BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DIE VERNÜNFTIGKEIT DES GLAUBENS AN GOTT

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GENERALAUDIENZ

Aula Paolo VI
Mittwoch, 21. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir schreiten im Jahr des Glaubens voran und tragen in unserem Herzen die Hoffnung, neu zu entdecken, wieviel Freude im Glauben liegt, und die Begeisterung wiederzufinden, allen die Glaubenswahrheiten zu vermitteln. Diese Wahrheiten sind nicht einfach nur eine Botschaft über Gott, eine besondere Information über ihn. Vielmehr bringen sie das Ereignis der Begegnung Gottes mit den Menschen zum Ausdruck, eine heilbringende und befreiende Begegnung, die die tiefsten Bestrebungen des Menschen, sein Verlangen nach Frieden, nach Brüderlichkeit, nach Liebe verwirklicht. Der Glaube führt zu der Entdeckung, daß die Begegnung mit Gott das Wahre, Gute und Schöne im Menschen zur Geltung bringt, vervollkommnet und erhebt. So geschieht es, daß Gott sich offenbart und sich erkennen läßt und der Mensch gleichzeitig erfährt, wer Gott ist. Und indem er ihn erkennt, entdeckt er sich selbst, den eigenen Ursprung, die eigene Bestimmung, die Größe und die Würde des menschlichen Lebens.

Der Glaube ermöglicht ein echtes Wissen über Gott, das die ganze menschliche Person einbezieht: Es ist ein »sapere«, also ein Erkennen, das dem Leben »sapor«, Geschmack, verleiht – einen neuen Geschmack am Leben, ein freudiges Dasein auf der Welt. Der Glaube kommt in der Selbsthingabe für die anderen zum Ausdruck, in der Brüderlichkeit, die solidarisch und liebesfähig macht und die Einsamkeit, die traurig macht, überwindet. Diese Erkenntnis Gottes durch den Glauben betrifft daher nicht nur den Verstand, sondern das ganze Leben. Sie ist die Erkenntnis Gottes, der die Liebe ist, durch seine eigene Liebe. Die Liebe Gottes läßt erkennen, öffnet die Augen, gestattet es, die ganze Wirklichkeit zu erkennen, über die beschränkten Sichtweisen des Individualismus und des Subjektivismus hinaus, die dem Gewissen die Orientierung nehmen. Die Erkenntnis Gottes ist daher Erfahrung des Glaubens und setzt gleichzeitig einen intellektuellen und einen moralischen Weg voraus: Zutiefst berührt von der Gegenwart des Geistes Jesu in uns überwinden wir die Horizonte unserer Egoismen und öffnen uns gegenüber den wahren Werten des Daseins.

In der heutigen Katechese möchte ich über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott sprechen. Die katholische Tradition hat von Anfang an den sogenannten Fideismus abgelehnt, also den Willen, auch gegen die Vernunft zu glauben. »Credo quia absurdum« (ich glaube, weil es unvernünftig ist) ist keine Formel, die den katholischen Glauben zum Ausdruck bringt. Denn Gott ist nicht etwas Unvernünftiges, sondern allenfalls Geheimnis. Das Geheimnis wiederum ist nicht irrational, sondern Überfülle an Sinn, an Bedeutung, an Wahrheit. Wenn der Vernunft das Geheimnis dunkel erscheint, dann nicht, weil es im Geheimnis kein Licht gibt, sondern weil es vielmehr zuviel davon gibt. So sehen die Augen des Menschen, wenn er sie direkt auf die Sonne richtet, um sie zu betrachten, nur Finsternis. Aber wer würde behaupten, daß die Sonne nicht leuchtet, ja sogar die Quelle des Lichts ist? Der Glaube gestattet es, die »Sonne«, Gott, zu betrachten, weil er die Annahme seiner Offenbarung in der Geschichte ist. Er empfängt sozusagen wirklich die ganze Helligkeit des Geheimnisses Gottes und erkennt sein großes Wunder: Gott ist zum Menschen gekommen, er hat sich seiner Erkenntnis dargeboten, indem er sich zur kreatürlichen Grenze seiner Vernunft herabgelassen hat (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 13). Gleichzeitig erleuchtet Gott mit seiner Gnade die Vernunft, öffnet ihr neue, unermeßliche und unendliche Horizonte. Daher stellt der Glaube einen Ansporn dar, immer zu suchen, nie stehenzubleiben und sich in der unermüdlichen Entdeckung der Wahrheit und der Wirklichkeit nie zufriedenzugeben. Das Vorurteil gewisser moderner Denker, denen zufolge die menschliche Vernunft von den Glaubenssätzen gleichsam blockiert werde, ist falsch. Genau das Gegenteil ist wahr, wie die großen Meister der katholischen Tradition gezeigt haben.

Der hl. Augustinus sucht vor seiner Bekehrung mit viel Unruhe die Wahrheit in allen verfügbaren Philosophien, und findet sie alle unbefriedigend. Sein mühsames rationales Suchen ist für ihn eine wichtige Lehre für die Begegnung mit der Wahrheit Christi. Wenn er sagt: »Glaube, um überhaupt verstehen zu können – Verstehe, um zu glauben« (Sermo 43,9; PL 38,258), dann ist es als teilte er seine eigene Lebenserfahrung mit. Verstand und Glaube sind angesichts der göttlichen Offenbarung einander nicht fremd und stehen nicht im Gegensatz zueinander, sondern beide sind Voraussetzungen, um ihren Sinn zu verstehen, ihre wahre Botschaft zu erfassen und sich der Schwelle des Geheimnisses zu nähern. Der hl. Augustinus ist zusammen mit vielen anderen christlichen Autoren Zeuge für einen Glauben, der mit der Vernunft ausgeübt wird, der denkt und zum Denken einlädt. Auf derselben Linie sagt der hl. Anselm in seinem Proslogion, der katholische Glaube sei »fides quaerens intellectum«, wobei die Suche nach dem Verständnis ein dem Glauben innewohnender Akt ist. Vor allem der hl. Thomas von Aquin stützt sich auf diese Tradition, setzt sich mit der Vernunft der Philosophen auseinander und zeigt, wieviel neue fruchtbare Lebenskraft dem menschlichen Denken aus der Verbindung mit den Prinzipien und den Wahrheiten des christlichen Glaubens erwächst. Der christliche Glaube ist also vernünftig und setzt auch Vertrauen in die menschliche Vernunft.

Das Erste Vatikanische Konzil sagte in der Dogmatischen Konstitution Dei Filius, daß über den Weg der Schöpfung die menschliche Vernunft die Existenz Gottes sicher erkennen kann, während nur dem Glauben die Möglichkeit innewohnt, »ohne Schwierigkeit, mit sicherer Gewißheit und ohne Beimischung eines Irrtums« (DS 3005) die Wahrheiten über Gott im Licht seiner Gnade zu erkennen. Die Glaubenserkenntnis steht außerdem der aufrichtigen Vernunft nicht entgegen. Der sel. Papst Johannes Paul II. faßt es in der Enzyklika Fides et ratio folgendermaßen zusammen: »Die Vernunft nimmt sich durch ihre Zustimmung zu den Glaubensinhalten weder zurück noch erniedrigt sie sich; zu den Glaubensinhalten gelangt man in jedem Fall durch freie Entscheidung und das eigene Gewissen« (Nr. 43). Im unwiderstehlichen Verlangen nach Wahrheit ist nur eine harmonische Beziehung zwischen Glauben und Vernunft der richtige Weg, der zu Gott und zur vollen Selbsterfüllung führt.

