«UNSERE HOFFNUNG FÜR EUCH STEHT FEST»

Joachim Kardinal Meisner

Fastenhirtenbrief 2014

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Seit meiner Bischofsweihe vor 39 Jahren steht in meinem Bischofswappen das Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief: „Spes nostra firma est pro vobis“, das heißt übersetzt: „Unsere Hoffnung für euch steht fest“. Ich schreibe Ihnen zur österlichen Bußzeit 2014 meinen letzten Fastenhirtenbrief als Erzbischof von Köln, der auch mein Abschiedsbrief sein sollte, wenngleich ich in Köln wohnen bleiben werde. Ich möchte Ihnen gern das, was mich fast vier Jahrzehnte meines bischöflichen Wirkens hindurch begleitet und gestärkt hat, als Vermächtnis hinterlassen: Das ist die Wirklichkeit der Hoffnung.

Die Hoffnung gehört zu den göttlichen Tugenden, die wir zum Beispiel bei jedem Rosenkranzgebet am Anfang erbitten: Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig oder willkürlich gewählt, sondern entspricht der Realität, die Gott uns Menschen mit der Hoffnung schenkt. Die Wurzel der Hoffnung ist und bleibt der Glaube an den lebendigen Gott, und das Ziel der Hoffnung ist die Liebe Gottes. Die Hoffnung ist also die Mitte der drei göttlichen Tugenden.

1. Der Glaube ist die Wurzel, der Ausgangspunkt und die Energie der Hoffnung. Wo Glaube fehlt, gibt es keine Hoffnung. Und umgekehrt: wo ein lebendiger Glaube vorhanden ist, dort gibt es eine starke und lebendige Hoffnung. Das Ziel der Hoffnung aber ist die Liebe Gottes. Sie ist wie ein Magnet, der den Menschen anzieht. Um sie zu erreichen, braucht man den langen Atem, und den schenkt uns die Hoffnung. Der Glaube ist gleichsam der Motor der Hoffnung, die den Menschen dynamisiert, ihm immer wieder neue Ideen eingibt, um das Reich Gottes voranzubringen. Die Liebe ist die Zugkraft. Sie bewahrt uns vor Resignation und vor der inneren Müdigkeit. Hoffnungslosigkeit lässt dagegen das menschliche Herz austrocknen und macht es unempfindlich für neue Möglichkeiten, die zu einem neuen Aufbruch motivieren möchten.

Unsere Gesellschaft ist weithin von einer Hoffnungslosigkeit geprägt. Es gibt in unserem Land nicht mehr allzu viele Frauen, die „in guter Hoffnung“ sind und ein Kind zur Welt bringen. Denn das Ja zum Kind ist ein lebendiges Hoffnungszeichen für die menschliche Gesellschaft. Der so genannte wissenschaftliche Fortschritt auf vielen Gebieten könnte uns eigentlich Anlass zur Hoffnung sein, um den Menschen Erleichterung, Hilfe und Zukunft zu bringen. Und trotzdem ist unser gesellschaftliches Leben von Hoffnungslosigkeit, Überdruss, Lustlosigkeit und Fantasielosigkeit überlagert.

2. In meinem 25-jährigen bischöflichen Wirken in der Erzdiözese Köln, aber auch schon vorher neun Jahre in dem damals noch geteilten Berlin und davor fünf Jahre als Weihbischof in Erfurt, war es der Glaube, der mich nicht in die Hoffnungslosigkeit versinken ließ. Nicht nur in der Zeit des staatlich verordneten Atheismus der DDR war das Leben für Christen, namentlich für junge Christen, sehr schwer. Danach in einem weithin gelebten Materialismus voller Pluralität, verbunden mit einem praktischen Atheismus des Westens, war und ist es eigentlich für einen Christen nicht viel anders. In diesen Jahrzehnten meiner Tätigkeit als Bischof begleitete mich bis heute das Gebet des seligen Kardinals John Henry Newman: „Die Zeit ist voller Bedrängnis. Die Sache Christi liegt wie im Todeskampf. Und doch – nie schritt Christus mächtiger durch die Erdenzeit, nie war sein Kommen deutlicher, nie seine Nähe spürbarer, nie sein Dienst köstlicher als jetzt. Darum lasst uns in diesen Augenblicken des Ewigen zwischen Sturm und Sturm in der Erdenzeit zu ihm beten: »O Gott, du kannst das Dunkel erleuchten, du kannst es allein«“. Dieser Glaube ist und bleibt der Ursprung der Hoffnung, die uns realistisch die Wirklichkeiten nüchtern erkennen lässt, aber auch die unbegrenzten Möglichkeiten, die darin enthalten sind.

Je größer der Glaube, desto intensiver die Hoffnung. Hoffnung ist nicht die billige Tugend der Optimisten, sondern sie ist die Grundkraft, die der menschlichen Seele zum Aufbruch verhilft und sie vor dem Scheitern bewahrt. Die große heilige Theresia drückt das in ihrem Gebet aus:

„Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken, alles geht vorüber,
nur Gott bleibt derselbe. Wer Gott hat, der hat alles. Gott allein genügt!“

„Wer Gott hat, der hat alles“, das ist die Wirklichkeit eines lebendigen Glaubens, der die Hoffnung zu einer unüberwindlichen Kraft der christlichen Wirklichkeit werden lässt.

Jeder von uns, der lebendig unsere Welt wahrnimmt, weiß, wie sehr wir Christen gerade heute die Hoffnung in Kirche und Welt nötig haben. Die Bitte: „Der die Hoffnung in uns stärke“ sollte unser Tagesgebet sein. Es ist zwar kurz, aber umso kräftiger. So gibt es keine hoffnungslosen Fälle und hoffnungslosen Angelegenheiten, wenn man die Wirklichkeit unter der Realität des Glaubens sieht. Die Quelle der Hoffnung ist der Glaube. Würden wir den Rhein von seinen Quellen trennen, dann brauchte es nur kurze Zeit, bis das Wasser abgelaufen ist, und es bliebe nur Schlick und Schlamm im Flussbett übrig. Der Rhein wäre dann nicht mehr die Lebensader unserer Region und unseres Erzbistums. Wenn wir die Hoffnung nicht mehr rückkoppeln an den Glauben, dann stirbt die Hoffnung. Sie gibt uns keine Impulse mehr zur christlichen Bewältigung unseres Lebens.

