OHNE GOTT BRECHEN DIE MENSCHENRECHTE ZUSAMMEN

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen.“

Am heutigen Montag, 14. Mai 2018, erscheint weltweit der neue Band „Die Freiheit befreien – Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ mit politischen Texten und Reden des Theologen Joseph Ratzinger und späteren Papstes Benedikt XVI.. In Italien ist er seit dem vorhergehenden Donnerstag im Handel. Die deutschsprachige Fassung wird vom Verlag Herder herausgegeben. Das Vorwort verfasste Papst Franziskus.

Der Band enthält auch einen bisher unveröffentlichten Text, der das Datum vom 10. Oktober 2014 trägt. Darin betont Benedikt XVI. die Bedeutung des Glaubens an Gott für die Weise, wie der Mensch und seine Rechte gefasst werden.

Den Aufsatz „Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs“ (definitiver Titel) hatte Benedikt XVI. in Reaktion auf ein Buch des italienischen Philosophen und Politikers Marcello Pera verfasst. In dessen Buch „Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ habe Pera seine Sicht auf die Geschichte des Liberalismus geändert:

„Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch ‚Perché dobbiamo dirci cristiani’ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin.

In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken un-verständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt“.

Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs. Elemente zur Diskussion des Buches von Marcello Pera „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ („Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ 

Vatikanstadt
10. 10. 2014

Zweifellos ist Ihr Buch eine große Herausforderung an das gegenwärtige Denken, besonders auch an Kirche und Theologie. Der Hiatus zwischen den Aussagen der Päpste des 19. Jahrhunderts und der mit „Pacem in terris“ beginnenden neuen Sicht ist offenkundig und viel beredet. Er gehört ja auch zum Kernbestand des Widerspruchs von Lefèbvre und seinen Anhängern dem Konzil gegenüber. Ich fühle mich nicht imstande, eine klare Antwort auf die Problematik Ihres Buches zu geben, sondern kann nur einige Gesichtspunkte notieren, die nach meinem Dafürhalten für die weitere Debatte wichtig sein könnten.

1. Erst durch Ihr Buch ist mir klar geworden, wie sehr mit „Pacem in terris“ eine neue Richtung beginnt. Ich war mir bewusst, wie stark die Wirkung auf die italienische Politik gewesen ist, in der diese Enzyklika den entscheidenden Anstoß für die Öffnung der Democrazia Cristiana nach links gegeben hat. Ich war mir aber nicht bewusst, wie sehr sie auch in den Grundlagen ihres Denkens einen neuen Ansatz bedeutet. Dennoch hat nach meiner Erinnerung die Frage der Menschen-rechte erst durch Papst Johannes Paul II. praktisch ihren hohen Stellenwert im Lehramt und in der nachkonziliaren Theologie erhalten. Mein Eindruck ist, dass dies bei dem heiligen Papst weniger Ergebnis einer Reflexion war (die freilich bei ihm nicht fehlte), sondern Konsequenz einer praktischen Erfahrung. Gegenüber dem Totalitätsanspruch des marxistischen Staates und seiner ihn gründenden Ideologie sah er als die konkrete Waffe den Gedanken der Menschenrechte an, der die Totalität des Staates begrenzt und damit den nötigen Freiraum nicht nur für persönliches Denken, sondern vor allem auch für den Glauben der Christen und die Rechte der Kirche bietet.

Die säkulare Figur der Menschenrechte, wie sie 1948 formuliert worden waren, erschien ihm offensichtlich als die rationale Gegenkraft gegenüber dem alles umfassenden ideologischen und praktischen Anspruch des marxistisch begründeten Staates. So hat er als Papst das Anliegen der Menschenrechte als eine von der allgemeinen Vernunft anerkannte Macht weltweit gegen Diktaturen aller Art eingesetzt. Dieser Einsatz galt nun nicht mehr nur atheistischen Diktaturen, sondern auch religiös begründeten Staaten, wie sie uns vor allem in der islamischen Welt begegnen.

Der Verschmelzung von Politik und Religion im Islam, die notwendig die Freiheit anderer Religionen, so auch der Christen, einschränkt, wird die Freiheit des Glaubens entgegengestellt, die nun in gewissem Maß auch den laikalen Staat als richtige Staatsform ansieht, in der die Freiheit des Glaubens Platz findet, auf die die Christen von Anfang an Anspruch erhoben haben. Johannes Paul II. wusste sich dabei gerade auch in innerer Kontinuität mit der werdenden Kirche. Sie stand einem Staat gegenüber, der zwar religiöse Toleranz durchaus kannte, aber eine letzte Identifikation von staatlicher und göttlicher Autorität festhielt, der die Christen nicht zustimmen konnten. Der christliche Glaube, der eine universale Religion für alle Menschen verkündet, schloss damit notwendig eine grundsätzliche Begrenzung der Staatsautorität durch Recht und Pflicht des einzelnen Gewissens ein. Dabei wurde zwar nicht der Gedanke von Menschenrechten formuliert.

Es ging vielmehr darum, den Gehorsam des Menschen Gott gegenüber als Grenze dem Staatsgehorsam entgegenzustellen. Aber mir scheint, daß es nicht unberechtigt ist, die Gehorsamspflicht des Menschen Gott gegenüber als Recht dem Staat gegenüber zu formulieren, und insofern war es wohl durchaus logisch, wenn Johannes Paul II. in der christlichen Relativierung des Staates für die Freiheit des Gehorsams Gott gegenüber ein Menschenrecht ausgedrückt fand, das jeder staatlichen Autorität voraus liegt. In diesem Sinn konnte der Papst nach meinem Dafürhalten durchaus eine innere Kontinuität des Grundgedankens der Menschenrechte mit der christlichen Überlieferung behaupten, auch wenn die sprachlichen und gedanklichen Instrumente weit auseinander liegen.

2. Nach meinem Dafürhalten ist in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Sache enthalten, was Kant ausgedrückt hat, wenn er den Menschen als Zweck und nicht als Mittel bezeichnet. Man könnte auch sagen, es sei enthalten, dass der Mensch Rechtssubjekt und nicht nur Rechtsobjekt ist. In Gen 9,5f kommt dieser elementare Grundbestand der Menschenrechtsidee, wie mir scheint, deutlich zum Ausdruck: „… Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ Die Gottebenbildlichkeit des Menschen schließt ein, dass sein Leben unter dem besonderen Schutz Gottes steht – dass er vor menschlichen Rechtssetzungen Träger eines von Gott selbst gesetzten Rechtes ist.

Diese Ansicht hat zu Beginn der Neuzeit bei der Entdeckung Amerikas grundlegende Bedeutung gewonnen. Da all die neu entdeckten Völker nicht getauft waren, erhob sich die Frage, ob sie überhaupt irgendwelche Rechte hätten. Zu eigentlichen Rechtssubjekten wurden sie nach der herrschenden Meinung erst durch die Taufe. Die Erkenntnis, dass sie von der Schöpfung her Ebenbild Gottes waren und auch nach der Erbsünde blieben, bedeutete zugleich die Einsicht, dass sie auch vor der Taufe schon Rechtssubjekte waren und Anspruch auf die Achtung ihres Menschseins erheben durften. Mir scheint, das hier „Menschenrechte“ erkannt wurden, die der Annahme des christlichen Glaubens und jeder wie auch immer gearteten staatlichen Macht voraus liegen.

Wenn ich recht sehe, hat Johannes Paul II. sein Engagement für die Menschenrechte in Kontinuität mit der Haltung der alten Kirche dem römischen Staat gegenüber verstanden. Tatsächlich hatte der Auftrag des Herrn, alle Völker zu seinen Schülern zu machen, eine neue Situation im Verhältnis zwischen Religion und Staat geschaffen. Eine Religion mit Universalitätsanspruch gab es bis dahin nicht. Die Religion war ein wesentlicher Teil der Identität der jeweiligen Gesellschaft.

Der Auftrag Jesu bedeutet unmittelbar nicht das Verlangen nach einer Änderung in der Struktur der einzelnen Gesellschaften. Aber er verlangt, dass in allen Gesellschaften die Möglichkeit offen bleibt, seine Botschaft anzuerkennen und nach ihr zu leben. Damit ist zunächst vor allem das Wesen der Religion neu definiert: Sie ist nicht Ritus und Observanz, die letztlich die Identität des Staates garantiert. Sie ist vielmehr Erkenntnis (Glaube), und zwar Erkenntnis von Wahrheit. Da der menschliche Geist auf die Wahrheit hin geschaffen ist, ist es klar, dass Wahrheit verpflichtet, aber nicht im Sinn einer positivistischen Pflichtethik, sondern von ihrem Wesen her und dass sie gerade so den Menschen frei macht.

Diese Verbindung von Religion und Wahrheit schließt ein Freiheitsrecht ein, das man in einer inneren Kontinuität mit dem wahren Kern der Menschenrechtslehre sehen darf, wie Johannes Paul II. es offensichtlich getan hat.

3. Sie haben mit Recht die augustinische Idee von Staat und Geschichte grundlegend dargestellt und zur Basis Ihrer Sicht der christlichen Staatslehre gemacht. Vielleicht hätte aber auch die aristotelische Vision noch mehr Beachtung verdient. Soweit ich sehen kann, ist sie im Mittelalter allerdings in der kirchlichen Tradition kaum zum Tragen gekommen, vor allem nachdem ihre Aufnahme durch Marsillius von Padua in Widerspruch mit dem kirchlichen Lehramt geraten war. Um so mehr ist sie dann seit dem 19. Jahrhundert in der sich entfaltenden katholischen Soziallehre aufgegriffen worden. Man geht nun von einem doppelten Ordo aus – dem Ordo naturalis und dem Ordo supernaturalis -, wobei der Ordo naturalis als in sich komplett betrachtet wird. Man betont ausdrücklich, dass der Ordo supernaturalis frei hinzugefügt sei und reine Gnade bedeute, die vom Ordo naturalis her nicht gefordert werden kann.

Mit der Konstruktion des rein rational zu erfassenden Ordo naturalis versuchte man, eine Argumentationsbasis zu gewinnen, auf der die Kirche ihre ethischen Positionen rein rational in den politischen Disput einbringen konnte. Richtig an dieser Sicht ist, dass auch nach der Erbsünde die Schöpfungsordnung zwar verwundet, aber nicht völlig zerstört ist. Das wahre Humanum zur Geltung zu bringen, wo der Anspruch des Glaubens nicht erhoben werden kann und soll, ist an sich eine angemessene Position. Sie entspricht der Selbständigkeit des Schöpfungsbereichs und der wesentlichen Freiheit des Glaubens. Insofern ist eine schöpfungstheologisch vertiefte Vision des Ordo naturalis im Anschluß an die aristotelische Staatslehre gerechtfertigt, ja, wohl notwendig. Freilich gibt es auch Gefahren:

a) Man vergisst sehr leicht die Realität der Erbsünde und kommt zu Optimismen, die naiv und nicht wirklichkeitsgerecht sind.

b) Wenn der Ordo naturalis als eine in sich komplette und des Evangeliums nicht bedürftige Ganzheit angesehen wird, besteht die Gefahr, dass das eigentlich Christliche als ein letztlich überflüssiger Überbau über das natürliche Menschsein erscheint. Tatsächlich kann ich mich erinnern, dass mir einmal der Entwurf für ein Dokument vorgelegt wurde, in dem zwar am Ende fromme Phrasen auftauchten, aber während des ganzen Argumentationsgangs nicht nur Jesus Christus und sein Evangelium, sondern auch Gott nicht vorkamen und so als überflüssig erschienen.

