Angelus: „Wer mit Christus stirbt, wird mit ihm auferstehen“

Der Petersplatz beim Angelusgebet

Dass der Weg des Christen ein Weg der Hingabe und des Opfers ist – daran hat der Papst beim Angelusgebet auf dem Petersplatz erinnert. Am zweiten Fastensonntag rief der Papst die Gläubigen dazu auf, die Bereitschaft zum Kreuz im eigenen Alltag zu verankern.

Der Papst ging beim Angelus von der Transfiguration Jesu auf dem Berg Tabor aus, von der das Matthäusevangelium erzählt (Mt 17,1-9): dem Moment, als Jesus vor den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes in verklärter Form und mit den Propheten Mose und Elija erscheint. Das lichtvolle Ereignis nehme den Sieg Jesu vorweg und verweise zugleich auf den Weg, den die Jünger zu gehen hätten, so der Papst:

„Der verklärte Jesus auf dem Berg Tabor wollte den Jüngern seine Herrlichkeit nicht zeigen, um zu verhindern, dass sie den Weg des Kreuzes gehen, sondern um ihnen zu zeigen, wohin dieser führt. Wer mit Christus stirbt, wird mit Christus wiederauferstehen. Und das Kreuz ist die Tür der Auferstehung. Wer mit ihm zusammen kämpft, wird mit ihm siegen. Das ist die Botschaft der Hoffnung, die Jesu Kreuz beinhaltet, sie appelliert an die Stärke unserer Existenz. Das christliche Kreuz ist kein Hausrat oder ein Ornament, sondern ein Verweis auf die Liebe, mit der sich Jesus geopfert hat, um die Menschheit vom Bösen und von der Sünde zu retten.“

Nicht als mächtiger und ruhmsüchtiger Herr habe sich Jesus gezeigt, sondern als „demütiger und unbewaffneter Diener“, erinnerte der Papst. Mit seiner Offenbarung auf dem Berg der Verklärung habe Jesus seine Jünger auch auf den „Skandal der Kreuzigung“ vorbereiten wollen, die kurze Zeit später stattfinden sollte. Franziskus rief an dieser Stelle die Gläubigen dazu auf, sich in der Fastenzeit mit Buße auf das Osterfest vorzubereiten:

„Betrachten wir in dieser Fastenzeit mit Hingabe das Bild des Kreuzes, Jesus am Kreuz: es ist ein Symbol des christlichen Glaubens, das Sinnbild Jesu, der für uns starb und wiederauferstand. Bemühen wir uns darum, dass das Kreuz die Etappen unserer Fastenzeit prägt, damit wir immer mehr die Schwere der Sünde und den Wert des Opfers verstehen, mit dem der Erlöser uns gerettet hat, uns alle.“

(rv 12.03.2017 pr)

Die Papstpredigt am Aschermittwoch

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Stationengottesdienst zum Aschermittwoch: Hier in Santa Sabina – RV

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes in der offiziellen Übersetzung

»Kehrt um zu mir von ganzem Herzen, […] kehrt um zum Herrn« (Joël 2,12.13): Das ist der Ruf, mit dem sich der Prophet Joël im Namen des Herrn an das Volk wendet. Keiner konnte sich ausgenommen fühlen: »Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säuglinge; […] Bräutigam […] und Braut« (V. 16). Das ganze gläubige Volk ist aufgerufen, sich auf den Weg zu machen und seinen Gott anzubeten, »denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld« (V. 13).

Auch wir wollen diesem Aufruf Gehör verschaffen; wir wollen zurückkehren zum erbarmungsvollen Herzen des Vaters. In dieser Gnadenzeit, die wir heute beginnen, richten wir wieder unseren Blick auf seine Barmherzigkeit. Die Fastenzeit ist ein Weg: Sie führt uns zum Sieg der Barmherzigkeit über alles, was uns zu erdrücken sucht oder was uns zu irgend einer Sache machen will, die nicht unserer Würde als Kinder Gottes entspricht. Die Fastenzeit ist die Straße von der Knechtschaft in die Freiheit, vom Leiden zur Freude, vom Tod zum Leben. Das Zeichen der Asche, mit dem wir uns auf den Weg machen, erinnert uns an unsere ursprüngliche Situation: Wir sind von der Erde genommen, wir sind Staub. Ja, aber Staub in den liebenden Händen Gottes, der seinen Lebensgeist über jeden von uns blies und dies auch weiter tun will. Er will fortfahren, uns diesen Lebensatem zu geben, der uns vor anderen Weisen des Atemholens bewahrt: der Beklemmung, die durch unsere Egoismen hervorgerufen wird; dem Um-Luft-Ringen, das durch kläglichen Ehrgeiz und stumme Teilnahmslosigkeit hervorgerufen wird; der Atemnot, die den Geist erstickt, den Horizont verengt, den Herzschlag einschlafen lässt. Der Lebensatem Gottes rettet uns vor dieser Luftnot, die unseren Glauben auslöscht, unsere Nächstenliebe erkalten lässt und unsere Hoffnung vernichtet. Die Fastenzeit leben heißt nach diesem Lebensatem lechzen, den unser Vater uns unaufhörlich im Schmutz unserer Geschichte darbietet.

Der Lebensatem Gottes befreit uns von jener Luftnot, die uns so oft nicht bewusst ist und die wir in unserer Gewohnheit sogar als „normal“ ansehen, auch wenn ihre Wirkungen zu spüren sind. Sie scheint uns „normal“, weil wir uns daran gewöhnt haben, Luft zu atmen, wo die Hoffnung dünn geworden ist; Luft, die von Traurigkeit und Resignation belastet ist; Luft, die voll Angst und Feindseligkeit stickig ist.

Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen. Nein zur Erstickung des Geistes wegen der Luftverschmutzung, die durch die Teilnahmslosigkeit verursacht wird oder durch die Nachlässigkeit, zu denken, dass das Leben des Anderen mich nichts angeht. Nein zur Erstickung des Geistes wegen jedes Versuchs, das Leben zu banalisieren, besonders bei denen, die am eigenen Fleisch die Last großer Oberflächlichkeit tragen. Die Fastenzeit will nein sagen zur giftigen Luftverschmutzung der leeren Worte und des sinnlosen Redens, der rüden und vorschnellen Kritik, der allzu simplen Rezepte, die die Vielschichtigkeit der Probleme der Menschen nicht zu erfassen vermögen, besonders derjenigen, die am meisten leiden. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen; nein zur Beklemmung durch ein Beten, das unser Gewissen ruhig stellt, und durch ein Almosengeben, das uns falsche Befriedigung schenkt; nein zur Atemnot durch ein Fasten, das uns das Gefühl gibt, dass alles in Ordnung ist. Die Fastenzeit ist die Zeit, nein zu sagen zur Erstickung, die von missverstandener Innerlichkeit herrührt, die ausschließt und zu Gott gelangen will, indem sie den Wunden Christi in den Wunden seiner Brüder und Schwestern ausweicht. Dies sind jene Formen von Spiritualität, die den Glauben zu einer Ghetto- und Ausschließungskultur machen.

