„Mein Herz befand sich in diesen Tagen in Luján“

Basílica Nuestra Señora De Luján / WIkimedia Commons – Dario Alpern, CC BY-SA 3.0

Papst zu Priestern:
Seid stets ein transparentes Bild Jesu des guten Hirten

Im Laufe der Generalaudienz von Mittwoch hat Papst Franziskus einen „herzlichen Gruß“ an die Pilger spanischer Sprache gerichtet.

„Heute begehen wir das Fest des heiligen Johannes von Avila, Schutzpatron des spanischen Klerus und Lehrmeister des geistlichen Lebens“, erinnerte Franziskus auf Spanisch, während er die Anwesenden dazu aufrief für alle Brüder des Priestertums zu beten, „auf dass sie stets ein transparentes Bild Jesu des guten Hirten und die Jungfrau Maria sie während ihres gesamten priesterlichen Lebens stütze“.

Der große spanische Mystiker und Prediger (1499-1569), der ein Freund des Ignatius von Loyola (1491-1556), des Gründers des Jesuitenordens war, wurde 2012 von Papst Benedikt XVI. zum Kirchenlehrer erhoben.

Franziskus wandte sich auch an seine Landsleute. „Ebenso möchte ich von hier aus einen Gruß an die Gläubigen meiner Heimat richten, in der vor zwei Tagen das Hochfest der Schutzpatronin von Argentinien begangen wurde, Unserer Lieben Frau von Luján“, erklärte der italo-argentinische Papst, der fortfuhr: „Mein Herz befand sich in diesen Tagen in Luján.“

„Möge der Herr euch segnen. Vielen Dank“, beendete er seinen Gruß.

[Unter Mitarbeit von Sarah Fleissner]

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Quelle

Zwischen Moskau und Fatima – Ein Kommentar zum Hochfest der Patrona Bavariae

Die Patrona Bavariae blickt von Neuschwanstein über Bayern

Von Monsignore Florian Kolfhaus

 

„Wie der Herr, so’s Gescherr“: Wenn dieser alte Spruch zutrifft, dann ist es um die Bayern bestens bestellt.

Wer jetzt an den Ministerpräsidenten und sein Kabinett denkt, greift zu kurz. Die bayerische Staatsregierung – so Ludwig Thoma in der herrlichen Kurzgeschichte „Ein Münchner im Himmel“ – warte ja bis heute auf die „göttlichen Ratschläge“ die der mürrische Dienstmann Alois Hingerl ihr bringen sollte. Weil das Bier im Hofbräuhaus ihm so gut schmeckt, bleibt er aber im Wirtshaus sitzen und vergisst seinen himmlischen Auftrag. 1911 hat Ludwig Thoma seinen humorvollen Text veröffentlicht, der wenig Wahres über den Himmel, dafür sehr wohl Zutreffendes über die Bayern und ihre Heimat sagt. Schmunzelnd kann der durch die „Lausbubengeschichten“ bekannt gewordene Schriftsteller deutlich machen, dass seine Heimat die Hilfe „von oben“ braucht. Und damit hat er Recht!

„Eine Welt ohne Gott ist eine Welt ohne Hoffnung“ (Benedikt XVI., Spe Salvi)

Die bayerische Regierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wusste, dass es himmlische Hilfe brauche, um Land und Leute zu beschützen. Wo der Mensch allein Herr sein will, zerschlägt er – um auf die eingangs genannte Volksweisheit anzuspielen – allzu viel kostbares Geschirr. Gerade die Geschichte des letzten Jahrhunderts mit ihren beiden großen Weltkriegen zeigt das schreckliche Leid des vermeintlichen „Herrenmenschen“. 1917 beginnt in Russland die kommunistische Revolution, die in vielen Ländern der Welt Regierungen hervorbringen sollte, die stolz darauf sind, ohne göttliche Ratschläge zu herrschen. Wo der atheistische Materialismus Gott aus der Gesellschaft drängt, bleibt dem Menschen nichts mehr zu lachen. Ohne den bittenden Blick nach oben, bleibt nur das stumpfe Starren auf den Boden.

100 Jahre Patrona Bavariae

Gerade in jenem Jahr, in dem eine gottlose Bewegung im Osten Europas anhebt, ein menschenverachtendes System zu errichten, erscheint im Westen des Kontinents Maria, um eine Gegeninitiative des Friedens zu beginnen. Es ist der 13. Mai 1917, dessen in diesem Jubliäumsjahr Katholiken in aller Welt gedenken. Genau eine Woche später, also am 20. Mai 1917, und, um es salopp zu sagen, „auf halbem Weg“ zwischen Moskau und Fatima, erfüllen sich die „himmlischen Ratschläge“ an die bayerische Regierung. Zum ersten Mal wird in Bayern das kirchliche Hochfest der Patrona Bavariae gefeiert. Papst Benedikt XV. hat auf Bitten des bayerischen Königs Ludwig III. dieses Fest mit dem höchstmöglichen liturgischen Grad (das heißt Gloria, Credo und damals eine Oktav) und mit eigenen Texten für Messe und Brevier eingesetzt. Später wurde das Fest auf den 1. Mai gelegt, an dem überall auf der Welt Katholiken den heiligen Josef – passend zum säkularen „Tag der Arbeit“ – als heiligen Handwerker feiern.

In Bayern kann man – bezieht man sich auf die Schutzfrau des Landes – hoffnungsfroh die eingangs erwähnte Volksweisheit auf Maria anwenden: „Wie die Herrin, so all das ihre!“.

Genau das tut die Inschrift an der bekannten Mariensäule vor dem Rathaus in München, die die Mutter mit dem göttlichen Kind auf dem Arm und den Mond zu ihren Füßen zeigt: „Rem regem regimen regionem religionem conserva Bavaris, Virgo Patrona, tuis!“ („Die Sach’ und den Herrn, die Ordnung, das Land und die Religion erhalte deinen Bayern, Jungfrau Maria!“).

Größeres als Lokalpatriotismus

Das Fest der Schutzfrau Bayerns hat größere Bedeutung, als mancher möglicherweise mein. Es geht um mehr als weiß-blauen Lokalpatriotismus. Die auf der Mariensäule dargestellte Königin, trägt als Zeichen ihrer Würde die Kaiserkrone und das Zepter, die schon das Bild der ersten Patrona Bavariae Darstellung schmückten, die König Maximilian I. 1620 an der Fassade seiner Residenz anzubringen, um die Weihe seiner Person und seines Volkes an die Mutter Gottes darzustellen. Maria steht im Herzen Bayerns. Ganz buchstäblich! Die Mariensäule in München ist der „metrische Nullpunkt“ des Freistaates. Aber nicht nur das: Die bayerische Hauptstadt liegt – jeweils etwa 2000 km entfernt – in der Mitte zwischen Moskau und Fatima. Das Bild Mariens, der Königin, steht  im Zentrum der Achse Moskau – Fatima!

Im Mittelpunkt der Achse Moskau – Fatima

Maria ist die im ersten Buch der Bibel verheißene Frau, die die boshafte Schlange überwindet (vgl. Gen 3, 15). Am Sockel der Münchner Mariensäule sind vier bronzene Engel im Kampf dargestellt, die auf ihren Schilden Psalm 91 Vers 13 zitieren: „Super aspidem et basiliscum ambulabis et leonem et draconem conculcabis“ – „über die Schlange und den Basilisken wirst du schreiten, und den Löwen und den Drachen wirst du zertreten.“ Diese Worte beziehen sich hier auf den Sieg der Jungfrau über Seuchen (Basilisk), Hunger (Drache), Krieg (Löwe) und Häresie (Schlange). In Fatima spricht Maria vom Triumph ihres Unbefleckten Herzens. Blicken wir in München auf ihr Bild, so können wir – in mehrfachem Sinn – sagen: Auf halbem Weg ist dieser Sieg schon da!

Großes bayrisches Jubiläum: „100 Jahre – Patrona Bavariae“ – 13. Mai 2017 in München …

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel XI

Die öffentliche Meinung

 

Presse läuft Sturm

Wigratzbad spricht eine Sprache, die diese Welt nicht ver­steht, eigentlich nie verstanden hat. Der Bau des Gotteshau­ses war in vollem Gange, da lief die öffentliche Meinung – so pflegt man zu sagen, auch wenn sie gesteuert ist – Sturm gegen das Vorhaben. Wo demontiert werden kann, da wird nicht viel recherchiert, nicht viel geforscht, nicht gründlich hinter­fragt, da spielt der Wahrheitsgehalt eine untergeordnete Rolle. Was sich in vierzig Jahren an Misstrauen, Ablehnung, Spott, ja Zynismus ausleben durfte, das wurde wieder ausgegraben. Antonie Rädler wurde dämonisiert, wie in den dunkelsten Jahren des sog. Dritten Reiches.

In den Überschriften einiger Presseorgane spiegelte sich dieser Geist wieder. Und erschütternd ist, dass einige katho­lische Blätter eifrig mitzogen. In der „Allgäuer Zeitung“ vom 17. Februar 1973 wurde es mit unschuldiger Miene in die Frage gekleidet: „Wallfahrt oder Geschäft?“ Die geistige Di­mension, die dahinter stand, blieb den Schreibenden in den Redaktionsstuben verborgen. Andere glaubten, in dem Bau und in der Gebetsstätte überhaupt einen Spaltpilz innerhalb der Kirche des Bistums zu entdecken. So der „Südkurier“ am 6. Februar 1973. Dabei wurden dem Dekan von Lindau Aus­sagen in den Mund gelegt, die nicht zutrafen: „In Wigratz­bad sei alles reichlich obskur.“

Ähnlich lauteten andere Schlagwörter, z.B.: „Die wunder­samen Wunder von Wigratzbad“ oder „Ein Allgäuer Dorf wird wider Willen der Kirche Wallfahrtsort“. In der „Ost­schweiz“ aus St. Gallen hieß es am 14. August 1974: „Der Glaube allein macht selig. Ein Wunder für eine Mark zwan­zig“. Die „Stuttgarter Zeitung“ zitierte im Jahre 1974 in ihrer Nr. 88 eine angebliche Aussage aus dem Bischöflichen Ordi­nariat: „Pseudo- und Aftermystik“. Herabsetzender hätte man es nicht ausdrücken können.

In den katholischen Blättern der benachbarten Diözesen blieb man auf der gleichen Linie. Im „Passauer Bistumsblatt“ wurden die Gläubigen weniger ermutigt als entmutigt, diese Stätte zu besuchen. Darin hieß es: „Eine sehr problematische Kirche entsteht im Allgäu.“ Noch zwei Jahre nach der Fertig­stellung und feierlichen Einweihung der Kirche ließ man es am 4. Juni 1978 in der Jubiläumsnummer des „Katholischen Sonntagsblattes“ in einer Leserzuschrift sagen, die zeigte, wie sehr manchen Christen in den letzten Jahrzehnten der Geist des Kreuzes und seine Botschaft fremd geworden sind: „Das ist genau der Weg“, war zu lesen, „der zu den pharisäischen Sühnenächten in Wigratzbad und anderswo führt, wo man die Sünde anderer sühnen will.“

Vergessen sind die Worte Jesu bei Matthäus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24-25). Jesus hat das Kreuz auf sich genommen, um für die Sünden der Welt zu sühnen. Daran wird der Gläubige in jeder hl. Messe bei den Wand­lungsworten erinnert: „Das ist mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bereit zu sein, sogar für die Vergehen des Feindes zu sühnen, macht das Christentum zu einer unvergleichbaren Religion. Das ist christliches Glaubensgut seit 2000 Jahren. Wer dem Herrn nachfolgen will, soll sein Kreuz auf sich nehmen, in dem glei­chen Geist. Christentum bedeutet Verantwortung für den an­dern. Einer auf Selbstverwirklichung und auf Egoismus aus­gerichteten Kultur muss das befremdend erscheinen.

Vier Wochen vor der Einweihung entschloss sich Bischof Josef Stimpfle in seinem Amtsblatt zu einem klärenden Wort. Nach einer kurzen Vorgeschichte erläuterte er die Grundsätze, an denen sich die Seelsorge in Wigratzbad orientiert und in Zukunft ausgerichtet sein wird. Die kirchlichen Verhält­nisse seien geordnet.

Keine Minimalisten

Davon unbeeindruckt wandte sich die Tageszeitung „Der Westallgäuer“ wenige Tage vor der Konsekration an Antonie Rädler und Pater Johannes, um ihnen ein paar kritische Fra­gen zu stellen. Es erweckte den Eindruck, als wollte sie noch in letzter Minute verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Sie begründete ihre Initiative — wie es im Vorspann hieß — mit dem Hinweis darauf, dass die Gebetsstätte Wigratzbad in der Region umstritten sei. Weite Teile der Bevölkerung würden ihr mit Ablehnung oder mit Skepsis begegnen. Die Geistlichkeit verhalte sich reserviert. Antonie und Pater Jo­hannes bezeichnete das Blatt als Hauptverantwortliche.

Eine Zeitung kann unter dem Vorwand, zu informieren, eine Atmosphäre auch anheizen. Die Art der Fragen jeden­falls war nicht zimperlich. Schon in der ersten forschte man nach den Gründen dafür, warum sie den Wallfahrtsbetrieb „aufgezogen“ und ausgebaut habe. In der zweiten beruft man sich darauf, dass Kritiker bei der „Urheberin“ von „Geschäfts­tüchtigkeit“ sprechen. Ob der Besucherstrom ihr persönliche Vorteile gebracht habe, wurde unverblümt gefragt.

