Kardinal Müller wirbt für Dialog mit konservativen Kardinälen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat neuerlich für einen Dialog mit konservativen Kirchenvertretern in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen geworben. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „il Foglio“ regte Müller ein Treffen mit den Kardinälen Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller und Carlo Caffarra an, bei dem offen über die strittigen Themen gesprochen werden solle. Er habe „bis heute nur Schmähungen und Beleidigungen gegen diese Kardinäle gehört“, sagte Müller. Dies sei „weder die Art noch der Ton, um weiterzukommen“. Die drei Genannten sowie der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner hatten von Papst Franziskus Klarstellungen zu einem möglichen Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene verlangt und Kritik am Papstschreiben „Amoris laetitita“ (2016) geübt.

Müller, bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation, wies eine Kategorisierung in Freund oder Feind des Papstes zurück. „Für einen Kardinal ist es absolut unmöglich, gegen den Papst zu sein“, sagte er. Nichtsdestoweniger hätten Bischöfe „das – ich würde sagen – göttliche Recht, frei zu diskutieren“.

Mit Blick auf die Nichtverlängerung seiner fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation sagte Müller, er sei „immer gelassen“ gewesen. Seine Aufgaben habe er über das nötige Maß hinaus erfüllt. Vor allem habe er sich stets loyal gegenüber dem Papst verhalten, „wie es unser Glaube verlangt“. Neben Papsttreue habe er auch theologische Kompetenz eingebracht; darum sei seine Loyalität „nie bloße Lobhudelei“ gewesen.

Papst Franziskus hatte dem 69 Jahre alten deutschen Kardinal kurzfristig bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag nicht verlängern werde. Müller will eigenen Angaben zufolge in Rom bleiben und sich der Theologie und der Seelsorge widmen.

(kna 21.07.2017 gs)

„Ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn“

Kardinal Meisner, Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2015 / © ACN

Predigt von Kardinal Peter Erdö in der Beisetzungsfeier von Kardinal Joachim Meisner

Wir dokumentieren im Folgenden die Predigt von Kardinal Peter Erdö, Primas von Ungarn, in der Beisetzungsfeier von Kardinal Joachim Meisner, die am gestrigen Samstag, dem 15. Juli 2017 im Kölner Dom stattfand.

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Eminenzen,
verehrte Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Amt,
werte Vertreter des öffentlichen Lebens,
liebe trauernde Gemeinde!

1. Im heutigen Evangelium spricht Jesus aus der Tiefe seines Herzens. Er ist voller Freude, weil die einfachen und demütigen Leute seine Person und seine Offenbarung annehmen. Sie nehmen ihn an, weil sie nicht ihrem eigenen Wissen vertrauen. Sie halten sich nicht für klug und weise. Wir begegnen aber der Freude in dieser Erzählung des Evangeliums auch in einem anderen Zusammenhang. Die Jünger freuen sich darüber, dass sie die Lehre Jesu angenommen haben, weil Jesus den allmächtigen Gott seinen Vater nennt und sagt, dass er den Vater kennt und alles von ihm erhalten hat. Jesus ist derjenige, der uns Menschen all dies offenbaren will. Die Liebe des Vaters offenbart sich uns, wenn wir die Lehre Jesu mit Demut annehmen.

„Ja, Vater“ – ruft Jesus in seinem Gebet. Diese Worte klingen ähnlich, wie das Ja-Wort Mariens und drücken aus, dass Jesus sein ganzes irdisches Leben der Erfüllung des Willens des Vaters widmet. Er ist mit der ganzen Liebe seines menschlichen Herzens dem Vater zugetan. Er ist dem verborgenen Plan treu, der  von der Seite des Menschen betrachtet als Mysterium des Willens Gottes erscheint.

2. Ich habe Kardinal Meisner noch in der DDR kennengelernt. Die ungarischen Priesterkandidaten durften am Anfang der Siebziger Jahre noch nicht nach dem Westen fahren. Wir konnten aber unsere Ferien in der DDR verbringen, wo wir nicht nur westliche theologische Bücher fanden, sondern auch einer katholischen Kirche begegneten, die zwar in der Diaspora lebte, aber viel mehr Möglichkeiten hatte, als unsere ungarische Kirche. Verschiedene Ordensgemeinschaften z. B., die bei uns streng verboten waren, wie die Jesuiten und viele andere, durften dort legal existieren. So war es auch in Ost-Berlin, an der Pappelallee, wo eine Gemeinschaft der Karmelitinnen lebte. Man sagte, dort gebe es „eine ungarische Schwester“. Diese ungarische Schwester, die dreißig Jahre nach dem Krieg noch immer so genannt wurde, war Cherubina Brümmer, die 1946 – so eine typisch mitteleuropäische Absurdität – als „deutsche Frau“ aus Ungarn vertrieben worden war. Bei diesen Schwestern habe ich zum ersten Mal von dem sympathischen Priester Joachim Meisner gehört, der in Schlesien geboren, in Ostdeutschland Bankkaufmann wurde und als Spätberufener die Priesterweihe empfing. Als ich dann 1975 eine Primizmesse in Ost-Berlin zelebrierte, wurde ich dem neu ernannten Weihbischof Meisner vorgestellt. Später hörte ich, dass er zum Erzbischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war: Eine Diözese, die in Ost- und West-Berlin gleichfalls zuständig war, ein Erzbischof, der seinen pastoralen Dienst in beiden Teilen der Stadt sogar ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Erzbischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Stellung hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.

1988 wurde er vom heiligen Johannes Paul II. zum Erzbischof von Köln ernannt. Er wurde auch Vorsitzender der Solidaritätsaktion Renovabis und hat weit über die Grenzen seiner Diözese hinaus für die Weltkirche Entscheidendes geleistet.

Die Bischöfe unserer Region können dankbar bezeugen, dass Kardinal Meisner auch für die Länder Mittel- und Osteuropas Vieles getan hat. Mit diesen Ländern hat ihn auch die Erinnerung an seinen Vater verbunden, der im Krieg in dieser Region gefallen war.

Die Verdienste von Kardinal Meisner als Oberhirt der Erzdiözese Köln könnten alle Anwesenden viel authentischer bezeugen als ich, der seine schöpferische Tätigkeit nur aus der Ferne begleiten konnte. Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese von Köln ausgewirkt.

3. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder, Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Schon in seinen priesterlichen Jahren leitete er die Caritas. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er war also ein dynamischer, offener Pastor mit viel praktischem Sinn.

Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war. Papst Franziskus hat in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium ja geschrieben: „In jeglicher Form von Evangelisierung liegt der Vorrang immer bei Gott, der uns zur Mitarbeit mit ihm gerufen und uns mit der Kraft seines Geistes angespornt hat. Die wahre Neuheit ist die, welche Gott selber geheimnisvoll hervorbringen will, die er eingibt, die er erweckt, die er auf tausenderlei Weise lenkt und begleitet. Im ganzen Leben der Kirche muss man immer deutlich machen, dass die Initiative bei Gott liegt, dass »er uns zuerst geliebt« hat (1 Joh 4,19) … Diese Überzeugung erlaubt uns, inmitten einer so anspruchsvollen und herausfordernden Aufgabe, die unser Leben ganz und gar vereinnahmt, die Freude zu bewahren” (Nr. 12).

4. Was bedeutet es also, ein Christ zu sein? Eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus, der unser Meister und unser Herr ist. Er ist keine mythologische Figur, sondern eine geschichtliche Person, wahrer Gott und wahrer Mensch. Zu seiner Lehre und zu seinem ganzen Werk führt also ein historischer Weg. Und diesen Weg müssen wir nicht als Einzelgänger begehen, sondern in der Gemeinschaft der Kirche, die uns mit Christus verbindet.

Papst Franziskus hat in seinem letzten Telegramm über den Einsatz von Kardinal Meisner für den Glauben geschrieben: „Aus einem tiefen Glauben und einer aufrichtigen Liebe zur Kirche heraus ist Kardinal Meisner für die frohe Botschaft eingetreten“.

Christus hat seine Schüler Freunde genannt. Dies gilt für alle Gläubigen, ganz besonders aber für die Priester und die Bischöfe, die in der eucharistischen Gemeinde in der Person Christi den Vorsitz haben. Eine besondere Verbindung mit Christus erleben wir auch im Gebet. Wir haben mit tiefer Berührung erfahren, dass Kardinal Meisner während seines Stundengebetes vom Gott heimgerufen wurde. In seiner Person hat uns einer der großen Apostelnachfolger unserer Zeit verlassen. Wir danken Kardinal Meisner für sein Glaubens- und Lebenszeugnis, das er für uns alle hinterlassen hat.

5. Kardinal Meisner war ein großer Marienverehrer. Er hat die Gnadenbilder geschätzt und hat die Gottesmutter als Schutzherrin der verschiedenen Völker und der ganzen Christenheit verehrt. Aus seiner marianischen Frömmigkeit bewahren wir das Vertrauen zur göttlichen Vorsehung und auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, die trotz Schwierigkeiten und Sünden den Weg der Menschheit begleitet. Bitten wir den allmächtigen und barmherzigen Gott: Schenke unserem verstorbenen Mitbruder Anteil an der Gemeinschaft der Jungfrau Maria und aller Heiligen.

Amen.

(Quelle: DBK)

Papst em. Benedikt XVI. – Gedenkwort für Kardinal Meisner

Erzbischof Gänswein trägt das Grußwort Benedikts XVI. vor

 

Benedikt: „Es hat mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“

Köln-Vatikanstadt (kath.net) kath.net dokumentiert das Grußwort von Papst em. Benedikt XVI. beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, vorgetragen von Erzbischof Georg Gänswein, in voller Länge:

In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten. Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu der Kirche in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich in den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, das war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber umso mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen:
Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Bußsakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, das ihn immer wieder neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt: Dass es die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle. Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu empfangen alle Dimensionen unserer Existenz einfordert, dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche in Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein.

Requiescat in pace!

Benedikt XVI., Papa emeritus

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Quelle

D: Requiem für Kardinal Meisner – Beisetzung im Dom

Meisners Sarg wird seine Mitra vorangetragen

Mit einem einfühlsamen Brief hat sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. von seinem langjährigen Weggefährten Kardinal Joachim Meisner verabschiedet. Benedikts Privatsekretär und Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, verlas an diesem Samstag das Schreiben des emeritierten Papstes beim Pontifikalrequiem für den verstorbenen Alterzbischof von Köln. Dabei konnte Erzbischof Gänswein seine Rührung nicht unterdrücken.

Ein „leidenschaftlicher Hirte und Seelorger“

Er habe die Todesnachricht, die er telefonisch erhalten habe, zunächst nicht glauben wollen, so die Worte Benedikts XVI. Noch am Tag zuvor hätten sie miteinander gesprochen. „Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür“, zitierte Gänswein aus dem Schreiben Benedikts, „dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Theophilius in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu den Kirchen in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass sein letzter Besuch einem Bekenner des Glaubens in einem jener Länder gegolten hat.“

Die gelöste Heiterkeit, innere Freude und die Zuversicht, zu der der heimgegangene Kardinal zuletzt gefunden habe, hätten ihn besonders beeindruckt, so Benedikt XVI. „Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und das in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.“ Tiefe Freude habe dem Geistlichen die wachsende Bereitschaft auch junger Leute zu eucharistischer Anbetung und die Art, wie sie die Gnade des Beichtsakraments erlebten, bereitet. Die Anbetung sei auch 2005 beim Weltjugendtag in Köln – auch „gegen die Meinung so mancher Experten“ aus Pastoral und Theologie – ein zentrales Anliegen Meisners gewesen, betonte der emeritierte Papst. „So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.“

„Als an seinem letzten Morgen“, las Erzbischof Gänswein sichtlich bewegt weiter, „Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben. Im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm.“

„Unerschrockener Einsatz“  für den Glauben

Papst Franziskus wiederum hat den „unerschrockenen Einsatz“ des verstorbenen Kardinals für Kirche und Glauben gewürdigt. Im Rahmen der Exequien im Kölner Dom verlas der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, ein entsprechendes Schreiben des Papstes. Darin würdigte Franziskus auch die Anstrengungen, mit denen der Kardinal gleichermaßen für Ost und West gewirkt habe.

Streitbar und kompromisslos

Mit Kardinal Meisner ist nur zwei Wochen nach Altbundeskanzler Kohl ein weiterer großer Deutscher und Europäer zu Grabe getragen worden. Nicht alle waren mit seiner oft kompromisslos anmutenden Haltung einverstanden – doch gerade sein aufrechtes Einstehen für Glaubenswahrheiten rang so manchem seiner Gegner doch großen Respekt ab. Dem wortgewaltigen Kardinal war es egal, wenn er deswegen aneckte; und das bewies der frühere Bischof des geteilten Berlins und Erzbischof von Köln bis zum Schluss, als er als einer von vier Kardinälen einen Zweifel-Brief an Papst Franziskus schickte.

