PAPST FRANZISKUS am 26. Sept. 2015 ZUR RELIGIONSFREIHEIT

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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH KUBA, IN DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
UND BESUCH DER VEREINTEN NATIONEN
(19.-28. SEPTEMBER 2015)

BEGEGNUNG FÜR DIE RELIGIONSFREIHEIT
MIT DER HISPANISCHEN GEMEINDE
UND ANDEREN IMMIGRANTEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Independence Mall, Philadelphia
Samstag, 26. September 2015

[Multimedia]

 

Liebe Freunde, guten Abend!

einer der Höhepunkte meines Besuches ist es, hier vor der Independence Hall, dem Geburtsort der Vereinigten Staaten von Amerika, zu stehen. Hier wurden die Freiheiten, die dieses Land charakterisieren, erstmalig ausgerufen. Die Unabhängigkeitserklärung proklamierte, dass »alle Menschen gleich erschaffen« worden sind, dass sie »von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt« wurden und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen. Diese Worte klingen immer noch nach und ermutigen uns heute ebenso, wie sie Menschen aus aller Welt ermutigt haben, für die Freiheit zu kämpfen, ein Leben zu führen, das ihrer Würde entspricht.

Die Geschichte zeigt auch, dass diese und andere Wahrheiten ständig neu bekräftigt, neu angeeignet und verteidigt werden müssen. Die Geschichte dieser Nation ist auch die Geschichte eines bis in unsere Tage reichenden ständigen Bemühens, diese erhabenen Prinzipien im gesellschaftlichen und politischen Leben zu verkörpern. Denken wir an die großen Kämpfe, die zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausweitung des Wahlrechts, zum Wachstum der Arbeiterbewegung und zum schrittweisen Bemühen geführt haben, jede Art von Rassismus und Vorurteil gegenüber späteren Einwanderungswellen zu beseitigen. Dies zeigt, dass ein Land erstarkt und sich erneuert, wenn es entschlossen ist, seinen Prinzipien, diesen auf der Achtung der Menschenwürde beruhenden Gründungsprinzipien treu zu bleiben. Wenn ein Land die Erinnerung an seine Wurzeln bewahrt, wächst es weiter, erneuert es sich und fährt fort, neue Völker und neue Menschen, die zu ihm kommen, in seinen Schoß aufzunehmen.

Es hilft uns sehr, wenn wir uns auf unsere Vergangenheit besinnen. Ein Volk, das die Erinnerung wach hält, wiederholt nicht die Fehler der Vergangenheit, sondern stellt sich voll Zuversicht den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Die Erinnerung bewahrt die Seele eines Volkes vor allem oder allen, die es beherrschen oder für ihre eigenen Interessen gebrauchen wollen. Wenn den Einzelnen und den Gemeinschaften die tatsächliche Ausübung ihrer Rechte garantiert wird, sind sie nicht nur frei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, sondern tragen mit diesen Fähigkeiten, mit ihrer Arbeit auch zum Wohl und zur Bereicherung der gesamten Gesellschaft bei.

An diesem, für den „American Way“ so symbolträchtigen Ort möchte ich mit Ihnen über das Recht auf Religionsfreiheit nachdenken. Es ist ein grundlegendes Recht, das die Art unseres gesellschaftlichen und persönlichen Umgangs mit unseren Mitmenschen prägt, deren religiöse Ansichten sich von unseren eigenen unterscheiden. Das Ideal des interreligiösen Dialogs, wo alle Männer und Frauen unterschiedlicher religiöser Traditionen miteinander sprechen können, ohne zu streiten – das ist ein Ergebnis der Religionsfreiheit.

Religionsfreiheit schließt zweifellos das Recht ein, Gott persönlich und in Gemeinschaft zu verehren, wie es dem eigenen Gewissen entspricht. Andererseits liegt es aber im Wesen der Religionsfreiheit, dass sie die Kultorte und den Privatbereich der Einzelnen und der Familien überschreitet, denn die religiöse Praxis, die religiöse Dimension ist nicht etwa eine Subkultur, sie ist ein Teil der Kultur jedes beliebigen Volkes und jeder beliebigen Nation.