Die Fastenzeit ist eine Zeit des Erinnerns. Sie ist die Zeit, nachzudenken und sich zu fragen: Was wäre mit uns, wenn Gott uns die Türen versperrt hätte? Was wäre mit uns ohne seine Barmherzigkeit, die nicht müde wird, uns zu verzeihen, und uns immer die Möglichkeit gibt, immer wieder neu anzufangen? Die Fastenzeit ist die Zeit, sich zu fragen: Wo wären wir ohne den Beistand so vieler stiller Gesichter, die uns auf tausendfache Weise die Hand hingestreckt und uns mit ganz konkreten Taten wieder Hoffnung geschenkt, uns geholfen haben, wieder neu anzufangen?

Die Fastenzeit ist die Zeit, um wieder durchzuatmen. Sie ist die Zeit, um das Herz dem Atem des Einzigen zu öffnen, der fähig ist, unseren Staub in Menschsein zu verwandeln. Es ist nicht die Zeit, um sich die Kleider zu zerreißen angesichts des Bösen, das uns umgibt; es geht vielmehr darum, in unserem Leben all dem Guten, das wir wirken können, Raum zu geben, indem wir uns dessen entledigen, was uns isoliert, uns verschließt und uns lähmt. Die Fastenzeit ist die Zeit des Mitfühlens, um mit dem Psalmisten zu sprechen: Herr, gib uns wieder die Freude deines Heils, rüste uns aus mit dem Geist der Großmut, damit wir mit unserem Leben dein Lob verkünden (vgl. Ps 51,14.17) und unser Staub – kraft deines Lebensatems – zu einem in dich „verliebten Staub“ wird.

(rv 01.03.2017 mg)

Fasten als Medikament gegen die Sünde

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Papst Franziskus bei der Aschermittwochs-Messe

Es gibt drei Medikamente, die den Menschen von der Sünde heilen: Gebet, Barmherzigkeit und Fasten. Darüber predigte Papst Franziskus während seiner Messe an Aschermittwoch. Zugegen waren auch einige hundert Missionare der Barmherzigkeit, die an diesem Mittwoch zu Beginn der Fastenzeit ausgesandt werden im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit.

Papst Franziskus baute seine Predigt zum Fastenbeginn auf Worte vom heiligen Paulus auf. „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). „Es liegt an uns, uns selber als Bedürftige der Barmherzigkeit anzuerkennen: das ist der erste Schritt auf dem christlichen Weg; es geht darum, durch die offene Tür, die Christus ist, hindurchzuschreiten, bis dorthin, wo er selbst, der Retter, auf uns wartet und uns auf diese Weise ein neues und freudiges Leben schenkt.“ Es könne aber auch einige Hindernisse geben, durch diese Türe zu schreiten.

Eines der Hindernisse sei die Scham. Diese sei aber ein gutes Zeichen, weil sie zeige, dass man sich vom Bösen trennen wolle. Die Scham sei auch eine Aufgabe der Missionare der Barmherzigkeit, die den Auftrag haben, Zeichen und Werkzeuge der Vergebung Gottes zu sein, betont Franziskus. „Liebe Brüder, seid Helfer als Türöffner der Herzen, damit die Scham überwunden wird und niemand vor dem Licht flieht. Mögen eure Hände segnen und die Brüder und Schwestern mit väterlicher Hingabe aufheben; damit durch euch der Blick und die Hände des Vaters auf seine Kinder wirken können und die Wunden geheilt werden!“

Das Geheimnis der Sünde sei, dass man sich von Gott, von den anderen und von sich selbst entfernt habe. Die Fastenzeit rufe dazu auf, umzukehren von ganzem Herzen. Aber genau das sei schwer anzuerkennen und auf Gott zu vertrauen. „Wie schwer ist es, die anderen zu lieben, statt Böses über sie zu denken; wie viel kostet es uns, Gutes zu tun, während wir stattdessen von den materiellen Dingen angezogen und verführt werden, die allerdings verschwinden und uns am Schluss noch arm da lassen. Neben dieser Geschichte der Sünde hat Jesus eine Geschichte des Heils gebracht. Das Evangelium, das die Fastenzeit eröffnet, lädt uns ein, Protagonisten zu sein, indem wir drei Gegenmittel anwenden, drei Medikamente, die uns von der Sünde heilen.“

Diese drei Medikamente seien das Gebet, die Barmherzigkeit und das Fasten. Das Gebet soll Ausdruck der Öffnung sein und die Distanz, die die Sünde geschaffen hat, verkürzen. Die Barmherzigkeit soll das Befremden gegenüber anderen überwinden und das Fasten soll befreien, erklärt Franziskus. „Und drittens ist es das Fasten, die Reue, um uns von den Abhängigkeiten zu befreien gegenüber dem, was passiert und so üben wir, noch sensibler und barmherziger zu sein. Es ist eine Einladung zur Bescheidenheit und zum Teilen: etwas wegzugeben von unserem Tisch und unseren Gütern, um das wahre Gute der Freiheit wiederzufinden.“

Die Fastenzeit soll eine Zeit der Beschneidung sein von Falschheit, Weltlichkeit und Gleichgültigkeit; eine Zeit der Reinigung des Herzens und des Lebens, um die christliche Identität wiederzufinden mit dem Blick Richtung Ostern. „Machen wir uns auf den Weg gemeinsam, als Kirche, indem wir die Asche annehmen und den Blick auf das Kreuz festhalten. Er, der uns liebt, lädt uns ein, mit Gott zu versöhnen und zu ihm zurückzukehren, um uns wiederzufinden.“

(rv 10.02.2016 pdy)


 

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Papst Franziskus bei seiner Aschermittwochs-Messe im Petersdom

Die Papstpredigt zur Aschermittwochsfeier

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes zur Aschermittwochsfeier im Petersdom in einer deutschen Arbeitsübersetzung.

