Johannes Paul II.: Ich bin ganz in Gottes Hand – Persönliche Notizen 1962-2003

Geleitwort des Metropoliten von Krakau

„Ich hinterlasse kein Eigentum, über das Verfügungen zu treffen wären. Was die Dinge des täglichen Gebrauchs betrifft, die mir dienten, bitte ich, sie nach Gutdünken zu verteilen. Die persönlichen Aufzeichnungen sind zu verbrennen. Ich bitte darum, dass darüber Don Stanislaw wacht, dem ich für seine jahrelange verständnisvolle Mitarbeit und Hilfe danke. Alle anderen Danksagungen dagegen behalte ich im Herzen vor Gott selbst, weil es schwierig ist, sie hier auszudrücken“ (Papst Johannes Paul II., Testament, 6. März 1979).

Diese Anordnung hat der Heilige Vater Johannes Paul II. in seinem Testament hinterlassen. Ich habe sie getreu dem Willen des Heiligen Vaters nach seinem Tod im Jahr 2005 erfüllt, als ich alle Dinge, die er besaß, vor allem persönliche Sachen, verteilt habe. Ich hatte aber nicht den Mut, die Blätter und Hefte mit den persönlichen Notizen, die er hinterlassen hat, zu verbrennen, denn sie enthalten wichtige Informationen über sein Leben. Ich habe sie auf dem Schreibtisch des Heiligen Vaters gesehen, aber ich habe nie in sie hineingeschaut. Als ich das Testament sah, hat mich die Tatsache sehr berührt, dass Papst Johannes Paul II., den ich fast 40 Jahre lang begleitet habe, mir auch seine persönlichen Dinge anvertraut hat.

Ich habe die Notizen Johannes Pauls II. nicht verbrannt, denn sie sind ein Schlüssel zum Verständnis seiner Spiritualität, also dessen, was das Innerste des Menschen ausmacht: seine Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich selbst. Sie enthüllen gewissermaßen die andere Seite der Person, die wir in Krakau als Bischof und in Rom als Petrus unserer Zeit, als Hirte der Weltkirche kannten. Sie zeigen sein Leben sogar schon früher, nämlich in den Jahren, als er die Bischofsweihe empfing und in Krakau das Bischofsamt übernahm. Sie erlauben, in diese intime, persönliche Glaubensbeziehung zu Gott, dem Schöpfer, dem Spender des Lebens, zum Meister und Lehrer hineinzublicken. Sie zeigen zugleich die Quelle seiner Spiritualität seine innere Stärke und seinen festen Willen, Christus zu dienen bis zum letzten Atemzug seines Lebens.

Wenn ich nun zu den Notizen Johannes Pauls II. zurückkomme, so steht mir die Figur des Heiligen Vaters vor Augen, den ich in seiner Privatkapelle in der Franciszkanska-Straße sehe, wie er geradezu in Gott versunken betet, vor dem Allerheiligsten Sakrament verharrt, und ich höre auch seine Seufzer aus der kleinen Kapelle des Apostolischen Palastes im Vatikan. Sein strahlendes Gesicht verriet nie, was er erlebte. Immer blickte er mutig auf das Kreuz und auf die Ikone der Gottesmutter von Tschenstochau. Von ihr lernte er die totale Hingabe an Gott, als er die Worte von Louis-Marie Grignion de Montfort wiederholte: „Totus Tuus ego sum, o Maria, et omnia mea Tua sunt — Ich bin ganz dein, o Maria, und alles, was mein ist, ist dein.“ Die totale Hingabe an Gott nach dem Beispiel Marias und die Erfüllung des Willens Gottes bis zum Ende waren charakteristische Merkmale dieses Mannes des Gebetes, der in der Beziehung zu Gott eine reiche Welt des Geistes entdeckt hat.

Möge die Lektüre der geistlichen Notizen Johannes Pauls II. allen bei der Entdeckung der geistigen Tiefe des Menschen des 21. Jahrhunderts helfen und möge sie alle zu einer noch größeren Liebe zu Gott und den Menschen führen.

Am Fest der Darstellung Marias im Tempel, der Schutzpatronin der Pfarrei in Wadowice1
Krakau, 21. November 2013

Stanislaw Kardinal Dziwisz Metropolit von Krakau

 

Das Geheimnis der Persönlichen Notizen
Karol Wojtylas – Johannes Pauls II.

Von Jan Machniak2

Die erhaltenen „Persönlichen Notizen“ Karol Wojtylas – Papst Johannes Pauls II. (1920-2005) weckten bereits zum Zeitpunkt seines Todes ein enormes Interesse. In seinem Testament schrieb der Papst, dass Stanislaw Dziwisz, der persönliche Sekretär und engste Mitarbeiter des Heiligen Vaters, der ihn während der fast 40 Jahre seines Bischofsamtes in Krakau und dann auf dem Stuhl Petri in Rom begleitet hat, sie verbrennen solle. Aus Respekt vor dem Autor hat der heutige Metropolit von Krakau sie nicht vernichtet, sondern sie der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse präsentiert, die das Leben des Heiligen Vaters während des Seligsprechungsprozesses untersucht hat. Schon ein flüchtiger Blick auf die Notizen bestätigt, dass der Autor ein reiches spirituelles Innenleben führte, das alle Dimensionen seiner Aktivitäten mit einschloss.

Die geistlichen Notizen enthüllen die Tiefe des Lebens Karol Wojtylas mit Gott – als Weihbischof, Erzbischof von Krakau, Kardinal und Papst im Lauf mehrerer Jahrzehnte (1962-2003). Sie offenbaren das Geheimnis des Herzens dieses Petrus unserer Zeit, der in der schwierigen Periode der kommunistischen Herrschaft in Polen Bischof in Krakau war und dann für fast 27 Jahre das Schiff Petri auf den stürmischen Wellen vom 20. ins 21. Jahrhundert steuerte. Die geistlichen Notizen beinhalten Reflexionen über innere Erlebnisse, Vorsätze, Gebete, Meditationen und Beobachtungen zum spirituellen Fortschritt. Sie drücken in erster Linie die persönliche Beziehung des Autors zu Gott aus, der im Zentrum seines geistlichen Lebens stand.

2 Jan Machniak (geb. 1957), Priester, Dr. theol. habil., Professor an der Päpstlichen Universität Johannes Paul II. in Krakau, Rektor der Internationalen Akademie der Göttlichen Barmherzigkeit ebd. – Der Beitrag wurde für die deutsche Ausgabe leicht überarbeitet.

1. Zwei Hefte

Die Persönlichen Notizen wurden in zwei Heften niedergeschrieben: „Agenda 1962″ und „1985″; die beiden Terminplaner wurden in Italien von der Erzdiözese Mailand herausgegeben.

Im ersten Heft führte der Autor eine eigene Seitennummerierung ein, von 1 bis 220. Die Notizen wurden jedoch nicht chronologisch verfasst: Die ersten Eintragungen beziehen sich auf Exerzitien, an denen Erzbischof Karol Wojtyla vom 1. bis 4. September 1971 zusammen mit der polnischen Bischofskonferenz in Jasna Gora3 teilnahm. Schon auf den nachfolgenden Seiten erscheinen die Notizen aus früheren Jahren – ab 1962 –, die mit späteren Exerzitien wechseln. Der Autor schrieb die Anmerkungen nach eigener Anordnung nieder und stellte seine persönlich-spirituellen Erfahrungen denen anderer Jahre gegenüber.

Die Notizen in diesem ersten Heft, das vor allem die Dienstjahre Karol Wojtylas als Weih- und Erzbischof von Krakau umfasst, beinhalten Reflexionen aus Einkehrtagen und Privatexerzitien in Kalwaria Zebrzydowska4, bei den Benediktinern in Tyniec5, bei den Ursulinen vom Herzen-Jesu-in-Todesangst in Zakopane-Jaszczurowka6, bei den Paulinern in Bachledowka7, bei den Albertinerinnen in der sogenannten „Hütte“ (Gebäude im Garten neben dem Generalat der Albertinerinnen in der Woronicza-Straße 10) in Krakau-Pradnik, ebenfalls bei den Albertinerinnen in Rzaska8, und aus den jährlichen Exerzitien zusammen mit der polnischen Bischofskonferenz in Jasna Gora und in Gnesen. Das erste Heft enthält auch die Notizen zu den Exerzitien der ersten sechs Jahre seines Pontifikats (1979-1984).

Das zweite Heft gehörte ursprünglich dem päpstlichen Sekretär, Prälat Emery Kabongo Kanundowi, was die undeutliche Schrift auf der ersten Seite und der Abdruck des Trockensiegels belegen. In der Mitte des Siegels befindet sich die Abkürzung „EK“, auf dem Kreis steht „Library of Emery Kabongo“ [Bibliothek von Emery Kabongo]. Johannes Pauls Eintragungen beziehen sich auf den Zeitraum 1985 bis 2003. Sie beginnen auf der Seite mit dem Datum vom 5. Januar und reichen über die nächsten 315 Seiten, von denen jedoch nicht alle beschrieben worden sind.

3 Jasna Gora (dt. Heller Berg), Wallfahrtsort mit der wundertätigen Ikone der Schwarzen Madonna in Tschenstochau (Wojewodschaft Schlesien).
4 Kleinstadt in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen); in der Karwoche finden hier die berühmten Passionsspiele mit Hunderttausenden von Menschen statt.
5 Heute Stadtteil von Krakau mit berühmter Benediktinerabtei.
6 Zakopane, Stadt in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen).
7 Ortschaft in der Nähe von Zakopane, Südpolen.
8 Dorf in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen).

Das zweite Heft umfasst die Jahre 1985-2003 mit den Exerzitien, die gehalten wurden von:
– Erzbischof Achille Glorieux (24.2.-2.3.1985) [S. 225]
– P. Egidio Viganö SDB (16.-22.2.1986) [S. 237]
– P. Peter-Hans Kolvenbach SJ (8.-14.3.1987) [S. 254]
– Erzbischof James Aloysius Hickey (21.-27.2.1988) [S. 273]
– Kardinal Giacomo Biffi (12.-18.2.1989) [S. 286]
– P. Georges Marie Martin Cottier OP (4.-10.3.1990) [S. 302]
– Erzbischof Ersilio Tonini (17.-23.2.1991) [S. 318]
– Kardinal Ugo Poletti (8.-14.3.1992) [S. 331]
– Bischof Jorge Arturo Medina Estévez (28.2.-6.3.1993) [S. 347]
– Kardinal Giovanni Saldarini (20.-26.2.1994) [S. 361]
– P. Toms Spidlik SJ (5.-11.3.1995) [S. 377]
– Erzbischof Christoph Schönborn (25.2.-2.3.1996) [S. 384]
– Kardinal Roger Etchegaray (16.-22.2.1997) [S. 402]
– Kardinal Jan Chryzostom Korec SJ (1.-7.3.1998) [S. 417]
– Bischof André-Joseph (Mutien) Léonard (21.-27.2.1999) [S. 432]
– Erzbischof François-Xavier Nguyên Van Thuân (12.-18.3.2000) [S. 440]
– Kardinal Francis Eugene George OMI (4.-10.3.2001) [S. 454]
– Kardinal Claudio Hummes OFM (17.-23.2.2002) [S. 462]
– Bischof Angelo Comastri (9.-15.3.2003) [S. 466].

Die Eintragungen zu den Exerzitien in beiden Notizbüchern wurden auf Polnisch verfasst. Oft fügte der Autor aber auch Ausdrücke auf Latein und auf Italienisch ein, vor allem während der vatikanischen Exerzitien. Die Exerzitien im Vatikan für den Heiligen Vater und für die römische Kurie wurden immer in italienischer Sprache gehalten.

2. Die Tagesordnung der Exerzitien

Eine straffe Tagesordnung strukturierte die Exerzitien und Einkehrtage. Das Schema für die Exerzitien wurde bereits in Krakau entwickelt, als Karol Wojtyla sein Bischofsamt antrat. Es bestand aus: drei Meditationes [Impulsreferate], Lectio spiritualis [geistliche Lesung], Corona Rosarii [Rosenkranz], Via crucis [Kreuzweg], Adoratio [Anbetung], Matutinum [Matutin], Lectio [Lektüre, Lesung], Sacrum, Officium Eucharisticum [Opfer, Heilige Messe], Vesperae [Vesper], Adoratio Sanctissimi [Anbetung des Allerheiligsten], Completorium [Komplet].

Karol Wojtyla absolvierte die Exerzitien nach der ignatianischen Methode. Diese hatte er bereits im Priesterseminar unter dem wachsamen Auge seines geistlichen Vaters, des Krakauer Pfarrers Stanislaw Smolenski, des späteren Weihbischofs der Erzdiözese Krakau, erlernt. Sie bedurfte stets der genauen Bestimmung des Themas der Meditation und der geistlichen Lektüre. In seiner Zeit als Bischof in Krakau leitete Karol Wojtyla die Einkehrtage und Exerzitien selbst. Dabei berieten ihn in geistlichen Angelegenheiten Weihbischof Smolenski oder Pfarrer Tadeusz Fedorowicz, der eine Zeitlang Spiritual des Lemberger Priesterseminars in Kalwaria Zebrzydowska war und danach geistlicher Leiter einer Einrichtung in Laski bei Warschau. Fedorowicz reiste später auch nach Rom, wo er dem Heiligen Vater mit seinem Rat zur Verfügung stand.

Dank dieser Ordnung konnte Karol Wojtyla den Einkehr- oder Exerzitien-Tag nach einem charakteristischen Plan ordnen. Der Rhythmus des Einkehrtags wurde dabei durch das Breviergebet strukturiert, zunächst nach der Art und Weise, wie es vor dem Konzil gebetet wurde, also zusammen mit Matutin, Laudes, Terz, Sext und Non; der Tag umfasste dabei gewöhnlich:

– Laudes
– Meditatio ante Sacrum [Meditation vor der Heiligen Messe]
– Sacrum [Opfer, Heilige Messe]
– Gratiarum actio [Danksagung]
– Lectio S. Scripturae [Lesung der Heiligen Schrift]
– Meditatio [Meditation]
– Via crucis [Kreuzweg]
– Vesper
– Adoratio [Anbetung]
– Rosarium [Rosenkranz]
– Lectio spiritualis [geistliche Lesung]
– Meditatio [Meditation]
– Matutinum anticipatum [vorweggenommene Matutin]
– Lectio S. Scripturae [Lesung der Heiligen Schrift]
– Rosarium [Rosenkranz]
– Komplet
– Hora Sancta (Sacra) [Heilige Stunde, Anbetung vor dem Allerheiligsten]
– Lectio [Lesung]

Karol Wojtyla blieb dieser Tagesordnung bei Einkehrtagen und Exerzitien während seines gesamten Lebens treu, wie die späteren Notizen, auch aus seiner Zeit als Papst, belegen.

3. Zum Inhalt der Persönlichen Notizen

Die Notizen, die während der Exerzitien niedergeschrieben wurden, spiegeln die geistliche Haltung Karol Wojtylas – Papst Johannes Pauls II. wider. Sie offenbaren seine spirituelle Sensibilität für die Probleme, denen die Kirche in Polen und die Weltkirche ausgesetzt waren. Der Autor bereitete das Thema des privaten Einkehrtages und der Exerzitien selbst vor. Während der Exerzitien, an denen er mit den Mitgliedern der polnischen Bischofskonferenz teilnahm, bediente er sich der Gedanken der Exerzitien-Leiter, um über seine Beziehung zu Gott und die Erfüllung der Pflichten des Bischofs, die der Inhalt seines Lebens waren, eigene Reflexionen zu entfalten.

Der Autor der Notizen tritt uns als eine sehr ordentliche und sehr gut organisierte Person entgegen, die ganz auf spirituelle Fragen konzentriert ist. Er verliert sich nicht in der Darstellung emotionaler Zustände oder in der Beschreibung von Details aktueller Ereignisse, noch schreibt er über daran beteiligte Personen. Seine ganze Aufmerksamkeit ist darauf fokussiert, inwieweit sich in seinem Leben Christus – der Hohepriester widerspiegelt. Ans Ende jeder seiner Notizen setzt der Autor häufig Abkürzungen: AMDG/UIOGD – Ad maiorem Dei gloriam / Ut in omnibus glorificetur Deus (Zur größeren Ehre Gottes / Damit in allem Gott verherrlicht werde).