Diese Lehre läßt sich im ganzen Neuen Testament leicht erkennen. Der hl. Paulus schreibt, wie wir gehört haben, an die Christen in Korinth: »Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit« (1Kor 1,22–23). Denn Gott hat die Welt nicht mit einem machtvollen Eingriff erlöst, sondern durch die Erniedrigung seines eingeborenen Sohnes: Nach menschlichen Maßstäben steht die ungewöhnliche Vorgehensweise Gottes den Ansprüchen der griechischen Weisheit entgegen. Dennoch wohnt dem Kreuz Christi eine Vernunft inne; der hl. Paulus nennt sie »ho lògos tou staurou«, »das Wort vom Kreuz« (1 Kor 1,18). Hier bezeichnet das Wort »lògos« sowohl das Wort als auch die Vernunft, und wenn es Bezug nimmt auf das Wort, dann weil es in Worten zum Ausdruck bringt, was die Vernunft hervorbringt. Paulus sieht also im Kreuz kein irrationales Ereignis, sondern ein Heilsgeschehen, das eine eigene Vernünftigkeit besitzt, die im Licht des Glaubens erkennbar ist. Gleichzeitig hat er ein solches Vertrauen in die menschliche Vernunft, daß er sich sogar darüber wundert, daß viele, obwohl sie die Werke sehen, die Gott vollbringt, darauf beharren, nicht an ihn zu glauben. Im Brief an die Römer sagt er: »Seit Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit« (1,20). So ermahnt auch der hl. Petrus die Christen in der Diaspora: »Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt« (1Petr 3,15). In einer Atmosphäre der Verfolgung und der dringenden Notwendigkeit, den Glauben zu bezeugen, wird von den Gläubigen verlangt, ihre Zustimmung zum Wort des Evangeliums mit Vernunftgründen zu rechtfertigen, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt.

Auf diesen Voraussetzungen hinsichtlich der fruchtbaren Verbindung zwischen Verstehen und Glauben gründet auch die positive Beziehung zwischen Wissenschaft und Glaube. Die wissenschaftliche Forschung führt zur Erkenntnis immer neuer Wahrheiten über den Menschen und über den Kosmos, das sehen wir. Das wahre Wohl der Menschheit, das im Glauben zugänglich ist, öffnet den Horizont, in dem sich ihr Weg der Entdeckung bewegen muß. So müssen zum Beispiel die Forschungen gefördert werden, die im Dienst am Leben stehen und darauf abzielen, Krankheiten zu bekämpfen. Wichtig sind auch die Untersuchungen, die darauf ausgerichtet sind, die Geheimnisse unseres Planeten und des Universums zu entdecken, im Bewußtsein, daß der Mensch die Krone der Schöpfung ist – nicht um sie sinnlos auszubeuten, sondern um sie zu bewahren und bewohnbar zu machen. So gerät der wirklich gelebte Glaube nicht in Konflikt mit der Wissenschaft, sondern wirkt vielmehr mit ihr zusammen, indem er ihr Grundkriterien bietet, damit sie das Wohl aller fördern kann, und sie bittet, nur auf jene Versuche zu verzichten, die – da sie sich dem ursprünglichen Plan Gottes widersetzen – Wirkungen hervorrufen können, die sich gegen den Menschen kehren. Auch aus diesem Grund ist es vernünftig zu glauben: Während die Wissenschaft eine wertvolle Verbündete des Glaubens ist, um Gottes Plan im Universum zu verstehen, sorgt der Glaube dafür, daß der wissenschaftliche Fortschritt stets dem Wohl und der Wahrheit des Menschen dient, indem er diesem Plan treu bleibt.

Daher ist es entscheidend für den Menschen, sich für den Glauben zu öffnen und Gott und seinen Heilsplan in Jesus Christus zu erkennen. Im Evangelium wird ein neuer Humanismus eingeführt, eine echte »Grammatik« des Menschen und der ganzen Wirklichkeit. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es: »Die Wahrheit Gottes ist auch seine Weisheit, die die ganze Ordnung der Schöpfung und den Lauf der Welt bestimmt. Gott, der Einzige, der Himmel und Erde erschaffen hat [vgl. Ps 115,5), ist auch der Einzige, der die wahre Erkenntnis alles Geschaffenen in seinem Bezug zu ihm schenken kann« (Nr. 216).

Vertrauen wir also darauf, daß unser Bemühen um die Evangelisierung dazu beitragen möge, das Evangelium im Leben vieler Männer und Frauen unserer Zeit wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Und beten wir darum, daß alle in Christus den Sinn des Lebens und die Grundlage der wahren Freiheit finden mögen: Denn ohne Gott verliert der Mensch sich selbst. Die Zeugnisse derer, die uns vorausgegangen sind und dem Evangelium ihr Leben gewidmet haben, bestätigen das für immer. Es ist vernünftig zu glauben, unsere Existenz steht auf dem Spiel. Es lohnt sich, sich für Christus hinzugeben, er allein stillt das Verlangen nach der Wahrheit und dem Guten, das in der Seele eines jeden Menschen verwurzelt ist: jetzt, in der vergänglichen Zeit und am nie endenden Tag der ewigen Glückseligkeit.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DAS INNERE VERLANGEN NACH GOTT

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GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 7. November 2012

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Der Weg der Reflexion, den wir in diesem Jahr des Glaubens gemeinsam beschreiten, läßt uns heute über einen faszinierenden Aspekt der menschlichen und christlichen Erfahrung nachdenken: Der Mensch trägt ein geheimnisvolles Verlangen nach Gott in sich. Bedeutsamerweise wird der Katechismus der Katholischen Kirche gerade mit folgenden Überlegungen eröffnet: »Das Verlangen nach Gott ist dem Menschen ins Herz geschrieben, denn der Mensch ist von Gott und für Gott erschaffen. Gott hört nie auf, ihn an sich zu ziehen. Nur in Gott wird der Mensch die Wahrheit und das Glück finden, wonach er unablässig sucht« (Nr. 27).

Eine solche Aussage, die auch heute in vielen Kulturkreisen völlig annehmbar, ja beinahe selbstverständlich wirkt, könnte im säkularisierten westlichen Kulturkreis dagegen als Provokation erscheinen, denn viele unserer Zeitgenossen könnten einwenden, daß sie überhaupt kein solches Verlangen nach Gott spüren. Für große Teile der Gesellschaft ist er nicht mehr der Erwartete, der Herbeigesehnte, sondern vielmehr eine Wirklichkeit, der man gleichgültig gegenübersteht, die es nicht einmal der Mühe wert ist, sich dazu zu äußern. In Wirklichkeit ist das, was wir als »Verlangen nach Gott« bezeichnet haben, nicht völlig verschwunden, sondern es taucht auch heute in vielerlei Weise im Herzen des Menschen auf. Das menschliche Verlangen ist stets auf bestimmte konkrete Güter ausgerichtet, die oft alles andere als geistlich sind, und dennoch steht der Mensch vor der Frage, was wirklich »das« Gute ist, und muß sich also mit etwas auseinandersetzen, das etwas anderes ist als er selbst, das er nicht selbst herstellen kann, sondern zu erkennen aufgefordert ist. Was kann das Verlangen des Menschen wirklich stillen?

In meiner ersten Enzyklika Deus caritas est habe ich versucht zu analysieren, wie diese Dynamik in der Erfahrung der menschlichen Liebe umgesetzt wird – einer Erfahrung, die in unserer Zeit einfach als ein Augenblick der Ekstase wahrgenommen wird, des Herauskommens aus sich selbst, als ein Ort, an dem der Mensch spürt, von einem Verlangen durchdrungen zu sein, das ihn übersteigt. Durch die Liebe erfahren Mann und Frau auf neue Weise, einer durch den anderen, die Größe und die Schönheit des Lebens und der Wirklichkeit. Wenn das, was wir erfahren, nicht einfach nur eine Illusion ist, wenn ich wirklich das Wohl des anderen will – auch als Weg zu meinem eigenen Wohl –, dann muß ich bereit sein, selbst aus dem Mittelpunkt herauszutreten, mich in seinen Dienst zu stellen, bis hin zum Selbstverzicht. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Erfahrung der Liebe durchläuft also die Läuterung und die Heilung des Willens, die von dem Wohl verlangt werden, das man für den anderen will. Man muß üben, trainieren, sich auch korrigieren, damit dieses Wohl wirklich gewollt werden kann.

Die anfängliche Ekstase wird so zum Pilgerweg, zum »ständigen Weg aus dem in sich verschlossenen Ich zur Freigabe des Ich, zur Hingabe und so gerade zur Selbstfindung, ja, zur Findung Gottes« (Enzyklika Deus caritas est, 6). Durch diesen Weg kann die Erkenntnis der Liebe, die der Mensch anfangs erfahren hat, allmählich tiefer werden. Und auch das Geheimnis, für das sie steht, nimmt immer deutlicher Gestalt an: Denn nicht einmal die geliebte Person kann das Verlangen stillen, das im menschlichen Herzen wohnt, sondern je authentischer die Liebe zum anderen ist, desto mehr wirft sie die Frage über ihren Ursprung und ihre Bestimmung auf, über ihre Möglichkeit, auf immer zu währen. Die menschliche Erfahrung der Liebe hat also eine Dynamik in sich, die über sich selbst hinausweist, sie ist die Erfahrung von etwas Gutem, das den Menschen aus sich selbst herausgehen läßt und ihn dem Geheimnis gegenüberstellt, das die gesamte Existenz umgibt.

