Zu Benedikts 90. Geburtstag: Ein Strauß guter Worte aus seinem eigenen Munde

Papa Benedetto XVI in piazza Duomo a Milano.

Von Paul Badde / Die Tagespost

„Kirchenlehrer“ nennt Erzbischof Gänswein seinen verehrten Dienstherrn im neuen Buch „Über den Wolken„. Fest steht: Benedikt XVI. ist ein homme des lettres, mehr noch, ein Mann nicht nur der Buchstaben, sondern des Fleisch gewordenen Wortes, des Logos Gottes.

Zu seinem biblischen 90. Geburtstag hat Paul Badde dem Jubilar aus den Protokollen seiner spontanen Auskünfte an Journalisten diesen kleinen Strauß höchst frischer eigener Zitate gebunden.

Von einer großen Liebe und Erkenntnis getragen zu sein, ist kein schweres Gepäck, sondern es sind Flügel und es ist schön, ein Christ zu sein. 

Es gibt einen Kirchenvater, der einmal das Sonderbare sah, dass die Kirche im Lauf der Jahre nicht älter, sondern immer jünger wird, weil sie immer mehr dem Herrn entgegengeht, das heißt immer mehr der Quelle entgegen, von der Jungsein,  Neuheit, Erfrischung, die frische Kraft des Lebens kommt.

Wenn ich an meine Jugend denke, dann war dies eine völlig von der heutigen verschiedene Welt. Manchmal denke ich, ich lebe auf einem anderen Planeten, wenn ich die Welt heute mit der vergleiche, die bestand, als ich ein Bub war.

Dass wir in diesem Kontinent leben, der das Weltgeschick bestimmt hat – im Guten und im Bösen – gibt uns den bleibenden Auftrag, wieder das Wahre, das Reine und das Große und Zukunft Gebende zu entdecken und damit weiterhin und auf eine neue und wohl bessere Weise im Dienst der ganzen Menschheit zu stehen.

Wir müssen nicht irgendeinen Gott wiederentdecken, sondern den Gott mit einem menschlichen Antlitz.  Wenn wir Jesus Christus sehen, sehen wir Gott.

Wenn ich Karol Wojtyla  beten gesehen habe, dann habe ich gesehen – und nicht nur verstanden –, dass er ein Mann Gottes war.  Er war grundsätzlich ein Mann, der nicht nur mit Gott, sondern auch in Gott lebte.

Dass es zahlreiche Punkte gibt, wozu der christliche Glaube Nein sagen muss, ist wahr.

Es ist nicht eine katholische Erfindung ist, dass Mann und Frau füreinander geschaffen sind, damit die Menschheit weiterlebt – das wissen eigentlich alle Kulturen.

Was die Abtreibung angeht, gehört sie nicht ins sechste, sondern ins fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten!“

Entstanden ist das Christentum im vorderen Orient. Und lange Zeit hat es dort auch seinen Schwerpunkt gehabt und sich viel weiter nach Asien ausgedehnt, als uns heute nach der Veränderung durch den Islam bewusst ist. Allerdings hat es dann eben dadurch seine Achse erheblich nach dem Westen und nach Europa verschoben. Europa hat dann das Christentum in seiner großen, auch intellektuellen und kulturellen Gestalt weiter ausgebildet. Aber es ist wichtig, an die Christen im Orient zu erinnern, denn im Moment besteht die große Gefahr, dass gerade diese Ursprungsorte des Christentums leer werden von Christen. Dazu treten heute die anderen Kontinente mit gleichem Gewicht in das Konzert der Weltgeschichte ein. Insofern wird die Kirche vielstimmiger und das ist auch gut so, dass die eigenen Temperamente, die eigenen Begabungen Afrikas, Asiens und Amerikas, besonders auch Lateinamerikas, erscheinen können.

Es gibt diesen großen Kampf der Kirche für das Leben. Papst Johannes Paul II. hat ihn zu einem grundlegenden Punkt seines ganzen Pontifikats gemacht. Wir setzen  diese Botschaft fort, dass das Leben ein Geschenk und keine Bedrohung ist.

Das Leben ist schön, es ist nichts Zweifelhaftes, sondern ein Geschenk und das Leben bleibt auch unter schwierigen Bedingungen immer ein Geschenk.

Ich bin überzeugt, dass sich in Brasilien zumindest zum Teil – und zwar zum grundlegenden Teil – die Zukunft der katholischen Kirche entscheidet. Das war für mich immer klar.

In allen Teilen der Welt gibt es überaus viele, die nicht auf das hören wollen, was die Kirche sagt. Wir hoffen, dass es wenigstens an ihr Ohr gelangt; dann können sie auch anderer Meinung sein; aber es ist wichtig, dass sie es zumindest vernehmen, damit sie antworten können. Wir dürfen nicht vergessen, dass es auch unserem Herrn nicht gelungen ist, dass ihm alle zugehört haben.

Es ist wichtiger, gute Priester zu haben als viele Priester.

Ich würde nicht wirklich von einem Verfall der Religion in Europa sprechen. Sicher befindet sie sich hier in einer Krise, ebenso wie in Amerika und Australien. Doch jetzt, in diesem historischen Augenblick, beginnen wir zu verstehen, dass wir Gott brauchen. Wir können viele Dinge tun, aber wir können unser Klima nicht erschaffen. Wir denken nur, wir könnten es tun, aber wir können es nicht. Wir benötigen das Geschenk der Erde, das Geschenk des Wassers, wir bedürfen des Schöpfers. Der Schöpfer erscheint in seiner Schöpfung wieder und deshalb können wir ohne ihn nicht wirklich glücklich sein, ohne ihn können wir nicht wirklich Gerechtigkeit für die ganze Welt suchen, wir können nicht ohne ein Kriterium leben, an dem wir unsere Ideen messen. Und auch nicht ohne einen Gott leben, der gerecht ist und der uns Licht und Leben schenkt.

Es wird sich zeigen, dass wir immer wieder eine Rückkehr zum Glauben erleben werden, weil der christliche Glaube einfach wahr ist und weil die Wahrheit immer in der Welt des Menschen gegenwärtig sein wird, denn Gott wird immer Wahrheit sein und bleiben. In diesem Sinne bin ich entschieden optimistisch.

Es gibt Dinge, die einfach immer schlecht sind, und Pädophilie ist immer ein Übel.

Jeden Tag haben die Konzilsväter die heilige Messe nach dem alten Ritus gefeiert. Sie waren aber gleichzeitig der Auffassung, dass eine natürliche Entwicklung der Liturgie in diesem Jahrhundert nach erneuerten Kriterien notwendig ist. Die Liturgie ist eine lebendige Realität und bewahrt ihre Identität auch dann, wenn sie sich weiterentwickelt.

Der Festtag der heiligen Bernadette ist auch mein Geburtstag. Dies genügt schon als Beweggrund, dass ich mich der kleinen Heiligen, diesem jungen, reinen, demütigen, kleinen Mädchen, mit der die Muttergottes gesprochen hat, sehr eng verbunden fühle.

Der Auftrag des Herrn an den Nachfolger Petri lautet, die „Brüder im Glauben zu stärken“: das zu tun versuche ich.

Die Kirche ist katholisch, das heißt universal, offen für alle Kulturen, für alle Kontinente; sie ist in allen politischen Systemen präsent und so ist die Solidarität ein inneres Prinzip, das grundlegend ist für den Katholizismus.

Natürlich ist die Erbsünde auch in der Kirche da.

Das Problem des Atheismus stellt sich in Afrika fast gar nicht, weil die Wirklichkeit Gottes in den Herzen der Afrikaner so präsent, so real ist, dass nicht an Gott zu glauben, ohne Gott zu leben, nicht als Versuchung auftritt.

Ich denke, dass die wirksamste, am meisten präsente Realität im Kampf gegen Aids gerade die katholische Kirche mit ihren Bewegungen und verschiedenen Strukturen ist.

Als Gläubige sind wir überzeugt, dass das Gebet eine echte Kraft ist: Es öffnet die Welt für Gott. Wir sind überzeugt, dass Gott uns hört und dass er in der Geschichte handeln kann. Ich denke, wenn Millionen Gläubige beten, ist es wirklich eine Kraft, die Einfluss hat und dazu beitragen kann, dass es im Frieden Fortschritte gibt.

Die Pilgerfahrt ist ein wesentliches Element vieler Religionen, auch des Islams, der jüdischen Religion und des Christentums. Sie ist auch ein Bild für unser Leben, das ein Vorwärtsgehen ist, auf Gott hin und so auch auf die Gemeinschaft der Menschheit zu.

Ich würde gemeinsame Tage des Gebets für den Frieden im Nahen Osten vorschlagen, für die Christen und die Muslime gemeinsam, um Möglichkeiten des Dialogs und von Lösungen vorzugeben.

Aus dem Schiffbruch des Paulus ist für Malta das Glück hervorgegangen, den Glauben zu haben; so dürfen auch wir denken, dass die Schiffbrüche des Lebens Gottes Projekt für uns Wirklichkeit werden lassen können und auch nützlich sein können für neue Anfänge in unserem Leben.

Unter dem Neuen, das wir heute in der Botschaft von Fatima entdecken können, ist auch die Tatsache, dass die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Ich würde sagen, dass eine Kirche, die vor allem versucht, attraktiv zu sein, schon auf dem falschen Weg ist. Denn die Kirche arbeitet nicht für sich, sie arbeitet nicht dafür, ihre Mitgliedszahlen und damit die eigene Macht zu vergrößern. Die Kirche steht im Dienst eines Anderen, sie dient nicht sich selbst, um stark zu sein, sondern sie dient dazu, die Verkündigung Jesu Christi zugänglich zu machen, die großen Wahrheiten, die großen Kräfte der Liebe, der Versöhnung, die in dieser Gestalt sichtbar geworden sind und die immer von der Gegenwart Jesu ausgehen. In dieser Hinsicht sucht die Kirche nicht die eigene Attraktivität, sondern sie muss für Jesus Christus transparent sein.

Die Pilgerfahrt vereint: Gemeinsam gehen wir auf das Andere zu und so finden wir uns gegenseitig. Die Jakobswege sind ein Element für die Bildung der geistigen Einheit des europäischen Kontinents gewesen.

Der christliche Glaube findet seine Identität nur in der Öffnung zur Vernunft und die Vernunft wird nur sie selbst, wenn sie sich auf den Glauben hin übersteigt. Aber genauso wichtig ist die Beziehung zwischen Glauben und Kunst, weil die Wahrheit, das Ziel der Vernunft, sich in der Schönheit ausdrückt und in der Schönheit sie selbst wird und als Wahrheit erweist. Die Beziehung zwischen Wahrheit und Schönheit ist unauflöslich.

Die Weltjugendtage sind Lichtkaskaden; sie verleihen dem Glauben Sichtbarkeit, sie verschaffen der Gegenwart Gottes in der Welt Sichtbarkeit und verleihen den Mut dazu, Gläubige zu sein.

Man kann alle möglichen Verhaltensweisen, Verfügungen und Aktivitäten einem anderen mit Gewalt aufzwingen, aber nicht die Wahrheit! Die Wahrheit öffnet sich nur gegen die Freiheit hin, in freier Übereinstimmung, und deshalb sind Wahrheit und Freiheit sehr eng miteinander verbunden, die eine ist die Bedingung für die andere.

Die Suche nach der Wahrheit und nach der Würde des Menschen ist die größte Verteidigung der Freiheit.

Die Saat Gottes geht immer schweigsam auf und erscheint nicht sofort in den Statistiken.

Hölderlin hat gesagt: Am meisten vermag doch die Geburt. Und das spüre ich natürlich auch. Ich bin in Deutschland geboren und die Wurzel kann nicht abgeschnitten werden. Ich habe meine kulturelle Formung in Deutschland empfangen. Meine Sprache ist deutsch und die Sprache ist die Weise, in der der Geist lebt und wirksam wird.

Aber bei einem Christen kommt etwas anderes dazu. Er wird in der Taufe neugeboren, in ein neues Volk aus allen Völkern und Kulturen hinein, in dem er nun wirklich ganz zu Hause ist, ohne seine natürliche Herkunft zu verlieren.

Es wäre wichtig zu erkennen, dass in der Kirche zu sein nicht bedeutet, irgendeinem Verein anzugehören, sondern im Netz des Herrn zu sein, in dem er gute und schlechte Fische aus den Wassern des Todes ans Land des Lebens zieht. Es kann sein, dass in diesem Netz ausgerechnet ich neben schlechten Fischen bin und dass ich das spüre, doch bleibt wahr, dass ich da nicht wegen diesem oder jenem bin, sondern weil es das Netz des Herrn ist. Es ist etwas anderes als alle menschlichen Vereine, eine Wirklichkeit, die den innersten Grund meines Seins berührt.

Das Buch „Über den Wolken mit Papst Benedikt XVI.“ ist hier online erhältlich. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der „Tagespost“.

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Quelle

Benedikt XVI. – Der stille Anti-Populist

Benedikt XVI. sei die falsche Wahl gewesen, heißt es oft.
Sein Biograf meint: Er war das Beste, was der katholischen Kirche
nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte

Von Peter Seewald

Mit Joseph Ratzinger verbindet sich eine atemberaubende Geschichte, eine Jahrhundertbiografie. Ein Junge aus bescheidenen Verhältnissen, ein Bub aus einem bayerischen Dorf am Rande der Alpen wird das Oberhaupt der größten und ältesten und geheimnisvollsten Institution der Welt, der katholischen Kirche mit ihren 1,3 Milliarden Mitgliedern! Mehr noch: Ein Deutscher wird Pontifex, und das nur 60 Jahre nach dem grausamen Weltschlachten, das dieses Volk über die Erde gebracht hat. Noch dazu war da jemand, der als Schreckgespenst galt, als Totengräber der Kirche. Ich habe heute noch den Aufschrei seiner Gegner im Ohr, die über diese Wahl verzweifelt waren. Und auch nach seinem Rücktritt bietet man eine Formel des Grauens an: Ratzinger sei die falsche Wahl gewesen, heißt es, seine größte Tat war der Amtsverzicht. Nichts wird bleiben von ihm.