Antonie beantwortete die Fragen souverän. Aus Dankbar­keit für die Errettung vom sicheren Tod habe sie eine Marien­grotte auf elterlichem Besitz errichtet, vor der sie in freien Stunden betete. Nachbarn kamen dazu, Menschen von aus­wärts, die Sorgen auf dem Herzen hatten. Eine zarte Anspie­lung auf den Psychoterror, dem sie unter dem Naziregime ausgesetzt war. Persönliche Vorteile habe ihr der Pilgerstrom nicht eingebracht, eher das Gegenteil: Sorgen, Mühen und Ar­beiten bei Tag und Nacht, Sonntag und Werktag. In vierzig Jahren habe sie einmal für drei Tage Urlaub genommen.

Viele Christen vermissten in Wigratzbad die „Kirche von heute“. Ob man sich als konservative Randgruppe verstehe, die im Kampf mit der offiziellen Kirche stehe, ob man die vor­konziliare Kirche kultiviere, lautete die nächste Frage, und sie war an den Pater gerichtet. In Wigratzbad werde jener Spiel­raum genutzt, den die Kirche bei der Feier der Liturgie gelas­sen habe. Bestimmte Reformen seien ein Privileg, aber kein Muss, etwa die Handkommunion, um ein Beispiel zu nennen.

Schließlich kam die Rede auf den angeblich übertriebenen Marienkult in Wigratzbad, den Außenstehende festgestellt haben wollten, und dieser sei nicht im Sinne der Kirche. In Deutschland keine ungewöhnliche Frage, das seit langem ein gespaltenes Verhältnis zur Madonna hat, im Gegensatz zu ei­nigen anderen Ländern Europas, etwa Polen, Italien, Spanien und sogar Russland. Lächelnd konnte der Geistliche, ein in Theorie und Praxis erfahrener Theologe, diese Unterstellung zurückweisen. Ein solcher Widerspruch erkläre sich, wenn man in der neuesten Mariologie nicht zu Hause ist. Dann fügte er hinzu: Natürlich bin ich bei der Marienverehrung kein Minimalist, sondern gehöre eher zu den Maximalisten, aber gerade die haben im Laufe der Geschichte stets den Sieg da­vongetragen.

Am Ende wollte der Journalist eine Erklärung dafür, wa­rum die meisten Pilger nicht aus der näheren Umgebung, son­dern eher von außerhalb des Westallgäus herkämen. Der Seel­sorger empfahl, sich einmal die Fahrzeugschilder anzuschau­en, dann werde man feststellen, dass die Mehrzahl aus dem Allgäu und der Bodenseegegend komme. Übrigens blieben jahrzehntelange Verleumdungen eben nicht ohne Auswirkun­gen, besonders in der nächsten Umgebung. Aber die Tatsache, dass der Bischof des Bistums die Kirche selber konsekriere, sei ein Beweis dafür, wie gegenstandslos die vielen Vorwür­fe gewesen seien. Mit seiner Autorität decke er Wigratzbad und stehe für die Gebetsstätte ein.

Wenn Redakteure an katholischen Zeitschriften sich heute schwer tun, irreführende Behauptungen im Bereich des Glau­bens zurückzuweisen oder ihnen nicht nachzulaufen, wie es z.B. bei der Bibelkritik der Fall ist, wo man auf haarsträuben­de Berichte und Darstellungen stoßen kann, dann ist von Redakteuren der säkularen Presse nicht zu erwarten, dass sie für marianische Mystik ein offenes Ohr haben. Sie sind in diesem Bereich einfach überfordert. In der Auseinanderset­zung um ein christliches Weltbild wird Maria außerdem für Atheisten und Cafeteria-Christen immer ein Stein des An­stoßes bleiben.

 

Kapitel XII

Das Zelt

Welt braucht Beter

Was 1938 niemand erträumen konnte, niemand für mög­lich gehalten hätte, es war nach vierzig Jahren wahr geworden. Am 7. Mai 1976 wurde der Stiftungsbrief unterzeichnet, Vo­raussetzung für ein Gebäude, das für den öffentlichen Kult bestimmt ist. Drei Wochen später, am 30. Mai 1976 weihte der Oberhirte von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, eine aussage­starke Pilgerkirche in Wigratzbad ein. Es war der Sonntag vor Pfingsten und es waren nicht ein paar hundert Gläubige da­bei, wie einst bei der Einweihung der Grotte, es war ein Mas­senansturm aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Die Zeltkirche konnte maximal zwei- bis dreitausend Men­schen fassen. Gekommen waren 8000. Die Feierlichkeiten mussten über eine Lautsprecheranlage nach außen übertra­gen werden.

Pater Johannes Schmid, der seit einigen Jahren die Pilger betreute, begrüßte den Bischof im Namen der Gebetsstätte „Maria vom Sieg“. Die Bedeutung der bischöflichen Entschei­dung für Wigratzbad kurz nach seiner Ernennung fasste er in einem Satz zusammen: „Dieses Ereignis ist ein überzeu­gender Beweis, dass Wigratzbad keine Sekte ist, nicht im Wi­derspruch steht zur offiziellen Kirche.“ Vor ihren geistigen Augen dürfte Antonie die monumentale Sühnekirche auf dem Montmartre in Paris gehabt haben, die sie vor dem Zwei­ten Weltkrieg besuchen durfte. Nun gab es eine solche in Deutschland.

Nach dem feierlichen Amt am Vorabend nahm der Ober­hirte an den Sühnegebetsstunden teil, betete selbst vor. Sie dauerten bis zur Frühmesse um 7 Uhr. So setzt man große Beispiele. Am Sonntag um 9 Uhr begann dann die feierliche Konsekration. In einer Prozession wurden die Reliquien vom Seitenaltar abgeholt und in den Hauptaltar versenkt. Seit ih­ren Anfängen feierte die Kirche das heilige Opfer über den Gräbern der Märtyrer.

Die Auswahl spricht für sich. Es waren Reliquien der Mär­tyrin Christina, die gegen Ende des 3. Jahrhunderts, also in der Zeit der Urkirche, von ihrem eigenen Vater um des Glau­bens willen einem grausamen Tod ausgeliefert wurde. Die an­deren waren von Karl Lwanga, dem Anführer der Märtyrer von Uganda, die am 3. Juli 1886 für ihren Glauben hinge­richtet wurden, also Zeugen aus der Neuzeit. Ein Bogen der Entscheidung für Gott spannt sich von den Anfängen bis in die beginnende Moderne.

Lwanga war Vorsteher von 500 Pagen des Königs, unter ihnen bereits einige Christen, die er besonders vor sexuellen Übergriffen des Königs schützte. Aber andere gewannen Ein­fluss auf den jungen Monarchen. Das besiegelte ihr Schicksal. Am Abend des 25. Mai 1886 zwang der König alle, Farbe zu bekennen. Lwanga und 21 andere bekannten sich zum Chris­tentum. Sie wurden zum Tode verurteilt und mussten zu Fuß 60 Kilometer zum Richtplatz zurücklegen, dann wurden sie auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen. Ein Verwand­ter einer dieser Märtyrer wurde der erste farbige Bischof von Afrika. Bei der Heiligsprechung der Märtyrer feierte er gera­de sein silbernes Bischofsjubiläum.

Die Weihepredigt von Bischof Stimpfle war von besonderer Tiefe und Aktualität: „Christi Sühne aus Liebe zur sündigen Welt ist die Mitte des Heilswerkes“, sagte er. „Die Heiligung, das unsagbar hohe Geschenk der Sühne Christi, soll durch die geheiligten Beter der im Argen liegenden Welt erfleht werden. Die Welt braucht Menschen, die die Nacht durchbe­ten, um die Sünder mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu vermitteln.

In einer Zeit, die Gott vergisst, ist in Wigratzbad eine Stät­te des Gebetes erblüht. Inmitten einer Kirche, die viel über ihre Erneuerung diskutiert, wird in Wigratzbad die Antwort liebender Hingabe in der Herzensgesinnung Jesu und Mari­ens geübt. Im Kampf gegen den Fürsten dieser Welt, der die Geister verwirrt und viele Menschen ins Verderben stürzt, wird im Geiste des gekreuzigten Erlösers Sühne geleistet, um Menschen zu retten. Wer möchte in Abrede stellen, dass die Welt Beter braucht, Beter, die Nächte durchbeten, um Sün­der mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu bringen; Beter, die Sühne leisten für das, was in unserer Gesellschaft und unserem Volk geschieht, wenn Grundwerte des Lebens, die Fundamente des Glaubens und der Kirche aus­gehöhlt werden und der Zeitgeist des Materialismus und Sä­kularismus zu einem Leben verführt, das nur an sich denkt und die Erfüllung und den Sinn des Daseins im Genuss der irdischen Güter sucht.“

Beim anschließenden Festessen fasste er in seiner kurzen Abschiedsrede noch einmal seine Meinung über das Lebens­werk von Antonie Rädler zusammen: „Dass jemand durch vierzig Jahre jede Woche mindestens eine Nacht durchgebe­tet, vierzig Jahre dies durchgehalten hat, so etwas habe ich noch nirgendwo gelesen oder gehört. Da ist ein Quell aufge­brochen, eine Quelle, die von Gott ausgeht. Das ist die heu­tige Festfreude. Deswegen freuen wir uns mit Antonie Räd­ler, dass der liebe Gott alles so wunderbar geführt hat. Ich hänge mich mit der ganzen Diözese bei Ihnen an.“

Damit hat eine leidvolle Entwicklung über vier Jahrzehnte einen krönenden Abschluss gefunden. Er zeigt, dass Maria unter „siegen“ etwas anderes versteht als der Mensch in sei­ner blutgetränkten Geschichte. Es ist ein Sieg des Sühnege­dankens, zu dem Maria unter dem Kreuze ihr Ja gegeben hat.

An dieses Ja möchte sie den Menschen über die Geschichte von Wigratzbad erinnern.

Nicht allein gelassen

Wer von Gott zu einer außergewöhnlichen Aufgabe beru­fen wird, den lässt er nicht allein. Man sieht es am Beispiel großer Ordensstifter oder jener, die Erneuerungsbewegungen ins Leben gerufen haben. Antonie Rädler sollte es auch er­fahren. 1949 trat eine 36-jährige Frau, das neunte von elf Kin­dern einer christlichen Familie, an ihre Seite – es war There­sia Moser, Schwester des praktischen Arztes Dr. Konrad Moser aus Bechtersweiler. Über zehn Jahre als Verkäuferin in einem großen Kaufhaus tätig, musste sie ihre Stelle aus gesundheit­lichen Gründen aufgeben. Ein halbes Jahr half sie in der Pra­xis ihres Bruders aus.

Von ihrer Schwester eines Tages dazu eingeladen, an einer Sühnenacht in Wigratzbad teilzunehmen, sträubte sie sich zunächst, gab dann schließlich nach. In den ersten Stunden konnte sie ihre innere Abneigung nicht überwinden. Aber ge­gen 23 Uhr fiel alle Müdigkeit von ihr ab, die Atmosphäre des Gebetes drang in ihre Seele. Sie hielt bis zum frühen Morgen durch. „Ich komme wieder“, sagte sie zum Abschied.

Im September sprach Antonie sie an, ob sie nicht für im­mer zu ihr kommen möchte. Sie wollte es sich noch überle­gen. Zu ihrer Schwester meinte Antonie jedoch: „Die kommt zu mir. Die Gottesmutter hat sie mir gezeigt und mir gesagt, dass sie zu mir kommt.“

Nach einem Gespräch in Wigratzbad wurde Theresia auf ihrem Fahrrad von zwei Männern über eine längere Strecke verfolgt. Es gelang ihr nicht, sie abzuschütteln. In ihrer Angst zog sie den Rosenkranz aus der Tasche, wickelte ihn um ihre Hand und ließ ihn herunterhängen. Als die beiden ihn be­merkten, verschwanden sie. Auf der Weiterfahrt sah sie plötz­lich einen dicken Baumstamm auf der Straße liegen. Sie stieg ab und wollte ihn wegräumen, aber er war zu schwer. So hob sie das Rad über den Stamm hinweg und wollte zum nächs­ten Haus fahren, um Hilfe zu suchen. Da sah sie mit Entset­zen ein Auto ankommen. Der Baum hätte zum Verhängnis für den Fahrer werden können. Zu ihrem maßlosen Erstau­nen fuhr der Wagen jedoch ohne anzuhalten vorbei. Das Hin­dernis war verschwunden. Ein heiligmäßiger Priester erklär­te ihr später, das alles sei ein Versuch der Hölle gewesen, sie davon abzuhalten, nach Wigratzbad zu gehen.

Daheim fand sie vier Angebote vor. Es waren günstige Ar­beitsplätze. Außerdem hielt jemand um ihre Hand an. In die­ser Situation bat sie die Gottesmutter um Entscheidungshilfe. Am darauf folgenden Donnerstag fuhr sie zur Sühnenacht nach Wigratzbad. In der Esspause blieb sie allein in der Ka­pelle zurück und betete in ihrem Herzensanliegen. Da hörte sie eine innere Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten ge­braucht!“ Als die junge Frau nachfragte: „Was willst du von mir?“ hörte sie abermals die gleiche Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten gebraucht.“ Am Morgen erklärte sie Anto­nie Rädler ihre Bereitschaft, zu kommen. Diese antwortete lächelnd: „Ich wusste es bereits.“

Ein Gotteshaus allein schafft es nicht. Es sind Menschen, betende, ganz auf Gott ausgerichtete Menschen, die ihm seine Ausstrahlung geben. Theresia, von allen Resi genannt, wurde die rechte Hand Antonies und das Herz der Gemeinschaft. Über Jahre oblag ihr die Buchführung, außerdem kümmerte sie sich um die Devotionalien, die an einer Gebetsstätte im­mer gefragt sind. Sie verband gesunden Menschenverstand mit Frohsinn. Mit Energie und Tatkraft meisterte sie schwie­rige Situationen, wirkte ausgleichend. Menschen verschiede­nen Charakters hielten zusammen und blieben dem Werk verpflichtet. Von unvoreingenommenen Beobachtern wurde es als Wunder der Gnade bezeichnet.

