Papstpredigt bei der Bußliturgie im Petersdom

Franziskus bei der Bußfeier (Vatican Media)

BUSSFEIER

HOMILIE VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Freitag, 29. März 2019

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»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen« (In Joh 33,5). So umschreibt der heilige Augustinus das Ende des Evangeliums, das wir gerade gehört haben. Die gekommen waren, um Steine auf die Frau zu werfen oder um Jesus im Hinblick auf das Gesetz anzuklagen, sind weggegangen. Sie sind weggegangen, sie hatten keine anderen Interessen. Jesus hingegen bleibt. Er bleibt, weil das geblieben ist, was in seinen Augen kostbar ist: jene Frau, diese Person. Für ihn geht der Sünder der Sünde vor. Ich, du, jeder von uns geht im Herzen Gottes vor: wir gehen den Fehlern, Regeln, Urteilen und unserem Scheitern vor. Bitten wir um die Gnade eines Blickes, der dem Blick Jesu ähnlich ist; bitten wir darum, die christliche Bildeinstellung des Lebens zu haben, in der wir voll Liebe den Sünder vor der Sünde sehen, den Fehlenden vor dem Fehler, den Menschen vor seiner Geschichte.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Für Jesus stellt die beim Ehebruch ertappte Frau nicht einen Gesetzesparagraphen dar, sondern eine konkrete Situation, in die man sich einbringen soll. Daher bleibt er dort mit der Frau und schweigt fast immer. Und unterdessen vollbringt er zwei Mal eine geheimnisvolle Geste: er schreibt mit dem Finger auf die Erde (Joh 8,6.8). Wir wissen nicht, was er geschrieben hat, und vielleicht ist es nicht das Wichtigste: die Aufmerksamkeit des Evangeliums ist nämlich auf die Tatsache gerichtet, dass der Herr schreibt. Es kommt einem die Episode vom Sinai in den Sinn, als Gott die Gesetzestafeln mit seinem Finger geschrieben hatte (vgl. Ex 31,18), gerade so, wie es Jesus jetzt tut. Durch die Propheten hatte Gott dann verheißen, nicht mehr auf Tafeln aus Stein zu schreiben, sondern unmittelbar auf die Herzen (vgl. Jer 31,33), auf die Tafeln von Fleisch unserer Herzen (vgl. 2 Kor 3,3). Mit Jesus, dem fleischgewordenen Erbarmen, ist der Augenblick gekommen, in das Herz des Menschen zu schreiben, der menschlichen Erbärmlichkeit eine sichere Hoffnung zu geben: nicht so sehr äußere Gesetze zu erlassen, durch die Gott und Mensch oft einander fern bleiben, sondern das Gesetz des Geistes, das in das Herz eintritt und es befreit. So geschieht es für jene Frau, die Jesus begegnet und wieder zu leben beginnt. Und sie geht hin, um nicht mehr zu sündigen (vgl. Joh 8,11). Es ist Jesus, der uns mit der Kraft des Heiligen Geistes vom Bösen befreit, das wir in uns tragen, von der Sünde, welche das Gesetz behindern, aber nicht entfernen konnte.

Und doch ist das Böse stark, es hat eine verführerische Macht: es zieht an, es betört. Um uns davon zu lösen, genügt unser Bemühen nicht, es bedarf einer größeren Liebe. Ohne Gott kann man das Böse nicht besiegen: Nur seine Liebe richtet innerlich wieder auf, nur seine ins Herz ausgegossene Zärtlichkeit macht uns frei. Wenn wir die Befreiung vom Bösen wollen, müssen wir dem Herrn Raum geben, der verzeiht und heilt. Und er tut es vor allem durch das Sakrament, das wir gleich feiern werden. Die Beichte ist der Übergang von der Erbärmlichkeit zum Erbarmen, sie ist die Schrift Gottes auf dem Herzen. Dort lesen wir jedes Mal, dass wir in den Augen Gottes kostbar sind, dass er Vater ist und uns mehr liebt, als wir selbst uns lieben.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen«. Nur sie. Wie oft fühlen wir uns allein und verlieren den Faden des Lebens. Wie oft wissen wir nicht mehr, wie wir von neuem beginnen sollen, weil wir von der Anstrengung, uns selbst anzunehmen, erdrückt werden. Wir müssen von vorne beginnen, aber wir wissen nicht von wo aus. Der Christ wird mit der Vergebung geboren, die er in der Taufe empfängt. Und er wird immer von da aus wiedergeboren: von der überraschenden Vergebung Gottes, von seinem Erbarmen, das uns wiederherstellt. Nur als solche, die Vergebung empfangen haben, können wir neu gestärkt wieder aufbrechen, nachdem wir die Freude erfahren haben, vom Vater vollkommen geliebt zu sein. Nur durch die Vergebung Gottes geschehen wahrhaft neue Dinge in uns. Hören wir nochmals den Satz, den der Herr heute durch den Propheten Jesaja zu uns gesprochen hat: »Siehe, nun mache ich etwas Neues« (Jes 43,19). Die Vergebung schenkt uns einen neuen Anfang, sie macht uns zu neuen Geschöpfen, sie lässt uns das neue Leben mit Händen greifen. Die Vergebung Gottes ist nicht eine Fotokopie, die jedes Mal, wenn wir in den Beichtstuhl kommen, identisch vervielfältigt wird. Durch den Priester die Vergebung der Sünden zu erhalten ist eine stets neue, ursprüngliche und unnachahmliche Erfahrung. Sie führt uns, wie bei der Frau im Evangelium, vom Alleinsein mit unserer Erbärmlichkeit und unseren Anklägern dahin, dass wir vom Herrn wiederaufgerichtet und ermutigt werden, der uns neu beginnen lässt.

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Was soll man tun, um das Erbarmen ins Herz zu schließen, um die Angst vor der Beichte zu überwinden? Nehmen wir wiederum die Einladung Jesajas an: »Merkt ihr es nicht?« (Jes 43,19). Der Vergebung Gottes gewahr werden. Das ist wichtig. Es wäre schön, nach der Beichte wie jene Frau den Blick fest auf Jesus gerichtet zu halten, der uns gerade befreit hat: nicht mehr auf unsere Erbärmlichkeit, sondern auf sein Erbarmen. Auf den Gekreuzigten schauen und mit Erstaunen sagen: „Hier sind also meine Sünden gelandet. Du hast sie auf dich genommen. Du hast nicht mit dem Finger auf mich gezeigt, du hast die Arme ausgebreitet und mir wieder vergeben.“ Es ist wichtig, der Vergebung Gottes zu gedenken, sich an deren Zärtlichkeit zu erinnern, deren Frieden und Freiheit wieder zu kosten, die wir erfahren haben. Denn das ist der Kern der Beichte: nicht die Sünden, die wir sagen, sondern die göttliche Liebe, die wir empfangen und der wir stets bedürfen. Es kann uns noch ein Zweifel kommen: „Beichten nützt nichts, ich begehe immer die gleichen Sünden.“ Aber der Herr kennt uns, er weiß, dass der innere Kampf hart ist, dass wir schwach sind und dazu neigen zu fallen, oftmals rückfällig sind und Böses tun. Und er bietet uns an, damit zu beginnen, im Guten rückfällig zu sein, im Bitten um Erbarmen. Denn er wird uns wiederaufrichten und uns zu neuen Geschöpfen machen. Beginnen wir also wieder mit der Beichte, geben wir diesem Sakrament den Platz zurück, den es im Leben und in der Pastoral verdient!

»Es blieben nur zwei: die Erbärmliche und das Erbarmen.« Auch wir erleben heute diese Heilsbegegnung in der Beichte: wir mit unserer Erbärmlichkeit und unserer Sünde; der Herr, der uns kennt, liebt und vom Bösen befreit. Treten wir in diese Begegnung ein mit der Bitte um die Gnade, sie wiederzuentdecken.

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Quelle

Siehe auch:

«UNSERE HOFFNUNG FÜR EUCH STEHT FEST»

Joachim Kardinal Meisner

Fastenhirtenbrief 2014

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Seit meiner Bischofsweihe vor 39 Jahren steht in meinem Bischofswappen das Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief: „Spes nostra firma est pro vobis“, das heißt übersetzt: „Unsere Hoffnung für euch steht fest“. Ich schreibe Ihnen zur österlichen Bußzeit 2014 meinen letzten Fastenhirtenbrief als Erzbischof von Köln, der auch mein Abschiedsbrief sein sollte, wenngleich ich in Köln wohnen bleiben werde. Ich möchte Ihnen gern das, was mich fast vier Jahrzehnte meines bischöflichen Wirkens hindurch begleitet und gestärkt hat, als Vermächtnis hinterlassen: Das ist die Wirklichkeit der Hoffnung.

Die Hoffnung gehört zu den göttlichen Tugenden, die wir zum Beispiel bei jedem Rosenkranzgebet am Anfang erbitten: Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig oder willkürlich gewählt, sondern entspricht der Realität, die Gott uns Menschen mit der Hoffnung schenkt. Die Wurzel der Hoffnung ist und bleibt der Glaube an den lebendigen Gott, und das Ziel der Hoffnung ist die Liebe Gottes. Die Hoffnung ist also die Mitte der drei göttlichen Tugenden.

1. Der Glaube ist die Wurzel, der Ausgangspunkt und die Energie der Hoffnung. Wo Glaube fehlt, gibt es keine Hoffnung. Und umgekehrt: wo ein lebendiger Glaube vorhanden ist, dort gibt es eine starke und lebendige Hoffnung. Das Ziel der Hoffnung aber ist die Liebe Gottes. Sie ist wie ein Magnet, der den Menschen anzieht. Um sie zu erreichen, braucht man den langen Atem, und den schenkt uns die Hoffnung. Der Glaube ist gleichsam der Motor der Hoffnung, die den Menschen dynamisiert, ihm immer wieder neue Ideen eingibt, um das Reich Gottes voranzubringen. Die Liebe ist die Zugkraft. Sie bewahrt uns vor Resignation und vor der inneren Müdigkeit. Hoffnungslosigkeit lässt dagegen das menschliche Herz austrocknen und macht es unempfindlich für neue Möglichkeiten, die zu einem neuen Aufbruch motivieren möchten.

Unsere Gesellschaft ist weithin von einer Hoffnungslosigkeit geprägt. Es gibt in unserem Land nicht mehr allzu viele Frauen, die „in guter Hoffnung“ sind und ein Kind zur Welt bringen. Denn das Ja zum Kind ist ein lebendiges Hoffnungszeichen für die menschliche Gesellschaft. Der so genannte wissenschaftliche Fortschritt auf vielen Gebieten könnte uns eigentlich Anlass zur Hoffnung sein, um den Menschen Erleichterung, Hilfe und Zukunft zu bringen. Und trotzdem ist unser gesellschaftliches Leben von Hoffnungslosigkeit, Überdruss, Lustlosigkeit und Fantasielosigkeit überlagert.

2. In meinem 25-jährigen bischöflichen Wirken in der Erzdiözese Köln, aber auch schon vorher neun Jahre in dem damals noch geteilten Berlin und davor fünf Jahre als Weihbischof in Erfurt, war es der Glaube, der mich nicht in die Hoffnungslosigkeit versinken ließ. Nicht nur in der Zeit des staatlich verordneten Atheismus der DDR war das Leben für Christen, namentlich für junge Christen, sehr schwer. Danach in einem weithin gelebten Materialismus voller Pluralität, verbunden mit einem praktischen Atheismus des Westens, war und ist es eigentlich für einen Christen nicht viel anders. In diesen Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Bischof begleitete mich bis heute das Gebet des seligen Kardinals John Henry Newman: „Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch – nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit, nie war sein Kommen deutlicher, nie seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen zwischen Sturm und Sturm in der Erdenzeit zu ihm beten: »O Gott, du kannst das Dunkel erleuchten, du kannst es allein«“. Dieser Glaube ist und bleibt der Ursprung der Hoffnung, die uns realistisch die Wirklichkeiten nüchtern erkennen lässt, aber auch die unbegrenzten Möglichkeiten, die darin enthalten sind.

Je größer der Glaube, desto intensiver die Hoffnung. Hoffnung ist nicht die billige Tugend der Optimisten, sondern sie ist die Grundkraft, die der menschlichen Seele zum Aufbruch verhilft und sie vor dem Scheitern bewahrt. Die große heilige Theresia drückt das in ihrem Gebet aus:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles geht vorüber,
nur Gott bleibt derselbe. Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt!“

„Wer Gott hat, der hat alles“, das ist die Wirklichkeit eines lebendigen Glaubens, der die Hoffnung zu einer unüberwindlichen Kraft der christlichen Wirklichkeit werden lässt.

Jeder von uns, der lebendig unsere Welt wahrnimmt, weiß, wie sehr wir Christen gerade heute die Hoffnung in Kirche und Welt nötig haben. Die Bitte: „Der die Hoffnung in uns stärke“ sollte unser Tagesgebet sein. Es ist zwar kurz, aber umso kräftiger. So gibt es keine hoffnungslosen Fälle und hoffnungslosen Angelegenheiten, wenn man die Wirklichkeit unter der Realität des Glaubens sieht. Die Quelle der Hoffnung ist der Glaube. Würden wir den Rhein von seinen Quellen trennen, dann brauchte es nur kurze Zeit, bis das Wasser abgelaufen ist, und es bliebe nur Schlick und Schlamm im Flussbett übrig. Der Rhein wäre dann nicht mehr die Lebensader unserer Region und unseres Erzbistums. Wenn wir die Hoffnung nicht mehr rückkoppeln an den Glauben, dann stirbt die Hoffnung. Sie gibt uns keine Impulse mehr zur christlichen Bewältigung unseres Lebens.

