Im Wortlaut: Der Brief von Papst Franziskus an die Katholiken in Deutschland

Franziskus Papst 1

Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 8. November 2017. Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut des Briefs an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“, wie ihn der Vatikan in deutscher Sprache veröffentlicht hat – mit kleinen Korrekturen einiger Rechtschreibfehler und Satzzeichen.

 

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland

Liebe Brüder und Schwestern,

Die Betrachtung der Lesungen der österlichen Festzeit aus der Apostelgeschichte hat mich bewegt, euch diesen Brief zu schreiben. In diesen Lesungen begegnen wir der allerersten apostolischen Gemeinde, die ganz von dem neuen Leben durchdrungen ist, das der Heilige Geist geschenkt hat, der gleichzeitig alle Umstände so gefügt hat, dass daraus gute Anlässe zur Verkündigung geworden sind. Die Jünger schienen damals alles verloren zu haben und am ersten Tag der Woche, zwischen Bitterkeit und Traurigkeit, hörten sie aus dem Munde einer Frau, dass der Herr lebe. Nichts und niemand konnte das Eindringen des Ostergeheimnisses in ihr Leben aufhalten und zugleich konnten die Jünger nicht begreifen, was ihre Augen geschaut und ihre Hände berührt haben (vgl. 1 Joh 1,1).

Angesichts dessen und mit der Überzeugung, dass der Herr «mit seiner Neuheit immer unser Leben und unsere Gemeinschaft erneuern kann»1, möchte ich Euch nahe sein und Eure Sorge um die Zukunft der Kirche in Deutschland teilen. Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist. Die Sachlagen und Fragestellungen, die ich mit Euren Hirten anlässlich des letzten Ad-limina-Besuches besprechen konnte, finden sicherlich weiterhin Resonanz in Euren Gemeinden. Wie bei jener Gelegenheit, möchte ich euch meine Unterstützung anbieten, meine Nähe auf dem gemeinsamen Weg kundtun und zur Suche nach einer freimütigen Antwort auf die gegenwärtige Situation ermuntern.

Mit Dankbarkeit betrachte ich das feine Netzwerk von Gemeinden und Gemeinschaften, Pfarreien und Filialgemeinden, Schulen und Hochschulen, Krankenhäusern und anderen Sozialeinrichtungen, die im Laufe der Geschichte entstanden sind und von lebendigem Glauben Zeugnis ablegen, der sie über mehrere Generationen hinweg erhalten, gepflegt und belebt hat. Dieser Glaube ist durch Zeiten gegangen, die bestimmt waren von Leiden, Konfrontation und Trübsal, und zeichnet sich gleichzeitig durch Beständigkeit und Lebendigkeit aus; auch heute noch zeigt er sich in vielen Lebenszeugnissen und in Werken der Nächstenliebe reich an Frucht. Die katholischen Gemeinden in Deutschland in ihrer Diversität und Pluralität sind weltweit anerkannt für ihr Mitverantwortungsbewusstsein und ihre Großzügigkeit, die es verstanden hat, die Hand auszustrecken und die Umsetzung von Evangelisierungsprozessen in Regionen in benachteiligten Gegenden mit fehlenden Möglichkeiten zu erreichen und zu begleiten. Diese Großherzigkeit hat sich in der jüngeren Geschichte nicht nur in Form von ökonomischer und materieller Hilfe gezeigt, sondern auch dadurch, dass sie im Laufe der Jahre zahlreiche Charismen geteilt und Personal ausgesandt hat: Priester, Ordensfrauen und Ordensmänner sowie Laien, die ganz treu und unermüdlich ihren Dienst und ihre Mission unter oft sehr schwierigen Bedingungen erfüllt haben.2 Ihr habt der Weltkirche große heilige Männer und Frauen, große Theologen und Theologinnen sowie geistliche Hirten und Laien geschenkt, die ihren Beitrag für das Gelingen einer fruchtbaren Begegnung zwischen dem Evangelium und den Kulturen geleistet haben, hin auf neue Synthesen und fähig, das Beste aus beiden für zukünftige Generationen im gleichen Eifer der Anfänge zu erwecken.3 Dies ermöglichte bemerkenswerte Bemühungen, pastorale Antworten auf die Herausforderungen zu finden, die sich Euch gestellt haben.

Hingewiesen sei auch auf den von Euch eingeschlagenen ökumenischen Weg, dessen Früchte sich anlässlich des Gedenkjahres „500 Jahre Reformation“ gezeigt haben. Dieser Weg ermuntert zu weiteren Initiativen im Gebet sowie zum kulturellen Austausch und zu Werken der Nächstenliebe, die befähigen, die Vorurteile und Wunden der Vergangenheit zu überwinden, damit wir die Freude am Evangelium besser feiern und bezeugen können.

2. Heute indes stelle ich gemeinsam mit euch schmerzlich die zunehmende Erosion und den Verfall des Glaubens fest mit all dem, was dies nicht nur auf geistlicher, sondern auch auf sozialer und kultureller Ebene einschließt. Diese Situation lässt sich sichtbar feststellen, wie dies bereits Benedikt XVI. aufgezeigt hat, nicht nur «im Osten, wie wir wissen, wo ein Großteil der Bevölkerung nicht getauft ist und keinerlei Kontakt zur Kirche hat und oft Christus überhaupt nicht kennt»4, sondern sogar in sogenannten «traditionell katholischen Gebieten mit einem drastischen Rückgang der Besucher der Sonntagsmesse sowie beim Empfang der Sakramente»5. Es ist dies ein sicherlich facettenreicher und weder bald noch leicht zu lösender Rückgang. Er verlangt ein ernsthaftes und bewusstes Herangehen und fordert uns in diesem geschichtlichen Moment wie jenen Bettler heraus, wenn auch wir das Wort des Apostels hören: «Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!» (Apg 3,6).

3. Um dieser Situation zu begegnen, haben Eure Bischöfe einen synodalen Weg vorgeschlagen. Was dieser konkret bedeutet und wie er sich entwickelt, wird sicherlich noch tiefer in Betracht gezogen werden müssen. Meinerseits habe ich meine Betrachtungen zum Thema Synodalität anlässlich der Feier des 50-jährigen Bestehens der Bischofssynode dargelegt6. Es handelt sich im Kern um einen synodos, einen gemeinsamen Weg unter der Führung des Heiligen Geistes. Das aber bedeutet, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche unter dem Licht des Heiligen Geistes, unter seiner Führung und seinem Aufrütteln, um das Hinhören zu lernen und den immer neuen Horizont zu erkennen, den er uns schenken möchte. Denn die Synodalität setzt die Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer.

Anlässlich der letzten Vollversammlung der italienischen Bischöfe hatte ich die Gelegenheit, diese für das Leben der Kirche zentrale Wirklichkeit nochmals in Erinnerung zu rufen, indem ich die doppelte Perspektive, die sie verfolgt, einbrachte: «Synodalität von unten nach oben, das bedeutet die Pflicht, für die Existenz und die ordnungsgemäßen Funktionsvorgänge der Diözese, der Räte, der Pfarrgemeinden, für die Beteiligung der Laien Sorge zu tragen… (vgl. cann. 469-494 CIC), angefangen bei der Diözese. So ist es nicht möglich eine große Synode zu halten, ohne die Basis in Betracht zu ziehen… Dann erst kommt die Synodalität von oben nach unten», die es erlaubt, in spezifischer und besonderer Weise die kollegiale Dimension des bischöflichen Dienstes und des Kirche-Seins zu leben7. Nur so gelangen wir in Fragen, die für den Glauben und das Leben der Kirche wesentlich sind, zu reifen Entscheidungen. Möglich sein wird das unter der Bedingung, dass wir uns auf den Weg machen, gerüstet mit Geduld und der demütigen und gesunden Überzeugung, dass es uns niemals gelingen wird, alle Fragen und Probleme gleichzeitig lösen zu können. Die Kirche ist und wird immer Pilgerin auf dem Weg der Geschichte sein; dabei ist sie Trägerin eines Schatzes in irdenen Gefäßen (vgl. 2 Kor 4,7). Das ruft uns in Erinnerung: In dieser Welt wird die Kirche nie vollkommen sein, während ihre Lebendigkeit und ihre Schönheit in jenem Schatz gründet, zu dessen Hüterin sie von Anfang an bestellt ist8.

Die aktuellen Herausforderungen sowie die Antworten, die wir geben, verlangen im Blick auf die Entwicklung eines gesunden aggiornamento «einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzen Volkes über Jahre hinweg»9. Dies regt das Entstehen und Fortführen von Prozessen an, die uns als Volk Gottes aufbauen, statt nach unmittelbaren Ergebnissen mit voreiligen und medialen Folgen zu suchen, die flüchtig sind wegen mangelnder Vertiefung und Reifung oder weil sie nicht der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist.

4. In diesem Sinne kann man bei aller ernsthaften und unvermeidlichen Reflexion leicht in subtile Versuchungen geraten, denen man, meines Erachtens, besondere Aufmerksamkeit schenken und deshalb Vorsicht walten lassen sollte, da sie uns, alles andere als hilfreich für einen gemeinsamen Weg, in vorgefassten Schemata und Mechanismen festhalten, die in einer Entfremdung oder einer Beschränkung unserer Mission enden. Mehr noch kommt als erschwerender Umstand hinzu: Wenn wir uns dieser Versuchungen nicht bewusst sind, enden wir leicht in einer komplizierten Reihe von Argumentationen, Analysen und Lösungen mit keiner anderen Wirkung, als uns von der wirklichen und täglichen Begegnung mit dem treuen Volk und dem Herrn fernzuhalten.

5. Die derzeitige Situation anzunehmen und sie zu ertragen, impliziert nicht Passivität oder Resignation und noch weniger Fahrlässigkeit; sie ist im Gegenteil eine Einladung, sich dem zu stellen, was in uns und in unseren Gemeinden abgestorben ist, was der Evangelisierung und der Heimsuchung durch den Herrn bedarf. Das aber verlangt Mut, denn, wessen wir bedürfen, ist viel mehr als ein struktureller, organisatorischer oder funktionaler Wandel.

Ich erinnere daran, was ich anlässlich der Begegnung mit euren Oberhirten im Jahre 2015 sagte, dass nämlich eine der ersten und größten Versuchungen im kirchlichen Bereich darin bestehe zu glauben, dass die Lösungen der derzeitigen und zukünftigen Probleme ausschließlich auf dem Wege der Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung zu erreichen sei, dass diese aber schlussendlich in keiner Weise die vitalen Punkte berühren, die eigentlich der Aufmerksamkeit bedürfen. «Es handelt sich um eine Art neuen Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium , 32)»10.

Die Grundlage dieser Versuchung ist der Gedanke, die beste Antwort angesichts der vielen Probleme und Mängel bestehe in einem Reorganisieren der Dinge, in Veränderungen und in einem „Zurechtflicken“, um so das kirchliche Leben zu ordnen und glätten, indem man es der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst. Auf einem solchen Weg scheinen alle Schwierigkeiten gelöst zu sein und scheinbar finden die Dinge wieder ihre Bahn, so das kirchliche Leben eine „ganz bestimmte“ neue oder alte Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will11.

Auf diese Weise wären Spannungen im kirchlichen Leben nur scheinbar zu beseitigen. Nur „in Ordnung und im Einklang“ sein zu wollen, würde mit der Zeit lediglich das Herz unseres Volkes einschläfern und zähmen und die lebendige Kraft des Evangeliums, die der Geist schenken möchte, verringern oder gar zum Schweigen bringen: «Das aber wäre die größte Sünde der Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung gegen das Evangelium»12. So käme man vielleicht zu einem gut strukturierten und funktionierenden, ja sogar „modernisierten“ kirchlichen Organismus; er bliebe jedoch ohne Seele und ohne die Frische des Evangeliums. Wir würden lediglich ein „gasförmiges“, vages Christentum, aber ohne den notwendigen „Biss“ des Evangeliums, leben13. «Heute sind wir gerufen, Ungleichgewichte und Missverhältnisse zu bewältigen. Wir werden nicht in der Lage sein, irgendetwas Gutes zu tun, was dem Evangelium entspricht, wenn wir davor Angst haben»14. Wir dürfen nicht vergessen, dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen.

6. Daher erscheint es mir wichtig, das nicht aus den Augen zu verlieren, was «die Kirche wiederholt gelehrt hat, dass wir nicht durch unsere Werke oder unsere Anstrengungen gerechtfertigt werden, sondern durch die Gnade des Herrn, der die Initiative ergreift»15. Ohne diesen Blick der göttlichen Tugenden laufen wir Gefahr, in den verschiedenen Erneuerungsbestrebungen das zu wiederholen, was heute die kirchliche Gemeinschaft daran hindert, die barmherzige Liebe Gottes zu verkündigen. Die Art und Weise der Annahme der derzeitigen Situation wird bestimmend sein für die Früchte, die sich daraus entwickeln werden. Darum appelliere ich, dass dies unter dem Blickwinkel der göttlichen Tugenden geschehen soll. Das Evangelium der Gnade mit der Heimsuchung des Heiligen Geistes sei das Licht und der Führer, damit ihr euch diesen Herausforderungen stellen könnt. Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, und lediglich auf die eigenen Kräfte, die eigenen Methoden und die eigene Intelligenz vertraute, endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten. Die Vergebung und das Heil sind nicht etwas, das wir erkaufen müssen, «oder was wir durch unsere Werke oder unsere Bemühungen erwerben müssen. Er vergibt und befreit uns unentgeltlich. Seine Hingabe am Kreuz ist etwas so Großes, dass wir es weder bezahlen können noch sollen, wir können dieses Geschenk nur mit größter Dankbarkeit entgegennehmen, voll Freude, so geliebt zu werden, noch bevor wir überhaupt daran denken»16.

Das gegenwärtige Bild der Lage erlaubt uns nicht, den Blick dafür zu verlieren, dass unsere Sendung sich nicht an Prognosen, Berechnungen oder ermutigenden oder entmutigenden Umfragen festmacht, und zwar weder auf kirchlicher, noch auf politischer, ökonomischer oder sozialer Ebene und ebenso wenig an erfolgreichen Ergebnissen unserer Pastoralplanungen17. Alles das ist von Bedeutung, auch diese Dinge zu werten, hinzuhören, auszuwerten und zu beachten; in sich jedoch erschöpft sich darin nicht unser Gläubig-Sein. Unsere Sendung und unser Daseinsgrund wurzelt darin, dass «Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn dahingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben» (Joh 3,16). «Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben»18. Deshalb kann der bevorstehende Wandlungsprozess nicht ausschließlich reagierend auf äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten, wie es zum Beispiel der starke Rückgang der Geburtenzahl und die Überalterung der Gemeinden sind, die nicht erlauben, einen normalen Generationen-wechsel ins Auge zu fassen. Objektive und gültige Ursachen würden jedoch, werden sie isoliert vom Geheimnis der Kirche betrachtet, eine lediglich reaktive Haltung – sowohl positiv wie negativ – begünstigen und anregen. Ein wahrer Wandlungsprozess beantwortet, stellt aber zugleich auch Anforderungen, die unserem Christ-Sein und der ureigenen Dynamik der Evangelisierung der Kirche entspringen; ein solcher Prozess verlangt eine pastorale Bekehrung. Wir werden aufgefordert, eine Haltung einzunehmen, die darauf abzielt, das Evangelium zu leben und transparent zu machen, indem sie mit «dem grauen Pragmatismus des täglichen Lebens der Kirche bricht, in dem anscheinend alles normal abläuft, aber in Wirklichkeit der Glaube nachlässt und ins Schäbige absinkt»19. Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft gerufen sind in Gang zu setzen gerufen sind; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche20.

7. Deshalb ist es, wie Eure Bischöfe bereits betont haben, notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen, um die Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung in den Blick zu nehmen, denn «die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren. Als Gemeinschaft von Gläubigen, als Gemeinschaft gelebter und gepredigter Hoffnung, als Gemeinschaft brüderlicher Liebe muss die Kirche unablässig selbst vernehmen, was sie glauben muss, welches die Gründe ihrer Hoffnung sind und was das neue Gebot der Liebe ist»21.

Die so gelebte Evangelisierung ist keine Taktik kirchlicher Neupositionierung in der Welt von heute, oder kein Akt der Eroberung, der Dominanz oder territorialen Erweiterung; sie ist keine „Retusche“, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt. Auch bedeutet Evangelisierung nicht den Versuch, Gewohnheiten und Praktiken zurückzugewinnen, die in anderen kulturellen Zusammenhängen einen Sinn ergaben. Nein, die Evangelisierung ist ein Weg der Jüngerschaft in Antwort auf die Liebe zu Dem, der uns zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19); ein Weg also, der einen Glauben ermöglicht, der mit Freude gelebt, erfahren, gefeiert und bezeugt wird. Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein. Es gibt ganz sicher harte Momente und Zeiten des Kreuzes; nichts aber kann die übernatürliche Freude zerstören, die es versteht sich anzupassen, sich zu wandeln und die immer bleibt, wie ein wenn auch leichtes Aufstrahlen von Licht, das aus der persönlichen Sicherheit hervorgeht, unendlich geliebt zu sein, über alles andere hinaus. Die Evangelisierung bringt innere Sicherheit hervor, «eine hoffnungsfrohe Gelassenheit, die eine geistliche Zufriedenheit schenkt, die für weltliche Maßstäbe unverständlich ist»22. Verstimmung, Apathie, Bitterkeit, Kritiksucht sowie Traurigkeit sind keine guten Zeichen oder Ratgeber; vielmehr gibt es Zeiten in denen «die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man ist so in sich selbst verschlossen, dass man unfähig wird, die Geschenke Gottes anzuerkennen»23.

8. Deshalb muss unser Hauptaugenmerk sein, wie wir diese Freude mitteilen: indem wir uns öffnen und hinausgehen, um unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr drückte sich klar aus: «Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben» (Mt 6,33). Das bedeutet hinauszugehen, um mit dem Geist Christi alle Wirklichkeiten dieser Erde zu salben, an ihren vielfältigen Scheidewegen, ganz besonders dort, «wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, um mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen»24. Das bedeutet mitzuhelfen, dass das Leiden Christi wirklich und konkret jenes vielfältige Leiden und jene Situationen berühren kann, in denen sein Angesicht weiterhin unter Sünde und Ungleichheit leidet. Möge dieses Leiden den alten und neuen Formen der Sklaverei, welche Männer und Frauen gleichermaßen verletzen, die Maske herunterreißen, besonders heute, da wir immer neu ausländerfeindlichen Reden gegenüberstehen, die eine Kultur fördern, die als Grundlage die Gleichgültigkeit, die Verschlossenheit sowie den Individualismus und die Ausweisung hat. Und es sei im Gegenzug das Leiden Christi, das in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, besonders unter den jüngeren Menschen, die Leidenschaft für sein Reich erwecke!

Das fordert von uns, «einen geistlichen Wohlgefallen daran zu finden, nahe am Leben der Menschen zu sein, bis zu dem Punkt, dass man entdeckt, dass dies eine Quelle höherer Freude ist. Die Mission ist eine Leidenschaft für Jesus, zugleich aber eine Leidenschaft für sein Volk»25.

So müssten wir uns also fragen, was der Geist heute der Kirche sagt (vgl. Offb 2,7), um die Zeichen der Zeit zu erkennen26, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2). Alle Bemühungen des Hörens, des Beratens und der Unterscheidung zielen darauf ab, dass die Kirche im Verkünden der Freude des Evangeliums, der Grundlage, auf der alle Fragen Licht und Antwort finden können, täglich treuer, verfügbarer, gewandter und transparenter wird27. «Die Herausforderungen existieren, um überwunden zu werden. Seien wir realistisch, doch ohne die Heiterkeit, den Wagemut und die hoffnungsvolle Hingabe zu verlieren! Lassen wir uns die missionarische Kraft nicht nehmen!»28.

9. Das Zweite Vatikanische Konzil war ein wichtiger Schritt für die Heranbildung des Bewusstseins, das die Kirche sowohl über sich selbst als auch über ihre Mission in der heutigen Welt hat. Dieser Weg, der vor über fünfzig Jahren begann, spornt uns weiterhin zu seiner Rezeption und Weiterentwicklung an und ist jedenfalls noch nicht an seinem Ende angelangt, insbesondere bezüglich der Synodalität, die berufen ist, sich auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens zu entfalten (Pfarrei, Diözesen, auf nationaler Ebene, in der Weltkirche sowie in den verschiedenen Kongregationen und Gemeinschaften). Es ist Aufgabe dieses Prozesses, gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen29, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten. Das hilft uns, die Angst zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert, damit wir demjenigen in die Augen schauen und zuhören oder damit wir auf Bedürfnisse verzichten können und so denjenigen zu begleiten vermögen, der am Straßenrand liegen geblieben ist. Manchmal kann sich diese Haltung in einer minimalen Geste zeigen, wie jene des Vaters des Verlorenen Sohnes, der die Türen offen hält, so dass der Sohn, wenn er zurückkehrt, ohne Schwierigkeiten eintreten kann30. Das bedeutet nicht, nicht zu gehen, nicht voranzuschreiten, nichts zu ändern und vielleicht nicht einmal zu debattieren und zu widersprechen, sondern es ist einfach die Folge des Wissens, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind, der uns beansprucht, der auf uns wartet und uns braucht, und den auch wir beanspruchen, erwarten und brauchen. Es ist die Freude, sich als Teil des heiligen und geduldigen treuen Volkes Gottes zu fühlen.

Die anstehenden Herausforderungen, die verschiedenen Themen und Fragestellungen können nicht ignoriert oder verschleiert werden; man muss sich ihnen stellen, wobei darauf zu achten ist, dass wir uns nicht in ihnen verstricken und den Weitblick verlieren, der Horizont sich dabei begrenzt und die Wirklichkeit zerbröckelt. «Wenn wir im Auf und Ab der Konflikte verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit»31. In diesem Sinne schenkt uns der Sensus Ecclesiae diesen weiten Horizont der Möglichkeit, aus dem heraus versucht werden kann, auf die dringenden Fragen zu antworten. Der Sensus Ecclesiae erinnert uns zugleich an die Schönheit des vielgestaltigen Angesichts der Kirche32. Dieses Gesicht ist vielfältig, nicht nur aus einer räumlichen Perspektive heraus, in ihren Völkern, Rassen und Kulturen33, sondern auch aus ihrer zeitlichen Wirklichkeit heraus, die es uns erlaubt, in die Quellen der lebendigsten und vollsten Tradition einzutauchen. Ihrerseits ist diese Tradition berufen, das Feuer am Leben zu erhalten, statt lediglich die Asche zu bewahren34. Sie erlaubt es allen Generationen, die erste Liebe mit Hilfe des Heiligen Geistes wieder zu entzünden.

Der Sensus Ecclesiae befreit uns von Eigenbrötelei und ideologischen Tendenzen, um uns einen Geschmack dieser Gewissheit des Zweiten Vatikanischen Konzils zu geben, als es bekräftigte, dass die Salbung des Heiligen (vgl. 1 Joh 2,20. 27) zur Gesamtheit der Gläubigen gehört35. Die Gemeinschaft mit dem heiligen und treuen Volk Gottes, dem Träger der Salbung, hält die Hoffnung und die Gewissheit am Leben, dass der Herr an unserer Seite wandelt und dass er es ist, der unsere Schritte stützt. Ein gesundes gemeinsames Auf-dem-Weg-Sein muss diese Überzeugung durchscheinen lassen in der Suche nach Mechanismen, durch die alle Stimmen, insbesondere die der Einfachen und Kleinen, Raum und Gehör finden. Die Salbung des Heiligen, die über den ganzen kirchlichen Leib ausgegossen wurde, «verteilt besondere Gnaden unter den Gläubigen eines jeden Standes und jeder Lebensbedingung und verteilt seine Gaben an jeden nach seinem Willen (1 Kor 12,11). Durch diese macht er sie geeignet und bereit, für die Erneuerung und den vollen Aufbau der Kirche verschiedene Werke und Dienste zu übernehmen gemäß dem Wort: «Jedem wird der Erweis des Geistes zum Nutzen gegeben (1 Kor 12,7)»36. Dies hilft uns, auf diese alte und immer neue Versuchung der Förderer des Gnostizismus zu achten, die, um sich einen eigenen Namen zu machen und den Ruf ihrer Lehre und ihren Ruhm zu mehren, versucht haben, etwas immer Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes ihnen geschenkt hat. Es ist das, was der heilige Johannes mit dem Terminus proagon beschreibt (2 Joh 9); gemeint ist damit derjenige, der voraus sein will, der Fortgeschrittene, der vorgibt über das „kirchliche Wir“ hinauszugehen, das jedoch vor den Exzessen bewahrt, die die Gemeinschaft bedrohen37.

10. Deshalb achtet aufmerksam auf jede Versuchung, die dazu führt, das Volk Gottes auf eine erleuchtete Gruppe reduzieren zu wollen, die nicht erlaubt, die unscheinbare, zerstreute Heiligkeit zu sehen, sich an ihr zu freuen und dafür zu danken. Diese Heiligkeit, die da lebt «im geduldigen Volk Gottes: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche. Oft ist das die Heiligkeit „von nebenan“, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind»38. Das ist die Heiligkeit, die die Kirche vor jeder ideologischen, pseudo-wissenschaftlichen und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat. Diese Heiligkeit regt uns an, erinnert daran und lädt ein, diesen marianischen Stil im missionarischen Wirken der Kirche zu entwickeln, die so in der Lage ist, Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit, Kontemplation mit Aktion und Zärtlichkeit mit Überzeugung auszudrücken. «Denn jedes Mal, wenn wir auf Maria schauen, glauben wir wieder an das Revolutionäre der Zärtlichkeit und der Liebe. An ihr sehen wir, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen»39.

In meinem Heimatland gibt es ein zum Nachdenken anregendes und kraftvolles Sprichwort, das das erhellen kann: «Vereint seien die Brüder, denn das ist das erste Gesetz; sie mögen die Einheit wahren zu jeder Zeit, denn wenn sie untereinander kämpfen, werden sie von den Außenstehenden verschlungen»40. Brüder und Schwestern, haben wir Sorge füreinander! Achten wir auf die Versuchung durch den Vater der Lüge und der Trennung, den Meister der Spaltung, der beim Antreiben der Suche nach einem scheinbaren Gut oder einer Antwort auf eine bestimmte Situation letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt! Begeben wir uns als apostolische Körper gemeinsam auf den Weg und hören wir einander unter der Führung des Heiligen Geistes – auch wenn wir nicht in gleicher Weise denken – aus der weisen Überzeugung heraus, dass «die Kirche im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegenstrebt, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen»41.

11. Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte den Beschlüssen eines „guten Konsenses“, die den Glauben kompromittieren, den Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet. Das wäre sehr einschränkend. Mit dem Hintergrund und der Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA beansprucht die Synodalität bewusst eine Art und Weise des Kirche-Seins anzunehmen, bei dem «das Ganze mehr ist als der Teil, und es ist auch mehr als ihre einfache Summe. Man darf sich also nicht zu sehr in Fragen verbeißen, die begrenzte Sondersituationen betreffen, sondern muss immer den Blick weiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt. Das darf allerdings nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben. Es ist notwendig, die Wurzeln in den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des eigenen Ortes, die ein Geschenk Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch mit einer weiteren Perspektive».

12. Dies verlangt vom ganzen Volk Gottes und besonders von ihren Hirten eine Haltung der Wachsamkeit und der Bekehrung, die es ermöglicht, das Leben und die Wirksamkeit dieser Wirklichkeiten zu erhalten. Die Wachsamkeit und die Bekehrung sind Gaben, die nur der Herr uns schenken kann. Uns muss es genügen, durch Gebet und Fasten um seine Gnade zu bitten. Immer hat es mich beeindruckt, wie der Herr während seines irdischen Lebens, insbesondere in den Augenblicken großer Entscheidungen, in besonderer Weise versucht wurde. Gebet und Fasten hatten eine besondere und bestimmende Bedeutung für sein gesamtes nachfolgendes Handeln (vgl. Mt 4,1-11). Auch die Synodalität kann sich dieser Logik nicht entziehen und muss immer von der Gnade der Umkehr begleitet sein, damit unser persönliches und gemeinschaftliches Handeln sich immer mehr der Kenosis Christi angleichen und sie darstellen kann (vgl. Phil 2,1-11). Als Leib Christi sprechen, handeln und antworten, bedeutet auch, in der Art und Weise Christi mit den gleichen Haltungen, mit derselben Umsicht und denselben Prioritäten zu sprechen und zu handeln. Dem Beispiel des Meisters folgend, der «sich selbst entäußerte, und wie ein Sklave wurde» (Phil 2,7), befreit uns die Gnade der Bekehrung deshalb von falschen und sterilen Protagonismen. Sie befreit uns von der Versuchung, in geschützten und bequemen Positionen zu verharren, und lädt uns ein, an die Ränder zu gehen, um uns selbst zu finden und besser auf den Herrn zu hören.

Diese Haltung der Entäußerung erlaubt es uns auch, die kreative und immer reiche Kraft der Hoffnung zu erfahren, die aus der Armut des Evangeliums geboren wurde, zu der wir berufen sind; sie macht uns frei zur Evangelisierung und zum Zeugnis. So erlauben wir dem Geist, unser Leben zu erfrischen und zu erneuern, indem er es von Sklaverei, Trägheit und nebensächlichem Komfort befreit, die uns daran hindern, hinauszugehen und, vor allem, anzubeten. Denn in der Anbetung erfüllt der Mensch seine höchste Pflicht und sie erlaubt ihm, einen Blick auf die kommende Klarheit zu werfen, die uns hilft, die neue Schöpfung zu verkosten43.

Ohne diese Perspektive laufen wir Gefahr, von uns selbst oder vom Wunsch nach Selbstrechtfertigung und Selbsterhaltung auszugehen, was zu Veränderungen und Regelungen führt, die auf halbem Weg stecken bleiben. Weit davon entfernt, die Probleme zu lösen, endet das darin, dass wir uns in einer endlosen Spirale verfangen, und damit die schönste, befreiende und verheißungsvolle Verkündigung erstickt und abtötet, die wir haben und die unserer Existenz einen Sinn gibt: Jesus Christus ist der Herr! Wir bedürfen des Gebetes, der Buße und der Anbetung, die es uns ermöglichen, mit dem Zöllner zu sprechen: «Gott, sei mir Sünder gnädig!» (Lk 18,13), nicht in heuchlerischer, infantiler oder kleinmütiger Weise, sondern mit dem Mut, die Tür zu öffnen und das zu sehen, was normalerweise durch Oberflächlichkeit, durch die Kultur des Wohlbefindens und des Augenscheins verdeckt bleibt44.

Im Grunde genommen ermöglichen uns diese Geisteshaltungen – wahre geistliche Heilmittel (Gebet, Buße und Anbetung) –, noch einmal zu erfahren, dass Christ-Sein bedeutet, sich selig und gesegnet und somit Träger der Glückseligkeit für die anderen zu wissen. Christ-Sein bedeutet, der Kirche der Seligpreisungen für die Seliggepriesenen von heute anzugehören: die Armen, die Hungrigen, die Weinenden, die Gehassten, die Ausgeschlossenen und die Beschimpften (vgl. Lk 6,20-23). Vergessen wir nicht: «In den Seligpreisungen zeigt der Herr uns den Weg. Wenn wir den Weg der Seligpreisungen gehen, können wir zum wahrsten menschlichen und göttlichen Glück gelangen. Die Seligpreisungen sind der Spiegel, der uns mit einem Blick darauf kundtut, ob wir auf einem richtigen Weg gehen: Dieser Spiegel lügt nicht»45!

13. Liebe Brüder und Schwestern, ich weiß um eure Standfestigkeit und mir ist bekannt, was ihr für den Namen des Herrn durchgestanden und erduldet habt; ich weiß auch um eurem Wunsch und eurer Verlangen, die erste Liebe in der Kirche mit der Kraft des Geistes wiederzubeleben (vgl. Offb 2,1-5). Dieser Geist, der das gebrochene Schilfrohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht (vgl. Jes 42,3), nähre und belebe das Gute, das euer Volk auszeichnet, und lasse es erblühen! Ich möchte euch zur Seite stehen und euch begleiten in der Gewissheit, dass, wenn der Herr uns für würdig hält, diese Stunde zu leben, Er das nicht getan hat, um uns angesichts der Herausforderungen zu beschämen oder zu lähmen. Vielmehr will er, dass Sein Wort einmal mehr unser Herz herausfordert und entzündet, wie Er es bei euren Vätern getan hat, damit eure Söhne und Töchter Visionen und eure Alten wieder prophetische Träume empfangen (vgl. Joel 3,1). Seine Liebe «erlaubt uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen. Fliehen wir nicht vor der Auferstehung Jesu, geben wir uns niemals geschlagen, was auch immer geschehen mag. Nichts soll stärker sein als sein Leben, das uns vorantreibt!»46.

Und so bitte ich Euch, betet für mich!

Vatikan, den 29. Juni 2019

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1 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 11.
2 Vgl. Benedikt XVI., Begegnung mit den Deutschen Bischöfen in Köln, XX. Weltjugendtag (21. August 2005).
3 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 58.
Nächstenliebe, die befähigen, die Vorurteile und Wunden der Vergangenheit zu überwinden, damit wir die Freude am Evangelium besser feiern und bezeugen können.
4 Benedikt XVI., Begegnung mit den Deutschen Bischöfen in Köln, XX. Weltjugendtag (21. August 2005).
5 Franziskus, Ad limina Besuch der Deutschen Bischöfe (20. November 2015).
6 Vgl. Franziskus, Apostolische Konstitution Episcopalis communio (15. September 2018).
Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer.
7 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 23; Konzilsdekret über den Dienst der Bischöfe Christus Dominus, 3. Mit einem Zitat der Internationalen Theologenkommission aus deren jüngstem Dokument Die Synodalität im Leben und in der Sendung der Kirche, sagte ich den italienischen Bischöfen: «Die Kollegialität ist deshalb die spezifische Form in der die kirchliche Synodalität zum Ausdruck kommt; sie verwirklicht sich durch den Dienst der Bischöfe auf der Ebene der communio unter den Teilkirchen einer Region und durch die communio unter allen Teilkirchen in der Weltkirche. Ein jeder authentischer Ausdruck der Synodalität verlangt wesensmäßig den kollegialen Dienst der Bischöfe», cf. Ansprache an die Italienische Bischofskonferenz (20. Mai 2019).
8 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 8.
9 Yves Congar, Vera e falsa riforma nella Chiesa, 259.
10 Franziskus, Ansprache an die Deutsche Bischofkonferenz (20. November 2015).
11 Schlussendlich ist es die Logik eines technokratischen Denkens, das sich allen Entscheidungen, Beziehungen und Nuancen unseres Lebens aufnötigt (vgl. Franziskus, Enzyklika Laudato si, 106-114). Deshalb beeinflusst eine solche Logik auch unser Denken und Fühlen und unsere Art und Weise, Gott und den Nächsten zu lieben.
12 Franziskus, Diözesanversammlung des Bistums Rom (9. Mai 2019).
13 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 97: «Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere. Lassen wir uns das Evangelium nicht nehmen!».
14 Franziskus, Diözesanversammlung des Bistums Rom (9. Mai 2019).
15 Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 52.
16 Franziskus, Nachtsynodales Apostolisches Schreiben Christus vivit, 121.
17 Eine Haltung, die entweder einen Geist des uneingeschränkten Verlangens nach Erfolg entfacht im Falle günstigen Windes oder eine Opferhaltung hervorbringt, wenn „es gilt, gegen den Wind zu rudern“. Diese Denkweisen sind dem Geist des Evangeliums fremd und lassen eine elitäre Glaubenspraxis durchscheinen. Weder das eine, noch das andere; der Christ lebt aus der Danksagung.
18 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 26.
19 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 83.
20 Vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 14.
21 Ebd, 15.
22 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 125.
23 Ebd, 126.
24 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 74.
25 Ebd, 268.
26 Vgl. II. Vat. Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 4; 11.
27 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 28.
28 Ebd, 109.
29 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 23.
30 Vgl. Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 46.
31 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 226.
32 Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Novo millennio ineunte, 40.
33 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 13.
34 Gustav Mahler: „die Tradition ist die Gewähr für die Zukunft und nicht die Hüterin der Asche“.
35 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 12.
36 Vgl. II. Vat. Konzil, Dogmat. Konst. über die Kirche Lumen gentium, 12.
37 Vgl. Joseph Ratzinger, Der Gott Jesu Christi, München 1976, 104-105.
38 Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 7.
Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind, die nicht andere schlecht zu behandeln brauchen, um sich wichtig zu fühlen».
39 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 288.
40 José Hernandez, Martín Fierro, secunda parte, Decimoséptima sextina.
41 II. Vat. Konzil, Dogm. Konst. über die göttliche Offenbarung Dei Verbum, 8.
42 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 235.
43 Vgl. Romano Guardini, Pequeña Suma Teológica, Madrid 1963, 27-33
44 Vgl. J. M. Bergoglio, Sobre la acusación de sí, 2.
der Spiegel, der uns mit einem Blick darauf kundtut, ob wir auf einem richtigen Weg gehen: Dieser Spiegellügt nicht»
45 Franziskus Ansprache vor dem 5. Nationalen Kongress der Kirche in Italien, Florenz, 10. November 2015.
46 Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium , 3.

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Quelle

 

Papst (Franziskus) ermutigt zur Öko-Bekehrung

Papst Franziskus bei der Audienz mit der „Centesimus Annus pro Pontifice-Stiftung“ 2018 (ANSA)

Wir müssen unser Gespür für die ökologische Herausforderung weiterentwickeln: Dazu hat Papst Franziskus aufgerufen. Trotz übergroßer Probleme dürfe man die Hoffnung auf einen ökologischen Wandel nicht aufgeben, sagte das Kirchenoberhaupt im Vatikan vor den Teilnehmern der Jahrestagung der Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice.

Die päpstliche Stiftung, die vor 26 Jahren von Johannes Paul II. für die Förderung der kirchlichen Soziallehre gegründet wurde, beschäftigte sich auf der Tagung mit der Sozialenzyklika Laudato Si‘ von 2015. Franziskus würdigte im Rückblick auf diese Zeit, dass seither immer mehr Staaten sich zu den UN-Nachhaltigkeitszielen verpflichten. Ferner lobte er „zunehmende Investitionen in erneuerbare und nachhaltige Energien, neue Methoden der Energieeffizienz und eine größere Sensibilität für ökologische Anliegen besonders unter den jungen Menschen.“ Im April war es am Rand einer Generalaudienz zu einer Begegnung des Papstes mit der Klimawandel-Aktivistin Greta Thunberg gekommen.

Eine Vision, die nicht spaltet, sondern eint

Zugleich bemängelte Franziskus, in vielen Staaten sei der Fortschritt diesbezüglich „langsam oder nicht existent, manchmal sogar rückläufig“: „All das macht es schwierig, eine ökonomische, ökologische und soziale Solidarität und Nachhaltigkeit in einer humaneren Wirtschaft voranzubringen, einer Wirtschaft, die nicht nur die Befriedigung unmittelbarer Wünsche, sondern auch den Wohlstand der zukünftigen Generationen berücksichtigt“, gibt Franziskus zu. Dennoch dürfe man nicht aufgeben, sondern müsse eine wirkliche Bekehrung einleiten mit ethischen Visionen, die, so Franziskus, „den Menschen in den Mittelpunkt stellen, um niemanden an den Rändern des Lebens zurückzulassen. Eine Vision, die mehr vereint als spaltet, mehr einbezieht als ausschließt.“  Franziskus erinnerte daran, dass Laudato Si‘ keine Öko-, sondern vielmehr eine Sozialenzyklika sei. 

“unsere Identität als Söhne und Töchter unseres himmlichen Vaters”

Die Entwicklung einer ganzheitlichen Ökologie sei Berufung und Aufgabe zugleich, fuhr Franziskus fort. Zu dieser Berufung gehöre die Wiederentdeckung unserer Identität. Damit meint der Papst aber nicht die derzeit diskutierten Vorstellungen nationaler Identität, sondern vielmehr „unsere Identität als Söhne und Töchter unseres himmlischen Vaters, die nach dem göttlichen Bild geschaffen und beauftragt wurden, Hüter der Erde zu sein“. Diese Identität begründe sowohl die geschwisterliche Solidarität als auch die „geteilte Verantwortung für unser gemeinsames Haus“, erklärte Franziskus.

Die Aufgabe bestehe darin, Entwicklungsmodelle auf individueller, gemeinschaftlicher und politisch-institutioneller Ebene zu verändern. Obwohl dies geradezu einschüchternd groß erscheine, ermutigte der Papst die Teilnehmenden der Konferenz abschließend, die Hoffnung nicht zu verlieren, die auf den Vater im Himmel gründe:  „Er verlässt uns nicht, er lässt uns nicht allein, denn er hat sich selbst endgültig an unsere Erde gebunden und seine Liebe treibt uns ständig an, neue Wege vorwärts zu finden.“

Was ist Centesimus Annus Pro Pontifice?

Centesimus Annus Pro Pontifice (CAPP) ist eine päpstliche Stiftung mit Sitz im Vatikan. Papst Johannes Paul II. hatte sie 1983 zusammen mit einer Gruppe katholischer Unternehmer gegründet. Ziel der Stiftung ist die weltweite Förderung der katholischen Soziallehre. Vizepräsident im Verwaltungsrat ist der deutsche Textilunternehmer und Wirtschaftsethiker Thomas Rusche.

(vatican news – fr/gs)

Siehe auch:

Papst Franziskus: Motu Proprio „Ihr seid das Licht der Welt“ („Vos estis lux mundi“)

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES «MOTU PROPRIO»

VON PAPST
FRANZISKUS

VOS ESTIS LUX MUNDI

 

»Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben« (Mt 5,14). Unser Herr Jesus Christus ruft jeden Gläubigen, ein leuchtendes Vorbild an Tugend, Integrität und Heiligkeit zu sein. Wir alle sind nämlich berufen, in unserem Leben und insbesondere in unserer Beziehung zum Nächsten konkretes Zeugnis für den Glauben an Christus zu geben.

Die Verbrechen sexuellen Missbrauchs beleidigen unseren Herrn, verursachen physische, psychische und spirituelle Schäden bei den Opfern und verletzten die Gemeinschaft der Gläubigen. Damit solche Phänomene in all ihren Formen nicht mehr geschehen, braucht es eine ständige und tiefe Umkehr der Herzen, die durch konkrete und wirksame Handlungen bezeugt wird; diese beziehen alle in der Kirche mit ein, sodass die persönliche Heiligkeit und der moralische Einsatz dazu beitragen können, die volle Glaubwürdigkeit der Verkündigung des Evangeliums und die Wirksamkeit der Sendung der Kirche zu fördern. Dies wird nur mit der Gnade des Heiligen Geistes, der in die Herzen ausgegossen ist, möglich, denn wir müssen immer des Wortes Jesu eingedenk sein: »Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen« (Joh 15,5). Auch wenn schon vieles getan wurde, müssen wir weiter aus den bitteren Lektionen der Vergangenheit lernen, um hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Diese Verantwortung fällt in erster Linie auf die Nachfolger der Apostel, denen Gott die pastorale Leitung seine Volkes anvertraut hat, und fordert von ihnen den Einsatz, den Spuren des Göttlichen Meisters nahe zu folgen. Aufgrund ihres Dienstamtes nämlich leiten sie »die ihnen zugewiesenen Teilkirchen als Stellvertreter und Gesandte Christi durch Rat, Zuspruch, Beispiel, aber auch in Autorität und heiliger Vollmacht, die sie indes allein zum Aufbau ihrer Herde in Wahrheit und Heiligkeit gebrauchen, eingedenk, dass der Größere werden soll wie der Geringere und der Vorsteher wie der Diener« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 27). Was die Nachfolger der Apostel dringender betrifft, geht auch alle an, die auf verschiedene Weise Dienste in der Kirche übernehmen, die evangelischen Räte leben oder gerufen sind, dem christlichen Volk zu dienen. Daher ist es gut, auf universalkirchlicher Ebene Verfahrensweisen anzuwenden, um diesen Straftaten, die das Vertrauen der Gläubigen verraten, vorzubeugen und entgegenzuwirken.

Mein Wunsch ist es, dass dieser Einsatz in völlig kirchlicher Weise ausgeführt wird und demnach Ausdruck der Gemeinschaft ist, die uns vereint, im gegenseitigen und offenen Hören auf die Beiträge derer, denen dieser Prozess der Umkehr am Herzen liegt.

