APPELL AN ALLE NICHT-CHRISTEN

Jeder einzelne Mensch, der in dieses irdische Dasein tritt, hat die Bestimmung und die Berufung, seinen Schöpfer zu erkennen, Ihm und Seinen fürsorglichen, liebenden Weisungen zu gehorchen, Ihn anzunehmen und zu lieben, und dann, so gereift, nach seinem Leibes-Tod, in die ewige Glückseligkeit bei Ihm einzugehen.

Die erste Stufe zur Erkenntnis Gottes ist die (nachdenkliche, unvoreingenommene, kindliche) Betrachtung der sichtbaren Welt: der Natur, der Tiere, der Menschen. Dem vernünftigen Beschauer ist spontan klar: das ist das (harmonische) Werk eines Wesens, das über allem ist. Das kann unmöglich von alleine entstanden sein. Das hat eine höchste Macht geschaffen, die mit Plan, Weisheit und Liebe wirkte. Bis ins kleinste Detail trägt alles die Eigenschaft des Gutseins, der Vollkommenheit. („Seht die Lilien des Feldes… und doch… war Salomon nicht gekleidet wie eine von ihnen!“) Unmöglich, etwas (nach seiner Anlage) Missratenes, etwas „von Grund auf falsch Programmiertes“ zu entdecken. („Und Er sah, dass es (alles) GUT war.“)

Die zweite Stufe, die zur Erkenntnis Gottes führt, ist die Entdeckung der geistigen Seele des Menschen. Ungleich dem Tier hat der Mensch, „Intelligenz“, „Vernunft“. Er kann denken. Er kann lernen, sich erinnern, er kann frei entscheiden. Er kann tun oder lassen. Er kann selber schöpferisch tätig sein.

Die dritte Stufe ist sein natürliches Empfinden, Reagieren. Er hat „Emotionen“. Er stellt fest, dass er – kongruent mit Seinesgleichen – unterscheidet zwischen schön und unschön, angenehm und unangenehm, gut und böse, wahr und unwahr. Er weiß spontan, intuitiv, was Liebe ist und was Hass, und erfährt beides bis in sein Innerstes. Er vernimmt eine „Stimme in seinem Herzen“. Er hat ein Gewissen. Er fühlt seine Sehnsucht nach Erfüllung, nach Vollkommenheit, nach Glück, nach einer nie endenden Seligkeit.

Diese drei Stufen oder Erkenntnisschritte genügen, um den Menschen, jeden Menschen, der nicht Widerstand leistet gegen seine eigenen natürlichen, ihm „in die Wiege gelegten“ Fähigkeiten, um sich überzeugt zu geben: ja, es gibt einen Gott, ein höchstes Wesen, das mich erschaffen hat, damit ich Anteil habe an Seinem Sein. Und diese Überzeugung muss ihn nun suchen lassen nach diesem Gott, nach dem wahren Gott. Er darf sich nicht zufriedengeben mit irgendeiner eigenen, menschlichen „Vorstellung“ und „Einbildung“. Was Gott ist und wie Er ist, kann er nur finden, wenn er dem nachgeht, was dieser (für ihn) noch zu entdeckende Gott über Sich Selber offenbart hat. Er muss unter all den existierenden angeblichen „(mono)theistischen Offenbarungen“ die echte herausfinden. Und dazu hat er natürlicherweise alle Voraussetzungen. Diese behaupteten Offenbarungen sind ihm in unserer Zeit leicht zugänglich. Es gibt deren eigentlich nur zwei: die jüdisch-christliche und die mohammedanische, (wobei sich die letztere auch weitgehend auf die erstere stützt, sie aber total verfälscht). Er kann sie leicht vergleichen. Sie sind widersprüchlich, gegensätzlich. Sie schließen sich gegenseitig aus. In einem Ausscheidungsverfahren kann er aufgrund seines ihm innewohnenden Naturgesetzes zur einzig richtigen religiösen „Weltanschauung“, zur wahren Religion gelangen, zur biblischen.

Die Bibel (das Buch der Bücher) erzählt ihm vom Sein und Wirken dieses Gottes, von Seinen Weisungen und Geboten, von Seinen Belohnungen und Bestrafungen, von Seinen Verheißungen und von Seinem Umgang mit den Menschen und der Menschen mit Ihm von allem Uranfang an, von der Auserwählung und Führung Seines Volkes. Es gibt keine andere „Religion“ auf der ganzen Welt, in der ganzen Menschheitsgeschichte, die zurecht und bewiesen eine Selbstoffenbarung Gottes zu besitzen vorgeben kann.

Die Heiligen Schriften des „Volkes Gottes“, des Volkes, mit dem Gott einen besonderen Bund geschlossen hat, enthalten nun aber viele Aussagen, die auf den kommenden Messias, den künftigen Erlöser hinweisen.

„Es ist Gottes Geist, der das Bild Seines Sohnes, der da kommen soll als Menschensohn, mit deutlichen Zügen, in Wort und Symbol (Typus), hineingeschrieben hat in die Geschichte der Jahrtausende vor Ihm, damit bei Seinem Kommen Israel und alle Völker in Ihm den seit langem Erwarteten und klar Verkündeten mit Bestimmtheit erkennen konnten; es ist die hehre Gestalt Jesu Christi, die ihren Schatten vorauswirft, ehe sie in diese Zeitlichkeit hineintritt.“ (Hettinger Apol. 2,348)

(Wenn ein einzelner Mensch ein Buch voll Weissagungen auf Jesus Christus geschrieben hätte, und Jesus wäre wirklich in der Zeit und in der Weise, wie es vorausgesagt ward, erschienen, so wäre das ein Beweis unendlicher Geisteskraft. Aber hier (bei der Prophezeiung vieler Propheten) erscheint noch viel mehr. Es ist eine Folge von Männern durch viertausend Jahre hindurch, die gleichmäßig und ohne Unterschied einer nach dem andern dieses Ereignis verkünden. – Blaise Pascal)

Das Finden der biblischen Offenbarung führt nun ganz logisch zu diesem Messias. Der Verheißene ist tatsächlich gekommen, „in der Fülle der Zeit“, und hat unter uns Menschen gelebt, gewirkt. Es gibt keinen einzigen Menschen in der bisherigen Menschheitsgeschichte, der wie Er mit solcher Übernatürlichkeit, mit solcher geistiger Kraft und Autorität, mit solcher Macht, ja Allmacht, aber auch mit solcher Sanftmut und Liebe aufgetreten ist. Jesus Christus ist – selbstbezeugt und bezeugt durch seine zuverläßigen Zeitgenossen – die Schlüsselfigur für die Annahme oder Ablehnung des wahren Gottesglaubens. Er erst ist es, der uns GOTT erschließt. ER ist die Gottesoffenbarung in Person. „Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoße des Vaters ist, der hat es uns erzählt.“ (Johannes 1, 18) Erst und nur Jesus Christus vermittelt die richtige, vollständige, vollgültige Interpretation des geschriebenen Wortes Gottes, das vor Seinem Kommen von den Juden festgehalten wurde. Und Jesu Christi „Auslegung“ ist niedergeschrieben in den Heiligen Schriften des Neuen Testament, in den Evangelien und Briefen der Apostel und in der Apokalypse des hl. Johannes. Und sie ist präzisiert und vertieft durch das Wirken des Heiligen Geistes in der Lehre der Kirche Christi. („Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener Geist der Wahrheit kommt, der wird euch alle Wahrheit lehren; denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern, was er hört, wird er reden, und was zukünftig ist, euch verkünden. Derselbe wird mich verherrlichen; denn er wird von dem Meinigen nehmen, und es euch verkünden. Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er wird von dem Meinigen nehmen, und es euch verkündigen“ Johannes 16, 12-15) Die Kirche Christi aber ist die ununterbrochen seit Jesus Christus nun schon mehr als 2000 Jahre bestehende apostolische, römisch-katholische Kirche mit ihrem Lehr- und Hirtenamt, mit ihren Päpsten, Bischöfen und Priestern und Gläubigen, mit ihren Lehren und Sakramenten! Alle anderen christlichen, re-definierten und re-formierten „Kirchen“ haben nicht die Fülle der Wahrheit und der Gnadenmittel; sie haben nur Reste davon. Sie sind „Ausbrüche“, Abspaltungen und Neugründungen verursacht von einzelnen Menschen, die ihre „Erleuchtungen“ über jene der vielhundertjährigen Kirche setzten. Christ im Vollsinn des Wortes ist nur derjenige, der kein einziges Stück der Pflanzung des Gottessohnes verwirft. Zum „Senfkorn“, das er in die Erde gesenkt hat, damit es aufgehe und wachse, gehört nicht nur das Wurzelwerk und der Stamm, sondern auch die Krone des Baumes mit ihren Blüten und Früchten. Zum Wort der Heiligen Schrift gehört unverzichtbar die vom Heiligen Geist gewollte, inspirierte, mit aller erforderlichen Autorität ausgerüstete Auslegung und Anwendung des geschriebenen Wortes. Das reformatorische Prinzip oder Dogma: „Sola Scriptura“ ist grundfalsch und un-biblisch und deshalb unheil-voll.

Ach, wenn doch auch du erkannt hättest, was dir zum Heile dient… (vgl. Lukas 19, 41-44)

Paul O. Schenker

Papst Benedikt XVI.: Zur Fastenzeit: „Der Glaube an die Liebe weckt Liebe“

BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.
ZUR FASTENZEIT 2013
 

 

Der Glaube an die Liebe weckt Liebe
„Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (
Joh 4,16)

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Fastenzeit gibt uns im Jahr des Glaubens die kostbare Gelegenheit, über die Beziehung zwischen Glaube und Nächstenliebe nachzudenken: zwischen dem Glauben an Gott, den Gott Jesu Christi, und der Liebe, der Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes, die uns auf einem Weg der Hingabe an Gott und an unsere Mitmenschen leitet.

