DER ANTICHRIST (Kirchenlexikon)

Bild von Lucas Cranach d. J., 1545 [Wikipedia]

Abschrift [POS] – unter Weglassung griechischer Einschübe, markiert mit 4 Punkten – aus Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon oder Enzyklopädie der katholischen Theologie und ihrer Hilfswissenschaften. Zweite Auflage, in neuer Bearbeitung, unter Mitwirkung vieler katholischen Gelehrten begonnen von Joseph Cardinal Hergenröther, fortgesetzt von Dr. Franz Kaulen, Professor der Theologie zu Bonn. Mit Approbation des Hochw. Capitels-Vicariats Freiburg. Freiburg im Breisgau, Herder’sche Verlagsbuchhandlung 1882.

 

Antichrist
ist im kirchlich-theologischen Sprachgebrauch die Bezeichnung einer Persönlichkeit, deren Erscheinen und Wirken nach der Heiligen Schrift der Wiederkunft Christi und dem Weltende als warnendes Vorzeichen vorangehen wird. Die Heilige Schrift selbst gebraucht jenen Namen 1 Joh. 2, 18.22; 4,3. 2 Joh. 7. Eine genauere Charakterisierung des Antichrists und seines Verhältnisses zur Parusie Christi hat die kirchliche Exegese stets im zweiten Briefe Pauli an die Thessalonicher (2, 1-12) gefunden. Vornehmlich an diese Stelle knüpfen sich auch die mannigfaltigen im Laufe der Jahrhunderte hervorgetretenen Versuche, über den Charakter des Antichrists und über seine Schicksale und damit über den Zeitpunkt des Weltendes bestimmtere Aufschlüsse zu gewinnen. Bei der dogmatischen Schätzung dieser Versuche müssen selbstverständlich neben den allgemeinen wissenschaftlichen Gesetzen der Hermeneutik an erster Stelle die katholischen Glaubenswahrheiten von der Inspiration der ganzen Heiligen Schrift und aller ihrer Bestandteile, mithin auch der prophetischen Aussprüche, und von der darin sich gründenden Irrtumslosigkeit des ganzen Schrifteinhaltes als unantastbare Grundlage festgehalten werden (Trid. Sess. 4: Vatic. Sess. 3. c. 2). Im schroffsten Widerspruch mit diesen beiden Dogmen steht die Ansicht eines großen Teiles der außerkirchlichen Exegeten, welche der paulinischen Belehrung über den Antichrist (2 Thess. A. a. O.) den objektiven Charakter einer Prophetie absprechen und nur eine subjektive aus der jüdischen Tradition, sowie aus analogen Bildern bei den Propheten Daniel (Kap. 8. 11) und Ezechiel (Kap. 38. 39) geschöpfte Anschauung des Apostels darin erkennen wollen.

Mit dem kirchlichen Dogma unvereinbar ist auch die von Döllinger vertretene Meinung, der Apostel habe „nicht etwa vermöge einer ihm zuteil gewordenen besonderen prophetischen Inspiration zukünftige Dinge mit historischer Genauigkeit voraussagen wollen, sondern nur die Kenntnis und Erwartung, welche die damalige Kirche bezüglich der demnächst eintretenden Ereignisse aus den Worten Christi sich gebildet hatte, zur Belehrung der Thessalonicenser verwendet“ (Christenth. u. Kirche, 1. Aufl., 285, Anm.); oder Paulus habe das, was er hier über die vor der Parusie Christi zu erwartenden Ereignisse sage, „aus den Verkündigungen Christi, aus der Weissagung Daniels, auf welche Christus sich bezogen, und aus der Wahrnehmung gewisser Tatsachen seiner Zeit geschöpft“(ebend. 277); denn auch hiermit soll geleugnet werden, dass der in Rede stehen Abschnitt eine objektive, aus göttlicher Inspiration hervorgegangene und darum in allen ihren Teilen absolut wahre Prophetie ist. Dass demselben dieser Charakter zukomme, ist von der kirchlichen Exegese allzeit auf Grund des Glaubens an die Inspiration als selbstverständlich vorausgesetzt, niemals irgendwie bezweifelt worden. Es konnte auch nicht anders sein, da die paulinische Äußerung sowohl vermöge ihres Zweckes, wie auch nach Inhalt und Form ganz unzweideutig als eine Weissagung zukünftiger, teils geschöpflicher, teils göttlicher Taten erscheint, und der Glaube der Kirche an den göttlichen Ursprung und die unantastbare Autorität der Heiligen Schrift als