Ähnliche Überlegungen könnte man auch in bezug auf andere menschliche Erfahrungen anstellen, wie die Freundschaft, die Erfahrung des Schönen, die Liebe zur Erkenntnis: Alles Gute, das der Mensch erfährt, strebt auf das Geheimnis zu, das den Menschen selbst umgibt; jedes Verlangen des menschlichen Herzens ist Widerhall eines Grundverlangens, das nie völlig gestillt ist. Natürlich kann man von diesem tiefen Verlangen, das auch etwas Rätselhaftes in sich birgt, nicht unmittelbar zum Glauben gelangen. Der Mensch weiß letztlich wohl, was ihn nicht satt macht, aber er kann sich nicht vorstellen oder beschreiben, was ihn jenes Glück erfahren ließe, nach dem sein Herz sich sehnt. Man kann Gott nicht kennenlernen, wenn man nur vom Verlangen des Menschen ausgeht. Unter diesem Gesichtspunkt bleibt das Geheimnis: Der Mensch sucht nach dem Absoluten, als Suchender macht er kleine und unsichere Schritte. Dennoch ist bereits die Erfahrung des Verlangens, des »unruhigen Herzens«, wie der hl. Augustinus es nannte, sehr bedeutsam. Es zeigt uns, daß der Mensch ein zutiefst religiöses Wesen ist (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 28), »vor Gott ein Bettler«. Wir können mit Pascals Worten sagen, daß  »der Mensch unendlich den Menschen übersteigt« (Gedanken über die Religion und einige andere Gegenstände I,2,5,3).

Die Augen erkennen die Gegenstände, wenn diese vom Licht beleuchtet sind. Daher kommt der Wunsch, das Licht selbst kennenzulernen, das die Dinge der Welt erglänzen läßt und mit ihnen den Sinn für die Schönheit entflammt. Wir müssen also festhalten, daß es auch in unserer Zeit, die für die transzendente Dimension so unempfänglich zu sein scheint, möglich ist, einen Weg zum wahren religiösen Sinn des Lebens hin zu öffnen, der zeigt, daß das Geschenk des Glaubens nicht sinnlos, nicht irrational ist. Zu diesem Zweck wäre es sehr nützlich, eine Art Pädagogik des Verlangens zu fördern, sowohl für den Weg jener, die noch nicht glauben, als auch für jene, die das Geschenk des Glaubens bereits empfangen haben.

Diese Pädagogik umfaßt mindestens zwei Aspekte. An erster Stelle geht es darum, zu lernen oder wieder zu lernen, die wahren Freuden des Lebens zu genießen. Nicht jede Wunschbefriedigung ruft in uns dieselbe Wirkung hervor: Einige hinterlassen eine positive Spur, können dem Herzen Frieden schenken, machen uns aktiver und großherziger. Andere dagegen scheinen nach dem anfänglichen Licht den Erwartungen, die sie erweckt hatten, nicht zu entsprechen, und hinterlassen zuweilen Bitterkeit, Unzufriedenheit oder ein Gefühl der Leere. Von jungen Jahren an dazu erzogen zu werden, die wahren Freuden zu genießen, in allen Bereichen des Lebens – Familie, Freundschaft, Solidarität mit den Leidenden, Selbstverzicht zum Dienst an den anderen, Liebe zur Erkenntnis, zur Kunst, zu den Schönheiten der Natur –, all das bedeutet, inneren Genuß zu üben und wirksame Abwehrkräfte gegen die heute verbreitete Banalisierung und Verflachung zu bilden. Auch die Erwachsenen müssen diese Freuden wiederentdecken, echte Wirklichkeiten verlangen und sich von der Mittelmäßigkeit reinigen, in die sie vielleicht hineingeraten sind. Dadurch wird es einfacher, alles fallenzulassen oder abzulehnen, was zwar scheinbar anziehend ist, sich jedoch als schal erweist, als Quelle der Gewohnheit und nicht der Freiheit. Und daraus tritt dann jenes Verlangen nach Gott zutage, von dem wir sprechen.

Ein zweiter Aspekt, der mit dem ersten einhergeht, besteht darin, sich nie mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Gerade die echten Freuden sind in der Lage, in uns jene gesunde Unruhe zu wecken, die uns anspruchsvoller macht – ein höheres, tiefergehendes Wohl zu wollen – und uns gleichzeitig immer deutlicher spüren läßt, daß nichts Endliches unser Herz erfüllen kann. So lernen wir, wehrlos jenes Wohl anzustreben, das wir nicht aus eigener Kraft konstruieren oder uns verschaffen können, uns nicht entmutigen zu lassen von der Anstrengung oder den Hindernissen, die aus unserer Sünde kommen. In diesem Zusammenhang dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß die Dynamik des Verlangens immer offen ist für die Erlösung – auch wenn sie Irrwege einschlägt, wenn sie künstliche Paradiese verfolgt und die Fähigkeit, das wahre Gut anzustreben, zu verlieren scheint. Auch im Abgrund der Sünde verlöscht im Menschen nicht jene Flamme, die es ihm erlaubt, das wahre Wohl zu erkennen, es zu kosten und so einen Wiederaufstieg zu beginnen, bei dem Gott es durch seine Gnadengabe nie an seiner Hilfe fehlen lassen wird. Wir alle müssen übrigens einen Weg der Reinigung und der Heilung des Verlangens beschreiten.

Wir sind Pilger auf dem Weg in die himmlische Heimat und gehen auf jenes vollkommene, ewige Wohl zu, das nichts uns wieder entreißen kann. Es geht also nicht darum, das Verlangen, das im Herzen des Menschen ist, zu ersticken, sondern darum, es zu befreien, damit es zu seiner wahren Höhe gelangen kann. Wenn im Verlangen das Fenster auf Gott hin geöffnet wird, dann ist es schon das Zeichen, daß der Glaube im Herzen gegenwärtig ist, und dieser Glaube ist eine Gnade Gottes. Der hl. Augustinus sagte auch: »Durch Warten macht Gott unser Verlangen größer, durch das Verlangen schenkt er uns ein größeres Herz, und indem er es größer macht, macht er es aufnahmefähiger« (Kommentar zum Ersten Brief des Johannes, 4,6: PL 35,2009).

Auf dieser Pilgerreise wollen wir uns als Brüder aller Menschen fühlen, als Weggefährten auch derer, die nicht glauben, die auf der Suche sind, die sich von der Dynamik des eigenen Verlangens nach dem Wahren und Guten aufrichtig hinterfragen lassen. In diesem Jahr des Glaubens wollen wir darum beten, daß Gott sein Antlitz all jenen zeigen möge, die ihn mit aufrichtigem Herzen suchen. Danke.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DER GLAUBE DER KIRCHE

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S.MESSA PER LA NUOVA EVANGELIZZAZIONE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI 16-10-2011

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 31. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen unseren Weg der Betrachtung über den katholischen Glauben fort. In der letzten Woche habe ich gezeigt, daß der Glaube ein Geschenk ist, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; und so ist der Glaube eine Antwort, durch die wir ihn als das feste Fundament unseres Lebens annehmen. Er ist ein Geschenk, das das Dasein verwandelt, weil es uns in die Sichtweise Jesu eintreten läßt, der in uns wirkt und uns auf die Liebe zu Gott und zu den anderen hin öffnet.