3. Die Hoffnung hat als Schubkraft den Glauben im Rücken, aber die Hoffnung hat vor sich – gleichsam als Anziehungskraft wie ein starker Magnet – die Liebe Gottes. Je stärker die Sehnsucht nach dieser Liebe, desto größer die Spannkraft der Hoffnung. Die Liebe Gottes zu mir und dann meine Liebe zu Christus und seiner Kirche waren und sind es, die meine Hoffnung nie erlahmen ließen und meine Fantasie neu beflügelten und meine Kräfte gestärkt haben, um das Evangelium Christi vorwärts zu bringen. Dafür bin ich zutiefst dankbar und hoffe, Ihnen hier im Erzbistum Köln wenigstens ein wenig davon mitgegeben zu haben.

Auch habe ich vielen Frauen und Männern in unserem Erzbistum zu danken, die mir in schwierigen Situationen schlicht ihr Gebet versprochen haben. Was ich oft in den Gemeinden bei Gottesdiensten am Schluss gesagt habe, wiederhole ich hier dankbar: „Petrus und damit die Bischöfe stehen unter dem Wort des Herrn: Du aber stärke deine Brüder und Schwestern! – Wer aber stärkt denn einen Bischof?“, war dann immer meine Frage; „auch Bischöfe sind schwache Menschen“. Ich wusste aus Erfahrung, dass der Glaube des Volkes Gottes und das Beten der Mitchristen den Bischof in seinem apostolischen Dienst stärken und ermutigen. Dafür habe ich allen Mitchristen in der Erzdiözese Köln herzlich zu danken.

Auch unseren Priestern, den Diakonen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Seelsorge und Caritas, in den Schulen und auch in der Verwaltung, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, gilt mein besonderer Dank. Ihnen musste ich oft neue Aufgabenstellungen abverlangen, die mir die Situation auferlegte. Sie haben meinen Anliegen entsprochen. Mit viel Sympathie denke ich auch an unsere Ordenschristen, die in großer Treue trotz weniger Schwestern und Brüder zu ihrer Berufung stehen. Die häufigen Begegnungen mit Jugendlichen bei Firmfeiern gaben mir Impulse, nicht der Resignation, sondern der Zuversicht im Herzen Raum zu geben. Regelrechte Feste der Hoffnung waren für mich immer die Fronleichnamsfeiern in Köln und die Gottesdienste im Dom. Feste des Glaubens und damit der Hoffnung und Liebe waren die Besuche in den Gemeinden, von denen ich buchstäblich gelebt habe. Ich denke gerade an meine Hoffnung im Hinblick auf geistliche Berufungen, die sich täglich in den Fürbitten der Heiligen Messe artikuliert und die in der großen „Rogamus-Gemeinschaft“ äußere Gestalt angenommen hat. Die Hoffnung, die inspiriert worden ist durch die Liebe zu Jesus Christus besonders in der Heiligen Eucharistie, habe ich noch im letzten Jahr in ergreifender Weise bei unserem Eucharistischen Kongress in Köln erleben dürfen, und sie stellt sich mir täglich in der immerwährenden eucharistischen Anbetung in der Kapelle des Maternushauses dar. Unsere Hoffnung muss verankert bleiben in der Kraft des lebendigen Glaubens hinter uns und in der Sehnsucht nach der Liebe Gottes vor uns, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (vgl. Röm 5,5). Dann bleibt die Hoffnung vital und bringt unser Leben und das Glaubensleben der Kirche in eine neue Dimension ihres Daseins.

Wie auch immer die Zeiten sein mögen, Christus ist der Herr aller Zeiten. Wer hofft, fürchtet sich nicht vor der Gegenwart und der Zukunft, und wer hofft, bewegt die Welt zum Positiven hin. Alle Welt bewundert

Papst Franziskus, der als Südamerikaner die Kirche und das Interesse an der Kirche so positiv vorwärts bewegt, nicht weil er resigniert nach dem Motto handeln würde: „Das haben wir alles schon versucht. Das haben wir schon alles getan. Das hat ja alles nichts genützt. Das war immer alles ohne Erfolg!“ – Nein! Als Mann der Hoffnung weiß er, dass Gott uns immer wieder Türen auftut, der doch selbst gesagt hat: „Klopft an, dann wird euch geöffnet“ (Mt 7,7). Der Papst probiert das, und wöchentlich ist der Petersplatz bei der Generalaudienz mit fast 100.000 Leuten gefüllt.

Hoffnungslosigkeit, Resignation, Traurigkeit und Trostlosigkeit dürften wir Christen wohl nur vom Hörensagen kennen. Uns ist die Hoffnung als die Grundkraft unseres Lebens gegeben. Und sie bleibt vital, wenn sie im Glauben verankert und auf die Liebe hin orientiert ist. Aller guten Dinge sind drei: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ihnen durfte ich als Erzbischof von Köln ein Vierteljahrhundert dienen. Ich wollte Ihnen immer und überall die Freude an Gott bezeugen und vermitteln, weil sie ja die Stärke unserer Hoffnung ist. Ich danke Ihnen nochmals herzlich für alle Stärkung, die ich dabei gefunden habe, und bitte alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war. Der Herr möge alles ergänzen, was bruchstückhaft in meinem Dienst geblieben ist. Ich bleibe – so Gott will – bis zur Stunde meines Todes in eurer Mitte und werde wohl jetzt mehr Zeit haben, um für euch alle zu beten und eure Sorgen und Hoffnungen durch mein Gebet dem Herzen Gottes entgegenzuhalten.

Es segne euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2014

Euer
Joachim Kardinal Meisner

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Quelle

Das Aschenkreuz als Zeichen des Heils: Predigt von Kardinal Kurt Koch zum Aschermittwoch

Eine Kreuzdarstellung vom Meister von Sankt Lorenz in Köln Foto: Paul Badde / EWTN

Von CNA Deutsch/EWTN News

In der Kirche am Campo Santo Teutonico im Vatikan hat der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch am heutigen Aschermittwoch-Abend zum Auftakt der Fastenzeit gepredigt.

CNA Deutsch dokumentiert den Wortlaut mit freundlicher Genehmigung.

Am Beginn und am Ende eines Gebetes und eines Gottesdienstes machen wir das Zeichen des Kreuzes und sprechen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir zeichnen das Kreuz über uns und lassen uns in den Segen des Dreifaltigen Gottes hinein nehmen. Wir zeichnen das Kreuz über andere Menschen, indem wir ihnen den Segen Gottes zusprechen und damit das Herzensanliegen verbinden, dass sie nicht mehr aus dem Lebensraum dieses Segens fortgehen mögen. Das Kreuzzeichen ist die eigentliche Segensgebärde des Christen und seine grundlegende Gebetsgebärde überhaupt, und das Kreuzzeichen ist das elementarste Glaubensbekenntnis, ein leiblich ausgedrücktes Bekenntnis unseres Glaubens an den Dreifaltigen Gott.

Das Kreuz als Ausdruck und Siegel der Liebe

Eine besondere Bedeutung hat das Zeichen des Kreuzes, das wir am Aschermittwoch mit Asche auf das Haupt zeichnen. Wir eröffnen damit die Österliche Busszeit und bringen zum Ausdruck, dass diese Zeit besonders unter dem Zeichen des Kreuzes steht. Wir sagen damit ein sichtbares und öffentliches Ja zu Jesus Christus, der Mensch geworden ist und für unsere Sünden am Kreuz gelitten hat. Denn Gottes Wille besteht darin, dass wir uns mit Gott versöhnen, wie dies Paulus in der heutigen Lesung von Christus bekennt: „Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit würden“ (2 Kor 5, 21). Um uns Menschen mit Gott zu versöhnen, hat Gott einen sehr hohen Preis bezahlt, nämlich das Blut seines eingeborenen Sohnes. Am Kreuz Jesu wird sichtbar, dass Gottes Liebe keine Grenzen kennt, dass er uns Menschen bis zum Ende liebt und diese Liebe teuer bezahlt hat.

Wie aber gehen Liebe und Kreuz zusammen? Für viele Menschen und selbst Christen heute gehen diese beiden Wirklichkeiten gerade nicht zusammen, sondern werden als strikter Gegensatz wahrgenommen. Eine tragfähige Antwort auf diese brennende Frage kommt uns nur zu, wenn wir genauer danach fragen, worin denn Liebe besteht, und dabei wahrnehmen, dass es Liebe gar nicht ohne Opfer geben kann. Denn Liebe als Hingabe seiner selbst an den Anderen und deshalb als Hingabe des eigenen Lebens gegenüber einem Anderen, ist Opfer. Diese Wahrheit zeigt sich am deutlichsten am Kreuz Jesu. Es offenbart uns die Logik seiner radikalen Liebe zu uns Menschen und zeigt uns, dass der Gute Hirte selbst dann nicht von seiner barmherzigen Suche nach dem Verlorenen ablässt, wenn die bösen Mächte in den Menschen entbrennen und den Guten Hirten selbst treffen. Der Kreuzestod Jesu offenbart uns das konsequente Handeln eines grenzenlos liebenden Guten Hirten, der uns Menschen bis in die tiefsten Abgründe und verborgenen Katakomben eines durch-Kreuz-ten Lebens nahe sein will, um uns mit seiner Liebe zu erlösen. Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes oder, wie Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über die christliche Liebe sagt, „Liebe in ihrer radikalsten Form“[1]. Denn das Kreuz ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, sondern selbst einen hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert hat.

Um die Tiefe dieser grenzenlosen Liebe erahnen zu können, haben die Kirchenväter im Opfertod Jesu am Kreuz die endgültige Erfüllung der Opferung Isaaks durch Abraham erblickt. Wiewohl Abraham bereit gewesen ist, den eigenen Sohn hinzugeben und damit Gott seine grösste Liebe zu opfern, hat Gott Isaak verschont und sich mit dem Widder begnügt, der sich im Gestrüpp verfangen hat und den Abraham anstelle seines Sohnes Gott dargebracht hat. Während der alttestamentliche Isaak nicht sterben musste, sondern durch einen Widder ersetzt wurde, hat der neue Isaak, nämlich Jesus Christus, sein Leben selbst ohne jeden Ersatz dahingegeben, wie Origenes sensibel bemerkt hat: „In wunderbarer Weise wetteifert Gott in der Freigebigkeit mit den Menschen: Abraham hat Gott einen sterblichen Sohn geopfert, ohne dass dieser sterben musste; Gott hat den unsterblichen Sohn dem Tod überliefert für die Menschen.“[2] Und Maximus der Bekenner war deshalb überzeugt, dass Christus „sozusagen göttlich gestorben ist, weil er freiwillig gestorben ist“[3]. Das wahre und neue Opfer Jesu Christi konnte nicht mehr wie im Tempel in der Übergabe von Tieren bestehen, sondern nur in der Selbsthingabe des Sohnes an seinen Vater für uns Menschen. Indem der Gute Hirte selbst Lamm geworden ist, um auf die Seite der bedrängten Lämmer zu treten, hat Jesus den alttestamentlichen Kult von Tieropfern überwunden, und an seine Stelle ist der neue Kult getreten, den Christus am Kreuz seinem Vater dargebracht hat und der im Sich-Selbst-Geben besteht. In diesem neuen Kult gibt es keinen Ersatz durch Tieropfer mehr, sondern nur Einsatz des eigenen Lebens.

Zeichen des Todes – Zeichen des Lebens

Diesen neuen Kult hat Christus für uns Menschen dargebracht. Wird diese Botschaft der Liebe aber nicht Lügen gestraft, wenn am Aschermittwoch das Kreuzzeichen mit Asche gemacht wird und der Priester dazu spricht: „Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst“? Mit diesen Worten werden wir zu den Anfängen der Menschheitsgeschichte zurückgeführt, als nach dem Sündenfall Gott zu Adam gesprochen hat: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden, von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“ (Gen 3, 19). Damit werden wir an unsere Verletzlichkeit, Gebrechlichkeit, Hinfälligkeit und damit an unseren bevorstehenden Tod erinnert, der die letzte Konsequenz unserer conditio humana ist. Staub und Asche sind Zeichen des Sterbens und des Todes.

Das Zeichen des Aschenkreuzes erinnert uns unmissverständlich daran, dass wir Menschen Staub sind und wieder zum Staub zurückkehren werden. Es ist gut, daran erinnert zu werden, zumal in einer Zeit, in der wir Menschen den Tod aus unserem Leben zu verdrängen pflegen und damit keineswegs dem Leben dienen. Denn wenn der Tod nicht mehr als zum Leben selbst gehörend betrachtet wird, gefährden wir nicht nur die Würde des Sterbens, sondern auch die Würde des Lebens. Die heutigen Diskussionen und Bestrebungen um die Straflosigkeit der Beihilfe zum Suizid zeigen uns, wohin es führt, wenn wir Menschen nur noch gesund sterben wollen.

