Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VI

Gefängnis und Terror

 

„Theater muss aufhören”

Zwei Tage nach dem schockierenden Gespräch mit ihrem Pfarrer hielt ein Wagen vor dem Haus der Familie Rädler. Ihm entstiegen vier Männer der berüchtigten Geheimen Staatspoli­zei und verlangten in barschem Ton, mit Antonie zu sprechen. Sie war gerade erst von einer Beerdigung zurückgekommen und hatte noch nichts gegessen. Sie durfte es auch jetzt nicht. Im Gegenteil. Man begann sofort mit einem Verhör, durch das sie erst einmal eingeschüchtert werden sollte.

Es sei eine große Anzahl von Anzeigen bei ihnen über sie eingegangen, behaupteten sie. Sie hätte für den Bau der Kapel­le ohne Genehmigung gesammelt. Antonie blieb ruhig. Sie sei­en falsch unterrichtet, antwortete sie. Das Geld für die Kapelle stamme von ihrem Vater und von ihrer Taufpatin, außerdem hätte sie ein Darlehen aufgenommen und werde es verzinst zu gegebener Zeit zurückzahlen. Für ihre Behauptungen einer unerlaubten Sammlung sollten sie Beweise erbringen.

Daraufhin wurde das Haus vom Dach bis zum Keller durch­sucht, das Büro des Vaters durchwühlt, Böden aufgerissen, Dokumente beschlagnahmt. Vergeblich. Belastendes Material fanden sie nicht. Die Kapelle wurde mit der Bemerkung ge­schlossen: „Dieses Theater muss aufhören!“ Gegen 21 Uhr be­fahlen sie Antonie, ins Auto zu steigen. Sie durfte nicht ein­mal die Kleidung wechseln. In großer Ungewissheit über ihr Schicksal blieb die Familie zurück.

Trotz der vorgerückten Stunde fuhren sie zur bereits er­wähnten Cäcilia Geyer, die einen wichtigen Anstoß für die Erweiterung der Grotte gegeben hatte und holten sie aus dem Bett. Antonie blieb unter Bewachung im Wagen zurück. Der aus dem Schlaf gerissenen Frau warfen die Beamten vor, sie hätte Antonie Rädler 10 000 Mark für den Bau der Kapelle in Wigratzbad gegeben. Aber diese sei eine Schwindlerin und sie, Frau Geyer, habe sich mitschuldig gemacht. Sie werde al­les bezahlen müssen, bettelarm werden und ins Armenhaus kommen.

Erstaunlicherweise ließ sich die einfache Bäuerin nicht ein­schüchtern. Wenn jemand als Schwindler bezeichnet werden müsste, dann seien sie es, nicht die Antonie. Diese habe gear­beitet und gebetet, sie sei eine ehrbare Frau. Zwar habe sie ihr 2000 Mark für den Bau geschenkt, aber das sei der Wunsch ihres Mannes gewesen. Und was die Erscheinung der Gottes­mutter angehe, so habe sie, Cäcilia Geyer, diese tatsächlich ge­habt. Und sie hätte ihr gesagt: „Ich werde der höllischen Schlan­ge den Kopf zertreten. Ich kann alle zerschmettern, die gegen die Sache sind.“ Ein Schwindel liege hier nicht vor. Im Übri­gen verbiete sie sich in ihrem Hause solche Bemerkungen. Und wenn Gott ein Opfer von ihr fordere, so sei sie dazu be­reit. Die Kapelle, zu Ehren der Gottesmutter erbaut, sei es wert. Drei Stunden haben die Männer die Frau in der Mangel ge­habt, verhört und bedrängt. Aber sie hat sich zur Wehr ge­setzt und ist zuweilen so laut geworden, dass man es im Auto hören konnte. Als die Beamten schließlich gingen, machten sie ihr zur Auflage, am nächsten Tag eine Bescheinigung der Bank vorzulegen, dass die Summe tatsächlich die gewesen sei, die sie, Cäcilia Geyer, angegeben hatte.

Wie bewundernswert der Mut dieser Frauen war, kann je­mand ermessen, der diese Zeit nicht nur erlebt hat, sondern mit seiner Familie selber Opfer jenes Regimes gewesen war und noch heute, in reifem Alter, unter den zugefügten seeli­schen Wunden leidet.

Nach dem unerfreulichen Abstecher ins Haus Geyer brach­ten die Männer der Geheimen Staatspolizei Antonie in das Rathaus von Wangen und steckten sie in eine der Gefängniszellen, die es dort gab. Zu essen erhielt sie nichts. Sie war be­reits den ganzen Tag ohne Nahrung geblieben. Hinzu kam, dass sie die vorausgegangenen Tage schwer gearbeitet hatte, um die Einweihung der Kapelle am 8. Dezember, wie sie ge­hofft hatte, vorzubereiten. Eines konnte sie noch, schlafen.

Zwei Tage vergingen. Danach brachten dieselben Männer sie ins Polizeipräsidium nach Augsburg. Die Zelle, in die man sie sperrte, war ohne Tageslicht. Auf einem dürftigen Bretter­gestell konnte sie sich etwas niederlegen. In dieser Dunkel­heit, von aller Welt isoliert und verlassen, dankte sie der Got­tesmutter, dass sie nun tatsächlich teilhaben durfte am Leiden Christi. Sie war ungebrochen und legte ihr Schicksal in die Hände der „Jungfrau, mächtig bei Gott“.

Hier ist ein kleines Detail bemerkenswert. Da man ihr auch die Handtasche abgenommen hatte, bat sie zwischendurch einen der Beamten, ihr aus der Tasche den Rosenkranz zu bringen. Und wider Erwarten erfüllte der ihr diesen beschei­denen Wunsch, nicht ahnend, welche „Waffe“ er ihr damit in die Hand gab. Für einen kurzen Augenblick zeigte einer der Männer ein menschliches Gesicht.

Im „Katzenstadel“

Am nächsten Tag, es war ein Samstag, wurde Antonie in das gefürchtete Gefängnis „Katzenstadel“ gebracht. Dort kam sie zunächst in eine Zelle mit zwei Frauen, die den letzten Rest an Würde verloren hatten. Es war sehr kalt und Antonie fror bis auf die Knochen. Am Montag wurde sie dann einer Grup­pe von 16 Frauen zugeteilt, die Weihnachtstüten klebten. Die meisten von ihnen waren Prostituierte. Antonie wurde mit Spott empfangen. Nun bekam sie zu Gesicht, wie tief Men­schen fallen können. Es wurde geflucht, gestritten, sich ge­prügelt. Antonie blieb schweigsam, auf Fragen antwortete sie nicht. Im Raum herrschte ein fürchterlicher Gestank, denn alle mussten ihre Notdurft in einen offenen Kübel verrichten. Gelüftet wurde nicht.

Zur Mittagszeit wurde unter einer Türklappe das Essen hi­neingeschoben. Alle füllten ihre Blechschüsseln. Da ging An­tonie zur Initiative über. Sie betete laut das Tischgebet. Ge­lächter war die Antwort. Sie blieb jedoch ruhig und sagte: „Wir sind doch Menschen, wir sind keine Tiere, die ihren Schöp­fer nicht kennen. Betet mit oder schweigt wenigstens!“ Einige schwiegen, andere wurden noch ausfälliger. Antonie zeigte Würde auch unter diesen unmenschlichen Bedingungen. Das musste Wirkung zeigen bei Menschen, denen man jede Würde absprechen wollte.

In der Freizeit forderte sie die Mitgefangenen auf, mit ihr den Rosenkranz zu beten. Wer mitmachen wollte, dem ver­sprach sie ein Stück von ihrer Brotration. Zwei bis drei erklär­ten sich bereit, aber sie kannten weder das Vaterunser noch das Ave Maria. Antonie schrieb sie ihnen auf einem Stück Papier auf. Dann sprach sie ihnen Mut zu und versicherte ihnen, sie würden bald die Auswirkungen des Betens spüren, sie würden andere Menschen werden, aus ihrer Not herauskommen.

Antonies Haltung flößte den Gefangenen Vertrauen ein. Eine nach der anderen kam auf sie zu, offenbarten ihr ihre in­nere Not, baten um einen Rat. Streitigkeiten wurden geschlich­tet. Eine ganz andere Atmosphäre machte sich unter den Häft­lingen breit. Es vergingen keine zwei Wochen, da äußerten alle, bis auf eine Protestantin, den Wunsch, zu beichten. Im Hause gab es eine Kapelle, in der alle zwei Wochen eine hl. Messe ge­feiert wurde. Daher erbat Antonie bei der Gefängniswärterin einen Priester. Es kam ein sehr gütiger und einfühlsamer Pater.

Antonie selbst bereitete alle auf das Sakrament der Buße vor. Sie stand als Letzte in der Reihe. Als sie dran kam, verriet ihr der Geistliche, wie beeindruckt er sei. „Sie mussten in dieses Gefängnis kommen“, bekannte er, „Sie haben große Bekeh­rungen erreicht.“ Kurze Zeit darauf wurde der Geistliche ver­setzt und die Gefängnisseelsorge abgeschafft.

Als auch Antonie von ihnen Abschied nehmen musste, weinten alle. Sie versprachen, jeden Tag den Rosenkranz zu be­ten, sie seien ganz andere Menschen geworden, eine große in­nere Ruhe sei in ihnen eingekehrt. Sie wäre für sie zum Schutz­engel geworden.

Danach wurde sie wieder ins Polizeipräsidium gebracht, von morgens bis abends verhört. Während dieser Verhöre ließ man sie bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung stehen, sie bekam weder zu essen noch zu trinken. Vorher hatte man ihr einige Kartoffeln in der Schale und etwas Kraut gegeben. Jetzt nahmen die Beamten vor ihren Augen Wurst- und Schinken­brötchen zu sich. Man wollte sie zermürben und eine Aussage erpressen, die eine Verurteilung erleichtert hätte. Es ging ih­nen vor allem um eine Liste der Wohltäter. Antonie blieb im Vertrauen auf den Beistand des Heiligen Geistes ruhig, zeigte sogar einen Hauch von Humor. Die Wohltäter seien im Her­zen Jesu und Mariens eingetragen. Dort sollten sie nachfor­schen. Sie zeigte Stehvermögen, hörte auf eine innere Stimme, die ihr sagte: Ich werde an deiner Seite bleiben. Alle Fragen wirst du ohne nachzudenken richtig beantworten.

Aber eine schwere Krise blieb ihr dennoch nicht erspart. Es war am 7. Dezember, am Vorabend des Festes der Unbe­fleckten Empfängnis. Der Psychoterror, die physischen Be­lastungen hatten an ihrer Substanz gezehrt. Die Nerven ver­sagten. Den ganzen Tag über musste sie weinen. Eine innere Nacht brach über sie herein, eine tiefe Gottverlassenheit, sie hatte den Eindruck, der Himmel habe sie vergessen. Sie sah keine Zukunft mehr, die erschien ihr schwarz und ohne Hoff­nung. Man hatte ihr mit dem Konzentrationslager gedroht, die Eltern glaubte sie in höchster Gefahr. Je tiefer die Nacht, umso tiefer ihre innere Not.

Da schlug um Mitternacht vom Kirchturm die Glocke. Beim zwölften Schlag wurde es hell in der Zelle. Aus einer Wolke trat die Unbefleckte Empfängnis heraus und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich habe alles in den Händen. Du wirst bald aus dem Gefängnis entlassen werden.

Bete täglich zum Jesuskind:

gnadenreiches Jesuskind, sei hochgepriesen und segne uns! Durch deine heilige Mutter bitten wir dich: Aus aller Not und Bedrängnis errette uns! Zum vollkommenen Sieg und wahren Glück und Frieden führe uns mit deiner Allmacht, Weisheit und Güte. Um die Verdienste deines ersten (zweiten, dritten … zwölften) Lebensjahres willen bitten wir dich: Eile uns zu Hilfe auch durch die Schar all deiner Engel und Heiligen!“

Was wollte Maria, die Mutter Jesu, mit diesem Gebet er­reichen? Bei ihr hat jede Geste, jede Aussage eine tiefe Dimen­sion. Das Leiden Jesu ist für jeden Christen ein Begriff. Da­runter verstehen wir, was Menschen ihm am letzten Tag sei­nes irdischen Lebens angetan haben, den grauenvollen Tod am Kreuze, und was diesem vorausgegangen war an seelischer und körperlicher Folter. Weniger gegenwärtig sind den gläu­bigen Menschen, was er bereits während der Jahre der Ver­kündigung auf sich genommen hatte, den Hass der Mächtigen, der Theologen und der Priesterkaste im Tempel zu Jerusalem. Wenig, ja fast kaum wird bedacht, welche Leiden bereits die Jahre seiner Kindheit durchzogen haben. Die Mordabsicht des Königs Herodes, die mühsame Flucht nach Ägypten, Jahre der Heimatlosigkeit als Flüchtlingskind in Ägypten. Später die Jahre in Nazareth, das Zusammenleben mit Menschen, die keine Engel waren, sondern voller Fehler, Laster und Neid, die ihm, dem Sündenlosen, oft ein Gräuel gewesen sein müssen.

Es ist eine Gefangene, die gerade die Niederungen des Menschlichen ausleben musste, der Maria dieses Gebet, das heißt diese Betrachtung anempfiehlt.

Antonie begann damit sofort. Sie betete zwölf Vaterunser und zwölf Ave Maria. Nach dem Namen Jesu fügte sie jeweils das empfohlene Gebet hinzu. Dann machte sie drei Kniebeu­gen mit den Worten „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“. Die Kniebeugen sollten eine Sühne sein für jene, die nicht mehr bereit sind, vor dem sich demü­tigenden Gott im Stall das Knie zu beugen. Es ist kein niedli­ches Kindlein-Jesu-Gebet. Dahinter steckt die Offenbarung, was es für den ewigen, unendlich seligen Gott bedeuten muss­te, in Raum und Zeit einzutauchen und als Mensch alles auf sich zu nehmen, was Menschen auf dieser Erde an Qualen und Leiden zugemutet wird, oft schon als Kind.

Neue Register

Den ganzen 8. Dezember hindurch weinte Antonie, dies­mal erfüllt von innerem Glück. Auf diese Weise gestärkt, stell­te sie sich mit erhobenem Haupt wieder ihren Folterknech­ten. Nun zogen sie neue Register. Der Bischof sei über sie in­formiert. Auch er habe zugegeben, dass es auf der ganzen Welt nicht üblich sei, so lange und so viel zu beten. Er billige es nicht. Aber die Frau aus Wigratzbad blieb unbeeindruckt. Sie machte zunächst ein Fragezeichen hinter diese Behauptung des Oberhirten. Dann erläuterte sie ihre eigene Überzeugung. Jedes Gebet, jedes Ave Maria habe einen großen zeitlichen und ewigen Wert, mit jedem Ave komme Gnade und Segen auf die Erde. Deshalb bete sie länger und ausdauernder als viele andere und werde es auch weiterhin tun.

Es war der 9. Dezember. Da erinnerten die Beamten An­tonie daran, dass sie doch am 8. Dezember die Kapelle habe weihen lassen wollen. Daraus sei ja nun nichts geworden. Wo bleibe da der Sieg der Maria vom Sieg? Aber es konnte sie nicht aus der Ruhe bringen. Die Antwort musste selbst ihre zynischen Gegner verblüffen. „Und sie wird doch siegen. Sie siegt immer! Aber sie hat Zeit. Die Kapelle wird eingeweiht werden, wenn sie es bestimmt. Niemand vermag sich ihr zu widersetzen. Sie ist Herrin über Himmel, Erde und Hölle. Sie kann alle zerschmettern, die ihr widerstehen.“

Die Beamten wussten nicht mehr weiter. Sie zeigte eine Intel­ligenz, eine Schlagfertigkeit, die schon die Gegner von Lour­des im 19. Jahrhundert bei der Seherin Bernadette, einem ganz einfachen Mädchen, beobachten konnten. Dahinter steht ei­ne Intelligenz nicht von dieser Welt. Sie machte die Beamten auf Widersprüche aufmerksam, zog ihre Behauptungen ins Lächerliche. Am Ende gingen die Männer wieder zu Beschimp­fungen über. Predigen könne sie besser als ein Pfarrer. Sie sei eine Hexe, sie gehöre auf den Scheiterhaufen. Ein Pfarrer solle sie einsegnen und dann herunterbrennen.

Antonie tat erstaunt. Im 20. Jahrhundert glaubten die Her­ren noch an Hexen! Sie sollten Acht geben, nicht selber auf einem Scheiterhaufen zu landen. Denkt man an das Feuer, das ein paar Jahre später als Bombenhagel viele Städte Deutsch­lands in Wüsten verwandelte, so könnte die Anspielung An­tonies gegenüber dem einen oder anderen Gegner sogar ei­ne Prophezeiung gewesen sein. Wohl noch am selben Abend erschien ihr der „Herr im Elend“ und sagte: „Ich erlöse dich bald!“

Beim letzten Verhör forderte man von ihr das Versprechen, nie mehr zur Grotte zu gehen und dort zu beten. Dann würde man sie sofort entlassen. Antonie wies das Ansinnen zurück. Sie bete nicht um irgendwelcher Sensationen willen, sondern sei felsenfest überzeugt, dass gerade das gemeinsame Gebet zur Gottesmutter ihr und allen nütze, für die sie bete, übrigens auch dem deutschen Volk. Sollte sie heimkommen, würde ihr erster Gang zur Grotte sein. Eine Welle von Wut war die Reak­tion. Man werde sie dorthin bringen, wo ihr Hören und Sehen vergehen könnte. ‚Wir werden sehen, ob Maria siegt oder wir.“ Sie sei bereit, eher den Tod zu wählen, als nicht mehr zur himmlischen Mutter zu gehen, versicherte sie ihren Peinigern.

Dann kam ein letzter Versuch. Ihr Bruder sei bei ihnen ge­wesen und hätte schriftlich versprochen, er werde dafür sor­gen, dass sie nicht mehr vor der Grotte beten werde. Auch diese Behauptung stellte Antonie in Frage. Sie sei volljährig und lasse sich von ihm nichts befehlen. Sie werde wieder be­ten und vorbeten. Ihre Gegner waren vorerst am Ende ihres Lateins. Man brachte sie ins Gefängnis zurück. Diesmal nur für einige Stunden. Dann öffneten sich die Tore. Sie hörte das befreiende „Sie sind entlassen!“

Es war der 18. Dezember 1938, das Fest Mariä Erwartung. Es waren 27 Tage, die sie als Gefangene erlebt hatte, um der Madonna willen, aber, was sie nicht wissen konnte, es sollte noch lange nicht das Ende sein. Ihr erster Gang war, wie hätte es anders sein können, in eine Kirche. Dann suchte sie eine Verwandte auf, bei der sie nach vier Wochen erstmals wieder eine normale Mahlzeit einnehmen konnte. Die Familie wurde benachrichtigt. Um 16 Uhr wollte sie mit dem Schnell­zug kommen, jedoch nicht im nahen Hergatz aussteigen, um nicht auf sich aufmerksam zu machen. Man holte sie in Rö­thenbach ab. Daheim weinten alle vor Freude.

Für Cäcilia Geyer, die bei der Verhaftung Antonies knapp einem solchen Schicksal entgangen war, sollte sich bald der Himmel öffnen. Ein paar Wochen später, es war im Februar 1939, beaufsichtigte sie die Kinder einer Nachbarsfamilie. Plötzlich wurde ihr unwohl, sie stand auf und ging heim, traf dort eine Krankenschwester an und bat diese, den Pfarrer zu holen. Nach dem Empfang der Sterbesakramente rief sie aus: „Dass doch alle Menschen einen so schönen Tod sterben könn­ten!“ Dann schlief sie ein. Am darauf folgenden Morgen klopf­ten vier Beamte der Geheimen Staatspolizei an ihre Türe. Sie wollten sie ins „Irrenhaus“ (wie man es damals nannte) brin­gen. Zu Gesicht bekamen sie eine Tote. Gott hatte ihr vieles erspart. Für das zukünftige erhabene Bild von Wigratzbad stand ein weiteres Mosaiksteinchen zur Verfügung.

Über Verhöre, Isolation, physische Belastungen wie Hun­ger und Kälte versuchte man in Augsburg Antonie zu zermür­ben. Gleichzeitig wurde über die Presse eine Kampagne ge­startet, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit ruinieren soll­te. Die Presse befand sich in jenen Jahren vollständig in der Hand der Partei, sie hatte nicht unparteiisch zu informieren, sondern parteiisch zu propagieren. Wer in ihre Mühlen ge­riet, dem konnte kaum mehr jemand helfen.

