PAPST PAUL VI.: DEM RECHT EINEN PLATZ SCHAFFEN!

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter's Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

Papst Paul VI. beim Oster-Segen im April 1976

Ansprache beim Neujahrsempfang
für das beim Hl. Stuhl akkreditierte Diplomatische Korps,
14. Januar 1978

 

Exzellenzen, sehr geehrte Herren!

Mit Freude nehmen wir die herzlichen Worte Ihres Doyens entgegen. Wir sind von dem Wohlwollen und Vertrauen sehr bewegt, das er in Ihrem Namen den Initiativen und persönli­chen wie kirchlichen Ereignissen gewidmet hat, die für uns von Bedeutung sind. Wir danken Ihnen allen für Ihre Anwesenheit. Wollen Sie bitte auch unsere besten Wünsche entgegennehmen für Ihre Person, ihre Familien, ihre Botschaften und die Staaten, die Sie beim Hl. Stuhl vertreten. Möge ihnen Gott ein friedliches Neues Jahr schenken!

Dieser alljährliche traditionelle Neujahrsempfang im Januar zum Austausch der Glückwünsche gibt uns die Möglichkeit zum Gespräch mit Ihnen. Wir möchten als Gegenstand dieses Gedan­kenaustausches heute das ebenso wichtige wie aktuelle Thema der Menschenrechte wählen.

Nie wurde über die Menschenrechte so viel gesprochen, so viel diskutiert wie heute. Man tut das mit Leidenschaft, manchmal auch mit Zorn, fast immer im Blick auf eine größere, tatsächliche oder vorausgesetzte Gerechtigkeit. Diese Ansprüche scheinen nicht immer vernünftig oder realisierbar, denn sie sind häufig von individualistischem Ballast oder anarchischem Utopismus befrach­tet; einige sind auch moralisch unannehmbar. Aber im ganzen ge­nommen, was die Ausrichtung auf eine höhere Erwartung betrifft, ist das gewachsene Interesse für einen Raum der Freiheit und der Verantwortlichkeit für die Person eine positive Tatsache, die man ermutigen muß. Die Kirche verfolgt sie und wird sie weiter mit Sympathie verfolgen, um gemäß ihrer Sendung Klarheit und die notwendige Erleuchtung zu geben.

Im Rahmen der weiten und breiten Thematik, die die Rechte der menschlichen Person berührt, scheint es uns nützlich, in besonde­rer Weise die Religionsfreiheit, die Gleichheit der Rassen und das Recht des Menschen auf physische und psychische Integrität zu nennen. Diese Auswahl wird uns auch dadurch nahegelegt, daß diese drei Werte in der Sphäre der Beziehungen zwischen den Ein­zelpersonen und der öffentlichen Gewalt ihren Platz haben und daß wir hier und heute vor Ihnen als den Repräsentanten so vieler Länderregierungen sprechen.

1. Die Religionsfreiheit

Eines der Kennzeichen der säkularisierten Gesellschaft ist ohne Zweifel die Tendenz, den religiösen Glauben in den rein privaten Bereich zu verweisen. Doch gerade die Religions- und Gewissens­freiheit wird — heute stärker als je — überall da, wo sie unterdrückt oder eingeschränkt ist, mit Nachdruck, ja mit Leidenschaft als ein unabdingbarer Wert des Lebens gefordert, der eine äußere und gemeinsame Erfahrung braucht. Es genügt, die Appelle zu sehen, die uns unablässig von Personen und Gruppen zugehen, auch Nichtkatholiken, also von Männern und Frauen jeder Überzeu­gung und Konfession. Das gleiche gilt von der breiten Zustim­mung, die die Initiativen des Hl. Stuhls erhalten, wenn er vor den internationalen Behörden die Achtung der Religionsfreiheit für alle fordert.

Einige verbreitete Ideologien wollen den Glauben an Gott unter die Zeichen der menschlichen Schwäche und Verfremdung rech­nen. Aber nach den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, wie über­haupt, haben sich gerade die Gläubigen als freie Menschen erwie­sen, unabhängig in ihrem sittlichen Urteil, widerstandsfähig in der Entbehrung, unerschütterlich in der Unterdrückung und sogar vor dem Tod. Beweise dafür sind die Zeugnisse derer, die in Gefangen­schaft oder Internierung waren, und auch die Opfer, die viele Gläubige auf der Ebene des zivilen Lebens, der Arbeit, des Stu­diums, der Karriere mutig auf sich zu nehmen wußten; die es auf sich nahmen, sich und ihre Kinder Diskriminierungen zu unter­werfen, vorausgesetzt, daß das ihre eigenen religiösen Überzeugungen nicht berührte.

Man muß zugeben, daß alle oder fast alle Verfassungen der Welt, ohne von mehreren feierlichen internationalen Erklärungen zu sprechen, Garantien — sogar breite und umständliche — zugunsten der Religions- und Gewissensfreiheit und der Gleichheit der Bür­ger ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses enthalten. Aber man kann nicht umhin, die Beschränkungen und Verbote deutlich zu machen, denen in verschiedenen Ländern, auf legislativer und administrativer Ebene oder einfach in der Praxis, zahlreiche Äuße­rungen des religiösen Lebens unterliegen: das persönliche Glau­bensbekenntnis, die Kindererziehung, die Seelsorgsarbeit der Prie­ster und Bischöfe, die Selbstverwaltung der Ordensgemeinschaf­ten, die Möglichkeit der Glaubensverkündigung, die Benutzung der Presse, der Zugang zu den Massenmedien usw. Man muß also daraus den Schluß ziehen, daß die Gläubigen noch immer als ver­dächtige Personen betrachtet werden, die besonders zu überwa­chen sind.

Wir möchten hier frei und offen sprechen, aber auch freund­schaftlich und konstruktiv. Es stimmt, daß der Mensch, der auf­richtig an Gott glaubt und sich bemüht, trotz seiner Schwäche und seiner Sünden in Gemeinschaft der Liebe mit ihm zu leben, sich stark und frei fühlt. Die Stärke ist nicht seine eigene, sondern die­jenige dessen, auf den sie vertraut. Diese Freiheit erlangt er da­durch, daß er die Mächte nicht fürchtet, „die den Leib töten“ (Lk 12, 4). „Es ist ein seltsames Paradox“, sagt scherzhaft der Huma­nist und Staatsmann Sire Thomas More zu seiner Tochter Margaret vor seinem Tod, „daß ein Mensch seinen Kopf verlieren kann, ohne Schaden zu nehmen“.

Weniger der Verführung zugänglich, ist der Gläubige offen für Wahrheit und Gerechtigkeit, hat ein Herz für seine Brüder und empfindet es als unausweichliche Pflicht, der übernommenen Ver­antwortung treu zu bleiben. Man kann von ihm für die anderen Menschen und die Gesellschaft alles verlangen, mit Ausnahme des­sen, was sein Gewissen ihm untersagt.

Daß die Christen aus ihrem Glauben eine besondere moralische Kraft zu schöpfen wissen, die sie verpflichtet, sich nicht weniger und noch mehr als die anderen für eine menschlichere Welt einzu­setzen, das wird langsam auch von denen anerkannt, die sonst die Gewohnheit haben, den religiösen Glauben als Flucht aus der Wirklichkeit zu bezeichnen. Es scheint jetzt erlaubt, die Frage zu stellen: Kann ein Staat, der sich selbst als atheistisch erklärt und ge­gen den Glauben eines Teils seiner Bürger Stellung bezieht, obwohl er behauptet, in einem gewissen Rahmen den persönlichen Glauben zu respektieren, durch eine Art „negativen Konfessionalismus“ Vertrauen und echte Zusammenarbeit wecken? Wie läßt sich vorstellen, daß ein Vater oder eine Mutter ihre Hoffnung auf eine neue und gerechte Gesellschaft setzen, wenn diese in ihren Schulen eine rein ideologische totalitäre Erziehung zuläßt und wenn es für die Familie schwierig bleibt, im eigenen Heim ihren Kindern die geistigen Werte zu vermitteln, die Grundlage des Le­bens sind? Wie können die Kirche und die Hirten sich beruhigt fühlen, die trotz allem gegenüber der zivilen Autorität aufrichtige und begründete Achtung vertreten gemäß dem Wort des hl. Pau­lus: „Nicht aus Furcht vor der Strafe, sondern vor allem um des Gewissens willen“ (Röm 13, 5), wenn man sich weiter der Öff­nung von Kirchen oder der Sendung von Priestern, da wo ihre Anwesenheit von den Gläubigen gefordert wird, entgegenstellt oder wenn man den Zugang zum Priestertum oder Ordensleben begrenzt?

Trotzdem haben wir immer wieder unsererseits die Bischöfe und Gläubigen zur Geduld und Loyalität gegenüber der rechtmäßigen Staatsgewalt und zum gesellschaftlichen Engagement aufgefordert in allem, was das Wohl ihrer Länder betrifft. Wir haben das erst kürzlich wieder aus Anlaß der Audienzen und Höflichkeitsbesu­che hoher ziviler Autoritäten gesagt. Wir haben uns ständig um ei­nen offenen und freien Dialog mit allen Ländern bemüht, soweit sie bereit waren, einen solchen zu akzeptieren. Man kann nicht sa­gen, das sei ohne Ergebnis geblieben. Wir möchten, daß sich diese Gespräche noch vertiefen und erweitern lassen, auch in Richtung auf die schwierigen Punkte, in denen es noch keine Annäherung gab. Wir möchten schließlich im Rahmen einer breiteren Perspek­tive und nicht nur im Namen der Katholiken, sondern im Namen aller Gläubigen eine Frage stellen. Die Frage ist diese: Wäre es nicht an der Zeit, gewisse starre Positionen der Vergangenheit zu überwinden, damit der Ruf von Millionen von Menschen erhört wird, daß alle — im Besitz gleicher Bürgerrechte und in gemeinsa­mer solidarischer Zusammenarbeit für das bürgerliche und soziale Wohl ihres Landes — die Möglichkeit freier Glaubensausübung er­halten? Gibt es nicht in der wechselvollen Geschichte der Völker sogar nach den radikalsten Umwälzungen eine natürliche Reifung der Ereignisse, eine Entspannung der Geister, einen Wandel der Generationen auf einen neuen Zeitabschnitt hin, in dem das ver­geht und sich auflöst, was gegeneinandersteht und trennt, während das wächst und sich behauptet, was aufnahmefähig, brüderlich macht und eint?

Uns scheint, daß Gerechtigkeit, Klugheit und Realismus zu­sammenstreben, um die begründete Erwartung und den herzlichen Wunsch zu schaffen, daß dieser Moment, der dem Frieden so vieler Herzen entgegenkäme, nicht auf später verschoben oder verspielt wird.

2. Gleichheit der Menschen

Der Gleichheit ohne Unterschied der Herkunft oder der Rasse sind feierliche internationale Erklärungen gewidmet, wie die UNO-Konvention vom 21. Dezember 1965 gegen jede Form ras­sischer Diskrimination, der auch der Hl. Stuhl beigetreten ist. Mehr als auf ihren juridischen und politischen Gesichtspunkt möchten wir hier die Aufmerksamkeit auf den religiösen und mo­ralischen Sinn der gleichen Würde aller Menschen richten. Für den, der an Gott glaubt, sind alle menschlichen Wesen, auch die weniger begünstigten, Kinder des gemeinsamen Vaters, der sie nach seinem Bild geschaffen hat und ihre Geschicke in zuvorkom­mender Liebe leitet. Die Vaterschaft Gottes bedeutet die Brüder­schaft unter den Menschen, das ist nicht nur ein wesentlicher Ge­sichtspunkt des christlichen Universalismus, sondern auch die ge­meinsame Basis, auf der sich die großen Religionen treffen, und ein Grundsatz höchster menschlicher Weisheit seit allen Zeiten: näm­lich die Achtung der Würde des Menschen.

Für den Christen ist kein Mensch von der Möglichkeit ausge­schlossen, von Christus gerettet zu sein für die gleiche Bestim­mung im Gottesreich. Für alle, die die Botschaft des Evangeliums annehmen, ist es deshalb unmöglich, die fundamentale Gleichheit der Menschen aufgrund physischer, intellektueller oder morali­scher Unterschiede im Namen der Überlegenheit einer einzelnen Rasse oder Bevölkerungsgruppe zu leugnen. Wir erinnern uns noch mit innerer Bewegung der starken Ausdrucksweise, die unser großer Vorgänger Pius XI. seligen Angedenkens in seiner Enzy­klika benützte, die er vor 40 Jahren publizierte, um jene zu verur­teilen, die die Universalität der christlichen Erlösung durch die so­genannte „Offenbarung“ eines „Mythos von Blut und Rasse“ er­setzen wollten.