1. Der Glaube als Antwort auf die Liebe Gottes.

Schon in meiner ersten Enzyklika hatte ich einige Anhaltspunkte dargelegt, um auf die enge Verbindung zwischen diesen beiden theologalen Tugenden – zwischen dem Glauben und der Liebe – hinzuweisen. Ausgehend von der grundlegenden Aussage des Apostels Johannes: „Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (1 Joh 4,16), erinnerte ich daran, daß „am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee steht, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt. […] Die Liebe ist nun dadurch, daß Gott uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10), nicht mehr nur ein »Gebot«, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht“ (Deus caritas est, 1). Der Glaube ist jene persönliche Zustimmung – die alle unsere Fähigkeiten einbezieht – zur Offenbarung der bedingungslosen und „leidenschaftlichen“ Liebe Gottes für uns, die sich voll und ganz in Jesus Christus zeigt. Der Glaube ist Begegnung mit Gott, der die Liebe ist, welche nicht nur das Herz einbindet, sondern auch den Verstand: „Die Erkenntnis des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der Liebe. Dies ist freilich ein Vorgang, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist niemals »fertig« und vollendet” (ebd., 17). Hieraus ergibt sich für alle Christen und insbesondere für die Mitarbeiter karitativer Dienste die Notwendigkeit des Glaubens, jener „Begegnung mit Gott in Christus […], die in ihnen die Liebe weckt und ihnen das Herz für den Nächsten öffnet, so daß Nächstenliebe für sie nicht mehr ein sozusagen von außen auferlegtes Gebot ist, sondern Folge ihres Glaubens, der in der Liebe wirksam wird“ (ebd., 31a). Der Christ ist ein Mensch, der von der Liebe Christi ergriffen ist, und deshalb ist er, von dieser Liebe gedrängt – „caritas Christi urget nos” (2 Kor 5,14) –, auf tiefste und konkrete Weise für die Nächstenliebe offen (vgl. ebd., 33). Diese Haltung entspringt vor allem dem Bewußtsein, daß der Herr uns liebt, vergibt und sogar dient – er, der sich bückt, um die Füße der Jünger zu waschen und sich selbst am Kreuz hingibt, um die Menschheit in die Liebe Gottes hineinzuziehen.

„Der Glaube zeigt uns den Gott, der seinen Sohn für uns hingegeben hat, und gibt uns so die überwältigende Gewißheit, daß es wahr ist: Gott ist Liebe! […] Der Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die Liebe. Sie ist das Licht — letztlich das einzige –, das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt“ (ebd., 39). An all dem erkennen wir, daß die typische Grundhaltung der Christen eben diese „im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ ist (ebd., 7).

2. Die Nächstenliebe als Leben aus dem Glauben

Das gesamte christliche Leben ist ein Antworten auf die Liebe Gottes. Die erste Antwort ist, wie gesagt, der Glaube, der voll Staunen und Dankbarkeit die einzigartige göttliche Initiative annimmt, die uns vorausgeht und uns anspornt. Und das „Ja“ des Glaubens kennzeichnet den Beginn einer großartigen Geschichte der Freundschaft mit dem Herrn, die unser gesamtes Leben erfüllt und ihm vollen Sinn gibt. Gott genügt es aber nicht, daß wir seine bedingungslose Liebe annehmen. Er beschränkt sich nicht darauf, uns zu lieben, sondern will uns zu sich ziehen, uns so tiefgreifend verwandeln, daß wir mit dem heiligen Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Wenn wir der Liebe Gottes Raum geben, so werden wir ihm ähnlich und seiner Nächstenliebe teilhaftig. Sich seiner Liebe zu öffnen bedeutet zuzulassen, daß er in uns lebt und uns dazu bringt, mit ihm, in ihm und wie er zu lieben; erst dann wird unser Glaube „in der Liebe wirksam“ (Gal 5,6) und wohnt Gott in uns (vgl. 1 Joh 4,12).

Glaube heißt die Wahrheit erkennen und ihr zustimmen (vgl. 1 Tim 2,4); Nächstenliebe bedeutet, den Pfad der Wahrheit zu beschreiten (vgl. Eph 4,15). Durch den Glauben entsteht unsere Freundschaft mit dem Herrn; durch die Nächstenliebe wird diese Freundschaft gelebt und gepflegt (vgl. Joh 15,14ff). Der Glaube läßt uns das Gebot unseres Herrn und Meisters annehmen; die Nächstenliebe schenkt uns die Glückseligkeit, danach zu handeln (vgl. Joh 13,13-17). Im Glauben werden wir als Kinder Gottes geboren (vgl. Joh 1,12ff); die Nächstenliebe läßt uns konkret in der Gotteskindschaft verweilen und die Frucht des Heiligen Geistes bringen (vgl. Gal 5,22). Der Glaube läßt uns die Gaben erkennen, die uns Gott in seiner Güte und Großzügigkeit anvertraut; die Nächstenliebe läßt sie Früchte tragen (vgl. Mt 25,14-30).

3. Die unauflösliche Verbindung zwischen Glaube und Nächstenliebe

Im Licht der vorangehenden Ausführungen wird deutlich, daß wir Glaube und Nächstenliebe niemals voneinander trennen oder gar in Widerspruch zueinander setzen können. Diese beiden theologalen Tugenden sind eng miteinander verbunden, und es wäre irreführend, zwischen ihnen einen Kontrast oder eine „Dialektik“ erkennen zu wollen. Denn einerseits ist die Haltung jener verengt, die auf den Vorrang und die entscheidende Bedeutung des Glaubens solchen Nachdruck legen, daß sie die konkreten Werke der Nächstenliebe unterbewerten, ja gleichsam gering schätzen und die Nächstenliebe auf einen unbestimmten Humanitarismus reduzieren. Andererseits ist es aber genauso verengt, eine übertriebene Vorrangstellung der Nächstenliebe und ihrer Werke zu verfechten in der Überzeugung, die Werke würden den Glauben ersetzen. Für ein gesundes geistliches Leben ist es notwendig, sowohl einen Fideismus als auch einen moralisierenden Aktivismus zu meiden.

Das christliche Leben besteht darin, den Berg der Begegnung mit Gott immer wieder hinaufzusteigen, um dann, bereichert durch die Liebe und die Kraft, die sie uns schenkt, wieder hinabzusteigen und unseren Brüdern und Schwestern mit der gleichen Liebe Gottes zu dienen. In der Heiligen Schrift sehen wir, daß der Eifer der Apostel für die Verkündigung des Evangeliums, die den Glauben weckt, eng mit der liebenden Sorge für den Dienst an den Armen verbunden ist (vgl. Apg 6,1-4). In der Kirche müssen Kontemplation und Aktion, die in gewisser Hinsicht durch die Gestalten der Schwestern Maria und Marta im Evangelium versinnbildlicht werden, miteinander bestehen und sich gegenseitig ergänzen (vgl. Lk 10,38-42). Die Beziehung zu Gott hat immer Vorrang, und das wahre Teilen gemäß dem Evangelium muß im Glauben verwurzelt sein (vgl. Katechese bei der Generalaudienz am 25. April 2012). Manchmal neigt man in der Tat dazu, den Begriff „Nächstenliebe“ auf die Solidarität oder die einfache humanitäre Hilfeleistung zu beschränken. Es gilt jedoch zu bedenken, daß das höchste Werk der Nächstenliebe gerade die Evangelisierung, also der „Dienst am Wort“ ist. Es gibt kein heilsameres und somit wohltätigeres Werk am Nächsten, als das Brot des Wortes Gottes mit ihm zu brechen, ihn an der Frohen Botschaft des Evangeliums teilhaben zu lassen, ihn in die Beziehung zu Gott einzuführen: Die Evangelisierung ist die höchste und umfassendste Förderung des Menschen. Wie der Diener Gottes Papst Paul VI. in der Enzyklika Populorum progressio schreibt, ist die Verkündigung Christi der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor (vgl. Nr. 16). Es ist die ursprüngliche, die gelebte und verkündete Wahrheit der Liebe Gottes zu uns, die unser Leben für die Aufnahme dieser Liebe öffnet und die volle Entfaltung der Menschheit und jedes einzelnen ermöglicht (vgl. Enzyklika Caritas in veritate, Nr. 8).

Im wesentlichen geht alles von der Liebe aus, und alles strebt zur Liebe hin. Die bedingungslose Liebe Gottes hat sich uns durch die Verkündigung des Evangeliums kundgetan. Wenn wir das Evangelium glaubend annehmen, so erhalten wir jene erste und unerläßliche Verbindung zum Göttlichen, die bewirken kann, daß wir uns „in die Liebe verlieben“, um dann in dieser Liebe zu leben und zu wachsen und sie mit Freude an unsere Mitmenschen weiterzugeben. Was das Verhältnis zwischen Glaube und Werken der Nächstenliebe betrifft, so finden wir im Brief des heiligen Paulus an die Epheser eine Aussage, die ihre wechselseitige Beziehung vielleicht am besten zusammenfaßt: „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat“ (2,8-10). Hier wird deutlich, daß alle heilbringende Initiative von Gott ausgeht, von seiner Gnade, von seiner im Glauben angenommenen Vergebung. Diese Initiative schränkt jedoch in keiner Weise unsere Freiheit und unsere Verantwortung ein, sondern macht sie erst authentisch und richtet sie auf die Werke der Nächstenliebe aus. Letztere sind nicht etwa die Früchte vorwiegend menschlicher Bemühungen, derer man sich rühmen kann; sie entstehen vielmehr aus dem Glauben selbst, sie entspringen der Gnade, die Gott in Fülle schenkt. Ein Glaube ohne Werke ist wie ein Baum, der keine Früchte trägt: Diese beiden  Tugenden bedingen sich gegenseitig. Die Fastenzeit fordert uns mit den traditionellen Weisungen für ein christliches Leben genau dazu auf, unseren Glauben dadurch zu stärken, daß wir aufmerksamer und beständiger auf das Wort Gottes hören und an den Sakramenten teilnehmen, und gleichzeitig in der Nächstenliebe, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu wachsen, auch durch die konkrete Übung des Fastens, der Buße und des Almosengebens.