3. Die Hoffnung hat als Schubkraft den Glauben im Rücken, aber die Hoffnung hat vor sich – gleichsam als Anziehungskraft wie ein starker Magnet – die Liebe Gottes. Je stärker die Sehnsucht nach dieser Liebe, desto größer die Spannkraft der Hoffnung. Die Liebe Gottes zu mir und dann meine Liebe zu Christus und seiner Kirche waren und sind es, die meine Hoffnung nie erlahmen ließen und meine Fantasie neu beflügelten und meine Kräfte gestärkt haben, um das Evangelium Christi vorwärts zu bringen. Dafür bin ich zutiefst dankbar und hoffe, Ihnen hier im Erzbistum Köln wenigstens ein wenig davon mitgegeben zu haben.

Auch habe ich vielen Frauen und Männern in unserem Erzbistum zu danken, die mir in schwierigen Situationen schlicht ihr Gebet versprochen haben. Was ich oft in den Gemeinden bei Gottesdiensten am Schluss gesagt habe, wiederhole ich hier dankbar: „Petrus und damit die Bischöfe stehen unter dem Wort des Herrn: Du aber stärke deine Brüder und Schwestern! – Wer aber stärkt denn einen Bischof?“, war dann immer meine Frage; „auch Bischöfe sind schwache Menschen“. Ich wusste aus Erfahrung, dass der Glaube des Volkes Gottes und das Beten der Mitchristen den Bischof in seinem apostolischen Dienst stärken und ermutigen. Dafür habe ich allen Mitchristen in der Erzdiözese Köln herzlich zu danken.

Auch unseren Priestern, den Diakonen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Seelsorge und Caritas, in den Schulen und auch in der Verwaltung, ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, gilt mein besonderer Dank. Ihnen musste ich oft neue Aufgabenstellungen abverlangen, die mir die Situation auferlegte. Sie haben meinen Anliegen entsprochen. Mit viel Sympathie denke ich auch an unsere Ordenschristen, die in großer Treue trotz weniger Schwestern und Brüder zu ihrer Berufung stehen. Die häufigen Begegnungen mit Jugendlichen bei Firmfeiern gaben mir Impulse, nicht der Resignation, sondern der Zuversicht im Herzen Raum zu geben. Regelrechte Feste der Hoffnung waren für mich immer die Fronleichnamsfeiern in Köln und die Gottesdienste im Dom. Feste des Glaubens und damit der Hoffnung und Liebe waren die Besuche in den Gemeinden, von denen ich buchstäblich gelebt habe. Ich denke gerade an meine Hoffnung im Hinblick auf geistliche Berufungen, die sich täglich in den Fürbitten der Heiligen Messe artikuliert und die in der großen „Rogamus-Gemeinschaft“ äußere Gestalt angenommen hat. Die Hoffnung, die inspiriert worden ist durch die Liebe zu Jesus Christus besonders in der Heiligen Eucharistie, habe ich noch im letzten Jahr in ergreifender Weise bei unserem Eucharistischen Kongress in Köln erleben dürfen, und sie stellt sich mir täglich in der immerwährenden eucharistischen Anbetung in der Kapelle des Maternushauses dar. Unsere Hoffnung muss verankert bleiben in der Kraft des lebendigen Glaubens hinter uns und in der Sehnsucht nach der Liebe Gottes vor uns, die ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (vgl. Röm 5,5). Dann bleibt die Hoffnung vital und bringt unser Leben und das Glaubensleben der Kirche in eine neue Dimension ihres Daseins.

Wie auch immer die Zeiten sein mögen, Christus ist der Herr aller Zeiten. Wer hofft, fürchtet sich nicht vor der Gegenwart und der Zukunft, und wer hofft, bewegt die Welt zum Positiven hin. Alle Welt bewundert

Papst Franziskus, der als Südamerikaner die Kirche und das Interesse an der Kirche so positiv vorwärts bewegt, nicht weil er resigniert nach dem Motto handeln würde: „Das haben wir alles schon versucht. Das haben wir schon alles getan. Das hat ja alles nichts genützt. Das war immer alles ohne Erfolg!“ – Nein! Als Mann der Hoffnung weiß er, dass Gott uns immer wieder Türen auftut, der doch selbst gesagt hat: „Klopft an, dann wird euch geöffnet“ (Mt 7,7). Der Papst probiert das, und wöchentlich ist der Petersplatz bei der Generalaudienz mit fast 100.000 Leuten gefüllt.

Hoffnungslosigkeit, Resignation, Traurigkeit und Trostlosigkeit dürften wir Christen wohl nur vom Hörensagen kennen. Uns ist die Hoffnung als die Grundkraft unseres Lebens gegeben. Und sie bleibt vital, wenn sie im Glauben verankert und auf die Liebe hin orientiert ist. Aller guten Dinge sind drei: Glaube, Hoffnung und Liebe.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,

Ihnen durfte ich als Erzbischof von Köln ein Vierteljahrhundert dienen. Ich wollte Ihnen immer und überall die Freude an Gott bezeugen und vermitteln, weil sie ja die Stärke unserer Hoffnung ist. Ich danke Ihnen nochmals herzlich für alle Stärkung, die ich dabei gefunden habe, und bitte alle sehr um Vergebung, wenn Ihnen mein Dienst nicht Stärkung, sondern vielleicht auch Ärgernis war. Der Herr möge alles ergänzen, was bruchstückhaft in meinem Dienst geblieben ist. Ich bleibe – so Gott will – bis zur Stunde meines Todes in eurer Mitte und werde wohl jetzt mehr Zeit haben, um für euch alle zu beten und eure Sorgen und Hoffnungen durch mein Gebet dem Herzen Gottes entgegenzuhalten.

Es segne euch alle der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist!