Nichts wird bleiben? Stimmt das? Haben die Kardinäle sich blenden lassen und auf einen bösen Geist gehört, als sie Joseph Ratzinger mit großer Mehrheit in einem der kürzesten Konklave der Geschichte zu ihrem Oberhirten machten? Ich möchte hier eine Gegenthese aufstellen: Ratzinger war das Beste, was der katholischen Kirche nach dem großen Johannes Paul II. passieren konnte. Kein anderer hatte die Erfahrung, die Qualität, die Kapazität, die Autorität, das Geschick, die Noblesse, den Kopf, das Herz und nicht zuletzt den starken Glauben und die notwendige Demut, um das Erbe eines Jahrhundertpapstes wie Karol Wojtyla fortsetzen zu können. Beide waren das Dream-Team, das über den Tod des Polen hinaus in einer Art Doppelpontifikat dafür Sorge trug, dass im Sturm der Zeit das Schiff Kirche auf Kurs blieb. Und ich denke, der Tag ist nicht mehr allzu fern, an dem man vom deutschen Papst nicht nur als einem bedeutenden Gelehrten sprechen wird, einem Vor-Denker, als den vermutlich größten Theologen, der jemals auf dem Stuhl Petri saß, sondern vom Kirchenlehrer der Moderne schlechthin, der nicht nur mit seiner Weisheit überzeugte, sondern durch die Authentizität eines Lebens, mit dem er versuchte, der Welt die Nachfolge Christi zu zeigen.

Was prägte Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als Mensch, als Theologe, als Papst? Da ist zunächst die Herkunft aus einem im Glauben besonders festen katholischen Elternhaus. Für seine Entscheidung zum Priesterberuf, so bekannte Ratzinger, sei auch „die kraftvolle, entschieden religiös ausgerichtete Persönlichkeit unseres Vaters ausschlaggebend“ gewesen. Eines Mannes, der anders dachte, „als man damals denken sollte, und das mit einer souveränen Überlegenheit“. Da ist die Verwurzelung in der liberalen und sinnhaften Religiosität des bayerischen Katholizismus und die Faszination eines Kindes für die Geheimnisse des katholischen Kultes. Da ist die Erfahrung einer antichristlichen, atheistischen Diktatur, die das jüdische Volk ausrotten und anstelle der Kirche ein „deutsches Christentum“ nach Nazi-Vorstellungen setzen will; einer Zeit, in der nicht nur Bekennermut gefragt ist, sondern auch die Notwendigkeit, seine christliche Überzeugung erklären zu können. Es geht dabei auch um die Frage, ob die Wahrheit ein objektives Element der Schöpfung ist, oder ob sie verhandlungsfähig ist, je nach Zeitgeschmack und der Abstimmung durch die Mehrheit der oft so verführbaren Massen.

Und was die Kirche betrifft, so schreibt sich dem Jungen damals eine Grunderfahrung ein, dass nämlich „die bloße institutionelle Garantie nichts nützt, wenn nicht die Menschen da sind, die sie aus innerer Überzeugung heraus tragen“. Da ist nach dem Kriegsende von 1945 die Stunde Null mit all der Hoffnung und einer Stimmung des Aufbruchs. Man spricht vom „katholischen Frühling“, der der jungen Bundesrepublik dann tatsächlich auch ihre Gestalt und Verfassung gibt. Eine neue Gesellschaft, ein Europa mit Zukunft, so der breite gesellschaftliche Konsens nach der tödlichen Erfahrung des Atheismus, könne nur auf der Basis der abendländischen Wurzeln und der christlichen Weltanschauung gebaut werden. Da ist der junge Professor als neuer Stern am Himmel der Theologie. Er will Neues wagen, heraus aus alten Schemen. Als 35-jähriger Konzilsberater gibt Ratzinger dem Zweiten Vatikanum wesentliche Impulse und lässt einen Johannes XXIII. sagen, dass jener junge Deutsche mit seinem Konzept genau das zum Ausdruck gebracht habe, was er beabsichtigt habe, es so aber nicht formulieren konnte.

Da ist dann aber auch der frühe Kritiker einer kirchlichen Entwicklung, die in Teilen in eine Richtung geht, die von den Vätern des Konzils so nicht gewollt war. Und nicht nur er, auch andere maßgebliche progressive Theologen des Konzils, ob ein Ives Congar oder ein Henry de Lubac, kommen zu dieser Überzeugung. Denn Progressivität wurde anders verstanden. Als Erneuerung aus den Wurzeln, und nicht als ein billiger, selbstgebastelter Neubau, den man anstelle des alten setzt – und in dem am Ende nichts mehr zueinanderpasst. Man hat Ratzinger vorgehalten, er habe sich nach dem Umbruch der 60er Jahre und der Studentenrebellion völlig gewandelt. Er habe in Tübingen ein Trauma erlebt und dann die Richtung geändert. Sein Haupt- und Dauergegner Hans Küng wurde nicht müde, bei jedem Interview noch hinzuzufügen, Ratzinger habe Karriere machen wollen. Er habe ein Amt angestrebt und die damit verbundene Macht.

Bis heute lässt sich allerdings kein triftiger Beleg für diese Thesen finden. Weder gibt es das Trauma Ratzingers aus 1968 – wohl die bittere Erfahrung eines Massendrucks, die ihn an das Tabula rasa aus der Nazizeit erinnerte –, noch gab es eine Flucht. Und auch keine Änderung der Linie oder gar den Versuch, möglichst schnell auf der Karriereleiter der Kirche nach oben zu klettern. Wer sich nur ein klein wenig mit der Biografie und vor allem mit der Theologie Ratzingers beschäftigt, sieht, dass es bei ihm eine fast schon unfassbare Kontinuität gibt. Seine Haltung und seine einmal gefundene Theologie können, oft fast wortgleich, zurückverfolgt werden bis hin zu den ersten Probe-Predigten, die er noch als Student hielt. Und dass Ratzinger aus dem Lebensweg als Professor, den er sich erträumt hatte und den er als seine ureigenste Aufgabe ansah, herausgerissen wurde und zum Erzbischof von München und dann zum Präfekten der Glaubenskongregation bestimmt wurde, gehört ganz gewiss nicht zu den persönlichen Sternstunden, sondern zum persönlichen Drama des Joseph Ratzinger. Denn von nun an beginnt die Geschichte eines Dieners, von dem der große Theologe Eugen Biser sagte, dieser habe mehr von seinem Lebensglück geopfert, als die meisten Menschen es sich überhaupt vorstellen könnten.

Es kam der 19. April 2005. Ratzinger sagt, an diesem Tag habe er ein „Fallbeil“ auf sich niedersausen sehen. Dass er als neugewählter Pontifex nur ein sehr kurzes Pontifikat leiten würde, war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche. Er hatte seine Kräfte nicht sehr hoch eingeschätzt. In zwei, drei Jahren, so sein Gedanke, werde ihn der Herr zu sich holen. So gesehen hat er all das zuerst angepackt, was ihm angesichts der gewaltigen Glaubenskrise, dem Niedergang des Christentums, der sich über den gesamten Westen ausbreitete, als das Dringlichste erschien, nämlich die Erneuerung und Festigung dieses Glaubens. Organisatorische Dinge stellte er hinten an. Für leere Gesten oder reine Effekthascherei war er ohnehin nie zu haben. Als der „kleine Papst“, der einem großen folge, stellte er sich in die Tradition der Vorgänger. Und wurde damit zum Scharnier zwischen der Welt von Gestern und der Welt von Morgen, ein echter Brückenbauer also in Zeiten des Umbruchs, wo es vor allem auch darauf ankommt, nicht die Orientierung und den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Benedikt XVI. zeigte sich als der Anti-Populist schlechthin. Nicht um das, was die Mode der Zeit und was die Medien wollen ging es ihm, sondern um das, was Gott will. Vor allem eines wollte Benedikt XVI.: Die Menschen in einer Zeit der Gottesferne, ja, der „Gottesfinsternis“, wie manche schon formulieren, wieder mit Jesus Christus bekannt machen, sie zu Ihm führen, zu seiner Gnade, seiner Barmherzigkeit, aber sie auch an seine Mahnungen erinnern, den Vorgaben der Gebote Gottes, wie sie im Dekalog überliefert sind. Kennzeichnend dafür ist alleine schon seine erste Enzyklika, die wie ein Programm auch den Akzent seines Pontifikates zum Ausdruck bringen wollte: Deus caritas est, Gott ist Liebe. Viele der Reformen, die Papst Franziskus nun weiterführen kann, wurden von Benedikt ins Werk gesetzt. Gleich zu Beginn nahm er die Tiara aus dem päpstlichen Wappen, Zeichen auch für die weltliche Macht des Amtes. Er führte erstmals Bischofssynoden ein, die kollegial auf Dialog angelegt wurden. Er nahm die Reinigung des vatikanischen Finanzwesens in Angriff, ermunterte die Ortskirchen zu mehr Selbstständigkeit, begründete Themenjahre wie das „Priesterjahr“ und das „Jahr des Glaubens“, und berief, auch dies ein Novum, einen Protestanten zum Vorsitzenden des päpstlichen Rates der Wissenschaften. Benedikt arbeitete im Stillen, auch an Dingen, die bei seinem Vorgänger liegengeblieben waren. Er wusch den Gefangenen die Füße und las den Mächtigen die Leviten. Aufsehen erregten seine Anklagen gegen einen Turbokapitalismus, der auf gnadenlose Profitmaximierung setzt. Die Würde des Menschen ist unantastbar, erklärte er, das Leben heilig, und zwar an seinem Beginn genauso wie an seinem Ende.

Er war der „erste grüne Papst“, wie man ihn nannte. Es genügt nicht, fordere er dabei, es bei den üblichen Umweltthemen zu belassen, es gebe auch eine Ökologie des Menschen, die im Einklang mit den Evidenzen des Weltalls, im Einklang mit der Schöpfung stehen müsse. Ein historischer Akt ohnegleichen, dass mit Papst Benedikt erstmals ein katholisches Kirchenoberhaupt die Wirkstätte Luthers besuchte. Im interreligiösen Dialog verteidigte er den Islam gegen jene Kräfte, die die Religion für eigene Zwecke instrumentalisieren. Für die jüdische Welt verkündeten hochrangige Repräsentanten, nie sei die Beziehung zwischen dem Judentum und der katholischen Kirche besser gewesen als unter Benedikt XVI. Joseph Ratzinger habe bereits als Glaubenspräfekt die theologischen Grundlagen gelegt für die Aussöhnung zwischen Altem und Neuem Testament. Und noch eines – Stichwort „Regensburger Rede“: Dieser Papst hat gezeigt, dass Religion und Wissenschaft, Glaube und Vernunft, keine Gegensätze sein dürfen. Dass gerade auch die Vernunft der Garant dafür ist, die Religion vor dem Abgleiten in irre Phantasien und in gewalttätigen Fanatismus zu schützen.

Gewiss, Benedikt XVI. hat nicht alles richtig gemacht. Seine Umsetzung etwa der liturgischen „Reform der Reform“ war zögerlich und ohne den nötigen Schwung. Was besonders unverständlich war bei jemandem, der erklärt hatte, die Frage der Liturgie sei für die Kirche gewissermaßen eine Frage von Leben und Tod. Im Kampf gegen den Relativismus blieben die Waffen eher stumpf. Der Aufruf zur „Entweltlichung“ von Kirche und Glauben, ein Thema, das Ratzinger bereits in den 50er Jahren genau so formuliert hatte wie er es als Papst tat, wurde von den eigenen Leuten überhört oder bewusst missverstanden. Beim Nachfolger Franziskus versteht man den Begriff anscheinend plötzlich – oder man getraut sich nicht mehr, wegzuhören.

Als die ersten Nachrichten über die furchtbaren Missbrauchsskandale anzeigten, dass sich hier eine Lawine entwickelt, mochte man die Reaktionen Benedikts zunächst als zu wenig deutlich und zögerlich beurteilen. Im Nachhinein anerkannten selbst seine Kritiker, dass es dem zupackenden und kompromisslosen Management dieses Papstes zu verdanken war, dass sich eine der größten Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche nicht auch zu einem Fanal des Untergangs entwickeln konnte. Seine Fehler gesteht Benedikt unumwunden ein. Keiner hat sich je so demütig und selbstkritisch über sein Pontifikat geäußert wie er. Bei genauerem Hinsehen zeigen sich dann aber sogenannte „Skandale“ wie Vatileaks eher als laues Lüftchen, denn als schwerwiegendes Versagen. Man sieht dies gerade auch bei seinem Nachfolger, wo Dinge wie Vatileaks 2 in der medialen Beobachtung kaum eine Rolle spielen.

Papst Benedikt XVI. hat das Amt in einer einzigartigen Noblesse ausgeübt und damit über viele Jahre hinweg, bis zur Williamson-Affäre, einen „Benedetto-Effekt“ ausgelöst, den niemand für möglich hielt. Mit den Millionen von Menschen, die seine Plätze füllten. Mit den Enzykliken und Büchern, die Auflagen in astronomischer Höhe erreichten. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündete, vielleicht unbequem oder manchmal nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, aber verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht. Dass alles, was er sagt und tut, der Lehrmeinung der Kirche, der Kontinuität mit den Vätern und den Reformen des 2. Vatikanischen Konzils entspricht. Weil dieser Papst obendrein ein sehr musischer Mensch ist, ein Poet, ein Künstler, waren die Begegnung mit ihm häufig wie eine musikalische Meditation, schön und erfüllend. Wie er es allerdings schaffte, in seinem hohen Alter zusätzlich zu seinem Mega-Amt und angesichts vieler gesundheitlicher Handicaps auch noch eine dreiteilige Christologie schreiben zu können, um damit gewissermaßen den Kreis seines Lebenswerkes abzuschließen, weiß nur der Heilige Geist.