Ein bewegtes Leben zwischen Ost und West

Am 25. Dezember 1933 wurde der spätere Erzbischof und Kardinal in Breslau als zweiter von vier Brüdern in die Familie eines Einzelhändlers geboren, dieser kam im Krieg um. Im Jahr 1945 gelingt der verbliebenen Familie die Flucht nach Thüringen. In Erfurt wird Meisner im Jahr 1962 zum Priester geweiht, ein gutes Jahrzehnt später erhält er am 17. Mai 1975 ebendort seine Bischofsweihe und ist als Weihbischof von Erfurt/Meinigen tätig. In diese Zeit fällt eine Episode, die Meisner sein Leben lang vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten hoch angerechnet wurde: In konspirativer und mutiger Aktion weihte er in seinem von der Stasi observierten Haus tschechoslowakische Geheimbischöfe. Papst Johannes Paul II. vertraut ihm ab dem 17. Mai 1980 das Bistum Berlin an, am 5. Januar 1983 erhebt er ihn zum Kardinal. Im Februar 1989, nur kurz vor dem Fall der Mauer, vertraut der Papst ihm mit dem Erzbistum Köln einen der wichtigsten Bischofssitze Europas an. Dort wird Kardinal Meisner bis zur Annahme seines Rücktrittsgesuches gut 2 Monate nach Erreichen seines 80. Geburtstages tätig sein. Am 5. Juli 2017 ereilt ihn während eines Urlaubes in Bad Füssing der Tod.

Prägende Persönlichkeit

Wie stark Kardinal Meisner den deutschen Katholizismus, aber auch den gesellschaftlichen und europäischen Diskurs geprägt hat, lässt sich an der illustren Gästeliste zu seiner Beerdigung ablesen. Aus Rom sind Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Georg Gänswein angereist. Aus Prag kam Kardinal Dominik Duka, aus Meisners ehemaligen Bistum Berlin kam Erzbischof Heiner Koch. Ebenso anwesend waren der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof em. Robert Zollitsch von Freiburg, sowie der Münchner Alterzbischof Kardinal Wetter. Die Politik war unter anderen vertreten durch Nordrhein-Westfalens neu gewählten CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet.

„Delikate Mission in Berlin“

Meisners Nachfolger im Erzbistum Köln, Kardinal Woelki, leitete die Exequien. Konzelebranten waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sowie der Apostolische Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic. Die Predigt hielt der langjährige Freund Meisners, Kardinal Peter Erdö aus Esztergom-Budapest und Primas von Ungarn. In seiner Ansprache erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Meisner, der damals noch in Erfurt tätig war. „Später hörte ich, dass er zum Bischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war. Eine Diözese, die in Ost- und Westberlin gleichzeitig zuständig war, ein Bischof, der seinen pastoralen Dienst sogar in beiden Teilen der Stadt ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Bischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Position hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.“

Auch Erdö würdigte Meisners unermüdlichen Einsatz für den Glauben und die Weltkirche, insbesondere im Ostteil Europas. Immer hätten ihm vor allem die Armen und Bedürftigen am Herzen gelegen, so Kardinal Erdö. „Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese Köln ausgewirkt. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder und Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war.“

Bestattung in der Bischofsgruft

Die musikalische Begleitung des Pontifikalrequiems oblag den Kölner Dommusikern. Nach dem Gottesdienst im Kölner Dom wurde Meisners Sarg in die Bischofsgruft verbracht. Dort wird er seine letzte Ruhestätte unter zehn seiner hier beigesetzten Vorgängern finden, unter ihnen auch der beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung getretene und weit über Köln hinaus bekannte Kardinal Josef Frings (1887-1978). Damit sind in der Gruft noch fünf Grabstätten unbesetzt.

(rv/dr/erzbistum köln 15.07.2017 cs)

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Eine Tragödie für die Kirche: der Verlust des Bußsakraments

„Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament.“ Vortrag von Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, zum Thema „Umkehr und Mission.“

Ein Beitrag von Kardinal Joachim Meisner

Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen zum Abschluß des Priesterjahres in der Basilika St. Paul vor den Mauern (Rom, 9. Juni 2010).
[© Romano Siciliani]

Liebe Mitbrüder! Ich werde mit Ihnen jetzt nicht eine neue Buß- und Missionstheologie zu entfalten suchen. Aber ich möchte mich zusammen mit Ihnen vom Evangelium selbst zur Umkehr führen lassen, um dann, vom Heiligen Geist gesendet, den Menschen die Botschaft Christi zu überbringen. 
Auf diesem Weg möchte ich jetzt zusammen mit Ihnen 15 gedankliche Schritte vorangehen. 

1. Wir müssen wieder – wie mein Vorgänger als Erzbischof von Köln, Joseph Kardinal Höffner, zu sagen pflegte – eine „Geh-hin-Kirche“ werden. Das geht nicht auf Befehl. Dazu bewegt uns der Heilige Geist. Einer der tragischsten Verluste, den unsere Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erlitten hat, ist der Verlust des Heiligen Geistes im Bußsakrament. Für uns Priester hatte das einen ungeheuren inneren Profilverlust zur Folge. Wenn mich gläubige Christen fragen: „Wie können wir unseren Priestern helfen?“, dann antworte ich ihnen immer: „Gehen Sie zu ihnen beichten!“. Dort, wo der Priester nicht mehr Beichtvater ist, wird er zum religiösen Sozialarbeiter. Ihm fehlt dann die Erfahrung großer pastoraler Erfolge, wo er mitwirken darf, dass ein Sünder auch durch seine Hilfe den Beichtstuhl wieder als Geheiligter verlässt. Im Beichtstuhl darf der Priester in die Herzen vieler Menschen schauen und bekommt von daher Impulse, Ermutigungen und Anregungen für die eigene Christusnachfolge. 

2. Vor den Toren von Damaskus stürzt ein kleiner kranker Mann, der heilige Paulus, geblendet zu Boden. Im 2. Korintherbrief zitiert er selbst den Eindruck seiner Gegner über seine Person, er sei körperlich matt und rhetorisch schwach (vgl. 2 Kor 10, 10). Den Städten Kleinasiens und Europas aber wird in den nächsten Jahren durch diesen kleinen kranken Mann das Evangelium verkündet werden. Die Wunder Gottes geschehen nie im Rampenlicht der Weltgeschichte. Sie ereignen sich immer im Abseits, eben vor den Toren der Stadt, eben in der Verborgenheit des Beichtstuhles. Das darf für uns alle ein großer Trost sein, die wir mit großen Aufgaben betraut sind, aber gleichzeitig um unsere oftmals kleinen Möglichkeiten wissen. Es gehört zur Strategie Gottes, mit kleinen Ursachen große Wirkungen hervorzurufen. Paulus vor den Toren von Damaskus geschlagen, wird zum Eroberer der Städte Kleinasiens und Europas. Seine Sendung ist die Sammlung der Berufenen in die Kirche, in die Ecclesia Gottes, hinein. Obwohl sie – von außen gesehen – nur ein kleines bedrängtes Häufchen ist, von innen angefochten, vergleicht Paulus sie mit dem Leib Christi, ja, er identifiziert sie sogar mit dem Leib Christi, der eben die Kirche ist. Diese Möglichkeit aus den Händen des Herrn zu empfangen, heißt in unserer menschlichen Erfahrung „Bekehrung“. Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda“, und darin sind der Priester und der Bischof ein „semper reformandus“, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barmherzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet. 