Der Aschermittwoch fordert uns heraus, uns dem eigenen Tod zu stellen. Dies ist aber nur deshalb heilsam, weil der Aschermittwoch uns noch eine andere Botschaft bereithält. In der Liturgie dieses Tages wird die Asche nicht nur als Zeichen des Todes, sondern auch als Zeichen des Lebens gefeiert. Denn die Liturgie verkündet uns, dass selbst der menschliche Staub für Gott kostbar ist, weil Gott uns Menschen geschaffen und zum ewigen Leben bestimmt hat. Wie Jesus mit uns Menschen das Geschick der Verletzlichkeit und Sterblichkeit teilen wollte, aber am Kreuz seinen gewaltsamen Tod in einen Akt der Liebe verwandelt hat, der zum Weg hin zur Auferstehung geworden ist, so ist auch uns in der Taufe verheißen, dass wir wieder zum Staub zurückkehren, dass Gott aber diesen Staub ins ewige Leben hinein verwandeln wird. Der Aschermittwoch als Beginn der Österlichen Bußzeit lädt uns deshalb ein, dass wir in dieser Zeit das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi und unsere Teilnahme an diesem Geheimnis bedenken und unseren Glauben erneuern.

Der Weg zum ewigen Leben

Darauf weist auch der ursprüngliche Name der Österlichen Busszeit hin, nämlich Quadragesima. Er erinnert uns an die vierzig Tage des Fastens Jesu in der Wüste, die für ihn eine Zeit der Versuchung, aber auch eine Zeit der besonderen Nähe mit seinem himmlischen Vater gewesen ist. Auch wir Christen werden in dieser Zeit in die Wüste geschickt, um uns neu zu orientieren und den Weg auf Ostern, das Fest des ewigen Lebens neu zu gehen. Dies kann uns aber nur gelingen, wenn wir das Ziel klar vor Augen haben, zu dem uns Gott bestimmt hat, nämlich das ewige Leben, das im Kern darin besteht, dass wir Gott erkennen, wie der Johanneische Jesus dies uns nahebringt: „Dies ist das ewige Leben: dich, den einzigen und wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17, 3). Worin anders könnte denn das ewige Leben bestehen wenn nicht darin, Gott in seinem dreifaltigen Leben zu erkennen und in seiner Gegenwart ewig zu leben. Je mehr wir uns dieses Ziel vor Augen halten, desto mehr werden wir bereits im jetzigen Leben das ewige Leben erfahren, indem wir Gott erkennen und in seiner Gegenwart unser Leben gestalten.

Darin besteht der Anruf der Österlichen Bußzeit, der ein Ruf zur Umkehr ist, wie dies in der neueren Spendeformel bei der Austeilung des Aschenkreuzes zum Ausdruck gebracht wird: „Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Wie bereits Israel in seiner Spätzeit rückblickend die vierzig Jahre der Wüstenwanderung als die Zeit der ersten Liebe Gottes zu Israel und Israels zu Gott verstanden hat, so lädt uns die Österliche Bußzeit zwischen Aschermittwoch und Ostern ein, uns an die erste Liebe Gottes zu uns, die uns im Sakrament der Taufe geschenkt worden ist, zu erinnern und zu ihr umzukehren.

Die Österliche Bußzeit zeigt uns auch die Wege auf, die uns helfen, diesen Anruf zu befolgen. Es sind dieselben Wege, die Jesus im heutigen Evangelium seinen Jüngern empfiehlt und die zu den klassischen Wegweisungen in der Österlichen Bußzeit geworden sind, nämlich das Gebet, das Fasten und das Geben von Almosen. Jesus legt dabei einen besonderen Akzent darauf, dass diese Wegweisungen nicht nur äußerlich befolgt, sondern innerlich vollzogen werden. Nur so sind sie Wege zu Gott.

Damit wird der eigentliche Sinn der christlichen Askese, beziehungsweise des christlichen Training sichtbar. Sie bringt zum Ausdruck, dass das Leben des christlichen Glaubens kein leichter Weg ist, sondern Übung und Training braucht. Doch auf diesem Weg gelangen wir zu Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Indem wir uns zu ihm hin führen lassen, entdecken wir in frischer Weise, wie sehr Gott die Welt liebt und wie unendlich kostbar wir Menschen Gott sind. Davon legt auch die Asche Zeugnis ab, die uns heute auf den Kopf gestreut wird. Sie verheißt uns, dass wir zwar Staub sind und wieder zu Staub werden, dass aber selbst der Staub bei Gott aufgehoben ist und zum ewigen Leben verwandelt wird. In dieser frohen Gewissheit vollziehen wir diesen schönen und tiefen Ritus am Beginn der Österlichen Bußzeit und bekennen damit unseren Glauben an den lebendigen Gott und sein Geschenk des ewigen Lebens.

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[1]  Benedikt XVI., Deus caritas est. Nr. 12.

[2]  Origenes, Homilia in Genesim, 8.

[3]  Maximus Confessor, Ambigua 91, 1056.

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Quelle

Papst Benedikt XVI.: Zur Fastenzeit: „Der Glaube an die Liebe weckt Liebe“

BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.
ZUR FASTENZEIT 2013
 

 

Der Glaube an die Liebe weckt Liebe
„Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (
Joh 4,16)

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Fastenzeit gibt uns im Jahr des Glaubens die kostbare Gelegenheit, über die Beziehung zwischen Glaube und Nächstenliebe nachzudenken: zwischen dem Glauben an Gott, den Gott Jesu Christi, und der Liebe, der Frucht des Wirkens des Heiligen Geistes, die uns auf einem Weg der Hingabe an Gott und an unsere Mitmenschen leitet.

1. Der Glaube als Antwort auf die Liebe Gottes.

Schon in meiner ersten Enzyklika hatte ich einige Anhaltspunkte dargelegt, um auf die enge Verbindung zwischen diesen beiden theologalen Tugenden – zwischen dem Glauben und der Liebe – hinzuweisen. Ausgehend von der grundlegenden Aussage des Apostels Johannes: „Wir haben die Liebe erkannt, die Gott zu uns hat, und ihr geglaubt“ (1 Joh 4,16), erinnerte ich daran, daß „am Anfang des Christseins nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee steht, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt. […] Die Liebe ist nun dadurch, daß Gott uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,10), nicht mehr nur ein »Gebot«, sondern Antwort auf das Geschenk des Geliebtseins, mit dem Gott uns entgegengeht“ (Deus caritas est, 1). Der Glaube ist jene persönliche Zustimmung – die alle unsere Fähigkeiten einbezieht – zur Offenbarung der bedingungslosen und „leidenschaftlichen“ Liebe Gottes für uns, die sich voll und ganz in Jesus Christus zeigt. Der Glaube ist Begegnung mit Gott, der die Liebe ist, welche nicht nur das Herz einbindet, sondern auch den Verstand: „Die Erkenntnis des lebendigen Gottes ist Weg zur Liebe, und das Ja unseres Willens zu seinem Willen einigt Verstand, Wille und Gefühl zum ganzheitlichen Akt der Liebe. Dies ist freilich ein Vorgang, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist niemals »fertig« und vollendet” (ebd., 17). Hieraus ergibt sich für alle Christen und insbesondere für die Mitarbeiter karitativer Dienste die Notwendigkeit des Glaubens, jener „Begegnung mit Gott in Christus […], die in ihnen die Liebe weckt und ihnen das Herz für den Nächsten öffnet, so daß Nächstenliebe für sie nicht mehr ein sozusagen von außen auferlegtes Gebot ist, sondern Folge ihres Glaubens, der in der Liebe wirksam wird“ (ebd., 31a). Der Christ ist ein Mensch, der von der Liebe Christi ergriffen ist, und deshalb ist er, von dieser Liebe gedrängt – „caritas Christi urget nos” (2 Kor 5,14) –, auf tiefste und konkrete Weise für die Nächstenliebe offen (vgl. ebd., 33). Diese Haltung entspringt vor allem dem Bewußtsein, daß der Herr uns liebt, vergibt und sogar dient – er, der sich bückt, um die Füße der Jünger zu waschen und sich selbst am Kreuz hingibt, um die Menschheit in die Liebe Gottes hineinzuziehen.

„Der Glaube zeigt uns den Gott, der seinen Sohn für uns hingegeben hat, und gibt uns so die überwältigende Gewißheit, daß es wahr ist: Gott ist Liebe! […] Der Glaube, das Innewerden der Liebe Gottes, die sich im durchbohrten Herzen Jesu am Kreuz offenbart hat, erzeugt seinerseits die Liebe. Sie ist das Licht — letztlich das einzige –, das eine dunkle Welt immer wieder erhellt und uns den Mut zum Leben und zum Handeln gibt“ (ebd., 39). An all dem erkennen wir, daß die typische Grundhaltung der Christen eben diese „im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe“ ist (ebd., 7).

2. Die Nächstenliebe als Leben aus dem Glauben

Das gesamte christliche Leben ist ein Antworten auf die Liebe Gottes. Die erste Antwort ist, wie gesagt, der Glaube, der voll Staunen und Dankbarkeit die einzigartige göttliche Initiative annimmt, die uns vorausgeht und uns anspornt. Und das „Ja“ des Glaubens kennzeichnet den Beginn einer großartigen Geschichte der Freundschaft mit dem Herrn, die unser gesamtes Leben erfüllt und ihm vollen Sinn gibt. Gott genügt es aber nicht, daß wir seine bedingungslose Liebe annehmen. Er beschränkt sich nicht darauf, uns zu lieben, sondern will uns zu sich ziehen, uns so tiefgreifend verwandeln, daß wir mit dem heiligen Paulus sagen können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Wenn wir der Liebe Gottes Raum geben, so werden wir ihm ähnlich und seiner Nächstenliebe teilhaftig. Sich seiner Liebe zu öffnen bedeutet zuzulassen, daß er in uns lebt und uns dazu bringt, mit ihm, in ihm und wie er zu lieben; erst dann wird unser Glaube „in der Liebe wirksam“ (Gal 5,6) und wohnt Gott in uns (vgl. 1 Joh 4,12).

Glaube heißt die Wahrheit erkennen und ihr zustimmen (vgl. 1 Tim 2,4); Nächstenliebe bedeutet, den Pfad der Wahrheit zu beschreiten (vgl. Eph 4,15). Durch den Glauben entsteht unsere Freundschaft mit dem Herrn; durch die Nächstenliebe wird diese Freundschaft gelebt und gepflegt (vgl. Joh 15,14ff). Der Glaube läßt uns das Gebot unseres Herrn und Meisters annehmen; die Nächstenliebe schenkt uns die Glückseligkeit, danach zu handeln (vgl. Joh 13,13-17). Im Glauben werden wir als Kinder Gottes geboren (vgl. Joh 1,12ff); die Nächstenliebe läßt uns konkret in der Gotteskindschaft verweilen und die Frucht des Heiligen Geistes bringen (vgl. Gal 5,22). Der Glaube läßt uns die Gaben erkennen, die uns Gott in seiner Güte und Großzügigkeit anvertraut; die Nächstenliebe läßt sie Früchte tragen (vgl. Mt 25,14-30).

3. Die unauflösliche Verbindung zwischen Glaube und Nächstenliebe

Im Licht der vorangehenden Ausführungen wird deutlich, daß wir Glaube und Nächstenliebe niemals voneinander trennen oder gar in Widerspruch zueinander setzen können. Diese beiden theologalen Tugenden sind eng miteinander verbunden, und es wäre irreführend, zwischen ihnen einen Kontrast oder eine „Dialektik“ erkennen zu wollen. Denn einerseits ist die Haltung jener verengt, die auf den Vorrang und die entscheidende Bedeutung des Glaubens solchen Nachdruck legen, daß sie die konkreten Werke der Nächstenliebe unterbewerten, ja gleichsam gering schätzen und die Nächstenliebe auf einen unbestimmten Humanitarismus reduzieren. Andererseits ist es aber genauso verengt, eine übertriebene Vorrangstellung der Nächstenliebe und ihrer Werke zu verfechten in der Überzeugung, die Werke würden den Glauben ersetzen. Für ein gesundes geistliches Leben ist es notwendig, sowohl einen Fideismus als auch einen moralisierenden Aktivismus zu meiden.

Das christliche Leben besteht darin, den Berg der Begegnung mit Gott immer wieder hinaufzusteigen, um dann, bereichert durch die Liebe und die Kraft, die sie uns schenkt, wieder hinabzusteigen und unseren Brüdern und Schwestern mit der gleichen Liebe Gottes zu dienen. In der Heiligen Schrift sehen wir, daß der Eifer der Apostel für die Verkündigung des Evangeliums, die den Glauben weckt, eng mit der liebenden Sorge für den Dienst an den Armen verbunden ist (vgl. Apg 6,1-4). In der Kirche müssen Kontemplation und Aktion, die in gewisser Hinsicht durch die Gestalten der Schwestern Maria und Marta im Evangelium versinnbildlicht werden, miteinander bestehen und sich gegenseitig ergänzen (vgl. Lk 10,38-42). Die Beziehung zu Gott hat immer Vorrang, und das wahre Teilen gemäß dem Evangelium muß im Glauben verwurzelt sein (vgl. Katechese bei der Generalaudienz am 25. April 2012). Manchmal neigt man in der Tat dazu, den Begriff „Nächstenliebe“ auf die Solidarität oder die einfache humanitäre Hilfeleistung zu beschränken. Es gilt jedoch zu bedenken, daß das höchste Werk der Nächstenliebe gerade die Evangelisierung, also der „Dienst am Wort“ ist. Es gibt kein heilsameres und somit wohltätigeres Werk am Nächsten, als das Brot des Wortes Gottes mit ihm zu brechen, ihn an der Frohen Botschaft des Evangeliums teilhaben zu lassen, ihn in die Beziehung zu Gott einzuführen: Die Evangelisierung ist die höchste und umfassendste Förderung des Menschen. Wie der Diener Gottes Papst Paul VI. in der Enzyklika Populorum progressio schreibt, ist die Verkündigung Christi der erste und hauptsächliche Entwicklungsfaktor (vgl. Nr. 16). Es ist die ursprüngliche, die gelebte und verkündete Wahrheit der Liebe Gottes zu uns, die unser Leben für die Aufnahme dieser Liebe öffnet und die volle Entfaltung der Menschheit und jedes einzelnen ermöglicht (vgl. Enzyklika Caritas in veritate, Nr. 8).