Reliquien beschlagnahmt

In der Öffentlichkeit wagte man noch nicht, die Gottes­mutter zu verunglimpfen, also versuchte man es auf Umwe­gen. Antonie wurde Reliquienschwindel vorgeworfen, in Ver­bindung mit einer vorgetäuschten Marienerscheinung. So et­was kommt immer an. Was aber war wirklich geschehen? Der Benediktinerpater Athanasius Miller OSB, ansässig in Rom, bekannt durch eine Psalmenübersetzung, erholte sich in je­dem Jahr einige Zeit in Wangen. Regelmäßig besuchte er auch die Familie Rädler. Bei einem dieser Aufenthalte schenkte er Antonie zwei große versiegelte Kapseln mit kleinen Reliquien von Märtyrern und Heiligen. Die entsprechenden kirchlichen Echtheitserklärungen waren dabei.

Glücklich über so ein Geschenk zeigte sie es einfältig aus­gerechnet dem Ortspfarrer Rädler, von dessen tragischer theo­logischer und politischer Verirrung sie noch nichts ahnte. Er verriet bei dieser Gelegenheit eine große Verachtung der Hei­ligenverehrung: „Ich gehe gleich zu Gott Vater. Ich brauche keine Vermittlung.“

Kurz darauf erschien im „Völkischen Beobachter“, der füh­renden Zeitung des Regimes, ein Artikel über Antonie, Wi­gratzbad und die Reliquien, wie er ordinärer und zynischer nicht hätte ausfallen können. Es entsprach dem Stil der Heraus­geber und des Propagandaministeriums. Die Zeitung schrieb, Antonie hätte behauptet, in den Kapseln befinde sich das Herz eines Heiligen, in Wirklichkeit hätte die Polizei dort nur einen Lumpen gefunden. Der Schwindel hätte ihr 40 000 Mark ein­gebracht. In einer großen Versammlung wurde die Bevölke­rung von Wangen „aufgeklärt“ — so jedenfalls nannte man es.

Die Geheime Staatspolizei beschlagnahmte die Reliquien und ließ sie im Ordinariat von Augsburg überprüfen. Dort wurde die Echtheit festgestellt. Die kirchlichen Siegel waren nicht aufgebrochen. Auf eine Korrektur in der „Westallgäuer Nationalsozialistischen Zeitung“ in Lindau, die den irrefüh­renden Bericht gebracht hatte, wartete man vergebens. Im Ge­genteil. Im Februar 1939 setzte die Presse noch nach. Der „Stuttgarter Kurier“ und das „Münchener Tagblatt“ berichte­ten, Antonie hätte ihre betagte Mutter durch Öffnen des Gas­hahnes getötet und dann sich selbst. Unverständlicherweise haben damals sogar Kirchenblätter diese Horrorgeschichten übernommen. Auch Zeitungen im Ausland wie in der Schweiz, in Frankreich, Italien und Amerika ließen sich in diese Kam­pagne hineinziehen und wiederholten die Berichte.

Die Verleumdete blieb unbeirrt. Kaum daheim, drängte es sie am Nachmittag zur Kapelle, trotz beschwörender Bitten der Familie, die neue Schikanen befürchtete. Aber sie stand vor einem verschlossenen Tor. Bei ihrer Verhaftung waren die Schlüssel mitgenommen worden. Da rief sie durch ein an­gelehntes Fenster in den Raum: „Herr im Elend! Lass doch als allmächtiger Gott die Kapelle öffnen, damit ich zu euch hinein kann.“ Am anderen Tag wurde Antonie zur Polizei­station nach Opfenbach gerufen. Man habe per Express ein Päckchen mit dem Vermerk erhalten: Sofort auszuhändigen! Es waren die Schlüssel zur Kapelle.

Diffamierungen, Beschuldigungen, öffentlicher und indi­vidueller Psychoterror hatten zur Folge, dass jetzt noch mehr Beter bei Tage und in der Nacht zur Kapelle strömten. Man steht heute, nach weit über einem halben Jahrhundert, fas­sungslos vor dem ungleichen Kampf einer schwachen Frau mit einer der brutalsten Staatsmaschinerien des 20. Jahrhun­derts, die sich außerdem noch in einem Siegesrausch befand. Einer solchen Auseinandersetzung ist nur jemand gewachsen, hinter dem eine Macht nicht von dieser Welt steht. Und bei Antonie war es eine Frau, die Frau nach den Träumen Gottes, die in Wigratzbad als „Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg“ angerufen werden möchte, nicht ihretwillen, sondern um des Menschen willen, die uns dazu auffordert, über die Sprache Gottes nachzudenken, die nicht die unsere ist, in die wir aber mit seiner Hilfe hineinwachsen sollen.

Der abermalige Ansturm der Beter stachelte die Gegner erneut an. Sie wollten eine Gerichtsverhandlung, und die wurde dann endlich auf den 27. Juni 1939 festgesetzt. Sie fand in Weiler statt. Die Anklage lautete: Verstoß gegen das Sammel­verbot, illegaler Opferstock in der Kapelle. Was heute noch überrascht: Der Oberstaatsanwalt Dr. Helmer war ihr wohl­gesonnen. Er kam zu einem Verhör selbst nach Wigratzbad, um der Familie die Angst vor einer neuen Untersuchungs­haft zu nehmen.

In seiner Schlussrede stellte er ihr ein gutes Zeugnis aus. „Sie steht vor uns als ein absolut ehrbares, tadelloses und durchaus zuverlässiges Mädchen.“ Dann warf er ihr allerdings vor – sicherlich ein Zugeständnis an das Regime, in dessen Diensten er stand –, „in ihrer übertriebenen Religiosität im Zeitalter der Aufklärung eine Stätte der Volksverdummung errichtet zu haben. Sie selbst gibt zu gesagt zu haben, Wer immer zur Verherrlichung Mariens beiträgt, wird den Segen und den Lohn des Himmels erlangen. Aus diesem Grunde muss die Beschuldigte bestraft werden. Sie hat diese Strafe bereits in einer zu Unrecht auferlegten Haft in den Monaten November/Dezember im Jahre 1938 abgebüßt. Es sind von ihr 31 Mark für die Kosten der Verhandlung zu entrichten.“

Ungeachtet dieses glücklichen Ausgangs gingen die An­griffe auf Antonie und die Gebetsstätte weiter. Der Weg der Sühne, den sie eingeschlagen hatte, war für sie noch lange nicht zu Ende. Welt- und Kirchenpresse wetteiferten miteinander, die Menschen durch Falschberichte von Wigratzbad fernzu­halten. Von den Kanzeln wurde sie verdächtigt, die Wallfahrt zur Grotte verboten. Erst die Einweihung der Sühnekirche im Jahre 1976 durch Bischof Josef Stimpfle setzte diesen Kam­pagnen ein Ende. Aber bis dahin waren es noch 37 lange Jahre. Für das kurze menschliche Leben fast eine Ewigkeit.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel V

Die Kapelle

 

Werden in Massen kommen

Nicht zum ersten Mal sollte von außen eine Anregung an Antonie herangetragen werden. In diesem Fall war es eine verwitwete Bäuerin aus Wangen, Cäcilia Geyer. Sie genoss in ihrem Umfeld den Ruf einer nüchternen und doch sehr frommen Frau. Auch sie gehörte zu den Betern vor der Lourdesgrotte in Wigratzbad. Am Allerseelentag 1937 kam sie auf Antonie zu und meinte, man müsste vor der Grotte eine gedeckte Halle errichten, um die Beter vor den Launen der Witterung zu schützen. Sie selber wolle einen ansehnlichen Beitrag dazu leisten. Weder sie noch Antonie ahnten, dass es ein bitterer Weg werden und dass am Ende sogar eine Kapelle das Ergebnis sein würde.

Antonie reagierte zunächst zögernd. Aber die Frau ließ nicht locker und sprach noch zweimal bei ihr vor. Daraufhin rang sich Antonie dazu durch, beim Bauamt in Lindau um eine Genehmigung vorzusprechen. Es wurde ein hartes Ringen. Erst beim zweiten Mal zeigten sich die Beamten ein wenig aufgeschlossen, nicht ohne sie mit herben Vorwürfen zu überschütten. Die Grotte sei ohne behördliche Genehmigung erbaut worden. In der Gegend existierten genug Kapellen. Das Dritte Reich habe für solche Vorhaben kein Verständnis.

„Aber wenn Sie wollen“, meinte der Beamte, „erstellen Sie einen Plan.“ Das ließ sich Antonie nicht zweimal sagen. Sie besorgte einen entsprechenden Entwurf mit dem Ergebnis, dass er abgewiesen wurde. Das sei bereits ein kultureller Bau, für den das Landesbauamt in Kempten zuständig sei. Man wollte sie offensichtlich abwimmeln. Für Antonie war es jedoch eine neue Herausforderung.

An dieser Stelle muss noch einmal auf die einfache Bäuerin Cäcilia Geyer zurückgegriffen werden. In einem Brief, den sie an die Familie Rädler in schlichten, zum Teil unbeholfenen Worten geschrieben hat, berichtet sie dieser von einem Erlebnis, das Licht auf die Entstehung des späteren Kapellenbaus wirft.

Es war am 22. Februar 1938. Sie stand früh auf, um in der Stadtpfarrkirche an der hl. Messe teilzunehmen. Nach einem kurzen Gebet zur Gottesmutter glaubte sie ein leises Rauschen zu hören. Vor ihren Augen bildete sich eine Lichtwolke. Aus dieser trat die Unbefleckte Empfängnis heraus, wie sie in Wigratzbad verehrt wurde. Die Frau sah sich plötzlich in die Grotte versetzt. Die „Erscheinung“ trat bis an den Betschemel Antonies heraus. Da fragte die ungebildete Bäuerin mehrmals, ob die Gottesmutter wolle, dass man hier baue. Die Antwort war jedes Mal „Ja“. Die schlichte Frau fasste nach. Ob sie in Wigratzbad bleiben wolle. Daraufhin zeigte Maria auf einen Platz, auf dem später die Gnadenkapelle stehen sollte und sagte: „Baut mir hier eine Kapelle! Sage es den Leuten!“ Frau Geyer äußerte Bedenken. Antonie dürfe ja nicht einmal einen Vorbau vor der Grotte errichten. Die Antwort war: „Die Kapelle kommt zustande. Ich führe dem, der die Erlaubnis zu geben hat, selbst die Hand und schreibe das ‚Ja‘ selbst hin. Lass alles seinen Weg gehen! Ich werde der höllischen Schlange den Kopf zertreten. Ich kann die zerschmettern, die gegen diese Sache sind. Die Menschen werden in Massen kommen und ich werde die Gnaden in Strömen über sie ausgießen. Betet viel, betet noch viel mehr! Der hl. Josef der hl. Antonius und die Armen Seelen werden helfen!“

Bei diesen Worten hätten sich die Statuen der beiden Heiligen zustimmend durch eine Drehung der Madonna zugewandt. Diese befahl nun der Frau: „Gehe jetzt hin und bete meinen göttlichen Sohn an im heiligen Sakrament! Bete ihn fromm und gläubig an!“ Verstört meinte die Bäuerin, wo sie denn hingehen solle. Zu dieser Zeit sei nirgendwo das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Da habe die „Erscheinung“ auf jene Stelle verwiesen, die sie vorher für den Bau auserwählt hatte. Nun stand dort eine Kapelle so groß wie eine Kirche. Sie sei eingetreten und habe auf dem Hochaltar eine Monstranz gesehen, heller leuchtend als die Sonne. Die Strahlen hätten das ganze Land überflutet, so weit das Auge reichte, über ein Meer von weißen, roten und gelben Rosen.

Die Frau kniete nieder, betete ein Vaterunser und kehrte in die Grotte zurück. Aber die „Erscheinung“ habe ihr ein zweites und ein drittes Mal befohlen, ihren göttlichen Sohn auf dem Altar anzubeten. Dann die abschließenden Worte: „Danke für die besondere Gnade, die du heute empfangen hast. Du musst besonders viel beten. Bete viel, bete gut! Bete besonders viel für die Armen Seelen. Sie haben eine große Macht.“

Daraufhin sei sie verschwunden, die Wolke habe sich aufgelöst, nur die Grotte hätte sie noch gesehen, ganz mit Schmutz beworfen. Dann sei alles vorbei gewesen.

Von welcher Qualität dieses Erlebnis war, soll hier nicht beurteilt werden. Erstaunlich ist nur, dass sich die ,Yision“ voll erfüllt hat. Vier Tage nach dem Erlebnis der Cäcilia Geyer tauchte plötzlich in Wigratzbad ein Beamter vom Landesbauamt in Kempten auf, Regierungsassessor Wölfl, ein Protestant. Er sollte alles überprüfen und lehnte das Gesuch ab. Aber zu Antonies großem Erstaunen meinte er, sie solle doch eine schöne Kapelle bauen und zeigte auf den Platz, den vier Tage vorher die „Erscheinung“ gegenüber der einfachen Bäuerin für den Bau bestimmt hatte. Auf die geäußerten Zweifel, ob das von der Behörde genehmigt werde, antwortete er: „Die Behörde, die zu bestimmen hat, sind wir.“ Und ging auf den spontanen Vorschlag Antonies ein, selber den Plan zu entwerfen. Der Weg aber, der noch zu gehen war, blieb dornenreich.

Herr im Elend

Zwei Wochen nach dem Besuch des Beamten aus Kempten betete Antonie mit vielen Menschen vor der Grotte. Da erlebte sie in ihrem Inneren die Gegenwart Mariens und hörte klar die Worte: „Hole den Herrn im Elend in Matrei. Ich will, dass Jesus in seinem Leiden auch hier geliebt und verherrlicht wird. Jesus im Elend wird aus dem Elend retten.“ Antonie blieb keine Zeit, Fragen zu stellen. Die Gottesmutter hatte sich zurückgezogen.

Mit dem Wort Matrei konnte sie nichts anfangen, so sehr sie auch darüber nachdachte. Sie betete bis zum Abend weiter. Als danach alle Beter den Heimweg angetreten hatten, kam ein Mädchen aus Opfenbach auf sie zu. Wie zufällig zeigte sie ihr ein Pilgerbüchlein vom Gnadenort Matrei am Brenner, wo seit Jahrhunderten ein Gnadenbild des „Herrn im Elend“ verehrt wird. Man staunt über das feine und zielstrebige Wirken Mariens. Es scheint, als ob sie möglichst viele Menschen einbezogen haben wollte für das, was sie vorhatte. Antonie strahlte. Sie schlug dem Mädchen vor, sofort eine Wallfahrt zum angegebenen Ort zu machen. Es war der Botin jedoch nicht möglich, mitzufahren.

In diesem Augenblick hörten sie vor der Grotte einen gewaltigen Lärm, als würde dort ein schwerer Lastwagen vor-beirollen, aber nichts war zu sehen. Nur das Mädchen entdeckte mit Entsetzen, dass ihr Fahrrad völlig zertrümmert und nicht mehr zu gebrauchen war. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Antonie ahnte den Urheber: „Es war die Hölle!“ sagte sie.

Was in dieser Zeit in Wigratzbad abgelaufen ist, ist von großer Bedeutung für ein volles Verständnis dieser Stätte. Es ist eine Botschaft an die ganze Welt. Maria verbindet ihren Titel vom „Sieg“ mit dem sühnenden Leiden ihres Sohnes. Ganz gezielt. Das kann gar nicht ernst genug genommen werden.

Antonie spürte das. Mit dem Nachteilzug fuhr sie nach Innsbruck und weiter nach Matrei. In der dortigen Pfarrkir-che entdeckte sie auf dem Hochaltar das Gnadenbild. Sie betete lange davor. Dann suchte sie den Pfarrer auf und erzählte ihm, was sie in der Grotte von Wigratzbad erlebt hatte. Das Standbild konnte er ihr natürlich nicht geben, aber er nannte ihr einen Künstler, der ihr eine genaue Kopie anfertigen würde. Aber der war mit Aufträgen eingedeckt.

Wie schon oft, schaltete Antonie erst einmal einen neuen heroischen Akt davor: das Opfer. In dem Schwesternhaus, in dem sie übernachtete, erfuhr sie von der kleinen Wallfahrtskirche „Maria Waldrast“ hoch oben auf dem Berg in 2000 Meter Höhe. Sie hätte gern die Nacht vor dem leidenden Jesus in der Kirche verbracht, aber man erlaubte es ihr nicht. Dafür wollte sie am nächsten Tag auf den Berg pilgern, obwohl der Geistliche und die Schwestern ihr dringend davon abrieten, weil die Absturzgefahr wegen des vielen Schnees noch groß sei. Antonie ließ sich dennoch nicht entmutigen. Sie wagte den Aufstieg, aber sie brauchte eine Führung. Und wer bot sich an? Ein elfjähriger Junge.

Der Weg war voller Gefahren. Aber sie kamen oben heil an, beteten in der Kirche den Rosenkranz. Dann jedoch war der Junge, ein Kind noch, am Ende seiner Kräfte. Antonie gab ihm etwas Geld, damit er sich im Gasthaus bei einer warmen Mahlzeit erholen konnte. Sie aber blieb bei der eisigen Kälte noch oben, betete, bis die Zeit sie zwang, den Heimweg anzutreten, um noch vor der Dunkelheit unten zu sein. Sie kam mit leerem Magen an, aber überglücklich. Sie setzte auf die Gottesmutter.

Wieder in Bregenz angekommen, suchte sie das Kloster der Kapuziner auf, um ein Almosen abzugeben. Dort erfuhr sie von dem Bildschnitzer Franz Albertani. Dieser hatte durch die neue Zeit des Nationalsozialismus, die angebrochen war, alle Aufträge verloren. Für seine sechsköpfige Familie erwies sich Antonie als Rettungsanker. Seine Arbeiten gefielen ihr weit besser als die des Künstlers in Matrei. Sie luden wirklich zum Beten ein. Der Mann erwies sich als eigentliches Geschenk der Wallfahrt, die Antonie unternommen hatte. Zunächst aber brauchte sie etwa tausend Mark. Und wieder staunt man über das Eingreifen der göttlichen Vorsehung.

Daheim warteten nämlich zwei Frauen auf sie. Sie hatten mit einem schweren Anliegen im Herzen die Grotte besucht und verrieten, dass sie bereit seien, zu Ehren der Gottesmutter ein größeres Werk zu stiften. Antonie erzählte von ihrer Reise nach Matrei. Sofort erklärte sich eine der Damen bereit, die Kosten für die Statue zu übernehmen. Am nächsten Morgen händigte der Ehemann ihr die ersten 400 Mark aus, die Antonie sofort nach Bregenz brachte.

Das Standbild, in das Albertani seine ganze Seele hineingearbeitet hatte, wurde zunächst im Schuppen der Familie aufgestellt und verehrt. Ganze Nächte wurde davor gebetet. In der späteren Kapelle fand es seinen Platz in der Unterkirche.

Neues Denken

In diesem Zusammenhang ist die Geschichte der Statue des „Herrn im Elend“ nicht unwichtig. Um das Jahr 1210 lebte auf dem Schloss Aufenstein Ritter Heinrich III. Er war nicht nur das Vorbild eines ritterlichen Menschen, sondern hatte dazu auch noch eine tiefe Beziehung zum Leiden und Sterben Jesu. Deshalb brach er eines Tages ins Heilige Land auf, um in der Kirche des heiligen Grabes zu beten. Dort sah er ein Standbild des leidenden Erlösers. Es zeigte Ihn nicht in aufrechter, sondern in liegender Haltung und war deshalb besonders eindrucksvoll. Der Ritter war davon sehr betroffen. Er ließ ein möglichst getreues Abbild machen und nahm es mit auf das Schiff. Unterwegs erhob sich ein gewaltiger Sturm und brachte alle in Gefahr. Ritter und Mannschaft flehten vor dem Standbild. Und alsbald legte sich der Sturm. Sie kamen glücklich im Hafen an.