Charakteristisch für die Notizen ist ihre Christozentrik. Karol Wojtyla bezog seine Erfahrungen sämtlich auf Christus, den Hohepriester. Mit ihm versuchte er durch regelmäßiges Gebet, durch Nachdenken über Gottes Wort sowie durch die Seelsorge persönlich in Verbindung zu treten. Vor Christus brachte er alle seine persönlichen Anliegen und Probleme, die ihm als Diözesanbischof, Kardinal und Papst widerfuhren.

Jeden Tag stand für den Autor die Heilige Messe im Mittelpunkt. Ihr widmete er sich bei der Morgenandacht, bei der Danksagung nach der Heiligen Messe und während des Tages, auch während der Heiligen Stunde am Abend vor dem Allerheiligsten. Die Eucharistie bildete für Wojtyla den Raum, in dem er das Opfer Christi erfahren und gleichzeitig sein eigenes Leben als Opfer Gott darbringen konnte. Die Eucharistie entsprach seinem Lebensstil, der darin bestand, sich selbst ganz zu geben, so wie sich Christus am Kreuz ganz gegeben hat. Durch die tägliche Feier der Heiligen Messe vereinte sich Wojtyla mit dem einmaligen Opfer Christi und trat dadurch in eine persönliche Beziehung mit dem dreieinen Gott: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Ein weiteres wichtiges Charakteristikum der Persönlichen Notizen ist ihr marianischer Charakter, der sich der Theologie und Spiritualität des heiligen Louis-Marie Grignion de Montfort (Traité de la vraie dévotion à la sainte Vièrge 10 mitverdankt. Maria erscheint in diesen Gebeten und Gedanken als diejenige, die den Willen Gottes vollkommen annahm und erfüllte. Der Autor der Notizen betont ihre Größe, die sich darin ausdrücke, dass Maria als Mutter des fleischgewordenen Wortes von Gottes Gnade reich beschenkt worden sei. Zugleich war Maria für Karol Wojtyla eine reife Person des Glaubens, die mit ihrem „fiat“ [es geschehe mir nach deinem Wort (Lk 1,38)1 — zur Teilnehmerin in Gottes Heilsplan wurde.

4. Treu bis zum Ende

In den letzten Jahren wurden die Notizen der Exerzitien immer kürzer. Der Heilige Vater notierte das Thema der Exerzitien und die Tagesordnung. Die eigenen Anmerkungen werden weniger. Man kann sehen, dass ihm das Schreiben schwerer fiel. Es veränderte sich auch die Handschrift, die zunehmend undeutlicher wurde.

Im Jahr 2005 hielt Bischof Renato Corti aus Novara vom 13. bis 19. Februar die vatikanischen Exerzitien. Dabei hielt er die Impuls-Referate, wie es der Brauch vorsieht, in der Kapelle „Redemptoris Mater“. Das Thema der Exerzitien lautete: „Die Kirche im Dienst des Neuen und Ewigen Bundes“ („La Chiesa a servizio della nuova ed eterna alleanza“). Papst Johannes Paul II. verfolgte sie im Radio. Er hörte alle Impulsreferate und praktizierte während dieser Exerzitien privat seine geistlichen Übungen. Dabei begleiteten ihn sein persönlicher Sekretär, Erzbischof Stanislaw Dziwisz, und andere Hausgenossen. Johannes Paul II. blieb damit der Tradition, die jährlichen Exerzitien zu absolvieren, treu. Diese letzten Exerzitien füllte er mit seinem Leiden, das ein besonderes Zeichen in seinem geistlichen Tagebuch geworden ist.

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Quelle: Karol Wojtyla – Johannes Paulus PP II – Ich bin ganz in Gottes Hand – Persönliche Notizen 1962-2003 – Aus dem Polnischen übersetzt von Anna und Stefan Meertschen – Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 2014.

PAPST JOHANNES PAUL II. ANSPRACHE AN DIE UNESCO 2. JUNI 1980

ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN
FÜR  ERZIEHUNG, WISSENSCHAFT UND KULTUR
(UNESCO)

Paris
Montag, 2. Juni 1980

Herr Präsident der Generalversammlung,
Herr Präsident des Exekutivrates,
Herr Generaldirektor,
meine Damen und Herren!

1. Ich möchte zunächst meinen herzlichsten Dank für die Einladung zum Ausdruck bringen, die Herr Amadou Mahtar-M’Bow, Generaldirektor der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wiederholt an mich gerichtet hat, und zwar schon beim ersten Besuch, den abzustatten er mir die Ehre gemacht hat. Aus zahlreichen Gründen freue ich mich, heute die von mir hochgeschätzte Einladung annehmen zu können.

Für die an mich gerichteten, liebenswürdigen Willkommensworte danke ich dem Vorsitzenden der Generalversammlung, Herrn Napoleon Leblanc, dem Präsidenten des Exekutivrates, Herrn Chams Eldine El-Wakil, und dem Generaldirektor der Organisation, Herrn Amadou Mahtar-M’Bow. Ich möchte auch alle Damen und Herren grüßen, die sich zur 109. Sitzung des Exekutivrates der |UNESCO hier versammelt haben. Ich kann meine Freude darüber nicht verbergen, so viele |   Delegierte von Nationen der ganzen Welt, so viele hervorragende Persönlichkeiten, so viele Sachverständige und so viele bekannte Vertreter der Kultur und der Wissenschaft bei dieser Gelegenheit hier versammelt zu sehen.

Mit meiner Intervention möchte ich versuchen,  meinen bescheidenen Baustein zu dem Gebäude  beizutragen, das Sie, meine Damen und Herren,  mit Beharrlichkeit und Ausdauer durch Ihre Überlegungen und Entschließungen auf allen in die Zuständigkeit der UNESCO gegebenen Gebieten errichten.

2. Es sei mir erlaubt, zu Beginn an die Anfänge Ihrer Organisation zu erinnern. Die Ereignisse, die die Gründung der UNESCO bezeichnen, sind für mich Anlaß zu Freude und Dankbarkeit  gegenüber der göttlichen Vorsehung: die Unterzeichnung ihrer Satzung am 16. November 1945; das Inkrafttreten dieser Satzung und die Errichtung der Organisation am 4. November 1946; und die im selben Jahr von der UN-Vollversammlung angenommene Vereinbarung zwischen der UNESCO und der Organisation der Vereinten Nationen. Ihre Organisation ist wahrhaftig das Werk von Nationen, die nach dem Ende des furchtbaren Zweiten Weltkriegs von einem  wie man sagen könnte  spontanen Wunsch nach Frieden, Einheit und Versöhnung getrieben wurden. Diese Nationen suchten damals nach den Mitteln und Formen einer Zusammenarbeit, die in der Lage sein sollte, die neugefundene Verständigung zu festigen, zu vertiefen und auf Dauer zu sichern. Die UNESCO wurde also als Organisation der Vereinten Nationen geboren, weil die Völker erkannt hatten, daß als Grundlage der großen Unternehmungen im Dienst des Friedens und des Fortschritts der Menschheit auf dem ganzen Erdball die Einheit der Völker, die gegenseitige Achtung und die internationale Zusammenarbeit notwendig waren.

3. In Weiterführung des Wirkens, des Denkens und der Botschaft meines großen Vorgängers Papst Paul VI. hatte ich im vergangenen Oktober auf Einladung von UN-Generalsekretär Kurt Waldheim die Ehre, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen das Wort zu ergreifen. Kurz darauf wurde ich vom Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom, Herrn Edouard Saouma, eingeladen. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich Fragen behandeln, die zutiefst mit der Gesamtheit der Probleme um eine friedliche Zukunft des Menschen auf der Erde verbunden sind. Tatsächlich sind alle diese Probleme innerlich miteinander verknüpft. Wir haben sozusagen ein ausgedehntes System kommunizierender Röhren vor uns: Die Probleme der Kultur, der Wissenschaft und der Erziehung erweisen sich im Leben der Völker und in den internationalen Beziehungen als nicht mehr unabhängig von den anderen Problemen der Existenz des Menschen, wie etwa dem Problem des Friedens und des Hungers. Die Probleme der Kultur werden beeinflußt von den anderen Dimensionen menschlicher Existenz, genau wie diese ihrerseits von jenen Problemen beeinflußt werden.

4. Trotzdem gibt es  und ich habe das in meiner Rede vor der UNO unterstrichen, als ich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hinwies  eine fundamentale Dimension; sie kann die Systeme, die die ganze Menschheit strukturieren, bis in ihre Grundlage verändern und den Menschen in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Existenz von den Drohungen befreien, die auf ihm lasten. Diese fundamentale Dimension ist der Mensch selbst  der integrale Mensch, der Mensch, der gleichzeitig in der Sphäre der materiellen und der spirituellen Werte lebt. Die Achtung der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person ist die Grundlage von allem (vgl. Ansprache an die UNO, Nr. 7 und 13) Jede Bedrohung der Rechte des Menschen  sei es im Bereich seiner geistigen, sei es im Bereich seiner materiellen Werte  tut dieser fundamentalen Dimension Gewalt an. Deswegen habe ich in meiner Ansprache an die FAO unterstrichen, daß kein Mensch, kein Land und kein System dieser Erde gegenüber der „Geographie des Hungers“ und den gigantischen Bedrohungen gleichgültig bleiben kann, die sich daraus ergeben werden, wenn sich die ganze Ausrichtung der Wirtschaftspolitik und speziell die Prioritäten der Investitionen nicht grundlegend und radikal ändern. Deswegen habe ich, als ich die Anfänge Ihrer Organisation erwähnte, unterstrichen, daß alle Kräfte mobilisiert werden müssen, die der geistigen Dimension der menschlichen Existenz die Richtung weisen und den Vorrang des Geistes im Menschen  die Würde seiner Vernunft, seines Willens und seines Herzens  bezeugen, damit wir nicht noch einmal der ungeheuerlichen Entfremdung durch das kollektiv Böse unterliegen, das stets darauf lauert, die materiellen Kräfte im Ausrottungskampf des Menschen gegen den Menschen und der Völker gegen die Völker für sich auszunutzen.

5. Am Ursprung der UNESCO wie auch an der Basis der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen also diese ersten, edlen Impulse des menschlichen Gewissens, der Vernunft und des Willens. Ich appelliere an diesen Ursprung, diesen Beginn, diese Voraussetzungen und diese ersten Prinzipien. In ihrem Namen komme ich heute nach Paris an den Sitz Ihrer Organisation mit einer Bitte: daß Sie sich nach über 30jähriger Arbeit noch enger auf diese Ideale und Prinzipien des Anfangs einigen möchten. Auch in ihrem Namen möchte ich mir jetzt erlauben, Ihnen einige wirklich fundamentale Erwägungen vorzulegen, denn nur in ihrem Licht erscheint die volle Bedeutung dieser Institution, deren Name UNESCO ist  Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur.

6. Genus humanum arte et ratione vivit  das Menschengeschlecht lebt durch seiner Hände Kunst und seine Vernunft (vgl. Thomas v. Aquin zu Aristoteles, Post analyt., Nr. 1). Diese Worte eines der größten Genies des Christentums, gleichzeitig ein fruchtbarer Portsetzer des antiken Denkens, weisen über den Bereich der abendländischen Kultur  der mediterranen wie der atlantischen hinaus. Ihre Bedeutung trifft auf die gesamte Menschheit zu, in der sich verschiedene Traditionen als geistiges Erbe und verschiedene Kulturstufen begegnen. Die wesentliche Bedeutung der Kultur nach diesen Worten des hl. Thomas von Aquin besteht in der Tatsache, daß sie ein Wesensmerkmal des menschlichen Lebens an sich ist. Der Mensch lebt nur dank der Kultur ein wahrhaft menschliches Leben. Das menschliche Leben ist auch in dem Sinne Kultur, daß sich der Mensch durch sie von allem unterscheidet, was in der übrigen sichtbaren Welt existiert: Der Mensch kann auf Kultur nicht verzichten.

Die Kultur ist eine besondere Form des „Daseins“ und des „Seins“ des Menschen. Der Mensch lebt immer in den Formen einer Kultur, die zu ihm gehört und die ihrerseits ein Band unter den Menschen schafft, das ebenfalls zu ihnen gehört, weil es den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Charakter der menschlichen Existenz prägt. In der Einheit der Kultur als der eigentümlich menschlichen Daseinsweise hat auch der Pluralismus der Kulturen ihre Wurzel, in denen der Mensch lebt. In dieser Vielfalt entfaltet sich der Mensch, ohne deswegen die wesentliche Verbindung mit der Einheit der Kultur als der fundamentalen und wesentlichen Dimension seiner Existenz und seines Seins zu verlieren.

7. Der Mensch, der in der sichtbaren Welt der einzige Wesensträger der Kultur ist, ist auch ihr einziges Objekt und Ziel. Kultur ist das, wodurch der Mensch als solcher mehr Mensch wird, mehr Mensch „ist“, besser zum „Sein“ gelangt. Das ist auch die Grundlage für die grundlegende Unterscheidung zwischen dem, was der Mensch „ist“, und dem, was er „hat“, zwischen Sein und Haben! Die Kultur steht immer in wesentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist, während ihre Beziehung zu dem, was er hat, zu seinem „Haben“, nicht nur zweitrangig, sondern völlig relativ ist. Das ganze „Haben“ des Menschen ist nur so weit bedeutsam für die Kultur, ist nur in dem Maß ein Kultur schaffender Faktor, wie es dem Menschen als Hilfsmittel zu einem volleren „Sein“ als Mensch dient, wie es ihm verhilft, in vollerem Sinne Mensch in allen Dimensionen seines Daseins und in allem, was seine Menschlichkeit auszeichnet, zu sein. Die Erfahrung der verschiedenen Epochen  einschließlich unserer gegenwärtigen  zeigt, daß man über die Kultur in erster Linie in ihrer Beziehung zur Natur des Menschen denkt und spricht und erst danach in zweitrangiger und indirekter Form in ihrer Beziehung zur Gesamtheit seiner Werke. Dies beeinträchtigt nicht die Tatsache, daß wir das Phänomen Kultur nach dem beurteilen, was der Mensch hervorbringt, oder daß wir daraus gleichzeitig Rückschlüsse über den Menschen ziehen. Ein solcher Zugang  typisch für den Erkenntnisprozeß „a posteriori“  enthält in sich die Möglichkeit, im umgekehrten Sinne zu den Seins-kausalen Zusammenhängen vorzudringen. Der Mensch, und er allein, ist „Täter“ oder „Baumeister“ der Kultur; der Mensch, und er allein, drückt sich in ihr aus und findet in ihr sein Gleichgewicht.

8. Wir alle, die wir hier anwesend sind, begegnen einander auf dem Boden der Kultur als einer grundlegenden Realität, die uns eint und die Grundlage für die Errichtung und die Zielsetzungen der UNESCO darstellt. Wir begegnen einander in der Sorge um den Menschen, ja in gewissem Sinne in ihm, im Menschen selbst. Dieser Mensch, der sich in der Kultur und durch die Kultur ausdrückt und objektiviert, ist ein einzigartiges, vollständiges und unteilbares Ganzes. Er ist Subjekt und Baumeister der Kultur in einem. Man kann ihn schon von da her nicht allein als das Produkt all seiner konkreten Daseinsbedingungen betrachten, beispielsweise  um nur eines zu nennen  als das Resultat der Produktionsverhältnisse, die in einer bestimmten Epoche vorherrschend waren. Stellt dieses Kriterium der Produktionsverhältnisse deswegen in keinem Fall einen Schlüssel zum Verständnis der Geschichtlichkeit des Menschen, zum Verständnis seiner Kultur und der vielfältigen Formen seiner Entwicklung dar? Nein, dieses Kriterium ist sehr wohl ein Schlüssel, sogar ein sehr wertvoller, aber es ist nicht der wesentliche Schlüssel. Ohne Zweifel spiegeln die menschlichen Kulturen die verschiedenen Systeme der Produktionsverhältnisse wider; dennoch hat nicht dieses oder jenes System die Kultur hervorgebracht, sondern der Mensch  der Mensch, der in diesem System lebt, der es bejaht oder zu verändern sucht. Man kann sich keine Kultur ohne den Menschen als Subjekt und ohne den Menschen als Ursache vorstellen. Im Bereich der Kultur ist der Mensch immer die Hauptfigur: Der Mensch ist das wesentliche und fundamentale Faktum der Kultur.