Im wesentlichen geht alles von der Liebe aus, und alles strebt zur Liebe hin. Die bedingungslose Liebe Gottes hat sich uns durch die Verkündigung des Evangeliums kundgetan. Wenn wir das Evangelium glaubend annehmen, so erhalten wir jene erste und unerläßliche Verbindung zum Göttlichen, die bewirken kann, daß wir uns „in die Liebe verlieben“, um dann in dieser Liebe zu leben und zu wachsen und sie mit Freude an unsere Mitmenschen weiterzugeben. Was das Verhältnis zwischen Glaube und Werken der Nächstenliebe betrifft, so finden wir im Brief des heiligen Paulus an die Epheser eine Aussage, die ihre wechselseitige Beziehung vielleicht am besten zusammenfaßt: „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt –, nicht aufgrund eurer Werke, damit keiner sich rühmen kann. Seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus dazu geschaffen, in unserem Leben die guten Werke zu tun, die Gott für uns im voraus bereitet hat“ (2,8-10). Hier wird deutlich, daß alle heilbringende Initiative von Gott ausgeht, von seiner Gnade, von seiner im Glauben angenommenen Vergebung. Diese Initiative schränkt jedoch in keiner Weise unsere Freiheit und unsere Verantwortung ein, sondern macht sie erst authentisch und richtet sie auf die Werke der Nächstenliebe aus. Letztere sind nicht etwa die Früchte vorwiegend menschlicher Bemühungen, derer man sich rühmen kann; sie entstehen vielmehr aus dem Glauben selbst, sie entspringen der Gnade, die Gott in Fülle schenkt. Ein Glaube ohne Werke ist wie ein Baum, der keine Früchte trägt: Diese beiden  Tugenden bedingen sich gegenseitig. Die Fastenzeit fordert uns mit den traditionellen Weisungen für ein christliches Leben genau dazu auf, unseren Glauben dadurch zu stärken, daß wir aufmerksamer und beständiger auf das Wort Gottes hören und an den Sakramenten teilnehmen, und gleichzeitig in der Nächstenliebe, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu wachsen, auch durch die konkrete Übung des Fastens, der Buße und des Almosengebens.

4. Vorrang des Glaubens, Primat der Liebe

Wie alle Gaben Gottes, so verweisen auch Glaube und Liebe auf das Wirken des einen Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 13), jenes Geistes, der in uns „Abba, Vater!“ ruft (Gal 4,6), der uns sagen läßt: „Jesus ist der Herr!“ (1 Kor 12,3) und „Marána tha“ (1 Kor 16,22; Offb 22,20). Der Glaube – Gabe und Antwort – offenbart uns die Wahrheit Christi als menschgewordene und gekreuzigte Liebe, uneingeschränkte und vollkommene Erfüllung des väterlichen Willens und unendliche göttliche Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten; der Glaube verankert in Herz und Geist die unerschütterliche Überzeugung, daß eben diese Liebe die einzige Wirklichkeit ist, die über das Böse und den Tod siegt. Der Glaube fordert uns auf, mit der Tugend der Hoffnung nach vorne zu blicken in der zuversichtlichen Erwartung, daß der Sieg der Liebe Christi zu seiner Vollendung gelangt. Die Nächstenliebe wiederum läßt uns in die in Christus sichtbar gewordene Liebe Gottes eintreten sowie persönlich und existenziell die volle und uneingeschränkte Selbsthingabe Christi an den Vater und an die Mitmenschen annehmen. Indem er die Liebe in uns ausgießt, läßt uns der Heilige Geist an der besonderen Hingabe Christi teilhaben: an seiner Hingabe als Sohn gegenüber Gott dem Vater und als Bruder gegenüber allen Menschen (vgl. Röm 5,5).

Die Beziehung zwischen diesen beiden Tugenden ist ähnlich jener zwischen zwei grundlegenden Sakramenten der Kirche: der Taufe und der Eucharistie. Die Taufe (sacramentum fidei) geht der Eucharistie (sacramentum caritatis) voraus, ist aber auf sie ausgerichtet, da sie die Fülle des christlichen Weges darstellt. Auf analoge Weise geht der Glaube der Liebe voraus, erweist sich aber erst als echt, wenn er von ihr gekrönt wird. Alles geht von der demütigen Annahme des Glaubens aus (das Wissen, von Gott geliebt zu sein), muß aber zur Wahrheit der Nächstenliebe gelangen (die Fähigkeit, Gott und den Nächsten zu lieben), die für alle Ewigkeit besteht als Vollendung aller Tugenden (vgl. 1 Kor 13,13).

Liebe Brüder und Schwestern, während der Fastenzeit bereiten wir uns darauf vor, das Ereignis des Kreuzes und der Auferstehung zu feiern, durch das die Liebe Gottes die Welt erlöst und die Geschichte erleuchtet hat. Möge diese kostbare Zeit euch allen Gelegenheit sein, den Glauben in Jesus Christus neu zu beleben, um in seinen Kreislauf der Liebe einzutreten – der Liebe zum Vater und zu jedem Menschen, dem wir in unserem Leben begegnen. Dafür wende ich mich im Gebet an Gott und erbitte zugleich für jeden von euch und für alle Gemeinschaften den Segen des Herrn!

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2012

BENEDICTUS PP. XVI

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Quelle

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS ZUR FASTENZEIT 2019

Papst Franziskus empfängt am 1. März 2017 während des Gottesdienstes zum Aschermittwoch in der Basilika Santa Sabina in Rom das Aschenkreuz.

«Die Schöpfung wartet sehnsüchtig
auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes
» (Röm 8, 19)

 

Liebe Brüder und Schwestern,

jedes Jahr schenkt Gott durch die Mutter Kirche seinen »Gläubigen die Gnade, das Osterfest in der Freude des Heiligen Geistes zu erwarten«. Er ruft uns »zur Feier der Geheimnisse, die in uns die Gnade der Kindschaft erneuern«, und führt uns »mit geläutertem Herzen […] zur Fülle des Lebens durch unseren Herrn Jesus Christus« (Präfation für die Fastenzeit I). Auf diese Weise können wir von einem Osterfest zum nächsten der Vollendung der Erlösung entgegengehen, die wir bereits durch das Paschamysterium Christi empfangen haben: »Denn auf Hoffnung hin sind wir gerettet« (Röm 8,24). Dieses Heilsgeheimnis, das in uns schon im irdischen Leben am Werk ist, ist ein dynamischer Prozess, der auch die Geschichte und die gesamte Schöpfung umfasst. Der heilige Paulus sagt sogar: »Die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes« (Röm 8,19). Vor diesem Hintergrund möchte ich ein paar Anstöße zum Nachdenken geben, die unseren Weg der Umkehr während der nächsten Fastenzeit begleiten sollen.

  1. Die Erlösung der Schöpfung

Als Höhepunkt des Kirchenjahres ruft uns die Feier des Ostertriduums vom Leiden, vom Tod und von der Auferstehung Christi jedes Mal dazu auf, die Vorbereitung darauf in dem Bewusstsein zu leben, dass unsere Gleichgestaltung mit Christus (vgl. Röm 8,29) ein unermessliches Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist.

Wenn der Mensch als Kind Gottes, als erlöste Person lebt, die sich vom Heiligen Geist leiten lässt (vgl. Röm 8,14) und das Gesetz Gottes – angefangen bei dem Gesetz, das schon in sein Herz und in die Natur eingeschrieben ist – zu erkennen und in die Praxis umzusetzen weiß, dann wird er auch der Schöpfung Gutes tun und an ihrer Erlösung mitwirken. Darum ist es der sehnliche Wunsch der Schöpfung – so sagt Paulus –, dass Gottes Söhne und Töchter offenbar werden, das heißt, dass diejenigen, die bereits die Gnade des Paschamysteriums Jesu empfangen haben, dessen Früchte in ihrer Fülle leben. Sie sind nämlich dazu bestimmt, ihre vollkommene Reife in der Erlösung des menschlichen Leibes selbst zu erlangen. Wenn die Liebe Christi das Leben der Heiligen – Geist, Seele und Leib – verwandelt, dann lobpreisen sie Gott. In ihrem Gebet, in der Betrachtung und Kunst beziehen sie dabei auch die Geschöpfe mit ein, wie es der „Sonnengesang“ des Franz von Assisi (vgl. Enzyklika Laudato si, 87) wunderbar zeigt. Doch in dieser Welt ist die durch die Erlösung geschaffene Harmonie noch immer und ständig von der negativen Kraft der Sünde und des Todes bedroht.

  1. Die zerstörerische Kraft der Sünde

Wenn wir nicht als Söhne und Töchter Gottes leben, ist unser Verhalten unserem Nächsten und den anderen Geschöpfen – aber auch uns selbst – gegenüber oft zerstörerisch, da wir mehr oder weniger bewusst davon ausgehen, von allem nach unserem Belieben Gebrauch machen zu können. Dann gewinnt die Unmäßigkeit die Oberhand und führt zu einer Lebensweise, die jene Grenzen verletzt, die zu respektieren unser Menschsein und die Natur von uns verlangen. Wir geben den ungezügelten Wünschen nach, die im Buch der Weisheit den Ungläubigen zugeschrieben werden beziehungsweise denen, die weder Gott zum Bezugspunkt ihres Handelns nehmen noch eine Hoffnung für die Zukunft haben (vgl. 2,1-11). Wenn wir uns nicht ständig nach dem Osterfest ausrichten und die Auferstehung als Ziel vor Augen halten, dann ist klar, dass sich am Ende die Logik des Alles-und-sofort und des Immer-mehr-habenWollens durchsetzt.

Die Ursache von allem Bösen ist, wie wir wissen, die Sünde. Seit ihrem ersten Auftreten unter den Menschen hat sie die Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit der Schöpfung, der wir vor allem durch unseren Leib verbunden sind, unterbrochen. Durch den Bruch der Gemeinschaft mit Gott wurde auch die Harmonie des Menschen mit der ihm zugedachten Umwelt gestört, sodass der Garten zu einer Wüste wurde (vgl. Gen 3,17-18). Es handelt sich dabei um jene Sünde, die den Menschen dazu führt, sich für den Gott der Schöpfung zu halten, sich als ihr absoluter Herrscher zu fühlen und sie nicht zu dem von Gott bestimmten Zweck zu nutzen, sondern nur im eigenen Interesse und auf Kosten der Geschöpfe und der Mitmenschen.

Wenn das Gesetz Gottes, das Gesetz der Liebe, aufgegeben wird, setzt sich das Gesetz des Stärkeren gegen den Schwächeren durch. Die Sünde, die im Herzen des Menschen wohnt (vgl. Mk 7,20-23) – sie drückt sich in der Begierde, im Verlangen nach unmäßigem Wohlstand, in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Wohl der anderen und häufig auch gegenüber dem eigenen Wohl aus –, führt zur Ausbeutung der Schöpfung, der Menschen und der Umwelt in einer unersättlichen Gier, für die jeder Wunsch zu einem Recht wird und die früher oder später auch den zerstören wird, der von ihr beherrscht wird.

  1. Die heilende Kraft von Reue und Vergebung

Daher ist es für die Schöpfung so dringend notwendig, dass die Söhne und Töchter Gottes, all jene, die „neue Schöpfung“ geworden sind, offenbar werden: »Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« (2 Kor 5,17). Durch ihr Offenbarwerden kann nämlich auch die Schöpfung selbst Ostern feiern“: sich dem neuen Himmel und der neuen Erde öffnen (vgl. Offb 21,1). Der Weg auf Ostern hin ruft uns eben dazu auf, unser christliches Angesicht und unser christliches Herz durch Reue, Umkehr und Vergebung zu erneuern, damit wir den ganzen Reichtum der Gnade des Paschamysteriums leben können.

Diese „Ungeduld“, diese Erwartung der Schöpfung wird erfüllt, wenn die Söhne und Töchter Gottes offenbar werden, das heißt, wenn die Christen und alle Menschen diese „Geburtswehen“ der Umkehr entschlossen auf sich nehmen. Die gesamte Schöpfung soll gemeinsam mit uns »von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm8,21). Die Fastenzeit ist sakramentales Zeichen dieser Umkehr. Sie ruft die Christen dazu auf, das Paschamysterium in ihrem persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Leben stärker und konkreter Gestalt werden zu lassen, insbesondere durch das Fasten, Beten und Almosengeben.