Die katholische Kirche, universal durch ihre Sendung und ihre Verbreitung, ist, ebenso wie sie unter jeder Verrohung widerstrei­tender Nationalismen leidet, auch über das Ansteigen der Rivalitä­ten von Rassen und Stämmen betrübt, die Spaltung und Streit unter den Menschen und Völkern nähren und sich sogar unter Brüdern im Glauben breitmachen können. Wir wollen hier vor allem die Aufmerksamkeit auf den Rassenkonflikt im allgemeinen lenken, der in der afrikanischen Geschichte der letzten Jahrzehnte einen beispielhaften Charakter angenommen hat, weil er mit der Entko­lonisierung und dem Zugang der Völker Afrikas zur Unabhängig­keit verknüpft ist. Es handelt sich darum, juridische und politische Sicherheiten zu schaffen gegen Verletzungen der Prinzipien des allgemeinen Wahlrechtes und der Selbstbestimmung der Völker, zu deren Bestätigung und Verbreitung in der Welt gerade die euro­päische und westliche Kultur beigetragen hat.

Die Kirche anerkennt die Gründe, weshalb die afrikanischen Völker sich gegen diese Situation wehren, als berechtigt. Sie kann aber die Anwendung von Gewalt weder rechtfertigen noch dazu ermutigen; denn diese vermehrt das Blutvergießen, sät Zerstörung, gibt dem Haß maßlose Proportionen und entfesselt Vergeltung und Rache. Andererseits kann die Kirche nicht ihre eigene Lehre verschweigen, aus der klar hervorgeht, daß jede Rassentheorie dem Glauben und der christlichen Lehre widerspricht; genauer gesagt, der Abscheu, den die Christen vor der Gewalt empfinden, muß sie dahin bringen, die gleiche Würde aller Menschen klarer und muti­ger zu vertreten. Im Rückblick auf die Zustimmung, die vor eini­gen Jahren unser Motto für den Weltfriedenstag: „Jeder Mensch ist mein Bruder“ gefunden hat, möchten wir, daß sich immer stär­ker und überzeugender, in legitimer, aber wirksamer Weise die tat­sächliche Solidarität aller zugunsten einer gerechten Lösung be­merkbar macht, besonders in Südafrika, wo bisher vergeblich ver­sucht wurde, eine solche Lösung zu erreichen.

3. Körperliche und seelische Integrität der Person

Für den, der an Gott glaubt, ist das menschliche Leben ein Ge­schenk, das von Gott kommt, ein heiliger Schatz, dessen Unver­sehrtheit er verteidigen muß. Die Kirche fühlt sich verpflichtet, das Leben unter allen Umständen und in jedem Stadium seiner Exi­stenz zu schützen, vom Augenblick der Empfängnis an, wo sich das Leben im Mutterschoß zu formen beginnt, bis zu unserer Be­gegnung mit unserer „Schwester Tod“. Von der Wiege bis zum Grab besitzt jedes menschliche Wesen, auch das schwächste und hilfloseste, ob geschmälert oder verletzt, ein auszeichnendes Ele­ment, nämlich Bild Gottes und ihm ähnlich zu sein. Und Jesus hat seine Jünger gelehrt, daß er selbst in der Person der Armen und der Kleinen in besonderer Deutlichkeit gegenwärtig ist.

Deshalb kann die Kirche und können die Gläubigen angesichts der sich häufenden Meldungen über die in verschiedenen Ländern praktizierten Folterungen und Mißhandlungen inhaftierter Perso­nen nicht gleichgültig bleiben, ob es sich um Verhöre handelt oder Personen im Zustand der Überwachung und Einschließung. In ei­ner Zeit, in der die Verfassungen und die Gesetzgebung dem Prin­zip des Rechts auf Verteidigung in allen Stadien der Rechtsspre­chung Platz einräumen, in einer Zeit, in der die Vorschläge zur Humanisierung der Strafanstalten weiter gediehen sind, muß man nichtsdestoweniger feststellen, daß die Technik der Folterung im­mer weiter perfektioniert wird, um den Widerstand der Gefange­nen zu brechen, wodurch diesen oft nicht wiedergutzumachender Schaden an Körper und Geist zugefügt wird. Wie sollte es nicht beunruhigen, wenn man weiß, daß zahlreiche Familien in ihrer Angst vergeblich um Gnade für ihre Lieben bitten und sich Bitten um Information häufen, ohne daß eine Antwort kommt? Desgleichen kann man nicht schweigen über die von so vielen Seiten ge­meldete Praxis, politische oder vermeintlich politische Opponenten Personen gleichzusetzen, die psychiatrische Behandlung brau­chen, und so ihrer Bestrafung ein weiteres, vielleicht noch härteres Motiv zur Bitterkeit hinzufügen.

Wie könnte die Kirche, so wie sie es in der Frage des Duells und der Abtreibung getan hat, nicht auch der Folter und ähnlichen Gewaltakten gegenüber eine strenge Position einnehmen? Diejenigen, welche ein solches Verbrechen anordnen oder durchführen, begehen einen schweren Verstoß gegen das christliche Gewissen, das nicht anders handeln kann, als alles in seiner Macht Stehende zu tun, um eine wirksame Beseitigung dieser Mißstände herbeizufüh­ren.

Das, Exzellenzen und sehr geehrte Herren, sind in Kürze die Gedanken, die wir Ihnen mitgeben wollten in der Gewißheit, Sie dafür empfänglich und zugänglich zu finden. Mit dem Wunsch des Friedens und des Wohlergehens für Ihre Regierungen und Länder, die Sie vertreten, empfehlen wir Sie dem, der über dem Geschick der Menschen und Völker steht und die Herzen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe öffnet. Möge das kommende Jahr durch ein neues Geschenk Gottes bereichert werden: einen be­trächtlichen Fortschritt zugunsten der Menschenrechte!

Wir verbinden damit unsere Wünsche für Sie und all Ihre Ange­hörigen und bitten den Herrn um das Übermaß seines Segens!

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1978 – Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker

PAPST FRANZISKUS: BEGEGNUNG FÜR DIE RELIGIONSFREIHEIT

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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
NACH KUBA, IN DIE VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA
UND BESUCH DER VEREINTEN NATIONEN

(19.-28. SEPTEMBER 2015)

BEGEGNUNG FÜR DIE RELIGIONSFREIHEIT
MIT DER HISPANISCHEN GEMEINDE UND ANDEREN IMMIGRANTEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Independence Mall, Philadelphia
Samstag, 26. September 2015

[Multimedia]

 

Liebe Freunde, guten Abend!

einer der Höhepunkte meines Besuches ist es, hier vor der Independence Hall, dem Geburtsort der Vereinigten Staaten von Amerika, zu stehen. Hier wurden die Freiheiten, die dieses Land charakterisieren, erstmalig ausgerufen. Die Unabhängigkeitserklärung proklamierte, dass »alle Menschen gleich erschaffen« worden sind, dass sie »von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt« wurden und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen. Diese Worte klingen immer noch nach und ermutigen uns heute ebenso, wie sie Menschen aus aller Welt ermutigt haben, für die Freiheit zu kämpfen, ein Leben zu führen, das ihrer Würde entspricht.

Die Geschichte zeigt auch, dass diese und andere Wahrheiten ständig neu bekräftigt, neu angeeignet und verteidigt werden müssen. Die Geschichte dieser Nation ist auch die Geschichte eines bis in unsere Tage reichenden ständigen Bemühens, diese erhabenen Prinzipien im gesellschaftlichen und politischen Leben zu verkörpern. Denken wir an die großen Kämpfe, die zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausweitung des Wahlrechts, zum Wachstum der Arbeiterbewegung und zum schrittweisen Bemühen geführt haben, jede Art von Rassismus und Vorurteil gegenüber späteren Einwanderungswellen zu beseitigen. Dies zeigt, dass ein Land erstarkt und sich erneuert, wenn es entschlossen ist, seinen Prinzipien, diesen auf der Achtung der Menschenwürde beruhenden Gründungsprinzipien treu zu bleiben. Wenn ein Land die Erinnerung an seine Wurzeln bewahrt, wächst es weiter, erneuert es sich und fährt fort, neue Völker und neue Menschen, die zu ihm kommen, in seinen Schoß aufzunehmen.

Es hilft uns sehr, wenn wir uns auf unsere Vergangenheit besinnen. Ein Volk, das die Erinnerung wach hält, wiederholt nicht die Fehler der Vergangenheit, sondern stellt sich voll Zuversicht den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Die Erinnerung bewahrt die Seele eines Volkes vor allem oder allen, die es beherrschen oder für ihre eigenen Interessen gebrauchen wollen. Wenn den Einzelnen und den Gemeinschaften die tatsächliche Ausübung ihrer Rechte garantiert wird, sind sie nicht nur frei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, sondern tragen mit diesen Fähigkeiten, mit ihrer Arbeit auch zum Wohl und zur Bereicherung der gesamten Gesellschaft bei.

An diesem, für den „American Way“ so symbolträchtigen Ort möchte ich mit Ihnen über das Recht auf Religionsfreiheit nachdenken. Es ist ein grundlegendes Recht, das die Art unseres gesellschaftlichen und persönlichen Umgangs mit unseren Mitmenschen prägt, deren religiöse Ansichten sich von unseren eigenen unterscheiden. Das Ideal des interreligiösen Dialogs, wo alle Männer und Frauen unterschiedlicher religiöser Traditionen miteinander sprechen können, ohne zu streiten – das ist ein Ergebnis der Religionsfreiheit.

Religionsfreiheit schließt zweifellos das Recht ein, Gott persönlich und in Gemeinschaft zu verehren, wie es dem eigenen Gewissen entspricht. Andererseits liegt es aber im Wesen der Religionsfreiheit, dass sie die Kultorte und den Privatbereich der Einzelnen und der Familien überschreitet, denn die religiöse Praxis, die religiöse Dimension ist nicht etwa eine Subkultur, sie ist ein Teil der Kultur jedes beliebigen Volkes und jeder beliebigen Nation.

Unsere verschiedenen religiösen Traditionen dienen der Gesellschaft vor allem durch die Botschaft, die sie verkünden. Sie rufen die Einzelnen und die Gemeinschaften dazu auf, Gott, die Quelle des Lebens, der Freiheit und des Glücks zu verehren. Sie erinnern uns an die transzendente Dimension des Menschseins und an unsere uneingeschränkte Freiheit gegenüber dem Anspruch jeglicher absoluten Macht. Wir brauchen nur auf die Geschichte zu schauen – es tut uns gut, uns die Geschichte vor Augen zu halten –, besonders auf die des letzten Jahrhunderts, um die Grausamkeiten zu sehen, die von Systemen verübt wurden, die behaupteten, irgendein „irdisches Paradies“ zu errichten, indem sie Völker beherrschten, sie scheinbar unanfechtbaren Prinzipien unterwarfen und ihnen jede Art von Recht aberkannten. Unsere reichen religiösen Traditionen versuchen Sinn und Führung anzubieten. Sie »besitzen eine motivierende Kraft, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht« (Evangelii gaudium, 256). Sie rufen zu Umkehr und Versöhnung, zur Sorge für die Zukunft der Gesellschaft, zu Uneigennützigkeit im Dienst am Gemeinwohl und zu Mitleid mit den Bedürftigen auf. Im Zentrum ihrer geistlichen Sendung steht die Verkündigung der Wahrheit und der Würde der menschlichen Person sowie aller Menschenrechte.

Unsere religiösen Traditionen erinnern uns daran, dass wir als Menschen aufgerufen sind, den Anderen anzuerkennen, der unsere relationale Identität offenbart, gegenüber allen Bestrebungen, eine »Uniformität« durchzusetzen, »die der Egoismus des Starken, der Konformismus des Schwachen oder die Ideologie des Utopisten uns aufzwingen möchten« (vgl. Michel de Certeau, L’Étranger ou l’union dans la différence, Paris 1991, S. 27-30).

In einer Welt, in der verschiedene Formen moderner Tyrannei versuchen, die Religionsfreiheit zu unterdrücken oder – wie ich vorhin sagte – sie auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen, ist es notwendig, dass die Anhänger der verschiedenen religiösen Traditionen ihre Stimmen vereinen, um Frieden, Toleranz sowie die Achtung der Würde und der Rechte der anderen zu fordern.

Wir leben in einer Zeit, die der »Globalisierung des technokratischen Paradigmas« (Enzyklika Laudato si, 106) unterworfen ist, die bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen. Die Religionen haben somit das Recht und die Pflicht, deutlich zu zeigen, dass es möglich ist, eine Gesellschaft zu errichten, in der »ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert« (Evangelii gaudium, 255), ein wertvoller Verbündeter ist »im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde … ein Weg des Friedens für unsere verwundete Welt« (ebd., 257), unsere durch die Kriege so verwundete Welt.

Die Quäker, die Philadelphia gegründet haben, waren von einem tiefen, auf dem Evangelium beruhenden Empfinden für die Würde jedes Einzelnen und vom Ideal einer in geschwisterlicher Liebe geeinten Gemeinschaft beseelt. Diese Überzeugung veranlasste sie, eine Kolonie zu gründen, die ein Zufluchtsort der Religionsfreiheit und der Toleranz sein sollte. Der Geist mitbrüderlicher Sorge um die Würde aller, besonders der Schwachen und Verwundbaren, wurde ein wesentlicher Bestandteil des „American Spirit“. Während seines Besuchs in den Vereinigten Staaten im Jahr 1987 brachte der heilige Johannes Paul II. mit bewegenden Worten seine diesbezügliche Hochachtung zum Ausdruck, als er Amerika ins Gedächtnis rief: »Der entscheidende Test deiner Größe ist die Art, wie du jedes menschliche Wesen behandelst, zumal die Schwächsten und Schutzlosesten« (Abschiedszeremonie, Detroit, 19. September 1987).