Man glaubte anscheinend, eine rein rationale Naturordnung konstruieren zu können, die dann aber rational doch nicht zwingend ist und andererseits das eigentlich Christliche ins bloß Sentimentale abzudrängen droht. Insofern wird hier die Grenze des Versuchs deutlich sichtbar, einen in sich geschlossenen, genügenden Ordo naturalis auszuarbeiten. P. de Lubac hat in seinem Werk „Surnaturel“ zu beweisen versucht, dass Thomas von Aquin selbst, auf den man sich dabei berief, es gerade nicht so gemeint hatte.

c) Ein wesentliches Problem eines solchen Versuchs besteht darin, dass mit dem Vergessen der Erbsündenlehre ein naives Vernunftvertrauen entsteht, das die tatsächliche Komplexität rationaler Erkenntnis im ethischen Bereich nicht wahrnimmt. Das Drama des Streits um das Naturrecht zeigt deutlich, dass die metaphysische Rationalität, die hier vorausgesetzt wird, nicht ohne weiteres einleuchtet. Mir scheint, dass der späte Kelsen recht hatte, wenn er sagte, die Ableitung eines Sollens aus dem Sein sei nur dann vernünftig, wenn ein Jemand im Sein ein Sollen hinterlegt hat.

Diese These freilich ist für ihn nicht diskussionswürdig. Insofern scheint mir doch alles letztlich am Gottesbegriff zu liegen. Wenn Gott ist, wenn ein Schöpfer ist, dann kann auch das Sein von ihm sprechen und dem Menschen ein Sollen aufzeigen. Wenn nicht, dann wird Ethos letztlich aufs Pragmatische reduziert. Deshalb habe ich in meiner Verkündigung und in meinen Schriften immer auf der Zentralität der Gottesfrage bestanden. Mir scheint, dass dies der Punkt ist, in dem die Vision Ihres Buches und mein Denken grundsätzlich übereinstimmen. Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.

4. Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch „Perché dobbiamo dirci cristiani“ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin. In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken unverständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt.

5. Der Gottesbegriff schließt einen Grundbegriff des Menschen als Rechtssubjekt ein, begründet und begrenzt damit zugleich die Idee der Menschenrechte. Was geschieht, wenn der Begriff der Menschenrechte vom Gottesbegriff abgelöst wird, haben Sie eindringlich und überzeugend in Ihrem Buch dargestellt. Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen. So wird in Ihrem Buch überzeugend klar, dass der vom Gottesbegriff getrennte Begriff der Menschenrechte letzten Endes nicht nur zur Marginalisierung des Christentums, sondern letztlich zu seiner Negation führt. Dieses nach meinem Dafürhalten eigentliche Anliegen Ihres Buches ist angesichts der gegenwärtigen geistigen Entwicklung des Westens, der immer mehr seine christliche Grundlage negiert und sich gegen sie kehrt, von hoher Bedeutung.

Benedikt XVI.

kath.net dankt Seiner Heiligkeit für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung. 

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Quelle

Auszug aus: Andrea Tornielli: Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla


1. EIN TREFFEN AN EINEM
APRILNACHMITTAG

Freitag, 30. April 1999. In Rom hat schon die Invasion der Pilger begonnen, die zur Seligsprechung von Pater Pio von Pietrelcina gekommen sind, des Kapuziners mit den Wundmalen, des „Heiligen vom Gargano“. Ein Heiliger, der bei manchen umstritten ist, der von vielen als „politisch inkorrekt“ angesehen wird, als Symbol einer urtümlichen, wenig modernen Religiosität. Ein Heiliger, der vom christlichen Volk geliebt, sehr geliebt wird.

Ich sehe sie in Gruppen daherkommen, die Pilger, mit ihren blauen Hütchen und den weißen Halstüchern, auf denen das Bild des Paters aufgedruckt ist. Auf dem Platz vor der vatikanischen Basilika wird gerade getestet, ob die Übertragungsanlage funktioniert, und Tausende von jungen Leuten stimmen Gesänge zu Ehren von Johannes Paul II. an. Während ich mit raschem Schritt auf die von der Schweizergarde errichtete Absperrung zugehe, werfe ich einen letzten Blick auf diese Vorhut des Popolo di Padre Pio, „der Gemeinde Pater Pios“, auf diese einfachen Leute, die zur Seligsprechung des stigmatisierten Kapuziners in die Hauptstadt geeilt sind. Im Grunde stellt das, was jetzt gleich geschehen soll, in gewisser Weise eine Revanche dar, gerade für sie. Oder, besser gesagt, keine Revanche, sondern der Beweis, dass, wenn auch langsam, in einem Zeitmaß, das wir nicht verstehen, in der Kirche doch Gerechtigkeit geschieht: Diese unbequeme, blutvolle Persönlichkeit, die so stark dem Traditionalismus anhing und so wenig in die Zeit zu passen schien, die so sehr angefeindet und manchmal auch verfolgt worden war von Prälaten, die nicht immer uneigennützig waren, und sogar von manchen Päpsten, wird nun gleich seliggesprochen werden. Waren die kirchenrechtlichen Sanktionen, die im Laufe seines langen und mühevollen Lebens gegen ihn verhängt worden waren, ungerecht? Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, darüber zu diskutieren. Das, was zählt, ist die Tatsache, dass dieser Ordensmann mit dem ungepflegten Bart und dem unverwechselbaren apulischen Akzent sie im Gehorsam angenommen und sich seinen Oberen unterworfen hat. Er hat gelitten, viel gelitten — nicht nur körperlich, gepeinigt von den Stigmata, sondern auch geistig. Er hat darunter gelitten, nicht verstanden zu werden von seinen Oberen, von Leuten aus der kirchlichen Hierarchie, die des Gewandes, das sie trugen, nicht immer würdig waren. Er ist auch vom Teufel im Laufe seines Lebens versucht worden, zu wiederholten Malen. Er war ein Kapuziner, der von Gott sprach, ohne dabei irgendwelche Abstriche zu machen; der den Glauben in seiner vollen Gestalt vorlegte, der von Jesus und von der Gottesmutter sprach, der die wirksame Gegenwart jenes personalen Wesens, das der Satan, der Versucher ist, nicht verschwieg. Er war ein Kapuziner, der einen guten Teil seines Lebens im Beichtstuhl verbrachte, der dort als Vermittler jener göttlichen Gnade wirkte, die es jedem Menschen ermöglicht, wieder von Neuem zu beginnen und die Reinheit der Taufe wiederzuerlangen. Wie viele Menschen sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, wie viele haben sich vor diesem Beichtstuhl niedergekniet! Wie viele Männer und Frauen, wie viele Schwestern und Mütter, wie viele Eltern und Kinder … Sie riss nicht ab, die Prozession der Gläubigen, der einfachen Gläubigen, in jenem abgelegenen Kloster auf dem Gargano, aus dem dann auch ein großes Krankenhaus entstanden ist, Casa Sollievo della Sofferenza1. Wie viel Leiden und Elend haben die Ohren dieses Ordensmannes gehört, wie viele Häupter haben seine Hände gesegnet, die stets verborgen waren in diesen eigenartigen fingerlosen wollenen Handschuhen, die er auch im Sommer trug, um die Stigmata zu bedecken, die Spuren der Kreuzesnägel, die ihm das Fleisch durchbohrten und ihm unaussprechliche Schmerzen verursachten. Viele, wirklich sehr viele sind nach San Giovanni Rotondo gekommen, als Pater Pio noch am Leben war. Viele, sehr viele besuchen diesen Ort auch weiterhin, jetzt, wo er nicht mehr da ist. Viele Gnaden sind dort geschenkt worden, viele Wunder haben sich ereignet, aber vor allem viele Bekehrungen. Ich denke an diesen ganzen breiten Strom von Gutem, den die göttliche Vorsehung auf die verwundete und leidende Menschheit gelenkt hat. Ich denke an das Gesicht, das dieser ungebildete Kapuziner — der so wenig auf einer Linie liegt mit einer gewissen modernen Theologie, mit gewissen Vertretern der kirchlichen intellighenzia2, die die Volksreligiosität mit Argwohn betrachten, als ob sie ein archaisches Phänomen wäre, das man exorzieren müsste — machen würde, wenn er heute über den Petersplatz gehen würde.

Ich schaue mir die Pilger an und beobachte dann die mittlere Loggia der vatikanischen Basilika. Ein riesiges Tuch mit dem Bild von Pater Pio aus Pietrelcina wird in

1 „Haus der Linderung des Leidens“.
2 Eine Gruppe der wissenschaftlich Gebildeten.

wenigen Stunden auf diesem Platz, der als das Herz der Christenheit gilt, enthüllt werden, sobald der greise Papst die lateinische Seligsprechungsformel gesprochen haben wird. Ich denke an die große, grenzenlose Freude all derer, die in ihren — oft ärmlichen — Häusern ein Bild des „Heiligen vom Gargano“ hängen haben, an die, die ihn immer angerufen haben, an die, die ihn geliebt haben. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich die bereits müden Pilger betrachte, die aus ihren Bussen aussteigen, mit ihren Picknicktüten und ihren Klappstühlchen, mit denen sie im Sitzen an der Zeremonie teilnehmen können.

Dann schaue ich nach oben zum Apostolischen Palast, in dessen Räumen Johannes Paul II. gerade arbeitet, der erste polnische Papst der Kirchengeschichte. Ihm schreibt man den entscheidenden Stoß zu, der zum Fall des Kommunismus geführt hat, und zweifellos hat er, der aus dem Osten gekommen ist, um die Welt daran zu erinnern, dass der Eiserne Vorhang die Völker und die Kulturen nicht zu trennen vermag, zum Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus im Jahre 1989 beigetragen. Die Welt, die sich nunmehr für befriedet hielt, hat dann neue Kriege gesehen, im Nahen Osten und auch in Europa, nur wenige hundert Kilometer von uns entfernt im ehemaligen Jugoslawien. Die Kämpfe des Kosovo-Krieges sind eben erst zu Ende. Welch ein Irrtum ist es, die Gestalt dieses Giganten des 20. Jahrhunderts allein mit politischen oder geopolitischen Maßstäben zu messen! Wer Johannes Paul II. kennengelernt hat, wer ihn hat beten sehen, hegt keinen Zweifel daran, dass dieser Papst, der gleich Pater Pio zur Ehre der Altäre erheben wird, ein Mystiker ist, ein Mystiker, der fähig ist, die Geschichte, die Vergangenheit, die Gegenwart und auch die Zukunft im Lichte des Glaubens zu lesen, im Lichte des Handelns Gottes. Es sind völlig unterschiedliche Geschichten, die von Pater Pio von Pietrelcina, mit bürgerlichem Namen Francesco Forgione, und die von Johannes Paul II., mit bürgerlichem Namen Karol Wojtyla. Es sind verschiedene Geschichten, weit voneinander entfernte Wege, die doch so sehr vereint sind durch das Leiden und durch die vollständige Hingabe an den Willen Gottes in jedem Augenblick der Existenz. Und es sind Geschichten, die begonnen haben, sich an einem Aprilabend im Jahre 1948 zu überschneiden, als ein junger polnischer Priester auf den Gargano hinaufsteigt, nach einer stundenlangen Zugfahrt, um diesen Pater persönlich kennenzulernen, von dem in Rom viele reden. Und diese Geschichten sind dazu bestimmt, sich noch weiter zu überschneiden. An ihrem Ende ist dieser magere polnische Priester mit den hohlen Wangen Papst geworden, er hat in seinem eigenen Fleisch das Leiden kennengelernt, er ist dem Tod ganz nahegekommen durch die Kugeln, die der türkische Attentäter am 13. Mai 1981 abgefeuert hat. Und jetzt bereitet er sich darauf vor, auf diesem selben Platz, der ihn fast zum Märtyrer hätte werden lassen, Pater Pio seligzusprechen. Derselbe Ordensmann, auf den der Bannstrahl des Heiligen Offiziums3 niedergefahren war, wird jetzt der Kirche als Beispiel vor Augen gestellt.

Es ist Nachmittag, und ich bin in einem der kirchlichen Paläste auf der anderen Seite des Tibers mit einem alten Monsignore verabredet, mit einem Kanoniker von Sankt

3 „Heiliges Offizium“ ist die alte Bezeichnung für die „Kongregation für die Glaubenslehre“.