4. Vorrang des Glaubens, Primat der Liebe

Wie alle Gaben Gottes, so verweisen auch Glaube und Liebe auf das Wirken des einen Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 13), jenes Geistes, der in uns „Abba, Vater!“ ruft (Gal 4,6), der uns sagen läßt: „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor 12,3) und „Marána tha“ (1 Kor 16,22; Offb 22,20). Der Glaube – Gabe und Antwort – offenbart uns die Wahrheit Christi als menschgewordene und gekreuzigte Liebe, uneingeschränkte und vollkommene Erfüllung des väterlichen Willens und unendliche göttliche Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten; der Glaube verankert in Herz und Geist die unerschütterliche Überzeugung, daß eben diese Liebe die einzige Wirklichkeit ist, die über das Böse und den Tod siegt. Der Glaube fordert uns auf, mit der Tugend der Hoffnung nach vorne zu blicken in der zuversichtlichen Erwartung, daß der Sieg der Liebe Christi zu seiner Vollendung gelangt. Die Nächstenliebe wiederum läßt uns in die in Christus sichtbar gewordene Liebe Gottes eintreten sowie persönlich und existenziell die volle und uneingeschränkte Selbsthingabe Christi an den Vater und an die Mitmenschen annehmen. Indem er die Liebe in uns ausgießt, läßt uns der Heilige Geist an der besonderen Hingabe Christi teilhaben: an seiner Hingabe als Sohn gegenüber Gott dem Vater und als Bruder gegenüber allen Menschen (vgl. Röm 5,5).

Die Beziehung zwischen diesen beiden Tugenden ist ähnlich jener zwischen zwei grundlegenden Sakramenten der Kirche: der Taufe und der Eucharistie. Die Taufe (sacramentum fidei) geht der Eucharistie (sacramentum caritatis) voraus, ist aber auf sie ausgerichtet, da sie die Fülle des christlichen Weges darstellt. Auf analoge Weise geht der Glaube der Liebe voraus, erweist sich aber erst als echt, wenn er von ihr gekrönt wird. Alles geht von der demütigen Annahme des Glaubens aus (das Wissen, von Gott geliebt zu sein), muß aber zur Wahrheit der Nächstenliebe gelangen (die Fähigkeit, Gott und den Nächsten zu lieben), die für alle Ewigkeit besteht als Vollendung aller Tugenden (vgl. 1 Kor 13,13).

Liebe Brüder und Schwestern, während der Fastenzeit bereiten wir uns darauf vor, das Ereignis des Kreuzes und der Auferstehung zu feiern, durch das die Liebe Gottes die Welt erlöst und die Geschichte erleuchtet hat. Möge diese kostbare Zeit euch allen Gelegenheit sein, den Glauben in Jesus Christus neu zu beleben, um in seinen Kreislauf der Liebe einzutreten – der Liebe zum Vater und zu jedem Menschen, dem wir in unserem Leben begegnen. Dafür wende ich mich im Gebet an Gott und erbitte zugleich für jeden von euch und für alle Gemeinschaften den Segen des Herrn!

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2012

BENEDICTUS PP. XVI

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Kardinal Gerhard Ludwig Müller – Predigt bei Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM, in Rom in der Kirche Sant‘ Agnese in Agone


„Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich“

„Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels.“ Predigt zur Priesterweihe von Frater Michael Sulzenbacher SJM. Von Gerhard Kardinal Müller

Rom (kath.net) kath.net dokumentiert die Predigt des früheren Präfekten der Glaubenskongrefation, Gerhard Kardinal Müller, zur Priesterweihe von Michael Sulzenbacher SJM in Rom in der Kirche Sant’Agnese in Agone am 15.9.2018 in voller Länge – kath.net dankt Kardinal Müller für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung

Lieber Mitbruder Michael Sulzenbacher,
ich bewundere – menschlich gesagt – Ihren Mut und – geistlich gesprochen – Ihr Gottvertrauen. In schwieriger Zeit treten Sie an den Weihealtar. Mit Ihrem Adsum sprechen Sie die Bereitschaft aus, Ihr ganzes Sein und Leben Gott zum Opfer darzubringen. Das ist die entscheidende Weichenstellung auf Ihrem irdischen Pilgerweg und eine Stunde der Gnade für das ganze Volk Gottes.

Die Kirche aber, die von Gott gestiftet ist und aus Menschen besteht, befindet sich – nach ihrer menschlichen Seite hin – in urbe et orbe in einer tiefen, von Menschen verschuldeten Krise ihrer Glaubwürdigkeit. In diesem dramatischen Augenblick ahnen und fürchten wir die möglichen negativen Konsequenzen aus Skandalen und Führungsfehlern. Unwillkürlich denken wir an die Spaltung der abendländischen Christenheit im 16. Jahrhundert oder an die Säkularisierung des geistigen Lebens im Gefolge der Aufklärung und der französischen Revolution.

Nicht der Klerikalismus, was immer das sein mag, sondern die Abkehr von der Wahrheit und die moralische Zügellosigkeit sind die Wurzeln des Übels. Die Korruption der Lehre zieht immer die Korruption der Moral nach sich und manifestiert sich in ihr. Die schwere Versündigung an der Heiligkeit der Kirche ohne Gewissensbisse ist die Folge der Relativierung des dogmatischen Fundaments der Kirche. Das ist der wirkliche Grund der Erschütterung und der Enttäuschung von Millionen gläubiger Katholiken. In der Analyse der Ursachen der Abspaltungen von der einen Kirche Christi im 16. Jahrhundert stellte der Kirchenhistoriker Hubert Jedin (1900-1980) im ersten Band seiner „Geschichte des Konzils von Trient“ fest: „Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung.“ (I, 151).
Damals wie auch heute ist viel von Reform die Rede.

Was steckt hinter der schillernden und mediengerechten Propagandaformel „Reform der Kurie und der ganzen Kirche“, wenn nicht – wie ich inständig hoffe – die Erneuerung in der Wahrheit der Offenbarung und der Nachfolge Christi gemeint ist? Nicht die Verweltlichung der Kirche, sondern die Heiligung der Menschen für Gott ist die wahre Reform.

Es ist nicht Reform, sondern eine Irrlehre zu meinen, man könne die Lehre der Kirche bestehen lassen, aber um der schwachen Menschen willen müsse man eine neue Pastoral erfinden, die die Ansprüche der Wahrheit des Wortes Gottes und der christlichen Moral ermäßige.

Die Erlösung von der Sünde gründet in der Wahrheit, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Ohne die Wahrheit der Inkarnation würde die Kirche auf eine innerweltliche Weltverbesserungsagentur zusammenschrumpfen. Für unsere Sehnsucht nach Gott und das Verlangen nach dem ewigen Leben hätte sie keine Bedeutung. Der Priester wäre nur der Funktionär einer sozialreligiösen Bewegung. Die Kirche gewinnt nicht an Relevanz und Akzeptanz, wenn sie der Welt die Schleppen des Zeitgeistes nachträgt, sondern nur wenn sie ihr mit der Wahrheit Christi die Fackel voranträgt. Wir sollen uns nicht mit sekundären Themen wichtig machen und die Agenda anderer bearbeiten, die nicht glauben wollen, dass Gott allein der Ursprung und das einzige Ziel des Menschen und der ganzen Schöpfung ist.

Denn die wirkliche Gefahr für die Menschheit von heute besteht in den Treibhausgasen der Sünde und im global warming des Unglaubens und des Zerfalls der Moral, wenn niemand mehr den Unterschied zwischen Gut und Böse kennt und lehrt. Der beste Umweltschützer und Naturfreund ist der Verkünder des Evangeliums, dass es nur mit Gott ein Überleben gibt und zwar nicht nur limitiert und für demnächst, sondern für immer und ewig.

In der Meinung, das christliche Dogma sei nicht mehr Grund und Kriterium von Moral und Pastoral, kommt eine christologische Häresie zum Vorschein. Diese besteht darin, dass man Christus, den Lehrer der göttlichen Wahrheit und Christus den guten Hirten in Gegensatz bringt. Christus ist dagegen ein und dieselbe Person. Vor Pilatus hat er nicht geschwiegen, sondern „das gute Bekenntnis abgelegt und ist als Zeuge für die Wahrheit eingetreten.“ (1 Tim 6,14). Dem Relativismus des Pilatus, der den Zynismus der weltlichen Macht verkörpert, stellt Jesus die erlösendende Macht der Wahrheit Gottes entgegen: „Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.“ ( Joh 18,37).

Ein- und derselbe Christus sagt von sich „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6), der auch als der bonus pastor die Pastoral der Kirche in Person ist, wenn er das Geheimnis seiner Person und Sendung offenbart: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.“ (Joh 10,11).

