JOHANNES PAUL II.: ZUM KOMMUNISMUS

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ES GAB EINMAL DEN KOMMUNISMUS

Gott scheint zu schweigen (vom »Schweigen Gottes« haben einige gesprochen, und viele sprechen immer noch davon), doch in Wirklichkeit hört er nicht auf zu handeln. Das bestätigen all jene, die in den Wechselfällen des menschlichen Lebens die Verwirklichung des rätselhaften Planes der Vorsehung sehen.

Was die jüngsten Ereignisse angeht, so haben Sie, Heiliger Vater, Ihre Überzeugung mehrfach geäußert. (Ich erinnere mich beispielsweise an die Worte, die Sie im Herbst 1993 anläßlich Ihres ersten Besuchs in den früheren sowjeti­schen Gebieten, den baltischen Republiken, fanden.) Im Untergang des atheistischen Kommunismus, so sagten Sie, kann man den digitus Dei, den »Finger Gottes«, erblicken. Häufig haben Sie auf ein »Mysterium« oder gar auf ein »Wunder« angespielt, wenn Sie vom Zusammenbruch jener Macht sprachen, die sich siebzig Jahre behauptet hatte und noch Jahrhunderte zu währen schien.

Christus sagt: »Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk« (Joh 5,17). Worauf beziehen sich diese Worte? Die Einheit mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist ist wesentlicher Bestandteil des ewi­gen Lebens. »Das ist das ewige Leben: dich …, Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,3). Doch wenn Jesus vom Vater spricht, der »immer noch am Werk ist«, so beabsichtigt er damit nicht, direkt auf die Ewigkeit zu verweisen. Er spricht vielmehr von der Tatsache, daß Gott in der Welt am Werk ist. Das Christentum ist nicht nur eine Religion der Erkenntnis, der Kontemplation. Es ist auch eine Religion des Handelns Gottes und des Handelns des Menschen.

Der große Lehrer des mystischen Lebens und der Kon­templation, der bereits zitierte hl. Johannes vom Kreuz, hat geschrieben: »Am Abend des Lebens werden wir über die Liebe gerichtet werden« (Worte des Lichtes und der Liebe, 59). Dieselbe Wahrheit hat Christus auf einfachere Weise in seiner Schilderung des Weltgerichts zum Ausdruck gebracht, die der hl. Matthäus in seinem Evangelium wiedergibt (Mt 25,31-46).

Kann man vom Schweigen Gottes sprechen? Und wenn ja, wie soll man dann ein solches Schweigen deuten?

Ja, in gewissem Sinne schweigt Gott, denn er hat uns bereits alles offenbart. Er hat »einst« durch die Prophe­ten gesprochen und »in dieser Endzeit« durch den Sohn (vgl. Hebr 1,1-2): Durch ihn hat er gesagt, was er zu sagen hatte. Der hl. Johannes vom Kreuz bestätigt, daß Christus »wie eine reiche Mine an unermeßlichen Schatzadern ist, deren Ende man nicht finden kann, so weit man auch geht, und in deren Hohlräumen man sogar neue Schatzadern findet« (Geistlicher Gesang 13,37, Erklärung Nr. 4). Wir müssen daher wieder die Stimme Gottes hören, die in der Geschichte des Men­schen spricht. Und wenn wir sein Wort nicht hören, so geschieht dies vielleicht, weil wir ihm nicht unser inneres Gehör schenken. In diesem Sinne sprach Christus von denen, die »sehen und doch nicht sehen, die hören und doch nicht hören« (vgl. Mt 13,13), während die Erfah­rung Gottes stets jedem Menschen in Jesus Christus und kraft des Heiligen Geistes zugänglich ist.

Heute gibt es allem Anschein zum Trotz viele, die einen Weg finden, um Gott zu erfahren, der am Werk ist. Es ist dies die große Erfahrung unserer Zeit, vor allem dann, wenn es sich um die jungen Generationen handelt. Wie könnte man sich auch sonst all die Vereinigungen und alle in der Kirche zur Blüte gelangten Bewegungen erklären? Was sind sie denn weiter als das von uns gehörte und angenommene Wort Gottes? Und was ist die Erfahrung der Versammlung von Denver anderes als die Stimme Gottes, die die Jugendlichen in einem Zusammenhang vernahmen, der aus menschlicher Sicht keinerlei Erfolg versprach, zumal auch vieles dafür getan wurde, um dieses Zuhören zu vereiteln?