Peter, und zwar um mit ihm eben über Pater Pio zu sprechen. Er ist ein typischer Mann aus der Romagna, ein großer Kenner der lateinischen Sprache, ein treuer Mitarbeiter vieler Päpste, und er schätzt den stigmatisierten Mönch sehr. Seit vielen Jahren hat er infolge eines Schlaganfalls gewisse Schwierigkeiten beim Sprechen und beim Gehen, aber das hindert ihn nicht, die Messe zu feiern und noch andere pastorale Aktivitäten zu übernehmen, wenn auch als Pensionär. Gerade er war — ohne es zu wissen — der Vermittler eines „Wunders“, einer besonderen Gnade, die durch die Fürbitte von Pater Pio erlangt worden war, und zwar im Jahre 1962 auf die Bitte von Karol Wojtyla hin, als der zukünftige Papst noch der junge Weih-bischof und Kapitularvikar in Krakau war. Eine Geschichte, über die jahrelang nur getuschelt worden war und die dann nach der Wahl Johannes Pauls II. wieder ans Licht kam. Und ein Wunder, das nach strenger Logik gar nicht als solches bezeichnet werden kann, weil es niemals von der medizinischen Kommission der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse offiziell bestätigt und dokumentiert worden ist. Jedoch war bis zu diesem Moment niemand direkt zurückgegangen bis zu ihm, zu Mons. Guglielmo Zannoni, einem betagten Prälaten mit einem lächelnden Gesicht hinter einer dicken Brille, der jetzt, vor meinen Augen, in der Residenz der Kanoniker von Sankt Peter mit kurzen, schnellen Schritten seine Wohnung durchmisst, wobei er ein Bein leicht nachzieht. Er ist fünfundachtzig Jahre alt, stammt aus Rimini und trägt einen blauen Pullover aus schwerer Wolle, obwohl sich die milde Wärme des schon fortgeschrittenen Frühlings in Rom deutlich bemerkbar macht. Seine Füße stecken in einem Paar schwarzer Filzpantoffeln.

„Ich hab’s gleich für Sie … noch einen Moment Geduld!“, sagt er zu mir, während er sich vom einen Ende seines Arbeitszimmers zum anderen bewegt und sich an Schubladen, Mappen, Ordnern zu schaffen macht. Er ist auf der Suche nach ein paar Dokumenten, die er mir vorlegen will. Aus einer staubigen Mappe kommen alte Schwarz-Weiß-Aufnahmen zum Vorschein, die ihn an der Seite von Johannes XXIII. und Paul VI. zeigen. Aber die Briefe, die er sucht, tauchen noch nicht wieder auf. In der Zwischenzeit habe ich das Aufnahmegerät herausgeholt, weil ich hoffe, mit einem Interview in die Redaktion des Giornale4 zurückkehren zu können — und ich werde nicht enttäuscht werden.

„Gemäß meinen bescheidenen Möglichkeiten und ohne es zu wissen, bin ich zum Vermittler für ein Wunder geworden, das Karol Wojtyla von Pater Pio erbeten hat“, flüstert Mons. Guglielmo Zannoni, der sechzig Jahre als Priester im Dienste des Heiligen Stuhls verbracht hat. Schließlich gibt eine Schublade des Schreibtisches aus dunklem Nussbaum das so sehr gesuchte Dokumentenbündel frei. Es sind Dokumente, die vom Glauben sprechen, von der Bitte um Gnade, von Wundern — mit einem Wort: vom Christentum. Wenige Meter Luftlinie von seiner Wohnung im zweiten Stock der Domherrenkurie von Sankt Peter entfernt ist jetzt, an diesem Frühjahrsnach¬mittag mit seinem bleiernen Himmel, alles bereit für die Zeremonie.

„Im November 1962, während des Ökumenischen Konzils, des Zweiten Vatikanums, das gerade eröffnet worden war“, erzählt Zannoni, „war Karol Wojtyla, damals Weih-

4 II Giornale ist eine italienische Tageszeitung mit Sitz in Mailand.

bischof in Krakau, hier in Rom, um an der Arbeit des Konzils teilzunehmen. Er hatte einen Freund an der Kurie, einen Kommilitonen aus dem Seminar, den ich jeden Tag in der Kantine von Santa Marta beim Mittagessen traf: Mons. Andrzej Deskur, heute Kardinal. Eines Tages zeigte mir Deskur einen in Latein geschriebenen Brief und fragte mich, wie er ihn Pater Pio zukommen lassen könne.“ Der Brief, von dem der betagte Prälat noch eine verknitterte Kopie besitzt, ist auf den 17. November 1962 datiert und wurde von dem zukünftigen Papst geschrieben, als der im Pontificio Collegio Polacco, dem Päpstlichen Polnischen Kolleg, weilte:

„Ehrwürdiger Vater, ich bitte Dich, für eine Mutter von vier Töchtern zu beten, die vierzig Jahre alt ist und in Krakau in Polen lebt. Während des letzten Krieges war sie fünf Jahre lang als Gefangene in einem Konzentrationslager in Deutschland. Jetzt ist sie schwer krebskrank und schwebt in Lebensgefahr …“

Die Frau ist Wanda Poltawska, eine Altersgenossin und Freundin der Familie des Pontifex, Professorin für Psychiatrie. Damals war sie in Lebensgefahr wegen einer schweren Form von Darmkrebs: Die Ärzte waren schon zu dem Ergebnis gekommen, dass auch ein chirurgischer Eingriff keinen Sinn mehr habe, weil der zu entfernende Teil zu umfangreich sei.

„Ich habe Pater Pio gut gekannt“, erzählt Zannoni weiter, mit seinen lebhaften Augen, die mich aufmerksam betrachten und sich immer wieder auf die Säulenreihe jenes Platzes richten, der binnen Kurzem der Schauplatz der Seligsprechung sein wird. „Ich war eng befreundet mit Angelo Battisti, der in der Woche als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete und dann für den Samstag und den Sonntag nach San Giovanni Rotondo fuhr und als Verwalter des Krankenhauses Casa Sollievo della Sofferenza fungierte. Ihm gab ich den Brief des Krakauer Weihbischofs mit der Bitte, ihn Pater Pio persönlich auszuhändigen.“ Battisti fuhr sofort los. „Sobald er im Kloster angekommen war, bat ihn der Pater, ihm das Schreiben vorzulesen“, erzählt der Monsignore mit einer von der Emotion belegten Stimme. „Nachdem er die Bitte angehört hatte, lautete der einzige Kommentar von Pater Pio: ,Angelino, dazu kann man nicht Nein sagen.“

Danach vergehen elf Tage im Schweigen. Dann überreicht Deskur seinem Freund Zannoni, den er jeden Tag in der Kantine trifft, einen zweiten Brief. Der Monsignore sorgt sofort dafür, dass er — auf dem üblichen Wege an sein Ziel gelangt, nämlich in die Hände von Pater Pio. „Das zweite Schreiben ist auf den 28. November 1962 datiert“, erläutert Zannoni, „und ebenso wie das vorige in Latein geschrieben.“

„Ehrwürdiger Vater, die Frau aus Krakau, die Mutter von vier Töchtern, ist am 21. November, noch vor dem chirurgischen Eingriff, plötzlich genesen. Danken wir Gott dafür! Und ich danke ganz besonders Dir, ehrwürdiger Vater, auch in ihrem Namen und im Namen ihres Mannes und ihrer ganzen Familie.“

Der furchtbare Darmkrebs war auf einmal verschwunden. Wanda Poltawska ist am Leben, sie ist auch heute noch am Leben, am Tag vor der Seligsprechung von Pater Pio, siebenunddreißig Jahre nach der tragischen Krankheit und der unerklärlichen Genesung. „Niemand konnte sich damals vorstellen, dass dieser junge polnische Bischof, der nach Rom gekommen war, um am Konzil teilzunehmen, eines Tages Papst werden würde“, sagt Zannoni mit einem Lächeln zu mir, „niemand — außer Pater Pio.“ Einige Jahre später, kurz bevor er starb, wollte der stigmatisierte Ordensmann seine Korrespondenz vernichten. „Angelo Battisti war derjenige, der ihm half, seine Papiere in Ordnung zu bringen. Und als ihm die beiden Briefe mit der Unterschrift Karol Wojtylas in die Hände fielen, sagte Pater Pio: ,Bewahre du sie auf, denn sie werden eines Tages wichtig werden.“ So verwahrte der Mann, der als Schreibkraft im Staatssekretariat arbeitete, die Briefe in einer Schublade seiner Wohnung und vergaß sie. „Im Oktober 1978″, fährt Monsignore Zannoni fort, „sogleich nach der Wahl Papst Johannes Pauls II., holte Angelino Battisti sie heraus und gab mir eine Kopie davon. Auch wenn sie im Seligsprechungsprozess nicht offiziell berücksichtigt worden sind — sie haben doch dazu geführt, dass der Papst die Sache von Pater Pio in Betracht gezogen hat.“ Und in der Tat hatte Karol Wojtyla, als er Erzbischof von Krakau und Kardinal geworden war, dieses unerwartete Wunder, diese besondere Gnade, die auf die Fürbitte des Ordensmannes vom Gargano hin gewährt worden war, nicht vergessen. Er hatte ein Gesuch der polnischen Bischöfe an Papst Paul VI. initiiert, das um die Eröffnung eines Seligsprechungsprozesses für Pater Pio bat. „Und als er dann zum Papst gewählt worden war, hat er selbst dafür gesorgt …“, sagt Zannoni, während er den Vorhang vor dem Fenster seines Arbeitszimmers zur Seite schiebt und auf den Platz hinunterschaut.

„Es ist für mich eine große Genugtuung, eine große Freude“, flüstert er, während ein Lächeln über sein ganzes Gesicht geht. „Pater Pio hat viel gelitten, sehr viel, es hat eine Zeit gegeben, als man im Vatikan nicht einmal seinen Namen nennen durfte. Und zu mir, der ich zu den wenigen gehörte, die ihn verteidigten, sagte man, ich solle schweigen. Aber ich war sicher, dass er ein Heiliger war. Ich habe immer daran geglaubt und bin deswegen öfter zu ihm gefahren.“

Bevor ich gehe, mit den beiden Briefen, die in meiner Zeitung abgedruckt werden sollen, stelle ich dem Monsignore, dessen Gesicht vor Heiterkeit, ja vor Glück strahlt, nachdem er mir diese Geschichte erzählt hat, eine letzte Frage: „Monsignore, werden Sie auch bei der Zeremonie anwesend sein, die Johannes Paul II. feiern wird?“ — „Normalerweise gehe ich nicht hin, wegen meines Alters“, antwortet er mir, steht auf und geht noch einmal ans Fenster. „Aber Sie können sicher sein: In zwei Tagen werde ich, so Gott will, da sein und auf dem Petersplatz sitzen. Ja, ich werde auch da sein. Für mich gehört Pater Pio sozusagen zur Familie … Es wird ein großer Tag werden.“

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Quelle: Buch: Andrea Tornielli – Das Geheimnis von Pater Pio und Karol Wojtyla – Media Maria

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Der Trick mit dem ‚eucharistischen Hunger’

Archivfoto Walter Kardinal Brandmüller

Der geradezu gewaltsam konstruierte Fall eines ‚eucharistischen Hunger’ leidenden nichtkatholischen Mischehenpartners ist eine peinliche, melodramatische Inszenierung. Ein Gespräch mit Walter Kardinal Brandmüller. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Die deutsche Bischofskonferenz kündigte an: „Die Orientierungshilfe geht davon aus, dass in konfessionsverschiedenen Ehen im Einzelfall der geistliche Hunger nach dem gemeinsamen Empfang der Kommunion so drängend sein kann, dass es eine Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner nach sich ziehen könnte, ihn nicht stillen zu dürfen. Das gilt insbesondere für die Ehepaare, die ihre Ehe sehr bewusst aus dem gemeinsamen christlichen Glauben leben möchten und deren Ehe schon jetzt die Konfessionen verbindet. Hier kann ein ‚schwerwiegendes geistliches Bedürfnis’ entstehen, das es nach dem Kirchenrecht (auf der Grundlage von c. 844 § 4 CIC) möglich macht, dass der evangelische Ehepartner zum Tisch des Herrn hinzutritt, wenn er den katholischen Eucharistieglauben bejaht.