Heute möchte ich einen weiteren Schritt in unserer Reflexion tun, indem ich wieder von einigen Fragen ausgehe: Hat der Glaube nur persönlichen, individuellen Charakter? Geht er nur mich selbst etwas an? Lebe ich meinen Glauben allein? Sicher ist der Glaubensakt ein höchst persönlicher Akt, der tief im Innern geschieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr ausdrückt: Mein Dasein bekommt eine Wende, eine neue Ausrichtung. In der Taufliturgie, im Augenblick der Versprechen, fordert der Zelebrant dazu auf, den katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, indem er drei Fragen formuliert: Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Ursprünglich wurden diese Fragen persönlich an denjenigen gerichtet, der die Taufe empfangen sollte, bevor er dreimal ins Wasser getaucht wurde. Und auch heute steht die Antwort im Singular: »Ich glaube.« Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis meiner einsamen Reflexion, er geht nicht aus meinem Denken hervor, sondern er ist Frucht einer Beziehung, eines Gesprächs, in dem es ein Hören, ein Empfangen und ein Antworten gibt; er ist das Kommunizieren mit Jesus, das mich aus meinem in mir selbst verschlossenen »Ich« heraustreten läßt, um mich für die Liebe Gottes, des Vaters, zu öffnen. Es ist wie eine Neugeburt, in der ich entdecke, daß ich nicht nur mit Jesus vereint bin, sondern auch mit allen, die denselben Weg gegangen sind und gehen; und diese Neugeburt, die mit der Taufe beginnt, geht das ganze Leben hindurch weiter. Ich kann meinen persönlichen Glauben nicht in einem privaten Gespräch mit Jesus aufbauen, denn der Glaube wird mir von Gott durch eine gläubige Gemeinschaft, die Kirche, geschenkt, und stellt mich so hinein in die Menge der Gläubigen in einer Gemeinschaft, die nicht nur soziologisch, sondern in der ewigen Liebe Gottes verwurzelt ist, die in sich selbst Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, die dreifaltige Liebe ist. Unser Glaube ist nur dann wirklich persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist: Er kann nur dann mein Glaube sein, wenn er im »Wir« der Kirche lebt und sich bewegt, nur wenn er unser Glaube ist, der gemeinsame Glaube der einen Kirche.

Wenn wir sonntags in der heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann drücken wir uns in der ersten Person aus, bekennen aber gemeinschaftlich den einen Glauben der Kirche. Dieses einzeln ausgesprochene »Ich glaube« vereint sich mit dem eines enormen Chors an allen Orten und zu allen Zeiten, in dem jeder sozusagen zu einer harmonischen Polyphonie im Glauben beiträgt. Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt es deutlich zusammen: »›Glauben‹ ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. ›Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat‹ (Cyprian, unit. eccl.)« (Nr. 181). Der Glaube entsteht also in der Kirche, führt zu ihr hin und lebt in ihr. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Zu Beginn des christlichen Abenteuers, als der Heilige Geist mit Macht auf die Apostel herabkommt, am Pfingsttag – wie es in derApostelgeschichte berichtet wird (vgl. 2,1–13) – empfängt die entstehende Kirche die Kraft, die Sendung umzusetzen, die ihr vom auferstandenen Herrn anvertraut wurde: das Evangelium, die Frohbotschaft vom Reich Gottes, überall in der Welt zu verbreiten, und so jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, zum rettenden Glauben zu führen. Die Apostel überwinden alle Furcht in der Verkündigung dessen, was sie persönlich mit Jesus gehört, gesehen, erfahren haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes beginnen sie, in neuen Sprachen zu sprechen, und verkündigen offen das Geheimnis, dessen Zeugen sie waren. In der Apostelgeschichte wird uns dann die große Rede überliefert, die Petrus am Pfingsttag hält. Von einem Abschnitt aus dem Propheten Joel (3,1–5) ausgehend, den er auf Jesus bezieht, verkündet er das Herzstück des christlichen Glaubens: Er, der allen Gutes getan hatte, den Gott durch große Wunder und Zeichen beglaubigt hatte, wurde ans Kreuz geschlagen und umgebracht, Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus gemacht. Durch ihn haben wir das endgültige Heil erlangt, das von den Propheten verkündigt wurde, und wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17– 24). Als sie diese Worte des Petrus hören, fühlen viele sich persönlich angesprochen, bereuen ihre Sünden und lassen sich taufen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37–41). So beginnt der Weg der Kirche: Gemeinschaft, die diese Verkündigung an allen Orten und zu allen Zeiten trägt, Gemeinschaft, die das durch das Blut Christi auf den Neuen Bund gegründete Volk Gottes ist, dessen Mitglieder keiner besonderen sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen sind. Es ist ein »katholisches« Volk, das neue Sprachen spricht und weltweit offen ist, alle anzunehmen, über jede Grenze hinaus, das alle Grenzen niederreißt. Der hl. Paulus sagt: »Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11).

Die Kirche ist also von Anfang an der Ort des Glaubens, der Ort der Weitergabe des Glaubens, der Ort, an dem man durch die Taufe hineingenommen wird in das Paschamysterium des Todes und der Auferstehung Christi, das uns aus der Gefangenschaft der Sünde befreit, uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott einführt. Gleichzeitig sind wir in die Gemeinschaft mit den anderen Brüdern und Schwestern im Glauben hineingenommen, mit dem ganzen Leib Christi, aus unserer Isolierung herausgezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil ruft dies in Erinnerung: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Wenn wir noch einmal an die Taufliturgie denken, dann sehen wir, daß der Zelebrant zum Abschluß der Versprechen, in denen wir dem Bösen widersagen und die Glaubenswahrheiten immer wieder durch »Ich glaube« bekennen, sagt: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen. « Der Glaube ist eine theologische Tugend, die von Gott geschenkt, aber von der Kirche in der Geschichte weitergegeben wird. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther, daß er ihnen überliefert hat, was auch er empfangen hat (vgl. 1Kor 15,3).

Es gibt ein ununterbrochenes Band des kirchlichen Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, das bis zu uns reicht und das wir Tradition nennen. Sie ist uns dafür die Garantie, daß das, woran wir glauben, die ursprüngliche Botschaft Christi ist, die von den Aposteln verkündigt wurde. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung ist das Ereignis des Todes und der Auferstehung des Herrn, aus dem das ganze Erbe des Glaubens hervorgeht. Das Konzil sagt: »Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 8). Wie also die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, so bewahrt die Tradition der Kirche dieses Wort und gibt es treu weiter, damit die Menschen zu jeder Zeit auf seine unendlichen Ressourcen zurückgreifen und an seinem Gnadenreichtum teilhaben können. »So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (ebd.).

Abschließend möchte ich hervorheben, daß der persönliche Glaube in der kirchlichen Gemeinschaft wächst und reift. Es ist interessant zu sehen, daß das Wort »Heilige« im Neuen Testament die Christen als Ganzes bezeichnet, und gewiß hatten nicht alle die Voraussetzungen, zu Heiligen der Kirche erhoben zu werden. Worauf wollte man mit diesem Begriff also hinweisen? Auf die Tatsache, daß jene, die den Glauben an den auferstandenen Christus hatten und lebten, berufen waren, ein Bezugspunkt für alle anderen zu werden und sie so in Berührung zu bringen mit der Person und der Botschaft Jesu, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Und das gilt auch für uns: Ein Christ, der sich nach und nach vom Glauben der Kirche führen und formen läßt, trotz seiner Schwächen, seiner Grenzen und seiner Schwierigkeiten, wird gleichsam zu einem Fenster, das offen ist für das Licht des lebendigen Gottes, das dieses Licht aufnimmt und es an die Welt weitergibt. In der Enzyklika Redemptoris missio sagte der sel. Johannes Paul II.: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!« (Nr. 2).

Die heute weitverbreitete Tendenz, den Glauben in die Privatsphäre zu verbannen, widerspricht also dem Wesen des Glaubens. Wir brauchen die Kirche zur Bestätigung unseres Glaubens und um die Gaben Gottes zu erfahren: sein Wort, die Sakramente, die Unterstützung der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So kann unser »Ich« im »Wir« der Kirche zugleich als Empfänger und als Träger eines Ereignisses verstanden werden, das es übersteigt: die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, auf der die Gemeinschaft unter den Menschen gründet. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Personen zu regeln scheint und sie immer schwächer macht, ruft uns der Glaube auf, Volk Gottes zu sein, Kirche zu sein, Träger der Liebe und der Gemeinschaft Gottes für die gesamte Menschheitsfamilie (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 1). Danke für die Aufmerksamkeit.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – WAS IST DER GLAUBE?

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GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 24. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Am vergangenen Mittwoch habe ich mit dem Beginn des »Jahrs des Glaubens« eine neue Katechesereihe über den Glauben begonnen. Und heute möchte ich mit euch über eine grundlegende Frage nachdenken: Was ist der Glaube? Hat der Glaube noch Sinn in einer Welt, in der Wissenschaft und Technik Horizonte eröffnet haben, die bis vor kurzem undenkbar waren? Was bedeutet es, heute zu glauben? In der Tat bedarf es in unserer Zeit einer erneuerten Erziehung zum Glauben, die natürlich eine Kenntnis der Glaubenswahrheiten und des Heilsgeschehens beinhalten, vor allem aber aus einer wahren Begegnung mit Gott in Jesus Christus heraus entstehen muß – aus der Liebe zu ihm, aus dem Vertrauen zu ihm, damit das ganze Leben darin einbezogen ist.