Und der Mensch ist dies immer in seiner Totalität: in der integralen Ganzheit seiner geistigen  und materiellen Subjektivität. Wenn auch die Unterscheidung zwischen geistiger und materieller Kultur im Hinblick auf den Charakter und den Gehalt der Werke, in denen sich die Kultur manifestiert, richtig ist, so müssen doch gleichzeitig zwei Feststellungen getroffen werden: Auf der einen Seite lassen die Werke der materiellen Kultur immer eine „Vergeistigung“ der Materie, eine Unterwerfung des materiellen Elements unter die geistigen Kräfte des Menschen  seine Vernunft und seinen Willen  erkennen; anderseits stellen die Werke der geistigen Kultur auf eine ihnen eigene Weise eine „Materialisation“ des Geistes, eine Inkarnation des Geistigen dar. Im ganzen Kulturschaffen scheint dieses doppelte Wesensmerkmal ebenso ursprünglich wie dauerhaft zu sein.

Hier haben wir anstelle einer theoretischen Schlußfolgerung eine hinreichende Basis, um die Kultur auf dem Weg über den Menschen in seiner Ganzheit, auf dem Weg über die Realität sein Subjektivität zu verstehen. Wir haben hier auch  im Bereich des Handelns  eine hinreichende Basis, um in der Kultur immer den ganzen Menschen, den Menschen in der ganzen Wirklichkeit seiner geistigen und körperlichen Subjektivität zu suchen; die Basis, die ausreicht, um der Kultur  diesem echt menschlichen System, dieser glänzenden Synthese von Geist und Körper  nicht länger die vorgefaßten Spaltungen und Gegensätze überzuordnen. In der Tat bringt weder die Verabsolutierung der Materie in den Strukturen des Subjekts Mensch noch ihre Umkehrung, nämlich die Verabsolutierung des Geistes, die Wahrheit über den Menschen zum Ausdruck, und weder das eine noch das andere dient seiner Kultur.

9. Ich möchte an dieser Stelle bei einer anderen, wesentlichen Überlegung, einer Realität von ganz anderer Art verweilen. Wir können uns ihr nähern, wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß der Hl. Stuhl bei der UNESCO durch einen Ständigen Beobachter vertreten ist. Seine Anwesenheit erklärt sich aus dem Wesen des Apostolischen Stuhls und seiner Zielsetzung. Sie ist letztlich ein Ausdruck der Natur und des Auftrags der katholischen Kirche, ja indirekt des gesamten Christentums. Ich ergreife die mir heute gebotene Gelegenheit, um eine tiefe  persönliche Überzeugung auszudrücken: Die Präsenz des Apostolischen Stuhls bei Ihrer Organisation, die allein schon durch die besondere Souveränität des Heiligen Stuhls begründet ist, findet darüber hinaus ihre Berechtigung in der organischen Seinsverbindung von Religion im allgemeinen, Christentum im besonderen und Kultur. Diese Beziehung hat sich auf die vielfältigen Realitäten ausgewirkt, die in den verschiedensten Geschichtsepochen und an verschiedensten Punkten des Erdballs Ausdruck der Kultur wurden. Es dürfte gewiß nicht übertrieben sein, zu behaupten, daß insbesondere Europa als ganzes  vom Atlantik bis zum Ural  durch eine Vielfalt von Fakten in der Geschichte jeder einzelnen Nation wie in der Geschichte der Gesamtheit der Nationen die Bindung zwischen Kultur und Christentum bezeugt.

Wenn ich daran erinnere, möchte ich damit in keiner Weise das Erbe anderer Kontinente oder die Besonderheit und den Wert des Erbes, das aus anderen Quellen religiöser, humanistischer und ethischer Inspiration stammt, schmälern. Vielmehr möchte ich allen Kulturen der Menschheitsfamilie  von den ältesten bis zu denen unserer Tage  tiefste und aufrichtigste Ehrerbietung erweisen. Im Gedanken an alle Kulturen möchte ich heute hier, in Paris, am Sitz der UNESCO, mit lauter Stimme ausrufen: „Seht da: der Mensch!“ Ich möchte meine Bewunderung für den schöpferischen Reichtum des menschlichen Geistes und für seine unermüdlichen Bemühungen um eine immer bessere Erkenntnis und Bestätigung der Identität des Menschen verkünden: dieses Menschen, der immer und in allen Sonderformen der Kultur präsent ist.

10. Wenn ich umgekehrt über den Platz der Kirche und des Apostolischen Stuhles bei Ihrer Organisation spreche, denke ich nicht nur an all jene kulturellen Werke, in denen sich im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende der Mensch ausdrückt, der Christus und das Evangelium angenommen hat. Ich denke auch nicht nur an die verschiedenen Institutionen, die aus gleicher Inspiration heraus in den Bereichen der Erziehung, des Unterrichts, der Wohlfahrt, der Caritas und in so vielen anderen entstanden sind. Ich denke vor allem, meine Damen und Herren, an die fundamentale Verbindung des Evangeliums, das heißt der Botschaft Christi und der Kirche mit dem Menschen und seiner Menschlichkeit selbst. Diese Verbindung ist in der Tat in ihrem Fundament selbst kulturschaffend. Um Kultur zu schaffen, muß man den Menschen bis in seine letzten Konsequenzen und ganzheitlich als einen besonderen und autonomen Wert betrachten, als das Subjekt, das Träger der Transzendenz der Person ist. Man muß den Menschen seinetwegen und nicht aus irgendeinem anderen Motiv oder Grund bejahen, einzig und allein seinetwegen. Mehr noch: Man muß den Menschen lieben, weil er Mensch ist. Man muß Liebe zum Menschen fordern wegen der besonderen Würde, die er besitzt. Die volle Bejahung des Menschen gehört zum Wesen der christlichen Botschaft und der Sendung der Kirche selbst ‒ trotz allem, was kritische Geister in dieser Sache erklärt haben, und allem, was die verschiedenen, der Religion im allgemeinen und dem Christentum im besonderen feindlichen Strömungen unternehmen konnten.

Im Lauf der Geschichte waren wir mehr als einmal und sind immer noch Zeugen eines sehr bezeichnenden Phänomens. Da, wo die religiösen Institutionen unterdrückt wurden, da, wo die Ideen und Werke religiöser Inspiration, insbesondere christlicher Inspiration, ihrer Rechte im Staat beraubt wurden, finden die Menschen wieder die gleichen Gegebenheiten außerhalb der institutionellen Wege. Dies geschieht durch eine Konfrontation, die sich in der Wahrheit und der inneren Bemühung innerhalb dessen vollzieht, was zu ihrer Menschennatur gehört und den Inhalt der christlichen Botschaft bildet.

Meine Damen und Herren! Sie werden mir diese Behauptung verzeihen. Wenn ich sie vortrage, will ich niemandem zu nahetreten. Ich bitte Sie, zu verstehen, daß ich im Namen dessen, was ich bin, nicht darauf verzichten kann, dieses Zeugnis zu geben. Es enthält in sich auch die Wahrheit ‒ ich kann dies nicht verschweigen ‒ über die Kultur, wenn man in ihr das Menschliche sucht, das, worin der Mensch sich ausdrückt oder wodurch der Mensch Träger seines Daseins sein will. Wenn ich das sage, möchte ich gleichzeitig meinen Dank äußern für die Bande, die die UNESCO mit dem Apostolischen Stuhl verbindet. Eine Verbindung, für die meine heutige Präsenz ein besonderer Ausdruck sein will.

11. Aus all dem ergeben sich einige wesentliche Schlußfolgerungen. In der Tat beweisen die von mir vorgebrachten Überlegungen bis zur Evidenz, daß die erste und wesentlichste Aufgabe der Kultur im allgemeinen und jeder Kultur die Erziehung ist. Die Erziehung besteht doch darin, daß der Mensch immer mehr Mensch wird; daß er mehr „sein“ kann und nicht nur mehr „haben“ kann; daß er versteht, mehr und mehr voll Mensch „zu sein“. Deshalb ist es notwendig, daß der Mensch versteht, „mehr zu sein“, nicht nur „mit“ den anderen, sondern auch „für“ die anderen. Die Erziehung ist von fundamentaler Bedeutung für die Bildung der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen. Auch hier befinde ich mich auf dem Boden einer Fülle von Axiomen, auf dem die aus dem Evangelium hergeleiteten Traditionen des Christentums sich mit der erzieherischen Erfahrung so vieler recht geleiteter und sehr kluger Menschen treffen, die in allen Jahrhunderten der Geschichte so zahlreich waren. Sie fehlen auch in unserer Zeit nicht: Menschen, die einfach groß sind durch ihre Menschlichkeit, mit der sie an anderen, vor allem an der Jugend Anteil zu nehmen verstehen. Gleichzeitig beweisen Krisensymptome aller Art, denen das Milieu und die Gesellschaft, vor allem die bessergestellten Gesellschaften, unterliegen ‒ Krisen, die besonders die jüngere Generation betreffen ‒ zur Genüge, daß sich die Erziehung des Menschen nicht nur mit Hilfe von Institutionen, organisierten und materiellen Mitteln vollzieht, mögen diese auch ausgezeichnet sein. Sie beweisen auch, daß das Wichtigste immer der Mensch ist, der Mensch und seine moralische Autorität, die sich aus der Wahrheit seiner Prinzipien und der Übereinstimmung seiner Handlungen mit diesen Prinzipien ergibt.

12. Insofern die Weltorganisation die größte Kompetenz in allen Fragen der Kultur hat, kann die UNESCO die andere wichtige Frage nicht vernachlässigen: Was läßt sich für die Erziehung des Menschen vor allem in der Familie tun? Welcher Status der öffentlichen Moral sichert der Familie und vor allem  den Eltern die nötige moralische Autorität in dieser Zielsetzung? Welche Form der Bildung, welche Formen der Gesetzgebung unterstützen diese Autorität, bzw. schwächen oder zerstören sie? Die Ursachen des Erfolgs und Mißerfolgs bei der Erziehung des Menschen durch seine Familie liegen immer gleichzeitig im fundamental-schöpferischen Milieu der Kultur, das die Familie ist, und auch auf höherer Ebene, nämlich der Zuständigkeit des Staates und seiner Organe, von denen die Familie abhängig ist. Diese Probleme müssen in einem Forum, in dem sich qualifizierte Vertreter der Staaten begegnen, zum Nachdenken und zur Besorgnis führen. Es besteht kein Zweifel, daß das erste und grundlegende kulturelle Faktum der geistig reife Mensch ist, d.h. der vollerzogene Mensch, der Mensch, der fähig ist, sich selbst und andere zu erziehen. Es besteht kein Zweifel, daß die erste und grundlegende Dimension der Kultur ihre gesunde Moral ist: also die moralische Kultur.

13. Gewiß, man findet in diesem Bereich zahlreiche Sonderprobleme, aber die Erfahrung zeigt, daß alles darauf hinausläuft und daß diese Fragen sich in einem klaren System wechselseitiger Abhängigkeit stellen. Ist z.B. in dem Gesamtzusammenhang des Erziehungsprozesses, der Schulerziehung im besonderen, nicht eine einseitige Abwertung der Erziehung im strengen Sinn des Wortes geschehen? Wenn man die Stellungnahmen zu diesem Phänomen wie auch das systematische Anwachsen der Erziehung betrachtet, die sich einseitig auf das bezieht, was der Mensch „hat“, ist es dann nicht so, daß der Mensch selbst sich mehr und mehr verloren geht? Dieser Trend ist eine wirkliche Selbstentfremdung der Erziehung: Statt für das zu arbeiten, was der Mensch „sein“ muß, arbeitet die Erziehung einseitig für das, was der Mensch sich im Bereich des „Habens“, des „Besitzes“ zunutze machen kann. Die nächste Stufe dieser Selbstentfremdung ist es, den Menschen, indem man ihn seiner eigenen Subjektivität beraubt, daran zu gewöhnen, Objekt vielfältiger Manipulationen zu sein ‒ ideologischer oder politischer Manipulationen, die durch die öffentliche Meinung gemacht werden; Manipulationen, die sich in Monopol oder Kontrolle, in wirtschaftlichen oder politischen Mächten und in Medien auswirken; Manipulationen schließlich, deren Lehre zufolge das Leben nichts anderes ist als typische Selbstmanipulation.

Es scheint, daß solche Gefahren in Sachen Erziehung vor allem die technisch hochentwickelten Gesellschaften bedrohen. Diese Gesellschaften stehen vor einer spezifischen Krise des Menschen. Sie besteht in einem mangelnden Vertrauen in seine eigene Humanität, in die Bedeutung des Menschseins und die Bejahung und Freude, die sich daraus ergeben und Quelle der Kreativität sind. Die zeitgenössische Zivilisation versucht, dem Menschen eine Reihe scheinbarer Imperative aufzulegen, die ihre Befürworter durch den Rückgriff auf das Prinzip der Entwicklung und des Fortschritts rechtfertigen. So z.B. wird anstelle der Achtung vor dem Leben der Imperativ gesetzt, sich das Leben vom Hals zu schaffen und es zu zerstören; an die Stelle der Liebe, die verantwortliche Gemeinschaft von Personen ist, wird der Imperativ größtmöglichen sexuellen Vergnügens außerhalb jeden Sinnes für Verantwortung gesetzt; anstelle des Primats der Wahrheit in den Handlungen wird der Primat des modischen, des subjektiven und des unmittelbaren Erfolgs gesetzt.

In alledem drückt sich indirekt ein großer systematischer Verzicht auf einen gesunden Ehrgeiz aus: den Ehrgeiz, Mensch zu sein. Machen wir uns keine Illusionen: ein auf der Grundlage dieser falschen Imperative, dieser fundamentalen Verzichte gebildetes System kann die Zukunft des Menschen und die Zukunft der Kultur entscheiden.

14. Ja, man muß im Namen der künftigen Kultur verkünden, daß der Mensch das Recht hat, mehr zu „sein“. Aus dem gleichen Grund muß man einen gesunden Primat der Familie in der gesamten Erziehungsarbeit des Menschen zu einer wirklichen Humanität fordern. Man muß das Recht der Nation in die gleiche Linie stellen; man muß den Menschen auch zur Grundlage der Kultur und Erziehung machen.

