lebens eingetragen bleibt. Ebenso weit entfernt von dem Rigorismus einer herzlosen, alle Blüthen des Frohsinns ertödtenden frostigen Ascese, als von der frivolen, freien Sitte in Rede und Betragen, war bei seinem arglos kindlich unschuldigen Gemüth, verbunden mit himmlischer Weisheit und großer Lebenserfahrung, sein Umgang ebenso anziehend als lehrreich. Er liebte es, arglos heiter mit dem Arglosen zu sein. – Wir könnten gar Manche aus den höchsten Ständen anführen, die es nicht unter ihrer Würde hielten, im freundlichen Pfarrhofe zu Schneiding einige Tage zu verweilen, und in der erquickenden Nähe des seltenen Mannes des heldenmüthigen Glaubens, des wohlbesiegenden Gottvertrauens, der maßlos sich hinopfernden Liebe ihrer Sorgen sich zu entschlagen.

Gehen wir aber auch etwas näher auf sein Verhältniß zur Pfarrgemeinde ein, um den guten Hirten nach dem Beispiele Jesu vollkommen kennen zu lernen. Ein geistvoller und unermüdeter Verkünder des Wortes Gottes, predigte Handwercher nicht in zierlichen Phrasen neumodischer Afterweisheit, sondern in der Kraft des heiligen Geistes, gleich Einem, der da Gewalt hat, Feuerbrände aus seinem liebeflammenden Herzen in die kalten, unbußfertigen Herzen zu schleudern, die Gebeugten durch die heilige Liebe Jesu aufzurichten und an seinem heiligen Herzen zu erwärmen. Wie verklärt sahen wir oft sein Antlitz leuchten, wenn er selber trunken von Jesu Liebe, wie die Braut im hohen Liede, zu uns redete und seine Thränen in die Thränen und das laute Schluchzen der Tausenden mischte, die ihn erst mit Erstaunen und tief erschüttert, dann hingerissen von der Liebessalbung des heiligen Geistes anhörten. – Im Beichtstuhl rastlos thätig und zu jeder Stunde bei Tag und Nacht zugänglich, opferte er, ein Meister in der höheren Seelenführung, ein treuer Hirt für seine Schäflein, sich ganz und gar für das Heil seiner Mitmenschen; kein Wunder, daß Unzählige von nah und fern in besondern Anliegen und Nöthen, wo, um Rat und Hülfe zu schaffen, die gewöhnliche Wissenschaft nicht ausreicht, zu ihm, dem großen Geistesmanne, wie zu einem Orakel wallfahrteten. Durch seine eigene Erfahrung vertand er’s, die Seelen auch auf außerordentlichten Wegen zu Gott zu führen, die verborgensten Wirkungen der Gnade zu erkennen, die Bewegungen der verschiedenen Geister zu unterscheiden und dieselben vor den Täuschungen des bösen Feindes zu bewahren, ja die feindseligen Einwirkungen dämonischer Mächte durch die Kraft seines Glaubens zu heben. – Seine Katechese war nicht magere formelle Salbaderei, welche die Kinder langweilt und die Herzen leer läßt, sondern Geist und Leben; ein Feind der Oberflächlichkeit der Erziehung, war er begeistert, das religiöse Element zur Grundlage jedes Unterrichtes zu machen und selber gläubig, fromm und kindlich herablassend zu den Kleinen, gewann er auch ihre Herzen für Jesus. War ja sein bloßes Erscheinen in der Schule schon ein Religionsunterricht. Wie sehr ihm die christich-religöse Erziehung seiner Jugend am Herzen lag, beweist zur Genüge der Umstand, daß er ganz aus eigenen Mitteln dem Orden der armen Schulschwestern zunächst der Kirche ein herrliches Haus erbaute, und den Unterricht der weiblichen Jugend in ihre Hände legte. Welche kindliche Freude hatte der gute Vater seiner Kinder, als er nach vielen und großen Hindernissen dieses ein Vorhaben bewerkstelligt sah! – Was die armen Kinder, die dürftige und leidende Klasse in und außer seiner Pfarrei an ihm verloren, bezeugen die wehmüthigen Klagen der Dürftigen, welche die Quelle, aus der die gewohnten, im Geheimen so zahllos gespendeten Gaben der Wohlthätigkeit in harter und bedrängnißvoller Zeit reichlich flossen, für immer versiegt zu sehen. Zu einem schönen Garten, gepflegt durch die geschäftige Hand des sorgsamen Gärtners und begossen von seinen Thränen und seinem Schweiße, hat sich die ganze Pfarrei umgewandelt; da blühen in Menge die Lilien der Unschuld und Jungfräulichkeit, die Passionsblumen und ausdauernder Buße und frommer Kreuzesliebe, die Veilchen anspruchloser Demuth, und wenn auch nicht alle krummen Wege gerade gemacht werden konnten, so zeigt doch das siebenjährige Wirken dieses Gottes-Mannes, welch unglaubliche Wirkungen unter Gottes Beistand ein frommer, vom Geiste seines Berufes durchdrungener Seelenhirt hervorzubringen im Stande ist. War er ja doch das Vorbild jeglicher Tugend, und er – im Leiden der Geduligste, im Gebete der Eifrigste, in der Entsagung der Bereitwilligste – durch sein ganzes Leben eine beständige und eindringliche Predigt. Er war der gute und getreue Knecht seines Herrn, der nicht sich, sondern ganz Christo und dem hohen Berufe lebte, zu dem ihn die Gnade Gottes geführt hatte.