Ich nutze diese Gelegenheit, um allen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – zu danken, die sich bemüht haben, Gott, dem Gott des Friedens zu dienen, und Städte brüderlicher Liebe errichteten, indem sie für den notleidenden Nächsten sorgten, die Würde des göttlichen Geschenks des Lebens in allen seinen Phasen verteidigten und für die Anliegen der Armen und der Einwanderer eintraten. Allzu oft können sich jene, die am meisten der Hilfe bedürfen, nirgendwo Gehör verschaffen. Sie sind ihre Stimme, und viele von Ihnen – religiöse Männer und Frauen – haben erreicht, dass deren Schrei gehört wurde. Mit diesem Zeugnis, das häufig auf starken Widerstand stößt, erinnern Sie die nordamerikanische Demokratie an die Ideale, auf die sie gegründet wurde, und daran, dass die Gesellschaft jedes Mal geschwächt wird, wenn dort und wo auch immer Ungerechtigkeit die Oberhand gewinnt.

Ich sprach eben über die Tendenz zu einer Globalisierung. Die Globalisierung ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, der Trend, uns zu globalisieren, ist gut, er führt uns zusammen. Was schlecht sein kann, ist die Weise, dies zu tun. Wenn eine Globalisierung anstrebt, alle gleichzumachen, als entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den Reichtum und die Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes. Wenn eine Globalisierung versucht, alle zusammenzuführen, dabei aber jeden einzelnen Menschen, seine Persönlichkeit, seinen Reichtum, seine Besonderheit respektiert und jedes Volk, jeden Reichtum, seine Besonderheit respektiert, dann ist diese Globalisierung gut, lässt uns alle wachsen und führt zum Frieden. Es gefällt mir, hier ein wenig auf die Geometrie zurückzugreifen. Wenn die Globalisierung wie eine Kugel ist, wo ein Punkt wie der andere ist und alle gleich weit vom Zentrum entfernt sind, dann unterjocht sie, dann ist sie nicht gut. Wenn die Globalisierung wie ein Polyeder ist, wo alle vereint sind, jeder aber die eigene Identität bewahrt, dann ist sie gut; sie lässt ein Volk wachsen, verleiht allen Menschen Würde und gesteht ihnen ihre Rechte zu.

Unter uns sind heute Mitglieder der großen spanisch sprechenden Bevölkerung der USA wie auch Vertreter der erst kürzlich in den Vereinigten Staaten eingetroffenen Einwanderer. Danke, dass sie offene Türen fanden! Viele von Ihnen – ich grüße sie sehr herzlich – viele von ihnen sind unter großen persönlichen Opfern in dieses Land eingewandert, aber mit der Hoffnung, ein neues Leben aufzubauen. Lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten, die Sie bewältigen müssen, nicht entmutigen! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass Sie wie jene, die vor Ihnen hierher kamen, dieser Nation viele Gaben mitbringen. Bitte schämen Sie sich nie Ihrer Traditionen. Vergessen Sie nicht, was Sie von Ihren Vorfahren gelernt haben; es kann das Leben dieses amerikanischen Landes bereichern! Ich wiederhole es: Schämen Sie sich nicht dessen, was wesentlich zu Ihnen gehört. Auch Sie sind aufgerufen, verantwortungsvolle Bürger zu sein und – gleich denen, die vor Ihnen kamen und sich kraftvoll einsetzten – einen fruchtbaren Beitrag zum Leben der Gemeinschaften zu leisten, in denen Sie leben. Ich denke besonders an den lebendigen Glauben, den viele von Ihnen besitzen, an den tiefen Sinn für das Familienleben und an die anderen Werte, die Teil Ihres Erbes sind. Wenn Sie Ihre Gaben mit einbringen, werden Sie nicht nur Ihren Platz hier finden, sondern Sie werden helfen, die Gesellschaft von innen her zu erneuern. Vergessen Sie nicht, was hier vor über zweihundert Jahren geschah! Verlieren Sie jene Erklärung nicht aus dem Gedächtnis, die proklamierte, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet worden sind und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang und für Ihre Gesellschaft heute hier. Bewahren wir die Freiheit. Pflegen wir die Freiheit. Die Gewissensfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit jeder Person, jeder Familie, jedes Volkes, die darin besteht, den Rechten Raum zu geben. Möge dieses Land und jede bzw. jeder von Ihnen fortwährend Dank sagen für den reichen Segen und die vielen Freiheiten, die Sie genießen. Und verteidigen Sie diese Rechte, besonders die Religionsfreiheit, die Gott Ihnen gegeben hat. Er segne Sie alle. Und ich bitte Sie herzlich, ein wenig für mich zu beten. Danke.

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Quelle

Siehe dazu auch:

Globalisierung soll uns wachsen lassen und zum Frieden führen

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Begegnung zur Religionsfreiheit

mit der hispanischen Gemeinde und anderen Immigranten
in der Independence Hall, Philadelphia

Ansprache von Papst Franziskus am 26. September 2015

Liebe Freunde, guten Abend!

Einer der Höhepunkte meines Besuches ist es, hier vor der »Independence Hall«, dem Geburtsort der Vereinigten Staaten von Amerika, zu stehen. Hier wurden die Freiheiten, die dieses Land charakterisieren, erstmalig ausgerufen. Die Unabhängigkeitserklärung proklamierte, dass »alle Menschen gleich erschaffen« worden sind, dass sie »von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt« wurden und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen. Diese Worte klingen immer noch nach und ermutigen uns heute ebenso wie sie Menschen aus aller Welt ermutigt haben, für die Freiheit zu kämpfen, ein Leben zu führen, das ihrer Würde entspricht.

Die Geschichte zeigt auch, dass diese und andere Wahrheiten ständig neu bekräftigt, neu angeeignet und verteidigt werden müssen. Die Geschichte dieser Nation ist auch die Geschichte eines bis in unsere Tage reichenden ständigen Bemühens, diese erhabenen Prinzipien im gesellschaftlichen und politischen Leben zu verkörpern. Denken wir an die großen Kämpfe, die zur Abschaffung der Sklaverei, zur Ausweitung des Wahlrechts, zum Wachstum der Arbeiterbewegung und zum schrittweisen Bemühen geführt haben, jede Art von Rassismus und Vorurteil gegenüber späteren Einwanderungswellen zu beseitigen. Dies zeigt, dass ein Land erstarkt und sich erneuert, wenn es entschlossen ist, seinen Prinzipien, diesen auf der Achtung der Menschenwürde beruhenden Gründungsprinzipien, treu zu bleiben. Wenn ein Land die Erinnerung an seine Wurzeln bewahrt, wächst es weiter, erneuert es sich und fährt fort, neue Völker und neue Menschen, die zu ihm kommen, in seinen Schoß aufzunehmen.

Es hilft uns sehr, wenn wir uns auf unsere Vergangenheit besinnen. Ein Volk, das die Erinnerung wachhält, wiederholt nicht die Fehler der Vergangenheit, sondern stellt sich voll Zuversicht den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Die Erinnerung bewahrt die Seele eines Volkes vor allem oder allen, die es beherrschen oder für ihre eigenen Interessen gebrauchen wollen. Wenn den Einzelnen und den Gemeinschaften die tatsächliche Ausübung ihrer Rechte garantiert wird, sind sie nicht nur frei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entfalten, sondern tragen mit diesen Fähigkeiten, mit ihrer Arbeit auch zum Wohl und zur Bereicherung der gesamten Gesellschaft bei.

An diesem für den »American Way« so symbolträchtigen Ort möchte ich mit Ihnen über das Recht auf Religionsfreiheit nachdenken. Es ist ein grundlegendes Recht, das die Art unseres gesellschaftlichen und persönlichen Umgangs mit unseren Mitmenschen prägt, deren religiöse Ansichten sich von unseren eigenen unterscheiden. Das Ideal des interreligiösen Dialogs, wo alle Männer und Frauen unterschiedlicher religiöser Traditionen miteinander sprechen können, ohne zu streiten – das ist ein Ergebnis der Religionsfreiheit.

Religionsfreiheit schließt zweifellos das Recht ein, Gott persönlich und in Gemeinschaft zu verehren, wie es dem eigenen Gewissen entspricht. Andererseits liegt es aber im Wesen der Religionsfreiheit, dass sie die Kultorte und den Privatbereich der Einzelnen und der Familien überschreitet, denn die religiöse Praxis, die religiöse Dimension ist nicht etwa eine Subkultur, sie ist ein Teil der Kultur jedes beliebigen Volkes und jeder beliebigen Nation.

Unsere verschiedenen religiösen Traditionen dienen der Gesellschaft vor allem durch die Botschaft, die sie verkünden. Sie rufen die Einzelnen und die Gemeinschaften dazu auf, Gott, die Quelle des Lebens, der Freiheit und des Glücks zu verehren. Sie erinnern uns an die transzendente Dimension des Menschseins und an unsere uneingeschränkte Freiheit gegenüber dem Anspruch jeglicher absoluten Macht. Wir brauchen nur auf die Geschichte zu schauen – es tut uns gut, uns die Geschichte vor Augen zu halten –, besonders auf die des letzten Jahrhunderts, um die Grausamkeiten zu sehen, die von Systemen verübt wurden, die behaupteten, irgendein »irdisches Paradies« zu errichten, indem sie Völker beherrschten, sie scheinbar unanfechtbaren Prinzipien unterwarfen und ihnen jede Art von Recht aberkannten. Unsere reichen religiösen Traditionen versuchen Sinn und Führung anzubieten. Sie »besitzen eine motivierende Kraft, die immer neue Horizonte öffnet, das Denken anregt, den Geist weitet und das Feingefühl erhöht« (Evangelii gaudium, 256). Sie rufen zu Umkehr und Versöhnung, zur Sorge für die Zukunft der Gesellschaft, zu Uneigennützigkeit im Dienst am Gemeinwohl und zu Mitleid mit den Bedürftigen auf. Im Zentrum ihrer geistlichen Sendung steht die Verkündigung der Wahrheit und der Würde der menschlichen Person sowie aller Menschenrechte.

Unsere religiösen Traditionen erinnern uns daran, dass wir als Menschen aufgerufen sind, den Anderen anzuerkennen, der unsere relationale Identität offenbart, gegenüber allen Bestrebungen, eine »Uniformität« durchzusetzen, »die der Egoismus des Starken, der Konformismus des Schwachen oder die Ideologie des Utopisten uns aufzwingen möchten« (vgl. Michel de Certeau, L’Étranger ou l’union dans la différence, Paris 1991, S. 27-30).

In einer Welt, in der verschiedene Formen moderner Tyrannei versuchen, die Religionsfreiheit zu unterdrücken oder – wie ich vorhin sagte – sie auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen, ist es notwendig, dass die Anhänger der verschiedenen religiösen Traditionen ihre Stimmen vereinen, um Frieden, Toleranz sowie die Achtung der Würde und der Rechte der anderen zu fordern.

Wir leben in einer Zeit, die der »Globalisierung des technokratischen Paradigmas« (Enzyklika Laudato si’, 106) unterworfen ist, die bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen. Die Religionen haben somit das Recht und die Pflicht, deutlich zu zeigen, dass es möglich ist, eine Gesellschaft zu errichten, in der »ein gesunder Pluralismus, der die anderen und die Werte als solche wirklich respektiert« (Evangelii gaudium, 255), ein wertvoller Verbündeter ist »im Einsatz zur Verteidigung der Menschenwürde … ein Weg des Friedens für unsere verwundete Welt« (ebd., 257), unsere durch die Kriege so verwundete Welt.

Die Quäker, die Philadelphia gegründet haben, waren von einem tiefen, auf dem Evangelium beruhenden Empfinden für die Würde jedes Einzelnen und vom Ideal einer in geschwisterlicher Liebe geeinten Gemeinschaft beseelt. Diese Überzeugung veranlasste sie, eine Kolonie zu gründen, die ein Zufluchtsort der Religionsfreiheit und der Toleranz sein sollte. Der Geist mitbrüderlicher Sorge um die Würde aller, besonders der Schwachen und Verwundbaren, wurde ein wesentlicher Bestandteil des »American Spirit«. Während seines Besuchs in den Vereinigten Staaten im Jahr 1987 brachte der heilige Johannes Paul II. mit bewegenden Worten seine diesbezügliche Hochachtung zum Ausdruck, als er Amerika ins Gedächtnis rief: »Der entscheidende Test deiner Größe ist die Art, wie du jedes menschliche Wesen behandelst, zumal die Schwächsten und Schutzlosesten« (Abschiedszeremonie, Detroit, 19. September 1987).