Die Nation ist in der Tat die große Gemeinschaft der Menschen, die geeint sind durch verschiedene Bande, aber vor allem gerade durch die Kultur. Die Nation besteht „durch“ die Kultur und „für“ die Kultur. Sie ist deshalb die große Erzieherin der Menschen zu dem, was sie „mehr sein“ könnten in der Gemeinschaft. Sie ist die Gemeinschaft, die eine Geschichte besitzt und gleichzeitig über die Geschichte des Individuums und der Familie hinausgeht. Es ist jene Gemeinschaft, die die Familie ihr Erziehungswerk beginnen läßt, und zwar angefangen beim einfachsten, nämlich der Sprache. Die Sprache gibt dem Menschen, sobald er sprechen kann, die Möglichkeit, Mitglied der Gemeinschaft der Familie und der Nation zu werden. Bei allem, was ich jetzt sage und was ich noch weiterentwickeln werde, übersetzen meine Worte eine eigene Erfahrung und geben ein besonderes Zeugnis wieder: Ich bin Sohn einer Nation, die im Lauf ihrer Geschichte die meisten Erfahrungen damit machte, daß ihre Nachbarn sie zum Tod verurteilt haben, zu wiederholten Malen, die aber überlebt hat, sie selbst geblieben ist. Sie hat ihre Identität bewahrt und sie hat trotz der Teilungen und fremden Besatzungen nationale Souveränität bewahrt, indem sie sich nicht auf die Mittel physischer Gewalt gestützt hat, sondern einzig und allein auf ihre Kultur. Diese Kultur hat sich als eine Macht herausgestellt, die größer ist als alle anderen Mächte. Das, was ich hier sage, das Recht der Nation auf die Grundlage ihrer Kultur und ihre Zukunft betreffend, ist nicht das Echo irgendeines Nationalismus, sondern es geht hier um ein festes Element menschlicher Erfahrung und menschlicher Vorstellung von der Entwicklung des Menschen. Es gibt eine fundamentale Souveränität der Gesellschaft, die sich in der Kultur der Nation manifestiert. Es geht um die Souveränität, durch die gleichzeitig der Mensch höchster Souverän ist. Wenn ich mich so ausdrücke, denke ich in gleicher Weise mit tiefer innerer Bewegung an die Kulturen so vieler alter Völker. Diese ließen sich nicht verdrängen, als sie sich mit den Zivilisationen der Eindringlinge konfrontiert sahen. Sie blieben weiter für den Menschen die Quelle seines Mensch-„Seins“ in der inneren Wahrheit seiner Menschlichkeit. Ich denke auch voll Bewunderung an die Kulturen neuer Gesellschaften, die zum Leben der Gemeinschaft der eigenen Nation erwacht sind ‒ ganz wie meine Nation zu dem Leben erwacht ist, das sie seit tausend Jahren hat ‒ und die kämpfen, um ihre eigene Identität und ihre eigenen Werte zu behalten, gegen die Einflüsse und den Druck der ihnen von außen vorgeschlagenen Modelle.

15. Wenn ich mich an Sie wende, meine Damen und Herren, die Sie hierhergekommen sind, an diesen Ort, der seit 30 Jahren im Namen des Primats der kulturellen Wirklichkeit des Menschen, der menschlichen Gemeinschaft, der Völker und Nationen besteht, sage ich: Wachen Sie mit allen Mitteln, die zu Ihrer Verfügung stehen, über die grundlegende Souveränität, die jede Nation kraft ihrer eigenen Kultur besitzt. Schützen Sie sie wie Ihren Augapfel für die Menschheitsfamilie. Schützen Sie sie! Lassen Sie nicht zu, daß diese grundlegende Souveränität die Beute politischer oder wirtschaftlicher Interessen wird. Erlauben Sie nicht, daß sie Opfer von Totalitarismen, Imperialismen oder Hegemonien wird, für die der Mensch nichts mehr ist als Gegenstand der Beherrschung und nicht Träger seiner menschlichen Existenz. Für alle diese zählt die Nation ‒ die eigene und die anderen ‒ nur noch als Objekt der Beherrschung und als Köder verschiedener Interessen und nicht als Subjekt: nämlich Subjekt der Souveränität, die sich aus der Kultur ergibt und ihr zu eigen ist. Gibt es nicht auf der Karte von Europa und der Welt Nationen, die eine großartige historische Souveränität besitzen, die sich aus ihrer Kultur ergibt, und die gleichzeitig ihrer vollen Souveränität beraubt sind? Ist sie nicht ein wichtiger Punkt für die Zukunft der menschlichen Kultur ‒ wichtig vor allem für unsere Epoche, in der die Beseitigung der Reste des Kolonialismus dringend erforderlich ist.

16. Diese Souveränität, die ihren Ursprung in der eigenen Kultur der Nation und der Gesellschaft, dem Primat der Familie bei der Erziehung und schließlich der persönlichen Würde jedes Menschen hat, muß das grundlegende Kriterium für die Behandlung des für die heutige Menschheit wichtigen Problems der Mittel der sozialen Kommunikation bleiben. (Der Information, die mit ihnen verbunden ist, und auch dessen, was man Massenkultur nennt.)

Angesichts der Tatsache, daß diese Medien „gesellschaftliche“ Kommunikationsmittel sind, dürfen sie nicht Mittel zur Herrschaft der anderen sein seitens der Beauftragten der politischen Macht oder seitens der finanziellen Mächte, die ihr Programm und Modell bestimmen. Sie müssen Mittel ‒ und was für ein mächtiges Mittel ‒ des Ausdrucks der Gesellschaft sein, die sich ihrer bedient und die ihre Existenz sichert. Sie müssen den wahren Bedürfnissen der Gesellschaft Rechnung tragen. Sie müssen der Kultur der Nation und ihrer Geschichte Rechnung tragen. Sie müssen die Verantwortung der Familie im Bereich der Erziehung achten. Sie müssen das Gemeinwohl des Menschen, seine Würde berücksichtigen. Sie dürfen nicht dem Interesse, der Sensation und dem unmittelbaren Erfolg unterworfen sein, sondern wenn sie die Forderung der Ethik berücksichtigen, müssen sie dem Bau eines „menschlicheren“ Weges dienen.

17. Genus humanum arte et ratione vivit ‒ das Menschengeschlecht lebt durch seiner Hände Kunst und seine Vernunft. Es wird allgemein bejaht, daß der Mensch durch die Wahrheit er selbst ist und er durch die immer vollkommenere Kenntnis der Wahrheit noch mehr er selbst wird. Ich möchte hier, meine Damen und Herren, alle Verdienste Ihrer Organisation anerkennen und gleichzeitig für das Engagement und alle Bemühungen der Staaten und den durch sie repräsentierten Nationen meine Anerkennung aussprechen für die Bemühungen um die Verbreitung der Bildung auf allen Stufen und Ebenen, um die Beseitigung des Analphabetismus, der den Mangel an jeder, auch der elementarsten Bildung bedeutet und der nicht nur vom Gesichtspunkt der elementaren Kultur, der Individuen und ihrer Umwelt bedauerlich ist, sondern auch vom Gesichtspunkt des sozial-wirtschaftlichen Fortschritts. Es gibt beunruhigende Anzeichen der Verzögerung in diesem Bereich. Sie hängen zusammen mit der häufig von Grund auf ungleichen und ungerechten Verteilung der Güter. Denken wir auch an jene Situationen, in denen es neben einer Oligarchie von wenigen Superreichen eine Menge Bürger gibt, die im Elend hungern. Diese Verzögerung kann nicht auf dem Weg des blutigen Kampfes um die Macht beseitigt werden, sondern vor allem auf dem Weg der systematischen Alphabetisierung durch die Verbreitung der Bildung im ganzen Volk. Eine so orientierte Bemühung ist notwendig, wenn man jene Veränderungen bewirken will, die im sozialwirtschaftlichen Bereich notwendig sind. Der Mensch, der mehr „ist“, weil er mehr „hat“ und deshalb mehr „besitzt“, muß verstehen zu besitzen, d.h. lernen, die Mittel, die er besitzt, zu verteilen und zu verwalten für sein eigenes Wohl wie für das Gemeinwohl. Zu diesem Ziel ist die Bildung unerläßlich.

18. Das Bildungsproblem war immer eng mit der Sendung der Kirche verknüpft. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sie Schulen aller Art gegründet; sie hat die Universitäten des Mittelalters entstehen lassen, in Europa die in Paris und in Bologna, in Salamanca und Heidelberg, in Krakau und Löwen. Auch in unserer Zeit leistet sie den gleichen Beitrag überall dort, wo ihr Eingreifen auf diesem Gebiet gewünscht und geachtet wird. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle für die katholischen Familien das Recht zu beanspruchen, das allen Familien zusteht, nämlich ihre Kinder in Schulen erziehen zu lassen, die ihrer Weltanschauung entsprechen, und zumal das strenge Recht, als gläubige Eltern ihre Kinder nicht in den Schulen Lehrprogrammen ausgesetzt zu sehen, die vom Atheismus geprägt sind. Es handelt sich hier tatsächlich um eins der Grundrechte des Menschen und der Familie.

19. Das Erziehungssystem ist organisch verbunden mit dem System der unterschiedlichen Orientierung, die man der Praxis und Förderung der Verbreitung des Wissens gibt; dazu dienen die Höheren Lehranstalten, die Universitäten sowie auch angesichts des heutigen Entwicklungsstandes der Spezialisierung und der wissenschaftlichen Methoden die Fachinstitute. Es geht hier um Einrichtungen, von denen man kaum ohne tiefe Ergriffenheit sprechen kann. Sind sie doch jene Stätten, an denen die Berufung des Menschen zur Erkenntnis und das naturgegebene Band, das die Menschheit mit der Wahrheit als Ziel der Erkenntnis verbindet, tägliche Wirklichkeit werden und sozusagen das tägliche Brot so vieler Lehrer und verehrter Größen der Wissenschaft sind. An ihrer Seite finden sich junge Forscher, die sich der Wissenschaft und ihrer Anwendung verschrieben haben, ferner die große Schar der Studenten, die diese Zentren der Wissenschaft und Erkenntnis besuchen.

Wir stehen hier gleichsam auf den höchsten Stufen der Leiter, die der Mensch von Beginn an emporsteigt, um die Wirklichkeit der ihn umgebenden Welt zu erkennen und die Geheimnisse seines Menschseins zu ergründen. Dieser geschichtliche Vorgang hat in unserer Zeit bisher ungekannte Möglichkeiten erreicht. Er hat dem menschlichen Geist bis dahin ungeahnte Horizonte eröffnet. Nur schwer könnte man sich hier auf Einzelheiten einlassen, denn auf dem Weg der Erkenntnis sind die besonderen Aspekte der Spezialisten ebenso zahlreich wie die Entwicklung der Wissenschaft umfassend ist.

20. Ihre Organisation ist ein Ort der Begegnung, einer Begegnung, die im weitesten Sinn den gesamten so wesentlichen Bereich der menschlichen Kultur umfaßt. Dieses Gremium ist daher auch der angemessene Ort, um alle Wissenschaftler zu grüßen und zumal denen Ehre zu erweisen, die hier anwesend sind und die für ihre Arbeiten höchste Anerkennung und die größten Auszeichnungen auf Weltebene erlangt haben. Es sei mir aber gestattet, an dieser Stelle auch einige Wünsche vorzutragen, die zweifellos Geist und Herz der Mitglieder dieser hohen Versammlung beschäftigen.

Was immer uns bei der wissenschaftlichen Arbeit erbauen mag ‒ es erbaut uns wirklich und schenkt uns tiefe Freude: ich denke an den Weg der zweckfreien Erkenntnis der Wahrheit, der sich der Gelehrte mit größter Hingabe verschrieben hat, zuweilen trotz der Gefahr für seine Gesundheit und sogar für sein Leben , so muß uns doch anderseits all das beunruhigen, was dem Grundsatz der Zweckfreiheit und Objektivität widerspricht, all das, was aus der Wissenschaft ein Werkzeug zur Erreichung von Zielen macht, die nichts mit ihr zu tun haben. Gewiß müssen wir uns um alles Sorge machen, was nichtwissenschaftlichen Zielsetzungen dient oder solche voraussetzt, was von den Wissenschaftlern Dienstbarkeit verlangt, ohne ihnen über die Zielsetzungen ein Urteil oder eine Entscheidung in voller Unabhängigkeit des Geistes, in menschlicher und sittlicher Aufrichtigkeit zu gestatten, was sie bedroht, sie hätten im Fall einer Verweigerung der Mitarbeit mit Konsequenzen zu rechnen.

Muß man diese unwissenschaftlichen Zielsetzungen, von denen ich rede, und dieses Problem, auf das ich hier hinweise, noch beweisen oder näher erläutern? Sie wissen, worauf ich mich beziehe. Es mag genügen, die Tatsache zu erwähnen, daß unter denen, die nach dem Ende des letzten Weltkriegs vor internationale Gerichte gestellt wurden, auch Wissenschaftler waren. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, verzeihen Sie mir diese Worte, aber ich wäre den Verpflichtungen meines Amtes untreu, wenn ich sie nicht aussprechen würde. Es geht mir nicht um die Vergangenheit; es geht mir um die Verteidigung der Zukunft der Wissenschaft und der menschlichen Kultur, ja noch mehr: um die Verteidigung der Zukunft des Menschen und der Welt! Ich denke an Sokrates, der in seiner ungewöhnlichen Gradheit die Meinung vertreten konnte, die Wissenschaft sei auch eine sittliche Tugend. Wenn er sich die Erfahrungen unserer Zeit vor Augen führen könnte, so müßte er seine Gewißheit erneut bekräftigen.

21. Wir sind uns bewußt, meine Damen und Herren, daß die Zukunft des Menschen und der Welt bedroht, radikal bedroht ist, trotz der gewiß edlen Absichten der Menschen des Wissens und der Wissenschaft. Sie ist bedroht, weil die glänzenden Ergebnisse ihrer Forschungen und Entdeckungen, vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, auf Kosten des ethischen Imperativs für Zielsetzungen ausgenutzt wurden und werden, die nichts zu tun haben mit den Erfordernissen der Wissenschaft selbst. Bis hin zu bewußter Zerstörung und Tötung, und das in einem bisher völlig ungeahnten Ausmaß mit wahrhaft unvorstellbaren Zerstörungen. Während die Wissenschaft aufgerufen ist, sich in den Dienst des menschlichen Lebens zu stellen, stellt man allzuoft fest, daß sie Zielsetzungen dienstbar gemacht wird, die die wahre Würde des Menschen, die das menschliche Leben zerstören. Das ist der Fall, wenn die wissenschaftliche Forschung selber sich solche Ziele setzt oder wenn ihre Ergebnisse in den Dienst von Zielen gestellt werden, die dem Wohl der Menschheit zuwiderlaufen. Das ist der Fall bei genetischen Manipulationen, bei biologischen Experimenten und beim Vervollkommnen chemischer, bakteriologischer und nuklearer Waffen.

Zwei Überlegungen veranlassen mich, Ihrem Nachdenken vor allem die nukleare Bedrohung zu empfehlen, die auf der Welt heute lastet und die, wenn nicht abgewendet, zur Zerstörung der Errungenschaften der Kultur, der Ergebnisse der Zivilisation, führen kann, die in Jahrhunderten von vielen Generationen aufgebaut wurden die an den Primat des Geistes geglaubt und weder Kraft noch Mühe gescheut haben. Die erste Überlegung ist folgende: geopolitische Gründe, wirtschaftliche Probleme von weltweitem Ausmaß, schreckliche Mißverständnisse, verletzter Nationalstolz, der Materialismus unserer Zeit und das Schwinden der moralischen Wertungen haben unsere Welt in eine Situation der Unbeständigkeit und in ein labiles Gleichgewicht gebracht, das jeden Augenblick infolge von Fehlurteilen, Fehlinformationen oder Fehldeutungen auseinanderbrechen kann.

Zu dieser beunruhigenden Aussicht kommt noch ein anderer Gedanke. Kann man in unseren Tagen noch sicher sein, daß die Zerstörung des Gleichgewichts nicht zum Kriege führt, und zwar zu einem Krieg, bei dem der Rückgriff auf nukleare Waffen nicht ausgeschlossen ist? Bis vor kurzem hat man noch behauptet, die Nuklearwaffen seien ein Mittel der Abschreckung, das den Ausbruch eines größeren Krieges verhindert, und das stimmt vermutlich. Man kann sich aber fragen, ob das immer so bleiben wird. Die Nuklearwaffen, welcher Art und Größe sie auch sein mögen, werden Jahr für Jahr vollkommener; sie werden auch in immer mehr Ländern ein Bestandteil der Rüstung. Wie darf man dann noch sicher sein, daß der Einsatz von Nuklearwaffen, auch als Mittel nationaler Verteidigung öder bei begrenzten Konflikten, nicht zu einer unvermeidlichen Eskalation führt und damit zu einem Ausmaß an Zerstörung, das die Menschheit sich nicht vorstellen! aber auch nicht bejahen kann? Muß ich nicht gerade Ihnen als Wissenschaftlern und Kulturschaffenden nahelegen, Ihre Augen nicht vor dem zu verschließen, was ein Atomkrieg für die ganze Menschheit bedeuten kann? (vgl. Predigt am Weltfriedenstag, 1. Januar 1980).

