Papst segnet Statue, die Bombardierung von Monte Cassino überstand

Monte Cassino, Benediktinerbatei, 19. Mai 1944 / Wikimedia Commons – McConville (Sgt), No 2 Army Film & Photographic Unit, Public Domain

Die Statue des heiligen Antonius von Padua
gilt als Symbol der Wiedergeburt der italienischen Stadt

Im Laufe der heutigen Generalaudienz hat Papst Franziskus auf dem Petersplatz eine Statue des heiligen Antonius von Padua aus der gleichnamigen Pfarrei in Cassino, im unteren Latium, gesegnet.

Bekanntlich war die Kleinstadt in der italienischen Provinz Frosinone, südlich von Rom, im Laufe des Zweiten Weltkriegs Ziel massiver Luftangriffe.

Am Freitag, den 10. September 1943, um zehn Uhr morgens, führten die Alliierten zum ersten Mal ein verheerendes Bombardement auf Cassino aus, wobei 105 Menschen das Leben verloren.

Die eigentliche Schlacht um die strategisch sehr wichtige Stadt und den Berg Monte Cassino, auf dessen Gipfel die berühmte vom heiligen Benedikt von Nursia gegründete Benediktinerabtei liegt, dauerte vom 17. Januar bis 18. Mai 1944.

Die schwersten Bombardements fanden am 15. März 1944 statt, als 575 Bomber und 200 Jagdbomber die Stadt und den Berg angriffen.

Am Ende standen nur noch die Mauern der Pfarrkirche des heiligen Antonius von Padua, sowie die Statue des 1195 in Lissabon (Portugal) geborenen Heiligen aufrecht.

„Die ganze Zone wurde dem Erdboden gleichgemacht“, erzählte der heutige Pfarrer, Don Benedetto Minchella, der Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“.

Die Schlachten um Monte Cassino, in der rund 20.000 deutsche und mehr als 50.000 alliierte Soldaten den Tod fanden, gelten heute als Beispiel für die Sinnlosigkeit des Krieges. (pdm)

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Quelle

Papstinterview: Radikaler Laizismus tut nicht gut

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Papst Franziskus im Vatikan

„Ein weltlicher Staat ist eine gute Sache – besser als ein konfessioneller Staat, denn mit denen nimmt es meist ein übles Ende.“ Das sagte Papst Franziskus in einem Interview mit der belgischen katholischen Wochenzeitschrift „Tertio“; es wurde an diesem Mittwochmorgen veröffentlicht. Die Trennung von Staat und Kirche in einem Gemeinwesen sei „gesund“; anders verhalte es sich allerdings, wenn sich in einem Staat „Laizismus“ breitmache.

„Laizismus verschließt die Tür vor der Transzendenz, der doppelten Transzendenz: nämlich der gegenüber den anderen und der gegenüber Gott – oder dem, was uns übersteigt. Die Öffnung zur Transzendenz gehört zum Wesen des Menschen.“

Er rede da „nicht von Religion“, sondern von Anthropologie, so Papst Franziskus. Eine Kultur oder ein politisches System, das nicht „diese Öffnung des Menschen zur Transzendenz“ respektiere, respektiere letzlich den Menschen selbst nicht.

„Kein Krieg im Namen Gottes“

Der Papst ging in dem Gespräch auch auf religiös motivierten Terrorismus ein. Das gebe es durchaus, räumte er ein: „Aber keine Religion als solche kann Krieg hervorbringen, weil sie in diesem Fall einen Gott der Zerstörung, des Hasses proklamieren würde. Man kann keinen Krieg im Namen Gottes oder im Namen einer religiösen Position führen.“ Das sei „in keiner Religion“ vorstellbar. „Und darum stehen der Terrorismus, der Krieg nicht in Beziehung zur Religion.“

Stattdessen würden „religiöse Deformationen“ als Vorwand für Terror und Gewalt genutzt, „das schon“. „Sie sind Zeugen davon, Sie haben das in Ihrem Land erlebt“, sagte er unter Verweis auf die Terroranschläge von Brüssel vom März 2016.

„Religiöse Deformationen“ rühren nach Ansicht von Franziskus „nicht an die Essenz des Religiösen“; allerdings gebe es „in allen Religionen, auch bei uns, fundamentalistische Gruppen“. „Es sind diese kleinen religiösen Gruppen, die ihre eigene Religion entstellt, krank gemacht haben.“

„Europa bräuchte Führungspersönlichkeiten“

Der Papst bekräftigte seine schon häufiger geäußerte Ansicht, dass die Welt derzeit „einen Dritten Weltkrieg in Stücken“ erlebe. „Wir sind im Krieg! Die Welt erlebt den Dritten Weltkrieg: Ukraine, Naher Osten, Afrika, Jemen… Es ist sehr schwerwiegend.“ Die Menschen sagten „mit dem Mund“, dass sie gegen Krieg seien, stellten aber gleichzeitig Waffen her und lieferten sie in Kriegsgebiete. Vielleicht stecke hinter der Waffenproduktion auch der Wunsch einiger Staaten, ihren Haushalt aufzubessern. „Allerdings ist der Preis sehr hoch: Blut.“

Politiker wie Schuman, De Gasperi oder Adenauer hätten nach dem Zweiten Weltkrieg „ehrlich“ für den Frieden gearbeitet. „Aber heute fehlen Führungspersönlichkeiten. Europa braucht Führungspersönlichkeiten, die den Weg nach vorne zeigen.“

Auch auf das vor kurzem zu Ende gegangene Heilige Jahr der Barmherzigkeit ging Papst Franziskus in dem schon vor einiger Zeit aufgezeichneten Gespräch ein. Das Heilige Jahr sei „keine plötzliche Idee“ gewesen; vielmehr habe er im Lauf der Zeit „gespürt, dass der Herr das wollte“. „Und offensichtlich ist es sehr gut gelaufen. Die Tatsache, dass es nicht auf Rom beschränkt war, … hat viel Bewegung ausgelöst, die Leute haben sich in Bewegung gesetzt.“

Für eine „synodale Kirche“

Als Antwort auf eine entsprechende Frage legte Franziskus sein Kirchenbild dar. Die Kirche entstehe „von den Gemeinden her, von der Basis, aus der Taufe“, und organisiere sich um einen Bischof herum, der Nachfolger der Apostel sei. „Aber in der ganzen Welt gibt es viele Bischöfe, viele organisierte Kirchen, und es gibt Petrus. Also: Entweder gibt es eine pyramidale Kirche, wo das gemacht wird, was Petrus sagt; oder es gibt eine synodale Kirche, in der Petrus Petrus ist, aber die Kirche begleitet, sie wachsen lässt, sie anhört, von dieser Realität lernt und sozusagen harmonisiert.“ Eine solche „synodale Kirche“ sei die, die ihm vorschwebe.

Franziskus sprach von der „reichen Erfahrung der letzten zwei Synoden“ mit ihren „vielen unterschiedlichen Schattierungen“: „Das ist Einheit in der Vielfalt. Das ist Synodalität. Nicht von oben nach unten herunterregieren, sondern die Kirchen anhören, sie untereinander harmonisieren, unterscheiden.“

Sein postsynodales Schreiben „Amoris laetitia“ sei ein Ergebnis des gesamten synodalen Prozesses, „interessanterweise“ hätten dem, was da drinstehe, mehr als zwei Drittel der Väter zugestimmt. „Und das ist eine Garantie!“ Auf den Brief von vier Kardinälen, die ihm Zweifel an einigen Punkten aus „Amoris laetitia“ vorlegen, ging Franziskus nicht ein. Doch betonte er, dass auf der Synode „frei gesprochen“ worden sei, „ohne Angst, beurteilt zu werden“ und „ohne zu verurteilen“. „Aber es ist das eine, wie Brüder miteinander zu reden, und etwas anderes, von vornherein schon zu verurteilen.“

Auch auf das Thema Kommunikation ging Franziskus in dem Zeitschriftengespräch ein. Die Medien hätten „eine große Verantwortung“, weil sie „Aufbauer einer Gesellschaft“ seien. „Sie können dazu eingesetzt werden, um Menschen zu diffamieren und mit Schmutz zu bewerfen, vor allem in der Politik“, beklagte der Papst. Genauso übel sei es, wenn Medien „nicht die ganze Information“ böten, sondern einen Teil der Wahrheit unterschlügen. Auf der anderen Seite richteten Medien allerdings auch viel Schaden an, wenn sie „ständig Skandale aufdecken, ständig von den häßlichen Dingen reden, selbst wenn sie wahr sind.“ Richtig genutzt hingegen könnten Medien „sehr, sehr viel Gutes tun“.

(rv 07.12.2016 sk)

Papstmesse: „Schämen wir uns für den Krieg“

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Papst Franziskus bei der Predigt in der Casa Santa Marta

Papst Franziskus erklärt „Assisi“: Die Welt braucht Frieden, und um Frieden zu bitten, sei eine Pflicht. Das verdeutlichte der Papst bei seiner Frühmesse am Dienstag, bevor er nach Assisi zum Friedenstreffen abreiste. Man soll um den Frieden beten, „bis man sich der Kriege schämt“, die es noch gibt, und vor allem dürfe man die Augen vor dem Krieg nicht verschließen. Es gebe kein „Gott der Kriege“, so der Papst. Die Gewalt zwischen den Menschen sei das Werk des Bösen, und dagegen müsse jeder Mensch vorgehen. Dies könne durch das Gebet wie auch durch das „Weinen für den Frieden“ geschehen, so der Papst. Jede Religion glaube, dass Gott „nur für den Frieden einstehen“ könne.

Zum Friedenstreffen in Assisi, das 30 Jahre nach dem ersten Treffen mit Johannes Paul II. stattfindet, sagte Franziskus: „Es geht nicht darum, dort ein Schauspiel zu veranstalten, sondern einfach darum, zu beten, und zwar für den Frieden.“ Er lud alle Bischöfe – und auch alle Gläubigen – ein, an diesem Dienstag gemeinsam für Frieden zu beten, egal wo man sich befindet.

„Die heutige Erste Lesung endet auf diese Weise: ,Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.´ (vgl. Spr 21, 1-6.10-13) Wenn wir unsere Ohren verschließen vor dem Leid jener, die bombardiert werden, die durch den Menschenhandel leiden, dann kann es sein, dass eines Tages dies an uns geschieht und wir auf Antworten warten. Wir können die Ohren nicht verschließen vor dem Geschrei des Leids unserer Geschwister, die wegen des Krieges leiden.“

Hier im Westen sehe man den Krieg nicht, stattdessen fürchten sich viele vor terroristischen Anschlägen, fuhr Franziskus fort. Doch dies sei nichts im Vergleich zu dem, was in den heutigen Kriegsgebieten der Welt passiere: Bomben töteten Alte, Kinder, Männer und Frauen; im Übrigen seien die klassischen Kriegsschauplätze gar nicht so weit entfernt von den vermeintlich sicheren Orten. Jeder Krieg entstehe zuerst in den Herzen der Menschen.

„Möge der Herr uns den Frieden in unseren Herzen schenken. Er möge die Habsucht, die Gier und die Gewaltbereitschaft in uns beseitigen. Wir brauchen Frieden! Möge unser Herz den Frieden aufnehmen und ohne Unterscheidung der Religionen. Das gilt für alle! Denn wir sind alle Kinder Gottes! Eines Gottes des Friedens. Es gibt keinen Gott des Krieges. Der Krieg ist immer ein Werk des Bösen, des Teufels, der uns alle umbringen will.”

Davor könne es keine religiöse Unterschiede geben. Es sei falsch, Gott dafür zu danken, „vom Krieg verschont zu sein“. Man müsse auch an die Betroffenen denken, so der Papst weiter.

„Denken wir heute nicht nur an die Bomben, Toten, Verletzten, denken wir an all jene – ob Kinder oder Alte – die keine humanitären Hilfe bekommen und nichts zu essen haben, die keine Medizin erhalten, die hungern und krank sind. Sie erhalten keine Hilfe, weil Bomben dies verhindern. Und wenn wir heute für den Frieden beten, dann wäre es schön, wenn jeder von uns sich der Kriege schämt, die es auf der Welt gibt. Schämen wir uns, dass Menschen dazu fähig sind, ihren Geschwistern solche schreckliche Taten zu vollbringen. Es ist ein Tag des Gebets, der Reue, des Weinens um des Friedens willen. Möge der Schrei der Leidenden gehört werden und die Herzen der Menschen sich der Barmherzigkeit und der Liebe öffnen, die uns vor dem Egoismus retten.“

(rv 20.09.2016 mg)

BRIEF DES HEILIGEN VATERS FRANZISKUS AN DIE CHRISTEN IM NAHEN OSTEN

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Liebe Brüder und Schwestern,

»Gepriesen sei der Gott und Vater Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes. Er tröstet uns in all unserer Not, damit auch wir die Kraft haben, alle zu trösten, die in Not sind, durch den Trost, mit dem auch wir von Gott getröstet werden« (2 Kor 1,3-4)

Diese Worte des Apostels Paulus sind mir in den Sinn gekommen, als ich daran dachte, an Euch, liebe christliche Brüder und Schwestern im Nahen Osten, zu schreiben. Ich tue es anlässlich des nahen Weihnachtsfestes, weil ich weiß, dass für viele von Euch die Klänge der Weihnachtslieder sich mit Tränen und Seufzern mischen werden. Und doch ist die Geburt des Sohnes Gottes in unserem menschlichen Fleisch ein unsagbares Geheimnis des Trostes: » Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten « (Tit 2,11).

Leider fehlte es auch in der jüngsten Vergangenheit nicht an Trübsal und Bedrängnis im Nahen Osten. Diese haben sich in den letzten Monaten verschärft aufgrund der Konflikte, die die Region peinigen, vor allem aber durch das Wirken einer ganz neuen und besorgniserregenden terroristischen Organisation von bisher unvorstellbaren Ausmaßen, die alle Art von Gesetzwidrigkeiten begeht und menschenunwürdige Praktiken anwendet. Ganz besonders hat sie einige von Euch heimgesucht: Auf brutale Weise wurden sie aus ihrem Land vertrieben, in dem die Christen seit apostolischer Zeit heimisch sind.

Indem ich mich an Euch wende, kann ich nicht die anderen religiösen und ethnischen Gruppen außer Acht lassen, die ebenfalls unter der Verfolgung und den Konsequenzen dieser Konflikte leiden. Täglich verfolge ich die Nachrichten über das enorme Leiden vieler Menschen im Nahen Osten. Ich denke besonders an die Kinder, die Mütter, die alten Menschen, an die Vertriebenen und die Flüchtlinge, an alle, die Hunger leiden, an die, welche die Härte des Winters auf sich nehmen müssen ohne ein schützendes Dach über dem Kopf. Dieses Leiden schreit zu Gott und ruft uns alle zum Einsatz auf, im Gebet und in jeder Art von Initiative. Allen möchte ich meine Nähe und Solidarität wie auch die der ganzen Kirche bekunden und ihnen ein Wort des Trostes und der Hoffnung zusprechen.