Zeuge der Wahrheit Christi zu sein und Diener des guten Hirten: das ist das Geheimnis und der Ursprung des sakramentalen Priestertums in der Kirche des Neuen Bundes.

Das einzige Hohepriestertum „des erhabenen Hirten seiner Schafe“ (Hebr 13,20) schließt jeden anderen Weg zu Gott außer durch Jesus Christus aus, aber die sakramentale und kirchliche Vergegenwärtigung der ein für allemal von Christus erwirkten Erlösung ein, indem Christus selbst den Dienst und die Mission der Apostel gestiftet hat. In den Heiligen Weihen geht die apostolische Vollmacht und Sendung auf die Bischöfe und Priester über.

So gilt Ihnen, lieber Mitbruder, in dieser Stunde das Wort des hl. Paulus an seinen Mit-Apostel und Nachfolger Timotheus: „Fliehe vor der falschen Lehre, sei Diener des Wortes, Verkünder des wahren Glaubens und Kämpfer für die Wahrheit Christi. So ergreifst du das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast.“ (1 Tim 6,12). Diese vielen Zeugen sind heute alle, die hier versammelt sind: Ihre Mutter und Ihr Vater, die Ihnen als erste Zeugen den Glauben an Christus, den „Retter der Welt“ (Joh 4,42), vermittelt haben, mit den Großeltern, Geschwistern und allen Verwandten und Freunden, den Mitbrüdern Ihrer Gemeinschaft, den vielen Priestern und Diakonen und zuletzt auch mir. Als Bischof kommt mir die Vollmacht Christi zu, Ihnen durch die Auflegung meiner Hände und das Weihegebet, Anteil zu geben an der Vollmacht und Sendung des Messias. So vermögen Sie in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, mit der Kraft des Heiligen Geistes, die Gläubigen zu lehren, leiten und heiligen (PO 2), damit sie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst.

Der ist ein wahrer Seelsorger, der mit der Liebe Gottes auf die ihm anvertrauten Menschen schaut und sich in seinem geistlichem Wirken und christusförmigen Lebenswandel nach dem Hohenpriester, dem er dient, ausrichtet. Der gute Hirt unterscheidet sich vom Mietling, weil er mit dem Herzen Jesu und Mariens die Menschen liebt und weil er sein Leben für die Herde des Herrn einsetzt. Der Apostel ist „Mitarbeiter Gottes, Diener Christi, Verwalter und Ausspender göttlicher Geheimnisse“ (1 Kor 4,1; 2 Kor 6,1). Ihm geht es nur um eines, „in voller Ehrfurcht vor dem Herrn, Menschen für Christus zu gewinnen.“ (2 Kor 5,11). Ihm ist der Dienst an der Versöhnung zur Verkündigung und sakramentalen Vermittlung übertragen worden. Und darum sind die geweihten Priester wie die Apostel „Gesandte an Christi Statt und Gott ist es, der durch sie mahnt: Lasst euch mit Gott versöhnen.“ (2 Kor 5,20).

Gewiss steht er auch in den Reihen der Gläubigen und bedarf auf dem Weg der irdischen Pilgerschaft – wie wir alle – der Gnade für sein geistliches Wirken und der Vergebung Gottes für seine Sünden und Versäumnisse. Die Wahrheit des Glaubens, die er verkündet und das Heil, das er in den Sakramenten vermittelt, hängt aber – Gott sei Dank – nicht von der Tiefe seiner Spiritualität oder der hohen Moralität seines Lebenswandels ab, sondern von der objektiven Heilswirkung der Sakramente. Denn Christus bedient sich der Menschen, aber er macht sich in seinem Heilshandeln nicht von ihnen abhängig. Denn er ist allein der „Urheber des ewigen Heils“ (Hebr 5,9).Während Christus ohne Sünde war, bedürfen jedoch alle Gläubigen und ihre Hirten der Vergebung. Das Bekenntnis unserer Sünden gehört in den Beichtstuhl. Wenn aber gottgeweihte Personen in zynischer Verachtung ihrer Berufung ein Doppelleben führen, gehören diese Taten vor das geistliche Gericht. Böse Taten müssen von der kirchlichen Autorität verurteilt, die Missetäter gerichtet nach Maßgabe des Rechtes bestraft werden. Wer das kirchliche Strafrecht für unvereinbar hält mit dem Evangelium der Liebe, der handelt nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus der Verachtung für die Menschen, die um ihre Rechte und Würde betrogen wurden. „Wehe der Welt mit ihrer Verführung. Es muss zwar Ärgernisse geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.“ (Mt 18,7). Dies gilt in besonderer Weise denen, die durch das geistliche Amt zu Vorbildern, Typoi, für die Gläubigen eingesetzt und in der heiligen Weihe mit dem Heiligen Geist bestärkt sind.

So möchte ich Ihnen, verehrter Mitbruder, und uns allen vor dem Empfang der heiligen Priesterweihe die Mahnung des Apostels Petrus an seine Mit-Priester in Erinnerung rufen: „Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung; seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde – forma facti gregis ex animo. Wenn dann der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.“ (1 Petr 4,2-4).

Und in umgekehrter Blickrichtung sollen alle Gläubigen sich für ihre Seelsorger verantwortlich fühlen, wenn sie im Hebräer-Brief lesen: „Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben; schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach… Gehorcht ihnen, und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über euch und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun können und nicht mit Seufzen. Betet für uns.“ (Hebr 13,7.17f).

Lieber Mitbruder Michael, wir beten um die Gnade, dass Sie ein guter Priester werden nach dem Herzen Jesu und seiner lieben Mutter Maria. So sei es! Amen.

Rom am 15. September 2018

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OHNE GOTT BRECHEN DIE MENSCHENRECHTE ZUSAMMEN

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen.“

Am heutigen Montag, 14. Mai 2018, erscheint weltweit der neue Band „Die Freiheit befreien – Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ mit politischen Texten und Reden des Theologen Joseph Ratzinger und späteren Papstes Benedikt XVI.. In Italien ist er seit dem vorhergehenden Donnerstag im Handel. Die deutschsprachige Fassung wird vom Verlag Herder herausgegeben. Das Vorwort verfasste Papst Franziskus.

Der Band enthält auch einen bisher unveröffentlichten Text, der das Datum vom 10. Oktober 2014 trägt. Darin betont Benedikt XVI. die Bedeutung des Glaubens an Gott für die Weise, wie der Mensch und seine Rechte gefasst werden.

Den Aufsatz „Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs“ (definitiver Titel) hatte Benedikt XVI. in Reaktion auf ein Buch des italienischen Philosophen und Politikers Marcello Pera verfasst. In dessen Buch „Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ habe Pera seine Sicht auf die Geschichte des Liberalismus geändert:

„Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch ‚Perché dobbiamo dirci cristiani’ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin.

In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken un-verständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt“.

Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs. Elemente zur Diskussion des Buches von Marcello Pera „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ („Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ 

Vatikanstadt
10. 10. 2014

Zweifellos ist Ihr Buch eine große Herausforderung an das gegenwärtige Denken, besonders auch an Kirche und Theologie. Der Hiatus zwischen den Aussagen der Päpste des 19. Jahrhunderts und der mit „Pacem in terris“ beginnenden neuen Sicht ist offenkundig und viel beredet. Er gehört ja auch zum Kernbestand des Widerspruchs von Lefèbvre und seinen Anhängern dem Konzil gegenüber. Ich fühle mich nicht imstande, eine klare Antwort auf die Problematik Ihres Buches zu geben, sondern kann nur einige Gesichtspunkte notieren, die nach meinem Dafürhalten für die weitere Debatte wichtig sein könnten.

1. Erst durch Ihr Buch ist mir klar geworden, wie sehr mit „Pacem in terris“ eine neue Richtung beginnt. Ich war mir bewusst, wie stark die Wirkung auf die italienische Politik gewesen ist, in der diese Enzyklika den entscheidenden Anstoß für die Öffnung der Democrazia Cristiana nach links gegeben hat. Ich war mir aber nicht bewusst, wie sehr sie auch in den Grundlagen ihres Denkens einen neuen Ansatz bedeutet. Dennoch hat nach meiner Erinnerung die Frage der Menschen-rechte erst durch Papst Johannes Paul II. praktisch ihren hohen Stellenwert im Lehramt und in der nachkonziliaren Theologie erhalten. Mein Eindruck ist, dass dies bei dem heiligen Papst weniger Ergebnis einer Reflexion war (die freilich bei ihm nicht fehlte), sondern Konsequenz einer praktischen Erfahrung. Gegenüber dem Totalitätsanspruch des marxistischen Staates und seiner ihn gründenden Ideologie sah er als die konkrete Waffe den Gedanken der Menschenrechte an, der die Totalität des Staates begrenzt und damit den nötigen Freiraum nicht nur für persönliches Denken, sondern vor allem auch für den Glauben der Christen und die Rechte der Kirche bietet.

Die säkulare Figur der Menschenrechte, wie sie 1948 formuliert worden waren, erschien ihm offensichtlich als die rationale Gegenkraft gegenüber dem alles umfassenden ideologischen und praktischen Anspruch des marxistisch begründeten Staates. So hat er als Papst das Anliegen der Menschenrechte als eine von der allgemeinen Vernunft anerkannte Macht weltweit gegen Diktaturen aller Art eingesetzt. Dieser Einsatz galt nun nicht mehr nur atheistischen Diktaturen, sondern auch religiös begründeten Staaten, wie sie uns vor allem in der islamischen Welt begegnen.