In der Schlosskapelle von Aufenstein fand es bald breite Verehrung. Deshalb bat er die geistliche Obrigkeit, ob es nicht in der Pfarrkirche aufgestellt werden könnte, um es noch breiteren Schichten zugänglich zu machen. Die Kirche wurde zum Wallfahrtsort. Ein Dorn im Auge eines Ritters, der eine entgegengesetzte Einstellung hatte. Er hasste Standbilder und Wallfahrten. So ließ er es über Druck und Bestechung vom Küster der Kirche nachts in den Fluss werfen. Aber am anderen Morgen befand es sich wieder unversehrt an seiner Stelle in der Kirche. Ein zweiter Versuch endete ebenso. Beim dritten wollte der Ritter von Raspenbühl selber dabei sein. Aber am Morgen befand sich das Standbild abermals an seinem Platz in der Kirche. Beide Männer erschraken zutiefst und der Ritter wurde vom Gegner zum Verehrer des Bildes.

Antonie, in langen Gebeten erleuchtet, hat die Bedeutung des Bildes für Wigratzbad so verstanden:

„Als Jesus vor seinem Leiden am Ölberg betete, hat ihm der Vater alle Sünden der Welt gezeigt, die er zu sühnen hatte, aber auch alle Leiden, die er, um der Gerechtigkeit willen, als Genugtuung erdulden sollte. Jesus sah sich selbst, wie er mit seinen Augen die Sünden der Augen, mit seinen Ohren die Sünden der Ohren, mit seinem Munde die Sünden der Zunge und Unmäßigkeit, mit seinem dornengekrönten Haupt alle Sünden des Eigensinns, des Eigenwillens, der Selbstherrlichkeit, mit seinen Händen die Sünden der Hände, mit seinen Füßen alle sündigen Schritte, mit seinem Herzen allen Mangel an Liebe und alle ungeordneten Leidenschaften, mit den Wunden, verursacht durch die Geißelung, die Sünden des Leibes, mit den schrecklichen inneren Leiden die Sünden des Geistes sühnen sollte. Er sah sich – wie die Statue es darstellt – versenkt in die tiefsten Tiefen aller Leiden und bot sich dem Vater in seinem Elend als Sühne an, um uns aus unserem Elend zu erretten. Darum ist er nicht als Toter, sondern als Lebender dargestellt.

Durch seinen Tod am Kreuze hat Jesus in Maria den Satan besiegt, sie vorwegnehmend vor der Erbsünde bewahrt, damit sie als Makellose im Namen der Menschheit ganz eins mit ihm leidend ihn und sich selbst in ihm und mit ihm und durch ihn dem Vater opfernd den Satan in der Menschheit besiegen konnte. Der Sieg ist errungen, aber er muss von jedem Einzelnen für sich und für andere gewollt werden durch Gebet, Empfang der Sakramente und durch Werke der Liebe.“

Die Betrachtung kurz zusammengefasst könnte heißen: Sieg der Sühne. Das ernst genommen, müsste ein neues Denken unter Christen einleiten, die in 2000 Jahren nicht der Versuchung widerstanden haben, ihren höchsten Werten und Idealen oft weltliche Inhalte zu geben oder sie sich aufdrängen zu lassen, wie es seit dem Jahre 1968 im Übermaß geschehen ist. Wir erleben es Tag für Tag. Die Auswirkungen sind verheerend – für Milliarden von Menschen. Der „Sieg der Sühne“ ist die Wurzel der christlichen Verkündigung und das, was das Christentum – neben der Feindesliebe – von allen anderen Religionen haushoch unterscheidet. Den Feind zu lieben erfordert oft schon einen heroischen Akt, für ihn zu sühnen übersteigt alles menschliche Vorstellungsvermögen – es kann nur göttlichen Ursprungs sein.

Gottes große Wege sind mit Opfern und mit Leiden gepflastert. Das sollte Antonie in des Wortes wahrster Bedeutung erfahren. Zunächst schien alles recht glücklich zu laufen. Der protestantische Regierungsassessor machte sich mit Sorgfalt an die Arbeit. Aber dann stand die Bewilligung durch die Behörden aus.

Die Bewilligung

In Wigratzbad wurde derweil wie vor jeder Hürde viel gebetet. Antonie ging mit gutem Beispiel voran. Sie fastete oft drei Tage bei Brot und Wasser oder aß überhaupt nichts. Sie pilgerte von Bregenz barfuß nach Maria Bildstein und verbrachte dort die Nacht in der Kirche. Ein andermal fuhr sie nach Bregenz ins Kloster Mehrerau, um dort die ganze Nacht zu beten und von 3 Uhr früh an den hl. Messen beizuwohnen. Um 7 Uhr kehrte sie heim, um den ganzen Tag hindurch schwer zu arbeiten. Sie machte sogar eine Pilgerfahrt zu ihrem Namenspatron, zur Kirche in Egg im Kanton Zürich.

32mal musste sie im Bauamt in Lindau vorsprechen und wurde immer wieder abgewiesen. Beim 33. Mal endlich klappte es. Man ließ sie zwar den ganzen Vormittag vor der Türe stehen, weil sie sich weigerte, mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Gegen Mittag durfte sie jedoch eintreten und konnte die Baubewilligung in Empfang nehmen. Voll innerer Freude eilte sie damit in die Pfarrkirche, um sich vor dem Marienaltar zu bedanken. Aber dann geschah etwas, was mit menschlicher Logik kaum zu verstehen war. Sie erhielt den inneren Befehl, den Plan sofort zu zerreißen. Er sei ungeeignet, die Kapelle zu klein. Alles, so schien es, war umsonst gewesen, alle Gebete, alle Bußübungen, alle Mühen, alle Arbeit.

Antonie gehorchte. Die Welt der Mystik hat ihre eigenen Gesetze. In einer inneren Schau bekam sie jedoch jene Kapelle zu sehen, die später erbaut wurde. Der eigentliche Kreuzweg, den sie in Verbindung mit der Entstehung eines Heiligtums gehen sollte, der sollte erst beginnen. Und der Widersacher Gottes ihr auf diesem Wege sein hässliches Gesicht zeigen.

Daheim machte sie sich an die Zeichnung der Kapelle, wie sie ihr in der inneren Schau gezeigt worden war. Mit der Skizze fuhr sie sofort in das Landesbauamt in Kempten und bat um Entschuldigung, dass sie den Herren so viel Arbeit zugemutet hatte. Die Reaktion war verständlich. Der Assessor war außer sich. Antonie ließ alle Vorwürfe über sich ergehen. Im Gedächtnis hatte sie die Verheißung der Gottesmutter, sie würde demjenigen, der den Bau zu genehmigen hätte, selber die Hand führen.

Nach und nach beruhigten sich die Männer und Assessor Wölfl zeigte sich bereit, den neuen Entwurf zu überprüfen, den er recht brauchbar fand. Aber der neue Plan musste den ganzen Behördenweg durchlaufen. Als erster ging der Bürgermeister von Opfenbach auf die Barrikaden. Als Antonie ihm den Plan übergab, wäre er um ein Haar ihr gegenüber handgreiflich geworden. Zunächst einmal ließ er sich Zeit, dann rief er den Gemeinderat zusammen, schwor diesen auf seine Linie ein und bekam ein vollzähliges „Nein“ gegen das Projekt.

Dabei ließ er es nicht bewenden. Er wandte sich in einem Brief an die höhere Instanz, das Bezirksamt, stellte Antonie als fanatische Gegnerin des Nationalsozialismus dar, die in Wigratzbad ein Zentrum gegen die neue Zeit aufbaue und mit ihrer religiösen Grundeinstellung weite Teile der Bevölkerung infiziere. In Opfenbach existierten bereits drei Kapellen, es bestehe kein Bedürfnis für eine weitere. Neben den Behörden stachelte er auch die höheren Parteiinstanzen gegen den Bau auf.

Die bitterste Erfahrung jedoch sollte Antonie mit ihrem eigenen Seelsorger machen. Er hieß Hermann Rädler und war ein Jahr zuvor Pfarrer der Gemeinde Wohmbrechts geworden. Bei seiner Einführung hatte er sich von der Sturmabteilung (SA) begleiten lassen. Bei seiner ersten Ansprache sagte er: „Ich nehme Besitz von dieser Pfarrei im Namen des gottbegnadeten Führers Adolf Hitler!“ Er wurde ein tödlicher Feind Antonies und der Kapelle.

Diese Gegner erreichten, dass Vertreter der Behörden und der Partei vor Ort eine Sitzung einberiefen, um sich dem Bau in den Weg zu stellen. Alle Bemühungen um eine Bewilligung schienen fortan aussichtslos. Gegen solche Mächte als hilflose Frau anzugehen, musste bedeuten, dem eigenen tragischen Untergang den Weg zu ebnen.

Aber das sind rein menschliche Überlegungen. Antonie hatte längst in einer anderen Welt Wurzeln geschlagen. Auf die setzte sie. Der beim Künstler Albertani in Bregenz in Auftrag gegebene „Herr im Elend“ war noch nicht ganz fertig. Antonie störte das nicht. Sie wagte die erste Wallfahrt zum Herrn, ließ vor Ort einen Pater aus Mehrerau kommen, das Standbild zu segnen, schmückte es mit Blumen und Kerzen. Mit ausgespannten Armen betete sie einen Psalter, die Familie schloss sich an. Beim Abschied bat sie alle, dies neun Tage fortzusetzen. Sie selbst wollte es in der Grotte tun.

Acht Tage später, es war der 17. Juni 1938, wurde Antonie ins Bauamt nach Lindau gerufen und ihr gegen 12 Uhr, beim Ave-Läuten, die Bewilligung zum Bau der Kapelle von einem gewissen Regierungsrat Dr. Widmann ausgehändigt. Der Bürgermeister von Opfenbach wurde übergangen. Das schien sehr entgegenkommend, aber es stand eine perfide Absicht dahinter. Denn die Bewilligung wurde mit der Auflage verknüpft, das Geld für den Rohbau und eine Notbausumme, insgesamt 14 500 Mark, innerhalb von drei Tagen auf einer Bank zu hinterlegen und den Depotschein auf dem Amt vorzuzeigen.

Voll innerer Dankbarkeit brachte Antonie das Geld tatsächlich zusammen, trug es zur Grotte und legte es der Got-tesmutter zu Füßen. Sie betete bis in die tiefe Nacht hinein. Da kroch zu ihrem Entsetzen eine dicke schwarze Schlange, etwa anderthalb Meter lang, auf die Altardecke, züngelte und schien nach dem Geld schnappen zu wollen.

Die Beterin sah darin ein Zeichen. Sie durchschaute den Plan ihrer Gegner. Hätte sie das Geld bei der Bank hinterlegt, es wäre verloren gewesen. Also suchte sie in der Frühe den Baumeister (Ruß) direkt auf und übergab ihm die Summe mit der Bitte, sofort das notwendige Material einzukaufen und ihr die Quittungen zu geben. Diese brachte sie zum Amt.

Die Reaktion der Beamten war die übliche. Man beschimpfte sie und verbot ihr, mit dem Bau zu beginnen. Aber der Baumeister und jene Männer, die die Pläne erarbeitet hatten, setzten sich durch. Sie kamen persönlich nach Wigratzbad, um den Platz zu bestimmen. Eltern und Geschwister willigten ein, den väterlichen Grundbesitz für die Kapelle abzutreten. Antonie nahm die Gelegenheit wahr, eine weitere Idee durchzusetzen. Unter der Kapelle schwebte ihr eine Art Krypta vor. Das war im Plan nicht vorgesehen. Da der Vorgesetzte in Urlaub war, konnten die Herren in eigener Vollmacht entscheiden und schickten den Plan für die Unterkirche nach. Am 1. Juli 1938 wurde mit dem Erdaushub begonnen. Eine Bitte an den Ortspfarrer, bei der Grundsteinlegung die Weihe vorzunehmen, schlug dieser aus. Er wolle damit nichts zu tun haben. Er sei gegen den Bau.

Schwarz gekleidet

Manch eine hier geschilderte Einzelheit mag überflüssig oder gar ermüdend erscheinen. Es wird dennoch über sie berichtet, um darzulegen, dass Gottes große Werke nicht im Scheinwerferlicht irdischer Stars entstehen, sondern in mühsamer, teils qualvoller Kleinarbeit. Die Menschwerdung Gottes erfolgte in einem Stall, in bitterer Kälte, setzte sich fort in der Flucht durch Wüstensand nach Ägypten. Gott war auf dieser Erde als Mensch von Anfang an ein Verfolgter. Und hat seine große Mission unscheinbar in einer Werkstatt vorbereitet. Warum soll es einer Jüngerin besser ergehen als dem Meister. Am eigenen Leibe musste sie es erfahren, mehrere leidvolle Jahre standen ihr bevor, meistens am Rande des Todes stehend.

Am Ringen um die Entstehung einer Kapelle in Wigratzbad zeigt sich, wie unablässig hier auf Erden Himmel und Hölle miteinander kämpfen. Es geht immer um den Menschen, am Ende um das Heil von Milliarden von Menschen. Und es ist der graue Alltag, in dem Gott sich immer wieder offenbart, nicht in Triumphzügen und unter Fanfarenklängen.

Als in Wigratzbad die Fundamente für eine Anbetungsstätte gelegt wurden, ließ Hitler unter großen Opfern den sog. Westwall bauen, der Deutschland angeblich gegen Frankreich schützen sollte. Ein Täuschungsmanöver. Es war Hitler, der Frankreich überrollte, sich ganz Europa unterwarf und die Herrschaft über den ganzen Erdball im Auge hatte.

Um jeden Baustein musste Antonie kämpfen, um jede Arbeitskraft werben und fand oft unerwartet Helfer, wie jenen Offizier, der einen Waggon mit Zement nach Wigratzbad abkommandierte. Nicht selten wusste man am Abend nicht, wie es am nächsten Tag weitergehen sollte. Dann hat Antonie durchgebetet. Am nächsten Tag konnte es weitergehen.

Während der Arbeiten wollten Architekten den Plan so umfunktionieren, dass die Kapelle schnell in ein Heim für die Hitlerjugend umgestaltet werden konnte. Es sollten keine Altäre hinein. Aber die schwache Frau erwies sich als starke Frau. Sie setzte sich durch – zwei Altäre in der Krypta, drei Marmoraltäre und Kommunionbank aus schlesischem Marmor, Kirchenfenster mit Bildern von La Salette, vom Pfarrer v. Ars und von Bruder Konrad aus Altötting. Antonie stellte ihre Gegner oft vor vollendete Tatsachen. Ende November stand der Bau.

Die materiellen Sorgen entpuppten sich als nichts im Vergleich zu den geistigen Schwierigkeiten, die jetzt auf sie warteten. Und es waren wohl die bittersten. Es ging um den Segen der Kirche.

Sie fuhr nach Augsburg, um dem Bischof ihr Anliegen vorzutragen. Der Oberhirte konnte sie nicht empfangen. Dann reiste sie ihm nach Kempten nach, wo er sie anlässlich einer Firmung empfangen wollte. Das Gespräch dauerte kaum vier Minuten. Sie versuchte es ein drittes Mal. Weihbischof Dr. Franz Xaver Eberle entließ sie mit seinem Segen. Inzwischen war die Krypta fertig geworden. Noch einmal bat sie schriftlich um die kirchliche Weihe. Sie wurde an den Ortspfarrer von Wohmbrechts verwiesen, sollte sich seinen Anordnungen fügen. Dieser weigerte sich und verwies sie an den zuständigen Dekan. Der versprach die Weihe für den 8. Dezember.

Jedoch die Gegner schliefen nicht. Unter ihnen waren auch Seelsorger der Umgebung, die das Pilgern ihrer Gläubigen zur Grotte nach Wigratzbad mit gemischten Gefühlen beobachteten. Einige gingen zu offenen Angriffen über. Der Stadtpfarrer von Wangen kam am Fest Allerheiligen in allen Gottesdiensten auf sie zu sprechen, nannte den Bau Einfall eines hysterischen, überspannten Menschen, Ausgeburt einer überhitzten Fantasie. Das Projekt habe keine Zukunft. Antonie war bei diesen Predigten auch noch anwesend. Sie schwieg. Ihr Hauptfeind, der Pfarrer von Wohmbrechts, erreichte unterdessen, gestützt auf unwahrhaftige Darstellungen, dass das Ordinariat in Augsburg seine Zusage zurücknahm. Die große Beterin von Wigratzbad ahnte davon nichts.

Ahnungslos suchte sie Ende November den Dekan auf, der teilte ihr mit, dass Ortspfarrer Rädler nun doch die Weihe selbst vornehmen wolle. Der empfing sie mit Beschimpfungen und stellte den Sinn des Betens überhaupt in Frage: „Hätte es eine Wirkung, wäre die Welt längst eine andere, wo doch Männer und Frauen in den Klöstern so viel und ständig beten.“ An die Weihe sei vorerst nicht zu denken. Antonie mit einer inzwischen vom Geist des Gebetes durchdrungenen Seele war es, als würde man ihr das Herz aus dem Leibe reißen.

Der Himmel ließ sie jedoch nicht allein. Während des Gebetes in der Grotte erschien ihr die Mutter des Herrn, ganz in Schwarz gekleidet. Tränen rollten über ihre Wangen. Verstört fragte Antonie nach dem Grund, verstand jedoch die Antwort nicht. Doch dann erhellte sich das Gesicht Marias. Ihre Augen leuchteten. Sie wirkte mütterlich gütig, war aber von himmlischer Majestät. Sie trat ganz nahe an Antonie heran. „Leg‘ deine Hand in meine“, sagte sie, „und bete: Jungfrau, mächtig bei Gott, bitte für mich!“ Dann zog sie sich in die Ewigkeit zurück. Mit diesen Worten flößte sie der so umstrittenen Frau aus Wigratzbad eine große Zuversicht ein. Die brauchte sie. Denn die Leiden, die bereits wie eine dunkle Wolke heraufzogen, waren unvorstellbar. Sie sollten sich über sechs Jahre hinziehen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel IV

Geheimnisvolle Reise

 

Frau aus Bregenz

Etwa ein Jahr nach der Einweihung der Stätte betete An­tonie mit einer größeren Volksmenge vor der Grotte. Da er­schien ihr die Gottesmutter lächelnd, mit einem Ausdruck großer Güte und sagte ihr mit einer leichten Handbewegung: „Antonie komm! Nächsten Sonntag will ich dich in Lourdes sehen!“ Erschrocken sträubte sie sich, es sei nicht möglich, sie bekomme keinen Pass, habe keine Devisen, spreche kein Fran­zösisch. Aber Maria blieb hart: „Komm! Auf Wiedersehen in Lourdes.“

Damit begann eine Pilgerfahrt voller Merkwürdigkeiten und geheimnisvoller Zeichen. Ein Jahr zuvor war sie schon einmal in Lourdes gewesen, kurz vor ihrem überstürzten Ab­bruch als Leiterin der Filiale ihres Vaters in Lindau. Damals hatte sie sich einem österreichischen Pilgerzug angeschlossen. Der Anstoß kam von einer Frau Gasser, Gattin eines Ober­lehrers in Bregenz, die schon dreizehnmal in Lourdes gewe­sen war.

In Lourdes eröffnete die Frau ihr etwas, das wiederum zeigt, wie sehr Wigratzbad keineswegs das Werk einer einzelnen Person ist, sondern dass viele Menschen mit einbezogen wa­ren bei der Entstehung eines Heiligtums, das zur Botschaft werden sollte. Die Frau eröffnete ihr, dass Maria ihr geoffen­bart habe, Antonie würde die Gnade erhalten, nach ihrem Tode eine Kapelle zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis zu bauen. Sie selber dürfe mit ihrem Leben einen ersten Beitrag dazu leisten, sie werde bald sterben. Mit dieser Kapelle wür­den reiche Gnaden verbunden sein, vor allem für Bayern, das ihr besonders am Herzen liege. Antonie reagierte skeptisch, der Gesundheitszustand der Frau deutete keineswegs auf ei­nen baldigen Tod hin.

Einen Monat später kam Frau Gasser barfuß von Bregenz nach Lindau, um sich von Antonie zu verabschieden, sprach ihr Mut zu und teilte ihr mit, am kommenden Freitag (es war der Herz-Jesu-Freitag im Juli 1936) dürfe sie ihr Blut vergie­ßen. Sie opfere ihr Leben für Bayern, seine christliche Aufer­stehung und für die Kapelle. „Auf Wiedersehen im Himmel!“ Tief erschüttert verabschiedete sich Antonie von ihr.