22. Meine Damen und Herren, die Welt kann nicht mehr lange auf diesem Weg weitergehen. Jedem Menschen, der sich der wirklichen Lage und der Gefahr bewußt geworden ist, der  wenn auch nur elementar  die jedem obliegende Verantwortung kennt, drängt sich die Überzeugung auf, die zugleich ein moralischer Imperativ ist: Wir müssen das Gewissen wachrütteln! Wir müssen die Macht des Gewissens in dem Maß steigern, in dem die Spannung zwischen Gut und Böse gewachsen und dem Menschen gegen Ende des zweiten Jahrtausends als Aufgabe gestellt ist: Wir müssen überzeugt sein vom Vorrang der Ethik gegenüber der Technik, vom Primat der Person gegenüber den Sachen, von der Überlegenheit des Geistes gegenüber der Materie (vgl. Redemptor hominis,Nr. 16). Die Sache des Menschen kommt voran, wenn sich die Wissenschaft mit dem Gewissen zusammenschließt. Der Wissenschaftler wird der Menschheit einen echten Dienst leisten, wenn er „den Sinn für die Transzendenz des Menschen gegenüber der Welt und Gottes gegenüber dem Menschen“ bewahrt (Ansprache vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, 10: November 1979, Nr. 4)..

So wende ich mich heute, bei Gelegenheit meiner Anwesenheit am Sitz der UNESCO, als Sohn der Menschheit und Bischof von Rom direkt an Sie Wissenschaftler, an Sie hier Versammelte, an Sie höchste Autoritäten auf allen Gebieten des modernen Wissens. Ich wende mich durch Sie zugleich an Ihre Kollegen und Freunde in allen Ländern und Kontinenten.

Ich wende mich an Sie im Namen dieser schrecklichen Bedrohung, die auf der Menschheit lastet, und zugleich im Namen der Zukunft und des Wohls der Menschheit auf der ganzen Welt. Ich bitte Sie dringend: Vereinen wir unsere Kräfte, um auf allen Gebieten der Wissenschaft den Primat des Sittlichen wieder aufzurichten und zu achten, Vereinen wir vor allem unsere Kräfte, um die Menschheitsfamilie vor der fürchterlichen Aussicht auf einen Atomkrieg zu bewahren.

Ich bin auf dieses Thema vor der Vollversammlung der Organisation der Vereinten Nationen in New York am 2. Oktober letzten Jahres eingegangen. Ich lege es auch Ihnen heute vor. Ich appelliere an Ihre Vernunft und an Ihr Herz, jenseits aller Leidenschaften, Ideologien und Grenzen. Ich wende mich an all jene, die ob ihrer politischen oder wirtschaftlichen Macht in der Lage sein können und es oft sind, den Wissenschaftlern die Arbeitsbedingungen und Zielsetzungen vorzuschreiben. Ich wende mich vor allem an jeden einzelnen Wissenschaftler persönlich und an die gesamte Gemeinschaft der internationalen Wissenschaft. Sie alle zusammen sind eine gewaltige Macht: eine Macht der Vernunft und des Gewissens! Erweisen Sie sich mächtiger als die Mächtigsten unserer zeitgenössischen Welt! Entschließen Sie sich, den Beweis Ihrer edelsten Solidarität mit der Menschheit zu erbringen, einer Solidarität, die auf der Würde der menschlichen Person gründet. Erbauen Sie den Frieden auf seinen Fundamenten: auf der Achtung aller Rechte des Menschen, derer, die mit seiner materiellen und wirtschaftlichen Situation, aber auch derer, die mit der geistigen und inneren Dimension seines Daseins in dieser Welt verbunden sind. Möge die Weisheit Ihnen Leitstern sein! Möge die Liebe Sie führen, jene Liebe, die die wachsende Drohung des Hasses und der Zerstörung besiegt! Männer und Frauen der Wissenschaft, bieten Sie alle Ihre moralische Autorität auf, um die Menschheit vor der nuklearen Zerstörung zu retten!

23. Es war mir heute vergönnt, einen der lebhaftesten Wünsche meines Herzens zu verwirklichen. Es war mir vergönnt, hier ins Innere des Areopas zu gelangen, des Areopags der ganzen Welt. Es war mir vergönnt, Ihnen allen etwas zu sagen, Ihnen, den Mitgliedern der Organisation der vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Ihnen, die Sie arbeiten für das Wohl und für die Versöhnung der Menschen und Völker auf allen Gebieten der Kultur, Erziehung, Wissenschaft und Information. Ihnen zu sagen aus der Tiefe des Herzens zuzurufen: Ja, die Zukunft des Menschen hängt von der Kultur ab! Ja, der Friede der Welt hängt vom Primat des Geistes ab! Ja, die friedliche Zukunft der Menschheit hängt von der Liebe ab!

Ihr persönlicher Beitrag, meine Damen und Herren, ist wichtig, ja er ist lebenswichtig. Er besteht im richtigen Angehen der Probleme, deren Lösung Sie Ihren Dienst widmen.

So heißt mein letztes Wort: Lassen Sie nicht nach, machen Sie weiter, immer weiter!

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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PAPST JOHANNES PAUL II. AM 13. MAI 2000 IN FATIMA

APOSTOLISCHE REISE NACH FATIMA
SELIGSPRECHUNG DER HIRTENKINDER JACINTA UND FRANCISCO

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Samstag, 13. Mai 2000

1. »Ich preise dich, Vater, […] weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast« (Mt 11,25).

Mit diesen Worten, liebe Brüder und Schwestern, lobt Jesus den Vater im Himmel für seine Pläne; er weiß, daß niemand zu ihm kommen kann, wenn ihn nicht der Vater zu ihm hinführt (vgl. Joh 6,44); und daher lobt er diesen Plan und stimmt ihm in Kindeshaltung zu: »Ja, Vater, so hat es dir gefallen« (Mt 11,26). Es hat dir gefallen, das Himmelreich den Unmündigen zu öffnen.

Nach dem göttlichen Plan ist »eine Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb 12,1), vom Himmel auf diese Erde herabgekommen, um die vom Vater bevorzugten Unmündigen aufzusuchen. Sie spricht mit der Stimme und dem Herzen einer Mutter zu ihnen: Sie lädt sie ein, sich als Sühneopfer darzubringen, und erklärt sich bereit, sie sicher vor Gott zu führen. Und siehe, sie sehen ein Licht von ihren Mutterhänden ausgehen, das sie bis ins Innerste durchdringt, so daß sie sich in Gott eingetaucht fühlen – wie wenn jemand sich im Spiegel betrachtet, so beschreiben sie es.

Später erklärte Francisco, einer der drei Bevorzugten: »Wir brannten in jenem Licht, das Gott ist, aber wir verbrannten nicht. Wie ist Gott? Das kann man nicht sagen. Ja, das ist etwas, das wir Menschen nicht sagen können.« Gott: ein Licht, das brennt, aber nicht verbrennt. Dieselbe Wahrnehmung hatte Mose, als er Gott im brennenden Dornbusch sah; dabei sprach Gott zu ihm, besorgt über die Knechtschaft seines Volkes und entschlossen, es durch seine Hand zu befreien: »Ich werde mit dir sein« (vgl. Ex 3,2–12). Alle, die diese göttliche Gegenwart in sich aufnehmen, werden zur Wohnstatt und folglich zum »brennenden Dornbusch« des Allerhöchsten.

2. Was den sel. Francisco am meisten wunderte und ganz in Ansprach nahm, war Gott in jenem immensen Licht, das sie alle drei bis in ihr Innerstes durchdrungen hatte. Nur ihm jedoch zeigte sich Gott »so traurig«, wie er es ausdrückte. Eines Nachts hörte sein Vater ihn schluchzen und fragte ihn, warum er weinte; der Sohn antwortete: »Ich dachte an Jesus, der so traurig ist wegen der Sünden, die gegen ihn begangen werden.« Ein einziger – für die Denkart der Kinder so bezeichnender – Wunsch bewegt von nun an Francisco, und es ist der, »Jesus zu trösten und froh zu machen«.

In seinem Leben bringt er eine Wandlung zuwege, die man als radikal bezeichnen könnte; eine Wandlung, wie sie für Kinder seines Alters sicher nicht alltäglich ist. Er gibt sich einem intensiven geistlichen Leben hin, das sich in eifrigem und inbrünstigem Gebet niederschlägt, so daß er zu einer wahren Form mystischer Vereinigung mit dem Herrn gelangt. Und gerade das bringt ihn zu einer fortschreitenden Läuterung des Geistes durch vielerlei Verzicht auf Angenehmes, selbst unschuldige Kinderspiele.

Francisco ertrug die großen Leiden, welche die Krankheit verursachte, die zu seinem Tod führte, ohne jede Klage. Alles schien ihm wenig, um Jesus zu trösten; er starb mit einem Lächeln auf seinen Lippen. Groß war in dem kleinen Jungen der Wunsch, Sühne zu leisten für die Beleidigungen der Sünder; und so strengte er sich an, gut zu sein, und opferte Verzicht und Gebete auf. Und Jacinta, seine fast zwei Jahre jüngere Schwester, lebte von denselben Gefühlen getragen.

3. »Ein anderes Zeichen erschien am Himmel: ein Drache, groß und feuerrot« (Offb 12,3).

Diese Worte aus der ersten Lesung der Messe lassen uns an den großen Kampf denken, der zwischen Gut und Böse stattfindet, wobei wir feststellen können, daß der Mensch, wenn er Gott auf die Seite schiebt, nicht zum Glück gelangen kann, ja letzten Endes sich selbst zerstört.

Wie viele Opfer während des letzten Jahrhunderts des zweiten Jahrtausends! Es kommen einem die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs und vieler anderer Kriege in so vielen Teilen der Welt in den Sinn, die Konzentrations- und Vernichtungslager, die Gulags, die ethnischen Säuberungen und die Verfolgungen, der Terrorismus, die Entführung von Menschen, die Drogen, die Angriffe gegen die Ungeborenen und die Familie.

Die Botschaft von Fatima ist ein Aufruf zur Umkehr, eine Warnung an die Menschheit, nicht das Spiel des »Drachens« mitzuspielen, der mit seinem Schwanz »ein Drittel der Sterne vom Himmel [fegte]« und »sie auf die Erde herab[warf]« (Offb 12,4). Das letzte Ziel des Menschen ist der Himmel, seine wahre Wohnung, wo der himmlische Vater in seiner barmherzigen Liebe auf alle wartet.

Gott will, dass niemand verloren geht; deshalb hat er vor zweitausend Jahren seinen Sohn auf die Erde gesandt, »um zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lk 19,10). Und er hat uns gerettet durch seinen Tod am Kreuz; niemand bringe das Kreuz um seine Kraft! Jesus ist gestorben und auferstanden, um »der Erstgeborene von vielen Brüdern« (Röm 8,29) zu sein.

In ihrer mütterlichen Fürsorge ist die Heiligste Jungfrau hierher, nach Fatima, gekommen, um die Menschen aufzufordern, daß sie »Gott, unseren Herrn, nicht mehr beleidigen, der schon so viel beleidigt wird«. Der Schmerz der Mutter veranlaßt sie, zu sprechen; auf dem Spiel steht das Schicksal ihrer Kinder. Deshalb sagt sie zu den Hirtenkindern: »Betet, betet viel, und bringt Opfer für die Sünder; denn viele Seelen kommen in die Hölle, weil niemand da ist, der sich für sie opfert und für sie betet.«

4. Die kleine Jacinta fühlte und lebte diese Sorge der Muttergottes als ihre eigene, und sie brachte sich heldenmütig als Opfer für die Sünder dar. Eines Tages – sie und Francisco waren bereits erkrankt und gezwungen, im Bett zu liegen – kam die Jungfrau Maria, sie zu Hause zu besuchen, wie Jacinta berichtet: »Die Muttergottes kam uns besuchen und sagte, daß sie sehr bald Francisco mit sich in den Himmel nehmen werde. Und mich fragte sie, ob ich noch mehr Sünder bekehren wollte. Ich sagte ihr: Ja.« Und als für Francisco der Augenblick des Abschiednehmens gekommen ist, trägt Jacinta ihm auf: »Bringe unserem Herrn und unserer Herrin viele Grüße von mir, und sage ihnen, daß ich alles leide, was sie verlangen, um die Sünder zu bekehren.« Die Schau der Hölle bei der Erscheinung vom 13. Juli hatte in Jacinta einen solchen Eindruck hinterlassen, daß keine Abtötung und Buße zuviel war, um die Sünder zu retten.

Zu Recht könnte Jacinta mit Paulus ausrufen: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24). Vergangenen Sonntag haben wir beim Kolosseum in Rom das Gedächtnis der vielen Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts begangen und anhand bedeutsamer Zeugnisse, die sie uns hinterlassen haben, der Peinigungen gedacht, die sie erlitten. Eine unzählbare Schar mutiger Glaubenszeugen hat uns ein kostbares Erbe vermacht, das im dritten Jahrtausend lebendig erhalten werden muß. Hier in Fatima, wo diese Zeiten der Drangsal angekündigt worden sind und die Muttergottes zu Gebet und Buße aufforderte, um sie abzukürzen, will ich heute dem Himmel Dank sagen für die Kraft des Zeugnisses, die sich in all diesen Lebensgeschichten erwiesen hat. Und noch einmal möchte ich die Güte des Herrn mir gegenüber erwähnen, als ich, hart getroffen, an jenem 13. Mai 1981 vom Tode errettet wurde. Meine Dankbarkeit gilt auch der sel. Jacinta für die Opfer und Gebete, die sie für den Heiligen Vater darbrachte, den sie so sehr hat leiden sehen.

5. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Unmündigen offenbart hast.« Der Lobpreis Jesu nimmt heute die feierliche Form der Seligsprechung der Hirtenkinder Francisco und Jacinta an. Die Kirche will mit diesem Ritus diese zwei Kerzen auf den Leuchter stellen, die Gott entzündet hat, um die Menschheit in ihren dunklen und sorgenvollen Stunden zu erleuchten. Sie mögen leuchten über dem Weg dieser riesigen Menge von Pilgern und all denen, die über Radio und Fernsehen mit uns verbunden sind. Sie mögen ein freundliches Licht sein, um ganz Portugal, und in besonderer Weise diese Diözese Leiria-Fatima, zu erleuchten.

Ich danke Bischof Serafim, Diözesanbischof dieser berühmten Teilkirche, für seine Willkommensworte, und mit großer Freude grüße ich den ganzen portugiesischen Episkopat und seine Diözesen, die ich sehr liebe und auffordere, ihre Heiligen nachzuahmen. Einen brüderlichen Gruß den anwesenden Kardinälen und Bischöfen mit besonderer Erwähnung der Hirten von Gemeinschaften portugiesischsprechender Länder: Die Jungfrau Maria möge die Aussöhnung des angolanischen Volkes erwirken; sie möge den Überschwemmungsopfern in Mosambik Trost bringen; sie möge wachen über dem Weg von Timor Lorosae [Ost-Timor], Guinea-Bissau, Kapverden, São Tomé und Príncipe; sie bewahre in der Einheit des Glaubens ihre Söhne und Töchter in Brasilien.

Mit ehrerbietiger Hochachtung grüße ich den Herrn Staatspräsidenten und die anderen Vertreter der Behörden, die an dieser Feier haben teilnehmen wollen, und möchte bei dieser Gelegenheit in der Person des Regierungschefs allen für ihre Mitarbeit am guten Gelingen meiner Pilgerreise danken. Ein herzlicher Gruß und besonderer Segen gehen an die Pfarre und Stadt Fatima, die sich heute über ihre zur Ehre der Altäre erhobenen Kinder freuen.

