Enzyklika „Fides et Ratio“ – Vorstellung durch Kardinal Joseph Ratzinger

Kardinal Joseph Ratzinger – 1998

Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, hat am Donnerstagmittag (15. 10. 1998) im vatikanischen Pressesaal die Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. vorgestellt. Wir veröffentlichen den Wortlaut seiner Präsentation in einer Übersetzung von Claudia Reimüller aus dem italienischen Original („Deutsche Tagespost“ Nr. 126, Samstag, 17. Oktober 1998, S. 3).

Auf den ersten Blick mag das Thema der Enzyklika „Fides et ratio“ über die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft ausgesprochen intellektuell erscheinen. Es scheint ein Thema zu sein, das Fachleuten vorbehalten ist: Theologen, Philosophen oder Gelehrten. Sicher sind die unmittelbaren Adressaten dieser Enzyklika außer den Bischöfen der katholischen Kirche die Theologen, die Philosophen und die Intellektuellen. Wenn man die Dinge jedoch in der Tiefe betrachtet. richtet sich die Enzyklika mit diesem Thema an alle Menschen, da jedem Menschen der Wunsch innewohnt, die Wahrheit kennenzulernen und eine Antwort auf die fundamentalen Fragen der Existenz zu finden: „Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?“ (vgl. Einleitung, Nr.1).

Der erste Satz der Enzyklika enthält bereits das Motiv für dieses Dokument: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“ Das Kernproblem der Enzyklika „Fides et ratio“ ist die „Frage nach der Wahrheit“. Sie ist nicht einfach eine der zahlreichen und vielfältigen Fragen, denen sich der Mensch stellen muß, sondern die unausweichliche. „fundamentale Frage“, die sich durch das ganze Leben und die ganze Geschichte der Menschheit hindurchzieht.

Der Hintergrund der Enzyklika

Gemeinsam mit der Liebe ist die Wahrheit die Grundkategorie der christlichen Offenbarung. Die Universalität des Christentums resultiert aus seinem Anspruch, die Wahrheit zu sein, und sie schwindet, wenn die Überzeugung schwindet, daß der Glaube die Wahrheit ist. Aber die Wahrheit gilt für alle. Folglich gilt das Christentum, da es wahr ist, für alle. Auf dieser Grundlage ergibt sich das Motiv und die Pflicht der Kirche zur missionarischen Aktivität: wenn die menschliche Vernunft die Wahrheit kennenlernen möchte und wenn der Mensch für die Wahrheit geschaffen ist, dann appelliert die christliche Verkündigung an dieses Offen-Sein der Vernunft, um in das Herz des Menschen einzudringen. Daher kann es keinen Gegensatz, keine Trennung und keine Entfremdung zwischen christlichem Glauben und menschlicher Vernunft geben, denn beide sind auch in ihrem Anderssein in der Wahrheit vereint, beide stellen eine wichtige Rolle im Dienst an der Wahrheit dar, beide finden ihre ursprüngliche Grundlage in der Wahrheit.

In meinem Vortrag möchte ich mich darauf beschränken, kurz auf den Zusammenhang, auf die Originalität und auf die Aktualität der Enzyklika einzugehen, ohne dabei die Analyse einzelner Teile vorzunehmen, da dies über den Rahmen dieser Präsentation hinausginge.

Hundertzwanzig Jahre nach der Enzyklika „Aeterni Patris“ von Leo XIII. (1879) macht „Fides et ratio“ wieder die Beziehungen zwischen Glaube und Vernunft sowie zwischen Theologie und Philosophie zum Thema. Warum muß sich der Glaube mit der Philosophie beschäftigen und warum kommt die Philosophie nicht ohne den Beitrag des Glaubens aus? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und die Antwort beschränkt sich nicht einfach auf die Wiederholung von Behauptungen, welche die Tradition und das Lehramt der Kirche in der Vergangenheit bereits aufgestellt haben, wenngleich der Inhalt der Enzyklika in voller Kontinuität mit dem bereits erworbenen Gut steht.

Die Antwort wird in die aktuelle kulturelle Situation eingebunden, die sich, wenn man sie von ihrem Ursprung her betrachtet, durch zwei Faktoren auszeichnet: die bis ins Extreme getriebene Trennung zwischen Glaube und Vernunft sowie der Ausschluß der Frage nach der – absoluten und unbedingten – Wahrheit aus der kulturellen Forschung und dem rationalen Wissen des Menschen.

Das allgemeine kulturelle und philosophische Klima negiert heute die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Wahrheit erkennen zu können. Die Rationalität wird einfach nur auf ihre instrumentalen, utilitaristischen, funktionalen, berechnenden und soziologischen Aspekte reduziert. Die Philosophie verliert auf diese Weise ihre metaphysische Dimension. Das Modell der Humanwissenschaften und der empirischen Wissenschaften wird zum Parameter und Kriterium für Rationalität.

Die Folge ist einerseits, daß die wissenschaftliche Vernunft dem Glauben nicht mehr feindselig gegenübersteht, da sie sich nicht mehr für die letzte und endgültige Wahrheit der Existenz interessiert. Sie beschränkt sich vielmehr auf experimentell erfahrbare Teilkenntnisse. Auf diese Weise wird alles, was sich nicht von der wissenschaftlichen Vernunft kontrollieren läßt, aus dem Bereich des Rationalen ausgeschlossen. Folglich wird objektiv der Weg zu einer neuen Form des Fideismus eröffnet. Wenn die einzige Art der „Vernunft“ die wissenschaffliche ist, wird der Glaube jeder Form der Rationalität und der Intelligibilität beraubt und dazu bestimmt, sich in einen nicht definierbaren Symbolismus oder in ein irrationales Gefühl zu flüchten.

Andererseits ist die Tatsache, daß die Vernunft auf den Anspruch, die Wahrheit zu erkennen, verzichtet, in ihrem ersten Schritt auch eine Option philosophischer Art und stellt die Forderung nach einer intrinsischen Beziehung zwischen Theologie und Philosophie auf. Das Sich-Zurückziehen aus der Wahrheitsfrage von Seiten der Vernunft bedeutet, einer bestimmten philosophischen Kultur nachzugeben, welche die Metaphysik aufgrund der Verabsolutierung des Paradigmas der wissenschaftlichen oder historischen Vernunft ausschließt. Die Folge dieser Kapitulation ist nur scheinbar ungefährlich für den Glauben, der in einen in sich geschlossenen Kreislauf abgedrängt wird. Er wird in den Subjektivismus, in die Privatsphäre, verbannt und ist nicht mehr in der Lage, sich den anderen mitzuteilen oder sich auf kultureller oder rationaler Ebene Geltung zu verschaffen.

Wenn die Vernunft sich in einem Zustand der „Schwäche“ befindet, ergibt sich daraus eine kulturelle Sicht des Menschen und der Welt, die relativistischer und pragmatistischer Art ist. Alles wird „auf Meinung reduziert“, und man gibt sich „mit provisorischen Teilwahrheiten“ (NL 5) zufrieden.

Was das Schreiben sagen will

Die Botschaft der Enzyklika reagiert auf diese kulturelle Situation und bringt kraftvoll und überzeugend die Fähigkeit der Vernunft wieder vor, Gott erkennen und – gemäß der begrenzten Natur des Menschen – die fundamentalen Wahrheiten der Existenz finden zu können: die Spiritualität und Unsterblichkeit der Seele; die Fähigkeit, Gutes zu tun und dem natürlichen Gesetz der Moral zu folgen; die Möglichkeit, wahre Urteile zu formulieren, die Behauptung der Freiheit des Menschen… Gleichzeitig bestätigt sie, daß diese metaphysische Fähigkeit der Vernunft eine notwendige Tatsache des Glaubens ist, bis zu dem Punkt, daß eine Glaubensauffassung, die vorgibt, sich abweichend oder alternativ zur Vernunft zu entwickeln, auch als Glaube ungenügend wäre.

Weiter stellt der Papst, indem er sich in den Dialog der Intellektuellen unserer Zeit einschaltet, eine ernsthafte Frage, die eine ebenso ernsthafte Reflexion und Diskussion hervorrufen muß: warum will die Vernunft sich selbst daran hindern, nach der Wahrheit zu streben, während sie doch durch ihre eigentliche Natur darauf ausgerichtet ist, diese zu erlangen?

An diesem Punkt wird offensichtlich, daß man – wenn die Fähigkeit der Vernunft, die Wahrheit Gottes, des Menschen und der Welt zu erkennen, gestützt werden soll – eine Philosophie benötigt, die in der Lage ist, begrifflich die metaphysische Dimension der Wirklichkeit zu erkennen. Es bedarf, in anderen Worten, einer Philosophie, die den fundamentalen Fragen der Existenz, der Integrität und Totalität des Wirklichen ohne Vorurteile und ohne reduktionistisches Vorverständnis „offen“ gegenübersteht.