Acht Tage später, am vorausgesagten Freitag, klingelte das Telefon. Frau Gasser war tödlich verunglückt. Sie war auf dem Heimweg von der Kirche, wo sie die hl. Kommunion emp­fangen hatte. In der einen Hand hielt sie den Rosenkranz, in der anderen einen Blumentopf. Den wollte sie zur Seekapelle bringen, die der Gottesmutter geweiht war. Beim Überque­ren der Straße kam von der Seite ein Auto. Die Frau wollte ihm ausweichen. In diesem Augenblick raste von der ande­ren Seite ein zweites heran und stieß sie so unglücklich nie­der, dass sie auf der Stelle tot war. Ihr Blut rötete die Straße. Sie war vielen als Mensch bekannt, dessen Leben im Opfer für den anderen bestand.

An diesen Tod wurde Antonie erinnert, als sie jetzt, ein Jahr danach, vor einer schweren Entscheidung stand. Am nächs­ten Tag erhielt sie Besuch von einer Frau aus der Schweiz. Diese hatte Antonie einmal beobachtet, wie sie in Einsiedeln über Stunden einer Menge in und außerhalb der Gnadenka­pelle vorbetete. Ihre innere Glaubenskraft hatte sie so beein­druckt, dass sie ihre Anschrift erbat. Jetzt war sie mit folgen­dem Anliegen zu ihr gekommen.

Sie sollte für eine Schwerkranke eine Pilgerfahrt nach Lour­des machen. Es sei aber für sie unmöglich, deshalb hätte sie sich an Antonie erinnert. Sie wolle sie bitten, an ihrer Stelle die Fahrt anzutreten. Für die Karte nach Lourdes, für eine Rundfahrt und alle anderen Kosten wolle sie aufkommen.

Antonie weihte den Familienrat ein, erzählte von ihrem Er­lebnis in der Grotte. Aber sie stieß auf Ablehnung. Man be­zeichnete sie als Abenteurerin. Beim Mittagessen meinte ihr Bruder Martin jedoch, dass ein holländischer Viehtransport vielleicht die Gelegenheit bieten könnte, in die Schweiz zu kommen. Am Nachmittag stiegen zwei mit Antonie bekannte Damen aus dem Auto. Die Sprache kam auf den Transport. Sie wussten Abhilfe und innerhalb von zwei Stunden war die Sache erledigt. Antonie durfte in die Schweiz. Noch am glei­chen Abend trat sie die Reise an. Die erwähnte Bittstellerin fuhr mit ihr nach Basel, besorgte die Karten durch Frankreich, brachte Antonies Gepäck mit einem Eilzug nach St. Louis, der ersten Station jenseits der Grenze. Antonie aber schickte sie unter Umgehung der Zollstation zu Fuß über Felder und Wie­sen über die grüne Grenze. Zweimal wurde sie angehalten, aber als harmlose Spaziergängerin laufen gelassen. So traf sie rechtzeitig auf dem Bahnhof ein, mit zehn Mark in der Ta­sche, die sie in französische Franken umtauschte. Zehn Minu­ten später setzte sich der Zug in Richtung Paris in Bewegung.

Paris und Lisieux

Und dort ereigneten sich bei ihrer Ankunft Dinge, die zei­gen, was der Himmel im Leben eines Menschen bewirken kann, der bedingungslos aus dem Glauben lebt. Es war Mit­ternacht, als sie in Paris ankam. Der Bahnhof wurde geschlos­sen, verlassen stand sie in der Weltstadt auf der Straße. Sie schaute sich um und ihr Blick fiel auf ein Plakat, das zur Ein­weihung der Basilika der kleinen hl. Theresia von Lisieux ein­lud, verbunden mit dem Eucharistischen Kongress vom 8.­ – 15. Juli. „Da muss ich hin“, ging es Antonie durch den Kopf. Dann wandte sie sich in einem kurzen, lauten Gebet an den hl. Josef: „Hilf du weiter. Jetzt brauche ich erst einmal ein Nachtquartier!“

Da sprach sie ein Mann an, der hinter ihr herkam. Sie ver­riet ihm, dass sie eine Übernachtungsmöglichkeit suche. „Ge­hen Sie geradeaus bis zum Hotel ,London-New York‘ „, sagte der hilfsbereite Unbekannte, „dort finden Sie einen Portier, einen Schweizer, der deutsch spricht.“ Der Mann im Hotel zeigte sich sehr erstaunt. Er sei gerade erst vor fünf Minuten aus dem Bett geholt worden, weil der Kollege erkrankt sei. Woher habe der unbekannte Helfer wissen können, dass er da sei. Das Hotel sei überfüllt, aber er wolle ihr ein Privatquar­tier suchen.

Antonie trat derweil ins Freie. Plötzlich hielt ein Auto vor ihr an. Der Fahrer stieg aus und fragte sie in Deutsch, was sie suche. Sie erklärte, dass sie auf den Portier warte, der ihr ein Quartier besorgen wolle, morgen wolle sie nach Lisieux. Der Mann wies sich als Deutscher aus und schlug vor, sie zum Bahnhof zu fahren und ihr in der Nähe ein Hotel zu besorgen. Antonie zögerte, aber eine innere Stimme riet ihr: „Fahr mit!“ Er fuhr sie dann zum Bahnhof; sie stieg aus und suchte nach ihrem Geldbeutel. Da waren Mann und Auto plötzlich ver­schwunden. Sie konnte kaum darüber nachdenken, da wur­de sie wieder von einem Mann angesprochen. Als dieser von ihrem Anliegen und ihrem Reiseziel erfuhr, brachte er sie in ein nahe gelegenes Hotel. Mehr noch: Er gab dem Kellner ein Trinkgeld, dann wies er ihn an, dafür zu sorgen, dass Anto­nie um 4 Uhr den Zug nach Lisieux erreiche. Das tat dieser auch und gab ihr am frühen Morgen noch jemand mit, der sie bis zum Zug begleitete.

Eine Million Pilger aus aller Welt waren in Lisieux zusam­mengekommen. Rom hatte Kardinal Eugenio Pacelli als seinen Vertreter geschickt, der zwei Jahre später als Papst Pius XII. Nachfolger Petri werden sollte. Aus Deutschland, in dem in jenen Jahren Pläne für eine ganz andere Welt geschmiedet wurden, war sie offensichtlich die einzige Verehrerin der jun­gen, beliebten Heiligen. Darin kam bereits symbolisch zum Ausdruck, wie sehr Gott auf das Verantwortungsbewusstsein und die Opferbereitschaft des einzelnen Menschen setzt, eine der großen Botschaften von Wigratzbad: Einer stellvertretend für viele.

Der erste Gang führte sie in die Basilika, von der erst der untere Teil ausgebaut war. Die ganze Nacht verbrachte sie in stiller Anbetung vor dem Allerheiligsten. Am nächsten Mor­gen suchte sie alle Orte auf, die an das Leben, die Gebete und die Leiden der kleinen Thérèse erinnern. Über ihre inneren Erlebnisse in Lisieux hat Antonie immer geschwiegen.

Gegen Mittag überfiel sie eine große Müdigkeit, sie hatte ja in der Nacht kaum geschlafen. Eine Kellnerin erbarmte sich schließlich ihrer, besorgte ihr eine Ecke, wo sie sich auf einer Bank ausruhen konnte. Nach einer halben Stunde Schlaf fühl­te sie sich erfrischt, als habe sie die ganze Nacht ausgeruht. Insgesamt drei Tage verbrachte sie in Lisieux, die Nächte vor dem ausgesetzten Allerheiligsten.

Bei dieser Menschenmenge entstand bei der Abfahrt ein großes Gedränge. Als sie stürzte, kam ihr ein französischer Priester zu Hilfe und fragte nach ihrem Ziel. Er verstand so viel, dass sie nach Lourdes wollte. Daraufhin nahm er ihre Koffer und begleitete sie bis Paris. Dort angekommen, fuhr er mit ihr in aller Eile auf den Montmartre, um ihr die Sühne­kirche Sacré Coeur zu zeigen, dann zur Rue du Bac, zur Stätte, wo die Unbefleckte Empfängnis 1830 der Katharina Labouré erschienen ist. Es waren nur kurze Besuche, aber sie müssen einen prägenden Eindruck in Antonies Seele hinterlassen haben. Am Ende mussten sie sich beeilen. Der Priester schob den Koffer in den Zug und verschwand. Es war Samstag. Der Zug rollte in Richtung Lourdes. Die Hilfsbereitschaft, die sie in den letzten Tagen erfahren hatte, schrieb sie dem hl. Josef zu, um dessen Hilfe sie am Anfang gebeten hatte.

Lourdes und Ars

In Lourdes traf sie in der Frühe ein. Ihre ersten Schritte führten sie zur Grotte, wo sie der hl. Messe beiwohnen konn­te. Zwei Wochen blieb sie und lebte nur von Brot und Wasser. Die Nächte durchwachte sie an der Grotte, und wenn diese geräumt wurde, betete sie auf dem Berg den Kreuzweg. Um 5 Uhr nahm sie an der ersten hl. Messe teil. Jeden Tag badete sie im kalten Lourdeswasser. Dadurch fiel alle Müdigkeit von ihr ab. Obwohl der berühmte Wallfahrtsort Hauptziel ihrer Reise war, hat sie relativ wenig über ihre Tage dort berichtet. Es waren Tage der Askese, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hunderts zu einem Fremdwort in der Kirche werden sollte. Wohlbefinden ist gefragt, nicht Askese. Aber große Lebenswe­ge führen immer über die Selbstabtötung. Erst wenn der Leib sich dem Geist ganz unterordnet, kann die Mission des Aus­erwählten ausstrahlen und Früchte tragen. Als sie die Heim­reise antreten wollte, hörte sie eine innere Stimme sagen: „Du bist für die Priester gekommen und gehst jetzt zuerst nach Ars!“

Keineswegs begeistert bestieg sie den Zug nach Lyon. Dort angekommen, stand sie hilflos auf dem Bahnsteig. Man ver­wies sie an einen Bahnbeamten, der nahm ihr Gepäck, steu­erte auf einen Zug zu, schob sie und den Koffer hinein und schlug die Türe zu. Bei der Fahrkartenkontrolle gab sie zu ver­stehen, dass sie nach Ars wolle. Man versuchte ihr zu erläutern, dass sie offensichtlich den falschen Zug erwischt habe. Da griff ein Mitreisender ein, der sich auskannte, nannte die Station, an der sie aussteigen musste, dann gab er ihr einen Zettel mit dem Hinweis, wohin sie wolle, und als er hörte, dass sie kein Geld habe, fügte er noch ein Geldstück hinzu. Der Anschlusszug an der genannten Station wartete bereits. Sicher landete sie in Ars.

Das Geld, das sie bei sich hatte, reichte gerade noch für drei Kerzen. Sie gab es dem Küster. Eine Verständigung war nicht möglich, aber er begriff, was Antonie wollte, öffnete den Schrein mit dem unverwesten Körper des heiligen Priesters, so dass sie eine lange Bittschrift unter sein Kopfkissen schie­ben konnte. Dann betete sie lange und innig um heiligmäßige Priester. Schließlich kam sie mit einem kanadischen Geistli­chen ins Gespräch, der sie anschließend nach Lyon begleiten konnte.

Askese und Sühne

Man staunt, wie lückenlos die Reihe der Menschen war, die stets auftauchten, wenn sie Hilfe brauchte. So war es auch in Lyon. Auf der Brust trug sie eine Medaille vom Eucharisti­schen Kongress in Lisieux. Eine Dame bemerkte es und sprach sie an. Auch sie eine Pilgerin zur hl. Thérèse. Sie nahm An­tonie unter den Arm, führte sie ins Restaurant und bezahl­te ihr ein gutes Abendessen. Gestärkt konnte sie den Zug in Richtung Basel besteigen.

Vor der Grenze stieg sie in St. Louis aus. Sie hatte 20 Liter Lourdeswasser bei sich. Damit konnte sie kaum über Wiesen und Felder marschieren. Deshalb versuchte sie den Übergang an der Zollstation. Ohne Pass ein schwieriges Unterfangen.

Zur Rettung wurde für sie das viele Wasser aus Lourdes. Man hielt sie für eine Spinnerin und ließ sie durch, auch auf der Seite der Schweiz.

In Basel steuerte sie auf die Heilig-Geist-Kirche zu, stieß dort während der hl. Messe auf eine Schwester Luise, die sie kannte. Diese nahm sie auf die Krankenstation mit und fragte sie über alles aus. Dabei kam sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie lud die ermüdete Pilgerin zum Mittagessen ein, zwang sie, sich auszuschlafen, danach schenkte sie ihr das Geld für die Heimfahrt. Daheim wurde sie allerdings mit bitters­ten Vorwürfen empfangen, als Landstreicherin bezeichnet, aber man freute sich doch, sie wieder bei sich zu haben, nach­dem man Todesängste über ihr langes Fortbleiben ausgestan­den hatte.

Worin lag der tiefere Sinn dieser Reise, die scheinbar vol­ler Ungereimtheiten schien, auf der Antonie dennoch wichti­ge Stationen hinter sich gebracht hatte. Es war immerhin eine schwierige Zeit, der blutige Zweite Weltkrieg hing in der Luft, eine verhängnisvolle Ideologie zog immer mehr Massen in ih­ren Bann. Und ausgerechnet in dieser Zeit wird die Frau aus Wigratzbad nach Lisieux geführt. Die kleine Thérèse (1873 – ­1897) steht für die große Bedeutung des Individuums, für den Gedanken der Sühne, des Gebetes für andere. Johannes Paul II. hat sie 1997 zur Kirchenlehrerin erklärt. Eine blutjunge, 24­jährige Frau als Kirchenlehrerin! Nicht das irdisch Große ist es, was zählt, sondern das Kleine, über das Kleine setzt Gott das Neue in Bewegung. Das muss Antonie in Lisieux bewusst geworden sein.

In Paris führt sie ein unbekannter Geistlicher zur Sühne­kirche auf den Montmartre. Dass in Wigratzbad auch einmal ein Sühneheiligtum entstehen würde, davon wagte sie damals sicherlich nicht einmal zu träumen. Aber sie wurde vom Himmel bereits darauf vorbereitet. In der Rue du Bac hat Maria begonnen, in die neuzeitliche Geschichte der Menschen ein­zugreifen, nachdem diese im Begriff waren, einen verhäng­nisvollen Weg einzuschlagen, den Weg der Selbstvergottung. Und Antonie war vom Himmel in dieser Auseinandersetzung mit den Verirrungen der Zeit eine Rolle zugedacht. Die Tage in Lourdes waren Tage der Askese, der härtesten Läuterung. Und in Ars wurde ihr abermals vor Augen geführt, dass es ein unscheinbarer, vollkommen missverstandener und falsch eingeschätzter Priester war, der durch seinen tiefen, vorbehalt­losen Glauben Menschen von weit her anzog und zum Vor­bild für neue Priestergenerationen geworden ist. Das Kleine und Unscheinbare, das sind die Trumpfkarten Gottes.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel I

Sternstunde

 

Ungewöhnliche Begegnung

Es gibt im Leben eines jeden verantwortungsbewussten Journalisten Begegnungen, Ereignisse, die er erlebt, Berichte, die er schreibt, von denen er im Nachhinein sagen kann, dass es für ihn eine Sternstunde war. Persönlich habe ich Gelegen­heit gehabt, Bundespräsidenten, Bundeskanzler, Minister, Po­litiker aller Couleur, Wissenschaftler und Künstler jedweden Grades zu befragen.

Vier Tage vor dem berüchtigten 11. September 2001 haben sich bei einer Begegnung mit dem US-Armeeminister Thomas White in Fulda die Rollen auf seltsame Weise verkehrt. Ich war nicht, wie für einen Journalisten üblich, Fragender, sondern plötzlich Warnender geworden. Auf rätselhafte Weise konnte ich ihm den Terroranschlag auf Washington und New York ankündigen, die Gruppe benennen und das Land, von dem der Angriff ausgehen würde, und die neuartige Art der Waffe, die zum Einsatz kommen könnte. Meine Frage, ob sein Land darauf vorbereitet sei, beantwortete der Minister positiv und nannte es die asymmetrischen Gefahren. Aber es zeigte sich, die Supermacht Amerika war keineswegs vorbereitet.

Als mich jemand, der bei dem Gespräch dabei war, am 11. September am Vormittag anrief und empfahl, den Fernsehsen­der einzuschalten, war ich selber tief betroffen. Meine Ankün­digung gegenüber der US-Administration war überraschend schnell bittere Wirklichkeit geworden. Für die Weltmacht USA war es ein Schock. Für den Journalisten wurde diese Vorah­nung zu einer Sternstunde.

Mehr als zwanzig Jahre vorher, im September 1977 hatte Dr. Josef Stimpfle, seit 1963 Bischof von Augsburg, einflussreiche Persönlichkeiten zu einem Kongress nach Ottobeuren einge­laden, um der damals sich abzeichnenden Europamüdigkeit zu begegnen. Das weckte meine publizistische Neugier. Keine po­litische Partei, ein Oberhirte war es, der dem Gedanken an die Einheit Europas neue Impulse geben wollte. Deshalb bat ich ihn als leitender politischer Redakteur der „Esslinger Zeitung“ im März 1978 um ein Gespräch, um ihn zu seinen Motiven für diese Initiative zu befragen. Es wurde für den leidenschaftlich engagierten Publizisten eine ganz ungewöhnliche Begegnung, denn aus diesem Pressegespräch entwickelte sich eine per­sönliche Freundschaft, die bis zu seinem Tode anhielt.

Zu jener Zeit, als in Ottobeuren der Europakongress ab­lief, hatten meine Frau und ich aus Indien gerade unsere erste indische Tochter geholt und waren im Begriff, eine zweite und dritte hinzuzufügen. Wir hatten uns etwas dabei gedacht, als wir uns entschlossen, gerade indischen Mädchen ein Zuhau­se zu geben, Geborgenheit und Liebe, und ihnen ihre Iden­tität zu bewahren, ja zu pflegen.

1964 hatte ich mit einem kleinen Filmteam die Reise Pauls VI. zum Eucharistischen Kongress nach Bombay begleitet, der ersten Reise eines Papstes nach Übersee. Das Team nahm die Gelegenheit wahr, am Rande auch andere Eindrücke zu sam­meln, die ansonsten Kameraleuten kaum zugänglich waren. Dabei waren unserem Wagen eines Tages drei hungernde Kin­der nachgelaufen. Ich konnte ihre Gesichter nie vergessen. Sie verfolgten mich bis in die Träume hinein und wurden drei­zehn Jahre später zum Anstoß, drei Kinder aus diesem Lande zu adoptieren und ihnen ein Familienleben zu schenken.

Diese Haltung berührte den Bischof sehr. Sie bildete eine ge­meinsame Basis, auf der wir uns verstanden. Unseren Haupt­wohnsitz hatten wir in Fulda. Das nahm der Oberhirte wahr, um uns am Rande der Fuldaer Bischofskonferenz jedes Jahr zu besuchen und dabei das Wachstum der Mädchen zu verfolgen. Das tat er sogar noch nach seinem Rückzug in den Ruhestand.

Prophetische Mahnung

In dem umfangreichen Interview, das der Bischof mir sei­nerzeit gab, meinte er zur Situation unseres Kontinentes, die entscheidende Ursache für die gegenwärtige Krise Europas bestehe im Verlust seiner geistig-sittlichen Identität. Zu den Wurzeln des europäischen Selbstverständnisses gehöre vor al­lem der christliche Glaube, der allein eine umfassende, trag­fähige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Welt sowie deren Gestaltung geben könne.

Zu den wichtigsten Diensten, die das Abendland gegen­über der ganzen Welt geleistet habe, gehöre die Einsicht in das Wesen des Menschen, seine ursprünglichen Rechte, seine ihm von Gott geschenkte Freiheit und Verantwortung. Wegen dieser Personalität sei der Mensch „Ursprung, Träger und Ziel des gesellschaftlichen Lebens“. Kurz danach machte der neu gewählte amerikanische Präsident Jimmy Carter (1977-1981) in seiner Außenpolitik die Einhaltung der Menschenrechte zum Maßstab. Ein Hinweis, wie überreif dieses Problem ge­worden war, dem der Bischof von Augsburg einen Kongress gewidmet hatte.