6. Mein letztes Wort gilt den Kindern: Liebe Jungen und Mädchen, ich sehe viele von euch wie Francisco und Jacinta gekleidet. Das steht euch sehr gut! Aber früher oder später werdet ihr diese Kleider ablegen und … dann verschwinden die Hirtenkinder. Meint ihr nicht, daß sie nicht verschwinden sollten?! In der Tat braucht die Muttergottes euch alle sehr, um Jesus zu trösten, der traurig ist über die Dummheiten, die begangen werden; sie braucht eure Gebete und Opfer für die Sünder.

Bittet eure Eltern und Erzieher, daß sie euch in die »Schule« der Muttergottes schicken, damit sie euch lehre, wie die Hirtenkinder zu sein, die alles zu tun bestrebt waren, was sie von ihnen verlangte. Ich sage euch: »In kurzer Zeit der Unterwürfigkeit unter Maria und der Abhängigkeit von ihr macht man größere Fortschritte als in langen Jahren des Eigenwillens und Selbstvertrauens « (Ludwig Maria Grignion de Montfort, Abhandlung über die vollkommene Andacht zu Maria, Freiburg/Schweiz 1925, Nr. 155). Auf diese Weise wurden die Hirtenkinder schnell heilig. Eine Frau, die Jacinta in Lissabon bei sich aufgenommen hatte und die guten und weisen Ratschläge hörte, die das Mädchen gab, fragte sie, wer sie das gelehrt hatte. »Das war die Muttergottes «, antwortete sie. Indem sie sich mit völliger Ergebenheit von einer so guten Lehrerin anleiten ließen, haben Jacinta und Francisco in kurzer Zeit die Gipfel der Vollkommenheit erreicht.

7. »Ich preise dich, Vater, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.«

Ich preise dich, Vater, für alle deine Unmündigen, angefangen bei der Jungfrau Maria, deiner demütigen Magd, bis hin zu den Hirtenkindern Francisco und Jacinta.

Möge die Botschaft ihres Lebens stets lebendig bleiben, um den Weg der Menschheit zu erleuchten!

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Quelle

„Und noch einmal möchte ich die Güte des Herrn mir gegenüber erwähnen, als ich, hart getroffen, an jenem 13. Mai 1981 vom Tode errettet wurde. Meine Dankbarkeit gilt auch der sel. Jacinta für die Opfer und Gebete, die sie für den Heiligen Vater darbrachte, den sie so sehr hat leiden sehen.“

 

Der heilige Papst Johannes Paul II. über den heiligen Papst Pius V.

BOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II.
ANLÄßLICH DES 500. JAHRESTAGES DER GEBURT
DES HL. PAPSTES PIUS V.

An den verehrten Mitbruder
FERNANDO CHARRIER
Bischof von Alessandria

1. Gerne sende ich Ihnen einen herzlichen Gruß anläßlich der Jubiläumsfeiern, die zum 500. Jahrestag der Geburt meines Vorgängers, des hl. Pius V., stattfinden. In mein liebevolles Gedenken schließe ich die Gläubigen dieser geliebten Diözese ein, die zu Recht ihres edlen Sohnes voll Freude und Dankbarkeit gegenüber Gott gedenkt.

Die verschiedenen Veranstaltungen, an denen Ihr teilnehmen werdet, um dieses glücklichen Jahrestages zu gedenken, bieten die Gelegenheit, das Andenken dieses großen Papstes wieder lebendig zu machen und über das reiche von ihm hinterlassene Erbe an Vorbildern und Lehren nachzudenken, die auch für die Christen unserer Zeit mehr denn je gelten.

Der 500. Jahrestag seiner Geburt möge Grund des Segens für die ganze Kirche sein, in besonderer Weise für die geliebte Diözese Alessandria und für die kirchliche Gemeinschaft von Piemont. Die Fürsprache des hl. Pius V. und das Vorbild seiner Tugenden seien für jeden ein Impuls, den Glauben zu stärken, indem dieser unversehrt und in ständiger Verbindung mit den Quellen der Offenbarung bewahrt und in der Gesellschaft verbreitet wird, um eine Menschheit heranzubilden, die für Christus offen ist und die den Aufbau der Zivilisation der Liebe anstrebt.

2. Die Zeit, in der Pius V. lebte, war zwar sehr verschieden von der jetzigen, aber dennoch fehlt es nicht an gewissen Analogien. Beide Geschichtsepochen erlebten die Festigung von konvergierenden religiösen Kräften und hatten zugleich tiefe Krisen in der Gesellschaft zu verzeichnen mit Auseinandersetzungen zwischen Städten und Völkern, die manchmal in schmerzliche bewaffnete Konflikte ausarteten. In beiden Epochen war die Kirche bemüht, neue Wege zu finden, um den Glauben zu beleben und ihn in einer Weise vorzuschlagen, die den veränderten kulturellen und sozialen Bedingungen angemessen war; dies geschah damals durch die Einberufung des Konzils von Trient und im vergangenen Jahrhundert durch das II. Vatikanische Ökumenische Konzil. Auf die jeweiligen Konzilien folgten die oft nicht einfachen Anstrengungen, ihre Lehren getreu anzuwenden, wobei ein wahrer Reformprozeß der Kirche in Gang gesetzt wurde.

In diesen geschichtlichen und religiösen Kontext, der das 16. Jahrhundert gekennzeichnet hat, fügt sich das menschliche und geistliche Leben des hl. Pius V. ein, das am 1. Mai 1572 endete. Von Kindheit an bekam Michele Ghislieri die Härte der Armut zu spüren, denn er mußte durch seine Arbeit zum Unterhalt der Familie beitragen. Er schöpfte aus den bezeichnenden Werten seiner geliebten Heimat Alessandria und blieb ihr immer verbunden. Und dies so sehr, daß er, als er in das Kardinalskollegium berufen wurde, unter dem Namen Kardinal Alessandrino bekannt wurde.

Im Alter von 14 Jahren trat er in den Predigerorden ein und erhielt seine Ausbildung in den Klöstern von Vigevano, Bologna und Genua. Er war stets darauf bedacht, durch Gebet und Studium den Weg der evangeliumsgemäßen Vollkommenheit zu gehen, indem er reichlich aus den Quellen des Wortes Gottes entsprechend dem dominikanischen Charisma schöpfte.

Schon damals bewies er eine besondere Vorliebe für die Heilige Schrift und für die Lehre der Kirchenväter, während er sich auch für das Studium der Werke des hl. Thomas von Aquin begeisterte, den er später, als er Papst geworden war, in den Rang eines Kirchenlehrers erhob. Er wurde in Genua im Jahr 1528 zum Priester geweiht.

Von Papst Paul III. wurde er beauftragt, in den Gebieten von Padua, Pavia und Como über die Reinheit des Glaubens zu wachen. Er inspirierte sich am hl. Dominikus, dem heiligen Märtyrer Petrus von Verona, dem hl. Vincenzo Ferrer und dem hl. Antoninus von Florenz als seinen Vorbildern und Schutzherren. Dabei war seine einzige Sorge, immer die größere Ehre Gottes und das wahre Wohl der Brüder zu suchen, getreu dem Leitspruch »In der Wahrheit voranschreiten«, den er sich zu eigen machen wollte. Mit dem gleichen Eifer arbeitete er weiter, als er in Rom zum Kommissar für die Glaubenslehre ernannt wurde und nacheinander die weiteren Aufgaben übernahm, die ihm von den Päpsten Julius III., Paul IV. und Pius IV. anvertraut wurden. 1556 wurde er zum Bischof von Nepi und Sutri ernannt und im Jahr 1557 zum Kardinal kreiert; 1560 wurde er Bischof von Mondovì.

3. Mit 62 Jahren, im Januar 1556, wurde er zum Nachfolger Petri gewählt. Während seines Pontifikats bemühte er sich, die Glaubenspraxis in jedem einzelnen Glied des Volkes Gottes zu beleben, indem er der Kirche einen providentiellen Anstoß zur Evangelisierung gab. Er war unermüdlich in der Pastoralarbeit tätig und suchte mit allen direkten Kontakt zu knüpfen, ohne auf seinen schwachen Gesundheitszustand zu achten. Er sorgte sich darum, die Beschlüsse des Konzils von Trient getreu umzusetzen: im liturgischen Bereich durch die Veröffentlichung des erneuerten Römischen Meßbuches und des neuen Breviers; im katechetischen Bereich vor allem durch die Übergabe des »Katechismus des Konzils von Trient« an die Pfarrer; in der Theologie durch die Einführung der Summa des hl. Thomas in den Universitäten. Die Bischöfe erinnerte er an die Pflicht, in der Diözese zu residieren zum Zweck einer aufmerksamen Seelsorge an den Gläubigen; die Ordensleute regte er zu einer angemessenen Klausur an, und den Klerus wies er auf die Bedeutsamkeit des Zölibats und die Heiligkeit des Lebens hin.

Im Bewußtsein des von Christus, dem Guten Hirten, empfangenen Sendungsauftrages sorgte er sich hingebungsvoll darum, die ihm anvertraute Herde zu weiden, wobei er zum täglichen Gebet und vor allem zur Marienverehrung einlud. Es gelang ihm, diese beträchtlich zu intensivieren, indem er der Praxis des Rosenkranzgebets einen starken Impuls gab. Er selbst betete jeden Tag den gesamten Rosenkranz, auch wenn er überhäuft war mit schwierigen und vielfältigen Aufgaben.

4. Verehrter Mitbruder, der apostolische Eifer, das ständige Streben nach Heiligkeit, die Liebe zur Jungfrau Maria, die das Leben des hl. Pius V. kennzeichneten, seien für alle ein Ansporn, mit verstärktem Einsatz die eigene christliche Berufung zu leben. Ich möchte insbesondere dazu einladen, ihn in der kindlichen Marienverehrung nachzuahmen durch die Wiederaufnahme des einfachen und tiefen Rosenkranzgebetes, das – wie ich im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariae in Erinnerung rufen wollte – uns hilft, das Geheimnis Christi zu betrachten: »In der Nüchternheit seiner Teile vereinigt er in sich die Tiefe der ganzen Frohen Botschaft, für die er gleichsam eine Kurzfassung ist … Mit dem Rosenkranz geht das christliche Volk in die Schule Mariens, um sich in die Betrachtung der Schönheit des Antlitzes Christi und in die Erfahrung der Tiefe seiner Liebe einführen zu lassen« (Nr. 1).

Durch das eifrige Beten des Rosenkranzes können auf die Fürsprache der himmlischen Mutter des Herrn außerordentliche Gnaden erlangt werden. Davon war der hl. Pius V. fest überzeugt, und er wollte nach dem Sieg von Lepanto ein eigenes Fest, den Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, einführen.

Ich habe Maria, der Königin des heiligen Rosenkranzes, zu Beginn des dritten Jahrtausends durch das Gebet des Rosenkranzes das wertvolle Gut des Friedens und die Förderung der Institution der Familie anvertraut. Ich erneuere diesen Akt des Vertrauens auf die Fürsprache des hl. Pius V., dieses großen Marienverehrers.

5. Ich versichere Ihnen, verehrter Mitbruder, daß ich Ihrer im Gebet gedenken werde, ebenso der Bischöfe, die der Schlußfeier des Jubiläums vorstehen werden, sowie des Nationalen Komitees und des Ehrenkomitees, der Obrigkeiten der Region, der Provinz und der benachbarten Gemeinden von Alessandria, des Klerus, der Ordensleute und der lieben Gläubigen sowie aller, die an der heiligen Messe am 5. Mai zum Abschluß der Jubiläumsfeiern in der Kirche des Klosters »Santa Croce in Boscomarengo« teilnehmen werden.

Allen erteile ich von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 1. Mai 2004

JOHANNES PAUL II.

Quelle

Auszug aus: Johannes Paul II.: Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

PRIESTERSEIN HEUTE

Fünfzig Jahre Priestertum sind nicht wenig. Was ist nicht alles geschehen in diesem halben Jahrhundert Geschichte! Neue Probleme, neue Lebensgewohnheiten, neue Herausforderungen traten ins Rampenlicht. Da fragt man sich spontan: Was bedeutet Priestersein heute, auf dieser Weltbühne in Bewegung und Um­bruch, während wir auf das dritte Jahrtausend zu­gehen?

Es besteht kein Zweifel, daß der Priester, zusam­men mit der ganzen Kirche, mit seiner Zeit geht und zum aufmerksamen und wohlwollenden, aber zugleich kritischen und wachsamen Hörer all dessen wird, was in der Geschichte zur Reife kommt. Das Konzil hat gezeigt, daß eine echte Erneuerung in voller Treue zum Wort Gottes und zur Überlieferung möglich und nötig ist. Über die gebotene pastorale Erneuerung hinaus bin ich aber davon überzeugt, daß der Priester sich nicht scheuen darf, „außerhalb der Zeit“ zu stehen, weil das menschliche „Heute“ jedes Priesters eingefügt ist in das „Heute“ Christi, des Erlösers. Die größte Aufgabe für jeden Priester und zu jeder Zeit ist es, Tag für Tag dieses sein priesterliches „Heute“ in dem „Heute“ Christi wiederzufinden, in jenem „Heute“, von dem der Hebräerbrief spricht. Dieses „Heute“ Christi ist einge­taucht in die ganze Geschichte — in die Vergangenheit und in die Zukunft der Welt, jedes Menschen und jedes Priesters. „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Wenn wir also mit unserem menschlichen, priesterlichen „Heute“ eingetaucht sind in das „Heute“ Jesu Christi, besteht keine Gefahr, daß wir zu „Gestrigen“, Rückständigen werden … Christus ist das Maß aller Zeiten. In seinem göttlich-mensch­lichen, priesterlichen „Heute“ löst sich der — einst so viel diskutierte — Widerspruch zwischen „Traditionalismus“ und „Progressismus“ an der Wurzel auf.

DIE TIEFGREIFENDEN ERWARTUNGEN
DES MENSCHEN

Analysiert man die Erwartungen des heutigen Men­schen gegenüber dem Priester, so wird man sehen, daß es bei ihm im Grunde nur eine einzige, große Erwar­tung gibt: er dürstet nach Christus. Um das Übrige ­was auf wirtschaftlichem, sozialem, politischem Gebiet dienlich ist — kann er viele andere bitten. Den Priester bittet er um Christus! Und er hat vom Priester das Recht, Christus vor allem durch die Verkündigung des Wortes zu erwarten. Die Priester — so lehrt das Konzil ­„schulden also allen, Anteil zu geben an der Wahrheit des Evangeliums“ (Presbyterorum Ordinis, 4). Aber die Verkündigung zielt auf die Begegnung des Menschen mit Jesus, besonders im Geheimnis der Eucharistie, Herzensmitte der Kirche und des priesterlichen Lebens. Es ist eine geheimnisvolle, erstaunliche Macht, die der Priester angesichts des eucharistischen Leibes Christi besitzt. Aufgrund dieser Macht wird er zum Verwalter des größten Gutes der Erlösung, denn er schenkt den Menschen den Erlöser in Person. Die Feier der Euchari­stie ist die erhabenste und heiligste Funktion jedes Prie­sters. Und für mich ist die Feier der Eucharistie seit den ersten Jahren meines Priestertums nicht nur heiligste Pflicht, sondern vor allem tiefstes Bedürfnis der Seele gewesen.

DIENER DER BARMHERZIGKEIT

Als Verwalter des Sakramentes der Versöhnung erfüllt der Priester den Auftrag, den Christus nach seiner Auf­erstehung den Aposteln erteilt hatte: „Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,22-23). Der Priester ist Zeuge und Werkzeug der göttlichen Barmherzigkeit! Wie wichtig ist der Beichtdienst in seinem Leben! Ge­rade im Beichtstuhl verwirklicht sich wahrlich seine geistliche Vaterschaft am vollkommensten. Gerade im Beichtstuhl wird jeder Priester zum Zeugen der großar­tigen Wunder, welche die göttliche Barmherzigkeit in der Seele wirkt, die die Gnade der Umkehr annimmt. Aber es ist notwendig, daß für den Dienst an den Brü­dern und Schwestern im Beichtstuhl jeder Priester durch eigenes regelmäßiges Beichten und unter geist­licher Führung an sich selber die Erfahrung dieser Barmherzigkeit Gottes macht.