Der Verschmelzung von Politik und Religion im Islam, die notwendig die Freiheit anderer Religionen, so auch der Christen, einschränkt, wird die Freiheit des Glaubens entgegengestellt, die nun in gewissem Maß auch den laikalen Staat als richtige Staatsform ansieht, in der die Freiheit des Glaubens Platz findet, auf die die Christen von Anfang an Anspruch erhoben haben. Johannes Paul II. wusste sich dabei gerade auch in innerer Kontinuität mit der werdenden Kirche. Sie stand einem Staat gegenüber, der zwar religiöse Toleranz durchaus kannte, aber eine letzte Identifikation von staatlicher und göttlicher Autorität festhielt, der die Christen nicht zustimmen konnten. Der christliche Glaube, der eine universale Religion für alle Menschen verkündet, schloss damit notwendig eine grundsätzliche Begrenzung der Staatsautorität durch Recht und Pflicht des einzelnen Gewissens ein. Dabei wurde zwar nicht der Gedanke von Menschenrechten formuliert.

Es ging vielmehr darum, den Gehorsam des Menschen Gott gegenüber als Grenze dem Staatsgehorsam entgegenzustellen. Aber mir scheint, daß es nicht unberechtigt ist, die Gehorsamspflicht des Menschen Gott gegenüber als Recht dem Staat gegenüber zu formulieren, und insofern war es wohl durchaus logisch, wenn Johannes Paul II. in der christlichen Relativierung des Staates für die Freiheit des Gehorsams Gott gegenüber ein Menschenrecht ausgedrückt fand, das jeder staatlichen Autorität voraus liegt. In diesem Sinn konnte der Papst nach meinem Dafürhalten durchaus eine innere Kontinuität des Grundgedankens der Menschenrechte mit der christlichen Überlieferung behaupten, auch wenn die sprachlichen und gedanklichen Instrumente weit auseinander liegen.

2. Nach meinem Dafürhalten ist in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Sache enthalten, was Kant ausgedrückt hat, wenn er den Menschen als Zweck und nicht als Mittel bezeichnet. Man könnte auch sagen, es sei enthalten, dass der Mensch Rechtssubjekt und nicht nur Rechtsobjekt ist. In Gen 9,5f kommt dieser elementare Grundbestand der Menschenrechtsidee, wie mir scheint, deutlich zum Ausdruck: „… Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ Die Gottebenbildlichkeit des Menschen schließt ein, dass sein Leben unter dem besonderen Schutz Gottes steht – dass er vor menschlichen Rechtssetzungen Träger eines von Gott selbst gesetzten Rechtes ist.

Diese Ansicht hat zu Beginn der Neuzeit bei der Entdeckung Amerikas grundlegende Bedeutung gewonnen. Da all die neu entdeckten Völker nicht getauft waren, erhob sich die Frage, ob sie überhaupt irgendwelche Rechte hätten. Zu eigentlichen Rechtssubjekten wurden sie nach der herrschenden Meinung erst durch die Taufe. Die Erkenntnis, dass sie von der Schöpfung her Ebenbild Gottes waren und auch nach der Erbsünde blieben, bedeutete zugleich die Einsicht, dass sie auch vor der Taufe schon Rechtssubjekte waren und Anspruch auf die Achtung ihres Menschseins erheben durften. Mir scheint, das hier „Menschenrechte“ erkannt wurden, die der Annahme des christlichen Glaubens und jeder wie auch immer gearteten staatlichen Macht voraus liegen.

Wenn ich recht sehe, hat Johannes Paul II. sein Engagement für die Menschenrechte in Kontinuität mit der Haltung der alten Kirche dem römischen Staat gegenüber verstanden. Tatsächlich hatte der Auftrag des Herrn, alle Völker zu seinen Schülern zu machen, eine neue Situation im Verhältnis zwischen Religion und Staat geschaffen. Eine Religion mit Universalitätsanspruch gab es bis dahin nicht. Die Religion war ein wesentlicher Teil der Identität der jeweiligen Gesellschaft.

Der Auftrag Jesu bedeutet unmittelbar nicht das Verlangen nach einer Änderung in der Struktur der einzelnen Gesellschaften. Aber er verlangt, dass in allen Gesellschaften die Möglichkeit offen bleibt, seine Botschaft anzuerkennen und nach ihr zu leben. Damit ist zunächst vor allem das Wesen der Religion neu definiert: Sie ist nicht Ritus und Observanz, die letztlich die Identität des Staates garantiert. Sie ist vielmehr Erkenntnis (Glaube), und zwar Erkenntnis von Wahrheit. Da der menschliche Geist auf die Wahrheit hin geschaffen ist, ist es klar, dass Wahrheit verpflichtet, aber nicht im Sinn einer positivistischen Pflichtethik, sondern von ihrem Wesen her und dass sie gerade so den Menschen frei macht.

Diese Verbindung von Religion und Wahrheit schließt ein Freiheitsrecht ein, das man in einer inneren Kontinuität mit dem wahren Kern der Menschenrechtslehre sehen darf, wie Johannes Paul II. es offensichtlich getan hat.

3. Sie haben mit Recht die augustinische Idee von Staat und Geschichte grundlegend dargestellt und zur Basis Ihrer Sicht der christlichen Staatslehre gemacht. Vielleicht hätte aber auch die aristotelische Vision noch mehr Beachtung verdient. Soweit ich sehen kann, ist sie im Mittelalter allerdings in der kirchlichen Tradition kaum zum Tragen gekommen, vor allem nachdem ihre Aufnahme durch Marsillius von Padua in Widerspruch mit dem kirchlichen Lehramt geraten war. Um so mehr ist sie dann seit dem 19. Jahrhundert in der sich entfaltenden katholischen Soziallehre aufgegriffen worden. Man geht nun von einem doppelten Ordo aus – dem Ordo naturalis und dem Ordo supernaturalis -, wobei der Ordo naturalis als in sich komplett betrachtet wird. Man betont ausdrücklich, dass der Ordo supernaturalis frei hinzugefügt sei und reine Gnade bedeute, die vom Ordo naturalis her nicht gefordert werden kann.

Mit der Konstruktion des rein rational zu erfassenden Ordo naturalis versuchte man, eine Argumentationsbasis zu gewinnen, auf der die Kirche ihre ethischen Positionen rein rational in den politischen Disput einbringen konnte. Richtig an dieser Sicht ist, dass auch nach der Erbsünde die Schöpfungsordnung zwar verwundet, aber nicht völlig zerstört ist. Das wahre Humanum zur Geltung zu bringen, wo der Anspruch des Glaubens nicht erhoben werden kann und soll, ist an sich eine angemessene Position. Sie entspricht der Selbständigkeit des Schöpfungsbereichs und der wesentlichen Freiheit des Glaubens. Insofern ist eine schöpfungstheologisch vertiefte Vision des Ordo naturalis im Anschluß an die aristotelische Staatslehre gerechtfertigt, ja, wohl notwendig. Freilich gibt es auch Gefahren:

a) Man vergisst sehr leicht die Realität der Erbsünde und kommt zu Optimismen, die naiv und nicht wirklichkeitsgerecht sind.

b) Wenn der Ordo naturalis als eine in sich komplette und des Evangeliums nicht bedürftige Ganzheit angesehen wird, besteht die Gefahr, dass das eigentlich Christliche als ein letztlich überflüssiger Überbau über das natürliche Menschsein erscheint. Tatsächlich kann ich mich erinnern, dass mir einmal der Entwurf für ein Dokument vorgelegt wurde, in dem zwar am Ende fromme Phrasen auftauchten, aber während des ganzen Argumentationsgangs nicht nur Jesus Christus und sein Evangelium, sondern auch Gott nicht vorkamen und so als überflüssig erschienen.

Man glaubte anscheinend, eine rein rationale Naturordnung konstruieren zu können, die dann aber rational doch nicht zwingend ist und andererseits das eigentlich Christliche ins bloß Sentimentale abzudrängen droht. Insofern wird hier die Grenze des Versuchs deutlich sichtbar, einen in sich geschlossenen, genügenden Ordo naturalis auszuarbeiten. P. de Lubac hat in seinem Werk „Surnaturel“ zu beweisen versucht, dass Thomas von Aquin selbst, auf den man sich dabei berief, es gerade nicht so gemeint hatte.

c) Ein wesentliches Problem eines solchen Versuchs besteht darin, dass mit dem Vergessen der Erbsündenlehre ein naives Vernunftvertrauen entsteht, das die tatsächliche Komplexität rationaler Erkenntnis im ethischen Bereich nicht wahrnimmt. Das Drama des Streits um das Naturrecht zeigt deutlich, dass die metaphysische Rationalität, die hier vorausgesetzt wird, nicht ohne weiteres einleuchtet. Mir scheint, dass der späte Kelsen recht hatte, wenn er sagte, die Ableitung eines Sollens aus dem Sein sei nur dann vernünftig, wenn ein Jemand im Sein ein Sollen hinterlegt hat.

Diese These freilich ist für ihn nicht diskussionswürdig. Insofern scheint mir doch alles letztlich am Gottesbegriff zu liegen. Wenn Gott ist, wenn ein Schöpfer ist, dann kann auch das Sein von ihm sprechen und dem Menschen ein Sollen aufzeigen. Wenn nicht, dann wird Ethos letztlich aufs Pragmatische reduziert. Deshalb habe ich in meiner Verkündigung und in meinen Schriften immer auf der Zentralität der Gottesfrage bestanden. Mir scheint, dass dies der Punkt ist, in dem die Vision Ihres Buches und mein Denken grundsätzlich übereinstimmen. Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.

4. Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch „Perché dobbiamo dirci cristiani“ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin. In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken unverständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt.