Ich nutze diese Gelegenheit, um allen – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – zu danken, die sich bemüht haben, Gott, dem Gott des Friedens zu dienen, und Städte brüderlicher Liebe errichteten, indem sie für den notleidenden Nächsten sorgten, die Würde des göttlichen Geschenks des Lebens in allen seinen Phasen verteidigten und für die Anliegen der Armen und der Einwanderer eintraten. Allzu oft können sich jene, die am meisten der Hilfe bedürfen, nirgendwo Gehör verschaffen. Sie sind ihre Stimme, und viele von Ihnen – religiöse Männer und Frauen – haben erreicht, dass deren Schrei gehört wurde. Mit diesem Zeugnis, das häufig auf starken Widerstand stößt, erinnern Sie die nord­amerikanische Demokratie an die Ideale, auf die sie gegründet wurde, und daran, dass die Gesellschaft jedes Mal geschwächt wird, wenn dort und wo auch immer Ungerechtigkeit die Oberhand gewinnt.

Ich sprach eben über die Tendenz zu einer Globalisierung. Die Globalisierung ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil, der Trend, uns zu globalisieren, ist gut, er führt uns zusammen. Was schlecht sein kann, ist die Weise, dies zu tun. Wenn eine Globalisierung anstrebt, alle gleichzumachen, als entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den Reichtum und die Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes. Wenn eine Globalisierung versucht, alle zusammenzuführen, dabei aber jeden einzelnen Menschen, seine Persönlichkeit, seinen Reichtum, seine Besonderheit respektiert und jedes Volk, jeden Reichtum, seine Besonderheit respektiert, dann ist diese Globalisierung gut, lässt uns alle wachsen und führt zum Frieden. Es gefällt mir, hier ein wenig auf die Geometrie zurückzugreifen. Wenn die Globalisierung wie eine Kugel ist, wo ein Punkt wie der andere ist und alle gleich weit vom Zentrum entfernt sind, dann unterjocht sie, dann ist sie nicht gut. Wenn die Globalisierung wie ein Polyeder ist, wo alle vereint sind, jeder aber die eigene Identität bewahrt, dann ist sie gut; sie lässt ein Volk wachsen, verleiht allen Menschen Würde und gesteht ihnen ihre Rechte zu.

Unter uns sind heute Mitglieder der großen spanisch sprechenden Bevölkerung der USA wie auch Vertreter der erst kürzlich in den Vereinigten Staaten eingetroffenen Einwanderer. Danke, dass sie offene Türen fanden! Viele von Ihnen – ich grüße sie sehr herzlich – viele von Ihnen sind unter großen persönlichen Opfern in dieses Land eingewandert, aber mit der Hoffnung, ein neues Leben aufzubauen. Lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten, die Sie bewältigen müssen, nicht entmutigen! Ich bitte Sie, nicht zu vergessen, dass Sie wie jene, die vor Ihnen hierher kamen, dieser Nation viele Gaben mitbringen. Bitte schämen Sie sich nie Ihrer Traditionen. Vergessen Sie nicht, was Sie von Ihren Vorfahren gelernt haben; es kann das Leben dieses amerikanischen Landes bereichern! Ich wiederhole es: Schämen Sie sich nicht dessen, was wesentlich zu Ihnen gehört. Auch Sie sind aufgerufen, verantwortungsvolle Bürger zu sein und – gleich denen, die vor Ihnen kamen und sich kraftvoll einsetzten – einen fruchtbaren Beitrag zum Leben der Gemeinschaften zu leisten, in denen Sie leben. Ich denke besonders an den lebendigen Glauben, den viele von Ihnen besitzen, an den tiefen Sinn für das Familienleben und an die anderen Werte, die Teil Ihres Erbes sind. Wenn Sie Ihre Gaben mit einbringen, werden Sie nicht nur Ihren Platz hier finden, sondern Sie werden helfen, die Gesellschaft von innen her zu erneuern. Vergessen Sie nicht, was hier vor über zweihundert Jahren geschah! Verlieren Sie jene Erklärung nicht aus dem Gedächtnis, die proklamierte, dass alle Menschen gleich erschaffen und von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden sind und dass die Regierungen existieren, um diese Rechte zu schützen und zu verteidigen.

Liebe Freunde, ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang und für Ihre Gesellschaft heute hier. Bewahren wir die Freiheit. Pflegen wir die Freiheit. Die Gewissensfreiheit, die Religionsfreiheit, die Freiheit jeder Person, jeder Familie, jedes Volkes, die darin besteht, den Rechten Raum zu geben. Möge dieses Land und jede bzw. jeder von Ihnen fortwährend Dank sagen für den reichen Segen und die vielen Freiheiten, die Sie genießen. Und verteidigen Sie diese Rechte, besonders die Religionsfreiheit, die Gott Ihnen gegeben hat. Er segne Sie alle. Und ich bitte Sie herzlich, ein wenig für mich zu beten. Danke.

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Quelle: Osservatore Romano 41/2015

KARDINAL TARCISIO BERTONE ZUR RELIGIONSFREIHEIT

Presentazione del libro ' La porta stretta '

KONGRESS DES ISTITUTO SUPERIORE
DI STUDI RELIGIOSI – FONDAZIONE AMBROSIANA PAOLO VI
ÜBER DIE RELIGIONSFREIHEIT : MEILENSTEIN DES NEUEN EUROPA
ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Villa Cagnola (Gazzada – Varese)
Freitag, 19. Oktober 2007

Exzellenzen,
verehrte Obrigkeiten,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich freue mich, einen Beitrag zu leisten zu diesem Kongreß, der unter dem Thema steht: »Die Religionsfreiheit: Meilenstein des neuen Europa«. Durch ihn sollen zwei Jahrestage begangen werden, welche die Geschichte von Villa Cagnola auf besondere Weise mit der Geschichte des Apostolischen Stuhls verbunden haben: der 60. Jahrestag der Schenkung der Villa an den Heiligen Stuhl und der 30. Gründungstag der »Fondazione Ambrosiana Paolo VI«. Ich danke daher Msgr. Luigi Mistò und den lombardischen Bischöfen für die freundliche Einladung und grüße ehrerbietig die verehrten Persönlichkeiten und alle Anwesenden.

1. Die Religionsfreiheit im Lehramt der Kirche und im europäischen Kontext

Mit der Erklärung Dignitatis Humanae des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils hat das kirchliche Lehramt das Thema der Religionsfreiheit in ein neues Licht gerückt. Es ging in Wirklichkeit nicht darum, die vorherige Lehre zu »revolutionieren« oder zu korrigieren, sondern vielmehr darum, sie zu entfalten. Bereits im Jahre 300 n. Chr. sagte nämlich Lactantius: »Religio sola est, in qua libertas domicilium conlocavit«,(1) und der Codex des kanonischen Rechts von 1917 schrieb schlicht und einfach vor: »Ad amplexandam fidem catholicam nemo invitus cogatur« (Can. 1351).

Ich weiß, daß Msgr. Mistò später etwas zur Erklärung Dignitatis Humanae sagen wird. Daher beschränke ich mich darauf, in Erinnerung zu rufen, daß sie die Verankerung der Religionsfreiheit in der Würde und damit in der Natur der menschlichen Person selbst hervorhebt.(2) Infolgedessen ist sie ein unaufhebbares, unveräußerliches und unverletzliches subjektives Recht, das eine private und eine öffentliche, eine individuelle und eine kollektive und auch eine institutionelle Dimension besitzt.(3)

Ich möchte außerdem hervorheben, daß die Religionsfreiheit nicht nur »eines« der Grundrechte des Menschen ist. Vielmehr ist sie »vorrangig« unter diesen Rechten. Sie ist vorrangig, weil »die Verteidigung dieses Rechts eine Art ›Lackmustest‹ für die Achtung aller weiteren Menschenrechte« ist, wie Papst Johannes Paul II. am 10. Oktober 2003 in Erinnerung rief.(4) Vorrangig ist sie auch, weil sie historisch betrachtet eines der ersten Menschenrechte war, das geltend gemacht wurde. Vorrangig ist sie schließlich, weil andere Grundrechte auf einzigartige Weise mit ihr verbunden sind. Wo die Religionsfreiheit in Blüte steht, dort keimen auch alle anderen Rechte auf und entfalten sich; wenn sie in Gefahr ist, dann geraten auch diese ins Wanken. Gerade deshalb sollte sie ein Meilenstein des neuen Europa schlechthin sein!

Letzteres hat Umbrüche von großer Tragweite erlebt: den Zusammenbruch der kommunistischen Regime, das Anwachsen der Immigration und die Hervorhebung der Multikulturalität, die Schwächung der Systeme der sozialen Absicherung, das Schwinden konsolidierter Lebensstile und Kulturmodelle durch das Einwirken der Globalisierung und der Konfrontation mit einer »vernetzten« Welt – einer Welt der gegenseitigen Abhängigkeiten, der Integrationen und Wechselwirkungen, die die verschiedenen Systeme in einem globalen Mosaik miteinander verbinden.

Auf der Ebene der europäischen Gemeinschaft ist die Religionsfreiheit von der Europäischen Menschenrechtskonvention und von der Charta der Grundrechte anerkannt. In institutioneller Hinsicht gründen die Beziehungen zwischen Staaten und Religionsgemeinschaften auf der Voraussetzung – die in einigen Gesetzestexten und im zukünftigen »Reformvertrag« der Europäischen Union deutlich gemacht wird –, daß besagte Beziehungen innerhalb der Zuständigkeit der einzelnen Staaten liegen. Im übrigen ist die europäische Situation sehr vielgestaltig: von der Staatskirche der griechischen Orthodoxie bis hin zu den »Nationalkirchen« einiger nordischer Länder, vom französischen »Separatismus« bis hin zu den Konkordats- und Vertragssystemen zahlreicher Staaten, einschließlich der lateinischen. Das bedeutet nicht, daß in der europäischen Gesetzgebung und Rechtsprechung keine Stellungnahmen vorhanden sind, die die Religionsfreiheit betreffen. Gegenwärtig finden sich diese vor allem in einigen ethisch heiklen Bereichen, wo das Christentum Verhaltensweisen vorgibt, die anders sind als die vom veränderten europäischen Rechtssystem vorgeschriebenen oder gestatteten. Aufs Ganze gesehen gibt es im europäischen Umgang mit der Religionsfreiheit nicht wenige Wunden, die geheilt, Verkrustungen, die entfernt, und Garantien, die geleistet werden müssen. Die Förderung dieses Grundrechts muß noch mehr gepflegt, gefestigt und verstärkt werden.

Ich glaube, daß es in diesem Zusammenhang nützlich ist, bei einigen Herausforderungen von größerer Tragweite zu verweilen.

2. Öffnung zur Transzendenz

Die vielleicht radikalste Herausforderung besteht in der Leugnung der Grundlage der Religionsfreiheit, genauer gesagt der Öffnung der Person zur Transzendenz. Die gegenwärtige Kultur betrachtet gewöhnlich das Freiheitsbedürfnis als das Grundbedürfnis des Menschen. Infolgedessen ist die Kultur mehr auf Forderungen nach Freiheit als nach Wahrheit und Gerechtigkeit aufgebaut worden. Es wird jedoch immer deutlicher ersichtlich, daß die kantische Lösung, allen dieselbe Freiheit zu garantieren, unter der Bedingung, daß man dem anderen keinen Schaden zufügt, eine unzulängliche und vage Formel ist, weil es immer umstrittener und schwieriger wird festzulegen, wer der »andere« ist, oder wer der »andere« wird, weil man ihn als solchen festlegt.

Die Freiheit braucht daher eine Grundlage, auf der sie sich entfalten kann, ohne jedoch die Würde des Menschen und den sozialen Zusammenhalt zu gefährden. Diese Grundlage kann nur transzendent sein, denn nur sie ist so »groß«, daß die Freiheit auf ihr das größte Ausmaß erreichen kann, und gleichzeitig so »fest«, daß sie der Freiheit in jeder Lage Orientierung geben und sie qualifizieren kann. Wo hingegen die Transzendenz verleugnet oder relativiert wird – wo Gott also als sekundäre Größe betrachtet wird, die man vorübergehend oder für immer beiseite legen kann im Namen von Werten, die irrtümlich als wichtiger angesehen werden –, dort scheitern, eben diese angeblich wichtigeren Werte. Das zeigt der tragische Ausgang der politischen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts, die Gott verleugnet und so die Wahrheit des Menschen verletzt und seine Freiheit »in Ketten gelegt« haben.

Oftmals leugnet man Gott nicht direkt, sondern im Namen eines absoluten Verständnisses von Toleranz oder einer privatistischen Sichtweise der Religionsfreiheit oder auch, indem man die Religion von der Vernunft trennt und sie ausschließlich in die Welt der Gefühle verbannt. Ich meine daher, daß es angebracht ist, auch einige Worte zu diesen Herausforderungen zu sagen.