Ist Ratzinger „lediglich“ der große Theologe? Jemand, den die Welt als einen bedeutenden Intellektuellen würdigt, dessen kluge Analysen unverzichtbare Orientierungshilfen gaben? Nein. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Die schönste Zeit seines beruflichen Lebens, sagt Ratzinger, war seine Zeit als Kaplan in München-Bogenhausen, der Pfarrgemeinde des Widerstandskämpfers Alfred Delp. Denn dieser Mensch ist eben auch und zuvorderst ein Priester. Und ein Priester war er auch als Bischof von Rom. Er habe sich, so bekennt er in unserem Interview-Buch „Letzte Gespräche“, in erster Linie als Hirte gesehen. Gemäß dem Auftrag Jesu: „Weide meine Schafe“. Und tatsächlich kommt diese Präferenz bereits in seiner Namenswahl zum Ausdruck: Benedictus, das heißt: der Gesegnete und zugleich der, der auch selber segnet.

Joseph Ratzinger hat dabei nie eine eigene Lehre entwickelt. Seine Theologie ist ganz von der Schrift und von den Vätern geprägt, im Gegensatz etwa zur eher spekulativen Theologie eines Karl Rahner. Den Begriff der Offenbarung Gottes wollte er dabei nicht nur auf die Bibel begrenzt sehen. Für ihn ist sie gleichwohl auch in der Tradition, der Überlieferung, den Inspirationen der Väter und Heiligen, im lebendigen Glauben gegeben. Benedikt, der sich bei seinem Amtsantritt als „einfacher Arbeiter im Weinberg“ des Herrn vorstellte, erwies sich als der „stille Papst“. Zwischen seinem lauten Vorgänger und seinem lauten Nachfolger war er ein Mann der leisen Töne. Er bestach durch seine noble Art, seinen hohen Geist, die Redlichkeit der Analyse und die Tiefe und Schönheit seiner Katechese. Nicht eine kühle Professoren-Religion wollte er anbieten.

Als Bub aus der Provinz hat er nie vergessen, woher er kam, und wie bei seinem großen Meister Augustinus, mit dem ihm nicht nur die Suche nach der Wahrheit verband, ging es ihm als einem Theologen des Volkes um die Einfachheit im Glauben, der den Menschen hilft, Gott und damit auch sich selbst zu erkennen. Er habe stets versucht, so erklärte er, mitzudenken mit den bedeutenden Lehrern des Christentums und dennoch „nicht Halt zu machen in der alten Kirche, sondern die großen Höhepunkte des Denkens festzuhalten“. „Mein Grundimpuls war“, sagt er, „unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen und diesem Kern Kraft und Dynamik zu geben. Dieser Impuls ist die Konstante meines Lebens.“

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„Zahl der Widersprüche ist beschränkt“: Was der FSSPX noch zur Versöhnung mit Rom fehlt

Interview mit Pater Franz Schmidberger,
Regens des Priesterseminars der Piusbruderschaft

Nach der Beichte jüngst auch die Eheschließung: Mittlerweile können katholische Paare in Gottesdiensten der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) gültig heiraten. Stimmen also Spekulationen in den Medien, dass die Piusbruderschaft schon bald in den Rang einer Personalprälatur erhoben wird? Was steht aus Sicht der Piusbrüder noch einer Versöhnung im Weg? Und: Was ist dran an dem Gerücht, dass Papst Franziskus in Fatima eine solche bekanntgeben will? Antworten von Pater Franz Schmidberger, Regens des Priesterseminars „Herz Jesu“ und ehemaliger Distriktoberer der Bruderschaft in Deutschland und Österreich.

PAUL BADDE: Herr Pater Schmidberger, in das Priesterseminar der Erzdiözese von München und Freising ist zuletzt, wie ich gehört habe, ein einziger Priesternachwuchskandidat eingetreten. – Wie sieht die Situation bei Ihnen  im Priesterseminar „Herz Jesu“ von der Priesterbruderschaft Pius X. aus?

SCHMIDBERGER: Unser Seminar zählt im Augenblick 31 Seminaristen, von denen einer ein Pastoraljahr in einem Priorat in den USA verbringt. Die gute Hälfte von ihnen stammt aus dem deutschen Sprachraum, die andere Hälfte vor allem aus den Ländern des Ostens: Polen, Tschechien, Litauen, Russland und Ungarn. Im Herbst 2016 hatten wir 9 Eintritte, darunter vier Deutsche. Deshalb planen wir einen Erweiterungsbau. Natürlich gibt es auch immer den einen oder anderen Abgang, wie man dies bei einem lebendigen Organismus nicht anders erwarten kann. Schließlich geht es ja bei der Erneuerung der Kirche nicht um Quantitäten, sondern um die Heranbildung eines gut geschulten, frommen und seeleneifrigen Klerus. Und in diesem Sinn werden unsere jungen Leute, einmal zum Priester geweiht, unsere Stellungen im deutschen Sprachraum und in den Ländern des Ostens wesentlich stärken und festigen. Die Ausbildung in unserem Seminar könnte auch beispielhaft für andere Seminare sein. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie nur unseren Seminarfilm anzuschauen.

BADDE: Wie erklären Sie diesen Unterschied und was bedeutet er für die Zukunft der Kirche in Deutschland?

SCHMIDBERGER: Die „Konzilskirche“ in Deutschland ist ein auslaufendes Modell. Von geistiger Konkursverwaltung zu sprechen ist nicht übertrieben. Man kann darum jedem jungen Mann, der zum Priestertum berufen ist, sagen: „Lass die Toten die Toten begraben; du aber, verkünde das Evangelium und arbeite für das Leben in den Seelen und für die Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern.“

BADDE: Es ist immer wieder zu hören, dass eine vollständige Aussöhnung der Bruderschaft mit Rom kurz bevor stehe. Es würden nur noch letzte Unterschriften fehlen, sonst sei alles wohl vorbereitet. Was können Sie uns als sicher mitteilen?

SCHMIDBERGER: Was die zukünftige Struktur der Priesterbruderschaft St. Pius X. bei einer Anerkennung von Rom anbetrifft, so ist diese im Wesentlichen tatsächlich ausgearbeitet. Man wird aber noch über eine lehrmäßige Erklärung sprechen müssen, insbesondere bezüglich des II. Vatikanischen Konzils. Das Datum für eine endgültige Regelung liegt selbstverständlich in erster Linie bei der göttlichen  Vorsehung, die alles lenkt und leitet. Es braucht eben viel Geduld, aber auch den festen Willen, mit Energie auf dieses Ziel hinzuarbeiten zum Wohle der ganzen Kirche.

BADDE: Als wir das letzte Mal – im Februar 2012 – miteinander sprachen, ließen Sie durchblicken, dass „die Zeit für Sie arbeite“ , trotz Ihres Zögerns vor Benedikt XVI, der Ihnen bis dahin so weit entgegen gekommen war wie noch kein Papst zuvor. Ein Jahr nach unserem Gespräch trat Benedikt als Papst zurück, den Sie mit Ihrem Erzbischof Williamson in die bis dahin schwerste Krise seines Pontifikats gestürzt hatten.  Wie haben Sie damals auf die Nachricht des Rücktritts reagiert und was hat er in der Priesterbruderschaft bewirkt?

SCHMIDBERGER: Wir alle haben unter den inakzeptablen Äußerungen von Bischof Williamson gelitten. Natürlich sahen wir sehr wohl, wie die Feinde der Kirche diese benützt haben, um auf den Papst einzuschlagen, wie er dies ja auch selber in seinem Brief an die Bischöfe gesagt hat. Wir haben seinen Rücktritt bedauert, umso mehr, als er mit Summorum Pontificum der Kirche einen großen Dienst erwiesen und dann auch mit der Rücknahme des Exkommunikationsdekrets 2009 einen weiteren Schritt auf eine Normalisierung hin getan hat.

BADDE: Dennoch scheint die Zeit Ihrer Einschätzung von damals Recht zu geben – zumindest was die Annäherung der Bruderschaft mit Rom betrifft und umgekehrt. Was hat Papst Franziskus, das Papst Benedikt nicht hatte?

SCHMIDBERGER: Nicht die Zeit gibt uns Recht, sondern die Gnade Gottes in ihrem Wirken in der Zeit, die jene nicht verlässt, welche glauben, lehren und beten, wie die Kirche immer geglaubt, gelehrt und gebetet hat. Lesen Sie das demnächst erscheinende Buch von Prälat Georg May mit dem Titel „300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie“; dann werden Sie die richtige Einschätzung bezüglich der heutigen Lage gewinnen.

Papst Franziskus hat zu unserer eigenen Überraschung uns gegenüber ein ausgesprochenes Wohlwollen. Andererseits hat er mit seiner Geringschätzung der Lehre in der Kirche viel Verwirrung gestiftet, aber wiederum auch der Konzilsideologie ein Ende bereitet. Und genau hier liegt die Möglichkeit zu einer Verständigung. Da der Papst an die Ränder geht, ist es logisch, wenn er jene nicht vergisst, die als treue Söhne der Kirche jahrelang marginalisiert worden sind.

BADDE: Gleichwohl tragen die wichtigsten Dokumente der Annäherung heute die Unterschrift Kardinal Müllers, der als Erzbischof von Regensburg Ihr schärfster Opponent in Deutschland war. In allem Streit scheint er die Konstante Ihrer Debatten geblieben zu sein. Wie deuten Sie dieses Paradox?

SCHMIDBERGER: Es ist vor allem der Papst und auch der Sekretär der Kommission Ecclesia Dei, Erzbischof Pozzo, die in einer echten Hirtensorge sich unsrer annehmen und einen jetzt schon 40 Jahre lange dauernden Konflikt beenden wollen. Wenn Kardinal Müller dieses Bemühen mitträgt, dann können wir uns darüber nur freuen. Vielleicht sind dem Kardinal auch in Rom die Augen für die Katastrophe in der Kirche aufgegangen und sucht er nach Verbündeten im Kampf gegen die Zerstörer.

BADDE: Vor sechs Jahren zitierten Sie vor mir  die Ansprache von Papst Benedikt an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011, wo er sagte: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ Und Sie kritisierten, dass durch das Konzil eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen habe, sondern umgekehrt sei  der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. Scheint der Prozess eines derart verstandenen  „aggiornamento“ aber nicht gerade unter Papst Franziskus an sein Ziel zu kommen, der Ihnen nun die Türen in Rom weiter öffnet als jeder seiner Vorgänger? Erklären Sie uns bitte diesen Widerspruch.

SCHMIDBERGER: Wiederholen wir: Die Verwirrung in der Kirche ist groß, vielleicht größer als je zuvor in ihrer ganzen Geschichte. Wir erleben einen wahren Zusammenbruch in der Theologie, der Moral, der Disziplin, der Liturgie und der Spiritualität. Man darf  ohne Übertreibung vom großen Glaubensabfall sprechen. Schlechte Ratgeber bieten dabei verderbliche Falschlösungen an, wie z.B. die Weihe von viri probati oder auch das Frauendiakonat. Gewiss darf man das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche nicht übersehen, der sich menschlicher Werkzeuge bedient und vielleicht unsere Bruderschaft als die größte geschlossene religiöse Gruppe benützen will, die eben aus einem Guss heraus auf diesen Zusammenbruch antworten will und in einem bescheidenen Rahmen antworten kann. Jedenfalls haben wir ein Gesamtkonzept für eine wahre Neuevangelisierung.

BADDE: Ohne vorbehaltlose Anerkennung der Konzilsdekrete wird die Bruderschaft des heiligen Pius X in der „una sancta catholica ecclesia“ keine Heimat finden, erst recht nicht, nachdem inzwischen auch die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. heilig und selig gesprochen worden sind, woran die Bruderschaft mit vernünftigen Argumenten des Glaubens nicht mehr rütteln kann.  Bisher – so hatte es den Anschein – forderten Sie  immer die Umkehr Roms. Ist inzwischen aber nicht auch die Bruderschaft umgekehrt und was können Sie uns dazu sagen?

Erzbischof Lefebvre hat im Konzil immer drei Teile unterschieden: Einen Löwenanteil, der mit der bisherigen Lehre der Kirche vollkommen übereinstimmt, einen zweiten Teil an Zweideutigkeiten, die dringend eines klärenden Wortes bedürfen, und schließlich eine verhältnismäßig beschränkte Zahl von Widersprüchen, die so nicht stehenbleiben dürfen, wie z.B. gewisse Aussagen im Dekret über den Ökumenismus oder in der Erklärung über die Religionsfreiheit. Natürlich ergibt sich hier ein Fragezeichen bezüglich der Kanonisation der zwei Konzilspäpste und auch Johannes Paul II. mit dem Skandal der Assisi-Treffen und daraus folgend der Diktatur des Relativismus. In diese Frage Licht zu bringen wird dann unter anderem die theologische Arbeit sein, die nach einer kirchenrechtlichen Anerkennung der Bruderschaft auf uns alle wartet.

BADDE: Nun verdichten sich die Gerüchte, dass Papst Franziskus die Priesterbruderschaft anlässlich seiner Reise nach Fatima wieder ganz in den Schoß der Mutter Kirche heimholen und die praktische Trennung beenden will. Was halten Sie von diesen Gerüchten?

SCHMIDBERGER: Wahrscheinlich ist hier eher der Wunsch der Vater des Gedankens oder des Gerüchtes.

BADDE: Fürchten Sie in dem Fall aber nicht eine enorme Zerreißprobe und mögliche Spaltung der Bruderschaft, weil ein nicht geringer Teil von Ihnen diesen Schritt womöglich nicht mehr mitmachen will – nach all den Jahren ihrer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rom?

SCHMIDBERGER: Bei einer Regularisierung unserer Beziehung zu Rom würde uns vielleicht der eine oder andere Mitbruder verlassen; viele werden es aber bestimmt nicht sein. Bei der Bischofskonsekration 1988 waren es 17. Jedenfalls sehe ich nicht die Gefahr einer Spaltung.