Kurz vor ihrem Tode ließ Antonies Mutter Resi ans Ster­bebett kommen und nahm ihr das Versprechen ab, Antonie die Treue zu bewahren. Zu diesem Versprechen stand sie. Nach Antonie wird Theresia Moser das größte Verdienst am Aufblühen der Gebetsstätte zugeschrieben.

Im Jahre 1955 wurde Resi am Pfingstmontag von einem Mann angesprochen, der sich als Anton Walz vorstellte. Ihm war am Motorrad die Kette gerissen, er bat um fünf Mark, die er auf jeden Fall zurückbringen wollte. Resi führte ihn zu Antonie Rädler. Die fragte nach seinem Beruf. Als er sich als Maurer bezeichnete, reagierte sie erfreut und schlug ihm vor, während das Rad repariert werden sollte, bei der Fertigstel­lung des Sanatoriums mitzuhelfen.

Anton Walz gefiel es so gut, dass er Neigung zeigte, für im­mer dort zu bleiben, fürchtete jedoch, sein Arbeitgeber wür­de ihn nicht freigeben. Wider Erwarten willigte dieser jedoch sofort ein und ließ seinen besten Arbeiter gehen, was er später selber nicht verstehen konnte. Es sei wohl eine höhere Kraft gewesen, die ihn dazu bewogen habe. An den Anlagen der Gebetsstätte gab es praktisch nichts, bei dem er nicht mit Hand angelegt hätte, ob Speisesäle, Kühlkeller, ob die Asphaltierung der Wege auf dem Kreuzhügel oder die Treibhäuser, die das Haus das ganze Jahr mit Frischgemüse versorgten. In der Ge­betsstätte fand er sogar seine Frau.

1967 heiratete er Maria Krug, Jahrgang 1915, aus Kisslegg. Sie war 1952, drei Jahre vor ihm, nach Wigratzbad gekommen. Ihr Vater war einer der Ersten, der die Sühnenächte vor der Grotte durchbetete. Der Geist des Vaters ging auf die Tochter über. Sie stand als Köchin zur Verfügung, schmückte die Ka­pelle und später die Kirche, gestaltete mit Resi Moser die Süh­nenächte und die Gottesdienste. Über Jahrzehnte stand sie dem Werk zur Verfügung und hat ihm ihr Leben geweiht.

Nicht unerwähnt bleiben kann hier eine weitere Kraft, Schwester Maria Kennerknecht, Jahrgang 1893. Nach ihrer Versetzung beim Roten Kreuz in den Ruhestand nahm sie 1954 ihren Dienst bei Antonie auf. 28 Jahre hindurch hat sie der Stätte unermüdlich gedient, vor allem bei der Kranken­versorgung. 1982 wurde sie in die Ewigkeit abberufen.

Das Kieswunder

Alle vorgestellten Personen haben Tag für Tag, oft auch die Nacht hindurch, ohne Urlaub, ohne irdischen Gewinn, mit einem kargen Gehalt, viele Stunden, oft bis zur Erschöpfung gearbeitet und viele Stunden gebetet. Jeden Abend hat Anto­nie mit den Angestellten zwei und mehr Stunden im Gebet verbracht. Bisweilen kamen in einer Woche mehrere Sühne­nächte zusammen. Einmal haben sie, so berichtete Resi, in dreieinhalb Tagen nur acht Stunden geschlafen.

Bei dieser Einstellung blieb außerordentliche Hilfe von oben nicht aus. „Als wir das Haus im Garten bauten“, erzählte spä­ter Theresia Moser, „war ich den ganzen Tag an der Beton­maschine tätig. Gegen Mittag sah ich besorgt auf den Kies­haufen, der immer kleiner wurde. Da riefen wir den Bau­meister. Kies hätte er liefern können, hatte aber keine Arbeiter, ihn zu verladen. Da ging Antonie Rädler vorbei. Ich klagte unsere Not. Sie war auf dem Weg zum Kreuzhügel, um dort zu beten. Als sie zurückkam, sagte sie kurz: „Macht nur weiter, der Kies wird reichen!“ Tatsächlich, der Haufen wurde nicht kleiner. Die Decke wurde fertig und es blieben noch fast drei Kubikmeter übrig.“ Ein Vorgang, der übrigens auch aus dem Leben des Pfarrers von Ars berichtet wird.

Diese treuen Begleiter, Gott ganz ergebene Menschen, wa­ren all die Jahre hindurch der Verachtung, dem Hohn und der Verleumdung ausgesetzt. Von Seiten der Bevölkerung schlug ihnen falscher Argwohn entgegen. Auf diese Weise teilten sie das Schicksal Antonies, die sogar von den Kanzeln herunter angefeindet und verunglimpft wurde.

Ideale Voraussetzung

Neben diesen Menschen, jeder in sich eine Persönlichkeit, haben in den späteren Jahren einige Priester die geistliche At­mosphäre geprägt und entfaltet. 1969 stieß Johannes Schmid zur Gemeinschaft, Mitglied des Ordens der Passionisten. Erzbischof Stimpfle nannte ihn eine besondere Aufmerksam­keit Gottes. Die Passionisten sind eine Gemeinschaft, die sich in besonderer Weise der Verehrung des Leidens Christi ver­pflichtet weiß.

Gegründet wurde der Orden 1720 durch den blutjungen Paolo Francesco Danei (1694-1775), der sich später Paul vom Kreuz nannte. Geboren in einer reichen Familie in Ovada in Norditalien, hatte er mit 19 Jahren ein Erlebnis, das ihn be­wog, sich einem dem Gebet gewidmeten Leben hinzugeben. Ein kluger Kapuziner machte ihm klar, dass der Mensch, der auf Gott zugehen will, der Liebe in allem den Vorrang geben und sich von eigenen Gottesbildern lösen muss. Die Erkennt­nis, dass Gott am ehesten im Leiden Christi gefunden werden kann, wurde zur stärksten Triebfeder, sein Leben der Verbreitung dieser Botschaft zu widmen. Die Verehrung des Leidens Christi wurde zum Hauptmerkmal seines Ordens. Paul vom Kreuz gilt als größter Mystiker des 18. Jahrhunderts.

Diese Geisteswelt war eine ideale Voraussetzung für ein Wirken an der Gebetsstätte in Wigratzbad. Mit brennendem Eifer widmete der Passionist sich den zunehmenden Scharen von Pilgern und versuchte ihnen die Bedeutung des Gebetes und der Sühne nahe zu bringen. Seine letzte Ruhestätte fand er 1987 in der Ölbergkapelle im Schatten der Sühnekirche ne­ben Antonie Rädler, die ihm nur ein paar Jahre später folgte.

Die nachlassenden Kräfte von Pater Schmid im Blick, fällte Bischof Stimpfle rechtzeitig eine weitsichtige Entscheidung, die etwas von der Instinktsicherheit dieses Oberhirten erah­nen lässt. Von der berühmten Wieskirche im Allgäu holte er sich einen erfahrenen Theologen, Dr. Dr. Rupert Gläser. Die­ses 1744 erbaute Gotteshaus ist eine Wallfahrtskirche unter dem Titel „Zum Gegeißelten Heiland“. Vielen ist sie jedoch eher bekannt wegen ihrer fantastischen weltberühmten Ar­chitektur. Aber wichtiger ist die Theologie, die sich in ihr aus­drückt. Diese sieht den wesentlichen Zug der Kirche in ihrem eschatologischen Charakter, mit anderen Worten, sie sollte sich nicht von Zeit und Raum einengen lassen, ihr Blick muss vielmehr ständig auf die Wiederkunft des Herrn ausgerichtet sein. Das gefiel gegen Ende des 18. Jahrhunderts – wie auch heute – dem Zeitgeist ganz und gar nicht.

Von einer solchen Theologie geprägt, war Rupert Gläser eine glückliche Besetzung für Wigratzbad. Ihm oblag im Sinne des Oberhirten die Aufgabe, den Geist der Gründergenera­tion in unsere Zeit hinüberzutragen. Das ist ihm in den Jah­ren von 1984 bis 1999, als ihm die Leitung der Stätte anver­traut war, gelungen. Noch heute strahlt er etwas von dieser an ihn ergangenen Berufung aus.

1999 wurde er als Direktor von Thomas Maria Rimmel abgelöst, ernannt von Bischof Dr. Viktor Josef Dammertz, dem Nachfolger von Dr. Josef Stimpfle auf dem Bischofssitz von Augsburg. Rimmel leitete eine neue Phase ein. Er ver­sucht den Geist der Weltkirche in die Stätte hineinzubringen. Typisch dafür ist, dass er an dem weltberühmten Erschei­nungsort Guadalupe in Mexico an Priesterexerzitien teilge­nommen hat. Auch eine Fußwallfahrt nach Santiago de Com­postella gehört dazu.

Seit 1988 hat sich in Wigratzbad die romtreue Petrusbru­derschaft niedergelassen und unterhält dort ein Priestersemi­nar. Um Missverständnissen vorzubeugen, hat Rimmel eine behutsame Entflechtung der Gebetsstätte und der Bruder­schaft vorgenommen. Sein Motto lautet „Integrieren, nicht isolieren“. Das gilt für alle Bewegungen und Gemeinschaften. Programm und eingeladene Gäste, u.a. auch aus Rom, zeigen, dass ihm dies gelungen ist.

Antonie Rädler habe die Menschen im Gebet mitgerissen und ganze Nächte mit ihnen durchgebetet. Daraus seien die sog. Sühnenächte entstanden und zu einem zentralen Moment im Leben der Gebetsstätte geworden. Wigratzbad sei ein Ort – so Rimmel in einem Interview –, der Freude ausstrahle. Das hänge damit zusammen, dass man der Versöhnung des Menschen mit Gott einen hohen Stellenwert einräume. Die Menschen hungerten nach der Botschaft vom Frieden mit Gott. Das zeige u.a. die feierliche Gestaltung des Weißen Sonn­tags als sog. Barmherzigkeitssonntag.

Von Bischof Dr. Walter Mixa, einem Nachfolger im Amt von Dr. Josef Stimpfle, wurde Thomas Maria Rimmel als Di­rektor der Stätte in den Priesterrat der Diözese aufgenommen, ein Beweis für die volle Integration der Gebetsstätte in das Leben der Kirche.

In Wigratzbad wurde im Rahmen der wöchentlichen Süh­nenacht am Donnerstagabend ein Heilungsgebet mit Hand­auflegung durch die anwesenden Priester eingeführt. Der mo­natliche Krankentag mit Eucharistischem Einzelsegen zählt zu den Höhepunkten im Wallfahrtsleben. Ein besonderes Cha­risma, zu segnen, haben die Gläubigen bei dem indischen Priester Santan Fernandes aus St. Ulrich a. Pillersee in Öster­reich entdeckt, der aus diesem Grunde mehrmals im Jahr in die Sühnekirche kommt.

Eng verbunden ist der Stätte auch Erich Maria Fink, gebo­ren in Isny im Allgäu. Von 1992 bis 1995 hat er die Gebets­stätte Marienfried betreut. Zum Beginn des Jahres 2000 wur­de er für den Dienst in Russland freigestellt und ist nun Pfar­rer der Gemeinde „Königin des Friedens“ in Beresniki im Ural. Er ist Wigratzbad treu geblieben und gibt dort zweimal im Jahr Exerzitien.

Ganz von Wigratzbad erfasst wurde auch ein Priester aus der Diözese Hildesheim. Es ist Pfarrer Bernhard Kügler. Seit dem Jahre 2000 steht er der Gebetsstätte zur Verfügung. Die dort gepflegte Geistigkeit entsprach so sehr seinen Vorstel­lungen, dass er sich ihr voll zur Verfügung stellte.

K-TV

Eine Erweiterung des Wirkungsbereiches der Stätte ergab sich in den letzten Jahren durch die Verbindung mit dem ka­tholischen Sender K-TV. Das „K“ steht für Kephas, das grie­chische Wort für Felsen. Er hat sein Hauptstudio im nicht sehr entfernten Dornbirn, im Dreiländereck am Bodensee. Der Sender ist die Verwirklichung eines lang gehegten Wun­sches des Schweizer Geistlichen Hans Buschor aus der Diözese St. Gallen. Er will die christliche Frohe Botschaft in einer säkularen Welt über das Fernsehen verkünden. Besonders ge­pflegt werden dabei Veranstaltungen mit dem Papst in Rom und anderweitig. Oft die einzige Möglichkeit im deutschspra­chigen Raum, über die Reisen des Nachfolgers auf dem Stuhl Petri informiert zu sein.

Medienfachleute gaben der Initiative wenig Chancen. Aber der Sender, der am 11. September 1999 erstmals die Ausstrah­lung auf einem eigenen Kanal über Satellit durchführen konn­te, feierte 2009 sein zehnjähriges Bestehen. In Wigratzbad wurde eigens ein Studio eingerichtet, um Gottesdienste und andere Veranstaltungen zu übertragen.

Von einer solchen neuen Möglichkeit, die Botschaft von Sühne und Versöhnung in die Welt auszustrahlen, hat Anto­nie Rädler noch nicht träumen können. Aber Gott wirkt im­mer und führt fort, wo menschliches Leben seine Grenzen findet. Die Kirche ist unterwegs, woran das Gotteshaus auf dem Hügel Besucher und Pilger erinnert. Sie schreitet voran — bewegt u.a. von Impulsen, wie sie von Orten wie Wigratz­bad immer wieder ausgehen —, der Ewigkeit entgegen, allen Versuchen zum Trotz, die Menschen auch über die Medien mit vorgegaukelten Paradiesen von diesem Weg abzubringen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel X

Geistiger Frühling

Vaterfigur aus dem Buch

Zu den Eigenarten der Gebetsstätte Wigratzbad gehört ­– worauf schon hingewiesen wurde –, dass auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Personen mit einbezogen wurden, um ein Vorhaben voranzubrin­gen, das ganz offensichtlich vom Himmel gesteuert wurde. In diesen Rahmen gehört die ungewöhnliche Gestalt eines Oberhirten, der am 12. September 1963 von Papst Paul VI. zum Bischof von Augsburg ernannt wurde.