Wir trauen es uns offen zu sagen: Schneiding wird einen Pfarrer wieder bekommen, und vielleicht – wir wünschen es – einen würdigen: einen Franz Sales aber, wie der Verblichene war,

(Auch zu Hohenegglkofen bei Landshut, wo H. zuvor mehrere Jahre Pfarrer gewesen ist, spricht man noch mit hehrer Verehrung von ihm. Besonders rühmt man seine Herzensgüte, Wohltätigkeit, seinen Eifer für das Reich Gottes und seine Herablassung und Liebe zu den Kindern, die er sehr oft, um sie zum Lernen und zum Guten aufzumuntern und anzueifern, reichlich beschenkte. Armen Kindern war er ein guter Vater. Sein Andenken ist auch in dieser Pfarrei gesegnet.)

schwerlich mehr, und wir finden es sehr begreiflich, wenn täglich und vielleicht Jahre hinaus sein Grabeshügel nächst der Kichenthüre mit neuen Thränen der Dankbarkeit und Liebe begossen werden wird. „In memoria aeterna erit justus.“ Ja, so lange die nun prachtvoll dastehende Kirche in Schneiding, deren bedeutende Vergrößerung und Verschönerung Handwercher’s Werk ist, das ihm viel Mühe und Opfer gekostet, bestehen wird; so lange die stattliche Kirchthurmspitze, die, durch seine Freigebigkeit restaurirt, so herrlich im freundlichen Glanze der auf- und untergehenden Sonne schimmert, himmelwärts zeigen wird; so lange im harmonischen Silberton das trauliche Geläute der Glocken, durch ihn in solchen Einklang gebracht, über Saat und Felder, über Dorf und Au hin segnend schallen wird; solange es noch Hilfsbedürftige, Arme, Hungernde, Obdachlose geben wird, die in ihm einen sorgsamen Vater und in seinem Hause eine freundliche Aufnahme gefunden; kurz, so lange es eine Pfarrgemeine Schneiding geben wird: so lange wird auch sein Andenken nicht vergehen, während sein verklärter Geist im Sternenkranz der siebenzehn Jahre, die er ihr als Seelenhirt vorstand, vom Himmel auf sie segnend herniederblickt. R.J.P.

J. v. G. M….r. (Augsb. Postztg.)

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Quelle

Transcription von mir [POS] – Lesen Sie auch: „Blicke in die Zukunft„!

BLICKE IN DIE ZUKUNFT – Pfarrer Franz Sales Handwercher

Blicke in die Zukunft geschaut und niedergeschrieben von Pfarrer Franz Sales Handwercher (1792-1853)

Der weitbekannte Segenspriester Pfarrer Handwercher war ein echter Seher der Zukunft. Manchen alten Leuten durfte er ihr hohes Alter voraussagen. Sein Blick aber ging noch tiefer, ging in ferne Zukunft. Der heiligmäßige Gottesmann hatte öfter „Gesichte“ und „Geistesmitteilungen“, wie er seinem bischöflichen Gönner Michael Sailer am 1. Dezember 1830 berichtete. An 15 Sonntagen, jedes Mal in der frühesten Morgenstunde, wurde ihm ein Bild gezeigt. Er fasste diese Schauungen erschütternden Inhalts in Verse.
In 15 apokalyptischen Bildern sah er:

  • eine Gottesgeißel am Himmel,
  • ein Gericht ohne Erbarmen,
  • ein großes Sterben,
  • den Turm der Kirche unzerstörbar,
  • schlimme Verwüstungen der Kirche,
  • den Weltjahrmarkt als Beute Satans,
  • allen Gottesdienst zeitweise erloschen,
  • ein Schwanken der Kanzeln,
  • die Beichtstühle in die Wüste entführt,
  • Wolkenbruch über Europa, ein böses Unwetter auch über Bayern,
  • die Erde ein Schutt- und Trümmerhaufen,
  • den europäischen Satanskampf gegen die Kiche,
  • die Erneuerung der Kirche,
  • Christi Sieg und Herrschaft,
  • Alles eins im Glauben an den dreieinigen Gott.

Alle diese prophetischen Bilder bringen keine Einzelgeschehnisse mit bestimmter lokaler und persönlicher Färbung (außer einer einzigen Ausnahme: den Tod Pius VIII.), sondern die grandiose Linie des Satanskampfes gegen die Kirche. Die Geschichte hat diesen Schauungen vielfach bereits in erschüttender Weise recht gegeben. Wir selber haben schon Strafgerichte über Völker erlebt und können noch furchtbarere erleben. Die Verfolgung der Kirche in (Ost-)-Europa war Tatsache und kann wieder einsetzen und noch grausamer werden. Die Macht Satans ist (global gesehen) im Wachsen und kann noch erschreckender werden; aber trotz all dieser Verfolgung wird die Kirche den Sieg davontragen. Das ist die granitene, biblische Wahrheit, das ist das große prophetische Erleben Handwerchers. Gleich den alttestamentlichen Propheten erlebt er das schwere Schicksal des Gottesvolkes und ringt um Erbarmen.