Quelle der Offenbarung den Gedanken nicht aufkommen ließ, der Apostel habe je einmal aus eigenem Belieben und kraft eigener unzulänglicher Wissenschaft den Schleier der Zukunft nach Prophetenart lüften wollen. Auf katholische Standpunkte wird man also stets die paulinische wie auch jede andere Belehrung der Heiligen Schrift über den vor dem Weltende zu erwartenden Antichrist als eine wahre, aus göttlicher Offenbarung oder Inspiration hervorgegangene Weissagung betrachten. Bezüglich der Auslegung jene Prophetien von Seiten der heiligen Väter ist es wiederum durch die kirchlichen Prinzipien geboten, streng zu unterscheiden zwischen dem, was sie als unbestreitbaren objektiven Sinn der biblischen Weissagungen geltend machen, wir möchten sagen als das objektive prophetische Bild des Antichrists, und ihren mannigfaltigen subjektiven Versuchen, dieses Bild oder einzelne Züge desselben zeitgeschichtlichen Erscheinungen anzupassen, um in ihnen eine teilweise Erfüllung des Geweissagten zu erschauen oder doch mindestens einen Schlüssel zum Verständnis desselben zu erlangen. Manche von diesen Versuchen sind durch den Gang der Weltgeschichte selbst als das, was sie ihrer Natur nach einzig und allein sein konnten, erwiesen worden. Es liegt ja in dem Wesen der Prophetie, dass der menschliche Geist, so lange ihr Inhalt nicht mit der unabweisbaren Evidenz der vollen tatsächlichen Verwirklichung ihm vor Augen tritt, über die mögliche Art und den Zeitpunkt dieser Enthüllung sich nur in mehr oder minder scharfsinnigen, stets dem Irrtum unterworfenen Kombinationen ergeben kann. Dieses Verhältnisses waren sich auch die heiligen Väter ohne Zweifel wohl bewusst, sowie auch der Tatsache, dass der Kirche vom Heiligen Geiste keine Deutung der biblischen Prophetien nach dieser Richtung hin oder, was hier dasselbe ist, keine die biblischen Prophetien ergänzenden Weissagungen in Form der Tradition anvertraut seien, da sie ja andernfalls diese Deutung, und zwar mit Berufung auf ihren göttlichen Ursprung, als die einzig zutreffende würden geltend gemacht haben, während sie in der Tat vielfach bei den in Rede stehenden Versuchen voneinander abweichen oder auch jede nähere Erklärung als unmöglich oder ungenügend bezeichnen (vgl. z. B. Iren. Adv. Haer. 5, 30, 3; Aug. Civ. 20,19). So wird man also als kirchliche Glaubenslehre bezüglich des Antichrist die Sätze festhalten müssen, aber auch nur diese als solche geltend machen dürfen, welche durch die unzweideutige Aussprache der Heiligen Schrift und die sich daran anschließende einmütige Auslegung der heiligen Väter als göttlich geoffenbarte Wahrheiten gekennzeichnet sind. Als sachliche Parallele zu den nur flüchtigen Andeutungen der Johanneischen Briefe (a.a.O.), welche sich darauf beschränken, das Erscheinen des Antichrist als ein den Gläubigen bereits bekanntes zukünftiges Weltereignis zu erwähnen (1 Joh. 2, 18), hat die kirchliche Überlieferung allzeit die paulinische Weissagung über den „Menschen der Sünde“ (2 Thess. 2, 3-11) angesehen. Missverstandene Äußerungen des Apostels (1 Thess. 4, 15 ff.), sowie die Vorspiegelungen frecher Betrüger (2 Thess. 2, 2.3) hatten bei den Christen zu Thessalonich die Meinung erweckt, die Wiederkunft Christi mit den Schrecknissen des Weltgerichtes und des Weltendes sei in der nächsten Zeit zu erwarten. Durch seinen zweiten Brief beabsichtigte Paulus der durch jenen Irrtum entstandenen verderblichen Aufregung und Verwirrung der Gemüter entgegen zu wirken. Insbesondere aber ist der obengenannte Abschnitt dem klar ausgesprochenen Zwecke gewidmet, die Leser darüber zu belehren, dass die Wiederkunft des Erlösers und die Vollendung der Dinge nicht unmittelbar bevorständen, dass dieselben überhaupt nicht zu erwarten seien, bevor gewisse vom Apostel näher bezeichnete Weltereignisse eingetreten seien: die