«UNSERE HOFFNUNG FÜR EUCH STEHT FEST»

Joachim Kardinal Meisner

Fastenhirtenbrief 2014

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Seit meiner Bischofsweihe vor 39 Jahren steht in meinem Bischofswappen das Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief: „Spes nostra firma est pro vobis“, das heißt übersetzt: „Unsere Hoffnung für euch steht fest“. Ich schreibe Ihnen zur österlichen Bußzeit 2014 meinen letzten Fastenhirtenbrief als Erzbischof von Köln, der auch mein Abschiedsbrief sein sollte, wenngleich ich in Köln wohnen bleiben werde. Ich möchte Ihnen gern das, was mich fast vier Jahrzehnte meines bischöflichen Wirkens hindurch begleitet und gestärkt hat, als Vermächtnis hinterlassen: Das ist die Wirklichkeit der Hoffnung.

Die Hoffnung gehört zu den göttlichen Tugenden, die wir zum Beispiel bei jedem Rosenkranzgebet am Anfang erbitten: Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig oder willkürlich gewählt, sondern entspricht der Realität, die Gott uns Menschen mit der Hoffnung schenkt. Die Wurzel der Hoffnung ist und bleibt der Glaube an den lebendigen Gott, und das Ziel der Hoffnung ist die Liebe Gottes. Die Hoffnung ist also die Mitte der drei göttlichen Tugenden.

1. Der Glaube ist die Wurzel, der Ausgangspunkt und die Energie der Hoffnung. Wo Glaube fehlt, gibt es keine Hoffnung. Und umgekehrt: wo ein lebendiger Glaube vorhanden ist, dort gibt es eine starke und lebendige Hoffnung. Das Ziel der Hoffnung aber ist die Liebe Gottes. Sie ist wie ein Magnet, der den Menschen anzieht. Um sie zu erreichen, braucht man den langen Atem, und den schenkt uns die Hoffnung. Der Glaube ist gleichsam der Motor der Hoffnung, die den Menschen dynamisiert, ihm immer wieder neue Ideen eingibt, um das Reich Gottes voranzubringen. Die Liebe ist die Zugkraft. Sie bewahrt uns vor Resignation und vor der inneren Müdigkeit. Hoffnungslosigkeit lässt dagegen das menschliche Herz austrocknen und macht es unempfindlich für neue Möglichkeiten, die zu einem neuen Aufbruch motivieren möchten.

Unsere Gesellschaft ist weithin von einer Hoffnungslosigkeit geprägt. Es gibt in unserem Land nicht mehr allzu viele Frauen, die „in guter Hoffnung“ sind und ein Kind zur Welt bringen. Denn das Ja zum Kind ist ein lebendiges Hoffnungszeichen für die menschliche Gesellschaft. Der so genannte wissenschaftliche Fortschritt auf vielen Gebieten könnte uns eigentlich Anlass zur Hoffnung sein, um den Menschen Erleichterung, Hilfe und Zukunft zu bringen. Und trotzdem ist unser gesellschaftliches Leben von Hoffnungslosigkeit, Überdruss, Lustlosigkeit und Fantasielosigkeit überlagert.

2. In meinem 25-jährigen bischöflichen Wirken in der Erzdiözese Köln, aber auch schon vorher neun Jahre in dem damals noch geteilten Berlin und davor fünf Jahre als Weihbischof in Erfurt, war es der Glaube, der mich nicht in die Hoffnungslosigkeit versinken ließ. Nicht nur in der Zeit des staatlich verordneten Atheismus der DDR war das Leben für Christen, namentlich für junge Christen, sehr schwer. Danach in einem weithin gelebten Materialismus voller Pluralität, verbunden mit einem praktischen Atheismus des Westens, war und ist es eigentlich für einen Christen nicht viel anders. In diesen Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Bischof begleitete mich bis heute das Gebet des seligen Kardinals John Henry Newman: „Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch – nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit, nie war sein Kommen deutlicher, nie seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen zwischen Sturm und Sturm in der Erdenzeit zu ihm beten: »O Gott, du kannst das Dunkel erleuchten, du kannst es allein«“. Dieser Glaube ist und bleibt der Ursprung der Hoffnung, die uns realistisch die Wirklichkeiten nüchtern erkennen lässt, aber auch die unbegrenzten Möglichkeiten, die darin enthalten sind.

Je größer der Glaube, desto intensiver die Hoffnung. Hoffnung ist nicht die billige Tugend der Optimisten, sondern sie ist die Grundkraft, die der menschlichen Seele zum Aufbruch verhilft und sie vor dem Scheitern bewahrt. Die große heilige Theresia drückt das in ihrem Gebet aus:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles geht vorüber,
nur Gott bleibt derselbe. Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt!“

„Wer Gott hat, der hat alles“, das ist die Wirklichkeit eines lebendigen Glaubens, der die Hoffnung zu einer unüberwindlichen Kraft der christlichen Wirklichkeit werden lässt.

Jeder von uns, der lebendig unsere Welt wahrnimmt, weiß, wie sehr wir Christen gerade heute die Hoffnung in Kirche und Welt nötig haben. Die Bitte: „Der die Hoffnung in uns stärke“ sollte unser Tagesgebet sein. Es ist zwar kurz, aber umso kräftiger. So gibt es keine hoffnungslosen Fälle und hoffnungslosen Angelegenheiten, wenn man die Wirklichkeit unter der Realität des Glaubens sieht. Die Quelle der Hoffnung ist der Glaube. Würden wir den Rhein von seinen Quellen trennen, dann brauchte es nur kurze Zeit, bis das Wasser abgelaufen ist, und es bliebe nur Schlick und Schlamm im Flussbett übrig. Der Rhein wäre dann nicht mehr die Lebensader unserer Region und unseres Erzbistums. Wenn wir die Hoffnung nicht mehr rückkoppeln an den Glauben, dann stirbt die Hoffnung. Sie gibt uns keine Impulse mehr zur christlichen Bewältigung unseres Lebens.

3. Die Hoffnung hat als Schubkraft den Glauben im Rücken, aber die Hoffnung hat vor sich – gleichsam als Anziehungskraft wie ein starker Magnet – die Liebe Gottes. Je stärker die Sehnsucht nach dieser Liebe, desto größer die Spannkraft der Hoffnung. Die Liebe Gottes zu mir und dann meine Liebe zu Christus und seiner Kirche waren und sind es, die meine Hoffnung nie erlahmen ließen und meine Fantasie neu beflügelten und meine Kräfte gestärkt haben, um das Evangelium Christi vorwärts zu bringen. Dafür bin ich zutiefst dankbar und hoffe, Ihnen hier im Erzbistum Köln wenigstens ein wenig davon mitgegeben zu haben.

Auch habe ich vielen Frauen und Männern in unserem Erzbistum zu danken, die mir in schwierigen Situationen schlicht ihr Gebet versprochen haben. Was ich oft in den Gemeinden bei Gottesdiensten am Schluss gesagt habe, wiederhole ich hier dankbar: „Petrus und damit die Bischöfe stehen unter dem Wort des Herrn: Du aber stärke deine Brüder und Schwestern! – Wer aber stärkt denn einen Bischof?“, war dann immer meine Frage; „auch Bischöfe sind schwache Menschen“. Ich wusste aus Erfahrung, dass der Glaube des Volkes Gottes und das Beten der Mitchristen den Bischof in seinem apostolischen Dienst stärken und ermutigen. Dafür habe ich allen Mitchristen in der Erzdiözese Köln herzlich zu danken.