Deshalb verfüge ich:

 

TITEL 1
ALLGEMEINE BESTIMMUNGEN

 

Art. 1 – Anwendungsbereich

§ 1. Die vorliegenden Normen finden Anwendung im Fall von Meldungen in Bezug auf Kleriker oder auf Angehörige von Instituten des geweihten Lebens oder Gesellschaften des apostolischen Lebens, die Folgendes betreffen:

a)       Straftaten gegen das sechste Gebot des Dekalogs, nämlich:

I.        unter Gewalt oder Drohung oder durch Amtsmissbrauch erfolgter Zwang, sexuelle Handlungen zu vollziehen oder zu erleiden;

II.       der Vollzug sexueller Handlungen mit einer minderjährigen oder mit einer schutzbedürftigen Person;

III.      die Herstellung, die Darbietung, der Besitz oder die Verbreitung von kinderpornographischem Material auch auf telematischem Weg sowie die Anwerbung oder Verleitung einer minderjährigen oder schutzbedürftigen Person, an pornographischen Darbietungen teilzunehmen.

b)       die Verhaltensweisen, die von den in Artikel 6 genannten Personen verwirklicht werden und in Handlungen oder Unterlassungen bestehen, die darauf gerichtet sind, die zivilen Untersuchungen oder kirchenrechtlichen Untersuchungen verwaltungsmäßiger oder strafrechtlicher Natur gegenüber einem Kleriker oder einer Ordensperson bezüglich der unter dem Buchstaben a) dieses Paragraphen genannten Vergehen zu beeinflussen oder zu umgehen.

§ 2. Bezüglich der vorliegenden Normen versteht man unter:

a)       »minderjährig«: jede Person, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat oder ihr vom Gesetz gleichgestellt wird;

b)       »schutzbedürftige Person«: jede Person im Zustand von Krankheit, von physischer oder psychischer Beeinträchtigung oder von Freiheitsentzug, wodurch faktisch, auch gelegentlich, ihre Fähigkeit zu verstehen und zu wollen eingeschränkt ist, zumindest aber die Fähigkeit, der Schädigung Widerstand zu leisten.

c)        »kinderpornographisches Material«: jede Darstellung einer minderjährigen Person, die unabhängig vom verwendeten Mittel in explizite sexuelle Handlungen, seien sie real oder simuliert, verwickelt ist, oder jede Darstellung der Geschlechtsorgane von Minderjährigen zu vorwiegend sexuellen Zwecken.

 

Art. 2 – Annahme der Meldungen und Datenschutz

§ 1. Unter Berücksichtigung der Weisungen, die eventuell von den jeweiligen Bischofskonferenzen, Synoden der Bischöfe der Patriarchatskirchen und der großerzbischöflichen Kirchen oder von den Hierarchenräten der Metropolitankirchen sui iuris in Kraft gesetzt wurden, müssen die Diözesen oder Eparchien – einzeln oder gemeinsam – innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten der vorliegenden Normen ein oder mehrere feste Systeme bestimmen, die der Öffentlichkeit leicht zugänglich sind, um Meldungen einzureichen. Dies kann auch durch die Errichtung einer eigenen kirchlichen Behörde geschehen. Die Diözesen und Eparchien informieren den Päpstlichen Vertreter über die Einrichtung der in diesem Paragraphen genannten Systeme.

§ 2. Die Informationen, von denen in diesem Artikel die Rede ist, werden so geschützt und behandelt, dass die Sicherheit, die Unversehrtheit und die Vertraulichkeit gemäß can. 471, 2° CIC und can. 244 § 2, 2° CCEO gewährleistet ist.

§ 3. Vorbehaltlich der Bestimmung in Artikel 3 § 3 leitet der Ordinarius, der die Meldung erhalten hat, diese unverzüglich an den Ordinarius des Ortes, wo die Taten stattgefunden haben sollen, sowie an den eigenen Ordinarius der angezeigten Person weiter. Beide werden nach Maßgabe des Rechts entsprechend dem, was für den spezifischen Fall vorgesehen ist, vorgehen.

§ 4. Im Sinne dieses Titels sind die Eparchien den Diözesen gleichgestellt und der Hierarch dem Ordinarius.

 

Art. 3 – Meldung

§ 1. Vorbehaltlich der in can. 1548 § 2 CIC und can. 1229 § 2 CCEO vorgesehenen Fälle hat ein Kleriker oder ein Angehöriger eines Instituts des geweihten Lebens oder einer Gesellschaft des apostolischen Lebens jedes Mal, wenn er Nachricht darüber hat oder triftige Gründe zur Annahme hat, dass eine der Taten nach Artikel 1 begangen wurde, die Pflicht, die Tatsache beizeiten dem Ordinarius des Ortes, wo die Taten stattgefunden haben sollen, oder einem anderen Ordinarius gemäß can. 134 CIC und can. 984 CCEO zu melden, unter Vorbehalt der Bestimmung des § 3 dieses Artikels.

§ 2. Jeder kann eine Meldung machen im Hinblick auf die Verhaltensweisen nach Artikel 1, indem er von den Bestimmungen nach dem voranstehenden Artikel oder von jeder anderen geeigneten Art und Weise Gebrauch macht.

§ 3. Wenn die Meldung eine der in Artikel 6 genannten Personen betrifft, wird diese der Autorität gemacht, die auf Grundlage der Artikel 8 und 9 festgestellt wurde. Die Meldung kann immer direkt oder über den Päpstlichen Vertreter an den Heiligen Stuhl gerichtet werden.

§ 4. Die Meldung enthält möglichst alle erforderlichen Umstände, wie Angaben zu Zeit und Ort der Taten, der beteiligten oder informierten Personen, sowie jede andere Gegebenheit, die hilfreich sein kann, um eine genaue Beurteilung der Taten zu gewährleisten.

§ 5. Die Nachrichten können auch ex officio erworben worden sein.

 

Art. 4 – Schutz dessen, der die Meldung macht

§ 1. Die Tatsache, eine Meldung gemäß Art. 3 zu erstatten, stellt keine Verletzung des Amtsgeheimnisses dar.

§ 2. Unbeschadet dessen, was in can. 1390 CIC und cann. 1452 und 1454 CCEO vorgesehen ist, sind Beeinträchtigungen, Vergeltung oder Diskriminierungen aufgrund der Tatsache, Meldung gemacht zu haben, verboten und können die Verhaltensweisen nach Artikel 1 § 1, Buchstabe b) ergänzen.

§ 3. Wer eine Meldung erstattet, dem kann kein Schweigegebot hinsichtlich ihres Inhalts auferlegt werden.

 

Art. 5 – Sorge für die Personen

§ 1. Die kirchlichen Autoritäten setzen sich dafür ein, dass diejenigen, die sagen, verletzt worden zu sein, zusammen mit ihren Familien mit Würde und Respekt behandelt werden; sie bieten ihnen im Besonderen:

a)       Annahme, Gehör und Begleitung, auch mittels spezifischer Dienste;

b)       spirituelle Betreuung;

c)        medizinische, therapeutische und psychologische Betreuung entsprechend dem spezifischen Fall;

§ 2. Das Bild und die Privatsphäre der betroffenen Personen sind genauso geschützt wie die Vertraulichkeit der persönlichen Daten.

 

TITEL 2
BESTIMMUNGEN HINSICHTLICH DER BISCHÖFE
UND GLEICHGESTELLTEN

 

Art. 6 – Subjektsbezogener Anwendungsbereich

Die Verfahrensnormen des vorliegenden Titels betreffen die unter Artikel 1 aufgeführten Verhaltensweisen folgender Personen:

a)       Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe und Gesandte des Papstes;

b)       Kleriker, die die pastorale Leitung einer Teilkirche oder einer ihr gleichgestellten lateinischen oder ostkirchlichen Struktur, einschließlich der der Personalordinariate, innehaben oder innehatten, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten;

c)        Kleriker, die die pastorale Leitung einer Personalprälatur innehatten oder innehaben, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten;

d)       diejenigen, die oberste Leiter (moderator supremus) von Instituten des geweihten Lebens oder Gesellschaften des apostolischen Lebens päpstlichen Rechts wie auch von Klöstern sui iuris sind oder waren, für während der Amtszeit (durante munere) begangene Taten.

 

Art. 7 – Zuständiges Dikasterium

§ 1. Im Sinne des vorliegenden Titels sind unter »zuständiges Dikasterium« die Kongregation für die Glaubenslehre hinsichtlich der ihr von den geltenden Normen reservierten Straftaten zu verstehen. Hinzu kommen in allen anderen Fällen, je nach Zuständigkeit aufgrund des Eigenrechts der Römischen Kurie:

–            die Kongregation für die Ostkirchen;

–            die Kongregation für die Bischöfe;

–            die Kongregation für die Evangelisierung der Völker;

–            die Kongregation für den Klerus;

–            die Kongregation für die Institute des geweihten Lebens und die Gesellschaften des apostolischen Lebens.

§ 2. Zur Gewährleistung der besseren Abstimmung informiert das zuständige Dikasterium über die Meldung und den Ausgang der Untersuchung das Staatssekretariat und die anderen unmittelbar betroffenen Dikasterien.

§ 3. Die in diesem Titel erwähnten Mitteilungen zwischen Metropoliten und dem Heiligen Stuhl erfolgen über den Päpstlichen Vertreter.

 

Art. 8 – Verfahren, das im Fall einer Meldung über einen Bischof der Lateinischen Kirche anzuwenden ist

§ 1. Die Autorität, die eine Meldung erhält, leitet diese sowohl an den Heiligen Stuhl als auch an den Metropoliten der Kirchenprovinz weiter, in der die gemeldete Person ihren Wohnsitz hat.

§ 2. Wenn die Meldung den Metropoliten betreffen oder der Metropolitansitz vakant sein sollte, wird diese sowohl an den Heiligen Stuhl als auch an den dienstältesten Suffraganbischof weitergeleitet, für den in diesem Fall die folgenden Bestimmungen hinsichtlich des Metropoliten anzuwenden sind.

§ 3. Falls die Meldung einen Päpstlichen Gesandten betrifft, wird diese direkt dem Staatssekretariat übermittelt.

 

Art. 9 – Verfahren, das gegenüber Bischöfen der Ostkirchen anzuwenden ist

§ 1. Im Fall von Meldungen über einen Bischof einer Patriarchatskirche, einer großerzbischöflichen Kirche oder einer Metropolitankirche sui iuris werden diese an den jeweiligen Patriarchen, Großerzbischof oder Metropoliten der Kirche sui iuris weitergeleitet.

§ 2. Falls die Meldung einen Metropoliten einer Patriarchatskirche oder großerzbischöflichen Kirche betrifft, der sein Amt innerhalb des Territoriums dieser Kirchen ausübt, wird diese an den jeweiligen Patriarchen oder Großerzbischof weitergeleitet.

§ 3. In den oben genannten Fällen leitet die Autorität, die die Meldung erhalten hat, diese auch an den Heiligen Stuhl weiter.

§ 4. Falls die gemeldete Person ein Bischof oder Metropolit außerhalb des Territoriums der Patriarchatskirche, der großerzbischöflichen Kirche oder Metropolitankirche sui iuris sein sollte, wird die Meldung an den Heiligen Stuhl weitergeleitet.

§ 5. Falls die Meldung einen Patriarchen, einen Großerzbischof oder einen Metropoliten einer Kirche sui iuris oder einen Bischof der anderen Ostkirchen sui iuris betrifft, wird diese an den Heiligen Stuhl weitergeleitet.

§ 6. Die folgenden Bestimmungen bezüglich des Metropoliten finden Anwendungen auf die kirchliche Autorität, an die die Meldung auf Grundlage des vorliegenden Artikels ergeht.

 

Art. 10 – Anfängliche Pflichten des Metropoliten

§ 1. Ausgenommen den Fall, dass die Meldung offenkundig haltlos ist, bittet der Metropolit das zuständige Dikasterium umgehend um den Auftrag, die Untersuchung einzuleiten. Sofern der Metropolit die Meldung für offenkundig haltlos erachtet, informiert er den Päpstlichen Vertreter darüber.

§ 2. Das Dikasterium trifft unverzüglich Vorkehrungen, jedenfalls innerhalb von dreißig Tagen nach Erhalt der ersten Meldung seitens des Päpstlichen Vertreters oder der Bitte um Beauftragung seitens des Metropoliten, indem es angemessene Anweisungen bezüglich der Vorgehensweise im konkreten Fall gibt.

 

Art. 11 – Übertragung der Untersuchung an eine andere Person als den Metropoliten

§ 1. Sollte das zuständige Dikasterium es für angebracht halten, die Untersuchung einer anderen Person als dem Metropoliten zu übertragen, so wird dieser informiert. Der Metropolit übergibt alle relevanten Informationen und Dokumente an die vom Dikasterium beauftrage Person.

§ 2. In dem im vorhergehenden Paragraphen behandelten Fall sind die folgenden Bestimmungen bezüglich des Metropoliten auf die mit der Durchführung der Untersuchung beauftragten Person anzuwenden.

 

Art. 12 – Durchführung der Untersuchung

§ 1. Nach Erhalt des Auftrags durch das zuständige Dikasterium und unter Beachtung der erhaltenen Anweisungen wird der Metropolit persönlich oder mittels einer oder mehrerer geeigneter Personen:

a)     die bezüglich der Taten relevanten Informationen sammeln;

b)    die für die Untersuchung notwendigen Informationen und Dokumente, die in den Archiven der kirchlichen Behörden aufbewahrt sind, einsehen;

c)     die Mitarbeit anderer Ordinarien oder Hierarchen, wo erforderlich, erhalten;

d)    die Personen und Einrichtungen, auch auf ziviler Seite, die für die Untersuchung nützliche Informationen liefern können, um Auskunft bitten.

§ 2 Wenn es erforderlich sein sollte, eine minderjährige oder schutzbedürftige Person anzuhören, wird der Metropolit dies auf eine angemessene Art und Weise tun, die deren Lage Rechnung trägt.

§ 3. Falls es triftige Gründe zur Annahme gibt, dass die Untersuchung betreffende Informationen oder Dokumente unterschlagen oder vernichtet werden könnten, trifft der Metropolit die für ihre Bewahrung notwendigen Maßnahmen.

§ 4. Auch wenn er auf andere Personen zurückgreift, bleibt der Metropolit dennoch für die Leitung und Durchführung der Untersuchungen wie auch für den genauen Vollzug der im Artikel 10 § 2 enthaltenen Anweisungen verantwortlich.

§ 5. Dem Metropoliten steht ein gemäß can. 483 § 2 CIC und can. 253 § 2 CCEO frei gewählter Notar zur Seite.

§ 6. Der Metropolit ist gehalten, unparteiisch und frei von Interessenskonflikten zu handeln. Falls er meint, sich in einem Interessenskonflikt zu befinden oder nicht imstande zu sein, die notwendige Unparteilichkeit zur Gewährleistung der Integrität der Untersuchung zu bewahren, ist er verpflichtet, sich zu enthalten und den Umstand dem zuständigen Dikasterium zu melden.

§ 7. Für die Person, gegen die ermittelt wird, gilt die Unschuldsvermutung.

§ 8. Sofern es vom zuständigen Dikasterium gefordert wurde, informiert der Metropolit die Person über die Untersuchung zu ihren Lasten, hört sie hinsichtlich der Tatsachen an und lädt sie dazu sein, einen Schriftsatz zur Verteidigung einzureichen. In diesen Fällen kann die Person, gegen die ermittelt wird, von einem Prokurator Gebrauch machen.

§ 9. Alle dreißig Tage übermittelt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium ein Informationsschreiben über den Stand der Untersuchungen.

 

Art 13. – Einbeziehung qualifizierter Personen

§ 1. In Übereinstimmung mit den allfälligen Leitlinien der Bischofskonferenz, der Synode der Bischöfe oder des Hierarchenrats über die Art und Weise, dem Metropoliten bei seinen Untersuchungen zu helfen, können die Bischöfe der jeweiligen Provinz einzeln oder gemeinsam Verzeichnisse qualifizierter Personen erstellen, aus denen der Metropolit die geeignetsten auswählen kann, um ihm, den Erfordernissen des Falls entsprechend, in der Untersuchung zu unterstützen, insbesondere unter Beachtung der Mitwirkung, die gemäß can. 228 CIC und can. 408 CCEO von Laien geleistet werden kann.

§ 2. Dem Metropoliten steht es in jedem Fall frei, andere gleichermaßen qualifizierte Personen zu wählen.

§ 3. Jeder, der den Metropoliten in der Untersuchung unterstützt, ist gehalten, unparteiisch und frei von Interessenskonflikten zu handeln. Falls er meint, sich in einem Interessenskonflikt zu befinden oder nicht imstande zu sein, die notwendige Unparteilichkeit zur Gewährleistung der Integrität der Untersuchung zu bewahren, ist er verpflichtet, sich zu enthalten und den Umstand dem Metropoliten zu melden.

§ 4. Die Personen, die den Metropoliten unterstützen, leisten den Eid, den Auftrag angemessen und treu zu erfüllen.

 

Art. 14 – Dauer der Untersuchung

§ 1. Die Untersuchungen müssen innerhalb der Frist von neunzig Tagen oder innerhalb der in den Anweisungen von Artikel 10 § 2 angegebenen Frist abgeschlossen werden.

§ 2. Bei Vorliegen gerechter Gründe kann der Metropolit das zuständige Dikasterium um Fristverlängerung bitten.

 

Art. 15 – Vorbeugende Maßnahmen

Falls die Tatsachen oder die Umstände es erfordern, schlägt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium die Anwendung von vorbeugenden Vorkehrungen oder Maßnahmen vor, die gegenüber der Person, gegen die ermittelt wird, angemessen sind.

 

Art. 16 – Einrichtung eines Fonds

§ 1. Die Kirchenprovinzen, die Bischofskonferenzen, die Synoden der Bischöfe und die Hierarchenräte können einen Fond einrichten, der für die Bestreitung der Untersuchungskosten bestimmt ist. Dieser wird nach Vorschrift der cann. 116 und 1303 § 1, 1° CIC und des can. 1047 CCEO eingerichtet und entsprechend den Normen des kanonischen Rechts verwaltet.

§ 2. Auf Antrag des beauftragten Metropoliten werden ihm die für die Untersuchung notwendigen Summen vom Verwalter des Fonds zur Verfügung gestellt, unbeschadet der Verpflichtung, ihm eine Rechnungslegung beim Abschluss der Untersuchung vorzulegen.

 

Art. 17 – Übermittlung der Akten und des Votums

§ 1. Nach Beendigung der Untersuchung übermittelt der Metropolit dem zuständigen Dikasterium die Akten zusammen mit seinem Votum über die Untersuchungsergebnisse und als Antwort auf die allenfalls ergangenen Anweisungen gemäß Art. 10 § 2.

§ 2. Unbeschadet anschließender Anweisungen des zuständigen Dikasteriums erlöschen die Vollmachten des Metropoliten mit der Beendigung der Untersuchung.

§ 3. Unter Beachtung der Anweisungen des zuständigen Dikasteriums informiert der Metropolit die Person, die angibt, geschädigt worden zu sein, oder ihre gesetzlichen Vertreter auf Anfrage über den Ausgang der Untersuchung.

 

Art. 18 – Anschließende Maßnahmen

Das zuständige Dikasterium verfährt nach Maßgabe des Rechts entsprechend dem, was für den spezifischen Fall vorgesehen ist, außer es verfügt eine zusätzliche Untersuchung.

 

Art. 19 – Einhaltung der staatlichen Gesetze

Die vorliegenden Normen finden Anwendung, ohne die jeweils von den staatlichen Gesetzen festgelegten Rechte und Pflichten zu beeinträchtigen, insbesondere diejenigen in Bezug auf allfällige Meldepflichten an die zuständigen zivilen Behörden.

Die vorliegenden Normen sind für drei Jahre ad experimentum approbiert.

Ich lege fest, dass das vorliegende Apostolische Schreiben in Form eines Motu proprio durch Veröffentlichung im L’Osservatore Romano promulgiert wird, am 1. Juni 2019 in Kraft tritt und dann in den Acta Apostolicae Sedis publiziert wird.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, am 7. Mai 2019, dem siebten des Pontifikats.

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Quelle

Papst Franziskus: Nachsynodales Apostolisches Schreiben CHRISTUS VIVIT

NACHSYNODALES APOSTOLISCHES SCHREIBEN

CHRISTUS VIVIT

VON PAPST FRANZISKUS

AN DIE JUNGEN MENSCHEN UND AN DAS GANZE VOLK GOTTES

1. Christus lebt. Er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben. Die ersten Worte, die ich also an jeden Einzelnen von euch jungen Christen richten möchte, lauten: Er lebt und er will, dass du lebendig bist!

2. Er ist in dir, er ist bei dir und verlässt dich nie. So sehr du dich auch entfernen magst, der Auferstandene ist an deiner Seite; er ruft dich und wartet auf dich, um neu zu beginnen. Wenn du dich aus Traurigkeit oder Groll, Furcht, Zweifel oder Versagen alt fühlst, wird er da sein, um dir Kraft und Hoffnung zurückzugeben.

3. An alle jungen Christen richte ich mit herzlicher Zuneigung dieses Apostolische Schreiben, das heißt, einen Brief, der an einige Überzeugungen unseres Glaubens erinnert und zugleich dazu ermutigt, in der Heiligkeit und im Engagement für die eigene Berufung zu wachsen. Da es jedoch auch einen Meilenstein auf einem synodalen Weg darstellt, wende ich mich ebenso an das ganze Volk Gottes, an die Hirten und an die Gläubigen, denn das Nachdenken über und für die jungen Menschen fordert uns alle heraus und spornt uns an. Dementsprechend werde ich mich in einigen Abschnitten direkt an die jungen Menschen wenden und in anderen allgemeinere Ansätze für die geistliche Unterscheidung (discernimento) vorlegen.

4. Ich habe mich von den reichhaltigen Überlegungen und Gesprächen der Synode im vergangenen Jahr anregen lassen. Ich kann hier nicht alle diese Beiträge aufnehmen; sie sind im Abschlussdokument nachzulesen. Ich habe mich aber bemüht, bei der Abfassung dieses Schreibens die Vorschläge aufzunehmen, die mir am bedeutsamsten erschienen. So wird mein Wort durch die Tausenden von Stimmen der Gläubigen aus aller Welt bereichert, die ihre Gedanken in die Synode eingebracht haben. Auch die nichtglaubenden jungen Menschen, die mit ihren Überlegungen teilnehmen wollten, haben Problemkreise zur Sprache gebracht, die für mich neue Fragen aufgeworfen haben.

ERSTES KAPITEL
Was sagt das Wort Gottes über die jungen Menschen?

5. Lasst uns nun einige Schätze aus der Heiligen Schrift heben, wo verschiedentlich über die jungen Menschen gesprochen wird und darüber, wie der Herr ihnen entgegengeht.

Im Alten Testament

6. In einer Epoche, in der die Jugendlichen wenig zählten, zeigen einige Texte, dass Gott mit anderen Augen sieht. Zum Beispiel hören wir, dass Josef einer der Jüngsten der Familie war (vgl. Gen 37,2-3). Trotzdem teilte Gott ihm große Dinge im Traum mit, und er übertraf mit etwa zwanzig Jahren alle seine Brüder an bedeutenden Ämtern (vgl. Gen 37-47).

7. An Gideon sehen wir die Aufrichtigkeit der jungen Menschen, die nicht gewöhnt sind, die Wirklichkeit schönzureden. Als ihm gesagt wurde, dass der Herr mit ihm sei, antwortete er: »Ist der Herr wirklich mit uns? Warum hat uns dann all das getroffen?« (Ri 6,13). Gott ließ sich jedoch von diesem Vorwurf nicht irritieren und verdoppelte für ihn den Einsatz: »Geh in dieser deiner Kraft und rette Israel« (Ri 6,14).

8. Samuel war ein unsicherer Junge, doch der Herr unterhielt sich mit ihm. Dank des Rats eines Erwachsenen öffnete er sein Herz, um den Ruf Gottes zu hören: »Rede, Herr; denn dein Diener hört« (1 Sam 3,9.10). Deshalb war er ein großer Prophet, der in wichtigen Momenten für sein Heimatland eingetreten ist. Auch König Saul war ein junger Mann, als der Herr ihn rief, seine Mission zu erfüllen (vgl. 1 Sam 9,2).

9. König David wurde erwählt, als er noch ein Junge war. Als der Prophet Samuel den zukünftigen König von Israel suchte, stellte ein Mann ihm seine größeren und erfahreneren Söhne als Kandidaten vor. Der Prophet erwiderte jedoch, dass der Auserwählte der junge David sei, der die Schafe hütete (vgl. 1 Sam 16,6-13); denn »der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz« (V. 7). Die Strahlkraft der Jugend liegt mehr in ihrem Herzen als in der körperlichen Kraft oder im Eindruck, den sie bei anderen hinterlassen.

10. Als Salomon die Nachfolge seines Vaters antreten sollte, fühlte er sich verloren und sagte zu Gott: »Ich bin noch sehr jung und weiß nicht aus noch ein« (1 Kön 3,7). Doch die Kühnheit der Jugend veranlasste ihn, Gott um die Weisheit zu bitten. So widmete er sich seiner Aufgabe. Etwas Ähnliches geschah dem Propheten Jeremia, der noch sehr jung war, als er berufen wurde, sein Volk aufzurütteln. In seiner Angst sagte er: »Ach, Herr und Gott, ich kann doch nicht reden, ich bin ja noch so jung« (Jer 1,6). Aber der Herr ermahnte ihn, nicht so zu reden (vgl. Jer 1,7), und fuhr fort: »Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin mit dir um dich zu retten« (Jer 1,8). Die Einsatzbereitschaft des Propheten Jeremia für seine Sendung zeigt, was möglich ist, wenn sich die Frische der Jugend mit der Kraft Gottes verbindet.

11. Ein jüdisches Mädchen im Dienst des ausländischen Soldaten Naaman griff glaubensstark ein, um ihm zu helfen, von seiner Krankheit zu genesen (vgl. 2 Kön 5,2-6). Die junge Rut war ein Vorbild an Großmut, weil sie bei der Schwiegermutter blieb, die ins Unglück geraten war (vgl. Rut 1,1-18), und sie bewies auch Kühnheit, um im Leben weiterzugehen (vgl. Rut 4,1-17).

Im Neuen Testament

12. Ein Gleichnis Jesu (vgl. Lk 15,11-32) erzählt davon, dass der „jüngere“ Sohn aus dem väterlichen Haus in ein fernes Land ziehen wollte (vgl. VV. 12-13). Doch seine Träume von Unabhängigkeit verwandelten sich in Zügellosigkeit und Ausschweifung (vgl. V. 13), und er machte die bittere Erfahrung von Einsamkeit und Armut (vgl. VV. 14-16). Dennoch war er fähig, es sich anders zu überlegen und neu zu beginnen (vgl. VV. 17-19). Er beschloss aufzubrechen (vgl. V. 20). Es ist typisch für ein junges Herz, dass es für Veränderungen offen ist; dass es in der Lage ist, wieder aufzustehen und sich vom Leben belehren zu lassen. Wie kann man den Sohn bei diesem neuen Bestreben allein lassen? Der ältere Bruder hatte allerdings schon ein altes Herz. Er ließ sich von der Habgier, vom Egoismus und von der Eifersucht vereinnahmen (vgl. VV. 28-30). Jesus lobt den jungen Sünder, der wieder den richtigen Weg einschlägt, mehr als den, der sich für treu hält, aber nicht den Geist der Liebe und des Erbarmens lebt.

13. Jesus als der ewig junge möchte uns ein immer junges Herz schenken. Das Wort Gottes fordert uns auf: »Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid!« (1 Kor 5,7). Zugleich lädt es uns ein, den »alten Menschen« abzulegen, um den »neuen« Menschen anzuziehen (vgl. Kol 3,9.10).[1] Sich mit der Jugend zu bekleiden, die »erneuert wird« (V. 10), bedeutet, Empfindungen von innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld zu haben, einander zu ertragen und zu vergeben, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat (vgl. Kol 3,12-13). Das bedeutet, dass die wahre Jugend darin besteht, ein Herz zu besitzen, das liebesfähig ist. Umgekehrt macht alles das, was uns von den anderen trennt, die Seele alt. Resümierend heißt es daher: »Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist!« (Kol 3,14).

14. Wir sehen, dass es Jesus nicht gefiel, wenn Erwachsene herablassend auf die Jüngeren blickten oder sie in despotischer Weise in Dienst nahmen. Im Gegenteil mahnte er: »Der Größte unter euch soll werden wie der Jüngste« (Lk 22,26). Für Jesus war das Alter nicht an Privilegien geknüpft, und wenn jemand jünger war, bedeutete das nicht, dass er weniger wert war oder weniger Würde besaß.

15. Das Wort Gottes sagt, dass die jungen Menschen wie »Brüder« (1 Tim 5,1) zu behandeln seien. Es empfiehlt den Eltern, die Kinder nicht einzuschüchtern, damit sie nicht mutlos werden (vgl. Kol 3,21). Ein junger Mensch kann nicht entmutigt werden; sein Naturell ist darauf angelegt, von Großem zu träumen, weite Horizonte zu suchen, immer mehr zu wagen, die Welt erobern zu wollen, anspruchsvolle Herausforderungen anzunehmen und sein Bestes zu geben, um etwas Besseres zu schaffen. Daher poche ich bei den jungen Menschen darauf, dass sie sich nicht die Hoffnung rauben lassen. Ich rufe es jedem einzelnen Jugendlichen immer wieder zu: »Niemand soll dich wegen deiner Jugend gering schätzen« (1 Tim 4,12).

16. Zugleich werden die jungen Menschen allerdings angewiesen, sich den Älteren unterzuordnen (vgl. 1 Petr 5,5). Die Bibel lädt immer dazu ein, großen Respekt vor den Älteren zu haben, weil sie einen Schatz an Erfahrung besitzen und Erfolge wie Niederlagen, Freuden und große Schmerzen des Lebens, Hoffnungen und Enttäuschungen erlebt haben. In der Stille ihres Herzens bewahren sie viele Geschichten, die uns helfen können, Fehler zu vermeiden und uns nicht auf falsche Vorspiegelungen einzulassen. Das Wort eines weisen alten Menschen lädt dazu ein, gewisse Grenzen zu beachten und sich im rechten Moment zu beherrschen: »Ebenso ermahne die jüngeren Männer, in allen Dingen besonnen zu sein« (Tit 2,6). Es ist nicht gut, einem Kult der Jugend zu verfallen oder eine jugendliche Haltung einzunehmen, welche die anderen wegen ihres Alters verachtet oder weil sie aus einer anderen Zeit stammen. Jesus hat gesagt, dass ein weiser Mensch aus seinem Schatz Neues und Altes hervorzuholen vermag (vgl. Mt 13,52). Ein kluger Jugendlicher öffnet sich der Zukunft, ist aber immer fähig, etwas aus der Erfahrung der anderen wertzuschätzen.

17. Im Markusevangelium ist von einem Menschen die Rede, der, als Jesus ihm die Gebote ins Gedächtnis ruft, feststellt: »Alle diese Gebote habe ich von Jugend an befolgt« (10,20). So heißt es schon in den Psalmen: »Du bist meine Hoffnung, Herr und Gott, meine Zuversicht von Jugend auf […] Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder« (71,5.17). Man braucht es nicht zu bereuen, die eigene Jugend damit zu verbringen, gut zu sein, dem Herrn das Herz zu öffnen und anders zu leben. Nichts von all dem nimmt uns die Jugend, vielmehr stärkt und erneuert es sie: »Wie dem Adler wird dir die Jugend erneuert« (Ps 103,5). Daher klagt der heilige Augustinus: »Spät habe ich dich geliebt, du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät habe ich dich geliebt.«[2]Aber jener reiche Mann, der in seiner Jugend Gott treu geblieben war, ließ zu, dass die Jahre ihm die Träume wegnahmen. Er blieb lieber auf seine materiellen Güter fixiert (vgl. Mk 10,22).

18. Im Matthäusevangelium hingegen tritt ein junger Mann (vgl. Mt 19,20.22) auf, der sich Jesus nähert, weil er mehr erwartet (vgl. V. 20). Er macht es mit jenem offenen Gemüt, das typisch für die jungen Menschen ist auf ihrer Suche nach neuen Horizonten und großen Herausforderungen. Tatsächlich war sein Gemüt gar nicht so jung, weil er sich schon an Reichtümer und Bequemlichkeit geklammert hatte. Mit dem Mund behauptete er, mehr zu wollen; aber als Jesus ihn einlädt, großzügig zu sein und seine Habe zu verteilen, wurde ihm klar, dass er nicht fähig ist, sich von seinem Besitz zu trennen. Am Ende heißt es: »Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg« (V. 22). Er hatte auf seine Jugend verzichtet.

19. Das Evangelium erzählt uns auch von einigen klugen jungen Frauen, die bereit und aufmerksam waren, während andere zerstreut und schläfrig waren (vgl. Mt 25,1-13). Man kann nämlich seine Jugend zerstreut verbringen, indem man sich nur an der Oberfläche des Lebens bewegt, verschlafen und unfähig, tiefe Beziehungen zu pflegen und ins Herz des Lebens vorzudringen. Auf diese Weise baut man eine armselige Zukunft ohne Substanz auf. Dagegen kann man seine Jugend nützen, um schöne und große Dinge zu pflegen, und so eine Zukunft voll von Leben und innerem Reichtum schaffen.

20. Wenn du die innere Kraft, die Träume, den Enthusiasmus, die Hoffnung und den Großmut verloren hast tritt Jesus vor dich, wie er vor dem toten Sohn der Witwe erschien, und fordert dich mit all seiner Auferstehungsmacht auf: Junger Mensch, »ich sage dir: Steh auf!« (Lk7,14).

21. Zweifellos gibt es viele weitere Texte der Heiligen Schrift, die uns diese Lebensphase erhellen können. Einige von ihnen werden wir in den nächsten Kapiteln untersuchen.

ZWEITES KAPITEL
Jesus Christus ist immer jung

22. »Als junger Mann unter jungen Männern wurde [Jesus] den jungen Männern ein Vorbild und heiligte sie für den Herrn.«[3] daher sagt die Synode, dass »die Jugend eine eigenständige und anregende Lebensphase [ist], die Jesus selbst gelebt und damit geheiligt hat«.[4] Was berichtet uns das Evangelium von der Jugendzeit Jesu?

Die Jugendzeit Jesu

23. Der Herr »hauchte den Geist aus« (Mt27,50) an einem Kreuz, als er kaum mehr als dreißig Jahre alt war (vgl. Lk 3,23). Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind, dass Jesus ein junger Mann war. Er hat sein Leben in einem Alter hingegeben, das heute als das eines jungen Erwachsenen bezeichnet würde. Auf der Höhe seiner Jugend begann er sein öffentliches Wirken, und so »ist ein Licht erschienen« (Mt 4,16), besonders als er sein Leben bis zur Vollendung hingab. Dieses Ende war nicht zufällig; seine gesamte Jugendzeit war vielmehr eine wertvolle Vorbereitung darauf, in jedem einzelnen Moment, denn »im Leben Jesu ist alles Zeichen seines innersten Geheimnisses«[5] und »das ganze Leben Christi ist Erlösungsgeheimnis«.[6]

24. Das Evangelium spricht nicht vom Knabenalter Jesu, aber es erzählt einige Vorkommnisse aus seiner Zeit als Heranwachsender und Jugendlicher. Matthäus fügt diese Periode der Jugend des Herrn zwischen zwei Ereignisse ein: der Rückkehr seiner Familie aus dem Exil nach Nazaret und dem Beginn seines öffentliches Wirkens bei seiner Taufe im Jordan. Die letzten Bilder des Jesuskindes zeigen einen kleinen Flüchtling in Ägypten (vgl. Mt2,14-15) und dann einen nach Nazaret Heimgekehrten (vgl. Mt 2,19-23). Die ersten Bilder Jesu als jungen Erwachsenen zeigen ihn in der Menge am Jordanfluss, als er kam, um sich von seinem Verwandten Johannes dem Täufer als einer von vielen aus seinem Volk taufen zu lassen (vgl. Mt 3,13-17).

25. Diese Taufe war nicht wie unsere, die uns in das Leben der Gnade einführt; sie war vielmehr eine Weihe zu Beginn der großen Sendung seines Lebens. Das Evangelium sagt, dass die Taufe Jesu Grund für die Freude und das Wohlgefallen des Vaters war: »Du bist mein geliebter Sohn« (Lk 3,22). Sofort erschien Jesus vom Heiligen Geist erfüllt und wurde vom Geist in die Wüste geführt. So war er bereit aufzubrechen, um zu predigen und Wunder zu wirken, um zu befreien und zu heilen (vgl. Lk 4,1-14). Jeder junge Mensch, der sich für eine Mission auf dieser Welt berufen fühlt, ist eingeladen, in seinem Inneren dieselben Worte zu hören, die Gott Vater an ihn richtet: »Du bist mein geliebter Sohn«.

26. Unter diesen Erzählungen finden wir eine, die Jesus als Heranwachsenden zeigt. Es ist die Rückkehr mit seinen Eltern nach Nazaret, nachdem sie ihn verloren und im Tempel wiedergefunden hatten (vgl. Lk 2,41-51). Hier heißt es, dass er »ihnen gehorsam« war (Lk 2,51), weil er seine Familie nicht verleugnet hatte. Sogleich fügt Lukas hinzu, dass Jesus heranwuchs und seine Weisheit zunahm und er Gefallen bei Gott und den Menschen fand (vgl. Lk 2,52). Das will sagen, dass er sich vorbereitete und in dieser Zeitspanne sein Verhältnis zum Vater und zu den anderen vertiefte. Der heilige Johannes Paul II. hat dazu erklärt, dass Jesus nicht nur körperlich heranwuchs. Vielmehr »gab es in Jesus auch ein geistliches Wachstum«, denn die Fülle der Gnade in Jesus war seinem Alter entsprechend, »Fülle gab es immer, aber eine mit zunehmendem Alter wachsende Fülle«.[7]

27. Auf der Grundlage dieser biblischen Aussagen können wir sagen, dass sich Jesus in seiner Jugend hat „bilden“ lassen. Er hat sich darauf vorbereitet, den Plan seines Vaters zu verwirklichen. Die Zeit seines Heranwachsens und seine Jugend haben ihn auf seine höchste Mission hingeführt.

28. Als Heranwachsender und Jugendlicher war sein Verhältnis zum Vater das des geliebten Sohnes. Er fühlt sich zum Vater hingezogen, wuchs heran und kümmerte sich um dessen Dinge: »Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?« (Lk 2,49). Doch dürfen wir uns Jesus nicht als jugendlichen Einzelgänger oder als jungen Menschen, der nur an sich selbst denkt, vorstellen. Sein Verhältnis zu den Menschen war das eines Jugendlichen, der ganz am Leben der im Dorf gut integrierten Familie teilnahm. Er hatte das Handwerk des Vaters gelernt und ist ihm dann als Zimmermann nachgefolgt. Daher wird er bei einer Gelegenheit im Evangelium als »Sohn des Zimmermanns« (Mt 13,55) und ein anderes Mal einfach als »der Zimmermann« (Mk 6,3) bezeichnet. Dieses Detail zeigt, dass er ein Jugendlicher des Dorfes wie die anderen war und völlig normale Beziehungen pflegte. Niemand hat ihn als merkwürdigen oder von den anderen distanzierten Jugendlichen wahrgenommen. Gerade aus diesem Grund wussten es sich die Menschen angesichts der Predigt Jesu nicht zu erklären, wo er diese Weisheit herhatte: »Ist das nicht Josefs Sohn?« (Lk 4,22).

29. Tatsächlich »wuchs auch Jesus nicht in einer in sich abgeschlossenen Beziehung mit Maria und Josef auf, die ihn völlig in Anspruch genommen hätte, sondern er bewegte sich gern im weiteren Familienkreis, wo es Verwandte und Freunde gab«.[8] Wir verstehen daher, dass die Eltern zum Zeitpunkt der Rückkehr von der Wallfahrt nach Jerusalem unbesorgt waren in der Annahme, dass der zwölfjährige Junge (vgl. Lk 2,42) ungezwungen unter den Leuten mitgehen würde, obwohl sie ihn schon einen ganzen Tag lang nicht gesehen hatten: »Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit« (Lk 2,44). Sicher, dachten sie, ist Jesus mitten darin, geht mit den anderen hin und her, scherzt mit seinen Altersgenossen, hört den Erzählungen der Erwachsenen zu und teilt Freud und Leid der Karawane. Der griechische Ausdruck, den Lukas für die Karawane der Pilger gebraucht – synodía – bezeichnet genau diese „Gemeinschaft auf dem Weg“, an der die Heilige Familie teilhat. Dank des Vertrauens seiner Eltern kann sich Jesus frei bewegen und lernt mit allen anderen gemeinsam zu gehen.

Seine Jugend schenkt uns Licht

30. Diese Aspekte des Lebens Jesu können eine Inspiration für jeden jungen Heranwachsenden bei der Vorbereitung auf seine Mission sein. Das bedeutet, im Verhältnis zum Vater wie auch im Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer Familie und einer Gemeinschaft zu reifen. Man muss reifen in der Offenheit auf die Erfüllung des Geistes hin und um sich leiten zu lassen, um die von Gott anvertraute Mission, die eigene Berufung, zu vollbringen. Keines von alledem darf in der Jugendpastoral außer Acht gelassen werden, um nicht Projekte zu schaffen, die die Jugendlichen von der Familie und von der Welt abschotten oder sie in eine elitäre Minderheit verwandeln, von jeder Ansteckungsgefahr geschützt. Wir brauchen vielmehr Projekte, die sie stärken, sie begleiten und sie auf die Begegnung mit den anderen, auf den großherzigen Dienst und die Mission ausrichten.

31. Jesus schenkt euch jungen Menschen nicht von ferne oder von außen her Licht. Sein Licht geht von seiner eigenen Jugend aus, die er mit euch teilt. Es ist sehr wichtig, den jungen Jesus zu betrachten, wie ihn uns die Evangelien schildern, weil er wirklich einer von euch war und wir an ihm viele Aspekte des jugendlichen Herzens ablesen können: »Jesus hatte ein bedingungsloses Vertrauen in den Vater, er hat die Freundschaft mit seinen Jüngern gepflegt und ist ihnen selbst in Momenten der Krise treu geblieben. Er hatte tiefes Mitleid mit den Schwächsten, insbesondere mit den Armen, den Kranken, den Sündern und den Ausgeschlossenen. Er besaß den Mut, sich den religiösen und politischen Autoritäten seiner Zeit entgegenzustellen; er hat die Erfahrung gemacht, unverstanden und ausgestoßen zu sein; er hat die Angst angesichts des Leidens erfahren und die Schwäche bei der Passion erlebt; er hat seinen Blick auf die Zukunft gerichtet und sich den sicheren Händen des Vaters und der Kraft des Heiligen Geistes anvertraut. In Jesus können sich alle jungen Menschen wiederfinden.«[9]

32. Jesus ist andererseits auferstanden und will uns teilhaben lassen an der Neuheit seiner Auferstehung. Er ist die wahre Jugend einer alt gewordenen Welt. Er ist auch die Jugend eines Universums, das »in Geburtswehen« (Röm8,22) darauf wartet, mit seinem Licht und seinem Leben neu bekleidet zu werden. In seiner Nähe können wir aus der wahren Quelle trinken, die unsere Träume, unsere Pläne, unsere großen Ideale am Leben hält und uns drängt zu verkünden, was das Leben lebenswert macht. An zwei merkwürdigen Details des Markusevangeliums können wir den Ruf zur wahren Jugend der Auferweckten ablesen. Auf der einen Seite erscheint in der Leidensgeschichte des Herrn ein furchtsamer junger Mann, der Jesus nachfolgen wollte, dann aber nackt davonlief (vgl. 14,51-52). Der junge Mann hatte nicht die Kraft, alles zu wagen, um dem Herrn zu folgen. Auf der anderen Seite sehen wir nahe dem leeren Grab einen jungen Mann, »der mit einem weißen Gewand bekleidet war« (16,5). Er lud dazu ein, die Angst zu besiegen, und verkündigte die Freude der Auferstehung (vgl. 16,6-7).