3. Der Begriff der Toleranz

Das, was der Toleranz ihren Wert verleiht, ist die Sakralität des Gewissens. Dieses strebt immer zum Guten und zur Wahrheit, gegenüber denen die Toleranz daher ein zweitrangiger Wert ist. Wenn die Toleranz dagegen zum höchsten Wert wird, dann ist jede wirklich glaubhafte Überzeugung, die andere Überzeugungen ausschließt, Intoleranz. Wenn jede Überzeugung ebenso gut ist wie jede andere, ist man überdies am Ende auch tolerant gegenüber der Immoralität. Engelhardt hat diese Aporie bis zu den äußersten Konsequenzen weitergeführt und konnte folgendes Paradoxon aufzeigen: »Wenn man die Immoralität bestimmter Verhaltensweisen nicht beweisen kann, dann lassen sich die ärztliche Betreuung, die Albert Schweitzer geleistet hat, und das, was in den nazistischen Konzentrationslagern durchgeführt wurde, gleichermaßen verteidigen. […] Das Verhalten moralisch abstoßender Individuen läßt sich dann rechtfertigen oder nicht rechtfertigen, nicht mehr und nicht weniger als das der Heiligen«.(5)

Die Würde des Menschen gründet in seiner Fähigkeit zur Wahrheit. Die Toleranz zu verabsolutieren bedeutet dagegen, sich von dieser Würde zurückzuziehen. Dort, wo die Überzeugungen unter einen Bann gestellt werden und derjenige, der sie besitzt und nicht bereit ist, sie in einfache Hypothesen umzuwandeln, als unfähig zum Dialog betrachtet wird, dort wird der Dialog selbst unmöglich. Er kann nämlich nicht stattfinden und wirksam sein, wenn auf die Wahrheit verzichtet wird oder wenn man sie relativiert, im Namen einer angeblichen Achtung der Überzeugungen anderer. Der Verzicht auf die Wahrheit und auf die Überzeugung vereint und erhöht die Menschen nicht. Er überläßt den Menschen vielmehr der Berechnung des Nutzens oder des Unmittelbaren und beraubt ihn seiner Größe.

Der interreligiöse Dialog muß daher die tiefe Achtung vor dem Glauben des anderen ermutigen sowie die Bereitschaft, in dem, was fremd und anders ist, die Wahrheit zu suchen, die jeder Person helfen kann, Fortschritte zu machen. Andererseits kann es nicht darum gehen, »einander zu besseren Christen, Juden, Moslems, Hindus oder Buddhisten zu machen … Denn das wäre nun doch wieder die völlige Überzeugungslosigkeit, in der wir – unter dem Vorwand, uns je in unserem Besten zu bestärken – weder uns noch die anderen ernstnehmen und auf Wahrheit endgültig verzichten würden«.(6)

4. Der Dialog mit der Vernunft

Die höchste Toleranz ist daher die Achtung der Wahrheit; die Religionsfreiheit gründet auf dieser Achtung und öffnet sich so den Anforderungen der menschlichen Vernunft, die zur Wahrheit fähig ist. Die Religionsfreiheit erfordert also Unterscheidungsfindung, und zwar sowohl zwischen den einzelnen Formen der Religion, um diejenigen zu ermitteln, die dem Durst nach Wahrheit jedes Menschen vollkommen entsprechen, als auch innerhalb der Religion selbst, in Richtung auf ihre wahre Größe hin. Man darf nämlich nicht die Augen davor verschließen, daß der heutige Mensch oft nicht der Vernunft folgt, sondern nach Instinkten lebt. Das stellt für jede Religion eine Herausforderung dar, weil es sie dazu verleiten könnte, diesen Schwächen nachzugeben, um die Launen oder schlimmer noch die Egoismen ihrer Gläubigen zu befriedigen. Eine »säkularisierte« Religion hat jedoch am Ende ein »Antlitz«, das so gezeichnet ist von den »Furchen« der menschlichen Inkonsequenz, daß es ihm nicht mehr gelingt, das Göttliche durchscheinen zu lassen.

Im allgemeinen sollten daher die Protagonisten des neuen Europa und all seine Bürger die Religion als das ansehen, was sie ist, und jeden Druck vermeiden, sie in eine »Zivilreligion« umzuwandeln oder die Kirchen auf einfache Einrichtungen der sozialen Solidarität zu reduzieren. Solowjew schreibt dem Antichristen ein Buch mit dem Titel »Der offene Weg zum Frieden und zum Wohlstand der Welt« zu, dessen wesentlicher Inhalt die Anbetung des Wohlstands und der rationalen Planung ist. Gewiß muß die Religion eine soziale Funktion ausüben. Das geschieht jedoch vor allem, indem man den Sinn für Gott und für die Transzendenz lebendig erhält. Die Solidarität, die Annahme des anderen und die bürgerlichen Werte sind also wesentliche Faktoren, die die Religion stets gefördert hat, eben weil sie vom Sinn für Gott lebt. Mit Bezug auf die katholische Kirche hat Papst Benedikt XVI. geschrieben: »Die Kirche kann nicht und darf nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. … Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muß auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muß die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann«.(7)

5. Die öffentliche Dimension der Religionsfreiheit

Ein derartiger Beitrag der Religion setzt natürlich die Anerkennung der öffentlichen Dimension der Religionsfreiheit voraus. Dieser Punkt wurde in den letzten Jahren von den Päpsten und ihren Mitarbeitern ebenso wie von bedeutenden Intellektuellen, auch nichtgläubigen, mehrmals behandelt.

Eine gesunde Laizität bringt die Unterscheidung zwischen Religion und Politik, zwischen Kirche und Staat mit sich, ohne daß Gott dadurch zu einer privaten Hypothese gemacht oder die Religion und die kirchliche Gemeinschaft vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden. Eine gesunde Laizität geht daher auf öffentlicher Ebene nicht systematisch so vor, »etsi Deus non daretur«. Es wäre, wie der damalige Kardinal Ratzinger mehrmals gesagt hat, im Gegenteil vernünftiger, wenn sie sich so gestaltete, »etsi Deus daretur«. Zur Zeit der Aufklärung versuchte man, die Grundlagen des Zusammenlebens dadurch zu gewährleisten, daß man die wesentlichen Werte der Moral von der Religion unabhängig hielt. Das schien umsetzbar zu sein, da die großen Grundüberzeugungen, die das Christentum geschaffen hatte, bestehen blieben und unleugbar erschienen. Aber so ist es nicht mehr. Überdies ist die Suche nach einer Gewißheit, die über die religiösen Überzeugungen hinaus unangefochten bestehen bliebe, gescheitert.

Daher sagte Kardinal Ratzinger in dem berühmten Vortrag, den er in Subiaco hielt, am Vorabend des Todes des Dieners Gottes Papst Johannes Paul II.: »Der zu Ende geführte Versuch, die menschlichen Dinge unter gänzlicher Absehung von Gott zu gestalten, führt uns immer näher an den Rand des Abgrunds – zur Abschaffung des Menschen hin. Sollten wir da nicht das Axiom der Aufklärer umkehren und sagen: Auch wer den Weg zur Bejahung Gottes nicht finden kann, sollte zu leben und das Leben zu gestalten versuchen ›veluti si Deus daretur‹ – als ob es Gott gäbe. Das ist schon der Rat, den Pascal dem ungläubigen Freund gegeben hatte; es ist der Rat, den wir auch heute unseren ungläubigen Freunden geben werden. Da wird niemand in seiner Freiheit beeinträchtigt, aber unser aller Dinge finden einen Anhalt und ein Maß, deren wir dringend bedürfen«.(8)

Auf einem kürzlich stattgefundenen Symposium der »Società Italiana di Filosofia Politica« zum Thema »Religion und Politik in der postsäkularen Gesellschaft« hat auch der bekannte Philosoph Habermas hervorgehoben, daß es ein Irrtum ist, wenn man meint, daß die Tendenz zur Privatisierung des »religiösen Faktums« bedeutet, daß dieses an Bedeutung und Einfluß verloren hat, sowohl in der Politik und in der Kultur einer Gesellschaft als auch im persönlichen Leben.

Es muß auch hinzugefügt werden, daß die bürgerliche Gleichheit dort nicht geachtet wird, wo man den Gläubigen die zusätzliche Last auferlegt, so zu argumentieren, »etsi Deus non daretur«. Wenn man sich öffentlich nicht auf theistische, wohl aber auf rationalistische und säkulare Argumente berufen darf, dann ist das eine klare Verletzung des Kriteriums der Gleichheit und der Gegenseitigkeit, das die Grundlage der politischen Gerechtigkeit ist.

Im positiven Sinne scheint mir, daß eine offenere und modernere Auffassung von Laizität, die alle Instanzen einschließt und achtet, durch den Art. 52 des Vertrags über eine Verfassung für Europa zum Ausdruck kommt, der sich im gegenwärtigen »Reformvertrag« der Europäischen Union erhalten hat. Diese Bestimmung sieht einen ständigen Dialog zwischen den Institutionen in Brüssel und den religiösen Gemeinschaften vor, in Anerkennung der Identität und des besonderen Beitrags letzterer. Ein solcher Dialog ist unter anderem notwendig, um die Grundsätze eines echten Pluralismus zu achten und eine wahre Demokratie aufzubauen. Hat nicht im Übrigen de Tocqueville hervorgehoben, daß der Despotismus keine Religion braucht, die Freiheit und die Demokratie dagegen schon? (9) Um die Öffnung des besagten Artikels gegenüber der Rolle der religiösen Bekenntnisse zu wahren, ist es natürlich wichtig, daß diese weiterhin auch individuell stets die eigenen Positionen den Einrichtungen der europäischen Gemeinschaft darlegen. Darüber hinaus muß ihre unterschiedliche Beschaffenheit angemessen beachtet werden, auf dieselbe Weise, in der man die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern der Union im Stimmsystem der Einrichtungen berücksichtigt.

6. Die Erziehungsfreiheit

Im Hinblick auf den sozialen Beitrag der Religion möchte ich das Thema der Erziehung erwähnen, das auch auf diesem Kongreß behandelt wird. Die privatistische Auffassung der Religionsfreiheit erklärt, zumindest teilweise, die Feindseligkeit einiger Strömungen des laizistischen Denkens gegenüber den schulischen Einrichtungen der Katholiken, die als Werkzeug betrachtet werden, durch das die Kirche ihren Einfluß in der Gesellschaft behält. Für diese Feindseligkeit gibt es in Wirklichkeit keine wahren Argumente, vor allem seit das schulische Netz sich in allen europäischen Ländern stark ausgeweitet hat und diese allgemeine Normen festgelegt haben, denen sich die öffentlichen nichtstaatlichen Schulen und daher auch die katholischen Schulen anpassen müssen, um mit den staatlichen gleichgestellt zu sein.

Die privatistische Auffassung von der Religionsfreiheit beeinflußt außerdem die Feindseligkeit gegenüber dem Religionsunterricht in der öffentlichen staatlichen Schule, obgleich dieser unter Achtung des Willens der Familien und der Jugendlichen erteilt wird.(10) Wenn man jedoch die Erziehung als Fähigkeit auffaßt, die Person in eine bewußte Beziehung zur Wirklichkeit zu stellen, oder auch als »Provokation« der Freiheit durch die Wahrheit, dann wird deutlich, daß die Erziehungsfreiheit unverzichtbar ist – sowohl für eine wirklich freie Gesellschaft als auch für die religiösen Einrichtungen, die ihrem Wesen nach eine allumfassende und transzendente Sichtweise der Wirklichkeit aufzeigen.

7. Die Multikulturalität

Unter den Phänomenen, die heute die privatistische Auffassung von der Religionsfreiheit in Schwierigkeiten bringen, muß schließlich auch die sogenannte Multikulturalität erwähnt werden.

Es ist bekannt, daß die Globalisierung die Menschen drängt, sich einander zu nähern und sich zu vermischen. Insbesondere in Europa begegnen verschiedene Kulturen und Religionen einander, und das stellt auch für die Religionsfreiheit eine neue Herausforderung dar. Dieser Kontinent muß es nämlich vermeiden, daß sich Glaubensgemeinschaften bilden, in die man eintreten, aber aus denen man nicht austreten kann, und es muß verhindert werden, daß nur einige Religionen sich frei verbreiten können, während anderen nicht dieselben Rechte zuerkannt werden. Jede festgefügte religiöse Tradition will ihre eigene Identität offen darlegen; das heißt, sie will nicht versteckt oder getarnt werden. Andererseits ist die Ausprägung der Laizität in der Lage, den Reichtum der Spiritualität und des Humanismus, der in den verschiedenen Religionen vorhanden ist, anzunehmen und zu schützen, und das zurückzuweisen, was in ihnen der Würde des Menschen widerspricht.

Das neue Europa muß daher die notwendigen Maßnahmen zur Aufnahme der Immigranten und zur vollen Achtung für die Ausübung ihrer Religionsfreiheit von ungerechtfertigten Zugeständnissen unterscheiden, die die kulturelle und religiöse Identität der Gesellschaften, die sie aufnehmen, in Gefahr bringen. Es wäre nämlich seltsam und widersprüchlich, für Symbole und Praktiken von Minderheitenreligionen Sichtbarkeit zu verlangen und gleichzeitig zu versuchen, die Symbole und die Praktiken des Christentums, der traditionellen Religion der Mehrheit dieses Kontinents, zu verstecken oder zu relativieren.

Ich möchte außerdem hinzufügen, daß ohne pluralistische Gesellschaften, die kraft einer gesunden Laizität einen inneren Zusammenhalt besitzen, ganze Bevölkerungsschichten zu der Überzeugung gelangen könnten, daß es keine wirksame Alternative zum Konflikt der Zivilisationen gibt. Der Schutz der Religionsfreiheit dagegen ist eine Garantie für den Frieden und eine Voraussetzung für eine solidarische Entwicklung. Sie entkräftet nämlich die Logik des Zusammenstoßes, indem sie den Dialog fördert und vorher noch die Achtung jeder Person und ihrer religiösen Überzeugungen.