Trotz vieler guter Anzeichen breitet sich heute um uns herum auch eine gewisse spirituelle Wüste aus. Aufgrund gewisser Ereignisse, von denen wir täglich erfahren, hat man zuweilen gleichsam das Gefühl, daß die Welt nicht auf den Aufbau einer brüderlicheren und friedlicheren Gemeinschaft zugeht; selbst die Ideen von Fortschritt und Wohlstand haben auch ihre Schattenseiten. Trotz der großen Entdeckungen der Wissenschaft und der Leistungen der Technik scheint der Mensch heute nicht wirklich freier, menschlicher geworden zu sein; nach wie vor gibt es viele Formen der Ausbeutung, der Manipulierung, der Gewalt, der Unterdrückung, des Unrechts…

Eine bestimmte Art von Kultur hat den Menschen außerdem dazu erzogen, sich nur innerhalb des Horizonts der Materie, des Machbaren zu bewegen, nur an das zu glauben, was man sieht und was man mit eigenen Händen berührt. Andererseits wächst jedoch auch die Zahl derer, die sich orientierungslos fühlen und die im Bestreben, über eine rein horizontale Weltsicht hinauszugelangen, bereit sind, an alles und das Gegenteil zu glauben. In diesem Zusammenhang stellen sich erneut einige grundlegende Fragen, die viel konkreter sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen: Welchen Sinn hat es zu leben? Gibt es eine Zukunft für den Menschen, für uns und für die neuen Generationen? In welche Richtung sollen wir unsere freien Entscheidungen lenken, um zu einem guten und glücklichen Leben zu gelangen? Was erwartet uns jenseits der Schwelle des Todes? Aus diesen unumgänglichen Fragen wird deutlich, daß die Welt der Planung, der genauen Berechnung und der empirischen Versuche – mit einem Wort, die wissenschaftliche Erkenntnis – allein nicht ausreicht, auch wenn sie für das Leben des Menschen wichtig ist. Wir brauchen nicht nur das materielle Brot, sondern wir brauchen Liebe, Sinn und Hoffnung, ein sicheres Fundament, einen festen Boden, der uns hilft, auch in der Krise, in der Finsternis, in den Schwierigkeiten und in den täglichen Problemen wirklich sinnvoll zu leben. Der Glaube schenkt uns genau das: Er ist ein zuversichtliches Sich-Anvertrauen an ein »Du«, das Gott ist, der mir eine andere, jedoch nicht weniger feste Gewißheit gibt als jene, die ich aus der genauen Berechnung oder aus der Wissenschaft erhalte.

Der Glaube ist nicht einfach nur eine verstandesgemäße Annahme besonderer Wahrheiten über Gott durch den Menschen; er ist ein Akt, durch den ich mich freiwillig einem Gott anvertraue, der Vater ist und der mich liebt; er ist die Zustimmung zu einem »Du«, das mir Hoffnung und Vertrauen schenkt. Diese Zustimmung zu Gott ist natürlich nicht ohne Inhalte: durch sie sind wir uns bewußt, daß Gott selbst sich uns in Christus gezeigt hat, sein Antlitz offenbart hat und wirklich zu einem jeden von uns gekommen ist. Ja, Gott hat offenbart, daß seine Liebe zum Menschen, zu einem jeden von uns, maßlos ist: Am Kreuz zeigt uns Jesus von Nazaret, der menschgewordene Gottessohn, in strahlend heller Weise, bis wohin diese Liebe reicht: bis zur Selbsthingabe, bis zum vollkommenen Opfer. Durch das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi kommt Gott bis ins Tiefste unserer Menschennatur herab, um sie wieder zu sich zu bringen, um sie in seine Höhe zu erheben. Glaube bedeutet, an diese Liebe Gottes zu glauben, die angesichts der Bosheit des Menschen, angesichts des Bösen und des Todes nicht weniger wird, sondern fähig ist, jede Form der Knechtschaft zu verwandeln und das Heilsangebot zu schenken. Ein Glaubender zu sein bedeutet also, diesem »Du«, Gott, zu begegnen, der mich trägt und mir die Verheißung einer unvergänglichen Liebe gewährt, die nicht nur nach der Ewigkeit strebt, sondern diese schenkt; es bedeutet, mich Gott anzuvertrauen wie ein Kind, das sicher weiß, daß all seine Schwierigkeiten, all seine Probleme im »Du« der Mutter sicher geborgen sind. Und dieses Heilsangebot durch den Glauben ist ein Geschenk, das Gott allen Menschen macht. Ich denke, wir sollten – in unserem täglichen Leben, das von zuweilen dramatischen Problemen und Situationen geprägt ist – öfter darüber nachdenken, daß christlich zu glauben bedeutet, mich vertrauensvoll dem tiefen Sinn zu überlassen, der mich und die Welt trägt, jenem Sinn, den wir uns nicht selbst geben, sondern nur als Geschenk empfangen können und der das Fundament ist, auf dem wir furchtlos leben können. Und wir müssen fähig sein, diese befreiende und beruhigende Glaubensgewißheit mit Worten zu verkündigen und mit unserem Leben als Christen zu zeigen.

Um uns herum sehen wir jedoch tagtäglich, daß viele dieser Verkündigung gleichgültig gegenüberstehen oder sich weigern, sie anzunehmen. Am Ende des Markusevangeliums haben wir heute harte Worte des Auferstandenen, der sagt: »Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden« (Mk 16,16), verliert sich selbst. Ich möchte euch einladen, darüber nachzudenken. Das Vertrauen auf das Wirken des Heiligen Geistes muß uns stets anspornen, hinzugehen und das Evangelium zu verkündigen, zum mutigen Glaubenszeugnis. Außer der Möglichkeit einer positiven Antwort auf das Geschenk des Glaubens gibt es jedoch auch die Gefahr der Ablehnung des Evangeliums, der Nichtannahme der lebenspendenden Begegnung mit Christus. Schon der hl. Augustinus stellte sich dieses Problem in seinem Kommentar zum Gleichnis vom Sämann. Er sagte: »Wir sprechen, streuen den Samen aus, verteilen den Samen. Einige verachten, einige tadeln, einige verspotten uns. Wenn wir sie fürchten, haben wir nichts mehr auszusäen und bleiben am Tag der Ernte ohne Ertrag. Möge also der Same des guten Bodens kommen« (Sermo de disciplina christiana, 13,14: PL 40,677–678). Die Ablehnung kann uns also nicht entmutigen. Als Christen sind wir Zeugnis dieses fruchtbaren Bodens: Unser Glaube, trotz all unserer Grenzen, zeigt, daß es den guten Boden gibt, wo der Same des Wortes Gottes reiche Frucht der Gerechtigkeit, des Friedens und der Liebe, einer neuen Menschheit, des Heils hervorbringt. Und die ganze Kirchengeschichte mit all ihren Problemen zeigt auch, daß es den guten Boden gibt, daß es den guten Samen gibt und daß er Frucht trägt. Wir wollen uns jedoch fragen: Woraus schöpft der Mensch die Offenheit des Herzens und des Verstandes, an den Gott zu glauben, der im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus sichtbar geworden ist, und sein Heil zu empfangen, so daß er und sein Evangelium Wegweiser und Licht für das Leben sein können? Antwort: Wir können an Gott glauben, weil er uns nahekommt und uns anrührt, weil der Heilige Geist, die Gabe des Auferstandenen, uns fähig macht, den lebendigen Gott anzunehmen. Der Glaube ist also vor allem ein übernatürliches Geschenk, ein Geschenk Gottes.