Köln, am Fest der Darstellung des Herrn 2014

Euer
Joachim Kardinal Meisner

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Quelle

Bischof Vitus Huonder: Der Weg des Heils

Der Churer Bischof Vitus Huonder posiert am Mittwoch, 9. Maerz 2011, nach einer Fruehmesse auf dem Hof in Chur. Anlaesslich einer bereits seit laengerem geplanten Sitzung haben sich gestern Dienstag, 8. Maerz 2011, in Einsiedeln Vertreter der Biberbrugger-Konferenz mit Vertretern der Dekanate des Bistums Chur getroffen. Die Gespraechsrunde sei besorgt ueber die derzeitige aufgewuehlte Situation im Bistum Chur. Generalvikar Andreas Rellstab hatte im Februar wegen Differenzen mit Bischof Vitus Huonder sein Amt zur Verfuegung gestellt. Auch weitere Fuehrungskraefte in der Dioezese demissionierten. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

 

Der Weg des Heils

Apg 16,17

Hirtenbrief zur Fastenzeit 2019
von

Msgr. Dr. Vitus Huonder

Bischof von Chur

 

Dieser Hirtenbrief ist am ersten Fastensonntag,
am 10.
März 2019,
in allen Gottesdiensten zu verlesen.

Zur Veröffentlichung in den Medien
ist er vom 11. März 2019 an freigegeben.

 

Chur, 1. Januar 2019
Oktavtag von Weihnachten
Hochfest der Gottesmutter Maria

 

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser

Dies ist mein letzter Hirtenbrief zur Quadragesima, da meine Amtszeit als Bischof von Chur voraussichtlich am 21. April 2019, am Hochfest der Auferstehung unseres Herrn, endet. Deshalb möchte ich zusammenfassend sagen, was für den Weg unseres Glaubens zu wissen dringend notwendig ist. Ich möchte in Kürze, wie es ein Schreiben für den Vortrag im Gottesdienst erfordert, die Schwerpunkte unseres katholischen Bekenntnisses setzen. Ich rufe in Erinnerung, was für das christliche Leben unabdingbar ist, vor allem auch mit Blick auf eine Zeit großer Verunsicherung im Glauben, ja auf eine Zeit der Verwirrung.

Ebenso beabsichtige ich, auf die wesentlichen Inhalte unseres Glaubens hinzuweisen, welche Menschen wissen sollten, die unsere katholische Religion besser kennen und annehmen möchten – und es gibt deren nicht wenige.

So ist dieser Brief – von breve kommend abzuleiten – ein kurzes, begleitendes Schreiben, eine Art Vorwort, ein Werbespot zur „Konstitution“ unseres Glaubens, zur Heiligen Schrift, und zur umfassenden Darstellung unserer Lehre im Katechismus der Katholischen Kirche.

 

Brüder und Schwestern im Herrn,

das Wahrsagen ist ein Phänomen aller Zeiten. Auch Paulus und Silas begegneten auf ihrer Missionsreise in Philippi einer Frau, welche einen Wahrsagegeist hatte. Dieser Geist hat wirklich Wahres gesagt. Denn die Frau erkannte die Sendung der zwei Männer und rief hinter ihnen her: Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils (Apg 16,17). Ja, der Weg des Evangeliums, den Paulus und Silas verkünden, ist der Weg des Heils. Das hat diese Frau, das hat der Geist in ihr richtig festgestellt. Paulus und Silas waren Sendboten dieses Weges. Ihn kennenzulernen und zu gehen, ist das Verlangen jedes Menschen, der sich nach dem Heil sehnt.

Kurzformel des Glaubens

Weil der Weg des Evangeliums der Weg des Heils ist, kann uns Paulus in der heutigen Lesung zum ersten Fastensonntag sagen:

… wenn du mit deinem Mund bekennst: Herr ist Jesus – und in deinem Herzen glaubst: Gott hat ihn von den Toten auferweckt, so wirst du gerettet werden (Röm 10,9). Das ist eine Kurzformel unseres Glaubens. Dieser Glaube soll sich in unserem Alltag entfalten und bewähren. Vor allem muss uns klar werden, was er für unser Leben und unsere Lebensführung bedeutet. Wer gibt uns dazu Aufschluss? Wer erläutert uns diese Kurzformel?

Grundlage des Weges

Die Grundlage unseres Glaubens und die Voraussetzung für den Weg des Heils ist die Gottesfurcht. Petrus fordert uns in seinem ersten Brief mit folgenden Worten dazu auf: Und wenn ihr den als Vater anruft, der jeden ohne Ansehen der Person nach seinem Tun beurteilt, dann führt auch, solange ihr in der Fremde seid, ein Leben in Gottesfurcht (1 Petr 1,17)! Gottesfurcht ist in sich nichts anderes als der Glaube an Gott. Gottesfurcht ist die ergebene, achtungsvolle Liebe zu Gott. Darauf baut unser Leben auf.

Weitergabe des Glaubens

Was bedeutet nun ein Leben in Gottesfurcht? Was bedeutet ein Leben auf dem Weg des Heils? Was antworten wir, wenn jemand uns fragt, wie wir den Weg des Heils gehen? Mit anderen Worten lautet die Frage: Was gehört zu einem christlichen Leben? Die Frage wird dann noch dringender, wenn jemand den katholischen Glauben annehmen will; wenn jemand den Weg der Konversion wählt und sagt: Ich möchte katholisch werden. Wie führen wir Menschen in den Weg des Heils ein? Was sagen wir, um den Glauben weiterzugeben?

Begegnung mit Jesus

Der Weg des Heils beginnt mit der Begegnung mit Jesus. Denn er ist der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Er ist der Sohn Gottes. Die Begegnung mit Jesus ist der Anfang unseres christlichen Glaubens. Wer den Weg des Heils gehen möchte, muss Jesus kennen lernen. Er muss sich in die Evangelien vertiefen. Er muss einen Menschen neben sich haben, der ganz von Jesus ergriffen ist (vgl. Phil 3,12). Er muss einen Menschen neben sich haben, der wie Paulus sagen kann: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm erfunden zu werden (Phil 3,8-9).