Auch unseren Priestern, den Diakonen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Seelsorge und Caritas, in den Schulen und auch in der Verwaltung, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, gilt mein besonderer Dank. Ihnen musste ich oft neue Aufgabenstellungen abverlangen, die mir die Situation auferlegte. Sie haben meinen Anliegen entsprochen. Mit viel Sympathie denke ich auch an unsere Ordenschristen, die in großer Treue trotz weniger Schwestern und Brüder zu ihrer Berufung stehen. Die häufigen Begegnungen mit Jugendlichen bei Firmfeiern gaben mir Impulse, nicht der Resignation, sondern der Zuversicht im Herzen Raum zu geben. Regelrechte Feste der Hoffnung waren für mich immer die Fronleichnamsfeiern in Köln und die Gottesdienste im Dom. Feste des Glaubens und damit der Hoffnung und Liebe waren die Besuche in den Gemeinden, von denen ich buchstäblich gelebt habe. Ich denke gerade an meine Hoffnung im Hinblick auf geistliche Berufungen, die sich täglich in den Fürbitten der Heiligen Messe artikuliert und die in der großen „Rogamus-Gemeinschaft“ äußere Gestalt angenommen hat. Die Hoffnung, die inspiriert worden ist durch die Liebe zu Jesus Christus besonders in der Heiligen Eucharistie, habe ich noch im letzten Jahr in ergreifender Weise bei unserem Eucharistischen Kongress in Köln erleben dürfen, und sie stellt sich mir täglich in der immerwährenden eucharistischen Anbetung in der Kapelle des Maternushauses dar. Unsere Hoffnung muss verankert bleiben in der Kraft des lebendigen Glaubens hinter uns und in der Sehnsucht nach der Liebe Gottes vor uns, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (vgl. Röm 5,5). Dann bleibt die Hoffnung vital und bringt unser Leben und das Glaubensleben der Kirche in eine neue Dimension ihres Daseins.

Wie auch immer die Zeiten sein mögen, Christus ist der Herr aller Zeiten. Wer hofft, fürchtet sich nicht vor der Gegenwart und der Zukunft, und wer hofft, bewegt die Welt zum Positiven hin. Alle Welt bewundert

Papst Franziskus, der als Südamerikaner die Kirche und das Interesse an der Kirche so positiv vorwärts bewegt, nicht weil er resigniert nach dem Motto handeln würde: „Das haben wir alles schon versucht. Das haben wir schon alles getan. Das hat ja alles nichts genützt. Das war immer alles ohne Erfolg!“ – Nein! Als Mann der Hoffnung weiß er, dass Gott uns immer wieder Türen auftut, der doch selbst gesagt hat: „Klopft an, dann wird euch geöffnet“ (Mt 7,7). Der Papst probiert das, und wöchentlich ist der Petersplatz bei der Generalaudienz mit fast 100.000 Leuten gefüllt.

Hoffnungslosigkeit, Resignation, Traurigkeit und Trostlosigkeit dürften wir Christen wohl nur vom Hörensagen kennen. Uns ist die Hoffnung als die Grundkraft unseres Lebens gegeben. Und sie bleibt vital, wenn sie im Glauben verankert und auf die Liebe hin orientiert ist. Aller guten Dinge sind drei: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ihnen durfte ich als Erzbischof von Köln ein Vierteljahrhundert dienen. Ich wollte Ihnen immer und überall die Freude an Gott bezeugen und vermitteln, weil sie ja die Stärke unserer Hoffnung ist. Ich danke Ihnen nochmals herzlich für alle Stärkung, die ich dabei gefunden habe, und bitte alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war. Der Herr möge alles ergänzen, was bruchstückhaft in meinem Dienst geblieben ist. Ich bleibe – so Gott will – bis zur Stunde meines Todes in eurer Mitte und werde wohl jetzt mehr Zeit haben, um für euch alle zu beten und eure Sorgen und Hoffnungen durch mein Gebet dem Herzen Gottes entgegenzuhalten.

Es segne euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2014

Euer
Joachim Kardinal Meisner

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Quelle

„Heilige Verpflichtung“: Das christliche Abendland oder die Erwählung Europas

Ein Beitrag von Dr. Juliana Bauer

Durch verschiedene Pressemitteilungen vom 12. Januar geisterten einmal mehr Worte des Erzbischofs von München und Freising, die dieser in einer Berliner Rede, wie berichtet, von sich gab. Dieses Mal war es das „christliche Abendland“, dem der bayerische „Oberhirte“ sein besonderes Augenmerk schenkte. Von dem Begriff „christliches Abendland“ halte er „nicht viel, weil der Begriff vor allem ausgrenzend“ sei (kath net 12.01.2019 u.a.).

Nun gab es im christlich geprägten Europa/Abendland in der Tat über Jahrhunderte viele Ausgrenzungen. Die Geschichte des jüdischen Volkes spricht hier eine beredte und traurige Sprache. Dennoch übersieht der „christliche“ Theologicus die 2000-jährige Kultur-Geschichte Europas (oder besitzt er nur mittelmäßige Kenntnisse?), um sich sogar, mit Blick auf die Apostelgeschichte im Neuen Testament, ein Eigentor zu schießen.

Er möge sich daher einmal in Kapitel 16, Vers 6-10 versenken. Aufschlussreich wäre für ihn sicherlich auch eine Predigt des 2017 verstorbenen Kölner Erzbischofs, bei dessen Requiem er mit Betrübnis heischender Miene und in wichtig geglaubter Funktion in vorderster Reihe stand.

ÜBER DIE ERWÄHLUNG EUROPAS – AUSZÜGE AUS EINER PREDIGT VON JOACHIM KARDINAL MEISNER +

Predigt zum 1.700-jährigen Jubiläum des Erzbistums Köln im Hohen Dom zu Köln am 29. September 2013 (Quelle: PEK Erzdiözese Köln)

 „Niemand hat eine so große Herkunft in Europa wie wir als Christen und deshalb hat auch niemand eine so große Zukunft wie wir als Christen.“ 

Mit diesen Worten eröffnete der damalige Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner am 21. April 2012 das österliche Pontifikalamt Fünf Jahre Nightfever. Damit nahm er gewissermaßen in einem einzigen Satz zusammengefasst eine Predigt vorweg, die er 18 Monate später, am 29.September 2013, zum 1.700-jährigen Jubiläum des Erzbistums Köln im Hohen Dom zu Köln hielt.