Der christliche Glaube ist einerseits dazu verpflichtet, sich solchen Philosophien oder Theorien entgegenzustellen, welche die Neigung des Menschen, die metaphysische Wahrheit der Dinge erkennen zu wollen, ausschließen (Positivismus, Materialismus, Szientismus, Historismus, Problematizismus, Relativismus, Nihilismus). Andererseits verteidigt der Glaube, indem er die „Möglichkeit einer metaphysischen und rationalen Reflexion verteidigt verteidigt, welche in der Forschungsmethode autonom bleibt und ihre eigene Natur behält, die Würde des Menschen und fördert so die Philosophie, indem er sie dazu auffordert, sich mit dem tiefen und letzten Sinn des Seins, des Menschen und der Welt zu befassen. Den Menschen vom Zugang zur Wahrheit auszuschließen, ist der Ursprung jeder Entfremdung. In diesem Sinn knüpft „Fides et ratio“ an die erste, programmatische Enzyklika von Johannes Paul II., „Redemptor hominis“, an: die Kirche kann nicht allem gleichgültig gegenüberstehen, was den Menschen bewegt, das heißt seiner Unruhe, seinem Handeln und seinen Hoffnungen: „der Suche nach Wahrheit, dem unstillbaren Bedürfnis nach dem Guten, dem Hunger nach Freiheit, der Sehnsucht nach dem Schönen, der Stimme des Gewissens“ (vgl. Nr.18).

,,Fides et ratio“ will dem zeitgenössischen Menschen das Vertrauen und die Möglichkeit wiedergeben, eine sichere Antwort auf seine Unruhe und seine existentiellen Bedürfnisse zu finden. Sie fordert das menschliche Gewissen auf, sich dem Grundproblem der Existenz und des Lebens zu stellen und die Wahrheit Gottes als Prinzip der Wahrheit, der Person und der ganzen Welt anzuerkennen.

Das soll nicht heißen, daß die Kirche eine bestimmte philosophische Schule durchsetzen oder ein bestimmtes philosophisches oder „metaphysisches System kanonisieren“ metaphysisches System kanonisieren will. Die Enzyklika ist in diesem Punkt ganz klar. Es bedeutet jedoch, daß die christliche Lehre die Durchsetzung einer „recta ratio“ (einer gerade ausgerichteten philosophischen Vernunft) fordert, die, obwohl sie sich nicht mit einer bestimmten philosophischen Bewegung identifiziert, den wesentlichen Kern und die unverzichtbaren Eckpfeiler der rationalen Wahrheit des Seins, der Erkenntnis und des moralischen Handelns des Menschen ausdrückt, die sozusagen der Pluralität verschiedener Philosophien und Kulturen vorausgehen und ein Kriterium zur Beurteilung verschiedener Aussagen philosophischer Systeme bilden.

Hier sieht man die Bedeutung dieses Aufrufs der Enzyklika für die Theologen und (für gläubige und nicht gläubige) Philosophen. Besonders ursprünglich ist der Hinweis, daß die christliche „Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt“ Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt zwischen Philosophie und Glauben ist. Indem er die aktuellen Forderungen und Aufgaben umreißt (Kap. VII), zeigt der Papst den „Weg der Weisheit“ als den richtigen Weg an, um endgültige Antworten auf die Frage nach dem Sinn der Existenz zu finden. Er erinnert die Theologen daran. daß die Theologie ohne eine gesunde Philosophie dazu bestimmt ist, den Denkformen der postmodernen Kultur zu erliegen, die es aufgegeben hat, über die Frage der Wahrheit nachzudenken. Er lädt die Philosophen dazu ein, einer ständig gültigen Tradition zu folgen und die Dimensionen der Weisheit und der Wahrheit – auch der metaphysischen – im philosophischen Denken wiederzubeleben.

Die Aktualität von Fides et ratio

Die Enzyklika antwortet schließlich auf die wichtigste kulturelle Herausforderung, die in der heutigen Zeit aufgeworfen wird: es geht um den Sinn der Freiheit.

Wahrheit und Freiheit verbinden sich miteinander oder sie gehen gemeinsam elend zugrunde“ (Nr. 90). Das ist, wenn man so will, die wichtigste Forderung, die aus der Enzyklika „Fides et ratio“ hervorgeht.

In der heutigen Zeit ist die Idee der Freiheit bis zu dem Punkt gereift, daß sie als absolut autonom aufgefaßt wird. Man sieht keine Möglichkeit, sie mit der Idee der absoluten und unbedingten Wahrheit zu verknüpfen. Daraus folgt, daß die allgemeine Meinung es für möglich und legitim hält, lediglich einen gemeinsamen Bereich oder eine gemeinsame Plattform zu suchen, wo man ethische oder allgemein menschliche Werte ausmachen kann, um die herum sich in Konsens konstruieren läßt. Der „mögliche Konsens“ wird Prinzip und Ziel der kulturellen und philosophischen Reflexion und des Dialogs. Nicht die Zustimmung zur Wahrheit oder die Suche nach der Wahrheit, sondern eine realisierbare öffentliche Zustimmung, welche die Freiheit von allen und jedem respektiert, bildet das Ziel der Reflexion sowie der kulturellen und sozialen Bemühungen.

„Fides et ratio“ überwindet diesen Niedergang und diese Beschränktheit der Vernunft und der Freiheit und stellt stattdessen eine untrennbare Verbindung zwischen Wahrheit und Freiheit her. Die Freiheit ist nicht einfach die Fähigkeit, gleichgültige oder austauschbare Entscheidungen zu treffen. Sie ist auf Fülle ausgerichtet, ein erfülltes Leben, das die Person mit dem Ausüben ihrer Freiheit, aber in „richtiger Weise“ (Recta Ratio) erobern muß. Die Freiheit findet ihren Sinn und folglich ihre Wahrheit, indem sie sich selbst, in Übereinstimmung mit der Natur der menschlichen Person, auf ihr eigenes Ziel ausrichtet. Folglich ist die Freiheit untrennbar an die Wahrheit des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen gebunden und besteht vor allem in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Es gibt schließlich die Korrelation zwischen Liebe und Wahrheit. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten kann nur dann Bestand haben, wenn sie in der tiefen Liebe zur Wahrheit Gottes und des Nächsten gründet. Die wirkliche Liebe zum Menschen ist der Wunsch, ihm das zu geben, was er am nötigsten braucht: Erkenntnis und Wahrheit. Daher ist die Enzyklika „Fides et ratio“ aktuell, und zwar von einer tiefen und nicht nur einfach oberflächlichen oder der Mode entsprechenden Aktualität: sie ist aktuell, weil sie zeigt, daß der Glaube als Annahme der Wahrheit Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart, weder für die Vernunft noch für die Freiheit eine Bedrohung darstellt. Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. Nicht das Fragen behindert den Glauben, sondern jene verschlossene Haltung, die nicht fragen will und die Wahrheit als etwas betrachtet, das unerreichbar oder nicht der Mühe wert ist. Der Glaube zerstört die Vernunft nicht, er bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.

Auf die gleiche Weise beschützt der Glaube die Freiheit, denn wenn dem Menschen einmal die Wahrheit genommen wurde, wird er allmählich entweder zu einem zerstörerischen Machtwillen, welcher die Freiheit anderer unterdrückt oder in die Verzweiflung der Einsamkeit getrieben (Nr. 90). Die Freiheit – das ist die Botschaft von Johannes Paul II. – kann nur erlangt und gewährleistet werden, wenn der Weg zur Wahrheit allen immer und überall offen und zugänglich bleibt.

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Quelle

Generalaudienz: „Unser Glaube ist ein Anker“

Der Papst bei der Generalaudienz

Der Glaube der Christen ist ein „Anker im Himmel“ und somit die Verbindung zu Gott. Das betonte der Papst in seiner Katechese bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch auf dem Petersplatz. Was für die Gläubigen zu tun sei, sei deshalb klar, so Franziskus vor den tausenden Besuchern und Pilgern: „Wir müssen uns an diesem Seil festhalten. Diese Bindung ist immer für uns da. Wir können so vorwärts gehen, weil wir uns sicher fühlen, dass unser Leben ,mit dem Himmel verankert´ ist, wo wir am Schluss gelangen werden.“

Franziskus setzte damit seine Katechesenreihe zur christlichen Hoffnung fort und beschäftigte sich mit dem Thema „Die Verheißung, die Hoffnung schenkt“. Ausgangspunkt seiner Erläuterung war die Bibelstelle aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 28,16.18-20), in der es um die Verheißung des Auferstandenen geht. „Gott wird mit uns sein, jeden Tag, bis zum Ende der Welt. Jesus läuft mit uns, jeden Tag, bis zum Ende der Welt“, so der Papst. Dies sei eine Hinführung zum Geheimnis Gottes. Dieses Geheimnis sei in seinem Name „Jahwe – Gott mit uns“ ersichtlich: „Er ist nicht ein ferner, abwesender Gott, sondern er liebt und begleitet uns Menschen immer, selbst wenn wir ihn vergessen sollten.“

Der Herr wisse, was der Gläubige nötig habe. Diese Gewissheit müsse deshalb im Herzen eines jeden Gläubigen verankert sein, denn auf Gottes Vorsehung könne man immer zählen, fuhr Franziskus fort. „Es wird keinen Tag in unserem Leben geben, an dem wir aufhören, eine Sorge für das Herz Gottes zu sein“, sagte der Papst.