Deshalb ist die zentrale Aussage des Dokumentes, dass alle, die in einer konfessionsverbindenden Ehe nach einer reiflichen Prüfung in einem geistlichen Gespräch mit dem Pfarrer oder einer mit der Seelsorge beauftragten Person zu dem Gewissensurteil gelangt sind, den Glauben der katholischen Kirche zu bejahen sowie eine ‚schwere geistliche Notlage’ beenden und die Sehnsucht nach der Eucharistie stillen zu wollen, zum Tisch des Herrn hinzutreten dürfen, um die Kommunion zu empfangen. Wichtig ist: Wir sprechen über Einzelfallentscheidungen, die eine sorgfältige geistliche Unterscheidung implizieren.“

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In einem Vortrag an der University of Notre Dame in Sydney (Australien) vom 24. Februar beschreibt und verurteilt der frühere Mitarbeiter der Kongregation für die Glaubenslehre P. Thomas Weinandy OFM den Angriff von präzedenzloser Schwere, den einige der von Papst Franziskus ermutigten „pastoralen“ Theorien und Praktiken gegen die „eine, heilige und apostolische“ Kirche und besonders gegen die Eucharistie, „fons et culmen“ des Lebens der Kirche selbst, hervorbrächten. Dabei bezog er sich vor allem auf umstrittene „liberale“ Interpretationen des Apostolischen Schreibens „Amoris laetitia“, dessen Betonung des „Gewissens des Einzelnen“, der besonderen Situation von „Einzelfällen“ und der „Unterscheidung und Begleitung“, die zu einer Gewissensbildung führen sollen.

Nun spricht auch die deutsche Bischofskonferenz in ihrer pastoralen Orientierungshilfe für die Begleitung von konfessionsverschiedenen Ehepaaren von „Einzelfallentscheidungen, die eine sorgfältige geistliche Unterscheidung implizieren“, „wenn es um einen gemeinsamen Kommunionempfang geht“. Dies führt zu verschiedenen Fragen. Ein grundlegendes Problem bildet der Begriff der „Unterscheidung“: wie soll dieser verstanden werden? Wie die Betonung des „Einzelfalls“?

Die deutschen Bischöfe erklären: „Die Orientierungshilfe geht davon aus, dass in konfessionsverschiedenen Ehen im Einzelfall der geistliche Hunger nach dem gemeinsamen Empfang der Kommunion so drängend sein kann, dass es eine Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner nach sich ziehen könnte, ihn nicht stillen zu dürfen“.

Nun: was soll man sich unter einem „eucharistischen Hunger“ vorstellen? Hat ein derartiger Begriff einen theologischen Hintergrund? Wie kann es da sogar zu einer „Gefährdung der Ehe und des Glaubens der Ehepartner“ kommen, wenn konfessionsverschiedene Paare nicht gemeinsam die Eucharistie empfangen können? Dann: schließt ein derartiger angenommener „Hunger“ nicht ein, dass sich in der Eucharistie der Gläubige mit der Kirche als „corpus mysticum Christi“ vereint? Sollte man demnach nicht besser mit dem nichtkatholischen Ehepartner „unterscheidend“ darauf hinarbeiten, dass er seinen Glauben an die eine Kirche bekennt, die in der katholischen Kirche „subsistiert“, wie das II. Vatikanische Konzil dies nennt?

Zudem stellt sich die Frage nach der Richtigkeit und Berechtigung des Hinweises auf Can. 844 CIC, besonders §4 und §5. Handelt der Kanon nicht eher von (orthodoxen) Kirchen, die zwar von Rom getrennt sind, aber dasselbe Eucharistieverständnis haben? Und deren Sakramente allesamt „gültig“ sind, da sie das Weihepriestertum kennen? Kann der im Kanon zitierte „Notfall“ einfach „zeitlos“ ausgeweitet werden, ohne damit dem Kanon zu widersprechen oder ihn einfach instrumentalisierend zu verfälschen und zu entleeren?

Es entsteht der Eindruck, dass nun unter der vordergründigen Behauptung des „Einzelfalls“ und des „Notfalls“ schleichend die Tür für eine allgemeine Interkommunion geöffnet werden soll. Dies aber widerspricht in dieser Form der Lehre der Kirche, dabei insbesondere den klaren Aussagen des heiligen Johannes Pauls II. in seine Enzyklika „Ecclesia de Eucaristia“ über die Eucharistie in ihrer Beziehung zur Kirche (17. April 2003) und der Lehre Papst Benedikts XVI, wie sie in seinem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Sacramentum caritatis“ (22. Februar 2007) formuliert ist.

Und es stellt sich die weiterreichende Frage: wie kann/soll man sich diesen Drang zur Interkommunion vorstehen? Ist auch dies vielleicht Zeichen des von Weinandy festgestellten Angriffs auf die Eucharistie, das heißt auf das Wesen und den Mittelpunkt der Kirche? Macht die emotional aufladende Rede vom „eucharistischen Hunger“ und der Gefahr, die sich aus einem Nichtstillen dieses Hungers ergeben soll, nicht ein defizitäres oder wenigstens reduktives Eucharistieverständnis sichtbar, wo es weniger um das „corpus Christi“ geht als vielmehr um einen gemeinschaftlichen Akt des (symbolisch überladenen und ontologisch unterbelichteten) „Mahles“ geht?

Fragen über Fragen, verbunden mit Eindrücken und im Bewusstsein einer sich ausbreitenden relativistischen Mentalität, die die wichtigste Frage nach Wahrheit und Gerechtigkeit zugunsten von anderem Vordergründigen abdrängt und die Substanz als solche schädigen will.

Ein klärendes Wort scheint dringend notwendig zu sein. Der Theologe und Kirchenhistoriker Walter Kardinal Brandmüller ist hierzu wohl der beste Referenzpunkt. Und die Eminenz war bereit, sich in einem ausführlichen „Kamingespräch“ Gedanken zu machen.

Walter Kardinal Brandmüller 

„Es geht also wieder einmal um die Spendung der heiligen Kommunion an nichtkatholische Christen-Ehepartner“, meinte der Kardinal mit seinem milden Lächeln, mit dem der fast 90jährige seinen Blick auf die Wirklichkeit in ihrer Geschichte und Aktualität zu richten gewohnt ist: „Da sollte man vorab einige Fragen stellen: Welche Rolle spielt dabei die Nicht-Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche? Was ist eigentlich ‚Kirche’? Ein Unternehmen zwecks Weltverbesserung? Eine NGO für Lebenshilfe? In diesen oder ähnlichen Fällen wäre unsere Themafrage nach Kriterien wie Nützlichkeit, Machbarkeit, Erfolgschancen zu beantworten“.

„Nun aber ist ‚Kirche’ eine Wirklichkeit“, so Brandmüller weiter, „der diese Begriffe eher fremd sind. Die Kirche ist Werk Gottes, sie ist die sichtbare, erfahrene Gestalt, in welcher der Auferstandene Christus in der Welt sein Erlösungswerk fortsetzt. Das ist festzuhalten, wenn es um Kirche und allem mit ihr Zusammenhängendem geht. Und nun zur Themafrage zurück. Auch hier besteht akuter Klärungsbedarf. Viele sprechen da von ‚Abendmahl’. Da kommen dann Begriffe wie Mahlgemeinschaft, Einladung, Gastfreundschaft etc. ins Spiel. Das alles ist – in gewissem Sinn – wohl wahr. Aber: Eucharistie, Kommunion im katholischen und orthodoxen Verständnis ist etwas wesentlich anderes.

Nach katholisch-orthodoxer Überzeugung werden in der Feier der Eucharistie – der heiligen Messe – Brot und Wein wahrhaft, wirklich und ihrem Wesen nach in Leib und Blut Jesu Christi verwandelt. Am Abend vor seinem Leiden hat Christus Brot und Wein genommen und es den Jüngern gereicht: Nehmt und esst – trinkt: das ist mein Leib, das ist mein Blut, und: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Gerade aber darum geht es, wenn von Kommunion die Rede ist. Es geht um den wahrhaft, wirklich und dem Wesen nach (also sinnlich nicht wahrnehmbar) gegenwärtigen Christus in der sinnlich wahrnehmbaren Form von Brot und Wein“.

„Kommunion ist also“, unterstrich Brandmüller, „die Vereinigung des erlösten Menschen mit dem im Mysterium gegenwärtigen Christus. Ein Geschehen, das sich in den existentiellen Tiefen des Gläubigen ereignet. Eben darum sagt der Apostel Paulus: ‚Wer also unwürdig von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am Leib und am Blut des Herrn’. Wer dies tut, – so der Apostel – ‚der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt’. Das also gilt es zu bedenken, wenn von fallweiser Zulassung zur Kommunion die Rede ist.

Wenn nun das Papier der Bischofskonferenz von Einzelfällen spricht, in denen ebendies möglich sein soll, so ist das an und für sich nur ein taktischer Schritt in Richtung Interkommunion mit Nichtkatholiken überhaupt. Ein Ziel, das vor allem Protestanten, aber auch einige katholische Bischöfe anstreben“. Der Kardinal blickte auf, das Lächlen war einem ernsten Blick gewichen: „Man nennt ein solches Vorgehen auch ‚Salami-Taktik’. Und: steter Tropfen höhlt den Stein. Eine ganz und gar unehrliche ‚Masche’, um zum eigentlichen Ziel zu kommen.

Der geradezu gewaltsam konstruierte Fall eines ‚eucharistischen Hunger’ leidenden nichtkatholischen Mischehenpartners ist eine peinliche, melodramatische Inszenierung, um nicht zu sagen ‚Kitsch’: ‚Man merkt die Absicht und man ist verstimmt’. Ein Christ, der wahrhaft nach der heiligen Kommunion verlangt, und der weiß, dass es keine Eucharistie ohne Kirche und keine Kirche ohne Eucharistie gibt, bittet um Aufnahme in die Kirche. Alles andere wäre fragwürdig und unehrlich. Die Kirche ist kein Selbstbedienungsladen, in dem man auswählt, was gefällt, und das andere im Regal stehen lässt. Hier gilt: ‚Alles, oder nichts’!“

„Alles oder nichts“… nun, genau diesem Anspruch sollte entgangen werden. Brandmüller weiter: „Und nun zieht man – auf einmal spielt sogar das sonst so verachtete Kirchenrecht eine Rolle – den Codex Iuris Canonici heran. In der Tat bestimmt dieser im Can. 844 §3, dass es einem katholischen Priester erlaubt ist, Lossprechung, Krankensalbung und Eucharistie orthodoxen Gläubigen, die in rechter Weise disponiert sind und darum bitten, zu spenden.

Und dann folgt in §4: ‚Wenn Todesgefahr besteht, oder nach dem Urteil des Bischofs oder der Bischofskonferenz eine andere schwere Notlage (!) dazu drängt, können diese Sakramente auch den übrigen, nicht in der vollen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche stehenden Christen, die einen Spender der eigenen Gemeinschaft nicht ansprechen können (!!), und von sich aus darum bitten – sofern sie bezüglich dieser Sakramente den katholischen Glauben bekennen und in rechter Weise disponiert sind (!!) –, gespendet werden’“.

Für den Kardinal „ist offenkundig, dass hier an Situationen wie Todesgefahr, Gefangenschaft usw. gedacht ist. Man denke nur an die Situation in den Gestapogefängnissen nach dem 20. Juli 1944, aber, bitte, nicht an einen undefinierbaren ‚eucharistischen Hunger’. Und: was heißt ‚in rechter Weise disponiert’? Damit ist Freiheit von schwerer Sünde und ehrliche Absicht, das Sakrament zu empfangen, gemeint“. Zu fragen wäre dann für Brandmüller auch, „warum ein Nichtkatholik, der die oben genannten Bedingungen erfüllt, und sich nicht in einer Notlage befindet, nicht einfach um Aufnahme in die Kirche bitten soll.