33. Der Herr ruft uns, Sterne in der Nacht anderer junger Menschen anzuzünden. Er lädt uns ein, die wahren Sterne zu betrachten, jene so unterschiedlichen Zeichen, die er uns gibt, damit wir nicht still sehen, sondern es dem Sämann gleichtun, der die Sterne betrachtete, um den Acker pflügen zu können. Gott zündet für uns Sterne an, damit wir weiter voranschreiten können: »Froh leuchten die Sterne auf ihren Posten. Ruft er sie, so antworten sie« (Bar3,34-35). Doch Christus selbst ist für uns das große Licht der Hoffnung und des Geleits in unserer Finsternis, denn er ist »der strahlende Morgenstern« (Offb22,16).

Die Jugend der Kirche

  1. Jung zu sein ist weniger eine Frage des Alters, als vielmehr ein Zustand des Herzens. Eine alte Institution wie die Kirche kann sich also erneuern und in verschiedenen Phasen ihrer langen Geschichte wieder jung werden. Tatsächlich hört sie in ihren tragischsten Momenten den Ruf, zum Wesentlichen ihrer ersten Liebe zurückzukehren. In Erinnerung dieser Wahrheit sagte das Zweite Vatikanische Konzil: »Da sie reich ist an einer langen Geschichte, die immer in ihr lebendig bleibt, und sich zugleich auf dem Weg durch die Zeiten hin zur menschlichen Vollendung und zum letzten Ziel der Geschichte und des Lebens befindet, ist sie die wahre Jugend der Welt.« In ihr ist es immer möglich, Christus zu begegnen, »dem Gefährten und Freund der jungen Menschen«.[10]

Eine Kirche, die sich erneuern lässt

  1. Bitten wir den Herrn, er möge die Kirche von denen befreien, die sie alt machen, sie auf die Vergangenheit festnageln, bremsen und unbeweglich machen wollen. Bitten wir auch, dass er die Kirche von einer anderen Versuchung befreie: zu glauben, dass sie jung ist, wenn sie auf alles eingeht, was die Welt ihr anbietet; zu glauben, dass sie sich erneuert, wenn sie ihre Botschaft verbirgt und sich den anderen anpasst. Nein. Sie ist jung, wenn sie sie selbst ist und wenn sie die immer neue Kraft des Wortes Gottes, der Eucharistie, der Gegenwart Christi und der Kraft seines Geistes jeden Tag empfängt. Sie ist jung, wenn sie fähig ist, immer wieder zu ihrer Quelle zurückzukehren.
  2. Es ist wahr: Wir Mitglieder der Kirche dürfen keine seltsamen Gestalten sein. Alle müssen sich als Geschwister und Nachbarn fühlen können wie die Apostel, die »Gunst beim ganzen Volk« fanden (Apg2,47, vgl. 4,21.23; 5,13). Zugleich müssen wir allerdings den Mut haben, anders zu sein, andere Träume zu zeigen, die die Welt nicht geben kann, und Zeugnis zu geben für die Schönheit der Großherzigkeit, des Dienstes, der Reinheit, der Stärke, der Vergebung, der Treue zur eigenen Berufung, des Gebets, des Kampfes für die Gerechtigkeit und für das Gemeinwohl, der Liebe für die Armen und der sozialen Freundschaft.
  3. Die Kirche Christi kann immer in Versuchung geraten, den Enthusiasmus zu verlieren, weil sie nicht mehr den Ruf des Herrn hört, das Wagnis des Glaubens einzugehen, alles zu geben, ohne die Gefahren abzuwägen, und dazu übergeht, wieder falsche weltliche Absicherungen zu suchen. Da sind es gerade die jungen Menschen, die ihr helfen können, jung zu bleiben, nicht der Korruption zu verfallen, nicht stehen zu bleiben, nicht stolz zu werden, sich nicht in eine Sekte zu verwandeln. Sie können ihr helfen, ärmer und fähiger zum Zeugnis zu werden, den Letzten und Ausgestoßenen beizustehen, für die Gerechtigkeit zu kämpfen und sich mit Demut hinterfragen zu lassen. Sie können die Schönheit der Jugend in die Kirche einbringen, wenn sie »die Fähigkeit« anregen, »sich an dem zu erfreuen, was beginnt; sich hinzugeben, ohne dafür etwas zu erwarten; sich zu erneuern und nach neuen Errungenschaften auszustrecken«.[11]
  4. Wer von uns nicht mehr jung ist, braucht Gelegenheiten, um ihrer Stimme und ihrem Ansporn nahe zu sein, da »Nähe die Voraussetzungen dafür schafft, die Kirche zu einem Ort des Dialogs und des Zeugnisses der Brüderlichkeit werden zu lassen, der uns fasziniert«.[12]Wir müssen mehr Räume schaffen, wo die Stimme der jungen Menschen ertönt: »Zuhören ermöglicht den Austausch von Gaben in einem von Empathie getragenen Raum. […] Gleichzeitig schafft es die Voraussetzungen dafür, das Evangelium so zu verkünden, dass es tatsächlich die Herzen auf einprägsame und fruchtbare Weise erreicht.«[13]

Eine Kirche, die auf die Zeichen der Zeit achtet

  1. »Zwar mögen Gott, Religion und die Kirche vielen jungen Menschen als leere Worte erscheinen, doch für die Gestalt Jesu sind sie sehr wohl empfänglich, wenn sie anziehend und wirkungsvoll präsentiert wird.«[14]Daher darf die Kirche nicht zu sehr auf sich selbst bezogen sein, sondern vor allem Jesus Christus widerspiegeln. Folglich muss sie demütig zugeben, dass sich einige Dinge ändern müssen, und zu diesem Zweck muss sie auch die Meinungen und sogar die Kritik der jungen Menschen anhören.
  2. Die Synode hat erkannt, dass »eine erhebliche Zahl junger Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen nichts von der Kirche erwarten, weil sie finden, dass sie für ihr Leben keine Bedeutung hat. Einige fordern sogar ausdrücklich, in Frieden gelassen zu werden, weil sie ihre Präsenz als lästig und sogar irritierend empfinden. Diese Bitte entsteht häufig nicht aus einer unkritischen, impulsiven Verachtung heraus, sondern ist u. a. auf ernsthafte, respektable Gründe zurückzuführen wie sexuelle und finanzielle Skandale, nicht richtig vorbereitete Priester, die junge Menschen mit ihren Befindlichkeiten nicht entsprechend abholen können, wenig Sorgfalt bei der Vorbereitung der Predigt und der Darbietung des Wortes Gottes, die passive Rolle, die den Jugendlichen innerhalb der christlichen Gemeinschaft zugewiesen wird, und die Mühe der Kirche, ihre Positionen in Lehre und Ethik gegenüber der heutigen Gesellschaft zu vermitteln.«[15]
  3. Auch wenn es junge Menschen gibt, die mit einer Kirche zufrieden sind, die sich in aller Demut ihrer Gaben gewiss ist und eine redliche und brüderliche Kritik zu üben weiß, so wünschen doch andere junge Menschen eine Kirche, die mehr zuhört und nicht ständig die Welt verdammt. Sie wollen keine schweigende und schüchterne Kirche sehen, aber auch keine, die immer Krieg führt wegen zwei oder drei Themen, auf die sie fixiert ist. Um in den Augen der jungen Menschen glaubwürdig zu sein, muss sie zuweilen die Demut wieder zurückgewinnen und einfach zuhören, und in dem, was andere sagen, ein Licht erkennen, das ihr helfen kann, das Evangelium tiefer zu verstehen. Eine Kirche in Defensive, die die Demut verliert, das Zuhören aufgibt und die sich nicht infrage stellen lässt, verliert die Jugendlichkeit und verwandelt sich in ein Museum. Wie kann sie so die Träume der jungen Menschen beherbergen? Wenn sie auch die Wahrheit des Evangeliums besitzt, heißt das nicht, dass sie es in seiner Fülle verstanden hätte; sie muss vielmehr im Verständnis dieses unerschöpflichen Schatzes immer weiter wachsen.[16]
  4. Beispielsweise kann eine übertrieben ängstliche und starr strukturierte Kirche ständig kritisch gegenüber allen Äußerungen zur Verteidigung der Frauenrechte eingestellt sein und dauernd die Risiken und möglichen Irrtümer solcher Forderungen aufzeigen. Dagegen kann eine lebendige Kirche so reagieren, dass sie den berechtigten Ansprüchen von Frauen, die größere Gerechtigkeit und Gleichheit verlangen, Aufmerksamkeit schenkt. Sie kann sich an die Vergangenheit erinnern und eine lange Geschichte autoritären Verhaltens seitens der Männer zugeben, Unterwerfung und verschiedene Formen von Sklaverei, Missbrauch und machohafte Gewalt. Mit dieser Blickrichtung kann sie sich diese Forderungen nach Rechten zu eigen machen. Sie wird mit Überzeugung ihren Beitrag zu einer größeren Reziprozität von Männern und Frauen leisten, auch wenn sie nicht mit allem einverstanden ist, was einige feministische Gruppen vorschlagen. Auf dieser Linie hat die Synode den Willen bekundet, dass die Kirche »ihr Engagement gegen jede sexuell motivierte Diskriminierung und Gewalt erneuert«.[17]Das ist die Reaktion einer Kirche, die sich jung hält und sich von der Sensibilität der jungen Menschen hinterfragen und stimulieren lässt.

Maria, das Mädchen von Nazaret

  1. Im Herzen der Kirche scheint Maria auf. Sie ist das große Vorbild für eine junge Kirche, die Christus mit Frische und Fügsamkeit nachfolgen will. Als sie noch sehr jung war, erhielt sie die Botschaft des Engels und unterließ es nicht, Fragen zu stellen (vgl.Lk1,34). Doch sie hatte eine bereitwillige Seele und sagte: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn« (Lk 1,38).
  2. »Noch immer beeindruckt die Kraft des „Ja“ der jungen Maria. Die Kraft jenes „Mir geschehe“, das sie zu dem Engel sagte. Dies war keine passive oder resignierte Einwilligung. Es war etwas Anderes als ein „Ja“, im Sinne eines „Gut, schauen wir mal, was passiert“. Maria kannte diesen Ausdruck nicht: „Schauen wir mal, was passiert.“ Sie war entschlossen, sie hat verstanden, worum es ging, und sagte „Ja“, ohne Umschweife. Es war mehr, es war etwas Anderes. Es war das „Ja“ eines Menschen, der sich einbringen und Risiken eingehen will und alles auf eine Karte setzen will, mit keiner anderen Garantie als der Gewissheit, Trägerin einer Verheißung zu sein. Und ich frage einen jeden von euch: Fühlt ihr euch als Träger einer Verheißung? Welche Verheißung trage ich im Herzen, für die ich mich einsetzen muss? Maria würde zweifelsohne eine schwierige Mission haben, aber die Schwierigkeiten waren kein Grund, „Nein“ zu sagen. Es war klar, dass es Komplikationen geben würde, aber es wären nicht dieselben Komplikationen gewesen, die auftreten, wenn die Feigheit uns lähmt, weil wir nicht im Voraus schon alles geklärt oder abgesichert haben. Maria hat keine Lebensversicherung abgeschlossen! Maria ging das Risiko ein und deswegen war sie stark, deswegen ist sie eineInfluencerin,ist sie die Influencerin Gottes! Das „Ja“ und der Wunsch zu dienen waren stärker als die Zweifel und Schwierigkeiten.«[18]
  3. Ohne Ausflüchte oder Illusionen wusste sie »den Schmerz ihres Sohnes […] zu begleiten; ihn mit dem Blick zu unterstützen und mit dem Herzen zu umhüllen. Ein Schmerz, den sie erlitt, der sie aber nicht gebeugt hat. Sie war die starke Frau des Ja, die unterstützt und begleitet, Schutz gibt und umarmt. Sie ist die große Hüterin der Hoffnung […] Von ihr lernen wir, Ja zu sagen zur beharrlichen Geduld und zur Kreativität derer, die in den Situationen, in denen alles verloren scheint, nicht den Mut verlieren und wieder von vorne anfangen«.[19]
  4. Maria war das Mädchen mit einer großen Seele, das vor Freude jubelte (vgl.Lk1,47). Sie war das Mädchen mit den vom Heiligen Geist erleuchteten Augen, das vom Glauben her das Leben betrachtete und alles in seinem Herzen bewahrte (vgl. Lk1,19.51). Sie war jene Unruhige, stets bereit aufzubrechen, die nicht an ihre eigenen Vorhaben dachte, als sie hörte, dass ihre Verwandte sie brauchte. Sie machte sich vielmehr eilig auf den Weg durch das Bergland (vgl. Lk 1,39).
  5. Und als es darum ging, ihr Kind zu beschützen, zog sie mit Josef in ein fernes Land (vgl.Mt2,13-14). Daher blieb sie unter den Aposteln, im Gebet vereint, in Erwartung des Heiligen Geistes (vgl. Apg 1,14). So ist in ihrer Gegenwart die junge Kirche entstanden mit ihren Aposteln im Aufbruch, um eine neue Welt entstehen zu lassen (vgl. Apg 2,4-11).
  6. Dieses Mädchen ist heute die Mutter, die über ihre Kinder wacht, über uns, ihre Söhne und Töchter, die oft müde und bedürftig durch das Leben gehen, die aber den Wunsch haben, dass das Licht der Hoffnung nicht erlischt. Das ist, was wir wollen: dass das Licht der Hoffnung nicht erlischt. Unsere Mutter schaut auf dieses pilgernde Volk, dieses Volk von jungen Menschen, das sie liebt und welches nach ihr sucht in der Stille des eigenen Herzens, trotz des vielen Lärms, Gesprächen und Ablenkungen entlang des Weges. Aber vor den Augen der Mutter ist nur Platz für hoffnungsvolles Schweigen. Und so schenkt Maria von neuem unserer Jugend Licht.

Junge Heilige

  1. Das Herz der Kirche ist voll auch von jungen Heiligen, die ihr Leben für Christus gegeben haben, viele von ihnen bis zum Martyrium. Sie sind ein kostbarer Widerschein des jungen Jesus gewesen und erstrahlen unter uns, um uns anzuregen und uns aus der Verschlafenheit herauszuholen. Die Synode hat unterstrichen, dass »viele junge Heilige die Züge des Jugendalters in all ihrer Schönheit [haben] aufleuchten lassen und für ihre Zeit echte Propheten des Wandels [waren]; ihr Beispiel zeigt, was junge Menschen vermögen, wenn sie sich für die Begegnung mit Christus öffnen«.[20]
  2. »Durch die Heiligkeit junger Menschen kann die Kirche ihre geistliche Glut und apostolische Kraft erneuern. Der durch das gute Leben so vieler junger Menschen erzeugte Balsam der Heiligkeit kann die Wunden der Kirche und Welt heilen und uns zu jener Fülle der Liebe zurückführen, zu der wir schon immer gerufen sind: Die jungen Heiligen drängen uns, zu unserer ersten Liebe zurückzukehren (vgl.Offb2,4).«[21] Es gibt Heilige, die nicht erwachsen geworden sind und uns das Zeugnis einer anderen Weise, die Jugend zu leben, hinterlassen haben. Erinnern wir uns zumindest an einige von ihnen aus verschiedenen historischen Epochen, die jeder auf seine Weise die Heiligkeit vorgelebt haben.
  3. Der heilige Sebastian war ein junger Hauptmann der Prätorianergarde im dritten Jahrhundert. Es wird erzählt, dass er überall von Christus sprach und seine Kameraden zu bekehren versuchte, bis man ihm befahl, seinem Glauben abzuschwören. Weil er nicht einwilligte, beschossen sie ihn mit einem Regen von Pfeilen. Er überlebte jedoch und fuhr fort, Christus ohne Furcht zu verkündigen. Schließlich geißelten sie ihn, bis er starb.
  4. Als der heilige Franz von Assisi noch sehr jung und voller Träume war, hörte er den Ruf Jesu, so arm wie er zu sein und die Kirche mit seinem Zeugnis wiederherzustellen. Mit Freude verzichtete er auf alles. Er ist der Heilige der universalen Brüderlichkeit, der Bruder aller, der den Herrn für seine Geschöpfe lobte. Er starb im Jahr 1226.
  5. Die heilige Jeanne d’Arc wurde im Jahr 1412 geboren. Sie war eine junge Frau vom Land, die trotz ihres jugendlichen Alters in den Kampf zog, um Frankreich vor den Invasoren zu verteidigen. Unverstanden für ihr Aussehen und ihre Weise, den Glauben zu leben, starb sie auf dem Scheiterhaufen.
  6. Der selige Andrew Phû Yên war ein junger Vietnamese des siebzehnten Jahrhunderts. Er war Katechet und half den Missionaren. Wegen seines Glaubens wurde er gefangen genommen und, weil er nicht abschwören wollte, getötet. Im Sterben sprach er: „Jesus“.
  7. Im gleichen Jahrhundert wurde die heilige Kateri Tekakwitha, eine indigene junge Laiin aus Nordamerika, um ihres Glaubens willen verfolgt und legte auf ihrer Flucht zu Fuß mehr als dreihundert Kilometer durch die Wildnis zurück. Sie weihte sich Gott und starb mit den Worten: „Jesus, ich liebe dich!“
  8. Der heilige Domenico Savio opferte Maria all seine Leiden auf. Als der heilige Don Bosco ihn lehrte, dass die Heiligkeit bedeute, immer fröhlich zu sein, öffnete er sein Herz für eine ansteckende Fröhlichkeit. Er suchte den am meisten ausgegrenzten und kranken Kameraden nahe zu sein. Er starb im Jahr 1857, im Alter von vierzehn Jahren, mit den Worten: „Was für ein Wunder, das ich hier sehe!“
  9. Die heilige Theresia vom Kinde Jesus wurde im Jahre 1873 geboren. Mit fünfzehn Jahren gelang es ihr – nach Überwindung vieler Schwierigkeiten –, in einen Konvent der Karmelitinnen einzutreten. Sie lebte den kleinen Weg des völligen Vertrauens in die Liebe des Herrn und bot sich an, mit ihrem Gebet das Feuer der Liebe, das die Kirche bewegt, zu nähren.
  10. Der selige Ceferino Namuncurá war ein junger Argentinier, Sohn eines bedeutenden Häuptlings der indigenen Bevölkerung. Er wurde ein Seminarist der Salesianer mit dem starken Wunsch, zu seinem Stamm zurückzukehren, um ihm Jesus Christus zu bringen. Er starb im Jahr 1905.
  11. Der selige Isidor Bakanja war ein Laie aus dem Kongo, der Zeugnis für seinen Glauben gab. Er wurde gefoltert, weil er andere junge Menschen mit dem Christentum bekannt gemacht hatte. Er starb seinem Peiniger vergebend im Jahr 1909.
  12. Der selige Pier Giorgio Frassati, gestorben im Jahr 1925, »war ein junger Mann mit einer mitreißenden Fröhlichkeit, einer Fröhlichkeit, die auch viele Schwierigkeiten seines Lebens überwog«.[22]Er sagte, er wolle die Liebe Jesu, die er in der Kommunion empfange, entgelten, indem er die Armen besuche und ihnen helfe.
  13. Der selige Marcel Callo war ein junger Franzose, der im Jahr 1945 starb. Er war Gefangener in einem Konzentrationslager in Österreich, wo er seine Mitgefangenen im Glauben unter harter Arbeit stärkte.
  14. Die junge Selige Chiara Badano, die im Jahr 1990 starb, »hat erfahren, wie der Schmerz von der Liebe verwandelt werden kann […] Der Schlüssel ihres Friedens und ihrer Freude war das völlige Vertrauen in den Herrn und die Annahme auch der Krankheit als geheimnisvoller Ausdruck seines Willens zu ihrem Wohl und zum Wohl aller.«[23]
  15. Mögen diese jungen Menschen, vereint mit vielen Altersgenossen, die oft in der Stille und im Verborgenen das Evangelium von Grund auf gelebt haben, für die Kirche Fürbitte einlegen, dass sie voll sei von fröhlichen, mutigen und einsatzfreudigen Jugendlichen, die der Welt neue Zeugnisse der Heiligkeit schenken.

DRITTES KAPITEL
Ihr seid das Jetzt Gottes

  1. Nachdem wir das Wort Gottes in den Blick genommen haben, können wir nicht nur sagen, dass die jungen Menschen die Zukunft der Welt sind. Sie sind die Gegenwart und bereichern sie mit ihrem Beitrag. Ein junger Mensch ist kein Kind mehr, er befindet sich in einem Lebensabschnitt, in dem er anfängt, verschiedentlich Verantwortung zu übernehmen und mit den Erwachsenen an der Entwicklung der Familie, der Gesellschaft und der Kirche mitzuwirken. Aber die Zeiten ändern sich, und es stellt sich die Frage: Wie sind die jungen Menschen heute, in welcher Situation befinden sie sich?

Positive Haltung

  1. Die Synode hat erkannt, dass die Gläubigen der Kirche nicht immer die Haltung Jesu einnehmen. Anstatt den jungen Menschen bereitwillig und wirklich zuzuhören, ist man manchmal »lieber mit vorgefertigten Antworten und Patentrezepten zur Stelle, ohne die Fragen der Jugendlichen in all ihrer Neuheit zuzulassen und die in ihnen liegende Provokation zu begreifen«.[24]Wenn die Kirche jedoch starre Schemen aufgibt und sich öffnet, um den jungen Menschen bereitwillig und aufmerksam zuzuhören, ist diese Empathie für sie bereichernd, denn es »ermöglicht jungen Menschen, einen Beitrag zur Gemeinschaft zu leisten und ihr zu helfen, neue Befindlichkeiten aufzugreifen und ganz neue Fragen zu stellen«.[25]
  2. Wir Erwachsene stehen heutzutage in der Gefahr, die Schwierigkeiten und Fehler der heutigen Jugend aufzulisten. Das bringt uns vielleicht so manchen Beifall ein, weil wir scheinbar Experten darin sind, negative Punkte und Gefahren auszumachen. Aber was wäre das Ergebnis einer solchen Haltung? Mehr und mehr Distanz, weniger Nähe und weniger gegenseitige Hilfe.
  3. Der aufmerksame Blick dessen, der gerufen ist, Vater, Hirte oder Führer junger Menschen zu sein, besteht darin, die kleine Flamme zu finden, die weiter brennt, und das Schilfrohr, das zu brechen scheint, aber noch nicht gebrochen ist (vgl.Jes42,3). Es ist die Fähigkeit, Wege zu entdecken, wo andere nur Mauern sehen, und Möglichkeiten zu erkennen, wo andere nur Gefahr wittern. Solcherart ist der Blick Gottes des Vaters, der in der Lage ist, die Samen des Guten, die in die Herzen der jungen Menschen gesät wurden, zur Geltung zu bringen und zu nähren. Das Herz eines jeden jungen Menschen muss daher als ein „heiliger Boden“ betrachtet werden, der Samen göttlichen Lebens in sich birgt und vor dem wir „unsere Schuhe ausziehen“ müssen, um uns dem Geheimnis annähern und es vertiefen zu können.

Vielfältige Jugend

  1. Wir könnten versuchen, die Eigenschaften der jungen Menschen von heute zu beschreiben, aber zunächst möchte ich eine Bemerkung der Synodenväter aufgreifen: »Durch die Zusammensetzung der Synode wurde sichtbar, wie viele verschiedene Regionen der Welt vertreten waren und sich eingebracht haben, wodurch sich zeigte, wie schön es ist, universale Kirche zu sein. Obwohl die Welt immer globaler wird, war es den Synodenvätern wichtig, die zahlreichen Unterschiede in Kontexten und Kulturen hervorzuheben, auch innerhalb eines Landes. Es gibt eine Vielzahl von Jugend-Milieus und das geht so weit, dass man in manchen Ländern dazu neigt, den Begriff „Jugend“ im Plural zu verwenden. Darüber hinaus ist die Altersgruppe (16-29 Jahre), die im Zentrum dieser Synode stand, nicht homogen, sondern besteht aus Gruppen in ganz spezifischen Lebenssituationen.«[26]
  2. Schon unter demographischem Aspekt gibt es in einigen Ländern viele junge Menschen, während andere eine sehr niedrige Geburtenrate haben. Aber »ein weiterer Unterschied ergibt sich aus der Geschichte, wodurch Länder und Kontinente mit alter christlicher Tradition, deren Kultur Trägerin eines unaufgebbaren Erbes ist, Ländern und Kontinenten gegenüberstehen, die von anderen religiösen Traditionen geprägt sind und in denen das Christentum eine zum Teil erst seit Kurzem bestehende Minderheit darstellt. In anderen Gebieten wiederum sind christliche Gemeinschaften und die jungen Menschen, die ihnen angehören, der Verfolgung ausgesetzt.«[27]Es ist auch notwendig, zwischen jungen Menschen zu unterscheiden, »die infolge der Globalisierung Zugang zu einer immer größeren Bandbreite an Chancen haben, und denen, die abseits der Gesellschaft oder in ländlichen Gebieten leben und unter den Auswirkungen von Formen der Ausschließung und Aussonderung leiden«.[28]
  3. Es gibt noch viele weitere Unterschiede, aber es wäre schwierig, auf sie hier detailliert einzugehen. Deshalb scheint es mir nicht angebracht, eine umfassende Analyse der Lebenswirklichkeiten und der Situation der jungen Menschen in der Welt von heute zu versuchen. Aber weil ich die Wirklichkeit auch nicht außer Acht lassen kann, werde ich kurz einige Beiträge aufgreifen, die mich teils vor der Synode erreicht haben, und andere, die ich während der Synode aufnehmen konnte.

Einige Dinge, die junge Menschen betreffen

  1. Die Jugend ist nicht etwas, das durch abstrakte Begriffe analysiert werden kann. In Wirklichkeit gibt es nicht „die Jugend“, es gibt nur junge Menschen mit ihrem konkreten Leben. In der heutigen fortschrittlichen Welt sind viele dieser Leben dem Leid und der Manipulation ausgeliefert.

Junge Menschen einer Welt in der Krise

  1. Die Synodenväter haben mit Schmerz festgestellt, dass »viele Jugendliche in Kriegsgebieten leben und zahllose Formen der Gewalt wie Entführung, Erpressung, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Sklaverei und sexuelle Ausbeutung, Kriegsvergewaltigung usw. erleiden. Andere junge Menschen finden wegen ihres Glaubens nur schwer einen Platz in ihrer Gesellschaft und erleiden unterschiedlichste Formen der Verfolgung, bis hin zum Tod. Zahlreiche junge Menschen leben in einer Umgebung von Verbrechen und Gewalt – weil sie dazu gezwungen werden oder keine Alternative haben: als Kindersoldaten, in bewaffneten kriminellen Banden, im Drogenhandel, im Terrorismus usw. An dieser Gewalt zerbricht das Leben vieler junger Menschen. Missbrauch und Sucht wie auch Gewalt und Abwege gehören zu den Gründen, weshalb junge Menschen und besonders häufig bestimmte ethnische und soziale Gruppen ins Gefängnis kommen.«[29]
  2. Viele junge Menschen werden indoktriniert und instrumentalisiert und als Kanonenfutter oder Stoßtrupp eingesetzt, um andere zu zerstören, einzuschüchtern oder zu verspotten. Und das Schlimmste ist, dass viele zu Individualisten werden, die allen gegenüber feindlich und misstrauisch sind und so zur leichten Beute entmenschlichender Angebote und destruktiver Pläne werden, welche von politischen Gruppierungen oder Kräften der Wirtschaft entwickelt wurden.
  3. Dabei gibt es jedoch wesentlich mehr junge Menschen in der Welt, die unter sozialer Ausgrenzung in unterschiedlichster Form und Marginalisierung aus religiösen, ethnischen oder wirtschaftlichen Gründen leiden. »Erinnert sei hier nur an die schwierige Situation von schwangeren Mädchen und jungen Frauen sowie an die Geißel der Abtreibung und die Ausbreitung von HIV, unterschiedlichste Formen von Sucht (Drogen, Glücksspiel, Pornografie usw.) und die Situation von Kindern und Jugendlichen, die ohne ein Dach über dem Kopf, ohne Familie und finanzielle Mittel auf der Straße leben.«[30]Wenn es sich dabei um Frauen handelt, werden diese Situationen der Marginalisierung doppelt schmerzhaft und schwierig.
  4. Wir dürfen keine Kirche sein, die angesichts dieser Tragödien ihrer jungen Söhne und Töchter keinen Schmerz empfindet. Wir dürfen uns nie daran gewöhnen, denn wer nicht in der Lage ist zu weinen, ist keine Mutter. Wir wollen weinen, damit auch die Gesellschaft mütterlicher wird, damit sie, statt zu töten, lernt zu gebären, damit sie eine Verheißung des Lebens wird. Wir weinen, wenn wir uns an die jungen Menschen erinnern, die bereits an Elend und Gewalt gestorben sind, und bitten die Gesellschaft zu lernen, eine helfende Mutter zu sein. Dieser Schmerz verschwindet nicht, er begleitet uns auf Schritt und Tritt, denn die Realität kann nicht verborgen werden. Das Schlimmste, was wir tun können, ist, das Rezept einer verweltlichten Gesinnung anzuwenden, das darin besteht, junge Menschen mit anderen Nachrichten, mit anderen Ablenkungen, mit Banalitäten zu betäuben.
  5. Vielleicht verstehen »diejenigen, die wie wir ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben führen, […] nicht zu weinen. Gewisse Realitäten des Lebens sieht man nur mit Augen, die durch Tränen reingewaschen sind. Ich lade jeden von euch ein, sich zu fragen: Habe ich gelernt zu weinen? Habe ich gelernt zu weinen, wenn ich ein hungriges Kind sehe, ein Kind unter Drogeneinfluss auf der Straße, ein obdachloses, ein verlassenes Kind, ein missbrauchtes Kind, ein von der Gesellschaft als Sklave benutztes Kind? Oder ist mein Weinen das eigensinnige Weinen dessen, der weint, weil er gerne noch mehr haben möchte?«[31]Versuche zu lernen, um die jungen Menschen zu weinen, denen es schlechter geht als dir. Barmherzigkeit und Mitgefühl kommen auch in Tränen zum Ausdruck. Wenn du kein Weinen herausbringst, bitte den Herrn, dir zu gewähren, Tränen für das Leiden anderer zu vergießen. Erst wenn du weißt, wie man weint, wirst du wirklich in der Lage sein, etwas von ganzem Herzen für andere zu tun.
  6. Manchmal ist das Leid junger Menschen sehr schmerzlich; es ist ein Schmerz, der sich nicht in Worte fassen lässt, ein Schmerz, der uns trifft wie eine Ohrfeige. Diese jungen Menschen können Gott nur sagen, dass sie viel leiden, dass es für sie zu schwierig ist weiterzumachen, dass sie an niemanden mehr glauben. Aber in diesem herzzerreißenden Schrei werden die Worte Jesu gegenwärtig: »Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden« (Mt5,4). Es gibt junge Menschen, die in der Lage waren, ihren Weg im Leben zu gehen, weil ihnen diese göttliche Verheißung zukam. Möge es immer eine christliche Gemeinschaft geben, die den leidenden jungen Menschen nahesteht und diese Worte mit Gesten, Umarmungen und konkreter Hilfe zum Klingen bringt.
  7. Es ist wahr, dass die Mächtigen einiges an Hilfe leisten, oft aber zu einem hohen Preis. In vielen armen Ländern ist die wirtschaftliche Unterstützung einiger reicherer Länder oder internationaler Organisationen mit der Annahme westlicher Vorstellungen bezüglich Sexualität, Ehe, Leben oder sozialer Gerechtigkeit verbunden. Diese ideologische Kolonisation schadet vor allem jungen Menschen. Gleichzeitig sehen wir, wie bestimmte Werbung die Menschen ständige Unzufriedenheit lehrt und zu einer Wegwerfkultur beiträgt, in der eben diese jungen Menschen letztendlich selbst als Einwegmaterial enden.
  8. Die heutige Kultur präsentiert ein Menschenbild, das sich stark am Idealbild der Jugendlichkeit orientiert. Als schön gilt, wer als jugendlich erscheint, wer sich Therapien unterzieht, um die Spuren der Zeit verschwinden zu lassen. Junge Körper werden ständig in der Werbung gewinnorientiert eingesetzt. Das Schönheitsideal ist jung, aber seien wir vorsichtig, denn das ist kein Lob für junge Menschen. Es bedeutet nur, dass Erwachsene diese Jugendlichkeit für sich selbst wollen, nicht, dass sie junge Menschen respektieren, lieben und oder sich um sie kümmern.
  9. Einige junge Menschen »empfinden Familientraditionen […] als erdrückend und entfliehen ihnen unter dem Druck einer globalisierten Kultur, die sie teilweise ohne Bezugspunkte alleine lässt. In anderen Teilen der Welt gibt es zwar zwischen Jugendlichen und Erwachsenen keinen echten Generationenkonflikt, aber man hat sich voneinander entfremdet. Manchmal versuchen Erwachsene erst gar nicht bzw. gelingt es ihnen nicht, die Grundwerte des Daseins weiterzugeben, oder sie eignen sich einen gezwungen jugendlichen Stil an, der die Beziehung zwischen den Generationen umkehrt. Auf diese Weise läuft das Verhältnis von Jugendlichen und Erwachsenen Gefahr, rein auf der Gefühlsebene zu verbleiben, ohne die erzieherische und kulturelle Dimension zu berühren.«[32]Wie sehr schadet das den jungen Menschen, auch wenn es einigen gar nicht bewusst ist! Die Jugendlichen selbst haben uns gesagt, dass dadurch die Weitergabe des Glaubens »in einigen Ländern ohne Meinungsfreiheit, in denen junge Menschen daran gehindert werden, zur Kirche zu gehen«[33], stark beeinträchtigt wird.

Wünsche, Wunden und Versuche

  1. Junge Menschen erkennen, dass der Körper und die Sexualität für ihr Leben und für die Entwicklung ihrer Identität wesentlich sind. In einer Welt, die die Sexualität übermäßig betont, ist es jedoch schwierig, eine positive Beziehung zum eigenen Körper zu wahren und die affektiven Beziehungen ausgeglichen zu leben. Wegen dieser und anderer Ursachen ist die Sexualmoral oft »Grund für Unverständnis und Entfernung von der Kirche, da sie als Raum des Urteils und der Strafe empfunden wird«. Gleichzeitig äußern junge Menschen »den ausdrücklichen Wunsch nach Auseinandersetzung mit Fragen zum Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Identität, zur Wechselseitigkeit/Reziprozität zwischen Mann und Frau und zur Homosexualität«.[34]
  2. In unserer Zeit »üben Entwicklungen in der biomedizinischen Wissenschaft und Technologie einen starken Einfluss auf die Körperwahrnehmung aus, sodass der Gedanke naheliegt, der Körper sei unbegrenzt veränderbar. Die Fähigkeit, in die DNA einzugreifen, die Möglichkeit, künstliche Elemente in den Organismus einzuschleusen (Cyborgs) und die Entwicklung der Neurowissenschaften bieten große Möglichkeiten, werfen aber gleichzeitig auch anthropologische und ethische Fragen auf.«[35]Sie lassen manchmal in Vergessenheit geraten, dass das Leben ein Geschenk ist, dass wir geschaffene und begrenzte Wesen sind, dass wir leicht von denen instrumentalisiert werden können, die über technologische Macht verfügen.[36]»Darüber hinaus breitet sich in manchen Kreisen von Jugendlichen die Faszination für riskantes Verhalten als Möglichkeit aus, sich selbst zu erfahren, starke Emotionen zu erleben und Anerkennung zu erlangen. […] Diese Phänomene, denen die jungen Generationen ausgesetzt sind, stellen ein Hindernis für einen harmonischen Reifungsprozess dar.«[37]
  3. Bei jungen Menschen gibt es auch Schicksalsschläge, Misserfolge, traurige Erinnerungen, die sich tief in ihre Seele eingeprägt haben. »Diese Verletzungen stammen« oftmals »aus Niederlagen in der eigenen Geschichte, aus enttäuschten Wünschen, erlittenen Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten, dem Gefühl, nicht geliebt oder anerkannt zu werden.« »Dann gibt es moralische Verletzungen, belastende eigene Fehler, Schuldgefühle, weil man etwas falsch gemacht hat.«[38]Jesus ist in diesen Kreuzen der jungen Menschen gegenwärtig, um ihnen seine Freundschaft, seine Linderung, seine heilende Begleitung anzubieten, und die Kirche will sein Werkzeug auf diesem Weg zur inneren Genesung und zum Frieden des Herzens sein.
  4. In einigen jungen Menschen erkennen wir eine Sehnsucht nach Gott, auch wenn sie nicht immer ganz mit dem Gott der Offenbarung übereinstimmt. In anderen können wir einen Traum von Brüderlichkeit erkennen, was nicht unbedeutend ist. In vielen gibt es wohl den echten Wunsch, die ihnen innewohnenden Fähigkeiten zu entwickeln, um einen Beitrag in der Welt zu leisten. In einigen sehen wir eine besondere künstlerische Ader oder eine Suche nach Einklang mit der Natur. In anderen wird es vielleicht ein großes Bedürfnis nach Kommunikation geben. In vielen von ihnen werden wir wohl einen tiefen Wunsch nach einem anderen Leben finden. Dies sind echte Ausgangspunkte, innere Ressourcen, offen für ein Wort, das etwas weckt, das sie erleuchtet und ermutigt.
  5. Die Synode befasste sich insbesondere mit drei äußerst wichtigen Themen, deren Schlussfolgerungen ich mir wörtlich zu eigen machen möchte, auch wenn noch weitere Analysen und passendere und treffendere Antworten gefunden werden müssen.

Die digitale Umgebung

  1. »Digitale Möglichkeiten prägen die heutige Welt. Für breite Schichten der Menschheit ist es normal, ständig in die digitale Welt abzutauchen. Hier geht es nicht mehr nur darum, Kommunikationsmittel zu „nutzen“, sondern man lebt in einer durch und durch digitalisierten Kultur, die sich stark auf die Vorstellung von Zeit und Raum auswirkt sowie auf die Wahrnehmung von sich selbst, von anderen und der Welt, auf die Art zu kommunizieren, zu lernen, sich zu informieren und Beziehungen zu anderen zu knüpfen. Eine Einstellung gegenüber der Realität, bei der tendenziell Bilder wichtiger sind als das Zuhören und Lesen und die beeinflusst, wie wir lernen und kritisches Denken entwickeln.«[39]
  2. Das Internet und die sozialen Netzwerke haben eine neue Art der Kommunikation und Vernetzung geschaffen, und sie »sind ein Raum, in dem junge Menschen viel Zeit verbringen und sich einfach treffen können, auch wenn nicht alle denselben Zugang dazu haben, was insbesondere für einige Regionen der Welt gilt. Sie sind jedoch eine außerordentliche Chance für Gespräche, Begegnungen und den Austausch mit anderen Menschen und bieten überdies Zugang zu Informationen und Wissen. Darüber hinaus ermöglicht die digitale Welt gesellschaftspolitische Partizipation und bürgerschaftliches Engagement, und unabhängige Informationen können leichter in Umlauf gebracht werden, wodurch die Schwächsten wirksam geschützt werden, weil die Verletzung ihrer Rechte aufgedeckt wird. In vielen Ländern sind das Internet und soziale Netzwerkeheute als Medium unverzichtbar, um junge Menschen zu erreichen und unter anderem auch in pastorale Initiativen und Aktivitäten einzubeziehen.«[40]
  3. Aber um dieses Phänomen in seiner Gesamtheit zu verstehen, muss man anerkennen, dass es, wie alle menschliche Wirklichkeit, auch mit Fehlern und Mängeln behaftet ist. So ist es ungesund, Kommunikation mit rein virtuellem Kontakt zu verwechseln. Tatsächlich ist die digitale Welt »auch ein Ort der Einsamkeit, Manipulation, Ausbeutung und Gewalt, die sich im Extremfall im Dark Webmanifestieren. Durch digitale Medien besteht die Gefahr, dass Nutzer abhängig werden, sich isolieren und immer stärker den Kontakt zur konkreten Wirklichkeit verlieren, wodurch die Entwicklung echter zwischenmenschlicher Beziehungen behindert wird. Neue Formen der Gewalt breiten sich über die Social Media aus, wie z. B. Cybermobbing; das Internetdient auch als Kanal zur Verbreitung von Pornografie und der Ausbeutung von Menschen für sexuelle Zwecke oder durch Glücksspiel.«[41]
  4. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass in der digitalen Welt gigantische wirtschaftliche Interessen am Werke sind, »die ebenso subtil wie invasiv Kontrolle ausüben und Mechanismen schaffen, mit denen das Gewissen und demokratische Prozesse manipuliert werden. Viele Plattformen funktionieren so, dass sich im Endeffekt häufig nur Gleichgesinnte begegnen und eine Auseinandersetzung mit Andersartigem erschwert wird. Diese geschlossenen Kreise erleichtern die Verbreitung von falschen Informationen und Nachrichten und schüren Vorurteile und Hass. Die Verbreitung von Fake News istAusdruck einer Kultur, die ihren Sinn für die Wahrheit verloren hat und Fakten zum Vorteil von Einzelinteressen zurechtbiegt. Der Ruf von Menschen wird durch oberflächliche Online-Verfahren gefährdet. Ein Phänomen, das auch die Kirche und ihre Hirten betrifft.«[42]
  5. In einem Dokument, das von dreihundert jungen Menschen aus aller Welt vor der Synode erstellt wurde, wiesen diese darauf hin, dass Online-Beziehungen unmenschlich werden können. »Digitale Kontexte machen uns blind für die Verletzlichkeit anderer Menschen und hindern uns bei der Selbstreflexion. Probleme wie die Pornographie verzerren die Wahrnehmung junger Menschen hinsichtlich der menschlichen Sexualität. So verwendete Technologie erzeugt eine täuschende Parallelrealität, die die Menschenwürde ignoriert.«[43]Das Eintauchen in die virtuelle Welt hat eine Art „digitaler Migration“ begünstigt, d.h. eine Distanzierung von der Familie, von kulturellen und religiösen Werten, was viele Menschen in eine Welt der Einsamkeit und Selbsterfindung führt, bis hin, dass sie eine fehlende Verwurzlung erleben, obwohl sie physisch am gleichen Ort bleiben. Das neue und überfließende Leben junger Menschen, die ihre eigene Persönlichkeit behaupten wollen, steht heute vor einer neuen Herausforderung: mit einer realen und virtuellen Welt zu interagieren, die sie allein betreten, wie einen unbekannten Kontinent. Die jungen Menschen von heute sind die ersten, die diese Synthese zwischen dem Persönlichen, den Eigenheiten jeder Kultur und dem Globalen schaffen. Aber das erfordert, dass sie vom virtuellen Kontakt zu einer guten, gesunden Kommunikation übergehen.