8. Das Christentum und das neue Europa

Abschließend möchte ich Bezug nehmen auf die Überzeugung einiger europäischer Bürger, für die die katholische Kirche mit ihrem Wahrheitsanspruch unfähig zum Dialog und sogar von einer gewissen Portion Fanatismus gekennzeichnet ist. In Wirklichkeit hat die Kirche feste Grundsätze, weil sie glaubt; in der Praxis ist sie stets tolerant und wohlwollend, denn trotz der Fehler ihrer Mitglieder liebt sie jeden Menschen. Umgekehrt sind die Anhänger der Säkularisierung oft aus Prinzip tolerant, weil sie nicht an unverzichtbare Werte glauben; andererseits kommt es vor, daß sie in der Praxis inkonsequent sind, weil sie nicht immer zu lieben wissen.

Wenn die Bürger des neuen Europa verantwortungsbewußt leben wollen, dann dürfen sie sich nicht dem Bemühen entziehen, die Wahrheit zu suchen, insbesondere die Wahrheit über sich selbst und daher über Gott als das Endziel der Existenz. Von seinen Anfängen an hat das Christentum das Beste der griechischen und römischen Weisheit angenommen, ausgearbeitet und vertieft und hat sich so als Sieg des menschlichen Denkens über die Welt der Mythologien und der religiösen Fanatismen offenbart. In gewisser Weise ist die Vernünftigkeit daher im Christentum Religion geworden: Gott hat die philosophische Erkenntnis nicht zurückgewiesen, sondern angenommen. Der hl. Justinus zum Beispiel hat, nachdem er alle Denksysteme studiert hatte, das Christentum als die wahre »philosophia« erkannt. Er war überzeugt, daß er, indem er Christ geworden war, die Philosophie nicht verleugnet hatte, sondern im Gegenteil erst durch diesen Schritt ganz Philosoph geworden war. Die Kraft, die das Christentum in eine Weltreligion verwandelt hat, liegt eben in seiner Synthese von Vernunft, Glauben und Leben. Diese Kombination, die so mächtig ist, daß sie die Religion, die sie aufzeigt, wahr macht, kann die Wahrheit des Christentums auch erglänzen lassen – nicht nur im neuen Europa, sondern ganz allgemein in der heutigen globalisierten Welt.

In der Tat gibt das Christentum sich nicht damit zufrieden, »jenen Teil des Antlitzes zu zeigen, den Gott Europa zugewandt hat«; das heißt, daß es sich nicht als die »Religion der Europäer«, sondern der Welt versteht, weil es eine vollkommene Antwort gibt auf das Verlangen nach Wahrheit, das im Herzen jedes Menschen wohnt, ganz gleich auf welchem Breitengrad er lebt. Die Religionsfreiheit ist also nicht nur der »Meilenstein« des neuen Europa, sondern ich möchte zum Schluß hinzufügen, daß das Christentum der »Weg« ist, auf dem Europa wirklich »neu« werden kann. Das Christentum hat nämlich Europa die Förderung der Religionsfreiheit als Maßnahme der Zivilisation und der Entwicklung angeboten, die unseren geliebten Kontinent einem »Dickicht« von Egoismen entreißen kann, das beinahe undurchdringlich ist, weil das Licht der Würde des Menschen nicht in es eindringen kann. Der christliche »Weg« gewährleistet also die Achtung der Religionsfreiheit und hilft beim Aufbau eines neuen Europa.


Anmerkungen

1) Lactantius, Epitome Divinarum Institutionum, 54.

2) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis Humanae, 2.

3) Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, ebd., 3 und 4

4) Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der OSZE-Konferenz über Religionsfreiheit, 10. Oktober 2003, in O.R. dt., Nr. 46, 14.11.2007, S. 11

5) H. T. Engelhardt, Manuale di bioetica, Il Saggiatore, Mailand 1999, S. 22.

6) Joseph Ratzinger, Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund, Verlag Urfeld, Bad Tölz 1998 (2), S. 119–120.

7) Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est, 28.

8) Joseph Ratzinger, Europa in der Krise der Kulturen (Subiaco, 1. April 2005), in: M. Pera, J. Ratzinger, Ohne Wurzeln. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2005, S. 82.

9) Vgl. Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, hg. v. J. P. Mayer, Reclam, Stuttgart, I, S. 9.

10) Vgl. Carlo Cardia, Le sfide della laicità: etica, multiculturalismo, islam, Edizioni San Paolo, Mailand 2007, S. 92–100.

PAPST FRANZISKUS ÜBER DIE RELIGIONSFREIHEIT

blog2

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS 
AN DIE TEILNEHMER DER INTERNATIONALEN TAGUNG
ÜBER RELIGIONSFREIHEIT

Konsistoriensaal
Freitag, 20. Juni 2014

Ich begrüße Sie, liebe Brüder und Schwestern, aus Anlass Ihrer Internationalen Konferenz und danke Herrn Prof. Giuseppe Dalla Torre für seine freundlichen Worte. In jüngster Zeit ist die Debatte um die Religionsfreiheit sehr intensiv geworden, was sowohl die Regierungen als auch die Religionsgemeinschaften auf den Plan ruft. Der Bezugspunkt der katholischen Kirche hierzu ist die Erklärung Dignitatis humanae, eines der wichtigsten Dokumente des Zweiten Ökumenischen Vatikanischen Konzils.

In der Tat ist jedes menschliche Wesen auf der Suche nach der Wahrheit über seinen Ursprung und sein Schicksal. In seinem Kopf und seinem Herzen stellt sich der Mensch Fragen und macht sich Gedanken, die er nicht unterdrücken oder ersticken kann, da sie aus seinem Innersten kommen, seiner Natur wesenseigen sind. Es sind religiöse Fragen, und diese Fragen bedürfen der Religionsfreiheit, um vollkommen zum Ausdruck kommen zu können. Fragen, die versuchen, den wahren Sinn des Daseins zu erhellen wie auch das Band, das die menschliche Existenz mit dem Kosmos und mit der Geschichte verbindet. Fragen, die die Dunkelheit durchbrechen wollen, von der das Schicksal des Menschen umgeben wäre, wenn man diese Fragen nicht stellen würde, sie also ohne Antwort blieben. Der Psalmist sagt: »Seh’ ich den Himmel, das Werk deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?« (Ps 8, 4-5).

Die Vernunft erkennt in der Religionsfreiheit nicht nur ein Grundrecht des Menschen, das seine höchste Würde widerspiegelt – die Würde, die Wahrheit suchen und sich in ihren Dienst stellen zu können –, sondern auch die unerlässliche Voraussetzung dafür, dass der Mensch sein ganzes Potential entfalten kann. Die Religionsfreiheit ist nicht nur die Freiheit des Denkens oder der persönlichen Religionsausübung. Sie ist die Freiheit, gemäß den ethischen Prinzipien, die aus der gefundenen Wahrheit hervorgehen, zu leben, und zwar sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich. Dies stellt in der globalisiertenWelt eine große Herausforderung dar, in der das »schwache Denken« – das wie eine Krankheit ist – auch das allgemeine ethische Niveau senkt, und im Namen eines falsch verstandenen Toleranzbegriffs letztlich jene verfolgt werden, die für die Wahrheit des Menschen und ihre ethischen Konsequenzen eintreten.

Die rechtlichen, staatlichen oder internationalen Ordnungen sind daher gerufen, die Religionsfreiheit anzuerkennen, zu garantieren und zu verteidigen. Sie ist nämlich nicht nur ein Recht, das untrennbar zur menschlichen Natur gehört, zu ihrer Würde, frei zu sein, sondern auch Indikator einer gesunden Demokratie und eine der Hauptquellen der Legitimität des Staates. Die Religionsfreiheit, die in Verfassungen und Gesetze einfließen und in ein konsequentes Handeln umgesetzt werden kann, fördert die Entwicklung der Beziehungen gegenseitigen Respekts zwischen den verschiedenen religiösen Bekenntnissen und deren gesunde Zusammenarbeit mit dem Staat und der politischen Gemeinschaft, ohne jegliche Vermischung der Rollen und ohne Antagonismen. Anstelle des globalen Konflikts der Werte kann dann, ausgehend von einer Reihe universal geteilter Werte, eine globale Zusammenarbeit im Hinblick auf das Gemeinwohl ermöglicht werden.

Im Licht der von der Offenbarung bestätigten und perfektionierten Erkenntnisse der Vernunft und des zivilen Fortschritts der Völker scheint es unverständlich, ja besorgniserregend, dass noch heute Menschen diskriminiert und in ihren Rechten beschnitten werden aus dem alleinigen Grund, dass sie einem bestimmten Glauben angehören und diesen öffentlich bekennen. Es ist inakzeptabel, dass es wahre Verfolgungen aus Gründen der Religionszugehörigkeit gibt! Und sogar Kriege! Das verletzt die Vernunft, ist ein Angriff auf den Frieden und eine Demütigung für die Würde des Menschen! Mit großem Schmerz muss ich feststellen, dass die Christen die Gruppe sind, die die meisten dieser Diskriminierungen erleiden muss. Die Christenverfolgung ist heute sogar noch schlimmer als in den ersten Jahrhunderten der Kirche, und es gibt heute mehr christliche Märtyrer als in jener Zeit. Und das mehr als 1700 Jahre nach dem Toleranzedikt von Kaiser Konstantin, das den Christen die Freiheit zugestand, ihren Glauben öffentlich zu bekennen!

Ich hoffe sehr, dass es Ihrer Konferenz gelingen möge, mit Tiefe und wissenschaftlichem Ernst die Gründe zu veranschaulichen, die es für jede rechtliche Ordnung verpflichtend machen, die Religionsfreiheit zu respektieren und zu verteidigen. Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag und bitte Sie, für mich zu beten. Ich wünsche Ihnen von Herzen das Beste und bitte Gott, dass er Sie segnen möge. Danke.

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Quelle

PAPST PIUS XII.: VON DER EINHEIT DER WELT – Das Programm des Papstes für eine internationale Friedensordnung

pio-xii

VII

DIE TOLERANZ IN DER VÖLKERGEMEINSCHAFT

Wir haben schon in verschiedenen Abschnitten dieses Bändchens gesehen, das Pius XII., wo er darauf besteht, daß ein gemein­samer Besitz sittlicher Überzeugungen als Voraussetzung und Grundlage einer friedlichen Völkergemeinschaft unerläßlich ist, sich gleichzeitig doch bemüht, gewissermaßen ein Minimalpro­gramm solcher Übereinstimmungen unter „Menschen guten Wil­lens“ aufzustellen. Damit entspricht er der Wirklichkeit unserer Welt: sie ist eine „pluralistische“ Welt, d. h. sie besteht aus Völ­kern — und sogar innerhalb der Völker aus Gruppen —, die religiös und weltanschaulich nicht einig, sondern gespalten sind und für die man also gleichsam einen gemeinsamen Nenner ihrer Übereinstimmungen finden muß.

Da die Religions- und Gewissensfreiheit ein natürliches Grundrecht der Menschen ist, darf man sie — auch wenn man der Überzeugung ist, daß ihr Glauben und ihre Weltanschauung der Wahrheit nicht entspricht — doch nicht mit Gewalt zum wahren Glauben bekehren, sondern nur mit geistigen religiösen Mitteln, indem man sie durch die Verkündigung der Wahrheit überzeugt und ihnen durch das vorgelebte Leben nach der Wahr­heit den Erweis ihrer Kraft vorstellt. Auch der Staat darf in diesen Dingen seine Gewalt nicht anwenden; er hat aber auch gar keinen religiösen Auftrag der Verkündigung und Bekehrung — was für den modernen, säkularisierten Staat ohnehin selbst­verständlich ist. Das heißt nicht, daß der Staat der Religion sei­ner Bürger, die die Quelle und Stärke ihrer sittlichen Gesinnun­gen ist, ohne die er keinen Bestand haben kann, gleichgültig ge­genüberstehen darf — das läge weder in seinem Interesse noch auch entspräche das der Würde und dem Rang der Religion als höchster und stärkster, den Menschen unmittelbar mit Gott, der Quelle alles Lebens und dem Geber aller guten Gaben, verbin­denden Lebensmacht. Deshalb billigt die katholische Lehre keine völlige Trennung von Kirche und Staat; sie fordert, daß ein positives, möglichst rechtlich gesichertes Verhältnis zwischen bei­den besteht, in dem die Freiheit der Kirche gesichert ist (vgl. S. 62) und alle den Staat und sie gemeinsam berührenden Fra­gen geregelt sind.