Und der Kardinal sieht die eigentliche Gefahr: „Der üble Trick bei der genannten Argumentation besteht darin, Regelungen für existentielle Extremsituationen auf den normalen Alltag auszuweiten. Ehrliches ökumenisches Bemühen verschmäht derartige Winkelzüge“. Denn:

„Es ist die Wahrheit, die frei macht. Und ganz zum Schluss: Die Kirche kann mit den Sakramenten nicht einfach tun, was sie will: Der Apostel Paulus sagt: ‚So soll man uns betrachten: als Diener Christi und als Verwalter von Geheimnissen Gottes’. Verwalter. ‚Von Verwaltern aber verlangt man, dass sie sich als treu erweisen…’, sagt der Apostel Paulus“.

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Demut und Anmut: Zum Abschied von Benedikt am 28. Februar 2013

 

Am heutigen Tag vor fünf Jahren verabschiedete sich Papst Benedikt XVI. – EWTN-Romkorrespondent Paul Badde schrieb dazu diesen Abschied unter der Überschrift „Demut und Anmut„.

Rom, 28. Februar 2013, 18.00 Uhr

Der Verzicht Papst Benedikt XVI. auf sein Amt ist ein einmaliges Ereignis, doch ganz ohne Beispiel ist er nicht. Er zieht sich nicht gescheitert, sondern so souverän zurück wie Karl V., der kein Papst, sondern Kaiser war, aber eine der größten Herrschergestalten des Abendlands, als er am 25. Oktober 1555 die Krone ablegte, um sich nach Spanien in ein Kloster zurückzuziehen.

Es war eine der ergreifendsten Szenen der Geschichte Europas. 1530 war Karl V. vom Papst zum letzten römisch-deutschen Kaiser gekrönt worden. Sein Reich, in dem die Sonne nie unterging, erstreckte sich über mehrere Erdteile. In seiner Regierungszeit war es zur Spaltung der Christenheit in Europa gekommen. Auch die Eroberung Mexikos und des Inkareiches, der „Sacco di Roma“ und die Abwehr der Türken fielen unter seine Regentschaft. Nun übergab er in seinem Brüsseler Hof gichtgebeugt, in schwarzem Samt, in Trauerkleidung wie zu seiner eigenen Beerdigung, gestützt auf Wilhelm von Oranien, die Herrschaft an seinen Sohn Philipp. Sein Rückblick zum Abschied muss deshalb hier kurz im Wortlaut zitiert werden.

„Vor vierzig Jahren wurde ich König von Spanien, dann selbst Kaiser – nicht um über noch mehr Reiche zu gebieten, sondern um für das Wohl Deutschlands und der anderen Reiche zu sorgen, der gesamten Christenheit Frieden und Eintracht zu erhalten und zu schaffen und ihre Kräfte gegen die Türken zu wenden. Große Hoffnungen hatte ich. Nur wenige haben sich erfüllt, und nur wenige bleiben mir. Das hat mich schließlich müde und krank gemacht. Ich habe alle Wirrnisse nach Menschenmöglichkeit bis heute ertragen, damit niemand sagen könnte, ich sei fahnenflüchtig geworden. Aber jetzt wäre es unverantwortlich, die Niederlegung noch länger hinauszuzögern. Meine Kräfte reichen einfach nicht mehr hin. Ich weiß, dass ich viele Fehler begangen habe, große Fehler, erst wegen meiner Jugend, dann wegen des menschlichen Irrens und wegen meiner Leidenschaften, schließlich aus Müdigkeit. Aber bewusst habe ich niemandem Unrecht getan, wer es auch sei. Sollte dennoch Unrecht entstanden sein, geschah es ohne mein Wissen und nur aus Unvermögen: Ich bedaure es öffentlich und bitte jeden, den ich gekränkt haben könnte, um sein Verzeihen.“

Mönch wurde Karl V. danach zwar nicht, doch er zog sich tatsächlich in das Kloster San Jerónimo de Yuste in einen Winkel Spaniens zurück, um sich die letzten drei Jahre seines Lebens von seinem Lager aus in die blutunterlaufenen Augen des verhöhnten Hauptes Christi zu versenken, in das Antlitz des gepeinigten Königs der Könige, vor dem der vormals mächtigste Herrscher Europas am 21. September 1558 schließlich für immer seine Augen schloss. Ecce homo!

Die Parallele sprang in die Augen, als Benedikt XVI. vor zwei Wochen in seiner pelzbesetzten roten Mozetta und der päpstlichen Feststola in seinem Palast vor die anwesenden Kardinäle trat. Er war der erste Papst des neuen Jahrtausends. Auch in seinem „Reich“ ging die Sonne nicht unter, das dennoch nicht ganz von dieser Welt ist. Größer war die römisch-katholische Kirche noch nie. Neue und unerhörte Herausforderungen hatten auf den Pontifex Maximus gewartet. Er war ein oberster Brückenbauer zwischen auseinanderdriftenden Universen, die Benedikt XVI. fest im Blick hatte, als er auf Lateinisch folgende Erklärung vorlas: „Nachdem ich wiederholt mein Gewissen vor Gott geprüft habe, bin ich zur Gewissheit gelangt, dass meine Kräfte infolge des vorgerückten Alters nicht mehr geeignet sind, um in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben. Ich bin mir sehr bewusst, dass dieser Dienst wegen seines geistlichen Wesens nicht nur durch Taten und Worte ausgeübt werden darf, sondern nicht weniger durch Leiden und durch Gebet. Aber die Welt, die sich so schnell verändert, wird heute durch Fragen, die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind, hin- und hergeworfen. Um trotzdem das Schifflein Petri zu steuern und das Evangelium zu verkünden, ist sowohl die Kraft des Körpers als auch die Kraft des Geistes notwendig, eine Kraft, die in den vergangenen Monaten in mir derart abgenommen hat, dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen. Im Bewusstsein des Ernstes dieses Aktes erkläre ich daher mit voller Freiheit, auf das Amt des Bischofs von Rom, des Nachfolgers Petri, das mir durch die Hand der Kardinäle am 19. April 2005 anvertraut wurde, zu verzichten. Ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.“ Nun breche er auf zum Berg des Gebets, zu dem er sich von Gott gerufen fühle.

Seine Biografie scheint überwölbt von einem Kosmos voller Zeichen. Selbst das Wetter spielte da mit, vom Regenbogen über Auschwitz, als er in Birkenau als Papst aus Deutschland das Wort ergriff, bis zum Blitz in die Peterskuppel am Abend seines Rücktritts. Er wurde geboren an einem Karsamstag, zwischen Karfreitag und Ostern. Es war am 16. April aber auch das Patrozinium der kleinen Bernadette Soubirous, der Seherin von Lourdes. Die Madonna von Lourdes hingegen ist die Patronin des 11. Februar, an dem Benedikt XVI. nun seinen Rücktritt erklärte. Am 28. Februar 1982 hatte er sich in München als Erzbischof von München und Freising verabschiedet; einunddreißig Jahre später verabschiedete er sich nun im Vatikan am 28. Februar 2013 als Bischof von Rom und Papst der Weltkirche. Ein Timing nach himmlischer Regie scheint sein Leben zu regieren, in dem der große Konservative sein letztes Amt dennoch wohl nüchterner und moderner betrachtete als viele seiner Vorgänger.

Dass er in seiner Nachfolge des Apostels Petrus den Felsen verkörperte, auf dem Jesus von Nazareth nach katholischem Verständnis die Kirche gegründet hat, mochte er nie bezweifeln. Als Theologe wusste er aber auch, wie schwach Petrus war. Nach dem Zeugnis der Evangelien war er der einzige Mensch, für den Jesus selbst gebetet hat. Doch Fels ist Fels. Als Benedikt XVI. gewahr wurde, dass er zerbröselte, trat er konsequent zurück, um angesichts der vielen Herausforderungen einem felsenfesten Nachfolger den Weg frei zu machen. Er flieht sein Amt nicht, er hat es bereichert. Er verlässt nicht das brennende Rom, er muss sich von Jesus am Stadtrand nicht fragen lassen: „Wohin gehst du?“ (Quo vadis?), sondern er siedelt zum Gebet in den letzten Innenraum der Kirche über. „Du aber, stärke deine Brüder!“, hieß der letzte Auftrag Jesu an Petrus. Diesem Auftrag kommt Benedikt nun im Gebet nach. Sein Martyrium ist damit noch nicht zu Ende. Doch er tritt auch vom Fenster des päpstlichen Palastes zurück, um in den kommenden Jahren dort oben nicht in Konkurrenz zu treten zu der heroischen Agonie seines Vorgängers. Zu dieser Demut gehörte Mut. Und Anmut.

Sein Vermächtnis? „Aufklärung“ ist das deutsche Wort, das darin vielleicht die größte Rolle spielt, wie im Leben Joseph Ratzingers. Der Begriff stand auch wie ein Stern über seinem Pontifikat. Eine radikale Aufklärung der katholischen Kirche über sich selbst bleibt der Nachlass im Werk des zarten Mannes, in seinen verschiedenen Ämtern. Aufklärung über die eigenen Sünden, über alle Formen des Missbrauchs, über die Abwege und Sackgassen der Theologie, über das II. Vatikanische Konzil, den rechten Verstand der Tradition, über die Verwurzelung des Christentums im Judentum, über die überlebensnotwendige Annahme der Herausforderung eines Dialogs der Christenheit mit dem Haus des Islams, eine Aufklärung über die göttliche Liturgie und über das Mysterium des Bösen. Am Schluss hat er sich mit einem Paukenschlag der Aufklärung verabschiedet. Seinem Nachfolger hinterlässt er ein Dossier von drei Kardinälen über den Zustand der Kurie, wie er es selbst bei seinem Dienstantritt nur zu gut hätte gebrauchen können. Glasnost. So transparent wie unter ihm war es im Vatikan noch nie – auch nicht, was das Profil der katholischen Weltkirche betraf.

Das hat nicht allen gefallen, am wenigsten vielen Deutschen. Von einer „Befreiung in Rom“ schrieb Bernd Ulrich nach dem Verzicht Benedikts XVI. auf sein überschweres Amt. Wer den Leitartikel las, konnte darin auch von einer Entlastung erfahren – die allerdings nicht der Papst, sondern die Deutschen durch diesen Schritt erfahren haben. Tatsächlich fällt mit dem Verzicht von dem Land der Reformation eine kulturelle Herausforderung ab, der sich – quer durch die Konfessionen – viele nie gewachsen fühlten. Als Benedikt XVI. am 19. April 2005 gewählt wurde, schien es vielen Beobachtern, als sei der letzte Weltkrieg damit endlich vorbei, den Deutschland im letzten Jahrhundert gegen die ganze Welt begonnen hatte. Beim Ende seines Pontifikats zeigt sich, dass das zerrissene Land noch immer im Krieg mit sich selber liegt. Auch darüber hat Joseph Ratzinger aufgeklärt. Diesen Prozess haben viele nicht mitgemacht. Die Nation war nicht stolz auf ihren größten Sohn in diesem Jahrhundert. Nun ist die deutsche Stunde der Weltkirche abgelaufen. Was seine alte Heimat betrifft, erinnert Benedikts Abschied an den Türhüter in Kafkas Prozess, der am Schluss das Tor mit den Worten schließt: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, dieser Eingang war nur für Dich bestimmt.“

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Pfarrer Robert Mäder: Geistige Weltherrschaft

Hört eine Geschichte. Als zu Sao Paulo in Brasilien die Tren­nung von Kirche und Staat durchgeführt wurde, mussten auch alle äußeren Zeichen der Religion aus den öffentlichen Gebäu­den verschwinden. Die Katholiken erhoben Protest und ver­langten vor allem Wiedereinführung der Kruzifixe in den Ge­richtssälen. Eine ungeheure Bewegung bildete sich im Volke. Ein Widerstand gegen die öffentliche Meinung war nicht mehr möglich.