ZAITZKOFEN , 17 April, 2017 / 9:29 AM (CNA Deutsch).-

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Quelle

Ein Kirchenlehrer der Moderne

Der Autor des Papst-Buches „Licht der Welt“, Peter Seewald, am 15. November 2010 in seiner Wohnung in München.

Peter Seewald führt seit 25 Jahren immer wieder lange Gespräche mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. Der Publizist findet, dass der emeritierte Papst in seiner Heimat noch nicht genug gewürdigt wird. Im Interview spricht Seewald über die zwei Bilder, die es von dem bald 90-Jährigen gibt.

Benedikt XVI. | Bonn – 12.04.2017

Frage: Herr Seewald, haben Sie Benedikt XVI. seit dem Erscheinen Ihres letzten gemeinsamen Interviewbuchs im September 2016 getroffen?

Seewald: Ja, ich habe ihn im Dezember besucht und werde nochmal im Mai hinfahren, wenn der Trubel um seinen 90. Geburtstag vorbei ist. Diese Treffen dauern rund eine Stunde und ich habe immer Fragen im Gepäck, denn die Menschen wissen immer noch viel zu wenig über Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. So kommt es eigentlich nie zu einem klassischen Plausch. Jede Begegnung ist auch immer ein Arbeitstreffen. Wir sind ja keine Freunde geworden. Für meine journalistische Arbeit ist die kritische Distanz unerlässlich; Hofberichterstattung hat keinen Wert.

Frage: Wie geht es dem emeritierten Papst? Was treibt ihn rum?

Seewald: Er antwortet auf die Frage immer mit einem „wie es einem alten Mann halt so geht“. Man sieht natürlich, dass er gebrechlicher geworden ist. Er ist bei Begegnungen geistig ganz da, spricht aber inzwischen etwas langsamer und hat natürlich nicht mehr ganz das Elefantengedächtnis, das ihm früher zur Verfügung stand. Wenn man ihn trifft, spürt man die Aura seines unvergleichlichen Lebenswegs und seiner Demut und Milde.

Frage: Sie haben für insgesamt vier Bücher lange Interviews mit Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. geführt – in einem Zeitrahmen von 20 Jahren. Was hat sich an der Person in der Zeit geändert?

Seewald: Unsere erste Begegnung für ein Porträt fand 1992 statt. Also darf ich ihn sogar schon ein Vierteljahrhundert journalistisch begleiten. In so einer langen Zeit konnte ich viele kritische Dinge nachprüfen, etwa das Bild des „Panzerkardinals“: Keiner, der ihn kennt, würde dieses Bild bestätigen.

An seiner Person hat sich immer nur das Alter geändert – und die neuen Aufgabenstellungen etwa als Erzbischof, Kardinal in der Glaubenskongregation und als Papst. Ratzingers Leben ist von einer unglaublichen Konstanz geprägt. Die ersten Predigten, die er als Student schrieb, beinhalten schon das, was er in den folgenden Jahrzehnten auch verkündet hat. Ich habe keine großen Brüche festgestellt und halte die Theorie von zwei Ratzingers, einem früheren modernen, der später konservativ und reaktionär wurde, für eine Legende. Außer Hans Küng würde wohl niemand unterstreichen, dass es einen theologischen Bruch gab. Es gibt allerdings einen Ratzinger, wie ihn die Medien zeichnen und einen anderen, der er wirklich ist. Die Papstwahl und das Amt konnten das der Welt eindrucksvoll vor Augen führen.

Frage: Was hat er der Welt mitgegeben?

Seewald: Im Gegensatz zu fast allen anderen Päpsten, gibt es bei Ratzinger eine Bedeutung, die er nicht nur aus seiner Amtszeit bezieht. Sein Werk war bereits vor dem Pontifikat wegweisend. Zu seinem Vermächtnis gehört, dass er die Menschen in einer Zeit der Gottferne wieder zur Barmherzigkeit Jesu Christi führen wollte – ohne dabei die biblischen Mahnungen und Gebote zu unterschlagen. Benedikt hat das Pontifikat in dem Bewusstsein angepackt, dass ihm nur wenige Jahre bleiben und dass er beim Dringendsten anfangen muss. Angesichts des Niedergangs des Christentums in der westlichen Welt war ihm die Erneuerung und Festigung des Glaubens am wichtigsten. Er sagt, sein Grundimpuls sei, unter den Verkrustungen den eigentlichen Glaubenskern freizulegen. Organisatorische Dinge hat er hintenan gestellt und für leere Gesten und Effekthascherei war Ratzinger ohnehin nie zu haben.

Frage: Was ist für Sie das größte Vermächtnis von Benedikt XVI.?

Seewald: Sein Vermächtnis ist die Erneuerung des Glaubens, dass er uns den ganzen Jesus gezeigt hat – den historischen und den Jesus des Glaubens. Ratzinger ist ein bedeutender Intellektueller, ein großer Vordenker unserer Zeit und ich kann mir vorstellen, dass er in Zukunft als der „Kirchenlehrer der Moderne“ bezeichnet werden wird. Er überzeugt nicht nur mit seiner Weisheit, sondern auch mit seiner Authentizität und dem persönlichen Beispiel seines Lebens. Und in der heutigen Zeit muss man betonen, dass Ratzinger der Antipopulist schlechthin ist. Ihm ging es nie darum, was gerade die Mode oder die Medien wollten, sondern darum, was Gott will. Wo es heute nur um Show und Emotion geht und Fakten nichts zählen, haben wir in Ratzinger einen Mann, der sich zuallererst der Wahrheit und der Botschaft des Evangeliums verpflichtet sah.

Frage: In den letzten Jahren sind unter den Titeln Ihrer Interview-Bände „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ eher die historischen Romane von Daniel Wolf bekannt. Wurmt Sie das?

Seewald: Nein, es kann ja jeder schreiben, was er will. Die Nachfrage nach diesen Büchern zeigt, dass es ein ungebrochenes Interesse an der katholischen Kirche gibt, die immer auch geheimnisvoll ist. So etwas stößt mir nur auf, wenn historische Romane durch eine ideologische Brille geprägt sind und Fakten manipuliert werden. Außerdem muss man über Deutschland hinaus schauen: Meine vier Interviewbücher mit Ratzinger/Benedikt sind in über 30 Sprachen übersetzt worden, haben weltweit Millionenauflagen. Man muss sich von der Vorstellung trennen, als würde sich niemand für ihn interessieren oder als hätte er keine Anhänger. Die „Letzten Gespräche“ mit ihm landeten sofort auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Liste. Da kann ich nicht meckern.

Kurienerzbischof Georg Gänswein und Autor Peter Seewald haben das neue Interviewbuch „Letzte Gespräche“ mit Benedikt XVI. vorgestellt. Katholisch.de war live dabei. Eine Dokumentation.

 katholisch.de

Frage: An dem von Ihnen erwähnten Interviewband „Letzte Gespräche“, das im September 2016 erschienen ist, gab es auch Kritik: An Benedikt und daran, ob das Buch nicht Geschichtsschreibung betreiben wolle. Was entgegnen Sie darauf?

Seewald: Das muss man differenziert sehen. Zuerst sollte man – gerade in Deutschland – zuhören, was der emeritierte Papst uns zu sagen hat. Zum anderen kann ich nachvollziehen, dass es Bedenken gab, warum er nochmal in die Öffentlichkeit tritt, aber das habe ich im Vorwort des Buches erklärt: Die Interviews waren zunächst nicht für ein eigenständiges Buch gedacht, sondern als Information für die Arbeit an einer Biografie. Ich konnte Benedikt aber überzeugen, den Text zu veröffentlichen, weil die Spekulationen und Verschwörungstheorien über seinen Rücktritt noch immer gewaltig waren. Ich fand es wichtig, dass ein solch historischer Schritt noch einmal erklärt wird, und zwar von der Person, die ihn vollzogen hat.

Ich finde auch, dass die Kritik von einigen genutzt wurde, um den deutschen Papst noch einmal einen vor den Karren zu fahren. Da wurde sogar behauptet, der emeritierte Papst würde selbstgefällig sein. Dabei ist das ganze Buch ein Ausdruck seiner Demut und Selbstkritik. Noch nie hat ein Papst sich so selbstkritisch über seine Arbeit geäußert. Es ist ein wichtiges Buch und eine große Chance, auf eine Jahrhundertbiografie des ersten deutschen Papstes seit 500 Jahren zurückzublicken.

Frage: Beim Stichwort Demut fragen Theologen immer wieder an, warum ein emeritierter Papst weiterhin mit „Heiliger Vater“ angeredet werden soll und weiße Papstgewänder trägt

Seewald: Also, wenn man nichts Besseres zu tun hat… Das ist eine typisch deutsche Meckerei und Besserwisserei. Ich verstehe nicht, warum man sich nicht mit den Inhalten auseinandersetzt und ob er nicht vielleicht mit einigen Aussagen Recht hat. Wer dem emeritierten Papst vorschreiben möchte, wie er sich nennen lassen und anziehen soll, sollte sich Gedenken machen, ob ein Joseph Ratzinger nicht vielleicht über das Wesen des Papsttums besser Bescheid weiß, als man selbst und niemand anderer besser geeignet wäre, hier die richtigen Maßstäbe zu setzen. Es ist ja ein Novum und es gibt kein Beispiel, wie ein emeritierter Papst weiterzuleben hat.

Frage: Was wünschen Sie Benedikt zum 90. Geburtstag?

Seewald:  Der emeritierte Papst ist kein Rentner, der jetzt Rosen züchtet, sondern ist weiter für die Kirche da und trägt ihre Sorgen durch das Gebet mit. Mit seiner umfangreichen Korrespondenz und den vielen Besuchen hat er für einen 90-Jährigen leider ein noch straffes Programm. Ich wünsche ihm noch ganz, ganz viele sonnige Tage bei guter Gesundheit und dann eine gute Sterbestunde. Vor allem wünsche ich ihm viele Nachahmer, die sich von seinem Werk, seiner Botschaft, seiner Gottes- und Menschenliebe, seiner Poesie, und von seinem authentischen Leben in der Nachfolge Christi inspirieren lassen und auf diese Weise ihren ganz eigenen Weg zu Gott finden. Ich schließe mich da Papst Franziskus an, der sagte, Benedikt XVI. sei ein großer Papst gewesen, dessen Geist von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten wird. Hoffen wir, dass seine Arbeit auch in seiner Heimat so gewürdigt und wertgeschätzt wird, wie sie es verdient. Bei ihm wusste jeder, dass das, was er verkündet – auch wenn es unbequem oder nicht zeitgemäß erscheinen mag –, immer verlässlich der Lehre des Evangeliums entspricht und in Kontinuität zur Lehre der Kirchenväter und der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils steht. Diese Verlässlichkeit ist in einer Zeit des Umbruchs und der Orientierungslosigkeit von unschätzbarem Wert.

Von Agathe Lukassek

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Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel XI

Die öffentliche Meinung

 

Presse läuft Sturm

Wigratzbad spricht eine Sprache, die diese Welt nicht ver­steht, eigentlich nie verstanden hat. Der Bau des Gotteshau­ses war in vollem Gange, da lief die öffentliche Meinung – so pflegt man zu sagen, auch wenn sie gesteuert ist – Sturm gegen das Vorhaben. Wo demontiert werden kann, da wird nicht viel recherchiert, nicht viel geforscht, nicht gründlich hinter­fragt, da spielt der Wahrheitsgehalt eine untergeordnete Rolle. Was sich in vierzig Jahren an Misstrauen, Ablehnung, Spott, ja Zynismus ausleben durfte, das wurde wieder ausgegraben. Antonie Rädler wurde dämonisiert, wie in den dunkelsten Jahren des sog. Dritten Reiches.

In den Überschriften einiger Presseorgane spiegelte sich dieser Geist wieder. Und erschütternd ist, dass einige katho­lische Blätter eifrig mitzogen. In der „Allgäuer Zeitung“ vom 17. Februar 1973 wurde es mit unschuldiger Miene in die Frage gekleidet: „Wallfahrt oder Geschäft?“ Die geistige Di­mension, die dahinter stand, blieb den Schreibenden in den Redaktionsstuben verborgen. Andere glaubten, in dem Bau und in der Gebetsstätte überhaupt einen Spaltpilz innerhalb der Kirche des Bistums zu entdecken. So der „Südkurier“ am 6. Februar 1973. Dabei wurden dem Dekan von Lindau Aus­sagen in den Mund gelegt, die nicht zutrafen: „In Wigratz­bad sei alles reichlich obskur.“

Ähnlich lauteten andere Schlagwörter, z.B.: „Die wunder­samen Wunder von Wigratzbad“ oder „Ein Allgäuer Dorf wird wider Willen der Kirche Wallfahrtsort“. In der „Ost­schweiz“ aus St. Gallen hieß es am 14. August 1974: „Der Glaube allein macht selig. Ein Wunder für eine Mark zwan­zig“. Die „Stuttgarter Zeitung“ zitierte im Jahre 1974 in ihrer Nr. 88 eine angebliche Aussage aus dem Bischöflichen Ordi­nariat: „Pseudo- und Aftermystik“. Herabsetzender hätte man es nicht ausdrücken können.