Liebe Brüder und Schwestern, die Ihr in eurem vom Herrn gesegneten Land mutig Zeugnis für Jesus gebt, unser Trost und unsere Hoffnung ist Christus selber. Darum ermutige ich Euch, fest mit ihm verbunden zu bleiben wie die Rebzweige am Weinstock, in der Gewissheit, dass weder Bedrängnis, noch Not, noch Verfolgung Euch von ihm trennen können (vgl. Röm 8,35). Möge die Prüfung, die Ihr durchmacht, Euer aller Glauben und Treue stärken!

Ich bete, dass Ihr die brüderliche Gemeinschaft nach dem Vorbild der ersten Jerusalemer Gemeinde leben könnt. Die von unserem Herrn gewollte Einheit ist in diesen schwierigen Momenten nötiger denn je; sie ist ein Geschenk Gottes, das an unsere Freiheit appelliert und unsere Antwort erwartet. Mögen das Wort Gottes, die Sakramente, das Gebet und die Brüderlichkeit Eure Gemeinschaften ständig nähren und erneuern.

Die Situation, in der Ihr lebt, ist ein starker Aufruf zur Heiligkeit des Lebens, wie Heilige und Märtyrer aller kirchlichen Zugehörigkeiten beweisen. In Liebe und Verehrung denke ich an die Hirten und die Gläubigen, denen in letzter Zeit das Opfer des Lebens abverlangt wurde, oft nur aufgrund der Tatsache, dass sie Christen waren. Ich denke auch an die Entführten, unter denen einige orthodoxe Bischöfe und Priester verschiedener Riten sind. Mögen sie bald wohlbehalten in ihre Häuser und Gemeinschaften zurückkehren! Ich bitte Gott, dass so viel mit dem Kreuz des Herrn vereintes Leid Frucht zum Wohl der Kirche und der Völker des Nahen Ostens bringen möge.

Inmitten der Feindschaften und der Konflikte ist die unter Euch in Brüderlichkeit und Einfachheit gelebte Gemeinschaft ein Zeichen für das Reich Gottes. Ich freue mich über die guten Beziehungen und über die Zusammenarbeit zwischen den orthodoxen Patriarchen und denen der katholischen Ostkirchen wie auch zwischen den Gläubigen der verschiedenen Kirchen. Die von den Christen ertragenen Leiden leisten einen unschätzbaren Beitrag für das Anliegen der Einheit. Es ist die Ökumene des Blutes, die eine vertrauensvolle Hingabe an das Wirken des Heiligen Geistes erfordert.

Mögen die Schwierigkeiten Euch immer Anlass sein, Zeugnis für Jesus zu geben! Eure Gegenwart selbst ist für den Nahen Osten kostbar. Ihr seid eine kleine Herde, doch mit einer großen Verantwortung in dem Land, wo das Christentum entstanden ist und sich ausgebreitet hat. Ihr seid wie der Sauerteig in der Masse. An erster Stelle noch vor vielen, von allen gewürdigten Werken der Kirche im Bereich des Erziehungs- und Gesundheitswesens oder in den Hilfswerken sind die Christen, seid Ihr der größte Schatz für die Region. Danke für Eure Standhaftigkeit!

Euer Bemühen, mit Menschen anderer Religionen – Juden und Muslimen – zusammenzuarbeiten, ist ein weiteres Zeichen für das Reich Gottes. Je schwieriger die Situation ist, umso notwendiger ist der interreligiöse Dialog. Es gibt keinen anderen Weg. Der auf eine Haltung der Offenheit gegründete Dialog in Wahrheit und Liebe ist auch das beste Mittel gegen die Versuchung des religiösen Fundamentalismus, der eine Bedrohung für die Gläubigen aller Religionen darstellt. Zugleich ist der Dialog ein Dienst an der Gerechtigkeit und eine notwendige Voraussetzung für den so ersehnten Frieden.

Der größte Teil von Euch lebt in einem Umfeld mit muslimischer Mehrheit. Ihr könnt Euren muslimischen Mitbürgern helfen, mit Unterscheidungsvermögen ein authentischeres Bild des Islam zu zeigen, wie viele von ihnen es möchten, die immer wieder sagen, dass der Islam eine Religion des Friedens ist, dass er sich mit der Achtung der Menschenrechte vereinbaren lässt und das Zusammenleben aller fördern kann. Das wird ihnen und der ganzen Gesellschaft von Nutzen sein. Die dramatische Situation, die unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, aber auch die Jesiden und die Anhänger anderer religiöser und ethnischer Gemeinschaften erleben, erfordert eine klare und mutige Stellungnahme aller religiösen Verantwortungsträger, um einstimmig und unzweideutig solche Verbrechen zu verurteilen und öffentlich die Praxis anzuklagen, sich zu deren Rechtfertigung auf die Religion zu berufen.

Meine Lieben, Ihr seid fast alle einheimische Bürger eurer Länder und habt somit die Pflicht und das Recht, vollgültig am Leben und am Wachstum eurer Nation teilzunehmen. In der Region seid Ihr berufen, Urheber von Frieden, Versöhnung und Entwicklung zu sein, den Dialog zu fördern, Brücken zu bauen gemäß dem Geist der Seligpreisungen (vgl. Mt 5,3-12), das Evangelium des Friedens zu verkünden und offen zu sein für die Zusammenarbeit mit allen nationalen und internationalen Entscheidungsträgern.

In besonderer Weise möchte ich meine Wertschätzung und meinen Dank Euch bekunden, liebe Mitbrüder im patriarchalen, bischöflichen und priesterlichen Dienst sowie Euch Brüdern und Schwestern im Ordensleben, die Ihr den Weg Eurer Gemeinschaften fürsorglich begleitet. Wie kostbar ist die Gegenwart und die Tätigkeit derer, die sich gänzlich dem Herrn geweiht haben und ihm in ihren Mitmenschen – vor allem in den am meisten Bedürftigen – dienen und so seine Größe und seine grenzenlose Liebe bezeugen! Wie wichtig ist die Gegenwart der Hirten bei ihrer Herde, vor allem in schwierigen Zeiten!

Euch, liebe Jugendliche, sende ich eine väterliche Umarmung. Ich bete für Euren Glauben, für Euer Wachstum als Menschen und als Christen und dass Eure besten Pläne sich verwirklichen mögen. Und ich wiederhole Euch: » Fürchtet oder schämt Euch nicht, Christen zu sein. Die Beziehung zu Jesus wird Euch die innere Bereitschaft zu einer vorbehaltlosen Zusammenarbeit mit Euren Mitbürgern schenken, welcher Religion sie auch angehören « (Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 63).

Euch, liebe ältere Menschen, drücke ich meine Wertschätzung aus. Ihr seid das Gedächtnis Eurer Völker; ich hoffe, dass dieses Gedächtnis ein Anstoß zum Wachsen für die jungen Generationen sei.

Ich möchte diejenigen unter Euch ermutigen, die in den sehr wichtigen Bereichen der Nächstenliebe und des Erziehungswesens wirken. Ich bewundere die Arbeit, die Ihr besonders durch die Caritas und mit Hilfe der katholischen karitativen Organisationen verschiedener Länder leistet, indem Ihr allen ohne jede Bevorzugung helft. Durch das Zeugnis der Liebe bietet Ihr dem gesellschaftlichen Leben den wirksamsten Halt und tragt auch zum Frieden bei, nach dem die Region hungert wie nach Brot. Doch auch im Bereich des Erziehungswesens geht es um die Zukunft der Gesellschaft. Wie wichtig ist die Erziehung zur Kultur der Begegnung sowie zur Achtung der Menschenwürde und des unumschränkten Wertes eines jeden Menschen!

Meine Lieben, obwohl gering an Zahl, seid Ihr Protagonisten des Lebens der Kirche und der Länder, in denen Ihr lebt. Die ganze Kirche ist Euch nahe und unterstützt Euch, mit großer Liebe und Wertschätzung für Eure Gemeinschaften und eure Mission. Wir werden fortfahren, Euch zu helfen mit dem Gebet und mit den anderen verfügbaren Mitteln.

Zugleich rufe ich weiterhin die internationale Gemeinschaft auf, Euren Bedürfnissen und denen der anderen leidenden Minderheiten entgegenzukommen – an erster Stelle durch die Förderung des Friedens auf dem Weg über Verhandlungen und mit Hilfe diplomatischer Aktivitäten, in dem Bemühen, möglichst bald die Gewalt, die schon zu viel Schaden angerichtet hat, einzudämmen und zu stoppen. Ich bekräftige meine ganz entschiedene Missbilligung des Waffenhandels. Wir brauchen vielmehr Friedenspläne und -initiativen, um eine globale Lösung der Probleme der Region zu fördern. Wie lange soll der Nahe Osten noch unter der Friedlosigkeit leiden? Wir dürfen uns nicht mit den Konflikten abfinden, als sei ein Wechsel nicht möglich! Auf der Linie meiner Pilgerreise ins Heilige Land und des nachfolgenden Gebetstreffens im Vatikan mit dem israelischen und dem palästinensischen Präsidenten lade ich Euch ein, weiter für den Frieden im Nahen Osten zu beten. Dass diejenigen, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen, dorthin zurückkehren und in Frieden und Sicherheit leben können. Möge die humanitäre Hilfe gesteigert und dabei immer das Wohl des Menschen und jedes Landes in den Mittelpunkt gestellt werden, unter Achtung der jeweiligen Identität, ohne andere Interessen voranzustellen. Möge die gesamte Kirche und die internationale Gemeinschaft sich der Bedeutung Eurer Präsenz in der Region immer deutlicher bewusst werden.

Liebe christliche Schwestern und Brüder im Nahen Osten, Ihr habt eine große Verantwortung und seid nicht allein bei ihrer Bewältigung. Darum wollte ich an Euch schreiben, um Euch zu ermutigen und um Euch zu sagen, wie wertvoll Eure Gegenwart und Eure Mission in diesem vom Herrn gesegneten Land sind. Euer Zeugnis tut mir so gut. Danke! Jeden Tag bete ich für Euch und Eure Anliegen. Ich danke Euch, weil ich weiß, dass Ihr in Euren Leiden für mich und meinen Dienst für die Kirche betet. Ich hoffe sehr, dass mir die Gnade zuteil wird, persönlich zu kommen, um Euch zu besuchen und Euch zu trösten und zu stärken. Die Jungfrau Maria, die allheilige Mutter Gottes, die auch unsere Mutter ist, begleite und schütze Euch stets mit ihrer zärtlichen Liebe. Euch allen und Euren Familien sende ich den Apostolischen Segen und wünsche Euch, dass Ihr die heilige Weihnacht in der Liebe und im Frieden Christi, des Retters, lebt.

Aus dem Vatikan, am 21. Dezember 2014, dem vierten Adventssonntag

Franciscus

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Maria Restituta Kafka (1894-1943)

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Pfarrkirche Münchendorf, Maria Restituta Kafka Rechts / Wikimedia Commons – Hannes 24, CC BY-SA 3.0

Österreichs erste Märtyrerin

„An der seligen Schwester Restituta können wir ablesen, zu welchen Höhen innerer Reife ein Mensch an der Hand Gottes geführt werden kann. Für das Bekenntnis zum Kreuz hat sie ihren Kopf hingehalten. Sie hat es im Herzen bewahrt und vor der Hinrichtung noch einmal leise ausgesprochen, als sie den Gefängnispfarrer um ein ‚Kreuzerl auf die Stirne‘ bat“, so der heilige Johannes Paul II. während der Seligsprechungsfeier am 21. Juni 1998 in Wien.

Helene Kafka wurde am 1. Mai 1894 in Brünn-Hussovitz geboren. Das Mädchen, das in armen Verhältnissen aufwuchs, besuchte die Schule in Wien, wohin die Familie 1896 verzogen war. Nach der Volksschule absolvierte die Selige eine Haushatsschule und war anschließend als Dienstmädchen tätig.

Eine entscheidende Wende nahm ihr Leben 1913, als Helene begann, als Hilfskrankenpflegerin im Städtischen Krankenhaus Wien-Lainz zu arbeiten. Die Begegnung mit den Franziskanerinnen von der christlichen Liebe, die in dem Krankenhaus in der Krankenpflege tätig waren, hinterließ einen tiefen Eindruck auf sie. Die Selige wollte ihrem Beispiel folgen und auch ihr Leben in den Dienst des Herrn stellen. Ihre Eltern widersetzten sich jedoch dieser Idee. Helene aber setzte ihren Entschluß eigenmächtig um und schloß sich am 23. Oktober 1915 den Franziskanerinnen von der christlichen Liebe, nach ihrem Sitz auch Hartmannschwestern genannt, an.

1916 legte sie die Gelübde ab und nahm den Namen Maria Restituta an. Auch als Ordensschwester blieb sie weiterhin im Krankenhausdienst in verschiedenen Hospitälern tätig, bis sie 1919 im Krankenhaus Mödling zur leitenden Operations- und Anästhesieschwester ernannt wurde. 1923 legte die wegen ihres lebhaften Temperaments auch Schwester Resoluta genannte die ewgien Gelübde ab.

Mit dem Anschluß Österreichs an Nazideutschland im April 1938 änderte sich die Situation schlagartig, und gegen die katholischen Einrichtungen im Land wurden harte Maßnahmen ergriffen. Schwester Maria Restituta zeigte von Anfang an eine ablehnende Haltung gegen die Politik der Nazis. Als sie sich Anfang 1940 der Anordnung widersetzte, die chirurgische Abteilung des Krankenhauses nicht mit Kruzifixen auszustetten, kam es zum Eklat. Die Selige hatte die Räume mit Kruzifixen ausgestattet und weigerte sich standhaft, diese wieder zu entfernen.

Zum Verhängnis sollte der Schwester jedoch ein Flugblatt werden, das sie am 8. Dezember 1941 erhielt und das sie abschreiben ließ. Als sie den regimekritischen Inhalt am Folgetag Kolleginnen vorlas, wurde sie von einem Arzt denunziert und am 18. Februar von der Gestapo im Krankenhaus verhaftet. Sie wurde in das Gefängnis des Wiener Landgerichts verbracht. In der Verhandlung am 29. Oktober vor dem Volksgerichtshof wurde sie „wegen landesverräterischer Feindbegünstigung und Vorbereitung zum Hochverrat zum Tode und zum Ehrenrechtsverlust auf Lebenszeit“ verurteilt.