Die 15 apokalyptischen Bilder

Einleitung

Einst an einem Wintersonntag
Morgens um die vierte Stunde
Rief ich am Altare kniend
Auf zu Gott von Herzensgrunde

Zu dem Vater um Erbarmung,
Um Erbarmung zu dem Sohne,
Um Erbarmung zu dem Geiste
Schrie ich auf im Schmerzenstone.

Da ich nichts als: „O erbarme!“
Zu dem Herrn zu beten wusste,
Trifft den Körper eine Schwäche,
Dass ich aus der Kirche musste.

Kaum betrat ich meine Kammer,
Als ein Schlummer auf der Stelle
Mir verschloss des Leibes Augen;
Doch des Geistes Aug‘ sah helle.

Klarer als die Sinne sehen,
Schaut ich im inwend’gen Lichte;
Und es trat mir vor die Seele
Jetzt das erste der Gesichte.

Ebenso am nächsten Sonntag
Ward mein Leib vom Schlaf berühret,
Und das zweite der Gesichte
Meinem Geiste vorgeführet.

Und am dritten und am vierten
Und den folgenden Sonntagen
Jedesmal zur selben Stunde
Hat sich’s also zugetragen.

Immer ließ es Gott geschehen,
Dass die Körperkraft ermatte:
Während ich in Geistesklarheit
Die lebend’gen Bilder hatte.

Bis als Ganzes sich geschlossen
Der Gesichte Folgereihe,
Welche ich in Jesu Namen
Liebevoll dem Hörer weihe.

1.    SONNTAG
Gottesgeißel

Als ich heimkam von der Kirche
Sank ich auf mein Lager nieder.
Doch das Schreien um Erbarmen
Hallte in der Seele wider.

Plötzlich sah ich neben meiner
Wunderhold ein Knäblein liegen,
Das die Seele lächelnd einlud,
An sein Herz sich anzuschmiegen.

Und ich sprach: „Du liebes Kindlein,
Kannst dich über uns erbarmen?“
Und es ging vom Mund des Kindes
Süßer Hauch: „Ich will erbarmen!“

Plötzlich an des Kindes Stelle
Lag ein Mann von dreißig Jahren,
Und es trieb mich an mit Flehen
Ihm sogleich zu offenbaren. –

„O fürwahr, du bist derselbe,
Der als Kindlein dagewesen,
Willst du helfen, willst du retten,
Ach, dann werden wir genesen.“

Weg war Mann und Kind! Urplötzlich
Tobt ein Sturmwind in dem Hause,
Aus den Angeln fliegt die Türe
Auf mit donnerndem Gebrause.

Und ich hörte eine Stimme
Ins erstaunte Ohr mir fließen:
„Sieh, ich habe aufgeschlossen
Und es kann kein Mensch verschließen.“

Aber durch die Kammertüre,
Die der Sturmwind aufgelassen,
Sah ich plötzlich in die Stube
Strömen dichte Menschenmassen.

Alle schauten sie zum Himmel.
Eine sprach zur andern. „Siehe!“
Ich jedoch stand auf vom Lager,
Sank zu Boden auf die Kniee.

„Gott“, so sprach ich, „ist erschienen.
Unwert bin ich, nur die Riemen
Seiner Schuhe aufzulösen,
Ihm, dem Preis und Ruhm geziemen.“

Aber in derselben Stunde,
Wo im Geiste dies geschehen,
Ward ein schrecklich Feuerzeichen
an dem Firmament gesehen.

Ähnlich einem Tafeltuche
Hing es nieder von den Sternen,
Und es ward herabgelassen
Aus des Himmels tiefsten Fernen.

Aus dem Tuche steigen Nebel
Auf samt Rauch und Feuerflammen
Und es wickelt wie ein Balken
Plötzlich sich das Tuch zusammen.

Eins der Enden von dem Balken
Hat ein Kronenreif umfangen,
Doch am andern Ende sah man
Eine Geißel Gottes hangen.

Lange sah man diesen Balken
Waagerecht am Himmel glühen
Und die Geißel hochgeschwungen
Feuerfunken niedersprühen.

Endlich sah man noch den Balken
In ein Schlachtschwert sich verändern,
Welches blutrot aufgehoben
Über Städten hing und Ländern.

2.    SONNTAG
Gericht ohne Erbarmen

In des Jammers Hause sah ich
Über tausend erdenfarb’ne
Schmerzverzehrte Menschen stehen
In dem weiten Krankensaale.

Mitten in dem Saale sah ich
Einen Mann zu Stuhle sitzen,
Dessen Augen gleich der Sonne
Voll erhab’ner Würde blitzen.