3. Darum genügt es nicht, dass wir in unserer pastoralen Arbeit nur Korrekturen an den Strukturen unserer Kirche vornehmen wollen, um sie augenscheinlich attraktiver zu machen. Das reicht nicht! Was Not tut, ist eine Bekehrung des Herzens, meines Herzens. Nur ein bekehrter Paulus konnte die Welt verändern, nicht aber ein Ingenieur kirchlicher Strukturen. Der Priester ist durch die Aufnahme in die Lebensweise Jesu so von ihm bewohnt, dass Jesus im Priester für andere berührbar wird. Bei Johannes 14, 23 lesen wir: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14, 23). Das ist nicht nur ein schönes Bild! Wenn das Herz des Priesters Gott liebt und die Gnade hat, so kommt der dreieinige Gott persönlich und schlägt seine Wohnung im Herzen des Priesters auf. Gewiss, Gott ist allgegenwärtig. Gott wohnt überall. Die ganze Welt ist wie eine große Kirche Gottes, aber das Herz des Priesters ist wie ein Tabernakel in der Kirche. Dort wohnt Gott in geheimnisvoller und besonderer Weise. 

4. Das größte Hindernis, Christus durch uns berührbar werden zu lassen, ist die Sünde. Sie verhindert die Gegenwart des Herrn in unserem Dasein, und darum ist nichts notwendiger für uns als die Bekehrung, und zwar auch um der Mission willen. Es geht dabei – bringen wir es auf einen Punkt – um das Bußsakrament. Ein Priester, der nicht häufig auf beiden Seiten des Beichtgitters anzutreffen ist, leidet auf Dauer Schaden an seiner Seele und an seiner Mission. Hier liegt sicher eine wesentliche Ursache für die vielfältigen Krisen, in die das Priestertum in den letzten 50 Jahren geraten ist. Das ist ja die besondere Gnade des Priestertums, dass der Priester auf beiden Seiten des Beichtgitters zu Hause sein kann: als Bekennender und als Vergebender. Wo sich der Priester vom Beichtstuhl entfernt, dort gerät er in eine schwerwiegende Identitätskrise. Das Bußsakrament ist der bevorzugte Ort für die Vertiefung der Identität des Priesters, der dazu berufen ist, sich selbst und die Gläubigen zurück zu binden an die Fülle Christi. 
Im hohepriesterlichen Gebet spricht Jesus zu seinem und unserem Vater über diese Identität: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst. Sie sind nicht von der Welt, wie ich auch nicht von der Welt bin. Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17, 15-17). Es geht im Bußsakrament um die Wahrheit in uns. Wie kommt es, dass wir der Wahrheit nicht gern ins Gesicht schauen? 

Jesus beim Mahl mit den Sündern, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

5. Wir müssen uns daher fragen lassen: Haben wir denn noch nicht die Freude erfahren, einen Fehler zu erkennen, ihn einzugestehen und den von uns Beleidigten aufzusuchen? – „Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt“ (Lk 15, 18). – Kennen wir nicht die Freude, dann zu sehen, wie der Andere die Arme gleich dem Vater des verlorenen Sohnes ausbreitet: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen, und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15, 20). Können wir denn nicht die Freude des Vaters darüber erahnen, dass er uns wieder gefunden hat: „Und sie begannen, ein fröhliches Fest zu feiern“ (Lk15, 24)? Da dieses Fest jedes Mal, wenn wir zurückkehren, im Himmel begangen wird, warum kehren wir dann nicht häufiger zurück? Warum sind wir – ich spreche in Menschenweise – so geizig gegenüber Gott und den Heiligen des Himmels und lassen ihnen so selten die Freude, ein Fest zu feiern, weil wir uns vom Herrn, vom Vater, ans Herz drücken ließen? 

6. Wir lieben diese ausdrückliche Vergebung oft nicht. Und doch zeigt sich Gott niemals so sehr als Gott, als wenn er vergibt. Gott ist die Liebe! Er ist Schenken in Person! Er verschenkt die Gnade der Vergebung. Aber am stärksten ist jene Liebe, die das Haupthindernis der Liebe überwindet: die Sünde. Die größte Gnade ist die Begnadigung, und die kostbarste Gabe ist die „Vergabung“, die Vergebung. Gäbe es keine Sünder, die der Verzeihung mehr bedürfen als des täglichen Brotes, wir würden die Tiefe des göttlichen Herzens gar nicht kennen. Der Herr betont es ausdrücklich: „Ich sage euch: Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte die es nicht nötig haben umzukehren“ ( Lk 15, 7). Wie kommt es – fragen wir nochmals -, dass ein Sakrament, das so große Freude im Himmel hervorruft, so viel Abneigung auf Erden weckt? Das liegt an unserem Stolz, der ständigen Neigung unseres Herzens sich zu verschanzen, sich selbst zu genügen, sich zu isolieren, sich auf sich selbst zurückzuziehen. Was ziehen wir eigentlich vor, Sünder zu sein, denen Gott verzeiht, oder scheinbar ohne Sünde zu sein, d.h. in der Illusion der Selbstgerechtigkeit zu leben – ohne die Offenbarung der Liebe Gottes? Reicht es wirklich, zufrieden zu sein mit sich selbst? Was sind wir denn ohne Gott? Nur eine kindliche Demut, wie sie die Heiligen haben, lässt uns fröhlich den Vergleich zwischen unserer Unwürdigkeit und der Herrlichkeit Gottes ertragen. 

7. Es ist nicht der Sinn der Beichte, dass wir im Vergessen unserer Sünden nicht mehr an Gott denken. Die Beichte schenkt uns vielmehr Zugang in ein Leben, wo man an nichts anderes mehr denken kann als an Gott. Gott sagt in uns: „Du hast doch nur gesündigt, weil du nicht glauben kannst, dass ich dich genug liebe, dass mir genug an dir liegt, dass in mir genug Zärtlichkeit für dich ist, dass ich mich genug freue über die geringste Geste, die mir deine Zustimmung bezeugt, um dir alles zu verzeihen, was du in die Beichte hineinbringst. Wissen wir um eine solche Verzeihung, um eine solche Liebe, dann werden wir geradezu überflutet sein von Freude und Dankbarkeit, sodass uns dann auch allmählich die Lust zum Sündigen vergeht und die Beichte zu einem regelmäßigen Ereignis der Freude in unserem Leben wird. Beichten gehen heißt, hingehen und die Liebe zu Gott ein wenig herzlicher zu gestalten, sich erneut sagen zu lassen und wirksam zu erfahren – denn Beichte ist ja nicht nur Zuspruch von außen –, dass Gott uns liebt; beichten heißt, wieder anfangen, daran zu glauben und zugleich entdecken, dass wir bisher niemals tief genug daran geglaubt haben, und dass man hierfür um Verzeihung bitten muss. Vor Jesus fühlt man sich als Sünder, man entdeckt sich als Sünder, der nicht seinen Erwartungen entspricht. Beichten heißt, sich vom Herrn auf sein göttliches Niveau heben zu lassen. 