Unsere verschiedenen religiösen Traditionen dienen der Gesellschaft vor allem durch die Botschaft, die sie verkünden. Sie rufen die Einzelnen und die Gemeinschaften dazu auf, Gott, die Quelle des Lebens, der Freiheit und des Glücks zu verehren. Sie erinnern uns an die transzendente Dimension des Menschseins und an unsere uneingeschränkte Freiheit gegenüber dem Anspruch jeglicher absoluten Macht. Wir brauchen nur auf die Geschichte zu schauen – es tut uns gut, uns die Geschichte vor Augen zu halten –, besonders auf die des letzten Jahrhunderts, um die Grausamkeiten zu sehen, die von Systemen verübt wurden, die behaupteten, irgendein „irdisches Paradies“ zu errichten, indem sie Völker beherrschten, sie scheinbar unanfechtbaren Prinzipien unterwarfen und ihnen jede Art von Recht aberkannten. Unsere reichen religiösen Traditionen versuchen Sinn und Führung anzubieten. Sie »besitzen eine motivierende Kraft, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht« (Evangelii gaudium, 256). Sie rufen zu Umkehr und Versöhnung, zur Sorge für die Zukunft der Gesellschaft, zu Uneigennützigkeit im Dienst am Gemeinwohl und zu Mitleid mit den Bedürftigen auf. Im Zentrum ihrer geistlichen Sendung steht die Verkündigung der Wahrheit und der Würde der menschlichen Person sowie aller Menschenrechte.

Unsere religiösen Traditionen erinnern uns daran, dass wir als Menschen aufgerufen sind, den Anderen anzuerkennen, der unsere relationale Identität offenbart, gegenüber allen Bestrebungen, eine »Uniformität« durchzusetzen, »die der Egoismus des Starken, der Konformismus des Schwachen oder die Ideologie des Utopisten uns aufzwingen möchten« (vgl. Michel de Certeau, L’Étranger ou l’union dans la différence, Paris 1991, S. 27-30).

In einer Welt, in der verschiedene Formen moderner Tyrannei versuchen, die Religionsfreiheit zu unterdrücken oder – wie ich vorhin sagte – sie auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen, ist es notwendig, dass die Anhänger der verschiedenen religiösen Traditionen ihre Stimmen vereinen, um Frieden, Toleranz sowie die Achtung der Würde und der Rechte der anderen zu fordern.

Wir leben in einer Zeit, die der »Globalisierung des technokratischen Paradigmas« (Enzyklika Laudato si, 106) unterworfen ist, die bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen. Die Religionen haben somit das Recht und die Pflicht, deutlich zu zeigen, dass es möglich ist, eine Gesellschaft zu errichten, in der »ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert« (Evangelii gaudium, 255), ein wertvoller Verbündeter ist »im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde … ein Weg des Friedens für unsere verwundete Welt« (ebd., 257), unsere durch die Kriege so verwundete Welt.

Die Quäker, die Philadelphia gegründet haben, waren von einem tiefen, auf dem Evangelium beruhenden Empfinden für die Würde jedes Einzelnen und vom Ideal einer in geschwisterlicher Liebe geeinten Gemeinschaft beseelt. Diese Überzeugung veranlasste sie, eine Kolonie zu gründen, die ein Zufluchtsort der Religionsfreiheit und der Toleranz sein sollte. Der Geist mitbrüderlicher Sorge um die Würde aller, besonders der Schwachen und Verwundbaren, wurde ein wesentlicher Bestandteil des „American Spirit“. Während seines Besuchs in den Vereinigten Staaten im Jahr 1987 brachte der heilige Johannes Paul II. mit bewegenden Worten seine diesbezügliche Hochachtung zum Ausdruck, als er Amerika ins Gedächtnis rief: »Der entscheidende Test deiner Größe ist die Art, wie du jedes menschliche Wesen behandelst, zumal die Schwächsten und Schutzlosesten« (Abschiedszeremonie, Detroit, 19. September 1987).