Ihm gefalle der Anker als jenes christliche Symbol für die Hoffnung. Denn darin werde die christliche Hoffnung als etwas Konkretes dargestellt. Der Glaube sei nicht etwas Vages, das sich auf die menschlichen Wünschen stütze. Die Sicherheit komme von Gott und seiner „Garantie“, auf ihn zählen zu können. Bedingung hierzu sei, der Berufung Gottes – dem „Folge mir nach“ – zu folgen. Man müsse hierbei keine Angst haben, versicherte Franziskus. Mit dieser Verheißung könnte jeder Christ überall hingehen, auch in jenen Teilen der Welt, wo es Probleme und Schwierigkeiten gib. „Das heilige und treue Volk Gottes“, so der Papst, seien Menschen, die auf den Füssen stünden und in der Hoffnung gingen. Es gebe keinen Teil der Welt, der „dem Sieg des auferstandenen Christus entgeht: dem Sieg der Liebe“.

(rv 26.04.2017 mg)

Papst: Reife im Glauben überzeugt

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Papst spricht vor dem römischen Klerus

Was es heißt, im Glauben zu wachsen – um diese Frage kreiste eine Meditation des Papstes an diesem Donnerstag vor Priestern in Rom. Die traditionelle Begegnung mit dem römischen Klerus zum Beginn der Fastenzeit fand in der Lateranbasilika statt. Der Papst las einzelne Passagen des vorbereiteten Redetextes vor und wandte sich zwischendurch in freier Rede an seine Zuhörer. Der Redetext wurde jedoch im Volltext an die versammelten Kleriker ausgeteilt. Der Papst begann seine Ansprache etwas später als vorgesehen, weil er zuvor spontan noch einigen Priestern die Beichte abnahm. Die Papstrede fassen wir im Folgenden zusammen.

Erinnern, hoffen, unterscheiden

Ohne Reife im Glauben können Priester auch keinen Glauben vermitteln – schrieb der Papst seinen Zuhörern gleich zu Beginn seiner langen Meditation ins Stammbuch. Basis für ein solides Wachstum im Glauben seien Erinnern, Hoffen und Unterscheiden: Erinnern verstanden als Bewahren der kirchlichen Geschichte und Lehre, Hoffen im Sinne einer Orientierung am Beispiel Jesu und Unterscheiden als eine Art „Kompass“ des christlichen Wirkens.

Zur Reife im Glauben gehöre nicht nur das Vorwärtsgehen, sondern auch der Blick zurück, hebt Franziskus die Bedeutung der Erinnerung hervor. In der Vergangenheit gilt es „Schätze“ zu heben, im Rückgriff auf die „Wurzeln des Glaubens“ lägen „Schlüssel, um die Gegenwart zu verstehen“: „Je deutlicher die Erinnerung der Vergangenheit ist, umso klarer öffnet sich die Zukunft, denn so lässt sich der wirklich neue Weg erkennen und von anderen bereits gegangen Sackgassen unterscheiden. Der Glaube wächst mit der Erinnerung, indem man die Dinge mit der wirklich erlebten Geschichte unserer Väter und des ganzen Gottesvolkes, der ganzen Kirche verbindet.“ In der Feier der Eucharistie werde diese Erinnerung bewahrt, hält der Papst fest.

Aus der Hoffnung stützt sich der Glaube, fährt der Papst fort, sie gebe dem Glauben „Frische“ und einen „Horizont“. Mit Imagination oder Wunschdenken habe das allerdings nichts zu tun, vielmehr mit der Fähigkeit, stets Jesu Auftrag im Leben zu erkennen: „Hoffnung bedeutet, im Angesicht der Armen, denen ich heute begegne, denselben Herrn erkennen zu können, der eines Tages kommen wird, um uns zu richten – laut dem Protokoll, von dem Matthäus berichtet: ,Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Abstraktion ja, aber nur als ein Mittel

Der Unterscheidung, einem Grundbegriff bei Ignatius von Loyola, räumt der Jesuit Franziskus viel Platz in seinen Ausführungen ein. „Der Fortschritt des Glaubens in der Erinnerung und in der Hoffnung ist am meisten entwickelt. Der Fixpunkt der Unterscheidung hingegen vielleicht nicht allzu sehr“, so Franziskus, der hier Nachholbedarf für die Kirche sieht: „Es mag selbst scheinen, dass es keine Unterscheidung brauche, wo es Glauben gibt: man Glaubt und das ist alles. Das aber ist gefährlich.“

Franziskus übt an dieser Stelle Kritik an einer „rein intellektuellen“ Glaubenspraktik, die in „Reflexionen und abstrakten Formulierungen“ erstarrt. Abstraktion sei ein Moment des Denkens, ein Mittel, erinnert er, Glaube aber öffne sich dem Tun, sei aktiv und „wirksam“, auch „kreativ“ und ziele auf ein „größeres Gemeinwohl“, eine „größere Hoffnung“. Zielpunkt der Unterscheidung sei schließlich das Werk am Nächsten: „Das gemeinschaftliche Flehen der Jünger ,Stärke uns den Glauben!‘ (Lk 17,6) beinhaltet das Bewusstsein darum, dass der Glaube ein gemeinschaftliches Gut ist“, so der Papst. Und weiter: „Das Gute für den Anderen zu suchen lässt uns riskieren.“

Keine Fixierung allein auf Lehre 

Ebenso könne es nicht darum gehen, sich allein auf die kirchliche Lehre zu fixieren, so Papst Franziskus weiter, der erneut aus Evangelii gaudium zitiert. Glaubensstärkung und -bildung dürfe nicht allein auf doktrinelle Schulung zielen, Priester bräuchten immer wieder glaubensnährende Momente der „Begegnung mit dem Herrn“, die durch eine Erfahrung der „unerfüllten Fülle“ gekennzeichnet seien: Unerfüllt, weil der Weg der persönlichen Reifung noch nicht beendet sei, Fülle, weil in diesen Momenten „alles enthalten“ sei. Dieser Prozess der Reifung gelte für Seminaristen wie Priester, für Missionare wie Bischöfe, so der Papst. Franziskus zieht an dieser Stelle den Begriff der „missionarischen Jünger“ aus dem Dokument der historischen Bischofsversammlung von Aparecida heran.

Für eine dynamische, freudige Kirche

Prüfstein für ein solchermaßen auf den Nächsten und aufs Leben gerichtetes Zeugnis sei die Unterscheidung, so der Papst. Und grundsätzlicher hält er fest: „Die Unterscheidung sieht zuerst das an, was unserem Vater gefällt, ,der auch das Verborgene sieht‘ (Mt 6,4.6), sie folgt nicht den perfektionistischen Modellen der kulturellen Paradigmen.“ Hierbei gehe es nicht allein darum, der „Verführung des ersten Impulses, etwas sofort lösen zu wollen“ zu widerstehen. Unterscheiden meine eine grundsätzliche Haltung, die für den Papst mit Freude und Dynamik zu tun hat. So grenzt Franziskus in seiner Meditation den Begriff auch von all dem ab, was lähmt: Pessimismus, mangelndes Vertrauen, der Fixierung auf die eigenen Schwächen, dem vorschnellen Sich-Geschlagen-Geben. Und er sieht im „Hinausgehen“ mit „Freude“ die „Gnaden“ einer Kirche, „um die ich heute am meisten bitte und bitten lasse“.