Schwester Maria Restituta nahm das Urteil gelassen und in Demut hin, wie auch ein Brief an ihre Schwester verdeutlicht: „Schau Anny, wie schwer sieht mein Kreuz aus, doch ist dem nicht so, der lb. Gott überschüttet mich mit Trost, Kraft und Mut.“ Die außerordentliche Haltung, die die Selige während ihrer Gefangenschaft an den Tag legte, hinterließ einen tiefen Eindruck bei ihren Mitgefangenen: „Der Einfluß, den Schwester Restituta auf die Mitgefangenen ausgeübt hat, war wegen ihrer Ausstrahlung und Menschlichkeit wirklich groß. Sie lebte uns allen vor, was es heißt, zu glauben, wenn auch viele von uns aufgrund der Unmenschlichkeit des Lebens und der Mitmenschen nicht mehr glauben konnten.“

Schwester Maria Restituta wurde am 30. März 1943 durch das Fallbeil hingerichtet. Ihre Seligsprechung erfolgte am 21. Juni 1998. Als ihr Gedenktag wurde der 29. Oktober festgesetzt.

„Schwester Restituta, die aus Brünn stammt, in Wien zuhause ist, hier auch ihr Leben als Zeugin des Glaubens, als Märtyrerin beendet hat, verbindet das, was Nationalismus, Sprachen- und Völkerhass getrennt hat. Sie tut es durch ihre Person und ihr Glaubenszeugnis, ihr Martyrium“, so Christoph Kardinal Schönborn.

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Die Erstlings-Enzyklika Papst Pius‘ XII. vom 20. Oktober 1939

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R U N D S C H R E I B E N

AN DIE EHRWÜRDIGEN BRÜDER
PATRIARCHEN PRIMATEN ERZBISCHÖFE BISCHÖFE
UND DIE ANDEREN OBERHIRTEN
DIE IN FRIEDEN UND GEMEINSCHAFT
MIT DEM APOSTOLISCHEN STUHLE LEBEN.

PAPST PIUS XII.

EHRWÜRDIGE BRÜDER
GRUSS UND APOSTOLISCHEN SEGEN !

Der geheime Ratschluss des Herrn hat Uns ohne Unser Verdienst die Würde und Bürde des höchsten Hirtenamts in dem Jahre zufallen lassen, in dessen Verlauf die vom verewigten Papste Leo XIII. um die Jahrhundertwende und an der Schwelle eines Heiligen Jahres vollzogene Weihe des Menschengeschlechts an das Heiligste Herz des Welterlösers ihre vierzigste Wiederkehr feiern kann.

Mit welcher Freude, Ergriffenheit, innerster Zustimmung haben Wir damals — ein junger Levit, der soeben sein Introibo ad altare Dei (Ps. 42, 4) hatte sprechen dürfen — das Rundschreiben «Annum Sanctum» gleich einer Stimme vom Himmel begrüsst! Mit welcher Inbrunst erschlossen Wir Unser Herz den Gesinnungen und Absichten dieses wahrhaft von der Vorsehung gefügten Aktes eines Papstes, der die Höhen und Tiefen, die offenen und verschwiegenen Nöte seiner Zeit beherrschend überblickte! Wie sollten Wir daher nicht heute von heissem Dank gegen Gott erfüllt sein, der das Erstlingsjahr Unseres Hohenpriesteramtes mit jener bedeutungsreichen und teuren Erinnerung aus dem Erstlingsjahr Unseres Priestertums zusammenfallen liess? Wie sollten Wir nicht freudigen Herzens die Gelegenheit ergreifen, um die Huldigung vor «dem König der Könige und dem Herrn der Herrscher» (1 Tim., 6, 15; Apoc. 19, 16) gleichsam zum Staffelgebet Unseres Pontifikats zu machen, im Geiste Unseres unvergesslichen Vorgängers und in getreuer Verwirklichung seiner Ziele? Ja in ihr sehen Wir Anfang und Zielpunkt Unseres ober hirtlichen Wollens und Hoffens, Unseres Lehrens und Wirkens, Duldens und Leidens, um alles ganz der Ausbreitung des Reiches Christi zu weihen.

Wenn Wir die äusseren Geschehnisse und geistigen Wandlungen dieser vierzig Jahre im Lichte der Ewigkeit überblicken, ihren Wert und Unwert wägen, dann erschliesst sich Unserem geistigen Auge immer mehr der religiöse Sinn jener Welthuldigung an Christus den König. Sie wollte in ihrer sinnbildlichen Kraft eine Mahnung sein, die Seelen läutern und erheben, innerlich festigen und wehrhaft machen und damit zugleich in seherischer Weisheit der Gesundung, der Würde, dem wahren Wohl jeder menschlichen Gemeinschaft dienen. Immer deutlicher offenbart sie sich als einer der grossen Mahn- und Gnadenrufe Gottes an seine Kirche und darüber hinaus an eine Welt, die der Erweckung und Wegweisung nur allzu bedürftig war; an eine Welt, die dem Diesseitskult verfallen, in ihm sich immer hemmungsloser verlor und in kaltem Nützlichkeitsstreben aufging; an eine Menschheit, in der wachsende Schichten sich dem Glauben an Christus und mehr noch der Anerkennung und Anwendung seines Gesetzes entwöhnt hatten; an eine Weltauffassung, der die Liebes- und Verzichtlehre der Bergpredigt, die göttliche Liebestat des Kreuzes ein Ärgernis und eine Torheit dünkten. So wie einst der Vorläufer des Herrn den Fragern und Suchern seiner Tage entgegenrief : «Seht das Lamm Gottes!» (Jo., 1, 29), um ihnen zu sagen, dass der Erwartete der Völker (Agg., 2, 8) unerkannt in ihrer Mitte weile, so richtete hier der Stellvertreter Christi an die Verneiner, die Zweifler, die Unentschiedenen und Halben, die dem verherrlichten, in seiner Kirche fortlebenden und wirkenden Erlöser die Gefolgschaft weigerten oder mit dieser Gefolgschaft nicht letzten Ernst machten, sein hoheitsvolles und beschwörendes «Seht da euren König!» (Jo., 19, 14).

Aus der Verbreitung und Vertiefung der Andacht zum Göttlichen Erlöserherzen, die in der Weihe des Menschengeschlechts an der Jahrhundertwende und weiterhin in der Einführung des Christkönigsfestes durch Unsern unmittelbaren Amtsvorgänger ihre erhebende Krönung fand, ist unsagbarer Segen erflossen für ungezählte Seelen — ein starker Lebensstrom, der die Stadt Gottes mit Freude erfüllt (Ps., 45, 5). Welche Zeit bedürfte dieses Segens dringender als die gegenwärtige? Welche Zeit leidet inmitten alles technischen und rein zivilisatorischen Fortschrittes so sehr an seelischer Leere, an abgrundtiefer innerer Armut? Kann man nicht auch auf dieses unser Weltalter das entlarvende Wort der Geheimen Offenbarung anwenden : «Du sagst: Ich bin reich, ich habe Überfluss und brauche nichts mehr. Und du weisst nicht, dass du elend und erbärmlich bist, arm, blind und bloss» (Apoc , 3, 17)?

Ehrwürdige Brüder! Kann es Grösseres, Dringenderes geben, als solcher Zeit «den unergründlichen Reichtum Christi zu verkünden» (Eph., 3, 8)? Kann es Edleres geben, als vor ihr, die so vielen trügerischen Fahnen gefolgt ist und weiter folgt, das Königsbanner Christi zu entfalten, um der siegreichen Standarte des Kreuzes die Gefolgschaft auch der Abtrünnigen wiederzugewinnen? Wessen Herz sollte nicht entbrennen in hilfsbereitem Mitleid angesichts all der Brüder und Schwestern, die durch Irrtum und Leidenschaft, durch Verhetzung und Vorurteile dem Glauben an den wahren Gott, der Froh- und Heilsbotschaft Jesu Christi entfremdet wurden? Welcher Streiter Christi — sei er Priester oder Laie — wird sich nicht zu gesteigerter Wachsamkeit, zu entschlossener Abwehr aufgerufen fühlen, wenn er die Front der Christusfeinde wachsen und wachsen sieht? Muss er doch Zeuge sein, wie die Wortführer dieser Richtungen die Lebenswahrheiten und Lebenswerte unseres christlichen Gottesglaubens grundsätzlich ablehnen oder doch tatsächlich verdrängen, wie sie die Tafeln der Gottesgebote mit frevelnder Hand zerbrechen, um an ihre Stelle neue Gesetzestafeln zu setzen, aus denen der sittliche Gehalt der Sinaioffenbarung, der Geist der Bergpredigt und des Kreuzes verbannt sind. Wer sollte nicht mit wehem Schmerz gewahren wie solche Verirrung traurige Ernte unter denen hält, die in Tagen ruhiger Geborgenheit sich zur Gefolgschaft Christi zählten, die aber — leider mehr Namens- als Tatchristen — in der Stunde der Bewährung, der Anfechtung, des Leidens, der getarnten oder offenen Verfolgung eine Beute des Kleinmuts, der Schwäche, des Zweifels, der Unentschlosstenheit werden, und, von Angst erfasst wegen der Opfer, die sie um des christlichen Glaubens willen bringen sollten, sich nicht ermannen können, den Leidenskelch der Christustreuen zu trinken?

In solcher Umwelt und Geisteslage, ehrwürdige Brüder, möge das bevorstehende Christ-König-Fest, zu dem Wir das vorliegende Rundschreiben in euer aller Hand hoffen, ein Gnadentag tiefgehender Erneuerung und Erweckung im Sinne der Herrschaft Christi sein! Ein Tag, an dem die Weltweihe an das Göttliche Herz in besonders feierlicher Weise vollzogen werden soll; an dem die Gläubigen aller Völker und Nationen huldigend und sühnend sich um den Thron des Ewigen Königs scharen, um Ihm und seinem Gesetz, das ein Gesetz der Wahrheit und Liebe ist, den Schwur der Treue zu erneuern für Zeit und Ewigkeit. Es sei ein Gnadentag für die Getreuen, wo das Feuer, das der Herr auf diese Erde brachte, in ihren Herzen immer mehr zu heller, lauterer Flamme sich entfache; ein Gnadentag für die Lauen, Müden und Verdrossenen, an dem ihr kleinmütig gewordenes Herz im Geiste sich wieder erneuert und ermannt; ein Gnadentag auch für die, welche Christus noch nicht erkannt oder wieder verloren haben. Aus Millionen gläubiger Herzen soll das Gebet zum Himmel steigen : «Das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt» (Jo., 1, 9) möge ihnen den Weg des Heiles erhellen, seine Gnade möge in dem Herzen der Irrenden, das ja doch nicht zur Ruhe kommt, das Heimweh nach den ewigen Gütern erwecken; aus diesem Heimweh möge eine Heimkehr werden zu dem, der vom Schmerzensthron seines Kreuzes aus auch nach ihren Seelen dürstet und kein brennenderes Verlangen trägt, als auch ihnen Weg, Wahrheit und Leben (Jo., 14, 6) zu sein.

Wenn Wir so diese Erstlingsenzyklika Unseres Pontifikats vertrauensvoll und hoffend unter das Zeichen Christi des Königs stellen, fühlen Wir Uns der einmütigen und freudigen Zustimmung der gesamten Herde des Herrn vollkommen gewiss. Die Erfahrungen, Sorgen und Prüfungen der Gegenwart wecken, steigern und läutern wie selten zuvor das katholische Gemeinschaftsgefühl. Sie haben in allen, die noch an Gott und Christus glauben, das Bewusstsein erzeugt, von einer gemeinsamen Gefahr gemeinsam bedroht zu sein. Dieser Geist katholischer Verbundenheit, in der heutigen schweren Lage mächtig gesteigert, bedeutet zugleich Sammlung und Selbstbehauptung, Entschlossenheit und Siegeswillen. Sein Hauch war es, den Wir tröstlich und unvergesslich gerade in jenen Tagen verspürten, da Wir zagenden Schrittes, aber voll Vertrauen auf Gott den Thron bestiegen, der durch den Tod Unseres grossen Vorgängers verwaist war.

Lebendig bleibt in Uns die Erinnerung an die unzähligen Beweise kindlicher Treue zur Kirche und zum Stellvertreter Christi, die anlässlich Unserer Wahl und Krönung Uns zuteil wurden und sich überaus feinfühlend, warmherzig und ungezwungen äusserten. Darum ergreifen Wir gern diese günstige Gelegenheit, um euch, ehrwürdige Brüder, und allen, die zur Herde des Herrn gehören, gerührten Herzens für diese Kundgebung zu danken. Es war wie der grosse Volksentscheid einer Friedensgemeinschaft, die dem Papsttum ihre Ehrfurcht, Liebe und unerschütterliche Treue bekundete, der gottgewollten Sendung des Hohenpriesters und Oberhirten ihre Anerkennung zollte. Denn alle jene Kundgebungen wollten und konnten ja schliesslich nicht Unsere arme Person meinen, sondern nur das höchste Amt, zu dem Uns der Herr erhoben hat. Wohl haben Wir von Anfang an die ganze Wucht der schweren Verantwortung gefühlt, die Uns mit der höchsten Gewalt von der göttlichen Vorsehung auferlegt ward; aber Wir fühlten Uns gestärkt, als Wir sehen durften, in welch grossartiger und geradezu greifbarer Form die unlösbare Einheit der katholischen Kirche sich kundtat, die sich um den unerschütterlichen Felsen Petri nur um so fester zusammenschliesst, ihre Mauern und Vorwerke nur um so höher auftürmt, je mehr der Übermut der Feinde Christi sich steigert. Diese Weltkundgebung katholischer Einheit und übernatürlich-brüderlicher Verbundenheit der Völker um den gemeinsamen Vater musste uns um so hoffnungsreicher erscheinen, je beunruhigender bereits damals die äusseren Verhältnisse und die geistige Lage waren. Darum hat die Erinnerung an jene Stunden Uns auch getröstet, als Wir bereits in den ersten Monaten Unseres Pontifikats die Mühen, Sorgen und Prüfungen erfahren mussten, mit denen die Braut Christi ihren Weg über die Welt bestreut sieht.

Wir wollen auch nicht verschweigen, dass in Unserem Herzen ein starkes Echo ergriffener Dankbarkeit durch die Glückwünsche derer geweckt wurde, die zwar nicht zum sichtbaren Leib der katholischen Kirche gehören, die aber bei dem Adel und der Aufrichtigkeit ihres Herzens auf jene Gefühle nicht vergessen wollten, die sie in der Liebe zu Christi Person oder im Glauben an Gott mit Uns verbinden. An sie alle ergeht der Ausdruck Unserer Dankbarkeit. Wir empfehlen sie alle und jeden einzelnen von ihnen dem Schutz und der Führung desi Herrn, und Wir versichern feierlich, dass nur ein Gedanke Unser Herz leitet: das Beispiel des guten Hirten nachzuahmen, um alle zur wahren Glückseligkeit zu führen, «damit sie das Leben haben und es in Fülle besitzen» (Joh., 10, 10).