Geboren in Maihingen am 25. März 1916 – an einem be­deutenden Marienfest also – in einer aus dem Glauben heraus lebenden Familie, schickte diese ihn mit zehn Jahren in das bischöfliche Knabenseminar nach Dillingen an der Donau. Nach dem Abitur entschied er sich 1935 für die Theologie. Seine Betreuer legten ihm bald nahe, sich um die Möglichkeit eines Studiums an der berühmten päpstlichen Universität, der Gregoriana, in Rom zu bewerben. Damit war seine spätere Laufbahn vorgezeichnet. In der Ewigen Stadt bekam er etwas von der Atmosphäre der Weltkirche mit. Seinen Aufent­halt dort musste er 1940 jäh unterbrechen, weil er zum Wehr­dienst nach Deutschland einberufen wurde.

Nach dem Kriege empfing er von Bischof J. Kumpfmüller die Priesterweihe. Beide ahnten nicht, dass der Geweihte den Weihenden einmal in einer wichtigen Sache korrigieren sollte. Anschließend war er zwei Jahre in der Seelsorge in Augs­burg tätig. 1948 konnte er dann sein Studium in Rom fortsetzen, das er 1951 mit dem Doktortitel abgeschlossen hat. Ein Jahr danach wurde er zum Subregens am Priesterseminar in Dillingen ernannt. Von dort, etwa zehn Jahre später, auf den Bischofssitz von Augsburg berufen.

Er war das genaue Gegenteil seiner beiden Vorgänger und hatte ein ganz anderes Selbstverständnis von seinem hohen Amt. Er wollte geistiger Vater aller sein und somit etwas von der väterlichen Güte Gottes ausstrahlen. Das überzeugte und machte ihn sehr populär. Gegenüber geistigen Impulsen zeig­te er sich aufgeschlossen und ließ sich diesbezüglich nicht von Vorurteilen in die Irre führen. Oft kam er bei den Besuchen unserer indischen Kinder mit Geschenken unter dem Arm. Aber er begnügte sich nicht damit, diese nur zu überreichen. Noch heute haben unsere Töchter, inzwischen reife Frauen und selbst zum Teil schon Mütter, vor Augen, wie er sich mit ihnen auf den Teppich setzte, um ihnen die mitgebrachten Spiele zu erläutern und mit ihnen zu spielen. Eine Vaterfigur wie aus dem Buch.

Als er einmal nach einem Besuch unser Haus verließ, traf er auf der Straße eine Gruppe von Bauarbeitern an, die er so­fort begrüßte und ansprach. Wegen des Autos erkannten sie ihn natürlich als Bischof und waren entsprechend beein­druckt. Als Mitbrüder im Amt Bedenken gegen einen regel­mäßigen Besuch in unserem Hause äußerten, hat ihn das wenig beeindruckt. Im Gegenteil. In der Bischofskonferenz bekam er Gelegenheit, einiges über den bekannten Journalis­ten zurechtzurücken. Auch Johannes Paul II. wurde von ihm über die literarische und publizistische Tätigkeit des Autors unterrichtet.

Das alles konnte er guten Gewissens tun, denn sein Mit­bruder im Amt aus Rottenburg-Stuttgart, Bischof Dr. Georg Moser, war der zweite regelmäßige Besucher in unserem Heim und hat die indischen Kinder mitsamt ihren Eltern einmal für zwei Tage in seine Residenz eingeladen. Beide Oberhir­ten sprachen ihre Visiten miteinander ab, um zeitlich nicht aufeinander zu treffen. Beides Persönlichkeiten von ganz gro­ßem Format, die sich voll als Dienende verstanden.

Die Ernennung Stimpfles zum Bischof erfolgte rechtzeitig, um ihn noch am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen zu lassen. Als Neuling musste er in den hintersten Rängen, nahe der Tür, Platz nehmen, ein Bereich, der von den älteren Bischöfen scherzhaft als „Kindergarten“ bezeichnet wurde. Das hinderte ihn nicht daran, viele Kontakte zu knüpfen, die über Jahre hielten, u.a. auch mit dem damaligen Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II., den er tatkräftig unterstützte, was dieser unter dem kom­munistischen Regime dankbar zu würdigen wusste.

Glaubenssehnsucht bricht durch

Als ihn kurz nach seiner Bischofsweihe der Dekan von Lindau, Josef Hirschvogel, sofort darauf aufmerksam mach­te, dass in Wigratzbad etwas gutzumachen sei, stieß das auf sensible Ohren. Josef Stimpfle ahnte, dass er dieser Anregung folgen musste, und machte sich bereits in den ersten Wochen unerkannt auf den Weg zu der umstrittenen Stätte, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, was dort ablief. So han­deln wahrhaft unabhängige Männer. Er begnügte sich nicht mit dem Bericht aus dritter Hand, er wollte sich selber ein Urteil bilden.

Womit er nicht gerechnet hatte war, dass die Seherin An­tonie ihn erkannte und ihn in ihr Haus einlud. Einen ganzen Nachmittag konnte er sie befragen und ausforschen. Es zeugt von einem besonderen Charisma, dass er damals den „Finger Gottes“ am Wirken erspürte.

In Wigratzbad brach im tiefsten Winter ein geistiger Früh­ling an. Nach vorurteilsfreier Prüfung der Angaben des De­kans in Lindau und des Ortspfarrers Ludwig Dorn in Wohm­brechts lautete die Entscheidung aus Augsburg: „Die Kapelle soll für den öffentlichen Gottesdienst geöffnet werden.“ Am 24. Dezember 1963 durfte der Pfarrer in dem nun als öffent­licher Kapelle anerkannten Heiligtum das hl. Messopfer fei­ern und das Allerheiligste aufbewahrt werden. Die Freunde der Stätte jubelten.

Eine über ein Vierteljahrhundert angestaute Glaubenssehn­sucht brach sich Bahn. Sie explodierte förmlich. Im Jahre 1966 zählte man im Jahr bereits 25 000 ausgeteilte Kommunionen, 1967 stieg die Zahl auf 32 000, 1968 auf 40 000, 1969 regis­trierte man zum Vorjahr eine Verdoppelung auf 80 000 und ab 1970 auf über 100 000 mit steigender Tendenz.

In den Wintermonaten von 1965/1966 führte der Passio­nistenpater Johannes Schmid (1897-1987) sechs marianische Exerzitienkurse durch, an denen mehr als 300 Personen teil­nahmen. 1969 kam er für immer nach Wigratzbad und stand bis 1987 den Pilgern als Seelsorger zur Verfügung. Viele sehen in ihm, übrigens ein Altersgenosse der Seherin, einen Mitbe­gründer der Gebetsstätte.

Zu den Sühnenächten platzten die obere und die untere Kapelle aus allen Nähten. Immer mehr Beter fanden keinen Platz mehr. Mehrere Priester hatten in den Nächten Mühe, den wartenden Gläubigen das Sakrament der Versöhnung zu spenden, in einer Zeit, in der in vielen Kirchen die Beicht­stühle verschwanden und oft nie mehr auftauchten. Es wurde erweitert, aufgestockt, ausgebaut. Die Angestellten arbeite­ten bis in die Nächte hinein, um Platz für die Pilger zu schaf­fen. Eine Lautsprecheranlage übertrug die Gottesdienste in drei Säle. Der Pilgerstrom schwoll an, von niemandem ge­trieben, gedrängt. Es war der Geist von oben, der sie führte. Im Sommer begann man die hl. Messen ins Freie zu verle­gen. Im Winter dagegen wurde die Raumnot unerträglich.

Die Situation rief nach einem größeren Gebetsraum oder nach einer Kirche für tausend bis zweitausend Menschen.

Diese Erfahrung sollte viele Oberhirten nachdenklich ma­chen, wie die aufgeschlossene Haltung eines Bischofs gegen­über dem Wehen des Heiligen Geistes ungeahnte Schleusen der Glaubenssehnsucht öffnen kann. Josef Stimpfle, bei seiner Ernennung für damalige Verhältnisse ein eher blutjunger Bi­schof von erst 47 Jahren, wurde der einzige Bischof Deutsch­lands, der in den letzten hundert Jahren eine Marienerscheinung in seiner Diözese persönlich als echt erkannte und die Verehrung der Stätte förderte. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Bestimmte Kreise hielten mit ihrer Abneigung nicht zurück und verleumdeten ihn bis über den Tod hinaus.

Der Bau der notwendig gewordenen Kirche wurde zu einer weiteren Herausforderung. Das Anliegen überstieg die Kräfte einer Privatperson. So kamen am 21. Juli 1971 zehn Personen zusammen (fünf Priester und fünf Laien), um die rechtlichen Grundlagen zu schaffen. Der Verein „Maria vom Sieg e.V.“ wurde ins Leben gerufen. Die Baukosten schätzte man auf drei bis vier Millionen Deutsche Mark. Antonie Rädler übertrug ihr gesamtes Vermögen auf den Verein, u.a. ein großes Land­gut in Wangen in bester Lage. Es wurde zur wichtigen Rü­ckendeckung für den geplanten Bau. Die Schenkungsurkunde wurde ausgearbeitet und die Bedingungen festgelegt.

Das Finanzamt sah nach eingehender Prüfung aller Ein­nahmen und Ausgaben in den letzten zehn Jahren kein Pro­blem, die Spendenaktion zugunsten der Kirche zu erlauben und die Steuerbegünstigung zu bewilligen. Die Aktion konn­te anlaufen. Die mustergültig geführte Buchhaltung durch einen früheren Angestellten der Stadt Lindenberg wies ohne Zuschuss der Diözese in kurzer Zeit die Summe von vier Millionen Deutsche Mark auf. Die Spenden vieler Wohltä­ter, besonders jener, die hier Hilfe und Heilung erlangt hat­ten, machten es möglich.

Zwei Mentalitäten

Dennoch galt es neue Hürden zu nehmen. Die Behörden, die kirchlichen und die staatlichen, sperrten sich. Am 4. April 1971 erschien die bischöfliche Baukommission in Wigratz­bad, stellte viele Fragen. Die Reaktion der Herren zeigte, dass man kein Vertrauen in die Zukunft des Objektes hatte. Man ließ durchblicken, was man dachte: mit dem Tode der Sehe­rin würde alles sein Ende finden. Aus diesem Grunde schlug man einen Bau vor, der später anderen Zwecken zugeführt werden könnte, etwa als Lagerhalle. Antonie begründete trotz­dem ihr Werk mit so großer Überzeugungskraft, dass die Kommission nicht umhin konnte, ihr zu versprechen, das Gut­achten dem Bischof vorzulegen. Hier waren zwei Denkweisen aufeinander gestoßen – die menschliche, auf das Praktische ausgerichtete, und die mystische, die in einer ganz anderen Dimension beheimatet war und von dort her ihre Sicherheit bezog. Das Gutachten verschwand in der Schublade. Aber der Oberhirte ließ nicht locker, er fragte nach und drängte, die Sache zu fördern.

Nun sträubten sich die staatlichen Ämter. Der eingereich­te Plan des Architekten wurde verworfen, andere Vorschläge gemacht, um eine angeblich optimale Lösung zu finden. Die Absicht war eine andere. Antonie durchschaute sie und lehn­te ab. Da schlug endlich ein Regierungsbaurat vor – und zwar gegenüber dem Sohn des Erbauers der Kapelle „Maria vom Sieg“ –, einen angesehenen Architekten zu finden. Er nann­te Prof. Gottfried Böhm aus Köln. Dem würde man so leicht nichts abschlagen können. So geschah es. Der Professor kam nach Wigratzbad, schaute sich alles an und wollte innerhalb von drei Monaten den Entwurf vorlegen.

Die inzwischen über 70 Jahre alte Antonie trug schwer un­ter dieser Verantwortung. In schlaflosen Nächten betete sie um Erleuchtung, und der Himmel blieb nicht stumm. Am 11. Januar 1972 sah sie am Abend während des Rosenkranzes plötzlich die Gottesmutter oben am Himmel. Die Madonna brachte in den schwarz-dunklen Himmel eine große Lichtfülle zwischen rechts und links aufgeschichtete Felsblöcke, die sich von der Erde bis zum Wolkenhimmel auftürmten. Da erschie­nen Engelchöre, die mit Blitzesschnelle die großen Blöcke nach rechts und links schoben, so dass das Licht in der Mitte vom Wolkenhimmel bis zur Erde alles erhellte und überflutete.

„Innerlich erkannte ich“ — so Antonie „dass die Gottes­mutter jetzt die von der Hölle aufgetürmten Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Eine große innere Ruhe und Freude kam über mich und ließ mich die nächsten Nächte ohne Stö­rung durchschlafen.“ Ein paar Tage später sah sie während der hl. Messe innerlich den himmlischen Vater gütig herab­schauen und hörte die Worte: „Fange mit dem Bau an! Ich segne dich in meiner Allmacht, Weisheit und Güte. Ich bin mit dir. Fürchte nichts! Mein Segen bewirkt alles, überwindet alles, führt das Begonnene zum Ziel. Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, der Mutter Güte bereitet alles wunderbar. Fange an in meinem Namen. Mein Segen ruht auf euch. Auch deine Eltern segnen dich. Lass dich auch segnen von Pfarrer Weiß und Pater Johannes!“

Der Architekt aus Köln hielt Wort. Ende März 1972 legte er einer kirchlich-staatlichen Kommission den Entwurf vor. Dieser wurde widerspruchslos genehmigt. Dem Bau des gro­ßen Gotteshauses stand nichts mehr im Wege. Am 3. November 1972, an einem Herz-Jesu-Freitag, begann Baumeister Ruß das Gelände abzustecken. Der erste Spatenstich für die ei­gentliche Kirche war vollzogen.