Der Tag der Wiedereinführung kam. 20 000 Männer ström­ten an diesem Tage in Sao Paulo zusammen. Der Bürgermeister nahm das Kreuz in Empfang, reichte es vielen vornehmen Her­ren und Damen zum Kusse und trug es dann hinab auf die Straße. Beim Erscheinen des Kreuzes entblößten alle das Haupt und aus Tausenden von Kehlen entrang sich der Ruf: Es lebe Jesus, der Gekreuzigte! Eine Prozession begann. Ein Triumphzug.

Schluchzend vor Rührung knieten die Leute am Wege. Die Soldaten salutierten ehrfurchtsvoll. 12 Musikkorps spielten. Aus den Fenstern ergoss sich ein förmlicher Blumenregen auf das Bild des Gekreuzigten. Unmittelbar hinter dem Kreuz kam die Nationalfahne. Die Begeisterung erreichte ihren Höhe­punkt, als man vor dem Gerichtsgebäude anlangte, wo auf einem Balkon die geistlichen und weltlichen Würdenträger den Zug erwarteten. In feierlicher Weise wurde das Kruzifix in das Gerichtsgebäude getragen. Ungeheures Beifallrufen der Menge begleitete den Akt. Zum Schluss zog das Volk in den Saal und defilierte ehrfurchtsvoll vor dem Kruzifix.

Altes Europa, wirst du auch noch einmal Zeuge eines so er­habenen Schauspieles sein? Wirst du auch eine Jugend finden, die das Kreuz im Triumph wieder zurückführt in die Parla­mente, in die Schulen, in die Gerichte, auf die öffentlichen Plätze? Und wenn der Tag dieser Kreuzerhöhung kommt, wer­det Ihr dabei sein? Darum dreht sich der Kampf. Jetzt meint man, dass es nur um die Futtertröge und die Weideplätze gehe. Aber je höher die Sündflut anschwillt, desto klarer wird es werden, dass der politische, soziale und religiöse Weltkrieg ein Kampf ums Ganze wird, ein Kampf um Gott und Teufel.

Das Thema der jungen katholischen Aktion, an deren Wiege der zehnte Pius stand, ist die Vorbereitung der großen Welt­offensive, die zum Zweck hat, die Welt dem, dem sie gehört, zurückzuerobern aus der Hand desjenigen, der sie gestohlen hat, des Liberalismus, seines Vaters, seiner Brüder und seiner Söhne.

Darin sehe ich die Bedeutung der katholischen Tagungen. Die Katholikentage sind entweder ausgesprochen katholische Tage oder sie sind nichts. Die Katholikentage beschäftigen sich entweder mit dem ewig jungen, großen Problem der gei­stigen Welteroberung oder sie sind überflüssig, und man muss mit ihnen aufräumen im Interesse der Sparsamkeit und der öffentlichen Ehrlichkeit. Wir betrachten es als die Aufgabe der Katholikentage, allüberall Larven herunterzureißen.

Also das Thema der katholischen Versammlungen: Mitar­beit und Vorbereitung der geistigen Weltherrschaft des katho­lischen Glaubens, Proklamierung einer geistigen Weltoffensive, die zum Ziel hat, das Kreuz des Meisters wieder aufzupflanzen auf allen Rathäusern, auf allen Schulen, auf allen Fabriken.

Wir sind klein und arm geworden. Wir haben Krone, Thron und Zepter verloren. Wir regieren nicht mehr. Wir haben das katholische Selbstbewusstsein und das Gefühl der einstigen Macht eingebüßt. Wir sind die unendlich Bescheidenen. Kein feuriges Erobererblut mehr in unsern Adern. Kein Wille zur Herrschaft mehr!

Einst regierte die Kirche. Wie ein Bienenstock durch die Bienen gebaut wird, so ist nach einem Ausspruch Gibbons Europa durch die Bischöfe gebaut worden. Das durch die Kir­che christianisierte Europa war kein Paradies, kein absolutes Ideal, aber es war unter der ernsten und mütterlichen Leitung der Kirche im allgemeinen eine Domäne des Friedens und der Wohlfahrt. Die Gesellschaft, das, was man die öffentliche Luft nennen kann, war katholisch. Die Kirche war zugleich die europäische Regierung, nicht die politische Regierung der Re­gierungen — das wollen wir nicht — aber die geistige Regie­rung der Völker. Diese Zeit ist vorbei! Wir regieren nicht mehr.

Wir waren einst Meister im Schweizerhaus. Wir haben es gezimmert. Wir, die alten katholischen Schweizer. Sie waren keine Heiligen. Sie hatten auch ihre Schwächen und Fehler. Aber die Geschichte beweist, dass die Barometer der Religion und des Patriotismus und der Vaterlandsgröße in der Schwei­zergeschichte immer gleichzeitig steigen und fallen. Je katholi­scher, desto vaterländischer. Die großen Tage der Schweizer­geschichte waren alles Tage, die im Zeichen der Kirche stan­den, wo man weder von Protestantismus noch Liberalismus etwas wusste. Wir haben das Schweizerhaus gezimmert

Jetzt ist der Liberalismus und das Freimaurertum, morgen vielleicht der Sozialismus Herr im Hause, und wir wohnen als Minderberechtigte droben in der Mansarde oder drunten im Keller. Wenn wir an unsere Ausnahmegesetze, an unsere Ent­rechtung und Zurücksetzung im öffentlichen Leben denken, müssen wir sagen: Wir tragen Ketten und Fesseln an Händen und Füßen. Wir regieren nicht mehr.

Allein wir wollen gerecht sein. Wir wollen nicht nur die der­zeitigen Machthaber anklagen. Wir regieren nicht einmal dort, wo wir die Mehrheit sind. Wir reden von blühendem kirch­lichem Leben, und es sei ferne von mir, zu bestreiten, dass See­leneifer und katholische Aktion an manchen Orten Großes ge­schaffen haben. Ich konstatiere nur die allgemeine Tatsache: Wir regieren nicht mehr.

Auf welchem Gebiete regieren wir in den katholischen Ge­genden? In der Presse, die vielleicht zu 90 Prozent in den Händen des Liberalismus, des Protestantismus, des Freimaurer­tums, des Judentums, des Sozialismus, des Interkonfessionalis­mus, des Modernismus, des Materialismus, des Geschäftska­tholizismus, der Charakterlosigkeit und der Feigheit liegt?

Wo regieren, wir in den katholischen Gegenden? In der Schule, wo wir zur Wahl der Lehrer und der Lehrmittel nichts oder wenig zu sagen haben, wenn wir vom Recht, Steuern zu zahlen, absehen; in der Schule, wo wir uns von liberaler Seite den modernen geistigen bethlehemitischen Kindleinmord stumpf und gewissenlos gefallen lassen, ohne dass wir aufste­hen, Boykott und Streik erklären und sagen: Das dulden wir nicht. Und dort, wo wir regieren sollten, wo es sich um ausge­sprochen katholische Schulen handelt, wie schüchtern und zurückhaltend sind wir vielfach, wie furchtsam im Unterricht und in der Beeinflussung der Jugend!

Wo regieren wir? In der Werkstatt und Fabrik, wo so oft nicht christliche Geschäfts- und Arbeitsmoral, die Grundsätze der Gerechtigkeit, der Liebe und des gegenseitigen Vertrauens herrschen, sondern Protzentum, schrankenlose Geldgier auf der einen, Hass, Neid, klassenkämpferische revolutionäre Ge­sinnung auf der andern Seite? Im modernen Erwerbsleben, wo es so wenig katholische Arbeitgeber gibt, die nicht vom wirt­schaftlichen Liberalismus, so wenig Arbeiter, die nicht vom Sozialismus und Materialismus verseucht sind? Seien wir ehr­lich: Wir regieren nicht mehr.

Der Katholizismus existiert noch in der Einsiedelei des Pri­vatkämmerchens individueller Frömmigkeit, aber er ist nicht mehr öffentliche Macht. Von der Politik wollen wir gar nicht reden, zu einer Zeit, wo kein einziger Staat der Erde von wirk­lich katholischen Ideen geleitet wird. Das Kreuz ist fort, wo man hinschaut.

Wir regieren nicht mehr. Das ist nicht das Schlimmste. Es gibt auch Könige mit Ketten an den Füßen, Könige, an die man glaubt und vor denen man sich verbeugt, trotzdem sie ihrer Herrschaft beraubt worden sind. Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken ohne viel Protest zuschauten, wie der Thron der Kirche, der Herrin der Völker, ins Museum wanderte und dem Katholizismus Mantel und Zepter abgenommen wurde.

Das Schlimmste ist, dass wir Katholiken selber allmählich nicht mehr an das geistige Königtum der Kirche glauben, und dass uns der Gedanke einer geistigen Weltherrschaft so fremd und unerhört geworden ist, dass wir ob solch kühner und ex­tremer Sprache erschrecken und umschauen, ob es ja niemand anders gehört habe. Das ist das Verhängnisvolle, dass wir die geistige Weltherrschaft gar nicht mehr wollen. Wir wollen nur noch mitleben, mitreden, mitregieren. Wir wollen nicht mehr erobern und wollen nicht mehr siegen.

Der Gedanke der Parität und des Proporzes ist vom politi­schen Gebiet unbewusst auch auf das religiöse übertragen wor­den. Wir sehen das Heil der Welt in der Gleichberechtigung von Wahrheit und Irrtum, Glaube und Unglaube, Gerechtig­keit und Ungerechtigkeit, Autorität und Umsturz! Katholische Kirche und Sekten, Freimaurertum und Judentum, Liberalis­mus und Sozialismus sollen die Weltkarte brüderlich teilen. Wir wollen nicht mehr den Thron, auch wenn wir die Macht dazu hätten, wir wollen ihn grundsätzlich nicht mehr! Wir wollen nur noch einen grünen Sessel!

Wir wollen nicht mehr das Ganze. Wir wollen nur noch einen Teil. Wir glauben nicht mehr an einen Weltherrschafts­beruf der katholischen Wahrheit. So sehr ist uns die biblische Wahrheit fremd geworden, dass der, der den Himmel gemacht und die Erde, dessen Privateigentum die fünf Weltteile, der die Völker des Weltalls durch den Rechtstitel der Erlösung sich ein zweites Mal zu eigen gemacht, dass er und sein Wille, sein Wort und Gesetz mit Ausschluss jedes Mitregenten zur Allein­herrschaft und Weltherrschaft berufen ist. Das ist die große Sünde des liberalen Jahrhunderts — der öffentliche Abfall vom ersten Gebot, das will, dass keine fremden Götter neben Gott sitzen.

Die Kirche ist kein Geheimbund. Ihre Papiere liegen nicht in verborgenen Archiven. Was sie will, das soll und darf die ganze Welt erfahren. Ihr Regierungsprogramm birgt keine Hinter­gedanken, kennt aber auch keine Furcht: Wir wollen das Ganze. Wir wollen den Thron. Wenn man Freimaurer ist, dann will man, dass die Phrase der Loge die ganze Welt be­herrsche. Wenn man Freimaurer ist, ist es klar, dass man das will. Man kann grundsätzlich gegen die Freimaurerei sein und in ihr das Tier des Abgrundes sehen, wie es von der geheimen Offenbarung geschildert wird. Aber wenn man einmal der Loge das Recht der Existenz einräumt, muss man folgerichtig auch einverstanden sein, dass sie überall sein will. Wenn man liberal ist, will man, dass die ganze Welt liberal sei, und wenn man Sozialist ist, will man, dass der Sozialismus von der ge­samten Menschheit angenommen, geglaubt und verwirklicht werde.

Das liegt in der Natur jeden Programms. Wenn mir etwas, sei ich wer ich will, Evangelium ist, dann will ich, dass es in der ganzen Welt verkündet werde. Es ist somit klar, dass der über­zeugte Katholik Tag und Nacht nichts anderes denkt und nichts anderes will, als dass der Thron der Kirche zum Wohl und Heil der Menschheit wieder aus dem mittelalterlichen Museum herausgeholt werde. Daran arbeiten wir. Das will die junge katholische Bewegung.