Vor allem aber drängt es Uns, Unseren tiefempfundenen Dank auszusprechen für die Erweise ehrerbietiger Huldigung, die Uns von Herrschern, Staatsoberhäuptern und öffentlichen Autoritäten jener Nationen zugekommen sind, mit denen der Heilige Stuhl freundschaftliche Beziehungen unterhält. Besonders freudig bewegt es Unser Herz, dass Wir in diesem Unserem ersten Rundschreiben an die Weltkirche zu jenen Staaten auch das geliebte Italien rechnen dürfen, in dem als in einem fruchtbaren Garten die Apostelfürsten den Glauben gepflanzt haben. Dank den Lateranverträgen, dem Werk der Vorsehung, nimmt es nunmehr einen Ehrenplatz in der Reihe der beim Apostolischen Stuhle amtlich vertretenen Länder ein. Gleich der Morgenröte friedvoller und brüderlicher Eintracht im Heiligtum wie im bürgerlichen Leben ging von diesen Verträgen die Pax Christi Italiae reddita aus. Das ist Unser Gebet zum Herrn, dass dieser Friede wie heiteres Himmelsblau das Gemüt des italienischen Volkes durchziehe, belebe, weite und machtvoll stärke : dieses Volkes, das Uns so nahe steht, in dessen Mitte Wir denselben Lebensodem atmen. In zuversichtlichem Hoffen flehen Wir zu Gott, dass die Unserem Vorgänger und Uns so teure Nation, getreu ihrer ruhmreichen katholischen Vergangenheit, unter des Grossen Gottes mächtigem Schutz immer mehr die Wahrheit des Psalmwortes an sich erfahre: «Glückselig das Volk, dessen Gott der Herr» (Ps. 43, 15). Die glückverheissende neue rechtliche und religiöse Lage, die jenes Werk für Italien und den ganzen katholischen Erdkreis geschaffen und besiegelt hat — und es soll in der Geschichte seine unvertilgbaren Spuren zurücklassen — erschien Uns nie so gewaltig und einheitschaffend als in jenem Augenblick, da Wir von der hohen Loggia der Vatikanbasilika zum ersten Male Unsere Arme ausbreiteten und Unsere Segenshand erhoben über Rom, den Sitz des Papsttums und Unsere vielgeliebte Geburtsstadt, über das mit der Kirche versöhnte Italien und über die Völker der ganzen Welt.

* * *

Wir sind Stellvertreter desjenigen, der in entscheidender Stunde vor dem Vertreter der höchsten irdischen Macht von damals das grosse Wort sprach : «Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme» (loh., 18, 37). Als solcher erachten Wir es gerade auch in unseren Tagen als besondere Pflicht Unseres Amtes, mit apostolischem Freimut der Wahrheit Zeugnis zu geben. Diese Pflicht umfasst notwendig die Darlegung und Widerlegung der menschlichen Irrtümer und Fehlungen, die erkannt werden müssen, wenn sie behandelt und geheilt werden sollen : «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen» (Joh., 8, 32). In der Erfüllung dieser Unserer Sendung werden Wir Uns von irdischen Rücksichten nicht beeinflussen lassen; weder Misstrauen und Widerspruch, Ablehnung und Unverständnis, noch die Furcht missverstanden oder falsch ausgelegt zu werden, kann Uns von ihr abhalten. Wir werden jedoch stets handeln beseelt von jener väterlichen Liebe, die selber mit den Schmerzen der Kinder leidend, ihnen das Heilmittel angibt, und Wir wollen Uns immerfort bemühen, das göttliche Vorbild aller Hirten nachzuahmen, den guten Hirten Jesus, der Licht ist zugleich und Liebe : «Die Wahrheit tätigen in Liebe» (Eph., 4, 15).

Am Eingang des Weges, der zur geistigen und sittlichen Not unserer Tage führt, steht der todbringende Versuch von nicht wenigen, Christus zu entthronen, die Verwerfung des Gesetzes der Wahrheit, das er verkündete, des Gesetzes der Liebe, die der lebenspendende Odem seines Reiches ist.

Die Königsrechte Christi wieder anerkennen, zurückfinden zum Gesetz seiner Wahrheit und seiner Liebe, das ist der einzige Weg der Rettung für den Einzelmenschen und die Gemeinschaft.

In dem Augenblick, ehrwürdige Brüder, wo Wir diese Zeilen schreiben, erreicht Uns die Schreckenskunde, dass das entsetzliche Unwetter des Krieges, das Wir mit Unserem ganzen Einsatz vergeblich zu beschwören suchten, doch ausgebrochen ist. Die Feder will Uns entsinken, wenn Wir an das abgrundtiefe Leid unzähliger Menschen denken, denen gestern noch am heimischen Herd der Sonnenschein eines bescheidenen Glückes leuchtete. Unser Vaterherz bangt in tiefer Betrübnis, wenn Wir ahnend vorausschauen, was alles aus der Drachensaat der Gewalt und des Hasses hervor wachsen mag, für die heute das Schwert die blutigen Furchen zieht. Aber gerade inmitten dieser apokalyptischen Vorausschau gegenwärtigen und zukünftigen Unheils erachten Wir es als Unsere Pflicht, die Augen und Herzen aller, in denen noch ein Funke guten Willens glimmt, mit wachsender Eindringlichkeit hinzulenken auf den Einzigen, von dem der Welt das Heil kommt — auf den Einzigen, dessen allmächtige und gütige Hand auch diesem Sturm Einhalt gebieten kann — auf den Einzigen, aus dessen Wahrheit und Liebe dieser in Irrtum und Eigensucht, in Streit und Hass verkrampften Menschheit die Erkenntnisse aufleuchten und die Gesinnungen sich entzünden können, die für eine Neuordnung der Welt im Geiste des Königtums Christi notwendige Voraussetzung sind.

Vielleicht — Gott der Herr gebe es — ist diese Stunde höchster Not auch eine Stunde des Erkenntnis- und Gesinnungswandels für viele, die bisher in blindem Vertrauen die Wege zeitgängiger Massenirrtümer wandelten, ohne zu ahnen, wie hohl und brüchig der Boden war, auf dem sie standen. Vielleicht werden viele, die für die Erzieher Weisheit und die Erziehersorgen der Kirche kein Auge hatten, heute, die kirchlichen Mahnungen begreifen, die sie in der Selbstsicherheit früherer Tage nicht beachteten. Die Not der Gegenwart ist eine Rechtfertigung des Christentums, wie sie erschütternder nicht gedacht werden kann. Auf einem gigantischen Gipfelpunkt widerchristlicher Irrtümer und Bewegungen sind aus ihnen unsagbar bittere Früchte gereift, und diese sprechen ein Verdammungsurteil, dessen Wucht jede bloss theoretische Widerlegung übertrifft.

Stunden so peinvoller Ernüchterung und Enttäuschung sind oft Stunden der Gnade — ein Vorübergehen des Herrn (cf. Exod., 12, 11), wo auf des Heilands Wort: «Sieh, ich stehe vor Tür und klopfe an» (Apoc, 3, 20) sich Türen öffnen, die ihm sonst verschlossen waren. Gott weiss, mit welch verstehender Liebe, mit welch heiliger Hirtenfreude sich Unser Herz denen zuwendet, denen aus derart leidvoller Erkenntnis das heilsuchende und heilbringende Verlangen nach der Wahrheit Christi, nach der Gerechtigkeit und dem Frieden Christi erwächst. Und auch für die, denen solche Stunde der Erkenntnis noch nicht geschlagen, weiss Unser Herz nichts als Liebe und Unser Mund nichts als das Gebet zum Vater der Erleuchtungen, Er möge ihrer Christusfremdheit oder gar Christusfeindschaft ein Damaskuslicht aufleuchten lassen, wie es einst Saulus zum Paulus verwandelte und das so oft gerade in den trübsten Tagen der Kirche seine geheimnisvolle Kraft erwiesen hat.

Eine zusammenfassende lehramtliche Stellungnahme zu den Irrtümern der Gegenwart mag einem späteren, von den Bedrängnissen des äusseren Geschehens weniger beunruhigten Zeitpunkt vorbehalten bleiben; jetzt jedenfalls beschränken Wir Uns auf einige grundlegende Hinweise.

Die gegenwärtige Zeit, ehrwürdige Brüder, hat zu den falschen Lehren der Vergangenheit noch neue Irrtümer gehäuft bis zu einem Grade, dass sie zu einem Ende mit Schrecken führen mussten. Vor allem liegt die eigentliche Wurzel der Übel, die in der modernen Gesellschaft zu beklagen sind, in der Leugnung und Ablehnung eines allgemein gültigen Sittengesetzes für das Leben des einzelnen und das Gesellschaftsleben, wie für die Beziehungen der Staaten untereinander: es herrscht heute weithin Verkennung oder geradezu Vergessen eines natürlichen Sittengesetzes.

Dieses natürliche Gesetz beruht auf Gott als seinem Fundament. Er ist der allmächtige Schöpfer und Vater aller, ihr höchster und unabhängiger Gesetzgeber, der allwissende und gerechte Vergelter der menschlichen Handlungen. Wo Gott geleugnet wird, da wird die Grundlage der Sittlichkeit erschüttert; die Stimme der Natur wird geschwächt, wenn nicht erstickt, jene Stimme, die auch den Ungebildetsten und selbst noch den unzivilisierten Wilden lehrt, was gut und was böse ist, erlaubt und unerlaubt, jene Stimme, die Verantwortlichkeit für die eigenen Taten vor einem höchsten Richter predigt.

Wenn man fragt, wie es zur Leugnung der Grundlage der Sittlichkeit gekommen ist, so lautet die Antwort: es hat damit begonnen, dass man sich von der Lehre Christi entfernte, deren Bewahrer und Lehrer der Stuhl Petri ist. Vor Zeiten hat diese Lehre Europa seinen geistigen Zusammenhalt gegeben, und Europa, erzogen und veredelt durch das Kreuz, hat einen solchen Aufschwung genommen, dass es Erzieher anderer Völker und anderer Erdteile werden konnte. Durch ihre Entfernung von dem unfehlbaren Lehramt der Kirche aber sind nicht wenige getrennte Brüder so weit gekommen, dass sie selbst das Grunddogma des Christentums, die Gottheit des Erlösers, geleugnet und so den allgemeinen Auflösungsprozess beschleunigt haben.

Als Jesus gekreuzigt wurde, «brach eine Finsternis über das ganze Land herein», wie der Hl. Bericht erzählt (Mt., 27, 45); ein schreckenerregendes Sinnbild dessen, was geschah und was geistigerweise dauernd wieder geschieht, wo immer der Unglaube in Blindheit und Selbstüberheblichkeit Christus aus dem Leben der Gegenwart, besonders aus dem öffentlichen Leben, tatsächlich ausgeschlossen und mit dem Glauben an Christus auch den Glauben an Gott verdrängt hat. Als Folge davon kamen die sittlichen Werte, nach denen in früheren Zeiten das private und öffentliche Tun beurteilt wurde, gleichsam ausser Kurs; Mensch, Familie und Staat wurden dem wohltuenden und erneuernden Einfluss des Gottesgedankens und der kirchlichen Lehre durch die immer rascher fortschreitende, hochgepriesene Laisierung des gesellschaftlichen Lebens entzogen; und nun hat diese auch in Gegenden, wo viele Jahrhunderte hindurch die Strahlen der christlichen Kultur leuchteten, immer klarere, immer deutlichere, immer mehr beängstigende Anzeichen eines verderbten und verderblichen Heidentums wieder aufkommen lassen : «Finsternis brach herein, als sie Jesus gekreuzigt hatten» (Römisches Brevier, Karfreitag, Viertes Responsorium).

Viele waren vielleicht bei der Trennung von der Lehre Christi sich nicht voll bewusst, dass ein luftiges Truggebilde schillernder Redensarten sie betört hatte, von Redensarten, die eine derartige Trennung als Befreiung von der Knechtschaft ausgaben, in der man bisher zurückgehalten worden sei; weder sahen sie voraus, welch bittere Folgen es habe, den traurigen Tausch der Wahrheit, die frei macht, gegen den Irrtum, der knechtet, zu vollziehen; noch bedachten sie, dass, wer auf das unendlich weise und väterliche Gesetz Gottes und auf die einigende und erhebende Lehre von der Liebe Christi verzichtete, der Willkür einer armseligen, wandelbaren Menschen-Weisheit sich verschrieb: man redete von Fortschritt, und man machte Rückschritte; von Aufschwung, und man sank ab; von Aufstieg zur Mündigkeit, und man versklavte; man merkte nicht, wie vergeblich alles menschliche Bemühen ist, das Gesetz Christi durch irgend etwas ihm Gleiches zu ersetzen : «Sie verfielen mit ihren Gedanken auf Nichtigkeiten» (Rom., 1, 21).

Der Glaube an Gott und an Jesus Christus wurde geschwächt, das Licht der sittlichen Grundsätze wurde in den Seelen verdunkelt, und so war die einzige und unersetzliche Grundlage jener Festigkeit und Ruhe, jener inneren und äusseren, privaten und öffentlichen Ordnung untergraben, die allein die Wohlfahrt der Staaten hervorbringen und bewahren kann.

Gewiss, auch als durch gleiche, der christlichen Lehrverkündigung entnommene Ideale Europa brüderlich verbunden war, fehlten Streitigkeiten, Wirren und Kriege nicht, die es verwüsteten; aber wohl niemals wurde so fühlbar wie heute die verzagte Ratlosigkeit verspürt, die über der Möglichkeit eines Ausgleichs liegt; denn damals war eben jenes Bewusstsein von Recht und Unrecht, von Erlaubtem und Unerlaubtem lebendig, das Vereinbarungen erleichtert, während es den Ausbruch der Leidenschaften zügelt und den Weg zu einer Verständigung in Ehren offen lässt. Umgekehrt kommen heutzutage die Zwistigkeiten nicht nur vom Ansturm sich empörender Leidenschaften, sondern aus einer tiefen Krise des Geistigen, welche die gesunden Grundsätze der privaten und öffentlichen Gesittung verkehrt hat.

Unter den vielfältigen Irrtümern, die aus dem Giftquell des religiösen und sittlichen Agnostizismus hervorbrechen, wollen Wir zwei besonders eurer Beachtung unterbreiten, ehrwürdige Brüder, und zwar Irrtümer, die das friedliche Zusammenleben der Völker geradezu unmöglich oder wenigstens überaus schwankend und unsicher machen.

* * *

Der erste dieser gefährlichen Irrtümer, der heute weit verbreitet ist, liegt darin, dass man das Gesetz der Solidarität und Liebe zwischen den Menschen in Vergessenheit geraten lässt, jenes Gesetz, das sowohl durch den gemeinsamen Ursprung und durch die nämliche Vernunftnatur aller Menschen, gleichviel welchen Volkes, vorgeschrieben und auferlegt ist, wie auch durch das Opfer der Erlösung, das Jesus Christus am Altar des Kreuzes seinem himmlischen Vater für die sündige Menschheit darbrachte.