Pilgernde Kirche

Vier Jahre harter und sorgfältiger Arbeit sollten ins Land gehen, bis das Werk vollendet war. Viele Einzelheiten mussten bedacht, Hoch- und Seitenaltäre auf das Ganze abgestimmt werden, Orgel, Beichtstühle, Bestuhlung, Verglasung der Kir­chenfenster sich einfügen. Im Oktober 1974 war der Außen-und Innenausbau so weit gediehen, dass ein erster Gottes­dienst gefeiert werden konnte. Aber erst im Frühjahr 1976 war alles für die feierliche Einweihung vollendet.

Ein großer Wurf, ein Bau, in dem die Visionen einer von Gott leidgeprüften Frau Formen annahmen. Den Preis musste sie über Jahrzehnte zahlen. Professor Gottfried Böhm hatte viel Einfühlungsvermögen gezeigt. Das Gotteshaus wurde zur Gestalt gewordenen Botschaft.

Es war als Zelt konzipiert. Wir sind eine pilgernde Kirche, will sie den Gläubigen ins Gedächtnis rufen. Wir sind nicht von dieser Erde und nicht für diese Erde bestimmt. Ein Pilger baut sich keine feste Bleibe für lange Zeit, auch kein Eigen­heim, den Palästen der großen Kaiser nachempfunden, die zu Schutt und Asche wurden, kein Haus, das viel Aufmerk­samkeit und Mühe verschlingt und von der nächsten Gene­ration schon nicht mehr begehrt wird. Das Gotteshaus war ein Appell in Stein, Stahl und Glas und stand im Gegensatz zum Bauboom der Zeit, der dreißig Jahre später zu Beginn eines neuen Jahrtausends in den Vereinigten Staaten einen Kollaps erleiden und weltweit die größte Finanzkrise seit hundert Jahren auslösen sollte. Christen sind — sollten es sein – ­die Alternative zu einer Welt, die sich hier für immer einrich­ten möchte und in allen politischen Systemen und unter allen Regimen das Paradies auf Erden verspricht.

Das Hauptzelt wird von zwölf kleineren umgeben, zur Er­innerung an die zwölf Stämme Israels und an die zwölf Apos­tel, die ihr Erbe angetreten haben auf dem Wege zum Heil der Menschheit. Wir stehen in einer langen Tradition, Gott führt den Menschen seit Jahrtausenden durch seine Propheten und durch seine Heiligen. Die über Jahre sich hinziehende Wan­derung durch die Wüste, die vor über 3200 Jahren die Israe­liten, geführt von Mose, unter großen Opfern auf sich neh­men mussten, wird durch stets neue abgelöst. Geistige Wüs­ten wie die, die wir durchlaufen, können härter sein als jede Sandwüste.

Die Kirche in Wigratzbad erinnert in ihren Strukturen auch an die Worte des Evangelisten Matthäus: „Jerusalem, Jerusa­lem! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt“ (23,37). In diesen Worten Jesu lag auch eine War­nung, eine letzte Warnung. Keine vierzig Jahre später wurden die Einwohner Jerusalems in alle Winde zerstreut. Sie waren dem Ruf des verheißenen Messias nicht gefolgt. Nun muss­ten sie den Befehlen ihrer neuen Herren, der Römer, folgen und in die Sklaverei gehen. Überall heimatlos. Der von ihnen abgelehnte und gekreuzigte, Mensch gewordene Gott aber er­wies sich als Sieger. Andere Nationen folgten ihm und übernahmen die Aufgabe, die dem Volk Israel zugedacht war.

Der Blick des in die Kirche Eintretenden wird sofort vom Altarraum gefesselt. Er steht wie auf einer Insel, drei Stufen über dem Boden, an allen Seiten von einer Kommunionbank umgeben. Hinter dem Altar auf breiter Bank ein goldener Tabernakel, in eine große goldene Sonne hineingestellt. Fünf Strahlenbündel unterstreichen die Bedeutung des Ortes. Die Sonne der Gerechtigkeit soll den ganzen Raum beherrschen. Diese Kirche ist durch und durch eine Anbetungskirche, ruft zur Anbetung auf, zur Anbetung des Herrn, im Gegensatz zu einer Zeit, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, mit all seinen von Sinnlichkeit gespeisten Vorstel­lungen, seinem Ruf nach totaler Autonomie und am Ende hemmungsloser Selbstanbetung. Humanismus und Säkula­rismus nennt sich der Trend, als Fundamentalisten werden jene gebrandmarkt, die sich an Gott und an bleibenden Wer­ten orientieren.

Unübersehbares Zentrum

Während in diesen Jahren in vielen Gotteshäusern im deutschsprachigen Raum die Tabernakel aus der Mitte ver­schwanden, an Seitenwänden oder in Nebenkapellen unter­gebracht wurden, bildet er in dieser „Zeltstadt“ das unüber­sehbare Zentrum. Wie einst die Bundeslade in einem Zelt mit den Israeliten durch die Wüste auf das Heilige Land zu­wanderte, will hier der Tabernakel die Gläubigen dieser Zeit durch die immer trockener werdende Wüste des Säkularis­mus, des Relativismus, des erlöschenden Gewissens und des sich ausbreitenden offenen Atheismus der Wiederkunft des Herrn zuführen. Die Innenansicht dieses Hauses sagt dem Menschen auf den ersten Blick: Gott ist das letzte Maß aller Dinge, nicht der Mensch.

Das gewaltige, eindrucksvolle Kreuz darüber erinnert da­ran, dass hier das Opfer am Kreuze gegenwärtig wird. Da­runter die Sonne als Symbol der Auferstehung.

Im Sechseckraum zur Linken des Hochaltares steht eine lebensgroße Herz-Jesu-Statue, die an die Visionen der großen Mystikerin Margarete Maria Alacoque (1647-1690) erinnert, die im französischen Paray-le-Monial verehrt wird. Sie wurde am 13. Mai 1920, erst 230 Jahre nach ihrem Tode, durch Papst Benedikt XV. heilig gesprochen.

Im Sechseck zur Rechten fällt eine liebliche Statue der Got­tesmutter von Fatima ins Auge, wie sie am 13. Juli 1917 den drei Seherkindern ihr von Dornen durchstochenes Herz auf der Brust gezeigt hat. Beide Standbilder sollen die Anwesen­den ständig an den Titel der Kirche erinnern. Beide waren andernorts nicht erwünscht oder nicht mehr erwünscht, das Jesus-Standbild im Vorarlberg, die Marienstatue in Düssel­dorf. In Wigratzbad wurden sie 1971 willkommen geheißen.

In mehreren Erscheinungen hat sich Jesus bei der jungen Ordensfrau Margarete Maria Alacoque über den Undank, über Kälte und Missachtung beklagt, die ihm – auch in der Eucharistie – entgegengebracht werden. Er schlug vor, sei­nem Herzen ein eigenes Fest, eine Woche nach Fronleich­nam, einzurichten und Abbitte und Sühne für die mangeln­de Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu leisten. In diesen Vi­sionen machte der Sohn Gottes nicht nur auf seine mensch­liche Seite aufmerksam, sondern auch auf die Bedeutung der Wiedergutmachung im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Margarete Maria Alacoque hatte wegen dieser Vi­sionen viel zu erleiden – auch von den eigenen Mitschwes­tern, und das über Jahre hinweg. Sie wurde verspottet und von den Hausgeistlichen gar als besessen oder geisteskrank be­zeichnet. Sie hat dieses Leiden als Sühne angenommen. Sie ist nur 43 Jahre alt geworden. Paray-le-Monial wird interes­santerweise in den letzten Jahren besonders von der jünge­ren Generation neu entdeckt.

Auch in Fatima geht es vor allem um Sühne. Am 13. Juli 1917 erhielten die drei Seherkinder eine Botschaft von großer Bedeutung für das Schicksal der Menschheit: „Der Herr will die Welt retten durch die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens. Wer sie übt, dem verspreche ich das Heil. Ja, diese Seelen werden von Gott bevorzugt werden wie Blumen, die ich vor seinen Thron bringe.“

Anschließend öffnete Maria die Hände, von denen ein ge­heimnisvolles Licht ausstrahlte. Vor der rechten Hand sah man ein Herz, ganz von Dornen umgeben. Die Kinder ver­standen, was gemeint war. Die vielen Sünden der Welt ver­wunden auch das Herz Mariens. Es ruft nach Sühne und Wie­dergutmachung.

Mit ihrem Jawort hat sie der Menschheit den Sohn Gottes geschenkt. Sie ist in tiefster Gemeinschaft mit ihm verbunden, hat alle Opfer, alle ihm zugefügten Erniedrigungen mit ihm geteilt, hat unter dem Kreuze stehend die Kreuzigung erfahren wie ihre eigene. Seine Leiden sind ihre Leiden. Deshalb will ihr Sohn, dass nicht nur ihm, sondern auch ihrem Herzen Sühne geleistet wird. Und aus eben diesem Grunde gehört in die Sühnekirche von Wigratzbad nicht nur das Bild des tief verletzten Gottessohnes, sondern auch das Herz seiner Mutter. Das Heiligtum von Wigratzbad ist eine „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“. Unter diesem Namen wurde sie von ei­nem Bischof konsekriert, der die Zeichen der Zeit voll ver­standen hat und bereit war, dafür viel Kritik, Missverständ­nisse, Kränkungen und Vereinsamung auf sich zu nehmen.

In der äußeren, ausdrucksstarken Architektur dieses Got­teshauses spiegelt sich eine innere Architektur wieder, in der die Impulse Gottes ineinandergreifen. Das wurde von einer Frau, von Antonie Rädler, erahnt und aufgegriffen. Genau vierzig Jahre zuvor hat sie in der gegenüberliegenden Grotte den Gesang himmlischer Chöre vernommen, die der Unbe­fleckt Empfangenen, die Mutter Gottes wurde, geweiht war. Ihr bedingungsloser Gehorsam, ihre unfassbare Demut, die die Hölle in Entsetzen versetzte, aber Engel jubeln ließ, wur­den für sie zum großen Sieg. Darum darf sie mit Recht Mut­ter vom Sieg genannt werden. Für Antonie begann damit ein langer Weg, der voller Dornen und tödlicher Gefahren war.

Was mag sich in ihrem Inneren abgespielt haben, als ein großer Oberhirte das Heiligtum feierlich einweihte? Für sie war es jedenfalls eine Bestätigung, dass Gottes Verheißungen sich immer erfüllen. Für den Menschen gilt es, ihnen voll zu vertrauen, auf sie zu bauen, ihnen zu glauben und bereit zu sein, den eigenen Beitrag zu leisten. Gott hat den Menschen nicht als Marionette gewollt, niemanden, sondern als Mitwir­kenden. Das macht die Kirche von Wigratzbad auch zu einem Mahnmal der Verantwortung – für das eigene Heil und für das Heil anderer Menschen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel IX

Jahre gingen dahin

 

Dienst am Menschen

Aber es sollte lange dauern, bis der Frühling aus einer an­deren Welt Einzug halten konnte in Wigratzbad. Noch viele Jahre musste sich Antonie immer wieder mit Geduld wapp­nen und immer wieder auf neue Prüfungen einstellen. Die Zeit floss dahin, die charismatische Frau wurde älter, mit der Zeit kein junges Mädchen mehr, keine Frau in den besten Jah­ren, sondern eine von einem harten Leben gezeichnete Per­sönlichkeit. Es war ein Sühneleben von Anbeginn. Ihr Glau­be, Maria würde sich am Ende durchsetzen, war nicht zu er­schüttern. Sie blieb ihr treues Werkzeug.

Deshalb ließ sie keine Zeit verstreichen, im Sinne ihres Herrn und Meisters, im Sinne seiner reinsten Mutter zu han­deln. Sie suchte den Dienst am leidenden Menschen. 1948 begann sie mit dem Bau eines Heimes, obwohl vorerst keine Aussicht bestand, offiziell Pilgergruppen zu empfangen und in der Kapelle das hl. Messopfer zu feiern. Ihre Einstellung musste in den Augen uneingeweihter Beobachter absonder­lich erscheinen.

Von 1952 bis 1954 kam der zweite Teil des Heimes hinzu. Gestützt auf ihre guten Zeugnisse erreichte sie bei den Behör­den die Erlaubnis zur Eröffnung eines Privatsanatoriums. 25 Betten standen zur Verfügung.

Ein profilierter Leitender Arzt, Dr. Konrad Moser aus Bech­tersweiler bei Lindau, übernahm auch die Leitung in Wigratz­bad. Er hatte sich auf die Nachbehandlung von Krebs, Gicht und Rheumatismus spezialisiert und suchte nach Wegen der Heilung bei Kranken, die von Ärzten bereits aufgegeben wor­den waren. Es waren auch Geistliche unter ihnen. Deshalb lag ihm neben der physischen Behandlung auch viel an der seeli­schen und religiösen Betreuung der Patienten. Er war Antonie Rädler sehr dankbar, dass sie ihm ihre Pension mitsamt den Hilfskräften zur Verfügung stellte.