In den katholischen Blättern der benachbarten Diözesen blieb man auf der gleichen Linie. Im „Passauer Bistumsblatt“ wurden die Gläubigen weniger ermutigt als entmutigt, diese Stätte zu besuchen. Darin hieß es: „Eine sehr problematische Kirche entsteht im Allgäu.“ Noch zwei Jahre nach der Fertig­stellung und feierlichen Einweihung der Kirche ließ man es am 4. Juni 1978 in der Jubiläumsnummer des „Katholischen Sonntagsblattes“ in einer Leserzuschrift sagen, die zeigte, wie sehr manchen Christen in den letzten Jahrzehnten der Geist des Kreuzes und seine Botschaft fremd geworden sind: „Das ist genau der Weg“, war zu lesen, „der zu den pharisäischen Sühnenächten in Wigratzbad und anderswo führt, wo man die Sünde anderer sühnen will.“

Vergessen sind die Worte Jesu bei Matthäus: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24-25). Jesus hat das Kreuz auf sich genommen, um für die Sünden der Welt zu sühnen. Daran wird der Gläubige in jeder hl. Messe bei den Wand­lungsworten erinnert: „Das ist mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Bereit zu sein, sogar für die Vergehen des Feindes zu sühnen, macht das Christentum zu einer unvergleichbaren Religion. Das ist christliches Glaubensgut seit 2000 Jahren. Wer dem Herrn nachfolgen will, soll sein Kreuz auf sich nehmen, in dem glei­chen Geist. Christentum bedeutet Verantwortung für den an­dern. Einer auf Selbstverwirklichung und auf Egoismus aus­gerichteten Kultur muss das befremdend erscheinen.

Vier Wochen vor der Einweihung entschloss sich Bischof Josef Stimpfle in seinem Amtsblatt zu einem klärenden Wort. Nach einer kurzen Vorgeschichte erläuterte er die Grundsätze, an denen sich die Seelsorge in Wigratzbad orientiert und in Zukunft ausgerichtet sein wird. Die kirchlichen Verhält­nisse seien geordnet.

Keine Minimalisten

Davon unbeeindruckt wandte sich die Tageszeitung „Der Westallgäuer“ wenige Tage vor der Konsekration an Antonie Rädler und Pater Johannes, um ihnen ein paar kritische Fra­gen zu stellen. Es erweckte den Eindruck, als wollte sie noch in letzter Minute verhindern, was nicht mehr zu verhindern war. Sie begründete ihre Initiative — wie es im Vorspann hieß — mit dem Hinweis darauf, dass die Gebetsstätte Wigratzbad in der Region umstritten sei. Weite Teile der Bevölkerung würden ihr mit Ablehnung oder mit Skepsis begegnen. Die Geistlichkeit verhalte sich reserviert. Antonie und Pater Jo­hannes bezeichnete das Blatt als Hauptverantwortliche.

Eine Zeitung kann unter dem Vorwand, zu informieren, eine Atmosphäre auch anheizen. Die Art der Fragen jeden­falls war nicht zimperlich. Schon in der ersten forschte man nach den Gründen dafür, warum sie den Wallfahrtsbetrieb „aufgezogen“ und ausgebaut habe. In der zweiten beruft man sich darauf, dass Kritiker bei der „Urheberin“ von „Geschäfts­tüchtigkeit“ sprechen. Ob der Besucherstrom ihr persönliche Vorteile gebracht habe, wurde unverblümt gefragt.

Antonie beantwortete die Fragen souverän. Aus Dankbar­keit für die Errettung vom sicheren Tod habe sie eine Marien­grotte auf elterlichem Besitz errichtet, vor der sie in freien Stunden betete. Nachbarn kamen dazu, Menschen von aus­wärts, die Sorgen auf dem Herzen hatten. Eine zarte Anspie­lung auf den Psychoterror, dem sie unter dem Naziregime ausgesetzt war. Persönliche Vorteile habe ihr der Pilgerstrom nicht eingebracht, eher das Gegenteil: Sorgen, Mühen und Ar­beiten bei Tag und Nacht, Sonntag und Werktag. In vierzig Jahren habe sie einmal für drei Tage Urlaub genommen.

Viele Christen vermissten in Wigratzbad die „Kirche von heute“. Ob man sich als konservative Randgruppe verstehe, die im Kampf mit der offiziellen Kirche stehe, ob man die vor­konziliare Kirche kultiviere, lautete die nächste Frage, und sie war an den Pater gerichtet. In Wigratzbad werde jener Spiel­raum genutzt, den die Kirche bei der Feier der Liturgie gelas­sen habe. Bestimmte Reformen seien ein Privileg, aber kein Muss, etwa die Handkommunion, um ein Beispiel zu nennen.

Schließlich kam die Rede auf den angeblich übertriebenen Marienkult in Wigratzbad, den Außenstehende festgestellt haben wollten, und dieser sei nicht im Sinne der Kirche. In Deutschland keine ungewöhnliche Frage, das seit langem ein gespaltenes Verhältnis zur Madonna hat, im Gegensatz zu ei­nigen anderen Ländern Europas, etwa Polen, Italien, Spanien und sogar Russland. Lächelnd konnte der Geistliche, ein in Theorie und Praxis erfahrener Theologe, diese Unterstellung zurückweisen. Ein solcher Widerspruch erkläre sich, wenn man in der neuesten Mariologie nicht zu Hause ist. Dann fügte er hinzu: Natürlich bin ich bei der Marienverehrung kein Minimalist, sondern gehöre eher zu den Maximalisten, aber gerade die haben im Laufe der Geschichte stets den Sieg da­vongetragen.

Am Ende wollte der Journalist eine Erklärung dafür, wa­rum die meisten Pilger nicht aus der näheren Umgebung, son­dern eher von außerhalb des Westallgäus herkämen. Der Seel­sorger empfahl, sich einmal die Fahrzeugschilder anzuschau­en, dann werde man feststellen, dass die Mehrzahl aus dem Allgäu und der Bodenseegegend komme. Übrigens blieben jahrzehntelange Verleumdungen eben nicht ohne Auswirkun­gen, besonders in der nächsten Umgebung. Aber die Tatsache, dass der Bischof des Bistums die Kirche selber konsekriere, sei ein Beweis dafür, wie gegenstandslos die vielen Vorwür­fe gewesen seien. Mit seiner Autorität decke er Wigratzbad und stehe für die Gebetsstätte ein.

Wenn Redakteure an katholischen Zeitschriften sich heute schwer tun, irreführende Behauptungen im Bereich des Glau­bens zurückzuweisen oder ihnen nicht nachzulaufen, wie es z.B. bei der Bibelkritik der Fall ist, wo man auf haarsträuben­de Berichte und Darstellungen stoßen kann, dann ist von Redakteuren der säkularen Presse nicht zu erwarten, dass sie für marianische Mystik ein offenes Ohr haben. Sie sind in diesem Bereich einfach überfordert. In der Auseinanderset­zung um ein christliches Weltbild wird Maria außerdem für Atheisten und Cafeteria-Christen immer ein Stein des An­stoßes bleiben.

 

Kapitel XII

Das Zelt

Welt braucht Beter

Was 1938 niemand erträumen konnte, niemand für mög­lich gehalten hätte, es war nach vierzig Jahren wahr geworden. Am 7. Mai 1976 wurde der Stiftungsbrief unterzeichnet, Vo­raussetzung für ein Gebäude, das für den öffentlichen Kult bestimmt ist. Drei Wochen später, am 30. Mai 1976 weihte der Oberhirte von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, eine aussage­starke Pilgerkirche in Wigratzbad ein. Es war der Sonntag vor Pfingsten und es waren nicht ein paar hundert Gläubige da­bei, wie einst bei der Einweihung der Grotte, es war ein Mas­senansturm aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz. Die Zeltkirche konnte maximal zwei- bis dreitausend Men­schen fassen. Gekommen waren 8000. Die Feierlichkeiten mussten über eine Lautsprecheranlage nach außen übertra­gen werden.

Pater Johannes Schmid, der seit einigen Jahren die Pilger betreute, begrüßte den Bischof im Namen der Gebetsstätte „Maria vom Sieg“. Die Bedeutung der bischöflichen Entschei­dung für Wigratzbad kurz nach seiner Ernennung fasste er in einem Satz zusammen: „Dieses Ereignis ist ein überzeu­gender Beweis, dass Wigratzbad keine Sekte ist, nicht im Wi­derspruch steht zur offiziellen Kirche.“ Vor ihren geistigen Augen dürfte Antonie die monumentale Sühnekirche auf dem Montmartre in Paris gehabt haben, die sie vor dem Zwei­ten Weltkrieg besuchen durfte. Nun gab es eine solche in Deutschland.

Nach dem feierlichen Amt am Vorabend nahm der Ober­hirte an den Sühnegebetsstunden teil, betete selbst vor. Sie dauerten bis zur Frühmesse um 7 Uhr. So setzt man große Beispiele. Am Sonntag um 9 Uhr begann dann die feierliche Konsekration. In einer Prozession wurden die Reliquien vom Seitenaltar abgeholt und in den Hauptaltar versenkt. Seit ih­ren Anfängen feierte die Kirche das heilige Opfer über den Gräbern der Märtyrer.

Die Auswahl spricht für sich. Es waren Reliquien der Mär­tyrin Christina, die gegen Ende des 3. Jahrhunderts, also in der Zeit der Urkirche, von ihrem eigenen Vater um des Glau­bens willen einem grausamen Tod ausgeliefert wurde. Die an­deren waren von Karl Lwanga, dem Anführer der Märtyrer von Uganda, die am 3. Juli 1886 für ihren Glauben hinge­richtet wurden, also Zeugen aus der Neuzeit. Ein Bogen der Entscheidung für Gott spannt sich von den Anfängen bis in die beginnende Moderne.

Lwanga war Vorsteher von 500 Pagen des Königs, unter ihnen bereits einige Christen, die er besonders vor sexuellen Übergriffen des Königs schützte. Aber andere gewannen Ein­fluss auf den jungen Monarchen. Das besiegelte ihr Schicksal. Am Abend des 25. Mai 1886 zwang der König alle, Farbe zu bekennen. Lwanga und 21 andere bekannten sich zum Chris­tentum. Sie wurden zum Tode verurteilt und mussten zu Fuß 60 Kilometer zum Richtplatz zurücklegen, dann wurden sie auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen. Ein Verwand­ter einer dieser Märtyrer wurde der erste farbige Bischof von Afrika. Bei der Heiligsprechung der Märtyrer feierte er gera­de sein silbernes Bischofsjubiläum.

Die Weihepredigt von Bischof Stimpfle war von besonderer Tiefe und Aktualität: „Christi Sühne aus Liebe zur sündigen Welt ist die Mitte des Heilswerkes“, sagte er. „Die Heiligung, das unsagbar hohe Geschenk der Sühne Christi, soll durch die geheiligten Beter der im Argen liegenden Welt erfleht werden. Die Welt braucht Menschen, die die Nacht durchbe­ten, um die Sünder mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu vermitteln.

In einer Zeit, die Gott vergisst, ist in Wigratzbad eine Stät­te des Gebetes erblüht. Inmitten einer Kirche, die viel über ihre Erneuerung diskutiert, wird in Wigratzbad die Antwort liebender Hingabe in der Herzensgesinnung Jesu und Mari­ens geübt. Im Kampf gegen den Fürsten dieser Welt, der die Geister verwirrt und viele Menschen ins Verderben stürzt, wird im Geiste des gekreuzigten Erlösers Sühne geleistet, um Menschen zu retten. Wer möchte in Abrede stellen, dass die Welt Beter braucht, Beter, die Nächte durchbeten, um Sün­der mit Gott auszusöhnen und ihnen den Frieden Christi zu bringen; Beter, die Sühne leisten für das, was in unserer Gesellschaft und unserem Volk geschieht, wenn Grundwerte des Lebens, die Fundamente des Glaubens und der Kirche aus­gehöhlt werden und der Zeitgeist des Materialismus und Sä­kularismus zu einem Leben verführt, das nur an sich denkt und die Erfüllung und den Sinn des Daseins im Genuss der irdischen Güter sucht.“

Beim anschließenden Festessen fasste er in seiner kurzen Abschiedsrede noch einmal seine Meinung über das Lebens­werk von Antonie Rädler zusammen: „Dass jemand durch vierzig Jahre jede Woche mindestens eine Nacht durchgebe­tet, vierzig Jahre dies durchgehalten hat, so etwas habe ich noch nirgendwo gelesen oder gehört. Da ist ein Quell aufge­brochen, eine Quelle, die von Gott ausgeht. Das ist die heu­tige Festfreude. Deswegen freuen wir uns mit Antonie Räd­ler, dass der liebe Gott alles so wunderbar geführt hat. Ich hänge mich mit der ganzen Diözese bei Ihnen an.“

Damit hat eine leidvolle Entwicklung über vier Jahrzehnte einen krönenden Abschluss gefunden. Er zeigt, dass Maria unter „siegen“ etwas anderes versteht als der Mensch in sei­ner blutgetränkten Geschichte. Es ist ein Sieg des Sühnege­dankens, zu dem Maria unter dem Kreuze ihr Ja gegeben hat.

An dieses Ja möchte sie den Menschen über die Geschichte von Wigratzbad erinnern.

Nicht allein gelassen

Wer von Gott zu einer außergewöhnlichen Aufgabe beru­fen wird, den lässt er nicht allein. Man sieht es am Beispiel großer Ordensstifter oder jener, die Erneuerungsbewegungen ins Leben gerufen haben. Antonie Rädler sollte es auch er­fahren. 1949 trat eine 36-jährige Frau, das neunte von elf Kin­dern einer christlichen Familie, an ihre Seite – es war There­sia Moser, Schwester des praktischen Arztes Dr. Konrad Moser aus Bechtersweiler. Über zehn Jahre als Verkäuferin in einem großen Kaufhaus tätig, musste sie ihre Stelle aus gesundheit­lichen Gründen aufgeben. Ein halbes Jahr half sie in der Pra­xis ihres Bruders aus.

Von ihrer Schwester eines Tages dazu eingeladen, an einer Sühnenacht in Wigratzbad teilzunehmen, sträubte sie sich zunächst, gab dann schließlich nach. In den ersten Stunden konnte sie ihre innere Abneigung nicht überwinden. Aber ge­gen 23 Uhr fiel alle Müdigkeit von ihr ab, die Atmosphäre des Gebetes drang in ihre Seele. Sie hielt bis zum frühen Morgen durch. „Ich komme wieder“, sagte sie zum Abschied.