Eingliederung in die Kirche

Wer Jesus sagt, sagt auch Kirche. Denn Jesus selber hat die Kirche ins Dasein gerufen (vgl. Mt 16,18). Er liebt die Kirche und hat sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl. Eph 5,25-26). Deshalb ist der Weg des Heils auch der Weg der Kirche. Jesus ja, Kirche nein! Das verträgt sich nicht. Das verträgt sich auch dann nicht, wenn das Antlitz der Kirche von vielen ihrer Söhne und Töchter entstellt wird. Dann erst recht müssen wir dafür besorgt sein, dass die Kirche heilig und makellos vor dem Herrn erscheint (vgl. Eph 5,27).

Empfang der Sakramente

Als Jesus die Kirche ins Dasein rief, hat er ihr ein geistliches Leben geschenkt. Dieses Leben entfaltet sich durch die Sakramente. Die sieben Sakramente sind eine Gabe unseres Herrn. Sie bewirken das Leben der Kirche. Sie bewirken dieses Leben, weil sie uns das Leben Jesu schenken, seine Gnade, seinen Geist, den Heiligen Geist. Sie entspringen seinem Opfertod. Sie fließen heraus aus dem Herzen des Gekreuzigten (vgl. Joh 19,34). So oft wir sie empfangen, werden wir entsühnt und geheiligt. Bei einer Konversion, ja bei jeder Glaubensunterweisung ist daher die gute Einführung ins sakramentale Leben der Kirche vorrangig.

Halten der Gebote

Wenn wir den Spuren Jesu folgen und uns seine Worte zu eigen machen, kommen wir an einem heiligen Leben nicht vorbei. Das heißt aber auch: Wir kommen an den Geboten Gottes nicht vorbei. Denn sie sind uns zur Heiligung gegeben. Sie sind der Schutz für die Heiligkeit. Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben … Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein (Mt 5,17.19), sagt uns der Herr. Daher ist unser Leben ein ständiger Kampf gegen die Sünde. Denn Sünde ist Gesetzwidrigkeit (1 Joh 3,4) und richtet sich gegen Gottes Gebote. Wie bedeutend es aber ist, Gottes Gebote zu halten, sagt uns Jesus mit den Worten: Wenn du aber in das Leben eintreten willst, halte die Gebote (Mt 19,17).

Hören auf die Kirche

Der Glaubende ist nie allein. Er findet, wie wir schon festgestellt haben, Heimat in der Kirche. Er findet Heimat in einer Gemeinschaft, welche sich, seit ihrer Gründung durch den Herrn, über Jahrhunderte entfaltet hat und uns durch reiche Erfahrung Hilfe und Sicherheit bietet. Deshalb ist es nicht nur notwendig, der Kirche anzugehören, sondern auch auf sie zu hören (vgl. Mt 18,17). Das bedeutet, auf jene zu hören, welche im Auftrag des Herrn die Verantwortung für die Gemeinschaft der Kirche tragen, vor allem auf den Papst und die Bischöfe. Diesbezüglich ist unser Herr sehr streng, da er seinen Jüngern sagt: Wer euch hört, der hört mich, und wer euch ablehnt, der lehnt mich ab; wer aber mich ablehnt, der lehnt den ab, der mich gesandt hat (Lk 10,16). Deshalb sind auch die Weisungen der Kirche für den Weg des Heils von Bedeutung. Dabei muss aber auch gesagt sein, dass Papst und Bischöfe der ganzen Überlieferung der Kirche verpflichtet sind und von der überlieferten Lehre nicht abweichen dürfen. Sie können nicht nach Belieben vorgehen.

Praktische Hinweise

Ich schließe diesen kurzen Überblick mit einigen praktischen Hinweisen für den Weg des Heils: Betet täglich, wenigstens am Morgen und am Abend. Besucht oft die heilige Messe, sicher jeden Sonntag. Betet viel den Herrn im Allerheiligsten Sakrament an. Empfehlt euch immer wieder der Mutter Gottes.

Nehmt gerne den Rosenkranz in die Hand. Erneuert euer Leben, erneuert die Gnade der Taufe regelmäßig durch die heilige Beichte. In meiner Jugendzeit wurde uns die Monatsbeichte zusammen mit der Monatskommunion empfohlen. Bereitet euch mit Eifer auf die jährliche Osterfeier vor. Meidet, wie es der Apostel sagt, die Unzucht und jede Sünde (vgl. 1 Kor 6,18). Haltet euren Leib heilig, da er ein Tempel des Heiligen Geistes (vgl. 1 Kor 6,19) und ein Glied Christi ist (vgl. 1 Kor 6,15). Tut allen Menschen Gutes, besonders jenen, die uns nahestehen im Glauben (vgl. Gal 6,10).

Schlusswort

Ich begleite Euch gerne mit meinem bischöflichen Segen, werde es nicht unterlassen, immer für Euch zu beten und das heilige Opfer darzubringen, und ich empfehle Euch insbesondere unserer Lieben Frau von Chur.

Gelobt sei Jesus Christus!

Mit herzlichen Grüßen!

+ Vitus, Bischof von Chur

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Quelle

Madonna mit Heiligen , Chur, 1505 von Giovanni Bellini (1433-1516, Italy) | Kunst-Wiedergabe | WahooArt.com

Erzbischof Wolfgang Haas: Traut nicht jedem Geist! (1 Joh 4,1)

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Seit nun schon bald 25 Jahren richte ich als Diözesanbischof an die meiner  pastoralen Sorge anvertrauten Menschen meine Hirtenbriefe. Sie werden in den Gottesdiensten verlesen  und verschiedentlich auch in schriftlicher Form veröffentlicht. Das Echo darauf ist – soweit feststellbar – nicht sonderlich gross. Das könnte mutlos und sprachlos machen, zeigt jedoch zugleich auf, wie schwierig  es  heute ist, den Menschen in unseren Breiten  –  in den  sogenannten Wohlstandsländern – den wahren Glauben zu vermitteln. Wie bei allen, die den Dienst der Verkündigung in Wort und Schrift, in Predigt und Katechese, in vielfältigen Möglichkeiten direkter oder medialer Kommunikation erfüllen, tröstet die Tatsache, dass nur Gott in die Herzen der Menschen sieht, an welche die Botschaft der göttlichen Offenbarung und die darauf beruhende Lehre der Kirche gelangen.