Er erinnert in dieser Predigt an eine Begebenheit von weitreichender Bedeutung, welche die Apostelgeschichte überliefert, die dennoch vielen Christen unbekannt ist und offensichtlich dem Gedächtnis mancher Hirten und Oberhirten entschwunden scheint: nämlich daran, dass der Apostel Paulus bereits während seiner zweiten Missionsreise dazu berufen wurde, dem

ERDTEIL EUROPA

die Botschaft Jesu zu verkünden. Nicht „Indien“ oder „China“ oder „das alte Pharaonenland am Nil“, hebt Meisner gleich zu Beginn der Predigt hervor – “Nein, der kleinste Erdteil … wird berufen, das Samenkorn des Evangeliums in sich aufzunehmen…“

Dann nimmt er seine zahlreichen Zuhörer und Zuhörerinnen mit auf die faszinierende Reise des Paulus und seiner Begleiter: „Weil ihnen aber vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort in der Provinz Asien zu verkünden, reisten sie durch Phrygien und das galatische Land“, zitiert er den Bericht der Apostelgeschichte. Um dann Schritt für Schritt die weitere Route in der heutigen Türkei mit zu wandern bis zu der Küste, die Griechenland und damit dem europäischen Festland gegenüber liegt.

Foto: Wahlplakat der CDU aus einer Zeit, als sie noch christdemokratisch war (c) CDU, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons

In Troas, einem Landschaftsgebiet im türkischen Nordwesten, hatte Paulus nachts eine entscheidende Vision, von der Lukas, der Schreiber der Apg und Weggefährte des Völkerapostels, berichtet. Er sah dort einen Mazedonier stehen, der ihm zurief: „Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns! Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, dass uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden“ (Apg 16,6-10).

Diese Überzeugung teilt Joachim Meisner mit Paulus und seinen Begleitern. Er erläutert seinen Gläubigen, wie der Apostel, der „gar nicht die Absicht…hatte, nach Europa zu gehen“, „vom Geist Jesu förmlich dazu gedrängt“ wurde. Meisner betont das Große, das Bedeutende, das aus dieser Berufung sprach: dass „Gott selbst, der Herr der Geschichte, wollte, dass die Frohe Botschaft nach Europa gelange.“

Er erkennt in Paulus‘ Vision nicht nur den Auftrag Gottes an ihn und seine Weggefährten, ihre „eingeschlagene Ostrichtung der Evangelisation abzubrechen und in den Westen zu gehen“, sondern auch die Bereitschaft auf europäischer Seite, die Botschaft Jesu aufzunehmen.

Meisner sieht darin zu Recht eine „höchste Auszeichnung unseres Erdteils Europa“, die diesem, dem kleinsten, aber „schon damals politisch bedeutsamsten“ Kontinent zukam.

DAS ABENDLAND ALS HEILIGE VERPFLICHTUNG

Der Erzbischof sieht in dieser Erwählung aber auch „eine heilige Verpflichtung“ – eine „heilige Verpflichtung“, die vielen Politikern, die sich christlich nennen, allen voran aber einer Reihe von Oberhirten in Europa und in Deutschland unmissverständlich und eindringlich in Erinnerung gerufen werden sollte.

Am konkreten Beispiel des hl. Maternus, des ersten historisch nachweisbaren Bischofs von Köln (frühes 4.Jh.), macht Joachim Meisner, mit Blick auf das 1700jährige Jubiläum des Erzbistums, den Sprung vom Süden Europas in die Kulturräume nördlich der Alpen und führt, gerade auch am Beispiel Kölns und seiner frühen Bischöfe, die dort wachsende Bedeutung des Christentums und seiner Verkünder aus.

Die Grundlage hierzu sieht Meisner in der entscheidenden Glaubensfrage der untrennbar verbundenen Einheit der Gottheit Jesu und seinem Mensch-Sein, die das Konzil von Chalcedon 451 bekannte und die „die Glaubensboten … für unser Denken … begreiflich zu machen“ suchten, um die Welt entsprechend zu gestalten. Aus diesem Glaubensbekenntnis heraus erläutert der Erzbischof die „Christuswirklichkeit“, welche „nun die Geschichte Europas bis in diese Stunde … bestimmte“ (wenngleich er negative Entwicklungen wie auch Gefahren, denen Europa in Geschichte und Gegenwart ausgesetzt war/ist, in keinster Weise außer Acht lässt).

Die 2000-jährige Geschichte des Christentums in Europa fest im Blick erinnert er nochmals nachdrücklich an die besondere Verantwortung der Christen und appelliert an uns alle, „alles … einzusetzen“, „um Europa christlich zu erhalten und zu durchdringen.“

Denn, zitiert Kardinal Meisner den Historiker Friedrich Heer,

„von allen Großräumen der Weltgeschichte ist das Abendland bis zur Gegenwart der einzige Raum geblieben, in dem die Inkarnation, die Menschwerdung Christi, geschichtsbildend geworden ist.“

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Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt anlässlich des 125. Geburtstages von Pater Josef Kentenich in Gymnich am 21. November 2010

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, verehrte, liebe Schwestern, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, dem Herrn!

„Du, Bethlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll“ (Mi 5,1), sagt der Prophet im Hinblick auf das Kommen Christi in Bethlehem. „Du, Gymnich, bist keineswegs die geringste Ortschaft unter den Ortschaften des Erftkreises, denn aus dir ging vor 125 Jah­ren Josef Kentenich hervor, der unserer Kirche und unserem Volk zum Segen geworden ist!

Es ist ein Geheimnis der göttlichen Vorsehung, dass wir diesen großen Christen aus kleinen Verhältnissen in Gymnich am Christkönigsfest feiern dürfen. Wirklich Großes hat der Allmächtige an ihm, an den kleinen Leuten getan. Das ist der Arbeitsstil Gottes.

1. Am 125. Geburtstag von Josef Kentenich, Ihres Gründers der Schönstattfamilie, haben wir uns zur Geburtstagsfeier vor dem Altare Gottes in seiner Heimatkirche versammelt. Wir sehen in ihm nicht nur den Stifter, den Gründer der Schönstattbewegung, sondern ein Landsmann der Gymnicher. Er ist auch ein Rheinländer, und darauf dürfen wir stolz sein.

Das Leben von uns Christen endet ja nicht mit dem Tod – ganz im Gegenteil! Bei den kanonisierten Seligen und Heiligen feiern wir geradezu ihren Todestag als ihren Geburtstag zum Ewigen Leben. Deshalb bedeutet der 125. Geburtstag von Pater Kentenich nicht eine vergangenheitsbezogene Gedächtnisfeier, sondern die gegenwärtige und zukunftsorientierte Begegnung mit diesem großartigen Christen, dem Gründer der Schönstattbewegung.

Das II. Vatikanische Konzil hat unsere geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien aufgefordert, sich an ihrem Ursprungscharisma, an ihren Gründergestalten neu zu orientieren. Das bleibt zu allen Zeiten aktuell, weil alles in der Welt dem Verschleiß, dem Verbrauch, der Abnutzung und dem Altwerden unterworfen ist. Deshalb ist Erneuerung und Neuorientierung eine permanente Aufgabe für uns Christen.

Wir sind heute hier zusammengekommen, um einerseits Gott zu danken, dass er Pater Kentenich in dieses Leben gerufen und dass er ihn berufen hat, ihm und uns in dieser unwahrscheinlichen Weise zu dienen. Wir schauen aber auch auf diese große Gestalt des Rheinlandes, den Gründer der Schönstattbewegung, um neue Orientierung in neuen Verhältnissen zu suchen und zu finden.