In der Tat erzählt die erste Seite der Schrift mit grossartiger Einfachheit, wie Gott als Krönung seines Schöpfungswerks nach seinem Bild und Gleichnis den Menschen machte (vgl. Gen., 1, 26-27); und ebenso belichtet sie, wie Er ihn mit übernatürlichen Gaben und Vergünstigungen bereicherte und ihn so für ein ewiges und unaussprechliches Glück bestimmte. Sie zeigt weiter, wie von dem ersten Paar die anderen Menschen herstammen, und dann lässt sie mit unübertroffener Ausdruckskraft der Sprache deren Teilung in mannigfache Gruppen und die Verstreuung in die verschiedenen Teile der Welt folgen. Auch als sie sich von ihrem Schöpfer abwandten, hörte Gott nicht auf, sie als Söhne zu betrachten, die eines Tages nach seinem allbarmherzigen Plan noch einmal wieder in seiner Freundschaft vereint sein sollten (vgl. Gen., .12, 3).

Der Völkerapostel macht sich zum Künder dieser Wahrheit, welche die Menschen in einer grossen Familie brüderlich eint, wenn er der griechischen Welt verkündet, dass Gott «aus einem einzigen Stamm alle Geschlechter der Menschen hervorgehen liess, damit sie die ganze Oberfläche der Erde bewohnten, und dass er die Zeit ihres Daseins und die Grenzen ihrer Wohnsitze bestimmte, auf dass sie den Herrn suchten » (Apg., 17 26).

Wunderbare Schau, die uns das Menschengeschlecht sehen lässt in der Einheit eines gemeinsamen Ursprungs in Gott : «Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen, durch alles und in uns allen» (Eph., 4, 6); in der Einheit der Natur, bei allen gleich gefügt aus stofflichem Leib und geistiger, unsterblicher Seele; in der Einheit des unmittelbaren Ziels und seiner Aufgabe in der Welt; in der Einheit der Siedlung auf dem Erdboden, dessen Güter zu nutzen alle Menschen naturrechtlich befugt sind, um so ihr Leben zu erhalten und zu entwickeln; in der Einheit des übernatürlichen Endziels, Gottes selbst, nach dem zu streben alle verpflichtet sind; in der Einheit der Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Der gleiche Apostel zeigt uns die Menschheit in der Einheit der Beziehungen zum Sohne Gottes, dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes, in dem alle Dinge geschaffen sind : «In ihm ist alles erschaffen» (Kol., 1, 16); in der Einheit der für alle durch Christus gewirkten Auslösung, durch Christus, der die zerbrochene ursprüngliche Freundschaft mit Gott durch sein heiliges und bitterstes Leiden wiederherstellte, indem er sich zum Mittler zwischen Gott und den Menschen machte : «Denn es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen: den Menschen Christus Jesus»( 1 Tim., 2, 5).

Ebendieser göttliche Heils- und Friedensmittler wollte nun jene Freundschaft zwischen Gott und der Menschheit noch inniger gestalten: daher liess er in der weihevollen Stille des Abendmahlsaals, bevor er das Kreuzesopfer vollbrachte, von seinen Gotteslippen Worte kommen, die mit hellem Klang durch die Jahrhunderte widerhallten und so Heldentaten der Liebe immitten einer liebeleeren und hasszerrissenen Welt weckten: «Dies ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe» (Joh., 15, 12).

Es handelt sich hier um übernatürliche Wahrheiten, die tiefe Grundmauern und starke Bande der Einheit legen, einer Einheit, die vervollkommnet wird durch die Liebe zu Gott und zum göttlichen Erlöser, von dem alle das Heil empfangen «zum Aufbau des Leibes Christi, bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur Mannesreife, zum Vollmass des Alters Christi» (Eph., 4, 12, 13).

Im Lichte dieser rechtlichen und tatsächlichen Einheit des Ganzen der Menschheit fügen sich die Einzelnen nicht bindungslos aneinander wie Sandkörner; vielmehr einen sie sich in organischen, harmonischen und wechselseitigen Beziehungen (die mit dem Wandel der Zeiten verschiedenartige Formen annehmen können) entsprechend ihrem natürlichen und übernatürlichen Ziel und Antrieb.

Dass die Völker sich entfalten und sich besondern gemäss der Verschiedenheit von Lebens- und Kulturbedingungen, ist nicht auf Spaltung der Einheit des Menschengeschlechts hingerichtet; die Völker sollen diese vielmehr durch die Mitteilung ihrer besonderen Gaben und durch den gegenseitigen Austausch ihrer Werte reicher und schöner gestalten; dies kann aber nur geschehen und im ganzen wirksam sein, wenn eine wechselseitige Liebe und eine lebendig gefühlte Zuneigung alle Kinder desselben Vaters und alle in demselben Gottesblut Erlösten eint.

Die Kirche bewahrt mit grösster Treue die erzieherische Weisheit Gottes. Daher kann sie nicht daran denken und denkt nicht daran, die für jedes Volk eigentümlichen Sonderwerte anzutasten oder minderzuachten, die von jedem mit empfindsamer Anhänglichkeit und mit begreiflichem Stolz gehegt und als kostbares Vätergut betrachtet werden. Das Ziel der Kirche ist die Einheit im Übernatürlichen und in umfassender Liebe durch Gesinnung und Tat, nicht die Einerleiheit, die nur äusserlich und oberflächlich ist und gerade darum kraftlos macht. Die Kirche begrüsst freudig und begleitet mit mütterlichem Wohlwollen jede Einstellung und Bemühung für eine verständige und geordnete Entfaltung solcher eigengearteter Kräfte und Strebungen, die im innersten Eigensein jedes Volkstums wurzeln; Voraussetzung dabei ist nur, dass sie mit den Verpflichtungen nicht in Widerspruch stehen, die sich der Menschheit durch ihren einheitlichen Ursprung und durch die Einheitlichkeit ihrer gemeinsamen Aufgaben auferlegen. Diese grundsätzliche Regel ist der Leitstern im allumfassenden Apostolat der Kirche, wie ihr Wirken auf dem Missionsfeld nicht nur einmal zeigt. Ungemein viele Untersuchungen und bahnbrechende Forschungen sind das mit Opfern, Hingabe und Liebe gewirkte Werk der Glaubensboten aller Zeiten, Untersuchungen und Forschungen, die darauf abzielten, das innere Verständnis und die Achtung vor verschiedenartigstem Kulturgut zu erleichtern und seine geistigen Werte zum Besten einer lebendigen und lebensnahen Verkündigung der Frohbotschaft Christi zu heben. Jedwede Gebräuche und Gewohnheiten, die nicht unlösbar mit religiösem Irrtum verknüpft sind, werden stets mit Wohlwollen geprüft und — wenn immer möglich — geschützt und gefördert. Gerade Unser unmittelbarer Vorgänger heiligen und verehrungswürdigen Andenkens wandte derartige Richtlinien auf eine besonders heikle Angelegenheit an und traf grosszügige Entscheidungen, die seinem Weitblick und seinem glühenden apostolischen Eifer ein hochragendes Denkmal setzen. Es ist nicht nötig, ehrwürdige Brüder, zu erklären, dass Wir selbst ohne Zögern denselben Weg gehen wollen. Alle ohne Ausnahme, die sich der Kirche anschliessen, welcher Herkunft und welcher Sprache sie auch sind, sollen wissen, dass sie im Hause des Herrn, wo das Gesetz und der Friede Christi herrschen, gleiche Kindesrechte besitzen. Im Einklang mit diesen Grundsätzen der Gleichheit verwendet die Kirche alle Mühe auf die Bildung eines hochstehenden einheimischen Klerus und auf die allmähliche Erweiterung der Reihen einheimischer Bischöfe. Gerade um diesen Unseren Absichten einen äusseren Ausdruck zu geben, wählten Wir das bevorstehende Christkönigsfest, um am Grab des Apostelfürsten zwölf Vertreter der verschiedensten Völker und Stämme zur bischöflichen Würde zu erheben. Mitten in der Zerrissenheit und Gegensätzlichkeit, die die Menschheitsfamilie spalten, vermag diese feierliche Handlung allen Unseren auf der weiten Welt verstreuten Kindern laut zu künden, dass Geist, Lehre und Tun der Kirche nicht abweichen können von der Predigt des Völkerapostels: «Zieht den neuen Menschen an, der das Bild seines Schöpfers trägt und zu ganz neuer Erkenntnis führt. Da heisst es nicht mehr Heide oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Barbar oder Szythe, Sklave oder Freier: Christus ist alles und in allen» (Kol., 3, 10-11).

Man fürchte nicht, dass das Bewusstsein des umfassenden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Grösse des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebensowenig, dass dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die Förderung des Wohls und der berechtigten Anliegen der eigenen Heimat geht. Dieselbe Lehre zeigt nämlich, dass es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt, und nach dieser muss man mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der göttliche Meister zeigte durch sein Beispiel, dass er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; er weinte ob der drohenden Verwüstung der Heiligen Stadt. Aber die begründete und rechte Liebe zum eigenen Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Liebe, die auch die anderen und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt.

Wunderbar ist diese Lehre von der Liebe und vom Frieden. In hohem Masse hat sie zum bürgerlichen und religiösen Fortschritt der Menschheit beigetragen.

Denn die von übernatürlicher Liebe beseelten Boten dieser Lehre begnügten sich nicht damit, das Land urbar zu machen und Krankheiten zu heilen; darüber hinaus wurde von ihnen der Boden eigentlichen Lebens angereichert, geprägt und emporentwickelt zu göttlichen Höhen; man nahm den Aufschwung zu den Gipfeln der Heiligkeit, wo alles und jedes im Lichte Gottes gesehen wird. Denkmäler und Heiligtümer erhoben sich, die bezeugen, zu welchen Geisteshöhen der christliche Gedanke den Austieg bahnt. Vor allem aber machten sie aus den Menschen, aus den Gebildeten und den Ungebildeten, aus den Starken und den Schwachen, lebendige Tempel Gottes und Rebzweige am selben Weinstock, an Christus. Man überlieferte den künftigen Geschlechtern die Schätze der Kunst und Wissenschaft des Altertums; aber vor alledem: man liess sie teilhaben an jenem unaussprechlichen Geschenk der ewigen Weisheit, das die Menschen durch ein Band übernatürlicher Zusammengehörigkeit zu Brüdern vereint.

* * *

Ehrwürdige Brüder, das Ausserachtlassen des Gesetzes der allumfassenden Liebe, die allein den Frieden sichern, den Hass ersticken und den Geist bösartigen Zwistes mässigen kann, muss die Quelle schwerster Schäden im friedvollen Zusammenleben der Völker bilden. Nicht weniger unheilvoll aber erweisen sich für das Wohl der Nationen und den Fortschritt der grossen menschlichen Gesellschaft, die in ihrem Schoss alle Völker umspannt, jene falschen Gedankengänge, nach denen die Staatsgewalt frei und unabhängig vom höchsten Wesen dastehen soll; und doch ist Gott die erste Ursache und das letzte Ziel des Einzelnen wie der Gesellschaft. Die Staatsgewalt soll keine Bindung an ein höheres Gesetz anerkennen, das aus Gott als der ersten Quelle erfliessen würde; vielmehr billigt man ihr unbegrenzte Handlungsfreiheit zu und überlässt sie damit dem unsteten Wellengang der Willkür und ausschliesslich den Forderungen schwankender geschichtlicher Ansprüche und zeitbedingter Interessen.

Damit verneint man die Herrscherhoheit Gottes und die verpflichtende Kraft seines Gesetzes. Mit unerbittlicher Folgerichtigkeit greift dann die staaliche Gewalt nach jener unumschränkten Selbstherrlichkeit, die doch nur dem Schöpfer zusteht; sie sucht sich an die Stelle des Allmächtigen zu setzen, erhebt den Staat oder die Masse zum letzten Ziel des Lebens, zur obersten Richtschnur der sittlichen und rechtlichen Ordnung, und verbietet damit jeden Appell an die Grundsätze der natürlichen Vernunft und des christlichen Gewissens.

Wir wollen nicht verkennen, dass abwegige Grundsätze sich glücklicherweise nicht immer voll auswirken, besonders dann nicht, wenn jahrhundertealtes christliches Herkommen, von dem die Völker gelebt haben, noch tief, wenn auch nur unbewusst, in den Herzen verwurzelt ist.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass jede Richtschnur des sozialen Lebens wesenhaft ungenügend ist und versagen muss, wenn sie nur auf rein menschlichen Grundmauern ruht, nur von irdischen Beweggründen sich leiten lässt und ihre ganze Kraft auf die Zwangsmittel einer rein äusseren Gewalt stützen will.

Wo die Abhängigkeit des menschlichen Rechtes vom göttlichen Recht geleugnet wird, wo man sich nur an die schwankende Idee einer rein irdischen Autorität wendet und eine Eigengesetzlichkeit fordert, die einzig auf dem Standpunkt der Nützlichkeitsmoral steht, dort fehlt einem solchen rein menschlichen Recht gerade bei seinen schwersten Anforderungen die sittliche Kraft — und das nicht ohne Grund — denn die sittliche Bindegewalt ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Recht Anerkennung finden und auch Opfer fordern kann.

Es ist wohl richtig, dass eine Macht, die auf so schwachen und schwankenden Grundlagen ruht, manchmal unter gegebenen Umständen äussere Erfolge erreicht, die weniger tiefblickende Beobachter in Erstaunen setzen können; aber es kommt dann der Augenblick, wo das unausweichliche Gesetz doch triumphiert, das jedes Werk trifft, das aufgebaut ist auf dem verborgenen oder offenen Missverhältnis zwischen der Grösse des materiellen, äusseren Erfolges und der Schwäche seines inneren Wertes und sittlichen Fundaments. Und dieses Missverhältnis besteht immer dann, wenn die Staatsgewalt die Oberhoheit des obersten Gesetzgebers verkennt oder verleugnet; Er hat den Staatshäuptern die Gewalt gegeben, und Er hat ihrer Gewalt die Grenzen bezeichnet und gezogen.

Die staatliche Herrschaftsgewalt ist vom Schöpfer gewollt — das hat mit hoher Weisheit Unser grosser Vorgänger Leo XIII. in seinem Rundschreiben Immortale Dei dargelegt. Sie soll das gemeinschaftliche Leben nach den Richtlinien einer in ihren allgemeinen Grundgesetzen unveränderlichen Ordnung regeln, sie soll der menschlichen Persönlichkeit in der natürlichen Ordnung die Erreichung der leiblichen, geistigen und sittlichen Vollkommenheit erleichtern und sie schliesslich fördern im Streben nach ihrem übernatürlichen Ziel.