Fasten bedeutet zu lernen, unsere Haltung gegenüber den anderen und den Geschöpfen zu ändern: von der Versuchung, alles zu „verschlingen“, um unsere Begierde zu befriedigen, hin zu der Fähigkeit, aus Liebe zu leiden, welche die Leere unseres Herzens füllen kann. Beten, damit wir auf die Idiolatrie und die Selbstgenügsamkeit unseres Ichs verzichten lernen und eingestehen, dass wir des Herrn und seiner Barmherzigkeit bedürfen. Almosen geben, damit wir die Torheit hinter uns lassen, nur für uns zu leben und alles für uns anzuhäufen in der Illusion, uns so eine Zukunft zu sichern, die uns nicht gehört. So finden wir die Freude an dem Plan wieder, den Gott der Schöpfung und unserem Herzen eingeprägt hat: ihn, unsere Brüder und Schwestern und die gesamte Welt zu lieben und in dieser Liebe das wahre Glück zu finden.

Liebe Brüder und Schwestern, die „Fastenzeit“ des Sohnes Gottes war ein Eintreten in die Wüste der Schöpfung, um sie wieder zu dem Garten der Gemeinschaft mit Gott werden zu lassen, der sie vor dem Sündenfall war (vgl. Mk 1,12-13; Jes 51,3). In unserer Fastenzeit wollen wir den gleichen Weg noch einmal gehen, um auch der Schöpfung die Hoffnung Christi zu bringen, dass sie »von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden [soll] zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes« (Röm 8,21). Lassen wir diese günstige Zeit nicht nutzlos verstreichen! Bitten wir Gott um seine Hilfe, den Weg wahrer Umkehr einzuschlagen. Lassen wir den Egoismus, den auf uns selbst fixierten Blick hinter uns und wenden wir uns dem Ostern Jesu zu; unsere Brüder und Schwestern in Not sollen unsere Nächsten sein, mit denen wir unsere geistlichen und materiellen Güter teilen. So ziehen wir, wenn wir in unserem konkreten Leben den Sieg Christi über Sünde und Tod annehmen, seine verwandelnde Kraft auch auf die Schöpfung herab.

Aus dem Vatikan, am 4. Oktober 2018, dem Fest des heiligen Franz von Assisi

FRANZISKUS

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Quelle

„Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst“ 

„Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris“)

 

Diese Aussage beruht auf:

Genesis 2,7:

Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

 

Nun wollen wir doch einmal fragen:

Ist «der Mensch» wirklich (jemals) «Staub»?

Kehrt «der Mensch», wenn er stirbt, wirklich zum «Staub» zurück?

Die Antwort auf beide Fragen ist natürlich eindeutig NEIN!

Jeder Mensch beginnt sein Dasein ab dem Augenblick der «Empfängnis»; bei dieser erschafft GOTT seine SEELE, ohne die der Mensch in keinem Stadium, auch nicht dem frühesten, nicht leben kann. Der Mensch ist also zu keiner Zeit «Staub».

Und wenn er stirbt, kehrt «der Mensch», der bis zum Eintreten des Todes aus Leib und Seele besteht, als vom Körper getrennte Seele ewig weiterlebend zu ihrem Schöpfer zurück.

Nur der Körper, der Leib des Menschen also, kehrt durch die Verwesung «zum Staub zurück».

Eigentlich müsste darum die Aschermittwochs-Ermahnung an den das Aschen-Kreuz empfangenden Gläubigen (z.B.) lauten:

«Bedenke Mensch, dass dein Leib absterben muss und dass Du mit Deiner ewig fortlebenden Seele zu Deinem Schöpfer zurückkehren wirst.»

Angelus: „Wer mit Christus stirbt, wird mit ihm auferstehen“

Der Petersplatz beim Angelusgebet

Dass der Weg des Christen ein Weg der Hingabe und des Opfers ist – daran hat der Papst beim Angelusgebet auf dem Petersplatz erinnert. Am zweiten Fastensonntag rief der Papst die Gläubigen dazu auf, die Bereitschaft zum Kreuz im eigenen Alltag zu verankern.

Der Papst ging beim Angelus von der Transfiguration Jesu auf dem Berg Tabor aus, von der das Matthäusevangelium erzählt (Mt 17,1-9): dem Moment, als Jesus vor den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in verklärter Form und mit den Propheten Mose und Elija erscheint. Das lichtvolle Ereignis nehme den Sieg Jesu vorweg und verweise zugleich auf den Weg, den die Jünger zu gehen hätten, so der Papst:

„Der verklärte Jesus auf dem Berg Tabor wollte den Jüngern seine Herrlichkeit nicht zeigen, um zu verhindern, dass sie den Weg des Kreuzes gehen, sondern um ihnen zu zeigen, wohin dieser führt. Wer mit Christus stirbt, wird mit Christus wiederauferstehen. Und das Kreuz ist die Tür der Auferstehung. Wer mit ihm zusammen kämpft, wird mit ihm siegen. Das ist die Botschaft der Hoffnung, die Jesu Kreuz beinhaltet, sie appelliert an die Stärke unserer Existenz. Das christliche Kreuz ist kein Hausrat oder ein Ornament, sondern ein Verweis auf die Liebe, mit der sich Jesus geopfert hat, um die Menschheit vom Bösen und von der Sünde zu retten.“

Nicht als mächtiger und ruhmsüchtiger Herr habe sich Jesus gezeigt, sondern als „demütiger und unbewaffneter Diener“, erinnerte der Papst. Mit seiner Offenbarung auf dem Berg der Verklärung habe Jesus seine Jünger auch auf den „Skandal der Kreuzigung“ vorbereiten wollen, die kurze Zeit später stattfinden sollte. Franziskus rief an dieser Stelle die Gläubigen dazu auf, sich in der Fastenzeit mit Buße auf das Osterfest vorzubereiten:

„Betrachten wir in dieser Fastenzeit mit Hingabe das Bild des Kreuzes, Jesus am Kreuz: es ist ein Symbol des christlichen Glaubens, das Sinnbild Jesu, der für uns starb und wiederauferstand. Bemühen wir uns darum, dass das Kreuz die Etappen unserer Fastenzeit prägt, damit wir immer mehr die Schwere der Sünde und den Wert des Opfers verstehen, mit dem der Erlöser uns gerettet hat, uns alle.“

(rv 12.03.2017 pr)

Die Papstpredigt am Aschermittwoch

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Stationengottesdienst zum Aschermittwoch: Hier in Santa Sabina – RV

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes in der offiziellen Übersetzung

»Kehrt um zu mir von ganzem Herzen, […] kehrt um zum Herrn« (Joël 2,12.13): Das ist der Ruf, mit dem sich der Prophet Joël im Namen des Herrn an das Volk wendet. Keiner konnte sich ausgenommen fühlen: »Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säuglinge; […] Bräutigam […] und Braut« (V. 16). Das ganze gläubige Volk ist aufgerufen, sich auf den Weg zu machen und seinen Gott anzubeten, »denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld« (V. 13).

Auch wir wollen diesem Aufruf Gehör verschaffen; wir wollen zurückkehren zum erbarmungsvollen Herzen des Vaters. In dieser Gnadenzeit, die wir heute beginnen, richten wir wieder unseren Blick auf seine Barmherzigkeit. Die Fastenzeit ist ein Weg: Sie führt uns zum Sieg der Barmherzigkeit über alles, was uns zu erdrücken sucht oder was uns zu irgend einer Sache machen will, die nicht unserer Würde als Kinder Gottes entspricht. Die Fastenzeit ist die Straße von der Knechtschaft in die Freiheit, vom Leiden zur Freude, vom Tod zum Leben. Das Zeichen der Asche, mit dem wir uns auf den Weg machen, erinnert uns an unsere ursprüngliche Situation: Wir sind von der Erde genommen, wir sind Staub. Ja, aber Staub in den liebenden Händen Gottes, der seinen Lebensgeist über jeden von uns blies und dies auch weiter tun will. Er will fortfahren, uns diesen Lebensatem zu geben, der uns vor anderen Weisen des Atemholens bewahrt: der Beklemmung, die durch unsere Egoismen hervorgerufen wird; dem Um-Luft-Ringen, das durch kläglichen Ehrgeiz und stumme Teilnahmslosigkeit hervorgerufen wird; der Atemnot, die den Geist erstickt, den Horizont verengt, den Herzschlag einschlafen lässt. Der Lebensatem Gottes rettet uns vor dieser Luftnot, die unseren Glauben auslöscht, unsere Nächstenliebe erkalten lässt und unsere Hoffnung vernichtet. Die Fastenzeit leben heißt nach diesem Lebensatem lechzen, den unser Vater uns unaufhörlich im Schmutz unserer Geschichte darbietet.

Der Lebensatem Gottes befreit uns von jener Luftnot, die uns so oft nicht bewusst ist und die wir in unserer Gewohnheit sogar als „normal“ ansehen, auch wenn ihre Wirkungen zu spüren sind. Sie scheint uns „normal“, weil wir uns daran gewöhnt haben, Luft zu atmen, wo die Hoffnung dünn geworden ist; Luft, die von Traurigkeit und Resignation belastet ist; Luft, die voll Angst und Feindseligkeit stickig ist.

Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen. Nein zur Erstickung des Geistes wegen der Luftverschmutzung, die durch die Teilnahmslosigkeit verursacht wird oder durch die Nachlässigkeit, zu denken, dass das Leben des Anderen mich nichts angeht. Nein zur Erstickung des Geistes wegen jedes Versuchs, das Leben zu banalisieren, besonders bei denen, die am eigenen Fleisch die Last großer Oberflächlichkeit tragen. Die Fastenzeit will nein sagen zur giftigen Luftverschmutzung der leeren Worte und des sinnlosen Redens, der rüden und vorschnellen Kritik, der allzu simplen Rezepte, die die Vielschichtigkeit der Probleme der Menschen nicht zu erfassen vermögen, besonders derjenigen, die am meisten leiden. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen; nein zur Beklemmung durch ein Beten, das unser Gewissen ruhig stellt, und durch ein Almosengeben, das uns falsche Befriedigung schenkt; nein zur Atemnot durch ein Fasten, das uns das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen zur Erstickung, die von missverstandener Innerlichkeit herrührt, die ausschließt und zu Gott gelangen will, indem sie den Wunden Christi in den Wunden seiner Brüder und Schwestern ausweicht. Dies sind jene Formen von Spiritualität, die den Glauben zu einer Ghetto- und Ausschließungskultur machen.

Die Fastenzeit ist eine Zeit des Erinnerns. Sie ist die Zeit, nachzudenken und sich zu fragen: Was wäre mit uns, wenn Gott uns die Türen versperrt hätte? Was wäre mit uns ohne seine Barmherzigkeit, die nicht müde wird, uns zu verzeihen, und uns immer die Möglichkeit gibt, immer wieder neu anzufangen? Die Fastenzeit ist die Zeit, sich zu fragen: Wo wären wir ohne den Beistand so vieler stiller Gesichter, die uns auf tausendfache Weise die Hand hingestreckt und uns mit ganz konkreten Taten wieder Hoffnung geschenkt, uns geholfen haben, wieder neu anzufangen?

Die Fastenzeit ist die Zeit, um wieder durchzuatmen. Sie ist die Zeit, um das Herz dem Atem des Einzigen zu öffnen, der fähig ist, unseren Staub in Menschsein zu verwandeln. Es ist nicht die Zeit, um sich die Kleider zu zerreißen angesichts des Bösen, das uns umgibt; es geht vielmehr darum, in unserem Leben all dem Guten, das wir wirken können, Raum zu geben, indem wir uns dessen entledigen, was uns isoliert, uns verschließt und uns lähmt. Die Fastenzeit ist die Zeit des Mitfühlens, um mit dem Psalmisten zu sprechen: Herr, gib uns wieder die Freude deines Heils, rüste uns aus mit dem Geist der Großmut, damit wir mit unserem Leben dein Lob verkünden (vgl. Ps 51,14.17) und unser Staub – kraft deines Lebensatems – zu einem in dich „verliebten Staub“ wird.

(rv 01.03.2017 mg)

Fasten als Medikament gegen die Sünde

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Papst Franziskus bei der Aschermittwochs-Messe

Es gibt drei Medikamente, die den Menschen von der Sünde heilen: Gebet, Barmherzigkeit und Fasten. Darüber predigte Papst Franziskus während seiner Messe an Aschermittwoch. Zugegen waren auch einige hundert Missionare der Barmherzigkeit, die an diesem Mittwoch zu Beginn der Fastenzeit ausgesandt werden im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit.

Papst Franziskus baute seine Predigt zum Fastenbeginn auf Worte vom heiligen Paulus auf. „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). „Es liegt an uns, uns selber als Bedürftige der Barmherzigkeit anzuerkennen: das ist der erste Schritt auf dem christlichen Weg; es geht darum, durch die offene Tür, die Christus ist, hindurchzuschreiten, bis dorthin, wo er selbst, der Retter, auf uns wartet und uns auf diese Weise ein neues und freudiges Leben schenkt.“ Es könne aber auch einige Hindernisse geben, durch diese Türe zu schreiten.