Man sage nicht, das sei leere, unausführbare Theorie. Das ist nicht leere Theorie. Das ist katholisch. Was ist der Katholizis­mus? Die Allgemeinheit! Die Weltbeherrschung! So las ich auf dem ersten Blatt der Weltliteratur. Der Geist Gottes schwebte über den Wassern, über dem brausenden, rauschen­den Chaos der Urwelt. Er gab dem Leblosen das Leben, dem Ungeordneten Zahl und Maß, Gewicht und Gesetz. Auf den geheimnisvollen Kräften und Gesetzen, welche der Heilige Geist in jenen Urzeiten in den Stoff hineinsenkte, beruht die ganze jetzige Naturwissenschaft und Technik. Sie ist ein Nach­denken und Nachprobieren dessen, was der Geist Gottes vor Jahrtausenden vorgedacht und vorgemacht hat.

Unsere Lehrbücher der Astronomie, der Optik, der Akustik, der Elektrizität, der Mechanik und der Chemie sind kleine, schwache Auszüge aus dem Buche der Schöpfung, verfasst und herausgegeben von dem, der am Anfange schwebte über den Wassern. Also das Erste, das ist der Geist. Der Geist schuf den Stoff. Der Geist belebte den Stoff. Der Geist beherrschte den Stoff. Also Weltbeherrschung durch den Geist!

Wenn der Heilige Geist an der Pfingsten herabstieg über eine neue, geistige Schöpfung, dann tat er es, um eine neue Welt zu schaffen. Gottesreich ist Weltreich. Also über die Kirchtürme hinaus! Über die Landesmarken hinaus! Über die Sprach­grenzen hinaus! Kein Winkelchristentum! Kein Landes-Chri­stentum! Kein Nationalchristentum! Gottes Reich ist Welt­reich! Gottes Gesetz ist Weltgesetz! Gottes Kirche ist Welt­kirche! Weltmachtstellung der Gebote! Weltmachtstellung der Sakramente! Das ist der Katholizismus nach Bibel und Über­lieferung: Weltbeherrschung! Geistige Weltbeherrschung!

Das ist der Gedanke, den Pius X. zum Programm wählte: Alles erneuern in Christus! Hört: Alles! Benedikt XV. griff die Idee wieder auf und rief: Die soziale Herrschaft Christi! Also, was wir wollen, ist nicht leere Theorie, sondern uraltes, bibli­sches und katholisches Programm! Wir glauben nur an einen Gott! Proporz und Parität haben im ersten Gebot keine Gel­tung. Die geistige Weltherrschaft Christi, des Sohnes Gottes, durch Petrus und seine Kirche, das Ziel aller katholischen Her­zen und aller katholischen Geister!

Ich gebe es gerne zu: Diese Theorie klingt nicht modern. Sie widerspricht dem Geiste aller Verfassungen, die zur Stunde in Kraft sind. Sie ist im schärfsten Gegensatz zur herrschenden liberalen Phrase! Sie stimmt auch im allgemeinen nicht überein mit der Praxis. Das kümmert uns wenig. Die Theorie darf sich, wenn sie einmal wahr ist, niemals nach der Praxis richten, son­dern die Praxis muss sich immer nach der Theorie richten, wie sich die Sonne niemals nach den Uhren richtet, sondern die Uhren nach der Sonne.

Wenn Uhr und Sonne nicht übereinstimmen, so ist der Feh­ler immer bei den Uhren, nie bei der Sonne! Die Uhren müs­sen korrigiert werden, die Uhren allein. Die Sonne ist die ka­tholische Wahrheit. Die Uhr ist unser Gewissen. Die mensch­liche Praxis muss also nach der göttlichen Theorie umgestaltet werden, immer, überall, in allen Dingen.

Wir wissen, wie spät es ist nach der vatikanischen Stern­warte. Wir dürfen nicht ruhen und rasten, bis alle Uhren, die Privatuhren, die Familienuhren, die Rathausuhren, die Schul­uhren, die Fabrikuhren nach der ewigen Wahrheitssonne ge­richtet sind. Unbekümmert um Erfolg oder Misserfolg! Wir arbeiten aus Pflicht und nicht aus Spekulation oder einem ge­wissen katholischen Sport.

Ich weiß, dass die geistige Weltherrschaft der katholischen Kirche nicht das Werk eines Tages ist und auch nicht das Werk der Gewalt sein darf. Ich weiß es, dass sie vor allem das Werk der göttlichen Gnade, des Gebetes und des guten Bei­spieles sein wird. Aber das weiß ich auch, dass die Erneuerung der Welt mit der Erneuerung der Geister beginnen muss. Alle diejenigen, welche mit allen möglichen Reformvorschlägen, mit menschlicher Klugheit und menschlicher Tatkraft allein glauben die Welt retten zu können, irren sich und fallen von Täuschung zu Täuschung, von Misserfolg zu Misserfolg, bis zur vollendeten Verzweiflung.

Die Welt wird heute wie vor 1900 Jahren nur auf einem Wege gerettet: Man muss die volle ungeschmälerte katholische Wahrheit nehmen und unter die Geister werfen, schriftlich und mündlich, theoretisch und praktisch, bis alles durchsäuert ist. Zuerst müssen wir katholisch glauben, dann erst werden wir katholisch handeln. Zuerst müssen wir den Mut haben, den neunten Glaubensartikel von der heiligen, katholischen, alleinseligmachenden Kirche durchzudenken bis zu den letzten Fol­gerungen und Forderungen, religiös, öffentlich, politisch, so­zial.

Aber die Wahrheit bedarf nicht nur der Köpfe, die sie den­ken. Sie bedarf auch der Zungen, die sie aussprechen. Wir müssen, nachdem wir einmal in allen Fasern davon durchdrun­gen sind, von unserer herrlichen katholischen Sache überall und zu allen Zeiten, wo zwei oder drei von uns zusammenkom­men, davon reden. Sie muss die leitende Idee unserer Gesprä­che werden. So werden wir einander Mut machen, und es wird ein Gefühl heiliger Unbesiegbarkeit und froher Siegeszuver­sicht unsere Arbeit stählen, die darin besteht, das Zeichen der Erlösung auf den Zinnen der Zukunft aufzupflanzen. Das ist der Sinn der jungen katholischen Bewegung, des neuen Kreuz­zuges.

Im Vertrauen auf Gott wollen wir es uns noch einmal in den Kopf setzen: Die Sache unserer Kirche, welche die Sache der Menschheit ist, muss siegen. Vor Jahren erliess in Frankreich der Verein der katholischen Jugend eine Einladung an alle seine Mitglieder, in ganz Frankreich die Kreuzbilder an den Wegen wieder anzubringen. Der Aufruf hatte einen großarti­gen Erfolg. Das war katholische Arbeit! Das war das Wahr­zeichen katholischer Wiedergeburt.

Katholische Jugend! Die katholische Wahrheit bedarf, nach­dem sie Köpfe gefunden hat, die sie durchdenken, und Zun­gen, die sie verkünden, auch der Hände, die sie in die Tat um­setzen. Diese Köpfe, diese Zungen und diese Hände sollen die Eurigen sein. Eure Parole sei die des groß–en Pius X.: Unsere Politik das Kreuz!

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Quelle: Robert Mäder – DIE GANZEN – Ein Appell an die Jugend – Ein Appell an die Männer
(Die Artikel stammen aus den Jahen 1919 und 1921)

Pfarrer Robert Mäder: Das Sakrament der Starken

Wir sind keine Götter. Wir sind keine Ewigen, Allwissenden, Allmächtigen. Wir erklären uns abhängig von dem allein und absolut Unabhängigen, in dem wir leben, uns bewegen und sind. Wir sind abhängig von Gottes Willen, Gottes Gesetz, Gottes Wort, Gottes Liebe und Gottes Zorn. Hier Unabhängig­keit träumen ist Wahnsinn. Und wenn die modernen Verfas­sungen von Glaubensfreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit reden und darunter die Unabhängigkeit von Gottes absolutem Willen und Gottes absoluter Wahrheit verstehen, dann ist das noch mehr als Wahnsinn. Es ist Anarchismus, der seine Bom­ben unter alle Fundamente der Ordnung legt.

Aber die Abhängigkeit vom Allerhöchsten ist wohl verein­bar mit heiliger, stolzer Unabhängigkeit gegenüber allem, was nicht Gottes ist. Wir beugen unsere Knie vor Gott, beugen vor ihm unsere Intelligenz und unsern Willen, beugen sie vor jeder Autorität, die Gottes Namen auf der Stirne trägt. In jedem andern Falle nennen wir uns die Unabhängigen. Glauben an unser eigene Persönlichkeit. Marschieren auf unser eigenes Ziel. Gehen auf eigenen Sohlen. Die Welt ist voll von Sklaven und Gott sei’s geklagt, sie ist voll von katholischen Sklaven. Wir schreiben die Abschaffung aller geistigen Versklavung als Erstpostulat aufs Jugendbanner. Die Feinde höhnen uns Knechte. Sie sollen es erfahren, unsere Hasser!

Das Sakrament der Starken und Unabhängigen ist neben der Firmung die Eucharistie. Die katholische Jugendbewegung ist entweder eucharistisch oder sie ist es nicht. Sie lebt vom Brot des Lebens oder sie ist tot. Wir nennen uns Christen. Was ist ein Christ? Einer, der aus Christus lebt. Eine Grundlehre unserer Religion, eine oft vergessene, ohne die man aber von unserm Glauben nicht viel versteht, ist die Lehre von Sünden­fall und Erbsünde. Unsere Natur ist seit Adam vergiftet bis ins Mark und Blut. Das revolutionäre Blut, das einst den Arm nach der verbotenen Frucht ausstreckte, fließt noch immer durch unsere Adern und bereitet uns tausend Kämpfe. Der alte Adam ist nicht überwunden, solange ein Tropfen seines Blutes in uns ist.

Es handelt sich darum, Adamsblut zu ersetzen durch Chri­stusblut. Es handelt sich darum, während der Zeit unseres Lebens und besonders in den Entscheidungsjahren der Jugend eine eigentliche Bluterneuerungskur durchzuführen. Das ist der Zweck der Kommunion. Das Blut, in dem die Gesundheit und die Kraft liegt, wird gepflanzt durch das Essen. Wahrlich, wahrlich sage ich euch, wenn ihr das Fleisch des Menschen­sohnes nicht essen und sein Blut nicht trinken werdet, werdet ihr das Leben nicht in euch haben. Christus will nicht nur ge­glaubt und nachgeahmt, er will in uns aufgenommen, gegessen, getrunken — gleichsam unser Blut werden. Die Kommunion ist nicht nur eine religiöse Zeremonie, eine schöne Andachts­übung. Sie ist mehr, sie ist Leben, Kraft, Gesundheit.

Es gibt nichts Notwendigeres, wenn man einmal auf der Welt ist, als das Brot. Es gibt nichts Notwendigeres, wenn man einmal durch das Wasser und den Hl. Geist wiedergeboren, als dass man Brot vom Himmel isst. Brot gibt Blut. Blut ist Leben. Das gilt für Leib und Seele. Es war lange Zeit, besonders bei den Männern, Brauch, religiöse Hungerkuren zu machen. Vier­teljahre, halbe Jahre, ganze Jahre ohne Kommunion. Was war die Folge davon? Die gleiche Erscheinung, wie wenn ein Volk nicht mehr genügend Brot und Fleisch hat: Religiöse Unterer­nährung, religiöse Auszehrung, religiöse Schwächezustände, religiöses Absterben. Wenn das Brot fehlt, werden die Männer zu Schatten. Der Hungertod schaut aus den Augen der Jugend. Sie fallen dahin wie die Fliegen.