Das Wort Gottes zu Beginn der Fastenzeit lädt die Kirche und jeden von uns in zweierlei Weise ein. Als erstes geht es um das, was uns der heilige Paulus sagt: „Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2 Kor 5,20). Das ist nicht einfach ein guter väterlicher Rat und auch nicht nur ein Vorschlag; das ist eine wahrhaftige Bitte im Namen Christi: „Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (ebd.) Weshalb gibt es diesen andächtigen und beherzten Aufruf? Weil Christus weiß, wie schwach und welche Sünder wir sind, er kennt die Schwächen unserer Herzen; er sieht die Wunden des Bösen, was wir getan und erlitten haben; er weiß, wie viel Vergebung wir brauchen, er weiß, dass wir uns geliebt fühlen wollen, um Gutes zu tun. Alleine sind wir nicht dazu imstande: deshalb sagt uns der Apostel nicht, dass wir etwas unternehmen sollten, sondern dass wir uns mit Gott versöhnen lassen sollen, damit er uns vergeben kann, damit wir zuversichtlich sind, weil „Gott größer als unser Herz ist“. Er besiegt die Sünde und hebt uns vom Elend auf, wenn wir uns ihm anvertrauen. Es liegt an uns, uns selber als Bedürftige der Barmherzigkeit anzuerkennen: das ist der erste Schritt auf dem christlichen Weg; es geht darum, durch das offene Tor, das Christus ist, hindurchzuschreiten, bis dorthin, wo er selbst, der Retter, auf uns wartet und uns auf diese Weise ein neues und erfreutes Leben schenkt.

Es kann da einige Hindernisse geben, die das Tor des Herzens wieder zuschließen könnten. So gibt es die Versuchung, die Türen zu verschließen, oder anders ausgedrückt, sich mit den eigenen Sünden zufrieden zu geben, kleinzureden, sich immer zu rechtfertigen, indem man denkt, dass man nicht schlimmer ist als die anderen. Auf diese Weise aber wird die Seele verschlossen bleiben und man bleibt drinnen gefangen, als ein Gefangener des Bösen. Ein weiteres Hindernis ist die Scham, die geheime Tür zum Herzen zu öffnen. Die Scham ist in Wirklichkeit ein gutes Zeichen, weil es uns zeigt, dass wir uns vom Bösen trennen wollen; doch darf sich dies nicht in Angst oder Schrecken verwandeln. Und es gibt noch eine dritte Gefahr und zwar jene der Entfernung von dem Tor: das passiert jedes Mal dann, wenn wir uns in unserem Elend verstecken, wenn wir ständig murren und die negativen Dingen miteinander verbinden, bis wir in den dunkelsten Keller der Seele hinunterkommen. Dann werden wir sogar mit der Traurigkeit vertraut, die wir gar nicht wollen, wir verlieren den Mut und werden schwächer gegenüber den Versuchungen. Das kommt davon, wenn wir mit uns alleine bleiben, uns verstecken und vom Licht fliehen; doch nur die Güte des Herrn kann uns befreien. Lassen wir uns also versöhnen, hören wir auf Jesus, der dem Müden und Unterdrückten sagt, „kommt zu mir“ (Mt 11,28). Bleib nicht in dir verschlossen, sondern geh zu ihm! Er ist unser Halt und Frieden.

In dieser Feier sind die Missionare der Barmherzigkeit anwesend, die den Auftrag erhalten, Zeichen und Werkzeuge der Vergebung Gottes zu sein. Liebe Brüder, seid Helfer als Türöffner der Herzen, damit die Scham überwunden wird und niemand vor dem Licht flüchtet. Mögen eure Hände segnen und die Brüder und Schwestern mit väterlicher Hingabe aufheben; damit durch euch der Blick und die Hände des Vater auf seine Kinder wirken können und die Wunden geheilt werden!

Es gibt noch eine zweite Einladung Gottes, der durch den Propheten Joel sagt: „Kehrt um zu mir von ganzem Herzen“ (2,12). Wenn wir zurückkehren, dann nur weil wir uns entfernt haben. Das ist das Geheimnis der Sünde: wir haben uns von Gott entfernt, von den anderen, von uns selber. Es ist schwer, dies anzuerkennen: wir sehen alle, wie schwer es ist, wirklich Vertrauen in Gott zu haben, uns ihm als Vater anzuvertrauen, ohne Angst. Wie schwer ist es, die anderen zu lieben, statt Böses über sie zu denken; wie viel kostet es uns, Gutes zu tun, während wir stattdessen von den materiellen Dingen angezogen und verführt werden, die allerdings verschwinden und uns am Schluss noch arm da lassen. Neben dieser Geschichte der Sünde hat Jesus eine Geschichte des Heils gebracht. Das Evangelium, das die Fastenzeit eröffnet, lädt uns ein, Protagonisten zu sein, indem wir drei Gegenmittel anwenden, drei Medikamente, die uns von der Sünde heilen (vgl. Mt 6,1-6. 16-18).

Als erstes ist es das Gebet, als Ausdruck der Öffnung und des Vertrauens im Herrn: es ist das persönliche Treffen mit ihm, um die Distanz, welche die Sünde geschaffen hat, zu verkürzen. Beten bedeutet zu sagen: „ich selber genüge nicht, ich brauche dich, du bist mein Leben und mein Heil“. Als zweites ist die Barmherzigkeit, die das Befremden gegenüber den anderen überwindet. Die wahre Liebe ist kein äußerlicher Akt, es geht nicht darum, wie ein Vater etwas zu geben, um das Gewissen zu beruhigen, sondern es geht darum, jenen Menschen zu akzeptieren, der von unserer Zeit, unserer Freundschaft und unserer Hilfe benötigt. Es ist, den Dienst zu erleben, indem die Versuchung der Selbstzufriedenheit überwunden wird. Und drittens ist es das Fasten, die Reue, um uns von den Abhängigkeiten zu befreien gegenüber dem, was passiert und so üben wir, noch sensibler und barmherziger zu sein. Es ist eine Einladung zur Bescheidenheit und zur Teilung: etwas wegzugeben von unserem Tisch und unseren Gütern, um das wahre Gute der Freiheit wiederzufinden.