Eines der Hindernisse sei die Scham. Diese sei aber ein gutes Zeichen, weil sie zeige, dass man sich vom Bösen trennen wolle. Die Scham sei auch eine Aufgabe der Missionare der Barmherzigkeit, die den Auftrag haben, Zeichen und Werkzeuge der Vergebung Gottes zu sein, betont Franziskus. „Liebe Brüder, seid Helfer als Türöffner der Herzen, damit die Scham überwunden wird und niemand vor dem Licht flieht. Mögen eure Hände segnen und die Brüder und Schwestern mit väterlicher Hingabe aufheben; damit durch euch der Blick und die Hände des Vaters auf seine Kinder wirken können und die Wunden geheilt werden!“

Das Geheimnis der Sünde sei, dass man sich von Gott, von den anderen und von sich selbst entfernt habe. Die Fastenzeit rufe dazu auf, umzukehren von ganzem Herzen. Aber genau das sei schwer anzuerkennen und auf Gott zu vertrauen. „Wie schwer ist es, die anderen zu lieben, statt Böses über sie zu denken; wie viel kostet es uns, Gutes zu tun, während wir stattdessen von den materiellen Dingen angezogen und verführt werden, die allerdings verschwinden und uns am Schluss noch arm da lassen. Neben dieser Geschichte der Sünde hat Jesus eine Geschichte des Heils gebracht. Das Evangelium, das die Fastenzeit eröffnet, lädt uns ein, Protagonisten zu sein, indem wir drei Gegenmittel anwenden, drei Medikamente, die uns von der Sünde heilen.“

Diese drei Medikamente seien das Gebet, die Barmherzigkeit und das Fasten. Das Gebet soll Ausdruck der Öffnung sein und die Distanz, die die Sünde geschaffen hat, verkürzen. Die Barmherzigkeit soll das Befremden gegenüber anderen überwinden und das Fasten soll befreien, erklärt Franziskus. „Und drittens ist es das Fasten, die Reue, um uns von den Abhängigkeiten zu befreien gegenüber dem, was passiert und so üben wir, noch sensibler und barmherziger zu sein. Es ist eine Einladung zur Bescheidenheit und zum Teilen: etwas wegzugeben von unserem Tisch und unseren Gütern, um das wahre Gute der Freiheit wiederzufinden.“

Die Fastenzeit soll eine Zeit der Beschneidung sein von Falschheit, Weltlichkeit und Gleichgültigkeit; eine Zeit der Reinigung des Herzens und des Lebens, um die christliche Identität wiederzufinden mit dem Blick Richtung Ostern. „Machen wir uns auf den Weg gemeinsam, als Kirche, indem wir die Asche annehmen und den Blick auf das Kreuz festhalten. Er, der uns liebt, lädt uns ein, mit Gott zu versöhnen und zu ihm zurückzukehren, um uns wiederzufinden.“

(rv 10.02.2016 pdy)


 

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Papst Franziskus bei seiner Aschermittwochs-Messe im Petersdom

Die Papstpredigt zur Aschermittwochsfeier

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes zur Aschermittwochsfeier im Petersdom in einer deutschen Arbeitsübersetzung.

Das Wort Gottes zu Beginn der Fastenzeit lädt die Kirche und jeden von uns in zweierlei Weise ein. Als erstes geht es um das, was uns der heilige Paulus sagt: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). Das ist nicht einfach ein guter väterlicher Rat und auch nicht nur ein Vorschlag; das ist eine wahrhaftige Bitte im Namen Christi: „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (ebd.) Weshalb gibt es diesen andächtigen und beherzten Aufruf? Weil Christus weiß, wie schwach und welche Sünder wir sind, er kennt die Schwächen unserer Herzen; er sieht die Wunden des Bösen, was wir getan und erlitten haben; er weiß, wie viel Vergebung wir brauchen, er weiß, dass wir uns geliebt fühlen wollen, um Gutes zu tun. Alleine sind wir nicht dazu imstande: deshalb sagt uns der Apostel nicht, dass wir etwas unternehmen sollten, sondern dass wir uns mit Gott versöhnen lassen sollen, damit er uns vergeben kann, damit wir zuversichtlich sind, weil „Gott größer als unser Herz ist“. Er besiegt die Sünde und hebt uns vom Elend auf, wenn wir uns ihm anvertrauen. Es liegt an uns, uns selber als Bedürftige der Barmherzigkeit anzuerkennen: das ist der erste Schritt auf dem christlichen Weg; es geht darum, durch das offene Tor, das Christus ist, hindurchzuschreiten, bis dorthin, wo er selbst, der Retter, auf uns wartet und uns auf diese Weise ein neues und erfreutes Leben schenkt.

Es kann da einige Hindernisse geben, die das Tor des Herzens wieder zuschließen könnten. So gibt es die Versuchung, die Türen zu verschließen, oder anders ausgedrückt, sich mit den eigenen Sünden zufrieden zu geben, kleinzureden, sich immer zu rechtfertigen, indem man denkt, dass man nicht schlimmer ist als die anderen. Auf diese Weise aber wird die Seele verschlossen bleiben und man bleibt drinnen gefangen, als ein Gefangener des Bösen. Ein weiteres Hindernis ist die Scham, die geheime Tür zum Herzen zu öffnen. Die Scham ist in Wirklichkeit ein gutes Zeichen, weil es uns zeigt, dass wir uns vom Bösen trennen wollen; doch darf sich dies nicht in Angst oder Schrecken verwandeln. Und es gibt noch eine dritte Gefahr und zwar jene der Entfernung von dem Tor: das passiert jedes Mal dann, wenn wir uns in unserem Elend verstecken, wenn wir ständig murren und die negativen Dingen miteinander verbinden, bis wir in den dunkelsten Keller der Seele hinunterkommen. Dann werden wir sogar mit der Traurigkeit vertraut, die wir gar nicht wollen, wir verlieren den Mut und werden schwächer gegenüber den Versuchungen. Das kommt davon, wenn wir mit uns alleine bleiben, uns verstecken und vom Licht fliehen; doch nur die Güte des Herrn kann uns befreien. Lassen wir uns also versöhnen, hören wir auf Jesus, der dem Müden und Unterdrückten sagt, „kommt zu mir“ (Mt 11,28). Bleib nicht in dir verschlossen, sondern geh zu ihm! Er ist unser Halt und Frieden.

In dieser Feier sind die Missionare der Barmherzigkeit anwesend, die den Auftrag erhalten, Zeichen und Werkzeuge der Vergebung Gottes zu sein. Liebe Brüder, seid Helfer als Türöffner der Herzen, damit die Scham überwunden wird und niemand vor dem Licht flüchtet. Mögen eure Hände segnen und die Brüder und Schwestern mit väterlicher Hingabe aufheben; damit durch euch der Blick und die Hände des Vater auf seine Kinder wirken können und die Wunden geheilt werden!

Es gibt noch eine zweite Einladung Gottes, der durch den Propheten Joel sagt: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen“ (2,12). Wenn wir zurückkehren, dann nur weil wir uns entfernt haben. Das ist das Geheimnis der Sünde: wir haben uns von Gott entfernt, von den anderen, von uns selber. Es ist schwer, dies anzuerkennen: wir sehen alle, wie schwer es ist, wirklich Vertrauen in Gott zu haben, uns ihm als Vater anzuvertrauen, ohne Angst. Wie schwer ist es, die anderen zu lieben, statt Böses über sie zu denken; wie viel kostet es uns, Gutes zu tun, während wir stattdessen von den materiellen Dingen angezogen und verführt werden, die allerdings verschwinden und uns am Schluss noch arm da lassen. Neben dieser Geschichte der Sünde hat Jesus eine Geschichte des Heils gebracht. Das Evangelium, das die Fastenzeit eröffnet, lädt uns ein, Protagonisten zu sein, indem wir drei Gegenmittel anwenden, drei Medikamente, die uns von der Sünde heilen (vgl. Mt 6,1-6. 16-18).

Als erstes ist es das Gebet, als Ausdruck der Öffnung und des Vertrauens im Herrn: es ist das persönliche Treffen mit ihm, um die Distanz, welche die Sünde geschaffen hat, zu verkürzen. Beten bedeutet zu sagen: „ich selber genüge nicht, ich brauche dich, du bist mein Leben und mein Heil“. Als zweites ist die Barmherzigkeit, die das Befremden gegenüber den anderen überwindet. Die wahre Liebe ist kein äußerlicher Akt, es geht nicht darum, wie ein Vater etwas zu geben, um das Gewissen zu beruhigen, sondern es geht darum, jenen Menschen zu akzeptieren, der von unserer Zeit, unserer Freundschaft und unserer Hilfe benötigt. Es ist, den Dienst zu erleben, indem die Versuchung der Selbstzufriedenheit überwunden wird. Und drittens ist es das Fasten, die Reue, um uns von den Abhängigkeiten zu befreien gegenüber dem, was passiert und so üben wir, noch sensibler und barmherziger zu sein. Es ist eine Einladung zur Bescheidenheit und zur Teilung: etwas wegzugeben von unserem Tisch und unseren Gütern, um das wahre Gute der Freiheit wiederzufinden.

„Kehrt um zu mir – sagt der Herr – von ganzem Herzen“: nicht nur mit einigen äußerlichen Gesten, sondern in unserem tiefsten Inneren. Denn Jesus ruft uns auf, das Gebet, die Barmherzigkeit und die Buße mit Kohärenz und Authentizität zu leben, indem wir die Heuchelei besiegen. Die Fastenzeit sei für uns alle eine Zeit der gütigen „Beschneidung“ der Falschheit, der Weltlichkeit, der Gleichgültigkeit: um nicht zu denken, dass alles gut geht, wenn es mir gut geht; um zu verstehen, dass es nicht darum geht, ob etwas gutgeheißen wird, Erfolg bringt oder Zustimmung, sondern es geht um die Reinigung des Herzens und des Lebens; um die christliche Identität wiederzufinden, also die Liebe, die benötigt wird, nicht den Egoismus, der nur ausnützt. Machen wir uns auf den Weg gemeinsam, als Kirche, indem wir die Asche annehmen und den Blick auf das Kreuz festhalten. Er, der uns liebt, lädt uns ein, mit Gott zu versöhnen und zu ihm zurückzukehren, um uns wiederzufinden.

(rv 10.02.2016 mg)


Volltext Generalaudienz

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Papst Franziskus bei der Generalaudienz

Radio Vatikan dokumentiert den Volltext der Papstaudienz in einer Arbeitsübersetzung.

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag und einen guten Weg durch die Fastenzeit!

Es ist schön und auch bedeutsam, dass wir diese Audienz gerade am Aschermittwoch haben. Wir beginnen nun den Weg durch die Fastenzeit, und heute wollen wir über die antike Institution des „Jubeljahres“ nachdenken, das in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Wir finden es insbesondere im Buch Levitikus, das es als Höhepunkt des religiösen und sozialen Lebens des israelischen Volkes darstellt.

Alle 50 Jahre, am Versöhnungstag (Lev 25,9), an dem die Barmherzigkeit des Herren für das gesamte Volk ausgerufen wurde, kündigte der Klang des Horns ein großes Befreiungsereignis an. Im Buch Levitikus lesen wir in der Tat: „Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren. […]In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren.“ (Lev 25, 10-13). Nach diesen Anweisungen konnte jemand, wenn er dazu gezwungen war, sein Land oder sein Haus zu verkaufen, im Jubeljahr wieder in den Besitz desselben kommen; und wenn jemand Schulden angehäuft hatte und sie nicht zurückzahlen konnte, und sich deshalb in den Dienst des Kreditgebers begeben musste, konnte er als freier Mann zu seiner Familie zurückkehren und all seinen Besitz wieder erlangen.

Es war eine Art von allgemeinem Ablass, mit dem man es allen ermöglichte, wieder in die ursprüngliche Situation zu versetzen, mit dem Erlass aller Schulden, der Rückerstattung der Erde, und der Möglichkeit, von Neuem die den Mitgliedern des Gottesvolkes eigene Freiheit zu erlangen. Ein „heiliges“ Volk, bei dem Vorschriften wie die des „Jubeljahres“ dafür erlassen wurden, um die Armut und Ungleichheit zu bekämpfen, indem jedem ein würdiges Leben und eine gleiche Verteilung des Landes, von dem man seinen Lebensunterhalt beziehen konnte, zu garantieren. Die zentrale Idee ist diejenige, dass die Erde ursprünglich Gott gehörte und den Menschen anvertraut ist (vgl. Gen 1,28-29). Deshalb kann sich niemand ihren exklusiven Besitz anmaßen, womit Situationen der Ungleichheit geschaffen werden. Das können wír heute wieder und wieder überdenken; jeder für sich in seinem Herzen denke, ob er zu viele Dinge hat. Warum sollten wir sie nicht denen überlassen, die zu wenig haben? Zehn Prozent, fünfzig Prozent… Ich sage: Möge der Heilige Geist jeden von euch inspirieren.

Mit dem Jubeljahr konnte derjenige, der verarmt war, wieder in den Besitz des Lebensnotwendigen gelangen, und derjenige, der sich bereichert hatte, gab dem Armen das zurück was er ihm genommen hatte. Das Ziel war eine Gesellschaft, die auf Gleichheit und Solidarität aufgebaut war, wo die Freiheit, das Land und das Geld ein Gut für alle und nicht nur für einige wenige seien, so wie es heute geschieht, wenn ich nicht irre… Mehr oder weniger, die Zahlen sind nicht genau, aber achtzig Prozent des Reichtums der Menschheit ist auf weniger als zwanzig Prozent verteilt. Es ist ein Jubeljahr – und ich sage das, indem ich an unsere Heilsgeschichte erinnere – für die Umkehr, damit unser Herz größer werde, großzügiger, mehr Sohn Gottes, mit mehr Liebe. Ich sage euch eins: Wenn dieses Jubeljahr nicht bis an die Taschen reicht, ist es kein wahres Jubeljahr. Habt ihr verstanden? Und das steht in der Bibel! Das erfindet nicht der Papst: das steht in der Bibel. Das Ziel, wie ich bereits gesagt habe, war eine Gesellschaft, die auf Gleichheit und Solidarität basierte, wo die Freiheit, das Land und das Geld ein Gut aller würden und nicht nur für einige wenige.