Migranten als Paradigma unserer Zeit

  1. Wie könnten wir die vielen jungen Menschen vergessen, die von Migration betroffen sind? Migration »ist weltweit ein strukturelles Phänomen und keine vorübergehende Ausnahmesituation. Migration kann innerhalb eines Landes oder zwischen verschiedenen Ländern stattfinden. Die Sorge der Kirche betrifft insbesondere Menschen, die vor Krieg, Gewalt, politischer oder religiöser Verfolgung, vor Naturkatastrophen, die auch durch den Klimawandel bedingt sind, und vor extremer Armut fliehen: Viele von ihnen sind jung. Sie suchen in der Regel nach Chancen für sich und ihre Familien. Sie träumen von einer besseren Zukunft und wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, damit diese wahr wird.«[44]Die Migranten »erinnern uns an einen grundlegenden Aspekt des Glaubens, nämlich daran, dass wir „Fremde und Gäste auf Erden sind“ (Hebr11,13)«.[45]
  2. Andere Migranten fühlen sich »von der Kultur des Westens angezogen und brechen mit teils unrealistischen Erwartungen auf, die schwer enttäuscht werden können. Skrupellose Menschenhändler, die oft mit Drogen- und Waffenkartellen in Verbindung stehen, nutzen die Schwäche von Migranten aus, die auf ihrem Weg immer wieder mit Gewalt, Menschenhandel, psychischem und physischem Missbrauch und unsagbarem Leid konfrontiert werden. Hervorzuheben sind hier die besondere Schutzlosigkeit unbegleiteter minderjähriger Migranten sowie die Situation von Menschen, die gezwungen sind, viele Jahre in Flüchtlingslagern zu verbringen, oder die lange Zeit in Transitländern festsitzen, ohne ihre Ausbildung fortsetzen oder etwas aus ihren Talenten machen zu können. In einigen Ankunftsländern lösen Migrationsphänomene Alarm und Ängste aus, die oft für politische Zwecke angeheizt und missbraucht werden. Auf diese Weise verbreitet sich eine fremdenfeindliche Mentalität, man verschließt sich und zieht sich in sich selbst zurück. Darauf müssen wir entschlossen reagieren.«[46]
  3. »Junge Menschen, die emigrieren, erleben die Trennung von ihrem ursprünglichen Umfeld und oft auch eine kulturelle und religiöse Entwurzelung. Der Bruch betrifft auch die Gemeinschaften am Herkunftsort, die ihre stärksten Mitglieder mit der größten Eigeninitiative verlieren, sowie die Familien, insbesondere wenn ein oder beide Elternteile emigrieren und ihre Kinder in ihrem Herkunftsland zurücklassen. Die Kirche spielt für die Jugendlichen dieser auseinandergerissenen Familien eine wichtige Rolle als Ansprechpartner. Aber Migranten erleben auch Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen: Für die Gemeinden und Gesellschaften, in denen sie ankommen, sind sie eine Chance zur Bereicherung und fördern die ganzheitliche menschliche Entwicklung aller. Willkommensinitiativen, die in einem Bezug zur Kirche stehen, spielen unter diesem Gesichtspunkt eine wichtige Rolle und können Gemeinden, die fähig sind, sie durchzuführen, mit neuem Leben erfüllen.«[47]
  4. »Dank der unterschiedlichen Herkunft der Synodenväter wurde das Thema der Migranten auf der Synode aus zahlreichen Perspektiven, insbesondere vonseiten der Herkunfts- und Ankunftsländer, beleuchtet. Darüber hinaus ertönte auch aus jenen Kirchen ein Alarmruf, deren Mitglieder zur Flucht vor Krieg und Verfolgung gezwungen sind und die diese Zwangsmigration als Bedrohung ihrer Existenz wahrnehmen. Gerade dadurch, dass alle diese verschiedenen Perspektiven in die Kirche Eingang finden, wird sie in die Lage versetzt, zum Thema Migration eine prophetische Rolle gegenüber der Gesellschaft zu spielen.«[48]Ich bitte vor allem die Jugendlichen, nicht auf diejenigen hereinzufallen, die versuchen, gegen junge Migranten zu hetzen, indem sie so beschrieben werden, als seien sie gefährlich und als hätten sie nicht die gleiche unveräußerliche Würde wie jeder Mensch.

Allen Formen von Missbrauch ein Ende setzen

  1. Seit einiger Zeit sind wir nachdrücklich gefordert, den Schrei der Opfer der verschiedenen Arten von Missbrauch durch einige Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien zu hören. Diese Sünden verursachen in ihren Opfern »ein Leid, das ein Leben lang andauern und durch keine Reue geheilt werden kann. Dieses Phänomen ist in der Gesellschaft verbreitet, es betrifft auch die Kirche und stellt ein ernsthaftes Hindernis für ihre Sendung dar.«[49]
  2. Es ist wahr, dass »dass das schwere Übel des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen leider in allen Kulturen und Gesellschaften ein geschichtlich verbreitetes Phänomen ist«, insbesondere in den Familien selbst und in verschiedenen Institutionen, dessen Ausmaß vor allem in jüngerer Zeit »dank eines Bewusstseinswandels der öffentlichen Meinung« sichtbar wurde. »Die weltweite Verbreitung dieses Übels bestätigt, wie schwerwiegend es für unsere Gesellschaften ist, schmälert aber nicht seine Abscheulichkeit innerhalb der Kirche« und »in der gerechtfertigten Wut der Menschen erblickt die Kirche den Widerschein des Zornes Gottes, der von diesen schändlichen Gottgeweihten verraten und geohrfeigt wurde«.[50]
  3. »Die Synode bekräftigt, dass sie sich entschlossen für die Umsetzung rigoroser Präventionsmaßnahmen einsetzt, die verhindern, dass sich dies wiederholt, und dabei mit der Auswahl und Ausbildung derjenigen beginnt, denen verantwortungsvolle und erzieherische Aufgaben übertragen werden.«[51]Gleichzeitig darf die Entscheidung, »diese so notwendigen Aktionen und Sanktionen« durchzuführen, nicht mehr aufgegeben werden.[52]Und all das mit der Gnade Christi. Es gibt kein Zurück mehr.
  4. »Es gibt verschiedene Formen von Missbrauch: Missbrauch von Macht, finanzieller Missbrauch, Missbrauch des Gewissens und sexueller Missbrauch. Hier stellt sich klar die Aufgabe, die Formen der Ausübung von Autorität, in die diese münden, und den Mangel an Verantwortungsbewusstsein und Transparenz bei der Behandlung vieler Fälle auszumerzen. Der Wunsch nach Herrschaft, ein Mangel an Dialog und Transparenz, Formen des Doppellebens, spirituelle Leere sowie psychische Labilität sind der Boden, auf dem Korruption gedeiht.«[53]Der Klerikalismus ist eine ständige Versuchung für diejenigen Priester, »die das empfangene Amt als eine auszuübendeMacht [verstehen] und nicht als einen mit Selbstlosigkeit und Großmut anzubietenden Dienst. Jene Haltung führt zu der Auffassung, man gehöre zu einer Gruppe, die alle Antworten besitzt und nicht mehr zuhören und nichts mehr zu lernen braucht.«[54] Der Klerikalismus birgt für gottgeweihte Personen zweifellos die Gefahr, die Achtung vor dem heiligen und unveräußerlichen Wert jedes Menschen und seiner Freiheit zu verlieren.
  5. Gemeinsam mit den Synodenvätern möchte ich mit Zuneigung und Anerkennung denen danken, »die den Mut haben, das Schlimme, das sie erlitten haben, öffentlich anzuklagen: Sie helfen der Kirche, ein Bewusstsein für das Geschehene und für die Notwendigkeit zu entwickeln, entschlossen zu reagieren.«[55]Die Synode würdigt aber »auch das aufrichtige Engagement unzähliger Laien, Priester, geweihter Frauen und Männer und Bischöfe, die sich tagtäglich aufrichtig und hingebungsvoll im Dienst für die Jugend einsetzen, und ermutigt sie, fortzufahren. Ihre Arbeit ist ein lautlos wachsender Wald. Viele Jugendliche, die an der Synode teilnahmen, haben Dankbarkeit gegenüber denjenigen geäußert, von denen sie begleitet wurden, und ein großes Bedürfnis nach Bezugspersonen unterstrichen.«[56]
  6. Gott sei Dank sind die Priester, die in diese schrecklichen Verbrechen verstrickt sind, nicht die Mehrheit. Die meisten leisten einen treuen und großherzigen Dienst. Ich bitte die Jugendlichen, sich von dieser Mehrheit anregen zu lassen. Wenn immer du einen Priester siehst, der gefährdet ist, weil er die Freude an seinem Dienst verloren hat, weil er nach affektiver Kompensation sucht oder vom Kurs abkommt, dann traut euch, ihn an seine Verpflichtung gegenüber Gott und seinem Volk zu erinnern, ihm das Evangelium zu verkünden und ihn zu ermutigen, auf dem rechten Weg zu bleiben. Auf diese Weise leistet ihr unschätzbare Hilfe in dem ganz fundamentalen Bereich der Prävention, die verhindert, dass sich solche Gräueltaten wiederholen. Diese schwarze Wolke wird auch für junge Menschen, die Jesus Christus und seine Kirche lieben, zur Herausforderung, denn sie können viel zur Heilung dieser Wunde beitragen, wenn sie dafür ihre Fähigkeit zur Erneuerung, zur Beschwerde, zur Forderung nach Zusammenhalt und Zeugnis, zum erneuten Träumen und zum Neuanfang einsetzen.
  7. Dies ist nicht die einzige Sünde der Glieder der Kirche, deren Geschichte viele Schatten hat. Unsere Sünden sind für alle sichtbar; sie spiegeln sich gnadenlos in den Falten des tausendjährigen Gesichts unserer Mutter und Lehrerin wider; weil sie seit zweitausend Jahren unterwegs ist und die »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen«[57]teilt. Und sie geht ihren Weg so, wie sie ist, ohne Schönheitsoperationen. Sie hat keine Angst, die Sünden ihrer Glieder, die einige von ihnen manchmal zu verbergen suchen, vor das feurige Licht des Wortes des Evangeliums zu stellen, das reinigt und läutert. Sie hört auch nicht auf, jeden Tag reumütig zu beten: »Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld […] meine Sünde steht mir immer vor Augen« (Ps51,3.5). Aber denken wir daran, dass man die Mutter nicht im Stich lässt, wenn sie verwundet ist, sondern dass man sie begleitet, damit sie die Kraft und die Fähigkeit gewinnt, immer wieder neu zu beginnen.
  8. Inmitten dieses Dramas, das uns zu Recht in der Seele weh tut, schenkt »Jesus, der Herr, der seine Kirche niemals verlässt, […] ihr die Kraft und die Mittel für einen neuen Weg«.[58]So kann dieser dunkle Moment, »mit der unschätzbaren Hilfe junger Menschen tatsächlich eine Chance für eine Reform von epochaler Tragweite sein«[59], sich einem neuen Pfingsten zu öffnen und eine Phase der Reinigung und des Wandels einzuleiten, die der Kirche neue Jugendlichkeit verleihen wird. Aber junge Menschen werden viel mehr helfen können, wenn sie sich im Herzen als Teil des »heiligen und geduldigen treuen Volkes Gottes, das vom Heiligen Geist getragen und belebt wird«, fühlen, denn »eben dieses heilige Volk Gottes wird uns vom Übel des Klerikalismus befreien, der den fruchtbaren Boden für all diese Gräuel bildet«.[60]

Es gibt einen Ausweg

  1. In diesem Kapitel ging es mir darum, die Wirklichkeit der jungen Menschen in der Welt von heute zu betrachten. Einige weitere Aspekte werden in den folgenden Kapiteln behandelt. Wie ich bereits sagte, erhebt diese Analyse keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich ermutige die Gemeinschaften zu einer respektvollen und ernsthaften Untersuchung der Lebenswirklichkeit ihrer jungen Menschen, um die geeignetsten pastoralen Wege erkennen zu können. Aber ich möchte dieses Kapitel nicht beenden, ohne ein paar Worte an jeden von euch zu richten.
  2. Ich erinnere dich an die gute Nachricht, die uns am Morgen der Auferstehung zuteilwurde: dass es in all den dunklen oder schmerzhaften Situationen, von denen wir sprechen, einen Ausweg gibt. Es stimmt, beispielsweise, dass du in der digitalen Welt der Gefahr der Selbstverschlossenheit, Isolation oder des leeren Vergnügens ausgesetzt bist. Aber vergiss nicht, dass es junge Menschen gibt, die auch in diesen Bereichen kreativ und manchmal brillant sind – so wie der junge ehrwürdige Diener Gottes Carlo Acutis.
  3. Er wusste sehr wohl, dass diese Mechanismen der Kommunikation, der Werbung und der sozialen Netzwerke genutzt werden können, um uns einzuschläfern und abhängig zu machen vom Konsum und von den Neuheiten, die wir kaufen können, besessen von der Freizeit, eingeschlossen in Negativität. Aber er verstand es, die neuen Kommunikationstechniken zu nutzen, um das Evangelium zu verbreiten sowie Werte und Schönheit zu vermitteln.
  4. Er ließ sich nicht täuschen. Er sah, dass viele junge Menschen, obwohl sie verschieden scheinen, letztlich oft gleich den anderen sind und dem hinterherlaufen, was die Mächtigen ihnen durch die Mechanismen des Konsums und der Betäubung aufzwingen. Auf diese Weise lassen sie nicht zu, dass die Gaben, die der Herr ihnen gegeben hat, zum Vorschein kommen, sie bieten dieser Welt nicht die sehr persönlichen und einzigartigen Fähigkeiten, die Gott in einen jeden von ihnen hineingesät hat. So, sagte Carlo, kommt es vor, dass „alle als Originale geboren werden, aber viele als Fotokopien sterben“. Lass nicht zu, dass das dir geschieht.
  5. Lass nicht zu, dass sie dir die Hoffnung und Freude rauben, lass dich von ihnen nicht betäuben, um dich zum Sklaven ihrer Interessen zu machen. Wage es, mehr zu sein, denn dein Sein zählt mehr als alles andere. Du brauchst nicht auf deinen Besitz oder dein Erscheinungsbild zu achten. Du kannst der sein, der du von Gott, deinem Schöpfer her bist, wenn du erkennst, dass du zu Großem berufen bist. Rufe den Heiligen Geist an und gehe mit Zuversicht auf das große Ziel zu: die Heiligkeit. Auf diese Weise wirst du keine Fotokopie sein. Du wirst ganz du selbst sein.
  6. Dazu muss man etwas ganz Grundsätzliches erkennen: Jung zu sein erschöpft sich nicht einfach in der Suche nach flüchtigen Freuden und oberflächlichen Erfolgen. Damit das Jugendalter den Sinn erfüllt, den es für deinen Lebenslauf hat, muss es eine Zeit großzügigen Gebens, aufrichtiger Hingabe und der Opfer sein. Das tut weh, aber es macht unser Leben fruchtbar. Es ist so, wie ein großer Dichter einmal sagte:

»Wenn ich, um wiederzufinden, was ich wiedergefunden habe,
zuerst das verlieren musste, was ich verloren habe,
wenn ich, um das zu erreichen, was ich erreicht habe,
erst das ertragen musste, was ich ertragen habe,
wenn ich, um jetzt verliebt zu sein,
zuerst verletzt werden musste,
ist es recht, das erlitten zu haben, was ich erlitten habe,
ist es recht, so geweint zu haben, wie ich geweint habe.
Denn nach alledem habe ich festgestellt,
dass man sich über die Freuden nicht wirklich freut,
wenn man sie nicht zuvor erlitten hat.
Denn nach alledem habe ich verstanden,
dass das, was der Baum an Blüten trägt,
von dem lebt, was er unter der Erde hat.«
[61]

  1. Wenn du jung bist, dich jedoch schwach, müde oder enttäuscht fühlst, bitte Jesus, dich zu erneuern. Mit ihm fehlt es nicht an Hoffnung. Dasselbe kannst du tun, wenn du spürst, dass du in Lastern, schlechten Gewohnheiten, Egoismus oder ungesunder Bequemlichkeit steckst. Jesus, der voller Leben ist, will dir helfen, so dass es sich lohnt, jung zu sein. So wirst du der Welt nicht den Beitrag vorenthalten, den nur du leisten kannst, weil du so, wie du bist, einzigartig und unwiederholbar bist.
  2. Ich möchte dich aber auch daran erinnern, dass es sehr schwierig ist, »gegen die eigene Begehrlichkeit und gegen die Nachstellungen und Versuchungen des Bösen und der egoistischen Welt zu kämpfen, wenn wir uns absondern. Es ist ein solches Bombardement, das uns verleitet, dass wir – wenn wir zu viel alleine sind – leicht den Sinn für die Wirklichkeit, die innere Klarheit, verlieren und unterliegen.«[62]Das gilt besonders für euch junge Menschen, denn gemeinsam habt ihr eine bewundernswerte Kraft. Wenn ihr euch für ein gemeinschaftliches Leben begeistert, seid ihr zu großen Opfern für andere und für die Gemeinschaft fähig. Die Isolation hingegen schwächt euch und macht euch anfällig für die schlimmsten Übel unserer Zeit.

VIERTES KAPITEL
Die große Botschaft für alle jungen Menschen

  1. Abgesehen von allen äußeren Umständen möchte ich allen jungen Menschen jetzt das Wichtigste, das Erste, das verkündigen, was nie verschwiegen werden sollte: eine Botschaft, die drei große Wahrheiten enthält, die wir alle immer und immer wieder hören müssen.

Ein Gott, der Liebe ist

  1. Zuerst möchte ich jedem die erste Wahrheit sagen: „Gott liebt dich.“ Wenn du das schon mal gehört hast, egal, ich möchte dich daran erinnern: Gott liebt dich. Zweifle nie daran, egal, was dir im Leben passiert. Egal in welcher Lebenslage du dich befindest, du bist unendlich geliebt.
  2. Vielleicht ist deine Erfahrung von Vaterschaft nicht die beste, dein irdischer Vater war vielleicht distanziert und abwesend, oder im Gegenteil, dominant und einengend. Oder er war einfach nicht der Vater, den du gebraucht hättest. Ich weiß es nicht. Aber was ich dir mit Sicherheit sagen kann, ist, dass du dich deinem göttlichen Vater ganz unbeschwert überlassen kannst, jenem Gott, der dir das Leben geschenkt hat und der es dir auch weiterhin immer neu schenkt. Er wird dich festhalten und gleichzeitig wirst du spüren, dass er deine Freiheit ganz und gar respektiert.
  3. In seinem Wort finden wir viele Ausdrucksformen seiner Liebe. Es ist, als hätte er nach verschiedenen Wegen gesucht, sie zu zeigen, um zu sehen, ob er mit einem dieser Worte dein Herz erreichen könnte. So zeigt er sich beispielsweise in der Gestalt jener liebevollen Eltern, die mit ihren Kindern spielen: »Mit menschlichen Fesseln zog ich sie, mit Banden der Liebe. Ich war da für sie wie die, die den Säugling an ihre Wangen heben« (Hos11,4).

Manchmal zeigt er sich liebevoll wie jene Mütter, die ihre Kinder aufrichtig lieben, mit einer zärtlichen Liebe, die weder vergessen noch verlassen kann: »Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst, wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht« (Jes 49,15).

Er erweist sich sogar als ein Verliebter, der sich seine Geliebte auf die Hand tätowiert, so dass ihr Gesicht ihm immer nahe ist: »Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände« (Jes 49,16).

An anderer Stelle betont er die Stärke und Festigkeit seiner Liebe, die unbesiegbar ist: »Mögen auch die Berge weichen und die Hügel wanken – meine Huld wird nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens nicht wanken« (Jes 54,10).

Oder er sagt uns, dass wir schon immer erwartet wurden, weil wir nicht einfach zufällig in dieser Welt sind. Noch bevor wir sind, existieren wir bereits als Plan seiner Liebe: »Ich habe euch mit ewiger Liebe geliebt; deshalb habe ich euch die Treue gehalten« (Jer 31,3).

Oder er lässt uns wissen, dass Er unsere Schönheit erkennt, so wie sie niemand sonst erkennen kann: »Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe« (Jes 43,4).

Oder er macht uns klar, dass seine Liebe nicht traurig ist, sondern reine Freude, die sich immer dann erneuert, wenn wir uns von ihm lieben lassen: »Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt« (Zef 3,17 LXX).

  1. Für ihn bist du wirklich wertvoll, du bist nicht unbedeutend, du bist ihm wichtig, denn du bist das Werk seiner Hände. Deshalb schenkt er dir Aufmerksamkeit und gedenkt deiner voll Liebe. Vertrau dem »Gedenken Gottes: Sein Gedächtnis ist keine „Festplatte“, die alle unsere Daten registriert und archiviert; sein Gedächtnis ist ein Herz, das weich ist vor Mitgefühl, das Freude daran hat, jede Spur des Bösen in uns auszulöschen.«[63]Er will nicht deine Fehler auflisten, vielmehr will er dir helfen, auch aus deinen Niederlagen zu lernen. Weil er dich liebt. Versuche, einen Moment in Stille zu bleiben und dich von ihm lieben zu lassen. Versuche, alle Stimmen und inneren Schreie zum Schweigen zu bringen und verbleibe für einen Augenblick in seiner liebevollen Umarmung.
  2. Dies ist eine Liebe, »die sich nicht aufdrängt und die nicht erdrückt, sie grenzt nicht aus, sie bringt nicht zum Schweigen und schweigt auch nicht, sie demütigt nicht und unterwirft nicht. Die Liebe des Herrn ist eine alltägliche Liebe, diskret und respektvoll, sie liebt die Freiheit und sie befreit, sie ist eine Liebe, die heilt und erhebt. Die Liebe des Herrn kennt sich eher mit dem Wiederaufstieg als mit dem Fall aus, mehr mit der Versöhnung als mit Verboten, mehr mit dem Gewähren neuer Möglichkeiten als mit der Verdammnis, mehr mit der Zukunft als mit der Vergangenheit.«[64]
  3. Wenn er dich um etwas bittet oder wenn er einfach nur die Herausforderungen zulässt, die das Leben dir stellt, erwartet er, dass du ihm Raum gibst, sodass er dich anschieben kann, damit du vorankommst, so dass er dich fördern und reifen lassen kann. Es macht ihm nichts aus, wenn du ihm gegenüber deine Zweifel äußerst. Das, was ihn beunruhigt, ist, dass du nicht mit ihm redest, dass du dich nicht aufrichtig für den Dialog mit ihm öffnest. Die Bibel berichtet, dass Jakob einen Kampf mit Gott hatte (vgl.Gen32,25-31), aber das hat ihn nicht vom Weg des Herrn abgebracht. In Wirklichkeit ist er es selbst, der uns ermahnt: »Komm doch, wir wollen miteinander rechten« (Jes 1,18). Seine Liebe ist so real, so wahr, so konkret, dass sie uns eine Beziehung aufrichtigen und fruchtbaren Dialogs bietet. Lass dich also von deinem himmlischen Vater umarmen, im liebenden Angesicht seiner mutigen Zeugen auf der Erde!

Christus rettet dich

  1. Die zweite Wahrheit ist, dass Christus sich aus vollendeter Liebe hingegeben hat, um dich zu retten. Seine offenen Arme am Kreuz sind das wertvollste Zeichen eines Freundes, der dazu fähig ist, bis zum Äußersten zu gehen:»Da er die Seinen liebte, die in der Welt waren, liebte sie bis zur Vollendung«(Joh 13,1).

Der heilige Paulus bezeugte, im Vertrauen auf diese Liebe zu leben, die alles gab: »Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat« (Gal 2,20).

  1. Dieser Christus, der uns am Kreuz von unseren Sünden gerettet hat, rettet und erlöst uns auch heute mit der gleichen Kraft seiner vollkommenen Selbsthingabe. Schau dir sein Kreuz an, klammere dich an ihn, lass dich retten, denn »diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung«.[65]Und wenn du sündigst und dich entfernst, hilft er dir mit der Kraft seines Kreuzes wieder auf. Vergiss nie: »Er vergibt siebenundsiebzigmal. Ein ums andere Mal lädt er uns wieder auf seine Schultern. Niemand kann uns die Würde nehmen, die diese unendliche und unerschütterliche Liebe uns verleiht. Mit einem Feingefühl, das uns niemals enttäuscht und uns immer die Freude zurückgeben kann, erlaubt er uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen.«[66]
  2. Wir sind durch Jesus »gerettet: Weil er uns liebt und nicht anders kann. Wir können ihm was auch immer antun, er jedoch liebt uns und rettet uns. Denn nur was man liebt, kann gerettet werden. Nur was man annimmt, kann verwandelt werden. Die Liebe des Herrn ist größer als all unsere Widersprüche, als all unsere Schwächen und als all unsere Begrenztheiten. Aber gerade mithilfe unserer Widersprüche, Schwächen und Begrenztheiten will er diese Liebesgeschichte schreiben. Er hat den verlorenen Sohn angenommen, er hat Petrus nach seiner Verleugnung angenommen; er nimmt auch uns immer, immer, immer an, wenn wir gefallen sind und hilft uns, aufzustehen und wieder auf die Beine zu kommen. Denn der wirkliche Fall – Achtung! –,der wirkliche Fall, der unser Leben zerstören kann, besteht darin, am Boden liegen zu bleiben und sich nicht helfen zu lassen.«[67]

121.Seine Vergebung und Erlösung sind nicht etwas, das wir gekauft haben, oder was wir durch unsere Werke oder unsere Bemühungen erwerben müssen. Er vergibt und befreit uns unentgeltlich. Seine Hingabe am Kreuz ist etwas so Großes, dass wir es weder bezahlen können noch sollen, wir können dieses Geschenk nur mit größter Dankbarkeit entgegennehmen, voll Freude, so geliebt zu werden, noch bevor wir überhaupt daran denken: »Er hat uns zuerst geliebt« (vgl. 1 Joh 4,19).

  1. Vom Herrn geliebte Jugendliche, wie viel seid ihr doch wert, wenn ihr durch das kostbare Blut Christi erlöst wurdet! Liebe junge Freunde, »ihr habt keinen Preis! Ihr seid keine Ware, die zur Versteigerung da ist! Bitte lasst euch nicht kaufen, lasst euch nicht verführen, lasst euch nicht von den ideologischen Kolonisierungen versklaven, die uns Ideen in die Köpfe setzen, und am Ende werden wir zu Sklaven, abhängig, im Leben gescheitert. Ihr habt keinen Preis: ihr müsst euch das immer wiederholen: ich stehe nicht zum Verkauf, ich habe keinen Preis. Ich bin frei, ich bin frei! Verliebt euch in diese Freiheit, die jene ist, die Jesus anbietet.«[68]
  2. Sieh dir die geöffneten Arme des gekreuzigten Christus an, lass dich immer von neuem retten. Und wenn du kommst, um deine Sünden zu bekennen, glaub fest an seine Barmherzigkeit, die dich von der Schuld befreit. Betrachte sein Blut, das er aus so großer Liebe vergossen hat, und lass dich von ihm reinigen. So kannst du immer wieder neu geboren werden.

Er lebt!

  1. Aber es gibt eine dritte Wahrheit, die untrennbar mit der vorherigen verbunden ist: Er lebt! Man sollte sich oft daran erinnern, denn wir laufen Gefahr, Jesus Christus nur als gutes Beispiel aus der Vergangenheit, als eine Erinnerung zu sehen, als jemanden, der uns vor zweitausend Jahren gerettet hat. Das würde uns nichts nützen, das würde uns nicht verändern, das würde uns nicht befreien. Er, der uns mit seiner Gnade erfüllt, der uns befreit, der uns verwandelt, der uns heilt und tröstet, ist jemand, der lebt. Es ist der auferstandene Christus, voller übernatürlicher Lebenskraft, bekleidet mit unendlichem Licht. Deshalb sagte der heilige Paulus: »Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos« (1 Kor15,17).
  2. Nur wenn er lebt, kann er in jedem Moment in deinem Leben anwesend sein, um es mit Licht zu füllen. So wird es keine Einsamkeit oder Verlassenheit mehr geben. Auch wenn alle weggehen würden, er würde bleiben, wie er es versprochen hat: »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt28,20). Er erfüllt alles mit seiner unsichtbaren Gegenwart, und wo immer du hingehst, wird er auf dich warten. Denn er ist nicht nur gekommen, sondern er kommt und wird auch weiterhin jeden Tag kommen und dich einladen, aufzubrechen zu einem immer neuen Horizont.
  3. Betrachte Jesus, der glücklich und voller Freude ist. Freu dich mit deinem Freund, der gesiegt hat. Sie töteten den Heiligen, den Gerechten, den Unschuldigen, aber er hat gesiegt. Das Böse hat nicht das letzte Wort. Auch in deinem Leben wird das Böse nicht das letzte Wort haben, denn dein Freund, der dich liebt, will in dir siegen. Dein Retter lebt.
  4. Wenn er lebt, so ist dies eine Garantie dafür, dass das Gute sich seinen Weg in unserem Leben bahnt und dass unsere Mühen zu etwas gut sind. Dann können wir aufhören zu klagen und nach vorne schauen, denn mit ihm kann man immer nach vorne schauen. Das ist die Sicherheit, die wir haben. Jesus ist der ewige Lebende. Halte dich fest an ihm, wir werden leben und alle Arten von Tod und Gewalt, die am Weg auf uns lauern, überstehen.
  5. Jede andere Lösung wäre nur schwach und vorübergehend. Vielleicht würde das für eine Weile nützen, doch dann wären wir wieder schutzlos, verlassen und allen möglichen Unbilden ausgeliefert. Mit ihm hingegen ist das Herz in einer Grundsicherheit verwurzelt, die alles überdauert. Der heilige Paulus sagt, er wolle mit Christus vereint sein, um ihn zu »erkennen und die Macht seiner Auferstehung« (Phil3,10). Dies ist die Macht, die sich auch in deinem Leben viele Male zeigen wird, denn er ist gekommen, um dir das Leben zu geben, Leben »in Fülle« (Joh10,10).
  6. Wenn du es schaffst, die Schönheit dieser Verkündigung in deinem Herzen zu schätzen und dich vom Herrn finden zu lassen; wenn du dich von ihm lieben und erlösen lässt; wenn du mit ihm eine Freundschaft eingehst und anfängst, mit dem lebendigen Christus über die konkreten Dinge deines Lebens zu sprechen, wird das die große Erfahrung sein, die Grunderfahrung, die deinem Leben als Christ Halt gibt. Diese Erfahrung kannst du dann auch anderen jungen Menschen weitersagen. Denn »am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt«.[69]

Der Geist gibt Leben

  1. In diesen drei Wahrheiten – Gott liebt dich, Christus ist dein Retter, Er lebt – erscheint Gott, der Vater, und Jesus. Wo der Vater und Jesus Christus sind, da ist auch der Heilige Geist. Er ist es, der die Herzen zur Aufnahme dieser Botschaft vorbereitet und öffnet; er ist es, der diese Heilserfahrung lebendig hält; er ist es, der dir helfen wird, in dieser Freude zu wachsen, wenn du ihn handeln lässt. Der Heilige Geist erfüllt das Herz des auferstandenen Christus und strömt von dort wie eine Quelle in dein Leben. Aber wenn du ihn aufnimmst, führt dich der Heilige Geist immer tiefer in das Herz Christi hinein, damit du immer mehr von seiner Liebe, seinem Licht und seiner Kraft erfüllt wirst.
  2. Ruf jeden Tag den Heiligen Geist an, damit er in dir die Erfahrung der großen Botschaft ständig erneuert. Warum nicht? Du verpasst nichts, und er kann dein Leben verändern, es erleuchten und ihm eine bessere Ausrichtung geben. Es verstümmelt dich nicht, es nimmt dir nichts weg, im Gegenteil, er hilft dir, alles zu finden, so wie du es nötig hast. Verspürst du ein Bedürfnis nach Liebe? Du wirst sie nicht in der Zügellosigkeit finden, wenn du andere benutzt, andere besitzt oder beherrschst. Du wirst sie in einer Weise finden, die dich wirklich glücklich macht. Suchst du Erfüllung? Die wirst du nicht erlangen, indem du Sachen anhäufst, Geld ausgibst und verzweifelt hinter den Dingen dieser Welt herläufst. Dies wird dir auf eine viel schönere und befriedigendere Weise zuteilwerden, wenn du dich vom Heiligen Geist leiten lässt.
  3. Suchst du Leidenschaft? So wie es ein schönes Gedicht ins Wort bringt: Verlieb dich! (oder Lass zu, dass du dich verliebst), denn »nichts kann wichtiger sein, als Gott zu begegnen, das heißt, sich in ihn endgültig und vollkommen zu verlieben. Dasjenige, in das du dich verliebst, fesselt deine Vorstellungskraft und hinterlässt schließlich überall seine Spuren. Daran wird sich entscheiden, was dich morgens aus dem Bett holt, was du bei Sonnenuntergang tust, was du an deinen Wochenenden machst, was du liest, was du weißt, was dein Herz bricht und was dich mit Freude und Dankbarkeit überwältigt …. Verliebe dich! Bleibe in der Liebe! Und alles wird anders sein.«[70]Diese Liebe Gottes, die das ganze Leben leidenschaftlich macht, verdankt sich dem Heiligen Geist, denn »die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm5,5).
  4. Er ist die Quelle vollkommener Jugend. Denn wer auf den Herrn vertraut, »ist wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist und zum Bach seine Wurzeln ausstreckt: Er hat nichts zu fürchten, wenn Hitze kommt; seine Blätter bleiben grün« (Jer17,8). »Die Jungen werden müde und matt« (Jes40,30), doch diejenigen, die auf den Herrn ihr Vertrauen setzen, erhalten »neue Kraft […], wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt« (Jes 40,31).

FÜNFTES KAPITEL
Wege der Jugend

  1. Wie lebt man die Jugend, wenn wir uns durch die große Verkündigung des Evangeliums erleuchten und verwandeln lassen? Es ist wichtig, sich diese Frage zu stellen, weil die Jugend kein Verdienst, sondern ein Geschenk Gottes ist: »Jung sein ist eine Gnade, ein Glück.«[71]Es ist eine Gabe, die wir unnütz vergeuden oder aber dankbar annehmen und in Fülle leben können.
  2. Gott ist der Urheber der Jugend und in jedem jungen Menschen am Werk. Die Jugend ist eine gesegnete Zeit für den Heranwachsenden und ein Segen für die Kirche und die Welt. Sie ist Freude, ein Lied der Hoffnung und Glückseligkeit. Die Jugend zu schätzen schließt ein, diesen Lebensabschnitt als einen wertvollen Augenblick zu betrachten und nicht als eine Übergangsetappe, in der die jungen Menschen sich zum Erwachsenenalter hingedrängt fühlen.

Zeit der Träume und Entscheidungen

  1. Zur Zeit Jesu war das Heraustreten aus dem Kindesalter ein heiß ersehnter Lebensschritt, den man feierlich beging. Als daher Jesus einem „Kind“ das Leben zurückgab (Mk5,39), ließ er es einen Schritt weitergehen, er ließ es wachsen und zum „Mädchen“ werden (Mk5,41). Als er ihm sagte, »Mädchen, ich sage dir, steh auf!« (talitá kum), verlieh er ihm zugleich mehr Verantwortung für sein Leben und öffnete ihm die Türen zur Jugend.
  2. »Die Jugend als Zeit, in der sich die Persönlichkeit entwickelt, ist geprägt von Träumen, die Gestalt annehmen, von Beziehungen, die an Festigkeit und Gleichgewicht gewinnen, von Versuchen und Experimenten und von Entscheidungen, die Schritt für Schritt einen Lebensplan bestimmen. In diesem Lebensabschnitt sind junge Menschen aufgerufen, sich nach vorne auszustrecken, ohne ihre Wurzeln zu kappen, selbstständig zu werden, ohne dabei einsam zu sein.«[72]
  3. Die Liebe Gottes und unsere Beziehung zum lebendigen Christus hindern uns nicht am Träumen, sie erfordern nicht, dass wir unseren Horizont einschränken. Ganz im Gegenteil: diese Liebe spornt uns an, regt uns an, treibt uns zu einem besseren und schöneren Leben an. Das Wort „Unruhe“ fasst viele Sehnsüchte der Herzen Jugendlicher zusammen. Wie der heilige Paul VI. sagte, »findet sich gerade in der Unzufriedenheit, die sie plagt, […] ein Element des Lichts«.[73]Die unzufriedene Unruhe, verbunden mit dem Staunen über das Neue, das sich am Horizont auftut, ruft in ihnen den Mut hervor, ihr Leben in die Hand zu nehmen und die Verantwortung für eine Mission zu übernehmen. Diese gesunde Unruhe, die gerade in der Jugend erwacht, bleibt charakteristisch für jedes Herz, das sich jung, verfügbar und offen hält. Wahre innere Ruhe koexistiert mit dieser tiefen Unzufriedenheit. Der heilige Augustinus sagte: »Herr, du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.«[74]
  4. Vor einiger Zeit fragte mich ein Freund, was ich sehe, wenn ich an einen jungen Menschen denke. Meine Antwort war: »Ich sehe einen Jungen oder ein Mädchen, die auf der Suche nach ihrem eigenen Weg sind, die mit Flügeln an den Füßen davoneilen wollen, die sich der Welt zuwenden und ihren Blick auf den Horizont richten, die Augen voller Hoffnung, voller Zukunft und auch voller Illusionen. Der junge Mensch läuft auf zwei Füßen wie der Erwachsene, doch anstatt sie wie dieser parallel nebeneinanderzustellen, setzt der junge Mensch stets einen Fuß vor den anderen, bereit aufzubrechen, loszusprinten. Immer in Startposition. Über die Jungen zu sprechen, bedeutet, über Verheißungen zu sprechen, und es bedeutet, über die Freude zu sprechen. Die jungen Leute besitzen eine solch ungeheure Kraft, ihr Blick zeugt von einer solch großen Hoffnung. Ein junger Mensch ist eine Verheißung des Lebens, gepaart mit einer gewissen Beharrlichkeit; er ist verrückt genug, sich einer Illusion hinzugeben, und zugleich in der Lage, sich von den Enttäuschungen zu erholen, die daraus erwachsen können.«[75]
  5. Einige junge Menschen lehnen diese Lebensphase vielleicht ab, weil sie weiter Kinder bleiben wollen oder weil sie sich wünschen, dass »sich die Adoleszenz unendlich in die Länge zieht und Entscheidungen aufgeschoben werden; die Angst vor dem Endgültigen führt so zu einer Art Lähmung der Entschiedenheit. Aber die Jugend kann als Zeit nicht stillstehen, sie ist das Alter der Entscheidungen, und gerade darin liegt ihre Faszination und ihre größte Aufgabe. Junge Menschen treffen Entscheidungen im beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Bereich und weitere, noch radikalere Entscheidungen, die ihrer Existenz eine endgültige Gestalt verleihen.«[76]Sie treffen auch Entscheidungen bezüglich der Liebe, der Partnerwahl oder des Wunsches, die ersten Kinder zu bekommen. Wir werden diese Themen in den letzten Kapiteln vertiefen, die der Berufung jedes Einzelnen und der Entscheidung zur Berufung gewidmet sind.
  6. Aber gegen die Träume, welche Entscheidungen in Gang bringen, »besteht die Gefahr zu jammern, zu resignieren. Das überlassen wir denen, die der „Klagegöttin“ nachfolgen […] Sie ist eine Täuschung: sie führt dich auf den falschen Weg. Wenn alles stillzustehen und zu stagnieren scheint, wenn persönliche Probleme uns beunruhigen, soziale Schwierigkeiten keine angemessenen Antworten finden, dann ist es nicht gut, sich geschlagen zu geben. Der Weg ist Jesus: ihn in unser „Boot“ steigen zu lassen und mit ihm hinauszufahren! Er ist der Herr! Er ändert die Lebensperspektive. Der Glaube an Jesus führt zu einer Hoffnung, die alles übersteigt, zu einer Gewissheit, die nicht nur auf unseren Eigenschaften und Fähigkeiten gründet, sondern auf dem Wort Gottes, auf der Einladung, die von Jesus kommt – ohne allzu viele menschliche Berechnungen anzustellen und ohne überprüfen zu müssen, ob die Wirklichkeit, die euch umgibt, euren Sicherheiten entspricht. Fahrt hinaus, geht aus euch selbst heraus.«[77]
  7. Wir müssen an dem Weg der Träume festhalten. Deshalb sollen wir uns vor einer Versuchung in Acht nehmen, die uns oft einen Streich spielt: die Angst. Sie kann zu einem großen Feind werden, wenn sie uns dazu bringt, aufzugeben, wenn wir erleben, dass die Ergebnisse nicht sofort erreicht werden. Die schönsten Träume erkämpft man mit Hoffnung, Geduld, Einsatz und Verzicht auf Eile. Zugleich darf man sich nicht von der Unsicherheit blockieren lassen; man sollte keine Furcht haben, etwas aufs Spiel zu setzen und Fehler zu machen. Eher müssen wir Angst haben, wie gelähmt zu leben, wie lebendige Tote, die zu leblosen Individuen wurden, weil sie kein Risiko eingehen wollen, weil sie sich nicht für ihre Belange einsetzen oder weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen. Selbst wenn du einen Fehler machst, kannst du immer wieder aufstehen und neu anfangen. Niemand hat das Recht, dir die Hoffnung zu rauben.
  8. Liebe junge Menschen, verzichtet nicht auf das Beste an eurer Jugend, beobachtet das Leben nicht von einem Balkon aus. Verwechselt das Glück nicht mit einem Sofa und verbringt nicht euer ganzes Leben vor einem Bildschirm. Gebt auch nicht das traurige Spektakel eines verlassenen Fahrzeugs. Seid nicht wie abgestellte Autos, lasst lieber eure Träume aufblühen und trefft Entscheidungen. Setzt etwas aufs Spiel, auch wenn ihr Fehler machen werdet. Seid nicht bloße Überlebende mit einer narkotisierten Seele und schaut nicht die Welt an, als ob ihr Touristen wärt. Lasst von euch hören! Werft die Ängste, die euch lähmen, über Bord, damit ihr euch nicht in jugendliche Mumien verwandelt. Lebt! Widmet euch dem Besten des Lebens! Öffnet die Käfigtür und fliegt hinaus! Geht bitte nicht schon vorzeitig in den Ruhestand.