Solche Majestät des Wesens
War mir vorher nie erschienen;
Ich erkannte: diese Hoheit
Kann nur Gott zur Hülle dienen.

In der Stirne tiefen Falten
Schien ein Adlerzorn zu liegen;
Ernst und Strenge schien die Milde
Seines Herzens zu besiegen.

Auf das Knie gesenket wagt‘ ich
Seine Kniee zu umklammern.
Seine Füße sanft zu küssen
Und zu Ihm hinauf zu jammern:

„O erbarme dich, Erbarmer!
Sieh des Elends ganze Größe!
O erbarme dich, Erbarmer!
O errette, o erlöse!“

Aber langsam neigt der Hehre
Sein erhab’nes Haupt bei Seiten;
Durch den Wink des Auges sah ich
Mein Gebet mit „Nein“ bescheiden.

Nochmals wag ich meine Bitte,
Aber mit der Hand zurücke
Weist der Hohe majestätisch.
Und er sprach mit ernstem Blicke:

„Meine Rechte hab‘ ich zürnend
Auf die Länder ausgestrecket;
Ein Gericht ist angesetzet,
Das die Erdenvölker schrecket.

Meinen Weizen will ich worfeln;
Säubern will ich meine Tenne;
Doch die Meinen will ich sammeln,
Wie die Küchlein lockt die Henne.

Will ein neues Reich mir stiften
Und darein die Treuen setzen,
Die in Buße meiner harren
Und den Glauben nicht verletzen.“

3.    SONNTAG
Großes Sterben

„Was soll werden?“, war mein Denken
Als der Geist in Schlaf mich stürzte
Und ich schaute eine Blume,
So die Luft mit Weihrauch würzte.

Während ich am Farbenschmelze
Hochentzückt mein Aug‘ erbaue,
Neigt der Blume Haupt sich plötzlich,
Wie berührt von gift’gem Taue.

Und es welkt die Blumenkrone,
Dorrt wie Heu und sinkt zur Erden,
Wird zu Staub und wenig Erde
Und ich hörte: Das soll werden.

Jetzo werd ich abberufen
Und ich ging zum Hospitale,
Und ich stand im Priesterkleide
Mitten in dem Krankensaale.

Jammer spricht hier aus dem Auge
Von den Hunderten Elenden:
Ach an Wärtern fehlt’s und Priestern,
Allen Hilf‘ und Trost zu spenden.

Viele kämpfen ihren Tod’skampf
Mit verzehrtem Blick und Leibe,
Rollen in des Schmerzes Zucken
Ihren Körper gleich der Scheibe.

Schaurig rasseln durch die Straßen
Unablässig schwarze Karren,
Und man wirft hinab die Leichen
Ehe sie noch ganz erstarren.

Und bei fernen Leichenzügen
Singen dumpf die Grabgefährten:
„Miserere mei Deus!“
Und ich hörte: Das soll werden!“

4.    SONNTAG
Der Turm der Kirche unzerstörbar

Eine Kirche sah ich stehen
Und ich stieg hinauf im Turme;
Plötzlich scheint der Turm zu schwanken,
Wie ein Tannenbaum im Sturme.

„Ach, der Turm stürzt!“, rief ich ängstlich,
Und ich ließ in banger Eile
Von der Spitze mich hernieder
An dem nächsten Glockenseile.

„Dieser Turm wird nimmer stürzen
Vor der Welt und Zeiten Ende!“
Also sagte mir ein Starker:
„Siehe an die Fundamente!

Aber jetzo ward ein Quader
Aus des Turmes Kranz gelöset;
Dieses hat am ganzen Baue
Solches Zittern eingeflößet.“

Und ich sah den Grund gefestet
In des Berges Felsenadern,
Einen Wald von Säulenbogen,
Pfeilern aus den strärksten Quadern.

Unzählbare Eisenstangen
Klammern sich von Stein zu Steine,
Alle Fugen sind verkittet
Zu unlösbarem Vereine.

Also war der Bau geschirmet
Von unsichtbaren starken Stützen,
Dass kein Stein gefunden wurde,
Den nicht tausend andere schützen.

Hochverwundert musst‘ ich rufen:
„Dieser Turmbau wird bestehen.
Ehe seine Zinnen stürzen,
Wird das Erdenrund vergehen.“

Bald erkannt‘ ich drauf den Quader,
Welcher damals los sich machte;
Denn es starb zur selben Stunde
Pius, so genannt der Achte.
(30.11./1.12.1830)

5.    SONNTAG
Verwüstung der Kirche
Gefüllter Friedhof

Mitten in den Strom des Niles
Trugen mich des Geistes Flügel
Über eine öde Insel,
Rings umwogt vom Wasserspiegel.

Wellen kommen, Wellen schwinden,
Schlagen an die Bank von Sande.
Traurig steht der rote Ibis
In dem schwanken Rohr am Strande.

Zwischen Schilfen und Papyrus
Rauscht das Nilpferd ungestaltet;
Und so sonnt das Krokodil sich,
Das den gelben Rachen spaltet.