In der Tat hatte das Jubeljahr die Funktion, dem Volk dabei zu helfen, eine konkrete Brüderlichkeit zu leben, die aus gegenseitiger Hilfe besteht. Wir können sagen, dass das biblische Jubeljahr ein „Jubeljahr der Barmherzigkeit“ war, denn es wurde mit der ehrlichen Suche nach dem Wohl des bedürftigen Bruders verbracht.

Auf der gleichen Linie regelten andere Institutionen und andere Gesetze das Leben des Gottesvolkes, damit man die Barmherzigkeit Gottes durch das menschliche Leben erfahren konnte. In diesen Normen finden wir auch heute noch gültige Regeln, die uns nachdenken lassen. In der Tat sah das biblische Gesetz die Überweisung des „Zehnten“ vor, der den Leviten gewidmet war, die für die Kulthandlungen verantwortlich waren und keinen Landbesitz hatten, und auch den Armen, den Waisen, und den Witwen (vgl. Dt 14,22-29). Man sah also vor, dass der zehnte Teil der Ernte oder anderer Einkünfte denen gegeben würde, die ohne Schutz und bedürftig waren, und somit einer gewissen Gleichheit innerhalb eines Volkes Vorschub zu leisten, in dem alle sich wie Brüder benehmen mussten.

Es gab auch das Gesetz, das den ersten Ertrag betraf, also den ersten und wertvollsten Teil der Ernte, der mit den Leviten und den Fremden, die keine Felder besaßen, geteilt werden musste, so dass auch für sie die Erde Nahrungsquelle und Lebensspender sei (vgl Dt 18,4-5; 26,1-11). Das Land gehört mir und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir, sagt der Herr. (Lv 25,23). Wir sind alle Gäste des Herrn, in Erwartung der himmlischen Heimat. (vgl. Heb 11,13-16; 1Pt 2,11), und dazu aufgerufen, die Welt, die uns aufnimmt, bewohnbar und menschlich zu machen. Und wie viele „erste Erträge“ könnte derjenige, der mehr Glück hat, denjenigen stiften, die in Schwierigkeiten sind! Wie viele erste Erträge! Erste Erträge nicht nur der Feldarbeit, sondern auch die Erträge jeder anderen Arbeit, der Gehälter, der Ersparnisse, so vieler Dinge, die man besitzt und die manchmal verschwendet werden. Das passiert auch heute. Im Apostolischen Almosenamt kommen viele Briefe mit ein wenig Geld an: „Das ist ein Teil meines Gehaltes, um anderen zu helfen“. Und das ist schön, den anderen zu helfen, den Wohltätigkeitseinrichtungen, den Krankenhäusern und Altenheimen…; auch den Fremden zu geben, die nicht von hier stammen und auf der Durchreise sind. Jesus war in Ägypten auf der Durchreise.

Und gerade dieses im Sinn, fordert die Heilige Schrift mit Nachdruck dazu auf, großzügig auf die Anfrage nach Krediten zu antworten, ohne kleinliche Rechnungen aufzumachen und ohne unmögliche Zinsen zu verlangen: „Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.“ (Lv 25,35-37).

Diese Lehre ist stets aktuell. Wie viele Familien landen auf der Straße als Opfer des Wuchers! Beten wir, damit der Herr uns allen diese Lust aus dem Herzen nehme, stets mehr zu haben, den Wucher. Damit wir wieder großzügig werden. Wie viele Situationen müssen wir erleben, in denen Wucher betrieben wird, und wie viel Leiden und Sorgen bringen diese für die Familien mit sich! Und oft, in der Verzweiflung, enden so viele Menschen im Selbstmord, weil sie es nicht mehr schaffen und keine Hoffnung mehr hegen, sie haben keine Hand, die ihnen hilfreich hingestreckt wird. Nur die Hand, die sie die Zinsen zahlen lässt. Der Wucher ist eine schwere Sünde, die zu Gottes Angesicht schreit. Der Herr hat hingegen denen seinen Segen versprochen, die die Hand öffnen, um großzügig zu spenden. (vgl Dt 15,10). Er wird dir das Doppelte geben, vielleicht nicht an Geld, aber er wird dir stets das Doppelte geben.

Liebe Brüder und Schwestern, die biblische Botschaft ist sehr klar: sich mit Mut dem Teilen öffnen, und das ist Barmherzigkeit! Und wenn wir die Barmherzigkeit Gottes wollen, müssen wir selbst damit anfangen. Zwischen Mitbürgern, zwischen Familien, zwischen Völkern, zwischen Kontinenten, Dabei mithelfen, eine Erde ohne Arme zu schaffen, heißt, eine Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu schaffen, die auf der Solidarität aufbaut, die dazu führt, alles was man besitzt zu teilen, in einem Ausgleich der Ressourcen der auf Brüderlichkeit und Gerechtigkeit basiert.

(rv 10.02.2016 cs)

PAPST PAUL VI.: BOTSCHAFTEN FÜR DIE FASTENZEIT (1973 – 1978)

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BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1973

 

Liebe Söhne und Töchter!

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Selbstverleugnung und der Buße; sie ist aber auch eine Zeit, die vom Geist der Gemeinschaft und der Solidarität geprägt ist. Bedarf es noch anderer Worte, um die Bedeutung der Fastenzeit hervorzuheben? Hören wir die mahnenden Worte des Propheten Isaias, die in die Liturgie der Fastenzeit aufgenommen worden sind: „Ist dies nicht ein Fasten, wie ich es liebe: … dein Brot zu brechen dem Hungrigen und in dein Haus aufzunehmen elende Obdachlose? Wenn du einen Halbnackten siehst, so sollst du ihn kleiden und dich nicht entziehen deinem Blutsverwandten“ (Is 58,6.7; vgl. erste Lesung am Freitag nach Aschermittwoch). Diese Ermahnungen des Propheten geben gut die Sorge der heutigen Menschheit wieder. Jeder Einzelne nimmt inneren Anteil an den Leiden und dem Elend aller. Almosen geben und persönlicher Einsatz sollten jedoch nicht nur vereinzelte und vorübergehende Handlungen sein, sondern der Ausdruck brüderlicher Verbundenheit.

Unsere Zeit ist sich zutiefst der Notwendigkeit bewusst angesichts der Nöte, die die Menschheit bedrängen, eine gemeinsame Verantwortung zu übernehmen. Nur auf diese Weise können diese Übel erfolgreich behoben werden. Die Fastenzeit ruft die Gläubigen zur Wachsamkeit gegen jede Art der Verschwendung und ermahnt sie zu gemeinsamen Anstrengungen. Die Wiederherstellung aller Dinge in Christus ist mit dem Geist der Fastenzeit eng verbunden. Jesus selbst wird uns eines Tages den Wert jener Hilfe offenbaren, die wir einmal unseren Brüdern und Schwestern erwiesen haben: “Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; … nackt, und ihr habt mich bekleidet“ (Mt 25,35-36). Der Aufruf Christi in seinen Gliedern betrifft jeden Christen. Keiner kann sich dem dringenden Hilferuf seines göttlichen Bruders entziehen. Die Erfahrung zeigt, dass christliche Gemeinschaften, die sich selbst in größter Notlage befinden, nicht am wenigsten auch für die Not der anderen empfänglich sind. In der Tat, wir begegnen hier und jetzt in den Menschen um uns herum Christus selbst, der unsere Hilfe bedarf, und dieses kann uns nicht unbeteiligt lassen. Es ist gerade ein besonderes Merkmal unserer Zeit, dass sich die Menschen in umfassender Weise der vielen Nöte bewusst werden, die die Menschheit bedrängen. Mannigfache Hindernisse erschweren vielerorts noch die Förderung der Würde jedes einzelnen Menschen. Wir haben dem eingehenden Studium diese Problems mehrere Dokumente gewidmet. Unser heutiger Wunsch ist es jedoch, den Einsatz und die Aktionen, die sich unmittelbar um dessen Lösung bemühen, zu ermutigen.

In vielen Ländern ist die Fastenzeit Anlass für besondere kirchliche Initiativen. Die Kirche bittet jeden Einzelnen, einen materiellen Beitrag zur ganzheitlichen Entfaltung aller Menschen zu leisten. Die Beschaffung der für diese Förderung notwendigen Mittel ist eine wichtige Aufgabe, und wir hoffen, dass diesbezüglich die Anstrengungen im Geist echter Mitmenschlichkeit noch vergrößert werden. Beachtliche Geldsummen werden für verschiedene Programme und Vorhaben benötigt; der erforderliche Betrag kann nur dann aufgebracht werden, wenn jeder Einzelne seinen persönlichen Beitrag dazu leistet. Jeder ist aufgerufen, entsprechend seinen Möglichkeiten, zu spenden und sich hierbei ein wirkliches Opfer abzuverlangen.

Wenn die Kirche währen der Fastenzeit auf diese Nöte hinweist, so möchte sie dadurch auf deren religiösen Aspekt aufmerksam machen. Man kann geben, ohne wirklich mitzuteilen; sich an den Spenden beteiligen, ohne daran wirklich Anteil zu nehmen; sich der Dinge entäußern, ohne den Geist der Armut zu besitzen. Derjenige aber, der sich ein echtes Opfer abverlangt, der seinen Brüdern und Schwestern hochherzig zu helfen sucht und den ihm zugemessenen Teil vom Kreuze Christi trägt, wird dieser Gefahr nicht erliegen. Wenn die Fastenzeit vom Geist der Liebe des Evangeliums durchdrungen ist und zu tatkräftigen Hilfeleistungen führt, wird die erforderliche materielle Unterstützung gewährleistet sein. Vor allem wird die Fastenzeit die Brüderlichkeit, die Gerechtigkeit, das Glück und die Liebe vermehren und uns am Tag der Auferstehung des Herrn wirkliche Freude schenken.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1974

 

Liebe Söhne und Töchter!

Es ist ungefähr zehn Monate her, dass wir das Heilige Jahr angekündigt haben. „Erneuerung“ und „Versöhnung“ sind die Hauptthemen dieser Jubiläumsfeier: sie bringen die Hoffnungen zum Ausdruck, die wir in das Heilige Jahr setzen. Und doch werden sie sich, wie wir schon einmal gesagt haben, nicht erfüllen, wenn sich nicht in uns ein gewisser „Bruch“ vollzieht (vgl. Ansprache vom 9. Mai 1973).

Wir sind nun in der Fastenzeit angelangt, der Zeit, die in besonderer Weise für unsere innere Erneuerung in Christus und unsere Versöhnung mit Gott und mit unserem Nachbarn bestimmt ist. Während der Fastenzeit nehmen wir dadurch, dass wir mit der Sünde, der Ungerechtigkeit und Eigensucht brechen, zuinnerst teil am Tode und der Auferstehung Christi.

Wir möchten daher heute auf einen „Bruch“ besonders zu sprechen kommen, den der Geist der Fastenzeit von uns fordert, nämlich den Bruch d.h. die Befreiung von einer allzu selbstsüchtigen Anhänglichkeit an unsere irdischen Güter, seien sie so reichlich vorhanden wie beim reichen Zachäus (vgl. Lk 19,8) oder nur spärlich wie im Fall der armen Witwe, die von Jesus gepriesen wird (vgl. Mk 12,43). In der anschaulichen Sprache seiner Zeit rief der hl. Basilius in einer seiner Predigten den Reichen zu: „Das Brot, dessen du nicht bedarfst, ist das Brot des Hungernden; das Kleid, das in deinem Schrank hängt, ist das Kleid dessen, der nackt ist; die Schuhe, die du nicht trägst, sind die Schuhe dessen, der nackt ist; das Geld, das du verschlossen aufbewahrst, ist das Geld des Armen; die Liebestaten, die du nicht verrichtest, sind ebensoviel Ungerechtigkeiten, die du begehst“ (Predigt VI In LC, XII, 18; PGXXXI, col. 275).

Worte wie diese veranlassen uns zum Nachdenken zu einer Zeit, da Hass und Konflikte durch die Ungerechtigkeiten derer verursacht werden, die Schätze anhäufen, während andere nichts besitzen, durch jene, die die Sorge um den eigenen Morgen dem Heute ihres Nachbarn vorziehen, um derjenigen, die aus Unwissenheit oder Eigensucht sich weigern, von ihrem Überfluss denen mitzuteilen, denen das Lebensnotwendigste fehlt (vgl. Mater et Magistra).

Wie könnten wir nicht an dieser Stelle an die Erneuerung und Versöhnung erinnern, die durch die Fülle unseres einen eucharistischen Mahles gefordert und uns zugesichert sind? Wenn wir zusammen am Leib des Herrn teilnehmen, müssen wir aufrichtig wünschen, dass keinem das Notwendigste fehlt, auch wenn dies mit persönlichen Opfern verbunden ist. andernfalls würden wir der Kirche, dem Mystischen Leib Christi, dessen Glieder wir sind, zur Schande gereichen. Indem der hl. Paulus die Korinther davor warnt, ruft er auch uns zur Wachsamkeit gegenüber der Gefahr eines solchen tadelnswerten Verhaltens auf (vgl. 1 Kor 11,17 ff.).