Die Lust zu leben und zu erleben

  1. Dieses Hingezogen sein auf die erträumte Zukunft, bedeutet nicht, dass junge Menschen völlig nach vorwärts ausgerichtet sind: Gleichzeitig verspüren sie den starken Wunsch, den gegenwärtigen Moment zu leben, das Beste aus den Möglichkeiten zu machen, die ihnen dieses Leben bietet. Diese Welt ist voll von Schönheit! Wie könnten wir je die Gaben Gottes geringschätzen?
  2. Ganz im Gegenteil zu dem, was viele denken, will der Herr diese Lebenslust nicht dämpfen. Es tut gut, an die Lehre eines Weisen des Alten Testaments zu erinnern: »Kind, wenn du etwas hast, tu dir selbst Gutes. […] Einen schönen Tag lass nicht vorbeigehen« (Sir14,11.14). Der wahre Gott, der dich liebt, will dich glücklich wissen. Deshalb finden wir in der Bibel auch diesen Ratschlag an junge Menschen: »Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! […] Halte deinen Sinn von Ärger frei» (Koh11,9-10). Denn Gott ist es, der »uns reichlich alles gibt, es zu genießen« (vgl. 1 Tim 6,17).
  3. Wie kann jemand Gott dankbar sein, wenn er nicht fähig ist, seine kleinen täglichen Gaben zu genießen, wenn er es nicht versteht, bei den einfachen und angenehmen Dingen, die ihm auf Schritt und Tritt begegnen, zu verweilen? Denn »keiner ist schlimmer als einer, der sich selbst nichts gönnt« (Sir14,6). Es geht nicht darum, unersättlich zu sein und genusssüchtig. Im Gegenteil, das würde dich daran hindern, den gegenwärtigen Moment zu leben. Es geht darum, die Augen zu öffnen und innezuhalten, um erfüllt zu leben und dankbar jedes kleine Geschenk des Lebens zu verkosten.
  4. Es ist offensichtlich, dass das Wort Gottes dich einlädt, den gegenwärtigen Moment zu leben und nicht nur die Zukunft vorzubereiten: »Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage« (Mt6,34). Das bedeutet aber nicht, sich einer verantwortungslosen Zügellosigkeit hinzugeben, die einen leer und immer unzufrieden zurücklässt, sondern die Gegenwart in ihrer Fülle zu leben, indem man die Kräfte für gute Dinge einsetzt, die Brüderlichkeit pflegt, Jesus nachfolgt und jede kleine Freude des Lebens als ein Geschenk der Liebe Gottes schätzt.
  5. In diesem Sinn möchte ich an Kardinal François Xavier Nguyên Van Thuân erinnern: Als man ihn in ein Konzentrationslager einsperrte, wollte er seine Tage nicht nur mit Warten und Hoffen verbringen. Er entschied: »Ich lebe in diesem Augenblick und werde ihn mit Liebe füllen«, und die Art und Weise, in der dies konkret wird, ist folgende: »Nütze jeden Tag die Gelegenheit, um kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen«.[78]Während du dafür kämpfst, deine Träume zu realisieren, dann lebe das Heute in Fülle, schenke es ganz hin und erfülle jeden Augenblick mit Liebe. Denn es stimmt, dass dieser Tag deiner Jugend der letzte sein könnte, und deshalb lohnt es sich, ihn mit der größtmöglichen Sehnsucht und Tiefe zu leben.
  6. Dies gilt auch für die schwierigen Situationen, die bis in die Tiefe gelebt werden müssen, um ihre Botschaft verstehen zu können. Die Schweizer Bischöfe lehren uns: »Er ist da, wo wir meinten, wir wären von Ihm verlassen, und es könne keine Rettung mehr geben! Paradoxerweise ist das Leiden, die Finsternis, für viele Christen […] zu einem Ort geworden, wo sie Gott begegneten.«[79]

In Freundschaft mit Christus

  1. So viel du auch lebst und erlebst, du wirst nicht zum Grund der Jugend vorstoßen, du wirst nicht die wirkliche Fülle des Jungseins erkennen, wenn du nicht jeden Tag dem großen Freund begegnest, wenn du nicht in Freundschaft mit Jesus lebst.
  2. Die Freundschaft ist ein Geschenk des Lebens und eine Gabe Gottes. Durch die Freunde reinigt der Herr uns und lässt uns reifen. Zugleich sind die treuen Freunde, die uns in den schwierigen Momenten zur Seite stehen, ein Widerschein der Liebe des Herrn, seines Trostes und seiner liebevollen Gegenwart. Freunde zu haben hilft uns, uns zu öffnen, zu verstehen, uns um andere zu kümmern, aus unserer Bequemlichkeit und Isolation herauszugehen, das Leben zu teilen. Daher ist wahr: »Für einen treuen Freund gibt es keinen Gegenwert« (Sir6,15).
  3. Freundschaft ist nicht eine flüchtige und vorübergehende Beziehung, sondern beständig, fest, treu; sie reift im Laufe der Zeit. Sie ist eine Beziehung der Zuneigung, die uns untereinander verbindet, und zugleich ist sie eine großzügige Liebe, die uns das Wohl des Freundes suchen lässt. Auch wenn Freunde sehr verschieden sein können, gibt es immer einige Gemeinsamkeiten, die ihnen das Gefühl der Nähe geben, und es besteht eine Vertrautheit, die gegenseitig auf Ehrlichkeit und Zutrauen beruht.
  4. Freundschaft ist so wichtig, dass Jesus selbst sich als Freund vorstellt: »Ich nenne euch nicht mehr Knechte; […] vielmehr habe ich euch Freunde genannt« (Joh15,15). Durch die Gnade, die er uns schenkt, werden wir so erhöht, dass wir wirklich seine Freunde sind. Mit der gleichen Liebe, die er in uns ausgießt, können wir ihn lieben und in seiner Liebe auch die anderen miteinschließen in der Hoffnung, dass auch sie ihren Platz in der Gemeinschaft der Freundschaft finden mögen, die auf Jesus Christus gegründet ist.[80]Auch wenn er als Auferstandener schon in der Fülle des Glücks lebt, ist es möglich, ihm gegenüber großzügig zu sein und mitzuhelfen, sein Reich in dieser Welt aufzubauen. Wir werden so seine Werkzeuge, um den Mitmenschen seine Botschaft, sein Licht und vor allem seine Liebe zu bringen (vgl. Joh 15,16). Die Jünger folgten dem Ruf Jesu zur Freundschaft mit ihm. Es war eine Einladung, die nicht zwang, sondern die ihrer Freiheit behutsam angeboten wurde: »Kommt und seht!«, sagte er zu ihnen. »Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm« (Joh 1,39). Nach dieser innigen und unerwarteten Begegnung verließen sie alles und gingen mit ihm.
  5. Die Freundschaft mit Jesus ist unverbrüchlich. Er verlässt uns nie, auch wenn er manchmal zu schweigen scheint. Wenn wir ihn brauchen, lässt er sich von uns finden (Jer29,14) und er bleibt an unserer Seite, wo immer wir auch hingehen (vgl.Jes 1,9). Denn er kündigt niemals einen Bund auf. Uns bittet er, ihn nicht zu verlassen: »Bleibt in mir und ich bleibe in euch« (Joh 15,4). Wenn wir uns aber entfernen, »bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen« (2 Tim 2,13).
  6. Mit einem Freund reden wir, teilen wir die geheimsten Dinge. Auch mit Jesus sprechen wir. Das Gebet ist eine Herausforderung und ein Abenteuer. Und was für ein Abenteuer! Es erlaubt, dass wir ihn immer besser kennenlernen, ganz in ihn eintauchen und in einer immer tieferen Verbundenheit mit ihm wachsen. Im Gebet können wir ihm alles erzählen, was uns passiert, und uns vertrauensvoll in seine Arme werfen. Zugleich schenkt es uns Augenblicke kostbarerer Innigkeit und Zuneigung, während derer Jesus sein eigenes Leben in uns ausgießt. Wenn wir beten, bringen wir »Gott „ins Spiel“, damit er wirken und dabei sein und siegen kann«.[81]
  7. So kann es uns gelingen, in dauernder Einheit mit ihm zu leben, die alles, was wir mit anderen Personen erleben können, übersteigt: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal2,20). Nimm deiner Jugend nicht diese Freundschaft. Du wirst ihn an deiner Seite spüren können, nicht nur wenn du betest. Du wirst sehen, dass er jeden Augenblick mit dir geht. Versuche, ihn zu entdecken und du wirst die schöne Erfahrung machen, dich immer begleitet zu wissen. Dies erlebten die Jünger von Emmaus: Während sie orientierungslos dahingingen und sich unterhielten, machte sich Jesus unter ihnen gegenwärtig und begleitete sie (vgl.Lk 24,15). Ein Heiliger sagte: »Das Christentum nicht eine Ansammlung von Wahrheiten, die zu glauben sind, und von Geboten und Verboten, die zu beachten sind. Auf diese Weise erscheint es sehr abstoßend. Das Christentum ist eine Person, die mich so sehr geliebt hat, dass sie meine Liebe verlangt. Das Christentum ist Christus.«[82]
  8. Jesus kann alle jungen Menschen der Kirche in einem einzigen Traum vereinen, einem großen Traum, einem »Traum, der in der Lage ist, alle miteinzubeziehen. Es ist der Traum, für den Jesus am Kreuz sein Leben hingegeben hat und für den der Heilige Geist sich ergoss und das Pfingstereignis in die Herzen eines jeden Mannes und einer jeden Frau einbrannte, in jedes Herz […]. Auch in dein Herz hat er es eingebrannt in der Hoffnung, dass er Raum findet, um zu wachsen und sich zu entfalten. Ein Traum, ein Traum namens Jesus, der vom Vater ausgesät wurde: Gott wie dieser, wie der Vater und vom Vater ausgesandt im Vertrauen darauf, dass er in jedem Herzen wachse und lebe. Ein konkreter Traum, der ein Mensch ist, der durch unsere Adern fließt, das Herz bewegt und jedes Mal neu bewegt.«[83]

Das Wachstum und die Reifung

  1. Viele junge Menschen sorgen sich um ihren Körper und versuchen, die Körperkraft oder das Aussehen zu verbessern. Andere mühen sich um die Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Kenntnisse und fühlen sich auf diese Weise sicherer. Einige zielen höher, sie wollen sich mehr anstrengen und suchen nach geistlichem Wachstum. Der heilige Johannes sagte: »Ich habe euch geschrieben, ihr jungen Männer: Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch« (1 Joh2,14). Den Herrn suchen, sein Wort hüten, versuchen, ihm mit dem eigenen Leben zu antworten, in den Tugenden wachsen: das macht die Herzen der jungen Menschen stark. Deshalb musst du die Verbindung mit Jesus aufrechterhalten, im Einklang mit ihm stehen, da du mit deinen Kräften und deinem Geist allein nicht im Glück und in der Heiligkeit wachsen wirst. So wie du darum besorgst bist, die Verbindung im Internet nicht zu unterbrechen, genauso achte darauf, dass deine Verbindung zum Herrn aktiv bleibt. Das bedeutet, den Dialog nicht abzubrechen, ihm zuzuhören, ihm deine Anliegen zu erzählen und wenn du nicht klar weißt, was du tun sollst, ihn zu fragen: »Jesus, was würdest du an meiner Stelle tun?«[84]
  2. Ich hoffe, dass du dich selbst so wertschätzen kannst, dich so weit ernst nehmen kannst, dass du nach geistlichem Wachstum strebst. Über die Begeisterungen der Jugend hinaus gibt es die Schönheit der Suche «nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe und Frieden« (2 Tim2,22). Das bedeutet nicht, die Spontaneität zu verlieren, die Frische, den Enthusiasmus, die Zärtlichkeit. Denn erwachsen werden bedeutet nicht, die wertvollsten Errungenschaften aus dieser Lebensphase hinter sich zu lassen. Andernfalls wird der Herr dir eines Tages vorwerfen können: »Ich gedenke deiner Jugendtreue, der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir in der Wüste gefolgt bist« (Jer 2,2).
  3. Andererseits muss auch ein Erwachsener reifen, ohne dabei die Werte der Jugend aufzugeben. Tatsächlich ist jeder Lebensabschnitt eine fortdauernde Gnade und besitzt einen Wert, der nicht vergehen soll. Eine gut gelebte Jugendzeit bleibt als innere Erfahrung gegenwärtig. Im Erwachsenenleben wird diese dann weiter verarbeitet, vertieft und fortgeführt und zeigt ihre Früchte. Während es für den jungen Menschen charakteristisch ist, sich vom Unendlichen angezogen zu fühlen, das sich eröffnet und beginnt,[85]ist es eine Gefahr des Erwachsenenlebens mit seinen Absicherungen und Annehmlichkeiten, diesen Horizont immer mehr einzugrenzen und den der Jugendzeit eigenen Wert zu vergessen. Es sollte das Gegenteil geschehen: reifen, wachsen und das eigene Leben ordnen, ohne diese Begeisterung zu verlieren, diese Offenheit, diese Faszination für eine Wirklichkeit, die immer mehr ist. In jedem Augenblick des Lebens werden wir unsere Jugend erneuern und vermehren können. Als ich meinen Dienst als Papst begann, hat der Herr mir die Horizonte geweitet und mir eine erneuerte Jugend geschenkt. Dasselbe kann einer langjährigen Ehe passieren oder einem Mönch in seinem Kloster. Es gibt Dinge, die sich über die Jahre „setzen“ müssen, aber diese Reifung kann mit einem Feuer koexistieren, das sich erneuert, mit einem immer jungen Herzen.
  4. Wachsen bedeutet die wertvollsten Dinge, die dir die Jugend schenkt, zu bewahren und zu nähren, aber zugleich offen dafür zu sein, das zu reinigen, was nicht gut ist, und neue Gaben von Gott zu erhalten: Er ruft dich auf, das zu entfalten, was wertvoll ist. Manchmal können Minderwertigkeitskomplexe dazu führen, deine Fehler und Schwächen nicht sehen zu wollen und so könntest du dich dem Wachstum und der Reifung verschließen. Lass dich vielmehr von Gott lieben. Er liebt dich so, wie du bist, er schätzt dich und respektiert dich, er bietet dir aber auch immer mehr an: eine tiefere Freundschaft mit ihm, mehr Eifer im Gebet, größeren Hunger nach seinem Wort, mehr Sehnsucht, Christus in der Eucharistie zu empfangen, einen größeren Wunsch, das Evangelium zu leben, mehr innere Kraft, mehr Frieden und geistliche Freude.
  5. Ich erinnere dich aber daran, dass du nicht heilig und erfüllt sein wirst, wenn du andere kopierst. Gerade auch die Heiligen nachzuahmen, bedeutet nicht, ihre Art und Weise, die Heiligkeit zu leben, zu kopieren: »Es gibt Zeugnisse, die als Anregung und Motivation hilfreich sind, aber nicht als zu kopierendes Modell. Das könnte uns nämlich sogar von dem einzigartigen und besonderen Weg abbringen, den der Herr für uns vorgesehen hat.«[86]Du musst entdecken, wer du bist, und deine eigene Weise des Heiligseins entfalten, unabhängig davon, was andere sagen und meinen. Heilig zu werden, bedeutet ganz du selbst zu werden, der zu werden, den Gott träumen und erschaffen wollte, nicht eine Fotokopie. Dein Leben muss wie ein prophetischer Anstoß sein, der andere inspiriert, der eine Spur in dieser Welt hinterlässt, diese einzige Spur, die nur du hinterlassen kannst. Wenn du hingegen nur nachäffst, wirst du dieser Welt und auch dem Himmel das vorenthalten, was niemand anders an deiner Stelle beizutragen hat. Der heilige Johannes vom Kreuz schrieb in seinemGeistlichen Gesang, dass sich jeder seine geistlichen Ratschläge »gemäß seiner Eigenart«[87] zu nutzen machen sollte, weil Gott selbst seine Gnade »den einen auf diese, den anderen auf jene Weise«[88] kundtut.

Wege der Brüderlichkeit

  1. Dein geistlicher Fortschritt zeigt sich vor allem, wenn du in der brüderlichen, großherzigen, barmherzigen Liebe wächst. Der heilige Paulus sagte: »Euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen« (1 Thess3,12). Ich wünsche dir, dass du immer mehr diese „Ekstase“ leben kannst, die darin besteht, aus dir selbst herauszugehen, auf der Suche nach dem Wohl des Nächsten, bis zur Selbsthingabe.
  2. Eine Begegnung mit Gott wird als „Ekstase“ bezeichnet, wenn sie uns aus uns selbst herauszieht und erhebt wie gefesselt von der Liebe und der Schönheit Gottes. Wir können aber auch aus uns selbst herausgezogen werden, um die verborgene Schönheit in jedem Menschen zu erkennen, seine Würde, seine Größe als Abbild Gottes und Sohn des Vaters. Der Heilige Geist will uns dazu bewegen, aus uns selbst herauszugehen, die anderen liebevoll zu umarmen und ihr Wohl zu suchen. Daher ist es immer besser, den Glauben gemeinsam zu leben und unsere Liebe in einem gemeinschaftlichen Leben zum Ausdruck zu bringen, indem wir mit anderen jungen Menschen unsere Zuneigung, unsere Zeit, unseren Glauben und unsere Sorgen teilen. Die Kirche bietet viele verschiedene Gelegenheiten an, um den Glauben in Gemeinschaft zu leben, weil gemeinsam alles einfacher ist.
  3. Deine Verletzungen können dich zur Versuchung der Isolation führen, dich in dich selbst zurückzuziehen, Groll anzusammeln; höre aber niemals auf, auf den Ruf Gottes zur Vergebung zu hören. Wie die Bischöfe Ruandas so schön lehrten, »verlangt die Versöhnung mit dem anderen vor allem, in ihm den Glanz des Abbildes Gottes zu entdecken. […] In dieser Sichtweise ist es von lebenswichtiger Bedeutung, den Sünder von seiner Sünde und seiner Beleidigung zu unterscheiden, um zur wahren Versöhnung zu gelangen. Dies bedeutet, dass du das Böse hassen sollst, das der andere dir zufügt, ihn aber weiterhin lieben sollst, weil du seine Schwäche erkennst und das Abbild Gottes in ihm siehst.«[89]
  4. Manchmal erschlaffen die ganze Energie, die Träume und der Enthusiasmus der Jugend wegen der Versuchung, sich in sich selbst zu verschließen, in unsere Probleme, unsere verletzten Gefühle, Klagen und Bequemlichkeiten. Lass nicht zu, dass dies geschieht, sonst wirst du frühzeitig innerlich alt. Jedes Alter besitzt seine Schönheit; der Jugend darf es nicht an der gemeinschaftlichen Utopie, der Fähigkeit, gemeinsam zu träumen, an den großen Horizonten fehlen, auf die wir gemeinsam schauen.
  5. Gott liebt die Fröhlichkeit der jungen Menschen und lädt sie besonders zu dieser Fröhlichkeit ein, die man in brüderlicher Gemeinschaft lebt, zu dieser höheren Freude, die zu teilen vermag, denn »geben ist seliger als nehmen« (Apg20,35) und »Gott liebt einen fröhlichen Geber« (2 Kor9,7). Die geschwisterliche Liebe steigert unsere Fähigkeit zur Freude, da sie uns fähig macht, uns über das Wohl des Nächsten zu freuen: »Freut euch mit den Fröhlichen« (Röm 12,15). Mögen die Spontaneität und der Elan deiner Jugend immer mehr in der Spontaneität geschwisterlicher Liebe Ausdruck finden und in der Frische, mit Vergebung zu antworten, mit Großzügigkeit und dem Wunsch, Gemeinschaft aufzubauen. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wenn du schnell gehen möchtest, gehe allein. Wenn du weit kommen möchtest, gehe mit anderen.“ Lassen wir uns nicht die Brüderlichkeit rauben.

Engagierte junge Menschen

  1. Es stimmt, dass die jungen Menschen angesichts einer von Gewalt und Egoismus so vollen Welt manchmal Gefahr laufen können, sich in kleinen Gruppen abzuschotten und sich damit den Herausforderungen des Lebens in der Gesellschaft, in einer weiten, anregenden und bedürftigen Welt zu entziehen. Sie meinen, dass sie die geschwisterliche Liebe leben, aber vielleicht hat sich ihre Gruppe in eine bloße Verlängerung ihres eigenen Egos verwandelt. Dies ist umso schlimmer, wenn die Berufung des Laien nur als Dienst innerhalb der Kirche begriffen wird (Lektoren, Akolythen, Katecheten, etc.) und vergessen wird, dass die laikale Berufung vor allem die der Liebe in der Familie, der sozialen und politisch wirksamen Nächstenliebe ist: Sie ist eine konkrete Verpflichtung vom Glauben her zum Aufbau einer neuen Gesellschaft. Das bedeutet, inmitten der Welt und der Gesellschaft zu leben, um ihre verschiedenen Ebenen zu evangelisieren, um den Frieden wachsen zu lassen, das Zusammenleben, die Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die Barmherzigkeit und so das Reich Gottes in der Welt zu verbreiten.
  2. Ich schlage den jungen Menschen vor, weit über die Freundesgruppen hinauszugehen und die »soziale Freundschaft, das Gemeinwohl zu suchen. Die soziale Feindschaft zerstört. Und durch die Feindschaft wird eine Familie zerstört. Durch die Feindschaft wird ein Land zerstört. Durch die Feindschaft wird die Welt zerstört. Und die größte Feindschaft ist der Krieg. Und heute sehen wir, dass die Welt dabei ist, sich durch den Krieg zu zerstören. Denn sie sind unfähig, sich an einen Tisch zu setzen und miteinander zu sprechen. Seid fähig, soziale Freundschaft zu bilden.«[90]Das ist nicht einfach; immer muss man auf etwas verzichten, verhandeln: Doch wenn wir es schaffen, dass wir dabei an das Wohl aller denken, gelingt die wunderbare Erfahrung, die Differenzen bei Seite zu legen, um zusammen für etwas Gemeinsames zu kämpfen. Wenn es uns gelingt, Punkte der Übereinstimmung inmitten vieler Uneinigkeiten zu finden, innerhalb dieses sorgfältigen und zuweilen mühsamen Versuchs, Brücken zu schlagen, einen für alle Beteiligten günstigen Frieden zu schließen, dann ist dies das Wunder der Kultur der Begegnung, dass es den jungen Menschen wert ist, mit Leidenschaft zu leben.
  3. Die Synode hat anerkannt: »Soziales Engagement ist ein besonderes Merkmal junger Menschen von heute, auch wenn es anders praktiziert wird als in vorherigen Generationen. Manche geben sich zwar gleichgültig, aber viele andere sind bereit, sich für freiwillige Initiativen und soziale Solidarität zu engagieren und sich aktiv bürgerschaftlich einzubringen, um junge Menschen bei der Entfaltung ihrer Talente, Fähigkeiten und Kreativität zu begleiten und zu unterstützen und sie zur Übernahme von Verantwortung zu ermutigen. Soziales Engagement und der direkte Kontakt zu den Armen sind weiterhin eine maßgebliche Gelegenheit zur Entdeckung oder Vertiefung des Glaubens und Erkennung der eigenen Berufung. […] Es wurde auch die Bereitschaft signalisiert, sich politisch für die Schaffung von Gemeinwohl zu engagieren.«[91]
  4. Heute ist es eine gute Angewohnheit von Jugendgruppen in Pfarreien, Schulen, Bewegungen oder von Studentengruppen, zu älteren Menschen und Kranken zu gehen, um ihnen beizustehen; sie besuchen Armenviertel oder sie kommen gemeinsam Bedürftigen in den sogenannten „Nächten der Nächstenliebe“ zu Hilfe. Oft merken sie, dass sie bei diesen Diensten mehr empfangen als geben, weil man viel lernt und reift, wenn man es wagt, mit dem Leiden der anderen in Berührung zu kommen. Darüber hinaus besitzen die Armen eine verborgene Weisheit. Sie können uns mit einfachen Worten helfen, bisher übersehene Werte zu entdecken.
  5. Weitere Jugendliche nehmen an sozialen Projekten teil, wie den Bau von Häusern für Obdachlose, Umweltschutzaktionen oder Hilfssammlungen für Notleidende. Es wäre gut, wenn sich dieses gemeinschaftliche Engagement nicht nur auf einige sporadische Aktionen beschränken würde, sondern stabil mit klaren Zielsetzungen und einer guten Organisation zu Gunsten einer nachhaltigeren und effizienteren Arbeit. Die Studenten können sich interdisziplinär zusammentun, um ihr Wissen auf die Lösung sozialer Probleme anzuwenden, und dabei können sie Seite an Seite mit den jungen Menschen anderer Kirchen oder anderer Religionen arbeiten.
  6. Wie bei Jesu Wunder können die Brote und die Fische der jungen Menschen vermehrt werden (vgl.Joh6,4-13). Genauso wie im Gleichnis verwandeln sich die kleinen Samenkörner der jungen Menschen in Bäume und Ernte (vgl. Mt 13,23.31-32). All das kommt aus der lebendigen Quelle der Eucharistie, in der unser Brot und unser Wein verwandelt werden, um uns ewiges Leben zu schenken. Den jungen Menschen ist eine gewaltige, schwierige Aufgabe anvertraut. Mit dem Glauben an den Auferstandenen werden sie diese mit Kreativität und Hoffnung angehen und dabei immer bereit sein zu dienen, so wie die Diener bei der Hochzeit zu erstaunten Mitwirkenden am ersten Zeichen Jesu wurden, nur weil sie der Weisung seiner Mutter folgten: »Was er euch sagt, das tut« (Joh 2,5). Barmherzigkeit, Kreativität und Hoffnung lassen das Leben wachsen.
  7. Ich will dich zu diesem Engagement ermutigen, weil ich weiß: »Dein Herz, junges Herz, will eine bessere Welt aufbauen. Ich verfolge die Nachrichten der Welt und sehe, dass viele Jugendliche in vielen Teilen der Welt auf die Straßen hinausgegangen sind, um ihrem Wunsch nach einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft Ausdruck zu verleihen. Die jungen Menschen auf den Straßen. Es sind junge Menschen, welche die Protagonisten, die Hauptdarsteller der Veränderung sein wollen. Ich bitte euch, lasst nicht zu, dass andere die Hauptdarsteller der Veränderung sind! Ihr seid die, denen die Zukunft gehört! Durch euch tritt die Zukunft in die Welt ein. Ich bitte euch auch, die Hauptdarsteller dieser Veränderung zu sein. Arbeitet weiter daran, die Apathie zu überwinden und eine christliche Antwort auf die sozialen und politischen Unruhen zu geben, die sich in mehreren Teilen der Welt zeigen. Ich bitte euch, Konstrukteure der Welt zu sein und euch an die Arbeit für eine bessere Welt zu machen. Liebe junge Freunde, bitte schaut euch das Leben nicht „vom Balkon aus“ an! Begebt euch in die Welt! Jesus ist nicht auf dem Balkon geblieben. Er hat sich mitten hinein gestürzt. Betrachtet das Leben nicht „vom Balkon aus“. Taucht ein in das Leben, wie Jesus es gemacht hat.«[92]Aber vor allem kämpft auf jegliche Art für das Gemeinwohl, seid Diener der Armen, seid Protagonisten der Revolution der Liebe und des Dienstes, die fähig sind, den Pathologien des konsumistischen und oberflächlichen Individualismus entgegenzutreten.

Mutige Missionare

  1. Die jungen Menschen sind gerufen, als Christus liebende das Evangelium überall mit dem eigenen Leben zu bezeugen. Der heilige Albert Hurtado sagte, dass »Apostel sein nicht bedeutet, eine Anstecknadel am Knopfloch der Jacke zu tragen; es bedeutet nicht, über die Wahrheit zu sprechen, sondern sie zu leben, sie zu verkörpern, sich in Christus zu verwandeln. Apostel sein besteht nicht darin, eine Fackel in der Hand zu halten, im Besitzen des Lichts, sondern im Lichtsein […]. Das Evangelium […] ist mehr ein Vorbild als eine Unterweisung. Die in gelebtes Leben verwandelte Botschaft«.[93]
  2. Die Wertschätzung des Zeugnisses bedeutet nicht, dass das Wort zum Schweigen gebracht werden muss. Warum nicht über Jesus sprechen, warum nicht den anderen erzählen, dass er uns die Kraft zum Leben gibt, dass es schön ist, mit ihm zu sprechen, dass es uns guttut, über seine Worte zu meditieren? Liebe Jugendliche, lasst nicht zu, dass die Welt euch dazu bringt, nur die negativen oder oberflächlichen Dinge zu teilen. Seid fähig, gegen den Strom zu schwimmen und teilt Jesus, teilt den Glauben mit, den er euch geschenkt hat. Ich wünsche euch, im Herzen den gleichen unwiderstehlichen Impuls zu verspüren, der den heiligen Paulus bewegte, als er sagte: »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1 Kor9,16).
  3. »Wohin sendet Jesus uns? Da gibt es keine Grenzen, keine Beschränkungen: Er sendet uns zu allen. Das Evangelium ist für alle und nicht für einige. Es ist nicht nur für die, die uns näher, aufnahmefähiger, empfänglicher erscheinen. Es ist für alle. Fürchtet euch nicht, hinzugehen und Christus in jedes Milieu hineinzutragen, bis in die existenziellen Randgebiete, auch zu denen, die am fernsten, am gleichgültigsten erscheinen. Der Herr sucht alle, er will, dass alle die Wärme seiner Barmherzigkeit und seiner Liebe spüren.«[94]Und er lädt uns ein, ohne Angst mit der missionarischen Verkündigung überall hinzugehen, egal, wo wir uns befinden und mit wem wir zusammen sind: im Wohnviertel, beim Studium, beim Sport, wenn wir mit Freunden ausgehen, bei ehrenamtlichen Tätigkeiten oder bei der Arbeit, immer ist es gut und angebracht, die Freude des Evangeliums zu teilen. Dies ist die Weise, wie der Herr allen nahekommt. Und er will euch, liebe Jugendliche, als seine Werkzeuge, um Licht und Hoffnung auszustrahlen. Er will auf euren Mut zählen, auf eure Frische und euren Enthusiasmus.
  4. Wir können nicht erwarten, dass die Mission einfach und bequem ist. Einige junge Menschen haben das Leben gegeben, weil sie ihren missionarischen Antrieb nicht bremsen wollten. Die Bischöfe Koreas haben sich so geäußert: »Wir hoffen, Samenkörner und Werkzeuge zum Heil der Menschheit zu sein, indem wir dem Beispiel der Märtyrer folgen. Auch wenn unser Glaube klein ist wie ein Senfkorn, so wird Gott ihn wachsen lassen und als Werkzeug für sein Heilswerk verwenden.«[95]Liebe Freunde, wartet nicht bis morgen, um mit eurer Energie, eurem Wagemut und eurer Kreativität an der Verwandlung der Welt mitzuwirken. Euer Leben ist nicht ein „in der Zwischenzeit“. Ihr seid dasJetzt Gottes, der euch fruchtbar will.[96] Denn »wer, sich hingibt, empfängt«[97], und die beste Art, eine gute Zukunft vorzubereiten, ist, die Gegenwart in guter Weise, mit Hingabe und Großmut, zu leben.

SECHSTES KAPITEL
Junge Menschen mit Wurzeln

  1. Manchmal habe ich junge, schöne Bäume gesehen, die ihre Äste immer mehr nach oben zum Himmel ausstreckten und wie ein Lied der Hoffnung erschienen. Später fand ich sie nach einem Sturm umgestürzt und ohne Leben. Da sie wenig Wurzeln besaßen, hatten sie ihre Äste ausgestreckt, ohne tief im Boden verwurzelt zu sein, und so haben sie den Angriffen der Natur nicht standhalten können. Deshalb tut es mir weh zu sehen, dass einige den jungen Menschen vorschlagen, eine Zukunft ohne Wurzeln aufzubauen, als ob die Welt jetzt anfangen würde. Denn »es ist unmöglich, dass jemand wächst, wenn er keine starken Wurzeln hat, die helfen, gut und fest mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen. Es ist leicht, sich zu verlieren, wenn man keinen Ort hat, wo man feststehen, Halt finden kann.«[98]

Dass man dich nicht aus der Erde ausreiße

  1. Diese Frage ist nicht zweitrangig und mir scheint es angemessen, ihr ein kurzes Kapitel zu widmen. Wenn wir sie verstehen, können wir die Freude der Jugend von einem falschen Jugendlichkeitskult unterscheiden, den einige dazu gebrauchen, um die jungen Menschen zu verführen und sie zu ihren Zwecken zu benutzen.
  2. Stellt euch Folgendes vor: Wenn jemand euch ein Angebot macht und euch sagt, ihr braucht die Geschichte nicht zu beachten, den Erfahrungsschatz der Alten nicht zu beherzigen und ihr könnt all das missachten, was Vergangenheit ist, und sollt nur auf die Zukunft schauen, die er euch bietet, wäre dies nicht eine einfache Art, euch mit seinem Angebot anzuziehen, um euch nur das tun zu lassen, was er euch sagt? Dieser Jemand benötigt euch leer, entwurzelt, gegenüber allem misstrauisch, damit ihr nur seinen Versprechen vertraut und euch seinen Plänen unterwerft. So funktionieren die Ideologien verschiedener Couleur, die all das zerstören (oder abbauen), was anders ist; auf diese Weise können sie ohne Widerstände herrschen. Zu diesem Zweck brauchen sie junge Menschen, die die Geschichte verachten, die den geistlichen und menschlichen Reichtum ablehnen, der über die Generationen weitergegeben wurde, und die all das nicht kennen, was ihnen vorausgegangen ist.
  3. Zugleich nutzen die Manipulanten eine andere Ressource: eine Vergötterung der Jugend, als ob all das, was nicht jung ist, verabscheuungswürdig und vergänglich wäre. Der junge Körper wird zum Symbol eines neuen Kults und so wird alles, was mit diesem Körper zu tun hat, vergöttert und grenzenlos begehrt, und das, was nicht jung ist, wird mit Verachtung angeschaut. Dies ist aber eine Waffe, die dazu führt, zuallererst die jungen Menschen herabzusetzen, indem man sie wirklicher Werte entleert und dazu benutzt, um persönliche, wirtschaftliche und politische Vorteile zu erzielen.
  4. Liebe junge Menschen, lasst nicht zu, dass man eure Jugend benutzt, um ein oberflächliches Leben zu fördern, das Schönheit mit Schein verwechselt. Entdeckt hingegen, dass sich eine Schönheit im Arbeiter findet, der schmutzig und unordentlich nach Hause zurückkehrt, aber mit der Freude, für seine Kinder das Brot verdient zu haben. Es liegt eine außerordentliche Schönheit in der Gemeinschaft der um den Tisch versammelten Familie, die großzügig ihr Brot teilt, auch wenn die Tafel sehr arm ist. Es liegt eine Schönheit in der unfrisierten und älteren Ehefrau, die über ihre Kräfte und ihre Gesundheit hinaus fortfährt, sich um ihren erkrankten Ehemann zu kümmern. Auch wenn die Flitterwochen lange zurückliegen, liegt eine Schönheit in der Treue der Ehepaare, die sich im Herbst des Lebens lieben, in diesen alten Menschen, die Hand in Hand gehen. In jedem Mann und jeder Frau, die ihre persönliche Berufung in Liebe, im selbstlosen Dienst für die Gemeinschaft, für das Heimatland leben, großherzig für das Glück der Familie arbeiten und sich in der schwierigen, anonymen und unentgeltlichen Tätigkeit für die Wiederherstellung der sozialen Freundschaft einsetzen, liegt eine Schönheit, die über den Schein oder die Ästhetik der Mode hinausgeht. Diese Schönheit, die an jene Schönheit Christi am Kreuz erinnert, gilt es zu entdecken, zu zeigen und hervorzuheben. Dies bedeutet, die Fundamente für die wahre soziale Solidarität und die Kultur der Begegnung zu legen.
  5. Zusammen mit den Strategien des falschen Jugendkults und des Scheins wird heute eine Spiritualität ohne Gott vorangetrieben, eine Affektivität ohne Gemeinschaft und ohne Einsatz für die Leidenden, eine Angst vor den Armen, die als gefährliche Individuen betrachtet werden, eine Reihe von Angeboten, die vorgeben, euch an eine paradiesische Zukunft glauben zu lassen, die immer hinausgeschoben wird. Ich will euch kein solches Angebot machen und mit meiner ganzen Zuneigung will ich euch davor warnen, euch nicht von dieser Ideologie beherrschen zu lassen, die euch nicht jünger machen, sondern in Sklaven verwandeln wird. Ich schlage euch einen anderen Weg vor, der aus Freiheit, Enthusiasmus, Kreativität und neuen Horizonten besteht, wobei ihr aber zugleich die nährenden und tragenden Wurzeln pflegen sollt.
  6. In dieser Richtung will ich unterstreichen: »Viele nicht aus der westlichen Welt stammende Synodenväter weisen darauf hin, dass die Globalisierung in ihren Ländern zu einer regelrechten Form der kulturellen Kolonisierung führt, wodurch junge Menschen entwurzelt und aus dem kulturellen und religiösen Umfeld, dem sie angehören, herausgerissen werden. Hier muss sich die Kirche dafür einsetzen, dass sie in dieser Phase des Umbruchs begleitet werden, ohne dabei die wertvollsten Merkmale ihrer eigenen Identität zu verlieren.«[99]
  7. Heute erleben wir eine Tendenz zur „Homogenisierung“ der jungen Menschen, welche die ihrem Herkunftsort eigenen Unterschiede auflösen und sie in manipulierbare serienmäßig hergestellte Individuen verwandeln will. So entsteht eine kulturelle Zerstörung, die so schwerwiegend ist wie das Aussterben der Tier- und Pflanzenarten.[100]Deshalb habe ich in einer Botschaft die in Panama versammelten jungen Indigenen ermutigt, »sich der Wurzeln bewusst zu werden; denn aus den eigenen Wurzeln kommt die Kraft zu wachsen, zu blühen und Frucht zu bringen«.[101]

Deine Beziehung zu den älteren Menschen

  1. Auf der Synode wurde bekräftigt: »Junge Menschen sind zukunftsorientiert und begegnen dem Leben mit Energie und Dynamik. Sie […] neigen aber auch manchmal dazu, dem Überlieferten aus der Vergangenheit, aus der sie kommen, und insbesondere den vielen Gaben, die ihre Eltern, Großeltern und das kulturelle Erbe der Gesellschaft, in der sie leben, ihnen mitgegeben haben, wenig Beachtung zu schenken. Jungen Menschen zu helfen, den lebendigen Reichtum der Vergangenheit zu entdecken, indem die Erinnerung an diese lebendig gehalten wird und sie diese für ihre eigenen Entscheidungen und Möglichkeiten nutzen, ist für ihre Weiterentwicklung und die Entscheidungen, die sie treffen müssen, ein wahrer Akt der Liebe zu ihnen.«[102]
  2. Das Wort Gottes legt uns ans Herz, den Kontakt zu den älteren Menschen nicht zu verlieren, um ihre Erfahrung aufnehmen zu können: »Stelle dich in die Schar der Ältesten, wer weise ist, dem schließe dich an! […] Wenn du einen Verständigen siehst, geh frühmorgens zu ihm und dein Fuß trete seine Türschwelle aus!« (Sir6,34.36). In jedem Fall müssen euch die vielen Jahre, die sie gelebt haben, und all das, was ihnen im Leben passiert ist, dazu führen, auf sie mit Achtung zu schauen: »Du sollst vor grauem Haar aufstehen« (Lev19,32), denn »der Ruhm der Jungen ist ihre Kraft, die Zier der Alten ihr graues Haar« (Spr 20,29).
  3. Die Bibel verlangt von uns: »Hör auf deinen Vater, der dich gezeugt hat, verachte deine Mutter nicht, wenn sie alt wird« (Spr23,22). Das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, ist »ein Hauptgebot mit einer Verheißung« (Eph6,2; vgl. Ex 20,12; Dtn 5,16; Lev 19,3) und die Verheißung lautet, »damit es dir wohl ergehe und du lange lebst auf der Erde« (Eph 6,3).
  4. Dies bedeutet nicht, dass du mit all dem, was sie sagen, einverstanden sein musst, und auch nicht, dass du alle ihre Handlungen gutheißen musst. Ein junger Mensch sollte immer einen kritischen Geist haben. Der heilige Basilius der Große empfahl den jungen Menschen in Bezug auf die alten griechischen Autoren, sie zu schätzen, aber nur das anzunehmen, was sie an Gutem lehren können.[103]Es geht einfach darum, offen dafür zu sein, eine Weisheit aufzunehmen, die von Generation zu Generation mitgeteilt wird, die mit einigen menschlichen Nöten koexistieren kann und die keinen Grund hat, angesichts der Konsumgewohnheiten und der Neuheiten des Marktes zu verschwinden.
  5. Der Welt hat der Bruch zwischen den Generationen niemals gedient und er wird ihr niemals dienen. Es sind die Sirenengesänge einer Zukunft ohne Wurzeln, ohne Verwurzelung. Es ist die Lüge, die dich glauben machen will, dass nur das, was neu ist, gut und schön ist. Die Existenz der Beziehungen zwischen den Generationen bringt mit sich, dass man in den Gemeinschaften ein kollektives Gedächtnis besitzt, da jede Generation die Lehren der Vorfahren wiederaufnimmt und so den Nachfahren ein Erbe hinterlässt. Dies stellt Bezugspunkte dar, um eine neue Gesellschaft unerschütterlich zu festigen. Wie das Sprichwort sagt: „Wenn der junge Mensch wüsste und der ältere könnte, gäbe es nichts, was man nicht tun würde“.

Träume und Visionen 

  1. In der Weissagung des Joël finden wir eine Ankündigung, die uns erlaubt, dies auf sehr schöne Weise zu verstehen. Sie lautet: »Danach aber wird Folgendes geschehen: Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen« (Joël3,1; vgl.Apg 2,17). Wenn die jungen Menschen und die älteren sich dem Heiligen Geist öffnen, so bringen sie gemeinsam eine wunderbare Verbindung hervor. Die älteren Menschen träumen und die jungen haben Visionen. Auf welche Weise ergänzen sich diese beiden Dinge?
  2. Die älteren Menschen haben von Erinnerungen, von den Bildern vieler erlebter Dinge durchwirkte Träume, die von der Erfahrung und den Jahren gekennzeichnet sind. Wenn die jungen Menschen sich in den Träumen der älteren festmachen, wird es ihnen gelingen, die Zukunft zu sehen, und können sie Visionen haben, die den Horizont öffnen und ihnen neue Wege zeigen. Wenn aber die älteren Menschen nicht träumen, können die jungen nicht mehr klar den Horizont sehen.
  3. Es ist gut, unter den Dingen, die unsere Eltern aufbewahrt haben, einige Erinnerungsstücke zu finden, die uns erlauben, uns das vorzustellen, was unsere Großeltern sich für uns erträumt haben. Jeder Mensch hat von seinen Großeltern, noch bevor er geboren wurde, als Geschenk den Segen eines Traums erhalten, der voll von Liebe und Hoffnung ist: jener von einem besseren Leben. Und wenn er ihn von seinen Großeltern nicht erhalten hat, so hat sicher jemand von den Urgroßeltern es geträumt und sich für ihn gefreut, als er in der Wiege seine Kinder und dann seine Enkel betrachtete. Der erste Traum, der schöpferische Traum Gottes, unseres Vaters, geht dem Leben all seiner Kinder voraus und begleitet es. Sich an diesen Segen zu erinnern, der sich von Generation zu Generation erstreckt, ist ein wertvolles Erbe, das wir lebendig halten müssen, um es unsererseits weitergeben zu können.
  4. Deshalb ist es gut, die älteren Menschen lang erzählen zu lassen, auch wenn sie zuweilen mythologisch, phantasievoll scheinen, – es sind Träume von Senioren –, aber oftmals sind sie voll von wertvoller Erfahrung, von aussagekräftigen Zeichen, von versteckten Botschaften. Diese Erzählungen erfordern Zeit und dass wir uns einfach so darauf einrichten, mit Geduld zuzuhören und zu interpretieren, weil sie länger sind als das gewohnte Format einer Nachricht in den sozialen Netzwerken. Wir müssen akzeptieren, dass die ganze Weisheit, derer wir für das Leben bedürfen, nicht innerhalb der Grenzen eingeschlossen sein kann, die von den gegenwärtigen Kommunikationsmöglichkeiten auferlegt werden.
  5. Im BuchDie Weisheit der Jahre[104]habe ich einige Wünsche in Gestalt von Anfragen zum Ausdruck gebracht: »Um was bitte ich die älteren Menschen, unter die ich mich selbst zähle? Ich bitte, dass wir Hüter des Gedächtnisses sind. Wir Großväter und Großmütter müssen einen Chor bilden. Ich stelle mir die älteren Menschen wie einen beständigen Chor eines wichtigen geistlichen Heiligtums vor, in dem die Bittgebete und die Lobgesänge die ganze Gemeinschaft unterstützen, die auf dem Feld des Lebens arbeitet und kämpft.«[105]
  6. Was können wir Ältere den jungen Menschen geben? »Den jungen Menschen von heute, die ihre Mischung aus heroischen Bestrebungen und Unsicherheiten erleben, können wir in Erinnerung rufen, dass ein Leben ohne Liebe ein unfruchtbares Leben ist.«[106]Was können wir ihnen sagen? »Den ängstlichen jungen Menschen können wir sagen, dass die Sorge um die Zukunft überwunden werden kann.«[107]Was können wir sie lehren? »Die jungen Menschen, die zu sehr in Sorge sind über sich selbst, können wir lehren, dass man eine größere Freude im Geben als im Nehmen erfährt und dass die Liebe sich nicht nur mit Worten zeigt, sondern auch mit den Werken.«[108]

Gemeinsam wagen

  1. Die Liebe, die sich hingibt und tätig ist, macht oftmals Fehler. Wer handelt, wer etwas wagt, begeht häufig Fehler. In diesem Zusammenhang kann das Zeugnis der von Geburt an vaterlosen Maria Gabriela Perin interessant erscheinen, die über die Art nachdenkt, in der dies ihr Leben beeinflusst hat, in einer Beziehung, die nicht von Dauer war, die aber aus ihr eine Mutter und nun eine Großmutter gemacht hat: »Was ich weiß, ist, dass Gott Geschichten erschafft. In seinem Genie und seiner Barmherzigkeit nimmt er unsere Erfolge und unser Scheitern und webt daraus wunderschöne Wandteppiche, die voller Raffinesse sind. Die Rückseite des Stoffs kann mit den verwickelten Fäden unordentlich erscheinen – die Ereignisse der Lebensgeschichte – und vielleicht ist es diese Seite, die uns nicht in Ruhe lässt, wenn wir Zweifel haben. Dennoch zeigt die schöne Seite des Wandteppichs eine wunderbare Geschichte und dies ist die Seite, die Gott sieht.«[109]Wenn die älteren Personen aufmerksam auf das Leben schauen, verstehen sie oft instinktiv, was sich hinter den verwickelten Fäden befindet, und sie erkennen das, was Gott auf kreative Weise sogar aus unseren Fehlern machen kann.
  2. Wenn wir gemeinsam gehen, junge und ältere Menschen, werden wir gut in der Gegenwart verwurzelt sein können. Aus dieser Position heraus werden wir in der Lage sein, mit der Vergangenheit und der Zukunft im Austausch zu stehen: mit der Vergangenheit, um von der Geschichte zu lernen und die Wunden zu heilen, die uns zuweilen beeinträchtigen; mit der Zukunft, um den Enthusiasmus zu nähren, die Träume aufsprießen zu lassen, prophetische Visionen zu erwecken, Hoffnungen blühen zu lassen. Auf diese Weise werden wir vereint voneinander lernen, die Herzen erwärmen, unseren Geist mit dem Licht des Evangeliums inspirieren und unseren Händen neue Kraft verleihen können.
  3. Die Wurzeln sind nicht Anker, die uns an andere Epochen binden und uns hindern, in der gegenwärtigen Welt präsent zu sein, um etwas Neues entstehen zu lassen. Sie sind im Gegenteil Bezugspunkt, der uns erlaubt, zu wachsen und auf die neuen Herausforderungen zu antworten. Daher nützt es auch nicht, dass »wir uns hinsetzen, um nostalgisch an die vergangenen Zeiten zu denken; wir müssen uns unsere Kultur mit Sinn für die Realität und Liebe zu Herzen nehmen und sie mit dem Evangelium erfüllen. Wir sind heute eingeladen, die Frohe Botschaft Jesu den neuen Zeiten zu verkünden. Wir müssen unsere Zeit mit ihren Möglichkeiten und Risiken lieben, mit ihren Freuden und Leiden, mit ihren Reichtümern und ihren Grenzen, mit ihren Erfolgen und ihren Fehlern.«[110]
  4. Auf der Synode hat einer der Auditoren, ein junger Mann aus Samoa, gesagt, dass die Kirche ein Kanu ist, in dem die Älteren helfen, den Kurs beizubehalten, indem sie die Position der Sterne beobachten, während die jungen Menschen kraftvoll rudern und sich das vorstellen, was sie später erwartet. Lassen wir uns nicht vom Weg abbringen, weder von den Jugendlichen, die meinen, dass die Erwachsenen eine Vergangenheit darstellen, die nicht mehr zählt, die schon überholt ist, noch von den Erwachsenen, die glauben, immer zu wissen, wie sich die Jugendlichen zu verhalten haben. Steigen wir vielmehr alle in das gleiche Kanu und suchen wir alle gemeinsam unter dem immer neuen Antrieb des Heiligen Geistes nach einer besseren Welt.