5. Der Gottesbegriff schließt einen Grundbegriff des Menschen als Rechtssubjekt ein, begründet und begrenzt damit zugleich die Idee der Menschenrechte. Was geschieht, wenn der Begriff der Menschenrechte vom Gottesbegriff abgelöst wird, haben Sie eindringlich und überzeugend in Ihrem Buch dargestellt. Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen. So wird in Ihrem Buch überzeugend klar, dass der vom Gottesbegriff getrennte Begriff der Menschenrechte letzten Endes nicht nur zur Marginalisierung des Christentums, sondern letztlich zu seiner Negation führt. Dieses nach meinem Dafürhalten eigentliche Anliegen Ihres Buches ist angesichts der gegenwärtigen geistigen Entwicklung des Westens, der immer mehr seine christliche Grundlage negiert und sich gegen sie kehrt, von hoher Bedeutung.

Benedikt XVI.

kath.net dankt Seiner Heiligkeit für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung. 

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Quelle

Enzyklika „Fides et Ratio“ – Vorstellung durch Kardinal Joseph Ratzinger

Kardinal Joseph Ratzinger – 1998

Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, hat am Donnerstagmittag (15. 10. 1998) im vatikanischen Pressesaal die Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. vorgestellt. Wir veröffentlichen den Wortlaut seiner Präsentation in einer Übersetzung von Claudia Reimüller aus dem italienischen Original („Deutsche Tagespost“ Nr. 126, Samstag, 17. Oktober 1998, S. 3).

Auf den ersten Blick mag das Thema der Enzyklika „Fides et ratio“ über die Beziehung zwischen Glauben und Vernunft ausgesprochen intellektuell erscheinen. Es scheint ein Thema zu sein, das Fachleuten vorbehalten ist: Theologen, Philosophen oder Gelehrten. Sicher sind die unmittelbaren Adressaten dieser Enzyklika außer den Bischöfen der katholischen Kirche die Theologen, die Philosophen und die Intellektuellen. Wenn man die Dinge jedoch in der Tiefe betrachtet. richtet sich die Enzyklika mit diesem Thema an alle Menschen, da jedem Menschen der Wunsch innewohnt, die Wahrheit kennenzulernen und eine Antwort auf die fundamentalen Fragen der Existenz zu finden: „Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Warum gibt es das Böse? Was wird nach diesem Leben sein?“ (vgl. Einleitung, Nr.1).

Der erste Satz der Enzyklika enthält bereits das Motiv für dieses Dokument: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“ Das Kernproblem der Enzyklika „Fides et ratio“ ist die „Frage nach der Wahrheit“. Sie ist nicht einfach eine der zahlreichen und vielfältigen Fragen, denen sich der Mensch stellen muß, sondern die unausweichliche. „fundamentale Frage“, die sich durch das ganze Leben und die ganze Geschichte der Menschheit hindurchzieht.

Der Hintergrund der Enzyklika

Gemeinsam mit der Liebe ist die Wahrheit die Grundkategorie der christlichen Offenbarung. Die Universalität des Christentums resultiert aus seinem Anspruch, die Wahrheit zu sein, und sie schwindet, wenn die Überzeugung schwindet, daß der Glaube die Wahrheit ist. Aber die Wahrheit gilt für alle. Folglich gilt das Christentum, da es wahr ist, für alle. Auf dieser Grundlage ergibt sich das Motiv und die Pflicht der Kirche zur missionarischen Aktivität: wenn die menschliche Vernunft die Wahrheit kennenlernen möchte und wenn der Mensch für die Wahrheit geschaffen ist, dann appelliert die christliche Verkündigung an dieses Offen-Sein der Vernunft, um in das Herz des Menschen einzudringen. Daher kann es keinen Gegensatz, keine Trennung und keine Entfremdung zwischen christlichem Glauben und menschlicher Vernunft geben, denn beide sind auch in ihrem Anderssein in der Wahrheit vereint, beide stellen eine wichtige Rolle im Dienst an der Wahrheit dar, beide finden ihre ursprüngliche Grundlage in der Wahrheit.

In meinem Vortrag möchte ich mich darauf beschränken, kurz auf den Zusammenhang, auf die Originalität und auf die Aktualität der Enzyklika einzugehen, ohne dabei die Analyse einzelner Teile vorzunehmen, da dies über den Rahmen dieser Präsentation hinausginge.

Hundertzwanzig Jahre nach der Enzyklika „Aeterni Patris“ von Leo XIII. (1879) macht „Fides et ratio“ wieder die Beziehungen zwischen Glaube und Vernunft sowie zwischen Theologie und Philosophie zum Thema. Warum muß sich der Glaube mit der Philosophie beschäftigen und warum kommt die Philosophie nicht ohne den Beitrag des Glaubens aus? Diese Fragen bleiben nicht unbeantwortet. Und die Antwort beschränkt sich nicht einfach auf die Wiederholung von Behauptungen, welche die Tradition und das Lehramt der Kirche in der Vergangenheit bereits aufgestellt haben, wenngleich der Inhalt der Enzyklika in voller Kontinuität mit dem bereits erworbenen Gut steht.

Die Antwort wird in die aktuelle kulturelle Situation eingebunden, die sich, wenn man sie von ihrem Ursprung her betrachtet, durch zwei Faktoren auszeichnet: die bis ins Extreme getriebene Trennung zwischen Glaube und Vernunft sowie der Ausschluß der Frage nach der – absoluten und unbedingten – Wahrheit aus der kulturellen Forschung und dem rationalen Wissen des Menschen.

Das allgemeine kulturelle und philosophische Klima negiert heute die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Wahrheit erkennen zu können. Die Rationalität wird einfach nur auf ihre instrumentalen, utilitaristischen, funktionalen, berechnenden und soziologischen Aspekte reduziert. Die Philosophie verliert auf diese Weise ihre metaphysische Dimension. Das Modell der Humanwissenschaften und der empirischen Wissenschaften wird zum Parameter und Kriterium für Rationalität.

Die Folge ist einerseits, daß die wissenschaftliche Vernunft dem Glauben nicht mehr feindselig gegenübersteht, da sie sich nicht mehr für die letzte und endgültige Wahrheit der Existenz interessiert. Sie beschränkt sich vielmehr auf experimentell erfahrbare Teilkenntnisse. Auf diese Weise wird alles, was sich nicht von der wissenschaftlichen Vernunft kontrollieren läßt, aus dem Bereich des Rationalen ausgeschlossen. Folglich wird objektiv der Weg zu einer neuen Form des Fideismus eröffnet. Wenn die einzige Art der „Vernunft“ die wissenschaffliche ist, wird der Glaube jeder Form der Rationalität und der Intelligibilität beraubt und dazu bestimmt, sich in einen nicht definierbaren Symbolismus oder in ein irrationales Gefühl zu flüchten.

Andererseits ist die Tatsache, daß die Vernunft auf den Anspruch, die Wahrheit zu erkennen, verzichtet, in ihrem ersten Schritt auch eine Option philosophischer Art und stellt die Forderung nach einer intrinsischen Beziehung zwischen Theologie und Philosophie auf. Das Sich-Zurückziehen aus der Wahrheitsfrage von Seiten der Vernunft bedeutet, einer bestimmten philosophischen Kultur nachzugeben, welche die Metaphysik aufgrund der Verabsolutierung des Paradigmas der wissenschaftlichen oder historischen Vernunft ausschließt. Die Folge dieser Kapitulation ist nur scheinbar ungefährlich für den Glauben, der in einen in sich geschlossenen Kreislauf abgedrängt wird. Er wird in den Subjektivismus, in die Privatsphäre, verbannt und ist nicht mehr in der Lage, sich den anderen mitzuteilen oder sich auf kultureller oder rationaler Ebene Geltung zu verschaffen.

Wenn die Vernunft sich in einem Zustand der „Schwäche“ befindet, ergibt sich daraus eine kulturelle Sicht des Menschen und der Welt, die relativistischer und pragmatistischer Art ist. Alles wird „auf Meinung reduziert“, und man gibt sich „mit provisorischen Teilwahrheiten“ (NL 5) zufrieden.

Was das Schreiben sagen will

Die Botschaft der Enzyklika reagiert auf diese kulturelle Situation und bringt kraftvoll und überzeugend die Fähigkeit der Vernunft wieder vor, Gott erkennen und – gemäß der begrenzten Natur des Menschen – die fundamentalen Wahrheiten der Existenz finden zu können: die Spiritualität und Unsterblichkeit der Seele; die Fähigkeit, Gutes zu tun und dem natürlichen Gesetz der Moral zu folgen; die Möglichkeit, wahre Urteile zu formulieren, die Behauptung der Freiheit des Menschen… Gleichzeitig bestätigt sie, daß diese metaphysische Fähigkeit der Vernunft eine notwendige Tatsache des Glaubens ist, bis zu dem Punkt, daß eine Glaubensauffassung, die vorgibt, sich abweichend oder alternativ zur Vernunft zu entwickeln, auch als Glaube ungenügend wäre.

Weiter stellt der Papst, indem er sich in den Dialog der Intellektuellen unserer Zeit einschaltet, eine ernsthafte Frage, die eine ebenso ernsthafte Reflexion und Diskussion hervorrufen muß: warum will die Vernunft sich selbst daran hindern, nach der Wahrheit zu streben, während sie doch durch ihre eigentliche Natur darauf ausgerichtet ist, diese zu erlangen?