„Kehrt um zu mir – sagt der Herr – von ganzem Herzen“: nicht nur mit einigen äußerlichen Gesten, sondern in unserem tiefsten Inneren. Denn Jesus ruft uns auf, das Gebet, die Barmherzigkeit und die Buße mit Kohärenz und Authentizität zu leben, indem wir die Heuchelei besiegen. Die Fastenzeit sei für uns alle eine Zeit der gütigen „Beschneidung“ der Falschheit, der Weltlichkeit, der Gleichgültigkeit: um nicht zu denken, dass alles gut geht, wenn es mir gut geht; um zu verstehen, dass es nicht darum geht, ob etwas gutgeheißen wird, Erfolg bringt oder Zustimmung, sondern es geht um die Reinigung des Herzens und des Lebens; um die christliche Identität wiederzufinden, also die Liebe, die benötigt wird, nicht den Egoismus, der nur ausnützt. Machen wir uns auf den Weg gemeinsam, als Kirche, indem wir die Asche annehmen und den Blick auf das Kreuz festhalten. Er, der uns liebt, lädt uns ein, mit Gott zu versöhnen und zu ihm zurückzukehren, um uns wiederzufinden.

(rv 10.02.2016 mg)


Volltext Generalaudienz

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Papst Franziskus bei der Generalaudienz

Radio Vatikan dokumentiert den Volltext der Papstaudienz in einer Arbeitsübersetzung.

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag und einen guten Weg durch die Fastenzeit!

Es ist schön und auch bedeutsam, dass wir diese Audienz gerade am Aschermittwoch haben. Wir beginnen nun den Weg durch die Fastenzeit, und heute wollen wir über die antike Institution des „Jubeljahres“ nachdenken, das in der Heiligen Schrift bezeugt ist. Wir finden es insbesondere im Buch Levitikus, das es als Höhepunkt des religiösen und sozialen Lebens des israelischen Volkes darstellt.

Alle 50 Jahre, am Versöhnungstag (Lev 25,9), an dem die Barmherzigkeit des Herren für das gesamte Volk ausgerufen wurde, kündigte der Klang des Horns ein großes Befreiungsereignis an. Im Buch Levitikus lesen wir in der Tat: „Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren. […]In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren.“ (Lev 25, 10-13). Nach diesen Anweisungen konnte jemand, wenn er dazu gezwungen war, sein Land oder sein Haus zu verkaufen, im Jubeljahr wieder in den Besitz desselben kommen; und wenn jemand Schulden angehäuft hatte und sie nicht zurückzahlen konnte, und sich deshalb in den Dienst des Kreditgebers begeben musste, konnte er als freier Mann zu seiner Familie zurückkehren und all seinen Besitz wieder erlangen.

Es war eine Art von allgemeinem Ablass, mit dem man es allen ermöglichte, wieder in die ursprüngliche Situation zu versetzen, mit dem Erlass aller Schulden, der Rückerstattung der Erde, und der Möglichkeit, von Neuem die den Mitgliedern des Gottesvolkes eigene Freiheit zu erlangen. Ein „heiliges“ Volk, bei dem Vorschriften wie die des „Jubeljahres“ dafür erlassen wurden, um die Armut und Ungleichheit zu bekämpfen, indem jedem ein würdiges Leben und eine gleiche Verteilung des Landes, von dem man seinen Lebensunterhalt beziehen konnte, zu garantieren. Die zentrale Idee ist diejenige, dass die Erde ursprünglich Gott gehörte und den Menschen anvertraut ist (vgl. Gen 1,28-29). Deshalb kann sich niemand ihren exklusiven Besitz anmaßen, womit Situationen der Ungleichheit geschaffen werden. Das können wír heute wieder und wieder überdenken; jeder für sich in seinem Herzen denke, ob er zu viele Dinge hat. Warum sollten wir sie nicht denen überlassen, die zu wenig haben? Zehn Prozent, fünfzig Prozent… Ich sage: Möge der Heilige Geist jeden von euch inspirieren.

Mit dem Jubeljahr konnte derjenige, der verarmt war, wieder in den Besitz des Lebensnotwendigen gelangen, und derjenige, der sich bereichert hatte, gab dem Armen das zurück was er ihm genommen hatte. Das Ziel war eine Gesellschaft, die auf Gleichheit und Solidarität aufgebaut war, wo die Freiheit, das Land und das Geld ein Gut für alle und nicht nur für einige wenige seien, so wie es heute geschieht, wenn ich nicht irre… Mehr oder weniger, die Zahlen sind nicht genau, aber achtzig Prozent des Reichtums der Menschheit ist auf weniger als zwanzig Prozent verteilt. Es ist ein Jubeljahr – und ich sage das, indem ich an unsere Heilsgeschichte erinnere – für die Umkehr, damit unser Herz größer werde, großzügiger, mehr Sohn Gottes, mit mehr Liebe. Ich sage euch eins: Wenn dieses Jubeljahr nicht bis an die Taschen reicht, ist es kein wahres Jubeljahr. Habt ihr verstanden? Und das steht in der Bibel! Das erfindet nicht der Papst: das steht in der Bibel. Das Ziel, wie ich bereits gesagt habe, war eine Gesellschaft, die auf Gleichheit und Solidarität basierte, wo die Freiheit, das Land und das Geld ein Gut aller würden und nicht nur für einige wenige.

In der Tat hatte das Jubeljahr die Funktion, dem Volk dabei zu helfen, eine konkrete Brüderlichkeit zu leben, die aus gegenseitiger Hilfe besteht. Wir können sagen, dass das biblische Jubeljahr ein „Jubeljahr der Barmherzigkeit“ war, denn es wurde mit der ehrlichen Suche nach dem Wohl des bedürftigen Bruders verbracht.

Auf der gleichen Linie regelten andere Institutionen und andere Gesetze das Leben des Gottesvolkes, damit man die Barmherzigkeit Gottes durch das menschliche Leben erfahren konnte. In diesen Normen finden wir auch heute noch gültige Regeln, die uns nachdenken lassen. In der Tat sah das biblische Gesetz die Überweisung des „Zehnten“ vor, der den Leviten gewidmet war, die für die Kulthandlungen verantwortlich waren und keinen Landbesitz hatten, und auch den Armen, den Waisen, und den Witwen (vgl. Dt 14,22-29). Man sah also vor, dass der zehnte Teil der Ernte oder anderer Einkünfte denen gegeben würde, die ohne Schutz und bedürftig waren, und somit einer gewissen Gleichheit innerhalb eines Volkes Vorschub zu leisten, in dem alle sich wie Brüder benehmen mussten.