SIEBTES KAPITEL
Die Pastoral der jungen Menschen

 

  1. Die Jugendpastoral, wie sie für gewöhnlich durchgeführt wurde, hat die Welle der gesellschaftlichen und kulturellen Änderungen erlebt. Junge Menschen finden in den üblichen Strukturen oft keine Antworten auf das, was sie bewegt, auf ihre Bedürfnisse, Probleme und Verwundungen. Die Verbreitung und das Wachsen von Vereinigungen und Bewegungen mit überwiegend jugendlicher Prägung können als ein Handeln des Heiligen Geistes interpretiert werden, der neue Wege eröffnet. Dennoch muss man ihre Beteiligung an der gesamten Pastoral der Kirche vertiefen, und es braucht eine größere Gemeinschaft unter ihnen und eine bessere Koordinierung ihres Handelns. Wenn es auch nicht immer einfach ist, die jungen Menschen anzusprechen, so treten zwei Aspekte deutlicher hervor: das Bewusstsein, dass die ganze Gemeinschaft sie evangelisieren muss, und die Dringlichkeit, dass die jungen Menschen bei den pastoralen Angeboten eine größere Rolle spielen müssen.

Eine synodale Pastoral

  1. Ich möchte unterstreichen, dass die jungen Menschen selbst die in der Jugendpastoral Tätigen sind – begleitet und angeleitet, doch frei, um voll Kreativität und Kühnheit immer neue Wege zu suchen. Folglich wäre es überflüssig, wollte ich an dieser Stelle eine Art Handbuch der Jugendpastoral oder einen Führer der praktischen Pastoral vorlegen. Vielmehr geht es darum, dass die jungen Menschen die Pfiffigkeit, den Einfallsreichtum und die Kenntnis einbringen, die sie im Hinblick auf die Sensibilität, die Sprache und die Fragen der anderen Jugendlichen haben.
  2. Sie führen uns vor Augen, wie sehr neue Stile und neue Strategien notwendig sind. Während zum Beispiel die Erwachsenen gewohnt sind, dafür zur sorgen, dass alles geplant ist – mit regelmäßigen Sitzungen und festgelegten Zeiten –, fühlt sich heute die Mehrheit der jungen Menschen kaum von pastoralen Plänen dieser Art angezogen. Die Jugendpastoral muss flexibler sein und die jungen Menschen zu Events und Veranstaltungen einladen, wo sie dann nicht nur eine Unterweisung erhalten, sondern ihnen ebenso die Gelegenheit geben wird, sich über das Leben auszutauschen, zu feiern, zu singen, konkrete Zeugnisse zu hören und als Gemeinschaft die Begegnung mit dem lebendigen Gott zu erfahren.
  3. Andererseits wäre es sehr wünschenswert, noch mehr die gute Praxis aufzugreifen, die Methoden, Ausdrucksweisen, Motivationen, die wirklich attraktiv waren, um die jungen Menschen zu Christus und zur Kirche zu bringen. Es ist unerheblich, welcher Farbe sie sind, ob sie „konservativ oder progressistisch“ sind, ob sie „von rechts oder von links“ kommen. Wichtig ist, dass wir alles aufnehmen, was gute Ergebnisse gebracht hat und wirksam ist, um die Freude des Evangeliums weiterzugeben.
  4. Die Jugendpastoral kann nur synodal sein, das heißt, einem „gemeinsamen Vorangehen“ Gestalt geben. Dies beinhaltet eine »Wertschätzung der Charismen, die der Heilige Geist je nach Berufung und Rolle eines jeden Glieds [der Kirche] durch die Dynamik der Mitverantwortung schenkt. […] Von diesem Geist beseelt, können wir uns zu einer partizipativen, mitverantwortlichen Kirche entwickeln, die in der Lage ist, den Reichtum der Vielfalt, aus der sie besteht, zur Geltung zu bringen und dabei auch den Beitrag von Laien, einschließlich junger Menschen und Frauen, von Personen des geweihten Lebens sowie von Gruppen, Verbänden und Bewegungen dankbar willkommen zu heißen. Niemand sollte ins Abseits gedrängt werden oder beiseite treten müssen.«[111]
  5. Auf diese Weise können wir, wenn wir voneinander lernen, dieses wunderbare Polyeder, das die Kirche Jesu Christi bilden muss, besser widerspiegeln. Sie kann die jungen Menschen eben deshalb anziehen, weil sie keine monolithische Einheit darstellt, sondern ein Geflecht unterschiedlicher Gaben, die der Heilige Geist unaufhörlich in ihr ausgießt. So macht er sie immer wieder neu trotz ihrer Armseligkeiten.
  6. Auf der Synode wurden viele konkrete Vorschläge gemacht, um die Jugendpastoral zu erneuern und sie von Plänen zu befreien, die nicht mehr wirksam sind, weil sie mit der gegenwärtigen Jugendkultur nicht in Dialog treten. Verständlicherweise ist es unmöglich, hier alle anzuführen; einige kann man im Abschlussdokument der Synode finden.

Große Handlungslinien

  1. Ich möchte lediglich kurz herausstellen, dass die Jugendpastoral zwei große Handlungslinien umfasst. Die eine ist dieSuche, die Einladung, der Ruf, andere junge Menschen für die Erfahrung des Herrn zu gewinnen. Die andere ist dasWachstum, die Ausbildung eines Wegs der Reifung derer, die schon diese Erfahrung gemacht haben.
  2. Was das erste betrifft, dieSuche, so vertraue ich auf die Fähigkeit der jungen Menschen selbst. Sie wissen, attraktive Wege zu finden, um einzuladen. Sie verstehen es, Festivals und Sportwettbewerbe zu organisieren und auch in den sozialen Netzwerken mit Botschaften, Liedern, Videos und anderen Ideen zu evangelisieren. Man muss die jungen Menschen nur ermutigen und ihnen die Freiheit geben, damit sie sich für die Mission in den Bereichen, wo die Jugendlichen zu finden sind, begeistern. Die erste Verkündigung kann eine tiefe Glaubenserfahrung bei einem intensiven Einkehrtag hervorrufen, bei einem Gespräch in einem Lokal, in der Pause an der Universität oder auf sonst einem der unergründlichen Wege Gottes. Doch am wichtigsten ist, dass jeder junge Mensch sich traut, den Samen der ersten Verkündigung in die fruchtbare Erde des Herzen eines anderen Jugendlichen zu säen.
  3. Bei dieser Suche muss man der Sprache der Nähe den Vorzug geben, der Sprache der uneigennützigen, personalen und lebensnotwendigen Liebe, die das Herz berührt, das Leben erreicht, Hoffnung und Sehnsüchte weckt. Es ist notwendig, sich den jungen Menschen durch die Grammatik der Liebe zu nähern, nicht durch Proselytenmacherei. Die Sprache, welche die jungen Menschen verstehen, wird von denen gesprochen, die ihr Leben einsetzen, die für sie und wegen ihnen hier sind und die sich bemühen, trotz der eigenen Grenzen und Schwächen ihren Glauben konsequent zu leben. Gleichzeitig müssen wir weiter mit größerem Feingefühl suchen, wie wir dasKerygmain die Sprache übersetzen können, die die jungen Menschen von heute sprechen.
  4. Hinsichtlich desWachstumsmöchte ich einen wichtigen Hinweis geben. Mancherorts kommt es vor, dass – nachdem in den jungen Menschen eine intensive Gotteserfahrung ausgelöst wurde, eine Begegnung mit Jesus, der ihre Herzen berührte – ihnen dann lediglich Treffen zur „Unterweisung“ angeboten werden, bei denen nur Fragen der Lehre und Moral angesprochen werden: die Übel der Welt von heute, die Kirche, christliche Soziallehre, Keuschheit, Ehe, Geburtenregelung und andere Themen. Das Ergebnis ist, dass viele junge Menschen sich langweilen, das Feuer der Begegnung mit Christus und die Freude an der Nachfolge verlieren; viele verlassen den Weg und andere werden trist und negativ. Seien wir nicht so darauf versessen, eine Menge an Lehrinhalten weiterzugeben, und versuchen wir vor allem, die großen Erfahrungen, die das christliche Leben tragen, hervorzurufen und zu festigen. Wie schon Romano Guardini sagte: »In der Erfahrung der großen Liebe« wird »alles Geschehende […] zu einem Begebnis innerhalb dieses Bezuges.«[112]
  5. Jedes Bildungsprojekt, jedes Entwicklungsprogramm für junge Menschen muss sicherlich eine Ausbildung in Lehre und Moral miteinschließen. Ebenso wichtig sind dabei zwei große Dreh- und Angelpunkte: der eine ist die Vertiefung desKerygmas, der grundlegenden Erfahrung der Gottesbegegnung im gekreuzigten und auferstandenen Christus; der andere ist das Wachstum in der geschwisterlichen Liebe, im gemeinschaftlichen Leben, im Dienst.
  6. Im Apostolischen SchreibenEvangelii gaudiumhabe ich großen Nachdruck darauf gelegt, und ich halte es für angebracht, daran zu erinnern. Einerseits wäre es ein großer Fehler zu denken, dass in der Jugendpastoral »das Kerygma in der Katechese später zugunsten einer angeblich „solideren“ Bildung aufgegeben wird. Es gibt nichts Solideres, nichts Tieferes, nichts Sichereres, nichts Dichteres und nichts Weiseres als diese Verkündigung. Die ganze christliche Bildung ist in erster Linie Vertiefung des Kerygmas, das immer mehr und besser assimiliert wird.«[113]Daher muss die Jugendpastoral immer Momente einschließen, die helfen, die persönliche Erfahrung der Liebe Gottes und des lebendigen Jesus Christus zu erneuern und zu vertiefen. Sie wird dies mit verschiedenen Mitteln tun: Zeugnisse, Gesänge, Zeiten der Anbetung, Raum für geistliche Betrachtung der Heiligen Schrift und auch mit verschiedenen Anregungen über die sozialen Netzwerke. Niemals jedoch darf an die Stelle dieser frohen Erfahrung der Begegnung mit dem Herrn eine Art „Indoktrinierung“ treten.
  7. Andererseits muss jeder Plan einer Jugendpastoral klarerweise verschiedene Mittel und Möglichkeiten in sich vereinigen, um den jungen Menschen zu helfen, in der Solidarität zu wachsen, als Brüder und Schwestern zu leben, sich gegenseitig zu helfen, eine Gemeinschaft zu bilden, den anderen zu dienen und den Armen nahe zu sein. Wenn die brüderliche Liebe das »neue Gebot« (Joh13,34) ist, wenn sie »die Erfüllung des Gesetzes« (Röm13,10) ist, wenn sie am besten unsere Liebe zu Gott sichtbar macht, dann muss sie einen bedeutenden Platz im ganzen Programm der Ausbildung und des Wachstums der jungen Menschen einnehmen.

Angemessene Bereiche

216.In allen unseren Einrichtungen müssen wir unsere Fähigkeit zu herzlicher Aufnahme fördern und viel mehr verstärken. Denn viele junge Menschen, die kommen, befinden sich in einer tiefen Situation der Verwaisung. Und ich beziehe mich nicht auf bestimme familiäre Konflikte, sondern auf eine Erfahrung, welche Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Mütter, Väter, Söhne und Töchter gleichermaßen betrifft. Den vielen Waisen unter unseren Zeitgenossen – vielleicht uns selbst – sollten die Gemeinschaften wie Pfarrei und Schule Möglichkeiten bieten, wo sie uneigennützige Liebe und Förderung, Bejahung und Wachstum erfahren. Viele junge Menschen heute fühlen sich als Kinder des Versagens, weil die Träume ihrer Eltern und Großeltern auf dem Scheiterhaufen der Ungerechtigkeit, der sozialen Gewalt, des „Es rette sich, wer kann“ verbrannt wurden. Wie sehr fühlen sie sich entwurzelt! Wenn junge Menschen in einer Aschenwelt aufgewachsen sind, fällt es ihnen schwer, das Brennen großer Wünsche und Pläne auszuhalten. Wenn sie in einer sinnentleerten Wüste aufgewachsen sind, wie können sie dann den Wunsch verspüren, sich dafür aufzuopfern, um Samen auszusäen? Der Erfahrung von Unbeständigkeit, Entwurzelung und der Zusammenbruch der Grundsicherheiten, der von der heutigen Medienkultur begünstigt wird, rufen dieses Gefühl tiefer Verwaisung hervor. Wir müssen darauf Antwort geben, indem wir geschwisterliche und attraktive Räume schaffen, wo man ein sinnerfülltes Leben führen kann.

  1. Ein „Heim“ zu schaffen bedeutet im Grunde, »eine Familie aufzubauen, bedeutet zu lernen, sich den anderen verbunden zu fühlen über utilitaristische oder funktionale Zwecke hinaus. Solchermaßen vereint können wir das Leben ein bisschen menschlicher erfahren. Ein Heim zu schaffen bedeutet, die Prophetie Fleisch werden zu lassen, damit unsere Stunden und Tage weniger ungastlich, weniger gleichgültig und anonym werden. Es beinhaltet, Bindungen mit einfachen, alltäglichen Gesten aufzubauen, die jeder leisten kann. Wir alle wissen nur zu gut, dass ein Heim auf die Mithilfe aller angewiesen ist. Niemand kann gleichgültig oder unbeteiligt bleiben, denn jeder ist ein wesentlicher Baustein für das Bauwerk. Deshalb müssen wir den Herrn um die Gnade bitten, dass wir lernen, geduldig zu sein; dass wir lernen, einander zu vergeben; dass wir lernen, jeden Tag wieder neu zu beginnen. Wie viele Male sollen wir vergeben und wieder neu anfangen? Siebzigmal siebenmal, sooft es notwendig ist. Um stabile Bindungen aufzubauen braucht es die Zuversicht, die sich täglich aus Geduld und Vergebung nährt. Und so geschieht das Wunder: Wir erfahren, dass man hier neu geboren wird; wir werden hier alle neu geboren, weil wir die Zuneigung Gottes wirklich spüren, die uns von einer menschlicheren und deshalb auch göttlicheren Welt träumen lässt.«[114]
  2. In diesem Rahmen müssen wir in unseren Einrichtungen den jungen Menschen geeignete Orte zur Verfügung stellen, die sie nach Belieben gestalten können und wo sie frei ein- und ausgehen können; es sollen Orte sein, wo sie sich willkommen fühlen und wo sie spontan hingehen können in der Zuversicht, andere Jugendliche anzutreffen – sowohl in Momenten des Leids oder der Langeweile, als auch wenn sie Freude haben und feiern wollen. Etwas dieser Art haben einige Jugendfreizeitstätten (oratorio) und andere Jugendeinrichtungen verwirklicht; in vielen Fällen stellen sie die Umgebung dar, in der junge Menschen Freundschaft erleben und sich verlieben, Treffen halten, gemeinsam Musik, Freizeitbeschäftigungen und Sport machen, ebenso nachdenken und beten können dank kleiner Unterstützungen und verschiedener Angebote. Auf diese Weise wird sich jene unerlässliche Verkündigung von Mensch zu Mensch einen Weg bahnen, die von keinem pastoralem Mittel oder Plan ersetzt werden kann.
  3. »Freundschaft und Konfrontation bieten in oftmals mehr oder weniger strukturierten Gruppen die Chance, soziale Kompetenzen und Beziehungsfähigkeit in einem Kontext zu stärken, in dem man nicht bewertet und beurteilt wird. Die Erfahrung in der Gruppe ist zudem eine großartige Möglichkeit, sich über den Glauben auszutauschen und sich gegenseitig zu helfen, diesen zu bezeugen. Junge Menschen sind dazu fähig, andere junge Menschen zu leiten und ein wahres Apostolat unter ihren Freunden zu leben.«[115]
  4. Dies bedeutet nicht, dass sie sich absondern und jeden Kontakt mit den Pfarrgemeinden, den Bewegungen und den anderen kirchlichen Einrichtungen verlieren. Sie werden sich aber besser in Gemeinschaften eingliedern, die offen sind, lebendig im Glauben, begierig Jesus Christus auszustrahlen, fröhlich, frei, geschwisterlich und engagiert. Diese Gemeinschaften können die Kanäle sein, durch die sie spüren, dass es möglich ist, wertvolle Beziehungen zu pflegen.

Die Pastoral der Bildungseinrichtungen

  1. Die Schule ist zweifellos eine Plattform, um sich den Kindern und Jugendlichen zu nähern. Sie ist ein bevorzugter Ort der menschlichen Förderung. Deswegen hat die christliche Gemeinschaft der Schule stets große Beachtung geschenkt, was sowohl die Ausbildung von Lehrern und Leitern als auch die Errichtung eigener Schulen aller Arten und Stufen betrifft. Auf diesem Gebiet hat der Heilige Geist unzählige Charismen und Zeugnisse der Heiligkeit hervorgerufen. Dennoch hat die Schule eine dringende Selbstkritik nötig, wenn man die Früchte der Pastoral vieler Bildungseinrichtungen betrachtet. Diese konzentriert sich auf den Religionsunterricht, der oft nicht in der Lage ist, bleibende Glaubenserfahrungen zu wecken. Zudem gibt es manche katholische Schulen, die scheinbar nur daraufhin organisiert sind, den Bestand zu wahren. Die Angst vor Veränderung macht sie unfähig, die Ungewissheit zu ertragen, und treibt sie dazu, sich vor den wirklichen oder imaginären Gefahren zu verschließen, die jede Veränderung mit sich bringt. Die Schule, die zu einem „Bunker“ geworden ist und vor den Irrtümern „von außen“ schützt, ist karikaturesker Ausdruck dieser Tendenz. Dieses Bild spiegelt auf provokante Weise wider, was viele junge Menschen bei ihrem Austritt aus einigen Bildungseinrichtungen erleben: eine unüberwindliche Diskrepanz zwischen dem, was ihnen beigebracht wurde, und der Welt, in der sie leben werden. Auch die religiösen und moralischen Angebote, die sie erhalten haben, konnten sie nicht darauf vorbereiten, sich mit einer Welt auseinanderzusetzen, die sie lächerlich macht; sie haben keine Weisen für das Gebets- und Glaubensleben gelernt, die im Rhythmus dieser Gesellschaft leicht aufrechterhalten werden können. In Wirklichkeit aber besteht eine der größten Freuden für einen Erzieher darin, wenn er sehen kann, wie ein Schüler sich zu einer starken, ganzheitlichen Persönlichkeit entwickelt, die ihr Leben selbst gestaltet und fähig ist zu geben.
  2. Die katholische Schule bleibt weiterhin ein grundlegender Raum der Evangelisierung junger Menschen. Wichtig ist, einige Leitkriterien zu berücksichtigen, auf die in der Apostolischen KonstitutionVeritatis gaudiumhingewiesen wurde, um die Schulen und Universitäten „im missionarischen Aufbruch“ zu erneuern und wieder zu beleben. Es sind dies: die Erfahrung des Kerygmas, der Dialog auf allen Gebieten, die Inter- und Transdisziplinarität, die Förderung der Kultur der Begegnung, die dringende Notwendigkeit, ein „Netzwerk zu bilden“, und die Option für die Letzten, für die, welche die Gesellschaft aussondert und wegwirft. [116]Und dazu die Fähigkeit, das Wissen des Kopfes, des Herzens und der Hand zu integrieren.
  3. Andererseits dürfen wir die spirituelle Bildung nicht von der kulturellen trennen. Stets war die Kirche bemüht, Räume zu entwickeln, um jungen Menschen die beste Kultur zu vermitteln. Sie darf nicht davon ablassen, denn die jungen Menschen haben ein Recht darauf. »Besonders heute [bedeutet] Recht auf Kultur […], die Weisheit zu schützen, das heißt ein menschliches und humanisierendes Wissen. Zu oft wird man von banalen und flüchtigen Lebensmodellen beeinflusst, die dazu drängen, den Erfolg billig zu erlangen, wobei das Opfer in Misskredit gebracht und die Vorstellung eingeschärft wird, dass das Studium nichts nützt, wenn es nicht sofort etwas Konkretes abwirft. Nein, das Studium nützt dazu, sich Fragen zu stellen, sich nicht von der Banalität betäuben zu lassen, den Sinn des Lebens zu suchen. Es muss das Recht darauf beansprucht werden, nicht den vielen Sirenen die Vorherrschaft zu überlassen, die heute von dieser Suche abbringen. Um nicht dem Gesang der Sirenen nachzugeben, die die Seeleute bezauberten und sie an den Klippen zerschellen ließen, fesselte sich Odysseus am Mast des Schiffes fest und verstopfte die Ohren seiner Weggefährten. Um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, tat Orpheus dagegen etwas anderes: er stimmte eine schönere Melodie an, die die Sirenen bezauberte. Das also ist eure große Aufgabe: auf die lähmenden Kehrreime des kulturellen Konsumdenkens mit dynamischen und starken Entscheidungen zu antworten, mit der Forschung, der Erkenntnis und dem gemeinsamen Teilen.«[117]

Verschiedene Ebenen pastoraler Aktivität

  1. Viele junge Menschen haben gelernt, die Stille und die Vertrautheit mit Gott zu schätzen. Es haben auch die Gruppen zugenommen, die zur Anbetung des Allerheiligsten und zum Gebet mit dem Wort Gottes zusammenkommen. Man darf die jungen Menschen nicht unterschätzen, als ob sie unfähig wären, sich kontemplativen Angeboten zu öffnen. Man braucht nur die passende Art und Weise finden, um ihnen zu helfen, dass sie sich mit dieser äußerst wertvollen Erfahrung vertraut machen. Was die Bereiche des Gottesdienstes und Gebets betrifft, so »fragen [in verschiedenen Zusammenhängen] junge Katholiken nach Gebetsangeboten und sakramentalen Augenblicken, die sie in einer frischen, authentischen und frohen Liturgie in ihrem Alltag abholen.«[118]Es ist wichtig, die geprägten Zeiten des Kirchenjahres zu nutzen, besonders die Karwoche und Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Ihnen gefallen auch andere Feste, welche die Routine unterbrechen und helfen, die Freude des Glaubens zu erfahren.
  2. Eine einzigartige Gelegenheit, zu wachsen und sich auch für das göttliche Geschenk des Glaubens und der Nächstenliebe zu öffnen, besteht im Dienst: Viele junge Menschen fühlen sich von der Möglichkeit angezogen, anderen zu helfen, besonders Kindern und Armen. Oft stellt dieser Dienst den ersten Schritt dar, um das christliche und kirchliche Leben zu entdecken oder wieder neu zu entdecken. Viele junge Menschen werden unserer doktrinellen wie auch spirituellen Bildungsprogramme überdrüssig und verlangen oft nach Möglichkeiten, bei Tätigkeiten zugunsten der Mitmenschen eine aktivere Rolle zu übernehmen.
  3. Wir dürfen nicht die künstlerischen Ausdrucksformen vergessen wie das Theater, die Malerei und andere. »Eine ganz besondere Bedeutung hat hier die Musik, die im wahrsten Sinne des Wortes eine Welt darstellt, in die junge Menschen ständig eintauchen, und eine Kultur und Sprache ist, die Emotionen wecken und Identität gestalten kann. Die Sprache der Musik ist auch ein pastoraler Quell, der insbesondere die Liturgie und ihre Erneuerung auf den Plan ruft.«[119]Der Gesang kann ein großer Anreiz für den Weg der jungen Menschen sein. So sagte der heilige Augustinus: »Singe, aber schreite voran; lindere deine Strapaze durch den Gesang, liebe nicht die Trägheit: Singe und schreite voran! […] Wenn du Fortschritte machst, dann gehst du voran: Aber mache Fortschritte im Guten, im rechten Glauben mache Fortschritte, in guten Sitten mache Fortschritte: Singe und schreite voran!«[120]
  4. »Einen ebenso hohen Stellenwert hat für junge Menschen das Treiben von Sport, dessen Potential für Erziehung und Bildung die Kirche nicht unterschätzen darf, weshalb er in der Kirche einen festen Platz behalten muss. Die Welt des Sports braucht Unterstützung, damit vorhandene Ambiguitäten wie z. B. die Mythenbildung um Spitzensportler, die sklavische Bedienung kommerzieller Denkweisen und die Ideologie des Erfolgs um jeden Preis abgebaut werden.«[121]Der sportlichen Erfahrung liegt »die Freude zugrunde: die Freude, sich zu bewegen, die Freude des Zusammenseins, die Freude für das Leben und die Gaben, die uns der Schöpfer jeden Tag schenkt«[122]. Andererseits haben einige Kirchenväter das Beispiel sportlicher Aktivitäten herangezogen, um die jungen Menschen einzuladen, an Kraft zu wachsen und die Trägheit oder Bequemlichkeit zu bezwingen. Gegenüber den Jugendlichen gebrauchte der heilige Basilius der Große das Beispiel der Anstrengungen, die der Sport verlangt, und schärfte ihnen damit ein, opferbereit zu sein, um in den Tugenden zu wachsen: »[Es ist daran zu] erinnern, dass jene tausend und abertausend Mühen auf sich nehmen, dass sie auf alle mögliche Weise sich stählen, bei ihren gymnastischen Übungen viel schwitzen, […] kurz, dass sie überhaupt so leben, dass ihr dem Kampfe vorangehendes Leben eine stete Vorbereitung auf den Kampf ist. [Sie] nehmen alle Gefahren und Mühen auf sich, um einen Kranz […] zu erlangen […] Und wir, denen im anderen Leben unsagbar viele und schöne Kronen winken, schlafen auf beiden Ohren, leben in voller Sorglosigkeit dahin und wollen kaum mit einer Hand danach greifen?«[123]
  5. In vielen Jugendlichen und jungen Menschen ruft die Begegnung mit der Schöpfung eine besondere Anziehung hervor und macht sie empfänglich für den Umweltschutz, wie dies bei den Pfadfindern und anderen Gruppen der Fall ist, die Aufenthalte inmitten der Natur veranstalten, Zeltlager, Wanderungen, Ausflüge und Naturschutzaktionen. Im Geist des heiligen Franz von Assisi können diese Erfahrungen einen Weg vorzeichnen, um in die Schule der allgemeinen Brüderlichkeit einzutreten und sich mit dem betrachtenden Gebet vertraut zu machen.
  6. Diese und verschiedene andere Möglichkeiten stehen für die Evangelisierung junger Menschen offen. Sie dürfen uns aber nicht vergessen lassen, dass es neben den Veränderungen der Geschichte und der geänderten Sensibilität der jungen Menschen Gaben Gottes gibt, die immer aktuell sind und eine Kraft in sich tragen, die über alle Zeiten und Umstände hinausgeht: das Wort Gottes, das stets lebendig und wirksam ist, die Gegenwart Christi in der Eucharistie, die uns nährt, und das Sakrament der Vergebung, das uns befreit und stärkt. Wir können auch den unerschöpflichen spirituellen Reichtum anführen, den die Kirche im Zeugnis seiner Heiligen und in der Lehre großer geistlicher Meister bewahrt. Wenn wir auch die verschiedenen Lebensphasen respektieren und mitunter geduldig auf den rechten Augenblick warten müssen, können wir nicht anders, als die jungen Menschen zu diesen Quellen neuen Lebens einzuladen. Wir haben nicht das Recht, ihnen so viel Gutes vorzuenthalten.

Volksnahe Jugendpastoral

  1. Neben der üblichen Pastoralarbeit, die in den Pfarreien und von den Bewegungen nach bestimmten Plänen durchgeführt wird, ist es sehr wichtig, einer „volksnahen Jugendpastoral“ Raum zu geben mit einem anderen Stil, anderen Zeiten, einem anderen Rhythmus, einer anderen Methodologie. Sie besteht in einer breiter und flexibler angelegten Pastoral, die an den verschiedenen Orten, wo junge Menschen konkret anzutreffen sind, jene natürlichen Führungsqualitäten und Charismen fördert, die der Heilige Geist unter ihnen schon hervorgerufen hat. Es geht vor allem darum, den gläubigen jungen Menschen, die in ihren Vierteln und verschiedenen Umfeldern natürliche Führungsgestalten sind, nicht viele Hindernisse, Vorschriften, Kontrollen und verpflichtende Rahmenvorgaben aufzustellen. Wir müssen uns darauf beschränken, sie zu begleiten und ihnen Anregungen zu geben, und dabei etwas mehr dem Einfallsreichtum des Heiligen Geistes vertrauen, der wirkt, wo er will.
  2. Wir sprechen von echten „volksnahen“ Führungsgestalten, nicht von elitären oder solchen, die auf kleine Gruppen von Auserwählten beschränkt sind. Um fähig zu sein, eine volksnahe Pastoral in der Welt der jungen Menschen ins Leben zu rufen, müssen sie »lernen, die Gefühle der Menschen wahrzunehmen, sich zu ihren Sprechern zu machen und für ihre Förderung zu arbeiten«[124]. Wenn wir von „Volk“ sprechen, darf man darunter nicht die Strukturen der Gesellschaft oder der Kirche verstehen, sondern die Gesamtheit von Menschen, die nicht als Einzelpersonen unterwegs sind, sondern als Gefüge einer Gemeinschaft aus allen und für alle, die es nicht zulassen kann, dass die Ärmsten und Schwächsten zurückbleiben: »Das Volk will, dass alle am Gemeinwohl teilhaben. Daher akzeptiert es, sich dem Schritt der Letzten anzupassen, damit alle gemeinsam ankommen.«[125]Volksnahe Führungsgestalten besitzen also die Fähigkeit, alle zu beteiligen und dabei auf dem Weg der jungen Menschen die Ärmsten, die Schwachen, die Benachteiligten und Verletzten einzuschließen. Sie empfinden weder Furcht noch Abscheu vor den jungen Menschen, die Verwundungen oder die Last eines Kreuzes zu tragen haben.
  3. Auf derselben Linie müssen wir das mögliche Gute anregen[126], vor allem bei jungen Menschen, die nicht in Familien oder christlichen Einrichtungen aufgewachsen sind und sich auf einem Weg langsamer Reifung befinden. Christus hat uns davor gewarnt anzunehmen, dass alles nur Weizen sei (vgl.Mt13,24-30). Im Verlangen nach einer reinen, vollkommenen Jugendpastoral, die von abstrakten Ideen gekennzeichnet, weltfern und makellos ist, reduzieren wir manchmal das Evangelium auf ein schales, unverständliches, uninteressantes Angebot; dieses ist von den Jugendkulturen losgelöst und nur für eine Elite einer christlichen Jugend geeignet, die sich als etwas anderes fühlt, aber in Wirklichkeit in einer leblosen und unfruchtbaren Isolierung dahintreibt. Zusammen mit dem Unkraut, das wir ablehnen, reißen wir so tausende Schösslinge aus oder ersticken sie, die doch trotz ihrer Grenzen zu wachsen versuchen.
  4. Statt sie »mit einem Regelapparat [zu ersticken], da dies ein zu kurz gegriffenes oder moralistisches Bild des Christentums aufzeigen würde, [sind wir] vielmehr aufgerufen, in ihren Wagemut zu investieren und sie dazu zu erziehen, Verantwortung zu übernehmen – in der Gewissheit, dass das Fehlermachen, das Scheitern und auch die Krise Erfahrungen sind, die ihr Menschsein stärken können.«[127]
  5. Auf der Synode wurde dazu ermutigt, eine Jugendpastoral aufzubauen, die fähig ist, inklusive Räume zu schaffen, wo Platz ist für jede Art von jungen Menschen und wo wirklich sichtbar wird, dass wir eine Kirche mit offenen Türen sind. Es ist auch nicht notwendig, dass jemand alle Lehren der Kirche vollständig annimmt, um an einigen unserer Räume für junge Menschen teilnehmen zu dürfen. Es genügt eine offene Haltung gegenüber allen, die den Wunsch und die Bereitschaft haben, dass die von Gott geoffenbarte Wahrheit ihnen begegnet. Bei einigen pastoralen Angeboten kann es erforderlich sein, dass man schon einen gewissen Weg des Glaubens gemacht hat. Wir brauchen jedoch eine volksnahe Jugendpastoral, welche allen und jedem die Türen öffnet und ihnen Raum gibt, mit ihren Zweifeln, Traumata, Problemen, mit ihrer Suche nach Identität, mit ihren Fehlern, Geschichten, Erfahrungen von Sünde und allen ihren Schwierigkeiten.
  6. Ebenso muss es Raum geben für »all jene, die andere Lebensvisionen haben, sich zu anderen Konfessionen bekennen oder die erklären, Religion sei ihnen fremd. Alle Jugendlichen sind ohne Ausnahme in Gottes Herz und somit auch im Herzen der Kirche. Wir erkennen jedoch unumwunden an, dass diese Aussage zwar von unseren Lippen erklingt, aber nicht immer wirklich in unserem pastoralen Handeln zum Ausdruck kommt: So verschließen wir uns oft in unseren eigenen Kreisen, zu denen ihre Stimme nicht vordringt, oder kümmern uns um weniger anspruchsvolle, lohnendere Aktivitäten und ersticken dabei jene gesunde pastorale Ruhelosigkeit, die uns aus unseren vermeintlichen Sicherheiten herausführen kann. Doch das Evangelium ruft uns auf, es zu wagen, und das wollen wir, ohne Anmaßung und ohne Proselytismus zu betreiben, tun, indem wir die Liebe des Herrn bezeugen und allen jungen Menschen in der Welt die Hand reichen.«[128]
  7. Wenn die Jugendpastoral aufhört, elitär zu sein, und akzeptiert, „volksnah“ zu sein, dann ist sie ein langsamer, rücksichtsvoller, geduldiger, vertrauensvoller, unermüdlicher und verständnisvoller Prozess. Bei der Synode wurden die Emmausjünger (vgl.Lk24,13-35) als Beispiel vorgebracht, das auch ein Vorbild für das sein, was bei der Jugendpastoral abläuft.
  8. »Jesus geht mit den beiden Jüngern mit, die den Sinn seiner Geschichte nicht verstanden haben und sich mehr und mehr von Jerusalem sowie der Gemeinschaft entfernen. Um weiter bei ihnen zu sein, geht er den Weg gemeinsam mit ihnen. Er befragt sie und hört sich geduldig ihre Sicht der Dinge an, um ihnen dabei zu helfenwahrzunehmen, was sie gerade erleben. Dann verkündet er ihnen liebe- und eindrucksvoll das Wort und leitet sie an, die erlebten Ereignisse im Lichte der Heiligen Schrift zuinterpretieren. Er nimmt ihre Einladung, bei Einbruch der Dunkelheit bei ihnen zu bleiben, an: Er tritt in ihre Nacht ein. Während sie ihm zuhören, erwärmt sich ihr Herz und ihr Geist erstrahlt, beim Brechen des Brotes öffnen sich ihre Augen. Sie selbst wählen, noch in derselben Stunde auf dem Weg umzukehren, um zur Gemeinschaft zurückzugehen und die erlebte Begegnung mit dem Auferstandenen mit den anderen zu teilen.«[129]
  9. Die verschiedenen Äußerungen der Volksfrömmigkeit, besonders die Wallfahrten, ziehen junge Menschen an, die sich nicht leicht in die kirchlichen Strukturen einfügen, und sind konkreter Ausdruck des Vertrauens in Gott. Diese Formen der Gottsuche, die vor allem bei den ärmeren Jugendlichen, aber auch in anderen Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind, dürfen nicht geringschätzig behandelt werden, sondern müssen ermutigt und gefördert werden. Die Volksfrömmigkeit ist nämlich »eine legitime Weise, den Glauben zu leben«[130], und »Ausdruck des missionarischen spontanen Handelns des Gottesvolkes«[131].

Stets Missionare sein

  1. Ich möchte in Erinnerung rufen, dass es nicht notwendig ist, einen langen Weg zurückzulegen, damit junge Menschen Missionare werden. Auch die Schwächsten, Benachteiligten und Verwundeten können es auf ihre Weise sein, denn man muss immer zulassen, dass das Gute mitgeteilt wird, selbst wenn es zusammen mit vielen Schwächen besteht. Ein Jugendlicher, der auf Wallfahrt geht, um die Mutter Gottes um Hilfe zu bitten, und einen Freund oder Gefährten einlädt, ihn zu begleiten, vollbringt mit dieser einfachen Handlung eine wertvolle missionarische Tat. Zusammen mit der volksnahen Jugendpastoral geht untrennbar eine Volksmission einher, die nicht kontrolliert werden kann und alle kirchlichen Schemen sprengt. Begleiten und fördern wir sie, aber maßen wir uns nicht an, sie zu sehr zu regulieren.
  2. Wenn wir auf das hören, was der Heilige Geist uns sagt, können wir nicht verkennen, dass die Jugendpastoral immer eine missionarische Pastoral sein muss. Die jungen Menschen werden bereichert, wenn sie die Scheu überwinden und den Mut finden, Häuser besuchen zu gehen. Auf diese Weise kommen sie mit dem Leben der Menschen in Berührung, sie lernen, über die eigene Familie und eigene Gruppe hinauszuschauen, und beginnen das Leben in einer weiteren Perspektive zu verstehen. Gleichzeitig werden ihr Glaube und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zur Kirche stärker. Die kirchlichen Jugendlager, die gewöhnlich während der Ferien nach einer Zeit der Vorbereitung durchgeführt werden, können eine Erneuerung der Glaubenserfahrung hervorrufen und auch ernste Ansätze für eine Berufung wecken.
  3. Die jungen Menschen sind aber fähig, neue Formen der Mission in ganz unterschiedlichen Bereichen zu entwerfen. Da sie sich zum Beispiel so gut in den sozialen Netzwerken auskennen, muss man sie beteiligen, damit sie im Netz Gott, Solidarität und Engagement verbreiten.

Die Begleitung durch die Erwachsenen

  1. Die jungen Menschen müssen in ihrer Freiheit respektiert werden, es ist aber auch notwendig, dass sie begleitet werden. Die Familie sollte der erste Raum für diese Begleitung sein. Die Jugendpastoral bietet einen Lebensentwurf an, der auf Christus beruht: der Bau eines Hauses, die Gründung einer Familie auf dem Felsen (vgl.Mt7,24-25). Diese Familie, dieser Entwurf wird für die meisten von ihnen in der Ehe und in der ehelichen Liebe konkrete Gestalt annehmen. Daher ist es notwendig, dass die Jugendpastoral und die Familienpastoral eine natürliche Kontinuität bilden, koordiniert werden und einander ergänzen, um den Prozess der Berufung geeignet begleiten zu können.
  2. Die Gemeinschaft hat eine sehr wichtige Rolle bei der Begleitung junger Menschen inne; die ganze Gemeinschaft muss sich verantwortlich fühlen, sie aufzunehmen, zu motivieren, zu ermutigen und zu fördern. Dazu gehört, den jungen Menschen mit Verständnis, Wertschätzung und Zuneigung zu begegnen, und nicht, sie ständig zu beurteilen oder von ihnen zu verlangen, auf eine Weise perfekt zu sein, die ihrem Alter nicht entspricht.
  3. Auf der Synode haben viele »darauf hingewiesen, dass es an erfahrenen Menschen fehlt, die sich um Begleitung kümmern. Wenn man an den theologischen und pastoralen Wert des Zuhörens glaubt, bedarf es einer Besinnung, um die üblichen Ausdrucksformen des Priesteramtes zu erneuern und seine Prioritäten zu überprüfen. Darüber hinaus erkennt die Synode die Notwendigkeit an, gottgeweihte Personen und Laien, Männer wie Frauen, auszubilden, die für die Begleitung junger Menschen qualifiziert sind. Das Charisma des Zuhörens, das der Heilige Geist in den Gemeinden entstehen lässt, könnte auch eine Form der institutionellen Anerkennung für den kirchlichen Dienst erhalten.«[132]
  4. Außerdem muss man vor allem die jungen Menschen begleiten, die sich als potentielle Leiterpersönlichkeiten abzeichnen, damit sie sich weiterbilden und vorbereiten können. Die Jugendlichen auf der Vorversammlung zur Synode haben darum gebeten, dass »Leadership-Programme für die Bildung und Weiterentwicklung junger Führungskräfte« entwickelt werden. »Einige junge Frauen spüren, dass es in der Kirche keine weiblichen Bezugspersonen in Leitungspositionen gibt; dabei möchten auch sie der Kirche ihre intellektuellen und beruflichen Fähigkeiten zur Verfügung stellen. Wir glauben auch, dass Seminaristen und Ordensleute noch bessere Fähigkeiten haben sollten, junge Menschen in einer solchen Verantwortung zu begleiten.«[133]
  5. Die jungen Menschen selbst haben die Eigenschaften beschrieben, die sie in ihren Begleitern anzutreffen hoffen. Dies haben sie sehr klar zum Ausdruck gebracht: »Zu den Qualitäten eines solchen Begleiters gehört: ein gläubiger Christ zu sein, der sich der Kirche und der Welt widmet; jemand, der beständig die Heiligkeit sucht; ein Vertrauter, der einen nicht verurteilt; einer, der den Bedürfnissen von jungen Menschen zuhört und mit Liebenswürdigkeit antwortet; einer, der Selbstbewusstsein hat, doch eigene Grenzen anerkennt sowie die Freuden und Sorgen des geistlichen Lebens kennt. Eine für die Begleiter besonders wichtige Eigenschaft ist die Anerkennung ihrer Menschlichkeit – dass auch sie Menschen sind, die Fehler machen, die nicht perfekt sind, sondern Sünder, denen vergeben wird. Manchmal werden die Begleiter auf ein Podest gehoben. Wenn sie dann herunterfallen, kann sich dies zerstörerisch auf die Fähigkeit junger Menschen auswirken, sich weiterhin in der Kirche zu engagieren. Die Begleiter sollten junge Menschen nicht wie passive Anhänger leiten, sondern neben ihnen her gehen und ihnen erlauben, an dieser Reise aktiv teilzunehmen. Sie sollten die Freiheit respektieren, die für junge Menschen zum Prozess der Unterscheidung gehört, und sollten sie mit den entsprechenden Werkzeugen ausrüsten, damit sie es auch gut machen. Ein Begleiter sollte mit ganzem Herzen an die Fähigkeit eines jungen Menschen glauben, am Leben der Kirche teilhaben zu können. Ein Begleiter sollte den Samen des Glaubens in jungen Menschen nähren, ohne zu erwarten, sofort die Früchte des Wirkens des Heiligen Geistes zu sehen. Diese Rolle ist nicht und darf nicht auf Priester und Ordensleute beschränkt sein. Auch Laien sollten befähigt werden, eine solche Rolle zu übernehmen. All diese Begleiter sollten gut ausgebildet sein und um eine ständige Fortbildung bemüht sein.«[134]
  6. Zweifellos sind die Bildungseinrichtungen der Kirche ein gemeinschaftlicher Bereich für Begleitung, wo es möglich ist, vielen jungen Menschen Orientierung zu bieten, vor allem dann, wenn sie »versuchen, alle jungen Menschen, unabhängig von ihren religiösen Entscheidungen, ihrem kulturellen Hintergrund und ihrer persönlichen, familiären oder sozialen Situation, willkommen zu heißen. Auf diese Weise leistet die Kirche einen grundlegenden Beitrag zur ganzheitlichen Erziehung junger Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt.«[135]Eine Aufstellung starrer Kriterien für die Aufnahme und den Verbleib von Studenten würde ihre Aufgabe ungerechtfertigterweise einschränken, weil vielen jungen Menschen eine Begleitung vorenthalten würde, die ihnen zur Bereicherung ihres Lebens hilfreich wäre.