Apostasie und das gottfeindliche Wirken des „Menschen der Sünde“. Dieser „Mensch der Sünde“ ist nach der kirchlichen Auslegung mit dem vom hl. Johannes (a.a.O.) erwähnten Antichrist identisch. Demgemäß stimmen auch alle kirchlichen Erklärer 1. darin überein, es sei als dogmatisch feststehend zu betrachten, dass der vor dem Weltende zu erwartende Antichrist eine individuelle menschliche Persönlichkeit sein werde, nicht eine moralische oder Kollektiv-Person. Erst die Reformatoren des 16. Jahrhunderts verfielen auf diese letztere Deutung, indem sie erklärten, unter dem Menschen der Sünde oder dem Antichrist sei das „römische Papsttum“ zu versehen, das durch die von ihm ausgegangenen „Fälschungen“ der lehre und des Gesetzes Christi schon seit Jahrhunderten einzelne Irrlehrer (Waldenser, Albigenser Wiclef, Hus) den Papst als Antichrist bezeichnet hatten, so wollten sie damit nicht, wie die Reformatoren, die apokalyptischen Äußerungen der Heiligen Schrift auf das Papsttum beziehen, sondern nur ihrer revolutionären Gesinnung in einem, wie sie dachten, prägnanten und zutreffenden Bilde Ausdruck verleihen. Jene Anschauung der Reformatoren erhielt durch Aufnahme in die schmalkaldischen Artikel (P. II, art. IV, 10; vgl. Tract. de pot. et primatu Papae per Theol. Smalcaldiae congreg. Conscriptus § 39, bei Hase, Libri symbol. I, 314. 347) für die Lutheraner den Charakter einer symbolischen Glaubenslehre und wurde als solche auch in der Gegenwart noch vom Einzelnen mit allem wissenschaftlichen Ernste geltend gemacht (vgl. z. B. Zeitschrift für lutherische Theologie 1861, 459). Mit größter Objektivität und Gründlichkeit hat Bellarmin (De Rom. Pont. III) dieselbe einer eingehenden exegetischen und geschichtlichen Kritik unterzogen. Die nähere Bestimmung des Zeitpunktes, wo jenes antichristliche Reich an die Stelle der wahren Kirche getreten sei, musste natürlich den protestantischen Theologen einige Verlegenheit bereiten. Bei vielen kam gleich Anfangs die Meinung in Aufnahme, jene Umwandlung habe sich um 606 vollzogen, als Papst Bonifacius III. (19. Febr. Bis 10. Nov. 607) von dem griechischen Kaiser Phokas für die römische Kirche den Titel „Haupt aller Kirchen“ erlangte. Man berief sich für dieses Datum auch wohl auf Offenb. 13, 18 und berechnete nach Offenb. 11, 3 die Dauer der antichristlichen Herrschaft auf 1260 Jahre, so dass hiernach im J. 1866 das Weltende zu erwarten gewesen wäre (Centur. Magdeb. Cent. I, 1. 2, c. 4). – Wenn in den Johanneischen Briefen (a.a.O.) von einer Mehrheit von Antichristen die Rede ist, so wird die Bedeutung dieses Ausdruckes schon durch den Zusammenhang, insbesondere durch die Gegenüberstellung des Einen im prägnanten Sinne so genannten Antichrists, der noch „kommen soll“, und der Vielen, die schon „in der Welt sind“, genügend bestimmt. Die „Vielen“ sind die vom Apostel klar bezeichneten ersten Irrlehrer, welche das Geheimnis der Menschwerdung des Sohnes Gottes antasteten (Judaisten, Doketen) und so das ganze Christentum in Frage stellten. Durch diesen fundamentalen Gegensatz zu Christus erschienen sie als Geistesverwandte und Vorbilder des zukünftigen Antichrists, in welchem der Geist, der in jenen Irrlehren waltete, seine letzte und vollendetste Offenbarung finden wird. Einen ähnlichen Gedanken spricht auch der Apostel Paulus aus, indem er von dem „Geheimnis der Gesetzlosigkeit oder der Sünde“ redet (2 Thess. 2, 7), „das schon (zu seiner Zeit) wirksam sei“. Er gibt zu verstehen, dieses „Geheimnis“ (der gottwidrige Geist der Sünde und des Unglaubens) werde seine Wirksamkeit fortsetzen, bis „der Gesetzlose“ im eminenten Sinne des Wortes (der Antichrist), in welchem die nie gänzlich ruhende menschheitliche Revolution wider Gott und Christus ihren höchsten Gipfelpunkt erreicht und gleichsam inkarniert erscheint, hervortreten wird.