2. Wie alle Gründergestalten hat Josef Kentenich im Leben der Gottesmutter Maria die authentische Auslegung des Christusgeheimnisses gefunden und praktiziert. Und in der Tat, das Marienleben ist das Grundmodell für das Leben nach den Evangelischen Räten inmitten der Kirche für das Heil der Welt. Damals wie heute und morgen ist und bleibt das so. Drei Kennworte prägen das Marienleben, die auch normativ für unser Dasein als Mitglieder der Schönstattbewegung, aber auch für uns als alle Christen sind. Diese drei Wor­te heißen: „Fiat!“, „Magnificat“, „Beata, quae credidisti“, d.h.: „Mir geschehe!“, „Meine Seele preist die Größe des Herrn.“, „Glückselig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Es geht um die Einwilligung, den Lobpreis und die Beglückwünschung, drei Grundantworten des Marienlebens auf das Christusereignis.

3. Zunächst wenden wir uns dem „Fiat“ zu. Vor dem Fiat steht die Herausforderung und die Zumutung Gottes an Maria: „Du sollst die Mutter des Herrn werden“. – „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ (Lk 1,34), ist die ratlose Antwort Mariens. Damals wie heute stehen wir wie Maria vor den Heraus­forderungen und Zumutungen Gottes. Wir haben alle unsere zahllosen Fragen: „Wie soll es heute geschehen mit der Weitergabe des Glaubens? Wie soll das geschehen mit dem Weiterleben unserer klösterlichen Ge­meinschaften? Wie soll das geschehen mit unserer Berufung in einer sozial total verwandelten Umwelt? Wie soll das geschehen mit der Unauflöslichkeit der Ehe oder mit der zölibatären Lebensform unserer Priester? Wie soll das geschehen mit der Zukunft unseres Volkes, wenn unsere Kinder zu Hunderttausenden getötet werden? Wie soll das alles geschehen? Jeder von uns könnte diese Fragelitanei beliebig erweitern, und jeder von uns hat ja auch seine speziellen Fragen: „Wie soll das geschehen?“ – Wie damals bei Maria.

Gott ist heute wie damals an seinen Zumutungen und an seinen Herausforderungen für uns erkennbar. Ist das nicht wirklich ein Erweis göttlichen Vertrauens, dass er uns heute in Kirche und Welt so viel zumutet? Ist das nicht ein Zeichen seines Vertrauens, dass er gleichsam seinen Mut in uns hineininvestiert? Denn auch uns gilt die Antwort an Maria: „Für Gott ist nichts unmöglich“ (Lk 1,37). Hören wir genau hin! Nichts ist unmög­lich! – Glaubst du das? Das ist die kürzeste Zusammenfassung des ganzen Credos. Bei Gott ist nichts unmög­lich! Gott hat seinen am Kreuz gestorbenen Sohn von den Toten wirklich und wahrhaft auferweckt. Ihm ist alles möglich. Dafür stehen das Leben und Sterben von Pater Kentenich. Wir brauchen nicht darüber zu theoretisieren, wir brauchen nur hinzublicken.

Und ist die fast 100-jährige Geschichte der Schönstattbewegung nicht ein schlagender Beweis für die Richtigkeit des Wortes: „Nichts ist unmöglich!“? Dazu sagt Maria: „Fiat“, dazu gibt sie ihr „Ja“ und „Amen“. Ich sage es noch einmal, das ist die kürzeste Glaubensformel, die unsere Welt am radikalsten verändert hat: „Fiat“ – Kleine Ursache, große Wirkung. Mich ergreift es immer, wenn ich in Kevelaer bin, da gibt es ein klei­nes vergilbtes, schäbiges Gebetbuchbildchen. Das lockt jedes Jahres eine Million Pilger an. – Kleine Ursache, große Wirkung. Glauben Sie das? In ihren kleinen Möglichkeiten verbergen sich Gottes unbegrenzte Mög­lichkeiten, denn bei ihm ist ja nichts unmöglich. Wieder die Frage: „Glaubst du das?“ – „Ja, Herr, ich glaube, aber hilf meinem Unglauben“, das wäre eine redliche Antwort. Denn wir brauchen einen Glauben, der nicht nur uns mit unseren Lasten trägt. Wir brauchen vielmehr einen Überschuss an Glauben, mit dem wir unsere glaubenslosen Zeitgenossen, mittragen müssen, wie Maria. Wir brauchen einen unverschämten Glauben, den Gott mit seiner Erfüllung beantworten kann. Darum lautet das erste Kennwort „Fiat“ – „Mir geschehe“.

4. Das zweite Kennwort ist das „Magnifikat“. Maria steht singend vor uns. Ihr Gründer, Pater Kentenich, ist ein Magnifikat-Mensch, der um seine eigene Kleinheit, aber gleichzeitig um die unwahrscheinliche Größe Gottes wusste. Darum war sein Berufslied trotz aller widrigen Umstände nicht das Miserere, sondern das Magnifikat. Es ist schon eigenartig: Maria ist nie dort zu finden, wo ihr Sohn Triumphe feiert: Bei der Verklä­rung auf dem Berg Tabor fehlt Maria; bei der wunderbaren Brotvermehrung, als man ihn zum König machen wollte, fehlt Maria; beim feierlichen Einzug in Jerusalem am Palmsonntag fehlt Maria; bei der Auferstehung am Ostertag fehlt Maria. Sie fehlt immer dort, wo sie sich im Lichte ihres Sohnes hätte sonnen können. Aber Maria ist immer dort zu finden, wo der Herr im Schatten steht: in der Armut der Krippe von Bethlehem; in der Bedrängnis der Flucht nach Ägypten; in der Demütigung durch seine Verwandten, die ihn für besessen hielten; in der Verlassenheit des Kreuzes auf Golgotha. Es war Petrus, nicht Maria, der den Herrn vom Kreuz fernhalten wollte und sich dafür den schärfsten Tadel aus dem Munde Jesu einhandelte, der über die Lippen Jesu gekommen ist: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! …denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23). Dort, wo nichts an Ruhm und Anerkennung zu holen ist, steht Maria bei ihrem Sohn. In einem modernen Hymnus heißt dasselbe so: „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, damit wir darinnen in die Sonne sehen, die uns umfängt!“.

Vielleicht darf ich fragen: „Wo haben wir unseren Standort? Wo ist denn Ihr Platz in der Heilsgeschichte Ihres Lebens?“ Josef Kentenich ist gleichsam ein Platzanweiser, und er führt die Regie. Ich bin der Meinung, nicht nur bei den Mitgliedern der Schönstattbewegung, sondern bei uns allen. Er stellte sich ausnahmslos neben die Mühseligen und Beladenen, neben all diejenigen, die in den Augen dieser Welt nichts gelten, aber mit denen sich Gott gleichsam in Jesus Christus identifiziert, indem er sagt: Was ihr für einen meiner ge­ringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan (vgl. Mt 25,40). Das bleibt heute genauso aktuell wie vor 125 Jahren.