ACHTES KAPITEL
Die Berufung

  1. Das Wort „Berufung“ kann in einem weiteren Sinn als Ruf Gottes verstanden werden. Es schließt den Ruf zum Leben, den Ruf zur Freundschaft mit ihm, den Ruf zur Heiligkeit usw. ein. Das ist wertvoll, weil es unser ganzes Leben vor den uns liebenden Gott stellt. Es lässt uns erkennen, dass nichts das Ergebnis eines sinnlosen Chaos ist, sondern alles Teil eines Weges werden kann, der eine Antwort auf den Herrn ist, der einen konkreten Plan für uns alle hat.
  2. Im Apostolischen SchreibenGaudete et exsultatewidmete ich mich der Berufung aller, zur Ehre Gottes zu wachsen. Ich nahm mir vor, »den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihn im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen«.[136] Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns geholfen, uns diesen an einen jeden von uns gerichteten Ruf wieder neu bewusst zu machen: »Mit so reichen Mitteln zum Heile ausgerüstet, sind alle Christgläubigen in allen Verhältnissen und in jedem Stand je auf ihrem Wege vom Herrn berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in der der Vater selbst vollkommen ist.«[137]

Sein Ruf zur Freundschaft mit ihm

  1. Ganz wesentlich ist es, zu erkennen und zu entdecken, dass Jesus von jedem jungen Menschen vor allem seine Freundschaft möchte. Das ist die grundlegende Erkenntnis (discernimento). Beim Gespräch des auferstandenen Herrn mit seinem Freund Simon Petrus lautete die große Frage: »Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich?« (Joh21,16). Das heißt: Liebst du mich als Freund? Die Sendung, die Petrus empfängt, die Schafe und Lämmer des Herrn zu weiden, wird immer in Verbindung stehen mit dieser unentgeltlichen Liebe, mit dieser Liebe in der Freundschaft.
  2. Und wenn es ein Gegenbeispiel braucht, so denken wir an die fruchtlose Begegnung zwischen dem Herrn und dem reichen Jüngling. Sie zeigt uns klar, dass dieser junge Mann den liebevollen Blick des Herrn nicht wahrnahm (vgl.Mk10,21). Er ging traurig weg, denn er konnte, nachdem er einer guten Eingebung gefolgt war, sein großes Vermögen nicht aufgeben (vgl. Mt 19,22). Er verpasste die Gelegenheit zu einer Freundschaft, die sicher groß hätte werden können. Und wir wissen nicht, wer dieser eine junge Mann, auf den Jesus voll Liebe schaute und dem er die Hand entgegenstreckte, für uns hätte werden können und was er für die Menschheit hätte machen können.
  3. Denn »das Leben, das Jesus uns schenkt, [ist] eine Geschichte der Liebe […], eineGeschichte des Lebens, die sich mit unserer eigenen Geschichte vermischen und im Erdreich eines jeden Wurzeln schlagen will. Jenes Leben ist weder ein Rettungsprogramm, das „in der Cloud“ hängt und darauf wartet, heruntergeladen zu werden, noch ist es eine neue „App“, die man entdecken müsste, oder eine mentale Übung im Sinne einer Technik zum persönlichen Wachstum. Das Leben, das Gott uns anbietet, ist auch kein Tutorial, mit dem man etwas über die letzten Neuheiten erfahren kann. Die Rettung, die Gott uns schenkt, isteine Einladung zur Teilnahme an einer Liebesgeschichte, die sich mit unseren Geschichten verknüpft; sie lebt fort und will mitten unter uns geboren werden, damit wir dort, wo wir sind, wie wir sind und mit wem wir sind, fruchtbringen können. Dorthin kommt der Herr, um zu pflanzen und sich selbst einzupflanzen.«[138]

Dein Für-die-anderen-da-Sein

  1. Ich möchte mich nun der Berufung, verstanden im Sinn des Rufes zum missionarischen Dienst an den anderen, widmen. Wir sind vom Herrn gerufen, an seinem Schöpfungswerk teilzunehmen, indem wir mit den Fähigkeiten, die wir erhalten haben, unseren Beitrag zum Gemeinwohl leisten.
  2. Diese missionarische Berufung hat mit unserem Dienst an den anderen zu tun. Denn unser Leben auf Erden erreicht seine Fülle, wenn es zu einer Gabe wird. Ich möchte in Erinnerung rufen: »Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt.«[139]Folglich muss man bedenken: jede Pastoral ist Berufungspastoral, jede Ausbildung gilt der Berufung und jede Spiritualität hat mit Berufung zu tun.
  3. Deine Berufung besteht nicht bloß in der Arbeit, die du zu tun hast, auch wenn sie sich darin ausdrückt. Sie ist mehr, sie ist ein Weg, der viele Anstrengungen und Tätigkeiten auf das Dienen hin lenkt. Daher ist es bei der Beurteilung einer Berufung wichtig zu sehen, ob jemand in sich selbst die Fähigkeiten entdeckt, die für diesen besonderen Dienst an der Gesellschaft notwendig sind.
  4. Das verleiht diesen Aufgaben größeren Wert, weil sie aufhören, eine Summe von Tätigkeiten zu sein, die man verrichtet, um Geld zu verdienen, eine Arbeit zu haben oder den anderen zu gefallen. All das stellt eine Berufung dar, weil wir gerufen sind, weil es mehr ist als eine rein pragmatische Entscheidung unsererseits. Im Grunde bedeutet es anzuerkennen, wofür ich gemacht bin, wozu ich auf dieser Welt bin, welcher der Plan des Herrn für mein Leben ist. Er wird mir nicht alle Orte, Zeiten und Details zeigen, die ich klug aussuchen muss; es gibt aber in meinem Leben eine Richtung, die Gott mir zeigen wird, weil er mein Schöpfer ist, mein Töpfer. Ich muss auf seine Stimme hören, um mich von ihm formen und führen zu lassen. Dann werde ich sein, was ich sein soll, getreu meiner eigenen Wirklichkeit.
  5. Um die eigene Berufung zu erfüllen, muss man alles, was man ist, entwickeln, wachsen lassen und fördern. Es geht nicht darum, sich selbst zu erfinden oder sich selbst aus dem Nichts zu erschaffen, sondern sich selbst im Lichte Gottes zu erkennen und das eigene Sein zum Blühen zu bringen: »Nach dem Plan Gottes ist jeder Mensch berufen, sich zu entwickeln; denn das ganze Leben ist eine Berufung.«[140]Deine Berufung hilft dir, dein Bestes zur Ehre Gottes und zum Wohl der anderen herauszuholen. Es geht nicht einfach darum, etwas zu tun, sondern es mit Sinn und Ziel zu tun. Diesbezüglich sagte der heilige Alberto Hurtado den jungen Menschen, dass sie sehr ernst auf den Kurs ihres Lebens bedacht sein müssen: »Auf einem Schiff wird ein nachlässiger Steuermann unverzüglich entlassen, weil er mit einer zu großen Verantwortung spielt. Und in unserem Leben, geben wir da auf den Kurs acht? Welcher ist dein Kurs? Sollte es nötig sein, diese Gedanken noch mehr zu vertiefen, bitte ich einen jeden von euch, dem Kurs höchste Wichtigkeit beizumessen. Denn den Kurs halten bedeutet einfach Erfolg haben; darin fehlgehen heißt einfach scheitern.«[141]
  6. Im Leben eines jungen Menschen ist dieses „Für-die-anderen-da-Sein“ normalerweise mit zwei Grundfragen verbunden: die Gründung einer neuen Familie und die Arbeit. Verschiedene Umfragen unter den Jugendlichen bestätigen ein aufs andere Mal, dass dies die beiden Hauptthemen sind, auf die sie mit Sorgen und Erwartungen zugleich sehen. Beide müssen Gegenstand eines besonderen Entscheidungsprozesses sein. Wir wollen sie kurz betrachten.

Liebe und Familie

  1. Die jungen Menschen verspüren sehr den Ruf zur Liebe und träumen davon, die passende Person zu treffen, um mit ihr eine Familie zu gründen und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Zweifellos ist es eine Berufung, die Gott selbst mittels Gefühlen, Wünschen und Träumen anbietet. Dieses Thema habe ich ausführlich im Apostolischen SchreibenAmoris laetitiabehandelt, und so lade ich alle jungen Menschen ein, besonders die Kapitel vier und fünf zu lesen.
  2. Gerne stelle ich mir vor, dass »zwei Christen, die heiraten, […] in ihrer Liebesgeschichte den Ruf des Herrn erkannt [haben]; die Berufung, aus zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, ein Fleisch, ein Leben werden zu lassen. Und das Sakrament der Ehe umhüllt diese Liebe mit der Gnade Gottes, verankert sie in Gott selbst. Dieses Geschenk, die Gewissheit dieses Rufes ist ein sicherer Ausgangspunkt, man braucht sich vor nichts zu fürchten; gemeinsam kann man alles bewältigen!«[142]
  3. In diesem Zusammenhang erinnere ich daran, dass Gott uns als geschlechtliche Wesen erschaffen hat. Er selbst »hat die Geschlechtlichkeit erschaffen, die ein wunderbares Geschenk für seine Geschöpfe ist«.[143]Innerhalb der Berufung zur Ehe müssen wir anerkennen und danken, dass »die Sexualität, die Geschlechtlichkeit ein Geschenk Gottes ist. Kein Tabu. Es ist ein Geschenk Gottes, ein Geschenk, das der Herr uns gibt. Es hat zwei Zwecke: einander lieben und Leben zeugen. Es ist eine Leidenschaft, es ist die leidenschaftliche Liebe. Die wahre Liebe ist leidenschaftlich. Die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, wenn sie leidenschaftlich ist, bringt dich dazu, dein Leben für immer zu geben. Immer. Das Leben mit Leib und Seele zu geben.«[144]
  4. Die Synode hat folgendes hervorgehoben: »Die Familie ist nach wie vor der wichtigste Bezugspunkt für junge Menschen. Kinder schätzen die Liebe und Fürsorge ihrer Eltern, familiäre Bindungen liegen ihnen am Herzen und sie hoffen, ebenfalls eine Familie gründen zu können. Die Zunahme von Trennungen, Scheidungen, Zweitehen und alleinerziehenden Eltern kann bei jungen Menschen zweifellos großes Leid und Identitätskrisen verursachen. Manchmal müssen sie Verantwortung übernehmen, die nicht altersgerecht ist und sie zwingt, früh erwachsen zu werden. Großeltern leisten hier oft mit ihrer Liebe und religiösen Erziehung einen entscheidenden Beitrag: Mit ihrer Weisheit sind sie ein entscheidendes Glied in der Beziehung zwischen den Generationen.«[145]
  5. Es stimmt, dass diese Schwierigkeiten, die sie in ihrer Herkunftsfamilie erleben, viele junge Menschen zu der Frage veranlassen, ob es sich lohnt, eine neue Familie zu gründen, treu zu sein, großherzig zu sein. Ich möchte euch sagen, dass es sich sicher lohnt, auf die Familie zu setzen. In ihr werdet ihr die besten Anreize finden, um zu reifen, und die schönsten Freuden, um sie zu teilen. Lasst nicht zu, dass euch die große Liebe geraubt wird. Lasst euch nicht von denen täuschen, die ein Leben in individualistischer Zügellosigkeit vorschlagen, das am Ende zur Isolation und schlimmsten Einsamkeit führt.
  6. Heute herrscht eine Kultur des Provisorischen. Sie ist eine Täuschung. Zu meinen, dass nichts endgültig sein kann, ist ein Betrug und eine Lüge. Oft »wird gesagt, die Ehe sei heute „aus der Mode“ gekommen. […] In der Kultur des Provisorischen, des Relativen predigen viele, das Wichtige sei, den Augenblick zu „genießen“; sich für das ganze Leben zu verpflichten, endgültige Entscheidungen […] zu treffen, sei nicht der Mühe wert […] Ich hingegen bitte euch, Revolutionäre zu sein; ich bitte euch, gegen den Strom zu schwimmen; ja in diesem Punkt bitte ich euch, gegen diese Kultur des Provisorischen zu rebellieren, die im Grunde meint, dass ihr nicht imstande seid, Verantwortung zu übernehmen; die meint, dass ihr nicht fähig seid, wirklich zu lieben.«[146]Ja, ich habe Vertrauen in euch, und daher ermutige ich euch, euch für die Ehe zu entscheiden.
  7. Auf die Ehe muss man sich vorbereiten. Dies erfordert, sich selbst zu erziehen, die besten Tugenden weiterzuentwickeln, vor allem die Liebe, die Geduld, die Fähigkeit zum Dialog und zum Dienen. Ebenso schließt es mit ein, die eigene Sexualität zu erziehen, damit sie immer weniger ein Mittel sei, den anderen zu gebrauchen, sondern immer mehr eine Fähigkeit, sich einer Person ganz zu schenken, in ausschließlicher und großzügiger Weise.
  8. Die Bischöfe Kolumbiens lehren uns: »Christus weiß, dass die Eheleute nicht perfekt sind und dass sie ihre Schwäche und Unbeständigkeit überwinden müssen, damit ihre Liebe wachsen und andauern kann. Daher schenkt er den Ehegatten seine Gnade, die Licht und Kraft zugleich ist, die sie ihren Plan für ihr Eheleben in Übereinstimmung mit dem Plan Gottes allmählich verwirklichen lässt.«[147]
  9. Wer nicht zur Ehe oder zum geweihten Leben gerufen ist, muss immer in Erinnerung behalten, dass die erste und wichtigste Berufung die in der Taufe empfangene Berufung ist. Die Alleinstehenden, auch wenn sie diese Lebensform nicht bewusst gewählt haben, können ein besonderes Zeugnis dieser Berufung auf ihrem Weg des persönlichen Wachstums geben.

Die Arbeit

  1. Die Bischöfe der Vereinigten Staaten von Amerika haben klar darauf hingewiesen, dass die Jugend beim Erreichen der Volljährigkeit »oft den Eintritt eines Menschen in die Arbeitswelt anzeigt. „Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?“ ist ein ständiges Gesprächsthema, weil die Arbeit einen Hauptteil ihres Lebens bildet. Für junge Erwachsene handelt es sich um eine sehr veränderliche Erfahrung, weil sie von einer Arbeit zur anderen wechseln und sogar von einer Laufbahn zur anderen. Die Arbeit kann diktieren, wie viel Zeit sie zur Verfügung haben, und bestimmen, was sie sich tun oder sich leisten können. Sie kann auch Art und Umfang der Freizeit bestimmen. Die Arbeit definiert und beeinflusst die Identität und das Selbstbild eines jungen Erwachsenen; sie ist einer der Hauptorte, an denen Freundschaften und andere Beziehungen entwickelt werden, weil sie gewöhnlich nicht allein verrichtet wird. Junge Männer und Frauen sprechen von der Arbeit als Erfüllung einer Aufgabe und als etwas, das Sinn verleiht. Die Arbeit ermöglicht es den jungen Erwachsenen, ihren tatsächlichen Bedürfnissen nachzukommen, aber was noch wichtiger ist, den Sinn und die Erfüllung ihrer Träume und Visionen zu suchen. Auch wenn die Arbeit ihnen nicht zur Erreichung ihrer Träume helfen mag, so ist für junge Erwachsene wichtig, eine Vision zu haben, zu lernen, wie man auf echt persönliche und erfüllende Weise arbeitet, und weiter Gottes Ruf zu erkennen zu suchen.«[148]
  2. Ich bitte die jungen Menschen, sich nicht zu erwarten, leben zu können, ohne zu arbeiten, während sie von der Hilfe anderer abhängig sind. Dies tut nicht gut, denn »die Arbeit ist eine Notwendigkeit, sie ist Teil des Sinns des Lebens auf dieser Erde, Weg der Reifung, der menschlichen Entwicklung und der persönlichen Verwirklichung. Den Armen mit Geld zu helfen muss in diesem Sinn immer eine provisorische Lösung sein, um den Dringlichkeiten abzuhelfen.«[149]Daraus folgt, dass »die christliche Spiritualität […] zusammen mit dem betrachtenden Staunen über die Geschöpfe, wie wir es beim heiligen Franziskus von Assisi finden, auch ein tiefes gesundes Verständnis der Arbeit entwickelt [hat], wie wir es zum Beispiel im Leben des seligen Charles de Foucauld und seiner Jünger antreffen können.«[150]
  3. Die Synode hat hervorgehoben, dass die Arbeitswelt ein Bereich ist, in dem junge Menschen »Formen der Ausgrenzung und Marginalisierung [erleben], die sich am stärksten und gravierendsten in der Jugendarbeitslosigkeit bemerkbar machen, die in einigen Ländern ein exorbitantes Niveau erreicht hat. Fehlende Arbeitsmöglichkeiten machen sie nicht nur arm, sondern beschneiden sie auch in ihrer Fähigkeit zu träumen und zu hoffen und nehmen ihnen die Möglichkeit, einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung zu leisten. In vielen Ländern ist diese Situation darauf zurückzuführen, dass gewisse Schichten in der jungen Bevölkerung unter anderem aufgrund von Defiziten im Bildungs- und Ausbildungssystem nicht über entsprechende berufliche Fähigkeiten verfügen. Häufig ist die prekäre Beschäftigungssituation, die junge Menschen trifft, eine Folge wirtschaftlicher Interessen, die Arbeitskraft ausbeuten.«[151]
  4. Dies ist eine sehr heikle Frage, welche die Politik als eine vordringliche Problematik ansehen muss, vor allem heute, da die rasante technologische Entwicklung zusammen mit einer obsessiven Arbeitskostenreduzierung schnell dazu führen kann, unzählige Arbeitsplätze durch Maschinen zu ersetzen. Es handelt sich um eine grundsätzliche Frage der Gesellschaft, denn die Arbeit stellt für einen jungen Menschen nicht bloß eine Tätigkeit dar, um ein Einkommen zu erhalten. Die Arbeit ist Ausdruck der menschlichen Würde, ein Weg der Reifung und der gesellschaftlichen Eingliederung, ein ständiger Ansporn, an Verantwortung und Kreativität zu wachsen, ein Schutz gegen die Neigung zum Individualismus und zur Bequemlichkeit wie auch eine Gelegenheit, Gott durch die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten zu verherrlichen.
  5. Nicht immer hat ein junger Mensch die Möglichkeit zu entscheiden, welche Arbeit er verrichten soll, für welche Aufgabe er seine Tatkraft und seine Talente einsetzen soll. Es gibt nämlich neben seinen Wünschen und noch mehr neben seinen Fähigkeiten und seiner Entscheidung die harten Grenzen der Wirklichkeit. Es stimmt, dass du nicht leben kannst, ohne zu arbeiten, und dass du manchmal das annehmen musst, was du findest. Doch darfst du nie deine Träume aufgeben, nie eine Berufung endgültig begraben, dich nie geschlagen geben. Suche immer weiter, wie du zumindest teilweise oder unvollständig das leben kannst, was du als eine echte Berufung erkannt hast.
  6. Wenn jemand entdeckt, dass Gott ihn zu etwas ruft, dass er für etwas gemacht ist – es kann die Krankenpflege sein, die Tischlerei, der Kommunikationsbereich, das Ingenieurwesen, das Unterrichten, die Kunst oder irgendeine andere Arbeit –, dann wird er in der Lage sein, seine besten Fähigkeiten opferbereit, großzügig und hingebungsvoll aufzubieten. Zu wissen, dass die Dinge nicht um des Machens willen getan werden, sondern weil sie einen Sinn haben als Antwort auf einen Ruf tief im Inneren unseres Seins, den anderen etwas zu geben – dies führt dazu, dass diese Tätigkeiten unserem Herz eine besondere Erfahrung von Erfüllung schenken. Eben das sagt uns das alte Buch Kohelet der Bibel: »So habe ich eingesehen: Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen« (3,22).

Berufungen zu einer besonderen Weihe

  1. Wenn wir von der Überzeugung ausgehen, dass der Heilige Geist weiter Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben weckt, können wir im Namen des Herrn voll Vertrauen „wieder die Netze auswerfen“. Wir können – und müssen – den Mut haben, zu jedem jungen Menschen zu sagen, dass er sich die Frage nach der Möglichkeit stellen soll, diesen Weg zu verfolgen.
  2. Manchmal habe ich jungen Menschen diesen Vorschlag gemacht, die mir dann in fast spöttischem Ton geantwortet haben: „Nein, wirklich, ich gehe nicht in diese Richtung.“ Jahre später waren dennoch einige von ihnen im Seminar. Der Herr hält sein Versprechen, die Kirche nicht ohne Hirten zu lassen, ohne die sie ihre Sendung weder leben noch erfüllen könnte. Und wenn manche Priester kein gutes Zeugnis geben, hört der Herr deswegen nicht auf zu berufen. Vielmehr verdoppelt er den Einsatz, weil er nicht davon ablässt, sich um seine geliebte Kirche zu kümmern.
  3. Wenn man sich für eine Berufung entscheiden muss, dann darf man nicht die Möglichkeit ausschließen, sich Gott im Priestertum zu weihen, im Ordensleben oder in anderen Formen des geweihten Lebens. Warum sollte man es ausschließen? Sei gewiss, wenn du einen Ruf Gottes erkennst und ihm folgst, dann wird es das sein, was dein Leben erfüllt.
  4. Jesus geht mitten unter uns, wie er es in Galiläa tat. Er geht auf unseren Straßen, er bleibt stehen und schaut uns in die Augen, ganz ohne Hast. Sein Ruf zieht an, fasziniert. Heute jedoch lassen die Unruhe und die schnelle Abfolge so vieler Reize, die auf uns einstürmen, keinen Raum für jene innere Ruhe, in der man den Blick Jesu wahrnimmt und seinen Ruf hört. In der Zwischenzeit erhältst du viele attraktive Angebote. Sie scheinen schön und aufregend, mit der Zeit aber lassen sie dich leer, müde und allein zurück. Lass nicht zu, dass dir das passiert, denn der Sog dieser Welt zieht dich auf eine sinnlose, richtungslose Bahn ohne klare Ziele und so werden viele deiner Mühen vergeudet. Suche vielmehr jene Räume der Ruhe und Stille, die es dir möglich machen, nachzudenken, zu beten, die Welt um dich herum klarer zu sehen. Dann wirst du zusammen mit Jesus erkennen können, welche deine Berufung auf dieser Erde ist.

NEUNTES KAPITEL
Die geistliche Unterscheidung

  1. Über die geistliche Unterscheidung im Allgemeinen habe ich bereits im Apostolischen SchreibenGaudete et exsultategehandelt. Erlaubt mir einige dieser Überlegungen wiederaufzugreifen und sie auf die Findung der eigenen Berufung in der Welt anzuwenden.
  2. Ich erinnere daran, dass alle, aber »besonders die jungen Menschen, einem ständigenZapping ausgesetzt sind. Man kann auf zwei oder drei Bildschirmen gleichzeitig navigieren und zugleich auf verschiedenen virtuellen Ebenen interagieren. Ohne die Weisheit der Unterscheidung können wir leicht zu Marionetten werden, die den augenblicklichen Trends ausgeliefert sind.«[152]Und »das erweist sich als besonders wichtig, wenn eine neue Situation in unserem Leben auftaucht und wir dann unterscheiden müssen, ob es neuer Wein ist, der von Gott kommt, oder aber eine trügerische Neuigkeit des Geistes der Welt oder des Geistes des Teufels«.[153]
  3. Diese geistliche Unterscheidung »schließt Vernunft und Besonnenheit mit ein, übersteigt sie aber; denn sie trachtet danach, das Geheimnis des einzigartigen und unwiederholbaren Plans zu erfassen, den Gott für jeden einzelnen Menschen hegt. […] Es geht um den Sinngehalt meines Lebens vor dem Vater, der mich kennt und liebt; es geht um den wahren Sinn meiner Existenz, die niemand besser kennt als er.«[154]
  4. In diesem Rahmen ist die Gewissensbildung zu verorten, die erlaubt, dass die geistliche Unterscheidung an Tiefe und Treue zu Gott wachse: »Die Bildung des Gewissens ist der Weg allen Lebens, auf dem man lernt, dieselben Gefühle wie Jesus Christus zu nähren, indem man sich die Kriterien seiner Entscheidungen und die Absichten seines Handelns zu eigen macht (vgl.Phil2,5).«[155]
  5. Diese Bildung beinhaltet, sich von Christus verwandeln zu lassen, und zugleich »eine gewohnheitsmäßige, von der Gewissenserforschung überprüfte Praxis des Guten: Eine Übung, bei der es nicht nur darum geht, Sünden auszumachen, sondern auch das Werk Gottes in der eigenen täglichen Erfahrung zu erkennen, in den Ereignissen der Geschichte und der Kulturen, in die man eingebunden ist, im Zeugnis so vieler anderer Männer und Frauen, die uns vorangegangen sind oder uns mit ihrer Weisheit begleiten. All dies hilft, in der Tugend der Klugheit zu wachsen und die globale Ausrichtung des Seins durch konkrete Entscheidungen in dem ruhigen Bewusstsein um die eigenen Gaben und Grenzen zu gestalten.«[156]

Wie erkennst du deine Berufung?

  1. Ein Ausdruck der geistlichen Unterscheidung ist das Bemühen um die Erkenntnis der eigenen Berufung. Dies ist eine Aufgabe, die Räume des Alleinseins und der Stille erfordert, weil es sich um eine sehr persönliche Entscheidung handelt, die niemand anders an unserer Stelle treffen kann: »Wenn auch der Herr auf verschiedene Weise zu uns spricht, inmitten unserer Arbeit, durch die anderen und in jedem Augenblick, so kann man doch nicht auf die Stille des Gebets verzichten, um seine Sprache besser wahrzunehmen, um die wirkliche Bedeutung von Eingebungen zu interpretieren, die wir zu empfangen glauben, um die Angst zu verlieren und um die Gesamtheit unserer eigenen Existenz im Licht Gottes wieder zusammenzufügen.«[157]
  2. Diese Stille der geistlichen Unterscheidung ist nicht eine Form der Absonderung, denn »wir müssen uns bewusst sein, dass die Unterscheidung im Gebet von einer Bereitschaft zum Hören ausgehen muss: auf den Herrn, auf die anderen, auf die Wirklichkeit selbst, die uns immer auf neue Weisen fordert. Nur wer bereit ist zu hören, besitzt die Freiheit, seine eigene partielle und unzulängliche Betrachtungsweise […] aufzugeben. So ist man wirklich bereit, den Ruf zu hören, der die eigenen Sicherheiten aufbricht und zu einem besseren Leben führt, weil es nicht genügt, dass alles soweit gut geht und ruhig ist. Vielleicht will Gott uns Größeres schenken, und wir in unserer bequemen Zerstreutheit merken es nicht.«[158]
  3. Wenn es darum geht, die eigene Berufung zu erkennen, ist es notwendig, sich verschiedene Fragen zu stellen. Man darf dabei nicht mit der Frage anfangen, wo man am meisten verdienen würde, oder wo man mehr Ruhm und soziales Ansehen erreichen könnte. Auch darf man nicht mit der Frage beginnen, welche Aufgaben einem am meisten Freude machen würden. Um sich nicht zu täuschen, muss man die Perspektive ändern und sich fragen: Kenne ich mich selbst über den Schein und meine Empfindungen hinaus? Weiß ich, was meinem Herzen Freude bereitet oder was es traurig stimmt? Welches sind meine Stärken und wo sind meine Schwachpunkte? Es folgen unmittelbar weitere Fragen: Wie kann ich besser dienen und der Welt und der Kirche nützlicher sein? Was ist mein Platz auf dieser Erde? Was hätte ich der Gesellschaft zu bieten? Daraus ergeben sich weitere sehr realistische Fragen: Habe ich die notwendigen Fähigkeiten, um diesen Dienst zu leisten? Oder könnte ich sie mir aneignen und entwickeln?
  4. Diese Fragen müssen nicht so sehr in Bezug auf sich selbst und die eigenen Neigungen gestellt werden, sondern vielmehr in Beziehung zu den anderen, im Hinblick auf sie, so dass die geistliche Unterscheidung das eigene Leben in Bezug auf die anderen ausrichtet. Deshalb möchte ich an die entscheidende Frage erinnern: »Oft im Leben verlieren wir Zeit, uns zu fragen: „Aber, wer bin ich?“ Aber du kannst dich fragen, wer du bist, und das ganze Leben mit der Suche verbringen, wer du bist. Aber frage dich: „Für wenbinich da?“«[159] Du bist für Gott da, ohne Zweifel. Aber er hat gewollt, dass du auch für die anderen da bist, und hat viele Qualitäten, Neigungen, Gaben und Charismen in dich hineingelegt, die nicht für dich sind, sondern für die anderen.

Der Ruf des Freundes

  1. Um die eigene Berufung zu finden, muss man erkennen, dass diese der Ruf eines Freundes ist: Jesus. Den Freunden schenkt man, wenn man ihnen ein Geschenkt macht, das Beste. Und dies ist nicht notwendigerweise die teuerste oder am schwierigsten zu beschaffende Sache, sondern jene, von der wir wissen, dass sie dem anderen Freude bereiten wird. Ein Freund hat eine so klare Wahrnehmung davon, dass er sich in seiner Einbildungskraft das Lächeln des Freundes beim Öffnen des Geschenks vorstellen kann. Diese Erkenntnis der Freundschaft ist das, was ich den jungen Menschen als Vorbild vorschlage, wenn sie verstehen wollen, was der Wille Gottes für ihr Leben ist.
  2. Ich möchte, dass ihr wisst: Wenn der Herr an jeden Einzelnen denkt, an das, was er ihm schenken könnte, so denkt er an ihn als seinen persönlichen Freund. Und wenn er entschieden hat, dir eine Gnade zu schenken, ein Charisma, das dich dein Leben in Fülle leben lässt und dich in eine Person verwandelt, die für andere nützlich ist, in jemanden, der eine Spur in der Geschichte hinterlassen wird, so wird dies sicher etwas sein, was dich in deinem Innersten glücklich machen und mehr als alles andere auf dieser Welt begeistern wird. Nicht weil das, was er dir geben will, ein außerordentliches oder seltenes Charisma ist, sondern weil es genau auf deine Bedürfnisse zugeschnitten sein wird, zugeschnitten auf dein ganzes Leben.
  3. Das Geschenk der Berufung wird ohne Zweifel ein forderndes Geschenk sein. Die Geschenke Gottes sind interaktiv und, um sie zu nutzen, muss man sich einbringen, ein Risiko eingehen. Dennoch wird dies nicht ein Erfordernis einer von jemand von außen auferlegten Pflicht sein, sondern etwas, das dich antreiben wird, zu wachsen und Entscheidungen zu treffen, damit dieses Geschenk reift und zu einer Gabe für die anderen wird. Wenn der Herr eine Berufung erweckt, denkt er nicht nur an das, was du bist, sondern an all das, was du zusammen mit ihm und den anderen wirst werden können.
  4. Die Macht des Lebens und die Kraft der eigenen Persönlichkeit nähren sich gegenseitig im Inneren jedes jungen Menschen und treiben ihn an, über alle Grenzen hinaus zu gehen. Dies geschieht aus Unerfahrenheit heraus, wird aber recht bald zu einer Erfahrung, die oftmals schmerzhaft ist. Es ist wichtig, diese Sehnsucht nach dem »Unendlichen des noch nicht erprobten Beginns«[160]mit der bedingungslosen Freundschaft in Berührung zu bringen, die Jesus uns anbietet. Noch vor jedem Gesetz und jeder Pflicht lädt uns Jesus ein, uns zur Nachfolge zu entscheiden, so wie Freunde einander folgen, aufsuchen und sich aus reiner Freundschaft treffen. Alles Übrige kommt danach und sogar die Erlebnisse des Versagens werden ein unschätzbares Erfahrungsgeschenk dieser Freundschaft sein, die niemals auseinandergeht.

Zuhören und Begleitung

  1. Es gibt Priester, Ordensleute, Laien, Fachkräfte und qualifizierte junge Menschen, die Jugendliche bei ihrer Berufungsfindung begleiten können. Wenn wir einem anderen helfen sollen, seinen Lebensweg zu finden, steht an erster Stelle das Zuhören. Dieses Zuhören setzt ein dreifaches Einfühlungsvermögen bzw. drei verschiedene, sich ergänzende Arten der Aufmerksamkeit voraus.
  2. Daserste Einfühlungsvermögenoder die erste Aufmerksamkeit gilt der Person. Es geht darum, dem anderen zuzuhören, der sich uns selbst in seinen Worten schenkt. Das Zeichen dieses Zuhörens ist die Zeit, die ich dem anderen widme. Es ist nicht eine Frage der Quantität, sondern, dass der andere spürt, dass meine Zeit ihm gehört: die Zeit, die er braucht, um mir das zum Ausdruck zu bringen, was er will. Er muss spüren, dass ich ihm bedingungslos zuhöre, ohne mich angegriffen zu fühlen, ohne Anstoß zu nehmen, ohne gereizt oder müde zu sein. Von dieser Art ist das Zuhören des Herrn, wenn er neben den Jüngern von Emmaus einhergeht und sie ein gutes Stück lang auf dem Weg begleitet, der entgegen der richtigen Richtung verlief (vgl. Lk24,13-35). Als Jesus so tut, als ob er weitergehen müsse, weil die beiden zu Hause angekommen sind, verstehen sie, dass er ihnen seine Zeit geschenkt hatte und in diesem Augenblick schenken sie ihm die ihre, indem sie ihm Gastfreundschaft bieten. Dieses aufmerksame und selbstlose Zuhören zeigt den Wert, den die andere Person für uns über ihre Vorstellungen und ihre Lebensentscheidungen hinaus hat.
  3. Daszweite Einfühlungsvermögenoder die zweite Aufmerksamkeit besteht im Unterscheiden. Es geht darum, die richtige Stelle zu finden, an der man die Gnade von der Versuchung unterscheidet. Denn manchmal sind die Dinge, die unsere Vorstellungskraft durchziehen, nur Versuchungen, die uns von unserem wahren Weg abbringen. Hier muss ich mich fragen, was genau diese Person mir sagt, was sie mir sagen will, was sie mich von dem, was ihr geschieht, verstehen lassen möchte. Es sind Fragen, die helfen zu verstehen, wie sich die Themen untereinander verbinden, die den anderen bewegen, und das Gewicht und den Rhythmus seiner von dieser Logik her beeinflussten Gefühle zu spüren. Dieses Zuhören ist darauf ausgerichtet, die heilbringenden Worte des guten Geistes zu erkennen, der uns die Wahrheit des Herrn bietet, aber auch die Fallen des bösen Geistes zu sehen, seine Täuschungen und seine Verführungen. Man muss den notwendigen Mut, das Gefühl und die Feinfühligkeit haben, um dem anderen zu helfen, die Wahrheit und die Täuschungen oder Vorwände zu erkennen.
  4. Dasdritte Einfühlungsvermögenoder die dritte Aufmerksamkeit besteht im Hören auf die Anregungen, die den anderen antreiben. Es ist das tiefe Zuhören, „wohin der andere wirklich gehen möchte“. Über das hinaus, was er in der Gegenwart spürt oder denkt und das, was er in der Vergangenheit getan hat, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das, was er gerne sein würde. Manchmal verlangt dies, dass die Person nicht so sehr auf das schaut, was ihr gefällt, auf ihre oberflächlichen Wünsche, sondern auf das, was dem Herrn wohlgefälliger ist, seinen Lebensplan, der sich in einer Herzensneigung ausdrückt, die über die äußere Schale der Vorlieben und Gefühle hinausgeht. Dieses Zuhören ist Aufmerksamkeit für die letzte Absicht, die diejenige ist, die schließlich über das Leben entscheidet, weil es jemanden wie Jesus gibt, der diese letzte Absicht des Herzens versteht und schätzt. Daher ist er immer bereit, jedem zu helfen, sie zu erkennen, und es genügt ihm, dass ihm jemand sagt: „Herr, rette mich! Habe Erbarmen mit mir!“
  5. Nur dann wird die geistliche Unterscheidung zu einem starken Werkzeug, um dem Herrn besser zu folgen.[161]Auf diese Weise erlangt die Sehnsucht nach der Erkenntnis der eigenen Berufung eine höchste Intensität, eine andere Qualität und eine höhere Ebene, die viel besser der Würde des Lebens entspricht. Denn letztlich ist die gute geistliche Unterscheidung ein Weg zur Freiheit, der diese einzigartige Wirklichkeit jeder Person zum Vorschein bringt, jene Wirklichkeit, die so zu ihr gehört, so persönlich ist, dass nur Gott sie kennt. Die anderen können von außen weder voll verstehen noch voraussehen, wie sie sich entwickeln wird.
  6. Wenn daher der eine dem anderen in dieser Weise zuhört, muss er ab einem gewissen Punkt verschwinden, um den anderen den Weg gehen zu lassen, den er entdeckt hat. Entschwinden, wie der Herr den Blicken seiner Jünger entschwand und sie mit dem Brennen im Herzen hinterließ, das zum unwiderstehlichen Drang wird, sich auf den Weg zu machen (vgl.Lk24, 31-33). Bei der Rückkehr in die Gemeinschaft sollten die Jünger von Emmaus die Bestätigung erhalten, dass der Herr wahrhaft auferstanden ist (vgl. Lk 24,34).
  7. Da »die Zeit mehr wert ist als der Raum«[162], müssen wir Prozesse in Gang bringen und begleiten, nicht Wege vorschreiben. Und es geht um Prozesse in Personen, die immer einzigartig und frei sind. Daher ist es schwierig, Rezeptsammlungen zu erstellen, auch wenn alle Zeichen positiv sind, denn »es geht darum, gerade bei den positiven Faktoren eine sorgfältige Gewichtung vorzunehmen, damit sie sich nicht voneinander absondern und durch ihre Verabsolutierung und gegenseitige Bekämpfung in Gegensatz zueinander geraten. Dasselbe gilt von den negativen Faktoren, sie dürfen nicht pauschal und unterschiedslos zurückgewiesen werden, denn in jedem von ihnen kann irgendein Wert verborgen sein, der darauf wartet, freigelegt und wieder zu seiner vollen Wahrheit gebracht zu werden.«[163]
  8. Um aber die anderen auf diesem Weg zu begleiten, ist es vor allem notwendig, dass du darin geübt bist, ihn selbst zu beschreiten. Maria hat dies getan und sich ihren Fragen und Schwierigkeiten gestellt, als sie sehr jung war. Möge sie deine Jugend mit der Kraft ihres Gebets erneuern und dich immer mit ihrer mütterlichen Gegenwart begleiten.

* * *

Zum Abschluss … ein Wunsch

  1. Liebe junge Menschen, es wird meine Freude sein, euch schneller laufen zu sehen als jene, die langsam und ängstlich sind. Lauft »angezogen von jenem so sehr geliebten Antlitz, das wir in der heiligsten Eucharistie anbeten und im Fleisch der leidenden Brüder und Schwestern erkennen. Der Heilige Geist möge euch bei diesem Lauf antreiben. Die Kirche bedarf eures Schwungs, eurer Intuitionen, eures Glaubens. Wir brauchen das! Und wenn ihr dort ankommt, wo wir noch nicht angekommen sind, habt bitte die Geduld, auf uns zu warten.«[164]

Loreto, beim Heiligtum des Heiligen Hauses, am 25. März, dem Hochfest der Verkündigung des Herrn, im Jahr 2019, dem siebten des Pontifikats.

FRANZISKUS
[1] Das griechische Wort für „neu“ wird auch im Sinne von „jung“ benutzt.

[2] Hl. Augustinus, Bekenntnisse, X, 27, 38: PL 32, 795.

[3] Hl. Irenäus von Lyon, Adversus haereses, II, 22, 4: PG 7, 784.

[4] Abschlussdokument der XV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode, 60. In der Folge wird es einfach „Abschlussdokument“ genannt.

[5] Katechismus der Katholischen Kirche, 515.

[6] Ebd., 517.

[7] Katechese bei der Generalaudienz am 27. Juni 1990: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 20 (1990), Nr. 27 (6. Juli 1990), 2.

[8] Apostolisches Schreiben Amoris laetitiae (19. März 2016), 182: AAS 108 (2016), 384.

[9] Abschlussdokument, 63.

[10] Botschaft an die Menschheit: An die Jugend (8. Dezember 1965): AAS 58 (1966), 18.

[11] Ebd.

[12] Abschlussdokument, 1.

[13] Ebd., 8.

[14] Ebd., 50.

[15] Ebd., 53.

[16] Vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei verbum, 8.

[17] Abschlussdokument, 150.

[18] Ansprache bei der Gebetsvigil mit den Jugendlichen beim 34. Weltjugendtag in Panama (26. Januar 2019)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6, (1. Februar 2019), 14.

[19] Gebet am Ende des Kreuzwegs beim 34. Weltjugendtag in Panama (25. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6, (1. Februar 2019), 12.

[20] Abschlussdokument, 65.

[21] Ebd., 167.

[22] Hl. Johannes Paul II., Ansprache vor Jugendlichen in Turin (13. April 1980), 4: Insegnamenti 3, 1 (1980), 905.

[23] Benedikt XVI., Botschaft zum 27. Weltjugendtag (15. März 2012): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 42 (2012), Nr. 14/15 (6. April 2012), 15.

[24] Abschlussdokument, 8.

[25] Ebd.

[26] Ebd., 10.

[27] Ebd., 11.

[28] Ebd., 12.

[29] Ebd., 41.

[30] Ebd., 42.

[31] Ansprache an die Jugendlichen in Manila (18. Januar 2015)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 45 (2015), Nr. 4 (23. Januar 2015), 11.

[32] Abschlussdokument, 34.

[33]Vgl. Dokument des Vorbereitungstreffens für die XV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode (24. März 2018), I, 1.

[34] Abschlussdokument, 39.

[35] Ebd., 37.

[36] Vgl. Enzyklika Laudato si (24. Mai 2015), 106: AAS 107 (2015), 889-890.

[37] Abschlussdokument, 37.

[38] Ebd., 67.

[39] Ebd., 21.

[40] Ebd., 22.

[41] Ebd., 23.

[42] Ebd., 24.

[43] Dokument des Vorbereitungstreffens für die XV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode (24. März 2018), I, 4.

[44] Abschlussdokument, 25.

[45] Ebd.

[46] Ebd., 26.

[47] Ebd., 27.

[48] Ebd., 28.

[49] Ebd., 29.
[50]  Ansprache zum Abschluss der Konferenz „Der Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ (24. Februar 2019)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 9/10 (1. März 2019), 10.

[51] Abschlussdokument, 29.

[52] Schreiben an das ganze Volk Gottes (20. August 2018), 2: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 48 (2018), Nr. 34 (24. August 2018), 6.

[53] Abschlussdokument, 30.

[54] Ansprache zur Eröffnung der XV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (3. Oktober 2018)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 48 (2018), Nr. 41 (12. Oktober 2018), 3.

[55] Abschlussdokument, 31.

[56] Ebd.

[57] Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1.

[58] Abschlussdokument, 31.

[59] Ebd.

[60]  Ansprache zum Abschluss der Konferenz „Der Schutz von Minderjährigen in der Kirche“ (24. Februar 2019)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 9/10 (1. März 2019), 12.

[61] Francisco Luis Bernárdez, Sonett „Si para recobrar lo recobrado“ in: Cielo de tierra, Buenos Aires, 1937.

[62] Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate (19. März 2018), 140.

[63] Homilie bei der Eucharistiefeier zum 31. Weltjugendtag in Krakau (31. Juli 2016): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46 (2016), Nr. 32/33 (12. August 2016), 16.
[64]  Ansprache bei der Eröffnungsfeier des 34. Weltjugendtags in Panama (24. Januar 2019)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6, (1. Februar 2019), 10.

[65] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 1: AAS 105 (2013), 1019.

[66] Ebd., 3: a.a.O., 1020.
[67]  Ansprache bei der Gebetsvigil mit den Jugendlichen beim 34. Weltjugendtag in Panama (26. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49, Nr. 5/6, (1. Februar 2019), 14.

[68] Ansprache bei der Begegnung mit Jugendlichen während der Bischofssynode (6. Oktober 2018): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 48 (2018), Nr. 42 (19. Oktober 2018), 7.

[69] Benedikt XVI., Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), 1: AAS 98 (2006), 217.

[70] Pedro Arrupe, Enamórate.

[71] Hl. Paul VI., Ansprache bei der Seligsprechung von Nunzio Sulprizio (1. Dezember 1963): AAS 56 (1964), 28.

[72] Abschlussdokument, 65.

[73] Hl. Paul VI., Homilie bei der heiligen Messe mit den Jugendlichen in Sydney (2. Dezember 1970): AAS 63 (1971), 64.

[74] Hl. Augustinus, Bekenntnisse, I, 1, 1: PL 32, 661.

[75] Gott ist jung. Ein Gespräch mit Thomas Leoncini, Freiburg i. Br. 2018, 16.