An diesem Punkt wird offensichtlich, daß man – wenn die Fähigkeit der Vernunft, die Wahrheit Gottes, des Menschen und der Welt zu erkennen, gestützt werden soll – eine Philosophie benötigt, die in der Lage ist, begrifflich die metaphysische Dimension der Wirklichkeit zu erkennen. Es bedarf, in anderen Worten, einer Philosophie, die den fundamentalen Fragen der Existenz, der Integrität und Totalität des Wirklichen ohne Vorurteile und ohne reduktionistisches Vorverständnis „offen“ gegenübersteht.

Der christliche Glaube ist einerseits dazu verpflichtet, sich solchen Philosophien oder Theorien entgegenzustellen, welche die Neigung des Menschen, die metaphysische Wahrheit der Dinge erkennen zu wollen, ausschließen (Positivismus, Materialismus, Szientismus, Historismus, Problematizismus, Relativismus, Nihilismus). Andererseits verteidigt der Glaube, indem er die „Möglichkeit einer metaphysischen und rationalen Reflexion verteidigt verteidigt, welche in der Forschungsmethode autonom bleibt und ihre eigene Natur behält, die Würde des Menschen und fördert so die Philosophie, indem er sie dazu auffordert, sich mit dem tiefen und letzten Sinn des Seins, des Menschen und der Welt zu befassen. Den Menschen vom Zugang zur Wahrheit auszuschließen, ist der Ursprung jeder Entfremdung. In diesem Sinn knüpft „Fides et ratio“ an die erste, programmatische Enzyklika von Johannes Paul II., „Redemptor hominis“, an: die Kirche kann nicht allem gleichgültig gegenüberstehen, was den Menschen bewegt, das heißt seiner Unruhe, seinem Handeln und seinen Hoffnungen: „der Suche nach Wahrheit, dem unstillbaren Bedürfnis nach dem Guten, dem Hunger nach Freiheit, der Sehnsucht nach dem Schönen, der Stimme des Gewissens“ (vgl. Nr.18).

,,Fides et ratio“ will dem zeitgenössischen Menschen das Vertrauen und die Möglichkeit wiedergeben, eine sichere Antwort auf seine Unruhe und seine existentiellen Bedürfnisse zu finden. Sie fordert das menschliche Gewissen auf, sich dem Grundproblem der Existenz und des Lebens zu stellen und die Wahrheit Gottes als Prinzip der Wahrheit, der Person und der ganzen Welt anzuerkennen.

Das soll nicht heißen, daß die Kirche eine bestimmte philosophische Schule durchsetzen oder ein bestimmtes philosophisches oder „metaphysisches System kanonisieren“ metaphysisches System kanonisieren will. Die Enzyklika ist in diesem Punkt ganz klar. Es bedeutet jedoch, daß die christliche Lehre die Durchsetzung einer „recta ratio“ (einer gerade ausgerichteten philosophischen Vernunft) fordert, die, obwohl sie sich nicht mit einer bestimmten philosophischen Bewegung identifiziert, den wesentlichen Kern und die unverzichtbaren Eckpfeiler der rationalen Wahrheit des Seins, der Erkenntnis und des moralischen Handelns des Menschen ausdrückt, die sozusagen der Pluralität verschiedener Philosophien und Kulturen vorausgehen und ein Kriterium zur Beurteilung verschiedener Aussagen philosophischer Systeme bilden.

Hier sieht man die Bedeutung dieses Aufrufs der Enzyklika für die Theologen und (für gläubige und nicht gläubige) Philosophen. Besonders ursprünglich ist der Hinweis, daß die christliche „Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt“ Offenbarung selbst der Vergleichs- und Verknüpfungspunkt zwischen Philosophie und Glauben ist. Indem er die aktuellen Forderungen und Aufgaben umreißt (Kap. VII), zeigt der Papst den „Weg der Weisheit“ als den richtigen Weg an, um endgültige Antworten auf die Frage nach dem Sinn der Existenz zu finden. Er erinnert die Theologen daran. daß die Theologie ohne eine gesunde Philosophie dazu bestimmt ist, den Denkformen der postmodernen Kultur zu erliegen, die es aufgegeben hat, über die Frage der Wahrheit nachzudenken. Er lädt die Philosophen dazu ein, einer ständig gültigen Tradition zu folgen und die Dimensionen der Weisheit und der Wahrheit – auch der metaphysischen – im philosophischen Denken wiederzubeleben.

Die Aktualität von Fides et ratio

Die Enzyklika antwortet schließlich auf die wichtigste kulturelle Herausforderung, die in der heutigen Zeit aufgeworfen wird: es geht um den Sinn der Freiheit.

Wahrheit und Freiheit verbinden sich miteinander oder sie gehen gemeinsam elend zugrunde“ (Nr. 90). Das ist, wenn man so will, die wichtigste Forderung, die aus der Enzyklika „Fides et ratio“ hervorgeht.

In der heutigen Zeit ist die Idee der Freiheit bis zu dem Punkt gereift, daß sie als absolut autonom aufgefaßt wird. Man sieht keine Möglichkeit, sie mit der Idee der absoluten und unbedingten Wahrheit zu verknüpfen. Daraus folgt, daß die allgemeine Meinung es für möglich und legitim hält, lediglich einen gemeinsamen Bereich oder eine gemeinsame Plattform zu suchen, wo man ethische oder allgemein menschliche Werte ausmachen kann, um die herum sich in Konsens konstruieren läßt. Der „mögliche Konsens“ wird Prinzip und Ziel der kulturellen und philosophischen Reflexion und des Dialogs. Nicht die Zustimmung zur Wahrheit oder die Suche nach der Wahrheit, sondern eine realisierbare öffentliche Zustimmung, welche die Freiheit von allen und jedem respektiert, bildet das Ziel der Reflexion sowie der kulturellen und sozialen Bemühungen.

„Fides et ratio“ überwindet diesen Niedergang und diese Beschränktheit der Vernunft und der Freiheit und stellt stattdessen eine untrennbare Verbindung zwischen Wahrheit und Freiheit her. Die Freiheit ist nicht einfach die Fähigkeit, gleichgültige oder austauschbare Entscheidungen zu treffen. Sie ist auf Fülle ausgerichtet, ein erfülltes Leben, das die Person mit dem Ausüben ihrer Freiheit, aber in „richtiger Weise“ (Recta Ratio) erobern muß. Die Freiheit findet ihren Sinn und folglich ihre Wahrheit, indem sie sich selbst, in Übereinstimmung mit der Natur der menschlichen Person, auf ihr eigenes Ziel ausrichtet. Folglich ist die Freiheit untrennbar an die Wahrheit des nach dem Bilde Gottes geschaffenen Menschen gebunden und besteht vor allem in der Liebe zu Gott und dem Nächsten.

Es gibt schließlich die Korrelation zwischen Liebe und Wahrheit. Die Liebe zu Gott und zum Nächsten kann nur dann Bestand haben, wenn sie in der tiefen Liebe zur Wahrheit Gottes und des Nächsten gründet. Die wirkliche Liebe zum Menschen ist der Wunsch, ihm das zu geben, was er am nötigsten braucht: Erkenntnis und Wahrheit. Daher ist die Enzyklika „Fides et ratio“ aktuell, und zwar von einer tiefen und nicht nur einfach oberflächlichen oder der Mode entsprechenden Aktualität: sie ist aktuell, weil sie zeigt, daß der Glaube als Annahme der Wahrheit Gottes, die sich in Jesus Christus offenbart, weder für die Vernunft noch für die Freiheit eine Bedrohung darstellt. Der Glaube schützt die Vernunft, da er fragende und forschende Menschen braucht. Nicht das Fragen behindert den Glauben, sondern jene verschlossene Haltung, die nicht fragen will und die Wahrheit als etwas betrachtet, das unerreichbar oder nicht der Mühe wert ist. Der Glaube zerstört die Vernunft nicht, er bewahrt sie und bleibt sich dadurch selbst treu.

Auf die gleiche Weise beschützt der Glaube die Freiheit, denn wenn dem Menschen einmal die Wahrheit genommen wurde, wird er allmählich entweder zu einem zerstörerischen Machtwillen, welcher die Freiheit anderer unterdrückt oder in die Verzweiflung der Einsamkeit getrieben (Nr. 90). Die Freiheit – das ist die Botschaft von Johannes Paul II. – kann nur erlangt und gewährleistet werden, wenn der Weg zur Wahrheit allen immer und überall offen und zugänglich bleibt.

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Quelle

Generalaudienz: „Unser Glaube ist ein Anker“

Der Papst bei der Generalaudienz

Der Glaube der Christen ist ein „Anker im Himmel“ und somit die Verbindung zu Gott. Das betonte der Papst in seiner Katechese bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch auf dem Petersplatz. Was für die Gläubigen zu tun sei, sei deshalb klar, so Franziskus vor den tausenden Besuchern und Pilgern: „Wir müssen uns an diesem Seil festhalten. Diese Bindung ist immer für uns da. Wir können so vorwärts gehen, weil wir uns sicher fühlen, dass unser Leben ,mit dem Himmel verankert´ ist, wo wir am Schluss gelangen werden.“

Franziskus setzte damit seine Katechesenreihe zur christlichen Hoffnung fort und beschäftigte sich mit dem Thema „Die Verheißung, die Hoffnung schenkt“. Ausgangspunkt seiner Erläuterung war die Bibelstelle aus dem Matthäus-Evangelium (Mt 28,16.18-20), in der es um die Verheißung des Auferstandenen geht. „Gott wird mit uns sein, jeden Tag, bis zum Ende der Welt. Jesus läuft mit uns, jeden Tag, bis zum Ende der Welt“, so der Papst. Dies sei eine Hinführung zum Geheimnis Gottes. Dieses Geheimnis sei in seinem Name „Jahwe – Gott mit uns“ ersichtlich: „Er ist nicht ein ferner, abwesender Gott, sondern er liebt und begleitet uns Menschen immer, selbst wenn wir ihn vergessen sollten.“

Der Herr wisse, was der Gläubige nötig habe. Diese Gewissheit müsse deshalb im Herzen eines jeden Gläubigen verankert sein, denn auf Gottes Vorsehung könne man immer zählen, fuhr Franziskus fort. „Es wird keinen Tag in unserem Leben geben, an dem wir aufhören, eine Sorge für das Herz Gottes zu sein“, sagte der Papst.