Das Zweite Vatikanische Konzil sagt: »Dieser Glaube kann nicht vollzogen werden ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes, der das Herz bewegen und Gott zuwenden, die Augen des Verstandes öffnen und ›es jedem leicht machen muß, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben‹« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 5). Das Fundament unseres Glaubensweges ist die Taufe, das Sakrament, das uns den Heiligen Geist schenkt, das uns in Christus zu Kindern Gottes macht und die Aufnahme in die Glaubensgemeinschaft, in die Kirche bezeichnet: Man glaubt nicht von sich aus, ohne das Zuvorkommen der Gnade des Heiligen Geistes; und man glaubt nicht alleine, sondern gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern. Von der Taufe an ist jeder Gläubige berufen, dieses Glaubensbekenntnis immer wieder neu zu leben und es sich zu eigen zu machen, gemeinsam mit den Brüdern und Schwestern.

Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, aber er ist auch ein zutiefst freier und menschlicher Akt. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt das ganz deutlich: »Nur durch die Gnade und den inneren Beistand des Heiligen Geistes ist man imstande, zu glauben. Und doch ist Glauben ein wahrhaft menschlicher Akt. Es widerspricht weder der Freiheit noch dem Verstand des Menschen « (Nr. 154). Im Gegenteil, er setzt sie voraus und erhöht sie, durch den Einsatz des ganzen Lebens, der gleichsam ein Exodus ist, also ein Herauskommen aus sich selbst, aus seinen eigenen Sicherheiten, aus seinen eigenen Denkmustern, um sich dem Wirken Gottes anzuvertrauen, der uns seinen Weg weist, um die wahre Freiheit zu erlangen, unsere menschliche Identität, die wahre Freude des Herzens, den Frieden mit allen. Glauben bedeutet, sich in voller Freiheit und mit Freude dem Plan der Vorsehung Gottes in der Geschichte anzuvertrauen, wie der Erzvater Abraham, wie Maria von Nazaret. Der Glaube ist also eine Zustimmung, durch die unser Verstand und unser Herz »ja« sagen zu Gott und bekennen, daß Jesus der Herr ist. Und dieses »Ja« verwandelt das Leben, öffnet ihm den Weg zu einer Sinnfülle und macht es so neu, reich an Freude und verläßlicher Hoffnung.

Liebe Freunde, unsere Zeit erfordert Christen, die von Christus ergriffen sind, die durch die Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und den Sakramenten im Glauben wachsen: Personen, die gleichsam ein aufgeschlagenes Buch sind, das von der Erfahrung des neuen Lebens im Geist erzählt, von der Gegenwart jenes Gottes, der uns auf dem Weg stützt und uns zu dem Leben hin öffnet, das niemals enden wird. Danke.

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PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – EINFÜHRUNG

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GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 17. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich die neue Katechesereihe einleiten, die sich durch das ganze Jahr des Glaubens hindurchziehen wird, das soeben begonnen hat und das – über diesen Zeitraum hinweg – den Zyklus unterbrechen wird, der der Schule des Gebets gewidmet ist. Mit dem Apostolischen Schreiben Porta Fidei habe ich dieses besondere Jahr ausgerufen, auf daß die Kirche die Begeisterung, an Jesus Christus, den einzigen Erlöser der Welt, zu glauben, erneuern, die Freude, den Weg zu gehen, den er uns gezeigt hat, neu beleben und die verwandelnde Kraft des Glaubens konkret bezeugen möge.

Der 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils ist eine wichtige Gelegenheit, zu Gott zurückzukehren, mit größerem Mut den eigenen Glauben zu leben, die Zugehörigkeit zur Kirche – »Lehrerin der Menschlichkeit« – zu festigen, die uns durch die Verkündigung des Wortes, die Feier der Sakramente und die Werke der Nächstenliebe dahin führt, Christus – wahrer Gott und wahrer Mensch – kennenzulernen. Es handelt sich nicht um die Begegnung mit einer Idee oder einem Lebensentwurf, sondern mit einer lebendigen Person, die uns tief im Innern verwandelt und uns unsere wahre Identität als Kinder Gottes offenbart. Die Begegnung mit Christus erneuert unsere menschlichen Beziehungen und richtet sie Tag für Tag in der Logik der Liebe auf größere Solidarität und Brüderlichkeit aus. An den Herrn zu glauben ist nicht etwas, das nur unsere Intelligenz, den Bereich des intellektuellen Wissens betrifft, sondern es ist eine Veränderung, die das Leben, unser ganzes Sein einbezieht: Empfinden, Verstand, Wille, Leiblichkeit, Gefühle, menschliche Beziehungen. Mit dem Glauben ändert sich wirklich alles in uns und für uns, und unsere zukünftige Bestimmung, die Wahrheit über unsere Berufung in der Geschichte, der Sinn des Lebens, der Genuß, Pilger auf dem Weg ins himmlische Vaterland zu sein, treten ganz deutlich zutage.

Aber – so fragen wir uns – ist der Glaube wirklich die verwandelnde Kraft in unserem Leben, in meinem Leben? Oder ist er nur eines der Elemente, die zum Leben gehören, ohne das entscheidende Element zu sein, das es vollkommen einnimmt? Mit den Katechesen dieses Jahres des Glaubens möchten wir einen Weg beschreiten, um die Freude des Glaubens zu stärken oder wiederzufinden und zu verstehen, daß der Glaube nichts Fremdes, vom konkreten Leben Getrenntes ist, sondern daß er die Seele des Lebens ist. Der Glaube an einen Gott, der Liebe ist und der zum Menschen gekommen ist, indem er Mensch geworden ist und sich selbst am Kreuz hingegeben hat, um uns zu erlösen und uns die Tore des Himmels wieder zu öffnen, zeigt auf leuchtende Weise, daß die Fülle des Menschen nur in der Liebe besteht. Das muß heute, da der derzeit stattfindende kulturelle Wandel oft viele Formen der Barbarei aufzeigt, die als »zivilisatorische Errungenschaften « gelten, noch einmal deutlich gesagt werden: Der Glaube sagt, daß es keine wahre Menschlichkeit gibt außer an den Orten, in den Gesten, in den Zeiten und in den Formen, in denen der Mensch beseelt ist von der Liebe, die von Gott kommt, daß sie als Geschenk zum Ausdruck kommt und sich in Beziehungen offenbart, die reich sind an Liebe, Mitgefühl, Aufmerksamkeit und uneigennützigem Dienst am anderen. Wo Herrschaft, Besitzstreben, Ausbeutung ist, wo der andere für den eigenen Egoismus zur Ware degradiert wird, wo die Arroganz des in sich selbst verschlossenen Ich vorhanden ist, dort verarmt der Mensch, wird er herabgewürdigt und entstellt. Der christliche Glaube, der in der Liebe tätig und in der Hoffnung stark ist, beschränkt das Leben nicht, sondern macht es menschlich – ja sogar vollmenschlich.

Der Glaube bedeutet, diese verwandelnde Botschaft in unserem Leben anzunehmen, die Offenbarung Gottes anzunehmen, die uns erkennen läßt, wer er ist, wie er handelt, was seine Pläne für uns sind. Gewiß, das Geheimnis Gottes übersteigt immer unsere Begriffe und unsere Vernunft, unsere Riten und unsere Gebete. Dennoch teilt Gott sich uns durch die Offenbarung mit, berichtet von sich, macht sich zugänglich. Und wir werden in die Lage versetzt, sein Wort zu hören und seine Wahrheit zu empfangen. Das ist das Wunderbare am Glauben: In seiner Liebe schafft Gott in uns – durch das Wirken des Heiligen Geistes – die angemessenen Bedingungen, damit wir sein Wort erkennen können. Gott selbst versetzt uns durch seinen Willen, sich zu offenbaren, mit uns in Berührung zu treten, in unserer Geschichte gegenwärtig zu sein, in die Lage, ihn zu hören und ihn anzunehmen. Der hl. Paulus drückt dies mit Freude und Dankbarkeit so aus: »Darum danken wir Gott unablässig dafür, daß ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Gläubigen, wirksam« (1Thess 2,13). Gott hat sich mit Worten und Werken offenbart in einer ganzen langen Geschichte der Freundschaft mit dem Menschen, die ihren Höhepunkt in der Menschwerdung des Sohnes Gottes und in seinem Geheimnis des Todes und der Auferstehung hat. Gott hat sich nicht nur in der Geschichte eines Volkes offenbart, er hat nicht nur durch die Propheten gesprochen, sondern er hat seinen Himmel überschritten, um als Mensch auf die Erde des Menschen zu kommen, damit wir ihm begegnen und ihn hören können. Und von Jerusalem aus ist die Verkündigung der Heilsbotschaft bis an die Enden der Erde gelangt. Die Kirche, die aus der geöffneten Seite Christi hervorgegangen ist, ist zur Trägerin einer neuen, festen Hoffnung geworden: der gekreuzigte und auferstandene Jesus von Nazaret, der Retter der Welt, der zur Rechten des Vaters sitzt und Richter der Lebenden und der Toten ist. Das ist das »kerygma«, die zentrale und alles sprengende Botschaft des Glaubens. Von Anfang an stellte sich jedoch das Problem der »Glaubensregel«, also der Treue der Gläubigen zur Wahrheit des Evangeliums, in der man fest bleiben muß, zur Heilswahrheit über Gott und über den Menschen, die bewahrt und weitergegeben werden muß. Der hl. Paulus schreibt: »Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe. Oder habe ihr den Glauben vielleicht unüberlegt angenommen?« (1Kor 15,2).