Es ist also das auszeichnende Vorrecht und die hohe Sendung des Staates, die private Tätigkeit der Einzelnen im nationalen Leben zu überwachen, zu fördern und zu ordnen, um sie einheitlich auf das allgemeine Wohl auszurichten. Das letztere kann jedoch nicht nach Willkür bestimmt werden, noch darf es seine Norm in erster Linie von der materiellen Wohlfahrt der Gesellschaft empfangen; es erhält sie vielmehr von der harmonischen Entwicklung und natürlichen Vervollkommnung des Menschen, dem die Gemeinschaft vom Schöpfer selbst als Mittel zugeordnet ist.

Den Staat als Endziel betrachten wollen, dem einfach alles unterzuordnen und zuzuweisen sei, würde schliesslich notwendig einer wahren und dauerhaften Wohlfahrt der Völker schaden. Und das in jedem Fall, mag man dem Staat eine derart unbegrenzte Oberhoheit zugestehen als dem Bevollmächtigten der Nation, des Volkes oder auch einer einzelnen sozialen Klasse, oder mag der Staat selbst, unabhängig von jedweder Beauftragung, für sich als den unumschränkten Herrn ein derartiges Recht beanspruchen.

In der Tat, die Privatinitiative hat ihre innere, empfindliche und verwickelte Gesetzmässigkeit, die das Verwirklichen der ihr eigentümlichen Ziele sicherstellt. Wenn nun der Staat diese Privatinitiative an sich zieht und von sich aus ordnen will, so wird sie, gewaltsam losgetrennt von ihrem Mutterboden, nämlich von dem verantwortlichen Einsatz der Einzelperson, nur Schaden leiden, und zwar zum Nachteil des öffentlichen Wohls.

Auch die erste und wesenhafte Keimzelle der Gesellschaft, die Familie, ihr Wohlsein und Wachsen, würde dann Gefahr laufen, lediglich unter dem Gesichtswinkel völkischer Kraft betrachtet zu werden. Damit aber würde man vergessen, dass Mensch und Familie durch ihre Natur vor dem Staat sind, und dass der Schöpfer beiden Kräfte und Rechte verliehen und eine Aufgabe zugewiesen hat, die unbezweifelbaren Naturforderungen entspricht.

Die Erziehung des kommenden Geschlechts würde nicht mehr auf eine ausgeglichene Entwicklung des Körpers und aller geistig-sittlichen Anlagen zielen, sondern auf die einseitige Ausbildung jener staatsbürgerlichen Tugenden, die man als notwendig zur Verwirklichung politischer Erfolge erachtet; jene Tugenden dagegen, die das gesellschaftliche Leben mit dem Feiergewand von Edelsinn, Menschlichkeit und Ehrfurcht umkleiden, würden weniger empfohlen, gleichsam als ob sie den Stolz des Staatsbürgers verminderten.

In schmerzhafter Klarheit stehen vor Unserm Blick die Gefahren, die dem heutigen und kommenden Geschlecht aus der Verkennung, Verkürzung und fortschreitenden Auslöschung der Eigenrechte der Familie erwachsen müssen. Darum erheben Wir Uns, im vollen Bewusstsein Unserer heiligen Amtspflicht, zu ihrem freimütigen Anwalt. Nirgendwo werden die äusseren und inneren, die materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit so bis zur Neige verkostet, nirgendwo die vielfachen Irrtümer in ihren tausend Auswirkungen so bitter durchlitten, wie innerhalb der Klein- und Edelzelle der Familie. Ein richtiger Wagemut, ja ein Heldentum, das in seiner Schlichtheit dreifach achtunggebietend dasteht, ist oft vonnöten, um die Härten des Lebens, die tägliche Leidenslast, die wachsenden Entbehrungen und fortschreitende Einengung zu tragen, die ein früher nie gekanntes Ausmass erreichen und deren innerer Sinn und sachliche Notwendigkeit oft nicht zu sehen sind. Wer in der Seelsorge steht, wer in die Herzen schauen kann, weiss um die heimlichen Tränen der Mütter, um den stillen Schmerz ungezählter Väter, weiss um die Bitternis, von der keine Statistik spricht noch sprechen kann. Er sieht mit Besorgnis die Flut dieser Bitternisse immer höher und höher steigen und beobachtet, wie die Mächte der Umwälzung und Zerstörung auf der Lauer liegen, um solche Stimmungen für ihre dunklen Ziele auszunutzen. Niemand, der guten Willens und offenen Auges ist, wird in so aussergewöhnlichen Zeiten der Staatsgewalt ein weitgehendes Notrecht verweigern wollen. Aber die von Gott gesetzte, sittliche Ordnung verlangt auch in solcher Lage die ernste, in gewissem Sinn sogar verschärfte Prüfung, ob derartige Massnahmen sittlich erlaubt und vom wahren Gemeinwohl sachlich erfordert sind.

In jedem Falle — je grösser die materiellen Opfer sind, die seitens des Staates von dem einzelnen und der Familie verlangt werden: um so heiliger und unverbrüchlicher müssen ihm die Rechte des Gewissens sein. Er kann Gut und Blut fordern, aber niemals die von Gott erlösten Seelen. Der Auftrag, den Gott den Eltern gab, für die materielle und seelische Wohlfahrt ihrer Kinder zu sorgen und ihnen eine ausgeglichene Erziehung in Geiste echter Religiosität zu vermitteln, kann ihnen von niemand ohne schwere Rechtsverletzung entrissen werden. Diese Erziehung soll gewiss auch sein eine Erziehung «zum Staate hin», d. h. zur bewussten, gewissenhaften, freudigen Pflichterfüllung eines edlen Patriotismus, der dem irdischen Vaterland das ihm zukommende Vollmass an Liebe, Hingabe und Mitarbeit schenkt. Eine Erziehung jedoch, die darauf vergässe oder gar bewusst unterliesse, Auge und Herz der Jugend auch auf das ewige Vaterland zu lenken, wäre ein Unrecht an der Jugend, ein Unrecht an den unabtretbaren Erzieherrechten und Erzieherpflichten der christlichen Familie — eine Grenzüberschreitung, die nach Abhilfe ruft, gerade auch im Interesse des Volks- und Staatswohls. Mag sie denen, die dafür verantwortlich sind, vorübergehend als Quelle wachsender Kraft und Macht erscheinen; in Wirklichkeit wäre sie das Gegenteil und ihre bitteren Auswirkungen würden das beweisen. Die Majestätsbeleidigung gegen den ((König der Könige, und den Herrn der Herrscher » (1 Tim., 6, 15; Apoc , 19, 16), die in einer christusfremden oder gar christusfeindlichen Erziehung sich vollzieht, die Umkehr des Herrenwortes : «Lasset die Kinder zu mir kommen» (Marc, 10, 14) in sein Gegenteil müsste bitterste Früchte tragen. Der Staat, der den blutenden, in Gewissenskämpfen sich verzehrenden Herzen der christlichen Väter und Mütter ihre Sorgen abnimmt und ihre Rechte wiedergibt, baut nur an seinem eigenen inneren Frieden und an der Grundlegung einer glücklichen Zukunft des Vaterlandes. Die Seelen der Kinder, die Gott den Eltern schenkte, die in der Taufe mit dem Königszeichen Christi besiegelt wurden, sind ein heiliges Treuhandgut, über dem Gottes eifersüchtige Liebe wacht. Derselbe Christus, der gesagt hat: Lasset die Kinder zu mir kommen, hat — bei all seiner erbarmenden Güte — ein schneidendes Wehe gerufen über jene, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis bereiten. Und welches Ärgernis wirkt vernichtender und nachhaltiger auf ganze Geschlechter als eine Fehlleitung der Jugenderziehung in eine Richtung, die von Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, wegführt in offenen oder getarnten Abfall von ihm? Dieser Christus, dem man die heutige und kommende Jugend zu entfremden sucht, er ist derselbe, der aus den Händen seines himmlischen Vaters alle Königsgewalt empfing im Himmel und auf Erden. Er trägt in seiner allmächtigen Hand das Schicksal der Staaten, der Völker und Nationen. Bei ihm steht es, ihr Leben, Wachsen, Gedeihen und ihre Grösse zu kürzen oder zu verlängern. Von allem, was diese Erde trägt, ist nur die Menschenseele unsterblich. Ein Erziehungssystem, das den von Gottes heiligem Gesetz umfriedeten Bannkreis der christlichen Familie nicht achtete, ihre sittlichen Grundlagen bedrohen, der Jungend den Weg zu Christus, zu den Lebens- und Freudenquellen des Heilandes (vgl. Isai, 12, 3) versperren wollte, das gar den Abfall von Christus und seiner Kirche als Kennzeichen der Treue zum Volk oder einer bestimmten Klasse erachten wollte, würde sich selbst das Urteil sprechen und zu gegebener Zeit die unentrinnbare Wahrheit des Propheten Wortes an sich erfahren : «Alle, die Dich verlassen, werden in den Staub geschrieben» (1er., 17,13).

* * *

Die falsche Auffassung von der schrankenlosen Autorität des Staates, ehrwürdige Brüder, ist nicht nur für das innere Leben der Nationen, ihre Wohlfahrt und ihren geordneten Aufschwung verderblich, sondern schadet auch den Beziehungen der Völker untereinander, weil sie die übernationale Gemeinschaft zerstört, dem Völkerrecht seine Grundlage und seine Bedeutung entzieht, zur Verletzung fremder Rechte führt und jedes Verstehen und friedliche Zusammenleben erschwert.

Die Menschheit ist zwar, gemäss der von Gott eingerichteten natürlichen Ordnung, in gesellschaftliche Gruppen, Nationen und Staaten geteilt, die von einander unabhängig sind inbezug auf Gestaltung und Leitung ihres Eigenlebens; zugleich ist sie aber auch durch gegenseitige sittliche und rechtliche Bindungen zu einer grossen Gemeinschaft zusammengeschlossen, deren Ziel das Wohl aller Völker ist und die ihre Einheit und ihren Fortschritt durch besondere Gesetze schützt.

Es ist nun klar, dass die angebliche absolute Autonomie des Staates zu dieser naturgegebenen Rechtsordnung in offenem Widerspruch steht, sie geradezu leugnet, indem sie die Dauerhaftigkeit internationaler Beziehungen dem Ermessen der Regierenden überlässt und dadurch eine gesicherte Einigung und fruchtbare Zusammenarbeit zum gemeinsamen Wohl unmöglich macht.

Soll es also, ehrwürdige Brüder, ein dauernd friedliches Nebeneinander und fruchtbringende Verbindungen von Land zu Land geben, so ist dafür unerlässliche Voraussetzung, dass die Völker das die internationalen Beziehungen unterbauende Naturrecht anerkennen und danach handeln, durch das allein jene Verbindungen bestehen und sich auswirken können. Zu diesem Naturrecht gehört die Achtung der jeweiligen Rechte auf Unabhängigkeit, auf Dasein und auf Entwicklungsmöglichkeiten kultureller Art; dazu gehört ferner die Einhaltung der Verträge, die nach den Satzungen des Völkerrechts eingegangen worden sind.

Zweifellos ist unerlässliche Vorbedingung für jedes friedliche Zusammenleben der Völker und gewissermassen die Seele aller Rechtsbeziehungen zwischen ihnen das gegenseitige Vertrauen, die Gewissheit, dass ein gegebenes Wort von beiden Seiten gehalten wird, die Zuversicht, dass alle Teile davon überzeugt sind, wie sehr «Weisheit besser ist als Waffengewalt» (Eccle., 9, 18); dass man bereit ist, zu verhandeln und nicht zur Gewalt oder Gewaltandrohung zu schreiten, wenn Verschleppung, Hindernisse, Änderungen oder sonstige Unstimmigkeiten vorliegen; denn dergleichen braucht nicht notwendig von bösem Willen zu kommen, sondern kann in den gewandelten Verhältnissen und tatsächlichen Interessengegensätzen seinen Grund haben.

Wollte man jedoch das Völkerrecht vom göttlichen Recht loslösen, um es auf den unabhängigen Willen der Staaten aufzubauen, so würde man es dadurch entthronen und ihm die vornehmste und stärkste Verankerung nehmen, um es der unseligen Dynamik privater Interessen und kollektiver Selbstsucht zu überantworten, die beide nur mehr die eigenen Rechte auf Kosten der Rechte anderer zur Geltung bringen wollen.

Es kann wohl geschehen, dass im Lauf der Zeit und unter wesentlich veränderten Umständen, die beim Vertragsabschluss nicht vorgesehen waren und vielleicht nicht vorhergesehen werden konnten, ein Vertrag oder einzelne Bestimmungen desselben wirklich oder scheinbar ungerecht, unausführbar, allzu drückend für einen Vertragspartner werden. Wenn ein solcher Fall eintreten sollte, müsste zeitig durch ehrliche Verhandlung der Vertrag geändert oder durch einen neuen ersetzt werden. Aber von vornherein Verträge als etwas Vorübergehendes ansehen und sich stillschweigend das Recht zu ihrer einseitigen Lösung vorbehalten, sobald es nützlich dünkt, hiesse jegliches gegenseitige Vertrauen von Staat zu Staat zerstören. Das wäre das Ende der naturgewollten Ordnung, und es blieben nur mehr unüberbrückbare Trennungsgräben zwischen den Völkern und Nationen.

Heute, ehrwürdige Brüder, blickt eine ganze Welt mit Grauen in den Abgrund, an den die von Uns gekennzeichneten Irrtümer und die aus ihnen geborenen praktischen Ergebnisse die Menschheit geführt haben. Die Trugbilder eines stolzen Fortschrittglaubens liegen am Boden. Wer auch jetzt noch nicht erwachen will, den müsste das Geschehen dieser Tage aufrütteln mit den Worten des Propheten: «Ihr Tauben, hört, und ihr Blinden, schauet auf!» (Is., 42, 18). Was nach aussen Ordnung schien, war nichts anderes als wachsende Verwirrung. Eine Verwirrung der sittlichen und rechtlichen Lebensgesetze, die sich von der Majestät des Gottesgesetzes gelöst und alle Bereiche der menschlichen Betätigung verseucht hatten. Aber lassen Wir das Vergangene. Schauen Wir in die Zukunft, in jene Zukunft, die nach den blutigen Kämpfen von heute eine neue Ordnung in Gerechtigkeit und Wohlfahrt bringen soll, wie uns die Mächtigen dieser Welt versprechen.