Die Anfälligkeit junger Menschen für kollektive Leitbilder sei größtenteils – so meinte Dr. J. Stimpfle – eine Reaktion auf eine übertriebene Ichbezogenheit. Und diese habe ihre Wurzeln in der neuzeitlichen Forderung nach einer möglichst absoluten Unabhängigkeit für die Person. Dabei würden die Beziehungen zu und die Verantwortung für die Mitmenschen verkümmern.

Das ganze Interview war eine prophetische Mahnung, die sich heute mehr und mehr bestätigt. Es wurde später, zum 25. Bischofsjubiläum Stimpfles, in dem umfangreichen Band „Im Dienst am Evangelium“ übernommen.

In diesem befindet sich auch ein Kapitel zur Krise des Mari­anischen in der Gegenwart. „Die Erwartungen, die das Konzil mit dem marianischen Kapitel in der ,Dogmatischen Konstitu­tion über die Kirche‘ verband“, meinte der Augsburger Bischof, „haben sich nicht in befriedigender Weise erfüllt. Neben der Rücksicht auf das ökumenische Gespräch kamen Tendenzen zum Durchbruch, die nicht durchwegs mit dem katholischen Glaubensgut und einer gesunden Überlieferung in Überein­stimmung stehen, wie etwa die radikale Entmythologisierung des Neuen Testamentes und neuere Theorien über die Erbsün­de und die Auferstehung der Toten. Dabei sind die Glaubens­wahrheiten über Maria mitbetroffen, ja zum Teil restlos in Fra­ge gestellt. Es muss darauf hingewiesen werden, dass die ge­nannten Tendenzen und Theorien auch die Verehrung der Got­tesmutter in Glaube und Frömmigkeit bedrohen, denn in der sog. ,Zweiten Aufklärung‘ werden heutzutage nicht nur die Ge­lehrtenstuben, sondern mittels der Massenmedien auch das kleinste Dorf und jedes Haus von den Neuerungen erfasst.“

Die Sichtweise zu beiden Themen, einmal zu den christli­chen Wurzeln der Menschenrechte, wie sie zunehmend in der Politik herausgestellt werden und an Bedeutung gewinnen, und zum anderen das Gewicht der Lehre über Maria für den geistigen Fortschritt der Menschheit erklären die innere An­teilnahme Stimpfles an den Ereignissen in Wigratzbad zwi­schen den beiden Weltkriegen und danach. Verständlich, dass die Gespräche mit dem Bischof in unserem Hause sich oft um diese Problematik bewegten, insbesondere nachdem meine Bücher über den prophetischen Aufbruch von Medjugorje er­schienen waren, die er sorgfältig studiert hatte. Gelegentlich erwähnte er dabei Wigratzbad und die dortige Charismati­kerin Antonie Rädler. Er habe darüber auch vor Bischöfen in Rom gesprochen.

Begeistert verfolgte er den Werdegang unserer indischen Töchter, die bemüht waren, ihn jedes Mal zu überraschen. Einmal empfing ihn die jüngste Tochter, von der ältesten, die ein humanistisches Gymnasium besuchte, eingeübt, mit den ersten Versen des Prologs des Johannesevangeliums in Grie­chisch: „En arche en ho logos …“ (Am Anfang war das Wort …). Als sie mit ihren Zeilen zu Ende war, griff er die Stelle auf und führte den Text lückenlos auswendig zu Ende.

Ein anderes Mal rezitierte eine Tochter für ihn das Gedicht des großen Mystikers Johannes vom Kreuz „Das Lied der Lie­be“: „Wohin – Geliebter schwangst du? – Verlassen hab ich Seufzer nur gefunden. – Gleich einem Hirsch entsprangst du – und durftest mich verwunden, ich drang dir nach, ich rief – du bliebst entschwunden.“ Dies alles blieb nicht ohne tie­fen Eindruck auf ihn.

Dringende Bitte

Dennoch war ich überrascht, als er mich einige Monate vor seinem Tode schriftlich dringend bat, mich in besonderer Wei­se der Geschichte und Berufung von Wigratzbad zuzuwen­den und darüber ein Buch zu verfassen. Er glaube, so hieß es, meine literarische Art und die Richtung meines Denkens wür­den mich den Geist der Stätte erfassen lassen. Er lud mich nach Augsburg ein, um den Plan ausführlich zu besprechen. Beim Mittagessen wiederholte er noch einmal dieses sein Her­zensanliegen, dabei begannen ihm die Hände zu zittern, so sehr, dass ich erschrocken meine Hand beruhigend auf sei­nen Arm legen musste.

In diesem Augenblick hatte ich den Eindruck, dass er ins­geheim befürchtete, ich würde die Dringlichkeit seines Anliegens nicht ganz erfassen, weil ich zu sehr auf die Botschaf­ten von Medjugorje eingeschworen war. Er versprach, mich persönlich zur Gebetsstätte zu begleiten und mich in alles einzuführen. Leider kam es nicht mehr dazu. Vierzehn Tage später erlitt er in der Schweiz einen Schlaganfall und verstarb plötzlich. Erschüttert fragte ich bei seiner Schwester an, ob sie irgendwelche Unterlagen habe, aber in der Trauer um den Tod ihres Bruders ließ sie nichts von sich hören.

Nach vielen Jahren traf ich – scheinbar zufällig – Pfarrer Erich Maria Fink, einen der Herausgeber der Monatsschrift „KIRCHE heute“ und Seelsorger in Russland. Er versuchte mich ebenfalls für Wigratzbad zu interessieren. Dabei kam so ganz nebenbei das Vermächtnis des verstorbenen Bischofs von Augsburg zur Sprache. Von nun an ließ mich das Anliegen nicht mehr los. Der verstorbene, ganz ungewöhnliche Ober­hirte besaß ein feines Gespür für die Bedeutung des Charis­mas in unserer Zeit. Kaum im Amt, versagte er Antonie Rädler, der Begründerin der Stätte, nach eingehender Prüfung sei­ne Unterstützung nicht, was ihm bei der Zurückhaltung, ja Ab­lehnung seiner beiden Vorgänger und eines Teiles der Geist­lichkeit nicht wenig Mut abforderte. Offensichtlich war hier ein großes Charisma einem anderen großen begegnet.

Im Laufe des Jahres 2007 erreichte mich die Einladung von Thomas Maria Rimmel, Direktor der Gebetsstätte, auf dem Rosenkranzkongress 2008 in Wigratzbad ein paar Referate unter dem Titel „Mit Maria gegen die Irrlehren der Zeit“ zu übernehmen. Eine geistige Welt, die mich seit mehreren Jahr­zehnten beschäftigte.

Dem vorausgegangen war, dass bei mir im Jahre 2005 ein verschleppter bösartiger Blutkrebs festgestellt wurde. Die Ärz­te, allen voran Prof. H.G. Höffkes vom Klinikum in Fulda, machten mir gegenüber kein Geheimnis aus dem ernsten Zustand. Mit anderen Worten, ich stand an der Schwelle zur Ewigkeit, was mich, als es mir voll bewusst wurde, mit tiefer Freude erfüllte. Dieser Freude machte einige Wochen später eine Spontanheilung einen Strich durch die Rechnung. Sie ging auf den berühmten Ort Medjugorje in der Herzegowina zurück, den Menschen aus der ganzen Welt aufsuchen, aber auch viele – selbst in der Kirche – unversöhnlich ablehnen. Um meine Gesundung hatten dort Menschen gebetet. Inzwi­schen lag über die Heilung auch das von mir verfasste Buch vor, unter dem Titel „Jenseits des Scheins“.

In Wigratzbad sollte ich meine Gesundung vom Blutkrebs in einem weiteren Licht sehen, einige Tage den Puls dieses vom Gebet geprägten Ortes erleben. Alles seelische und kör­perliche Leid dieser Erde schien hier – wie in Lourdes – zu­sammenzukommen, sich mit den Strömen von Schmerz an­derer Länder zu vereinen. Auch mit der Architektur des Got­teshauses musste man erst vertraut werden, ihren Geist er­gründen, die Dimension ihrer Aussage erfassen.

Tiefster Sinn des Kreuzes

Beklommen betrat ich das Gotteshaus und kniete vor dem Allerheiligsten nieder. Dahinter ein gewaltiges Kreuz, von dem mein Blick sich nicht lösen konnte. Bischof Stimpfle hatte ver­sprochen, an meiner Seite zu sein, wenn ich den Fuß über die Schwelle dieser Kirche setzen sollte. Nun war ich allein, al­lein mit einer mir auferlegten schweren Bürde. Sein Nachfol­ger im Amt, Dr. Walter Mixa, einer der furchtlosen Mahner unter den Oberhirten Deutschlands, hatte mich ermuntert, die Arbeit in Angriff zu nehmen, als er erfuhr, auf wen diese Ini­tiative zurückging. Das konnte ein Gefühl innerer Verlassenheit nicht aufheben. Warum hat dieser große Oberhirte mich allein gelassen bei einer Aufgabe, die ihm so dringend am Her­zen lag? Diese Frage bohrte in mir. Dennoch war mir, als wür­de der verstorbene Bischof mir jetzt über die Schulter schauen und sagen: „Lange haben wir auf dich gewartet, endlich bist du da, aber wir sind mit dir, du bist keineswegs allein“.

Draußen war die Nacht hereingebrochen, es wurde kühl. Drinnen beteten Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Hier und da konnte man sogar ein bekanntes Gesicht erken­nen, von weither gekommen. Jeder einer geheimnisvollen Stimme folgend. Was ich nicht ahnen konnte war, unter wel­chen schmerzdurchtränkten Begleitumständen ich meine Ar­beit durchführen sollte. Die Kirche war dem Gedanken der Sühne gewidmet, das ließ einiges erahnen, auch für mich. Ich wusste es von meinen anderen Büchern her. Sühne, ein unter den sich modern wähnenden Menschen unbeliebt geworde­nes Wort. Sühne, ein Akt, ohne den die Beziehungen zwi­schen Gott und den mit Schuld beladenen Menschen ein aussichtsloses Unterfangen bleiben müssten. Sühne, die es für die Menschheit, vor allem aber für die Kirche Jesu, neu zu entdecken gilt.

Es war eine Frau, auf die dieser Impuls zurückging. Es ist nicht das Große, das Eindrucksvolle, bei dem Gott ansetzt, sondern das Kleine, das Unscheinbare, von nichts anderem geführt als von der Gnade allein. Und diese unscheinbare Frau hat einen der gewaltigsten Gedanken in den Beziehungen zwi­schen Gott und den Menschen aufgegriffen, den Gedanken der Sühne, der im 20. Jahrhundert immer mehr und immer unverhohlener verdrängt und gar verhöhnt wird. Der sühnen­de Gott am Kreuze, Ausdruck unfassbarer Liebe, ist für viele sich selbst anbetende Menschen – und oft auch für Christen – unverständlich, ja geradezu eine Peinlichkeit geworden.

Aber Sühne ist die Wiederherstellung des Gleichgewichtes im Kosmos. Schon im sichtbaren Universum erkennen wir die Bedeutung des Gleichgewichtes, durch das ein gewaltiges Universum nicht im Chaos versinkt, sondern eine wunderbare Ausgewogenheit aufweist, die immer mehr aufrichtige Natur­wissenschaftler in Staunen versetzt. Diesen komplexen, sen­siblen Aufbau des Kosmos hat der Architekt Professor Gott­fried Böhm – bewusst oder unbewusst – in der Struktur des Gotteshauses von Wigratzbad wiedergeben wollen, in der nun schon seit Jahrzehnten Sühne geleistet wird für die gestörte Ordnung in der Welt des Menschen, in der Welt des Geistes.

Vergleichbares gilt für die für uns unsichtbare Welt jenseits der Materie. Luzifer, der Engel des Lichtes, ein großer Intellekt, lehnte sich einst gegen Gott auf, wollte es besser wissen als sein Schöpfer, versagte Ihm mit seinem „Non serviam“, „Ich werde nicht dienen“, die Gefolgschaft. Aber Michael, der Erzengel, stellte sich der Auflehnung entgegen und somit das Gleich­gewicht wieder her. „Keiner kann sein wie Gott!“ schleuderte er dem rebellierenden Engel entgegen und stürzte ihn in den Abgrund der Hölle, das heißt in die ewige Gottferne, ausge­schlossen vom Mitwirken am Heilswillen Gottes gegenüber der Schöpfung, in ewiger Selbstentfremdung von der Liebe.

Papst Benedikt XVI. hat am 12. September 2008 in Paris, auf seinem Weg nach Lourdes, in einer Ansprache einen fein­sinnigen Vergleich unserer Zeit mit den Zuständen im grie­chischen Korinth der Antike zur Zeit des Apostels Paulus ge­wagt, einer Stadt, die von moralischer Verkommenheit und materialistischem Sumpf geprägt war.

Es dürfte daher nicht abwegig sein, den Hochmut, die Selbstsicherheit unserer Zeit mit der großen Auseinanderset­zung unter den größten Geistern vor dem Angesichte Gottes zu vergleichen. Wer Ohren hat zu hören, dem wird in seiner Umgebung oft das „Non serviam“, das „Ich werde nicht die­nen“, das „Ohne mich“ gegenüber Gott, im Ohr klingen, fein und zart oder offen und brutal, zynisch bis zur Unerträglich­keit. Nicht nur bei sehr gebildeten Gehirnen, sondern über­raschenderweise bei ganz einfachen Gemütern.

Antonie Rädler, der jungen, einsamen Frau aus Wigratz­bad, ging es nicht, das schält sich bei eingehendem Studium ihres Lebens heraus, um neue Formen der Frömmigkeit, nicht einmal um Wiederbelebung vergessener Kulte. Sie hatte in­stinktiv, oder von der Gnade her erleuchtet, eine ganzheitliche Sicht der Dinge. Es ging um den Sieg der „demütigen Magd“, Mariens, über alle geistige Unordnung, über alle Häresien, über alle ideologischen Verirrungen der Gegenwart.

Aber im Gegensatz zum säkularen Denken gibt es im über­natürlichen Bereich keinen Sieg ohne Sühne. Das hat Maria bei allen Erscheinungen klargestellt, von der Rue du Bac über Lourdes und Fatima. Siegen im diesseitigen Denken heißt niederringen, in der Mentalität des Jenseits „sich hingeben“, „sich aufopfern“. Darin liegt der tiefste Sinn des Kreuzes, der Sieg des Kreuzes, der Sieg der Liebe.

Noch am Anfang der 70er Jahre glaubte ein hoher Wür­denträger, es handle sich bei der Charismatikerin Antonie um „Befriedigung ungesunder religiöser Bedürfnisse“. Aber reli­giöse Überspanntheit ist leicht daran zu erkennen, dass ein Hysteriker große Opfer scheut. In Wigratzbad haben wir es dagegen mit einem Opfergeist über mehrere Jahrzehnte zu tun, der tief beeindruckt. Wer war dieser Mensch, dieses Mäd­chen, diese Frau, der die Gnade zuteil wurde, ein Gespür für das Wesentliche der Entfremdung des Menschen von Gott in unserer Zeit zu entwickeln? Dem soll in dieser Arbeit nach­gegangen werden.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel II

Unerwünscht

Schlüsselerlebnis

Antonie kam am 15. Dezember 1899 zur Welt, an der Schwelle eines Jahrhunderts, das zu einem blutgetränkten wer­den sollte, ein Jahrhundert des Völkermordes, der Vertreibun­gen, der Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und des Versuchs, die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte um viele Jahrtausende zurückzudrehen.

Sie kam als unerwünschtes Kind zur Welt, genauer gesagt als unerwünschtes Mädchen. Drei Kinder waren den Eltern bereits geschenkt worden, zwei Mädchen und ein Junge. Nun hatte sich Mutter Rädler einen Sohn gewünscht, mit dem sie besondere Vorstellungen verband. Sie hatte darum gebetet, er möge einmal zum Priester berufen werden. Es dauerte lange, bis sie sich damit abgefunden hatte, dass es eine Tochter gewor­den war. Aber gerade das sollte einmal zum Zeichen werden.

Dabei dürfte man annehmen, dass ein tiefreligiöses Ehe­paar, und das waren Andreas (1869-1946) und Maria Rädler (1869-1950), davor bewahrt würden, eigene Wunschvorstel­lungen mit den Dimensionen Gottes zu verwechseln. Auch ganz lautere Seelen sind zuweilen nicht davor gefeit, mehr auf eigene Ideale als auf Gottes Visionen zu setzen. Ihr Bund fürs Leben, den sie am 25. Oktober 1889 schlossen, war auf Rat eines alten, frommen Priesters in Mywiler zustande gekom­men. Er hatte dem Mädchen Maria den jungen Andreas als Mann empfohlen. Gott pflegt manche Lebenswege bis ins De­tail hinein lange vorher zu ebnen und zu lenken.

Der andersgeschlechtliche Elternteil hat einen stark prägen­den, besonderen Einfluss auf das Kind. Das weiß man heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass der Vater von Antonie ein unerschütterliches Gottvertrauen besaß, was ein Ereignis bei der Geburt des sechsten Kindes beleuchtet.

Maria Rädler erkrankte an Kindbettfieber. Ein halbes Jahr quälte sie sich trotz guter Pflege dahin, magerte zum Skelett ab. An einem Samstag hörte dann das Herz plötzlich auf zu schlagen.

Erschrocken stürzte die Krankenschwester in den Metzger­laden, um den Mann zu holen: „Sie ist gestorben, es ist so schnell gegangen!“ Der Mann rannte sofort die Treppe hinauf, aber nicht ans Krankenlager der Frau, sondern in das Schlaf­zimmer des Paares. Dort stand ein Hochzeitsgeschenk der El­tern, eine Lourdesgrotte, vor der sie jeden Abend gebetet ha­ben. Vor dieser warf er sich auf die Knie und begann zu beten. Es war mehr ein Aufschrei zum Himmel als ein Gebet:

„Liebe Mutter Gottes! Hilf! Du hast noch immer geholfen. Du bist allmächtig mit deiner Fürbitte. Wir haben dich immer verehrt. So viele Rosenkränze haben wir gebetet. Das kannst du uns nicht antun, du darfst den Kindern die Mutter nicht nehmen. Du hast ein Kind gehabt. Ich habe sechs. Ruf die Mutter zum Leben zurück! Gib mir ein Zeichen der Erhö­rung. Ich stehe nicht auf, bis du es mir gegeben hast!“

Und da geschah das Unglaubliche. Die Statue in der Grotte erhob ihr Haupt und senkte es zustimmend nieder. Wie immer es gewesen sein mag, noch Jahre danach konnte der nüchter­ne Mann jedenfalls darüber nur unter Tränen berichten.

Erst dann ging er ins Krankenzimmer, ergriff die schon starren Hände der Frau, schüttelte sie zum Entsetzen der Pflegerin und befahl: „Mama, wach auf!“ Alle Kinder standen herum und beobachteten erschüttert, was vor sich ging. Da öffnete die scheinbar oder wirklich Tote die Augen, schaute umher und hauchte: „Hunger!“ Der Ehemann holte eiligst eine Flasche lauwarmer Milch, schob der Frau mit Mühe den Strohhalm zwischen die schon erstarrten Lippen. Sie saugte, trank, trank die Flasche leer.

In diesem Augenblick betrat der Arzt das Haus. Als er hörte, was genau abgelaufen war, meinte er: „So etwas ist nur in Ih­rem Hause möglich!“ Und beide Männer, Arzt und Ehe­mann, sanken weinend vor der Gottesmutter in die Knie.

Antonie war damals drei Jahre jung. Ein sehr aufgeweck­tes, intelligentes Kind. Sie hatte alles verfolgt. Der Vorfall muss in der sensiblen Kinderseele einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das scheinbare Ableben der Mutter, die Reaktion des Vaters, sein fast beispielloses Gott­vertrauen, die rätselhafte Genesung der Mutter blieben als Ur-, als Grunderlebnisse in ihrer Psyche zurück. Ein frühes Schlüsselerlebnis, das seinen Niederschlag im Leben des spä­teren Mädchens, dann der jungen und schließlich der reifen Frau finden sollte.

Das eher schüchterne Kind zeigte einen besonderen Hang zum Gebet. Mit dem Eintritt ins Schulalter verriet es ein auf­fälliges Organisationstalent. Der mühsame Alltag fing für alle Kinder damals mit dem langen Schulweg an, vorher der Be­such der hl. Messe. Antonie wurde bald Klassenbeste, sonnte sich jedoch nicht in dieser Stellung, sondern versuchte Schwä­cheren zu helfen, oft eine Gelegenheit, die ihr dazu diente, an­dere zum gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes einzuladen.