Es gab auch das Gesetz, das den ersten Ertrag betraf, also den ersten und wertvollsten Teil der Ernte, der mit den Leviten und den Fremden, die keine Felder besaßen, geteilt werden musste, so dass auch für sie die Erde Nahrungsquelle und Lebensspender sei (vgl Dt 18,4-5; 26,1-11). Das Land gehört mir und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir, sagt der Herr. (Lv 25,23). Wir sind alle Gäste des Herrn, in Erwartung der himmlischen Heimat. (vgl. Heb 11,13-16; 1Pt 2,11), und dazu aufgerufen, die Welt, die uns aufnimmt, bewohnbar und menschlich zu machen. Und wie viele „erste Erträge“ könnte derjenige, der mehr Glück hat, denjenigen stiften, die in Schwierigkeiten sind! Wie viele erste Erträge! Erste Erträge nicht nur der Feldarbeit, sondern auch die Erträge jeder anderen Arbeit, der Gehälter, der Ersparnisse, so vieler Dinge, die man besitzt und die manchmal verschwendet werden. Das passiert auch heute. Im Apostolischen Almosenamt kommen viele Briefe mit ein wenig Geld an: „Das ist ein Teil meines Gehaltes, um anderen zu helfen“. Und das ist schön, den anderen zu helfen, den Wohltätigkeitseinrichtungen, den Krankenhäusern und Altenheimen…; auch den Fremden zu geben, die nicht von hier stammen und auf der Durchreise sind. Jesus war in Ägypten auf der Durchreise.

Und gerade dieses im Sinn, fordert die Heilige Schrift mit Nachdruck dazu auf, großzügig auf die Anfrage nach Krediten zu antworten, ohne kleinliche Rechnungen aufzumachen und ohne unmögliche Zinsen zu verlangen: „Wenn dein Bruder verarmt und sich neben dir nicht halten kann, sollst du ihn, auch einen Fremden oder Halbbürger, unterstützen, damit er neben dir leben kann. Nimm von ihm keinen Zins und Wucher! Fürchte deinen Gott und dein Bruder soll neben dir leben können. Du sollst ihm weder dein Geld noch deine Nahrung gegen Zins und Wucher geben.“ (Lv 25,35-37).

Diese Lehre ist stets aktuell. Wie viele Familien landen auf der Straße als Opfer des Wuchers! Beten wir, damit der Herr uns allen diese Lust aus dem Herzen nehme, stets mehr zu haben, den Wucher. Damit wir wieder großzügig werden. Wie viele Situationen müssen wir erleben, in denen Wucher betrieben wird, und wie viel Leiden und Sorgen bringen diese für die Familien mit sich! Und oft, in der Verzweiflung, enden so viele Menschen im Selbstmord, weil sie es nicht mehr schaffen und keine Hoffnung mehr hegen, sie haben keine Hand, die ihnen hilfreich hingestreckt wird. Nur die Hand, die sie die Zinsen zahlen lässt. Der Wucher ist eine schwere Sünde, die zu Gottes Angesicht schreit. Der Herr hat hingegen denen seinen Segen versprochen, die die Hand öffnen, um großzügig zu spenden. (vgl Dt 15,10). Er wird dir das Doppelte geben, vielleicht nicht an Geld, aber er wird dir stets das Doppelte geben.

Liebe Brüder und Schwestern, die biblische Botschaft ist sehr klar: sich mit Mut dem Teilen öffnen, und das ist Barmherzigkeit! Und wenn wir die Barmherzigkeit Gottes wollen, müssen wir selbst damit anfangen. Zwischen Mitbürgern, zwischen Familien, zwischen Völkern, zwischen Kontinenten, Dabei mithelfen, eine Erde ohne Arme zu schaffen, heißt, eine Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu schaffen, die auf der Solidarität aufbaut, die dazu führt, alles was man besitzt zu teilen, in einem Ausgleich der Ressourcen der auf Brüderlichkeit und Gerechtigkeit basiert.

(rv 10.02.2016 cs)

PAPST PAUL VI.: BOTSCHAFTEN FÜR DIE FASTENZEIT (1973 – 1978)

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BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1973

 

Liebe Söhne und Töchter!

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Selbstverleugnung und der Buße; sie ist aber auch eine Zeit, die vom Geist der Gemeinschaft und der Solidarität geprägt ist. Bedarf es noch anderer Worte, um die Bedeutung der Fastenzeit hervorzuheben? Hören wir die mahnenden Worte des Propheten Isaias, die in die Liturgie der Fastenzeit aufgenommen worden sind: „Ist dies nicht ein Fasten, wie ich es liebe: … dein Brot zu brechen dem Hungrigen und in dein Haus aufzunehmen elende Obdachlose? Wenn du einen Halbnackten siehst, so sollst du ihn kleiden und dich nicht entziehen deinem Blutsverwandten“ (Is 58,6.7; vgl. erste Lesung am Freitag nach Aschermittwoch). Diese Ermahnungen des Propheten geben gut die Sorge der heutigen Menschheit wieder. Jeder Einzelne nimmt inneren Anteil an den Leiden und dem Elend aller. Almosen geben und persönlicher Einsatz sollten jedoch nicht nur vereinzelte und vorübergehende Handlungen sein, sondern der Ausdruck brüderlicher Verbundenheit.

Unsere Zeit ist sich zutiefst der Notwendigkeit bewusst angesichts der Nöte, die die Menschheit bedrängen, eine gemeinsame Verantwortung zu übernehmen. Nur auf diese Weise können diese Übel erfolgreich behoben werden. Die Fastenzeit ruft die Gläubigen zur Wachsamkeit gegen jede Art der Verschwendung und ermahnt sie zu gemeinsamen Anstrengungen. Die Wiederherstellung aller Dinge in Christus ist mit dem Geist der Fastenzeit eng verbunden. Jesus selbst wird uns eines Tages den Wert jener Hilfe offenbaren, die wir einmal unseren Brüdern und Schwestern erwiesen haben: “Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; … nackt, und ihr habt mich bekleidet“ (Mt 25,35-36). Der Aufruf Christi in seinen Gliedern betrifft jeden Christen. Keiner kann sich dem dringenden Hilferuf seines göttlichen Bruders entziehen. Die Erfahrung zeigt, dass christliche Gemeinschaften, die sich selbst in größter Notlage befinden, nicht am wenigsten auch für die Not der anderen empfänglich sind. In der Tat, wir begegnen hier und jetzt in den Menschen um uns herum Christus selbst, der unsere Hilfe bedarf, und dieses kann uns nicht unbeteiligt lassen. Es ist gerade ein besonderes Merkmal unserer Zeit, dass sich die Menschen in umfassender Weise der vielen Nöte bewusst werden, die die Menschheit bedrängen. Mannigfache Hindernisse erschweren vielerorts noch die Förderung der Würde jedes einzelnen Menschen. Wir haben dem eingehenden Studium diese Problems mehrere Dokumente gewidmet. Unser heutiger Wunsch ist es jedoch, den Einsatz und die Aktionen, die sich unmittelbar um dessen Lösung bemühen, zu ermutigen.