Wird diese Zukunft andere, wird sie bessere Wege wandeln? Die Friedensschlüsse, die völkerrechtliche Neuordnung am Ende des nun entfesselten Kriegs — werden sie wirklich von Gerechtigkeit und Billigkeit gegen alle beseelt sein, werden sie die Menschheit befreien und befrieden, oder werden sie ausmünden in eine traurige Wiederholung alter und neuer Irrtümer? Von der bewaffneten Auseinandersetzung und ihrem Ergebnis allein eine entscheidende Besserung zu erhoffen, ist eitel; das beweist die Erfahrung. Die Stunde des Sieges ist eine Stunde des äusseren Triumphes für jene, deren Fahnen er zufällt. Aber sie ist zugleich auch eine Stunde der Versuchung, wo der Engel der Gerechtigkeit ringt mit dem Dämon der Gewalt. Nur zu leicht verhärtet sich das Herz des Siegers; Masshaltung und vorausschauende Weisheit erscheinen ihm als Schwäche. Die lodernde Leidenschaft der Masse, durch Opfer und Leiden zur Glut entfacht, blendet oft auch das Auge der Verantwortlichen und lässt sie die mahnende Stimme der Menschlichkeit und Billigkeit überhören; sie wird übertönt oder erstickt von dem mitleidlosen «Wehe den Besiegten!» Entschlüsse und Entscheidungen, aus solcher Stimmung erwachsen, würden Gefahr laufen, nichts zu sein als Unrecht unter dem Mantel der Gerechtigkeit.

Nein, ehrwürdige Brüder, nicht von aussen her wird den Völkern Rettung kommen. Das Schwert kann Friedensbedingungen diktieren, aber keinen wahren Frieden schaffen. Von innen, vom Geiste her müssen die Kräfte wachsen, die das Antlitz der Erde erneuern.

Nach den Bitternissen und Kämpfen der Gegenwart darf nicht wieder eine Neuordnung der Welt, des staatlichen und überstaatlichen Gemeinschaftslebens werden, die auf dem Flugsand immerfort sich wandelnder und vergehender Rechtsschöpfung steht und dem individuellen oder kollektiven Eigennutz überlassen bleibt. Ihr letzter und unerschütterlicher Felsgrund muss wieder das aus Natur und Offenbarung sprechende Gottesrecht werden. Von ihm allein kann dem menschlichen Gesetzgeber der Geist der Selbstbeherrschung, der helle Sinn für sittliche Verantwortung kommen, ohne den die Spanne zwischen dem berechtigtem Gebrauch und dem Missbrauch der Gewalt oft nur allzu kurz ist. Nur so werden seine Entscheidungen innere Stetigkeit, hehre Würde und religiöse Sanktion finden und nicht zum Spielball von Eigennutz und Leidenschaft werden.

Wenn es richtig ist, dass die Übel, an denen die heutige Menschheit leidet, wenigstens zum Teil wirtschaftliche Ursachen haben, im Kampf um eine gerechtere Verteilung der Güter, die Gott dem Menschen zu seinem Unterhalt und Fortschritt gegeben hat, so ist nicht weniger richtig: Die Wurzeln dieser Übel liegen noch viel tiefer; sie liegen darin, dass der religiöse Glaube und die sittliche Überzeugung mehr und mehr zerstört worden sind, je mehr sich die Völker von der Einheit der Glaubenslehre und des Sittengesetzes entfernt haben, die einstens durch die unermüdliche und segensreiche Arbeit der Kirche gefördert wurde. Wenn eine künftige Erziehungsarbeit an der Menschheit Erfolg haben soll, dann muss vor allem geistige und religiöse Erziehungsarbeit geleistet werden. Sie muss von Christus als dem einzigen Fundament ausgehen, sie muss im Geist der Gerechtigkeit geleitet und in Geist der Liebe vollendet werden.

Diese Wiedergeburt durchzuführen, unter Anpassung an die veränderten Zeiten und die neuen Bedürfnisse der Menschheit, ist recht eigentlich Aufgabe der Mutter Kirche. Ihr ist die Verkündigung der Frohen Botschaft von ihrem göttlichen Stifter übertragen. Hier wird den Menschen Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe eingeschärft. Dazu beitragen, diese Gesetze so fest als möglich in den Herzen und in den Gewissen verankern, das ist die vornehmste und auch die wirksamste Arbeit für den Frieden. Diese Aufgabe ist so gewaltig, dass die streitende Kirche menschlich gesprochen fast daran verzweifeln müsste. Aber an der Ausbreitung des Gottesreiches zu arbeiten, in jedem Jahrhundert anders, mit neuen Mitteln, unter neuen und harten Kämpfen, ist ein Gebot, unter dessen heiligem Zwang jeder steht, den die Gnade des Herrn der Dienstbarkeit Satans entrissen und im Bade der Wiedergeburt zum Bürger seines Reiches umgeschaffen hat.

Mitglied dieses Reiches sein, heisst seinem Geist entsprechend leben, heisst an seinem Wachstum arbeiten, seine Schätze auch denen erschliessen, die noch nicht seine Glieder sind. Das besagt aber in unsern Tagen: ankämpfen müssen gegen Hindernisse und Widerstände, die in ausgeklügeltem System in die Breite und Tiefe angelegt sind wie nie zuvor; daher ist heute mehr denn je ein offenes, mutiges Glaubensbekenntnis gefordert, Standhaftigkeit in Kampf, äusserste Opferbereitschaft. Wer im Geiste Christi lebt, den entmutigen die Schwierigkeiten nicht, vielmehr treiben sie ihn zu höchster Kraftanspannung und vollstem Gottvertrauen an; der entzieht sich nicht den harten Forderungen des Augenblicks, sondern stellt sich ihnen und vollbringt seine Hilfeleistung mit jener Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckt, die stärker ist als der Tod, die sich nicht auslöschen lässt durch die reissenden Wasser der Trübsal.

Ein inniger Trost, eine beglückende Freude, für die Wir Gott dem Herrn Tag für Tag in tiefer Demut danken, ist es für Uns, ehrwürdige Brüder, in allen Breiten der katholischen Welt unverkennbare Zeichen eines Geistes zu sehen, der den riesengrossen Aufgaben der Zeit mutig die Stirne bietet, der mit bewundernswerter Hochherzigkeit und entschlossenem Ernst darangeht, die erste und wesentliche Sorge um persönliche Selbstheiligung mit dem apostolischen Ringen um des Gottesreiches Mehrung in fruchtbarem Ausgleich zu vereinen. Das von Unsern Vorgängern mit so viel Liebe gepflegte Werk der Eucharistischen Kongresse und die Mitarbeit der Laien, die in der Katholischen Aktion zum vertieften Bewusstsein ihrer hohen Sendung und Würde erzogen werden, schenken der Kirche in einem Moment gesteigerter Bedrohung und verstärkter Beanspruchung Gnadenquellen und Kraftreserven, die in dem zwischen Christentum und Antichristentum entbrannten Kampf nicht hoch genug eingeschätzt werden können

In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein Missverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der grossen Ernte und den wenigen Arbeitern (Matth., 9, 37; Lk., 10, 2) einen sorgenschweren Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche, eifrige und hingebende Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für die Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, Er möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth., 9, 38; Lk., 10, 2), ist in einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe diesem Apostolat die ganze Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine Massenheimkehr zu Christus zu wandeln. Ihnen allen gilt in diesem für die Kirche und die Menschheit so bedeutungsvollen Augenblick Unser väterlicher Gruss, Unser bewegter Dank, Unsere vertrauensvolle Hoffnung. Sie haben in Wahrheit ihr Leben und Schaffen unter das Banner Christi des Königs gestellt. Sie können mit dem Psalmisten sprechen: «Meine Werke gehören dem König» (Ps. 44, 1). Der Ruf : Zu uns komme Dein Reich! — ist nicht nur Sehnsuchtsziel ihres Betens, sondern auch Leitstern ihres Handelns. In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen ehrender und beglückender nicht erhoffen können. Diese apostolische Arbeit, im Geiste der Kirche geleistet, weiht auch den Laien gewissermassen zum «Diener Christi», wie es der hl. Augustin mit folgenden Worten erklärt: ((Meine Brüder, wenn ihr den Herrn sagen hört : „Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein“ so dürft ihr nicht nur an die guten Bischöfe und Geistlichen denken. Auch ihr dient ja in eurer Weise Christus, indem ihr heilig lebt, Almosen spendet und Christi Namen und Lehre soviel als möglich verkündet. Jeder Familienvater sei schon auf Grund dieses Namens sich bewusst, dass er seine Familie in väterlicher Güte umfangen soll. Um Christi und um des ewigen Lebens willen möge er alle die Seinen ermahnen, belehren, aufmuntern und zurechtweisen; er zeige ihnen ein gutes Herz, aber sehe auch auf ernste Zucht; so wird der Hausvater in seinem Heim ein kirchliches, ja geradezu ein bischöfliches Amt erfüllen, indem er Christus dient, um auf ewig auch bei Christus zu sein» (In Ev. Joh., tract. 51, n. 13).

Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laienapostolates fällt eine besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den Geist des jungen Geschlechts entscheidend. Solange am heimischen Herd des Christusglaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen Erlöser aus der Öffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen, wo von den Wänden der Schulen das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie der providenzielle, in einem gewissen Grade unangreifbare Zufluchtsort christlicher Glaubensgesinnung. Und — Gott sei es gedankt! — unzählige Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in grosser Zahl — auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus Leid und Verfolgung bedeutet — harrt aus am Throne des Erlöser-Königs mit jener ruhigen und sicheren Entschlossenheit, die an die ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.

Welche Ströme des Segens könnten sich über die Welt ergiessen, wieviel Licht, Ordnung und Befriedung in die verschiedenen Bereiche des Gemeinschaftslebens einziehen, wieviel kostbare, ja unersetzbare Kräfte könnten für die grossen Aufgaben und Ziele der Menschheit nutzbar gemacht werden, wenn man der Kirche, der berufenen Lehrmeisterin von Gerechtigkeit und Liebe, freie Bahn gäbe, auf die sie kraft ihres Gottesauftrags ein heiliges, unbestreitbares Recht besitzt! Wieviel Unheil könnte verhütet, wieviel Glück und Zufriedenheit geschaffen werden, wollte die soziale und übernationale Friedensarbeit sich von den starken Antrieben des Evangeliums der Liebe im Kampf gegen individuellen und kollektiven Eigennutz lenken lassen!

Die Gesetze, die das Leben der gläubigen Christen ordnen, und die Postulate wahren Menschentums widersprechen sich nicht, sondern stützen sich gegenseitig. Im Interesse der leidenden, in ihrem materiellen und geistigen Gefüge tief erschütterten Menschheit haben Wir keinen sehnlicheren Wunsch, als diesen: die Not der Gegenwart möge vielen die Augen öffnen, damit sie Christus den Herrn und die Sendung seiner Kirche in der Welt im wahren Lichte sehen, und alle Machthaber mögen sich entschliessen, für die welterzieherischen Aufgaben der Kirche im Sinne der Gerechtigkeit und des Friedens die Bahn freizugeben.

Voraussetzung für diese Friedensarbeit ist, dass der Kirche bei der Ausübung der ihr von Gott anvertrauten Sendung keine Hindernisse in den Weg gelegt werden; dass man ihr Betätigungsfeld nicht einengt und nicht die Massen, besonders die Jugend, ihrem segensreichen Einfluss entzieht. Als Stellvertreter dessen, der vom Propheten „Fürst des Friedens“ (Isai., 9, 6) genannt worden ist, wenden wir Uns daher an die Lenker der Völker und an alle, die auf das öffentliche Leben Einfluss besitzen, damit sich die Kirche in voller Freiheit ihrer Erziehungsaufgabe widmen könne, indem sie die Wahrheit verkündigt, die Gerechtigkeit einschärft und die Herzen mit der göttlichen Liebe Christi erneuert.

Auf die Ausübung dieser ihrer Mission, die als Endziel hier auf Erden den göttlichen Plan verwirklichen will «alles in Christus zu erneuern, was im Himmel und auf Erden ist» (Eph., 1, 10), kann die Kirche niemals verzichten; umso weniger heute, wo ihre Arbeit notwendiger denn je erscheint, da die traurige Erfahrung lehrt, dass äussere Mittel, menschliche Vorsorge und politische Massnahmen allein ausserstande sind, der bedrängten Menschheit wirksame Erleichterung zu bringen.

Gerade weil die menschlichen Auskunftsmittel leider die Stürme abzuwenden nicht imstande waren, die unsere Kultur in ihren Wirbel reissen, wenden viele erneut voll Hoffnung ihren Blick zur Kirche, dem Hort der Wahrheit und Liebe, zum Stuhle Petri, von dem, wie sie fühlen, der Menschheit jene Einheit des Glaubens und des Sittengesetzes wiedergeschenkt werden kann, die zu anderer Zeit den friedlichen Beziehungen der Völker Dauer und Festigkeit verlieh.

Eine Einheit, nach der nicht wenige für die Geschicke der Völker verantwortlichen Staatsmänner mit schmerzlicher Sehnsucht Ausschau halten: sie müssen es ja Tag für Tag erfahren, wie sehr die Mittel versagen, auf die sie einstens ihre Hoffnung setzten. Eine Einheit, auf welche die Scharen, gross an Zahl, Unserer eigenen Kinder harren, die täglich den Gott des Friedens und der Liebe anrufen (vgl. 2 Cor., 13,11). Eine Einheit, die Erwartung so vieler edler Geister, die zwar nicht zu Uns gehören, die aber doch in ihrem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und Frieden ihr Augenmerk auf den Stuhl Petri richten, von wo sie Führung und Rat erhoffen.

Was sie an der katholischen Kirche achten, ist die sichere Festigkeit, mit der die Kirche durch zwei Jahrtausende die christliche Glaubens- und Lebensregel bewahrt hat. Was sie achten, ist die unerschütterliche Geschlossenheit der kirchlichen Hierarchie, die geeint um Petri Nachfolger sich selbstlos aufopfert, um das Licht der Frohbotschaft in die Menschheit hineinzutragen, sie zu führen und zu heiligen; die in mütterlichem Verstehen weitherzig ist gegen alle, aber unbeugsam bleibt, wenn sie, selbst um den Preis von Verfolgung und blutigem Tod, erklären muss: Non licet, es ist nicht erlaubt!

Und doch, ehrwürdige Brüder, die Lehre Christi, die allein den Menschen eine sichere Glaubensgrundlage bieten kann, von der aus der Blick in selige Fernen schweift und das Herz den göttlichen Dingen sich weit erschliesst, die Lehre Christi, die in den grossen Zeitnöten mächtige Hilfe verleiht — sie und das rastlose Mühen der Kirche, jene Lehre zu verkünden, zu verbreiten und die Menschen nach ihr zu bilden, sind nicht selten Gegenstand misstrauischen Verdachts, als ob sie den Unterbau der staatlichen Autorität erschütterten und sich deren Rechte anmassten.