Ich nutze diese Gelegenheit, um allen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – zu danken, die sich bemüht haben, Gott, dem Gott des Friedens zu dienen, und Städte brüderlicher Liebe errichteten, indem sie für den notleidenden Nächsten sorgten, die Würde des göttlichen Geschenks des Lebens in allen seinen Phasen verteidigten und für die Anliegen der Armen und der Einwanderer eintraten. Allzu oft können sich jene, die am meisten der Hilfe bedürfen, nirgendwo Gehör verschaffen. Sie sind ihre Stimme, und viele von Ihnen – religiöse Männer und Frauen – haben erreicht, dass deren Schrei gehört wurde. Mit diesem Zeugnis, das häufig auf starken Widerstand stößt, erinnern Sie die nordamerikanische Demokratie an die Ideale, auf die sie gegründet wurde, und daran, dass die Gesellschaft jedes Mal geschwächt wird, wenn dort und wo auch immer Ungerechtigkeit die Oberhand gewinnt.

Ich sprach eben über die Tendenz zu einer Globalisierung. Die Globalisierung ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, der Trend, uns zu globalisieren, ist gut, er führt uns zusammen. Was schlecht sein kann, ist die Weise, dies zu tun. Wenn eine Globalisierung anstrebt, alle gleichzumachen, als entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den Reichtum und die Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes. Wenn eine Globalisierung versucht, alle zusammenzuführen, dabei aber jeden einzelnen Menschen, seine Persönlichkeit, seinen Reichtum, seine Besonderheit respektiert und jedes Volk, jeden Reichtum, seine Besonderheit respektiert, dann ist diese Globalisierung gut, lässt uns alle wachsen und führt zum Frieden. Es gefällt mir, hier ein wenig auf die Geometrie zurückzugreifen. Wenn die Globalisierung wie eine Kugel ist, wo ein Punkt wie der andere ist und alle gleich weit vom Zentrum entfernt sind, dann unterjocht sie, dann ist sie nicht gut. Wenn die Globalisierung wie ein Polyeder ist, wo alle vereint sind, jeder aber die eigene Identität bewahrt, dann ist sie gut; sie lässt ein Volk wachsen, verleiht allen Menschen Würde und gesteht ihnen ihre Rechte zu.

Unter uns sind heute Mitglieder der großen spanisch sprechenden Bevölkerung der USA wie auch Vertreter der erst kürzlich in den Vereinigten Staaten eingetroffenen Einwanderer. Danke, dass sie offene Türen fanden! Viele von Ihnen – ich grüße sie sehr herzlich – viele von ihnen sind unter großen persönlichen Opfern in dieses Land eingewandert, aber mit der Hoffnung, ein neues Leben aufzubauen. Lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten, die Sie bewältigen müssen, nicht entmutigen! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass Sie wie jene, die vor Ihnen hierher kamen, dieser Nation viele Gaben mitbringen. Bitte schämen Sie sich nie Ihrer Traditionen. Vergessen Sie nicht, was Sie von Ihren Vorfahren gelernt haben; es kann das Leben dieses amerikanischen Landes bereichern! Ich wiederhole es: Schämen Sie sich nicht dessen, was wesentlich zu Ihnen gehört. Auch Sie sind aufgerufen, verantwortungsvolle Bürger zu sein und – gleich denen, die vor Ihnen kamen und sich kraftvoll einsetzten – einen fruchtbaren Beitrag zum Leben der Gemeinschaften zu leisten, in denen Sie leben. Ich denke besonders an den lebendigen Glauben, den viele von Ihnen besitzen, an den tiefen Sinn für das Familienleben und an die anderen Werte, die Teil Ihres Erbes sind. Wenn Sie Ihre Gaben mit einbringen, werden Sie nicht nur Ihren Platz hier finden, sondern Sie werden helfen, die Gesellschaft von innen her zu erneuern. Vergessen Sie nicht, was hier vor über zweihundert Jahren geschah! Verlieren Sie jene Erklärung nicht aus dem Gedächtnis, die proklamierte, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang und für Ihre Gesellschaft heute hier. Bewahren wir die Freiheit. Pflegen wir die Freiheit. Die Gewissensfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit jeder Person, jeder Familie, jedes Volkes, die darin besteht, den Rechten Raum zu geben. Möge dieses Land und jede bzw. jeder von Ihnen fortwährend Dank sagen für den reichen Segen und die vielen Freiheiten, die Sie genießen. Und verteidigen Sie diese Rechte, besonders die Religionsfreiheit, die Gott Ihnen gegeben hat. Er segne Sie alle. Und ich bitte Sie herzlich, ein wenig für mich zu beten. Danke.