Hiermit ist der zweite feststehende Lehrsatz bezüglich des Antichrists bereits angedeutet. Er betrifft den Charakter seines Wirkens und die demselben zur Voraussetzung und Grundlage dienenden Momente. Dem Auftreten und erfolgreichen Wirken des „Menschen der Sünde“ wird die geschichtliche Vermittelung nicht fehlen. Er findet diejenigen, welche ihm anhangen werden, bereits in hervorragendem Maße in Unglauben und Sünde verstrickt, so dass die Zulassung der antichristlichen Verführung und Irreleitung als ein von Gott über sie verhängtes gerechtes Strafgericht erscheint (2 Thess. 2, 9-11. Aug. Civ. 20, 19, 4: Alius ergo sic, alius autem sic Apostoli obscura verba conjectant; quod tamen eum dixisse non dubium est, no veniet ad vivos et mortuos judicandos Christus, nisi  prius venerit ad seducendos in anima mortuos adversarius ejus Antichristus; quamvis ad occultum jam judicium Die pertineat, quod ab illo seducentur. Vgl. Iren. Adv. Haer. 5, 28, 1. 2). Es wird nämlich dem Erscheinen des Antichrists eine weltgeschichtliche Tatsache vorangehen, welche der Apostel in prägnanter Weise „die Apostasie“ nennt (a.a.O. V. 3). Da es sich nach dem Zusammenhange hier um ein vor aller Welt offenbares und durch seinen Charakter wohl erkennbares „Zeichen der Zeit“ handelt, so ist hierbei wohl an einen Abfall der erlösten Menschheit von der christlichen Wahrheit und den christlichen Lebensgesetzen zu denken, der durch seinen radikalen Charakter und durch die Zahl der in denselben verstrickten christlichen Völker alle vorangegangenen ähnlichen Erscheinungen weit übertreffen wird. Ganz gewiss aber charakterisiert der Apostel den Geist und das Wirken des Antichrists selbst als die vollendetste, bis zur Selbstvergötterung gesteigerte Empörung wider Gott und die christliche Heilsordnung. Die Sünde ist sein eigenstes Lebenselement, darum heißt er „der Mensch der Sünde“, „der Gesetzlose“ oder „der Widersacher“, der „Sohn des Verderbens“, welcher nicht bloß für seine Person der ewigen Verdammnis durch seine Sündhaftigkeit verfallen ist, sondern auch viele andere durch die Künste der Verführung in das gleiche Unheil verstricken wird (a.a.O. V. 3. 4.9-11). Er wird sich in diabolischem Stolze „über alles erheben, was Gott oder ein Heiligtum heißt (d.h. über denjenigen, welchen die erlöste Menschheit als ihren Gott verehrt, und über alles was ihr heilig ist), so dass er sogar in den Tempel Gottes sich setzt, indem er sich als Gott proklamiert“ (V. 4), d.i. göttliche Ehre für sich beansprucht. Dass in diesen Zügen die totale Leugnung der Gottheit Christi und seines Erlösungswerkes miteingeschlossen ist, bleibt selbstverständlich. (Vgl. das ähnliche Bild des gottlosen syrischen Königs Antiochus bei Dan. 11, 36. 37.) Mit Hilfe des Teufels (V. 9) wird der Antichrist mancherlei vorgebliche Wunder wirken. Der Apostel nennt sie Lügenwunder, weil sie an sich bloße Blendwerke sein und nur Täuschung und Irreleitung der Menschen bezwecken werden (Aug. l. c.; Bellarm. L. c. c. 15). Das Auftreten des Antichrist wird ferner verbunden sein mit „jeglichem Truge der Ungerechtigkeit“ (V. 10); er wird diejenigen zum Unglauben und zur Sünde verführen (V. 11), welche durch ihre eigene Schuld für diese Verführung empfänglich geworden sind, indem sie der Liebe zur Wahrheit und damit zugleich der heilbringenden Wahrheit selbst und der Gnade Gottes ihr Herz verschlossen. Zur Strafe für ihren hartnäckigen Unglauben lässt Gott es zu, dass sie Opfer der satanisch-antichristlichen Irreleitung werden (vgl. Matth. 