Solchem Argwohn gegenüber erklären Wir mit apostolischer Offenheit: Bei allem Festhalten an dem, was Unser Vorgänger Pius XI. verehrungswürdigen Angedenkens in seinem Rundschreiben «Quas primas» vom 11. Dezember 1925 über die Gewalt Christi des Königs und Seiner Kirche gelehrt hat, liegen der Kirche derartige Bestrebungen vollkommen fern; sie breitet ihre mütterlichen Arme gegen die Welt aus — nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Sie beansprucht nicht, sich innerhalb des Eigenbereichs anderer rechtmässiger Gewalten an deren Stelle zu setzen; sie bietet ihnen vielmehr ihre Hilfe an, ganz nach dem Beispiel und im Geiste ihres göttlichen Stifters, der «umherzog, Wohltaten spendend» (Apg., 10, 38).

Die Kirche predigt mit Nachdruck Gehorsam und Ehrfurcht gegenüber der weltlichen Autorität, die ja ihre hohe Abkunft von Gott herleitet, und sie hält sich an die Lehre ihres göttlichen Meisters, der sagte: «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt» (Mt., 22, 21); sie will sich keine Macht anmassen, sondern lässt in ihrer Liturgie singen: «Doch der raubt nie ein irdisch‘ Reich, der himmlische vergeben kann» (Hymnus am Epiphaniefest). Sie beugt nicht die menschliche Kraft nieder, sondern erhebt sie zu allem Hochherzigen und Edlen, sie prägt Charaktere, die unentwegt zu ihrem Gewissen stehen. Die Kirche, die den Völkern die Gesittung brachte, hat sich nie gegen den kulturellen Fortschritt der Menschheit gestemmt, im Gegenteil — ihr Mutterstolz schaut auf ihn mit Freude und Gefallen. Was ihr Wirken will, haben, die Engel an der Krippe des menschgewordenen Gottes wunderbar verkündet, als sie des Höchsten Ehre sangen und den Menschen guten Willens die Friedensbotschaft brachten : «Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Frieden den Menschen seiner Huld» (Luk., 2, 14). Es ist der Friede, den die Welt nicht geben kann; ihn hat der göttliche Erlöser seinen Jüngern als Erbe hinterlassen: «den Frieden hinterlasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch» (Job.., 14, 27); und nach dieser erhabenen Lehre Christi, die Er selbst im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zusammenfasste, haben Millionen von Seelen den Frieden gefunden, finden ihn heute und immerdar. Die Geschichte von fast zweitausend Jahren — und ein grosser Redner Roms hat die Geschichte treffend die «Lehrmeisterin des Lebens» (Cic, Orat., 1, 2, 9) genannt — liefert den Beweis von der Wahrheit des Schriftwortes, dass jene den Frieden nicht finden, die sich Gott widersetzen (Job, 9, 4). Denn Christus allein ist der «Eckstein» (Eph. 2, 20), auf dem das Heil des Einzelmenschen und des Gesellschaft festbegründet steht.

Auf diesen Eckstein ist die Kirche gebaut, und daher werden feindliche Mächte nichts gegen sie ausrichten: «Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen» (Matth., 16, 18). Nicht einmal schwächen können sie die Kirche, denn alle inneren und äusseren Kämpfe steigern nur ihre Kraft und winden nur immer neue ruhmreiche Siegeskränze um ihr Haupt.

Jeder andere Bau dagegen, der nicht fest auf Christi Lehre ruht, ist auf Flugsand gebaut und muss über kurz oder lang zusammenstürzen (vgl. Matth., 7, 26-27).

Ehrwürdige Brüder, die Stunde, in der dieses Unser erstes Rundschreiben zu euch hinausgeht, ist in mehr als einer Hinsicht wahrhaft eine Stunde der Finsternis (cf. Luk., 22, 53), in der die Geister der Gewalt und des Unfriedens die blutige Schale namenlosen Leides über die Menschheit ausgiessen. Brauchen Wir Euch zu versichern, dass Unser Vaterherz allen seinen Kindern mitleidend in Liebe nahe ist, vor allem den Bedrängten, Unterdrückten und Verfolgten? Schon sind Völker in den mörderischen Strudel des Krieges hineingezogen, und vielleicht stehen sie erst am «Anfang der Leiden» (Matth., 24, 8); und doch ist bereits in Tausenden von Familien Tod und Verwaisung, Trauer und Elend bitterer Hausgast geworden. Das Blut ungezählter Menschen, auch von Machtkämpfern, erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk, wie das polnische, dessen kirchliche Treue und Verdienste um die Rettung der christlichen Kultur mit unauslöschlichen Lettern in das Buch der Geschichte geschrieben sind und ihm ein Recht geben auf das menschlich-brüderliche Mitgefühl der Welt. Vertrauend auf die mächtige Fürsprache Marias, der Hilfe der Christen, ersehnt es die Stunde einer Auferstehung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und eines wahren Friedens.

Was heute geschehen ist und weiter geschieht, stand wie eine Vision vor Unserem Auge, als Wir in einer Zeit, wo noch nicht alle Hoffnung geschwunden war, nichts unversucht liessen, um in den Unserem heiligen Amte gemässen Formen und mit den Uns zu Gebote stehenden Mitteln den Waffengang zu verhüten und die Wege zu einer für beide Teile ehrenvollen Vereinbarung offen zu halten. Überzeugt davon, dass der Gewaltanwendung von der einen Seite die bewaffnete Antwort der Gegenseite folgen werde, erachteten Wir es — selbst auf die Gefahr von Missverständnissen Unserer Absichten und Ziele hin — für eine unabweisbare Pflicht Unseres Amtes und ein Gebot christlicher Liebe, alles daran zu setzen, um der Menschheit und der Christenheit die Schrecken eines neuen Weltbrandes zu ersparen. Unsere Mahnungen sind, wenn auch nicht ungehört, so doch unbefolgt verhallt. Und während Unser Herz erschauert in Hirtenleid und Hirtensorge, ersteht vor Uns das Bild des Guten Hirten; es ist Uns, als müssten Wir in seinem Namen der Welt von heute sein klagendes Wort zurufen: «Ach hättest du es doch erkannt, was Dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor Deinen Augen verborgen!» (Luk., 18, 42).

Inmitten dieser Welt, die heute das grauenvolle Gegenstück zu dem Frieden Christi im Reiche Christi bietet, steht die Kirche und stehen ihre Gläubigen vor Zeiten und vielleicht Jahren der Prüfung, wie sie in ihrer bewegten Kampf- und Leidensgeschichte sicher selten zu verzeichnen waren. Aber gerade in solchen Zeiten weiss der, der einen festen Glauben und ein gestähltes Herz besitzt, dass Christus der König den Seinen nie so nahe ist, wie in der Stunde der Heimsuchung, die stets eine Feuerprobe christlicher Bewährung bedeutet. Mit blutendem Herzen ob der Leiden und Gefahren so vieler ihrer Kinder, aber auch mit dem Starkmut und der Unbeirrbarkeit, die ihr die Verheissungen des Herrn verleihen, geht die Braut Christi den kommenden Stürmen entgegen. Und sie weiss: die Wahrheit, die sie predigt, die Liebe, die sie lehrt und übt, wird einst beim Aufbau einer neuen Welt in Gerechtigkeit und Liebe mithelfen als unentbehrliche Beraterin und Stütze aller, die guten Willens sind, wenn einmal die Menschheit auf dem Weg des Irrtums sich müde gelaufen und den bitteren Trank des Hasses und der Gewalttat bis zur Neige ausgekostet hat.

Inzwischen aber, ehrwürdige Brüder, soll die Welt, sollen alle vom Kriesgselend Betroffenen erfahren, dass das Grundgesetz des Reiches Christi, die katholische Bruderliebe, nicht ein leeres Wort ist, sondern lebendige Wirklichkeit. Ein unübersehbares Arbeitsfeld eröffnet sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das Vertrauen zu Unsern Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen Ländern, deren Boden noch nicht von der Geissel des Kriegs heimgesucht ward, dass sie im Geiste des Göttlichen Samaritana sich derer erinnern, die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe haben.

Die katholische Kirche steht da als die Stadt Gottes, «deren König die Wahrheit, deren Gesetz die Liebe, deren Lebensform die Ewigkeit ist» (S. Aug., Ep., 38 ad Marcellinum, 3, 17); sie kündet die Wahrheit, unverfälscht und unvermindert, sie wirkt mit mütterlicher Hingabe aus Christi Liebe, und erhebt sich als «Erscheinung seligen Friedens » über dem Strudel von Irrtum und Leidenschaft. So harrt sie des Augenblicks, da Christi des Königs allmächtige Hand dem Sturm gebietet und die Geister bannt, die den Unfrieden heraufbeschworen. Was in Unserer Macht liegt, um das Kommen des Tages zu beschleunigen, wo die Friedenstaube auf dieser von einer Sintflut der Zwietracht überfluteten Erde eine Rast findet, das wollen Wir auch weiterhin tun; Wir vertrauen dabei auf jene hervorragenden Staatsmänner, die vor Kriegsausbruch sich mit Edelmut eingesetzt haben, um die Völker vor solcher Geissel zu bewahren; wir vertrauen auf Millionen von Seelen aller Länder und Schichten, die wie nach Gerechtigkeit, ebenso auch nach Liebe und Erbarmen rufen; Wir vertrauen aber vor allem auf den allmächtigen Gott, zu dem Wir täglich flehen: «Im Schatten Deiner Flügel hoffe ich, bis die Trübsal weicht» (Ps. 56, 2).

Gott kann alles: in Seiner Hand trägt er das Glück und Los der Völker ebenso wie die Pläne der Menschen; er vermag sie in Milde zu wenden, wie Er es will. Selbst Hindernisse werden in Seiner allmächtigen Hand zu Werkzeugen, um Dinge und Geschehnisse zu formen und den freien Entschluss der Herzen auf Seine Ziele zu lenken.

Darum, ehrwürdige Brüder, betet ohne Unterlass, betet vor allem dann, wenn ihr das göttliche Opfer der Liebe darbringt. Betet ihr, von denen der mutige Glaubenseinsatz heute harte, schwere, oft heldenhafte Opfer fordert; betet ihr leidenden und bedrückten Glieder der Kirche, wenn Jesus zu euch kommt, um eure Schmerzen mit tröstender Liebe zu lindern.

Vergesst auch nicht, durch wahren Bussgeist und würdige Werke der Busse euer Gebet angenehmer zu gestalten in den Augen dessen, «der Stütze ist allen, die stürzen, und der alle Gebeugten aufrichtet» (Ps. 144, 14), damit Er in seiner Barmherzigkeit die Tage der Prüfung abkürze und sich so das Wort des Psalmisten erfülle: «Sie schrien in ihrer Bedrängnis zum Herrn, und er befreite sie aus ihren Ängsten» (Ps. 106,13).

Und ihr lichten Scharen der Kinder, ihr Lieblinge Jesu, erhebt beim Empfang des himmlischen Lebensbrotes euer unberührtes, unschuldvolles Gebet und vereint es mit dem Flehen der ganzen Kirche. Dem Flehruf der Unschuldigen kann Jesu Herz nicht widerstehen; denn es liebt euch. Betet alle, betet ohne Unterlass (1 Thess., 5, 17).

So werdet ihr in die Tat umsetzen, was der göttliche Meister als erhabenes Gebot, als heiligstes Vermächtnis Seines Herzens hinterliess: «dass alle eins seien» (Joh., 17, 20): dass alle in jener Glaubens- und Liebeseinheit leben, an der die Welt erkennen soll, wie stark und eindrucksmächtig Christi Sendung und Seiner Kirche Wirken ist.

Die alte Kirche hat dieses Gottesgebot begriffen, getätigt und in einem erhabenen Gebet ausgesprochen; das sollt ihr zu dem eurigen machen mit jenen Gesinnungen, die das Leid der Stunde erheischt: «Gedenke, o Herr, Deiner Kirche, erlöse sie von allem Übel und mache sie vollkommen in Deiner Liebe. Führe sie, die Geheiligte, von den vier Himmelsrichtungen zusammen in Dein Reich, das Du ihr bereitet hast; denn Dein ist die Macht und Ehre in Ewigkeit» (Didache, cap. 10).

Im Vertrauen, dass Gott, des Friedens Mehrer und Freund, das Gebet Seiner Kirche erhöre, erteilen Wir als Unterpfand überströmender göttlicher Gnade, aus der Fülle Unseres väterlichen Herzens, den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Castel Gandolfo bei Rom, am 20. Oktober 1939, im ersten Jahr Unseres Pontifikats.

PIUS PP. XII.

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Quelle: AAS-31-1939 (565-594)

Siehe auch:

Papst Paul und Papst Franziskus: „Nie wieder Krieg!“

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Paul VI. bei einer Audienz für den italienischen Premier Moro

Wenn man an Vorbilder für Papst Franziskus denkt, wird oft Papst Johannes XXIII. genannt. Viele Ähnlichkeiten fallen sofort ins Auge. Wenn man aber die Schriften des Papstes liest, dann findet man dort einen anderen Vorgänger oft und ausführlich zitiert: Paul VI. „Papst Franziskus hat immer wieder gesagt, dass [das postsynodale Schreiben] Evangelii Nuntiandi das wichtigste Dokument für die Pastoral nach dem Vatikanischen Konzil ist“, sagt im Interview mit Radio Vatikan Angelo Maffeis, der Direktor des Instituto Paulo VI. „Ich denke, dass bindet ihn an den Papst, der das Konzil zu seinem Abschluss geführt hat und der in den darauf folgenden Jahren die Erneuerung der Pastoral in der Kirche vorangebracht hat.“

Und wer genauer hinschaut, findet noch mehr Beziehungen, sagt Angelo Maffeis: „Mir scheint, dass sich mit Blick auf die letzte Enzyklika von Papst Franziskus, Laudato Si’, noch mehr erkennen lässt. Mir ist aufgefallen, dass Papst Paul VI. in Populorum Progressio von einer ganzheitlichen Entwicklung spricht, und genau dieses Wort, ganzheitlich, kommt auch in der Enzyklika von Papst Franziskus vor, wenn er von einer ganzheitlichen Ökologie spricht.“

„Nie wieder Krieg, nie wieder Krieg“, diese berühmten Worte Papst Pauls VI. vor den Vereinten Nationen stehen deswegen auch Pate für die Ansprache, die sein Nachfolger Franziskus am gleichen Ort halten wird. „Es ist kein Zufall, dass alle nachfolgenden Päpste einen Dialog mit den Vereinten Nationen geführt haben, das heißt mit der Institution, in der alle Völker versuchen, ihre Konflikte auf friedliche Weise zu lösen. Das ist ein Zeichen für den Willen der Kirche, ihren Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der Völker zu leisten. Es geht darum, neue Wege zu beschreiten.“ Damit ist das emphatische „jamais plus la guerre, nie wieder Krieg“ von Papst Paul einer der Tonangeber für Papst Franziskus.

Der Todestag des seligen Papstes jährt sich in diesen Tagen[6. August] zum 37. Mal.

(07.08.2015 ord)