In vielen Ländern ist die Fastenzeit Anlass für besondere kirchliche Initiativen. Die Kirche bittet jeden Einzelnen, einen materiellen Beitrag zur ganzheitlichen Entfaltung aller Menschen zu leisten. Die Beschaffung der für diese Förderung notwendigen Mittel ist eine wichtige Aufgabe, und wir hoffen, dass diesbezüglich die Anstrengungen im Geist echter Mitmenschlichkeit noch vergrößert werden. Beachtliche Geldsummen werden für verschiedene Programme und Vorhaben benötigt; der erforderliche Betrag kann nur dann aufgebracht werden, wenn jeder Einzelne seinen persönlichen Beitrag dazu leistet. Jeder ist aufgerufen, entsprechend seinen Möglichkeiten, zu spenden und sich hierbei ein wirkliches Opfer abzuverlangen.

Wenn die Kirche währen der Fastenzeit auf diese Nöte hinweist, so möchte sie dadurch auf deren religiösen Aspekt aufmerksam machen. Man kann geben, ohne wirklich mitzuteilen; sich an den Spenden beteiligen, ohne daran wirklich Anteil zu nehmen; sich der Dinge entäußern, ohne den Geist der Armut zu besitzen. Derjenige aber, der sich ein echtes Opfer abverlangt, der seinen Brüdern und Schwestern hochherzig zu helfen sucht und den ihm zugemessenen Teil vom Kreuze Christi trägt, wird dieser Gefahr nicht erliegen. Wenn die Fastenzeit vom Geist der Liebe des Evangeliums durchdrungen ist und zu tatkräftigen Hilfeleistungen führt, wird die erforderliche materielle Unterstützung gewährleistet sein. Vor allem wird die Fastenzeit die Brüderlichkeit, die Gerechtigkeit, das Glück und die Liebe vermehren und uns am Tag der Auferstehung des Herrn wirkliche Freude schenken.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1974

 

Liebe Söhne und Töchter!

Es ist ungefähr zehn Monate her, dass wir das Heilige Jahr angekündigt haben. „Erneuerung“ und „Versöhnung“ sind die Hauptthemen dieser Jubiläumsfeier: sie bringen die Hoffnungen zum Ausdruck, die wir in das Heilige Jahr setzen. Und doch werden sie sich, wie wir schon einmal gesagt haben, nicht erfüllen, wenn sich nicht in uns ein gewisser „Bruch“ vollzieht (vgl. Ansprache vom 9. Mai 1973).

Wir sind nun in der Fastenzeit angelangt, der Zeit, die in besonderer Weise für unsere innere Erneuerung in Christus und unsere Versöhnung mit Gott und mit unserem Nachbarn bestimmt ist. Während der Fastenzeit nehmen wir dadurch, dass wir mit der Sünde, der Ungerechtigkeit und Eigensucht brechen, zuinnerst teil am Tode und der Auferstehung Christi.

Wir möchten daher heute auf einen „Bruch“ besonders zu sprechen kommen, den der Geist der Fastenzeit von uns fordert, nämlich den Bruch d.h. die Befreiung von einer allzu selbstsüchtigen Anhänglichkeit an unsere irdischen Güter, seien sie so reichlich vorhanden wie beim reichen Zachäus (vgl. Lk 19,8) oder nur spärlich wie im Fall der armen Witwe, die von Jesus gepriesen wird (vgl. Mk 12,43). In der anschaulichen Sprache seiner Zeit rief der hl. Basilius in einer seiner Predigten den Reichen zu: „Das Brot, dessen du nicht bedarfst, ist das Brot des Hungernden; das Kleid, das in deinem Schrank hängt, ist das Kleid dessen, der nackt ist; die Schuhe, die du nicht trägst, sind die Schuhe dessen, der nackt ist; das Geld, das du verschlossen aufbewahrst, ist das Geld des Armen; die Liebestaten, die du nicht verrichtest, sind ebensoviel Ungerechtigkeiten, die du begehst“ (Predigt VI In LC, XII, 18; PGXXXI, col. 275).

Worte wie diese veranlassen uns zum Nachdenken zu einer Zeit, da Hass und Konflikte durch die Ungerechtigkeiten derer verursacht werden, die Schätze anhäufen, während andere nichts besitzen, durch jene, die die Sorge um den eigenen Morgen dem Heute ihres Nachbarn vorziehen, um derjenigen, die aus Unwissenheit oder Eigensucht sich weigern, von ihrem Überfluss denen mitzuteilen, denen das Lebensnotwendigste fehlt (vgl. Mater et Magistra).

Wie könnten wir nicht an dieser Stelle an die Erneuerung und Versöhnung erinnern, die durch die Fülle unseres einen eucharistischen Mahles gefordert und uns zugesichert sind? Wenn wir zusammen am Leib des Herrn teilnehmen, müssen wir aufrichtig wünschen, dass keinem das Notwendigste fehlt, auch wenn dies mit persönlichen Opfern verbunden ist. andernfalls würden wir der Kirche, dem Mystischen Leib Christi, dessen Glieder wir sind, zur Schande gereichen. Indem der hl. Paulus die Korinther davor warnt, ruft er auch uns zur Wachsamkeit gegenüber der Gefahr eines solchen tadelnswerten Verhaltens auf (vgl. 1 Kor 11,17 ff.).

Wir würden uns gegen diese Einmütigkeit versündigen, wenn wir heute Millionen unserer Brüder und Schwestern das verweigern würden, was sie für ihre menschliche Entfaltung notwendig brauchen. Immer eindringlicher ermahnen in dieser Fastenzeit die Kirche und ihre karitativen Einrichtungen die Christen, diese gewaltige Aufgabe nach Kräften zu unterstützen. Das Heilige Jahr predigen bedeutet, jene innere und freudige Selbstentäußerung zu predigen, die uns wieder in das rechte Verhältnis zu uns selbst und zur Menschheitsfamilie, so wie Gott sie haben möchte, zurückversetzt. Dies ist die Weise, wie die jetzige Fastenzeit zu dem Unterpfand himmlischer Vergeltung schon in diesem Leben jenen hundertfältigen Lohn vermitteln kann, den Christus denen verheißen hat, die mit offenem Herzen geben.