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Quelle

PAPST FRANZISKUS: BEGEGNUNG FÜR DIE RELIGIONSFREIHEIT

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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH KUBA, IN DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
UND BESUCH DER VEREINTEN NATIONEN

(19.-28. SEPTEMBER 2015)

BEGEGNUNG FÜR DIE RELIGIONSFREIHEIT
MIT DER HISPANISCHEN GEMEINDE UND ANDEREN IMMIGRANTEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Independence Mall, Philadelphia
Samstag, 26. September 2015

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Liebe Freunde, guten Abend!

einer der Höhepunkte meines Besuches ist es, hier vor der Independence Hall, dem Geburtsort der Vereinigten Staaten von Amerika, zu stehen. Hier wurden die Freiheiten, die dieses Land charakterisieren, erstmalig ausgerufen. Die Unabhängigkeitserklärung proklamierte, dass »alle Menschen gleich erschaffen« worden sind, dass sie »von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt« wurden und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen. Diese Worte klingen immer noch nach und ermutigen uns heute ebenso, wie sie Menschen aus aller Welt ermutigt haben, für die Freiheit zu kämpfen, ein Leben zu führen, das ihrer Würde entspricht.

Die Geschichte zeigt auch, dass diese und andere Wahrheiten ständig neu bekräftigt, neu angeeignet und verteidigt werden müssen. Die Geschichte dieser Nation ist auch die Geschichte eines bis in unsere Tage reichenden ständigen Bemühens, diese erhabenen Prinzipien im gesellschaftlichen und politischen Leben zu verkörpern. Denken wir an die großen Kämpfe, die zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausweitung des Wahlrechts, zum Wachstum der Arbeiterbewegung und zum schrittweisen Bemühen geführt haben, jede Art von Rassismus und Vorurteil gegenüber späteren Einwanderungswellen zu beseitigen. Dies zeigt, dass ein Land erstarkt und sich erneuert, wenn es entschlossen ist, seinen Prinzipien, diesen auf der Achtung der Menschenwürde beruhenden Gründungsprinzipien treu zu bleiben. Wenn ein Land die Erinnerung an seine Wurzeln bewahrt, wächst es weiter, erneuert es sich und fährt fort, neue Völker und neue Menschen, die zu ihm kommen, in seinen Schoß aufzunehmen.

Es hilft uns sehr, wenn wir uns auf unsere Vergangenheit besinnen. Ein Volk, das die Erinnerung wach hält, wiederholt nicht die Fehler der Vergangenheit, sondern stellt sich voll Zuversicht den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Die Erinnerung bewahrt die Seele eines Volkes vor allem oder allen, die es beherrschen oder für ihre eigenen Interessen gebrauchen wollen. Wenn den Einzelnen und den Gemeinschaften die tatsächliche Ausübung ihrer Rechte garantiert wird, sind sie nicht nur frei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, sondern tragen mit diesen Fähigkeiten, mit ihrer Arbeit auch zum Wohl und zur Bereicherung der gesamten Gesellschaft bei.

An diesem, für den „American Way“ so symbolträchtigen Ort möchte ich mit Ihnen über das Recht auf Religionsfreiheit nachdenken. Es ist ein grundlegendes Recht, das die Art unseres gesellschaftlichen und persönlichen Umgangs mit unseren Mitmenschen prägt, deren religiöse Ansichten sich von unseren eigenen unterscheiden. Das Ideal des interreligiösen Dialogs, wo alle Männer und Frauen unterschiedlicher religiöser Traditionen miteinander sprechen können, ohne zu streiten – das ist ein Ergebnis der Religionsfreiheit.

Religionsfreiheit schließt zweifellos das Recht ein, Gott persönlich und in Gemeinschaft zu verehren, wie es dem eigenen Gewissen entspricht. Andererseits liegt es aber im Wesen der Religionsfreiheit, dass sie die Kultorte und den Privatbereich der Einzelnen und der Familien überschreitet, denn die religiöse Praxis, die religiöse Dimension ist nicht etwa eine Subkultur, sie ist ein Teil der Kultur jedes beliebigen Volkes und jeder beliebigen Nation.