Als Verwalter von göttlichen Geheimnissen ist der Priester ein besonderer Zeuge des Unsichtbaren Welt. Er ist in der Tat Verwalter unsichtbarer und uner­meßlicher Güter, die in den Bereich des Geistlichen und Übernatürlichen gehören.

EIN MENSCH, DER MIT GOTT IN VERBINDUNG STEHT

Als Verwalter dieser Güter steht der Priester in ständi­ger, besonderer Verbindung zu der Heiligkeit Gottes. „Heilig, heilig, heilig Gott, Herr aller Mächte und Gewalten! Erfüllt sind Himmel und Erde von deiner Herrlichkeit.“ Gottes Majestät ist die Majestät der Heiligkeit. Im Priestertum wird der Mensch gleichsam emporgehoben in die Sphäre dieser Heiligkeit, er er­reicht gleichsam die Höhen, in die einst der Prophet Jesaja eingeweiht worden war. Und genau jene pro­phetische Vision findet Widerhall im eucharistischen Hochgebet: Sanctus, Sanctus, Sanctus, Dominus Deus Sabaoth. Pleni sunt caeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis.

Gleichzeitig lebt der Priester jeden Tag fortwäh­rend die Herabkunft dieser Heiligkeit Gottes auf den Menschen: „Benedictus qui venit in nomine Domini.“ Mit diesen Worten grüßte die Menge Christus, als er in die Stadt Jerusalem einzog, um das Opfer für die Er­lösung der Welt zu vollenden. Die transzendente, gleichsam „außerweltliche“ Heiligkeit wird in Christus zur „innerweltlichen“ Heiligkeit. Sie wird zur Heilig­keit des Ostergeheimnisses.

ZUR HEILIGKEIT BERUFEN

Da er in ständiger Verbindung zu der Heiligkeit Gottes steht, muß der Priester selbst heilig werden. Sein Amt verpflichtet ihn zu einer von der Radikalität des Evan­geliums inspirierten Lebensform. Dies erklärt die be­sondere Notwendigkeit, daß er vom Geist der evange­lischen Räte Keuschheit, Armut und Gehorsam erfüllt sein muß. In diesem Blickfeld versteht man auch die besondere Angemessenheit des Zölibates. Daher ergibt sich das besondere Bedürfnis nach dem Gebet in seinem Leben: Das Gebet entspringt der Heiligkeit Gottes und ist gleichzeitig die Antwort auf diese Heiligkeit. Ich habe einmal geschrieben: „Das Gebet bringt den Prie­ster hervor, und der Priester entsteht durch das Gebet.“ Ja, der Priester muß vor allem ein Mann des Gebetes sein, überzeugt davon, daß die Zeit, die er der vertrau­lichen Begegnung mit Gott widmet, am besten verwen­det ist, weil sie nicht nur ihm, sondern auch seiner apostolischen Arbeit nützt.

Wenn das II. Vatikanische Konzil von der allgemei­nen Berufung zur Heiligkeit spricht, so muß man beim Priester von einer besonderen Berufung zur Heiligkeit sprechen. Christus braucht heiligmäßige Priester! Die heutige Welt verlangt heiligmäßige Priester! Nur ein heiligmäßiger Priester kann in einer immer stärker säkularisierten Welt ein transparenter Zeuge Christi und seines Evangeliums sein. Nur so kann der Priester für die Menschen zum geistlichen Führer und Lehrer von Heiligkeit werden. Die Menschen, vor allem die jungen, erwarten eine solche Führung. Der Priester kann in dem Maße Führer und Lehrer sein, in dem er ein authentischer Zeuge wird!

DIE „CURA ANIMARUM“

In meiner nunmehr langen Erfahrung in so vielen ver­schiedenen Situationen wurde ich immer mehr in mei­ner Überzeugung bestärkt, daß nur aus dem Boden der priesterlichen Heiligkeit eine wirksame Pastoral, eine echte cura animarum wachsen kann. Das eigentliche Geheimnis glaubwürdiger pastoraler Erfolge liegt nicht in den materiellen Mitteln und noch weniger in den „reichen Geldmitteln“. Die bleibenden Früchte der pastoralen Anstrengungen entstehen aus der Heiligkeit des Priesters. Das ist das Fundament! Natürlich sind dafür unerläßlich: die Ausbildung, das Studium, die Fortbildung; eine angemessene Vorbereitung, die befä­higt, die Dringlichkeiten wahrzunehmen und pastorale Prioritäten festzulegen. Man könnte jedoch behaupten, daß die Prioritäten auch von den Umständen abhängen, und jeder Priester ist angehalten, sie im Einvernehmen mit seinem Bischof und im Einklang mit den Richtlinien der Gesamtkirche genau zu bestimmen und danach zu leben. In meinem Leben habe ich diese Prioritäten im Laienapostolat, insbesondere in der Familienpastoral ­einem Bereich, in dem mir die Laien selbst viel geholfen haben —, in der Jugendseelsorge und im intensiven Dia­log mit der Welt der Wissenschaft und Kultur erkannt. Das alles spiegelte sich in meiner wissenschaftlichen und literarischen Tätigkeit wider. Auf diese Weise sind die Studie „Liebe und Verantwortung“ und, unter an­derem, ein literarisches Werk „Der Laden des Gold­schmieds“ mit dem Untertitel „Betrachtungen über das Sakrament der Ehe“ entstanden.

Eine unausweichliche Priorität stellt heute die be­vorzugte Aufmerksamkeit für die Armen, Ausgegrenz­ten und Einwanderer dar. Für diese Gruppen muß der Priester wirklich ein „Vater“ sein. Unerläßlich sind sicher auch materielle Mittel, wie die moderne Tech­nologie sie uns anbietet. Das Geheimnis bleibt jedoch immer die Heiligkeit des priesterlichen Lebens, die im Gebet und in der Betrachtung, im Opfergeist und im missionarischen Eifer ihren Ausdruck findet. Wenn ich in Gedanken die Jahre meines pastoralen Dienstes als Priester und als Bischof durchlaufe, bin ich immer mehr davon überzeugt, wie wahr und grundlegend dies ist.

MANN DES WORTES

Ich habe bereits darauf hingewiesen: Um ein glaubwür­diger Leiter der Gemeinde, ein wahrer Verwalter der Geheimnisse Gottes zu sein, muß der Priester auch ein Mann des Wortes Gottes, ein hochherziger und uner­müdlicher Verkünder des Evangeliums sein. Heute sieht man angesichts der ungeheuren Aufgaben der „Neu­evangelisierung“ ihre Dringlichkeit noch deutlicher.

Nach so vielen Jahren des Dienstes am Wort, die mich insbesondere als Papst zum Pilger in alle Teile der Welt werden ließen, kann ich nicht umhin, noch einige Gedanken über diese Dimension des priester­lichen Lebens hinzuzufügen. Es ist ein anspruchsvoller Gesichtspunkt, da die Menschen von heute vom Prie­ster eher das „gelebte“ Wort als das „verkündigte“ Wort erwarten. Der Priester muß „vom Wort leben“. Gleichzeitig wird er sich jedoch um eine intellektuelle Vorbereitung bemühen müssen, um das Wort gründlich kennenzulernen und wirksam zu verkünden. In unserer Zeit, die sich durch hochgradige Spezialisierung in fast allen Lebensbereichen auszeichnet, ist die intellektuelle Bildung wichtiger denn je. Sie ermöglicht es, einen intensiven und kreativen Dialog mit dem zeitgenössischen Denken aufzunehmen. Die humanistischen und philo­sophischen Studien und die Kenntnis der Theologie sind der Weg zu dieser Bildung, die dann das ganze Leben lang weiter vertieft werden muß. Um wirklich formend zu sein, muß das Studium ständig vom Gebet, von der Meditation, von der Bitte um die Gaben des Heiligen Geistes — Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht — begleitet sein. Der hl. Thomas von Aquin erklärt, wie mit den Gaben des Heiligen Geistes der ganze geistliche Orga­nismus des Menschen für das Licht Gottes, für das Licht der Erkenntnis und auch für die Inspiration der Liebe empfänglich gemacht wird. Das Gebet um die Gaben des Heiligen Geistes hat mich von Jugend an begleitet, und ich bleibe ihm bis heute treu.

WISSENSCHAFTLICHE VERTIEFUNG

Aber natürlich entbindet — wie ebenfalls der hl. Thomas lehrt — die „eingegebene Erkenntnis“, die Frucht des besonderen Zutuns des Heiligen Geistes ist, nicht von der Pflicht, sich um die „erworbene Erkenntnis“ zu kümmern.

Was mich betrifft, so wurde ich, wie schon gesagt, gleich nach der Priesterweihe zur Vervollkommnung der Studien nach Rom geschickt. Später mußte ich mich auf Wunsch meines Bischofs als Ethikprofessor an der Theologischen Fakultät von Krakau und an der Katho­lischen Universität von Lublin mit der Wissenschaft be­schäftigen. Frucht dieser Studien war die Doktorarbeit über den hl. Johannes vom Kreuz und dann die Habili­tationsschrift über Max Scheler: speziell über den Beitrag, den sein phänomenologisch geprägtes ethisches System zum Aufbau der Moraltheologie leisten kann. Dieser Forschungsarbeit habe ich wirklich viel zu ver­danken. In meine vorausgegangene aristotelisch-thomi­stische Ausbildung fügte sich so die phänomenologische Methode ein, was mir ermöglichte, zahlreiche schöpfe­rische Untersuchungen auf diesem Gebiet vorzuneh­men. Ich denke vor allem an das Buch „Person und Akt“. Auf diese Weise reihte ich mich in die moderne Denkströmung des philosophischen Personalismus ein, eine Forschung, die nicht ohne pastorale Früchte blieb. Ich stelle häufig fest, daß viele der in diesen Studien gereiften Überlegungen für mich hilfreich sind bei den Begegnungen mit einzelnen Personen und auch bei den Begegnungen mit den vielen Menschen anläßlich meiner apostolischen Reisen. Diese Bildung vor dem kultu­rellen Horizont des Personalismus hat mir eine tiefere Erkenntnis darüber vermittelt, daß jede Person einmalig und unwiederholbar ist, und diese Erkenntnis halte ich für jeden Priester für sehr wichtig.

DER DIALOG MIT DEM DENKEN
UNSERER ZEIT

Durch Begegnungen und Diskussionen mit Naturfor­schern, Physikern, Biologen und auch Historikern habe ich die Bedeutung der anderen, die wissenschaftlichen Disziplinen betreffenden Wissenszweige schätzen ge­lernt, die auch in der Lage sind, unter verschiedenem Blickwinkel zur Wahrheit zu gelangen. Notwendig ist also, daß der Glanz der Wahrheit — Veritatis splendor ­sie ständig begleitet und den Menschen gestattet, einan­der zu begegnen, Überlegungen auszutauschen und sich gegenseitig zu bereichern. Von Krakau habe ich nach Rom die Tradition periodischer interdisziplinärer Tref­fen mitgebracht, die regelmäßig in der Sommerzeit in Castel Gandolfo stattfinden. Ich versuche, dieser guten Gewohnheit treu zu bleiben.

„Labia sacerdotum scientiam custodiant — „Die Lippen des Priesters bewahren die Erkenntnis …“ (vgl. Mal 2,7). Ich beziehe mich gerne auf diese Worte des Propheten Maleachi, die in die Litanei zu Christus, dem Priester und Opfer aufgenommen worden sind, weil sie eine Art programmatischen Wert für den haben, der berufen ist, Diener des Wortes zu sein. In der Tat muß er ein Mann der Wissenschaft im tiefsten und religiösen Sinn des Wortes sein. Er muß jene „Wis­senschaft Gottes“ besitzen und weitergeben, die nicht nur eine Summe von Lehrwahrheiten ist, sondern eine persönliche und lebendige Erfahrung des Geheimnisses, wie sie das Johannesevangelium im großen Hohe-priesterlichen Gebet beschreibt: „Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (17,3).

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Quelle: Weltbild – ISBN 3-8289-4919-3: Johannes Paul II. – Geschenk und Geheimnis – Mein Weg zum Priester Gottes

Auszug aus: Andrea Tornielli: Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla


1. EIN TREFFEN AN EINEM
APRILNACHMITTAG

Freitag, 30. April 1999. In Rom hat schon die Invasion der Pilger begonnen, die zur Seligsprechung von Pater Pio von Pietrelcina gekommen sind, des Kapuziners mit den Wundmalen, des „Heiligen vom Gargano“. Ein Heiliger, der bei manchen umstritten ist, der von vielen als „politisch inkorrekt“ angesehen wird, als Symbol einer urtümlichen, wenig modernen Religiosität. Ein Heiliger, der vom christlichen Volk geliebt, sehr geliebt wird.

Ich sehe sie in Gruppen daherkommen, die Pilger, mit ihren blauen Hütchen und den weißen Halstüchern, auf denen das Bild des Paters aufgedruckt ist. Auf dem Platz vor der vatikanischen Basilika wird gerade getestet, ob die Übertragungsanlage funktioniert, und Tausende von jungen Leuten stimmen Gesänge zu Ehren von Johannes Paul II. an. Während ich mit raschem Schritt auf die von der Schweizergarde errichtete Absperrung zugehe, werfe ich einen letzten Blick auf diese Vorhut des Popolo di Padre Pio, „der Gemeinde Pater Pios“, auf diese einfachen Leute, die zur Seligsprechung des stigmatisierten Kapuziners in die Hauptstadt geeilt sind. Im Grunde stellt das, was jetzt gleich geschehen soll, in gewisser Weise eine Revanche dar, gerade für sie. Oder, besser gesagt, keine Revanche, sondern der Beweis, dass, wenn auch langsam, in einem Zeitmaß, das wir nicht verstehen, in der Kirche doch Gerechtigkeit geschieht: Diese unbequeme, blutvolle Persönlichkeit, die so stark dem Traditionalismus anhing und so wenig in die Zeit zu passen schien, die so sehr angefeindet und manchmal auch verfolgt worden war von Prälaten, die nicht immer uneigennützig waren, und sogar von manchen Päpsten, wird nun gleich seliggesprochen werden. Waren die kirchenrechtlichen Sanktionen, die im Laufe seines langen und mühevollen Lebens gegen ihn verhängt worden waren, ungerecht? Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu diskutieren. Das, was zählt, ist die Tatsache, dass dieser Ordensmann mit dem ungepflegten Bart und dem unverwechselbaren apulischen Akzent sie im Gehorsam angenommen und sich seinen Oberen unterworfen hat. Er hat gelitten, viel gelitten — nicht nur körperlich, gepeinigt von den Stigmata, sondern auch geistig. Er hat darunter gelitten, nicht verstanden zu werden von seinen Oberen, von Leuten aus der kirchlichen Hierarchie, die des Gewandes, das sie trugen, nicht immer würdig waren. Er ist auch vom Teufel im Laufe seines Lebens versucht worden, zu wiederholten Malen. Er war ein Kapuziner, der von Gott sprach, ohne dabei irgendwelche Abstriche zu machen; der den Glauben in seiner vollen Gestalt vorlegte, der von Jesus und von der Gottesmutter sprach, der die wirksame Gegenwart jenes personalen Wesens, das der Satan, der Versucher ist, nicht verschwieg. Er war ein Kapuziner, der einen guten Teil seines Lebens im Beichtstuhl verbrachte, der dort als Vermittler jener göttlichen Gnade wirkte, die es jedem Menschen ermöglicht, wieder von Neuem zu beginnen und die Reinheit der Taufe wiederzuerlangen. Wie viele Menschen sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, wie viele haben sich vor diesem Beichtstuhl niedergekniet! Wie viele Männer und Frauen, wie viele Schwestern und Mütter, wie viele Eltern und Kinder … Sie riss nicht ab, die Prozession der Gläubigen, der einfachen Gläubigen, in jenem abgelegenen Kloster auf dem Gargano, aus dem dann auch ein großes Krankenhaus entstanden ist, Casa Sollievo della Sofferenza1. Wie viel Leiden und Elend haben die Ohren dieses Ordensmannes gehört, wie viele Häupter haben seine Hände gesegnet, die stets verborgen waren in diesen eigenartigen fingerlosen wollenen Handschuhen, die er auch im Sommer trug, um die Stigmata zu bedecken, die Spuren der Kreuzesnägel, die ihm das Fleisch durchbohrten und ihm unaussprechliche Schmerzen verursachten. Viele, wirklich sehr viele sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, als Pater Pio noch am Leben war. Viele, sehr viele besuchen diesen Ort auch weiterhin, jetzt, wo er nicht mehr da ist. Viele Gnaden sind dort geschenkt worden, viele Wunder haben sich ereignet, aber vor allem viele Bekehrungen. Ich denke an diesen ganzen breiten Strom von Gutem, den die göttliche Vorsehung auf die verwundete und leidende Menschheit gelenkt hat. Ich denke an das Gesicht, das dieser ungebildete Kapuziner — der so wenig auf einer Linie liegt mit einer gewissen modernen Theologie, mit gewissen Vertretern der kirchlichen intellighenzia2, die die Volksreligiosität mit Argwohn betrachten, als ob sie ein archaisches Phänomen wäre, das man exorzieren müsste — machen würde, wenn er heute über den Petersplatz gehen würde.