In der vierten Klasse traf sie ein erstes persönliches Un­glück. In der Pause stürzte sie beim Spiel kopfüber aus dem ersten Stock und blieb bewusstlos liegen. Erst nach drei Ta­gen kehrte das Bewusstsein zurück. Der Vorfall bewirkte je­doch, dass das Kind innerlicher und stiller wurde.

Wenig spürbare Liebe erhielt Antonie von der eigenen Mut­ter, im Gegenteil, diese behandelte das Mädchen besonders hart, konnte ihr wohl nicht verzeihen, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen war und nicht als der erwünschte Junge. Als sie eines Tages einen Fleißzettel nach Hause brachte, bemerkte die Mutter missachtend: „Das ist nichts Beson­deres. Das bekommen andere auch.“ Viel Vertrauen ging da­durch bei dem enttäuschten Kind gegenüber der eigenen Mut­ter verloren. Instinktiv wandte es sich einer anderen zu, der Mutter des Herrn, und lud ihre Enttäuschungen bei ihr ab, teilte aber auch alle Freuden mit ihr.

Mit fünfzehn Jahren schickten die Eltern sie in eine Haus­haltsschule der Franziskanerinnen in Bonlanden. Dort wurde die Aufnahme in die Marianische Jungfrauenkongregation für das Mädchen zu einem einschneidenden Erlebnis, es war eine Lebensweihe an Maria: „Ich wurde innerlich von einer solchen Freude und Glückseligkeit erfüllt“, berichtete sie später, „nun Maria zur Mutter zu haben, dass ich den ganzen Tag vor lau­ter Freude weinte.“ Täglich ging sie zur hl. Kommunion.

Nach der Internatszeit kehrte sie ins Elternhaus zurück. Es war mitten im Ersten Weltkrieg, überall galt es zuzupacken, im Hause, im Geschäft, in der Metzgerei, selbst zum Einkauf von Vieh wurde sie herangezogen. Materielle Sorgen drohten Antonie zu vereinnahmen.

„Komm und diene mir!“

1918 schwiegen schließlich die Kanonen, die so viele Men­schenleben gefordert hatten. Niemand ahnte, dass sie nur noch größere Leiden eingeläutet hatten, die den ganzen Erdball überziehen sollten. Zunächst suchte die Spanische Grippe den ganzen Kontinent heim und raffte weitere Millionen Men­schen hinweg. Auch das Haus Rädler blieb davon nicht ver­schont. Antonie pflegte alle mit großer Hingabe, bis auch sie sich ansteckte. Aus dieser Zeit, es war Dezember 1919, be­richtete sie später von einem merkwürdigen Todeserlebnis.

Nach einer Operation an der Brust krampfte sich die Lun­ge zusammen. Das Gehör wurde schwach, das Augenlicht schwand. An einem Nachmittag hatte sie den Eindruck, der Tod betrete das Zimmer, nähere sich ihrem Bett und sage zu ihr: „Geh mit!“ Zwei Schwestern wachten an ihrer Seite und wischten ihr den Todesschweiß von der Stirn.

Spät nach Mitternacht sah sie plötzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vom Erwachen der Vernunft in der Kindheit bis zu diesem Augenblick. Sie sah alles Gute, das sie hat tun dürfen, aber auch alle Sünden, jedes Fehlverhalten. Sie durfte das Leiden Christi sehen, den Schmerz für jeden einzelnen Menschen, für jedes Mitglied des ganzen Menschengeschlech­tes. Das bewegte sie zu einer solch tiefen Reue, dass sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen. Als Trost erkannte sie aber auch alle Akte guten Willens, zu denen sie sich je durchgerungen hatte, und darü­ber empfand sie eine große Freude. Eine glühende Liebe er­fasste sie, ein brennendes Verlangen durchdrang ihre Seele, ganz Jesus zu gehören, ihre Seele ganz in ihn zu versenken. Das Glück über diese Liebe war wie ein Magnet, der sie ganz in das Herz Gottes hineinzog. Sie dachte nur noch daran, Ihn zu besitzen, und wollte nicht mehr in das Leben zurückkeh­ren. In der Frühe wachte sie auf, konnte plötzlich wieder se­hen und hören.

Aber das Leiden blieb. Eine Komplikation folgte der ande­ren: eitrige Hirnhautentzündung, Drüsenschwellungen, Was­sersucht, Lungenentzündung und Nierenblutungen. Die El­tern schleppten sie von einem Spezialisten zum anderen – bis nach Augsburg und München, opferten ein Vermögen. Erst versuchten zwei Ärzte im nahe gelegenen Bregenz ihr zu hel­fen, bis sie resignierten: „Es ist zu spät. Das Mädchen ist verlo­ren.“ Am Ende kam sie nach Wörishofen. Nach drei Monaten erklärte der behandelnde Arzt Dr. Schaller: „Hier ist die ärztli­che Kunst am Ende. Hier gibt es keine Rettung mehr. Ich gebe dem Mädchen im besten Fall noch ein paar Tage.“ Antonie bat die Eltern, sie heim zu nehmen, sie wolle zu Hause sterben. Der Körper war voll Wasser, die Nieren vereitert, Erstickungs­anfälle häuften sich, nur mühsam konnte sie kurze Atemzüge am offenen Fenster machen. Sie ertrug alles mit großer Ge­duld, als Sühne für die Sünden des eignen Lebens und anderer.

Da trat eines Tages eine überraschende Wende ein. Es war gegen Abend. Antonie wandte sich im Gebet an die Gottes­mutter, wohl ein letzter Versuch, eine klärende Antwort von oben zu bekommen: „Liebe himmlische Mutter! Wie freue ich mich, Jesus und dich bald sehen zu dürfen. Wenn du mich aber noch brauchen willst auf Erden, wenn ich hier noch et­was tun kann zu deiner Ehre, so stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Ich werde nicht heiraten. Mein Leben soll einzig Jesus und dir geweiht sein.“

Dieses Gebet verrät – zum Beispiel die Freude auf die bal­dige Anschauung Gottes – bereits mystische Reife. Auf der­selben Linie liegt ihr Angebot der totalen, exklusiven Hingabe an Jesus und seine Mutter. Und die Antwort blieb nicht aus. In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“ Eine wunderbare Kraft durchströmte den ganzen zermarter­ten Körper und heilte ihn. Antonie schlief ein. Es war der erste tiefe Schlaf nach Jahren. Am Morgen stand sie gesund auf und verlangte ihre Arbeitskleider. „Ich bin gesund“, sagte sie. „Gebt mir zu essen, ich habe einen riesigen Hunger.“ Und dann nahm sie ihre Arbeit auf, wie in früheren Jahren.

Die Geburtsstunde einer Gnaden- und Sühnestätte hatte geschlagen, noch von niemandem wahrgenommen, von niemandem erkannt. Es war das Jahr 1923. Der Same wurde in die Seele einer begnadeten jungen Frau gelegt, anders als an­derweitig. Gott wiederholt sich nicht. Die Früchte sollten es eines Tages ans Licht bringen.

Mystische Vermählung

Auf das Versprechen folgten Taten. Sie wollte ihr Wort ein­lösen und begann mit der Gründung einer Mädchenkongre­gation. Der zuständige Ortspfarrer von Wohmbrechts, Josef Basch, willigte gern ein, blieb jedoch skeptisch bezüglich des Erfolges. Er sollte sich geirrt haben.

Antonie begann Mädchen um sich zu sammeln, zunächst Mädchen aus Wangen und Umgebung, die in einem Haus­halt halfen. Ein halbes Dutzend konnte sie zunächst begeis­tern, bald waren es jedoch 70 bis 80. Sie hielt ihnen anregen­de Vorträge. Anfangs beobachtete der Pfarrer sie genau, kam dann zur Überzeugung, dass er sich auf die junge Frau ver­lassen konnte. Der Erfolg ermunterte diese wiederum, eine Kinderkongregation ins Leben zu rufen, eine Gruppe mit jün­geren (zwischen 6 und 13 Jahren) und eine zweite für ältere (13 bis 20 Jahre).

Bedenkt man, was sie alles anstoßen konnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Antonie schon in jenen Jahren eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Jeden Monat führte sie die Gruppen zur hl. Kommunion, betete vor der hl. Messe mit ihnen den Rosenkranz und erreichte, dass jeden Montag früh vor der hl. Messe eine Sühnestunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gehalten wurde. An Sonnta­gen brachen die Gruppen oft zu Wallfahrten auf. Schließlich übertrug der Geistliche ihr sogar die Führung des Frauenbun­des, als die Vorsteherin erkrankte. Eine so rege Aktivität weck­te natürlich – wie immer – auch Neid und gehässigen Wider­spruch bei manchen Menschen in der Gemeinde. Das ist der Preis, den begnadete Seelen zahlen müssen.

In diese Zeit fällt ein mystisches Christuserlebnis, wie es in dieser Art aus dem Leben anderer Mystiker nicht unbekannt ist. In der Stadtpfarrkirche in Wangen nahm sie mit anderen an einem Hochamt teil. Während des Gloria, also am Anfang der hl. Messe, versank die Umwelt um sie herum. Was sie dann erlebte, darüber schwieg sie jahrzehntelang. Als sie es preisgab, hat sie versucht, es mit folgenden Worten wiederzugeben:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötz­lich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und gro­ßer Majestät. Er legte mir die Hand auf das Haupt mit den Worten: ,Sei mein! Ich will dich mir vermählen‘ und küsste mich auf die Stirn. Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige. Tief beschämt versank ich im Abgrund des eigenen Nichts und konnte nur stammeln: ,Nein, das kann ich nicht. Ich bin doch ein Nichts, ein sündiges armes Ding, deiner unwürdig.‘

Da verwandelte sich die Erscheinung in den kreuztragen­den Heiland, der folgende Worte an mich richtete: ,Folge mir!‘ Ich antwortete: ,Auf den Weg des Kreuzes will ich Dir gern folgen, will die Last des Kreuzes Dir tragen helfen.‘ Da­nach trat Stille ein. Ich kam in ein fremdes Land und musste ganz niedrige Dienste leisten, Opfer bringen und Entsagung üben bis zur Erschöpfung. Keine Demütigung blieb mir er­spart. Dann trat abermals Stille ein. Danach kam Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern auf mich zu. Wieder sagte ich ihm: ,Jetzt will ich Dir helfen und Dir folgen.‘ Jesus sah mich mit einem dankbaren Lächeln an.

Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schön­heit vor mir, küsste mich mit den Worten auf die Stirn: ,Sei mein und bleibe mein!‘ Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unüberseh­bare Menschenmenge schloss sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet: ,Heil dem König und der Königin.‘ Wir nahten uns einem Schloss, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströ­mender Freude zu und hieß uns willkommen.

In diesem Augenblick kam ich wieder zu mir. Der amtie­rende Priester gab eben den Schlusssegen. Die hl. Messe war vorbei.“

An die Worte der Offenbarung des Johannes wird man bei diesem Bericht erinnert: „Wer siegt, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich gesiegt und mich zu meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe“ (Offb 3,21). In der Vision werden auch die Enttäuschungen, Demütigungen und Leiden angedeutet, die Antonie zu erwar­ten hatte. Vor allem aber erfüllte sie die junge Frau mit tiefer Freude. Sie nahm die mystische Vermählung sehr ernst, eine glühende Liebe erfasste sie, die jede irdische Beziehung in den Schatten stellte.

Zur Erinnerung an dieses Erlebnis trug sie zuerst einen Ring am Finger mit einem roten Stein, der an der Blutreliquie in Weingarten berührt worden war. Diesen Ring liebte An­tonie sehr, bis die Gottesmutter ihr eines Tages zu verstehen gab: „Leg den Ring weg. Es braucht niemand zu wissen, wem du vermählt bist!“ Daraufhin steckte Antonie den Ring der Gottesmutter in der Grotte im Schlafzimmer der Eltern an den Finger und hat ihn nie mehr getragen. Lange hat sie die­ses Geheimnis für sich behalten. Die Auswirkungen sprachen aber ihre eigene Sprache. In den Jahren und Prüfungen, die auf sie zukamen, zeigte sie eine ungewöhnliche Klarheit des Urteils, Sicherheit und Charakterstärke, Mut und Zuversicht.

Verlockende Angebote

Ihre Treue zu Jesus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ver­lockende Heiratsanträge wurden ihr gemacht. Eine sehr reiche Dame aus Lindau zum Beispiel versuchte alles, sie für ihren Sohn zu gewinnen. Sie bot ihr eine herrliche Villa am Boden­see an, ein großes Vermögen und versprach, ihr alle Wünsche zu erfüllen, wenn sie nur den Sohn heiraten wollte. Ohne ei­nen Augenblick zu zögern, wies Antonie den Antrag lächelnd zurück. „Ich bin schon vergeben“, war ihre Antwort.

Für diese Haltung der Tochter konnte die eigene Mutter kein Verständnis aufbringen. Sie redete auf sie ein und dräng­te, so glänzende Anträge nicht einfach abzuweisen. Aber An­tonie hatte für alle Überredungskünste nur eine Antwort: „Mutter! Ich kann nicht, ich bin schon vermählt.“

Ein neuer Lebensabschnitt begann für Antonie im Jahre 1927. Er sollte sich fast zehn Jahre hinziehen und für die jun­ge Frau zu einem Kreuzweg werden. Der Vater beschloss, in Lindau eine Filiale seiner Metzgerei einzurichten, und über­trug die Leitung seiner Tochter. Das bedeutete auch, dass sie die Betreuung der jungen Frauen in der Gemeinde abgeben musste.

Dafür vertiefte sie ihr Gebets- und Innenleben. Jede Ge­schäftspause nutzte sie dazu, in der Stadtpfarrkirche in Lin­dau vor dem Tabernakel zu beten. Schließlich erfuhr sie, dass sich im nahe gelegenen Schloss Moos, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, über der Familiengruft eine neugotische Kapelle befand. Die Herren von Quadt hatten sie 1882 errichtet. Alle zwei Wochen wurde dort die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste aufbewahrt. Aber die Kapelle blieb die übrige Zeit geschlossen. Antonie erbat sich von der Gräfin, der Schloss­herrin, den Schlüssel, der es ihr ermöglichte, in den kleinen Erker hinaufzusteigen und dort allein zu wachen und zu beten. Erst war es eine halbe Stunde täglich, dann wurden Stunden daraus. In diesen Stunden fühlte sie sich gedrängt, die ver­schiedenen Rosenkränze zusammenzustellen, die später in den Sühnenächten in Wigratzbad viele Male gebetet wurden.

Aber damit nicht genug. Auf dem Wege nach Hause mach­te sie einen Abstecher in die Hauskapelle des Marienheims der Englischen Fräulein. Die verständnisvolle Hausoberin, Mater Maria, überließ Antonie die Schlüssel zur Kapelle, so dass sie jederzeit hinein konnte, ohne jemanden zu stören. In dieser ungeheizten Kapelle verbrachte sie weitere Stunden des Ge­betes, manchmal bis zwei, drei Uhr in der Nacht. Es waren Sühnestunden.

Für die eigentliche Nachtruhe blieben so oft nur drei bis vier Stunden. Dennoch war sie bei der Frühmesse in der Stadtpfarrkirche wieder dabei. Das ist ohne besondere Gna­de, ohne Beistand von oben kaum durchzuhalten. Um diese Gnade, nämlich die der Ausdauer, flehte sie zur Gottesmutter, sie betete für die Frauen und Mädchen, für deren Umkehr, erflehte für sie ein Leben im Sinne Marias.

Ihr vergeistigtes Leben begann auszustrahlen. Immer mehr Frauen fassten Vertrauen zu ihr und suchten mit ihren Sor­gen und Nöten bei ihr Zuflucht. Beim Stadtpfarrer, Prälat Kerler, erreichte sie, dass jeden Abend öffentlich der Rosen­kranz gebetet wurde. Sie selber führte die Frauen an Sonnta­gen betend hinauf zum Gnadenbild der Rosenkranzkönigin von Unterreitnau. Mehrfach unternahm sie den Versuch, in Lindau oder Umgebung eine Lourdesgrotte zu errichten. Der Vorschlag scheiterte am Widerspruch des Pfarrers.

In diesen Jahren lernte Antonie eine sich damals entfalten­de, ganz auf Maria ausgerichtete Bewegung kennen, bei Val­lendar am Rhein ins Leben gerufen von dem charismatischen Priester Josef Kentenich. Sechsmal suchte sie das Kapellchen in Schönstatt auf, um dort an achttägigen Exerzitien teilzu­nehmen. Beim letzten Mal hörte sie während der hl. Messe eine innere Stimme, die ihr sagte: „Von nun an will ich dir einen zweiten Schutzengel als besonderen Beistand und Schutz für das kommende Leben an die Seite stellen, den hl. Erzengel Michael. Rufe ihn oft an und verehre ihn sehr!“

Antonie vertraute sich mit diesem Erlebnis dem Leiter des Kurses an, Pater Michael Kolb, einem reifen Priester, und schloss mit der Bitte, ihr aus dem Städtchen Vallendar einen Strauß weißer Schwertlilien mitzubringen. Sie wollte diese der Gottesmutter schenken. Aber der Pater konnte nur rote auftreiben. Als er ihr die Blumen überreichte, meinte er lä­chelnd, ohne zu ahnen, wie prophetisch seine Worte waren: „Seien Sie künftig auf große Kämpfe in Ihrem Leben gefasst.“ Sie hat den Erzengel zeit ihres Lebens besonders verehrt und ihm am Weg zur großen Kirche ein Denkmal gestiftet. Schönstatt, inzwischen ein weltweit bekanntes Marienheiligtum, stand somit Pate für ein weiteres späteres Heiligtum — in Wi­gratzbad nämlich.

Beschlossener Mord

Einige Jahre vergingen scheinbar gleichförmig. Da gewann ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland immer mehr an Einfluss. In seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er der Kirche den Kampf angesagt. Antonie bekam es bald zu spüren. Eines Tages betraten Parteileute den Metzgerladen, brachten ein Bild des Führers Adolf Hitler mit und verlangten, dass es im Verkaufsraum aufgehängt wird. Das Bild der Gottesmut­ter von Schönstatt sollte ihm weichen. Antonie weigerte sich. „Für Ihr Bild ist in diesem Raum, wie Sie selber sehen, kein Platz mehr. Das Bild der Mutter des Allerhöchsten, das Sie dort sehen, hängt schon seit Jahren dort. Ich werde es unter keinen Umständen entfernen.“

Wusste sie, wen sie da herausgefordert hatte, oder handelte sie auf höheren Impuls? Hitler hatte in seinem Buch keinen Zweifel darüber gelassen, wie er mit dem Christentum umzu­gehen gedachte. Am 30. Januar 1933 erlangte er schließlich die Macht, aus der nach dem Tode des Reichspräsidenten Hin­denburg die absolute wurde. In den ersten Ausgaben seiner Kampfschrift hieß es: „Eine Weltanschauung kann mit einer anderen keinen Kompromiss schließen, denn sie ist totalitär. Mit dem Christentum ist ein infernaler Terror in die Welt ge­kommen, der nur überwunden werden kann durch einen Ter­ror, der noch infernaler ist.“ Die Worte ließen keinen Zwei­fel daran, dass Hitler die totale Vernichtung der Kirche, des Christentums zum Ziele hatte.

Für Antonie muss es ein Schock gewesen sein, wie sich die von ihr gegründeten marianischen Gruppen im Jahre 1932 sang- und klanglos auflösten. Nach einem Auftritt des natio­nalsozialistischen Gruppenleiters liefen Frauen und Mädchen zu den Nazis über und traten dem Bund deutscher Mädchen (BdM) und der Frauenschaft bei. Sie wollten in der modernen, neuen Zeit den anderen Frauen nicht nachstehen.

Das hätte Antonie wankend machen müssen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt, bleibt man am Ende nicht allein auf weiter Flur, der Lächerlichkeit preisgegeben? Sie musste das Schicksal aller Charismatiker teilen, deren Berufung oft in tiefster Vereinsamung auf den Prüfstand kommt.

Die Weigerung, das Bild des Führers in ihrem Verkaufs­raum aufzuhängen, der sich mit „Heil“-Rufen als neuer Hei­land feiern ließ, musste den Zorn seiner blinden Anhänger he­rausfordern. Sie beschlossen, Antonie Rädler umzubringen.