24, 24). Diese letzte große Glaubensprüfung soll nach Gottes Ratschlüssen das Endgericht vorbereiten und demselben als Grundlage dienen (V. 10. 11). Endlich heißt es in der paulinischen Prophetie, Christus werde den „Gesetzlosen töten mit dem Hauche seines Mundes“ (V. 8; vgl. Is. 11, 4), d.h. auf wunderbare Weise, durch ein bloßes Wort oder durch einen Wink seines allmächtigen göttlichen Willens, und er werde ihn „zunichte machen durch die Erscheinung seiner Ankunft“ (oder seine sichtbare Gegenwart). Der Erlöser wird bei seiner Wiederkunft die Lügenhaftigkeit von dem Wesen und Tun des Antichrists ins hellste Licht setzen durch die jeden Zweifel an der Wahrheit ausschließende, überwältigende Offenbarung seiner eigenen gottmenschlichen Würde und Macht, und wird auf solche Weise auch in den Augen seiner Anhänger ihn seines Ansehens entkleiden und seinem Einflusse ein Ziel setzen. – Dieses vom Apostel allerdings nur in allgemeinen Umrissen gezeichnete Bild haben die heiligen Väter und die späteren Theologen durch mancherlei Züge zu ergänzen versucht, welche sie teils der großen eschatologischen Rede Christi (Matth. 24. 25), teils der johanneischen Apokalypse (Kap. 13, womit man Dan. 7. 7.20 als Parallele in Verbindung brachte) entnahmen. Die Dunkelheit der betreffenden prophetischen Aussprüche, sodann die durch keine Kunst der Exegese zu beseitigende Ungewissheit bezüglich der Frage, ob und inwieweit dieselben auf die Person des Antichrist zu beziehen seien, schließen die Möglichkeit aus, auch hier noch von einer durch den Wortlaut der Heiligen Schrift schlechthin gebotenen Deutung zu reden. Auch liegt hinsichtlich dieser Schriftstellen kein bindender Consesus Patrum vor. Es handelt ich entweder um die persönliche Ansicht nur einzelner Väter, oder, wenn auch in Bezug auf gewisse Punkte eine weitreichende Übereinstimmung herrscht, so ist diese hier doch kein Kriterium einer göttlichen Tradition oder einer maßgebenden  kirchlichen Auslegung. Dies ergibt sich, wie oben bereits angedeutet wurde, aus der Natur des Gegenstandes, aus der Art, wie die heiligen Väter ihre desfallsigen Deutungen geltend machen und begründen, sowie aus der Tatsache, dass sie frühere, weitverbreitete Erklärungen dieser Art ihrerseits wieder bekämpfen oder mindestens als problematisch bezeichnen (vgl. z. B. Iren. 1. c.; Aug. l. c. n. 3; Hier. In Dan. 7 8). Es ist daher selbstverständlich, dass die hier in Rede stehenden Züge nicht in Betracht kommen können, wo es sich darum handelt, vom dogmatischen Standpunkte aus das Bild des Antichrists zu zeichnen. Wir rechnen dahin so manche ganz detaillierte Angaben, welche in der patristischen und in der späteren Literatur sich finden über den Namen des Antichrists, seine Herkunft (z.B. dass er dem jüdischen Volke entstammen, aus einer fleischlichen Vermischung Satans mit einer Jungfrau hervorgehen oder gar eine Inkarnation des Teufels selbst sein werde u. dgl.), sein Verhältnis zum Judentum und zum römischen Reiche (er werde unter dem zu nationaler Selbständigkeit zurückgekehrten jüdischen Volke als Pseudo-Messias auftreten und als solcher anerkannt werden; der Tempel Gottes, von welchem 2 Thess. 