Simon Petrus als Beispiel 

Am konkreten Beispiel des Simon Petrus veranschaulicht der Papst im zweiten Teil seiner Beitrags, was Wachstum des Glaubens bedeute. Der Glaube des Apostels, der Jesus zunächst verleugnete, war am Ende ein gereifter, geprüfter Glaube – zahlreich waren die Versuchungen, denen er ausgesetzt war. Petrus könne so aufzeigen, dass „auch die Sünde selbst in den Fortschritt des Glaubens“ eingehen kann, so Franziskus. Und daraus leitet er ab: „Es ist wichtig für einen Priester, dass er die eigenen Versuchungen und eigenen Verfehlungen in das Gebet Jesu einzugliedern versteht, dass unser Glaube nicht schwinde, sondern reife und dazu diene, seinerseits den Glauben derjenigen zu stärken, die ihm anvertraut sind.“

Dies bedeute auch, dass die eigene Fehlbarkeit einen Dienst am Nächsten nicht ausschließe, erinnert der Papst. Ein Priester sei ein Mann Gottes und ein fehlbarer Mensch zugleich: „Ein Priester oder ein Bischof, der sich nicht als Sünder fühlt und nicht beichtet, schließt sich in sich selbst ab und wächst nicht im Glauben.“ Und weiter: „Wenn wir den Glauben der anderen stärken, tun wir das als Sünder. Und wenn wir sündigen, beichten wir als das, was wir sind: Priester, und unterstreichen, dass wir eine Verantwortung gegenüber den Menschen haben, wir sind nicht wie alle.“

(rv 02.03.2017 pr)

BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DIE VERNÜNFTIGKEIT DES GLAUBENS AN GOTT

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GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 21. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir schreiten im Jahr des Glaubens voran und tragen in unserem Herzen die Hoffnung, neu zu entdecken, wieviel Freude im Glauben liegt, und die Begeisterung wiederzufinden, allen die Glaubenswahrheiten zu vermitteln. Diese Wahrheiten sind nicht einfach nur eine Botschaft über Gott, eine besondere Information über ihn. Vielmehr bringen sie das Ereignis der Begegnung Gottes mit den Menschen zum Ausdruck, eine heilbringende und befreiende Begegnung, die die tiefsten Bestrebungen des Menschen, sein Verlangen nach Frieden, nach Brüderlichkeit, nach Liebe verwirklicht. Der Glaube führt zu der Entdeckung, daß die Begegnung mit Gott das Wahre, Gute und Schöne im Menschen zur Geltung bringt, vervollkommnet und erhebt. So geschieht es, daß Gott sich offenbart und sich erkennen läßt und der Mensch gleichzeitig erfährt, wer Gott ist. Und indem er ihn erkennt, entdeckt er sich selbst, den eigenen Ursprung, die eigene Bestimmung, die Größe und die Würde des menschlichen Lebens.

Der Glaube ermöglicht ein echtes Wissen über Gott, das die ganze menschliche Person einbezieht: Es ist ein »sapere«, also ein Erkennen, das dem Leben »sapor«, Geschmack, verleiht – einen neuen Geschmack am Leben, ein freudiges Dasein auf der Welt. Der Glaube kommt in der Selbsthingabe für die anderen zum Ausdruck, in der Brüderlichkeit, die solidarisch und liebesfähig macht und die Einsamkeit, die traurig macht, überwindet. Diese Erkenntnis Gottes durch den Glauben betrifft daher nicht nur den Verstand, sondern das ganze Leben. Sie ist die Erkenntnis Gottes, der die Liebe ist, durch seine eigene Liebe. Die Liebe Gottes läßt erkennen, öffnet die Augen, gestattet es, die ganze Wirklichkeit zu erkennen, über die beschränkten Sichtweisen des Individualismus und des Subjektivismus hinaus, die dem Gewissen die Orientierung nehmen. Die Erkenntnis Gottes ist daher Erfahrung des Glaubens und setzt gleichzeitig einen intellektuellen und einen moralischen Weg voraus: Zutiefst berührt von der Gegenwart des Geistes Jesu in uns überwinden wir die Horizonte unserer Egoismen und öffnen uns gegenüber den wahren Werten des Daseins.

In der heutigen Katechese möchte ich über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott sprechen. Die katholische Tradition hat von Anfang an den sogenannten Fideismus abgelehnt, also den Willen, auch gegen die Vernunft zu glauben. »Credo quia absurdum« (ich glaube, weil es unvernünftig ist) ist keine Formel, die den katholischen Glauben zum Ausdruck bringt. Denn Gott ist nicht etwas Unvernünftiges, sondern allenfalls Geheimnis. Das Geheimnis wiederum ist nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, an Bedeutung, an Wahrheit. Wenn der Vernunft das Geheimnis dunkel erscheint, dann nicht, weil es im Geheimnis kein Licht gibt, sondern weil es vielmehr zuviel davon gibt. So sehen die Augen des Menschen, wenn er sie direkt auf die Sonne richtet, um sie zu betrachten, nur Finsternis. Aber wer würde behaupten, daß die Sonne nicht leuchtet, ja sogar die Quelle des Lichts ist? Der Glaube gestattet es, die »Sonne«, Gott, zu betrachten, weil er die Annahme seiner Offenbarung in der Geschichte ist. Er empfängt sozusagen wirklich die ganze Helligkeit des Geheimnisses Gottes und erkennt sein großes Wunder: Gott ist zum Menschen gekommen, er hat sich seiner Erkenntnis dargeboten, indem er sich zur kreatürlichen Grenze seiner Vernunft herabgelassen hat (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 13). Gleichzeitig erleuchtet Gott mit seiner Gnade die Vernunft, öffnet ihr neue, unermeßliche und unendliche Horizonte. Daher stellt der Glaube einen Ansporn dar, immer zu suchen, nie stehenzubleiben und sich in der unermüdlichen Entdeckung der Wahrheit und der Wirklichkeit nie zufriedenzugeben. Das Vorurteil gewisser moderner Denker, denen zufolge die menschliche Vernunft von den Glaubenssätzen gleichsam blockiert werde, ist falsch. Genau das Gegenteil ist wahr, wie die großen Meister der katholischen Tradition gezeigt haben.

Der hl. Augustinus sucht vor seiner Bekehrung mit viel Unruhe die Wahrheit in allen verfügbaren Philosophien, und findet sie alle unbefriedigend. Sein mühsames rationales Suchen ist für ihn eine wichtige Lehre für die Begegnung mit der Wahrheit Christi. Wenn er sagt: »Glaube, um überhaupt verstehen zu können – Verstehe, um zu glauben« (Sermo 43,9; PL 38,258), dann ist es als teilte er seine eigene Lebenserfahrung mit. Verstand und Glaube sind angesichts der göttlichen Offenbarung einander nicht fremd und stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern beide sind Voraussetzungen, um ihren Sinn zu verstehen, ihre wahre Botschaft zu erfassen und sich der Schwelle des Geheimnisses zu nähern. Der hl. Augustinus ist zusammen mit vielen anderen christlichen Autoren Zeuge für einen Glauben, der mit der Vernunft ausgeübt wird, der denkt und zum Denken einlädt. Auf derselben Linie sagt der hl. Anselm in seinem Proslogion, der katholische Glaube sei »fides quaerens intellectum«, wobei die Suche nach dem Verständnis ein dem Glauben innewohnender Akt ist. Vor allem der hl. Thomas von Aquin stützt sich auf diese Tradition, setzt sich mit der Vernunft der Philosophen auseinander und zeigt, wieviel neue fruchtbare Lebenskraft dem menschlichen Denken aus der Verbindung mit den Prinzipien und den Wahrheiten des christlichen Glaubens erwächst. Der christliche Glaube ist also vernünftig und setzt auch Vertrauen in die menschliche Vernunft.

Das Erste Vatikanische Konzil sagte in der Dogmatischen Konstitution Dei Filius, daß über den Weg der Schöpfung die menschliche Vernunft die Existenz Gottes sicher erkennen kann, während nur dem Glauben die Möglichkeit innewohnt, »ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums« (DS 3005) die Wahrheiten über Gott im Licht seiner Gnade zu erkennen. Die Glaubenserkenntnis steht außerdem der aufrichtigen Vernunft nicht entgegen. Der sel. Papst Johannes Paul II. faßt es in der Enzyklika Fides et ratio folgendermaßen zusammen: »Die Vernunft nimmt sich durch ihre Zustimmung zu den Glaubensinhalten weder zurück noch erniedrigt sie sich; zu den Glaubensinhalten gelangt man in jedem Fall durch freie Entscheidung und das eigene Gewissen« (Nr. 43). Im unwiderstehlichen Verlangen nach Wahrheit ist nur eine harmonische Beziehung zwischen Glauben und Vernunft der richtige Weg, der zu Gott und zur vollen Selbsterfüllung führt.