Aus diesem Grunde wandte er sich am 29. Juni 1953 mit der Bitte an das Generalvikariat in Augsburg, den Kranken die Kapelle neben dem Sanatorium zur Verfügung zu stellen. Aber diese war inzwischen für die bischöfliche Behörde – als solche verhielt sie sich im wahrsten Sinne des Wortes in jenen Jahren – zu einem roten Tuch geworden. Man hielt das Schrei­ben des Mediziners vorerst nicht einmal einer Antwort wert, später stellte man absurde Bedingungen. Die Türen, die nach außen führten, sollten zugemauert werden und die Kapelle nur den Insassen des Sanatoriums zugängig sein. Der Orts­pfarrer sollte es überwachen. Der beauftragte Maurer jedoch zögerte, weil für ein solches Vorhaben die Zustimmung der Baubehörde notwendig gewesen wäre. Aber die lehnte, wie es der schlichte Mann befürchtet hatte, ab.

Eigenartig wurde die ganze Angelegenheit, als protestanti­sche Seelsorger die Kapelle für ihre Gläubigen in Anspruch nahmen. Das Unverständnis über das Verhalten des General­vikariates unter den katholischen Patienten wurde immer grö­ßer. Aber in Augsburg fürchtete man – wie es hieß – pseudo­mystische und pseudoreligiöse Konventikel, mit anderen Wor­ten: verworrene Zusammenkünfte. Und das Urteil darüber überließ man einem nationalsozialistisch, auf Adolf Hitler ein­geschworenen, theologisch entgleisten Priester. Selbst nach dem Zusammenbruch des Regimes durfte er noch zehn Jahre, bis zu seiner Pensionierung, im Amt bleiben. In den Verei­nigten Staaten von Amerika – und in Irland ähnlich – hat in anderen Bereichen die zu lasche Haltung gegenüber irrenden Priestern einige Bistümer am Anfang des 21. Jahrhunderts an den Rand des Ruins gebracht.

Das große Trauma

Im Kern ging es nicht um Pseudomystik, sondern um Mystik selbst, das große Trauma der katholischen Kirche in Deutsch­land überhaupt. Wenn Spanien eine Glaubensspaltung, wie die durch die Reformation ausgelöste, erspart geblieben ist, so ist das sicherlich auch Mystikern wie Johannes vom Kreuz oder Teresa von Avila zu verdanken. Mystik wird an theologischen Hochschulen in Deutschland kaum gelehrt. Kein Wunder, dass die Haltung vieler Priester, vor allem in verantwortlichen Po­sitionen, gegenüber der Mystik verkrampft geblieben ist, ob­wohl sie zum Wesen des Christentums gehört. Dass es hier­zulande, im Gegensatz zu einigen Nachbarländern, nicht eine einzige anerkannte Marienerscheinung gibt, spricht seine ei­gene Sprache. Der Schaden, den das für unzählige Gläubige nach sich zieht, übersteigt jedes Vorstellungsvermögen.

Deshalb musste der Leitende Arzt Dr. K. Moser eines Ta­ges resignierend feststellen, dass er ähnliches in seiner 20-jäh­rigen Laufbahn noch nicht erlebt hatte. In einem Brief äußer­te er sogar die Meinung vom „fehlenden guten Willen“ (bona voluntas). Nach langem Hin und Her einigte man sich schließ­lich dahingehend, dass eines der Zimmer des Sanatoriums als Kapelle hergerichtet werden sollte, allerdings mit vielen Auf­lagen. Doch bald erwies sich dieser Raum als zu klein, die Enge wurde unerträglich.

1955 ging Ortspfarrer Rädler schließlich in den Ruhestand, ihm folgte Ludwig Dorn, ein kritischer, aber aufgeschlossener Geistlicher, der sich bald gegenüber dem Phänomen Wigratz­bad öffnete. 1960 wagte er noch einmal den Versuch, in Augs­burg um Erlaubnis zu bitten, in der großen Kapelle die hl. Messe zu feiern. Das hatte zur Folge, dass nun auch ihm eine Rüge nicht erspart blieb.

Es ist ein psychologisches Rätsel, wie eine auf sich allein gestellte Frau über mehrere Jahrzehnte so viele seelische Tor­turen unbeschadet durchstehen konnte. Und es gibt dafür nur eine Antwort: Es ist eine geheimnisvolle Dimension Gottes, die Welt der Mystik. Und es war an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Europa kein Sonderfall. Auch das macht nachdenklich.

Gegenzeichen Gottes

Als Antonie Rädler 1899 das Licht der Welt erblickte, hatte in Frankreich Thérèse von Lisieux (1873-1897) von dieser Welt Abschied genommen, im Rufe der Heiligkeit. Eine durch und durch vom Gedanken der Sühne durchdrungene junge Seele. Erst 24 Jahre war sie alt, als sie für immer die Augen schloss. Sie ist zur Lieblingsheiligen vieler modern denkender junger Menschen geworden. Papst Johannes Paul II. erhob sie in den Rang einer Kirchenlehrerin. Als er diese Absicht auf dem Welt­jugendtag in Paris bekannt gab, brach unter den jungen Men­schen aus aller Welt großer Jubel aus. Das verrät etwas von der tiefen Sehnsucht gerade junger Seelen nach der Welt des Mystischen. Sie ahnen, dass es hier nicht um Illusionen, nicht um Einbildungen, sondern um die letzte Überwindung von Illusionen geht, um das Vordringen zur eigentlichen Wirk­lichkeit, zur letzten, zur Wirklichkeit Gottes. Nicht von un­gefähr fühlte sich Antonie auf ihrer Frankreichreise nach Li­sieux hingezogen. Es war Seelenverwandtschaft, die sie dort­hin führte. Sie sollte in ihre Fußstapfen treten.

In Italien war es Gemma Galgani (1878-1903) in Lucca in der Toskana. Als sie an einem Karsamstag, am 11. April 1903 um 13.30 Uhr starb, war sie erst 25 Jahre jung. An ihrem Sterbebett zog eine große Menschenmenge vorbei. Schon zu Leb­zeiten hatte man die leidgeprüfte, stigmatisierte junge Frau als Heilige bezeichnet. Mit 7 Jahren verlor sie die Mutter, in ih­rem 16. Lebensjahr ihren geliebten Bruder Gino, erst 17 Jah­re jung. Mit 19 Jahren erlebte sie den Tod ihres Vaters. Als sie 24 war, starb ihre von ihr zärtlich geliebte Schwester Giulia, erst 18 Jahre, und ein paar Monate später ihr Bruder Antonio, 22 Jahre. Sie blieb allein zurück. Selber noch eine Blüte.

Am 8. Juni 1899, sie war im 22. Lebensjahr, empfing sie die Wundmale Jesu. Die Stigmatisierungen wiederholten sich je­de Woche. Sie begannen am Donnerstag gegen Abend und dauerten bis Freitag 15 Uhr. Die Jahre bis zu ihrem Lebens­ende waren eine Zeit bewusst durchlebter Sühne.

Antonie Rädlers Leiden bestand darin, dass sie die Un­barmherzigkeit einer gottfernen Welt und das Unverständnis der Menschen über viele Jahrzehnte auf sich nehmen musste. Aber wie bei Thérèse und wie bei Gemma war es der Wille zur Sühne für die Sünden einer sich vom Schöpfer lösenden Welt, die ihr die Kraft verlieh, alles durchzustehen.

Alle drei lebten auf einem Kontinent, der sich schrittweise auf eine Vorstellung vom Leben zubewegte, die im Genuss Erfüllung und Sinn des Daseins suchte. In Frankreich, Italien und in Deutschland setzte Gott zu dieser Entwicklung Ge­genzeichen. Sie hängen alle miteinander zusammen, ergän­zen einander, erinnern an den Kern der Botschaft, die vom Kreuze kommt. Keine Heilung ohne Wiedergutmachung, kei­ne Harmonie ohne Gleichgewicht, kein Heil ohne Sühne.

Wohlbefinden ist das große Leitmotiv geworden — auch auf Kosten anderer. Jedoch nicht der auf Wellness fixierte Mensch schenkt Geborgenheit, sondern der sich aufopfernde, der süh­nende. Das ist die Botschaft von Wigratzbad.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel VIII

Schatten und Licht

 

Überfordert

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Er hatte noch nie dagewesenes Leid über Europa gebracht. Ein Mann und das unmenschliche System, das er geschaffen hatte, hinterließen Witwen, Waisen und Trümmerlandschaften, Millionen Menschen wurden von Haus und Hof vertrieben, verloren ihre Heimat. Sie zahlten für den Größenwahn eines Mannes, der kein Gewissen mehr hatte und der doch zu sagen wagte, er sei das Gewissen der Nation, der im kleinen Kreise zugab, er sei bereit, zwei Millionen junger Menschen zu opfern, um sich Osteuropa einzuverleiben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es ihm gelungen wäre, sich zum Herrn der Welt aufzuschwingen, ein Ziel, auf das er zusteuerte. Er hatte geschworen, den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, nach dem Siege öffentlich hängen zu lassen. Und dieser wäre nicht der einzige gewesen. Am Schluss musste er sich in seiner Reichskanzlei selbst umbringen.

Es war ein Sieg jener Frau, die in der kleinen Kapelle zu Wigratzbad bei Tag und bei Nacht von vielen Menschen angefleht worden war, der Schlange in dieser Zeit den Kopf zu zertreten. Jetzt konnte man aufatmen. Die Hauptgegner waren verschwunden. – Aber andere sollten sie ablösen. An die Stelle des politischen Gegners traten Menschen, von denen eigentlich eher Unterstützung zu erwarten gewesen wäre. Das war die große Enttäuschung in jener Zeit und nicht nur in Wigratzbad, sondern auch an anderen Stätten in Deutschland. Zu erwähnen sei nur Josef Kentenich (1885-1968), der Gründer der marianischen Schönstatt-Bewegung, die ihren Sitz bei Vallendar am Rhein hat. Er musste nach dem Kriege in die Verbannung nach Nordamerika und wurde erst gegen Ende des Konzils von Papst Paul VI. rehabilitiert.

Nicht unerwähnt bleiben darf hier Heroldsbach, ein unscheinbarer Ort bei Bamberg, der in den Jahren von 1949 bis 1952 Hintergrund aufrüttelnder mystischer Vorgänge wurde. Auch dort reagierte die zuständige Behörde abweisend und gegenüber den Seherkindern unangemessen hart, ja grausam. Als große Botschaft schälte sich dort der Aufruf heraus, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend die persönliche Verantwortung jedes einzelnen Menschen wahrzunehmen. Erst 46 Jahre später rang sich der damalige Erzbischof von Bamberg, Dr. Karl Braun, zu einer unschätzbaren Leistung durch. Anfang 1998 erwirkte er in Rom die Anerkennung von Heroldsbach als Gebetsstätte. Unübersehbar dabei ist, dass Braun in früheren Jahren Mitglied des Domkapitels von Augsburg unter Erzbischof Stimpfle war.

Um der Wahrhaftigkeit willen können, dürfen diese Leiden nicht verschwiegen werden. Dazu hat die Kirche, ein großer Papst, Johannes Paul II., im Jubiläumsjahr 2000 aufgerufen. Am 12. März jenes Jahres hat er vor den Augen der ganzen Welt den Blick auf das Kreuz gerichtet, um Vergebung für die Sünden aller Söhne und Töchter der Kirche gebetet. In seinem Rundschreiben „Novo millennio ineunte„, mit dem er die Kirche auf dieses Jubiläum vorbereitet hatte, war die Rede von der „Reinigung des Gewissens“. Das galt für die ganze Kirche, also auch für alle Lokalkirchen.

Neun Jahre später haben Vertreter anderer Konfessionen sich dankend darauf berufen und sich schützend vor die katholische Kirche gestellt. „Als protestantische Christen und Amerikaner verurteilen wir die groteske Intoleranz, die sich in Verbindung mit der Abtreibungsgesetzgebung gegen die katholische Kirche breit macht“, hieß es in einer Erklärung protestantischer Kirchenführer in den USA. „Papst Johannes Paul II. hat alle Ungerechtigkeiten verurteilt, die Kinder der katholischen Kirche andern gegenüber begangen haben. In gleicher Weise verurteilen wir jetzt alle Selbstgerechtigkeit und Intoleranz gegenüber unseren katholischen Brüdern und Schwestern. Sie sollen unsere entschiedene Stimme gegen diese Intoleranz vernehmen.“ Wahrhaftigkeit zahlt sich immer aus.

Vor diesem Hintergrund muss auch die Geschichte von Wigratzbad gesehen werden. Um der Gerechtigkeit willen ist es allerdings auch unumgänglich hervorzuheben, dass der Kern der Tragödie sich zeitlich vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgespielt hat, durch das vieles verändert wurde, was auch das Charisma von Wigratzbad betraf. Die verantwortlichen Personen in der kirchlichen Hierarchie dürften zum Teil auch überfordert gewesen sein. Zu ungewöhnlich war das, was sich im Allgäu abspielte.

Hauptgegner

25 Jahre musste Antonie Rädler darum ringen, dass in der neu erbauten Kapelle die hl. Messe gefeiert, das Allerheiligste aufbewahrt und das Sakrament der Versöhnung gespendet werden durfte. Dazu wurde die Einwilligung des Oberhirten in Augsburg und das Verständnis des Ortspfarrers gebraucht. Aber gerade bei letzterem fehlte hierzu jeder gute Wille. Im Gegenteil. Er wurde zum Hauptfeind der charismatisch begabten Frau. Es war Hermann Rädler, von 1937 bis 1955 Pfarrer von Wohmbrechts, zu dem kirchlich auch Wigratzbad gehörte. Trotz des gleichen Namens war er mit der Familie nicht verwandt.