2, 4 die Rede ist, sei der wiedererbaute Tempel zu Jerusalem; der Antichrist werde erst erscheinen, wenn die Macht des römischen Weltreiches durch Auflösung in viele Einzelstaaten gebrochen sei, und er werde dann durch umfassende Eroberungen die Oberherrschaft des Orients über den Occident begründen u. dgl.). Zahlreiche literarische Belege bezüglich dieser und ähnlicher Anschauungen der heiligen Väter finden sich bei Bellarmin (a.a.O.), Malvenda (De Antichr. LL. XI) und Lessius (Opusc. De Antichr.), eine übersichtliche „Geschichte der Erklärung des Abschnittes vom Menschen der Sünde im zweiten Briefe an die Thessalonicenser“ bei Döllinger a.a.O. Beil. I, 422.

Ein Punkt der genannten Art darf jedoch hier nicht ganz mit Stillschweigen übergangen werden, weil derselbe in der paulinischen Schilderung des Menschen der Sünde mit unverkennbaren Nachdruck betont wird. Dies ist der mit großer Bestimmtheit vom Apostel (a.a.O. V. 6) ausgesprochene Hinweis auf „das Hinhaltende oder Hemmende“ und die gleich darauf folgende (V. 7) Erwähnung eines persönlichen, als …. bezeichneten Subjekts. Alle bis in die neueste Zeit versuchten Deutungen dieser Worte gingen von der Annahme aus, der Apostel wolle damit auf ein Prinzip, bez. Eine Persönlichkeit hinweisen, wodurch das Erscheinen des Antichrists noch hingehalten werde. Diesen Gedanken glaubte man aus dem zweiten Gliede des sechsten Verses herauslesen zu müssen: „Und ihr wisst, was (ihn) jetzt noch aufhalte, damit er (der Antichrist) zu seiner (d.i. zu der ihm von Gott bestimmten Zeit erscheine“. Die meisten lateinischen Väter und auch die Mehrzahl der späteren Erklärer verstanden unter dem „Hemmnis“ das römische Reich (s. i.; vgl. Döllinger a.a. O. 448 ff.). Die Frage, welche einzelne Persönlichkeit dem entsprechend unter dem …. (V. 7) zu denken sei, wurde dabei meist übergangen oder es wurde geradezu erklärt, dass auch mit diesem Namen wiederum dasselbe römische Reich (oder auch wohl der Kaiser, als Repräsentant des Reiches) bezeichnet werde. Dass diese Deutung durch den Gang der Weltgeschichte längst übe3rholt sei, braucht wohl nicht weiter erörtert zu werden. Seit dem 17. Jahrhundert wurde von protestantischen Theologen vielfach die (oben bereits genannte) Ansicht vertreten, der Apostel rede nur von Personen und Ereignissen der damaligen Zeit; und so wollte man denn auch den Menschen der Sünde und den …. bald in dieser, bald in jener geschichtlichen Persönlicheit (K. Caligula, Titus, Nero, Claudius u.s.f.; vgl. Döllinger a.a.O. 438) entdeckt haben. Jener Ansicht schloss sich Döllinger insofern an, als er annahm, die paulinische Weissagung über den Menschen der Sünde habe in gewissen Ereignissen der apostolischen Zeit ihre erste Erfüllung bereits gefunden; diese erste und unmittelbar bevorstehende Erfüllung habe Paulus auch zunächst vor Augen gehabt, und einige seiner Angaben bezögen sich nur auf dieses ganz nahe Ereignis (a.a.O. 423, vgl. 277). Der „Mensch der Sünde“, meint Döllinger, sei Kaiser Nero, der „Hemmende“ dessen Vorgänger Claudius; die Parusie Christi von welcher der Apostel redet, sei im geistigen Sinne von dem an Jerusalem durch Christus vollzogenen Strafgerichte, zu verstehen. Übrigens hält Döllinger, wie es scheint, im Gegensatz zu den früher