Man wusste um ihre Gebetsstunden in der Nacht. Ein Be­weis, wie sehr sie bereits bespitzelt worden war und dass es hässliche Zuträger gegeben haben muss. Darin witterten sie ei­ne Gelegenheit, mit ihr abzurechnen. In einem kleinen Wäld­chen gegenüber dem Marienheim lauerten sie ihr auf. Als An­tonie gegen 3 Uhr herauskam, versuchten drei Männer sich auf sie zu stürzen. Da geschah das fast Unglaubliche. Mitten in der Nacht tauchte ein junger Radfahrer im Alter von etwa 20 Jah­ren auf, blendete die Männer mit starkem Licht, umkreiste Antonie in großem Bogen und begleitete sie nach Hause. Die drei Männer waren nicht in der Lage, sich ihr zu nähern.

Antonie wurde jetzt klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Aus natürlicher Angst überlegte sie, ob sie die nächtliche An­betung nicht aufgeben sollte. Da glaubte sie, so erzählte sie später, eine Stimme zu hören, die ihr befahl: „Leiste Sühne! Du darfst nicht nachgeben! Du stehst unter dem Schutze Gottes!“ Sie pflegte immer sieben Vaterunser zu Ehren der fünf Wun­den Jesu zu beten. Das gab ihr Kraft. Entgegen ihrer inneren Angst und der offensichtlichen Gefahr suchte sie am nächsten Tag wieder das Marienheim auf, verließ allerdings eine halbe Stunde früher die Kapelle. Kaum hatte sie die Parktüre hin­ter sich geschlossen, sprangen wieder drei Männer auf sie zu. Die Gesichter hatten sie mit einer Zipfelmütze halb verhüllt, wie man es von kriminellen Überfällen her kennt. Da tauch­te der geheimnisvolle Radfahrer wieder auf und blendete die Männer, dann begleitete er Antonie nach Hause.

Aus heutiger Sicht muss man vermerken, dass Fahrradlam­pen damals nur ein ganz schwaches Licht hatten, das kaum die nächsten Meter erhellen konnte. Antonie glaubte, dass dieser Radfahrer ihr Schutzengel gewesen sein muss. Und wieder fällt auf, dass eine geheimnisvolle Stimme, als sie ver­zagen wollte, ihr zuflüsterte: „Leiste Sühne!“ Der Gedanke der Sühne zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, von der frühen Kindheit an.

Einen dritten Versuch unternahmen ihre fanatisierten Geg­ner. Diesmal warteten sie vor ihrem Hause. Zu ihrer Wohnung führte ein Korridor, der auf der anderen Seite in eine Wasch­küche führte und zum See hin endete. Als sie vor dem Hause stand, sprangen zwei verhüllte Männer wieder auf sie zu; sie hatten einen Sack bei sich, den sie offenbar über sie stülpen wollten. Antonie erschrak zu Tode und streckte instinktiv ab­wehrend die Hände aus. Da stolperten diese, fielen zu Boden und konnten nicht sofort aufstehen. Inzwischen gelang es der bedrohten jungen Frau, die Treppen hinaufzuspringen und hinter sich die Türe zu schließen und zu verriegeln.

In ihrem Zimmer schlief eine Verkäuferin. Sie war entsetzt über das Aussehen ihrer Chefin. „Ich bin krank vor Angst“, stammelte diese, „habe Furchtbares erlebt, aber der Herrgott hat mir geholfen.“

Als sie am nächsten Tag von der Frühmesse heimkam, war­tete überraschenderweise ein Bote auf sie. Er überreichte ihr einen Brief vom Vater mit der dringenden Bitte: „Komme so­fort heim, sofort. Ich werde dir ein Auto entgegenschicken. Warte so lange.“ Kurz vor 7 Uhr stand der Wagen schon vor der Türe. Die Filiale wurde umgehend geschlossen, bis zum Mittag alles zusammengeräumt und heimgefahren.

Was war passiert? Die Familie hatte in diesen Zeiten doch noch gute Freunde. Einer von ihnen war ein gewisser Ministerialrat Rauch bei der Regierung in München. Der schick­te in der Nacht mit dem Schnellzug über einen Boten einen Brief mit der dringenden Warnung: „Nimm deine Tochter so­fort von der Filiale in Lindau weg, sonst wird sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein!“ Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass Antonies Tod beschlossene Sache sei. SS-Leute sollten sie über Nacht überfallen, in den See werfen und anschlie­ßend das Gerücht ausstreuen, sie habe in religiösem Wahn Selbstmord begangen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein übermächtiger Staat sich von einer jungen wehrlosen Frau, Mitte dreißig, so he­rausgefordert sehen kann, dass er sie über Mord aus dem Wege schaffen will. Hier stand mehr dahinter: Die spirituelle Aus­strahlung Antonies war zum Ärgernis geworden für Macht­haber, die ein neues, ein tausendjähriges Reich nach eigenen Vorstellungen, ohne Gott, ohne Jenseitsbezug ins Leben rufen wollten. Sie spürten, dass hinter Antonie eine Welt stand, die ihnen im Wege war und der sie den Kampf angesagt hatten. Es verrät etwas von der hemmungslosen Wut der Hölle im­mer dann, wenn Maria in die Geschichte der Menschen ein­zugreifen beginnt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe auch:

Das weltberühmte Wunder in Seefeld

Buchstäbliche Urkunde über die Entstehung der heiligen Hostie;
verfaßt auf Befehl Sr. Majestät Kaiser Karl VI.

Kundt und zuwüssen seye Jedermann. Als in dem Jahr nach Christi Geburt aintausent dreyhundert vier und achtzig ain Mächtiger Edelmann Nahmens Oßwald Milser, der zu selber Zeit den gleich ausser Seefeld gelegenen Burgfriden und Schlößl Schloßberg besitzete, zur österlichen Zeit den fünf und zwanzigsten Marty am heil. Grien Donnerstag das Allerheiligste Sakrament empfangen wollte, und auß allzugroßen Hochmuet von dem Priester zu Seefeld nicht wie andere Layen und arme Leüth mit einer kleinen, sondern mit einer großen Heil. Hostia gespeiset zu werden begehrte, der Priester auch ihme dieses begehren wegen seinen großen ansehen auß Forcht und Menschlicher Schwachheit, nit abzuschlagen getrauete, mithin demselben die große Hostiam dar reihte. Das besagter Edelmann, so bald als ihme der Priester das heil. Sacrament auf die Zungen legte, vor dem Altar augenblicklich bis an die Knie in die Erdten gesunken, und da er sich an den Alltarstein halten wollte, auch dieser der Hand wundersam gewichen seye. Wie dann die Zaichen noch allda zu sehen. Wie dann der Priester die H. H. Hostiam dem Edelmann gleich wiederum aus dem Mund nahme, wäre selbe von des Mundts Nattürlichen Feuchtigkeit etwas zusammen gezohen, und mit Bluet- und Blauen Bisszeichen unterloffen, und wirdet dieselbe bis heunt zu Tag in dieser gestalt allhier in einer Monstranzen aufbehalten. Der Milser fielle in große Reühe, thete Bueß, und starb nach zwey Jahre zu Stambs in aller Gottes-Forcht. Sein Weib aber wollte obig ihro auß der Kürchen gleich beigebrachte Begebenheit nit glauben, es were dann, wie sye sprache, daß der ihro Zugegen gewesste Holzstock frische Rosen brächte, welches auch zu so ungewöhnlicher Jahres-Zeit augenblücklich geschehen. Worüber sye Rasend worden, und in die Wiltnüssen wie Wildes Thyer verloffen ist.

Anfang der Wallfahrt

Die allerheiligste Hostie, dem Munde des stolzen Edelmannes entnommen, wurde mit höchster Ehrfurcht im damals noch kleinen St. Oswalds-Kirchlein aufbewahrt, und nach vollendeter kirchlichen Untersuchung zur öffentlichen Anbetung und Verehrung ausgesetzt, damit nicht blos die Anwesenden, sondern die ganze Nachwelt – Alle, die dieses Gotteshaus und den Schatz desselben besuchen und die wunderbaren Spuren der für den Frevler erfolgten Strafe sehen, Gottes Allmacht und Gerechtigkeit, Güte und Barmherzigkeit erkennen, im Glauben gestärkt, von der unwürdigen Kommunion abgeschreckt mit Gnaden und Wohlthaten mögen bereichert werden. Von allen Seiten pilgerte auf diese Nachricht das Volk auf den Berg zur Wunderstätte und fand Erhörung in vielen Anliegen. Als unter Andern der edle Ritter Parzival von Weineck, Besitzer des Schlosses Fragenstein bei Zirl, die Wunderwerke in Seefeld geschaut hatte, ließ er in seinem heiligen Eifer eine silberne Monstranze verfertigen und selbe vergolden, und verehrte sie hieher, um die heilige Hostie auf würdige Weise aufzubewahren. Die Uebersetzung geschah mit größter Feierlichkeit, (wie ein noch vorhandenes Gemälde zeigt), wozu alle Priester der ganzen Umgegend eingeladen wurden, und wobei die hochheilige Wunderhostie in feierlicher Prozession in Gegenwart einer zahlreichen Volksmenge herumgetragen wurde. Auch ließ Ritter Parzival ein schönes Gemälde ganz im Stile jenes Zeitalters verfertigen, das in lebhafter Weise die Wundergeschichte vom 25. März 1384 darstellt. Zugleich ist selbe am untersten Theile des Bildes einschlägig mit der Schreibart und Sprache jener Zeit lateinisch und deutsch abgefaßt, nur einige Worte davon sind jetzt verwischt. Die halbtausendjährige Tafel und beigefügte Beschreibung ist die erste Urkunde, die wir von dem wunderbaren Ereignisse haben.

Aufblühen der Wallfahrt

Nachdem nun Gott hier seinen Ernst und seine Güte so offenbar gezeigt hatte, so blieb die Nachricht von den wunderbaren Begebenheiten in Seefeld nicht eingeschränkt in dem engen Kreise unserer Umgebung, sie verbreitete sich immer mehr, und im ganzen Lande wurde geredet von der Strafe und Buße des Oswald Milser. Und gewiß war es der Wille Gottes, daß die Kunde davon auch ins Ausland drang, damit diese Wunderzeichen allenthalben desto mehr geglaubt und daß nicht blos Seefeld und dessen Umgebung allein, sondern auch die Fremden ihre Ermahnung, Frucht und ihren Nutzen haben sollten. Und so gesellten sich zu den einheimischen auch ausländische Pilger. Zum ferneren Aufschwung der Wallfahrt zu unserer wunderbaren Hostie trugen durch ihre Andacht und Verehrung zu derselben auch viel bei die frommen Landesfürsten von Tirol, welche besonders freigebig durch Stiftungen und Opfer das Gotteshaus beschenkten und dasselbe auch manchesmal besuchten.

Wir lesen, daß die andächtigen Töchter Kaiser Ferdinands I. die größte Freude hatten, so oft ihnen ihr kaiserlicher Vater erlaubte, von Innsbruck nach Seefeld zu pilgern. Im Jahre 1583 am 21. Oktober machte Erzherzog Ferdinand II. mit seiner zweiten Gemahlin Anna Katharina, und seinen beiden Söhnen, dem Kardinale Andreas und dem Markgrafen Karl von Burgau, sammt allen Hofbedienten, dann den Herren von der Regierung und Kammer, auch Vielen von der Stadt Innsbruck zu Fuß eine große Wallfahrt zum heiligen Blute auf dem Seefeld, wo sich über 2000 Menschen versammelten. So wurde durch die Verehrung und Andacht zur Wunderstätte, und durch die zahllosen Gnaden an Kranken, Leidenden und Bedrängten, welche fleißig aufgeschrieben wurden, Seefeld ein vorzüglicher Wallfahrtsort; und eine Menge aus Metall, Stein, Holz und Wachs verfertigte Gelübde-Opfer, als Dankes- und Gedenkzeichen, bezeugten, daß jede Gattung der Gnaden und Wunderthaten, welche die Allmacht Gottes anderwärts gewirkt, auch bei dieser wunderthätigen Hostie den Hilfsbedürftigen und allda ihre Zuflucht nehmenden Christgläubigen widerfahren sind und noch widerfahren.

Später als den Augustiner Eremiten hier das Kloster erbaut wurde, nahm die Wallfahrt wegen des feierlichen Gottesdienstes der Ordensgeistlichen, und weil dieselben im Jahre 1655 die Bruderschaft zum heiligsten Sakramente, um die Liebe zu Jesus in demselben immer zu nähren, eingeführt haben, noch mehr zu. Hohe und Niedere, Reiche und Arme scheuten keine Beschwerden des Weges und pilgerten nach Seefeld, um da Trost und Hilfe zu suchen. So groß war ihre Ehrfurcht, daß sie nur auf den Knieen dem Gnadenthrone nahten, wie man es noch heut zu Tage vielfältig sieht.

Am stärksten war die Wunderstätte besucht die drei Zeiten des Jahres: 1. Um Pfingsten, wo dreizehn Gemeinden mit Kreuz erschienen, 2. in der Frohnleichnams-Oktav, und 3. von Mariä Himmelfahrt bis Mariä Namen. Die Zahl der hieher wallfahrtenden Kommunikanten stieg jährlich auf 12000. Ganze Gemeinden kamen in bedrängten Zeiten zur heiligen Hostie und lagen flehend auf den Knieen, um Abwendung von Krieg, ansteckenden Krankheiten, Hungersnoth u. dgl. zu erbitten. Wer kann da alle geistlichen Wohlthaten zählen! Gott allein weiß die Thränen der Buße, der Liebe und des Dankes! Wie viele wurden gestärkt im heiligen Glauben – besonders an die heilige Gegenwart Jesu im allerheiligsten Sakramente, wie Viele haben Kraft und Stärke an Leib und Seele erfahren, wie Viele haben heilige Entschließungen gemacht, wahrhaft zu Gott wieder zurück zu kehren, die Bahn der Sünde zu verlassen und auf immer den Weg der Tugend zu betreten!

Schicksale der hochheiligen Wunderhostie

Nicht immer waren ruhige Zeiten und konnte unsere heilige Hostie in der Monstranze des Ritter Parzival thronen.

Bei Feindesgefahr, wohl auch beim Bau der gegenwärtigen Kirche, wurde sie in einem uralten Sakramentshäuschen in der Sakristei aufbewahrt, dieses Häuschen ist ein Meisterwerk. Ein Schlüssel setzt hier auf einmal 24 Schlösser in Bewegung, welche die ganze Thür umgeben. Ein österreichischer Prinz soll es gemacht haben. Ja am 30. Juli 1703, da man von der Wuth und Grausamkeit der Feinde, die auch das Heiligste nicht schonten, Kunde bekam, wurde die allerheiligste Hostie, die schon als Heiligthum über 319 Jahren von allerorts herbeiströmenden Pilgern in höchster Verehrung gehalten worden war, von zwei Augustiner Patern nach Telfs, und von da in das Kloster Stams und endlich am 1. August nach Fließ in Oberinnthal gebracht, wo sie mit dem kostbaren Heiligthume sieben Wochen verblieben. Damit aber die heiligste Hostie von Zeit zu Zeit eine würdige Verehrung erhielt, wurde sie von der Hochwürdigen Geistlichkeit mit ihrem Volke in Prozession öfters besucht und von vielen tausenden andächtiger Pilger angebetet.

Als wieder einige Ruhe eintrat, wurde sie von Fließ zurückgebracht und am 22. September in ihrer alten Gnadenstätte eingesetzt, in Begleitung aller umliegenden Gemeinden mit ihren Fahnen. Auch in den Kriegsjahren am Anfang dieses Jahrhunderts mußte die heilige Hostie ihren Wohnsitz verlassen und in Sicherheit gebracht werden, um nicht der Verunehrung der Feinde ausgesetzt zu sein. Den 3. November 1805, da die Nachricht von dem Vordringen der Franzosen von Scharnitz her Seefeld in Schrecken setzte, nahm P. Johannes Bachmann die heilige Hostie aus dem Tabernakel, verschloß sie in ein eigens dazu bereitetes Kästchen und trug sie heimlich in das Kirchlein nach Mösern, eines Weilers, der eine kleine Stunde von Seefeld entfernt ist. Indessen wurde die Flucht der heiligen Hostie bekannt. Der gute P. Johannes nahm nun das Kästchen wieder, damit der himmlische Schatz nicht den Feinden verraten werde, und trug es zuerst in den Wald hinein, und als es dunkle Nacht geworden, ging er mit einem frommen Bauer, Namens Michael Spiegl, der ihn begleitete, in dessen Haus und verschloß es in dessen Kammer in einem Kasten, und kehrte, um keinen Verdacht zu erregen, wieder nach Hause zurück.

Als am 5. November die Feinde arg in Seefeld hausten, da wurde dem Bauer Spiegl berichtet, er solle das Kästchen weiter in Sicherheit bringen. Er verbarg es dann in einem Stadel, und später in einer Felsenhöhle. An diesem Orte blieb das Heiligthum vier Tage und wurde abwechselnd von Michael Spiegl, Kassian Gapp und noch einem dritten Vertrauten bewacht. Hierauf ward es wieder nach Mösern und endlich am 14. November bei finsterer Nacht auf Umwegen nach Seefeld gebracht, wo es hinter dem Hochaltare der Pfarrkirche verborgen wurde. Erst am 25. März des folgenden Jahres fand durch den Hochwürdigsten Prälaten Sebastian Stöckl von Stams die Wiedereinsetzung der heiligen Hostie in die ehrwürdige Blutskapelle mit großer Feierlichkeit statt. Nicht lange aber genoß sie der Ruhe; schon im Sturmjahre 1809 sah man sich abermals genöthiget, den Gnadenschatz wieder zu entfernen und in Sicherheit zu bringen. Der nämliche P. Johannes kam am 25.Oktober mit dem heiligen Blute nach Stams, von wo er sich damit, da er sich nicht sicher wußte, nach einigen Tagen über Ochsengarten bis nach Huben im Oetzhale flüchtete. Als wieder Friede geworden war, wurde die heilige Wunderhostie unverletzt zum größten Troste der Gläubigen zurückgebracht.

Seitdem thront sie wieder in der heiligen Kapelle, und immer wallen Gläubige dahin, und Viele kehren benadiget zurück.

Und gerade jetzt bei Gelegenheit der 500jährigen Säkularfeier sind so viele Pilger gekommen, wie Seefeld auf einmal wohl nie gesehen hat. Das ganze Dorf war festlich geschmückt und das Benehmen der Pilger über alles Lob erhaben.

Möge der Herr des Himmels und der Erde, der hier ein Denkmal seiner Wunder hinterlassen hat, fortfahren da zu wohnen und seine Gnaden auszutheilen, da, wo er besonders uns zuruft: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid und ich will euch erquicken, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“

Der gegenwärtige Zustand der heiligen Hostie

Die heilige Wunderhostie ist noch gerade so, wie sie in der ersten Urkunde am Bilde in der Blutskapelle und in den spätern Erzählungen beschrieben wird. Sie ist zusammengekrümmt, man sieht noch an ihr das Cruzifixbild und dasselbe hat auf der Brust blaurothe Blutzeichen (Zahnbisse des Oswald Milser), nur ist die weiße Farbe der Gestalt durch die Länge der Zeit etwas bräunlich geworden. Oefters besorgte man eine baldige Auflösung dieser hochheiligen Hostie, aber diese Besorgniß hat sich nicht bewährt. Auffallend und wunderbar ist und bleibt die Erhaltung derselben durch volle 500 Jahre, und das um so mehr, indem am 13. August im Jahre 1588 aus Unvorsichtigkeit die Monstranze mit der heiligen Hostie umgestürzt worden ist, und dann, indem sie bald da, bald dort, und auch weithin in Sicherheit gebracht werden mußte, aber jedesmal kam sie ohne Verletzung zurück.

Sie befindet sich in der nämlichen Monstranze, die vor einem halben Jahrtausend Parzival von Weineck machen ließ und wird in der Regel nur auf besonderes Verlangen den Wallfahrtern gezeigt. An der Monstranz erkennt man noch deutlich das Weineckische Wappen und den Namen Parzival. Sie ist gothisch, zierlich und fein gearbeitet, 14 Zoll hoch, ein merkwürdiges Meisterstück mittelalterlicher Kunst, und steht in einem viereckigen Glasgefäß, ist mit einem gestickten Mäntelchen bekleidet und mit einer werthvollen Krone aus Perlen überdeckt.