Unsere Kirche sitzt heute permanent auf der Anklagebank, weil sie sich an die Wahrheit Gottes gebunden weiß, für die Unantastbarkeit der ungeborenen Kinder und der alt gewordenen und der krank gewordenen Menschen, ohne Wenn und Aber. Stellen wir uns – wie Pater Kentenich – schützend vor die Wahrheit Gottes oder verkriechen wir uns ängstlich in die Mauselöcher der Feigheit und der Menschenfurcht? Die Menschen lächeln mitunter mitleidig über uns, weil wir noch an Gott glauben können. Gott würde doch unser Leben eingrenzen. Genau das Gegenteil ist der Fall! Unser Leben wird entgrenzt durch Gott. Siedeln wir uns deswe­gen auf Dauer an der Klagemauer dieser Welt an? „Kommt, lasst uns die Finsternis singend bestehen, in der er hängt, auf dass wir darinnen die Sonne sehen, die uns umfängt!“ – wie Maria, wie Josef Kentenich. Er war ein Sänger des Magnifikats, und er war kein Fachmann in Sachen Miserere. Das möge in Gegenwart und Zukunft bei in der Schönstattbewegung so bleiben!

5. Das dritte Kennwort Mariens heißt „Beata, quae credidisti“ – „Selig bist du, Maria, weil du geglaubt hast“. Maria glaubt im Mangel der Menschen an die Fülle Gottes. Deshalb sagt sie ja bei der Hochzeit zu Kana: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und daraufhin wandelt der Herr das Wasser hinauf in Wein, der das Herz des Menschen erfreut. Und am Gründonnerstag wandelt er dann den Wein hinauf in sein eigenes Blut, das den Ewigkeitsdurst des Menschen stillt. Darum steht Maria unter dem Herzen ihres Sohnes am Kreuz, aus dem Blut und Wasser fließt (vgl. Joh 19,34), wie Johannes sagt. Maria löst diese Bewegung in Kana aus, die sich auf Golgotha vollendet. Sie führt die Menschen zu den vollen Krügen und an das offene Herz des Herrn. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation da. Die Transsubstantiation aber ist zur Kommunion be­stimmt. Was heißt das? – Wasser wird in Wein gewandelt, und der Wein in Christi Blut. Er gibt uns Communio mit Christus, sodass wir seine Blutsverwandten werden mit ihm und mit Maria. „Wir kochen alle nur mit Wasser“, wie man zu sagen pflegt. Aber wie Maria sollen wir das Wasser unserer Tränen, das Wasser unserer Sorgen und Nöte, die Wasser unseres Versagens und unserer Verluste ihm hinhalten. Er vermag alles zu ver­wandeln, und zwar immer höher hinauf: Schuld in Vergebung; Verzweiflung in Hoffnung; Mangel in Fülle.

Gerade in der gegenwärtigen Situation unserer geistlichen Bewegungen und Ordensfamilien, wo wir ei­gentlich immer nur Rückgänge, Kleiner-werden und Geringer-werden zu registrieren haben, sind wir beru­fen, dagegen anzugehen. Dabei ist Pater Kentenich Ihnen und uns gleichsam eine Vorarbeiter. Es ist uns ge­rade in der heutigen Situation wirksam aufgetragen, Positives aus dem Negativen unseres Lebens zu machen. Das Kreuz war das Handwerkszeug in den Händen von Pater Kentenich. Und das Kreuz ist das Plus geworde­ne Minus der Welt durch den Einsatz Gottes. Und darum war Pater Kentenich ein Plustyp, ein solcher Plus­mensch. Gerade am Kreuz wird alle Sinnlosigkeit in Sinn umqualifiziert, alles Negative ins Positive umgestif­tet, jedes Minus ins Plus verwandelt. Sie sind seine Nachfolger, und darum ist unsere Berufung nie, Minusty­pen zu sein. Dann würden Sie die Berufung von Pater Kentenich verraten. Ihre Berufung ist es, Plusmenschen zu sein. Wir müssen das Minus– wie Maria – dem Herzen des Herrn hinhalten, anstatt nur über das Negative zu schimpfen. Wir wollen vielmehr helfen, es ins Positive zu verwandeln: alle Schwäche in Kraft; alle Resignation in Hoffnung; alle Kritik in Lobpreis. Dann heißt es auch für uns: „Selig bist du, weil du an die verwan­delnde Osterkraft des Kreuzes Christi geglaubt hast“.

Welche riesigen Lebensbereiche warten heute bei uns auf solche Verwandlungen ins Positive! Wir werden deshalb als Christen, namentlich Sie auch als Mitglieder der Schönstattbewegung, in nächster Zukunft nie arbeitslos werden. Alle Substanz ist zur Transsubstantiation bestimmt, alle Transsubstantiation aber zur Kom­munion, alle Substanz zur Verwandlung, das Verwandelte zur Kommunion. Verwandelte Menschen braucht unsere Umwelt, wie Pater Kentenich. Gerade in Ihrer speziellen Berufung als Schönstätter sind Sie heute in unsere Kirche und Gesellschaft mehr denn je gefragt. Es kann darum mit Ihnen wie mit Maria und wie mit Josef Kentenich kein schlechtes Ende nehmen – im Gegenteil! Zu dieser marianischen Berufung darf man Sie alle beglückwünschen! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

 

Empfang für Joachim Kardinal Meisner – Abschied aus dem Amt nach 25 Jahren

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Quelle

Predigt von Kardinal Joachim Meisner im Abschlussgottesdienst zum Eucharistischen Kongress 2013 in Köln

Kardinal Joachim Meisner im Jahr 2013 in Köln vor seinem Wappen.

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Nirgendwo erhält der Mensch und unsere Welt einen so unwahrscheinlichen Wertzuwachs wie in der heiligen Eucharistie. Bei der Zurüstung der eucharistischen Gaben für die heilige Wandlung betet die Kirche: „Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns das Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit. Wir bringen dieses Brot vor dein Angesicht, dass es uns das Brot des Lebens werde“. Und dann entsprechend weiter: „Wir danken dir für den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit. Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, dass er uns der Kelch des Heiles werde“. Christus solidarisiert sich mit unserer Welt und mit den Menschen. Dieses Brot, die Frucht dieser Erde, wird zu seinem Leib. „Das ist mein Leib“, sagt der Priester im Auftrag des Herrn über jenes Brot, dieses Stückchen Materie von unserer deutschen Erde. Christus nimmt unser Land gleichsam in seine eigene Leibhaftigkeit auf. Von dieser Handvoll Brot, verwandelt in den Leib Christi, wird das ganze Land mitgeheiligt, von Görlitz bis Köln, von München bis Flensburg und jede Stadt und jedes einzelne Dorf dazwischen. Unser ganzes Land erhält eine andere, eine heilige Qualität. Darum tragen wir die Eucharistie, den Leib des Herrn, genommen aus dieser Erde, am Fronleichnamsfest über die Straßen unseres Landes. Denn beides gehört zusammen.

Christus bekennt sich zu uns und zu unserem Land. Deutschland ist trotz allem – von Gott her gesehen – nicht gottverlassen. Deutschland ist durch die heilige Eucharistie ein gottverbundenes Land. Dafür steht die Eucharistie in den Tabernakeln unserer Kirchen. Und die Erde Deutschlands ist darum keine wertfreie Materie, mit der man machen könnte, was man möchte. Diese Erde ist bestimmt und gesegnet, Leben zu spenden, Brot zu bringen, um den Hunger der Menschen zu stillen, aber auch den Hunger der Menschen nach Gott. Gott hat ein Recht auf unser Land. Und wo man ihm das Recht nimmt, dort verliert auch immer der Mensch sein Recht. Gott ist keine Privatsache. Er ist die öffentlichste Sache, die es überhaupt gibt. Er ist nicht ein kirchlicher Grundstücksverwalter, er ist der Herr der Welt und damit auch Herr unseres Landes.