genannten Theologen daran fest, dass gegen das Ende des jetzigen Weltlaufes und vor der letzten Parusie des Herrn ein letzter und großer Antichrist auftreten werde. „Dieser Antichrist“, sagt er, „wird de3mnach Ähnlichkeit haben mit dem von Paulus beschriebenen ‚Menschen der Sünde‘, man wird in ihm eine Erfüllung der Weissagung von dem Auftreten des großen ,Widersachers‘ erkennen. So lautet die seit Irenäus und Tertulian stets bezeugte kirchliche Anschauung“ (a.a.O. 423) Sofern dieser Deutungsversuch auf der Annahme basiert, die vom Apostel den Thessalonicensern gegebene Belehrung über die Parusie Christi und die ihren Eintritt bedingenden Weltereignisse besitze nicht den Charakter einer auf göttlicher Inspiration beruhenden objektiven Weissagung, sondern nur den einer natürlichen subjektiven Kombination, wurde die Unzulässigkeit desselben Eingang schon von uns betont. Dass diese Auffassung vom rein exegetischen Standpunkt nicht günstiger zu beurteilen ist, hat in gründlichster Weise J. Grimm (Der …. des zweiten Thessalonicher-Briefes, Stadtamhof 1861) dargetan. Es ist mit dem Wortlaut und dem ausgesprochenen Zwecke der paulinischen Belehrung absolut unvereinbar, die in Rede stehende Parusie Christi in dem genannten geistigen Sinne zu deuten; um aber die den „Menschen der Sünde“ und den …. charakterisierenden Merkmale auf die von Döllinger herausgehobenen geschichtlichen Momente in dem Leben der Kaiser Nero und Claudius beziehen zu können, muss, wie Grimm gezeigt hat, nicht nur dem paulinischen Texte, sondern auch der Geschichte selbst in nicht zu rechtfertigender Weise Gewalt angetan werden. Der eigene, höchst scharfsinnige und ansprechende Deutungsversuch Grimms geht von dem wohl begründeten Gedanken aus, dass es sich V. 6 nicht um ein Hemmnis für das Erscheinen des Antichrists, sondern für das Eintreten der Parusie Christi handle: „Und jetzt (d.h. nachdem ich euch hier noch einmal an meine früher schon mündlich gegebene Belehrung erinnert habe, vgl. V. 5) wisset ihr, was das Hemmende ist, auf dass er (Christus) zu seiner Zeit erscheine.“ Der sechste Vers stellt hiernach den (anakoluthischen) Nachsatz zu dem durch die Zwischenfrage V. 5 unterbrochenen Vordersatz dar, in welchem der Apostel (von V. 3 ab) die Weltereignisse beschreiben wollte, welche der Parusie Christi vorangehen müssten. Das „Hemmende“ ….. und …. ist also der Antichrist selbst, sofern sein Erscheinen die Bedingung ist, an welche Gott in seinem ewigen Weltplane die Parusie des Erlösers geknüpft hat. Daher der Zusatz: „Damit er (Christus) erscheine zu seiner (zu der von Gott ihm bestimmten) Zeit“ (V. 6). „Das heißt, dadurch dass Gott die Erscheinung des Messias an diese Bedingung geknüpft hat, ein solches …. in die Zeit hinstellte, hat er es erzielt, dass der Messias gerade ,zu seiner Zeit‘, nicht vor der Zeit offenbar werde“ (Grimm a.a.O. 20). Das schwierige Problem, den Charakter zweier verschiedener Persönlichkeiten, eines Antichrists und eines …. , und die wechselseitige Beziehung derselben in dem paulinischen Bilde zu entziffern, wäre durch jene Lösung gänzlich beseitigt. Der Sinn des siebenten Verses wäre dann dieser: Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit (d.i. der Geist des Antichristentums, der mit dem Walten seiner geheimnisvollen Macht dem dereinstigen