Wo aber finden wir die wesentliche Glaubensformel? Wo finden wir die Wahrheiten, die uns treu weitergegeben wurden und die das Licht für unser tägliches Leben darstellen? Die Antwort ist einfach: Im Credo, im Glaubensbekenntnis oder Glaubenssymbolon, knüpfen wir an das ursprüngliche Ereignis der Person und der Geschichte Jesu von Nazaret an; das, was der Völkerapostel zu den Christen in Korinth sagte, wird konkret: »Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, / gemäß der Schrift, und ist begraben worden. / Er ist am dritten Tag auferweckt worden« (1Kor 15,3–4). Auch heute ist es für uns notwendig, daß das Credo besser erkannt, verstanden und gebetet wird. Vor allem ist es wichtig, daß das Credo sozusagen »anerkannt« wird. Erkennen kann nämlich ein rein intellektueller Vorgang sein, während »anerkennen« auf die Notwendigkeit hinweist, die tiefe Bindung zwischen den Wahrheiten, die wir im Credo bekennen, und unserem täglichen Leben zu entdecken, damit diese Wahrheiten wirklich und konkret – wie sie es schon immer gewesen sind – Licht für die Schritte unseres Lebens sein können, Wasser, das die Dürre unseres Weges benetzt, Leben, das die Wüsten des gegenwärtigen Lebens überwindet. Im Credo ist das sittliche Leben des Christen verwurzelt, der in ihm seine Grundlage und seine Rechtfertigung findet.

Es ist kein Zufall, daß der sel. Johannes Paul II. wollte, daß der Katechismus der Katholischen Kirche, die sichere Norm für die Glaubenslehre und sichere Quelle für eine erneuerte Katechese, auf dem Credo aufgebaut sein soll. Es ging darum, den zentralen Kern der Glaubenswahrheiten zu bestätigen und zu bewahren, ihn in eine für die Menschen unserer Zeit, für uns, verständlichere Sprache zu übertragen. Die Kirche hat die Pflicht, den Glauben weiterzugeben, das Evangelium zu verkündigen, damit die christlichen Wahrheiten Licht im neuen kulturellen Wandel sein können und die Christen in der Lage sind, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die sie erfüllt (vgl. 1Petr 3,15). Wir leben heute in einer zutiefst veränderten Gesellschaft – auch im Hinblick auf die jüngere Vergangenheit –, die sich in ständiger Bewegung befindet. Die Prozesse der Säkularisierung und einer verbreiteten nihilistischen Mentalität, in der alles relativ ist, haben das allgemeine Denken stark geprägt. So wird das Leben oft leichtfertig gelebt, ohne klare Ideale und feste Hoffnungen, innerhalb flüchtiger, unbeständiger sozialer und familiärer Bindungen. Vor allem die neuen Generationen werden nicht zur Suche nach der Wahrheit und dem tiefen Sinn des Lebens, der über das Unwesentliche hinausgeht, zu stabilen Affekten, zum Vertrauen erzogen. Der Relativismus führt im Gegenteil dazu, keine festen Bezugspunkte zu haben, Mißtrauen und Unbeständigkeit rufen Brüche in den menschlichen Beziehungen hervor, während man das Leben in Experimenten verbringt, die nur von kurzer Dauer sind, ohne Verantwortungsübernahme.

Während Individualismus und Relativismus das Herz vieler Zeitgenossen zu beherrschen scheinen, kann man nicht sagen, daß die Gläubigen vor diesen Gefahren, denen wir bei der Weitergabe des Glaubens begegnen, völlig gefeit seien. Die Untersuchung, die auf allen Kontinenten für die Feier der Bischofssynode über die Neuevangelisierung durchgeführt wurde, hat einige von ihnen deutlich gemacht: ein passiv und privat gelebter Glaube, die Ablehnung der Erziehung zum Glauben, der Bruch zwischen Leben und Glauben. Der Christ kennt oft nicht einmal das Herzstück des eigenen christlichen Glaubens, des Credo, was Raum läßt für einen gewissen Synkretismus und religiösen Relativismus, ohne Klarheit über die Wahrheiten, die es zu glauben gilt, und über die Einzigartigkeit des Christentums in Bezug auf das Heil. Heute ist die Gefahr, sozusagen eine »selbstgemachte« Religion zu konstruieren, nicht weit. Wir müssen jedoch vielmehr zurückkehren zu Gott, zum Gott Jesu Christi, wir müssen die Botschaft des Evangeliums wiederentdecken, es tiefer in unser Bewußtsein und in das tägliche Leben eintreten lassen. In den Katechesen in diesem Jahr des Glaubens möchte ich eine Hilfe anbieten, diesen Weg zu gehen, um die zentralen Wahrheiten des Glaubens über Gott, über den Menschen, über die Kirche, über die ganze soziale und kosmische Wirklichkeit wieder aufzugreifen und über die Aussagen des Credo zu meditieren und nachzudenken. Und ich möchte deutlich machen, daß die Glaubensinhalte oder Glaubenswahrheiten (»fides quae«) einen direkten Bezug zu unserem Leben haben; sie verlangen eine Umkehr unserer Existenz, die eine neue Form, an Gott zu glauben (fides qua), hervorbringt. Gott kennen, ihm begegnen, seine Gesichtszüge zu vertiefen, bringt unser Leben ins Spiel, denn er tritt in die tiefen Dynamiken des Menschen ein. Möge der Weg, den wir in diesem Jahr beschreiten werden, uns alle im Glauben und in der Liebe zu Christus wachsen lassen, damit wir lernen, in unseren Entscheidungen und im täglichen Handeln das gute und schöne Leben des Evangeliums zu leben. Danke.

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Der authentische und unversehrte Glaube als Fundament eines wahrhaft christlichen Lebens

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PAPST PAUL VI.

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« bekommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine – mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glaubens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Freiheit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache verbreitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsächlichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maßgeblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem objektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zustimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzugekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinander unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamentalen Punkte Licht und Ordnung hineinzubringen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammentreffen des objektiven Glaubens (der zu glaubenden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustimmung zu diesen Wahrheiten) stets zu vergegenwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksamkeit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Fundament und die Wurzel jeder Rechtfertigung –, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Einheit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute – im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste – der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper finster sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glaubensakt ist heute auch psychologisch schwieriger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Erkenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem gemessen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirklichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaften Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, historischen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Meinungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glaube Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurückzugeben, diesen auf einige grundlegende Sätze reduzieren, von denen sie glauben, sie seien der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich – auch wenn sie sich mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umgibt – und wie verderblich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzenden Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefallen, und einige aufrechtzuerhalten, die für gefälliger gehalten werden. Und dann gibt es einige, die die Lehren des Glaubens der modernen Mentalität anzupassen versuchen und dabei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemühen – das an sich durchaus Lob und Verständnis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszudrücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg gewichen, aus dem heraus gewisse »schwierige Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben betrifft, was werden wir tun, nachdem wir ehrlich und beharrlich zugehört, studiert, meditiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangelium gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Beispiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Denken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zustimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, gewiss aufgrund der Übereinstimmung der Beweise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürchte, von denen unser nach Licht dürstendes Leben voll ist, und dass er den Widerstand derjenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, bekämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen Herausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, welche die dialektischen und spirituellen Schwierigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Gespräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die innere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hineinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein moralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfahrung meines Denkens und meines Empfindens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsamkeit gegenüber der Tradition und der Autorität des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen werden mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

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Quelle

Johannes Paul II. zur maßgeblichen lateinischen Ausgabe des Katechismus der Katholischen Kirche

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Johannes Paul II., Glasfenster in der Kapelle der Schwarzen Madonna, Tschenstochau

JOHANNES PAUL II.