Unsere verschiedenen religiösen Traditionen dienen der Gesellschaft vor allem durch die Botschaft, die sie verkünden. Sie rufen die Einzelnen und die Gemeinschaften dazu auf, Gott, die Quelle des Lebens, der Freiheit und des Glücks zu verehren. Sie erinnern uns an die transzendente Dimension des Menschseins und an unsere uneingeschränkte Freiheit gegenüber dem Anspruch jeglicher absoluten Macht. Wir brauchen nur auf die Geschichte zu schauen – es tut uns gut, uns die Geschichte vor Augen zu halten –, besonders auf die des letzten Jahrhunderts, um die Grausamkeiten zu sehen, die von Systemen verübt wurden, die behaupteten, irgendein „irdisches Paradies“ zu errichten, indem sie Völker beherrschten, sie scheinbar unanfechtbaren Prinzipien unterwarfen und ihnen jede Art von Recht aberkannten. Unsere reichen religiösen Traditionen versuchen Sinn und Führung anzubieten. Sie »besitzen eine motivierende Kraft, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht« (Evangelii gaudium, 256). Sie rufen zu Umkehr und Versöhnung, zur Sorge für die Zukunft der Gesellschaft, zu Uneigennützigkeit im Dienst am Gemeinwohl und zu Mitleid mit den Bedürftigen auf. Im Zentrum ihrer geistlichen Sendung steht die Verkündigung der Wahrheit und der Würde der menschlichen Person sowie aller Menschenrechte.

Unsere religiösen Traditionen erinnern uns daran, dass wir als Menschen aufgerufen sind, den Anderen anzuerkennen, der unsere relationale Identität offenbart, gegenüber allen Bestrebungen, eine »Uniformität« durchzusetzen, »die der Egoismus des Starken, der Konformismus des Schwachen oder die Ideologie des Utopisten uns aufzwingen möchten« (vgl. Michel de Certeau, L’Étranger ou l’union dans la différence, Paris 1991, S. 27-30).

In einer Welt, in der verschiedene Formen moderner Tyrannei versuchen, die Religionsfreiheit zu unterdrücken oder – wie ich vorhin sagte – sie auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen, ist es notwendig, dass die Anhänger der verschiedenen religiösen Traditionen ihre Stimmen vereinen, um Frieden, Toleranz sowie die Achtung der Würde und der Rechte der anderen zu fordern.

Wir leben in einer Zeit, die der »Globalisierung des technokratischen Paradigmas« (Enzyklika Laudato si, 106) unterworfen ist, die bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen. Die Religionen haben somit das Recht und die Pflicht, deutlich zu zeigen, dass es möglich ist, eine Gesellschaft zu errichten, in der »ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert« (Evangelii gaudium, 255), ein wertvoller Verbündeter ist »im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde … ein Weg des Friedens für unsere verwundete Welt« (ebd., 257), unsere durch die Kriege so verwundete Welt.

Die Quäker, die Philadelphia gegründet haben, waren von einem tiefen, auf dem Evangelium beruhenden Empfinden für die Würde jedes Einzelnen und vom Ideal einer in geschwisterlicher Liebe geeinten Gemeinschaft beseelt. Diese Überzeugung veranlasste sie, eine Kolonie zu gründen, die ein Zufluchtsort der Religionsfreiheit und der Toleranz sein sollte. Der Geist mitbrüderlicher Sorge um die Würde aller, besonders der Schwachen und Verwundbaren, wurde ein wesentlicher Bestandteil des „American Spirit“. Während seines Besuchs in den Vereinigten Staaten im Jahr 1987 brachte der heilige Johannes Paul II. mit bewegenden Worten seine diesbezügliche Hochachtung zum Ausdruck, als er Amerika ins Gedächtnis rief: »Der entscheidende Test deiner Größe ist die Art, wie du jedes menschliche Wesen behandelst, zumal die Schwächsten und Schutzlosesten« (Abschiedszeremonie, Detroit, 19. September 1987).

Ich nutze diese Gelegenheit, um allen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – zu danken, die sich bemüht haben, Gott, dem Gott des Friedens zu dienen, und Städte brüderlicher Liebe errichteten, indem sie für den notleidenden Nächsten sorgten, die Würde des göttlichen Geschenks des Lebens in allen seinen Phasen verteidigten und für die Anliegen der Armen und der Einwanderer eintraten. Allzu oft können sich jene, die am meisten der Hilfe bedürfen, nirgendwo Gehör verschaffen. Sie sind ihre Stimme, und viele von Ihnen – religiöse Männer und Frauen – haben erreicht, dass deren Schrei gehört wurde. Mit diesem Zeugnis, das häufig auf starken Widerstand stößt, erinnern Sie die nordamerikanische Demokratie an die Ideale, auf die sie gegründet wurde, und daran, dass die Gesellschaft jedes Mal geschwächt wird, wenn dort und wo auch immer Ungerechtigkeit die Oberhand gewinnt.

