Dokument von Aparecida: Die „Dynamik des Samariters“

Kardinal Bergoglio bei der Versammlung 2007

Unter allen Grundlagentexten der Kirche auf allen Kontinenten haben die Texte der Generalversammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe immer herausgeragt, Puebla und Medellin waren zwei der auch die übrige Kirche prägenden Versammlungen, die unter anderem die Option für die Armen formuliert haben.

Im Mai 2007 hatten sich die Bischöfe und Berater versammelt, dieses Mal im brasilianischen Aparecida. Benedikt XVI. hatte die Versammlung eröffnet, danach wurde zwei Wochen getagt. Herausgekommen ist ein Dokument von knapp 300 Seiten, das bis heute die Pastoral in Lateinamerika prägt. Vor genau zehn Jahren wurde der Text vom Vatikan approbiert.

Aparecida ist aber viel mehr als nur ein Text, der eine Debatte zusammen fasst. Es ist ein Dokument der Reflexion und der Grundlagen. Ohne das Rad neu erfinden zu wollen sollte ein Weg für die Kirche für alle verstehbar und nachvollziebar formuliert werden. Und das ist geglückt. Man wollte „den Weg fortsetzen, den die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (..) zurückgelegt hat“, wie es im Dokument heißt.

Was beim Lesen vor allem auffällt ist die Dynamik, die sich durch den Text zieht. Es ist keine bloße Rhetorik, die Kirche versteht sich als gegründet und gesandt, man fordert die „Dynamik des Samariters“ für das eigene Tun. Jüngerschaft und Mission seien zwei Seiten derselben Medaille, so das Dokument. Man sieht die Kirche in dieser Dynamik des Rufes Jesu, der Folgen haben muss für das eigene Leben.

Wider die Vereinfachung

Sehr deutlich fällt immer wieder die Ablehnung aller Formen der Vereinfachung der Realität aus, man wehrt sich gegen zu schnelle Lösungen und zu einfache Analysen. Ebenso wehrt man sich deutlich gegen die Fluchtbewegungen in „tröstliche Vorstellungen, in Echtzeit, live“; tröstende Phantasien könnten die Realität nicht ersetzen. Hier käme eine internationale und standardisierte Kultur zum Tragen, die lokale Traditionen missachte und indifferent gegenüber Unterschieden sei. Es sei eine „kulturelle Kolonisierung“, die von statten gehe. Deutlicher kann man in Lateinamerika nicht werden: Konsumkultur ist Kolonisierung.

Auffällig ist weiterhin, dass einige Passagen in Gebetssprache verfasst sind. Es bleibt nicht bei der abstrakten Analyse. Der Dank spielt eine wichtige Rolle, aber ebenso die Klage über fehlenden Enthusiasmus, über die eigenen Mängel und Schattenseiten.

Herausgekommen ist etwas, womit Christen nicht nur in Lateinamerika etwas anfangen können. Sehr klarsichtige Analysen über die Zersetzungskräfte der Gesellschaft, aber auch Hoffnung für das eigene Beten und Tun. Perspektiven nicht nur für die Kirche als Ganzes, sondern ganz konkret für die einzelnen Gemeinschaften und Pfarreien, in denen Kirche lebt.

Für den ganzen Kontinent

Die entscheidende Formulierung steht in Nr. 263. „Wir verpflichten uns, eine große Mission im ganzen Kontinent durchzuführen. Sie wird uns abverlangen, alles, was wir denken und was uns bewegt, tiefer zu erfassen und einfallsreicher darzulegen, damit jeder Gläubige ein missionarischer Jünger werden kann“. Aus dem Papier wird so ein Prozess, der bis heute durch die Bistümer und Pfarreien geht, immer unterschiedlich, je nach Bedürfnissen oder Fragestellungen.

In Lateinamerika gibt es die lebendige Umsetzung eines Papiers zum Anfassen. Es soll die Kirche im Sinn des Konzils umformen, man setzt auf nichts weniger als „ein neues Pfingsten“.

Kultur des Lebens

In seiner Eröffnungsansprache hatte Benedikt XVI. von der „Kultur des Lebens“ gesprochen, die auf der Förderung des ganzen Menschen beruhen müsse, was die Priorität des Glaubens genauso umfasst wie das Beseitigen sozialer Ungerechtigkeiten. Das Dokument aus Aparecida will genau das umsetzen. Bei Papst Franziskus, in seinem Schreiben Evangelii Gaudium aber nicht nur da, kann man das ausbuchstabiert lesen.

Aparecida 2007. Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik. Übersetzt und herausgegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche Nr. 41.

(rv 17.08.2017 ord)

Aparecida: Was Kardinal Bergoglio mit nach Rom brachte

Kardinal Bergoglio 2007 in Aparecida – RV

Es war keine einfache Geburt: Das genau heute vor zehn Jahren vom Vatikan approbierte Schlussdokument der Bischofsversammlung Lateinamerikas war in langen und nicht einfachen Debatten und Auseinandersetzungen entstanden. Nicht zuletzt waren die Beziehungen zwischen der Leitung der Konferenz und dem Vatikan nicht immer einfach.

Verantwortlich für die Schulussredaktion auf Seiten der Bischöfe war 2007 der Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge Mario Bergoglio, heute Papst Franziskus. Sein Assistent von damals, Guzman Carriquiry, ist heute Vize-Präsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika und erinnert sich: „Am Anfang waren die Gespräche sehr chaotisch. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich selber deshalb sehr aufgeregt war. Kardinal Bergoglio sagte uns aber immer: wir müssen alles sammeln, was die Bischöfe sagen und immer vor Augen halten, wie uns der Heilige Geist führen will. Und am Schluss haben ja die Bischöfe in dem Dokument festgehalten: Der Heilige Geist hat uns langsam aber mit Bestimmtheit zum Ziel geführt.“

Das Dokument – das nach dem Tagungsort in Marienheiligtum Aparecida einfach nur ‚Aparecida’ genannt wird – prägt das kirchliche Leben vor Ort bis heute. Und nicht nur in Lateinamerika, findet Carriquiry: „Aparecida war jene Zeit der Güte, die uns dann der Heilige Geist Kardinal Bergoglio auf den Stuhl Petri führte“. Und mit ihm die Gedanken von Aparecida, zum Papst gewählt ließ er viele Gedanken des Dokumentes in seine Programm-Schrift Evangelii Gaudium zu Beginn seines Pontifikates 2013 einfließen.

Dass Papst Franziskus sich dem Ort immer noch sehr verbunden fühlt, zeigte auch seine erste Auslandsreise. Auf dem Weg zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro machte er in Aparecida halt. Damals kündigte er an, zur 300-Jahr-Feier des Marienwallfahrtsortes zurück kommen zu wollen, das wäre im Oktober diesen Jahres. Dazu wird es aber nicht kommen, wie der Papst bei einer seiner fliegenden Pressekonferenzen bekannt gab, stattdessen ernannte er den italienischen emeritierten Kurienkardinal Giovanni Battista Re zu seinem Gesandten für die Feierlichkeiten vom 10.-12. Oktober. Als Präfekt der Bischofskongregation war Re gleichzeitig auch Präsident der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika, als die Versammlung 2007 tagte.

(rv 17.08.2017 mg)