Im September sprach Antonie sie an, ob sie nicht für im­mer zu ihr kommen möchte. Sie wollte es sich noch überle­gen. Zu ihrer Schwester meinte Antonie jedoch: „Die kommt zu mir. Die Gottesmutter hat sie mir gezeigt und mir gesagt, dass sie zu mir kommt.“

Nach einem Gespräch in Wigratzbad wurde Theresia auf ihrem Fahrrad von zwei Männern über eine längere Strecke verfolgt. Es gelang ihr nicht, sie abzuschütteln. In ihrer Angst zog sie den Rosenkranz aus der Tasche, wickelte ihn um ihre Hand und ließ ihn herunterhängen. Als die beiden ihn be­merkten, verschwanden sie. Auf der Weiterfahrt sah sie plötz­lich einen dicken Baumstamm auf der Straße liegen. Sie stieg ab und wollte ihn wegräumen, aber er war zu schwer. So hob sie das Rad über den Stamm hinweg und wollte zum nächs­ten Haus fahren, um Hilfe zu suchen. Da sah sie mit Entset­zen ein Auto ankommen. Der Baum hätte zum Verhängnis für den Fahrer werden können. Zu ihrem maßlosen Erstau­nen fuhr der Wagen jedoch ohne anzuhalten vorbei. Das Hin­dernis war verschwunden. Ein heiligmäßiger Priester erklär­te ihr später, das alles sei ein Versuch der Hölle gewesen, sie davon abzuhalten, nach Wigratzbad zu gehen.

Daheim fand sie vier Angebote vor. Es waren günstige Ar­beitsplätze. Außerdem hielt jemand um ihre Hand an. In die­ser Situation bat sie die Gottesmutter um Entscheidungshilfe. Am darauf folgenden Donnerstag fuhr sie zur Sühnenacht nach Wigratzbad. In der Esspause blieb sie allein in der Ka­pelle zurück und betete in ihrem Herzensanliegen. Da hörte sie eine innere Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten ge­braucht!“ Als die junge Frau nachfragte: „Was willst du von mir?“ hörte sie abermals die gleiche Stimme: „Hier wirst du am notwendigsten gebraucht.“ Am Morgen erklärte sie Anto­nie Rädler ihre Bereitschaft, zu kommen. Diese antwortete lächelnd: „Ich wusste es bereits.“

Ein Gotteshaus allein schafft es nicht. Es sind Menschen, betende, ganz auf Gott ausgerichtete Menschen, die ihm seine Ausstrahlung geben. Theresia, von allen Resi genannt, wurde die rechte Hand Antonies und das Herz der Gemeinschaft. Über Jahre oblag ihr die Buchführung, außerdem kümmerte sie sich um die Devotionalien, die an einer Gebetsstätte im­mer gefragt sind. Sie verband gesunden Menschenverstand mit Frohsinn. Mit Energie und Tatkraft meisterte sie schwie­rige Situationen, wirkte ausgleichend. Menschen verschiede­nen Charakters hielten zusammen und blieben dem Werk verpflichtet. Von unvoreingenommenen Beobachtern wurde es als Wunder der Gnade bezeichnet.

Kurz vor ihrem Tode ließ Antonies Mutter Resi ans Ster­bebett kommen und nahm ihr das Versprechen ab, Antonie die Treue zu bewahren. Zu diesem Versprechen stand sie. Nach Antonie wird Theresia Moser das größte Verdienst am Aufblühen der Gebetsstätte zugeschrieben.

Im Jahre 1955 wurde Resi am Pfingstmontag von einem Mann angesprochen, der sich als Anton Walz vorstellte. Ihm war am Motorrad die Kette gerissen, er bat um fünf Mark, die er auf jeden Fall zurückbringen wollte. Resi führte ihn zu Antonie Rädler. Die fragte nach seinem Beruf. Als er sich als Maurer bezeichnete, reagierte sie erfreut und schlug ihm vor, während das Rad repariert werden sollte, bei der Fertigstel­lung des Sanatoriums mitzuhelfen.

Anton Walz gefiel es so gut, dass er Neigung zeigte, für im­mer dort zu bleiben, fürchtete jedoch, sein Arbeitgeber wür­de ihn nicht freigeben. Wider Erwarten willigte dieser jedoch sofort ein und ließ seinen besten Arbeiter gehen, was er später selber nicht verstehen konnte. Es sei wohl eine höhere Kraft gewesen, die ihn dazu bewogen habe. An den Anlagen der Gebetsstätte gab es praktisch nichts, bei dem er nicht mit Hand angelegt hätte, ob Speisesäle, Kühlkeller, ob die Asphaltierung der Wege auf dem Kreuzhügel oder die Treibhäuser, die das Haus das ganze Jahr mit Frischgemüse versorgten. In der Ge­betsstätte fand er sogar seine Frau.

1967 heiratete er Maria Krug, Jahrgang 1915, aus Kisslegg. Sie war 1952, drei Jahre vor ihm, nach Wigratzbad gekommen. Ihr Vater war einer der Ersten, der die Sühnenächte vor der Grotte durchbetete. Der Geist des Vaters ging auf die Tochter über. Sie stand als Köchin zur Verfügung, schmückte die Ka­pelle und später die Kirche, gestaltete mit Resi Moser die Süh­nenächte und die Gottesdienste. Über Jahrzehnte stand sie dem Werk zur Verfügung und hat ihm ihr Leben geweiht.

Nicht unerwähnt bleiben kann hier eine weitere Kraft, Schwester Maria Kennerknecht, Jahrgang 1893. Nach ihrer Versetzung beim Roten Kreuz in den Ruhestand nahm sie 1954 ihren Dienst bei Antonie auf. 28 Jahre hindurch hat sie der Stätte unermüdlich gedient, vor allem bei der Kranken­versorgung. 1982 wurde sie in die Ewigkeit abberufen.

Das Kieswunder

Alle vorgestellten Personen haben Tag für Tag, oft auch die Nacht hindurch, ohne Urlaub, ohne irdischen Gewinn, mit einem kargen Gehalt, viele Stunden, oft bis zur Erschöpfung gearbeitet und viele Stunden gebetet. Jeden Abend hat Anto­nie mit den Angestellten zwei und mehr Stunden im Gebet verbracht. Bisweilen kamen in einer Woche mehrere Sühne­nächte zusammen. Einmal haben sie, so berichtete Resi, in dreieinhalb Tagen nur acht Stunden geschlafen.

Bei dieser Einstellung blieb außerordentliche Hilfe von oben nicht aus. „Als wir das Haus im Garten bauten“, erzählte spä­ter Theresia Moser, „war ich den ganzen Tag an der Beton­maschine tätig. Gegen Mittag sah ich besorgt auf den Kies­haufen, der immer kleiner wurde. Da riefen wir den Bau­meister. Kies hätte er liefern können, hatte aber keine Arbeiter, ihn zu verladen. Da ging Antonie Rädler vorbei. Ich klagte unsere Not. Sie war auf dem Weg zum Kreuzhügel, um dort zu beten. Als sie zurückkam, sagte sie kurz: „Macht nur weiter, der Kies wird reichen!“ Tatsächlich, der Haufen wurde nicht kleiner. Die Decke wurde fertig und es blieben noch fast drei Kubikmeter übrig.“ Ein Vorgang, der übrigens auch aus dem Leben des Pfarrers von Ars berichtet wird.

Diese treuen Begleiter, Gott ganz ergebene Menschen, wa­ren all die Jahre hindurch der Verachtung, dem Hohn und der Verleumdung ausgesetzt. Von Seiten der Bevölkerung schlug ihnen falscher Argwohn entgegen. Auf diese Weise teilten sie das Schicksal Antonies, die sogar von den Kanzeln herunter angefeindet und verunglimpft wurde.

Ideale Voraussetzung

Neben diesen Menschen, jeder in sich eine Persönlichkeit, haben in den späteren Jahren einige Priester die geistliche At­mosphäre geprägt und entfaltet. 1969 stieß Johannes Schmid zur Gemeinschaft, Mitglied des Ordens der Passionisten. Erzbischof Stimpfle nannte ihn eine besondere Aufmerksam­keit Gottes. Die Passionisten sind eine Gemeinschaft, die sich in besonderer Weise der Verehrung des Leidens Christi ver­pflichtet weiß.

Gegründet wurde der Orden 1720 durch den blutjungen Paolo Francesco Danei (1694-1775), der sich später Paul vom Kreuz nannte. Geboren in einer reichen Familie in Ovada in Norditalien, hatte er mit 19 Jahren ein Erlebnis, das ihn be­wog, sich einem dem Gebet gewidmeten Leben hinzugeben. Ein kluger Kapuziner machte ihm klar, dass der Mensch, der auf Gott zugehen will, der Liebe in allem den Vorrang geben und sich von eigenen Gottesbildern lösen muss. Die Erkennt­nis, dass Gott am ehesten im Leiden Christi gefunden werden kann, wurde zur stärksten Triebfeder, sein Leben der Verbreitung dieser Botschaft zu widmen. Die Verehrung des Leidens Christi wurde zum Hauptmerkmal seines Ordens. Paul vom Kreuz gilt als größter Mystiker des 18. Jahrhunderts.

Diese Geisteswelt war eine ideale Voraussetzung für ein Wirken an der Gebetsstätte in Wigratzbad. Mit brennendem Eifer widmete der Passionist sich den zunehmenden Scharen von Pilgern und versuchte ihnen die Bedeutung des Gebetes und der Sühne nahe zu bringen. Seine letzte Ruhestätte fand er 1987 in der Ölbergkapelle im Schatten der Sühnekirche ne­ben Antonie Rädler, die ihm nur ein paar Jahre später folgte.

Die nachlassenden Kräfte von Pater Schmid im Blick, fällte Bischof Stimpfle rechtzeitig eine weitsichtige Entscheidung, die etwas von der Instinktsicherheit dieses Oberhirten erah­nen lässt. Von der berühmten Wieskirche im Allgäu holte er sich einen erfahrenen Theologen, Dr. Dr. Rupert Gläser. Die­ses 1744 erbaute Gotteshaus ist eine Wallfahrtskirche unter dem Titel „Zum Gegeißelten Heiland“. Vielen ist sie jedoch eher bekannt wegen ihrer fantastischen weltberühmten Ar­chitektur. Aber wichtiger ist die Theologie, die sich in ihr aus­drückt. Diese sieht den wesentlichen Zug der Kirche in ihrem eschatologischen Charakter, mit anderen Worten, sie sollte sich nicht von Zeit und Raum einengen lassen, ihr Blick muss vielmehr ständig auf die Wiederkunft des Herrn ausgerichtet sein. Das gefiel gegen Ende des 18. Jahrhunderts – wie auch heute – dem Zeitgeist ganz und gar nicht.

Von einer solchen Theologie geprägt, war Rupert Gläser eine glückliche Besetzung für Wigratzbad. Ihm oblag im Sinne des Oberhirten die Aufgabe, den Geist der Gründergenera­tion in unsere Zeit hinüberzutragen. Das ist ihm in den Jah­ren von 1984 bis 1999, als ihm die Leitung der Stätte anver­traut war, gelungen. Noch heute strahlt er etwas von dieser an ihn ergangenen Berufung aus.

1999 wurde er als Direktor von Thomas Maria Rimmel abgelöst, ernannt von Bischof Dr. Viktor Josef Dammertz, dem Nachfolger von Dr. Josef Stimpfle auf dem Bischofssitz von Augsburg. Rimmel leitete eine neue Phase ein. Er ver­sucht den Geist der Weltkirche in die Stätte hineinzubringen. Typisch dafür ist, dass er an dem weltberühmten Erschei­nungsort Guadalupe in Mexico an Priesterexerzitien teilge­nommen hat. Auch eine Fußwallfahrt nach Santiago de Com­postella gehört dazu.

Seit 1988 hat sich in Wigratzbad die romtreue Petrusbru­derschaft niedergelassen und unterhält dort ein Priestersemi­nar. Um Missverständnissen vorzubeugen, hat Rimmel eine behutsame Entflechtung der Gebetsstätte und der Bruder­schaft vorgenommen. Sein Motto lautet „Integrieren, nicht isolieren“. Das gilt für alle Bewegungen und Gemeinschaften. Programm und eingeladene Gäste, u.a. auch aus Rom, zeigen, dass ihm dies gelungen ist.

Antonie Rädler habe die Menschen im Gebet mitgerissen und ganze Nächte mit ihnen durchgebetet. Daraus seien die sog. Sühnenächte entstanden und zu einem zentralen Moment im Leben der Gebetsstätte geworden. Wigratzbad sei ein Ort – so Rimmel in einem Interview –, der Freude ausstrahle. Das hänge damit zusammen, dass man der Versöhnung des Menschen mit Gott einen hohen Stellenwert einräume. Die Menschen hungerten nach der Botschaft vom Frieden mit Gott. Das zeige u.a. die feierliche Gestaltung des Weißen Sonn­tags als sog. Barmherzigkeitssonntag.

Von Bischof Dr. Walter Mixa, einem Nachfolger im Amt von Dr. Josef Stimpfle, wurde Thomas Maria Rimmel als Di­rektor der Stätte in den Priesterrat der Diözese aufgenommen, ein Beweis für die volle Integration der Gebetsstätte in das Leben der Kirche.

In Wigratzbad wurde im Rahmen der wöchentlichen Süh­nenacht am Donnerstagabend ein Heilungsgebet mit Hand­auflegung durch die anwesenden Priester eingeführt. Der mo­natliche Krankentag mit Eucharistischem Einzelsegen zählt zu den Höhepunkten im Wallfahrtsleben. Ein besonderes Cha­risma, zu segnen, haben die Gläubigen bei dem indischen Priester Santan Fernandes aus St. Ulrich a. Pillersee in Öster­reich entdeckt, der aus diesem Grunde mehrmals im Jahr in die Sühnekirche kommt.