Ich sprach eben über die Tendenz zu einer Globalisierung. Die Globalisierung ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, der Trend, uns zu globalisieren, ist gut, er führt uns zusammen. Was schlecht sein kann, ist die Weise, dies zu tun. Wenn eine Globalisierung anstrebt, alle gleichzumachen, als entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den Reichtum und die Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes. Wenn eine Globalisierung versucht, alle zusammenzuführen, dabei aber jeden einzelnen Menschen, seine Persönlichkeit, seinen Reichtum, seine Besonderheit respektiert und jedes Volk, jeden Reichtum, seine Besonderheit respektiert, dann ist diese Globalisierung gut, lässt uns alle wachsen und führt zum Frieden. Es gefällt mir, hier ein wenig auf die Geometrie zurückzugreifen. Wenn die Globalisierung wie eine Kugel ist, wo ein Punkt wie der andere ist und alle gleich weit vom Zentrum entfernt sind, dann unterjocht sie, dann ist sie nicht gut. Wenn die Globalisierung wie ein Polyeder ist, wo alle vereint sind, jeder aber die eigene Identität bewahrt, dann ist sie gut; sie lässt ein Volk wachsen, verleiht allen Menschen Würde und gesteht ihnen ihre Rechte zu.

Unter uns sind heute Mitglieder der großen spanisch sprechenden Bevölkerung der USA wie auch Vertreter der erst kürzlich in den Vereinigten Staaten eingetroffenen Einwanderer. Danke, dass sie offene Türen fanden! Viele von Ihnen – ich grüße sie sehr herzlich – viele von ihnen sind unter großen persönlichen Opfern in dieses Land eingewandert, aber mit der Hoffnung, ein neues Leben aufzubauen. Lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten, die Sie bewältigen müssen, nicht entmutigen! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass Sie wie jene, die vor Ihnen hierher kamen, dieser Nation viele Gaben mitbringen. Bitte schämen Sie sich nie Ihrer Traditionen. Vergessen Sie nicht, was Sie von Ihren Vorfahren gelernt haben; es kann das Leben dieses amerikanischen Landes bereichern! Ich wiederhole es: Schämen Sie sich nicht dessen, was wesentlich zu Ihnen gehört. Auch Sie sind aufgerufen, verantwortungsvolle Bürger zu sein und – gleich denen, die vor Ihnen kamen und sich kraftvoll einsetzten – einen fruchtbaren Beitrag zum Leben der Gemeinschaften zu leisten, in denen Sie leben. Ich denke besonders an den lebendigen Glauben, den viele von Ihnen besitzen, an den tiefen Sinn für das Familienleben und an die anderen Werte, die Teil Ihres Erbes sind. Wenn Sie Ihre Gaben mit einbringen, werden Sie nicht nur Ihren Platz hier finden, sondern Sie werden helfen, die Gesellschaft von innen her zu erneuern. Vergessen Sie nicht, was hier vor über zweihundert Jahren geschah! Verlieren Sie jene Erklärung nicht aus dem Gedächtnis, die proklamierte, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang und für Ihre Gesellschaft heute hier. Bewahren wir die Freiheit. Pflegen wir die Freiheit. Die Gewissensfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit jeder Person, jeder Familie, jedes Volkes, die darin besteht, den Rechten Raum zu geben. Möge dieses Land und jede bzw. jeder von Ihnen fortwährend Dank sagen für den reichen Segen und die vielen Freiheiten, die Sie genießen. Und verteidigen Sie diese Rechte, besonders die Religionsfreiheit, die Gott Ihnen gegeben hat. Er segne Sie alle. Und ich bitte Sie herzlich, ein wenig für mich zu beten. Danke.