Diese Lehre läßt sich im ganzen Neuen Testament leicht erkennen. Der hl. Paulus schreibt, wie wir gehört haben, an die Christen in Korinth: »Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit« (1Kor 1,22–23). Denn Gott hat die Welt nicht mit einem machtvollen Eingriff erlöst, sondern durch die Erniedrigung seines eingeborenen Sohnes: Nach menschlichen Maßstäben steht die ungewöhnliche Vorgehensweise Gottes den Ansprüchen der griechischen Weisheit entgegen. Dennoch wohnt dem Kreuz Christi eine Vernunft inne; der hl. Paulus nennt sie »ho lògos tou staurou«, »das Wort vom Kreuz« (1 Kor 1,18). Hier bezeichnet das Wort »lògos« sowohl das Wort als auch die Vernunft, und wenn es Bezug nimmt auf das Wort, dann weil es in Worten zum Ausdruck bringt, was die Vernunft hervorbringt. Paulus sieht also im Kreuz kein irrationales Ereignis, sondern ein Heilsgeschehen, das eine eigene Vernünftigkeit besitzt, die im Licht des Glaubens erkennbar ist. Gleichzeitig hat er ein solches Vertrauen in die menschliche Vernunft, daß er sich sogar darüber wundert, daß viele, obwohl sie die Werke sehen, die Gott vollbringt, darauf beharren, nicht an ihn zu glauben. Im Brief an die Römer sagt er: »Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit« (1,20). So ermahnt auch der hl. Petrus die Christen in der Diaspora: »Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt« (1Petr 3,15). In einer Atmosphäre der Verfolgung und der dringenden Notwendigkeit, den Glauben zu bezeugen, wird von den Gläubigen verlangt, ihre Zustimmung zum Wort des Evangeliums mit Vernunftgründen zu rechtfertigen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt.

Auf diesen Voraussetzungen hinsichtlich der fruchtbaren Verbindung zwischen Verstehen und Glauben gründet auch die positive Beziehung zwischen Wissenschaft und Glaube. Die wissenschaftliche Forschung führt zur Erkenntnis immer neuer Wahrheiten über den Menschen und über den Kosmos, das sehen wir. Das wahre Wohl der Menschheit, das im Glauben zugänglich ist, öffnet den Horizont, in dem sich ihr Weg der Entdeckung bewegen muß. So müssen zum Beispiel die Forschungen gefördert werden, die im Dienst am Leben stehen und darauf abzielen, Krankheiten zu bekämpfen. Wichtig sind auch die Untersuchungen, die darauf ausgerichtet sind, die Geheimnisse unseres Planeten und des Universums zu entdecken, im Bewußtsein, daß der Mensch die Krone der Schöpfung ist – nicht um sie sinnlos auszubeuten, sondern um sie zu bewahren und bewohnbar zu machen. So gerät der wirklich gelebte Glaube nicht in Konflikt mit der Wissenschaft, sondern wirkt vielmehr mit ihr zusammen, indem er ihr Grundkriterien bietet, damit sie das Wohl aller fördern kann, und sie bittet, nur auf jene Versuche zu verzichten, die – da sie sich dem ursprünglichen Plan Gottes widersetzen – Wirkungen hervorrufen können, die sich gegen den Menschen kehren. Auch aus diesem Grund ist es vernünftig zu glauben: Während die Wissenschaft eine wertvolle Verbündete des Glaubens ist, um Gottes Plan im Universum zu verstehen, sorgt der Glaube dafür, daß der wissenschaftliche Fortschritt stets dem Wohl und der Wahrheit des Menschen dient, indem er diesem Plan treu bleibt.

Daher ist es entscheidend für den Menschen, sich für den Glauben zu öffnen und Gott und seinen Heilsplan in Jesus Christus zu erkennen. Im Evangelium wird ein neuer Humanismus eingeführt, eine echte »Grammatik« des Menschen und der ganzen Wirklichkeit. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: »Die Wahrheit Gottes ist auch seine Weisheit, die die ganze Ordnung der Schöpfung und den Lauf der Welt bestimmt. Gott, der Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat [vgl. Ps 115,5), ist auch der Einzige, der die wahre Erkenntnis alles Geschaffenen in seinem Bezug zu ihm schenken kann« (Nr. 216).

Vertrauen wir also darauf, daß unser Bemühen um die Evangelisierung dazu beitragen möge, das Evangelium im Leben vieler Männer und Frauen unserer Zeit wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Und beten wir darum, daß alle in Christus den Sinn des Lebens und die Grundlage der wahren Freiheit finden mögen: Denn ohne Gott verliert der Mensch sich selbst. Die Zeugnisse derer, die uns vorausgegangen sind und dem Evangelium ihr Leben gewidmet haben, bestätigen das für immer. Es ist vernünftig zu glauben, unsere Existenz steht auf dem Spiel. Es lohnt sich, sich für Christus hinzugeben, er allein stillt das Verlangen nach der Wahrheit und dem Guten, das in der Seele eines jeden Menschen verwurzelt ist: jetzt, in der vergänglichen Zeit und am nie endenden Tag der ewigen Glückseligkeit.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DAS INNERE VERLANGEN NACH GOTT

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GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 7. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Der Weg der Reflexion, den wir in diesem Jahr des Glaubens gemeinsam beschreiten, läßt uns heute über einen faszinierenden Aspekt der menschlichen und christlichen Erfahrung nachdenken: Der Mensch trägt ein geheimnisvolles Verlangen nach Gott in sich. Bedeutsamerweise wird der Katechismus der Katholischen Kirche gerade mit folgenden Überlegungen eröffnet: »Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht« (Nr. 27).

Eine solche Aussage, die auch heute in vielen Kulturkreisen völlig annehmbar, ja beinahe selbstverständlich wirkt, könnte im säkularisierten westlichen Kulturkreis dagegen als Provokation erscheinen, denn viele unserer Zeitgenossen könnten einwenden, daß sie überhaupt kein solches Verlangen nach Gott spüren. Für große Teile der Gesellschaft ist er nicht mehr der Erwartete, der Herbeigesehnte, sondern vielmehr eine Wirklichkeit, der man gleichgültig gegenübersteht, die es nicht einmal der Mühe wert ist, sich dazu zu äußern. In Wirklichkeit ist das, was wir als »Verlangen nach Gott« bezeichnet haben, nicht völlig verschwunden, sondern es taucht auch heute in vielerlei Weise im Herzen des Menschen auf. Das menschliche Verlangen ist stets auf bestimmte konkrete Güter ausgerichtet, die oft alles andere als geistlich sind, und dennoch steht der Mensch vor der Frage, was wirklich »das« Gute ist, und muß sich also mit etwas auseinandersetzen, das etwas anderes ist als er selbst, das er nicht selbst herstellen kann, sondern zu erkennen aufgefordert ist. Was kann das Verlangen des Menschen wirklich stillen?

In meiner ersten Enzyklika Deus caritas est habe ich versucht zu analysieren, wie diese Dynamik in der Erfahrung der menschlichen Liebe umgesetzt wird – einer Erfahrung, die in unserer Zeit einfach als ein Augenblick der Ekstase wahrgenommen wird, des Herauskommens aus sich selbst, als ein Ort, an dem der Mensch spürt, von einem Verlangen durchdrungen zu sein, das ihn übersteigt. Durch die Liebe erfahren Mann und Frau auf neue Weise, einer durch den anderen, die Größe und die Schönheit des Lebens und der Wirklichkeit. Wenn das, was wir erfahren, nicht einfach nur eine Illusion ist, wenn ich wirklich das Wohl des anderen will – auch als Weg zu meinem eigenen Wohl –, dann muß ich bereit sein, selbst aus dem Mittelpunkt herauszutreten, mich in seinen Dienst zu stellen, bis hin zum Selbstverzicht. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Erfahrung der Liebe durchläuft also die Läuterung und die Heilung des Willens, die von dem Wohl verlangt werden, das man für den anderen will. Man muß üben, trainieren, sich auch korrigieren, damit dieses Wohl wirklich gewollt werden kann.

Die anfängliche Ekstase wird so zum Pilgerweg, zum »ständigen Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes« (Enzyklika Deus caritas est, 6). Durch diesen Weg kann die Erkenntnis der Liebe, die der Mensch anfangs erfahren hat, allmählich tiefer werden. Und auch das Geheimnis, für das sie steht, nimmt immer deutlicher Gestalt an: Denn nicht einmal die geliebte Person kann das Verlangen stillen, das im menschlichen Herzen wohnt, sondern je authentischer die Liebe zum anderen ist, desto mehr wirft sie die Frage über ihren Ursprung und ihre Bestimmung auf, über ihre Möglichkeit, auf immer zu währen. Die menschliche Erfahrung der Liebe hat also eine Dynamik in sich, die über sich selbst hinausweist, sie ist die Erfahrung von etwas Gutem, das den Menschen aus sich selbst herausgehen läßt und ihn dem Geheimnis gegenüberstellt, das die gesamte Existenz umgibt.