Linkshin – Lybia, die Wüste –
Rechts – Arabias Felsenmassen –
Ich allein im breiten Strome
Schrecklich einsam und verlassen.

Und die Stimme in dem Innern,
Die da billigt und verklaget,
Schreit: „Ist da nirgendwo ein Ausweg?“
Und ihr ward darauf gesaget:

„Sieh der Weg ist in den Bergen,
Dornig, alpenvoll, uneben;
Durch die Mitte der Gefahren
Führt der eine Weg zum Leben.

Über Schlangen, Basilisken,
Krokodil und Löwenrachen
Sollst du schreien unverzaget
Und der Hölle Trotz verlachen.“

Von dem Abhang eines Berges
Bin ich gegen Tal gestiegen,
In der Kirche meiner Pfarre
Dem Gebete zu obliegen.

Neben einem Gottesacker
Führten mich vorbei die Schritte
Und ich sah die Seelenkirche
Offen in der Gräber Mitte.

Ein paar hundert Schritte tiefer
Lag die Kirche in dem Tale;
Da verließ mich der gewohnte
Kirchenweg mit einem Male.

Eine Straße, wohlbekieset,
Vielbefahren, schnurgerade,
Von der Baumallee beschattet,
Sah ich statt dem alten Pfade.

Also kam ich bis zur Kirche,
Da ich öffnen will die Türe
Sinkt sie schwankend aus den Angeln,
Wie ich sie nur leis berühre.

Da ich nun das Innere schaute,
Hat sich mir das Herz empöret;
Betstuhl‘, Kanzel und Altäre
Sind gestürzet und zerstöret.

Drinnen sieht man niemand beten;
Heu und Stroh erfüllt die Hallen,
Kaufmannsgüter sind darüber
Aufgetürmt in schweren Ballen.

Dieses Haus, dereinst gegründet,
Dass es Gott zur Wohnung diene,
Ist verwendet nun zum Zollhaus
Und zum Warenmagazine.

Und ich seufzte: „O wie schrecklich
Ist das Heiligtum zertreten!
Ausgeraubt ist Gottes Wohnung.
Ach, hier kann ich nicht mehr beten.“

Heimwärts auf dem selben Wege
Schritt ich, ganz von Gram erfüllet;
Da begegnet mir ein Fremder,
In ein schwarz‘ Gewand verhüllet.

In den Falten des Gesichtes
Schien ein finstrer Groll zu hausen;
Frech und herrisch ist die Stirne
Und sein Aug‘ erreget Grausen.

Er durchbohrt mich mit dem Blicke
Aus dem wilden Feuerauge.
Ha! Mir war als ob der Hölle
Abgrund mir entgegenhauche.

Wie beim Anblick der Medusen
Starren mir wie Stein die Glieder;
Und beflügelnd meine Schritte
Kam ich zu dem Kirchhof wieder.

Sieh! die ganze Kirchhofsfläche
Glich dem frischen Ackerfelde;
So durchfurchten seine Rasen
Der Verstorbenen Gezelte.

Neben frischen Leichenhügeln
Sah ich viele Gräber offen: –
Gott! erbarme dich der Seelen,
Deren Leib der Tod getroffen!

6.    SONNTAG
Der Weltjahrmarkt wird zur Beute Satans
Nur gebeugte Knie helfen wider ihn

In dem Innern einer Kirche
Sah ich Männer, Kinder, Greise;
Alle lasen in der Bibel,
Deuchten all sich klug und weise.

Aber ich nach meinem Brauche
Las im Römischen Breviere;
Und es fragten mich die andern,
Welch‘ Erbauungsbuch ich führe.

Höchlich staunten alle Leute,
Dass ich noch in diesem Buche
Voller Formeln, längst veraltet,
Meines Geists Nahrung suche.

Doch ich blieb bei meiner Lesung
Und es trieb mich an, inwendig,
Dass ich sprach: „Der Buchstab‘ tötet,
Einzig macht der Geist lebendig.“

Jetzo hör‘ ich zu mir sagen:
„Komm, ich will die Welt dir zeigen!“
Und ich ging mit einem Manne
Durch die Stadt. – In tiefem Schweigen.

In der Häuser langen Reihe
Zeigte mir der Mann das seine,
Führte mich in seinen Hausgang
Und dort ließ er mich alleine.

Hinter einer Gartentüre,
Die geöffnet wird nach innen,
Nahm ich Stellung, um die Aussicht
Auf die Straße zu gewinnen.

Sieh! ein Markt war aufgeschlagen:
Zahllos sah ich Tisch und Buden,
Sah die Käufer und Verkäufer,
Männer, Weiber, Trödler, Juden.

Alle Früchte dieser Erde
Sah ich aufgtetürmt zu Haufen;
Aller Länder Fabrikate
Sah ich kaufen und verkaufen.

Was als Stoff zur Kleidung dienet;
Wolle, Linnen, Pelz und Seide;
Was im Abgrund wird gewonnen:
Waffen, Silber, Gold, Geschmeide;

Was dem Auge wohlgfällig,
Was von künstlichem Gebilde,
Was dem Ohre süß und lieblich,
Was dem Fühlen weich und milde;

Was den Gaumen nur erlustigt
Von Getieren, Vögeln, Fischen,
Von Gewürzen, Kräutern, Weinen,
Fand ich auf den Händlertischen.