Ihm gefalle der Anker als jenes christliche Symbol für die Hoffnung. Denn darin werde die christliche Hoffnung als etwas Konkretes dargestellt. Der Glaube sei nicht etwas Vages, das sich auf die menschlichen Wünschen stütze. Die Sicherheit komme von Gott und seiner „Garantie“, auf ihn zählen zu können. Bedingung hierzu sei, der Berufung Gottes – dem „Folge mir nach“ – zu folgen. Man müsse hierbei keine Angst haben, versicherte Franziskus. Mit dieser Verheißung könnte jeder Christ überall hingehen, auch in jenen Teilen der Welt, wo es Probleme und Schwierigkeiten gib. „Das heilige und treue Volk Gottes“, so der Papst, seien Menschen, die auf den Füssen stünden und in der Hoffnung gingen. Es gebe keinen Teil der Welt, der „dem Sieg des auferstandenen Christus entgeht: dem Sieg der Liebe“.

(rv 26.04.2017 mg)

Papst: Reife im Glauben überzeugt

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Papst spricht vor dem römischen Klerus

Was es heißt, im Glauben zu wachsen – um diese Frage kreiste eine Meditation des Papstes an diesem Donnerstag vor Priestern in Rom. Die traditionelle Begegnung mit dem römischen Klerus zum Beginn der Fastenzeit fand in der Lateranbasilika statt. Der Papst las einzelne Passagen des vorbereiteten Redetextes vor und wandte sich zwischendurch in freier Rede an seine Zuhörer. Der Redetext wurde jedoch im Volltext an die versammelten Kleriker ausgeteilt. Der Papst begann seine Ansprache etwas später als vorgesehen, weil er zuvor spontan noch einigen Priestern die Beichte abnahm. Die Papstrede fassen wir im Folgenden zusammen.

Erinnern, hoffen, unterscheiden

Ohne Reife im Glauben können Priester auch keinen Glauben vermitteln – schrieb der Papst seinen Zuhörern gleich zu Beginn seiner langen Meditation ins Stammbuch. Basis für ein solides Wachstum im Glauben seien Erinnern, Hoffen und Unterscheiden: Erinnern verstanden als Bewahren der kirchlichen Geschichte und Lehre, Hoffen im Sinne einer Orientierung am Beispiel Jesu und Unterscheiden als eine Art „Kompass“ des christlichen Wirkens.

Zur Reife im Glauben gehöre nicht nur das Vorwärtsgehen, sondern auch der Blick zurück, hebt Franziskus die Bedeutung der Erinnerung hervor. In der Vergangenheit gilt es „Schätze“ zu heben, im Rückgriff auf die „Wurzeln des Glaubens“ lägen „Schlüssel, um die Gegenwart zu verstehen“: „Je deutlicher die Erinnerung der Vergangenheit ist, umso klarer öffnet sich die Zukunft, denn so lässt sich der wirklich neue Weg erkennen und von anderen bereits gegangen Sackgassen unterscheiden. Der Glaube wächst mit der Erinnerung, indem man die Dinge mit der wirklich erlebten Geschichte unserer Väter und des ganzen Gottesvolkes, der ganzen Kirche verbindet.“ In der Feier der Eucharistie werde diese Erinnerung bewahrt, hält der Papst fest.

Aus der Hoffnung stützt sich der Glaube, fährt der Papst fort, sie gebe dem Glauben „Frische“ und einen „Horizont“. Mit Imagination oder Wunschdenken habe das allerdings nichts zu tun, vielmehr mit der Fähigkeit, stets Jesu Auftrag im Leben zu erkennen: „Hoffnung bedeutet, im Angesicht der Armen, denen ich heute begegne, denselben Herrn erkennen zu können, der eines Tages kommen wird, um uns zu richten – laut dem Protokoll, von dem Matthäus berichtet: ,Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40)

Abstraktion ja, aber nur als ein Mittel

Der Unterscheidung, einem Grundbegriff bei Ignatius von Loyola, räumt der Jesuit Franziskus viel Platz in seinen Ausführungen ein. „Der Fortschritt des Glaubens in der Erinnerung und in der Hoffnung ist am meisten entwickelt. Der Fixpunkt der Unterscheidung hingegen vielleicht nicht allzu sehr“, so Franziskus, der hier Nachholbedarf für die Kirche sieht: „Es mag selbst scheinen, dass es keine Unterscheidung brauche, wo es Glauben gibt: man Glaubt und das ist alles. Das aber ist gefährlich.“

Franziskus übt an dieser Stelle Kritik an einer „rein intellektuellen“ Glaubenspraktik, die in „Reflexionen und abstrakten Formulierungen“ erstarrt. Abstraktion sei ein Moment des Denkens, ein Mittel, erinnert er, Glaube aber öffne sich dem Tun, sei aktiv und „wirksam“, auch „kreativ“ und ziele auf ein „größeres Gemeinwohl“, eine „größere Hoffnung“. Zielpunkt der Unterscheidung sei schließlich das Werk am Nächsten: „Das gemeinschaftliche Flehen der Jünger ,Stärke uns den Glauben!‘ (Lk 17,6) beinhaltet das Bewusstsein darum, dass der Glaube ein gemeinschaftliches Gut ist“, so der Papst. Und weiter: „Das Gute für den Anderen zu suchen lässt uns riskieren.“

Keine Fixierung allein auf Lehre 

Ebenso könne es nicht darum gehen, sich allein auf die kirchliche Lehre zu fixieren, so Papst Franziskus weiter, der erneut aus Evangelii gaudium zitiert. Glaubensstärkung und -bildung dürfe nicht allein auf doktrinelle Schulung zielen, Priester bräuchten immer wieder glaubensnährende Momente der „Begegnung mit dem Herrn“, die durch eine Erfahrung der „unerfüllten Fülle“ gekennzeichnet seien: Unerfüllt, weil der Weg der persönlichen Reifung noch nicht beendet sei, Fülle, weil in diesen Momenten „alles enthalten“ sei. Dieser Prozess der Reifung gelte für Seminaristen wie Priester, für Missionare wie Bischöfe, so der Papst. Franziskus zieht an dieser Stelle den Begriff der „missionarischen Jünger“ aus dem Dokument der historischen Bischofsversammlung von Aparecida heran.

Für eine dynamische, freudige Kirche

Prüfstein für ein solchermaßen auf den Nächsten und aufs Leben gerichtetes Zeugnis sei die Unterscheidung, so der Papst. Und grundsätzlicher hält er fest: „Die Unterscheidung sieht zuerst das an, was unserem Vater gefällt, ,der auch das Verborgene sieht‘ (Mt 6,4.6), sie folgt nicht den perfektionistischen Modellen der kulturellen Paradigmen.“ Hierbei gehe es nicht allein darum, der „Verführung des ersten Impulses, etwas sofort lösen zu wollen“ zu widerstehen. Unterscheiden meine eine grundsätzliche Haltung, die für den Papst mit Freude und Dynamik zu tun hat. So grenzt Franziskus in seiner Meditation den Begriff auch von all dem ab, was lähmt: Pessimismus, mangelndes Vertrauen, der Fixierung auf die eigenen Schwächen, dem vorschnellen Sich-Geschlagen-Geben. Und er sieht im „Hinausgehen“ mit „Freude“ die „Gnaden“ einer Kirche, „um die ich heute am meisten bitte und bitten lasse“.

Simon Petrus als Beispiel 

Am konkreten Beispiel des Simon Petrus veranschaulicht der Papst im zweiten Teil seiner Beitrags, was Wachstum des Glaubens bedeute. Der Glaube des Apostels, der Jesus zunächst verleugnete, war am Ende ein gereifter, geprüfter Glaube – zahlreich waren die Versuchungen, denen er ausgesetzt war. Petrus könne so aufzeigen, dass „auch die Sünde selbst in den Fortschritt des Glaubens“ eingehen kann, so Franziskus. Und daraus leitet er ab: „Es ist wichtig für einen Priester, dass er die eigenen Versuchungen und eigenen Verfehlungen in das Gebet Jesu einzugliedern versteht, dass unser Glaube nicht schwinde, sondern reife und dazu diene, seinerseits den Glauben derjenigen zu stärken, die ihm anvertraut sind.“

Dies bedeute auch, dass die eigene Fehlbarkeit einen Dienst am Nächsten nicht ausschließe, erinnert der Papst. Ein Priester sei ein Mann Gottes und ein fehlbarer Mensch zugleich: „Ein Priester oder ein Bischof, der sich nicht als Sünder fühlt und nicht beichtet, schließt sich in sich selbst ab und wächst nicht im Glauben.“ Und weiter: „Wenn wir den Glauben der anderen stärken, tun wir das als Sünder. Und wenn wir sündigen, beichten wir als das, was wir sind: Priester, und unterstreichen, dass wir eine Verantwortung gegenüber den Menschen haben, wir sind nicht wie alle.“

(rv 02.03.2017 pr)