Mit unseren Hirtenschreiben stehen wir Bischöfe gleichsam in der Tradition der neutestamentlichen Apostelbriefe. Diese enthalten, oft veranlasst durch konkrete Probleme  in den christlichen Urgemeinden, bleibend gültige Glaubensunterweisungen, verpflichtende Belehrungen und Ermahnungen für das moralische Verhalten in allen Zeiten und geistlich auferbauende Erklärungen als Ermutigung zum tapferen Glaubenszeugnis. Paulus bringt es gewissermassen auf den Punkt, wenn er an einen seiner Schüler schreibt: “Jede von Gott eingegebene Schrift ist auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit; so wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet sein.”1  Ziel der Glaubensunterweisung ist nach einem Wort des Völkerapostels “Liebe aus reinem Herzen, gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben”2. Paulus fügt allsogleich hinzu: “Davon sind aber manche abgekommen und haben sich leerem Geschwätz zugewandt. Sie wollen Gesetzeslehrer sein,  verstehen  aber nichts von dem, was sie sagen und worüber sie so sicher urteilen.”3

Aus der Fülle geistlicher und moralischer Unterweisungen durch die dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus so nahestehenden Apostel wollen wir diesmal etwas aufgreifen, was besonders in unseren Tagen von grösster Bedeutung ist. Es geht um eine grundlegende Fähigkeit, die einem wahren Christen eigen sein muss; es geht um die   Tugend der Unterscheidung der Geister. Im ersten Johannesbrief stehen die Worte: “Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen. Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, Jesus Christus sei im Fleisch gekommen, ist aus Gott. Und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Das ist der Geist des Antichrists, über den ihr gehört habt, dass er kommt. Jetzt ist er schon in der  Welt.”4

Es gehört zu den bitteren Erfahrungen, auch in so manchen Bereichen unseres kirchlichen  Lebens, dass nicht nach dem Geist der Wahrheit und nach dem Geist des Irrtums gefragt wird, sondern vielmehr Überlegungen der Opportunität und der Anpassung an den Zeitgeist im Vordergrund stehen. Bei einer Mentalität der Dialogeuphorie, der Konsenssucht und des Harmoniestrebens sind Fragen nach Wahrheit und Irrtum stossend und unerwünscht. Sie sind sogar  verpönt und verdrängt. Die Diktatur des Relativismus macht es den Verkündern und Verteidigern der Wahrheit und den Entlarvern und Bekämpfern des Irrtums schwer.

Zweifellos lohnt es sich daher immer, unser besonderes Augenmerk auf die Unterscheidung der Geister zu lenken. Ohne diese Geistesgabe, die zur beständigen Aufgabe wird, gelingt es nicht, in den Irrungen und Wirrungen unserer Zeit jene Orientierung zu finden und zu behalten, die für ein gottgefälliges Leben ausschlaggebend ist. Der “Oberverwirrer”, der stets alles durcheinander zu bringen und gegeneinander aufzubringen versucht, schläft bekanntlich nicht. Der Teufel, ursprünglich von Gott als guter Geist geschaffen, hat sich durch seinen Stolz und seinen Ungehorsam von Gott für immer getrennt und ist als böser Geist zusammen mit seinem dämonischen Anhang zum Gegenspieler Gottes geworden – zum Vater der Lüge und zum Menschenmörder von Anbeginn.5 – Vom Widersacher  und  seiner satanischen Verführungskunst spricht  Papst Franziskus schon von Beginn seines Pontifikates an des öfteren, was freilich nicht jene Medienwirksamkeit erlangt, wie es bei vielen seiner anderen Äusserungen und Gesten der Fall ist.

1. Der gute Geist des Gehorsams und der böse Geist des Ungehorsams

Wir alle kennen es: Verbote haben schon für Kinder und Jugendliche etwas Verlockendes an sich. Zu Verstössen dagegen reizen sie Menschen jeden Alters. Das beginnt schon im Paradies. Da stehen in der Mitte des Gartens Eden der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.6 Gott verbietet dem Menschen, von diesem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, und macht auf die Folge des Zuwiderhandelns aufmerksam: Dann wirst du sterben.7 Das Verbot ist klar ausgesprochen; die Konsequenz des Verstosses gegen dieses Gebot ist klar definiert.

Nachdem Gott die Ureinsamkeit des Menschen durch die Erschaffung der Frau und durch die Bindung des Mannes an sie aufgehoben hat, sieht die Schlange – Sinnbild für den hinterhältigen bösen Gegenspieler Gottes – die Stunde für  gekommen,  den gottebenbildlichen Menschen zu Fall zu bringen. Es kommt zum ersten Dialog, von dem die Heilige Schrift berichtet: zum verhängnisvollen Zwiegespräch des Teufels  mit der Frau.8 Das Ergebnis dieser verführerischen Unterredung ist der erste Akt des menschlichen Ungehorsams: der Griff nach der verbotenen Frucht. Diese Ursünde schreibt sich von da an in die Menschheitsgeschichte ein und findet ihre Überwindung erst durch die Menschwerdung Gottes aus der Jungfrau Maria, die in ihrem verheissungsvollen Dialog mit dem Erzengel Gabriel ihr gehorsames  Ja  zur  frohen  Botschaft spricht.9  So ist Maria die neue Eva, die uns den neuen Adam, Jesus Christus, gebiert.

Durch das vom Erlöser der Menschen gestiftete Sakrament der Taufe wird bei denen, die zum Glauben gekommen sind, die Erbschuld abgewaschen. Was bleibt, sind gewisse Folgen der Erbsünde: die Sterblichkeit des Menschen, die verschiedenen Formen des Leidens, die Verdunkelung des Verstandes, die Schwächung des Willens, die Neigung zum Bösen. Paulus lässt uns die Zusammenhänge  tiefer verstehen, wenn er schreibt: “Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. … Wie es also durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat eines einzigen für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen, die Leben gibt. Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.”10 Das verdanken wir der ungeschuldeten Initiative  der göttlichen Barmherzigkeit.