Aller Menschen Tagsgeschäfte
War ein Markten, Treiben, Dingen,
Um Gewinnste zu erkaufen,
Um Gewinnste zu erringen.

Plötzlich sah ich wilde Tiere,
Wohlbewehrt mit Zahn und Krallen,
Tiger, zottig, schwarz und grausam,
In des Volkes Menge fallen.

Tausend von den Käufern, Händlern,
Sah ich von der Tiere Bissen
Mitten in dem Marktgedränge
Angefallen und zerrissen.

Zitternd in dem Herzensgrunde
Sah ich auf der Tiger Toben.
Sieh! Da kommen schon die Tiger
Gegen mich dahergeschnoben.

Und sie dräuen, grimmig, wütend,
Mit den Zähnen mich zu schnappen;
Und sie drängen mit den Tatzen,
Mir die Türe aufzutappen.

Mit gebeugtem Knie sucht ich
Fest die Türe zuzudrücken;
Und ich zog zugleich das Messer,
Um als Wehre es zu zücken.

Auf der Tiere Köpfe schlug ich
Mit der Waffe viele Male;
Doch es war als träf die Klinge
Einen Helm von stärkstem Stahle.

Solche Feinde zu verwunden,
Kann das Messerlein nichts nützen;
Doch es retten mich die Knie,
So die Türe unterstürzen.

Dadurch konnten diese Tiger
In das Haus hinein nicht dringen,
Gleich den Käufern auf dem Markte
Mich zu töten, zu verschlingen.

Während ich noch schwach und zagend
Kämpfe mit der Tiere Grimme,
Hört ich in dem Haus inwendig:
„Ruhig!“ rief des Hausherrn Stimme.

Nun erhob sich große Stille;
Jene Tiger sah ich nimmer;
Doch der Hausherr nahte,
Lud mich freundlich in das Zimmer.

„Zeit zum Essen ist soeben;
Sei auf Fastenkost geladen;
Doch, gehorchst du nicht der Kirche,
Dann ersätt‘ge dich mit Braten!“

Ich erklärte ihm dagegen,
Dass ich mich der Kirche füge,
Dass die Fastenkost vom Tische
jenes Hausherrn wohl genüge.

Unterm Mahle sprach derselbe:
„Unnütz war zum Schutz dein Messer,
Doch die tiefgebeugten Kniee
Dienten dir zur Rettung besser.

Nie mehr wird den Feind besiegen,
Wer mit solchen Waffen streitet,
Die er sich nach eig‘ner Einsicht
Aus der eig’nen Kraft bereitet.

Satan, stets nach Beute brüllend,
Darf nur dann dich nicht antasten,
Wenn du fleißig Leib und Seele
Waffnest mit Gebet und Fasten.“

7.    SONNTAG
Aller Gottesdienst erloschen

Eines Hochamts ernste Feier
Hatt‘ ich eben übernommen
Und ich war im heiligen Amte
Bis zur Präfation gekommen.

Sieh! Die Präfation des Festags
War im Messbuch nicht zu finden.
„Warum säumst du in dem Amte?“,
Lärmt man in der Kirche hinten.

Und ich gab darauf zur Antwort:
„Weil die Präfation ich suche.“
Doch soviel ich immer blätt’re,
Find ich keine in dem Buche.

Jetzo hört‘ ich eine Stimme:
„Schaue aufwärts an die Wände!
Siehe! Siebenhundertachzig
Schrieben dort verborg’ne Hände!“

„Ziehe ab!“, so hat die Stimme
Nun zum zweitenmal geschrien;
Eine Zahl ward angeschrieben;
Von der ersten abzuziehen.

Und ich las: „Einhundertsechse“.
Und es ruft die Stimme wieder:
„Also lange liegt auf Erden
Aller Gottesdienst darnieder!“

8.    SONNTAG
Schwanken der Kanzeln

Große Menge füllt die Kirche
Und es herrschet tiefe Stille,
Dass dem Volk verkündet werde
Christi Wort und Gottes Wille.

Da ich jetzt zur Kanzel trete,
Scheint die Kanzel sich zu neigen.
Jemand rief: „Die unt’re Kanzel wankt;
Zu der höh’ren musst du steigen!“

Auf die höh’re Kanzel stieg ich,
Welche am erhöht’sten Orte
Angebracht war in der Kirche,
Zu gehorchen jenem Worte.

Da beginnt auch diese Kanzel
Zu erzittern und zu beben;
Und dieselbe Stimme hört‘ ich
Sich zum zweitenmal erheben:

„Auch die höh’re Kanzel wanket;
Nötig ist es, dass nun eine

Neue Kanzel an dem Eckstein
Dieses Tempelbau’s erscheine.“

9.    SONNTAG
Beichtstühle in die Wüste entführt

Vor der Kirche eines Klosters
Standen Stühle in dem Freien;
Es bereiten sich zum Beichten
Dichtgedrängte Menschenreihen.