In einem Schreiben vom 13.12.1957 hat der damalige Dekan von Lindau, J. Hirschvogel, dem auch die Pfarrei Wohmbrechts unterstand, eine Charakterbeschreibung des Geistlichen geliefert, die im Grunde alles aussagt: „Hermann Rädler war ein durch und durch“ — so hieß es — „liberal eingestellter Kleriker, der eine eigene Meinung vom Christentum hatte, Anhänger des damals bekannten nichtkatholischen Theologen von Marburg, Professor Friedrich Heiler, eines Grenzgängers zwischen Katholizismus und Protestantismus.“ Ein paar Beispiele mögen dies beleuchten.

Er wünschte nicht die öftere hl. Kommunion der Gläubigen. Damit stand er im Gegensatz zu den Aufrufen der damaligen Päpste. Die Gemeinde zählte zu seiner Zeit 850 Gläubige. Der Kommunionempfang im Jahr betrug ca. 3000. Bei der Taufe ließ er grundsätzlich den Exorzismus weg. Und als Anhänger des Theologen Friedrich Heiler war er ein Gegner der Marienverehrung. Als Antonie ihm voller Freude die von einem Benediktiner aus Rom geschenkten Reliquien zeigte, erschien bald darauf in der Lindauer Zeitung ein Artikel über den „Reliquienschwindel“ der Antonie Rädler, eine Falschmeldung, die viele andere Zeitungen aufgriffen. Da Antonie sie niemandem anderen gezeigt hatte, kam als Urheber dieser denunzierenden Fehlinformation nur der eigene Pfarrer in Frage.

Tragischer noch als seine liberale theologische Haltung war seine Einstellung zum Nationalsozialismus. Er war Mitglied der SA (Sturmabteilung), im Volke Braunhemden genannt, einer Kampftruppe, die vor Folter und Einschüchterung politischer Gegner nicht zurückschreckte. Bei seiner Amtseinführung wurde er von der lokalen SA begleitet. Vor der versammelten Gemeinde sagte er: „Ich stehe im Namen und im Auftrag unseres gottbegnadeten Führers Adolf Hitler in dieser gottgeweihten Kirche.“ In seinem Arbeitszimmer hing ein lebensgroßes Bild Adolf Hitlers. Nach dem Zusammenbruch des Systems im Jahre 1945 ließ er es uneinsichtig an der Wand hängen. Erst ein französischer Offizier zwang ihn dazu, das Bild zu entfernen. Man fragt sich heute, musste es erst ein französischer Offizier sein, der das veranlasst hat?

Als Antonie 1938 von der Gestapo abgeführt worden war, suchte ihr Vater weinend Trost beim Pfarrer. Dessen Reaktion zeigt, wie weit sich auch ein Geistlicher verirren kann, der seine Berufung nie verinnerlicht und darum eigentlich nicht verstanden hat: „Glauben Sie etwa“, so fragte er, „dass Antonie nicht am rechten Ort ist? Wollen Sie etwa sagen, dass der Führer etwas anordnet, was nicht recht wäre?“ Der zuständige Polizeibeamte, ein Gesinnungsgenosse des Pfarrers, sprach es später offen gegenüber Antonie aus: „Es war Pfarrer Rädler, der Sie ins Gefängnis gebracht hat. Er war auch der Meinung, die Kapelle brauche man nicht, aber als Heim für die Hitler-Jugend sei sie geeignet.“

Von einem solchen Priester hatte Antonie keine Unterstützung zu erwarten. Die Erlaubnis zur Einweihung der Kapelle wurde von Seiten des Bischofs von der Errichtung einer Kapellenstiftung abhängig gemacht, Hermann Rädler sollte als Kirchenrektor eingesetzt werden. Antonie Rädler hätte praktisch nichts mehr zu sagen gehabt. Nicht einmal das Recht, mit anderen den Rosenkranz zu beten oder ein Marienlied anzustimmen, wäre ihr zugestanden worden. Das machte er in einem Gespräch mit ihrem Notar deutlich. Indirekt warf ihr das Ordinariat Augsburg, von Rädler entsprechend informiert, abergläubische und übersteigerte Andachtsformen vor, die es zu unterlassen gelte.

Wirken der Gnade

Der Oberhirte in Augsburg damals war seit 1938 Bischof Dr. Josef Kumpfmüller (1869-1949). Er war, als er sein Amt antrat, 69 Jahre alt. 1945 setzte er sich, damals 76-jährig, mit anderen mutigen Persönlichkeiten für die kampflose Übergabe der Stadt Augsburg an die heranrückenden amerikanischen Truppen ein, wodurch die Stadt vor großen Schäden bewahrt blieb und viele Menschenleben gerettet wurden. Die Gruppe nannte sich „Friedensbewegung für Augsburg“.

An Hermann Rädler und an Bischof Kumpfmüller lässt sich in Verbindung mit Wigratzbad das geheimnisvolle Wirken der Gnade beobachten. 14 Tage vor seinem Tode ließ Pfarrer Rädler den für Antonie Rädler tätigen leitenden Kurarzt Dr. Konrad Moser zu sich kommen. Er wollte, was Wigratzbad anging, sein Gewissen entlasten und teilte dem Arzt mit, er habe dem Bischof von Augsburg, Dr. Joseph Freundorfer, geschrieben, dass er als Seelsorger wissentlich unwahre und belastende Mitteilungen über Antonie Rädler an das Ordinariat geschickt habe. Aus Gewissensgründen möchte er diese deshalb zurücknehmen. Daraufhin habe ihm Bischof Freundorfer geantwortet, er habe zu seinen Angaben zu stehen, denn nach diesen Aussagen habe er als Bischof Wigratzbad beurteilt. Dabei bleibe es.

Kurz nach seiner Einsetzung als Pfarrer von Wohmbrechts wurde Ludwig Dorn im August 1955 gebeten, Monsignore Dr. Kraft aufzusuchen. Er habe ihm eine wichtige Mitteilung zu machen. Sie betraf den 1949 verstorbenen Bischof Kumpfmüller. Dieser habe ihn kurz vor seinem Tode zu sich gerufen und folgendes Geständnis abgelegt: „Es tut mir unendlich leid und es reut mich tief, dass ich der Gebetsstätte Maria vom Sieg nicht zur Höhe verholfen habe. Jetzt kann ich es leider nicht mehr tun. Erfüllen Sie mir aber die Bitte, ich bitte Sie inständig darum: Sagen Sie meinem Nachfolger im Amte persönlich, er möge sich für Wigratzbad einsetzen, dass diese Gebetsstätte ehestens öffentlich anerkannt werde und so der neue Bischof sehr bald meine Versäumnisse gut mache.“ Er sei dieser Bitte nachgekommen. Bischof Dr. Joseph Freundorfer (1894-1963) habe ihn als seinen Studienfreund persönlich zu sich eingeladen. Bei dieser Gelegenheit konnte er ihm die letzte Bitte seines Vorgängers vortragen und ihm die Sache Wigratzbad wärmstens empfehlen. Er habe versprochen, sie zu erfüllen. Aber nach sechs Jahren sei immer noch nichts geschehen. Er wolle ihn jetzt bitten, sich der Sache als zuständiger Pfarrer anzunehmen.

Freundorfer hatte das Gegenteil getan. Nachdem Antonie Rädler ihm in einem ausführlichen Brief ihren Standpunkt und ihre begründeten Vorbehalte gegen Pfarrer Hermann Rädler als Stiftungsrat dargelegt hatte, ließ er ihr eine knappe Mitteilung zukommen, die in ihrer Kürze schon eine Kränkung war. Darin hieß es: Eine Schenkung der Kapelle Wigratzbad an die Kirche oder eine kirchliche Stiftung unter den im Brief von Antonie gestellten Bedingungen wird nicht angenommen. Die Zelebration und jede Art von öffentlichen Gottesdiensten in der Kapelle Wigratzbad sind von jetzt an verboten. Dabei blieb es bis zum Tode des Bischofs am 11. April 1963.

Joseph Freundorfer war ein sehr gebildeter Mann. 1926 erwarb er in München mit seiner Arbeit über „Erbsünde und Erbtod beim Apostel Paulus“ den Doktortitel. 1928 habilitierte er sich dort für das Neue Testament. Im Anschluss daran war er in Rom am Bibelinstitut und an der Vatikanischen Bibliothek tätig, außerdem Privatdozent in München, ab 1930 außerordentlicher Professor an der Universität Passau, 1945 ordentlicher Professor.
Als Oberhirte förderte er besonders die Katholische Aktion, über regionale Katholikentage gab er dem religiösen Leben in seinem Gebiet neue Anstöße. Seine Fürsorge erstreckte sich auf den sozialen Wohnungsbau und die Tätigkeit des Familienbundes der deutschen Katholiken. Besondere Bedeutung maß er der katholischen Presse bei und war bemüht, sie zu stärken.

Beide Würdenträger zeigen, dass weder die Weisheit des Alters noch eine hohe theologische Bildung Garantie dafür sein können, ein von Gott geschenktes ungewöhnliches Charisma zu erkennen. Ganz besonders schwierig war es sicher vor dem Zweiten Vaticanum, durch das erst die Stellung der Laien, der Frauen und die Rolle des Charismas aus ihrer stiefmütterlichen Rolle in der Kirche in den Vordergrund rückten. Freundorfer starb 1963 unerwartet in der Nacht zum Gründonnerstag, ohne sich mit Antonie Rädler und besonders mit ihrer Berufung ausgesöhnt zu haben. Im Wege gestanden hat ihm dabei offensichtlich sein hoher Bildungsgrad. Er hatte sich bei seiner Doktorarbeit besonders mit dem Apostel Paulus beschäftigt. Aber gerade Paulus hat die Hirten der Urkirche dazu ermahnt, den Geist nicht auszulöschen (1 Thess 5,16).

Würde der Frau

Was hat es den beiden genannten Oberhirten und vielen Geistlichen so schwer gemacht, zu erkennen, dass durch Antonie Rädler Gott am Handeln war und warum? Das weiß am Ende Gott allein und Er allein ist in der Lage, ein gerechtes, von Barmherzigkeit getragenes Urteil zu fällen. Aus menschlicher Sicht waren es psychologisch gesehen drei ungünstige Voraussetzungen.

Antonie Rädler war eine Frau, dazu eine einfache Frau, ohne höhere Schulbildung. Der Vater war zwar nicht arm, aber auch kein Großunternehmer. Er war Metzger, Antonie hatte lediglich eine Haushaltsschule besucht, ansonsten half sie ihrem Vater im Geschäft. Dass ein so unbedarftes Mädchen die Menschen beeindrucken konnte und durch ihre religiöse Grundeinstellung faszinierte, passte nicht in das Bild der Frau, das damals noch vorherrschend war. Es war ja gerade erst drei Jahrzehnte her, dass Frauen Berufe erlernten und in der Öffentlichkeit für ihre Rechte eintreten durften. Die Kirche spiegelte die Atmosphäre in der Gesellschaft wider.

Das änderte sich erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und ganz besonders mit Papst Johannes Paul II. In seinem berühmten Rundschreiben über die Frau „Mulieris dignitatem“ heißt es in der Einleitung: „Die Würde der Frau und ihre Berufung – ständiges Thema menschlicher und christlicher Reflexion – haben in den letzten Jahren eine ganz besondere Bedeutung gewonnen.“ Das beweisen unter anderem die Beiträge des kirchlichen Lehramtes, die sich in verschiedenen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils wieder finden, das dann in seiner Schlussbotschaft sagte: „Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt. In dieser Zeit, in welcher die Menschheit einen so tiefgreifenden Wandel erfährt, können deshalb die vom Geist des Evangeliums erleuchteten Frauen der Menschheit tatkräftig dabei helfen, dass sie nicht in Verfall gerät. Die Worte dieser Botschaft fassen zusammen, was bereits in der Lehre des Konzils … Ausdruck gefunden hatte.“

Antonie war eine „vom Geist des Evangeliums erleuchtete Frau“. Aber das zu erkennen, darin taten sich die Verantwortlichen in der Kirche in jenen Jahren sehr schwer.

Sendung der Laien

Ein weiteres Hindernis, Antonie und ihre Berufung, ihre Absichten und Vorstellungen einzuordnen, war die Tatsache, dass sie dem Laienstand angehörte. Sie war weder Ordensfrau wie Thérèse von Lisieux, Edith Stein oder wie Schwester Faustyna in Krakau, heute unbestritten anerkannte große Mystikerinnen. Wäre es bei ihr bei einer persönlichen Frömmigkeit geblieben, hätte kaum jemand daran Anstoß genommen. Aber ihre Berufung galt der Sorge um die Kirche, um die Menschen, um ihre Erlösung und um ihr Heil, ja um das Heil der Welt. Zugegeben, sehr hohe Ansprüche, die da eine unbedarfte Seele zu erkennen gab.

Erst dem Zweiten Vaticanum ist auf diesem Gebiet ein großer Durchbruch zu verdanken. In der Einleitung zum „Dekret über das Laienapostolat“ heißt es: „Um dem apostolischen Wirken des Gottesvolkes mehr Gewicht zu verleihen, wendet sich die Heilige Synode nunmehr eindringlich an die Laienchristen, von deren spezifischem und in jeder Hinsicht notwendigem Anteil an der Sendung der Kirche sie schon andernorts gesprochen hat. Denn das Apostolat der Laien, das in deren christlicher Berufung selbst seinen Ursprung hat, kann in der Kirche niemals fehlen.

Wie spontan und fruchtbar dieses Wirken in der Frühzeit der Kirche war, zeigt klar die Heilige Schrift selbst (Apg 11, 19-21; 18,26; Röm 16,1-16; Phil 4,3). Unsere Zeit aber erfordert keinen geringeren Einsatz der Laien, im Gegenteil, die gegenwärtigen Verhältnisse verlangen von ihnen ein durchaus intensiveres und weiteres Apostolat. Das dauernde Anwachsen der Menschheit, der Fortschritt von Wissenschaft und Technik, das engere Netz der gegenseitigen menschlichen Beziehungen haben nicht nur die Räume des Apostolates der Laien, die großenteils nur ihnen offenstehen, ins Unermessliche erweitert; sie haben darüber hinaus auch neue Probleme hervorgerufen, die das eifrige Bemühen sachkundiger Laien erfordern.