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Quelle

Siehe dazu auch:

Persönliche Verantwortung aller Gläubigen für die Mission der Kirche

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Papst Franziskus feiert mit den Bischöfen, dem Klerus und den Ordensleuten aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania die heilige Messe in Philadelphia

Philadelphia, 26. September 2015 (ZENIT.org) Michaela Koller

Papst Franziskus hat in seiner Predigt in der Basilika Sankt Peter und Paul im US-amerikanischen Philadelphia die besonderen Leistungen der Frauen in der Kirche gewürdigt. Einen Sinn für Zusammenarbeit und für geteilte Verantwortung künftig in den Pfarreien und kirchlichen Einrichtungen zu fördern, bedeute besonders „den unermesslichen Beitrag zu würdigen, den Frauen – Laien und Ordensschwestern – für das Leben unserer Gemeinschaften geleistet haben und weiterhin leisten“, sagte der Papst.

Bei seiner Ankunft in der Kathedrale begrüßten die Anwesenden, worunter viele Familien samt Großeltern und Pilgergruppen, das Oberhaupt der katholischen Kirche mit Jubel und Applaus. Eine spanische Lesung sowie eine vietnamesische Fürbitte spiegelten die Vielfalt der Lebenswirklichkeit seiner Gastgeber wieder.

Vor einem Gemälde, das die heilige Familie zeigte, nannte Franziskus das Beispiel der heiligen Katherine Drexel aus Philadelphia. Sie ist die einzige Heilige, die in den USA geboren wurde. Drexel lebte von 1858 bis 1955, wuchs zunächst als Tochter wohlhabender Mäzene auf und fand durch eine Privataudienz bei Papst Leo XIII. zu ihrer Berufung als Ordensfrau und Missonarin. Sie hatte zusammen mit ihren Schwestern Unterstützung für Indianer und Afro-Amerikaner gesucht, aber der Vater der katholischen Soziallehre führte die mit Heiratsanträgen umworbene Katherine Drexel zu ihrer wahren Sendung.

Papst Franziskus übertrug das Beispiel von damals auf die heutige Zeit: „Eine der großen Herausforderungen der Kirche in diesem Moment besteht darin, bei allen Gläubigen ein Empfinden ihrer persönlichen Verantwortung für die Mission der Kirche zu fördern und sie zu befähigen, dieser Verantwortung als missionarische Jünger und als ein Sauerteig des Evangeliums in unserer Welt nachzukommen.“

Dabei betonte Franziskus aber besonders die Rolle der Laien, deren Einsatz noch an Bedeutung gewinnen werde. „Die Kirche in den Vereinigten Staaten hat die Katechese und die Erziehungsarbeit immer mit großem Einsatz betrieben.“ Es ginge nicht allein darum, Strukturen und Einrichtungen zu bewahren, sondern sich auf der ganzen Linie den Möglichkeiten, die der Heilige Geist eröffne und so die Freude des Evangeliums „in allen Phasen unseres Lebens“ zu vermitteln. Er appellierte zudem an die Gemeinde, über den Dienst an den Familien nachzudenken. Zudem bat er, für die Beratungen der kommenden Familiensynode inständig zu beten. „Wenden wir uns voll Dankbarkeit für alles, was wir empfangen haben, und mit festem Vertrauen in all unseren Nöten an Maria, unsere heilige Mutter“, sagte der Papst abschließend.

Nach der Predigt applaudierten die Gläubigen kräftig. Nachdem der Chor ein amerikanisches Marienlied, das mit der Melodie, die im deutschen Sprachraum zum Weihnachtslied „Oh du fröhliche“ gesungen wird, vortrug, dankte Erzbischof Charles Chaput dem Papst für dessen Unterstützung im Glauben: „Danke, dass Sie das Evangelium Jesu Christi voller Freude leben“. Philadelphia habe lange auf diesen Moment gewartet, nicht allein die katholischen Gläubigen, sondern auch eine lebendige jüdische Gemeinde sowie Geschäftsleute, die die Ortskirche als Gastgeber unterstützt hätten. Wenn sie könnten, würden sie sich Franziskus-Stadt nennen. Die ersten Pfarreischulen der USA seien in Philadelphia entstanden, erinnerte der Erzbischof stolz vor dem Schlusssegen.

Der Volltext der Papstpredigt ist hier abrufbar.

(26. September 2015) © Innovative Media Inc.

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Siehe: Film: Pope Francis in the USA – Holy Mass in Philadelphia