Der echte Gehorsam stammt stets vom guten Geist. Er entspricht dem Geist Jesu Christi, von dem es heisst: “… er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.”11 Wenn wir diesem Geist und Beispiel des Gehorsams Jesu folgen, werden sich Einmütigkeit   und Eintracht unter uns einstellen; es werden falscher Ehrgeiz und widerliche Prahlerei weichen. Der Gehorsam Gott gegenüber  führt auch zum wahren gegenseitigen Gehorsam unter uns Menschen; denn wir werden dann nicht nur auf unser eigenes Wohl bedacht sein,  sondern auch auf dasjenige der anderen. Der gute Geist des Gehorsams entspricht dem Kosmos, also der geordneten Welt, wie sie Gott  gewollt und geschaffen hat. Der böse Geist des Ungehorsams entspricht hingegen dem Chaos, also der Unordnung, wie sie der teuflische Versucher und Verderber will, der mit seinem dämonischen Anhang nicht gehorchen und nicht dienen wollte und so die Gemeinschaft mit Gott verlor. “Den guten Geist begleiten immer Klugheit und geordnete Liebe. Der Geist, der zum Übermass antreibt und Unordnung verursacht und unklug ist, ist böse.” – So sagt es ein grosser Lehrer des geistlichen Lebens.12 Der böse Geist stiftet fortwährend zum Ungehorsam an. Wo daher Ungehorsam gegen Gott und seine Gebote herrscht, ist der böse Geist am Werk und zugleich entlarvt. Lehrmeister des geistlichen Lebens haben immer wieder darauf hingewiesen, dass eines der Merkmale des bösen Geistes die Widersetzlichkeit und die Verweigerung des Gehorsams auch gegenüber jenen Vorgesetzten sind, die das Rechte wollen und das Gottgefällige verfügen. Vom heiligen Bruder Klaus stammt das beherzigenswerte Wort: “Gehorsam ist die  grösste Ehre, die es im Himmel und auf Erden gibt, weshalb ihr trachten müsst, einander gehorsam zu sein.”13

2. Der gute Geist der Demut und der böse Geist des Hochmuts

Ein Sprichwort sagt: “Hochmut kommt vor dem Fall”; und eine andere Redewendung lautet: “Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz”. Der gute Geist der Demut hängt durchaus mit dem guten Geist des Gehorsams zusammen. Ebenso hat es der böse Geist des Hochmuts mit dem bösen Geist des Ungehorsams zu tun. Fragt man nämlich beim Ungehorsam des ersten Menschenpaares nach dem tieferen Grund seines Verhaltens, so kann  die Antwort darauf nur heissen: Der Grund ist der Hochmut. Die verführerische und hinterhältige Schlange selbst weist mit ihrer Lügentaktik in diese Richtung, wenn sie über die verbotenen Früchte sagt: “Gott weiss vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.”14 Dieser Verlockung, Gott gleich werden zu können und geradezu göttliche Weisheit zu erlangen, konnte der Mensch in einer satanischen Anwandlung des Hochmuts, der Überheblichkeit und des Stolzes nicht widerstehen. Der böse Geist löst immer Hochmut, Überheblichkeit und  Stolz  aus,  ob  nun in offenkundiger oder in versteckter Form. Ein besonders auffälliges Merkmal des bösen Geistes ist also entweder ein offenbarer Hochmut  oder  eine  geheuchelte Demut, die nicht weniger zur Eitelkeit verleitet. Ein Experte15, wenn es um die Unterscheidung der Geister geht, äussert sich darüber so: “Naht der Teufel ohne Maske, so kann er, als Vater des Stolzes, in unserem Herzen keine anderen Gefühle erregen als Gefühle der Eitelkeit, der Aufgeblasenheit und des stolzen Selbstgefallens, und keine anderen Begierden als Begierden nach Ehren, Ruhm, hohen Stellungen, Bevorzugungen und Würden. … Doch ist der Teufel, wenn er sich unter dieser stolzen und eitlen Gestalt zeigt, weniger gefährlich, weil er so leicht  zu erkennen ist. Mehr zu fürchten ist der Teufel, wenn er sich in den Mantel einer falschen Demut hüllt und sich so einschleicht. Dieses ist der Fall, wenn er uns an die begangenen Sünden erinnert oder an die gegenwärtigen Unvollkommenheiten, wenn er uns das  Verderben, in dem er gewesen, oder den gegenwärtigen elenden Stand unsere Seele vor Augen hält. Alles dies aber bewirkt er in uns durch ein betrügerisches Licht, welches keine andere Wirkung hat, als  dass  es  die  Seele  in  Unruhe bringt,  sie  mit  Betrübnis,  Besorgnis, Verwirrung, Bitterkeit und Kleinmut erfüllt, ja gar oft in tiefe Schwermut stürzt. Die unbehutsame Seele wehrt sich nicht  gegen diese Gedanken; denn indem sie ob der Erkenntnis ihrer Sünden und Fehler von sich niedrig denkt, glaubt sie, eine tiefe Demut zu besitzen, während sie in Wirklichkeit von der Hölle vergiftet ist. … Zwischen der göttlichen und der teuflischen Demut herrscht dieser Unterschied, dass die erstere mit Grossmut, die  letztere mit Kleinmut verbunden ist. Die erste verdemütigt allerdings und vernichtet zuweilen die Seele beim Anblicke ihres Nichts und ihrer Sünden, doch zu gleicher Zeit erhebt sie  dieselbe zum Vertrauen auf Gott, stärkt und kräftigt sie; auch ist sie friedlich, heiter, gelassen und lieblich; und darum erhofft die Seele nicht bloss Verzeihung ihrer Sünden, sondern fasst auch Mut, um durch Busse und andere gute Werke ihre früher begangenen Sünden und gegenwärtigen Fehltritte wiedergutzumachen.”