Wir möchten, dass Ihr in diesem unseren Aufruf ein zweifaches Echo vernehmt: das Echo der Stimme des Herrn, die zu Euch spricht und ermahnt, und das Echo des Seufzens der Menschheit, das Euch unter Tränen um Hilfe anfleht. Wir alle, Bischöfe, Priester, Ordensleute, Laien, Jung und Alt, wir alle sind als Einzelne und als Gemeinschaft aufgerufen, zu diesem Werk des Teilens in selbstloser Liebe unseren Beitrag zu leisten, denn es ist ein Gebot des Herrn.

Von Herzen erteilen wir einem jeden von Euch unseren Apostolischen Segen: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1975

 

Liebe Söhne und Töchter!

„Arme habt ihr allezeit bei euch“ (Jo 12,8). Diese Worte, die Christus an die Apostel richtet, haben einen tiefen Sinn. Es klingt beinahe, als ob die Bemühungen der christlichen Liebe und der menschlichen Gerechtigkeit immer zum Scheitern verurteilt wären. Und scheint ein allgemeiner Überblick über unsere Zeit dies nicht zu bestätigen? Obwohl wir alle Mittel zur Bekämpfung der Armut in Händen zu haben scheinen, hören wir dennoch weiterhin von Kriegen, von Hungersnöten und Unglücken. Für den Christen aber bedeutet die Tatsache, dass solche Situationen sich immer wiederholen keineswegs, dass sie unvermeidbar sind. Der Christ versteht die Worte Jesu vielmehr in dem Sinn, dass keiner seiner Jünger es ignorieren darf, dass er sich selbst mit den Armen identifiziert. Bis zum Ende der Zeiten sind die Armen „mit“ Christus. Sie sind seine Partner, seine Gefährten, seine Brüder und Schwestern. Der Christ muss, gerade weil er ein Christ ist, seinen Platz neben dem Hilflosen einnehmen. Er muss von dem Seinigen nehmen, um ihnen in ihren unmittelbaren Nöten zu helfen. Er muss sich selbst zur Hilfe anbieten, auf vielfältige Weise, um eine bessere Welt, eine gerechtere Welt aufzubauen.

Die Fastenzeit ist eine geeignete Zeit für diese Übung der Selbstverleugnung, weil sie die Christen daran erinnert, wer sie sind. Sie ruft sie zur Wachsamkeit auf gegen die Selbstzufriedenheit eines behaglichen Lebens und gegen die Versuchung, im Überfluss zu leben. In diesem Heiligen Jahr, das der Versöhnung geweiht ist, ist jeder einzelne aufgerufen zu dem, was Versöhnung besagt: innerhalb der menschlichen Familie zu geben und zu teilen. Wenn jeder einzelne seine Brüder und Schwestern an seinem eigenen Leben teilnehmen lässt, wenn er ihnen mehr als von seinem Überfluss auch von seinem lebensnotwendigen Besitz mitteilt, dann wird er viele Hindernisse, die der Versöhnung im Wege stehen, überwinden und durch tatsächliche Selbstverleugnung zur Erneuerung gelangen.

Dieses Jubeljahr verlangt von uns ein Zeugnis vollständiger Solidarität mit jenen, mit denen Christus sich selbst in besonderer Weise identifizierte. Es wird einer der überzeugendsten Beweise sein, den wir unseren Brüdern und Schwestern geben können, dass dieses Jahr für die ganze Menschheit ein „heiliges“ ist.

Das ist in der Tat der Wunsch, den wir Euch heute zu Beginn der Fastenzeit vortragen: eine echte Solidarität, eine effektive Solidarität mit den Armen Christi. Darum bitten wir Euch im Namen Jesu Christi. Mit großer Liebe für Euch alle, liebe Brüder und Schwestern in der weiten Welt, segnen wir Euch: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1976

 

Liebe Söhne und Töchter!

Während wir noch ganz erfüllt sind vom Geiste und den Gnaden des Heiligen Jahres, steht vor uns die liturgische Feier der Fastenzeit. Das ist jetzt die besondere Zeit der geistlichen Vertiefung, in der jeder aufgefordert wird, sich bezüglich seines Betens und Handelns zu prüfen.

Machen wir ernst mit unserer Vorbereitung, um mit der Kirche die Geheimnisse Christi mitzuerleben, der für sie und alle Menschen leidet, gestorben und auferstanden ist.

Das ist der Grund, liebe Söhne und Töchter, dass „wir euch bitten, die Gnade Gottes nicht vergeblich zu empfangen“ (2 Kor 6,1). Gott ist Liebe und Gabe seiner selbst, und wir wiederholen an Euch die Empfehlung, die wir als eine der Schlussfolgerungen des heiligen Jahres ausgesprochen haben: „…Liebet eure Mitbrüder! Liebet die Menschen, die eurer Liebe und eures Dienstes bedürfen (vgl. 1 Jo 4,19-21). Das soll die brüderliche und zwischenmenschliche Liebe sein, die wiederbelebt und vervielfältigt wird in den guten Werken; jene Liebe, die nicht nur ein Zeugnis für unsere treue Bejahung des Heiligen Jahres sein wird, sondern ebenso sehr dessen Fruchtbarkeit und Aktualität selbst für die kommenden Jahre aufzeigen wird …“ (Ansprache des Heiligen Vaters in der Generalaudienz vom 17. Dez. 1975: L’Osservatore Romano 18. Dez. 1975)

Um zur Verwirklichung der Gerechtigkeit beizutragen und Zeugen zu sein für das Evangelium der Liebe, teilt Euren Besitz mit denen, die Euch umgeben: der wahre Arme entdeckt immer den, der sogar noch ärmer ist als er selber. Und helft hochherzig gegenseitig innerhalb der einzelnen Kirchen, indem ihr dem Aufruf folge leistet, der, wie jedes Jahr, durch Eure Teilkirchen an Euch gelangen wird, um jenen zu helfen, die fern von Euch durch Hunger und Blöße zu leiden haben.

Dann werdet Ihr, geläutert und innerlich aufgeschlossen, bereit sein, in das österliche Leben einzutreten, in ein Leben im Geiste des auferstandenen Herrn.

In dieser Hoffnung segnen wir euch, geliebte Söhne und Töchter, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1977

 

Liebe Söhne und Töchter!