Ähnliche Überlegungen könnte man auch in bezug auf andere menschliche Erfahrungen anstellen, wie die Freundschaft, die Erfahrung des Schönen, die Liebe zur Erkenntnis: Alles Gute, das der Mensch erfährt, strebt auf das Geheimnis zu, das den Menschen selbst umgibt; jedes Verlangen des menschlichen Herzens ist Widerhall eines Grundverlangens, das nie völlig gestillt ist. Natürlich kann man von diesem tiefen Verlangen, das auch etwas Rätselhaftes in sich birgt, nicht unmittelbar zum Glauben gelangen. Der Mensch weiß letztlich wohl, was ihn nicht satt macht, aber er kann sich nicht vorstellen oder beschreiben, was ihn jenes Glück erfahren ließe, nach dem sein Herz sich sehnt. Man kann Gott nicht kennenlernen, wenn man nur vom Verlangen des Menschen ausgeht. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt das Geheimnis: Der Mensch sucht nach dem Absoluten, als Suchender macht er kleine und unsichere Schritte. Dennoch ist bereits die Erfahrung des Verlangens, des »unruhigen Herzens«, wie der hl. Augustinus es nannte, sehr bedeutsam. Es zeigt uns, daß der Mensch ein zutiefst religiöses Wesen ist (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 28), »vor Gott ein Bettler«. Wir können mit Pascals Worten sagen, daß  »der Mensch unendlich den Menschen übersteigt« (Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände I,2,5,3).

Die Augen erkennen die Gegenstände, wenn diese vom Licht beleuchtet sind. Daher kommt der Wunsch, das Licht selbst kennenzulernen, das die Dinge der Welt erglänzen läßt und mit ihnen den Sinn für die Schönheit entflammt. Wir müssen also festhalten, daß es auch in unserer Zeit, die für die transzendente Dimension so unempfänglich zu sein scheint, möglich ist, einen Weg zum wahren religiösen Sinn des Lebens hin zu öffnen, der zeigt, daß das Geschenk des Glaubens nicht sinnlos, nicht irrational ist. Zu diesem Zweck wäre es sehr nützlich, eine Art Pädagogik des Verlangens zu fördern, sowohl für den Weg jener, die noch nicht glauben, als auch für jene, die das Geschenk des Glaubens bereits empfangen haben.

Diese Pädagogik umfaßt mindestens zwei Aspekte. An erster Stelle geht es darum, zu lernen oder wieder zu lernen, die wahren Freuden des Lebens zu genießen. Nicht jede Wunschbefriedigung ruft in uns dieselbe Wirkung hervor: Einige hinterlassen eine positive Spur, können dem Herzen Frieden schenken, machen uns aktiver und großherziger. Andere dagegen scheinen nach dem anfänglichen Licht den Erwartungen, die sie erweckt hatten, nicht zu entsprechen, und hinterlassen zuweilen Bitterkeit, Unzufriedenheit oder ein Gefühl der Leere. Von jungen Jahren an dazu erzogen zu werden, die wahren Freuden zu genießen, in allen Bereichen des Lebens – Familie, Freundschaft, Solidarität mit den Leidenden, Selbstverzicht zum Dienst an den anderen, Liebe zur Erkenntnis, zur Kunst, zu den Schönheiten der Natur –, all das bedeutet, inneren Genuß zu üben und wirksame Abwehrkräfte gegen die heute verbreitete Banalisierung und Verflachung zu bilden. Auch die Erwachsenen müssen diese Freuden wiederentdecken, echte Wirklichkeiten verlangen und sich von der Mittelmäßigkeit reinigen, in die sie vielleicht hineingeraten sind. Dadurch wird es einfacher, alles fallenzulassen oder abzulehnen, was zwar scheinbar anziehend ist, sich jedoch als schal erweist, als Quelle der Gewohnheit und nicht der Freiheit. Und daraus tritt dann jenes Verlangen nach Gott zutage, von dem wir sprechen.

Ein zweiter Aspekt, der mit dem ersten einhergeht, besteht darin, sich nie mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Gerade die echten Freuden sind in der Lage, in uns jene gesunde Unruhe zu wecken, die uns anspruchsvoller macht – ein höheres, tiefergehendes Wohl zu wollen – und uns gleichzeitig immer deutlicher spüren läßt, daß nichts Endliches unser Herz erfüllen kann. So lernen wir, wehrlos jenes Wohl anzustreben, das wir nicht aus eigener Kraft konstruieren oder uns verschaffen können, uns nicht entmutigen zu lassen von der Anstrengung oder den Hindernissen, die aus unserer Sünde kommen. In diesem Zusammenhang dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß die Dynamik des Verlangens immer offen ist für die Erlösung – auch wenn sie Irrwege einschlägt, wenn sie künstliche Paradiese verfolgt und die Fähigkeit, das wahre Gut anzustreben, zu verlieren scheint. Auch im Abgrund der Sünde verlöscht im Menschen nicht jene Flamme, die es ihm erlaubt, das wahre Wohl zu erkennen, es zu kosten und so einen Wiederaufstieg zu beginnen, bei dem Gott es durch seine Gnadengabe nie an seiner Hilfe fehlen lassen wird. Wir alle müssen übrigens einen Weg der Reinigung und der Heilung des Verlangens beschreiten.

Wir sind Pilger auf dem Weg in die himmlische Heimat und gehen auf jenes vollkommene, ewige Wohl zu, das nichts uns wieder entreißen kann. Es geht also nicht darum, das Verlangen, das im Herzen des Menschen ist, zu ersticken, sondern darum, es zu befreien, damit es zu seiner wahren Höhe gelangen kann. Wenn im Verlangen das Fenster auf Gott hin geöffnet wird, dann ist es schon das Zeichen, daß der Glaube im Herzen gegenwärtig ist, und dieser Glaube ist eine Gnade Gottes. Der hl. Augustinus sagte auch: »Durch Warten macht Gott unser Verlangen größer, durch das Verlangen schenkt er uns ein größeres Herz, und indem er es größer macht, macht er es aufnahmefähiger« (Kommentar zum Ersten Brief des Johannes, 4,6: PL 35,2009).

Auf dieser Pilgerreise wollen wir uns als Brüder aller Menschen fühlen, als Weggefährten auch derer, die nicht glauben, die auf der Suche sind, die sich von der Dynamik des eigenen Verlangens nach dem Wahren und Guten aufrichtig hinterfragen lassen. In diesem Jahr des Glaubens wollen wir darum beten, daß Gott sein Antlitz all jenen zeigen möge, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen. Danke.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DER GLAUBE DER KIRCHE

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S.MESSA PER LA NUOVA EVANGELIZZAZIONE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI 16-10-2011

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 31. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen unseren Weg der Betrachtung über den katholischen Glauben fort. In der letzten Woche habe ich gezeigt, daß der Glaube ein Geschenk ist, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; und so ist der Glaube eine Antwort, durch die wir ihn als das feste Fundament unseres Lebens annehmen. Er ist ein Geschenk, das das Dasein verwandelt, weil es uns in die Sichtweise Jesu eintreten läßt, der in uns wirkt und uns auf die Liebe zu Gott und zu den anderen hin öffnet.

Heute möchte ich einen weiteren Schritt in unserer Reflexion tun, indem ich wieder von einigen Fragen ausgehe: Hat der Glaube nur persönlichen, individuellen Charakter? Geht er nur mich selbst etwas an? Lebe ich meinen Glauben allein? Sicher ist der Glaubensakt ein höchst persönlicher Akt, der tief im Innern geschieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr ausdrückt: Mein Dasein bekommt eine Wende, eine neue Ausrichtung. In der Taufliturgie, im Augenblick der Versprechen, fordert der Zelebrant dazu auf, den katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, indem er drei Fragen formuliert: Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Ursprünglich wurden diese Fragen persönlich an denjenigen gerichtet, der die Taufe empfangen sollte, bevor er dreimal ins Wasser getaucht wurde. Und auch heute steht die Antwort im Singular: »Ich glaube.« Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis meiner einsamen Reflexion, er geht nicht aus meinem Denken hervor, sondern er ist Frucht einer Beziehung, eines Gesprächs, in dem es ein Hören, ein Empfangen und ein Antworten gibt; er ist das Kommunizieren mit Jesus, das mich aus meinem in mir selbst verschlossenen »Ich« heraustreten läßt, um mich für die Liebe Gottes, des Vaters, zu öffnen. Es ist wie eine Neugeburt, in der ich entdecke, daß ich nicht nur mit Jesus vereint bin, sondern auch mit allen, die denselben Weg gegangen sind und gehen; und diese Neugeburt, die mit der Taufe beginnt, geht das ganze Leben hindurch weiter. Ich kann meinen persönlichen Glauben nicht in einem privaten Gespräch mit Jesus aufbauen, denn der Glaube wird mir von Gott durch eine gläubige Gemeinschaft, die Kirche, geschenkt, und stellt mich so hinein in die Menge der Gläubigen in einer Gemeinschaft, die nicht nur soziologisch, sondern in der ewigen Liebe Gottes verwurzelt ist, die in sich selbst Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, die dreifaltige Liebe ist. Unser Glaube ist nur dann wirklich persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist: Er kann nur dann mein Glaube sein, wenn er im »Wir« der Kirche lebt und sich bewegt, nur wenn er unser Glaube ist, der gemeinsame Glaube der einen Kirche.