2. Die heilige Eucharistie zeigt es uns deutlich: Es gibt keinen leiblosen Christus und folglich keinen weltlosen Gott und darum keine gottlose Welt. Wer im privaten und im gesellschaftlichen Leben Gott theoretisch oder praktisch ausklammert, der führt sich und die Menschen am Sinn des Lebens vorbei. Dieses Brot, die Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit, wird zum Leib Christi. Die Büros, Fabriken und Arbeitsstätten und unsere Kirchen haben darum etwas miteinander zu tun. Die Montagehallen und die Kirchengewölbe gehören zusammen. Eure tägliche Arbeit und unsere tägliche Feier der hl. Eucharistie bilden eine Einheit. Indem der auferstandene Christus sich in die Frucht menschlicher Arbeit, in das eucharistische Brot hinein vergegenwärtigt, fällt von diesem Glaubensgeheimnis aus Glanz und Würde auf die Arbeitswelt des Menschen. Gott braucht Menschen. Gott braucht Arbeiter, Ingenieure, Ärzte, um sich in die Frucht ihrer Arbeit hinein vergegenwärtigen zu können. Indem Gottes Gebote normierend für die Welt der Arbeit sind, garantiert er uns, dass die Arbeit nicht zum Götzen deformiert, und schützt die Arbeiter vor Ausnutzung und Ausbeutung. Auch deswegen feiern wir den eucharistischen Herrn heute im Eucharistischen Kongress in aller Öffentlichkeit. Wir tragen ihn hinaus aus unseren Kirchen in die Welt der menschlichen Arbeitsstätten, um zu bekennen: Du bist auch der Herr unseres Lebens und unserer Arbeitswelt.

3. Eucharistie ist auch immer das Fest des Menschen. Der Schöpfungsbericht lässt den von Gott ins Paradies gesetzten ersten Menschen, Adam, nach einer Partnerin auf die Suche gehen, nach einer Partnerin, zu der er „Du“ sagen und der er sich schenken kann. Und er findet immer nur Tiere. Und es kommt ihm nicht das menschliche „Du“ über die Lippen, sondern immer nur die Namen für die Tiere, bis ihm plötzlich Eva gegenübertritt und er in den Ruf der Freude ausbricht: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“ (Gen 2,23). Und er schenkt ihr sein „Du“. Der Herr sagt uns im Hinblick auf die heilige Eucharistie: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56). Durch die Eucharistie werden wir Fleisch von seinem Fleisch, Bein von seinem Bein. Der Herr identifiziert sich mit uns, sodass wir für Gott wirkliche Partner werden, ähnlich wie sein Sohn, sodass er auch uns sein Du-Wort schenkt, wie er zu seinem Sohn sagt: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Gefallen gefunden“ (Mk 1,11).

Der Herr identifiziert sich mit uns, und darum werden wir zu seinem Leib, zum Leibe Christi, zur Kirche des Herrn. Unsere Kirche ist kein frommer Zweckverband zur Durchsetzung religiöser Interessen, sondern die Kirche ist der Leib Christi in unserem Land. Und die Herzmitte dieser Kirche ist der eucharistische Herr, real gegenwärtig in den Gestalten von Brot und Wein. Die Gegenwart Christi im Altarsakrament zu suchen und in seiner Gegenwart zu verweilen, das ist weit mehr als eine bloße Gebetsgeste. Es heißt, sich der göttlichen Strahlungskraft der heilenden Liebe Gottes auszusetzen, die Jesus erfüllt. „Denn in ihm allein wohnt wirklich die ganze Fülle Gottes“ (Kol 2,9), wie der Apostel Paulus ausdrücklich sagt. Seinem Bild sollen wir gleichgestaltet werden. Seine Herrlichkeit sollen wir widerspiegeln, (vgl. 2 Kor 3,18) wie Paulus bezeugt. Wir treten in diese Gegenwart ein, wenn wir vor der heiligen Eucharistie niederknien, jetzt bei der hl. Messe oder vor dem Tabernakel in der heimatlichen Pfarrkirche.

Liebe Freunde, es ist kein gutes Zeichen, wenn unsere Kirchen außerhalb der Eucharistiefeiern leer oder gar verschlossen bleiben. Ich frage mich oft: „Wie kommt das nur, dass die Kirchenbänke leer bleiben, obwohl die Tabernakel voll gefüllt sind?“, und ich frage mich selbst: „Reden wir Priester zu wenig davon?“. Dieses Schweigen unsererseits wäre ohrenbetäubend für das Volk Gottes. Es wüsste dann nicht mehr, dass es ein eingeladenes Volk, ein vom lebendigen Gott erwartetes Volk ist.  „Herr,  zu  wem  sollen  wir  gehen?“ (Joh 6,68), stand und steht über unserem Eucharistischen Kongress. Und wir machen das weitere Wort des hl. Petrus zu unserem eigenen Bekenntnis: „Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68-69). In diesem apostolischen Bekenntnis ist uns Wegweisung, Wegzehrung und Weggeleit gegeben.

Wir gehen heute wieder in unsere Pfarreien und Gemeinden zurück, und dort wartet schon der eucharistische Herr in den Kirchen und Kapellen auf uns. Das wäre auch eine gute Frucht unseres Eucharistischen Kongresses, dass wir in unseren Pfarrgemeinden vielleicht als Familiengemeinschaften, als kleine Gruppen oder als Einzelne einmal in der Woche zu einer viertelstündigen Anbetung unsere Kirchen aufsuchen. Vergessen wir nicht: Christus identifiziert sich in der heiligen Eucharistie mit uns selbst und mit unserem Land!

Nun sind wir auch eingeladen, uns mit diesem Land, das unsere Heimat ist, zu identifizieren. Diese Einladung an unsere Mitbewohner auszurichten, ist unsere Berufung und ist unsere Sendung. Amen.

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Quelle

Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an

Cardinal Walter Brandmüller and Cardinal Raymond Burke pictured at a Pontifical High Mass in St. Peter’s basilica to mark the 10th anniversary of Summorum Pontificum, Sept. 16, 2017. (Edward Pentin photo)

In der Absicht, zwei kürzlich verstorbene Kardinäle zu ehren, macht der amerikanische Kardinal einen letzten Appell an den Heiligen Vater, um Klarheit zu schaffen, indem er sagt, dass die „ernste“ Situation „sich ständig verschlechtere“ und dass es „dringend“ sei, seine Brüder im Glauben zu bestärken.“

Von Edward Pentin

(Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia hat Kardinal Raymond Burke dem Heiligen Vater ein letztes Plädoyer für die Klärung wichtiger Aspekte seiner moralischen Lehre gegeben. Er sagte, die Schwere der Situation verschlechtere sich ständig.

In einem Interview vom 14. November mit dem National Catholic Register sagte Kardinal Burke, er wende sich wieder „an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche“, um zu betonen, „wie dringlich es ist, den Dienst, den er vom Herrn empfangen hat, auszuüben. Der Papst sollte seine Brüder im Glauben mit einem klaren Ausdruck der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche bestärken.“

Am 19. September letzten Jahres unterzeichneten Kardinal Burke zusammen mit den Kardinälen Walter Brandmüller und den kürzlich verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra die Dubia an den Papst. Sie machten die Initiative am 14. November 2016 öffentlich, als klar wurde, dass der Heilige Vater nicht antworten würde.