APOSTOLISCHES SCHREIBEN

LAETAMUR MAGNOPERE

ANLÄSSLICH DER APPROBATION UND VERÖFFENTLICHUNG
DER LATEINISCHEN „EDITIO TYPICA“
DES KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE

 

An die ehrwürdigen Brüder Kardinäle,
Patriarchen, Erzbischöfe, Bischöfe,
Priester und Diakone und
die übrigen Mitglieder des Volkes Gottes!

Anlaß zu großer Freude ist für mich die Veröffentlichung der lateinischen Ausgabe des Katechismus der Katholischen Kirche, die von mir mit diesem Apostolischen Schreiben approbiert und promulgiert wird und somit zum endgültigen Text des erwähnten Katechismus wird. Das erfolgt ungefähr fünf Jahre nach dem Erlaß der Apostolischen Konstitution Fidei depositum vom 11. Oktober 1992, mit der am dreißigsten Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils die Veröffentlichung des in französischer Sprache geschriebenen ersten Textes des Katechismus veranlaßt wurde.

Mit Genugtuung konnten wir alle feststellen, wie positiv der Katechismus in diesen Jahren in den meisten Fällen aufgenommen worden ist und was für eine weite Verbreitung er insbesondere in den Teilkirchen gefunden hat: Diese haben für seine Übersetzung in die jeweiligen Landessprachen gesorgt, um ihn den verschiedenen Sprachgemeinschaften auf der Welt zugänglich zu machen. Das bestätigt, wie berechtigt das im Jahr 1985 von der Außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode an mich gerichtete Ersuchen gewesen ist, einen Katechismus bzw. ein Kompendium der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre erstellen zu lassen.

Der Katechismus, der von der 1986 eigens dazu eingerichteten Kommission aus Kardinälen und Bischöfen erarbeitet worden ist, wurde von mir mit der oben genannten Apostolischen Konstitution approbiert und veröffentlicht, die auch jetzt noch ihre volle Gültigkeit und Aktualität behält und in der vorliegenden lateinischen Ausgabe ihre endgültige Durchführung erfährt.

Diese Ausgabe hat eine aus den verschiedenen Dikasterien des Apostolischen Stuhls zusammengesetzte Kommission vorbereitet, die von mir 1993 zu diesem Zweck eingerichtet wurde. Diese Kommission, mit deren Vorsitz ich meinen ehrwürdigen Bruder Joseph Kardinal Ratzinger betraut habe, hat mit Beharrlichkeit und Sorgfalt gearbeitet, um den ihr übertragenen Auftrag zu erfüllen; besondere Aufmerksamkeit hat sie dabei den zahlreichen Änderungsvorschlägen zu Formulierungen des Katechismus gewidmet, die in diesen Jahren aus der ganzen Welt und von verschiedenen Seiten der kirchlichen Gemeinschaft dort eintrafen.

Aus dieser Tatsache kann man deutlich ersehen, daß die so beachtliche Zusendung von Verbesserungsvorschlägen das in jeder Beziehung einzigartige Interesse erkennen läßt, das der Katechismus in der ganzen Welt, auch unter Nichtchristen, vielerorts ausgelöst hat. Sie bestätigt zudem die Absicht des Katechismus, sich als vollständige und unverkürzte Darstellung der katholischen Lehre darzubieten, woraus jeder erfahren kann, was die Kirche bekennt und feiert, was sie lebt und wofür sie in ihrem täglichen Tun und Handeln betet. Zugleich zeigt sich ganz offen der entschlossene Wille, beizutragen, damit der christliche Glaube, dessen unumstößliche Hauptinhalte im Katechismus zusammengefaßt werden, den Menschen unserer Zeit in möglichst angemessener Form vorgestellt werde. Außerdem nimmt durch dieses unterstützende Mitwirken von seiten zahlreicher Mitglieder der Kirche wieder reale Gestalt an, was ich in der genannten Apostolischen Konstitution Fidei depositum geschrieben habe: »… weil das Zusammenklingen so vieler Stimmen wirklich das ausdrückt, was man die ›Symphonie‹ des Glaubens nennen kann« (Nr. 2).

Auch aus diesen Gründen hat die Kommission die eingegangenen Vorschläge ernsthaft erwogen, sie durch verschiedene Instanzen sorgfältig geprüft und mir ihre Entscheidungen zur Bestätigung unterbreitet. Soweit diese Entscheidungen eine angemessenere Darlegung der das katholische Glaubensgut betreffenden Inhalte des Katechismus zulassen oder eine Formulierung mancher Wahrheiten dieses Glaubens ermöglichen, die den Ansprüchen der heutigen Katechese besser entspricht, sind sie von mir approbiert worden und haben somit in die vorliegende lateinische Ausgabe Eingang gefunden. Diese wiederholt also in ihren Lehrinhalten getreu den Text, den ich im Dezember 1992 der Kirche und der Welt offiziell übergeben habe.

Mit der heutigen Veröffentlichung der lateinischen Ausgabe findet die Arbeit der Erstellung des Katechismus, die im Jahr 1986 begonnen hat, ihren Abschluß und der Wunsch der vorhin genannten Außerordentlichen Versammlung der Bischofssynode seine erfolgreiche Erfüllung. Die Kirche verfügt jetzt über diese neue und gültige Darstellung ihres einen und ewigen apostolischen Glaubens, der ein »gültiges und legitimes Werkzeug im Dienst der kirchlichen Gemeinschaft « und eine »sichere Norm für die Lehre des Glaubens« sowie ein »sicherer und authentischer Bezugstext« (vgl. Apostol. Konst. Fidei depositum, Nr. 4) für die Ausarbeitung der einzelnen örtlichen Katechismen sein wird.

Die Katechese wird in dieser unverfälschten und systematischen Darstellung des katholischen Glaubens und der katholischen Lehre einen absolut sicheren Weg finden, um mit erneuertem Schwung die christliche Botschaft in allen ihren einzelnen Teilen dem Menschen unserer Zeit nahezubringen. Von diesem Werk wird jeder in der Katechese Tätige eine solide Hilfe erhalten, um im Bereich der Ortskirche das eine, ewige Glaubensgut vermitteln zu können, während er mit Hilfe des Heiligen Geistes die wunderbare Einheit des christlichen Geheimnisses mit den vielfältigen Bedürfnissen und Lebenssituationen der Adressaten der Botschaft zu verbinden versucht. Die katechetische Tätigkeit wird einen breit gestreuten Neuaufschwung beim Volk Gottes erleben können, wenn sie diesen nachkonziliaren Katechismus zu gebrauchen und richtig zu schätzen weiß.

Das scheint heute von umso größerer Bedeutung zu sein, als das dritte Jahrtausend immer näher rückt. Es ist nämlich dringend ein besonderer Einsatz für die Evangelisierung erforderlich, damit alle die Botschaft des Evangeliums kennen lernen und aufnehmen können und wachsen, bis sie »Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen« (Eph 4,13).

Ich fordere daher meine ehrwürdigen Brüder im Bischofsamt, denen vor allen anderen der Katechismus der Katholischen Kircheanvertraut wird, dringend auf, diese vorzügliche Gelegenheit der Veröffentlichung der lateinischen Ausgabe wahrzunehmen und sich intensiver für eine vor allem für seine positive Aufnahme als vortreffliches Geschenk für die ihnen anvertrauten Gemeinden zu sorgen, die auf diese Weise den unerschöpflichen Reichtum des Glaubens werden wiederentdecken können.

Möge dank dem einvernehmlichen und sich gegenseitig ergänzenden Engagement aller Gruppen, aus denen sich das Volk Gottes zusammensetzt, der Katechismus allen bekanntgemacht und von allen aufgenommen werden, damit jene Übereinstimmung im Glauben, die ihren Ursprung und Anfang in der trinitarischen Einheit hat, gestärkt werde und sich bis an die Grenzen der Welt ausdehne.

Maria, der Mutter Christi, deren leibliche und geistige Aufnahme in den Himmel wir heute feiern, vertraue ich diese Wünsche an, auf daß sie sich zum geistlichen Wohl aller Menschen erfüllen.

Aus Castelgandolfo, am 15. August 1997, dem 19. Jahr meines Pontifikats.

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