Wenn wir sonntags in der heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann drücken wir uns in der ersten Person aus, bekennen aber gemeinschaftlich den einen Glauben der Kirche. Dieses einzeln ausgesprochene »Ich glaube« vereint sich mit dem eines enormen Chors an allen Orten und zu allen Zeiten, in dem jeder sozusagen zu einer harmonischen Polyphonie im Glauben beiträgt. Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt es deutlich zusammen: »›Glauben‹ ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. ›Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat‹ (Cyprian, unit. eccl.)« (Nr. 181). Der Glaube entsteht also in der Kirche, führt zu ihr hin und lebt in ihr. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Zu Beginn des christlichen Abenteuers, als der Heilige Geist mit Macht auf die Apostel herabkommt, am Pfingsttag – wie es in derApostelgeschichte berichtet wird (vgl. 2,1–13) – empfängt die entstehende Kirche die Kraft, die Sendung umzusetzen, die ihr vom auferstandenen Herrn anvertraut wurde: das Evangelium, die Frohbotschaft vom Reich Gottes, überall in der Welt zu verbreiten, und so jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, zum rettenden Glauben zu führen. Die Apostel überwinden alle Furcht in der Verkündigung dessen, was sie persönlich mit Jesus gehört, gesehen, erfahren haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes beginnen sie, in neuen Sprachen zu sprechen, und verkündigen offen das Geheimnis, dessen Zeugen sie waren. In der Apostelgeschichte wird uns dann die große Rede überliefert, die Petrus am Pfingsttag hält. Von einem Abschnitt aus dem Propheten Joel (3,1–5) ausgehend, den er auf Jesus bezieht, verkündet er das Herzstück des christlichen Glaubens: Er, der allen Gutes getan hatte, den Gott durch große Wunder und Zeichen beglaubigt hatte, wurde ans Kreuz geschlagen und umgebracht, Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus gemacht. Durch ihn haben wir das endgültige Heil erlangt, das von den Propheten verkündigt wurde, und wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17– 24). Als sie diese Worte des Petrus hören, fühlen viele sich persönlich angesprochen, bereuen ihre Sünden und lassen sich taufen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37–41). So beginnt der Weg der Kirche: Gemeinschaft, die diese Verkündigung an allen Orten und zu allen Zeiten trägt, Gemeinschaft, die das durch das Blut Christi auf den Neuen Bund gegründete Volk Gottes ist, dessen Mitglieder keiner besonderen sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen sind. Es ist ein »katholisches« Volk, das neue Sprachen spricht und weltweit offen ist, alle anzunehmen, über jede Grenze hinaus, das alle Grenzen niederreißt. Der hl. Paulus sagt: »Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11).

Die Kirche ist also von Anfang an der Ort des Glaubens, der Ort der Weitergabe des Glaubens, der Ort, an dem man durch die Taufe hineingenommen wird in das Paschamysterium des Todes und der Auferstehung Christi, das uns aus der Gefangenschaft der Sünde befreit, uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott einführt. Gleichzeitig sind wir in die Gemeinschaft mit den anderen Brüdern und Schwestern im Glauben hineingenommen, mit dem ganzen Leib Christi, aus unserer Isolierung herausgezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil ruft dies in Erinnerung: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Wenn wir noch einmal an die Taufliturgie denken, dann sehen wir, daß der Zelebrant zum Abschluß der Versprechen, in denen wir dem Bösen widersagen und die Glaubenswahrheiten immer wieder durch »Ich glaube« bekennen, sagt: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen. « Der Glaube ist eine theologische Tugend, die von Gott geschenkt, aber von der Kirche in der Geschichte weitergegeben wird. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther, daß er ihnen überliefert hat, was auch er empfangen hat (vgl. 1Kor 15,3).

Es gibt ein ununterbrochenes Band des kirchlichen Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, das bis zu uns reicht und das wir Tradition nennen. Sie ist uns dafür die Garantie, daß das, woran wir glauben, die ursprüngliche Botschaft Christi ist, die von den Aposteln verkündigt wurde. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung ist das Ereignis des Todes und der Auferstehung des Herrn, aus dem das ganze Erbe des Glaubens hervorgeht. Das Konzil sagt: »Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 8). Wie also die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, so bewahrt die Tradition der Kirche dieses Wort und gibt es treu weiter, damit die Menschen zu jeder Zeit auf seine unendlichen Ressourcen zurückgreifen und an seinem Gnadenreichtum teilhaben können. »So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (ebd.).

Abschließend möchte ich hervorheben, daß der persönliche Glaube in der kirchlichen Gemeinschaft wächst und reift. Es ist interessant zu sehen, daß das Wort »Heilige« im Neuen Testament die Christen als Ganzes bezeichnet, und gewiß hatten nicht alle die Voraussetzungen, zu Heiligen der Kirche erhoben zu werden. Worauf wollte man mit diesem Begriff also hinweisen? Auf die Tatsache, daß jene, die den Glauben an den auferstandenen Christus hatten und lebten, berufen waren, ein Bezugspunkt für alle anderen zu werden und sie so in Berührung zu bringen mit der Person und der Botschaft Jesu, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Und das gilt auch für uns: Ein Christ, der sich nach und nach vom Glauben der Kirche führen und formen läßt, trotz seiner Schwächen, seiner Grenzen und seiner Schwierigkeiten, wird gleichsam zu einem Fenster, das offen ist für das Licht des lebendigen Gottes, das dieses Licht aufnimmt und es an die Welt weitergibt. In der Enzyklika Redemptoris missio sagte der sel. Johannes Paul II.: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!« (Nr. 2).

Die heute weitverbreitete Tendenz, den Glauben in die Privatsphäre zu verbannen, widerspricht also dem Wesen des Glaubens. Wir brauchen die Kirche zur Bestätigung unseres Glaubens und um die Gaben Gottes zu erfahren: sein Wort, die Sakramente, die Unterstützung der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So kann unser »Ich« im »Wir« der Kirche zugleich als Empfänger und als Träger eines Ereignisses verstanden werden, das es übersteigt: die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, auf der die Gemeinschaft unter den Menschen gründet. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Personen zu regeln scheint und sie immer schwächer macht, ruft uns der Glaube auf, Volk Gottes zu sein, Kirche zu sein, Träger der Liebe und der Gemeinschaft Gottes für die gesamte Menschheitsfamilie (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 1). Danke für die Aufmerksamkeit.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – WAS IST DER GLAUBE?

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GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 24. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Mittwoch habe ich mit dem Beginn des »Jahrs des Glaubens« eine neue Katechesereihe über den Glauben begonnen. Und heute möchte ich mit euch über eine grundlegende Frage nachdenken: Was ist der Glaube? Hat der Glaube noch Sinn in einer Welt, in der Wissenschaft und Technik Horizonte eröffnet haben, die bis vor kurzem undenkbar waren? Was bedeutet es, heute zu glauben? In der Tat bedarf es in unserer Zeit einer erneuerten Erziehung zum Glauben, die natürlich eine Kenntnis der Glaubenswahrheiten und des Heilsgeschehens beinhalten, vor allem aber aus einer wahren Begegnung mit Gott in Jesus Christus heraus entstehen muß – aus der Liebe zu ihm, aus dem Vertrauen zu ihm, damit das ganze Leben darin einbezogen ist.