8. Der verlorene Sohn verlässt das väterliche Haus, weil er ungläubig geworden ist. Er hat keinen Glauben mehr an die Liebe des Vaters, die ihm genügen würde, und daher verlangt er sein Erbteil, um seine Angelegenheit ganz allein zu ordnen. Als er sich entschließt, zurückzukehren und um Verzeihung zu bitten, ist sein Herz noch tot. Er glaubt, er werde nicht mehr geliebt, er sei nicht mehr Sohn. Nur, um nicht Hungers zu sterben, kommt er zurück. Das nennen wir unvollkommene Reue! Aber der Vater erwartet ihn seit langem. Seit langem erfreut ihn nichts mehr als der Gedanke, der Sohn könnte eines Tages heimkommen. Sobald er ihn entdeckt, eilt er ihm entgegen, umarmt ihn, lässt ihm nicht einmal die Zeit, sein Geständnis zu beenden und ruft die Diener herbei, damit sie ihn kleiden, nähren und pflegen. Weil man ihm so große Liebe erzeigt, beginnt der Sohn in diesem Augenblick, sie auch zu verspüren, von ihr erfüllt zu werden. Eine ungeahnte Reue überkommt ihn. Das ist die vollkommene Reue. Erst als ihn der Vater umarmt, ermisst er seine Undankbarkeit, seine Unverschämtheit und seine Ungerechtigkeit. Dann erst kommt er wirklich zurück, wird er wieder Sohn, dem Vater gegenüber offen und vertrauend, wird er wieder lebendig: „Dein Bruder war tot und lebt wieder“ ( Lk 15, 32), sagt der Vater daher dem zu Hause gebliebenen Sohn. 

Der Beichtstuhl des heiligen Pfarrers von Ars. [© Romano Siciliani]

9. Der ältere Sohn, der Gerechte, hat eine ähnliche Wandlung erfahren – so möchten wir das Gleichnis hoffnungsvoll weiterdenken. Der Fall dieses Sohnes ist aber sehr viel schwieriger. Man darf nicht sagen, dass Gott die Sünder mehr liebt als die Gerechten! Eine Mutter liebt das kranke Kind, dem sie ihre besondere Sorge zuwendet, nicht mehr als die gesunden Kinder, die sie allein spielen lässt, denen sie ihre – nicht weniger tiefe – Liebe aber auf andere Weise bekundet. Soweit die Menschen sich weigern, ihre Sünden anzuerkennen und zu bekennen, soweit sie stolze Sünder sind, zieht Gott ihnen die demütigen Sünder vor. Mit allen hat er Geduld. Auch mit dem daheim gebliebenen Sohn hat der Vater Geduld. Er bittet ihn, und er redet ihm gut zu: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein. Aber jetzt müssen wir uns doch freuen und ein Fest feiern“ ( Lk 15, 31). Die Verzeihung der Hartherzigkeit des Älteren wird dabei noch nicht einmal ausgesprochen, sondern ist impliziert. Wie groß muss die Beschämung des älteren Sohnes vor solcher Milde sein. Alles hatte er vorhergesehen, nur nicht diese demütige Zärtlichkeit des Vaters. Plötzlich findet er sich entwaffnet, verwirrt, teilnehmend an der allgemeinen Freude. Und er fragt sich, wie er nur daran denken konnte, absichtlich fern zu bleiben, wie er es nur einen Augenblick lang habe vorziehen können, ganz allein unglücklich zu sein, während alle einander liebten und einander verziehen. Glücklicherweise ist der Vater da und erwischt ihn rechtzeitig. Zum Glück ist der Vater nicht wie er! Zum Glück ist der Vater viel besser als sie alle zusammen! Gott allein kann die Sünden vergeben. Er allein vermag diese Geste der Gnade, der Freude und des Überflusses der Liebe zu vollziehen. Darum ist das Bußsakrament die Quelle permanenter Erneuerung und Revitalisierung unseres priesterlichen Seins. 

10. Für mich wird darum die geistliche Reife für den Empfang des Weihesakramentes eines Priesteramtskandidaten darin deutlich, dass er regelmäßig, und zwar mindestens im Rhythmus von einem Monat, das Bußsakrament empfängt. Denn im Bußsakrament begegne ich dem barmherzigen Vater mit den kostbarsten Gaben, die er zu vergeben hat, nämlich die Vergabung, die Vergebung und die Begnadigung. Wenn aber einer durch seine mangelnde Beichtpraxis dem Vater sagt: „Behalte deine kostbaren Gaben für dich! Ich brauche dich und deine Gaben nicht!“, dann hört er auf, Sohn zu sein, indem er ihm sein Vatersein aufkündigt, weil er ihm seine kostbarsten Gaben nicht mehr abnimmt. Und wenn man nicht mehr Sohn des himmlischen Vaters ist, kann man nicht Priester werden, denn der Priester ist durch die Taufe zunächst einmal Sohn des Vaters, und dann ist er durch die Priesterweihe mit Christus Sohn mit dem Sohn. Dann erst kann er den Menschen wirklich Bruder sein. 