Wir würden uns gegen diese Einmütigkeit versündigen, wenn wir heute Millionen unserer Brüder und Schwestern das verweigern würden, was sie für ihre menschliche Entfaltung notwendig brauchen. Immer eindringlicher ermahnen in dieser Fastenzeit die Kirche und ihre karitativen Einrichtungen die Christen, diese gewaltige Aufgabe nach Kräften zu unterstützen. Das Heilige Jahr predigen bedeutet, jene innere und freudige Selbstentäußerung zu predigen, die uns wieder in das rechte Verhältnis zu uns selbst und zur Menschheitsfamilie, so wie Gott sie haben möchte, zurückversetzt. Dies ist die Weise, wie die jetzige Fastenzeit zu dem Unterpfand himmlischer Vergeltung schon in diesem Leben jenen hundertfältigen Lohn vermitteln kann, den Christus denen verheißen hat, die mit offenem Herzen geben.

Wir möchten, dass Ihr in diesem unseren Aufruf ein zweifaches Echo vernehmt: das Echo der Stimme des Herrn, die zu Euch spricht und ermahnt, und das Echo des Seufzens der Menschheit, das Euch unter Tränen um Hilfe anfleht. Wir alle, Bischöfe, Priester, Ordensleute, Laien, Jung und Alt, wir alle sind als Einzelne und als Gemeinschaft aufgerufen, zu diesem Werk des Teilens in selbstloser Liebe unseren Beitrag zu leisten, denn es ist ein Gebot des Herrn.

Von Herzen erteilen wir einem jeden von Euch unseren Apostolischen Segen: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1975

 

Liebe Söhne und Töchter!

„Arme habt ihr allezeit bei euch“ (Jo 12,8). Diese Worte, die Christus an die Apostel richtet, haben einen tiefen Sinn. Es klingt beinahe, als ob die Bemühungen der christlichen Liebe und der menschlichen Gerechtigkeit immer zum Scheitern verurteilt wären. Und scheint ein allgemeiner Überblick über unsere Zeit dies nicht zu bestätigen? Obwohl wir alle Mittel zur Bekämpfung der Armut in Händen zu haben scheinen, hören wir dennoch weiterhin von Kriegen, von Hungersnöten und Unglücken. Für den Christen aber bedeutet die Tatsache, dass solche Situationen sich immer wiederholen keineswegs, dass sie unvermeidbar sind. Der Christ versteht die Worte Jesu vielmehr in dem Sinn, dass keiner seiner Jünger es ignorieren darf, dass er sich selbst mit den Armen identifiziert. Bis zum Ende der Zeiten sind die Armen „mit“ Christus. Sie sind seine Partner, seine Gefährten, seine Brüder und Schwestern. Der Christ muss, gerade weil er ein Christ ist, seinen Platz neben dem Hilflosen einnehmen. Er muss von dem Seinigen nehmen, um ihnen in ihren unmittelbaren Nöten zu helfen. Er muss sich selbst zur Hilfe anbieten, auf vielfältige Weise, um eine bessere Welt, eine gerechtere Welt aufzubauen.

Die Fastenzeit ist eine geeignete Zeit für diese Übung der Selbstverleugnung, weil sie die Christen daran erinnert, wer sie sind. Sie ruft sie zur Wachsamkeit auf gegen die Selbstzufriedenheit eines behaglichen Lebens und gegen die Versuchung, im Überfluss zu leben. In diesem Heiligen Jahr, das der Versöhnung geweiht ist, ist jeder einzelne aufgerufen zu dem, was Versöhnung besagt: innerhalb der menschlichen Familie zu geben und zu teilen. Wenn jeder einzelne seine Brüder und Schwestern an seinem eigenen Leben teilnehmen lässt, wenn er ihnen mehr als von seinem Überfluss auch von seinem lebensnotwendigen Besitz mitteilt, dann wird er viele Hindernisse, die der Versöhnung im Wege stehen, überwinden und durch tatsächliche Selbstverleugnung zur Erneuerung gelangen.

Dieses Jubeljahr verlangt von uns ein Zeugnis vollständiger Solidarität mit jenen, mit denen Christus sich selbst in besonderer Weise identifizierte. Es wird einer der überzeugendsten Beweise sein, den wir unseren Brüdern und Schwestern geben können, dass dieses Jahr für die ganze Menschheit ein „heiliges“ ist.

Das ist in der Tat der Wunsch, den wir Euch heute zu Beginn der Fastenzeit vortragen: eine echte Solidarität, eine effektive Solidarität mit den Armen Christi. Darum bitten wir Euch im Namen Jesu Christi. Mit großer Liebe für Euch alle, liebe Brüder und Schwestern in der weiten Welt, segnen wir Euch: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1976

 

Liebe Söhne und Töchter!

Während wir noch ganz erfüllt sind vom Geiste und den Gnaden des Heiligen Jahres, steht vor uns die liturgische Feier der Fastenzeit. Das ist jetzt die besondere Zeit der geistlichen Vertiefung, in der jeder aufgefordert wird, sich bezüglich seines Betens und Handelns zu prüfen.

Machen wir ernst mit unserer Vorbereitung, um mit der Kirche die Geheimnisse Christi mitzuerleben, der für sie und alle Menschen leidet, gestorben und auferstanden ist.

Das ist der Grund, liebe Söhne und Töchter, dass „wir euch bitten, die Gnade Gottes nicht vergeblich zu empfangen“ (2 Kor 6,1). Gott ist Liebe und Gabe seiner selbst, und wir wiederholen an Euch die Empfehlung, die wir als eine der Schlussfolgerungen des heiligen Jahres ausgesprochen haben: „…Liebet eure Mitbrüder! Liebet die Menschen, die eurer Liebe und eures Dienstes bedürfen (vgl. 1 Jo 4,19-21). Das soll die brüderliche und zwischenmenschliche Liebe sein, die wiederbelebt und vervielfältigt wird in den guten Werken; jene Liebe, die nicht nur ein Zeugnis für unsere treue Bejahung des Heiligen Jahres sein wird, sondern ebenso sehr dessen Fruchtbarkeit und Aktualität selbst für die kommenden Jahre aufzeigen wird …“ (Ansprache des Heiligen Vaters in der Generalaudienz vom 17. Dez. 1975: L’Osservatore Romano 18. Dez. 1975)

Um zur Verwirklichung der Gerechtigkeit beizutragen und Zeugen zu sein für das Evangelium der Liebe, teilt Euren Besitz mit denen, die Euch umgeben: der wahre Arme entdeckt immer den, der sogar noch ärmer ist als er selber. Und helft hochherzig gegenseitig innerhalb der einzelnen Kirchen, indem ihr dem Aufruf folge leistet, der, wie jedes Jahr, durch Eure Teilkirchen an Euch gelangen wird, um jenen zu helfen, die fern von Euch durch Hunger und Blöße zu leiden haben.

Dann werdet Ihr, geläutert und innerlich aufgeschlossen, bereit sein, in das österliche Leben einzutreten, in ein Leben im Geiste des auferstandenen Herrn.

In dieser Hoffnung segnen wir euch, geliebte Söhne und Töchter, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1977

 

Liebe Söhne und Töchter!

Wiederum ist Fastenzeit! Schenkt uns einen Augenblick Gehör! Die Fastenzeit, die „Zeit der Gnade“, wie die Liturgie sie nennt, ist in besonderer Weise dazu geeignet, uns auf eine würdige Feier des Ostergeheimnisses vorzubereiten. Es ist gewiss eine ernste Zeit, aber sie ist zugleich fruchtbar und birgt in sich bereits ein neues Erwachen, gleichsam einen geistlichen Frühling. Wir müssen unser Gewissen aufrütteln. Wir müssen in uns das Pflichtgefühl und das Verlangen danach neu beleben, den Forderungen eines echt christlichen Lebens auch im konkreten Alltag zu entsprechen.

Bald sind es zehn Jahre her, seit wir unsere Enzyklika „Populorum Progressio“ über den Fortschritt der Völker veröffentlicht haben. Sie war gleichsam ein „Notschrei im Namen des Herrn“, den wir an die christlichen Gemeinschaften und an alle Menschen guten Willens gerichtet haben. Heute, am Beginn der Fastenzeit, möchten wir diesen feierlichen Aufruf erneut wiederholen. Wir, als oberster Hirt, werden nämlich weiterhin in unserem Herzen erschüttert, wenn wir die ungeheure Menge der Menschen sehen, die bei allen Völkern auf der Welt verwundet an Leib und Seele, ihrer Menschenwürde beraubt, ohne Brot, ohne Stimme, schutzlos und allein ihrer Not preisgegeben am Wegrand liegenlassen werden.

Wir haben in der Tat Schwierigkeiten, das, was wir besitzen, mit anderen zu teilen, um dadurch mitzuhelfen, dass die Ungleichheiten in einer ungerecht gewordenen Welt beseitigt werden. Doch ist die bloße Verkündigung der Prinzipien nicht ausreichend. Aus diesem Grund ist es notwendig und heilsam, uns daran zu erinnern, dass wir nur die Verwalter der Gaben Gottes sind und dass „die Buße der vierzigtägigen Fastenzeit nicht bloß eine innere und individuelle Übung, sondern auch eine äußere und soziale sein soll“ (Konstitution über die hl. Liturgie, Nr. 110).

Geht auf den armen Lazarus zu, der Hunger und Not leidet. Werdet sein Nächster, auf dass er in Eurem Blick Christus selbst erkennt, der ihn aufnimmt, und in Euren Händen jene des Herrn, der seine Gaben austeilt. Antwortet ebenso hochherzig auch auf die Aufrufe, die in Euren Ortskirchen an Euch gerichtet werden, damit den Ärmsten geholfen werde und auch die bedürftigsten Völker am Fortschritt Anteil erhalten.

Wir rufen Euch die Worte unseres Herrn in Erinnerung, die der hl. Apostel Paulus als kostbares Erbe bewahrt hat und die uns zur Hilfe der Notleidenden ermutigen: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35). Wir ermahnen Euch, liebe Söhne und Töchter, in diesem Sinn Eure Herzen zu läutern, um die kommende Feier des Ostergeheimnisses würdig zu begehen und der Welt die Frohbotschaft des Heiles zu verkünden. Dazu segnen wir Euch im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1978

 

Liebe Söhne und Töchter!

Wieder stehen wir vor der Fastenzeit mit ihren drängenden Forderungen an uns! Als eine Zeit, die uns enger mit Christus verbindet, führt die Fastenzeit uns auf dem Weg über Ihn auch untereinander stärker zusammen. Die Fastenzeit ist eine Zeit der Gemeinschaft und lädt uns darum auch zu gegenseitigem Helfen und Teilen ein.

Noch heute beeindruckt uns, wie die Apostelgeschichte das Leben der Gemeinschaft in der Urkirche beschreibt. „Alle, die gläubig geworden waren, hielten zusammen und hatten alles gemeinsam“ (Apg 2,44). Dies war nicht ein künstliches Mittel, das man erdacht hätte, um den Zusammenhalt der jungen Gemeinde von Jerusalem zu festigen; es war vielmehr der Ausdruck jener „ein Herz und eine Seele zu sein“ (Apg 4,32), das jedes Tun der Gläubigen prägte und sie so im Herzen Jesu selbst einte.

Die Apostelgeschichte weist uns auf eine sehr deutliche Konsequenz dieser Einmütigkeit hin, wenn sie davon spricht, wie es immer wieder zu einem Teilen der Güter kam, je nach den Bedürfnissen der Einzelnen. So haben die ersten Christen spontan nach dem Grundsatz gehandelt, dass die Güter dieser Welt vom Schöpfer zur Erfüllung der Bedürfnisse aller ohne Ausnahme bestimmt sind. Das christliche Teilen verwirklicht diese naturgegebene Verpflichtung, die aber für uns durch die Kraft der Liebe noch drängender wird.

Die Bereitschaft zum Teilen ist also eine grundlegende christliche Haltung. In den vielfältigen Initiativen der Nächstenliebe, angefangen vom Almosen über die Hilfe des Einzelnen bis zum kollektiven Einsatz zur Förderung der materiell benachteiligten Völker, erfährt der Christ die Freude am Teilen, an der gemeinsamen Nutzung von Gütern, die Gott uns so freigiebig zur Verfügung gestellt hat. Man hat gesagt, dass es eine Kunst sei zu geben und eine Kunst zu empfangen; die Christen haben für beides nur einen Ausdruck: das brüderliche Teilen. Die gegenwärtige Fastenzeit soll uns dazu bewegen, dieses Teilen als Zeichen unserer Einheit mit allen Menschen zu praktizieren; alle sind ja dazu berufen, am Geheimnis des Kreuzes und der Auferstehung Christi teilzuhaben.

Zu Beginn dieser bedeutungsvollen Zeit richten wir uns also an jeden Gläubigen aus der weiten Gemeinschaft der katholischen Kirche mit den Worten des hl. Paulus an die ersten Christen: „Jeder soll … etwas zurücklegen und so sparen, was er kann“ (1 Kor 16,2), um dadurch im Geiste der Buße und der Liebe zur gemeinsamen Kollekte beizutragen. Und alle, die bereit sind, in dieser Weise ihren Besitz mit ihren Brüdern, denen das Lebensnotwendige fehlt, zu teilen, segnen wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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Quelle