Wiederum ist Fastenzeit! Schenkt uns einen Augenblick Gehör! Die Fastenzeit, die „Zeit der Gnade“, wie die Liturgie sie nennt, ist in besonderer Weise dazu geeignet, uns auf eine würdige Feier des Ostergeheimnisses vorzubereiten. Es ist gewiss eine ernste Zeit, aber sie ist zugleich fruchtbar und birgt in sich bereits ein neues Erwachen, gleichsam einen geistlichen Frühling. Wir müssen unser Gewissen aufrütteln. Wir müssen in uns das Pflichtgefühl und das Verlangen danach neu beleben, den Forderungen eines echt christlichen Lebens auch im konkreten Alltag zu entsprechen.

Bald sind es zehn Jahre her, seit wir unsere Enzyklika „Populorum Progressio“ über den Fortschritt der Völker veröffentlicht haben. Sie war gleichsam ein „Notschrei im Namen des Herrn“, den wir an die christlichen Gemeinschaften und an alle Menschen guten Willens gerichtet haben. Heute, am Beginn der Fastenzeit, möchten wir diesen feierlichen Aufruf erneut wiederholen. Wir, als oberster Hirt, werden nämlich weiterhin in unserem Herzen erschüttert, wenn wir die ungeheure Menge der Menschen sehen, die bei allen Völkern auf der Welt verwundet an Leib und Seele, ihrer Menschenwürde beraubt, ohne Brot, ohne Stimme, schutzlos und allein ihrer Not preisgegeben am Wegrand liegenlassen werden.

Wir haben in der Tat Schwierigkeiten, das, was wir besitzen, mit anderen zu teilen, um dadurch mitzuhelfen, dass die Ungleichheiten in einer ungerecht gewordenen Welt beseitigt werden. Doch ist die bloße Verkündigung der Prinzipien nicht ausreichend. Aus diesem Grund ist es notwendig und heilsam, uns daran zu erinnern, dass wir nur die Verwalter der Gaben Gottes sind und dass „die Buße der vierzigtägigen Fastenzeit nicht bloß eine innere und individuelle Übung, sondern auch eine äußere und soziale sein soll“ (Konstitution über die hl. Liturgie, Nr. 110).

Geht auf den armen Lazarus zu, der Hunger und Not leidet. Werdet sein Nächster, auf dass er in Eurem Blick Christus selbst erkennt, der ihn aufnimmt, und in Euren Händen jene des Herrn, der seine Gaben austeilt. Antwortet ebenso hochherzig auch auf die Aufrufe, die in Euren Ortskirchen an Euch gerichtet werden, damit den Ärmsten geholfen werde und auch die bedürftigsten Völker am Fortschritt Anteil erhalten.

Wir rufen Euch die Worte unseres Herrn in Erinnerung, die der hl. Apostel Paulus als kostbares Erbe bewahrt hat und die uns zur Hilfe der Notleidenden ermutigen: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,35). Wir ermahnen Euch, liebe Söhne und Töchter, in diesem Sinn Eure Herzen zu läutern, um die kommende Feier des Ostergeheimnisses würdig zu begehen und der Welt die Frohbotschaft des Heiles zu verkünden. Dazu segnen wir Euch im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 


 

BOTSCHAFT VON PAPST PAUL VI.
FÜR DIE FASTENZEIT 1978

 

Liebe Söhne und Töchter!

Wieder stehen wir vor der Fastenzeit mit ihren drängenden Forderungen an uns! Als eine Zeit, die uns enger mit Christus verbindet, führt die Fastenzeit uns auf dem Weg über Ihn auch untereinander stärker zusammen. Die Fastenzeit ist eine Zeit der Gemeinschaft und lädt uns darum auch zu gegenseitigem Helfen und Teilen ein.

Noch heute beeindruckt uns, wie die Apostelgeschichte das Leben der Gemeinschaft in der Urkirche beschreibt. „Alle, die gläubig geworden waren, hielten zusammen und hatten alles gemeinsam“ (Apg 2,44). Dies war nicht ein künstliches Mittel, das man erdacht hätte, um den Zusammenhalt der jungen Gemeinde von Jerusalem zu festigen; es war vielmehr der Ausdruck jener „ein Herz und eine Seele zu sein“ (Apg 4,32), das jedes Tun der Gläubigen prägte und sie so im Herzen Jesu selbst einte.

Die Apostelgeschichte weist uns auf eine sehr deutliche Konsequenz dieser Einmütigkeit hin, wenn sie davon spricht, wie es immer wieder zu einem Teilen der Güter kam, je nach den Bedürfnissen der Einzelnen. So haben die ersten Christen spontan nach dem Grundsatz gehandelt, dass die Güter dieser Welt vom Schöpfer zur Erfüllung der Bedürfnisse aller ohne Ausnahme bestimmt sind. Das christliche Teilen verwirklicht diese naturgegebene Verpflichtung, die aber für uns durch die Kraft der Liebe noch drängender wird.

Die Bereitschaft zum Teilen ist also eine grundlegende christliche Haltung. In den vielfältigen Initiativen der Nächstenliebe, angefangen vom Almosen über die Hilfe des Einzelnen bis zum kollektiven Einsatz zur Förderung der materiell benachteiligten Völker, erfährt der Christ die Freude am Teilen, an der gemeinsamen Nutzung von Gütern, die Gott uns so freigiebig zur Verfügung gestellt hat. Man hat gesagt, dass es eine Kunst sei zu geben und eine Kunst zu empfangen; die Christen haben für beides nur einen Ausdruck: das brüderliche Teilen. Die gegenwärtige Fastenzeit soll uns dazu bewegen, dieses Teilen als Zeichen unserer Einheit mit allen Menschen zu praktizieren; alle sind ja dazu berufen, am Geheimnis des Kreuzes und der Auferstehung Christi teilzuhaben.

Zu Beginn dieser bedeutungsvollen Zeit richten wir uns also an jeden Gläubigen aus der weiten Gemeinschaft der katholischen Kirche mit den Worten des hl. Paulus an die ersten Christen: „Jeder soll … etwas zurücklegen und so sparen, was er kann“ (1 Kor 16,2), um dadurch im Geiste der Buße und der Liebe zur gemeinsamen Kollekte beizutragen. Und alle, die bereit sind, in dieser Weise ihren Besitz mit ihren Brüdern, denen das Lebensnotwendige fehlt, zu teilen, segnen wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

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