Die wahre Demut wird gelegentlich als “Königstugend” bezeichnet. Sie ist dies für jeden  Getauften in einem ganz tiefgründigen Sinn. Durch die heilige Taufe  haben  wir  am Priestertum Christi, an seiner prophetischen und königlichen Sendung, teil. “Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die grossen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr nicht sein Volk, jetzt  aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden.”16 Was wir da im ersten Petrusbrief  zugesprochen  bekommen,  macht  uns keineswegs  überheblich  und hochmütig. Es macht uns vielmehr demütig, weil wir nur zu  gut wissen, wie weit wir oft hinter der vollen Verwirklichung dieser unserer Berufung zurückbleiben und wie sehr wir der göttlichen Barmherzigkeit bedürfen. Der gute Geist der Demut lässt sich gerade daran erkennen, dass wir ehrlich eingestehen, in welch hohem  Mass wir Aufhol- und Nachholbedarf haben, wenn es darum zu tun ist, die Teilhabe am gemeinsamen Priestertum der Gläubigen im Alltag umzusetzen: durch ein intensives Gebetsleben, durch das geduldige Befolgen der Gebote Gottes und der Kirche, durch den öfteren  Empfang  des  Buss-Sakramentes,  durch  die  getreue  Erfüllung  der Sonntagspflicht, durch die  regelmässige  bewusste  und  tätige  Teilnahme  am gottesdienstlichen Leben, durch grossherzige Werke der Nächstenliebe, durch ein von Liebe und Wahrhaftigkeit getragenes Glaubenszeugnis. Vom bösen Geist des Hochmuts kommen  alle Vernachlässigungen dieser Grundlagen und Voraussetzungen für ein Leben in und aus  der Taufgnade. Der böse Geist des Stolzes führt oft sogar zur gänzlichen Verweigerung der Erfüllung jener Aufgaben, die sich aus der Gabe der Taufe ergeben. Ein Blick in die leeren Bank- und Stuhlreihen unserer Kirchen und ein Hinweis auf die weithin vorhandene Weigerung, in einer guten Beichte das Sakrament der Sündenvergebung empfangen zu wollen, genügen, um zu erkennen, wes Geistes Kind viele, ja allzu viele sind. Hochmut führt eben leicht zum Fall. Wer steht, sehe deshalb zu, dass er nicht falle. Wer gefallen ist, sehe zu, dass er schnell wieder aufstehe. Beides kann nur im Geiste der Demut und im Zusammenwirken mit der Gnade Gottes geschehen. Gott zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; die Demütigen aber erhöht er.17

3. Der gute Geist der Lauterkeit und der böse Geist der Unlauterkeit

Die Regeln zur Unterscheidung der Geister betreffen  auch den heute  so gefährdeten und angeschlagenen Bereich der Keuschheit. “Keuschheit bedeutet die geglückte Integration   der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein. Die Geschlechtlichkeit, in der sich zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört, wird persönlich und wahrhaft menschlich, wenn sie in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert ist.  –  Die Tugend der Keuschheit  wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.”18 – So lehrt es uns der Katechismus. Man kann gerade heute nicht genug betonen, dass die Tugend der Keuschheit den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit betrifft. Sie anerkennt die göttliche Ordnung, wie sie vom Schöpfer in die Natur  des Menschen eingeschrieben ist. Der Schöpfergott hat den Menschen als Mann und Frau erschaffen – nach seinem Bild und Gleichnis.19 Diese Abbildlichkeit bezieht sich auf die Geistnatur des Menschen, aber auch darauf, dass Gott den Menschen in der Beziehung von Mann und Frau wollte und dass er diese schöpfungsgemässe Verbindung so wollte, dass sie auf Ergänzung und Fruchtbarkeit angelegt ist.20

Die Geschlechtskraft ist also von Gott gegeben und besitzt eine ihr innerlich eigene Ausrichtung. Diese Gabe ist mit der einem göttlichen Geschenk zukommenden Verantwortung zu betrachten und zu behandeln. Damit ist klar, dass der gute Geist der Keuschheit in der Geschlechtlichkeit des Menschen nicht eine instinkthafte und triebgesteuerte Wirklichkeit sieht, sondern eine solche, die den Leib von der Geistnatur des Menschen her zu begreifen  versteht. Die menschliche Sexualität steht somit unter der moralischen Kontrolle von Verstand und Willen. Sie steht unter dem Schutz der Schamhaftigkeit und verlangt Schamhaftigkeit. “Diese ist ein wesentlicher Bestandteil der Mässigung. Die Schamhaftigkeit wahrt den Intimbereich des Menschen. Sie weigert sich zu enthüllen, was verborgen bleiben soll.  Sie ist auf die Keuschheit hingeordnet, deren Feingefühl sie bezeugt. Sie lenkt Blicke und Gesten entsprechend der Würde der Menschen und ihrer Verbundenheit.”21 Auch hier ist ein Rückbezug auf den Anfang der Erschaffung des Menschen lehrreich. Denn vor dem Sündenfall waren Mann und Frau nackt, “aber sie schämten sich nicht voreinander.”22 Nach dem Sündenfall ändert sich das. So heisst es: “Da gingen beiden die Augen auf, und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.”23   Nun wird Schamhaftigkeit für den Menschen  zu einem ständigen Bemühen, den guten Geist der Lauterkeit zu pflegen und nicht dem bösen Geist der Unlauterkeit anheimzufallen.

In der Allerheiligenlitanei bitten wir unseren  Herrn Jesus Christus, er möge uns befreien vom “Geist der Unlauterkeit”24. Das ist eine sehr harmlose Übersetzung des lateinischen Originals.25 Hier meint dieser Begriff die schwere Sünde  der Unzucht. Dazu lesen wir in einem Brief des Apostels Paulus: “Das ist es, was Gott will: eure Heiligung. Das bedeutet, dass ihr die Unzucht meidet … .”26 Und der Völkerapostel wird noch deutlicher, wenn er sagt: “Täuscht euch nicht!

Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Lustknaben, noch Knabenschänder, noch Diebe, noch Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben. Und solche gab es unter euch. Aber ihr seid reingewaschen, seid geheiligt, seid gerecht geworden im Namen Jesu Christi, des Herrn, und im Geist unseres Gottes.”27 Wenn wir diese apostolische Mahnung gerade auch heute ernstnehmen, gibt es wahrlich nichts zu lachen. Wir leben in einem Umfeld, in der die   Schranken der Schamhaftigkeit weithin niedergerissen sind und in dem die Rede von der Keuschheit bei vielen nur noch ein müdes Lächeln auslöst, ja sogar Spott und Hohn  erntet.

Der gute Geist der Lauterkeit – also der Geist des reinen Herzens – ist jedoch zu allen Zeiten auf Schamhaftigkeit, Keuschheit, Zucht und  Ordnung  bedacht.  Er  widersteht  jenem  “Geist der Weltlichkeit”, der nicht nur den Missbrauch des Leibes und seiner Geschlechtlichkeit beinhaltet, sondern auch vielfältige Formen der geistigen Prostitution. Der böse Geist der Unlauterkeit  – also der Geist der  Unreinheit, der Unschamhaftigkeit und der Unkeuschheit – befällt ohnehin zunächst unser Denken, unser Empfinden, unsere Vorstellungen und Phantasien, bevor er zu unmoralischen Handlungen verleitet und drängt. Der heilige Ignatius von Loyola gibt in seinen Geistlichen Übungen28 einen  klaren  Hinweis: “Denen,  die von einer Todsünde zur anderen schreiten, pflegt der böse Feind gewöhnlich scheinbare Freuden vor Augen zu führen, indem er bewirkt, dass sie sich sinnliche Genüsse und Lüste vorstellen, damit er sie umso mehr in ihren Lastern und Sünden erhalte und weiterführe. Der gute Geist hingegen befolgt bei solchen Personen das entgegengesetzte Verfahren, indem er sie ständig beunruhigt und in ihnen durch die innere Stimme der Vernunft Gewissenbisse erregt.”

Die  Stimme  des  Gewissens  zu  vernehmen,  wird  uns  heutigen  Menschen  ziemlich  schwer gemacht. Da sind die vielen flüchtigen Bilder und Eindrücke, die vor unsere Augen treten. Da sind die vielen lauten Töne und Geräusche, die unsere Ohren betäuben. Da sind die ständigen Ereignisse und Anlässe, die unsere Kräfte überbeanspruchen. Da sind die vielen Meinungen und Ansichten, die den Menschen verwirren. Da ist so vieles, was uns von jener stillen Beschaulichkeit abhält, die notwendig wäre, um die Stimme  Gottes  in unserem Inneren zu vernehmen.  Die Stimme des Gewissens, im Schweigen hörbar, würde  uns nämlich durchaus das in Erinnerung bringen, was der Völkerapostel in die Worte fasst: “Hütet euch vor der Unzucht! Jede andere Sünde, die der Mensch tut, bleibt ausserhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!”29   Ist das nicht eine schöne  und  starke  Motivation,   um die Verstösse gegen die Schamhaftigkeit und gegen  die Keuschheit  zu  vermeiden und durch ein  vom  guten  Geiste  der  Lauterkeit  bestimmtes  Leben Gott die Ehre zu geben? Ist das nicht ein mächtiger Ansporn für junge Menschen, gegen die beständige Verführung durch den bösen Geist der Unreinheit und durch dessen willfährige Handlanger in unserer Gesellschaft mehr und mehr immun zu werden?

Der Appell “Traut nicht jedem Geist”30 ist ein notwendiger und stets aktueller Aufruf zur Unterscheidung der Geister – zur Unterscheidung des guten Geistes des Gehorsams vom bösen Geist des Ungehorsams, zur Unterscheidung des guten Geistes der Demut vom bösen Geist des Hochmuts, zur Unterscheidung des guten Geistes der Lauterkeit vom bösen Geist der Unlauterkeit. Mit Hilfe des Heiligen Geistes wird es auch dem heutigen Menschen gelingen, dem guten Geist zu folgen und dem bösen Geist zu widerstehen. Maria, die Braut des Heiligen Geistes, ist bei all unserem Bemühen um den echten Gehorsam, um die wahre Demut und um die aufrichtige Lauterkeit die machtvolle Fürbitterin. Ihrer mütterlichen Begleitung vertrauen wir uns gerne an und lassen uns durch sie zu ihrem göttlichen Sohn Jesus Christus führen. Amen.

Schellenberg, am Gedenktag des hl. Thomas von Aquin, 28. Januar 2015

†Wolfgang Haas Erzbischof von Vaduz

1                      2 Tim 3,16-17

2                      1 Tim 1,5

3                      1 Tim 1,6-7

4                      1 Joh 4,1-3

5                      Vgl. Joh 8,44

6                      Vgl. Gen 2,9

7                      Vgl. Gen 2,17

8                      Vgl. Gen 3,1-6

9                      Vgl. Lk 1,26-38

10                    Röm 5,12; 18-19

11                    Phil 2,8

12                    Kardinal Johannes Bona (1609-1674) in seinem Buch “De discretione spirituum” (Brüssel 1671)

13                    Aus einem Dankesbrief (1482) des hl. Niklaus von Flüe (gestorben 1487) an  die Berner Ratsherren

14                    Gen 3,5

15                    Johannes B. Scaramelli SJ (1687-1752) in seinem Werk “Unterscheidung der Geister”

16                    1 Petr 2,9-10

17                    Vgl. das Magnifikat Marias in Lk 1,46-55

18                    Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) Nr. 2337

19                    Vgl. Gen 1,27

20                    Vgl. Gen 2,24 und Gen 1,28

21                    KKK Nr. 2521

22                    Gen 2,24

23                    Gen 3,7

24                    Lateinisch: A spiritu fornicationis, libera nos, Domine.

25                    “Fornicatio” bedeutet eigentlich “Unzucht”, ja sogar “Hurerei”.

26                    1 Thess 4,3

27                    1 Kor 6,9-11

28                    Ignatius von Loyola, “Regeln für die Unterscheidung der Geister”, Regel 1

29                    1 Kor 6,18-20

30                    1 Joh 4,1

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Hirtenbrief zur Fastenzeit 2015