Auf die Klärung der umstrittenen Passagen aus Kapitel 8 seines nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris Laetitia gerichtet, versuchte die Fünf-Fragen-Dubia – eine uralte und gebräuchliche Praxis zur Klärung von Glaubensrichtungen – unter anderem zu ermitteln, ob die frühere kirchliche Lehre in Kraft bleibe, die verbietet, dass zivil „Wiederverheiratete“ Geschiedene, die sexuelle Beziehungen haben, die Sakramente empfangen können.

Seitdem Amoris Laetitia im April 2016 veröffentlicht wurde, haben einige Bischofskonferenzen auf der Grundlage der Exhortation (des Nachsynodalen Schreibens) gesagt, dass einige zivil wiederverheiratete Geschiedene jetzt die Sakramente je nach ihren persönlichen Umständen empfangen können, während andere, die ihre Position auf die immerwährende Lehre der Kirche gründen, sagen, dass sie es nicht können.

„Die Sorge war und ist, genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte“, sagte Kardinal Burke.

„Weit davon entfernt, dass die Bedeutung unserer Fragen geringer geworden sind“, macht die gegenwärtige Situation sie „noch dringlicher“, fügte er hinzu.

Er machte es in diesem frischen Interview auch deutlich, dass er beabsichtigt, die beiden verstorbenen Kardinäle zu ehren, indem er die Position der Unterzeichner der Dubia unterstreicht und eine Zusammenfassung der Situation gibt.


Ihre Eminenz, in welchem ​​Stadium sind wir seitdem Sie, Kardinal Walter Brandmüller, und die zwei kürzlich verstorbenen Kardinäle, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die Dubia diese Woche vor einem Jahr veröffentlichten?

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia zu Amoris Laetitia, die keinerlei Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, beobachten wir eine zunehmende Verwirrung über die Interpretationsweisen des Apostolischen Schreibens. Daher wird unsere Besorgnis wegen der Situation der Kirche und ihrer Sendung in der Welt immer dringender. Ich bleibe natürlich in regelmäßigen Gesprächen mit Kardinal Walter Brandmüller über diese schwerwiegenden Angelegenheiten. Wir beide bleiben in tiefer Verbundenheit mit den beiden verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra, die im Laufe der letzten Monate verstorben sind. Ich stelle damit noch einmal den Ernst der Lage dar, der sich immer weiter verschlimmert.

Es ist viel über die Gefahren des zweideutigen Charakters von Kapitel 8 von Amoris Laetitia gesagt worden, wobei betont wird, dass es offen ist für viel Interpretation. Warum ist Klarheit so wichtig?

Klarheit in der Lehre impliziert keine Starrheit, welche die Menschen davon abhalten würde, auf dem Pfad des Evangeliums zu gehen, sondern im Gegenteil: Klarheit liefert das Licht, das notwendig ist, um Familien auf dem Weg der christlichen Jüngerschaft zu begleiten. Es ist Dunkelheit, die uns davon abhält, den Weg zu sehen, und die die Evangelisierungshandlung der Kirche behindert, wie Jesus sagt: „Die Nacht kommt, da niemand mehr arbeiten kann“ (Joh 9,4).

Könnten Sie mehr über die aktuelle Situation im Zusammenhang mit der Dubia erzählen?

Die gegenwärtige Situation, weit entfernt davon, die Bedeutung der Dubia (Zweifel) oder Fragen zu verringern, macht sie noch dringender. Es ist überhaupt nicht – wie einige behauptet haben – eine Angelegenheit einer „betroffenen Unwissenheit“, die nur deshalb Zweifel aufwirft, weil sie nicht willens ist, eine gegebene Lehre anzunehmen. Vielmehr war und ist das Anliegen genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte. So ergeben sich die Fragen aus der Anerkennung des Petrusamtes, das Papst Franziskus vom Herrn erhalten hat, um seine Brüder im Glauben zu bestärken. Das Lehramt ist Gottes Geschenk an die Kirche, um Klarheit über Fragen zu schaffen, die das Glaubensgut betreffen. Aussagen, denen diese Klarheit fehlt, können ihrem Wesen nach keine qualifizierten Ausdrücke des Lehramtes sein.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so gefährlich, dass es unterschiedliche Interpretationen von Amoris Laetitia gibt, besonders über die pastorale Behandlung derjenigen, die in irregulären Beziehungen leben, und insbesondere der zivilrechtlich wiederverheirateten Geschiedenen?

Es ist offensichtlich, dass einige von Amoris Laetitia’s Angaben über wesentliche Aspekte des Glaubens und der Ausübung des christlichen Lebens verschiedene Interpretationen erhalten haben, die voneinander abweichen und manchmal miteinander unvereinbar sind. Diese unbestreitbare Tatsache bestätigt, dass diese Hinweise ambivalent sind und eine Vielzahl von Lesarten zulassen, von denen viele im Gegensatz zur katholischen Lehre stehen. Die Fragen, die wir Kardinäle aufgeworfen haben, richten sich auf das, was genau der Heilige Vater gelehrt hat und wie seine Lehre mit dem Glaubensgut (depositum fidei) harmoniert, da das Lehramt nicht über dem Wort Gottes steht, sondern ihm dient, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft. (2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 10).

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Fortsetzung folgt!

Kardinal Müller wirbt für Dialog mit konservativen Kardinälen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat neuerlich für einen Dialog mit konservativen Kirchenvertretern in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen geworben. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „il Foglio“ regte Müller ein Treffen mit den Kardinälen Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller und Carlo Caffarra an, bei dem offen über die strittigen Themen gesprochen werden solle. Er habe „bis heute nur Schmähungen und Beleidigungen gegen diese Kardinäle gehört“, sagte Müller. Dies sei „weder die Art noch der Ton, um weiterzukommen“. Die drei Genannten sowie der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner hatten von Papst Franziskus Klarstellungen zu einem möglichen Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene verlangt und Kritik am Papstschreiben „Amoris laetitita“ (2016) geübt.

Müller, bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation, wies eine Kategorisierung in Freund oder Feind des Papstes zurück. „Für einen Kardinal ist es absolut unmöglich, gegen den Papst zu sein“, sagte er. Nichtsdestoweniger hätten Bischöfe „das – ich würde sagen – göttliche Recht, frei zu diskutieren“.

Mit Blick auf die Nichtverlängerung seiner fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation sagte Müller, er sei „immer gelassen“ gewesen. Seine Aufgaben habe er über das nötige Maß hinaus erfüllt. Vor allem habe er sich stets loyal gegenüber dem Papst verhalten, „wie es unser Glaube verlangt“. Neben Papsttreue habe er auch theologische Kompetenz eingebracht; darum sei seine Loyalität „nie bloße Lobhudelei“ gewesen.

Papst Franziskus hatte dem 69 Jahre alten deutschen Kardinal kurzfristig bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag nicht verlängern werde. Müller will eigenen Angaben zufolge in Rom bleiben und sich der Theologie und der Seelsorge widmen.