Dieses Zuhören, diese Erkenntnis ist der Ursprung des Handelns: Hieraus entsteht die Bewegung des Gedan­kens, die Bewegung des Herzens, die Bewegung des Wil­lens. Einmal sagte ich zu Repräsentanten der apostoli­schen Bewegungen, daß die Kirche selbst zuallererst eine »Bewegung«, eine »Mission«, sei. Sie fängt in Gott-Vater an und erreicht durch den Sohn im Heiligen Geist immer wieder aufs neue die Menschheit und gestaltet sie auf neue Weise. Ja, das Christentum ist eine große Tat Gottes. Das Wirken des Wortes geht ein in die Wirkung der Sakramente.

Was sind die Sakramente (alle Sakramente!) denn ande­res als das Wirken Christi im Heiligen Geist? Wenn die Kirche tauft, so ist es Christus, der tauft; wenn die Kirche losspricht, so ist es Christus, der losspricht; wenn die Kir­che die Eucharistie feiert, so ist es Christus, der sie feiert: »Dies ist mein Leib…« Und so weiter. Alle Sakramente sind ein Handeln Christi, ein Handeln Gottes in Chri­stus. Und so kann man schwerlich vom Schweigen Gottes sprechen. Viel eher sollte man vom Willen sprechen, die Stimme Gottes zu ersticken.

Ja, dieser Wille, die Stimme Gottes zu ersticken, ist gera­dezu programmiert: Viele tun alles, damit seine Stimme nicht zu hören ist, sondern nur die Stimme des Men­schen, der aber nichts anzubieten hat, was nicht irdisch ist. Ein solches Angebot bringt nicht selten eine Zer­störung kosmischen Ausmaßes mit sich. Ist dies nicht die tragische Geschichte unseres Jahrhunderts?

Mit Ihrer Frage geben Sie im Grunde schon die Bestäti­gung dafür, daß das Handeln Gottes in der Geschichte unseres Jahrhunderts quasi sichtbar geworden ist: im Niedergang des Kommunismus. Andererseits müssen wir uns vor einer übertriebenen Vereinfachung hüten. Das, was wir Kommunismus nennen, hat seine Geschichte. Es ist, wie ich in der Enzyklika »Laborem exercens« in Erin­nerung gerufen habe, die Geschichte des Protests gegen die Ungerechtigkeit. Ein Protest der großen Menge der arbeitenden Menschen, der zur Ideologie geworden ist. Doch ist dieser Protest auch zu einem Teil des Lehramtes der Kirche geworden. Um das klarzumachen, genügt es schon, an »Rerum novarum« vom Ende des letzten Jahr­hunderts zu erinnern. Anzufügen bleibt: Das Lehramt hat sich nicht auf den Protest beschränkt, sondern es hat einen weitreichenden Blick in die Zukunft getan. Denn Leo XIII. hat in gewissem Sinne den Niedergang des Kommunismus vorausgesagt — einen Niedergang, der die Menschheit und Europa teuer zu stehen kommen könnte, da die Medizin, so schrieb er 1891 in dieser sei­ner Enzyklika, sich als gefährlicher erweisen könnte als die Krankheit selbst! Dies stellte der Papst mit dem Ernst und dem Ansehen des Lehramtes der Kirche fest.

Und was ist über die drei portugiesischen Kinder aus Fatima zu sagen, die unerwartet und kurz vor dem Aus­bruch der Oktoberrevolution hörten: »Rußland wird umkehren«, und »Am Ende wird mein Herz triumphie­ren« . . .? Sie konnten derartige Voraussagen unmöglich erfunden haben. Sie kannten sich weder in der Ge­schichte noch in der Geographie aus, und noch weniger wußten sie über Sozialbewegungen oder Ideologieent­wicklung. Und doch ist genau das eingetreten, was sie angekündigt hatten. Vielleicht ist der Papst auch aus die­sem Grund aus einem »fernen Land« gerufen worden; vielleicht hat das Attentat auf dem Petersplatz gerade am 13. Mai 1981, dem Jahrestag der ersten Erscheinung der Fatima, stattfinden müssen, damit alles durchsichti­ger und verständlicher würde, damit die Stimme Gottes, die in der Menschengeschichte in »Zeichen der Zeit« spricht, einfacher zu hören und zu verstehen sein würde. Da ist also der Vater, der stets am Werk ist, da ist der Sohn, der ebensfalls am Werk ist, und da ist der unsichtbare Heilige Geist, der die Liebe ist und der als Liebe unaufhörliches, schaffendes, rettendes, heiligendes und lebenspendendes Handeln ist.