Viele Staaten berücksichtigen das, indem sie Abmachungen (Konkordate) mit der Kirche und auch anderen Religionsge­meinschaften schließen; fast alle gewähren aber auf jeden Fall allen ihren Bürgern die Religions- und Gewissensfreiheit. In sei­ner Verfassung verpflichtet sich also der Staat, im Bereiche des Weltanschaulichen und Religiösen die Wahrheitsfrage nicht zu stellen, sondern alle Überzeugungen gewähren zu lassen, so­lange sie sich nicht offenbar unsittlich auswirken und den all­gemein anerkannten Gütern des Gemeinwohls widersprechen. Das heißt mit anderen Worten, er verpflichtet sich zur Toleranz. Er verpflichtet aber auch die Bürger und ihre Gruppen und Ge­meinschaften zur Toleranz: diese sollen davon absehen, sich staatlicher Mittel zu bedienen, um Überzeugungen, die von den anderen nicht geteilt werden, zur rechtlichen Norm des Gemein­schaftslebens zu machen, und sollen den Staat nicht auffordern, den andersdenkenden Mitbürgern Dinge aufzuerlegen, die ih­rem Gewissen, selbst wenn es objektiv irrig gebildet wäre, nicht zuzumuten sind — oder ihnen Dinge zu verweigern, die sie nach ihrem Gewissen fordern müssen.

Dies ist der Begriff der Toleranz, der in den folgenden Äuße­rungen Pius‘ XII. verwendet wird. Vorausgesetzt dabei ist aber natürlich, daß diesem faktischen Verhalten auch eine Gesinnung der Toleranz entspricht, ohne die das Verhalten zu vielen Ver­führungen ausgesetzt wäre. Diese Gesinnung besteht darin, daß man die Ehre des Gewissens des anderen anerkennt und respek­tiert, denn da der Mensch seinem Wesen nach auf das Gute und die Wahrheit angelegt ist, muß man bis zum Erweis des Gegen­teils annehmen, daß er auch redlich danach strebt. Das zu ver­weigern würde seine Menschenwürde herabsetzen und deshalb seine Ehre kränken. Die Toleranz ist also der Wahrheit gegen­über nicht gleichgültig, sie ist kein „Indifferentismus“; im Ge­genteil, sie setzt voraus, daß es die Wahrheit gibt und jeder Mensch seiner Natur gemäß sie sucht. Deshalb schließt Toleranz nicht aus, daß man dem Mitmenschen in Verkündigung und Le­ben die Wahrheit in Liebe und Achtung vorhält und ihnen ge­genüber den Anspruch der Wahrheit vertritt.

Die Anwendung der Toleranz hat freilich ihre Schwierigkei­ten. Die Religion als höchste Lebensmacht hat einen stark for­menden Einfluß auf die ganze Kultur eines Volkes (vgl. S.142 ff.). Einheit in der Religion trägt auf die stärkste Weise zur kulturel­len und auch zur politischen Einheit eines Staates bei — dieser hat also ein Interesse daran, einer Auflösung und Spaltung des gemeinsamen Glaubens als Fundament seiner Einheit entgegen­zuwirken. Erst bei fortschreitender Säkularisierung der Staaten und nachlassendem Gefühl für die Verbundenheit der Kultur und der Religion läßt dieses Interesse nach. Am stärksten dürfte es heute noch in rein oder vorwiegend katholischen Ländern sein — aber auch in der islamischen Welt spielt es eine ausschlag­gebende Rolle.

Außerdem aber widerspricht die katholische Kirche — bei aller Betonung, daß die natürliche Selbstentfaltung der Völker in eine Vielfalt eigenständiger Kulturen gottgewollt sei — nach­drücklich durch ihre Lehre und ihre Existenz dem Satze, auch die Vielfalt der Glaubensbekenntnisse sei ein „Reichtum“, weil sie die geistige Monotonie durch eine lebendige geistige Rivalität ersetze. Diese Behauptung beruht entweder auf der Überzeugung, alle menschlichen religiösen Gemeinschaften repräsentier­ten nur Teilwahrheiten, die mehr oder minder gleichwertig und gleichberechtigt seien oder aber die Einheit in Christus sei eine eschatologische — sie verwirkliche sich nicht in der Geschichte, sondern erst jenseits der Geschichte in dem neuen Himmel und der neuen Erde. Die Kirche versteht sich vielmehr als göttliche Stiftung, als der eine, unteilbare Leib Christi, in der durch das Wirken des Heiligen Geistes die Einheit der Erlösung, das Heil für alle Menschen der verschiedenen Zungen, Rassen, Völker und Kulturen schon wirksame Wirklichkeit ist.

Deshalb richtet sich gegen die Katholiken ein heftiger Vorwurf: daß sie nämlich prinzipiell zur Toleranz unfähig seien. Sie verlangten sie zwar dort von den anderen, wo sie einen Vorteil davon hätten, räumten sie aber den anderen überall dort nicht ein, wo sie nicht dazu gezwungen würden. Denn es sei für die Katholiken unmöglich, dem Irrtum das gleiche Recht wie der Wahrheit zuzugestehen, und das, was Irrtum und was Wahrheit ist, sei für sie völlig eindeutig. Sie könnten also einer anderen Überzeugung als der katholischen gar kein „Recht“ einräumen. Wo sie dazu in der Lage seien, müßten sie die katholische Reli­gion zur „Staatsreligion“ erklären und alle anderen Bekennt­nisse unterdrücken.

Es kommt hinzu, daß auch unter katholischen Theologen und Gelehrten Meinungsverschiedenheiten zwar nicht über die Prin­zipien, aber über deren Konsequenzen und Anwendungen be­stehen, die zum Teil dadurch hervorgerufen sind, daß ihre Sicht der Dinge durch die historischen Verhältnisse, in denen sie leben und die sie vor Augen haben, bestimmt wird — was zwar durchaus nichts Ungewöhnliches und Aufsehenerregendes in der Theologie ist, aber doch gerade in diesem Falle geeignet ist, Un­ruhe zu erregen und aufgebauscht zu werden.

Deshalb sah sich Papst Pius XII. veranlaßt, zu der Frage der Toleranz Stellung zu nehmen. Dabei verkündete er natürlich keine neue Lehre, sondern nur die, die schon immer gegolten hatte. Aber das Neue an seiner Klarstellung war, daß er sie ausdrücklich in den Rahmen der Probleme einer zukünftigen organisierten Völkergemeinschaft stellte — nicht nur eines ein­zelnen, isolierten Volkes. Eine solche Isolierung besteht auch heute praktisch schon nicht mehr, so daß die Aussagen des Pap­stes auch heute schon zu berücksichtigen sind. Die Darlegung fand vor einer Versammlung italienischer katholischer Juristen statt. Sie gibt zunächst einmal eine Beschreibung des Tatbestan­des, der sich voraussichtlich in einer Staatengemeinschaft ergeben würde (wobei man das Wort „auf Grund der Wahrscheinlichkeit und der Verhältnisse“ wohl so interpretieren darf, daß sie besa­gen: auf Grund der Vernunft ebenso wie auf Grund der jetzt schon vorherrschenden Prinzipien und Machtverhältnisse). Da­bei ist wichtig, daß der Papst die allgemeine Gültigkeit des Rechtes auf Religions- und Gewissensfreiheit voraussetzend, doch noch Differenzierungen in seiner positiv rechtlichen Rege­lung in den einzelnen Gliedstaaten für unvermeidlich hält, wo­raus sich im Falle des Bürgers eines Staates, der sich in einem anderen aufhält oder niederläßt, schwierige Rechtsfragen erge­ben können, „die nicht mit einem einfachen Ja oder Nein be­antwortet werden können“ — wie es an anderer Stelle dersel­ben Äußerung heißt. Er zählt darunter u. a. Fragen des Ehe-und Familienrechtes auf. Als Grundtendenz für ihre Lösung gibt er jedoch eindeutig an: „In den Grenzen des Erlaubten und Möglichen alles fördern, was die Einheit erleichtert und wirk­samer macht; einzudämmen, was sie stört; manchmal zu ertra­gen, was sich nicht aus dem Wege räumen läßt und um dessent­willen doch die Gemeinschaft der Völker nicht scheitern darf (den Text siehe S. 18).“

Auf Grund der Konfession der großen Mehrheit der Bürger oder auf Grund einer ausdrücklichen Erklärung des Staates wer­den die Mitgliedvölker und alle Staaten der [Völker]gemeinschaft in christliche, nichtchristliche, religiös indifferente oder be­wußt laizistische oder auch ausdrücklich atheistische unterschie­den werden können. Die religiösen und moralischen Interessen fordern für die ganze Ausdehnung der Gemeinschaft eine genau festgelegte Regelung, die für das gesamte Gebiet der einzelnen souveränen Staaten, die Mitglieder der Staatengemeinschaft sind, gilt. Auf Grund der Wahrscheinlichkeit und der Verhältnisse kann man voraussehen, daß diese Regelung positiven Rechts ungefähr folgendermaßen aussehen wird: Innerhalb seines Staa­tengebietes und für seine Bürger regelt jeder Staat die religiösen und moralischen Angelegenheiten durch ein eigenes Gesetz; nichts­destoweniger wird es im gesamten Gebiet der Staatengemein­schaft allen Bürgern jedes Mitgliedstaates erlaubt sein, seine Glaubensüberzeugungen und seine ethische und religiöse Praxis auszuüben, soweit diese nicht mit den Strafgesetzen des Staates, in dem er sich aufhält, in Widerspruch stehen1.

Für den katholischen Juristen, Politiker und Staatsmann er­gibt sich bei einem solchen Tatbestand also die Frage:

Können sie einer solchen Regelung ihre Zustimmung geben, wenn es sich darum handelt, der Völkergemeinschaft beizutreten und in ihr zu verbleiben2?

In dieser Frage stecken aber in Wirklichkeit zwei Fragen, die man unterscheiden muß, wenn man weder einem Relativismus, Indifferentismus oder Agnostizismus noch einer zu starren Hal­tung zum Opfer fallen will.

Hinsichtlich der religiösen und sittlichen Interessen stellt sich dabei einmal die Frage nach der objektiven Wahrheit und der Gewissensverpflichtung gegenüber dem, was objektiv wahr und gut ist; …sie kann kaum ein Gegenstand der Diskussion und der Regelung zwischen einzelnen Staaten und ihrer Gemeinschaft bilden, ganz besonders nicht im Falle einer Mehrzahl religiöser Bekenntnisse innerhalb der gleichen Gemeinschaft3.

Der Staat oder die Staatengemeinschaft sind zu einer Ent­scheidung über die Wahrheitsfrage deswegen nicht berufen, weil sie selber an Gott und sein absolut verpflichtendes Sittengesetz gebunden sind; es steht ihnen also nicht zu, es zu diskutieren oder zu manipulieren, denn es ist ihrer Verfügnis entzogen. Der letzte Satz dieses Passus wendet sich offenbar gegen eine Art „Situationsethik“ der Staatsraison oder Politik, die lehrt, es könne manchmal geboten sein, etwas Wahrheit- oder Sitten­widriges zu tun oder anzuordnen, und ein solches Handeln oder Gehorchen sei dann sittlich. Selbst eine Berufung auf eine un­mittelbare göttliche Inspiration oder Beauftragung würde dabei nicht durchschlagen — denn es widerspricht Gottes Wesen, eine solche Inspiration oder einen solchen Auftrag zu geben.

Keine menschliche Autorität, kein Staat, keine Staatengemein­schaft, welchen religiösen Charakter sie auch immer haben mö­gen, können einen positiven Befehl oder eine positive Ermächti­gung erteilen, etwas zu lehren oder zu tun, was gegen die reli­giöse Wahrheit oder gegen das sittlich Gute wäre. Ein Befehl oder eine Ermächtigung dieser Art hätte keine verpflichtende Kraft und bliebe unwirksam. Keine Autorität kann sie geben, denn es ist gegen die Natur, den Geist und den Willen des Men­schen zum Bösen und zum Irrtum zu verpflichten oder beides für gleichgültig zu halten. Nicht einmal Gott könnte einen sol­chen positiven Befehl oder eine solche positive Ermächtigung geben, da sie im Widerspruch zu seiner absoluten Wahrhaftigkeit und Heiligkeit ständen4.

Davon wesentlich verschieden ist die Frage einer „Zulassung“ des Irrtums in der geschichtlichen Wirklichkeit und Praxis.

Eine andere, wesentlich verschiedene Frage ist, ob in einer Staatengemeinschaft, zum mindesten unter bestimmten Verhält­nissen, die Norm aufgestellt werden könnte, daß die freie Aus­übung eines Glaubens oder einer religiösen oder sittlichen Pra­xis, die in einem der Mitgliedstaaten gültig sind, innerhalb des Gebiets der Gemeinschaft nicht durch Gesetze oder staatliche Zwangsmaßnahmen verhindert werden darf. Mit anderen Wor­ten, es fragt sich, ob das „Nichtverhindern“ oder die Toleranz unter solchen Verhältnissen erlaubt und also positive Unterdrückung nicht immer eine Pflicht wäre5.

Diese „Zulassung“ des Unvollkommenen der Verirrungen, ja selbst des Unrechten und Unwahren in Welt und Geschichte kann sich auf das Zulassen berufen, das Gott selbst übt. Dazu fügt Pius XII. noch die ausdrückliche Mahnung der Offenbarung im Gleichnis vom Unkraut im Weizen.