11. Der Umstieg von der Umkehr in die Mission kann sich zunächst darin zeigen, dass ich von der einen Seite des Beichtgitters auf die andere wechsele, von der Seite des Pönitenten auf die Seite des Beichtvaters. Der Verlust des Bußsakramentes ist die Wurzel vieler Übel im Leben der Kirche und im Leben des Priesters. Und die so genannte Krise des Bußsakramentes liegt nicht nur darin begründet, dass die Leute nicht mehr zum Beichten kommen, sondern dass wir Priester nicht mehr im Beichtstuhl präsent sind. Ein besetzter Beichtstuhl in einer leeren Kirche ist das ergreifendste Symbol für die wartende Geduld Gottes. So ist Gott. Er wartet auf uns lebenslang. Ich kenne aus meiner 35-jährigen bischöflichen Tätigkeit ergreifende Beispiele, wo Priester täglich im Beichtstuhl präsent waren, ohne dass ein Pönitent gekommen ist, – bis dann aber der Erste oder die Erste nach Monaten oder Jahren des Wartens kam. Damit war, wie man so sagt, der Knoten geplatzt. Dann wurde der Beichtstuhl reichlich frequentiert. Hier wird der Priester angefordert, aus aller äußeren Planungsarbeit der Seelsorge mit Gruppen umzusteigen in die persönliche Not eines Menschen. Und hier hat er zunächst nicht zu reden, sondern zu hören. Eine eiternde Wunde am Körper kann nur heilen, wenn sie sich ausbluten kann. Ein verwundetes Herz des Menschen kann nur geheilt werden, wenn es sich ausbluten, d.h. aussprechen kann. Und es kann sich nur aussprechen, wenn jemand zuhört, und zwar in dieser absoluten Diskretion des Bußsakramentes. Für den Beichtvater gilt zunächst einmal, nicht zu reden, sondern zu hören. Wie viel innere Anregung für seine eigene Christusnachfolge erfährt und erhält der Beichtvater gerade in seiner Tätigkeit bei der Spendung des Bußsakramentes, wenn er spürt und erfährt, wie weit ihm einfache katholische Männer, Frauen und Kinder in der Christusnachfolge voraus sind. 

12. Wenn uns dieser wesentliche Bereich des priesterlichen Dienstes weitgehend verloren geht, sinken wir Priester leicht auf eine Beamtenmentalität oder auf das Niveau einer reinen Pastoraltechnik herab. Unsere Verortung diesseits und jenseits des Beichtgitters bringt uns durch unser Zeugnis dazu, Christus für die Menschen berührbar werden zu lassen. Um es zunächst an einem Negativbeispiel deutlich zu machen: Wer mit radioaktiver Materie in Berührung kommt, wird selbst radioaktiv verseucht. Wenn ein solcher nun einen anderen berührt, dann wird er ebenfalls von seiner Radioaktivität negativ angesteckt. Nun aber das Beispiel positiv: Wer mit Christus in Berührung kommt, der wird christoaktiv. Und wenn der Priester dann als ein solcher Christoaktiver mit anderen Menschen in Berührung kommt, dann werden sie selbstverständlich von seiner Christoaktivität angesteckt. Das ist Mission, wie sie von Anfang an im Christentum präsent war. Die Menschen drängten sich um die Person Jesu herum, um ihn zu berühren, und wenn es nur der Saum seines Gewandes war. Und selbst, wenn es dieser nur von hinten war, dann wurden sie gesund: „Denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte“ ( Lk 6, 19). 

13. Uns laufen die Menschen oft davon, sie drängen sich nicht mehr um uns, um mit uns in Berührung zu kommen. Im Gegenteil, sie laufen uns davon. Damit das nicht geschieht, müssen wir uns konkret fragen: Was berühren die Menschen denn, wenn sie mit mir in Berührung kommen? – Jesus Christus in seiner unermesslichen Liebe zu den Menschen, oder irgendwelche theologischen Privatmeinungen oder Gejammer über die Zustände in der Kirche und der Welt? Berühren sie bei uns Jesus Christus? Wenn das der Fall ist, dann kommen die Menschen. Sie sprechen untereinander von einem solchen Priester. Sie bringen es in solche Ausdrücke wie „Mit dem kann man reden. Der versteht mich. Der kann einem wirklich helfen“. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die Menschen nach solchen Priestern Sehnsucht haben, in denen sie authentisch Christus begegnen, der sie frei macht von allen Verstrickungen und sie an seine Person bindet. 

Jesus vergibt der Ehebrecherin, Mosaike von Pater Marko Ivan Rupnik.

14. Damit wir recht verzeihen können, brauchen wir viel Liebe. Die einzige Verzeihung, die wir recht gewähren könnten, ist jene, die wir von Gott empfangen haben. Nur wenn man den barmherzigen Vater erfahren hat, wird man barmherziger Bruder der Menschen. Wer nicht verzeiht, der liebt nicht. Wer wenig verzeiht, der liebt auch wenig. Wer viel verzeiht, der liebt viel. Wenn man den Beichtstuhl als Ausgangspunkt unserer Mission verlässt, von welcher Seite des Beichtstuhls auch immer, aber besonders von der Seite des Pönitenten, dann möchte man am liebsten alle umarmen, sie um Verzeihung bitten. Ich selbst habe so beglückend Gottes verzeihende Liebe erfahren, dass ich nur dringend bitten kann: „Nimm auch du seine Verzeihung an! Nimm einen Teil der Verzeihung, an der ich nun Überfluss habe. Vergib mir, dass ich sie dir so schlecht anbiete!“. Man geht mit der gleichen Bewegung wieder in die Liebe Gottes und in die Bruderliebe hinein, in die Vereinigung mit Gott und mit der Kirche, von der man sich durch die Sünde ausgeschlossen hatte. Wir können und müssen alle Menschen lieben, wenn Gott uns aufs Neue zu lieben gelehrt hat. Wäre es nicht so, dann wäre es ein Zeichen dafür, dass wir falsch gebeichtet haben und daher nochmals beichten müssten. 
Der wohl größte Beichtvater unserer Kirche ist der heilige Pfarrer von Ars. Ihm verdanken wir das Priesterjahr und damit unsere jetzige Zusammenkunft als Priester und Bischöfe mit dem Heiligen Vater hier in Rom. Mit diesem heiligen Pfarrer habe ich über das Geheimnis der heiligen Beichte nachgedacht. Denn sein täglicher Dienst der Versöhnung im Beichtstuhl in Ars ließ ihn zum großen Weltmissionar werden. Man sagt, er habe als Beichtvater die Französische Revolution geistlich überwunden. Was mir im geistlichen Dialog mit Jean-Marie Vianney aufgegangen ist, das habe ich hier verkündet. Dabei hat er mich noch an etwas ganz Wichtiges erinnert: 