Wir treffen in der Kirchengeschichte einen gefährlichen Irr­lehrer, ich möchte sagen, einen teuflischen Irrlehrer. — Er machte den Menschen zu Gott, indem er behauptete, der Mensch könne aus eigener Kraft, ohne die göttliche Gnade, stark sein und selig werden. Die Kirche hat den Ketzer vor die Türe gestellt. Wer die Notwendigkeit der Gnade leugnet, leugnet die Notwendigkeit des Christentums. Das Christentum ist die Religion der Gnade. Pelagius ist schon mehr als 1000 Jahre im Grabe vermodert. Aber unsere Zeit ist ganz von dieser alten Irrlehre durchsetzt. Die Modernen sind Pelagianer, Gegner der christlichen Gnadenlehre. Der Pelagianismus ist vor allem eine Gefahr für die heutige katholische Jugendbewegung. Die Ju­gend denkt, redet und handelt gerne, als ob sie sich und die Welt mit sich aus eigener Kraft, gleichsam an den eigenen Haaren, aus dem Sumpf herausziehen könnte. Sie vergisst das von allen Jahrhunderten bestätigte Christuswort: Ohne mich könnt ihr nichts tun!

Das Ziel der Eucharistie: starkes Christentum! Was ist Chri­stentum? Nie mehr als heute wird mit diesem heiligen Namen Missbrauch getrieben. Heuchler und Betrüger — und die Welt ist voll davon — tragen diese Maske. Was ist echtes, starkes Christentum? Glaube an jedes Christuswort und Christi Nach­folge. Wer das nicht will und doch Christi Namen trägt, der spielt den Komödianten. Er treibt Phrasenchristentum. Chri­stentum, das nicht lebendig ist, ist Versteinerung, Verkrüppe­lung, Verknöcherung, gut fürs Museum.

Was wollen wir also? Was müssen wir wollen? Die Ausfüh­rung des Vaterunser-Programms! Dass der Name Gottes gehei­liget werde auf dem ganzen Erdkreis. Dass das Reich Gottes, das Reich der katholischen Kirche, ein Weltreich werde, in dem alle Rassen, alle Stämme, alle Sprachen, alle Stände hei­misch wohnen. Dass der Wille des Allerhöchsten Gesetz werde. Dass alle Menschen alle Tage Brot bekommen, Weizenbrot und Wahrheitsbrot. Dass Friede werde unter den Menschen. Dass die Macht des Bösen immer mehr gebrochen werde. Was wollen wir also? Alles! Starkes, ganzes, herrschendes Christen­tum innen und aussen! Vor allem aber innen!

Wir haben politisiert. Die Politik hat fast überall Bankrott gemacht. Wir haben in keinem Lande der Erde mehr gesunde, starke Politik. Wir haben auf die Presse unsere Hoffnung ge­setzt. Unsere Hoffnung ist im allgemeinen zu Schanden gewor­den. Wir haben Vereine gegründet ohne Zahl und haben uns darin heiser gesprochen. Und jetzt werden überall Stimmen laut: Wir haben uns verrechnet! Die Einnahmen, die geistigen Gewinne, sind kleiner als die Ausgaben. Wir kommen nicht vorwärts! Wir haben uns viel mit kleiner Detailarbeit und Außenarbeit abgeplagt. Wir haben uns trotz unserm besten Willen getäuscht.

Nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben werden Häuser und Generationen neu geschaffen. Wir müssen mehr am Fundament als auf dem Dach und an der Fassade arbeiten.. Was in der Kirchengeschichte immer wahr gewesen ist, ist auch heute wieder wahr: Durch Selbstreform zur Weltreform! Der katholische Heilige rettet die Menschheit, der In­nenmensch das Ganze. Der Fluch unseres Zeitalters ist das aus dem Ganzen herausgerissene, das äußerliche Spezialisten­tum.

Der Moderne arbeitet am Teil und nicht am Ganzen. Keine ganzen Zahlen, nur halbe, nur Brüche. Keine Persönlichkeiten, nur Fragmente. Keine Menschen, nur Stücke. Keine Vollgusscharaktere, nur Bestandteile. Die katholische Kirche will das Lebendige und darum das Ganze. Sobald man der katholischen Kirche den Rücken kehrt, verliert man den Blick für das Ganze. Man wird Außenreformer und Spezialist. Spezialistentum ist halb Wahrheit, halb Irrtum. Der moderne Spezialistengeist macht aus dem Besten Gift, um die menschliche Gesell­schaft zu vernichten. Er kann nie vernünftig bleiben. Er miss­braucht und übertreibt alles. Er haut vielleicht da und dort praktische Bausteine, aber er kann sie nicht zusammenfügen. Plan und Seele fehlen, Sinn für alles, Sinn fürs Ganze.

Die Kommunion und das mit der Kommunion verbundene innere Gebetsleben ist das beste Mittel gegen die Veräußerlichung der katholischen Aktion und gegen seelenloses Spe­zialistentum. Zuerst Innenchristentum. Der notwendige Außenkatholizismus kommt dann schon.

Die Kommunion ist sodann auch Gegenmittel gegen leeren Massenkatholizismus. Dem Massenkatholizismus liegt die fal­sche Meinung zugrunde, dass die grosse Zahl für die Sache Gottes entscheidend sei. Massenkundgebungen des katholi­schen Geistes fördern die Begeisterung und sind Arznei gegen Menschenfurcht. Aber mit den großen Volksversammlungen und religiösen Demonstrationen ist es nicht gemacht. Man kann bei diesen Manifestationen mitwirken und dennoch ein schlechter Christ sein und verdammt werden. Gott lässt sich durch große Zahlen nicht imponieren. Für Gott existieren nur Seelen, nicht Zahlen. Nur was jeder Einzelne ist, entscheidet. Nur auf die Persönlichkeit und ihren inneren Wert kommt es an. Eine einzige Persönlichkeit kann für den Fortschritt der katholischen Sache unter Umständen mehr bedeuten als eine Organisation von 10 000 Mitgliedern.

Der große Feind der hl. Sakramente ist die Gedankenlosig­keit, die Schablone. Soll aus der „Eucharistie ein neues katholi­sches Heldentum geboren werden, bereit für alle kommenden Dinge, treu bis zum Martyrium, so muss die Jugend mit großem Ernst, im Bewusstsein, dass Lebensschicksale davon ab­hängen, zur Kommunionbank schreiten. Der Geist entscheidet. Wird die katholische Jugend das Kommunizieren verstehen, so wird sie auch das Siegen verstehen.

Wir werden an die Arbeit gehen. Aber wir werden niemals vergessen, dass man, bevor man an die Arbeit geht, essen, also auch kommunizieren muss. Sonst bleiben wir katholische Schwätzer. Und wenn wir das Gesetz von der Notwendigkeit des Essens auf übernatürlichem Gebiete begreifen, dann ver­stehen wir auch das andere: Das Essen muss Gewohnheits­sache werden. Das Essen wirkt erst nachhaltig, wenn es wie­derholt wird. Mit nur einem Stück Brot wird man kein Mann, und mit nur einer Hostie wird man kein Held. Wir wiederholen: Die katholische Jugendbewegung wird entweder eucharistisch sein oder sie wird nicht sein. Sie lebt vom Brot des Lebens oder sie ist tot. Das Sakrament der Starken ist ihre Stärke.

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Quelle: Robert Mäder – Ein Appell an die Jugend – Ein Appell an die Männer
(Die Artikel stammen aus den Jahen 1919 und 1921)

Märtyrer sind Blutzeugen des Glaubens und Leuchttürme der Kirche

Prälat Prof. Dr. Helmut Moll / Courtesy F. Kübler

Ein besonderer „Schatz der Kirche“

Nicht allein die ersten drei Jahrhunderte waren geprägt vom Bekennermut und der Glaubenskraft der Bekenner und Märtyrer, auch danach und besonders im 20. Jahrhundert gab es eine große Schar von Blutzeugen für Christus und seine Botschaft.

Auch Papst Franziskus weist gerne auf diesen besonderen „Schatz der Kirche“ hin, auf die jenseitige Gemeinschaft der Heiligen. Am 1. Oktober 2017 erinnerte der Pontifex beim Angelusgebets auf der Piazza Maggiore an die aktuelle Seligsprechung des Salesianerpaters und Märtyrers Titus Zeman. Der Geistliche starb 1969 nach langer Haft unter der kommunistischen Herrschaft. Sein Zeugnis möge uns helfen, so der Papst, die „Gegenwart des Herrn“ auch in den Prüfungen des Lebens zu erkennen.

Auch während der schrecklichen 12 Jahre der NS-Diktatur von 1933 bis 1945 fehlte es nicht an todesmutigen Helden unter Priestern, Ordensleuten und Laien. Darüber sprach der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für das Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Prof. Dr. Helmut Moll, am Samstag, dem 30. September, in einem aufschlußreichen Vortrag im westfälischen Marienwallfahrtsort Telgte. Der Prälat aus Köln,der zudem 12 Jahre lang für die Glaubenskongregation in Rom gewirkt hat, wurde vom Fatima-Weltapostolats im Bistum Münster eingeladen; er referierte über das Thema: Die mit der Gottesmutter Maria verbundenen Glaubenszeugen in der Zeit des Nationalsozialismus – Vorbilder für unsere Gegenwart.

In Wort und Bild stellte Professor Moll glaubensstarke Priester, Ordensleute und Laien vor, die nicht „nur“ Opfer der NS-Diktatur waren, sondern bewußte Bekenner und Märtyrer für Christus und seine Botschaft.

Als weiterer Gast und Geistlicher sprach Pfarrer Hans-Karl Seeger aus Billerbeck über den seliggesprochenen Priester Karl Leisner und dessen ebenso christozentrische wie marianische Ausrichtung. Der Referent war zugleich langjähriger Vorsitzender des Internationalen Karl-Leisner-Kreises. Er schilderte, dass für Leisner besonders die damals weit verbreitete und durch Papst Pius XI. geförderte Christkönigs-Frömmigkeit prägend war. Aus Schönstatt holte er sich zudem gute Impulse zur Selbsterziehung und Charakterbildung.

Als Zeitzeugin berichtete Frau Irmgard Behnken in bewegenden Worten vom Leben und Sterben ihres Onkels Alfons Mersmann. Der Priester war von einer tiefen Verehrung der Gottesmutter und seiner Verbundenheit mit Fatima geprägt. In schwerer Zeit suchte er Zuflucht bei Maria und in der Heiligen Schrift, wobei ihm besonders die neutestamentliche Apokalpyse bzw. Johannes-Offenbarung Trost, Orientierung und Stärkung vermittelte.

Der bekannte Schriftsteller, Philosoph und Professor Dr. Johannes Maria Verweyen aus dem Niederrhein fand durch seine Liebe zur Gottesmutter und seine Lourdes-Pilgerreisen zum katholischen Glauben zurück.

Auch Laien ließen sich durch ihre Hinwendung zur Madonna zu einer besonderen Glaubensfestigkeit inspirieren, z.B. der Regensburger Lagerarbeiter und Märtyrer Josef Zirkl.

Mit der Schönstattbewegung verbunden und zugleich Blutzeugen während der NS-Tyrannei waren beispielsweise die Palottinerpatres Franz Reinisch und Albert Eise, aber auch mutige Frauen wie Charlotte Holubars und Maria Laufenberg. Beide lebten nach dem Leitwort „Durch Maria zu Jesus“, sie wollten „marianische Frauenart“ verkörpern und liebten das Rosenkranzgebet.

Nicht zu vergessen Pater Augustin Benninghaus SJ, den die Gestapo im westfälischen Münster verhaftete und der am 20. Juli 1942 im KZ Dachau verhungerte. Für seine Seligsprechung wurden bei diesem Vortragsabend Unterschriften gesammelt. Der Jesuit war in der katholischen Jugendbewegung seelsorglich aktiv und zugleich von starker marianischer Frömmigkeit geprägt.

Die inhaltliche Grundlage des gehaltvollen Vortrags von Prälat Moll bildete sein zweibändiges Hauptwerk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“ (Paderborn, 6., erweiterte und neu strukturierte Auflage 2015) sowie das bereits in 7. Auflage erschienene Taschenbuch „Wenn wir heute nicht unser Leben einsetzen“ über Märtyrer aus dem Erzbistum Köln im Dritten Reich, herausgegeben vom Bildungswerk der Erzdiözese Köln.

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Quelle