Man hat diese Argumentation folgendermaßen erläutert: Gott hat den Menschen als höchste Auszeichnung die Freiheit ihrer Zuwendung zu ihm verliehen. Dabei hat er vorausgesehen, daß diese Freiheit mißbraucht würde; aber er hat dieses Risiko der Freiheit gleichsam zugelassen — also kann die menschliche Auto­rität nicht anders handeln und das Risiko auf Kosten der Frei­heit ausschalten wollen.

Tiefer führt eine andere Erläuterung, die sich auf das Gleich­nis vom Weizen stützt: Der Herr verbietet den Knechten, das Unkraut auszureißen und so vielleicht das Wachstum des Wei­zens zu stören — er als Herr und Richter behält sich die Schei­dung bis zur Ernte, d. h. bis zum Endgericht am Ende der Ge­schichte vor. Nun sind zwar die Christen als Gemeinschaft der Heiligen, d. h. als Kirche, auch Richter über die Welt (1. Kor. 6, 2 ff.). Aber sie greift Gott nicht vor und bedient sich vor al­lem nicht der Knechte — d. h. der weltlichen Mächte, die nur im Bereiche der natürlichen Ordnung zuständig sind — eine Säube­rung vorzunehmen, für die sie keine Unterscheidungsfähigkeit besitzen. Sie stören und schädigen damit nur das Wachsen des Weizens, d. h. des Reiches Gottes.

Die Unterdrückung von Verirrungen steht also unter höheren Normen, von denen eine das Gemeinwohl der Völkergemein­schaft ist. Wir sehen aber auch wieder — wenn auch durch Gleichnis vom Unkraut im Weizen nur angedeutet — daß dieses Ziel von Pius XII. in Verbindung mit heilsgeschichtlichen Per­spektiven gesehen wird.

Wir haben eben die Autorität Gottes erwähnt. Kann Gott, obwohl es ihm möglich und leicht wäre, den Irrtum und die Entgleisung zu unterdrücken, in einigen Fällen das „Nichtver­hindern“ wählen, ohne in Widerspruch mit seiner Vollkommen­heit zu geraten? Kann es geschehen, daß er unter bestimmten Verhältnissen den Menschen keinen Befehl gibt und keine Ver­pflichtung auferlegt, ja ihnen nicht einmal das Recht gibt, den Irrtum und das Falsche zu unterdrücken? Ein Blick auf die Wirk­lichkeit gibt eine bejahende Antwort. Er zeigt, daß sich Irrtum und Sünde in weitem Ausmaß auf der Erde finden. Gott verurteilt sie; doch er läßt sie bestehen. Daher kann die Behauptung, die religiöse und sittliche Entgleisung müsse immer, wenn es möglich ist, verhindert werden, da es an sich unmoralisch ist, sie zu dulden, nicht in absoluter Unbedingtheit gelten. Ander­seits hat Gott auch nicht einmal der menschlichen Autorität einen solchen absoluten und universalen Befehl gegeben, weder im Bereich des Glaubens noch in dem der Moral. Einen solchen Befehl kennt weder die allgemeine Überzeugung der Menschen noch das christliche Gewissen noch die Quelle der Offenbarung noch die Praxis der Kirche. Um andere Texte der Heiligen Schrift, die sich auf dieses Argument beziehen, beiseite zu lassen, so hat Christus im Gleichnis vom Weizen und vom Unkraut fol­gende Mahnung gegeben: Laßt das Unkraut auf dem Felde der Welt zugleich mit dem guten Samen wachsen wegen des Getrei­des (vgl. Matth. 13, 24-30). Die Pflicht, sittliche und religiöse Verirrungen zu unterdrücken, kann also keine letzte Norm des Handelns sein. Sie muß höheren und allgemeineren Normen untergeordnet werden, die unter gewissen Verhältnissen erlau­ben, ja es vielleicht als den besseren Teil erscheinen lassen, den Irrtum nicht zu verhindern, um ein höheres Gut zu verwirklichen 6.

So ergeben sich also zur Frage der Toleranz zwei Normen des Handelns:

1. Was nicht der Wahrheit und dem Sittengesetz entspricht, hat objektiv kein Recht auf Dasein, Propaganda und Aktion.
2. Nicht durch staatliche Gesetze und Zwangsmaßnahmen ein­zugreifen, kann trotzdem im Interesse eines höheren und um­fassenderen Gutes gerechtfertigt sein7.

„Die Schwierigkeit“, so sagt der Papst in ähnlichem Zusam­menhang, „besteht in der Anwendung dieser Prinzipien“. Über sie jeweils zu befinden ist die Sache dessen, der im konkreten Fall handeln und ihn beurteilen muß. Ihm ist also die Entschei­dung über die wirklichkeits- und sachgemäße Anwendung der Norm ins Gewissen geschoben. Die Tugend, die ihn zu einem solchen wirklichkeits- und gleichzeitig normgerechten Urteil be­fähigt, ist die Klugheit. Die Anwendungsweise der Toleranz zu bestimmen, ist also Sache der Klugheit.

Das wird von manchen oft mißverstanden, die die katholische Moraltheologie nicht kennen, die von der Klugheit als einer der vier natürlichen „Kardinal“tugenden einen wohldefinierten Be­griff hat. Sie verwechseln die Klugheit mit Schlauheit und sagen, eben darauf beruhe die angebliche Taktik der Katholiken, die Toleranz dort zu verlangen, wo es ihnen von Nutzen ist, und sie dort zu verweigern, wo sie keinen Vorteil aus ihr ziehen könn­ten. Aber der Papst sagt ausdrücklich, daß das höhere Gut, das die Toleranzübung fordert, nicht ein zeitlicher und meist nur kurzfristiger Vorteil für die Katholiken ist, sondern das Ge­meinwohl der Völkergemeinschaft, und daß es die Wirklichkeit der sich einenden Welt ist, dergemäß die Prinzipien der Toleranz angewandt werden müssen. Das Gewissen, das über solche Anwendung befindet, muß nun nach katholischer Lehre ein „informiertes“, ein wohlgebildetes Gewissen sein. Dazu gehört nicht nur die Kenntnis der Normen, eine, umsichtige und erfahrene Beurteilung der Situation und ihrer Forderungen und eine wohlentwickelte Unterscheidungs­gabe, sondern auch eine respektvolle und angemessene Berück­sichtigung des Urteils der Autorität — in allen Fällen, wo es sich um sittliche und religiöse Werte handelt, also der Kirche. Und da ist es hochbedeutsam, daß der Papst fordert, daß in Sachen der Toleranz angesichts der Rolle, die sie für die Einung der Welt spielt, seine Autorität maßgebend ist. Das bedeutet, daß die Frage aus seiner weltweiten Sicht und nicht mehr nur unter den Gesichtspunkten eines einzelnen Landes — sei es Spaniens oder der Vereinigten Staaten von Amerika — gesehen werden muß.

Ob dann diese Bedingung im konkreten Fall zutrifft — es ist die „quaestio facti“  — muß vor allem der katholische Staatsmann selber entscheiden. Er wird sich bei seiner Entscheidung von dem Vergleich der schädlichen Folgen, die die Toleranz hat, mit den schädlichen Folgen, die durch Annahme der Toleranz­formel der Staatsgemeinschaft erspart bleiben, leiten lassen, d. h. also von dem Gut, das sich bei einer weisen Voraussicht für die Gemeinschaft als solche und indirekt auch für den Mitgliedstaat davon erwarten läßt. Was den religiösen und sittlichen Bereich angeht, so wird er auch das Urteil der Kirche einholen. Auf de­ren Seite ist in solchen entscheidenden Fragen, die das inter­nationale Leben berühren, in letzter Instanz nur der zuständig, dem Christus die Leitung der ganzen Kirche anvertraut hat, der römische Papst8

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VII

1 Ansprache vom 6. 12. 1953 an den 5. Nationalkongreß des katho­lischen Juristenverbandes Italiens; HK 8. Jhg., S. 174; U.-G. Nr. 3971, S. 2046.

2 wie 1; HK 8. Jhg., S. 174; U.-G. Nr. 3973, S. 2047.

3 wie 1; HK 8. Jhg., S. 174; U.-G. Nr. 3974, S. 2047.

4 wie 1; HK 8. Jhg., S. 174; U.-G. Nr. 3975, S. 2048.

5 wie 1; HK 8. Jhg., S. 174; U.-G. Nr. 3976, S. 2048. 6

9 wie 1; HK 8. Jhg., S. 174 f.; U.-G. Nr. 3977, S. 2048 f.

7 wie 1; HK 8 Jhg., S. 175; U.-G. Nr. 3978, S. 2049.

8 wie 1; HK 8 Jhg., S. 175; U.-G. Nr. 3979, S. 2049 f.

Papstmesse: „Einen immer bedeutenderen Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung“

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Papst Franziskus bei der Heiligsprechungsmesse in Colombo

 

Papst Franziskus hat in Sri Lanka Joseph Vaz heilig gesprochen. Zu Beginn der Messfeier in der Hauptstadt Colombo am zweiten Tag seiner Asienreise trug er den Missionar ins Buch der Heiligen ein. Damit ist Joseph Vaz der erste Heilige Sri Lankas. Begleitet wurde die Messfeier von tamilischen, singhalesischen und lateinischen Gesängen. Vor genau zwanzig Jahre hatte Papst Johannes Paul II. Vaz an gleicher Stelle, dem Galle Face Green – einem Park am Indischen Ozean – selig gesprochen.

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In seiner Predigt ging der Papst auf den Verkünder Joseph Vaz ein. Durch sein Wort und mehr noch durch das Beispiel seines Lebens habe er viele Menschen zum Glauben geführt. Die Verehrung des Heiligen habe aber auch Auswirkungen für das Christsein heute: „wir sehen in ihm auch eine Herausforderung, auf den Wegen des Evangeliums beharrlich voranzuschreiten, selber an Heiligkeit zuzunehmen und die Evangelienbotschaft von der Versöhnung, der er sein Leben gewidmet hat, zu bezeugen,“ so der Papst.

Damals, als Vaz aus Indien kommend im Verborgenen und verbotenerweise das Wort Gottes verkündet habe, sei es sein Einsatz für die Kranken und Leidenden gewesen, der ihm Anerkennung gebracht habe. Weil er Freund der Leidenden war, wurde ihm größere Freiheit in seiner missionarischen Arbeit zugestanden. So sei sein Hinausgehen an die Peripherien auch heute Vorbild für den Glauben.

„Zweitens führt der heilige Joseph uns vor Augen, welche Bedeutung der Überwindung religiöser Spaltungen im Dienst für den Frieden zukommt“, nannte der Papst eine zweite Dimension des Zeugnisses Joseph Vaz’ für heute. „Seine ungeteilte Liebe zu Gott öffnete ihn für die Liebe zum Nächsten; sie macht keine Unterschiede nach Rasse, Bekenntnis, Volksstamm, Stand oder Religion in dem Dienst, den sie durch ihre Schulen, Krankenhäuser, Kliniken und viele andere gemeinnützige Werke bereitstellt. Die einzige Gegenleistung, die sie fordert, ist die Freiheit, ihre Mission zu erfüllen. Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht. Jeder Einzelne muss – allein oder in Gemeinschaft mit anderen – frei sein, nach der Wahrheit zu suchen und die eigenen religiösen Überzeugungen öffentlich auszudrücken, ohne Einschüchterung und äußeren Zwang.“

Authentische Gottesverehrung zeige sich nicht in Diskriminierung, Hass und Gewalt, so der Papst, sondern „in der Achtung vor der Unverletzlichkeit des Lebens, in der Achtung vor der Würde und Freiheit anderer und im liebevollen Einsatz für das Wohl aller.“

Einen dritten Punkt führte der Papst an: „Indem er seine Heimat, seine Familie und die Bequemlichkeit seiner gewohnten Umgebung hinter sich ließ, folgte er dem Ruf, hinauszugehen und von Christus zu sprechen, wohin auch immer er gesandt wurde. Der heilige Joseph wusste, wie man die Wahrheit und die Schönheit des Evangeliums in einem multireligiösen Kontext darbieten muss, mit Respekt, Hingabe, Ausdauer und Demut. Das ist auch der Weg für die Anhänger Jesu von heute. Wir sind berufen, mit demselben Eifer, demselben Mut des heiligen Joseph hinauszugehen, aber auch mit seiner Sensibilität, seiner Ehrfurcht vor den anderen und mit seinem Wunsch, mit ihnen jenes Wort der Gnade (vgl. Apg 20,32) zu teilen, das die Kraft hat, sie aufzubauen. Wir sind berufen, missionarische Jünger zu sein.“

Er bete für die Christen des Landes, schloss Papst Franziskus seine Predigt, dass sie einen „immer bedeutenderen Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung in der Gesellschaft Sri Lankas leisten mögen. Das ist es, was Christus von euch verlangt. Das ist es, was der heilige Joseph euch lehrt. Das ist es, was die Kirche von euch braucht.“

Zur Messfeier waren mehr als die erwartete halbe Million Menschen gekommen, viele feierten außerhalb des Geländes am Strand des Ozeans mit. Zu Tausenden hatten Menschen zuvor auf dem Feld übernachtet, die ersten waren bereits am Dienstag Mittag gekommen. Nicht wenige waren auch aus Goa angereist, woher Joseph Vaz ursprünglich stammte.

(rv 14.01.2015 ord)