Ich schaue mir die Pilger an und beobachte dann die mittlere Loggia der vatikanischen Basilika. Ein riesiges Tuch mit dem Bild von Pater Pio aus Pietrelcina wird in

1 „Haus der Linderung des Leidens“.
2 Eine Gruppe der wissenschaftlich Gebildeten.

wenigen Stunden auf diesem Platz, der als das Herz der Christenheit gilt, enthüllt werden, sobald der greise Papst die lateinische Seligsprechungsformel gesprochen haben wird. Ich denke an die große, grenzenlose Freude all derer, die in ihren — oft ärmlichen — Häusern ein Bild des „Heiligen vom Gargano“ hängen haben, an die, die ihn immer angerufen haben, an die, die ihn geliebt haben. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich die bereits müden Pilger betrachte, die aus ihren Bussen aussteigen, mit ihren Picknicktüten und ihren Klappstühlchen, mit denen sie im Sitzen an der Zeremonie teilnehmen können.

Dann schaue ich nach oben zum Apostolischen Palast, in dessen Räumen Johannes Paul II. gerade arbeitet, der erste polnische Papst der Kirchengeschichte. Ihm schreibt man den entscheidenden Stoß zu, der zum Fall des Kommunismus geführt hat, und zweifellos hat er, der aus dem Osten gekommen ist, um die Welt daran zu erinnern, dass der Eiserne Vorhang die Völker und die Kulturen nicht zu trennen vermag, zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Jahre 1989 beigetragen. Die Welt, die sich nunmehr für befriedet hielt, hat dann neue Kriege gesehen, im Nahen Osten und auch in Europa, nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt im ehemaligen Jugoslawien. Die Kämpfe des Kosovo-Krieges sind eben erst zu Ende. Welch ein Irrtum ist es, die Gestalt dieses Giganten des 20. Jahrhunderts allein mit politischen oder geopolitischen Maßstäben zu messen! Wer Johannes Paul II. kennengelernt hat, wer ihn hat beten sehen, hegt keinen Zweifel daran, dass dieser Papst, der gleich Pater Pio zur Ehre der Altäre erheben wird, ein Mystiker ist, ein Mystiker, der fähig ist, die Geschichte, die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft im Lichte des Glaubens zu lesen, im Lichte des Handelns Gottes. Es sind völlig unterschiedliche Geschichten, die von Pater Pio von Pietrelcina, mit bürgerlichem Namen Francesco Forgione, und die von Johannes Paul II., mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla. Es sind verschiedene Geschichten, weit voneinander entfernte Wege, die doch so sehr vereint sind durch das Leiden und durch die vollständige Hingabe an den Willen Gottes in jedem Augenblick der Existenz. Und es sind Geschichten, die begonnen haben, sich an einem Aprilabend im Jahre 1948 zu überschneiden, als ein junger polnischer Priester auf den Gargano hinaufsteigt, nach einer stundenlangen Zugfahrt, um diesen Pater persönlich kennenzulernen, von dem in Rom viele reden. Und diese Geschichten sind dazu bestimmt, sich noch weiter zu überschneiden. An ihrem Ende ist dieser magere polnische Priester mit den hohlen Wangen Papst geworden, er hat in seinem eigenen Fleisch das Leiden kennengelernt, er ist dem Tod ganz nahegekommen durch die Kugeln, die der türkische Attentäter am 13. Mai 1981 abgefeuert hat. Und jetzt bereitet er sich darauf vor, auf diesem selben Platz, der ihn fast zum Märtyrer hätte werden lassen, Pater Pio seligzusprechen. Derselbe Ordensmann, auf den der Bannstrahl des Heiligen Offiziums3 niedergefahren war, wird jetzt der Kirche als Beispiel vor Augen gestellt.

Es ist Nachmittag, und ich bin in einem der kirchlichen Paläste auf der anderen Seite des Tibers mit einem alten Monsignore verabredet, mit einem Kanoniker von Sankt

3 „Heiliges Offizium“ ist die alte Bezeichnung für die „Kongregation für die Glaubenslehre“.

Peter, und zwar um mit ihm eben über Pater Pio zu sprechen. Er ist ein typischer Mann aus der Romagna, ein großer Kenner der lateinischen Sprache, ein treuer Mitarbeiter vieler Päpste, und er schätzt den stigmatisierten Mönch sehr. Seit vielen Jahren hat er infolge eines Schlaganfalls gewisse Schwierigkeiten beim Sprechen und beim Gehen, aber das hindert ihn nicht, die Messe zu feiern und noch andere pastorale Aktivitäten zu übernehmen, wenn auch als Pensionär. Gerade er war — ohne es zu wissen — der Vermittler eines „Wunders“, einer besonderen Gnade, die durch die Fürbitte von Pater Pio erlangt worden war, und zwar im Jahre 1962 auf die Bitte von Karol Wojtyla hin, als der zukünftige Papst noch der junge Weih-bischof und Kapitularvikar in Krakau war. Eine Geschichte, über die jahrelang nur getuschelt worden war und die dann nach der Wahl Johannes Pauls II. wieder ans Licht kam. Und ein Wunder, das nach strenger Logik gar nicht als solches bezeichnet werden kann, weil es niemals von der medizinischen Kommission der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse offiziell bestätigt und dokumentiert worden ist. Jedoch war bis zu diesem Moment niemand direkt zurückgegangen bis zu ihm, zu Mons. Guglielmo Zannoni, einem betagten Prälaten mit einem lächelnden Gesicht hinter einer dicken Brille, der jetzt, vor meinen Augen, in der Residenz der Kanoniker von Sankt Peter mit kurzen, schnellen Schritten seine Wohnung durchmisst, wobei er ein Bein leicht nachzieht. Er ist fünfundachtzig Jahre alt, stammt aus Rimini und trägt einen blauen Pullover aus schwerer Wolle, obwohl sich die milde Wärme des schon fortgeschrittenen Frühlings in Rom deutlich bemerkbar macht. Seine Füße stecken in einem Paar schwarzer Filzpantoffeln.

„Ich hab’s gleich für Sie … noch einen Moment Geduld!“, sagt er zu mir, während er sich vom einen Ende seines Arbeitszimmers zum anderen bewegt und sich an Schubladen, Mappen, Ordnern zu schaffen macht. Er ist auf der Suche nach ein paar Dokumenten, die er mir vorlegen will. Aus einer staubigen Mappe kommen alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zum Vorschein, die ihn an der Seite von Johannes XXIII. und Paul VI. zeigen. Aber die Briefe, die er sucht, tauchen noch nicht wieder auf. In der Zwischenzeit habe ich das Aufnahmegerät herausgeholt, weil ich hoffe, mit einem Interview in die Redaktion des Giornale4 zurückkehren zu können — und ich werde nicht enttäuscht werden.

„Gemäß meinen bescheidenen Möglichkeiten und ohne es zu wissen, bin ich zum Vermittler für ein Wunder geworden, das Karol Wojtyla von Pater Pio erbeten hat“, flüstert Mons. Guglielmo Zannoni, der sechzig Jahre als Priester im Dienste des Heiligen Stuhls verbracht hat. Schließlich gibt eine Schublade des Schreibtisches aus dunklem Nussbaum das so sehr gesuchte Dokumentenbündel frei. Es sind Dokumente, die vom Glauben sprechen, von der Bitte um Gnade, von Wundern — mit einem Wort: vom Christentum. Wenige Meter Luftlinie von seiner Wohnung im zweiten Stock der Domherrenkurie von Sankt Peter entfernt ist jetzt, an diesem Frühjahrsnach¬mittag mit seinem bleiernen Himmel, alles bereit für die Zeremonie.

„Im November 1962, während des Ökumenischen Konzils, des Zweiten Vatikanums, das gerade eröffnet worden war“, erzählt Zannoni, „war Karol Wojtyla, damals Weih-

4 II Giornale ist eine italienische Tageszeitung mit Sitz in Mailand.

bischof in Krakau, hier in Rom, um an der Arbeit des Konzils teilzunehmen. Er hatte einen Freund an der Kurie, einen Kommilitonen aus dem Seminar, den ich jeden Tag in der Kantine von Santa Marta beim Mittagessen traf: Mons. Andrzej Deskur, heute Kardinal. Eines Tages zeigte mir Deskur einen in Latein geschriebenen Brief und fragte mich, wie er ihn Pater Pio zukommen lassen könne.“ Der Brief, von dem der betagte Prälat noch eine verknitterte Kopie besitzt, ist auf den 17. November 1962 datiert und wurde von dem zukünftigen Papst geschrieben, als der im Pontificio Collegio Polacco, dem Päpstlichen Polnischen Kolleg, weilte:

„Ehrwürdiger Vater, ich bitte Dich, für eine Mutter von vier Töchtern zu beten, die vierzig Jahre alt ist und in Krakau in Polen lebt. Während des letzten Krieges war sie fünf Jahre lang als Gefangene in einem Konzentrationslager in Deutschland. Jetzt ist sie schwer krebskrank und schwebt in Lebensgefahr …“

Die Frau ist Wanda Poltawska, eine Altersgenossin und Freundin der Familie des Pontifex, Professorin für Psychiatrie. Damals war sie in Lebensgefahr wegen einer schweren Form von Darmkrebs: Die Ärzte waren schon zu dem Ergebnis gekommen, dass auch ein chirurgischer Eingriff keinen Sinn mehr habe, weil der zu entfernende Teil zu umfangreich sei.

„Ich habe Pater Pio gut gekannt“, erzählt Zannoni weiter, mit seinen lebhaften Augen, die mich aufmerksam betrachten und sich immer wieder auf die Säulenreihe jenes Platzes richten, der binnen Kurzem der Schauplatz der Seligsprechung sein wird. „Ich war eng befreundet mit Angelo Battisti, der in der Woche als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete und dann für den Samstag und den Sonntag nach San Giovanni Rotondo fuhr und als Verwalter des Krankenhauses Casa Sollievo della Sofferenza fungierte. Ihm gab ich den Brief des Krakauer Weihbischofs mit der Bitte, ihn Pater Pio persönlich auszuhändigen.“ Battisti fuhr sofort los. „Sobald er im Kloster angekommen war, bat ihn der Pater, ihm das Schreiben vorzulesen“, erzählt der Monsignore mit einer von der Emotion belegten Stimme. „Nachdem er die Bitte angehört hatte, lautete der einzige Kommentar von Pater Pio: ,Angelino, dazu kann man nicht Nein sagen.“

Danach vergehen elf Tage im Schweigen. Dann überreicht Deskur seinem Freund Zannoni, den er jeden Tag in der Kantine trifft, einen zweiten Brief. Der Monsignore sorgt sofort dafür, dass er — auf dem üblichen Wege an sein Ziel gelangt, nämlich in die Hände von Pater Pio. „Das zweite Schreiben ist auf den 28. November 1962 datiert“, erläutert Zannoni, „und ebenso wie das vorige in Latein geschrieben.“

„Ehrwürdiger Vater, die Frau aus Krakau, die Mutter von vier Töchtern, ist am 21. November, noch vor dem chirurgischen Eingriff, plötzlich genesen. Danken wir Gott dafür! Und ich danke ganz besonders Dir, ehrwürdiger Vater, auch in ihrem Namen und im Namen ihres Mannes und ihrer ganzen Familie.“

Der furchtbare Darmkrebs war auf einmal verschwunden. Wanda Poltawska ist am Leben, sie ist auch heute noch am Leben, am Tag vor der Seligsprechung von Pater Pio, siebenunddreißig Jahre nach der tragischen Krankheit und der unerklärlichen Genesung. „Niemand konnte sich damals vorstellen, dass dieser junge polnische Bischof, der nach Rom gekommen war, um am Konzil teilzunehmen, eines Tages Papst werden würde“, sagt Zannoni mit einem Lächeln zu mir, „niemand — außer Pater Pio.“ Einige Jahre später, kurz bevor er starb, wollte der stigmatisierte Ordensmann seine Korrespondenz vernichten. „Angelo Battisti war derjenige, der ihm half, seine Papiere in Ordnung zu bringen. Und als ihm die beiden Briefe mit der Unterschrift Karol Wojtylas in die Hände fielen, sagte Pater Pio: ,Bewahre du sie auf, denn sie werden eines Tages wichtig werden.“ So verwahrte der Mann, der als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete, die Briefe in einer Schublade seiner Wohnung und vergaß sie. „Im Oktober 1978″, fährt Monsignore Zannoni fort, „sogleich nach der Wahl Papst Johannes Pauls II., holte Angelino Battisti sie heraus und gab mir eine Kopie davon. Auch wenn sie im Seligsprechungsprozess nicht offiziell berücksichtigt worden sind — sie haben doch dazu geführt, dass der Papst die Sache von Pater Pio in Betracht gezogen hat.“ Und in der Tat hatte Karol Wojtyla, als er Erzbischof von Krakau und Kardinal geworden war, dieses unerwartete Wunder, diese besondere Gnade, die auf die Fürbitte des Ordensmannes vom Gargano hin gewährt worden war, nicht vergessen. Er hatte ein Gesuch der polnischen Bischöfe an Papst Paul VI. initiiert, das um die Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses für Pater Pio bat. „Und als er dann zum Papst gewählt worden war, hat er selbst dafür gesorgt …“, sagt Zannoni, während er den Vorhang vor dem Fenster seines Arbeitszimmers zur Seite schiebt und auf den Platz hinunterschaut.

„Es ist für mich eine große Genugtuung, eine große Freude“, flüstert er, während ein Lächeln über sein ganzes Gesicht geht. „Pater Pio hat viel gelitten, sehr viel, es hat eine Zeit gegeben, als man im Vatikan nicht einmal seinen Namen nennen durfte. Und zu mir, der ich zu den wenigen gehörte, die ihn verteidigten, sagte man, ich solle schweigen. Aber ich war sicher, dass er ein Heiliger war. Ich habe immer daran geglaubt und bin deswegen öfter zu ihm gefahren.“

Bevor ich gehe, mit den beiden Briefen, die in meiner Zeitung abgedruckt werden sollen, stelle ich dem Monsignore, dessen Gesicht vor Heiterkeit, ja vor Glück strahlt, nachdem er mir diese Geschichte erzählt hat, eine letzte Frage: „Monsignore, werden Sie auch bei der Zeremonie anwesend sein, die Johannes Paul II. feiern wird?“ — „Normalerweise gehe ich nicht hin, wegen meines Alters“, antwortet er mir, steht auf und geht noch einmal ans Fenster. „Aber Sie können sicher sein: In zwei Tagen werde ich, so Gott will, da sein und auf dem Petersplatz sitzen. Ja, ich werde auch da sein. Für mich gehört Pater Pio sozusagen zur Familie … Es wird ein großer Tag werden.“

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Quelle: Buch: Andrea Tornielli – Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla – Media Maria

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