15. Wir lieben alle, wir verzeihen allen! Hüten wir uns indessen, einen zu vergessen! Ein Wesen existiert nämlich, das uns enttäuscht und belastet, ein Wesen, mit dem wir ständig unzufrieden sind. Und das sind wir selbst. Wir haben uns oft so satt. Wir sind unserer Mittelmäßigkeit überdrüssig und müde unserer eigenen Monotonie. Wir leben in einem Zustand der Kälte und sogar einer unglaublichen Gleichgültigkeit gegenüber diesem nächsten Nächsten, den Gott uns anvertraut, damit wir ihn von seiner Vergebung berühren lassen. Und das sind wir selbst. Es heißt doch, dass wir unseren Nächsten lieben sollen wie uns selbst (vgl. Lev 19, 18). Wir sollen also auch uns lieben, wie wir unseren Nächsten zu lieben suchen. Dann müssen wir Gott bitten, uns zu lehren, dass wir uns selber verzeihen: den Ärger unseres Stolzes, die Enttäuschungen unseres Ehrgeizes. Bitten wir ihn, dass die Güte, die Zärtlichkeit, die Nachsicht und das unerhörte Vertrauen, womit er uns verzeiht, uns so weit gewinnen, dass wir den Überdruss an uns selbst los werden, der uns überall hin begleitet und uns oft nicht einmal beschämt. Wir können die Liebe Gottes zu uns nicht erkennen, ohne die Meinung im Hinblick auch auf uns selbst zu ändern, ohne Gott selbst zu uns Recht zu geben, wenn er uns liebt. Die Verzeihung Gottes versöhnt uns mit ihm, mit uns, mit unseren Menschenbrüdern und -schwestern und mit der ganzen Welt. Sie macht uns zu authentischen Missionaren. Glaubt ihr das, liebe Brüder? – Probiert es aus – heute noch! 

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Quelle

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt zum Hohen Pfingstfest 2013 im Hohen Dom zu Köln am 19. Mai 2013

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Der Heilige Geist ist der Lebensatem Gottes, der den Sohn Gottes mit seinem
himmlischen Vater verbindet. Man empfängt ihn als Christ, indem man in die
Atemnähe des Sohnes herantritt, wenn man sich gleichsam von Jesus Christus
beatmen lässt. Je näher am Herrn, desto näher an der Quelle des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist wohnt im Worte Christi. Nicht im Weggehen vom Wort begegne
ich dem Geist, sondern im Zugehen auf sein Wort. Das Wort Christi ist die Stätte
des Heiligen Geistes. Jesus ist die Gegenwart des Geistes Gottes. Je näher wir an
ihn herantreten, desto realer treten wir in den Geist, und je realer tritt der Geist in
uns ein. Der Geist Gottes wird nicht ansichtig im Weggehen vom Sohne Gottes, von
Christus, sondern im Herantreten an den Sohn. In der Atemnähe Jesu empfange
ich den Heiligen Geist. Die Kirche Christi ist gleichsam die Atemnähe des Herrn in
unserer Welt. Heute ist das besonders spürbar in der Feier des Pfingstfestes, das
auch Fest des Heiligen Geistes genannt wird.

1. Der Heilige Geist offenbart sich am Pfingsttag im Sturm, der über den
Aposteln spürbar wird. Das ganze Haus in Jerusalem wurde vom Sturm des Heiligen
Geistes am Pfingsttag erfüllt. Sturm ist intensiver Atem. Sturm ist vor allen
Dingen ein Ausdruck für Macht, in der alten Welt immer für die Macht Gottes, der
die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Der
Sturm ist aber auch Ausdruck für das Element Luft, das diese Erde von allen anderen
Gestirnen unterscheidet und sie damit ausdrücklich zum Stern des Lebens
werden lässt. Nur wo Luft ist, haben Lungen einen Sinn. Und wo Luft ist, kann geatmet
werden. Und nur dort, wo geatmet werden kann, ist Leben möglich. Was
dieses geheimnisvolle Element der Luft für das biologische Leben bedeutet, das ist
der Heilige Geist für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann das Menschsein
in seiner Würde bestehen, kann Humanität gedeihen, kann menschlicher Geist
sich wirklich entfalten und selbst kreativ werden.
Heute muss leider viel von Umweltverschmutzung und Umweltvergiftung
gesprochen werden. Es gibt aber auch eine geistige Umweltvergiftung, in der die
Herzen der Menschen nicht mehr atmen können. Kinder, Jugendliche und Erwachsene
leben heute auch unter den Einflusssphären des unheiligen Geistes, etwa was
alles in Internet, in Funk und Fernsehen, in Film und Theater, in Schule und Freizeit
auf Menschen heute einwirken kann. Das ist ja nicht immer alles gut und hilfreich.
Wenn der gesellschaftliche Konsens heute in Westeuropa davon ausgeht,
dass die Naturwissenschaft Gott im Labor nicht nachgewiesen hat und es ihn darum
nicht gibt, dann werden Räume für die Götter und Götzen frei, die mit ihrem
unseligen Geist die Herzen der Menschen umnebeln. Unsere Berufung als Jünger
Jesu besteht darin, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu mühen und in der
Gemeinschaft der Glaubenden, in Familie, Gemeinde und wo auch immer, heilige
Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen.

2. Der Heilige Geist ist der Geist der Furchtlosigkeit. Der Heilige Geist überwindet
immer die Furcht der Menschen. Die Jünger hatten sich in Jerusalem hinter
verschlossenen Türen vor den Juden versteckt, weil sie ihren Herrn gekreuzigt
hatten und sie selbst verhaftet und hingerichtet werden konnten. Jetzt aber verkünden
sie furchtlos die Frohe Botschaft vom Gekreuzigten und von seiner Auferstehung,
weil sie sich nun in den Händen des Stärkeren wissen. Der Heilige Geist
überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte
Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe ist und als
die Liebe Gottes Ausdruck seiner göttlichen Allmacht darstellt. Deswegen ist
Furchtlosigkeit immer das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der
allmächtigen Liebe Gottes stellt. Darum kann auch der Glaube, wo er gesund ist,
sich furchtlos und tapfer den Mächten und Gewalten dieser Welt entgegenstellen,
weil er sich von dem geführt und gehütet weiß, der als der Stärkere den Starken
überwunden hat. Es ist nicht so, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig
beiseite gewischt hat, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit
aufstünde. Ganz im Gegenteil! Wo das geschieht, da muss der Mensch wieder
das Fürchten und Gruseln lernen. In einer solchen Umwelt lernt man das Heulen
und Zähneknirschen, wie die Heilige Schrift die Gottferne umschreibt. Wo der
Geist Gottes aber weht, dort ist die Liebe Gottes. Und „Furcht gibt es in der Liebe
nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,18), schreibt
Johannes in seinem ersten Brief. Die Geschichte der Heiligen ist eine Geschichte
des Heiligen Geistes und damit auch eine Darstellung christlicher Furchtlosigkeit
in allen Jahrhunderten, unter allen möglichen und unmöglichen Situation. Das ist
der Sieg, der die Welt überwindet: unser Osterglaube. Er verleiht uns Mut und
Furchtlosigkeit. Gott lebt, Christus ist auferstanden! Vor wem sollten wir uns dann
noch fürchten? Das ist die Botschaft des Heiligen Geistes am Pfingstfest.