Wohl mit Beichtigern und Priestern
Sind versehen alle Stühle;
Ich saß auch in meinem Beichtstuhl
In dem dichten Volksgewühle.

Plötzlich sah ich alle Beichtstühl‘
In dem Luftzug sich erheben.
Leicht wie Federn, ob den Köpfen
Der erstaunten Menge schweben.

Auch mein Stuhl war ausgerissen;
Doch erfassend Baumesäste
Konnt ich retten mich vom Schwindel
Und gewann der Erde Feste.

Fürchtend dacht ich: diese Stühle,
Die da flattern gleich den Blättern,
Könnten stürzend aus den Lüften
viele aus dem Volk zerschmettern,

Und die Büßenden erdrücken,
die genaht voll Heilsvelangen.
Sieh, da ist ein Sturm vom Herren
Von den Himmeln ausgegangen.

Und es wurden alle Stühle
Samt den Priestern, die drin saßen,
Dorthin, wo sie niemand schaden,
In die Wüste fortgeblasen.

10. SONNTAG
Wolkenbruch – Böses Unwetter auch über Bayern

Auf das Feld war ich gegangen,
Um der Arbeit nachzuschauen;
Und mein Baumann war beschäftigt,
Habersamen auszubauen.

Schwarze Wetterwolken sah ich
Ganz Europa rings umschleiern;
Doch der Himmel strahlte heiter
Einzig auf dem Lande „Bayern“.

Doch auf einmal hat auf Bayern
Sich das Wolkenmeer ergossen
Und der Sturmwind kam geflogen
Und es fielen schwere Schlossen.

Obdachsuchend vor dem Sturme,
Der einherfuhr mit Gebrause,
Ging ich in dem nächsten Dorfe
Zu dem ersten Bauernhause.

11. SONNTAG
Die Erde, ein Schutt- und Ruinenhaufen.
Überdauernd nur das reine Evangelium der Liebe.

Auf dem höchsten Berg der Erde
Lag ich betend auf den Knien;
Durch Marien, Jesu Mutter,
Hat mein Herz zu Gott geschrien.

Wüst lag unter mir die Erde
Und wie weithin herrscht mein Auge,
Dampft ihr Grund wie Vesuvs Krater
Von inwend’gem Brandesrauche.

Der zerklüftet‘, schwarze Boden
Ist verkohlet und verglaset;
Über diesem Haufen Schutte
Hat ein Wirbelwind geraset.

Zahllos sah ich die Ruinen
Von den Städten in dem Lande,
Kirche, Häuser ohne Dachung,
Lodern von dem innern Brande.

Durch die Öffnungen der Fenster
Glüht es wie ein Höllenrache;
Hinter schwarzen Eisengittern
Wild die roten Flammen lachen.

Ich verließ nach langem Beten
Dann des Berges Haupt, das kahle,
Stieg durch Reste eins Waldes
Nieder zu dem nächsten Tale.

In den Trümmern eines Dorfes
Da betrat ich Hausruinen,
Wo ich einen Mann erschaue;
Sonst ist niemand mir erschienen.

„Ach, wo bin ich?“, war mein Erstes.
„Tausend Meilen wohl vom Orte,
Wo du nach dem Leibe wohnest“,
Waren des Gefragten Worte.

„Welches Unglück?“, fragt‘ ich weiter,
„ist in diesem Land geschehen?“
„Ach, so hast du“, war die Antwort,
„Nicht das Schreckliche gesehen?“

Alle Städte und Fabriken,
Die einst blühten, sind verödet;
Die darinnen sich genähret,
Sind zerstreuet und getötet.

Ich gewahrte einen Wandschrank;
Öffnend fand ich dicke Bände
Mit der Handschrift alter Mönche
Auf ergrautem Pergamente.

Da ich nach dem Inhalt frage
Dieser staubbedeckten, alten
Schriften, die man hier verwahrte,
Hab als Antwort ich erhalten:

„Unkunabeln von Franziskus
Sind’s, dem Freund der Seraphinen;
Diese kann man jetzo brauchen,
Denn es ist die Zeit erschienen.“

12. SONNTAG
Europäischer Satanskampf gegen die Kirche

Ganz Europa war ein Lager
Von dem größten Kriegesheere;
Und es sammeln sich die Scharen
Gleich dem Sande an dem Meere.

Alle Völker waffnen wilde
Schreckens-Revolutionen,
Um die Männer zu bestreiten
Die auf einem Berge wohnen.

Denn in eine Felsenfeste
Haben sich zurückgezogen
All die wenigen Getreuen,
Die dem Baal das Knie nicht bogen.

Die des Osterlammes Siegel
Klar auf ihrer Stirne tragen
Und, wohin das Lamm auch gehe,
Ihm stets nachzufolgen wagen.

Die am alten Felsen halten,
Hoffnungsvoll nach jenen Worten:
„Dass den Felsen nicht erschüttern
Werden alle Höllenpforten.“

Und ich schaue, wie die Feinde
Aus den Völkern Streiter warben;
Und ich sah bei jedem Stamme
Seine Fahnen, seine Farben.