Eng verbunden ist der Stätte auch Erich Maria Fink, gebo­ren in Isny im Allgäu. Von 1992 bis 1995 hat er die Gebets­stätte Marienfried betreut. Zum Beginn des Jahres 2000 wur­de er für den Dienst in Russland freigestellt und ist nun Pfar­rer der Gemeinde „Königin des Friedens“ in Beresniki im Ural. Er ist Wigratzbad treu geblieben und gibt dort zweimal im Jahr Exerzitien.

Ganz von Wigratzbad erfasst wurde auch ein Priester aus der Diözese Hildesheim. Es ist Pfarrer Bernhard Kügler. Seit dem Jahre 2000 steht er der Gebetsstätte zur Verfügung. Die dort gepflegte Geistigkeit entsprach so sehr seinen Vorstel­lungen, dass er sich ihr voll zur Verfügung stellte.

K-TV

Eine Erweiterung des Wirkungsbereiches der Stätte ergab sich in den letzten Jahren durch die Verbindung mit dem ka­tholischen Sender K-TV. Das „K“ steht für Kephas, das grie­chische Wort für Felsen. Er hat sein Hauptstudio im nicht sehr entfernten Dornbirn, im Dreiländereck am Bodensee. Der Sender ist die Verwirklichung eines lang gehegten Wun­sches des Schweizer Geistlichen Hans Buschor aus der Diözese St. Gallen. Er will die christliche Frohe Botschaft in einer säkularen Welt über das Fernsehen verkünden. Besonders ge­pflegt werden dabei Veranstaltungen mit dem Papst in Rom und anderweitig. Oft die einzige Möglichkeit im deutschspra­chigen Raum, über die Reisen des Nachfolgers auf dem Stuhl Petri informiert zu sein.

Medienfachleute gaben der Initiative wenig Chancen. Aber der Sender, der am 11. September 1999 erstmals die Ausstrah­lung auf einem eigenen Kanal über Satellit durchführen konn­te, feierte 2009 sein zehnjähriges Bestehen. In Wigratzbad wurde eigens ein Studio eingerichtet, um Gottesdienste und andere Veranstaltungen zu übertragen.

Von einer solchen neuen Möglichkeit, die Botschaft von Sühne und Versöhnung in die Welt auszustrahlen, hat Anto­nie Rädler noch nicht träumen können. Aber Gott wirkt im­mer und führt fort, wo menschliches Leben seine Grenzen findet. Die Kirche ist unterwegs, woran das Gotteshaus auf dem Hügel Besucher und Pilger erinnert. Sie schreitet voran — bewegt u.a. von Impulsen, wie sie von Orten wie Wigratz­bad immer wieder ausgehen —, der Ewigkeit entgegen, allen Versuchen zum Trotz, die Menschen auch über die Medien mit vorgegaukelten Paradiesen von diesem Weg abzubringen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Kapitel X

Geistiger Frühling

Vaterfigur aus dem Buch

Zu den Eigenarten der Gebetsstätte Wigratzbad gehört ­– worauf schon hingewiesen wurde –, dass auf verschiedene Weise und zu verschiedenen Zeiten ganz verschiedene Personen mit einbezogen wurden, um ein Vorhaben voranzubrin­gen, das ganz offensichtlich vom Himmel gesteuert wurde. In diesen Rahmen gehört die ungewöhnliche Gestalt eines Oberhirten, der am 12. September 1963 von Papst Paul VI. zum Bischof von Augsburg ernannt wurde.

Geboren in Maihingen am 25. März 1916 – an einem be­deutenden Marienfest also – in einer aus dem Glauben heraus lebenden Familie, schickte diese ihn mit zehn Jahren in das bischöfliche Knabenseminar nach Dillingen an der Donau. Nach dem Abitur entschied er sich 1935 für die Theologie. Seine Betreuer legten ihm bald nahe, sich um die Möglichkeit eines Studiums an der berühmten päpstlichen Universität, der Gregoriana, in Rom zu bewerben. Damit war seine spätere Laufbahn vorgezeichnet. In der Ewigen Stadt bekam er etwas von der Atmosphäre der Weltkirche mit. Seinen Aufent­halt dort musste er 1940 jäh unterbrechen, weil er zum Wehr­dienst nach Deutschland einberufen wurde.

Nach dem Kriege empfing er von Bischof J. Kumpfmüller die Priesterweihe. Beide ahnten nicht, dass der Geweihte den Weihenden einmal in einer wichtigen Sache korrigieren sollte. Anschließend war er zwei Jahre in der Seelsorge in Augs­burg tätig. 1948 konnte er dann sein Studium in Rom fortsetzen, das er 1951 mit dem Doktortitel abgeschlossen hat. Ein Jahr danach wurde er zum Subregens am Priesterseminar in Dillingen ernannt. Von dort, etwa zehn Jahre später, auf den Bischofssitz von Augsburg berufen.

Er war das genaue Gegenteil seiner beiden Vorgänger und hatte ein ganz anderes Selbstverständnis von seinem hohen Amt. Er wollte geistiger Vater aller sein und somit etwas von der väterlichen Güte Gottes ausstrahlen. Das überzeugte und machte ihn sehr populär. Gegenüber geistigen Impulsen zeig­te er sich aufgeschlossen und ließ sich diesbezüglich nicht von Vorurteilen in die Irre führen. Oft kam er bei den Besuchen unserer indischen Kinder mit Geschenken unter dem Arm. Aber er begnügte sich nicht damit, diese nur zu überreichen. Noch heute haben unsere Töchter, inzwischen reife Frauen und selbst zum Teil schon Mütter, vor Augen, wie er sich mit ihnen auf den Teppich setzte, um ihnen die mitgebrachten Spiele zu erläutern und mit ihnen zu spielen. Eine Vaterfigur wie aus dem Buch.

Als er einmal nach einem Besuch unser Haus verließ, traf er auf der Straße eine Gruppe von Bauarbeitern an, die er so­fort begrüßte und ansprach. Wegen des Autos erkannten sie ihn natürlich als Bischof und waren entsprechend beein­druckt. Als Mitbrüder im Amt Bedenken gegen einen regel­mäßigen Besuch in unserem Hause äußerten, hat ihn das wenig beeindruckt. Im Gegenteil. In der Bischofskonferenz bekam er Gelegenheit, einiges über den bekannten Journalis­ten zurechtzurücken. Auch Johannes Paul II. wurde von ihm über die literarische und publizistische Tätigkeit des Autors unterrichtet.

Das alles konnte er guten Gewissens tun, denn sein Mit­bruder im Amt aus Rottenburg-Stuttgart, Bischof Dr. Georg Moser, war der zweite regelmäßige Besucher in unserem Heim und hat die indischen Kinder mitsamt ihren Eltern einmal für zwei Tage in seine Residenz eingeladen. Beide Oberhir­ten sprachen ihre Visiten miteinander ab, um zeitlich nicht aufeinander zu treffen. Beides Persönlichkeiten von ganz gro­ßem Format, die sich voll als Dienende verstanden.

Die Ernennung Stimpfles zum Bischof erfolgte rechtzeitig, um ihn noch am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnehmen zu lassen. Als Neuling musste er in den hintersten Rängen, nahe der Tür, Platz nehmen, ein Bereich, der von den älteren Bischöfen scherzhaft als „Kindergarten“ bezeichnet wurde. Das hinderte ihn nicht daran, viele Kontakte zu knüpfen, die über Jahre hielten, u.a. auch mit dem damaligen Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II., den er tatkräftig unterstützte, was dieser unter dem kom­munistischen Regime dankbar zu würdigen wusste.

Glaubenssehnsucht bricht durch

Als ihn kurz nach seiner Bischofsweihe der Dekan von Lindau, Josef Hirschvogel, sofort darauf aufmerksam mach­te, dass in Wigratzbad etwas gutzumachen sei, stieß das auf sensible Ohren. Josef Stimpfle ahnte, dass er dieser Anregung folgen musste, und machte sich bereits in den ersten Wochen unerkannt auf den Weg zu der umstrittenen Stätte, um sich vor Ort selbst ein Bild zu machen, was dort ablief. So han­deln wahrhaft unabhängige Männer. Er begnügte sich nicht mit dem Bericht aus dritter Hand, er wollte sich selber ein Urteil bilden.

Womit er nicht gerechnet hatte war, dass die Seherin An­tonie ihn erkannte und ihn in ihr Haus einlud. Einen ganzen Nachmittag konnte er sie befragen und ausforschen. Es zeugt von einem besonderen Charisma, dass er damals den „Finger Gottes“ am Wirken erspürte.

In Wigratzbad brach im tiefsten Winter ein geistiger Früh­ling an. Nach vorurteilsfreier Prüfung der Angaben des De­kans in Lindau und des Ortspfarrers Ludwig Dorn in Wohm­brechts lautete die Entscheidung aus Augsburg: „Die Kapelle soll für den öffentlichen Gottesdienst geöffnet werden.“ Am 24. Dezember 1963 durfte der Pfarrer in dem nun als öffent­licher Kapelle anerkannten Heiligtum das hl. Messopfer fei­ern und das Allerheiligste aufbewahrt werden. Die Freunde der Stätte jubelten.

Eine über ein Vierteljahrhundert angestaute Glaubenssehn­sucht brach sich Bahn. Sie explodierte förmlich. Im Jahre 1966 zählte man im Jahr bereits 25 000 ausgeteilte Kommunionen, 1967 stieg die Zahl auf 32 000, 1968 auf 40 000, 1969 regis­trierte man zum Vorjahr eine Verdoppelung auf 80 000 und ab 1970 auf über 100 000 mit steigender Tendenz.

In den Wintermonaten von 1965/1966 führte der Passio­nistenpater Johannes Schmid (1897-1987) sechs marianische Exerzitienkurse durch, an denen mehr als 300 Personen teil­nahmen. 1969 kam er für immer nach Wigratzbad und stand bis 1987 den Pilgern als Seelsorger zur Verfügung. Viele sehen in ihm, übrigens ein Altersgenosse der Seherin, einen Mitbe­gründer der Gebetsstätte.

Zu den Sühnenächten platzten die obere und die untere Kapelle aus allen Nähten. Immer mehr Beter fanden keinen Platz mehr. Mehrere Priester hatten in den Nächten Mühe, den wartenden Gläubigen das Sakrament der Versöhnung zu spenden, in einer Zeit, in der in vielen Kirchen die Beicht­stühle verschwanden und oft nie mehr auftauchten. Es wurde erweitert, aufgestockt, ausgebaut. Die Angestellten arbeite­ten bis in die Nächte hinein, um Platz für die Pilger zu schaf­fen. Eine Lautsprecheranlage übertrug die Gottesdienste in drei Säle. Der Pilgerstrom schwoll an, von niemandem ge­trieben, gedrängt. Es war der Geist von oben, der sie führte. Im Sommer begann man die hl. Messen ins Freie zu verle­gen. Im Winter dagegen wurde die Raumnot unerträglich.

Die Situation rief nach einem größeren Gebetsraum oder nach einer Kirche für tausend bis zweitausend Menschen.

Diese Erfahrung sollte viele Oberhirten nachdenklich ma­chen, wie die aufgeschlossene Haltung eines Bischofs gegen­über dem Wehen des Heiligen Geistes ungeahnte Schleusen der Glaubenssehnsucht öffnen kann. Josef Stimpfle, bei seiner Ernennung für damalige Verhältnisse ein eher blutjunger Bi­schof von erst 47 Jahren, wurde der einzige Bischof Deutsch­lands, der in den letzten hundert Jahren eine Marienerscheinung in seiner Diözese persönlich als echt erkannte und die Verehrung der Stätte förderte. Das brachte ihm nicht nur Freunde ein. Bestimmte Kreise hielten mit ihrer Abneigung nicht zurück und verleumdeten ihn bis über den Tod hinaus.

Der Bau der notwendig gewordenen Kirche wurde zu einer weiteren Herausforderung. Das Anliegen überstieg die Kräfte einer Privatperson. So kamen am 21. Juli 1971 zehn Personen zusammen (fünf Priester und fünf Laien), um die rechtlichen Grundlagen zu schaffen. Der Verein „Maria vom Sieg e.V.“ wurde ins Leben gerufen. Die Baukosten schätzte man auf drei bis vier Millionen Deutsche Mark. Antonie Rädler übertrug ihr gesamtes Vermögen auf den Verein, u.a. ein großes Land­gut in Wangen in bester Lage. Es wurde zur wichtigen Rü­ckendeckung für den geplanten Bau. Die Schenkungsurkunde wurde ausgearbeitet und die Bedingungen festgelegt.

Das Finanzamt sah nach eingehender Prüfung aller Ein­nahmen und Ausgaben in den letzten zehn Jahren kein Pro­blem, die Spendenaktion zugunsten der Kirche zu erlauben und die Steuerbegünstigung zu bewilligen. Die Aktion konn­te anlaufen. Die mustergültig geführte Buchhaltung durch einen früheren Angestellten der Stadt Lindenberg wies ohne Zuschuss der Diözese in kurzer Zeit die Summe von vier Millionen Deutsche Mark auf. Die Spenden vieler Wohltä­ter, besonders jener, die hier Hilfe und Heilung erlangt hat­ten, machten es möglich.

Zwei Mentalitäten

Dennoch galt es neue Hürden zu nehmen. Die Behörden, die kirchlichen und die staatlichen, sperrten sich. Am 4. April 1971 erschien die bischöfliche Baukommission in Wigratz­bad, stellte viele Fragen. Die Reaktion der Herren zeigte, dass man kein Vertrauen in die Zukunft des Objektes hatte. Man ließ durchblicken, was man dachte: mit dem Tode der Sehe­rin würde alles sein Ende finden. Aus diesem Grunde schlug man einen Bau vor, der später anderen Zwecken zugeführt werden könnte, etwa als Lagerhalle. Antonie begründete trotz­dem ihr Werk mit so großer Überzeugungskraft, dass die Kommission nicht umhin konnte, ihr zu versprechen, das Gut­achten dem Bischof vorzulegen. Hier waren zwei Denkweisen aufeinander gestoßen – die menschliche, auf das Praktische ausgerichtete, und die mystische, die in einer ganz anderen Dimension beheimatet war und von dort her ihre Sicherheit bezog. Das Gutachten verschwand in der Schublade. Aber der Oberhirte ließ nicht locker, er fragte nach und drängte, die Sache zu fördern.