(kna 21.07.2017 gs)

„Ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn“

Kardinal Meisner, Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2015 / © ACN

Predigt von Kardinal Peter Erdö in der Beisetzungsfeier von Kardinal Joachim Meisner

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Kardinal Peter Erdö, Primas von Ungarn, in der Beisetzungsfeier von Kardinal Joachim Meisner, die am gestrigen Samstag, dem 15. Juli 2017 im Kölner Dom stattfand.

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Eminenzen,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Amt,
werte Vertreter des öffentlichen Lebens,
liebe trauernde Gemeinde!

1. Im heutigen Evangelium spricht Jesus aus der Tiefe seines Herzens. Er ist voller Freude, weil die einfachen und demütigen Leute seine Person und seine Offenbarung annehmen. Sie nehmen ihn an, weil sie nicht ihrem eigenen Wissen vertrauen. Sie halten sich nicht für klug und weise. Wir begegnen aber der Freude in dieser Erzählung des Evangeliums auch in einem anderen Zusammenhang. Die Jünger freuen sich darüber, dass sie die Lehre Jesu angenommen haben, weil Jesus den allmächtigen Gott seinen Vater nennt und sagt, dass er den Vater kennt und alles von ihm erhalten hat. Jesus ist derjenige, der uns Menschen all dies offenbaren will. Die Liebe des Vaters offenbart sich uns, wenn wir die Lehre Jesu mit Demut annehmen.

„Ja, Vater“ – ruft Jesus in seinem Gebet. Diese Worte klingen ähnlich, wie das Ja-Wort Mariens und drücken aus, dass Jesus sein ganzes irdisches Leben der Erfüllung des Willens des Vaters widmet. Er ist mit der ganzen Liebe seines menschlichen Herzens dem Vater zugetan. Er ist dem verborgenen Plan treu, der  von der Seite des Menschen betrachtet als Mysterium des Willens Gottes erscheint.

2. Ich habe Kardinal Meisner noch in der DDR kennengelernt. Die ungarischen Priesterkandidaten durften am Anfang der Siebziger Jahre noch nicht nach dem Westen fahren. Wir konnten aber unsere Ferien in der DDR verbringen, wo wir nicht nur westliche theologische Bücher fanden, sondern auch einer katholischen Kirche begegneten, die zwar in der Diaspora lebte, aber viel mehr Möglichkeiten hatte, als unsere ungarische Kirche. Verschiedene Ordensgemeinschaften z. B., die bei uns streng verboten waren, wie die Jesuiten und viele andere, durften dort legal existieren. So war es auch in Ost-Berlin, an der Pappelallee, wo eine Gemeinschaft der Karmelitinnen lebte. Man sagte, dort gebe es „eine ungarische Schwester“. Diese ungarische Schwester, die dreißig Jahre nach dem Krieg noch immer so genannt wurde, war Cherubina Brümmer, die 1946 – so eine typisch mitteleuropäische Absurdität – als „deutsche Frau“ aus Ungarn vertrieben worden war. Bei diesen Schwestern habe ich zum ersten Mal von dem sympathischen Priester Joachim Meisner gehört, der in Schlesien geboren, in Ostdeutschland Bankkaufmann wurde und als Spätberufener die Priesterweihe empfing. Als ich dann 1975 eine Primizmesse in Ost-Berlin zelebrierte, wurde ich dem neu ernannten Weihbischof Meisner vorgestellt. Später hörte ich, dass er zum Erzbischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war: Eine Diözese, die in Ost- und West-Berlin gleichfalls zuständig war, ein Erzbischof, der seinen pastoralen Dienst in beiden Teilen der Stadt sogar ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Erzbischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Stellung hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.

1988 wurde er vom heiligen Johannes Paul II. zum Erzbischof von Köln ernannt. Er wurde auch Vorsitzender der Solidaritätsaktion Renovabis und hat weit über die Grenzen seiner Diözese hinaus für die Weltkirche Entscheidendes geleistet.

Die Bischöfe unserer Region können dankbar bezeugen, dass Kardinal Meisner auch für die Länder Mittel- und Osteuropas Vieles getan hat. Mit diesen Ländern hat ihn auch die Erinnerung an seinen Vater verbunden, der im Krieg in dieser Region gefallen war.

Die Verdienste von Kardinal Meisner als Oberhirt der Erzdiözese Köln könnten alle Anwesenden viel authentischer bezeugen als ich, der seine schöpferische Tätigkeit nur aus der Ferne begleiten konnte. Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese von Köln ausgewirkt.

3. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder, Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Schon in seinen priesterlichen Jahren leitete er die Caritas. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er war also ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn.

Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium ja geschrieben: „In jeglicher Form von Evangelisierung liegt der Vorrang immer bei Gott, der uns zur Mitarbeit mit ihm gerufen und uns mit der Kraft seines Geistes angespornt hat. Die wahre Neuheit ist die, welche Gott selber geheimnisvoll hervorbringen will, die er eingibt, die er erweckt, die er auf tausenderlei Weise lenkt und begleitet. Im ganzen Leben der Kirche muss man immer deutlich machen, dass die Initiative bei Gott liegt, dass »er uns zuerst geliebt« hat (1 Joh 4,19) … Diese Überzeugung erlaubt uns, inmitten einer so anspruchsvollen und herausfordernden Aufgabe, die unser Leben ganz und gar vereinnahmt, die Freude zu bewahren” (Nr. 12).

4. Was bedeutet es also, ein Christ zu sein? Eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, der unser Meister und unser Herr ist. Er ist keine mythologische Figur, sondern eine geschichtliche Person, wahrer Gott und wahrer Mensch. Zu seiner Lehre und zu seinem ganzen Werk führt also ein historischer Weg. Und diesen Weg müssen wir nicht als Einzelgänger begehen, sondern in der Gemeinschaft der Kirche, die uns mit Christus verbindet.

Papst Franziskus hat in seinem letzten Telegramm über den Einsatz von Kardinal Meisner für den Glauben geschrieben: „Aus einem tiefen Glauben und einer aufrichtigen Liebe zur Kirche heraus ist Kardinal Meisner für die frohe Botschaft eingetreten“.

Christus hat seine Schüler Freunde genannt. Dies gilt für alle Gläubigen, ganz besonders aber für die Priester und die Bischöfe, die in der eucharistischen Gemeinde in der Person Christi den Vorsitz haben. Eine besondere Verbindung mit Christus erleben wir auch im Gebet. Wir haben mit tiefer Berührung erfahren, dass Kardinal Meisner während seines Stundengebetes vom Gott heimgerufen wurde. In seiner Person hat uns einer der großen Apostelnachfolger unserer Zeit verlassen. Wir danken Kardinal Meisner für sein Glaubens- und Lebenszeugnis, das er für uns alle hinterlassen hat.

5. Kardinal Meisner war ein großer Marienverehrer. Er hat die Gnadenbilder geschätzt und hat die Gottesmutter als Schutzherrin der verschiedenen Völker und der ganzen Christenheit verehrt. Aus seiner marianischen Frömmigkeit bewahren wir das Vertrauen zur göttlichen Vorsehung und auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, die trotz Schwierigkeiten und Sünden den Weg der Menschheit begleitet. Bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott: Schenke unserem verstorbenen Mitbruder Anteil an der Gemeinschaft der Jungfrau Maria und aller Heiligen.

Amen.

(Quelle: DBK)