Einen sah ich, der vor allen
Heißergrimmt im Hasse wütet
Und zum Sturme anzufeuern
Seine Scharen nicht ermüdet.

Furchtbart deckt ihn schwarze Rüstung;
Sine Kraft ist ungeheuer;
Rauh ist jedes seiner Worte
Und sein Blick und Schwert ist Feuer.

Stolz, unbändig ist sein Streitross,
Trauerfarbig und geflügelt,
Das erschnaubend duch die Lüfte
gegen unsre Festung zügelt.

Wütend schlägt er mit dem Schwerte
An der Festung Eisengittern,
Daß die Mauern wie die Herzen
der gerechten Christen zittern.

Doch in Kraft des Namens Jesu
Stellt ich mich dem Feind entgegen,
Hielt ihm vor den Namen Jesu
Und des heiligen Kreuzes Segen.

Und ich sah ihn nebst dem Rosse
an dem Felsenberg zerschellen,
Sah ihn fallen gleich dem Blitze
In den Abgrund seiner Höllen.

13. SONNTAG
Restauration der Kirche

Auf der Spitze eines Berges
In der Mitte grüner Auen
Sah ich einen neuen Tempel,
Eine neue Kirche bauen.

Von dem Plan des ganzen Tempels
War erst das Portal vollendet,
Welches gleich der Sonne leuchtend,
Jedes Menschen Auge blendet.

Herrlich wölbt sich das Gebäude
Wie ein klarer Regenbogen;
Offen sind die weiten Pforten,
Daß hinein die Völker wogen.

Seine Mauern sind von Golde,
Hell, geschliffen und polieret,
Auch mit vielen Edelsteinen
Und mit Perlen reich gezieret.

Arm sind alle Erdenschätze
Vor dem Wunderwerk der Zeiten,
Nichts Salomonis Tempel gegen
Dieses Baues Herrlichkeiten.

Und ich dachte hochentzücket:
„Welche Kirche wird dies werden!
Ach, ist diese Wohnung Gottes
Nicht zu herrlich für die Erden?!“

14. SONNTAG
Christus herrscht

Von demselben Tempelbaue,
Den ich sah zum ersten Male,
Unvergleichlich herrlich strahlend,
Sah ich wieder das Portale.

Durch die offnen Flügeltore
Sah ich jetzt zum Hochaltare;
Dorten ausgespannt am Kreuze,
Hing das Opferlamm, das wahre.

Seine Stirne ist mit Rosen,
Nicht mit Dornen mehr umbunden;
Kränze schmücken seine Arme,
Herrlich strahlen seine Wunden.

Jesus löst vom Kreuz die Arme
Mit den blühenden Girlanden
Und er schenkt von seinen Wunden
Süße Düfte auf die Landen.

In dem Himmel wie auf Erden
Ihm die Knie alles bieget
Und ich höre eine Stimme:
„Jesus Christus hat gesieget.“

15. SONNTAG
Alles eins im Glauben, im dreieinigen Gott

Wieder sah ich Berg und Kirche
Mit dem herrlichen Portale;
Doch der Weg hinauf war steiler,
Als die beiden ersten Male.

Zu dem goldenen Portale
Reihen Hallen sich und Mauern,
Fest aus gold’nem Guss gefüget,
Um Jahrtausende zu dauern.

Herrlich in der Himmelswölbung
Hat die Kuppel sich erhoben
Und das Kreuz, das Welt und Satan
überwunden steht hoch oben.

Meine Augen überraschen jetzt
Drei Tempel in dem einen,
Die vereint und doch geschieden
Als ein Ganzes mir erschienen.

Links ist Gott des Vaters Tempel.
Rechts der Tempel von dem Worte;
Mitten strahlt des Geiste Kirche
In dem heiligen Gnadenorte.

In den dreien Kirchen sah ich
In anbetendem Vereine
Mit den Engeln und den Heil’gen
Die andächtige Gemeinde.

Alle Gläubigen und Frommen
Jeden Ranges, jeden Standes,
Jeden Alters und Geschlechtes,
Jeden Weltteils, jeden Landes.

Wer zum Geist ruft, ehrt den Vater;
Wer den Sohn ehrt, dient dem Geiste;
Niemand kann zu einem flehen,
Der nicht Dreien Ehrfurcht leiste.

Zur Monstranze wählt die Jugend
Sich des Waldes schönste Fichte;
Und  es strahlt im grünen Zelte
Jesu Herz in mildem Lichte.

Und es wirft die hellsten Strahlen
Auf die Lande nah und ferne
Und erquickt mit seiner Wärme
Auch des Himmels weit’ste Sterne.

Hochentzückt von dem Gesichte
Sank ich auf die Tempelstufen
Und in Preis und Dank ergossen,
Hat mein Herz zu Gott gerufen:

„O wie fromm ist diese Jugend!
O wie fromm die ganze Herde!
O wie herrlich ist die Wohnung
Meines Gottes auf der Erde!“