Entstehung der gegenwärtigen Kirche und des Klosters

Gleich nach der Wundergeschichte, die sich mit Oswald Milser zugetragen, dachte man daran, hier dem Herrn eine größere, würdigere Wohnung zu bauen, und das um so mehr, weil das frühere Kirchlein für die Ortsbewohner und die zahlreichen Wallfahrter nun viel zu klein war. Doch verging noch einige Zeit, bis Herzog Friedrich IV. das alte Kirchlein abbrechen (nur jener Altar blieb unberührt, an dessen Seite Oswald gesunken ist) und die jetzige gothische Kirche bauen ließ. Diese Kirche ist hinsichtlich ihrer Bauart eines der merkwürdigsten Gotteshäuser im ganzen Lande Tirol. Auch wurde auf sein Ansuchen Seefeld vom Bischofe Ulrich II. von Brixen zur freien Pfarre erhoben am 31. Juli 1432, nachdem Johann Feder, Pfarrer von Telfs, schon am 25. August 1423 auf seine pfarrlichen Rechte zu Seefeld verzichtet hatte. Doch erlebte der gute Herzog nicht mehr die Vollendung der Pfarrkirche. Ebenso schenkte Erzherzog Sigismund der Owaldskirche zu Seefeld viele Aufmerksamkeit, beehrte öfters die Ortschaft mit seinem Besuche, machte mehrere Schenkungen, damit der Gottesdienst mehr zunehme und für Alles vorgesorgt werde.

Einen nicht minder eifrigen und werkthätigen Beförderer der Verehrung der hochheiligen Wunderhostie erhielt die Kirche an dem tirolischen Landesfürsten und römischen Kaiser Maximilian I. Dieser ließ die Einkünfte der Pfarre verbessern, wie auch ihre Verbindlichkeiten genau verzeichnen, und gab ihr auch einen Schutzbrief, um sie zu schützen und zu schirmen. Dieser nämliche erlauchte Fürst legte auch den Grund zu einem Kloster nächst der Pfarrkriche; allein sein im Jahre 1519 erfolgter Tod verhinderte die Vollendung seines Vorhabens.

Inzwischen haben sich immer fromme Pilger in Seefeld eingefunden und die Erzherzoge waren auch öfters Zeugen davon, und so erstand dieser Kirche wieder ein großer Gönner, nämlich der Landesfürst Ferdinand II., der Gemahl der berühmten Philippine Welser. Derselbe ließ ober der Sakristei in der Kirche im Jahre 1574 durch den Baumeister Albert Luches eine Kapelle bauen zur würdigern Aufbewahrung der wunderbaren Hostie. Die Einweihung dieser Kapelle zu Ehren der heiligen Martyrer Vitus und Modestus geschah am 20. Juli 1576, und an diesem Tage wurde auch die heilige Hostie feierlich übertragen. Auch schenkte er im Jahre 1586 der Kirche zur Aufbesserung der Pfarreinkünfte den Burgfrieden Schloßberg mit allen Erträgnissen und den sogenannten Kirchwald, dessen Grenzen und Marken er selbst bestimmte, und den die Kirche noch besitzt. Die von ihm neugebaute heilige Blutskapelle wurde reichlich ausgestattet und von hohen und höchsten Personen, von denen viele hieher wallfahrteten, der heiligen Messe beiwohnten und da kommunizirten, durch kostbae Verehrungen mit wahrhaft königlicher Pracht ausgeschmückt. Artistisch merkwürdig in dieser Beziehung ist auch besonders das Altarblatt, gemalt von Daponte, und der Tabernakel, verfertiget von einem Meister Marc-Antonio Fava aus Mailand.

Im Jahre 1604 vollendete der Landesfürst Maximilian der Deutschmeister den schon von Kaiser Maximilian I. begonnenen, aber nach dessen Tod ins Stocken gerathenen Bau des Klosters und übergab es wohl dotirt den 20. September 1604 mit sammt der Pfarre den Augustiner Eremiten. In den Gängen des Klosters wurden Gemälde angebracht von der ganzen Geschichte des Oswald Milser, von der Erbauung der Kirche und des Klosters und deren Uebergabe an die Eremiten.

Im Kloster selbst wurden an der mittägigen Seite Fürstenzimmer hergestellt und ein Fürstensaal, in denen die Erzherzoge oft wohnten, wenn sie aus Andacht oder der Jagd wegen nach Seefeld kamen. Kaiser Karl VI. erneuerte 1724 die Blutskapelle und verschönerte den Zugang zu derselben mit 19 Marmorstufen. Auch ließ er längs dieser Stiege an der Seitenwand 12 Tafeln aufhängen, auf welchen in 12 Sprachen ganz kurz das Ereigniß mit Oswald Milser und der heiligen Hostie zu lesen ist. Die glorreiche Kaiserin Maria Theresia ließ noch im Jahre 1762 die veralteten Altäre erneuern und einige Reparaturen im Kloster anbringen, auch schenkte sie hieher kostbare Paramente.

Aufhebung des Klosters

Alles dessen ungeachtet wurde dieses Kloster, das Denkmal frommen Sinnes so vieler fürstlichen Häupter, nachdem es 181 Jahre bestanden, bald nachher, am 3. März 1785, also gerade vor 100 Jahren, aufgehoben und den Augustiner Eremiten die Räumung desselben anbefohlen. Der ganze Reichthum der Kirche, bestehend aus 500 Pretiosen, die hohe und höchste Personen des In- und Auslandes als Bitt- und Dankopfer auf den Altar des heiligen Blutes niederlegten, wurde weggenomnmen. Alle diese Kostbarkeiten hatten auch bedeutenden geschichtlichen Werth, weil bei den meisten zugleich die Namen der meist aus hohen und uralten Geschlechtern opfernden Personen sammt der Jahrzahl beigesetzt waren.

Die Seelsorge wurde den Zisterziensern von Stams übergeben und die leeren Räume der Kirche und des Klosters 1786 ihnen pachtweise überlassen.

Im Jahre 1800 kaufte das Stift Stams sämmtliche seefeldische Kloster-Realitäten um 27000 fl. und verpflichtete sich zur Einhaltung der Baulichkeiten, zur Beischaffung des erforderlichen Kirchenaufwandes, zur Besetzung mit Stiftsindividuen und Persolvirung sämmtlicher Stiftungen.

Im Jahre 1805 im November wurde unsere schöne Kirche nicht nur von außen, sondern auch von innen arg zugerichtet, indem der französische General Rey 800 Mann hineinlegen ließ. Besonders gingen bei dieser Gelegenheit fast alle Geräthschaften verloren. Die in der Sakristei befindlichen Kästen wurden erbrochen, alle leinenen Kirchenparamente wurden geraubt, das Silber von den Altarzierden, das Kostbare von den Kirchenornamenten herabgerissen, und mit diesen allerlei höhnischer und entehrender Frevel getrieben. Ja sogar von dem uralten Meßgewande (das noch vorhanden ist), das aus dem dunkelgrünen sammtenen Mantel gemacht worden war, den Oswald Milser in der Kirche bei seiner verhängnißvollen Kommunion am 25. März 1384 getragen und den er mit sich ins Kloster gebracht hatte, wurden noch die guten Borten herabgeschnitten. Doch das Alles war noch nicht genug!

Am 5. Dezember 1807 setzte die bairische Regierung in Tirol alle Klöster unter die Administration, das heißt so viel, als hob sie auf. Die dem Stifte Stams als eigen gehörigen Klostergüter in Seefeld wurden feilgeboten und von zwei gemeinschaftlichen Käufern am 7. März 1808 um 20.300 fl. ersteigert. Die Geistlichkeit mußte ausziehen und das Gesindehaus als Widdum übernehmen.

Kurz darauf, nämlich im Sturmjahre 1809 am 31. Juli, legten feindiche Soldaten Feuer an mehrere Häuser, wobei der Pfarrhof, das Posthaus und noch 14 andere Wohngebäude ein Raub der Flammen wurden und 19 Familien dadurch in die tiefste Armuth versanken. Kirche und Kloster wurden dadurch sehr beschädigt, der Kichthurm ausgebrannt und zur Hälfte zerstört, die Glocken geschmolzen und davon noch bei 12 Zentner Glockspeise gestohlen. Das Gewölbe und die Säulen der Kirche standen noch, diese überdauerten den schrecklichen Brand. Weil aber jetzt die Feinde zuwenig Obdach mehr hatten für ihre Pferde, so trieben sie dieselben hinein in diese ausgebrannten, ehrwürdigen Räume, und so wurde aus diesem einst so herrlichen Gotteshause zuletzt noch ein Pferdestall. Wer sollte da nicht weinen und wehklagen, wie der Prophet Jeremias auf den Trümmern der Stadt Jerusalem!? Wer sollte da nicht den Vorsatz machen, durch innige Anbetung und Verehrung dem Herrn wenigstens einigen Ersatz zu leisten für alle Unehre, die ihm hier widerfahren?

Es kostete viele Mühe und große Auslagen, um Alles einigermaßen wieder herzustellen, und besonders in den letzten Jahren hat man angefangen, dieses altehrwürdige, hochberühmte Gotteshaus stilgerecht zu renoviren. Gerade bei dieser 500jährigen Säkularfeier sind zwei neue gothische Altäre hineingekommen, während an der neuen Kanzel jetzt gearbeitet wird. O wie gerne und fleißig würde man die Renovation fortsetzen, wenn nur immer die Mittel dazu vorhanden wären! Wie mancher Gebildete und Reiche findet zwar noch Vieles auszustellen, hat aber nicht die Gnade, auch nur Einen Kreuzer zur Ehre Gottes zu geben!

(Fortsetzung folgt)

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner – Predigt im Fatima-Heiligtum in Zakopane / Polen am 13. August 2006

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Als die Muttergottes vor 89 Jahren ihren Fuß auf den äußersten Westrand Europas, auf Fatima in Portugal, gesetzt hat, da hatte sie dieses herrliche Stückchen Erde Zakopane im Südosten Mitteleuropas schon mit im Blick, sodass dann hier dieses herrliche Fatima-Heiligtum entstehen konnte. Hier im Fatima-Heiligtum von Zakopane sind Kultur und Natur, Gottesdienst und Schöpfungsherrlichkeit zu einer unvergleichlichen Symbiose zusammengewachsen. „Selig bist du, Zakopane, weil du geglaubt hast!“, dürfen wir hier sagen, wie Elisabeth in ihrem Hause zu Maria. Auch von hier aus wurde, wie von allen Fatima-Heiligtümern der Welt, dem Reich des Bösen Einhalt geboten. Die Fatima-Heiligtümer sind der Wüstenort, an dem die apokalyptische Frau mit ihrem Kind vor dem Drachen geflüchtet ist. Und gerade von hier aus wurde der Teufel, der alte Drache, besiegt. Wir sind berufen, in den Fatima-Heiligtümern bei Maria in die Schule zu gehen, um den Willen Gottes für unser Leben zu erlernen. Maria steht nicht haushoch über uns, sondern sie lebt geschwisterlich neben uns. Sie hilft uns, den Willen Gottes zu erkennen und zu befolgen. Denn wir haben – wie Maria – nur ein einziges Leben. Darum gibt es Leben, Liebe und Glaube nicht auf Probe, sondern hier ist sofort Ernstfall. Im Vollzug unseres Lebens gibt es keine verantwortungsfreie Zeit der Fahrschule wie im Verkehrswesen, sondern hier fängt man gleich als vollverantwortlicher Verkehrsteilnehmer an. Hier dürfen wir uns keine Fehlstarts leisten. Maria war zwar ohne Erbsünde, aber sonst hatte sie ein ganz normales menschliches Leben zu bewältigen wie wir auch.

2. Immer wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitwelt, die Mitmenschen, die Angehörigen und die Familie freuen sich, dass ein neuer Mensch zur Welt gekommen ist. Und am Ende unseres Lebens sollte es genau umgekehrt sein: Dann sollte der sich freuen dürfen, der nun zum himmlischen Vater nach Hause gehen darf, und unsere Angehörigen, unsere Mitmenschen, sollten ein wenig weinen dürfen, weil wir ihnen dann fehlen werden. Im Leben der Gottesmutter Maria war es jedenfalls so. Wer einmal vor dem unvergleichlich schönen Marienaltar in der Marienkirche auf dem Marktplatz in Krakau gestanden ist, der wird den Anblick der Mutter Christi nicht mehr vergessen können, die sterbend mit einem österlichen Lächeln auf dem Antlitz in die Arme der weinenden Apostel sinkt. Und wenn wir fragen: „Warum war das denn so stimmig im Leben der Muttergottes?“, dann müssen wir darauf antworten: „Weil sie dort nicht fehlte, wo sie nötig war!“.

3. Maria fehlte nicht in der Kammer von Nazareth, am Ort schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung vor dem lebendigen Gott. Immer sind die Engel Gottes mit den Ratschlüssen Gottes unterwegs, um uns den Willen Gottes erkennen zu lassen. Aber wir sind nicht im Haus. Wir sind außerhalb von uns selbst. Deshalb werden die Engel Gottes die Ratschlüsse Gottes für uns nicht los. Es ist gar nicht auszudenken, wenn Maria damals nicht in der Kammer von Nazareth gegenwärtig gewesen wäre. Dann wäre der Engel mit der Botschaft Gottes umsonst gekommen, dann hätte es keine Menschwerdung Gottes und keine Erlösung gegeben, dann wäre alles bei der alten Sünde geblieben. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war: gegenwärtig vor dem Angesichte Gottes und verfügbar für den Willen Gottes. Sie fehlte dort nicht, wo sie nötig war. Und hier sind wir berufen, ihr geschwisterlich ähnlich zu werden. Auch in unserem Leben muss es das Haus von Nazareth geben, den Ort unserer Gegenwart vor dem Angesichte des lebendigen Gottes, den Raum schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung. Auch heute noch sind die Engel Gottes permanent unterwegs, um uns ihre Botschaften zu überbringen. Aber sie sind dabei oft erfolglos, weil wir zuweilen dort fehlen, wo wir nötig sind, weil wir nicht zu Hause sind. Darum ist ja die Welt oft so ratlos im privaten wie im öffentlichen Leben, in den Familien wie in der Gesellschaft. Maria konnte sich bei den Kindern von Fatima bemerkbar machen, weil sie gegenwärtig waren: im Raum der Verfügbarkeit vor dem Angesichte des lebendigen Gottes. Die seligen Kinder von Fatima sind uns dazu eine liebevolle Einladung.

4. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria: im Lebensraum mitten unter den Menschen. Dafür steht im Neuen Testament der Hochzeitssaal der Brautleute von Kana in Galiläa. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte! Denn dann hätte es von einem bestimmten Zeitpunkt an bei dieser Hochzeit keinen Wein mehr gegeben, sondern höchstens Saft. Und mit Saft kann man keine Hochzeiten feiern. Maria aber war dabei, und zwar mit ihren guten Augen. Mit ihnen entdeckte sie schon den Mangel hinter der glänzenden Fassade einer Hochzeitsgesellschaft, bevor es der Öffentlichkeit bekannt wurde. Und dann ging sie zu den Personen, bei denen Abhilfe zu erhoffen war. Sie ging mit der bittenden Feststellung zu ihrem Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und sie wandte sich an die Tischdiener und sagte ihnen: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Dann ließ der Herr aus dem Mangel die Fülle werden, aus der mangelnden Qualität die höchste Qualität, sodass der Speisemeister den Brautleuten den Vorwurf machte: „Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten“ (Joh 2,10). Christus ist der Mensch der Fülle. Die 6 steinernen Wasserkrüge, die voll des besten Weines waren, konnte niemand mehr austrinken. So wie bei der wunderbaren Brotvermehrung mit 5 Broten Fünftausend satt wurden und die übrigen Stücke noch in 12 Körben eingesammelt werden mussten, weil sie niemand mehr aufessen konnte. Christus ist kein Hungerkünstler der Liebe, sondern der Mensch der Fülle Gottes. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war, eben bei den armen Brautleuten von Kana in Galiläa. Das gilt aber auch für uns, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind: mitten unter den Menschen mit den guten Augen Mariens, die hinter den glänzenden Fassaden den Mangel, die Hilflosigkeit und ihre Not in den Blick bekommen. Dann heißt es auch für uns, dorthin zu gehen, wo die Möglichkeiten der Abhilfe gegeben sind. Da ist zunächst immer der Herr, zu dem Maria ging und sagte: „Sie haben keinen Wein mehr“. Zu ihm gehen wir in unseren Gebeten, in denen wir dem Herrn sagen, was unseren Mitmenschen und vielleicht auch uns selbst fehlt. Dann sollten wir – ebenfalls wie Maria – zu Mitmenschen gehen, die der Herr für seine Hilfsaktionen mit einbeziehen möchte. „Was er euch sagt, das tut!“. Dass wir auch dort nicht fehlen – wie Maria – wo wir nötig sind: im Lebensraum mitten unter den Menschen.

5. Und dass wir schließlich auch dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria – im pfingstlichen Abendmahlssaal zu Jerusalem, d.h. inmitten der Kirche Gottes. Nach der Himmelfahrt des Herrn hatten sich die Apostel aus Angst vor den Juden und den Hohenpriestern versteckt. Maria sammelt nun die Zerstreuten aus ihren Verstecken und führt sie zusammen unter das gleiche Dach, an den gleichen Tisch und in den gleichen Raum, nämlich in den Abendmahlssaal zu Jerusalem. Hier leitet sie mit den versammelten Jüngern die erste Pfingstnovene, an deren Ende dann das Kommen des Heiligen Geistes geschenkt wird und damit die Geburtsstunde der Kirche schlägt. Die Kirche nennt den Teufel den „Diabolos“, den „Durcheinanderwerfer“, der das Gesammelte zerstreut und das Vereinte auseinanderreißt. Maria aber ist die große Gegenkraft: Sie steht gegen den Diabolos als „Sammlerin“, d.h. als „Zusammenfügerin“, als diejenige, die das Zerstreute sammelt und das Auseinandergerissene wieder zusammenfügt. Sie bringt die Apostel zusammen, sodass der Urgemeinde dann der Heilige Geiste geschenkt werden kann. Der Kirche wird damit die Seele eingehaucht. Ein Glück, dass Maria damals nicht fehlte, wo sie nötig war! Und das ist auch für jeden von uns wichtig. Jeder lebt in einer Pfarrgemeinde. Und da gibt es auch Kräfte, die das Gesammelte zerstreuen, und Mächte, die das Zusammengefügte auseinanderreißen möchten. Dann sind wir aufgerufen, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind. Wir sind aufgerufen, unseren Schwestern und Brüdern, die nicht mehr am Leben unserer Pfarrgemeinden teilnehmen, die an den Rand geraten sind, nachzugehen – wie Maria den Aposteln –, sie zu suchen, sie zu sammeln, sie zusammenzuführen und mit ihnen zu beten, damit uns der Heilige Geist geschenkt werde. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: im Lebensraum unserer Pfarrgemeinden, unserer Ordenskonvente, unserer Kirche.

6. Wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitmenschen freuen sich, dass ein Mensch geboren worden ist. Das liegt bei uns mehr oder weniger weit zurück. Aber das andere Geschehen, nämlich dass wir uns dann freuen dürfen, aber unsere Mitmenschen, die wir verlassen, dann ein wenig weinen sollten, das liegt noch vor uns. Wie weit, das weiß niemand von uns. Das müssen wir auch gar nicht wissen, wenn wir nur jetzt dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: in der Kammer von Nazareth, d.h. im Lebensraum vor Gottes Angesicht in schweigender Anbetung und glühender Verfügbarkeit, im Hochzeitssaal von Kana in Galiläa, d.h. im Lebensraum mitten unter den Menschen, um ihre Not zu erkennen und um uns ihrer anzunehmen, und schließlich im Abendmahlssaal von Jerusalem, d.h. mitten im Leben unserer Pfarrgemeinden, dass wir dort mithelfen, das Zerstreute zu sammeln und das Auseinandergerissene zusammenzufügen. Dann dürfen wir wie Maria auf dem Marienaltar in der Marienkirche von Krakau heimgehen und mit dem österlichen Lächeln auf dem Angesicht in die Arme unserer weinenden Angehörigen sinken. Maria lächelt, die anderen weinen. Wir werden lächeln, die anderen werden weinen. Warum? – Weil sie und wir dort nie fehlten, wo sie und wir nötig waren. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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