Trotz vieler guter Anzeichen breitet sich heute um uns herum auch eine gewisse spirituelle Wüste aus. Aufgrund gewisser Ereignisse, von denen wir täglich erfahren, hat man zuweilen gleichsam das Gefühl, daß die Welt nicht auf den Aufbau einer brüderlicheren und friedlicheren Gemeinschaft zugeht; selbst die Ideen von Fortschritt und Wohlstand haben auch ihre Schattenseiten. Trotz der großen Entdeckungen der Wissenschaft und der Leistungen der Technik scheint der Mensch heute nicht wirklich freier, menschlicher geworden zu sein; nach wie vor gibt es viele Formen der Ausbeutung, der Manipulierung, der Gewalt, der Unterdrückung, des Unrechts…

Eine bestimmte Art von Kultur hat den Menschen außerdem dazu erzogen, sich nur innerhalb des Horizonts der Materie, des Machbaren zu bewegen, nur an das zu glauben, was man sieht und was man mit eigenen Händen berührt. Andererseits wächst jedoch auch die Zahl derer, die sich orientierungslos fühlen und die im Bestreben, über eine rein horizontale Weltsicht hinauszugelangen, bereit sind, an alles und das Gegenteil zu glauben. In diesem Zusammenhang stellen sich erneut einige grundlegende Fragen, die viel konkreter sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen: Welchen Sinn hat es zu leben? Gibt es eine Zukunft für den Menschen, für uns und für die neuen Generationen? In welche Richtung sollen wir unsere freien Entscheidungen lenken, um zu einem guten und glücklichen Leben zu gelangen? Was erwartet uns jenseits der Schwelle des Todes? Aus diesen unumgänglichen Fragen wird deutlich, daß die Welt der Planung, der genauen Berechnung und der empirischen Versuche – mit einem Wort, die wissenschaftliche Erkenntnis – allein nicht ausreicht, auch wenn sie für das Leben des Menschen wichtig ist. Wir brauchen nicht nur das materielle Brot, sondern wir brauchen Liebe, Sinn und Hoffnung, ein sicheres Fundament, einen festen Boden, der uns hilft, auch in der Krise, in der Finsternis, in den Schwierigkeiten und in den täglichen Problemen wirklich sinnvoll zu leben. Der Glaube schenkt uns genau das: Er ist ein zuversichtliches Sich-Anvertrauen an ein »Du«, das Gott ist, der mir eine andere, jedoch nicht weniger feste Gewißheit gibt als jene, die ich aus der genauen Berechnung oder aus der Wissenschaft erhalte.

Der Glaube ist nicht einfach nur eine verstandesgemäße Annahme besonderer Wahrheiten über Gott durch den Menschen; er ist ein Akt, durch den ich mich freiwillig einem Gott anvertraue, der Vater ist und der mich liebt; er ist die Zustimmung zu einem »Du«, das mir Hoffnung und Vertrauen schenkt. Diese Zustimmung zu Gott ist natürlich nicht ohne Inhalte: durch sie sind wir uns bewußt, daß Gott selbst sich uns in Christus gezeigt hat, sein Antlitz offenbart hat und wirklich zu einem jeden von uns gekommen ist. Ja, Gott hat offenbart, daß seine Liebe zum Menschen, zu einem jeden von uns, maßlos ist: Am Kreuz zeigt uns Jesus von Nazaret, der menschgewordene Gottessohn, in strahlend heller Weise, bis wohin diese Liebe reicht: bis zur Selbsthingabe, bis zum vollkommenen Opfer. Durch das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi kommt Gott bis ins Tiefste unserer Menschennatur herab, um sie wieder zu sich zu bringen, um sie in seine Höhe zu erheben. Glaube bedeutet, an diese Liebe Gottes zu glauben, die angesichts der Bosheit des Menschen, angesichts des Bösen und des Todes nicht weniger wird, sondern fähig ist, jede Form der Knechtschaft zu verwandeln und das Heilsangebot zu schenken. Ein Glaubender zu sein bedeutet also, diesem »Du«, Gott, zu begegnen, der mich trägt und mir die Verheißung einer unvergänglichen Liebe gewährt, die nicht nur nach der Ewigkeit strebt, sondern diese schenkt; es bedeutet, mich Gott anzuvertrauen wie ein Kind, das sicher weiß, daß all seine Schwierigkeiten, all seine Probleme im »Du« der Mutter sicher geborgen sind. Und dieses Heilsangebot durch den Glauben ist ein Geschenk, das Gott allen Menschen macht. Ich denke, wir sollten – in unserem täglichen Leben, das von zuweilen dramatischen Problemen und Situationen geprägt ist – öfter darüber nachdenken, daß christlich zu glauben bedeutet, mich vertrauensvoll dem tiefen Sinn zu überlassen, der mich und die Welt trägt, jenem Sinn, den wir uns nicht selbst geben, sondern nur als Geschenk empfangen können und der das Fundament ist, auf dem wir furchtlos leben können. Und wir müssen fähig sein, diese befreiende und beruhigende Glaubensgewißheit mit Worten zu verkündigen und mit unserem Leben als Christen zu zeigen.

Um uns herum sehen wir jedoch tagtäglich, daß viele dieser Verkündigung gleichgültig gegenüberstehen oder sich weigern, sie anzunehmen. Am Ende des Markusevangeliums haben wir heute harte Worte des Auferstandenen, der sagt: »Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden« (Mk 16,16), verliert sich selbst. Ich möchte euch einladen, darüber nachzudenken. Das Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes muß uns stets anspornen, hinzugehen und das Evangelium zu verkündigen, zum mutigen Glaubenszeugnis. Außer der Möglichkeit einer positiven Antwort auf das Geschenk des Glaubens gibt es jedoch auch die Gefahr der Ablehnung des Evangeliums, der Nichtannahme der lebenspendenden Begegnung mit Christus. Schon der hl. Augustinus stellte sich dieses Problem in seinem Kommentar zum Gleichnis vom Sämann. Er sagte: »Wir sprechen, streuen den Samen aus, verteilen den Samen. Einige verachten, einige tadeln, einige verspotten uns. Wenn wir sie fürchten, haben wir nichts mehr auszusäen und bleiben am Tag der Ernte ohne Ertrag. Möge also der Same des guten Bodens kommen« (Sermo de disciplina christiana, 13,14: PL 40,677–678). Die Ablehnung kann uns also nicht entmutigen. Als Christen sind wir Zeugnis dieses fruchtbaren Bodens: Unser Glaube, trotz all unserer Grenzen, zeigt, daß es den guten Boden gibt, wo der Same des Wortes Gottes reiche Frucht der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe, einer neuen Menschheit, des Heils hervorbringt. Und die ganze Kirchengeschichte mit all ihren Problemen zeigt auch, daß es den guten Boden gibt, daß es den guten Samen gibt und daß er Frucht trägt. Wir wollen uns jedoch fragen: Woraus schöpft der Mensch die Offenheit des Herzens und des Verstandes, an den Gott zu glauben, der im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus sichtbar geworden ist, und sein Heil zu empfangen, so daß er und sein Evangelium Wegweiser und Licht für das Leben sein können? Antwort: Wir können an Gott glauben, weil er uns nahekommt und uns anrührt, weil der Heilige Geist, die Gabe des Auferstandenen, uns fähig macht, den lebendigen Gott anzunehmen. Der Glaube ist also vor allem ein übernatürliches Geschenk, ein Geschenk Gottes.

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: »Dieser Glaube kann nicht vollzogen werden ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes, der das Herz bewegen und Gott zuwenden, die Augen des Verstandes öffnen und ›es jedem leicht machen muß, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben‹« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 5). Das Fundament unseres Glaubensweges ist die Taufe, das Sakrament, das uns den Heiligen Geist schenkt, das uns in Christus zu Kindern Gottes macht und die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft, in die Kirche bezeichnet: Man glaubt nicht von sich aus, ohne das Zuvorkommen der Gnade des Heiligen Geistes; und man glaubt nicht alleine, sondern gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern. Von der Taufe an ist jeder Gläubige berufen, dieses Glaubensbekenntnis immer wieder neu zu leben und es sich zu eigen zu machen, gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern.

Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, aber er ist auch ein zutiefst freier und menschlicher Akt. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt das ganz deutlich: »Nur durch die Gnade und den inneren Beistand des Heiligen Geistes ist man imstande, zu glauben. Und doch ist Glauben ein wahrhaft menschlicher Akt. Es widerspricht weder der Freiheit noch dem Verstand des Menschen « (Nr. 154). Im Gegenteil, er setzt sie voraus und erhöht sie, durch den Einsatz des ganzen Lebens, der gleichsam ein Exodus ist, also ein Herauskommen aus sich selbst, aus seinen eigenen Sicherheiten, aus seinen eigenen Denkmustern, um sich dem Wirken Gottes anzuvertrauen, der uns seinen Weg weist, um die wahre Freiheit zu erlangen, unsere menschliche Identität, die wahre Freude des Herzens, den Frieden mit allen. Glauben bedeutet, sich in voller Freiheit und mit Freude dem Plan der Vorsehung Gottes in der Geschichte anzuvertrauen, wie der Erzvater Abraham, wie Maria von Nazaret. Der Glaube ist also eine Zustimmung, durch die unser Verstand und unser Herz »ja« sagen zu Gott und bekennen, daß Jesus der Herr ist. Und dieses »Ja« verwandelt das Leben, öffnet ihm den Weg zu einer Sinnfülle und macht es so neu, reich an Freude und verläßlicher Hoffnung.

Liebe Freunde, unsere Zeit erfordert Christen, die von Christus ergriffen sind, die durch die Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und den Sakramenten im Glauben wachsen: Personen, die gleichsam ein aufgeschlagenes Buch sind, das von der Erfahrung des neuen Lebens im Geist erzählt, von der Gegenwart jenes Gottes, der uns auf dem Weg stützt und uns zu dem Leben hin öffnet, das niemals enden wird. Danke.

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