[76] Abschlussdokument, 68.

[77] Begegnung mit den Jugendlichen in Cagliari (22. September 2013): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 43 (2013), Nr. 40 (4. Oktober 2013), 7.

[78] Hoffnungswege. Botschaft der Freude aus dem Gefängnis, Vallendar 2008, 23

[79] Schweizer Bischofskonferenz, Zeit für dich – Zeit für mich – Zeit für uns (2. Februar 2018).

[80] Vgl. hl. Thomas von Aquin, Summa Theologiae II-II, q. 23, art. 1.

[81] Ansprache an die ehrenamtlichen Helfer des 34. Weltjugendtags in Panama (27. Januar 2019): L’Osservatore Romano (it.), 28.-29. Januar 2019, 11.

[82] Hl. Óscar Romero, Predigt (6. November 1977): Su pensamiento, I-II, San Salvador, 312.

[83] Ansprache bei der Eröffnungsfeier des 34. Weltjugendtags in Panama (26. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6 (1. Februar 2019), 9.

[84] Vgl. Begegnung mit den Jugendlichen im Nationalheiligtum Maipú, Santiago de Chile (17. Januar 2018)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 48 (2018), Nr. 4 (26. Januar 2018), 10.

[85] Vgl. Romano Guardini, Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung, Würzburg 31955, 20.

[86] Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate (19. März 2018), 11.

[87] Das Lied der Liebe, Vorrede, 2, Einsiedeln 41992, 10.

[88] Ebd., XIV-XV, 2, Einsiedeln 41992, 90.

[89] Ruandische Bischofskonferenz, Letter of the Catholic Bishops of Rwanda for Christians in the Extraordinary Year of Reconciliation, Kigali (18. Januar 2018), 17.

[90] Grußwort an die Jugendlichen des „Centro Cultural Padre Félix Varela“ in Havanna (20. September 2015): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 45 (2015), Nr. 39 (25. September 2019), 16.

[91] Abschlussdokument, 46.

[92] Ansprache bei der Vigilfeier mit den Jugendlichen beim 27. Weltjugendtag in Rio de Janeiro (27. Juli 2013)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 43 (2013), Nr. 32/33 (9. August 2013), 7.

[93] Hl. Alberto Hurtado SJ, Ustedes son la luz del mundo. Discurso en el Cerro San Cristóbal, Chile, 1940:https://www.padrealbertohurtado.cl/escritos-2/.

[94] Predigt bei der Messe zum 27. Weltjugendtag in Rio de Janeiro (28. Juli 2013): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 43 (2013), Nr. 32/33 (9. August 2013), 7.

[95] Koreanische Bischofskonferenz, Pastoralschreiben anlässlich des 150. Jubiläums des Martyriums während der Byeong-in Verfolgung (30. März 2016).

[96] Vgl. Homilie in der Messfeier beim 34. Weltjugendtag in Panama (27. Januar 2019)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6 (1. Februar 2019), 4.

[97] Gebet „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ (vielfach dem heiligen Franziskus zugeschrieben).

[98] Ansprache bei der Gebetsvigil mit den Jugendlichen beim 34. Weltjugendtag in Panama (26. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6 (1. Februar 2019), 14.

[99] Abschlussdokument, 14.

[100] Vgl. Enzyklika Laudato si’ (24. Mai 2015), 145: AAS 107 (2015), 906.

[101] Videobotschaft zum Welttreffen der indigenen Jugend in Panama (17.-21. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 4 (25. Januar 2019), 6.

[102] Abschlussdokument, 35.

[103] Vgl. hl. Basilius der Grosse, Ad adolescentes, I, 2: PG 31, 565.

[104] Vgl. Papa Francisco y amigos, La sabiduría de los años, Bilbao 2018.

[105] Ebd., 12.

[106] Ebd., 12.

[107] Ebd., 13.

[108] Ebd.

[109] Ebd., 162-163.

[110] Eduardo Pironio, Botschaft an die argentinischen Jugendlichen bei der nationalen Jugendbegegnung in Cordoba (12.-15. September 1985), 2.

[111] Abschlussdokument, 123.

[112] Romano Guardini, Das Wesen des Christentums / Die neue Wirklichkeit des Herrn, Mainz 71991, 14.

[113] Nr. 165: AAS 105 (2013), 1089.

[114] Ansprache beim Besuch im Sozialzentrum „Casa Hogar Buen Samaritano“ in Panama (27. Januar 2019)L’Osservatore Romano (it.), 28./29. Januar 2019, 10.

[115] Abschlussdokument, 36.

[116] Vgl. Apostolische Konstitution Veritatis Gaudium (8. Dezember 2017), 4: AAS 110 (2018), 7-8.

[117] Ansprache bei der Begegnung mit Studenten und Vertretern der akademischen Welt auf der Piazza San Domenico in Bologna (1. Oktober 2017): AAS 109 (2017), 1115.

[118]Abschlussdokument, 51.

[119] Ebd., 47.

[120] Sermo 256, 3: PL 38, 1193.

[121] Abschlussdokument, 47.

[122] Ansprache an die Delegation der „Special Olympics“ Weltwinterspiele 2017 (16. Februar 2017): L’Osservatore Romano(dt.), Jg. 47, Nr. 8 (24. Februar 2017), 4.

[123] Ad Adolescentes, 6: PG 31, 580.

[124] Argentinische Bischofskonferenz, Declaración de San Miguel, Buenos Aires 1969, X, 1.

[125] Rafael Tello, La nueva evangelización, Band II (Anhang I und II), Buenos Aires, 2013, 111.

[126] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 44-45: AAS 105 (2013), 1038-1039.

[127] Abschlussdokument, 70.

[128] Ebd., 117.

[129] Ebd., 4.

[130] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 124: AAS 105 (2013), 1072.

[131] Ebd., 122: a.a.O., 1071.

[132] Abschlussdokument, 9.

[133] Dokument des Vorbereitungstreffens für die XV. Ordentliche Generalversammlung der Bischofssynode (24. März 2018), 12.

[134] Ebd., 10

[135] Abschlussdokument, 15.

[136] Nr. 2.

[137] Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 11.

[138] Ansprache bei der Gebetsvigil mit den Jugendlichen beim 34. Weltjugendtag in Panama (26. Januar 2019): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 49 (2019), Nr. 5/6 (1. Februar 2019), 14.

[139] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 273: AAS 105 (2013), 1130.

[140] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 15: AAS 59 (1967), 265.

[141] Meditación de Semana Santa para jóvenes (Betrachtungen zur Karwoche für Jugendliche, geschrieben an Bord eines Frachtschiffes auf der Rückfahrt von den USA, 1946).
[142]  Begegnung mit den Jugendlichen Umbriens in Assisi (4. Oktober 2013)L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 43 (2013), Nr. 41 (11. Oktober 2013), 14.

[143] Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia (19. März 2016), 150: AAS 108 (2016), 369.

[144] Ansprache an eine Gruppe Jugendlicher aus der Diözese Grenoble-Vienne (17. September 2018): L’Osservatore Romano(it.), 19. September 2018, 8.

[145] Abschlussdokument, 32.
[146]  Begegnung mit den freiwilligen Helfern beim 28. Weltjugendtag in Rio de Janeiro (28. Juli 2013)L’Osservatore Romano(dt.), Jg. 43 (2013), Nr. 32/33 (9. August 2013), 20.

[147] Kolumbianische Bischofskonferenz, Mensaje Cristiano sobre el matrimonio (14. Mai 1981).

[148]Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten von Amerika, Sons and Daughters of Light: A Pastoral Plan for Ministry with Young Adults (12. November 1996), I, 3.

[149] Enzyklika Laudato si (24. Mai 2015), 128: AAS 107 (2015), 898.

[150] Ebd., 125: a.a.O., 897.

[151] Abschlussdokument, 40.

[152] Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate  (19. März 2018), 167.

[153] Ebd., 168.

[154] Ebd., 170.

[155] Abschlussdokument, 108.

[156] Ebd., 172.

[157] Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate (19. März 2018), 171.

[158] Ebd., 172.

[159] Ansprache bei der Gebetsvigil in Vorbereitung auf den 34. Weltjugendtag, Basilika Santa Maria Maggiore, Rom (8. April 2017):L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 47 (2017), Nr. 15/16 (14. April 2017), 3.

[160] Romano Guardini, Die Lebensalter. Ihre ethische und pädagogische Bedeutung, Würzburg 31955, 20.

[161] Vgl. Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate (19. März 2018), 169.

[162] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 222: AAS 105 (2013), 1111.

[163] Hl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis (25. März 1992), 10: AAS 84 (1992), 672.

[164] Gebetsvigil mit Jugendlichen aus Italien am Circus Maximus in Rom (11. August 2018): L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 48 (2018), Nr. 34 (24. August 2018), 9.

Hat Papst Franziskus im Dokument „über die Brüderlichkeit aller Menschen“ die allein GOTT-gewollte Religion geleugnet?

Vorausgehend das wichtigste Zitat aus dem „DOKUMENT ÜBER DIE BRÜDERLICHKEIT ALLER MENSCHEN FÜR EIN FRIEDLICHES ZUSAMMENLEBEN IN DER WELT„, in dem der betreffende Passus enthalten ist: dass der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion einem weisen göttlichen Willen entspreche.

Dieses Dokument bekräftigt im Einklang mit den vorausgehenden Internationalen Dokumenten, die die Wichtigkeit der Rolle der Religionen im Aufbau des weltweiten Friedens hervorgehoben haben, das Folgende:

–    Die feste Überzeugung, dass die wahren Lehren der Religionen dazu einladen, in den Werten des Friedens verankert zu bleiben; dass sie dazu anregen, die Werte des gegenseitigen Kennens, der Brüderlichkeit aller Menschen und des allgemeinen Miteinanders zu vertreten; dass sie darauf hinwirken, dass die Weisheit, die Gerechtigkeit und die Nächstenliebe wiederhergestellt werden und der Sinn für die Religiosität unter den jungen Menschen wiedererweckt wird, um die neuen Generationen vor der Vorherrschaft des materialistischen Gedankenguts, vor der Gefahr der politischen Handlungsweisen der Gier nach maßlosem Gewinn und vor der Gleichgültigkeit zu schützen, die alle auf dem Gesetz der Kraft und nicht auf der Gesetzeskraft begründet sind.

–    Die Freiheit ist ein Recht jedes Menschen: ein jeder genießt Bekenntnis-, Gedanken-, Meinungs- und Handlungsfreiheit. Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat. Diese göttliche Weisheit ist der Ursprung, aus dem sich das Recht auf Bekenntnisfreiheit und auf die Freiheit, anders zu sein, ableitet. Deshalb wird der Umstand verurteilt, Menschen zu zwingen, eine bestimmte Religion oder eine gewisse Kultur anzunehmen wie auch einen kulturellen Lebensstil aufzuerlegen, den die anderen nicht akzeptieren.

 

Wenn man diesen Abschnitt aus dem «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt» vorurteilsfrei aufmerksam und nachdenklich liest, kann man eigentlich keine Falschheit oder Irrlehre darin finden.

In allen Religionen gibt es wahre Lehren; aber es gibt nicht mehrere wahre Religionen. Gott hat den Menschen so erschaffen, dass er Willensfreiheit genießt. Er zwingt den Menschen nicht, an IHN zu glauben, IHM zu gehorchen. Er gewährt ihm in Seiner Weisheit Zeit, IHN auch über Irrwege zu finden, IHN wahrhaft kennen zu lernen und dann die einzig wahre Religion schließlich voll anzunehmen.

Gottes WILLE ist es, dass ALLE MENSCHEN ALLES annehmen und leben/erfüllen, was ER ihnen offenbart und geboten hat; und das heißt, dass sie alle letztlich alles annehmen, alles glauben, was ER durch Seinen Sohn JESUS CHRISTUS geoffenbart, gelehrt und festgesetzt hat. Aber es ist Sein weiser göttlicher WILLE, dass ER ihnen die FREIHEIT gibt und lässt, Seinen WILLEN zeit ihres Lebens zu erfüllen oder nicht.

Papst Franziskus leugnet demnach mit diesem Dokument nicht, dass die katholisch-christliche Religion DIE EINZIGE VON GOTT GEWOLLTE RELIGION ist.

Paul O. Schenker

Athanasius Schneider: „Die Vielfalt der Religionen ist nicht gottgewollt“

Weihbischof Athanasius Schneider über den Glanz der Gotteskindschaft

DER CHRISTLICHE GLAUBE IST DIE EINZIG GÜLTIGE RELIGION UND DER EINZIGE VON GOTT GEWOLLTE GLAUBE

Der christliche Glaube ist die einzig gültige Religion und der einzige von Gott gewollte Glaube. Msgr. Athanasius Schneider, Weihbischof des Erzbistums Astana in Kasachstan, veröffentlichte nach der jüngsten Reise von Papst Franziskus in die Vereinigten Arabischen Emirate eine Stellungnahme. Darin korrigiert er die Aussagen von Franziskus, daß der religiöse Pluralismus dem „weisen, göttlichen Willen“ entspreche, also gottgewollt sei. So hatte es Franziskus in Abu Dhabi erklärt, und so steht es in einem „Dokument für die universale Brüderlichkeit“, das er zusammen mit dem Großimam von Al-Azhar unterzeichnete.

 

Das Geschenk der Gotteskindschaft

Die Wahrheit der Gotteskindschaft in Christus, die an sich übernatürlich ist, bildet die Synthese aller göttlichen Offenbarungen. Die Gotteskindschaft ist immer ein Geschenk der Gnade, das erhabenste Geschenk Gottes an die Menschheit. Dieses Geschenk wird jedoch nur durch den persönlichen Glauben an Christus und durch den Empfang der Taufe erlangt, wie der Herr selbst gesagt hat:

„Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, daß ich dir sagte: Ihr müßt von neuem geboren werden“ (Joh 3,5-7).

In den vergangenen Jahrzehnten gab es oft – sogar aus dem Mund einiger Vertreter der kirchlichen Hierarchie – Aussagen zur Theorie der „anonymen Christen“. Diese Theorie besagt folgendes: Die Mission der Kirche in der Welt würde letztendlich darin bestehen, das Bewußtsein zu wecken, das alle Menschen von ihrer Errettung in Christus und folglich ihrer Gotteskindschaft hätten. Denn nach dieser Theorie würde jeder Mensch bereits in der Tiefe seiner Person die Gotteskindschaft besitzen. Eine solche Theorie widerspricht jedoch direkt der göttlichen Offenbarung, wie Christus sie gelehrt hat, und wie seine Apostel und die Kirche seit zweitausend Jahren unveränderlich und ohne jeden Zweifel überliefert haben.

In seinem Essay „Die Kirche aus Juden und Heiden“ (1933) hatte der bekannte Konvertit und Exeget, Erik Peterson, schon lange zuvor vor der Gefahr einer solchen Theorie gewarnt , als er erklärte, daß wir das Christsein nicht auf die natürliche Ordnung reduzieren können, in der die Früchte der Erlösung, die von Jesus Christus gewirkt wurde, generell jedem Menschen als eine Art Erbschaft zugeschrieben werden, nur weil er die Menschennatur mit dem menschgewordenen Wort teile. Die Gotteskindschaft ist jedoch kein automatisches Ergebnis, das durch die bloße Zugehörigkeit zur Menschheit garantiert wird.

Der heilige Athanasius (vgl. Oratio contra Arianos II, 59) hinterließ uns eine einfache und zugleich genaue Erklärung des Unterschieds zwischen dem natürlichen Zustand der Menschen als Geschöpfe Gottes und der Herrlichkeit, Kinder Gottes in Christus zu sein. Der heilige Athanasius entfaltet sein Denken, indem er von den Worten des heiligen Evangeliums nach Johannes ausgeht, das sagt:

„Allen aber, die ihn aufnahmen, / gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, / allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, / nicht aus dem Willen des Fleisches, / nicht aus dem Willen des Mannes, / sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13).

Johannes verwendet den Ausdruck „aus Gott geboren“, um zu sagen, daß der Mensch nicht von Natur aus ein Kind Gottes ist, sondern durch Adoption wird. Diese Tatsache zeigt die Liebe Gottes, da derjenige, der ihr Schöpfer ist, dann durch die Gnade auch zu ihrem Vater wird. Dies geschieht, wie der Apostel sagt, wenn Menschen in ihrem Herzen den Geist des menschgewordenen Sohnes empfangen, der in ihnen ruft: „Abba, Vater!“ Der heilige Athanasius fährt fort, indem er sagt: Als erschaffene Wesen können die Menschen Kinder Gottes ausschließlich durch den Glauben und die Taufe werden, indem sie den Geist des wahren und natürlichen Sohnes Gottes empfangen. Genau aus diesem Grund ist das Wort fleischgeworden, um die Menschen fähig zu machen, als Kinder adoptiert zu werden und an der göttlichen Natur teilzuhaben. Folglich ist Gott von Natur aus im strengen Sinne nicht der Vater der Menschen. Nur wer bewußt Christus annimmt und getauft wird, wird in der Wahrheit rufen können: „Abba, Vater“ (Röm 8,15, Gal 4,6).

Von Anfang an gab es in der Kirche die Feststellung, wie Tertullian bezeugt:

„Man wird nicht als Christ geboren, ein Christ wird man“ (Apg. 18, 5).

Und der hl. Cyprian von Karthago hat diese Wahrheit gesichert formuliert:

„Gott kann nicht zum Vater haben, wer nicht die Kirche zur Mutter hat“ (De unit. 6).

Die dringlichste Aufgabe der Kirche in unserer heutigen Zeit ist es, sich um den geistigen Klimawandel und das Klima der geistigen Migration zu kümmern, damit das Klima des Nicht-Glaubens an Jesus Christus und das Klima der Ablehnung des Königtums Christi in ein Klima umgewandelt werden des ausdrücklichen Glaubens an Jesus Christus und der Annahme seines Königtums, und daß die Menschen aus dem Elend der geistigen Sklaverei des Nicht-Glaubens emigrieren können zum Glück, Kinder Gottes zu sein, und aus einem Leben in der Sünde in den Stand der heiligmachenden Gnade. Das sind die Migranten, derer wir uns dringend annehmen müssen.

Das Christentum ist die einzige von Gott gewollte Religion, daher kann das Christentum niemals komplementär neben andere Religionen gestellt werden. Wer die These vertritt, daß Gott die Vielfalt der Religionen wolle, verletzt die Wahrheit der göttlichen Offenbarung, wie sie im Ersten Gebot des Dekalogs unmißverständlich bekräftigt wir. Nach dem Willen Christi muß der Glaube an Ihn und Seine göttliche Lehre die anderen Religionen ersetzen , jedoch nicht mit Gewalt, sondern mit einer liebevollen Überzeugung, wie es der Lobgesang des Christkönigsfestes ausdrückt:

„Non Ille regna cladibus, non vi metuque subdidit: alto levatus stipite, amore traxit omnia“(„Nicht mit dem Schwert, der Kraft und der Angst unterwirft Er die Völker, sondern erhöht am Kreuz zieht Er alles liebend an sich“).

„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ (Joh 14,6).

Der menschgewordene Sohn Gottes hat gelehrt, daß es außerhalb des Glaubens an Ihn keine wahre Religion geben kann, die Gott gefällt:

„Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Joh 10, 9).

Gott hat allen Menschen ausnahmslos geboten, auf seinen Sohn zu hören:

„Dies ist mein geliebter Sohn; auf Ihn sollt ihr hören“ (Mk 9,7).

Gott hat nicht gesagt: „Sie können Meinem Sohn oder anderen Religionsstiftern zuhören, da es Mein Wille ist, daß es verschiedene Religionen gibt.“

Gott hat die Anerkennung der Religion anderer Götter verboten:

„Du sollst neben mir keine anderen Götter haben“ (Ex 20,3) und „Was haben denn Gerechtigkeit und Gesetzwidrigkeit miteinander zu tun? Was haben Licht und Finsternis gemeinsam? Was für ein Einklang herrscht zwischen Christus und Beliar? Was hat ein Gläubiger mit einem Ungläubigen gemeinsam? Wie verträgt sich der Tempel Gottes mit Götzenbildern?“ (2 Kor 6,14-16).

Wenn die anderen Religionen gleichermaßen dem Willen Gottes entsprechen würden, hätte es zur Zeit von Moses keine göttliche Verurteilung der Religion des goldenen Kalbes gegeben (siehe Ex 32, 4-20). Dann könnten die heutigen Christen die Religion eines neuen goldenen Kalbes ungestraft kultivieren, da nach dieser Theorie alle Religionen ebenso gottgefällig wären.

Gott gab den Aposteln und durch sie der Kirche für alle Zeiten den feierlichen Befehl, alle Völker und die Anhänger aller Religionen in dem einen wahren Glauben zu unterweisen, sie zu lehren, alle seine göttlichen Gebote zu beachten und sie zu taufen (siehe Mt 28,19-20). Seit die Apostel und der erste Papst zu predigen begonnen haben, hat die Kirche immer verkündet, daß es in keinem anderen Namen eine Erlösung gibt, das heißt, es gibt keinen anderen Glauben unter dem Himmel durch den Menschen gerettet werden können, außer im Namen und Glauben an Jesus Christus (siehe Apostelgeschichte 4, 12).

Mit den Worten des heiligen Augustinus lehrte die Kirche zu allen Zeiten:

„Nur die christliche Religion weist den für alle offenen Weg für das Heil der Seele. Ohne sie wird niemand gerettet. Dies ist der Königsweg, denn er allein führt nicht zu einem Reich das durch irdische Höhe schwankt, sondern zu einem dauerhaften Reich in der stabilen Ewigkeit“ (De civitate Dei, 10, 32,1).

Die folgenden Worte des großen Papstes Leo XIII. bezeugen dieselbe, zu allen Zeiten unveränderliche Lehre des Lehramts, indem er versicherte:

„Der große moderne Irrtum des religiösen Indifferentismus und der Gleichheit aller Kulte ist der geeignetste Weg, alle Religionen zu vernichten und vor allem die katholische, die als einzig wahre nicht ohne enorme Ungerechtigkeit in ein Bündel mit den anderen zusammengenommen werden kann“ (Enzyklika Humanum genus , Nr. 16).

In jüngster Zeit hat das Lehramt im Dokument „Dominus Iesus“ (6. August 2000) im Wesentlichen dieselbe unveränderliche Lehre vorgelegt, aus der wir relevante Aussagen zitieren:

„Der theologale Glaube, die Annahme der durch den einen und dreifaltigen Gott geoffenbarten Wahrheit, wird deswegen oft gleichgesetzt mit der inneren Überzeugung in den anderen Religionen, mit religiöser Erfahrung also, die noch auf der Suche nach der absoluten Wahrheit ist und der die Zustimmung zum sich offenbarenden Gott fehlt. Darin liegt einer der Gründe für die Tendenz, die Unterschiede zwischen dem Christentum und den anderen Religionen einzuebnen, ja manchmal aufzuheben“(Nr. 7). „Im Gegensatz zum christlichen und katholischen Glauben stehen jedoch Lösungsvorschläge, die ein Heilswirken Gottes außerhalb der einzigen Mittlerschaft Christi annehmen“ (Nr. 14). „Nicht selten wird der Vorschlag gemacht, in der Theologie Ausdrücke wie »Einzigkeit«, »Universalität« oder »Absolutheit« zu vermeiden, weil dadurch der Eindruck entstünde, die Bedeutung und der Wert des Heilsereignisses Jesu Christi würde gegenüber den anderen Religionen in übertriebener Weise betont. In Wirklichkeit bringen diese Worte nur die Treue zum Offenbarungsgut zum Ausdruck, weil sie sich aus den Glaubensquellen selbst ergeben“ Nr. 15). „Aus dem Gesagten geht klar hervor, daß es dem katholischen Glauben widerspräche, die Kirche als einen Heilsweg neben jenen in den anderen Religionen zu betrachten, die komplementär zur Kirche, ja im Grunde ihr gleichwertig wären, insofern sie mit dieser zum eschatologischen Reich Gottes konvergierten“ (Nr. 21). Die Glaubenswahrheit schließt zugleich radikal jene Mentalität des Indifferentismus aus, die „durchdrungen ist von einem religiösen Relativismus, der zur Annahme führt, daß ‚eine Religion gleich viel gilt wie die andere’“ (Nr. 22).

Die Apostel und unzählige christliche Märtyrer aller Zeiten, besonders die der ersten drei Jahrhunderte, hätten sich das Martyrium erspart, wenn sie gesagt hätten: „Die heidnische Religion und ihr Kult ist ein Weg, der auch dem Willen Gottes entspricht“. Es hätte beispielsweise kein christliches Frankreich gegeben, „die älteste Tochter der Kirche“, wenn der heilige Remigius dem König der Franken, Chlodwig, gesagt hätte: „Du darfst deine heidnische Religion nicht aufgeben; du kannst die Religion Christi zusammen mit deiner heidnischen Religion praktizieren“. In Wirklichkeit sagte der heilige Bischof anderes, und das sogar auf sehr strenge Weise: „Liebe, was du verbrannt hast, und verbrenne, was du geliebt hast!“

Eine wahre universale Brüderlichkeit kann nur in Christus existieren, das heißt zwischen getauften Personen. Die volle Ehre der Gotteskindschaft wird nur in der seligen Schauung Gottes im Himmel erreicht, wie es die Heilige Schrift lehrt:

„Seht, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Die Welt erkennt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat. Liebe Brüder, jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, daß wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1 Joh 3, 1-2).

Keine Autorität auf Erden – nicht einmal die höchste Autorität der Kirche – hat das Recht, jeden Anhänger einer anderen Religion vom expliziten Glauben an Jesus Christus zu dispensieren, das heißt vom Glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes und einzigen Erlöser der Menschen, mit der Versicherung, daß die verschiedene Religionen als solche von Gott selbst gewollt seien. Denn unauslöschlich – weil mit dem Finger Gottes geschrieben und kristallklar in seiner Bedeutung – bleiben jedoch die Worte des Sohnes Gottes:

„Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat“ (Joh 3, 18).

Diese Wahrheit war bis jetzt in allen christlichen Generationen gültig und wird bis zum Ende der Zeiten gültig bleiben, ungeachtet der Tatsache, daß einige Personen in der Kirche unserer Zeit so instabil, feige, sensationsgierig und konformistisch sind, diese Wahrheit in einem entgegengesetzten Wortsinn umzuinterpretieren, aber diese Neuinterpretation als Kontinuität in der Entwicklung der Lehre ausgeben.

Außerhalb des christlichen Glaubens kann keine andere Religion ein wahrer und von Gott gewollter Weg sein, weil es der ausdrückliche Wille Gottes ist, daß alle Menschen an Seinen Sohn glauben:

„Denn es ist der Wille meines Vaters, daß alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben und daß ich sie auferwecke am Letzten Tag“ (Joh 6,40).

Außerhalb des christlichen Glaubens ist keine andere Religion imstande, das wahre übernatürliche Leben zu vermitteln:

„Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast“ (Joh 17, 3).

8. Februar 2019

+ Athanasius Schneider
Weihbischof der Erzdiözese der Allerheiligsten Jungfrau Maria in Astana

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Quelle

Geschichtliche Einführung: Die Normen des Motu Proprio „Sacramentorum Sanctitatis Tutela“ (2001)

Sacramentorum sanctitatis tutela, 30 aprile 2001: Diritto Sostanziale. Delitti contro l’Eucaristia e la Penitenza. Abuso sessuale di minori.

Die Normen des Motu Proprio
SACRAMENTORUM SANCTITATIS TUTELA“ (2001)

GESCHICHTLICHE EINFÜHRUNG
(zusammengestellt von der Kongregation für die Glaubenslehre)

  

Der Codex des kanonischen Rechts, der von Papst Benedikt XV. im Jahr 1917 promulgiert wurde, kannte eine bestimmte Anzahl von kanonischen Straftaten oder „Delikten“, die der ausschließlichen Kompetenz der Hl. Kongregation des Heiligen Offiziums vorbehalten waren, welches als Gericht über ein Eigenrecht verfügte (vgl. can. 1555 CIC 1917).

Wenige Jahre nach Promulgation des Codex von 1917 erließ das Hl. Offizium eine Instruktion, „Crimen sollicitationis“ (1922), die den einzelnen Diözesen und Gerichten detaillierte Anweisungen bezüglich der Verfahrensschritte gab, die bei der Behandlung des kanonischen Delikts der Sollicitatio anzuwenden waren. Diese äußerst schwerwiegende Straftat besteht im Missbrauch der Heiligkeit und Würde des Bußsakramentes durch einen katholischen Priester, der einen Pönitenten zu einer Sünde gegen das sechste Gebot, mit dem Beichtvater oder mit einer dritten Person, anstiftet. Die Bestimmungen von 1922 hatten eine Anpassung der Weisungen der Apostolischen Konstitution „Sacramentorum Poenitentiae“, die 1741 von Papst Benedikt XIV. promulgiert worden war, im Lichte des neuen Codex des kanonischen Rechts zum Ziel. Dabei waren verschieden Aspekte zu thematisieren, insbesondere musste die Besonderheit des Straftatbestandes (mit seinen aus Sicht des staatlichen Strafrechts weniger bedeutsamen Konnotationen) aufgezeigt werden. Der Respekt vor der Würde des Sakramentes, die Unverletzlichkeit des Beichtgeheimnisses, die Würde des Pönitenten und die Tatsache, dass in vielen Fällen der beschuldigte Priester zu all dem, was mutmaßlich geschehen war, nicht befragt werden konnte, ohne das Beichtgeheimnis zu gefährden, waren zu behandeln. Dieses besondere Verfahren gründete in einer indirekten Methode, um zu jener moralischen Gewissheit zu gelangen, die für eine endgültige Entscheidung des Falles notwendig ist. Diese indirekte Methode schloss Erkundigungen über die Glaubwürdigkeit der Person, die den Priester beschuldigt hatte, sowie zu Leben und Verhalten des beschuldigten Priesters ein. Die Beschuldigung selbst wurde als eine der schwersten Anschuldigungen gewertet, die man gegen einen katholischen Priester erheben konnte. Daher sorgte die Verfahrensordnung dafür, dass ein Priester, der möglicherweise Opfer einer falschen oder verleumderischen Anzeige geworden sein konnte, vor einer Rufschädigung geschützt wurde, solange seine Schuld nicht eindeutig bewiesen worden war. Das wurde durch eine strikte Geheimhaltung des Verfahrens gewährleistet, die alle beteiligten Personen bis zum Endurteil des kirchlichen Gerichtes vor ungebührender öffentlicher Aufmerksamkeit schützte.

Die Instruktion von 1922 enthielt einen kurzen Abschnitt, der einer anderen kanonischen Straftat gewidmet war: dem „crimen pessimum“, worunter man homosexuelle Handlungen eines Klerikers verstand. Dieser letzte Abschnitt legte fest, dass die besondere Verfahrensordnung für Fälle von sollicitatio auch bei diesem Straftatbestand angewandt werden sollte, freilich mit den notwendigen Anpassungen aufgrund der Natur des Falles. Die Normen bezüglich des „crimen pessimum“ wurden auch auf das widerliche Verbrechen des sexuellen Missbrauchs an vorpubertärern Kindern sowie auf sexuelle Handlungen mit Tieren (Sodomie) ausgedehnt.

Durch die Instruktion „Crimen sollicitationis“ war folglich niemals beabsichtigt, die gesamte Strategie der Katholischen Kirche im Bezug auf sexuelles Fehlverhalten des Klerus darzulegen, vielmehr sollte dadurch lediglich ein Verfahren festgelegt werden, das es ermöglichte, die gänzlich singuläre und besonders heikle Beichtsituation zu berücksichtigen, bei der gemäß göttlichen Rechts der vollständigen Öffnung der Seele auf Seiten des Pönitenten die Pflicht des Beichtvaters zur absoluten Verschwiegenheit entspricht. Erst nach und nach wurde dieses Verfahren durch analoge Anwendung auch auf bestimmte Fälle unmoralischen Verhaltens von Klerikern ausgedehnt. Die Überzeugung, dass eine umfassende gesetzliche Regelung bezüglich des sexuellen Verhaltens von Personen mit Erziehungsverantwortung notwendig ist, ist sehr jung. Es stellt daher einen schweren Fall von Anachronismus dar, kanonische Normen vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts unter dieser Perspektive bewerten zu wollen.

Die Instruktion von 1922 wurde jeweils an jene Bischöfe gesandt, die konkrete Fälle von sollicitatio, von homosexuellen Handlungen eines Klerikers, von sexuellem Kindesmissbrauch oder von Sodomie zu behandeln hatten. 1962 ordnete der selige Papst Johannes XXIII. einen Nachdruck der Instruktion von 1922 an und ergänzte sie hinsichtlich der Verwaltungsstrafverfahren in Fällen von Ordensklerikern. Ursprünglich war beabsichtigt, Exemplare dieser Neuauflage von 1962 an die Bischöfe, die zum II. Vatikanischen Konzil(1962-1965) versammelt waren, zu verteilen. Einige Exemplare des Nachdrucks wurden an Bischöfe ausgehändigt, die sich zwischenzeitlich mit Fällen, die dem Hl. Offizium vorbehalten waren, beschäftigen mussten. Der Großteil der Exemplare wurde jedoch niemals verteilt. Die vom II. Vatikanischen Konzil angestoßenen Erneuerungen erforderten auch eine Reform des Codex des kanonischen Rechts von 1917 sowie der Römischen Kurie. Der Zeitraum von 1965 bis 1983 (dem Jahr, in dem der neue Codex des kanonischen Rechts für die Lateinische Kirche veröffentlicht wurde) war gekennzeichnet durch verschiedenste Strömungen innerhalb der Kanonistik bezüglich den Zielsetzungen des kirchlichen Strafrechts und der Notwendigkeit einer dezentralen Behandlung der Fälle, mit Betonung der Autorität und des Urteilvermögens der Bischöfe vor Ort. Gegenüber unangebrachten Verhaltensweisen wurde eine „pastorale Herangehensweise“ bevorzugt; von manchen wurden kanonische Prozesse als anachronistisch angesehen. Häufig herrschte beim Umgang mit unangebrachten Verhaltensweisen von Klerikern ein „therapeutisches Modell“ vor. Man erwartete, dass der Bischof eher „heilen“ als „bestrafen“ sollte. Eine allzu optimistische Vorstellung in Bezug auf Erfolge psychologischer Therapien bestimmte viele Personalentscheidungen in den Diözesen und Ordensgemeinschaften, bisweilen wurde dabei die Möglichkeit eines Rückfalls nicht in entsprechender Weise bedacht.

In diesem Zeitraum wurde die Verantwortlichkeit für Fälle homosexuellen Fehlverhaltens von Klerikern von der Kongregation für die Glaubenslehre (dem ehemaligen Heiligen Offizium; der Namenswechsel erfolgte 1965) zur Kleruskongregation verlagert. Nach dem Codex des kanonischen Rechts von 1983 wird ein solches Fehlverhalten nicht mehr als kanonische Straftat bewertet, sofern es einvernehmlich zwischen Erwachsenen geschah und dadurch kein öffentlicher Skandal hervorgerufen wurde. An der Bewertung solcher Handlungen als unmoralisch hat sich hingegen nichts geändert. Fälle, die die Würde des Bußsakramentes betrafen, verblieben auch nach dem Konzil im Verantwortungsbereich der Glaubenskongregation. Für solche Fälle wurde auch weiterhin die Instruktion „Crimen sollicitationis“ angewandt, bis 2001 durch das Motuproprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ neue Normen in Kraft gesetzt wurden.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden der Kongregation für die Glaubenslehre zunächst nur wenige Fälle sexuellen Fehlverhaltens von Klerikern mit Minderjährigen angezeigt: Einige dieser Fälle waren verknüpft mit einem Missbrauch des Bußsakramentes; andere wurden im Rahmen eines Antrags für die Dispens von den Verpflichtungen der Priesterweihe einschließlich des Zölibates (im allgemeinen Sprachgebrauch wird diese Dispens zuweilen als „Laisierung“ bezeichnet) gemeldet. Diese Anträge wurden bis 1989 von der Glaubenskongregation bearbeitet (von 1989 bis 2005 lag die Kompetenz für diese Dispensen bei der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, seit 2005 ist nunmehr die Kleruskongregation für die Bearbeitung dieser Fälle zuständig.)

Der Codex des kanonischen Rechts, der 1983 von Papst Johannes Paul II. promulgiert wurde, erneuerte durch can. 1395 § 2 die gesetzliche Regelung dieser Materie: „Ein Kleriker, der sich auf andere Weise gegen das sechste Gebot des Dekalogs verfehlt hat, soll, wenn nämlich er die Straftat mit Gewalt, durch Drohungen, öffentlich oder an einem Minderjährigen unter sechzehn Jahren begangen hat, mit gerechten Strafen belegt werden, gegebenenfalls die Entlassung aus dem Klerikerstand nicht ausgenommen.“ Gemäß dem CIC von 1983 werden die Prozesse in den Diözesen durchgeführt. Berufungen gegen Gerichtsurteile konnten bei der Rota Romana eingelegt werden, Verwaltungsbeschwerden gegen Strafdekrete waren hingegen an die Kleruskongregation zu richten.

1994 gewährte der Heilige Stuhl den US-amerikanischen Bischöfen ein Indult, mit dem das Alter für die kirchenrechtliche Straftat des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger auf 18 Jahre angehoben wurde. Des Weiteren wurde die Verjährungsfrist auf 10 Jahre, gerechnet ab dem 18. Geburtstag des Opfers, ausgedehnt. Die Bischöfe wurden ausdrücklich angewiesen, kirchliche Strafprozesse in den Diözesen durchzuführen. Über Berufungen zu entscheiden, blieb der Rota Romana vorbehalten. Verwaltungsbeschwerden waren an die Kleruskongregation zu richten. Auf die traditionelle Zuständigkeit des Heiligen Offiziums für diese Fälle wurde in diesen Jahren (1994-2001) in keiner Weise Bezug genommen.

Das Indult von 1994 für die USA wurde 1996 auf Irland ausgeweitet. Inzwischen wurde in der Römischen Kurie über die Frage eines speziellen Verfahrens für die Missbrauchsfälle beraten. Papst Johannes Paul II. entschied schließlich, dass der von einem Kleriker begangene sexuelle Missbrauch eines Minderjährigen unter 18 Jahren in die neue Liste der der Glaubenskongregation zur Behandlung vorbehaltenen Straftaten aufgenommen werden sollte. Die Verjährungsfrist für diese Fälle wurde auf 10 Jahre, beginnend mit dem 18. Geburtstag des Opfers, festgesetzt. Das neue Gesetz, ein Motuproprio mit dem Titel „Sacramentorum sanctitatis tutela“, wurde am 30. April 2001 promulgiert. Ein Brief, der von Kardinal Joseph Ratzinger und Erzbischof Tarcisio Bertone, dem Präfekten bzw. dem Sekretär der Glaubenskongregation, unterzeichnet war, wurde am 18. Mai 2001 an alle Bischöfe der Katholischen Kirche gesandt. Durch diesen Brief wurden die Bischöfe über das neue Gesetz und die neue Verfahrensordnung informiert, die an die Stelle der Instruktion „Crimen sollicitationis“ traten.

In diesem Schreiben wurde zuerst aufgezeigt, welche die schwerwiegenderen Straftaten sowohl gegen die Sitten als auch bei der Feier der Sakramente sind, die der Kongregation zur Behandlung vorbehalten sind; des Weiteren wurde auf die besonderen Verfahrensnormen hingewiesen, die bei Fällen, die diese schweren Straftaten betreffen, zu beachten sind, einschließlich der diesbezüglichen Normen zur Festsetzung und Verhängung der kanonischen Strafmaßnahmen.

Die der Glaubenskongregation reservierten delicta graviora wurden folgendermaßen aufgelistet:

1.      Straftaten gegen die Heiligkeit des erhabensten Eucharistischen Opfers und Sakramentes:

a.       Das Entwenden oder Zurückbehalten der konsekrierten Gestalten in sakrilegischer Absicht oder deren Wegwerfen (can. 1367 CIC; can. 1442 CCEO).

b.      Der Versuch, das eucharistische Opfer zu feiern, oder die Vortäuschung dieser Feier (can. 1378 § 2,1° und can. 1379 CIC; can. 1443 CCEO).

c.       Die verbotene Konzelebration mit Amtsträgern von kirchlichen Gemeinschaften, welche die apostolische Sukzession nicht besitzen und die sakramentale Würde der Priesterweihe nicht kennen (cann. 908 u. 1365 CIC; cann. 702 u. 1440 CCEO).

d.      Die in sakrilegischer Absicht erfolgte Konsekration einer oder beider eucharistischer Gestalten innerhalb oder außerhalb der Eucharistiefeier (vgl. can. 927 CIC)

2.      Straftaten gegen die Heiligkeit des Bußsakramentes:

a.       Die Lossprechung des Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs (can. 1378 § 1 CIC; can. 1457 CCEO).

b.      Die Verführung zu einer Sünde gegen das sechste Gebot des Dekalogs bei der Spendung oder bei Gelegenheit oder unter dem Vorwand der Beichte, sofern sie auf das Begehen der Sünde mit dem Beichtvater selbst abzielt (can. 1387 CIC1458 CCEO).

c.       Die direkte Verletzung des Beichtgeheimnisses (can. 1388 § 1 CIC; can. 1456 CCEO).

3.      Schließlich im Bereich der Straftaten gegen die Sitten:

Die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot des Dekalogs mit einem minderjährigen unter 18 Jahren (vgl. can. 1395 § 2 CIC).

Auf die verfahrensrechtlichen Normen, die bei diesen Fällen zu befolgen sind, wurde in folgender Weise aufmerksam gemacht:

–        Wann immer der Ordinarius oder Hierarch eine mindestens wahrscheinliche Nachricht über eine schwerwiegendere Straftat erhält, muss er nach Durchführung einer Voruntersuchung die Kongregation für die Glaubenslehre darüber informieren. Wenn die Kongregation den Fall nicht aufgrund besonderer Umstände an sich zieht, teilt sie dem Ordinarius oder dem Hierarchen mit, wie weiter vorzugehen ist, unbeschadet des Rechts, gegebenenfalls gegen ein Urteil erster Instanz an das Oberste Gericht der Kongregation zu appellieren.

–        Für die strafrechtliche Verfolgung der Straftaten, die der Glaubenskongregation vorbehalten sind, wurde eine Verjährungsfrist von 10 Jahren festgesetzt. Zugleich wurde festgelegt, dass die Verjährung gemäß den Bestimmungen von can. 1362 § 2 CIC bzw. von can. 1152 § 3 CCEO läuft, mit der einzigen Ausnahme, dass bei der Straftat gegen das sechste Gebot mit Minderjährigen die Verjährung erst mit dem Tag zu laufen beginnt, an dem der Minderjährige das 18. Lebensjahr vollendet hat.

–        Bei den Gerichten der Ordinarien bzw. Hierarchen können in diesen Fällen nur Priester die Ämter des Richters, des Kirchenanwalts, des Notars und des Parteibeistandes (Anwalts) gültig ausüben. Sobald die Sache bei einem Gericht wie auch immer entschieden worden ist, müssen von Amts wegen die gesamten Akten des Verfahrens umgehend an die Kongregation für die Glaubenslehre übersandt werden.

Außerdem wurde festgelegt, dass alle Gerichte sowohl der Lateinischen Kirche als auch der Katholischen Ostkirchen die strafrechtlichen und strafprozessrechtlichen Bestimmungen des für sie jeweils maßgeblichen Codex sowie die ihnen von der Glaubenskongregation übermittelten Sondernormen zu beachten haben.

Neun Jahre nach Promulgation des Motuproprio „Sacramentorum sanctitatis tutela“ hielt die Kongregation für die Glaubenslehre, um die Anwendung des Gesetzes zu verbessern, die Einführung einiger Änderungen an diesen Normen für notwendig, ohne dass freilich der Text in seiner Gesamtheit, sondern lediglich in einigen Teilen abgeändert werden sollte.

Nach eingehender Prüfung und intensiver Beratung der vorgeschlagenen Änderungen haben die Mitglieder der Kongregation für die Glaubenslehre das Ergebnis ihrer Beratungen dem Papst unterbreitet, der es guthieß und mit Entscheidung vom 21. Mai 2010 die Promulgation anordnete.

Die derzeit geltende Fassung der Normen bezüglich der der Glaubenskongregation zur Beurteilung vorbehaltenen Straftaten ist also jene, die von Papst Benedikt XVI. am 21. Mai 2010 approbiert wurde.

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Quelle