3. Der Heilige Geist stellt sich uns in brennenden Feuerzungen über den
Aposteln in Jerusalem dar. Christus ist eigentlich der wahre Prometheus, der das
Feuer vom Himmel geholt hat. Dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der
Titan, der Gott beiseiteschiebt, sondern der Sohn des lebendigen Gottes selbst
hervor, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft
verbrennt. So wird das Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer
neuen Welt. Christentum ist wie Feuer. Es gibt ein außerbiblisches Herrenwort,
das heißt: „Wer mir nahe ist, ist nahe dem Feuer“. Das Christentum ist keine langweilige,
farblose oder laue Angelegenheit. Das Evangelium ist kein frommer Wortschwall,
mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen könnten, um immer noch dabei
zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die sich
zur Leidenschaft Jesu Christi stellt und von ihr her die Welt erneuert. Darum sagt
der Apostel Paulus ausdrücklich: „Lasst euch vom Geist entflammen!“ (Röm
12,11), oder „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Die großen Feuerpropheten
des Alten Bundes sind schon pfingstliche Gestalten vor dem eigentlichen
Pfingsten. Ein geistlicher Mensch ist immer ein feuriger Mensch. In seiner Umgebung
können die Funken sprühen, und die Funken können überspringen. Feuer
steckt an.

Am Pfingstfest hat keiner das Recht, kein Optimist zu sein. Heute hat niemand
das Recht, mit seiner Freude zurückzuhalten. Wem könnten wir denn glauben
machen, dass Gott sich uns geschenkt hat, dass wir Gott in unseren Herzen, in
unseren Händen und auf unseren Lippen tragen, wenn wir darüber nicht begeistert
wären? Gott ist so nahe zu uns gekommen, wie sollte er da nicht unsere leidenschaftliche
Liebe erweckt haben? Dieser Gott wird schlecht verkündet, wenn er
von uns nicht leidenschaftlich verkündet wird. Uns alle beauftragt Gott heute, ihn
zu verkünden. Uns alle schickt er heute hinaus, wie einst die Apostel aus dem
Abendmahlsaal, wo sie sich eingeschlossen hielten. Und er jagt uns gleichsam vor
die Tür auf die Straße, damit wir unsere Welt erschüttern durch unsere große und
unglaubliche Neuigkeit: Wir sind keine Waisen mehr! Gott ist wirklich zu uns wiedergekommen!
Auch wir werden nun bewohnt, bevölkert und durchdrungen von
seinem Geist der Stärke und der Weisheit, von seinem Geist der Freude und des
Glaubens. Der Glaube sagt uns ausdrücklich: Der Geist Gottes ist die einzige Wirklichkeit,
die zählt. Alles Übrige ist Schatten. Öffnen wir unser Leben dem Schöpfergeist
Gottes, und er wird durch uns das Angesicht der Erde erneuern. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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Quelle

Geistliches Testament von Joachim Kardinal Meisner

Köln, den 25. März 2011

Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,

liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Seelsorge und Caritas, 
liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Köln, 
liebe Freunde und Verwandte!

Wie alle Menschen kenne ich nicht den Tag und die Stunde meines Todes und auch nicht die Art und Weise, wo und wie ich sterben werde. Darum möchte ich jetzt schon ein letztes Wort an Sie alle niederschrei
ben, das dann zu gegebener Zeit verlesen wird. Es soll hauptsächlich ein letztes Wort in dieser Welt vor Ihnen an Jesus Christus sein.

Herr Jesus Christus, 
du bist das Wort, durch das alles geworden ist. Ich danke dir, dass du 
mich gewollt hast und ich deshalb geworden bin. Dein Wort hat mich im Leben begleitet und mich in deine Not um die Welt und den Menschen geführt. Deshalb wurde ich Priester und Bischof, geprägt und 
geweiht von deinen Wundmalen. Es gehört zu den staunenswertesten Gaben meines Lebens, dass du mich bei deinem Kreuz verwendest und mich deiner Leiden gewürdigt hast. Durch deine Leidenschaft für die Welt sind dein Herz, deine Hände und deine Füße durchbohrt worden. Aus Liebe zu den Menschen hast du mich mit deinem Kreuz berührt. Du hast mich dein Priester und dein Bischof werden lassen. Darum will ich mich besonders im Sterben im Kreuz unseres Herrn Jesus Christus rühmen, durch das Freude in die Welt gekommen ist. 

Im Stundengebet der Kirche bezeuge und bekenne ich mit unseren Priestern ausdrücklich:

„Christus, göttlicher Herr,
dich liebt, wer nur Kraft hat zu lieben:
unbewusst, wer dich nicht kennt; 
sehnsuchtsvoll, wer um dich weiß.

Christus, du bist meine Hoffnung

mein Friede, mein Glück, all mein Leben: 
Christus, dir neigt sich mein Geist; 
Christus, dich bete ich an.

Christus, an dir halt‘ ich fest 
mit der ganzen Kraft meiner Seele: 
dich Herr, lieb‘ ich allein – 
suche dich, folge dir nach.“

In dieser Freude versuchte ich, Ihnen allen im Erzbistum Köln zu dienen. Unsere Bischofsstadt Köln trägt den Ehrentitel „Sancta Colonia Dei Gratia Romanae Ecclesiae Fidelis Filia“ (Heiliges Köln, von Gottes Gnaden der Römischen Kirche getreue Tochter). Ich habe in meinem bischöflichen Dienst versucht, dieser Auszeichnung zu entsprechen. Christus hat das Petrusamt in die Kirche eingestiftet, um den vielen Völkern in den verschiedenen Zeiten Orientierung und Halt zu geben. Das ist meine letzte Bitte an Sie alle um Ihres Heiles willen: Stehen 
Sie zu unserem Heiligen Vater. Er ist der Petrus von heute. Folgen Sie seiner Wegweisung. Hören Sie auf sein Wort. Petrus will nichts für sich, sondern alles fiir den Herrn und für seine Schwestern und Brüder.

Sie wissen alle, die Spanne meines Lebens umfasste drei gesellschaftli
che Systeme: das zwöljährige Hitlerreich, die vierundvierzigjährige Herrschaft des Kommunismus und schon jetzt über zwanzig Jahre die freiheitliche Demokratie. In allen drei Lebensepochen hat mir der 
Dienst des Papstes immer Orientierung, Ermutigung und Beistand geschenkt. Haltet immer zum Papst, und ihr werdet Christus nie verlieren!

 

Nicht die Gnade, die der Apostel Johannes empfangen, begehre ich, nicht die Vergebung, mit der du dem Petrus verziehen, die nur, die du am Kreuz dem Schächer gewährt hast, die erflehe ich: „Heute noch 
wirst du mit mir im Paradies sein“ (Mk 15,43).

 

Joachim Kardinal Meisner 


Erzbischof von Köln

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