Dieses Apostolat wird um so dringlicher, als die Autonomie vieler Bereiche des menschlichen Lebens – und zwar mit vollem Recht – sehr gewachsen ist, wenngleich dieses Wachstum bisweilen mit einer gewissen Entfremdung von der ethischen und religiösen Ordnung und mit einer schweren Krise des christlichen Lebens verbunden ist. Zudem könnte die Kirche in vielen Gebieten, in denen es nur ganz wenige Priester gibt oder diese, wie es öfters der Fall ist, der für ihren Dienst notwendigen Freiheit beraubt sind, ohne die Arbeit der Laien kaum präsent und wirksam sein.“

Vor dem Hintergrund dieses Textes erscheint Antonie Rädler geradezu als das Idealbild eines Laienapostels. Sie hat Menschen erreicht, die Priester nicht oder nicht genügend erreichen konnten, ja sie dürfte manchen Geistlichen, z.B. ihren eigenen Ortspfarrer Hermann Rädler mit seiner verblendeten und fanatischen Treue zu Adolf Hitler, durch ihre Treue zur Lehre und zum Geist des Evangeliums korrigiert und dadurch manche Seelen gerettet haben. Als Leiterin der Filiale ihres Vaters in Lindau hat sie das Vertrauen vieler Frauen gewinnen können, diesen nicht nur praktische Ratschläge gegeben, sondern den Samen des Glaubens in ihre Seelen gesenkt. Erst das Konzil hat die Augen vieler Bischöfe und vieler Priester für dieses ungenutzte Potential in der Kirche geschärft.

Natürlich ist es nicht so, als ob vor dem Konzil selbstherrlich herrschende Würdenträger die Energien, die in diesem Stande für die Kirche schlummern, völlig ignoriert hätten. Zu allen Jahrhunderten haben große Persönlichkeiten unter den Laien Einfluss auf das Leben der Kirche gehabt. Aber Zeitgeist, Routine und Überängstlichkeit haben diese Möglichkeit nicht zum Zuge kommen lassen. Darin lag ein Teil der Tragik von Antonie Rädler, die ein Vierteljahrhundert unter dieser mangelnden Weitsicht bitter gelitten hat.

Das Charisma

Die dritte Hürde, die zu nehmen war, war das Charisma. Auch dafür hat das volle Verständnis erst nach dem Zweiten Vaticanum an Boden gewinnen können. Charismen haben schon in der Urkirche eine große Rolle gespielt, wenn auch der Apostel Paulus sie anders genannt hat. Was ist ein Charisma? Früher sprach man von einer „gratia gratis data“ – ein frei gewährtes Geschenk. Heute beschreiben wir es etwas anders. Ein Charisma ist eine von Gott (meist plötzlich) einzelnen Gläubigen gewährte Gnade beziehungsweise Befähigung zum Dienst am Menschen, zum Aufbau der christlichen Gemeinde. Dies geschieht meist unerwartet und es kann auch, aus welchen Gründen auch immer, von Gott zurückgenommen werden. Es muss also nicht unbedingt etwas Dauerhaftes sein. Ein Charisma ist auf Bekenntnis und Zeugnis angelegt, der Charismatiker fühlt sich gedrängt, mitzuteilen.

Ein Charisma ist nicht mit einem Naturtalent zu verwechseln. In den letzten Jahrzehnten hat sich die säkulare Sprache, das säkulare Denken dieses christlichen Begriffes bemächtigt – wie so oft, etwa in der Politik. Es ist eigentlich ein Missbrauch. Dadurch kann die eigentliche Bedeutung im religiösen Bereich Schaden nehmen. Bundeskanzler Willy Brandt wurde in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts so ein politisches „Charisma“ zugesprochen, ab dem Jahre 2008 Barack Obama in den USA.

Charismen gehören zum Wesen der katholischen Kirche. Sie ergänzen das Amt, können es aber nicht ersetzen. Umgekehrt kann eine von Gott gewährte Gnade, Befähigung, nicht vom Amt verfügbar gemacht werden. Bisweilen kommt es zu Spannungen zwischen Charisma und Amt, in Wigratzbad zu beobachten zwischen Antonie Rädler und den beiden Bischöfen J. Kumpfmüller und später J. Freundorfer. Dass es auch anders sein kann, ja sein sollte, hat dann der Nachfolger im Amt, Bischof J. Stimpfle, gezeigt. Charismen sind auf Prüfung durch das Amt angewiesen — eventuell auf Korrektur.

Auf Charismen sollte man mit Dankbarkeit reagieren, nicht mit Missachtung nach dem Motto: „Ich brauche keine Erscheinungen“, wie manche Priester gelegentlich von der Kanzel behaupten. Das Charismatische gehört genauso zur Kirche wie die Sakramente und wie die Bischöfe und Priester. Das Charisma geht auf die aktuellen Bedürfnisse der Kirche ein, deshalb treten zu verschiedenen Zeiten verschiedene Charismen auf. Der große Theologe Karl Rahner nannte sie „Imperative“, „Befehle“ Gottes, wie in der jeweiligen Zeit das Evangelium umzusetzen ist.

Seit einigen Jahrzehnten ist zu beobachten, dass bestimmte Charismen, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt haben, wieder auftreten. Die Zeiten scheinen einander ähnlich zu sein, heute wie vor 2000 Jahren. Charismen ergänzen einander, sie wirken zusammen. Wo sie einander bekämpfen oder abwerten, sind sie unecht. Oberstes Ziel der Charismen ist das Heil des Menschen.

Es ist die Ursünde unserer Zeit geworden, dass man meint, alles lasse sich erklären, wenn nicht heute, dann morgen und wenn nicht morgen, dann übermorgen. So etwas wie Übernatur existiere nicht und Gott sei nur eine Vermutung. Dieses Denken findet schleichend Eingang auch bei Christen.

Die Wurzeln des verhängnisvollen Irrtums liegen in der Meinung, Gott lasse sich wie die Natur erklären oder wie die Natur erforschen. Der Mensch möchte Gott zum Gefangenen von Zeit und Raum machen, wie er einer ist. Aber Gott ist der ganz Andere. Und nur ein Mensch, der versucht, die Welt mit diesen Augen Gottes von einer anderen Ebene zu betrachten, bekommt ein Gespür für das Wirken Gottes, ja er ist in der Lage, dieses Handeln zu erkennen. Gnade, ein Charisma sind nicht nach mathematischen Formeln zu entschlüsseln, sie sind nicht greifbar, sie folgen anderen Gesetzen. Es sind Impulse des Heiligen Geistes.

Was nun war das Charisma bei Antonie? Es war vor allem und zuallererst die Gnade des immerwährenden Gebetes. Schon der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Thessalonicher: „Betet ohne Unterlass“ (5,17). Und nur zwei Zeilen weiter schreibt er: „Löscht den Geist nicht aus“ (5,19), als wolle er einen Zusammenhang herstellen. Bei Antonie ist er da. Als junge Frau hat sie in Lindau ganze Nächte durchgebetet, von niemandem gedrängt, von niemandem eingeladen, aus innerem Impuls. Das unter anderem wurde für die damaligen Machthaber zum Ärgernis, weshalb man sie umbringen wollte. Im 20. Jahrhundert wurde immer weniger gebetet, ein Grund, warum auch die Gottesmutter in ihren Erscheinungen immer wieder dringend und nachhaltig zum Gebet aufruft.

Opfertod auf Golgotha

Zu diesem Charisma gehört auch die Bereitschaft zur Sühne für eigene Vergehen, für die Fehlleistungen anderer und für die Sünden der ganzen Welt. In dieser Hinsicht bestand eine große Seelenverwandtschaft mit der kleinen Thérèse von Lisieux, weshalb es sie instinktiv auf ihrer Reise durch Frankreich dort hingezogen hat. Der Opfertod Jesu am Kreuze war das vollkommene Sühneopfer, das Christus stellvertretend für die ganze Menschheit dargebracht hat. In Ihm hat Gott die Welt mit sich selbst versöhnt.

Sühne hat etwas mit Ungleichgewicht zu tun. Wir wissen aus der Medizin, wie verhängnisvoll Gleichgewichtsstörungen sind. Sie können ein normales Leben unmöglich machen. Störungen des Gleichgewichtes in der Natur können verhängnisvolle Folgen haben, im Kosmos würden sie das Chaos zur Folge haben. Das gilt auch für die Welt des Übernatürlichen.

Diese Offenbarung ist im 20. Jahrhundert auf immer weniger Verständnis gestoßen. Und immer wieder trifft man auf Versuche, den Tod Jesu anders zu deuten, etwa als vollkommene Hingabe oder als Beispiel für eine Welt, die nur für sich selbst lebt. Den Sinn der Sühne versteht nur der, der eine Ahnung von der Unendlichkeit Gottes hat, von der Unendlichkeit seiner Liebe zum Menschen. Gott ist ewige Harmonie. Liebe ist Harmonie, Liebe will Gegenliebe; je größer sie ist, umso größer die Sehnsucht nach einer Antwort nach den gleichen Maßstäben. Sühne ist eine „Erfindung“ der ewigen Liebe, um dem Geschöpf die Möglichkeit zu geben, alles wieder ins Lot zu bringen. Sie ist etwas Urgöttliches.

Das gehörte über Jahrhunderte, ja über zwei Jahrtausende für Christen zum ganz selbstverständlichen Glaubensgut, wie es in einem Lied zum Ausdruck kommt: „Preis Dir, Du Sieger auf Golgotha, Sieger auf ewig, halleluja.“ Golgotha, das Sühneopfer gilt als Sieg. In der Liturgie wird es festgehalten. Worauf es jedoch ankommt ist, dass es im praktischen Leben des gläubigen Menschen verinnerlicht wird, dass es als Aufruf zur Nachfolge Jesu akzeptiert wird.

Aus eben diesem Grunde sind Kreuzzüge für die christliche Botschaft etwas absolut Unerträgliches. Das Christentum ist eine Religion des Kreuzes, der Islam – wie viele politische Bewegungen – eine Religion des Schwertes. Es hat das römische Imperium in den ersten drei Jahrhunderten nicht durch Gewalt, nicht durch Terroranschläge erobert, sondern durch das Beispiel seiner Märtyrer und den Opfergeist seiner Familien.
Das beständige und intensive Gebetsleben ist ein Hinweis dafür, dass es im Herzen von Antonie brannte, Gott aus den Tiefen der eigenen Seele heraus zu antworten. Und der größte Beweis für eine große Liebe ist die Bereitschaft zur Sühne für die unendlichen Enttäuschungen, die der Mensch Gott bereitet hat.

Von den frühesten Jahren bis zum Bau der eindrucksvollen Sühnekirche in Wigratzbad zieht sich diese Einstellung wie ein roter Faden durch ihr Leben. Die Mystik von Wigratzbad ist Sühnemystik.

Eng damit verbunden ist die Pflege des Gewissens. Seit 200 Jahren erleben wir eine Demontage des Gewissens. Ganz zynisch hat es Adolf Hitler betrieben, als er sich als das „Gewissen der Nation“ bezeichnet hat. Die anderen brauchten nur zu gehorchen. Diese Erosion des Gewissens geht weiter, sie hat horrende Ausmaße angenommen. Über raffinierte Sprachregelung wurden Urbegriffe wie Sünde, Familie, Ehe, Vater, Mutter, Keuschheit, Liebe verfremdet, es wird ihnen ein anderer Inhalt unterstellt. Aus dem Gewissen wurde z.B. das Über-Ich mit negativem Beigeschmack.

Antonie ist – im Gegensatz zu diesem Trend – unter großen Opfern ihrem Gewissen treu geblieben, selbst wenn sie der Familie widersprechen musste. An ihr demonstriert der Himmel die große Verantwortung des einzelnen Menschen für sich und die Welt. Die Sühnekirche von Wigratzbad ist ein Monument des Gewissens, der Stimme Gottes im Menschen. Noch Paulus konnte sich vor fast 2000 und der große Augustinus vor 1600 Jahren darauf berufen, dass auch die Heiden ein Gewissen haben. Heute ist es bei vielen Christen verkümmert oder ausgelöscht. Glaube wird nach eigenem Gutdünken gelebt.

Am Schluss der charismatischen Befähigungen sei bei Antonie noch die Seelenschau genannt, eine Gabe, die heiligmäßigen Personen gegeben wird, um sie sicher durch den Dschungel menschlicher Verirrungen, Versuchungen und Fallen zu leiten. Inzwischen setzt man mehr auf die Psychologie und die Psychiatrie, mit meist zweifelhaftem Ergebnis, wie sich leicht aus dem allernächsten Umfeld belegen ließe. Bei Johannes lesen wir: „Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an, denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen, denn er wusste, was im Menschen ist“ (Joh 2,24-25). Und in den Schriften der Visionärin Maria Valtorta sagt Jesus zu Petrus: „Traue nie der Zukunft eines Menschen.“ Etwas von diesem Wissen über den Menschen schenkt der Himmel auch mystischen Naturen. Gelegentlich wurde es bei Antonie beobachtet.
Dass Bischof Josef Stimpfle das Charisma Antonies erkannte, obwohl er der weitaus jüngste unter den drei Bischöfen war, die mit ihr zu tun hatten, legt die Vermutung nahe, diese Dimension des menschlichen Daseins müsse ihm aus eigener Erfahrung vertraut gewesen sein.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

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