Nun sträubten sich die staatlichen Ämter. Der eingereich­te Plan des Architekten wurde verworfen, andere Vorschläge gemacht, um eine angeblich optimale Lösung zu finden. Die Absicht war eine andere. Antonie durchschaute sie und lehn­te ab. Da schlug endlich ein Regierungsbaurat vor – und zwar gegenüber dem Sohn des Erbauers der Kapelle „Maria vom Sieg“ –, einen angesehenen Architekten zu finden. Er nann­te Prof. Gottfried Böhm aus Köln. Dem würde man so leicht nichts abschlagen können. So geschah es. Der Professor kam nach Wigratzbad, schaute sich alles an und wollte innerhalb von drei Monaten den Entwurf vorlegen.

Die inzwischen über 70 Jahre alte Antonie trug schwer un­ter dieser Verantwortung. In schlaflosen Nächten betete sie um Erleuchtung, und der Himmel blieb nicht stumm. Am 11. Januar 1972 sah sie am Abend während des Rosenkranzes plötzlich die Gottesmutter oben am Himmel. Die Madonna brachte in den schwarz-dunklen Himmel eine große Lichtfülle zwischen rechts und links aufgeschichtete Felsblöcke, die sich von der Erde bis zum Wolkenhimmel auftürmten. Da erschie­nen Engelchöre, die mit Blitzesschnelle die großen Blöcke nach rechts und links schoben, so dass das Licht in der Mitte vom Wolkenhimmel bis zur Erde alles erhellte und überflutete.

„Innerlich erkannte ich“ — so Antonie „dass die Gottes­mutter jetzt die von der Hölle aufgetürmten Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Eine große innere Ruhe und Freude kam über mich und ließ mich die nächsten Nächte ohne Stö­rung durchschlafen.“ Ein paar Tage später sah sie während der hl. Messe innerlich den himmlischen Vater gütig herab­schauen und hörte die Worte: „Fange mit dem Bau an! Ich segne dich in meiner Allmacht, Weisheit und Güte. Ich bin mit dir. Fürchte nichts! Mein Segen bewirkt alles, überwindet alles, führt das Begonnene zum Ziel. Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, der Mutter Güte bereitet alles wunderbar. Fange an in meinem Namen. Mein Segen ruht auf euch. Auch deine Eltern segnen dich. Lass dich auch segnen von Pfarrer Weiß und Pater Johannes!“

Der Architekt aus Köln hielt Wort. Ende März 1972 legte er einer kirchlich-staatlichen Kommission den Entwurf vor. Dieser wurde widerspruchslos genehmigt. Dem Bau des gro­ßen Gotteshauses stand nichts mehr im Wege. Am 3. November 1972, an einem Herz-Jesu-Freitag, begann Baumeister Ruß das Gelände abzustecken. Der erste Spatenstich für die ei­gentliche Kirche war vollzogen.

Pilgernde Kirche

Vier Jahre harter und sorgfältiger Arbeit sollten ins Land gehen, bis das Werk vollendet war. Viele Einzelheiten mussten bedacht, Hoch- und Seitenaltäre auf das Ganze abgestimmt werden, Orgel, Beichtstühle, Bestuhlung, Verglasung der Kir­chenfenster sich einfügen. Im Oktober 1974 war der Außen-und Innenausbau so weit gediehen, dass ein erster Gottes­dienst gefeiert werden konnte. Aber erst im Frühjahr 1976 war alles für die feierliche Einweihung vollendet.

Ein großer Wurf, ein Bau, in dem die Visionen einer von Gott leidgeprüften Frau Formen annahmen. Den Preis musste sie über Jahrzehnte zahlen. Professor Gottfried Böhm hatte viel Einfühlungsvermögen gezeigt. Das Gotteshaus wurde zur Gestalt gewordenen Botschaft.

Es war als Zelt konzipiert. Wir sind eine pilgernde Kirche, will sie den Gläubigen ins Gedächtnis rufen. Wir sind nicht von dieser Erde und nicht für diese Erde bestimmt. Ein Pilger baut sich keine feste Bleibe für lange Zeit, auch kein Eigen­heim, den Palästen der großen Kaiser nachempfunden, die zu Schutt und Asche wurden, kein Haus, das viel Aufmerk­samkeit und Mühe verschlingt und von der nächsten Gene­ration schon nicht mehr begehrt wird. Das Gotteshaus war ein Appell in Stein, Stahl und Glas und stand im Gegensatz zum Bauboom der Zeit, der dreißig Jahre später zu Beginn eines neuen Jahrtausends in den Vereinigten Staaten einen Kollaps erleiden und weltweit die größte Finanzkrise seit hundert Jahren auslösen sollte. Christen sind — sollten es sein – ­die Alternative zu einer Welt, die sich hier für immer einrich­ten möchte und in allen politischen Systemen und unter allen Regimen das Paradies auf Erden verspricht.

Das Hauptzelt wird von zwölf kleineren umgeben, zur Er­innerung an die zwölf Stämme Israels und an die zwölf Apos­tel, die ihr Erbe angetreten haben auf dem Wege zum Heil der Menschheit. Wir stehen in einer langen Tradition, Gott führt den Menschen seit Jahrtausenden durch seine Propheten und durch seine Heiligen. Die über Jahre sich hinziehende Wan­derung durch die Wüste, die vor über 3200 Jahren die Israe­liten, geführt von Mose, unter großen Opfern auf sich neh­men mussten, wird durch stets neue abgelöst. Geistige Wüs­ten wie die, die wir durchlaufen, können härter sein als jede Sandwüste.

Die Kirche in Wigratzbad erinnert in ihren Strukturen auch an die Worte des Evangelisten Matthäus: „Jerusalem, Jerusa­lem! Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, aber ihr habt nicht gewollt“ (23,37). In diesen Worten Jesu lag auch eine War­nung, eine letzte Warnung. Keine vierzig Jahre später wurden die Einwohner Jerusalems in alle Winde zerstreut. Sie waren dem Ruf des verheißenen Messias nicht gefolgt. Nun muss­ten sie den Befehlen ihrer neuen Herren, der Römer, folgen und in die Sklaverei gehen. Überall heimatlos. Der von ihnen abgelehnte und gekreuzigte, Mensch gewordene Gott aber er­wies sich als Sieger. Andere Nationen folgten ihm und übernahmen die Aufgabe, die dem Volk Israel zugedacht war.

Der Blick des in die Kirche Eintretenden wird sofort vom Altarraum gefesselt. Er steht wie auf einer Insel, drei Stufen über dem Boden, an allen Seiten von einer Kommunionbank umgeben. Hinter dem Altar auf breiter Bank ein goldener Tabernakel, in eine große goldene Sonne hineingestellt. Fünf Strahlenbündel unterstreichen die Bedeutung des Ortes. Die Sonne der Gerechtigkeit soll den ganzen Raum beherrschen. Diese Kirche ist durch und durch eine Anbetungskirche, ruft zur Anbetung auf, zur Anbetung des Herrn, im Gegensatz zu einer Zeit, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen möchte, mit all seinen von Sinnlichkeit gespeisten Vorstel­lungen, seinem Ruf nach totaler Autonomie und am Ende hemmungsloser Selbstanbetung. Humanismus und Säkula­rismus nennt sich der Trend, als Fundamentalisten werden jene gebrandmarkt, die sich an Gott und an bleibenden Wer­ten orientieren.

Unübersehbares Zentrum

Während in diesen Jahren in vielen Gotteshäusern im deutschsprachigen Raum die Tabernakel aus der Mitte ver­schwanden, an Seitenwänden oder in Nebenkapellen unter­gebracht wurden, bildet er in dieser „Zeltstadt“ das unüber­sehbare Zentrum. Wie einst die Bundeslade in einem Zelt mit den Israeliten durch die Wüste auf das Heilige Land zu­wanderte, will hier der Tabernakel die Gläubigen dieser Zeit durch die immer trockener werdende Wüste des Säkularis­mus, des Relativismus, des erlöschenden Gewissens und des sich ausbreitenden offenen Atheismus der Wiederkunft des Herrn zuführen. Die Innenansicht dieses Hauses sagt dem Menschen auf den ersten Blick: Gott ist das letzte Maß aller Dinge, nicht der Mensch.

Das gewaltige, eindrucksvolle Kreuz darüber erinnert da­ran, dass hier das Opfer am Kreuze gegenwärtig wird. Da­runter die Sonne als Symbol der Auferstehung.

Im Sechseckraum zur Linken des Hochaltares steht eine lebensgroße Herz-Jesu-Statue, die an die Visionen der großen Mystikerin Margarete Maria Alacoque (1647-1690) erinnert, die im französischen Paray-le-Monial verehrt wird. Sie wurde am 13. Mai 1920, erst 230 Jahre nach ihrem Tode, durch Papst Benedikt XV. heilig gesprochen.

Im Sechseck zur Rechten fällt eine liebliche Statue der Got­tesmutter von Fatima ins Auge, wie sie am 13. Juli 1917 den drei Seherkindern ihr von Dornen durchstochenes Herz auf der Brust gezeigt hat. Beide Standbilder sollen die Anwesen­den ständig an den Titel der Kirche erinnern. Beide waren andernorts nicht erwünscht oder nicht mehr erwünscht, das Jesus-Standbild im Vorarlberg, die Marienstatue in Düssel­dorf. In Wigratzbad wurden sie 1971 willkommen geheißen.

In mehreren Erscheinungen hat sich Jesus bei der jungen Ordensfrau Margarete Maria Alacoque über den Undank, über Kälte und Missachtung beklagt, die ihm – auch in der Eucharistie – entgegengebracht werden. Er schlug vor, sei­nem Herzen ein eigenes Fest, eine Woche nach Fronleich­nam, einzurichten und Abbitte und Sühne für die mangeln­de Ehrfurcht und Aufmerksamkeit zu leisten. In diesen Vi­sionen machte der Sohn Gottes nicht nur auf seine mensch­liche Seite aufmerksam, sondern auch auf die Bedeutung der Wiedergutmachung im Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen. Margarete Maria Alacoque hatte wegen dieser Vi­sionen viel zu erleiden – auch von den eigenen Mitschwes­tern, und das über Jahre hinweg. Sie wurde verspottet und von den Hausgeistlichen gar als besessen oder geisteskrank be­zeichnet. Sie hat dieses Leiden als Sühne angenommen. Sie ist nur 43 Jahre alt geworden. Paray-le-Monial wird interes­santerweise in den letzten Jahren besonders von der jünge­ren Generation neu entdeckt.

Auch in Fatima geht es vor allem um Sühne. Am 13. Juli 1917 erhielten die drei Seherkinder eine Botschaft von großer Bedeutung für das Schicksal der Menschheit: „Der Herr will die Welt retten durch die Andacht zum Unbefleckten Herzen Mariens. Wer sie übt, dem verspreche ich das Heil. Ja, diese Seelen werden von Gott bevorzugt werden wie Blumen, die ich vor seinen Thron bringe.“

Anschließend öffnete Maria die Hände, von denen ein ge­heimnisvolles Licht ausstrahlte. Vor der rechten Hand sah man ein Herz, ganz von Dornen umgeben. Die Kinder ver­standen, was gemeint war. Die vielen Sünden der Welt ver­wunden auch das Herz Mariens. Es ruft nach Sühne und Wie­dergutmachung.

Mit ihrem Jawort hat sie der Menschheit den Sohn Gottes geschenkt. Sie ist in tiefster Gemeinschaft mit ihm verbunden, hat alle Opfer, alle ihm zugefügten Erniedrigungen mit ihm geteilt, hat unter dem Kreuze stehend die Kreuzigung erfahren wie ihre eigene. Seine Leiden sind ihre Leiden. Deshalb will ihr Sohn, dass nicht nur ihm, sondern auch ihrem Herzen Sühne geleistet wird. Und aus eben diesem Grunde gehört in die Sühnekirche von Wigratzbad nicht nur das Bild des tief verletzten Gottessohnes, sondern auch das Herz seiner Mutter. Das Heiligtum von Wigratzbad ist eine „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“. Unter diesem Namen wurde sie von ei­nem Bischof konsekriert, der die Zeichen der Zeit voll ver­standen hat und bereit war, dafür viel Kritik, Missverständ­nisse, Kränkungen und Vereinsamung auf sich zu nehmen.

In der äußeren, ausdrucksstarken Architektur dieses Got­teshauses spiegelt sich eine innere Architektur wieder, in der die Impulse Gottes ineinandergreifen. Das wurde von einer Frau, von Antonie Rädler, erahnt und aufgegriffen. Genau vierzig Jahre zuvor hat sie in der gegenüberliegenden Grotte den Gesang himmlischer Chöre vernommen, die der Unbe­fleckt Empfangenen, die Mutter Gottes wurde, geweiht war. Ihr bedingungsloser Gehorsam, ihre unfassbare Demut, die die Hölle in Entsetzen versetzte, aber Engel jubeln ließ, wur­den für sie zum großen Sieg. Darum darf sie mit Recht Mut­ter vom Sieg genannt werden. Für Antonie begann damit ein langer Weg, der voller Dornen und tödlicher Gefahren war.

Was mag sich in ihrem Inneren abgespielt haben, als ein großer Oberhirte das Heiligtum feierlich einweihte? Für sie war es jedenfalls eine Bestätigung, dass Gottes Verheißungen sich immer erfüllen. Für den Menschen gilt es, ihnen voll zu vertrauen, auf sie zu bauen, ihnen zu glauben und bereit zu sein, den eigenen Beitrag zu leisten. Gott hat den Menschen nicht als Marionette gewollt, niemanden, sondern als Mitwir­kenden. Das macht die Kirche von Wigratzbad auch zu einem Mahnmal der Verantwortung – für das eigene Heil und für das Heil anderer Menschen.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

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