Offenbarwerden des persönlichen Antichrists zur Voraussetzung dient und in gewissem Sine ihm zur Existenz verhelfen wird) ist jetzt schon wirksam (s. o. zu Joh. A.a.O.), „nur bis dass der jetzt Hinhaltende aus der Mitte hervorgegangen ist“, d.h. das von dem Mysterium der Gesetzlosigkeit verfolge Streben ist beharrlich nur auf das eine Endziel gerichtet, den „Gesetzlosen“ im eminentesten Sinne des Wortes aus sich hervorgehen zu lassen …, V. 7), um in ihm eine vollendetste Entwicklung und Betätigung zu finden. „In der Apokalypse (10, 7) ist die Rede von dem ,Geheimnisse Gottes‘, das am Ende der Zeiten sich vollenden soll. Die Vollendung ist die ,Enthüllung‘ des Menschensohnes, der eben aus dem Geheimnisse heraus, unter dessen Hülle, in dessen Mitte er sich verborgen hielt, sich offenbaren wird. Er, dessen Parusie wir erwarten, ist seiner Kirche nahe, seit der Besitz von seiner Herrlichkeit genommen, aber diese Nähe ist noch immer eine unsichtbare, geheimnisvolle. Das ganze Leben der Kirche ist nichts Anderes, als  die Wirkung dieser geheimnisvollen Nähe, die Entwicklung des Geheimnisses, das wirksam ist, bis mitten aus diesem Geheimnisse heraus sich derjenige offenbart, welcher die verborgene Seele dieses Lebens, das einige agens dieses wirkenden Mysteriums war. So ist auch die Parusie am Ende nichts Anderes, als das Hervortreten des Herrn aus der Verborgenheit, worin er seiner Kirche immer nahe ist, das letzte Zeil der Wirksamkeit, die der Heiland in dieser Verborgenheit entfaltet: das große Geheimnis des messianischen Lebens und Wirkens in der Kirche geht endlich über in den Glanz der Parusie, wo der bisher Unsichtbare sichtbar wird, das Geheimnis sich vollendet. Und wie innerhalb der Kirche, so lange vom Weizen das Unkraut nicht gesondert ist, der heiligen Mystik die unheilige zur Seite geht, so bewegt sich neben dem Mysterium ,Gottes‘ das Mysterium der ,Anomie‘. Der ,Gesetzlose‘, der Antichristus kommt so wenig als der Christus selbst unvermittelt. Von Anbeginn des messianischen Reichen ist auch er, der Gesetzlose, tätig, aber auch wie der Heiland nicht sichtbar, sondern unsichtbar im Mysterium. Diese unsichtbare Tätigkeit fasst Paulus zusammen als das Geheimnis der Anomie: die Anomie, sofern sie ein Mysterium, eine verborgene Macht bildet, das Geheimnis, welches den Anomos in sich schließt, ist bereits tätig, nur …. bis der mitten herausgeschafft oder geboren wird“ (Grimm a.a.O. 22). – Mit dem achten Verse würde dann der Apostel zu der durch die letzte Zwischenbemerkung (V. 7) abermals unterbrochenen Hauptgedankenreihe zurückkehren, und das tunc wäre ein erneuter Hinweis auf den Vers 6 charakterisierten Zeitpunkt der Parusie Christi:  „Und alsdann, d.i. wenn die für die Parusie Christi bestimmte Zeit gekommen ist, wird – als Vorbote derselben – der Gesetzlose offenbar werden.“ „Er hört auf, noch länger als …. die Parusie hinzuhalten, in dem Augenblick, wo er keck die messianische Parusie durch seine eigene herausgefordert“ (Grimm a.a.O. 24). – Neuere Sekten haben die Erfüllung der paulinischen Weissagung vielfach in unseren Tagen erwartet, und es knüpfen sich daran die Ideen der Zukunftskirche, der Chiliasmus und sonstige Schwärmereien der Irvingianer, Mormonen u.A. (Vgl. Döllinger a.a.O. 440; Jörg, Gesch. des Protestantism. U.s.f. II, 94.)   |Simar.]