Es wäre zu einfach, zu sagen, daß die göttliche Vorse­hung den Kommunismus hat untergehen lassen. Der Kommunismus ist als System in gewissem Sinne von allein untergegangen. Er ist als Folge seiner eigenen Fehler und Mißbräuche untergegangen. Er hat bewie­sen, daß er eine gefährlichere Medizin als die Krankheit selbst war. Er hat keine wirkliche Sozialreform zuwege gebracht, obwohl er für die ganze Welt zu einer mächti­gen Bedrohung und einer Herausforderung geworden ist. Doch ist er von alleine untergegangen — aufgrund sei­ner eigenen ihm innewohnenden Schwäche.

»Mein Vater ist noch immer am Werk, und auch ich bin am Werk« (Joh 5,12). Der Niedergang des Kommunis­mus eröffnet uns einen umfassenden Rückblick auf die typische Denk- und Handlungsweise der modernen und vor allem der europäischen Zivilisation, die den Kom­munismus hervorgebracht hat. Es ist eine Zivilisation, die neben unbestreitbaren Erfolgen in vielen Bereichen auch sehr viele Fehler gemacht und mit dem Menschen Mißbrauch getrieben hat, indem sie ihn auf verschieden­ste Weise ausgenutzt hat. Eine Zivilisation, die zu immer neuen politischen wie auch kulturellen Macht- und Gewaltstrukturen gelangt ist, um sie dann vor allem mit den sozialen Kommunikationsmitteln an die gesamte Menschheit weiterzugeben bzw. ihr ähnliche Fehler und Mißbräuche aufzuerlegen.

Wie läßt sich sonst die wachsende Diskrepanz zwischen dem reichen Norden und dem immer ärmeren Süden erklären? Wer ist dafür verantwortlich? Verantwortlich ist der Mensch; verantwortlich sind die Menschen, die Ideologien, die philosophischen Systeme. Ich würde sagen, daß der Kampf gegen Gott und der Versuch einer systematischen Beseitigung alles Christlichen dafür ver­antwortlich sind; ein Kampf, der seit drei Jahrhunderten das Denken und das Leben des Abendlandes in hohem Maße beherrscht. Der marxistische Kollektivismus ist nichts anderes als eine »schlechtere Ausgabe« dieses Pro­gramms. Man kann sagen, daß sich heute ein ähnliches Programm in all seiner Gefährlichkeit und zugleich in all seiner Schwäche zeigt.

Gott hingegen bleibt seinem Bund treu. Er hat ihn mit der Menschheit in Jesus Christus geschlossen. Er kann sich nunmehr nicht mehr zurückziehen, da er ein für allemal entschieden hat, daß das Schicksal des Men­schen das ewige Leben und das Himmelreich sein soll. Wird der Mensch der Liebe Gottes weichen, wird er sei­nen tragischen Fehler einsehen? Wird das Prinzip der Fin­sternis weichen, das »der Vater der Lüge« ist (Joh 8,44) und das die Menschensöhne ohne Unterlaß anklagt, so wie es einst Ijob anklagte (vgl. Ijob 1,9 ff.)? Vermutlich wird es nicht weichen, doch vielleicht werden seine Beweisgründe schwächer. Vielleicht wird die Mensch­heit ganz allmählich genügsamer werden und ihre Ohren öffnen, um das Wort zu hören, mit dem Gott dem Menschen alles gesagt hat. Und hieran wird nichts Demütigendes sein. Der Mensch kann aus eigenen Fehlern lernen. Auch die Menschheit kann das, damit Gott sie auf den beschwerlichen Wegen ihrer Geschichte be­gleitet. Und auf diese Weise hört Gott nicht auf, am Werk zu sein. Sein wesentliches Werk wird stets das Kreuz und die Auferstehung Christi sein. Dies ist das endgültige Wort der Wahrheit und der Liebe. Dies ist auch die uner­schöpfliche Quelle des Wirkens Gottes: in den Sakra­menten wie auch auf anderen Wegen, die nur er allein kennt. Es ist ein Handeln, das das Herz des Menschen und die Geschichte der Menschheit durchzieht.

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Quelle: Johannes Paul II – Die Schwelle der Hoffnung überschreiten – herausgegeben von Vittorio Messori – Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg