Die Förderung der wahren Religionseinheit

Papst Pius XI. 1922

Enzyklika Papst Pius XI.  – entnommen der Schweizerischen Kirchenzeitung Nr. 3 und 4, 1928

Ehrwürdige Brüder! Gruß und Apostolischen Segen!

Die Menschenherzen sind vielleicht noch nie von einem so lebehaften Verlangen erfüllt gewesen wie in unseren Tagen, zum gemeinsamen Beten der menschlichen Gesellschaft die brüderlichen Bande zu verstärken und zu erweitern, durch die wir untereinander verbunden sind dank unseres gemeinsamen Ursprungs und der gleichen Natur. Denn da die Völker die Gaben des Friedens noch nicht voll genießen und vielmehr da und dort alte und neue Gegensätze in Bürgerkriegen und Aufständen sich Luft machen; da andererseits die vielen Zwistigkeiten, die das Wohlergehen und die Ruhe der Völker bedrohen, in den meisten Fällen nicht ohne die einträchtige und zielbewusste Arbeit der Regierungen beigelegt werden können, denen die Interessen der Staaten anvertraut sind, so ist zu verstehen, dass weite Kreise eine engere Verbindung zwischen den Nationen anstreben, gestützt auf die Brüderlichkeit und die nunmehr allgemein anerkannte Einheit des Menschengeschlechtes.

Manche suchen eine solche Einigung auch bezüglich der von unserem Herrn Jesus Christus eingesetzten neutestamentlichen Gesetzesordnung herbeizuführen. Sie gehen dabei aus von der Überzeugung, dass Menschen ohne Religiosität eine große Seltenheit sind und scheinen hieraus die Hoffnung zu schöpfen, dass die Völker, obwohl in Sachen der Religion verschiedener Meinung, doch ohne Schwierigkeit im Bekenntnis einiger weniger Lehren sich einigen könnten, auf einer gemeinsamen Basis des religiösen Lebens. Zu diesem Behufe veranstalten sie Kongresse, Vereinigungen, Konferenzen und laden dazu wahllos einen weiten Kreis von Personen zur Diskussion ein: Heiden aller Schattierungen, Christen und selbst unglückliche Apostaten und verstockte Leugner der Gottheit Jesu Christi und seiner göttlichen Sendung. Solche Versuche können sicherlich nicht die Apporbation von Katholiken finden, da sie auf der irrigen Lehre beruhen, dass alle Religionen mehr oder minder gleich lobenswürdig und gut seien, da sie in zwar verschiedener Weise, nur der Ausdruck des allen angeborenen Gefühls seien, durch das wir zu Gott emporgehoben und zur ehrfurchtsvollen Anerkennung seiner Oberhoheit bewogen werden. Die Anhänger einer solchen Theorie sind aber nicht nur in Täuschung und Irrtum befangen, sondern weisen die wahre Religion zurück, verfälschen deren Begriff und verfallen unversehens dem Naturalismus und dem Atheismus. Daraus folgt offenbar, dass alle, die solchen Theorien und Versuchen ihre unbedingte Zustimmung geben, sich gänzlich von der von Gott geoffenbarten Religion lossagen.

Bei diesem Unternehmen zur Förderung der Einheit zwischen den Christen lassen sich manche durch gewisse Scheinargumente täuschen. Ist es denn nicht recht — so wiederholt man immer wieder –, ja ist es nicht geradezu eine Pflicht, dass alle, die den Namen Christi tragen, sich gegenseitiger Verketzerung enthalten und endlich einmal unter sich die Bande der Liebe knüpfen? Und wie kann sich der Liebe Christi rühmen, wer nicht aus allen Kräften den Wunsch dessen zu erfüllen trachtet, der den Vater bat, dass seine Jünger „eins“ (Joh. 17, 21) seien? Und wollte nicht auch der selbe Jesus Christus, dass seine Jünger sich vor den anderen Menschen unterschieden und auszeichneten eben durch dasselbe Merkmal gegenseitiger Liebe: „Daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet“ (Joh. 13, 35)? Gäbe doch Gott, sagt man weiter, dass alle Christen „eins“ wären; sie wären dann viel besser imstande, die Pest der Gottlosigkeit zu bezwingen, die alle Tage mehr herumschleicht und sich verbreitet und das Evangelium zu entkräften droht.

Solche und ähnliche Argumente führen die sogenannten Panchristen an. Sie bilden nicht etwa nur einige kleine und seltene Gruppen, sondern sie sind viemehr zu ganzen Heerscharen angewachsen, die in weitverbreiteten Vereinen organisiert sind und zumeist unter der Leitung akatholischer Führer stehen, auch wenn sie in Glaubensfragen verschiedener Meinung sind. Und dieses Unterfangen wird mit einer solchen Geschäftigkeit gefördert, dass es an verschiedenen Orten zahlreiche Anhänger findet und sogar viele Katholiken mit der lockenden Hoffnung gewinnt, es werde gelingen, eine Einigung herbeizuführen, die den Wünschen der heiligen Mutterkirche selbst zu entsprechen scheint, der gewiss nichts so sehr am Herzen liegt als die Rückkehr ihrer irrenden Kinder in ihren Schoß. Aber unter diesen verführerischen Schmeicheleien und gleisnerischen Worten verbirgt sich ein schwerer, die Fundamente des katholischen Glaubens unterminierender Irrtum.

Es ist für Uns eine Amts- und Gewissenspflicht, dafür zu sorgen, dass die Herde Christi nicht durch gefährliche Illusionen verführt werde, und deshalb machen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, auf diese große Gefahr aufmerksam, da Wir der Überzeugung leben, dass durch Euer schriftliches und mündliches Wort die Grundsätze und die Schlüsse, die Wir im folgenden darlegen werden, leichter ins Volk gelangen und von ihm verstanden werden. So werden die Katholiken wissen, wie sie die Frage einer körperlichen Einigung aller Christen zu einem Bunde zu beurteilen und wie sie sich zu ihr zu stellen haben.

Gott, Schöpfer des Universums, erschuf uns, damit wir ihn erkennen und ihm dienen. Daraus folgt, dass er das volle Recht auf unseren Dienst hat. Freilich hätte Gott für die Regierung der Menschen bloß das Naturgesetz, das er mit der Schöpfung selbst eingeschrieben hat in unser Herz, vorschreiben und mit seiner ordentlichen Vorsehung den Fortschritt dieses Gesetzes leiten können. Er hat aber tatsächlich vorgezogen, uns positive Gesetze aufzuerlegen und im Laufe der Jahrhunderte, von der Erschaffnung des Menschengeschlechtes bis zur Ankunft und zur Predigt Jesu Christi, wollte er selbst den Menschen die Pflichten lehren, die die vernünftigen Geschöpfe ihrem Schöpfer schulden: Da Gott vor Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu den Vätern gesprochen, hat er zuletzt in diesen Tagen durch den Sohn zu uns geredet“ (Hebr. 1 1). Es ist deswegen klar, dass es keine wahre Religion geben kann, außer der, welche auf dem geoffenbarten Wort Gottes sich aufbaut. Die Offenbarung, die von Anfang an gegeben und unter dem Alten Bund fortgesetzt wurde, hat Jesus Christus durch den Neuen Bund vollendet. Hat aber Gott gesprochen — und die Geschichte bezeugt, dass er tatsächlich gesprochen hat –, dann ist es klasre Pflicht des Menschen, dem sich offenbarenden Gott bedingungslos zu glauben und seinem Befehl sich zu unterwerfen. Damit wir aber dies tun könnlten, hat der eingeborene Sohn Gottes auf Erden seine Kirche gegründet. Alle, die sich noch als Christen bekennen, müssen doch annehmen dass Christus irgendeine Kirche, und zwar eine einzige Kirche gegründet hat. Fragt man aber dann, wie diese Kirche beschaffen sein müsse, so gehen die Meinungen auseinander. Recht viele beispielsweise leugnen, dass die Kirche Chisti sichtbar sein müsse, insofern nämlich die Körperschaft der Gläubigen als eine erscheinen und alle Gläbigen in derselben Lehre und unter demselben Lehramt und Hirtenamt geeint sein müssten. Sie verstehen unter der Sichtbarkeit der Kirche nichts weiter, als einen, die verschiedenen Gemeinschaften umschließenden Verband, wenn auch diese Gemeinschaften verschiedene, widersprechende Lehren vertreten. Christus der Herr hat aber seine Kirche als eine vollkommene Gesellschaft gegründet, die ihrer Natur nach sinnlich wahrnehmbar ist, damit sie in der Zukunft das Werk der Erlösung des Menschengeschlechts fortsetze, unter der Leitung eines einzigen Oberhauptes (Mt. 16, 18 ff.; Luc. 22, 32; Joh. 21, 15-17) durch das lebendige Lehrwort (Marc, 16, 15), durch die Spendung der hl. Sakramente, diesen Quellen der göttlichen Gnade (Joh. 3, 5, 6, 48-59; 20, 22 ff., cf. Mc. 18, 18 usw.) Deswegen verglicht auch Christus seine Kirche mit einer Herde (Joh. 10, 16), mit einem Hause (Mt. 16, 18), einem Reiche (Mt. 13). Diese Kirche, so wunderbar eingerichtet, konnte nach dem Tode ihres Stifters und der Apostel absolut nicht aufhören zu existieren, denn ihr war die Aufgabe anvertraut, alle Menschen aller Zeiten und der ganzen Welt zur ewigen Seligkeit zu führen: „Gehet hin und lehret alle Völker“ (Mr. 18, 19). Sollte der Kirche die Kraft zur Erfüllung dieser Aufgabe ausgehen, da ihr doch stets Christus selbst zur Seite steht, der ihr feierlich versprach: Siehe, ich bin bei euch bid ans Ende der Zeiten“ (Mt. 28, 20)?

Die Kirche Christi muss also nicht nur heute, morgen und immer existieren, sondern sie muss existieren gerade so wie sie zur apostolischen Zeit existierte, will man nicht die Absurdität aufstellen, dass Christus seinen Willen nicht durchsetzen konnte oder er habe geirrt, als er verkündete, dass die Pforten der Hölle seine Kirche niemals überwältigen werden (Mt. 16, 18). Hier bietet sich Gelegenheit, eine falsche Ansicht zu klären und zurückzuweisen, von der die ganze vorliegende Frage abzuhängen scheint und von der die vielfältige Aktion der Akatholiken zur Einigung der Kirchen ausgeht.

Die Förderer dieser Aktion hören fast nicht auf, die Worte zu zitieren: „Dass alle eins seien.“ „Es wird ein Schafstall und ein Hirt werden.“ (Joh. 17, 21; 10, 16.) Aber sie geben diesen Worten den Sinn eines bloßen Wunsches und einer Bitte des Heilandes, die noch nicht erfüllt seien. Sie behaupten, dass die Einheit des Glaubens und der Leitung, dieses Merkmal der wahren und einzigen Kirche Christi, niemals eigentlich bestanden habe und auch heutzutage nicht vorhanden sei. Sie könne gewünscht werden und könne vielleicht in der Zukunft einmal bei gutem Willen der Gläubigen erreicht werden, aber sie bleibe vorläufig ein reines Ideal. Sie sagen, die Kirche sei an sich und ihrer Natur nach geteilt, sie bestehe aus sehr vielen Kirchen oder einzelnen Kommunitäten, die bisher voneinander geschieden, in einigen Punkten der Doktrin übereinstimmen, in den übrigen sich widersprechen. Jeder dieser Kirchen käme die gleichen Rechte zu. die Kirche sei höchstens einige gewesen in der apostolischen Zeit und bis zu den ersten allgemeinen Konzilien. Deshalb, folgern sie weiter, müssten die alten Kontroversen und Meinungsverschiedenheiten, die bis in unsere Tage die christliche Familie entzweit hätten, ausgeschieden werden, und aus den übriggebleibenden Lehrpunkten müsse eine gemeinsame Glaubensnorm gebildet werden, in welchem Bekenntnis sich dann alle wiederfinden und sich als Brüder fühlen könnten. Nur so, durch einen gemeinsamen Bund geeint, würden die vielen Kirchen und Gemeinschaften imstande sein, kraftvoll und mit Erfolg den Fortschritten des Unglaubens Einhalt zu bieten.

So spricht man sich, verehrte Brüder, gemeiniglich aus. Es gibt zwar auch solche, die zugeben und bejahen, dass der Protestantismus gewisse Glaubenslehren und äußere Kultriten allzu unbedacht preisgegeben habe, die sicher annehmbar und nützlich seien und die die römische Kirche beibehalten habe. Aber sofort fügen sie hinzu, dass diese Kirche auch den alten Christenglauben verderbt habe, indem sie manche Lehren hinzugefügt und zu glauben vorgestellt habe, die dem Christentum nicht nur fremd, sondern entgegengesetzt seien, so vor allem dem Juridiktionsprimat des heiligen Petrus und seiner Nachfolger auf dem römischen Stuhl. Unter ihnen finden sich auch einige wenige, die dem römischen Papste einen Ehrenprimat und eine mäßige Jurisdiktionsgewalt zugestehen, aber nicht kraft göttlichen Rechts, sondern durch eine Art Zustimmung von seiten der Gläubigen. Einige wünschen sogar den römischen Papst zum Vorsitzenden ihrer, sagen wir einmal, bunt zusammengewürfelten Versammlungen zu erheben. Und wenn leicht Akatholiken zu finden sind, die aus vollem Munde die christliche Gemeinschaft predigen, so findet sich auch nicht einer, dem es in den Sinn käme, sich der Autorität des Statthalters Jesu Christi zu unterwerfen und seinem Lehrwort sein Ohr zu leihen. Inzwischen erklären sie sich gern bereit, mit der römischen Kirche zu unterhandeln, aber auf leichem Fuß, mit gleichem Rechte. Aber es ist wohl nicht zweifelhaft, dass, wäre es ihnen vergönnt, so zu unterhandeln, sie es mit der Absicht täten, zu einem Abkommen zu gelangen, das ihnen erlauben würde, die Meinungen beizubehalten, die jetzt noch der Grund sind, warum sie außerhalb der einzigen Hürde Jesu Christi herumirren.

Es ist klar, dass der Hl. Stuhl unter solchen Umständen in keiner Weise an diesen Konferenzen teilnehmen kann. Ebensowenig können die Katholiken einem solchen Unternehmen beitreten oder ihm ihre Beihilfe leihen. Täten sie es, so würden sie eine falsche christliche Religion anerkennen, ganz verschieden von der einen Kirche Jesu Christi. Sollen Wir denn dulden, dass die Wahrheit und zwar die von Gott geoffenbarte Wahrheit, zu einem Verhandlungsgegenstand gemacht wird? Es wäre ein schuldbeladenes Unterfangen. Hier handelt es sich gerade darum, die geoffenbarte Wahrheit zu verteidigen.

Jesus Christus sandte seine Apostel in die ganze Welt, um sein Evangelium allen Völkern zu verkünden, und damit sie sich nie irrten, gab er ihnen den Heiligen Geist zum Lehrer aller Wahrheit (Joh. 16, 13). Ist etwa diese apostolische Lehre versiegt oder kann diese Lehre in der Kirche einmal verdunkelt worden sein, da sie doch von Gott selbst geleitet und bewahrt wird? Und wenn unser Erlöser klar sagte, dass das Evangelium nicht nur für das apostolische Zeitalter, sondern für alle zukünftigen Zeiten bestimmt sei, konnte dann der Glaubensgegenstand im Lauf der Zeit so dunkel und unsicher werden, dass heute alle sich widerstreitenden Meinungen toleriert werden müssten? Wäre das wahr, so müsste man gleicherweise sagen, die Herabkunft des Hl. Geistes auf die Apostel, sein nimmerwhrendes Bleiben bei der Kirche und ebenso die Predigt des Heilandes hätten schon seit vielen Jahrhunderten ihre Kraft und Nützlichkeit verloren. So etwas zu behaupten ist aber eine Blasphemie. Weiter: der eingeborene Sohn Gottes hat seinen Gesandten nicht nur den Auftrag gegeben, alle Nationen zu lehren, sondern er hat auch alle Menschen verpflichtet, der verkündeten Wahrheit zu glauben und „den von Gott vorherbestimmten Zeugen“ (act. 10 41); und er gab seinem Gebote die Sanktion: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird selig werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Marc. 16, 16). Dieses doppelte Gebot Christi, die Wahrheit zu lehren und sie zu glauben, um selig zu werden, wäre durchaus unverständlich, wenn die Kirche die evangelische Lehre nicht klar und unversehrt vorlegen würde und wenn sie nicht von jeder Gefahr des Lehrirrtums bewahrt bliebe. Deshalb entfernt sich jener weit von der Wahrheit, der zwar die Existenz einer Wahrheitshinterlage in dieser Welt annimmt, dann aber wieder der Meinung ist, diese Wahrheit müsse mit so schwerer Arbeit gesucht werden, mit einem so langen Studium und Disputieren, dass kaum ein Menschenleben ausreicht, sie zu finden und zu besitzen. Wie wenn der gütige Gott durch den Mund seiner Propheten und seines eingeborenen Sohnes selbst gesprochen hätte, damit nur wenige und erst im vorgerückten Alter die von ihm geoffenbarte Wahrheit kennenlernten, und nicht vielmehr, um eine Sittenlehre aufzuerlegen, die dem Menschen während seines ganzen Lebens ein Leitstern sein soll.

Die Panchristen mögen bei ihren Bestrebungen zur Vereinigung der Kirchen von der edlen Absicht geleitet sein, die Liebe unter den Christen zu fördern. Aber wie kann es denn eine Liebe auf Kosten des Glaubens geben? Wir wissen doch alle, dass gerade Johannes, der Apostel der Liebe, dessen Evangelium wie eine Offenbarung der Geheimnisse des heiligsten Herzens Jesu erscheint, und der den Seinen ständig das neue Gebot „Liebet einander“ einzuschärfen pflegte, dass gerade er streng verbot, zu denen Beziehungen zu unterhalten, die die Lehre Christi nicht ganz und unversehrt bekannten: „Kommt jemand zu euch und bringt diese Lehre nicht mit, so nehmt ihn nicht in euer Haus auf und bietet ihm keinen Gruß.“ (2. Joh. 11.) Weil also die Liebe auf dem Fundament eines unversehrten und aufrichtigen Glaubens ruht, so müssen die Jünger Christi vor allem durch das Band der Glaubenseinheit untereinander verbunden sein. Wie kann man sich deshalb einen christlichen Bund auch nur denken, dessen Mitglieder, auch wenn es sich um den Glaubensgegenstand handelt, jedes seine eigene Ansicht behalten könnte, selbst wenn sie der Ansicht der anderen widerspricht? Wir fragen: wie können Menschen, die entgegengesetzter Überzeugung sind, ein und demselben Glaubensbund angehören? Wenn die einen beispielsweise die heilige Tradition als eine wahre und echte Glaubensquelle halten, die anderen diese Wahrheit leugnen? Oder die kirchliche Hierarchie der Bischöfe, Priester und Diakone als von Gott eingesetzt erachten und die anderen, die behaupten, diese Hierarchie sei nach den Bedürfnissen der Zeit und des Ortes erst allmählich eingeführt worden? Die im heiligsten Altarssakrament den infolge der wunderbaren Wandlung von Brot und Wein, Transsubstatiation genannt, wirklich gegenwärtigen Christus anbeten, und jene, nach deren Auffassung Christus nur durch den Glauben oder das Zeichen und in der Kraft des Sakramentes zugegen ist? Wie, die in der Eucharistie das Wesen eines Sakramentes und zugleich eines Opfers anerkennen, und wieder jene, welche in ihr bloß eine Erinnerung an das Abendmahl des Herrn und sein Gedächtnis sehen? Wie diejenigen, die für gut und heilsam halten, die mit Christus herrschenden Heiligen und vor allem die Gottesmutter Maria anzurufen und ihre Bilder zu verehren, und jene, die diesen Kult verwerfen, weil der Ehre des „einen Mittlers zwischen Gott und den Menschen“ (vgl. I Tim. 2, 5) Jesus Christus widerstreitend? Es ist Uns unerfindlich, wie in einem solchen Wirrwarr der Meinungen der Weg zur Einheit der Kirche gebahnt werden könnte, da diese Einheit nicht anderes als aus dem Einen Lehramt, der Einen Glaubensregel und dem Einen Christusglauben entstehen kann. Das aber wissen Wir, dass von einer solchen Meinungsverschiedenheit der Schritt gar leicht gemacht wird zur Vernachlässigung der Religion, zum Indifferentismus und zum sogenannten Modernismus, dessen bedauernswerte Opfer die Glaubenswahrheit nicht für absolut, sondern für relativ halten: sie richte sich nach den jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und des Ortes und nach den verschiedenen Geistesströmungen, da diese Wahrheit ja nicht in einer unveränderlichen Offenbarung beschlossen sei, sondern sich dem Menschenleben anpasse.

In Glaubensfragen ist ferner eine Unterscheidung zwischen sogenannten „fundamentalen“ und „nicht fundamentalen“ Glaubenspunkten keineswegs angängig, als ob die einen von allen angenommen werden müssten, wührend die Annahme der anderen dem freien Ermessen der Gläubigen anheimgestellt wäre. Die übernatürliche Tugend des Glaubens hat nämlich die Autorität des sich offenbarenden Gottes zur Formalursache, die keine solche Unterscheidung zulässt. Deshalb nehmen die wahren Jünger Christi mit dem gleichen Glauben, den sie dem Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit zollen, auch den Glaubenssatz von der unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter an, und sie bringen der Menschwerdung des Herrn denselben Glauben entgegen wie der Unfehlbarkeit des Papstes, sowie sie vom (1.) Vatikanischen Konzil definiert wurde. Mögen diese Wahrheiten auch zu verschiedenen Zeiten, selbst erst in jüngster Zeit, feierlich festgesetzt und definiert worden sein, so sind sie doch alle gleich fest und gläubig anzunehmen. Denn hat nicht Gott sie alle geoffenbart? Das kirchliche Lehramt, das durch göttlichen Ratschlsus hier auf Erden gegründet wurde, damit die geoffenbarten Wahrheiten stets unverändert bewahrt blieben und leicht und sicher zur Kenntnis der Menschen kommen könnten, wird zwar vom Papste und den mit ihm in Verbindung stehenden Bischöfen tagtäglich ausgeübt. Wenn es aber vonnöten ist, den Irrtümern und Angriffen der Irrgläubigen wirksamer entgegenzutreten oder gewisse Lehrpunkte den Gläubigen klarer und tiefer eingeprägt werden müssen, dann ist es Pflicht des kirchlichen Lehramtes, in feierlicher Form zu einer Definition einer bestimmten Lehre zu schreiten. Durch diese außerordentliche Ausübung des Lehramtes wird nichts Neues erfunden und nichts Neues der Summe von Wahrheiten hinzugefügt, die in dem von Gott der Kirche anvertrauten Offenbarungsschatze wenigstens einschließlich enthalten sind. Dadurch werden vielmehr bloß Wahrheiten klargelegt, die bisher vielleicht vielen noch dunkel erscheinen konnten oder Wahrheiten zu glauben vorgelegt, die vorher von manchen angestritten wurden.

So ist es klar, ehrwürdige Brüder, warum der Apostolische Stuhl niemals den Seinen erlaubte, an den Tagungen von Akatholiken teilzunehmen. Man darf nämlich die Vereinigung der Christen auf keine andere Weise fördern als durch Förderung der Rückkehr der Dissidenten zur Einen, wahren Kirche Christi, von der diese Unglücklichen einst abgefallen sind. Zur Einen, wahren Kirche Christi, sagen Wir, die allen sichtbar dasteht und die nach dem Willen ihres Stifters immer bleiben wird, wie er sie zum allgemeinen Heil gestiftet hat. Christi mystische Braut ist im Lauf der Zeiten nie befleckt worden und kann es nicht werden. Dafür gab schon Cyprian Zeugnis: „Die Braut Christi“, so schreibt er, „kann nicht entehrt werden. Unversehrt ist sie und rein. Sie kennt nur ein Haus, nur eines Gemaches Heiligkeit bewahrt sie in keuscher Zucht.“ (Über die Einheit der katholischen Kirche 6, 11.) Und dieser heilige Blutzeuge wundert sich mit Recht sehr darüber, wie man glauben könne, „diese Einheit, die ihr Fundament in der göttlichen Unveränderlichkeit hat und mit den himmlischen Geheimnissen zusammenhängt, könne in der Kirche selbst zerrissen und durch den Zwist uneiniger Menschen zerschlagen werden“. (1.c.) Denn da der mystische Leib Christi, die Kirche, einer ist (1. Kor. 12, 12), zusammengefügt und zusammengehalten (Eph. 4, 16) wie ein physischer Leib, so ist es eine große Torheit zu sagen, dieser mystische Leib könne aus zerrissenen und voneinander getrennten Gliedern bestehen. Wer also mit diesem mystsichen Leib nicht verbunden ist, ist auch nicht sein Glied und steht mit dem Haupt Christi nicht in Verbindung. In dieser Einen Kirche Christi ist und verbleibt niemand, außer er unterwerfe sich gehorsam der Autorität des Petrus und seiner rechtmäßigen Nachfolger und anerkenne dadurch ihre Gewalt. Haben denn nicht die Vorfahren derer, die in die Irrtümer des Photius und der Reformatoren verstrickt sind, dem römischen Bischofe als dem obersten Hirten der Seelen gehuldigt? Die Söhne haben leider das väterliche Haus verlassen; es ging aber deswegen nicht zugrunde und verfiel nicht, da es ja stets unter Gottes Schutz stand. Die verlorenen Söhne mögen also zurückkehren zum gemeinsamen Vater, und er wird sie, uneingedenk des dem Apostolischen Stuhle einst angetanen Unrechts, voll Liebe umarmen. Wünschen sie, wie sie immer sagen, mit Uns und den Unsrigen sich wieder zu vereinigen, warum kehren sie nicht eilends zur Kirche zurück, „der Mutter und Lehrerin aller Christgläubigen“? (4. Laterankonzil c. 5.) Hören mögen sie, was Lactantius sagt: „Nur … die katholische Kirche“, so ruft er aus, „bewahrt den wahren Kult. Sie ist die Quelle der Wahrheit, sie die Heimstätte des Glaubens, sie der Tempel Gottes. Wer nicht in sie eintritt oder wer sie verlässt, bleibt ferne der Hoffnung auf Leben und Heil. Niemand versuche, halsstarrig sich selbst zu täuschen. Es handelt sich um Leben und Heil: wer es nicht sorgsam und eifrig betreut, der verliert es und dem wird es erlöschen.“ (Divin. Instit. 4, 30, 11-12.)

So mögen denn die getrennten Söhne zu diesem, hier in der Stadt (Rom) erreichteten Apostolischen Stuhle sich wenden, den die Apostelfürsten Petrus und Paulus mit ihrem Blute geheiligt haben, der da ist „die Wurzel und Mutter der katholischen Kirche “ (S. Cypr. Ep. 48 ad Cornelium, 3) Nicht in der Meinung und Hoffnung, die Kirche des lebendigen Gottes, „die Säule und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3,15) werde die Reinheit des Glaubens preisgeben und ihre Irrtümer dulden, sondern vielmehr, um sich ihrem Lehramt und ihrer Leitung anzuvertrauen. Möchte Uns doch glücken, was so viele Unserer Vorgänger vergeblich angestrebt haben, dass Wir die Söhne, deren unglückselige Trennung Wir betrauern, in väterlicher Liebe umarmen könnten. Möchte unser göttlicher Erlöser, „der da will, dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1. Tim. 2, 4), Unsere inständigen Bitten erhören und alle Irrenden zurückrufen zur Einheit der Kirche. In dieser so wichtigen Angelegenheit nehmen Wir Unsere Zuflucht zur allerseligsten Jungfrau Maria, der Mutter der göttlichen Gnade, der Siegerin über alle Irrlehren, der Hilfe der Christen und fordern zu ihrer Anrufung auf, damit sie Uns bald durch ihre Fürbitte den heißersehnten Tag schenke, an dem alle die Stimme ihres göttlichen Slohnes hören werden, „bewahrend die Einheit des Geistes im Verbande des Friedens“ (Eph. 4, 3).

Ihr wisst, ehrwürdige Brüder, wie sehr Wir Uns darnach sehnen, und ebenso möge es Unseren Söhnen zum Bewusstsein kommen, nicht nur den Katholiken, sondern auch den von uns getrennten Kindern. Erflehen sie in demütigem Gebete himmlische Erleuchtung, so werden sie zweifellos die Eine, wahre Kirche Christi erkennen und in sie eintreten, in vollkommener Liebe mit Uns vereint. In solcher Erwartung erteilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gnade und als Beweis Unseres väterlichen Wohlwollens Euch, ehrwürdigen Brüdern, Eurem Klerus und Volk von Herzen den apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 6. Januar, dem Feste der Erscheinung Christi, unseres Herrn, im Jahre 1928 und im sechsten Unseres Pontifikats.

Pius XI.

Abschrift aus DZM Nr. 3, Juli 1967, von mir [POS]

Siehe auch:

Vatican: Pius XI Encyclicals: Mortalium Animos

Papst-Brief über Krippe als Vorbereitung auf Weihnachten

Der Papst in Greccio

Wie nach dem Angelusgebet an diesem 1. Adventssonntag angekündigt, begab sich Papst Franziskus am Sonntagnachmittag nach Greccio, um ein Apostolisches Schreiben über die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe zu unterzeichnen.

AKTUALISIERUNG vom 1. Dezember, 16.30 Uhr!

Bereits am Mittag erläuterte der Papst auf dem Petersplatz im Vatikan, dass er nach Greccio gehen wolle, „dem Ort, an dem der heilige Franziskus die erste Krippe gemacht hat“. Dort wolle er einen Brief über die Bedeutung und den Wert der Krippe unterschreiben. „Die Krippe ist ein einfaches und wunderbares Zeichen des christlichen Glaubens. Es ist ein kurzer Brief, der gut zur Vorbereitung auf Weihnachten geeignet ist. Begleite mich mit dem Gebet auf diesem Weg“, so der Papst nach dem Mittagsgebet.

In Greccio empfingen ihn die franziskanische Ordensgemeinschaft, Kinder und der zuständige Bischof von Rieti, Domenico Pompili. Den Ordensleuten bei der Grotte, wo die Weihnachtskrippe ausgestellt ist, sagte der Papst:

„Die größte Botschaft des heiligen Franziskus ist das Zeugnis und seine Bitte: ,Predigt das Evangelium, und wenn nötig auch mit Worten´, es geht nicht darum, Proselytismus zu betreiben. Es geht um die Bedürftigen, um die Sünder. Es geht um das Zeugnis. Gott hat uns aus der ,Erde´ erschaffen, wie es im Buch der Genesis heißt: Er hat uns Erde gemacht, wir sind Erde. Er verliebte sich in unserer Erde. Das ist das Zeugnis von Jesu Liebe. Denkt daran: Armut und Demut. Danke.“

Danach unterzeichnete der Papst das Schreiben „Admirabile signum“, in der es um die Bedeutung und den Wert der Weihnachtskrippe geht. „Wie viele Gedanken drängen sich in den Geist an diesem heiligen Ort! Und doch sind wir vor dem Felsen dieser Berge, die dem Heiligen Franziskus so teuer sind, aufgerufen, vor allem die Einfachheit wiederzuentdecken“, sagte der Papst in seiner Betrachtung bei der feierlichen Unterzeichnung seines Schreibens. Die Krippe, die der heilige Franziskus „auf engstem Raum“, in Anlehnung an die schmale Grotte von Bethlehem, zum ersten Mal herstellte, spreche für sich, führte Franziskus weiter aus. Mit der Weihnachtskrippe bestehe keine Notwendigkeit, Worte zu vervielfachen, „denn die Szene vor unseren Augen drückt die Weisheit aus, die wir brauchen, um das Wesentliche zu erfassen“, erinnerte der Papst weiter:

„Vor der Weihnachtskrippe entdecken wir, wie wichtig es für unser so oft hektisches Leben ist, Momente der Stille und des Gebets zu finden. Stille, um die Schönheit des Gesichts von Jesus, dem Kind, dem Sohn Gottes, zu betrachten, der in der Armut eines Stalls geboren wurde. Gebet, um das ,Dankeschön´ auszudrücken, das über dieses große Geschenk der Liebe, das uns gegeben wird, erstaunt ist.“

In diesem „einfachen und wunderbaren Zeichen“ der Weihnachtskrippe offenbare sich „das große Geheimnis unseres Glaubens“. Gott liebe jeden Menschen. Das sei die zentrale Botschaft der Krippe. Es handele sich um eine Tradition, die zur Volksfrömmigkeit gehöre und „von Generation zu Generation“ weitergegeben werde.

„Gott lässt uns nie allein; er begleitet uns mit seiner verborgenen Gegenwart, aber nicht unsichtbar. In jeder Situation, in Freude wie in Schmerz, ist er der Emmanuel, Gott mit uns. Wie die Hirten von Bethlehem nehmen wir die Einladung an, in die Grotte zu gehen, um das Zeichen zu sehen und zu erkennen, das Gott uns gegeben hat. Dann wird unser Herz voller Freude sein, und wir werden es dort hinbringen können, wo es Traurigkeit gibt; es wird voller Hoffnung sein, um mit denen geteilt zu werden, die es verloren haben.“

Zum Abschluss seiner kurzen Ansprache rief der Papst die Gläubigen auf, sich mit Maria zu identifizieren, die ihren Sohn in die Krippe gelegt habe, weil in einem Haus kein Platz war.

„Mit ihr und mit dem heiligen Josef, ihrem Mann, schauen wir auf das Jesuskind. Möge ihr Lächeln, das in der Nacht erblüht, Gleichgültigkeit zerstreuen und die Herzen für die Freude derer öffnen, die sich vom Vater im Himmel geliebt fühlen.“

(vatican news –mg)

LESEN SIE AUCH:

Katholischer Historiker: In der katholischen Kirche gibt es jetzt zwei Religionen. Eine hat ein „amazonisches Gesicht“

Prof. Roberto de Mattei Jim Hale / LifeSiteNews

Anmerkung: Am 4. Oktober 2019 veranstaltete Voice of the Family, eine Koalition von Pro-Life- und Pro-Family-Organisationen, eine Diskussionsrunde in Rom, um am Vorabend der Bischofs-Synode für das gesamte Amazonasgebiet wichtige Fragen für die Kirche und die Familie zu erörtern. Lesen Sie hier den Bericht von LifeSiteNews zu dieser Veranstaltung.

Nachfolgend finden Sie die vollständige Ansprache von Prof. Roberto de Mattei .

4. Oktober 2019 (LifeSiteNews) – Derzeit gibt es innerhalb der katholischen Kirche zwei Religionen. Die erste ist der traditionelle Katholizismus, die Religion derer, die in der gegenwärtigen Verwirrung dem unveränderlichen Lehramt der Kirche treu bleiben.

Die zweite, bis vor einigen Monaten ohne Namen, hat jetzt einen Namen: Es ist die amazonische Religion, weil es, wie von der derzeit regierenden Person der Kirche erklärt, einen Plan gibt, der Kirche ein „amazonisches Gesicht“ zu geben.

Was unter einem amazonischen Gesicht zu verstehen ist, wird im Instrumentum laboris für die Oktober-Synode und in den zahlreichen Erklärungen der Theologen, Bischöfe und Kardinäle, die dieses Dokument erstellt haben, erläutert. Es geht darum, die Kirche nach Leonardo Boffs Worten „neu zu erfinden“ ( Ecclesiogenesis. Die Basisgemeinden erfinden die Kirche neu, Borla, Rom 1978). Die Boff-Ekklesiogenese ist zu einer Kosmogenese im Sinne des postmodernen Umweltschutzes geworden. Ihr Ziel ist jetzt umfassender: die Neuerfindung nicht nur der Kirche, sondern der gesamten Schöpfung auf der Grundlage eines neuen „kosmischen Paktes“ (Schrei der Erde, Schrei der Armen – Für eine kosmische Ökologie, italienische Übersetzung Assisi, Cittadella) 1996).

Dieses Ziel wird durch die Methode der Neuinterpretation der Wahrheit des katholischen Glaubens erreicht. Der Modernismus hatte zuvor gelehrt, dass das effektivste Mittel, um die Wahrheit zu leugnen, Verzerrung und nicht völliger Angriff ist. Die Neuinterpretation ist eine indirekte Negation der Glaubenslehre, die tiefer geht als die völlige Verleugnung, und bedeutet, dass denselben Worten eine neue Bedeutung zugeschrieben wird.

Zum Beispiel lehrt der erste Artikel unseres Glaubensbekenntnisses: „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, den Schöpfer des Himmels und der Erde“.

Das Instrumentum laboris schlägt eine „Weltanschauung vor, die im Mantra von Franziskus festgehalten ist: Alles hängt zusammen “ (Abschnitt 25). In keinem Teil des Dokuments wird jedoch bestätigt, dass alle Dinge hierarchisch nach Gott, ihrem Schöpfer, angeordnet und von diesem verschieden sind. Die Erde wird als Biosphäre dargestellt, als Ökosystem, das Gott in sich trägt und in dem das oberste Gesetz die Gleichheit aller Dinge ist. In Wirklichkeit ist die Hauptregel der Schöpfung nicht die egalitäre Verbindung aller Dinge, sondern ihre Ordinatio ad unum. Die Irrtümer des antiken und modernen Pantheismus, die Gott in der Welt oder die Welt in Gott aufsaugen, wurden von der Kirche wiederholt verurteilt. Nach dem katholischen Glauben ist „Gott von der Welt verschieden“ (Vatikanisches Konzil I, Dogmatic Constitution Dei Filius in Denz., Abschnitt 3001) und, wie im Vatikanischen Konzil I wiederholt, „wenn jemand sagt, dass die Substanz und das Wesen Gottes und alles eins und identisch ist, der sei anathema.“(Abschnitt 3923 darin).

Die neue amazonische Religion interpretiert den ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses neu und verzerrt ihn, indem sie die „Weisheit der Vorfahren“ der indigenen Völker zitiert, die Gott in den physischen Elementen der Natur sehen, ohne zu begreifen, dass Gott diese Elemente überschreitet. Sie haben keine Vorstellung von Transzendenz, weil sie keine Vorstellung von Schöpfung haben, und sie verwechseln Gott mit der Natur, die für sie ein Ganzes ist, das Gott enthält. Das Christentum hat stattdessen erklärt, dass Gott alles geschaffen hat und in allem ist, aber kein Ort kann Ihn enthalten, weil Gott immens ist, nicht in einem materiellen Sinn, sondern in einem metaphysischen und transzendenten Sinn. Gott füllt die Himmel und die Erde, aber die Himmel und die Erde enthalten Ihn nicht.

Die amazonische Religion negiert nicht nur die Transzendenz Gottes, indem sie Ihn in die Natur einbezieht, sondern auch Pantheismus, Panentheismus und Monismus, sondern auch Seine Einheit leugnet, ebenso wie der heidnische Polytheismus.

Mit Polytheismus meinen wir den Glauben an eine Vielzahl von Göttern im Gegensatz zum Monotheismus, der der Glaube an einen Gott ist. Die amazonische Religion ist eine polytheistische Religion, weil sie die Vorstellung von Gott auf einzelne Elemente in der Natur anwendet und das Absolute auf die Ebene des Endlichen, das Spirituelle auf die Ebene des Materials reduziert.

Leonardo Boff, der Befreiungsökotheologe, der an Laudato sì mitgearbeitet hat, bestätigt: „Wie auch immer wir es interpretieren wollen, wir müssen erkennen, dass die Heiden diese außergewöhnliche Fähigkeit besaßen: Sie konnten die Gegenwart von Göttern und Göttinnen in allen Dingen erahnen. In Wäldern, Pan und Silvanus, auf der Erde, Gaia Demeter (= Mutter Erde) oder Ceres, in der Sonne, Apollo und Phoebus und so weiter“( Schrei der Erde und Schrei der Armen, S. 355).

Das Instrumentum laboris fasst den gleichen Pantheismus und Polytheismus in diesen Zeilen zusammen, die sich auf Laudato sì beziehen: «Das Leben der amazonischen Gemeinschaften, das immer noch frei vom Einfluss der westlichen Zivilisation ist, spiegelt sich in ihren Überzeugungen und Ritualen in Bezug auf die Handlungen der Geister wider, der Göttlichkeit – auf viele Arten angerufen – mit und auf dem Territorium, mit und in Beziehung zur Natur. Diese Weltanschauung ist im Mantra des Franziskus festgehalten: Alles ist miteinander verbunden“(LS 16, 91, 117, 138, 240) . Dieselbe Weltanschauung kommt in vielen anderen Abschnitten des Dokuments zum Ausdruck.

Bei allem Respekt vor den kirchlichen Autoritäten beschuldige ich alle, die das Instrumentum laboris zum Amazonas genehmigt haben oder genehmigen werden, des Polytheismus und insbesondere des Polydämonismus, weil „alle Gottheiten der Heiden Dämonen sind; Unser Herr hat stattdessen die Himmel erschaffen“ (Psalmen , 95, 5).

Zwei Religionen können nicht in derselben Kirche koexistieren.

Ich fordere die noch katholischen Kardinäle und Bischöfe auf, ihre Stimme gegen diesen Skandal zu erheben. Wenn ihre Stille andauert, werden wir uns weiterhin um das Eingreifen der Engel und der Königin der Engel bemühen, um die Heilige Kirche vor jeder Form von Neuerfindung, Verzerrung und Neuinterpretation zu bewahren.

_______

Quelle

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Papst Franziskus: Motu proprio „Aperuit illis“ zur Einführung des Sonntags des Wortes Gottes

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
IN FORM EINES „MOTU PROPRIO“

DES HEILIGEN VATERS
PAPST FRANZISKUS

APERUIT ILLIS

ZUR EINFÜHRUNG DES

SONNTAGS DES WORTES GOTTES

 

1. »Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften« (Lk 24,45). Dies ist eine der letzten Handlungen des auferstandenen Herrn vor seiner Himmelfahrt. Er erscheint den Jüngern, als sie versammelt sind, bricht das Brot mit ihnen und öffnet ihren Sinn für das Verständnis der Heiligen Schriften. Diesen verängstigten und enttäuschten Menschen offenbart er die Bedeutung des Ostergeheimnisses: dass nämlich Jesus nach dem ewigen Plan des Vaters leiden und von den Toten auferstehen musste, um die Umkehr und die Vergebung der Sünden anzubieten (vgl. Lk 24,26.46-47); und er verheißt ihnen den Heiligen Geist, der ihnen die Kraft geben wird, Zeugen dieses Geheimnisses der Erlösung zu sein (vgl. Lk 24,49).

Die Beziehung zwischen dem Auferstandenen, der Gemeinschaft der Gläubigen und der Heiligen Schrift ist für unsere Identität äußerst wichtig. Ohne den Herrn, der uns in die Heilige Schrift einführt, ist es unmöglich, sie in ihrer Tiefe zu verstehen. Das Gegenteil ist aber ebenso wahr: Ohne die Heilige Schrift sind die Ereignisse der Sendung Jesu und seiner Kirche in der Welt nicht zu verstehen. Zu Recht konnte der heilige Hieronymus schreiben: »Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen« (Comm. in Is., Prolog).

2. Zum Abschluss des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit habe ich darum gebeten, einen »Sonntag« in Erwägung zu ziehen, »der ganz und gar dem Wort Gottes gewidmet ist, um den unerschöpflichen Reichtum zu verstehen, der aus diesem ständigen Dialog Gottes mit seinem Volk hervorgeht« (Apostolisches Schreiben Misericordia et misera, 7). Auf besondere Weise einen Sonntag des Kirchenjahres dem Wort Gottes zu widmen ermöglicht es vor allem, dass die Kirche die Handlung des Auferstandenen wieder erfährt, der auch uns den Schatz seines Wortes erschließt, damit wir in der Welt Verkünder dieses unerschöpflichen Reichtums sein können. In diesem Zusammenhang kommt einem in den Sinn, was der heilige Ephräm gelehrt hat: »Wer ist fähig, Herr, den ganzen Reichtum auch eines deiner Worte zu erfassen, da doch das, was wir nicht mit dem Verstand begreifen, größer ist als das, was wir wie Durstige von der Quelle aufnehmen? Es gibt ebenso viele Möglichkeiten, dein Wort zu deuten, wie Menschen, die es studieren. Gott hat sein Wort in so viele schöne Formen gekleidet, damit ein jeder von denen, die es untersuchen, das, das im gefällt, bedenke; und er hat in seinem Wort alle Schätze verborgen, auf dass ein jeder von uns, der über es nachdenkt, von ihm bereichert wird« (Kommentar zum Diatessaron, 1,18).

Mit diesem Schreiben möchte ich daher auf die vielen Bitten antworten, die vom Volk Gottes an mich herangetragen wurden, damit der Sonntag des Wortes Gottes in der ganzen Kirche übereinstimmend gefeiert werden kann. Es ist bereits zu einer weit verbreiteten Praxis geworden, dass sich die christliche Gemeinschaft zu bestimmten Gelegenheiten auf den großen Wert besinnt, den das Wort Gottes in ihrem alltäglichen Leben einnimmt. In den verschiedenen Ortskirchen gibt es eine Fülle von Initiativen, die den Gläubigen einen immer tieferen Zugang zur Heiligen Schrift eröffnen; so sind sie dankbar für ein solch großes Geschenk, bemühen sich darum, es im Alltag zu leben, und fühlen sich verantwortlich, es glaubwürdig zu bezeugen.

Mit der Dogmatischen Konstitution Dei Verbum gab das Zweite Vatikanische Konzil einen bedeutenden Impuls für die Wiederentdeckung des Wortes Gottes. Ihr Text ist es immer wert, dass man ihn meditiert und ins Leben umsetzt; er stellt die Natur der Heiligen Schrift und ihre Weitergabe von Generation zu Generation (Kapitel II), ihre göttliche Inspiration (Kapitel III), die das Alte und Neue Testament umfasst (Kapitel IV und V), und ihre Bedeutung für das Leben der Kirche (Kapitel VI) klar heraus. Um diese Lehre zu vertiefen, hat Benedikt XVI. im Jahr 2008 eine Bischofssynode zum Thema „Das Wort Gottes im Leben und in der Sendung der Kirche“ einberufen. Im Anschluss daran veröffentlichte er das Nachsynodale Apostolische Schreiben Verbum Domini, das für unsere Gemeinschaften eine unverzichtbare Lehre darstellt.[1] In diesem Dokument wird insbesondere der performative Charakter des Wortes Gottes eingehend untersucht, dessen eigentlich sakramentaler Charakter vor allem im liturgischen Handeln deutlich wird.[2]

Im Leben unseres Volkes möge daher diese entscheidende Beziehung zum lebendigen Wort Gottes nie fehlen, durch das der Herr unaufhörlich zu seiner Braut spricht, damit sie in der Liebe und im Zeugnis des Glaubens wachsen kann.

3. Deshalb lege ich fest, dass der dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet sein soll. Dieser Sonntag des Wortes Gottes fällt so ganz passend in den Zeitabschnitt des Jahres, in dem wir unsere Beziehungen zu den Juden zu festigen und für die Einheit der Christen zu beten eingeladen sind. Es handelt sich dabei nicht um ein bloß zeitliches Zusammentreffen: Die Feier des Sonntags des Wortes Gottes ist von ökumenischer Bedeutung, denn die Heilige Schrift zeigt denen, die auf sie hören, den Weg, der beschritten werden muss, um zu einer authentischen und soliden Einheit zu gelangen.

Die Gemeinschaften werden einen Weg finden, diesen Sonntag feierlich zu begehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Heilige Schrift während der Eucharistiefeier inthronisiert werden kann, um der Versammlung der Gläubigen den normativen Wert des Wortes Gottes zu verdeutlichen. An diesem Sonntag ist es besonders nützlich, die Verkündigung des Wortes Gottes hervorzuheben und die Homilie so zu gestalten, dass der Dienst am Wort des Herrn herausgestellt wird. Die Bischöfe können an diesem Sonntag die Beauftragung zum Lektorat oder einem ähnlichen Dienst erteilen, um an die Bedeutung der Verkündigung des Wortes Gottes in der Liturgie zu erinnern. Es ist in der Tat wesentlich, alles dafür zu tun, dass einige Gläubige darauf vorbereitet werden, authentische Verkünder des Wortes zu sein. Hierfür braucht es eine angemessene Ausbildung, so wie es für die Akolythen oder außerordentlichen Kommunionspender bereits üblich ist. Desgleichen werden die Pfarrer Wege finden, die Bibel – oder eines ihrer Bücher – der ganzen Gottesdienstgemeinde zu übergeben, um hervorzuheben, wie wichtig es ist, im Alltag das Lesen und die Vertiefung der Heiligen Schrift wie auch das Beten mit ihr fortzusetzen, besonders im Hinblick auf die lectio divina.

4. Die Rückkehr des Volkes Israel in seine Heimat nach dem babylonischen Exil war maßgeblich durch das Lesen des Buches der Weisung geprägt. Die Bibel gibt uns eine bewegende Beschreibung dieses Moments im Buch Nehemia. Das Volk versammelt sich in Jerusalem auf dem Platz vor dem Wassertor, um auf die Weisung zu hören. Dieses Volk war durch die Deportation verstreut worden, aber jetzt ist es »geschlossen« (Neh 8,1) um die Heilige Schrift versammelt. Während aus dem heiligen Buch vorgelesen wurde, »lauschte« (Neh 8,3) das Volk, weil es wusste, dass es in diesem Wort den Sinn der Ereignisse finden würde, die es erlebt hatte. Die Verkündigung dieser Worte bewegte die Leute und sie weinten: »Man las aus dem Buch, der Weisung Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. Nehemia, das ist Hattirschata, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte der Weisung hörten. […] Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke« (Neh 8,8-10).

Diese Worte enthalten eine wichtige Lehre. Die Bibel kann nicht nur einigen wenigen gehören, geschweige denn eine Sammlung von Büchern für wenige Auserwählte sein. Sie gehört vor allem dem Volk, das versammelt ist, um sie zu hören und sich in diesem Wort selbst zu erkennen. Oft gibt es Tendenzen, welche die Heilige Schrift zu monopolisieren versuchen, indem man sie bestimmten Kreisen oder ausgewählten Gruppen vorbehält. Das darf nicht so sein. Die Bibel ist das Buch des Gottesvolkes, das im Hören auf die Schrift aus der Zerstreuung und Spaltung zur Einheit gelangt. Das Wort Gottes vereint die Gläubigen und macht sie zu einem Volk.

5. Innerhalb dieser Einheit, die das Hören bewirkt, haben in erster Linie die Hirten die große Verantwortung, die Heilige Schrift zu erklären und jedem zu ermöglichen, sie zu verstehen. Da sie das Buch des Volkes ist, müssen alle, die zum Dienst am Wort Gottes berufen sind, die dringende Notwendigkeit spüren, ihrer Gemeinschaft einen Zugang zur Heiligen Schrift zu eröffnen.

Vor allem die Homilie hat eine ganz besondere Funktion, denn sie hat »einen geradezu sakramentalen Charakter« (Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 142). Wenn er mit einer einfachen, für die Zuhörer geeigneten Sprache tief in das Wort Gottes einführt, ist es dem Priester möglich, auch die »Schönheit der Bilder [zu erschließen], die der Herr gebrauchte, um anzuregen, das Gute zu tun« (ebd.). Dies ist eine pastorale Gelegenheit, die man nicht verpassen darf!

Für viele unserer Gläubigen ist dies in der Tat die einzige Gelegenheit, die Schönheit des Wortes Gottes zu erfassen und seinen Bezug zu ihrem täglichen Leben zu erkennen. Der Vorbereitung der Homilie muss deshalb entsprechende Zeit gewidmet werden. Die Auslegung der Schriftlesungen kann man unmöglich improvisieren. Wir Prediger sind hingegen verpflichtet, uns nicht zu lange mit besserwisserischen Homilien oder nicht dazugehörenden Themen aufzuhalten. Wenn man innehält, um den Bibeltext zu meditieren und im Gebet zu betrachten, dann wird man fähig, mit dem Herzen zu sprechen, um die Herzen der Zuhörer zu erreichen, sodass das Wesentliche zum Ausdruck kommt, das erfasst wird und Frucht bringt. Lasst uns nie müde werden, der Heiligen Schrift Zeit und Gebet zu widmen, damit sie »nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gotteswort angenommen« wird (1 Thess 2,13).

Es ist gut, dass auch die Katechisten spüren, dass für ihren Dienst am Wachstum im Glauben eine Erneuerung durch die Vertrautheit mit der Heiligen Schrift und durch ihr Studium dringlich ist. Dies macht es ihnen möglich, einen echten Dialog zwischen ihren Zuhörern und dem Wort Gottes zu fördern.

6. Bevor der Auferstandene zu den Jüngern kommt, die sich im Haus eingeschlossen haben, und ihren Sinn für das Verständnis der Heiligen Schrift öffnet (vgl. Lk 24,44-45), erscheint er zweien von ihnen auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus (vgl. Lk 24,13-35). Der Bericht des Evangelisten Lukas merkt an, dass es der gleiche Tag der Auferstehung ist, also der Sonntag. Diese beiden Jünger sprechen über die jüngsten Ereignisse, über das Leiden und den Tod Jesu. Ihr Weg ist von der Traurigkeit und Enttäuschung über das tragische Ende Jesu geprägt. Sie hatten auf ihn als Messias und Befreier gehofft, und nun sind sie mit der schockierenden Erfahrung des Gekreuzigten konfrontiert. Der Auferstandene selbst nähert sich unaufdringlich den Jüngern und geht mit ihnen, sie aber erkennen ihn nicht (vgl. V. 16). Unterwegs befragt sie der Herr und erkennt, dass sie den Sinn seines Leidens und seines Todes nicht verstanden haben; er nennt sie »unverständig und träge im Herzen« (vgl. V. 25), und »er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht« (V. 27). Christus ist der erste Exeget! Schon die alten Schriften haben vorweggenommen, was er vollbringen sollte, doch er selbst wollte diesem Wort treu sein, um die eine Heilsgeschichte, die in Christus ihre Erfüllung findet, zu offenbaren.

7. Als Heilige Schrift spricht die Bibel daher von Christus und verkündet ihn als denjenigen, der durch das Leiden gehen muss, um in seine Herrlichkeit zu gelangen (vgl. V. 26). Nicht nur ein Teil, sondern alle Schriften sprechen von ihm. Sein Tod und seine Auferstehung sind ohne sie nicht zu verstehen. Aus diesem Grund betont eines der ältesten Glaubensbekenntnisse: »Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift, und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift, und er erschien dem Kephas« (1 Kor 15,3-5). Da die Schriften von Christus sprechen, können wir glauben, dass sein Tod und seine Auferstehung nicht der Mythologie angehören, sondern geschichtliches Ereignis sind und im Zentrum des Glaubens seiner Jünger stehen.

Die Verbindung zwischen der Heiligen Schrift und dem Glauben der Getauften ist tief. Da der Glaube vom Hören kommt und das Hören auf das Wort Christi ausgerichtet ist (vgl. Röm 10,17), ergibt sich daraus die Einladung an die Gläubigen, die Dringlichkeit und Wichtigkeit des Hörens auf das Wort des Herrn sowohl in der Liturgie als auch im persönlichen Beten und Betrachten ernst zu nehmen.

8. „Die Reise“ des Auferstandenen mit den Jüngern von Emmaus endet mit dem Abendessen. Der geheimnisvolle Wanderer kommt der beharrlichen Bitte der beiden nach: »Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt« (Lk 24,29). Sie setzen sich zu Tisch, Jesus nimmt das Brot, spricht den Lobpreis, bricht es und reicht es ihnen. Da tun sich ihre Augen auf und sie erkennen ihn (vgl. V. 31).

Wir verstehen durch diese Szene, wie untrennbar die Beziehung zwischen Heiliger Schrift und Eucharistie ist. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: »Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht« (Dei Verbum, 21).

Das beständige regelmäßige Lesen der Heiligen Schrift und die Feier der Eucharistie ermöglichen es den Menschen zu erkennen, dass sie zueinander gehören. Als Christen sind wir ein Volk, das in der Geschichte unterwegs ist, gestärkt durch die Gegenwart des Herrn in unserer Mitte, der zu uns spricht und uns nährt. Der der Bibel gewidmete Tag soll nicht „einmal im Jahr“, sondern einmal für das ganze Jahr stattfinden. Wir verspüren nämlich die dringende Notwendigkeit, uns mit der Heiligen Schrift und dem Auferstandenen eng vertraut zu machen, der nie aufhört, das Wort und das Brot in der Gemeinschaft der Gläubigen zu brechen. Aus diesem Grund müssen wir zu einer ständigen Vertrautheit mit der Heiligen Schrift gelangen, sonst bleibt das Herz kalt und die Augen verschlossen, da wir, wie wir nun einmal sind, von unzähligen Formen der Blindheit betroffen sind.

Die Heilige Schrift und die Sakramente sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn das Wort Gottes in die Sakramente einführt und sie erhellt, zeigen sich diese deutlicher als das Ziel eines Weges, auf dem Christus selbst den Geist und das Herz öffnet, damit wir sein Heilswirken erkennen. In diesem Zusammenhang dürfen wir die Lehre aus dem Buch der Offenbarung nicht vergessen. Hier wird gelehrt, dass der Herr vor der Tür steht und anklopft. Wenn einer seine Stimme hört und ihm öffnet, tritt er ein und hält Mahl mit ihm (vgl. 3,20). Jesus Christus klopft durch die Heilige Schrift an unsere Tür; wenn wir zuhören und die Tür des Geistes und des Herzens öffnen, dann tritt er in unser Leben ein und bleibt bei uns.

9. Im Zweiten Brief an Timotheus, der in gewisser Weise sein geistliches Testament darstellt, empfiehlt der heilige Paulus seinem treuen Mitarbeiter, beständig die Heilige Schrift zu lesen. Der Apostel ist überzeugt: »Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung, zur Erziehung« (3,16). Diese Empfehlung des Paulus an Timotheus stellt eine Grundlage dar, auf der die Konzilskonstitution Dei Verbum das wichtige Thema der Inspiration der Heiligen Schrift behandelt; aus dieser Grundlage ergibt sich insbesondere die Heilsfinalität, die geistliche Dimension und das Inkarnationsprinzip für die Heilige Schrift.

Unter Hinweis vor allem auf die Empfehlung des Paulus an Timotheus betont Dei Verbum, dass die Bücher der Heiligen Schrift »sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte« (Nr. 11). Da diese uns weise machen können zum Heil durch den Glauben an Jesus Christus (vgl. 2 Tim 3,15), dienen die in ihnen enthaltenen Wahrheiten unserer Erlösung. Die Bibel stellt weder eine Sammlung von Geschichtsbüchern noch von Chroniken dar, sondern ist völlig auf das ganzheitliche Heil des Menschen ausgerichtet. Die unbestreitbaren historischen Wurzeln der in der Heiligen Schrift enthaltenen Bücher dürfen uns dieses ursprüngliche Ziel nicht vergessen lassen, nämlich unsere Erlösung. Alles ist auf dieses Ziel hin ausgerichtet, das tief in die Natur der Bibel eingeschrieben ist. Sie ist als Heilsgeschichte verfasst, in der Gott spricht und handelt, um allen Menschen zu begegnen und sie vor dem Bösen und dem Tod zu retten.

Um dieses Heilsziel zu erreichen, verwandelt die Heilige Schrift unter dem Wirken des Heiligen Geistes das nach Menschenart verfasste Menschenwort in Gotteswort (vgl. Dei Verbum, 12). Die Rolle des Heiligen Geistes in der Heiligen Schrift ist von grundlegender Bedeutung. Ohne sein Wirken gäbe es immer die Gefahr, im bloß geschriebenen Text eingeschlossen zu bleiben. Das führt leicht zu einer fundamentalistischen Auslegung, von der man sich fernhalten muss, um den inspirierten, dynamischen und spirituellen Charakter des biblischen Textes nicht zu verraten. Der Apostel erinnert dementsprechend: »Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig« (2 Kor 3,6). Der Heilige Geist verwandelt also die Heilige Schrift in lebendiges Wort Gottes, das im Glauben seines heiligen Volkes gelebt und weitergegeben wird.

10. Das Wirken des Heiligen Geistes betrifft nicht nur die Herausbildung der Heiligen Schrift, sondern ist auch in denen am Werk, die auf das Wort Gottes hören. Die Feststellung der Konzilsväter, dass die Heilige Schrift »in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde« (Dei Verbum, 12), ist dabei wichtig. Mit Jesus Christus erreicht die Offenbarung Gottes ihren Höhepunkt und ihre Vollendung; und doch wirkt der Heilige Geist weiter. Es wäre in der Tat eine Verkürzung, wollte man das Wirken des Heiligen Geistes nur auf die göttlich inspirierte Natur der Heiligen Schrift und ihrer verschiedenen Autoren beschränken. Es ist daher notwendig, Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes zu haben, der weiterhin eine besondere Form der Inspiration ausübt, wenn die Kirche die Heilige Schrift verkündet, das Lehramt sie verbindlich auslegt (vgl. ebd., 10) und jeder Gläubige sie zu seinem eigenen geistlichen Maßstab macht. In diesem Sinne können wir die Worte Jesu verstehen, wenn er zu den Jüngern, die bestätigen, die Bedeutung seiner Gleichnisse verstanden zu haben, sagt: »Deswegen gleicht jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt« (Mt 13,52).

11. Schließlich präzisiert Dei Verbum: »Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, sind menschlicher Rede ähnlich geworden, wie einst des ewigen Vaters Wort durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden ist« (Nr. 13). So könnte man sagen, dass die Inkarnation des Wortes Gottes dem Verhältnis zwischen Gottes Wort und menschlicher Sprache mit ihrer geschichtlichen und kulturellen Bedingtheit Form und Sinn verleiht. In eben diesem Ereignis nimmt die Überlieferung Gestalt an, die selbst auch Wort Gottes ist (vgl. ebd., 9). Oft läuft man Gefahr, Heilige Schrift und Überlieferung voneinander zu trennen, ohne zu verstehen, dass sie gemeinsam die alleinige Quelle der Offenbarung sind. Der schriftliche Charakter der ersten lässt sie nicht weniger vollwertiges lebendiges Wort sein; so wie auch die lebendige Überlieferung der Kirche, die sie im Laufe der Jahrhunderte von Generation zu Generation unaufhörlich weitergibt, dieses heilige Buch als »höchste Richtschnur ihres Glaubens« besitzt (ebd., 21). Die Heilige Schrift wurde ja, bevor sie zu einem schriftlichen Text wurde, mündlich überliefert und durch den Glauben eines Volkes lebendig bewahrt, das sie als seine Geschichte und sein Identitätsprinzip inmitten vieler anderer Völkern anerkannte. Der biblische Glaube gründet also auf dem lebendigen Wort, nicht auf einem Buch.

12. Wenn die Heilige Schrift im gleichen Geist gelesen wird, mit dem sie geschrieben wurde, bleibt sie immer neu. Das Alte Testament ist nie alt, wenn es einmal Teil des Neuen ist, denn alles wird durch den einen Geist verwandelt, der es inspiriert. Die gesamte Heilige Schrift hat eine prophetische Funktion: diese betrifft nicht die Zukunft, sondern das Heute derer, die sich von diesem Wort nähren. Jesus selbst sagt dies zu Beginn seines Wirkens deutlich: »Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt« (Lk 4,21). Wer sich jeden Tag vom Wort Gottes nährt, wird wie Jesus zu einem Zeitgenossen der Menschen, denen er begegnet; er ist nicht versucht, einer fruchtlosen Vergangenheitsnostalgie zu verfallen oder vagen Zukunftsutopien nachzujagen.

Die Heilige Schrift vollzieht ihr prophetisches Wirken vor allem an dem, der auf sie hört. Sie ruft Süße und Bitterkeit hervor. Hier kommen einem die Worte des Propheten Ezechiel in den Sinn. Als er, vom Herrn aufgefordert, die Schriftrolle isst, bekennt er: »Sie wurde in meinem Mund süß wie Honig« (3,3). Auch der Evangelist Johannes macht auf der Insel Patmos diese Erfahrung Ezechiels mit dem Essen des Buches, fügt aber noch eine Konkretisierung an: »In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter« (Offb 10,10).

Die Süße des Wortes Gottes drängt uns, es mit denen zu teilen, denen wir in unserem Leben begegnen, um der in ihm enthaltenen Gewissheit der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, (vgl. 1 Petr 3,15-16). Bitterkeit hingegen stellt sich oft ein, wenn wir feststellen müssen, wie schwierig es für uns ist, das Wort Gottes konsequent zu leben, oder wenn wir konkret erfahren müssen, dass es auf Ablehnung stößt, weil man ihm nicht zutraut, dem Leben Sinn zu verleihen. Wir dürfen uns daher nie an das Wort Gottes gewöhnen, sondern müssen uns von ihm nähren, um unsere Beziehung zu Gott und zu unseren Brüdern und Schwestern zu entdecken und intensiv zu leben.

13. Eine weitere Herausforderung aus der Heiligen Schrift betrifft die Nächstenliebe. Ständig ruft das Wort Gottes zur barmherzigen Liebe des Vaters auf, der von seinen Kinder verlangt, in der Liebe zu leben. Das Leben Jesu ist der vollkommene Ausdruck dieser göttlichen Liebe, die nichts für sich selbst behält, sondern sich uneingeschränkt an alle verschenkt. Im Gleichnis vom armen Lazarus finden wir einen wertvollen Hinweis. Als Lazarus und der Reiche sterben, bittet letzterer, als er den Armen im Schoß Abrahams sieht, diesen zu seinen Brüdern zu schicken, um sie zu ermahnen, die Nächstenliebe zu leben, damit sie nicht auch seine Qualen erleiden. Abrahams Antwort ist hart: »Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören« (Lk 16,29). Auf die Heilige Schrift hören, um Barmherzigkeit zu üben: das ist eine große Herausforderung für unser Leben. Das Wort Gottes ist in der Lage, unsere Augen zu öffnen, damit wir aus dem Individualismus herauskommen, der zu Erstickung und Sterilität führt. Dazu tut es uns den Weg des Miteinanders und der Solidarität auf.

14. Eines der bedeutendsten Ereignisse in der Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern ist die Verklärung. Jesus steigt mit Petrus, Jakobus und Johannes auf einen Berg, um zu beten. Die Evangelisten erwähnen, dass, während sein Gesicht und sein Gewand hell erstrahlten, zwei Männer mit Jesus sprachen: Mose und Elija, die das Gesetz bzw. die Propheten, also die Heiligen Schriften darstellen. Petrus reagiert auf diesen Anblick voll freudiger Verwunderung: »Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija« (Lk 9,33). Da überschattet sie eine Wolke und die Jünger werden von Furcht ergriffen.

Die Verklärung erinnert an das Laubhüttenfest, als Esra und Nehemia nach der Rückkehr aus dem Exil dem Volk die Heilige Schrift vorlasen. Gleichzeitig antizipiert sie die Herrlichkeit Jesu, um auf das schockierende Ereignis der Passion vorzubereiten. Auf diese göttliche Herrlichkeit verweist auch die Wolke, welche die Jünger umhüllt und ein Symbol für die Gegenwart des Herrn ist. Der Verklärung Jesu ist die „Verklärung“ der Heiligen Schrift ähnlich, die sich selbst transzendiert, wenn sie das Leben der Gläubigen nährt. Verbum Domini erinnert daran: »Wenn die Gliederung zwischen den verschiedenen Sinngehalten der Schrift festgestellt wird, ist es also entscheidend, den Übergang vom Buchstaben zum Geist zu erfassen. Dieser Übergang findet nicht automatisch und nicht von sich aus statt; vielmehr bedarf es einer Überschreitung des Buchstabens« (Nr. 38).

15. Auf dem Weg der Annahme des Wortes Gottes begleitet uns die Mutter des Herrn. Sie wird selig genannt, weil sie geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ (vgl. Lk 1,45). Die Seligpreisung Mariens geht allen Seligpreisungen voraus, die Jesus für die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen, die Friedensstifter und die Verfolgten ausgesprochen hat, denn sie ist die notwendige Voraussetzung für jede andere Seligpreisung. Kein armer Mensch ist selig, weil er arm ist; er wird es, wenn er wie Maria an die Erfüllung des Wortes Gottes glaubt. Daran erinnert der heilige Augustinus, ein großer Jünger und Meister der Heiligen Schrift: »Jemand aus der Menge sprach voll Bewunderung: „Selig der Leib, der dich getragen.“ Und er [Jesus]: „Vielmehr selig diejenigen, welche das Wort Gottes hören und beobachten.“ Das heißt so viel als: Auch meine Mutter, die ihr selig genannt habt, ist deshalb selig, weil sie das Wort Gottes bewahrt; nicht weil in ihr das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, sondern weil sie eben dieses Wort Gottes bewahrt, durch welches sie geworden ist, und welches in ihr Fleisch geworden ist« (Tract. in Io. Ev., 10,3).

Der dem Wort Gottes gewidmete Sonntag möge im Volk Gottes die andächtige und beständige Vertrautheit mit der Heiligen Schrift wachsen lassen, so wie es der heilige Verfasser bereits in alter Zeit gelehrt hat: »Das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten« (Deut 30,14).

Gegeben zu Rom, bei St. Johannes im Lateran, am 30. September 2019
Gedenktag des heiligen Hieronymus zu Beginn des Jubiläumsjahres anlässlich seines 1600. Todestages

FRANZISKUS

 


 

[1] Vgl. AAS 102 (2010), 692-787.

[2] »Die Sakramentalität des Wortes lässt sich so in Analogie zur Realpräsenz Christi unter den Gestalten des konsekrierten Brotes und Weines verstehen. Wenn wir zum Altar gehen und am eucharistischen Mahl teilnehmen, empfangen wir wirklich den Leib und das Blut Christi. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der liturgischen Feier geschieht in der Einsicht, dass Christus selbst in ihr gegenwärtig ist und sich uns zuwendet, um aufgenommen zu werden« (Verbum Domini, 56).

_______

Quelle

Papst Franziskus an Religionstreffen: „Frieden kennt keine Grenzen“

Teilnehmerinnen am Madrider Friedenstreffen (ANSA)

„Zeugnis geben für die Kraft des ‚Geistes von Assisi‘, der Gebet zu Gott und Förderung des Friedens unter den Völkern bedeutet“: So beschreibt Papst Franziskus das Anliegen des Friedenstreffens der Religionen und Kulturen, das in die 33. Runde geht. Das von der SantʼEgidio-Gemeinschaft organisierte Treffen, das noch bis Dienstag in der spanischen Hauptstadt Madrid tagt, will Krieg, Gewalt und Rassismus eine klare Absage erteilen.

Silvia Kritzenberger – Vatikanstadt

Seit nunmehr 33 Jahren greift SantʼEgidio den „Geist von Assisi“ auf und verbreitet mit dem Friedenstreffen der Religionen die Botschaft des ersten großen Friedensgebets, das Johannes Paul II. im Oktober 1986 einberufen hatte. Die diesjährige Auflage, die vom 15. bis 17. September in Madrid stattfindet, steht unter dem Motto „Frieden ohne Grenzen“. Aus ganz Europa werden Tausende von Teilnehmern erwartet, die Krieg und das wachsende Klima von Gewalt und Rassismus nicht länger hinnehmen wollen.

Pilgerweg des Friedens

„Es ist eine Quelle der Freude zu sehen, dass dieser Pilgerweg des Friedens nie unterbrochen wurde, ja sogar weiterwächst“, beginnt die Botschaft, die Papst Franziskus zum Auftakt des Treffens an Kardinal Carlos Osoro Sierra, Erzbischof von Madrid, und die Teilnehmer geschickt hat.

Die Kraft des Gebets

Mit Verweis auf den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren erinnert Franziskus an den Moment, als die „schmerzliche Spaltung des europäischen Kontinents, die so viel Leid verursacht hatte, beendet wurde“. An diesem Tag seien der Welt „neuer Frieden und Hoffnung“ gebracht worden. „Wir sind überzeugt davon, dass die Friedensgebete so vieler Söhne und Töchter Gottes zu diesem Fall beigetragen haben“, betont Franziskus.

Schon die biblische Geschichte von Jericho zeige, dass Mauern fallen, wenn man sie „mit Gebet und nicht mit Waffen belagert, mit Sehnsucht nach Frieden und nicht Eroberung, wenn die Menschen von einer guten Zukunft für alle träumen“. Dazu sei es notwendig, unaufhörlich in der Perspektive des Friedens zu beten und den Dialog voranzutreiben, so der Rat des Papstes: „Der Herr erhört das Gebet seines gläubigen Volkes.“

Das Geschenk Gottes nicht vergeuden

In den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hätten wir gesehen, wie Gottes Geschenk, das der Frieden ist, mit Kriegen und dem Bau neuer Mauern und Barrieren „vergeudet“ worden sei, beklagt Papst Franziskus in seiner Botschaft. Es sei töricht, „Räume zu schließen und Völker zu trennen, die einen gegen die anderen auszuspielen“. Vielmehr benötige unsere Welt – unser gemeinsames Haus – Liebe, Fürsorge, Respekt, die Menschheit Frieden und Brüderlichkeit. Statt Mauern, die trennen, brauche das gemeinsame Haus offene Türen, die helfen zu kommunizieren, einander zu treffen und zusammenzuarbeiten. Nur so könnten wir friedlich zusammenleben, die Vielfalt respektieren und unsere gemeinsame Verantwortung übernehmen. „Der Friede kennt keine Grenzen“, brachte es Franziskus auf den Punkt.

Die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden

Als Gläubige seien wir uns bewusst, dass das Gebet die Wurzel des Friedens ist, hob Papst Franziskus in seiner Botschaft an die Vertreter der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie der großen Weltreligionen hervor. Das Gebet, das zu Gott emporsteige, verbinde uns, lasse uns einander nah fühlen, ohne Verwirrung zu stiften. Schließlich würde uns in der Vielfalt unserer Erfahrungen und religiösen Traditionen doch die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden verbinden.

Die Geschwisterlichkeit unter den Menschen fördern

Papst Franziskus erinnert in seiner Botschaft auch daran, dass er erst im Februar dieses Jahres in Abu Dhabi mit dem Großscheich von al-Azhar das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet hat. Ein Dokument, das die gemeinsame Verpflichtung enthalte, „das Vergießen von unschuldigem Blut zu stoppen und Kriegen, Konflikten, Umweltzerstörung und dem kulturellen und moralischen Niedergang, den die Welt derzeit erlebt, ein Ende zu setzen.“ Den Teilnehmern vertraute er die Aufgabe an, sich die Ziele dieses Dokuments zu eigen zu machen. Schließlich habe der Geist von Assisi, 800 Jahre nach dem Treffen des hl. Franz mit dem Sultan, auch die Arbeit inspiriert, die zum Dokument von Abu Dhabi geführt hat, betonte Franziskus.

(vatican news)

LESEN SIE AUCH:

Papst Franziskus zum Start des „Bildungspakts“

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM START DES BILDUNGSPAKTS

 

Liebe Freunde,

in der Enzyklika Laudato siʼ habe ich alle eingeladen, an der Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses mitzuwirken und sich gemeinsam den Problemen zu stellen, die uns herausfordern. Nach einigen Jahren erneuere ich nun meine Einladung zum Dialog über die Art und Weise, wie wir die Zukunft des Planeten gestalten, und über die Notwendigkeit, die Talente aller zu mobilisieren, denn zu jeder Veränderung gehört ein Bildungsprozess, um eine neue weltweite Solidarität und eine gastfreundlichere Gesellschaft zu fördern.

Zu diesem Zweck möchte ich eine internationale Veranstaltung am 14. Mai 2020 ankündigen, die unter dem Thema „Wiederherstellung des globalen Bildungspakts“ steht: ein Treffen zur Wiederbelebung des Engagements für und mit den jungen Menschen, bei dem die Begeisterung für eine offenere und integrativere Bildung, die fähig ist, geduldig zuzuhören, einen konstruktiven Dialog und gegenseitiges Verständnis zu fördern, erneuert wird. Noch nie zuvor war es so notwendig, die Bemühungen in einem breiten Bildungsbündnis zu vereinen, um reife Menschen zu formen, die in der Lage sind, Spaltungen und Gegensätze zu überwinden und das Gefüge der Beziehungen für eine geschwisterlichere Menschheit wiederherzustellen.

Die heutige Welt befindet sich in einem ständigen Wandel und ist vielfach krisengeschüttelt. Wir erleben einen epochalen Wandel: eine Metamorphose nicht nur kultureller, sondern auch anthropologischer Art, die neue Sprachen hervorbringt und Paradigmen, die uns die Geschichte überliefert hat, unterscheidungslos verwirft. Die Bildung kollidiert mit der sogenannten Rapidación („Beschleunigung“), die die Existenz in den Sog der technologischen und digitalen Geschwindigkeit einsperrt und ständig die Bezugspunkte verändert. In diesem Zustand verliert die Identität selbst an Konsistenz und die psychologische Struktur zerfällt angesichts eines unaufhörlichen Wandels, der »im Gegensatz zu der natürlichen Langsamkeit der biologischen Evolution steht« (Enz. Laudato siʼ, 18).

Doch jede Veränderung braucht einen Bildungsprozess, der alle einbezieht. Aus diesem Grund ist es notwendig, eine Bildungsgemeinschaft als ein „Dorf der Bildung“ zu errichten, in dem wir in Vielfalt die Verpflichtung teilen, ein Netzwerk von offenen menschlichen Beziehungen aufzubauen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf“. Wir müssen aber dieses Dorf als Voraussetzung für die Bildung errichten. Zunächst muss durch die Ausbreitung der Geschwisterlichkeit der Boden bereitet und von der Ungleichbehandlung befreit werden, wie ich in dem Dokument bekräftigt habe, das ich am vergangenen 4. Februar mit dem Großimam von Al-Azhar in Abu Dhabi unterzeichnet habe.

In einem solchen Dorf ist es einfacher, eine globale Verständigung zu finden für eine Bildung, die in der Lage ist, eine Verbundenheit herzustellen zwischen allen Aspekten der Person: zwischen Studium und Leben; zwischen den Generationen; zwischen Lehrenden und Studierenden, zwischen den Familien und der Zivilgesellschaft mit ihren intellektuellen, wissenschaftlichen, künstlerischen, sportlichen, politischen, unternehmerischen und solidarischen Ausdrucksformen. Eine Allianz zwischen den Bewohnern der Erde und dem „gemeinsamen Haus“, dem wir Sorge und Respekt schulden. Eine Allianz, die Frieden, Gerechtigkeit und Akzeptanz unter allen Völkern der Menschheitsfamilie sowie den Dialog zwischen den Religionen schafft.

Um diese globalen Ziele zu erreichen, muss der gemeinsame Weg des „Dorfes der Bildung“ wichtige Schritte unternehmen. Erstens, den Mut zu haben, die Person in den Mittelpunkt zu stellen. Aus diesem Grund muss ein Bündnis besiegelt werden, um formellen und informellen Bildungsprozessen eine Seele zu geben. Sie dürfen nicht verkennen, dass alles in der Welt eng miteinander verbunden ist und dass es – entsprechend einer gesunden Anthropologie – notwendig ist, alternative Wege der Definition von Wirtschaft, Politik, Wachstum und Fortschritt zu finden. Auf einem Weg der integralen Ökologie wird der eigene Wert jedes Lebewesens in den Mittelpunkt gestellt, in Bezug auf den Menschen und seiner Umwelt, und ein Lebensstil vorgeschlagen, der die Wegwerfkultur ablehnt.

Zweitens braucht es den Mut, mit Kreativität und Verantwortung die besten Energien zu investieren. Das proaktive und zuversichtliche Handeln öffnet die Bildung für eine langfristige Planung, die nicht unter den statischen Bedingungen versandet. Auf diese Weise werden wir Menschen haben, die offen und verantwortungsbewusst sind und bereit, Zeit zum Zuhören, zum Dialog und zur Reflexion zu finden, und die in der Lage sind, ein Geflecht von Beziehungen zu Familien, zwischen Generationen und zu den verschiedenen Ausdrucksformen der Zivilgesellschaft aufzubauen, um so einen neuen Humanismus zu bilden.

Drittens braucht es den Mut, Menschen zu bilden, die bereit sind, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Das Dienen ist eine tragende Säule der Kultur der Begegnung: »Es bedeutet, sich über den Bedürftigen zu beugen und ihm die Hand zu reichen, ohne Berechnung, ohne Angst, mit Zärtlichkeit und Verständnis, wie Jesus sich niedergebeugt hat, um den Aposteln die Füße zu waschen. Dienen bedeutet, an der Seite der Bedürftigsten zu arbeiten, mit ihnen vor allem menschliche Beziehungen aufzubauen, ihnen nahe zu sein, Bande der Solidarität zu knüpfen«.[1]Im Dienen erfahren wir, dass Geben seliger ist als Nehmen (vgl. Apg 20,35). Vor diesem Hintergrund müssen sich alle Institutionen nach den Zielen und Methoden fragen lassen, mit denen sie ihrem Bildungsauftrag nachkommen.

Aus diesem Grund möchte ich Sie alle in Rom willkommen heißen, die Sie mit verschiedenen Funktionen in der Bildung, Wissenschaft und Forschung tätig sind. Ich lade Sie ein, zusammen durch einen gemeinsamen Bildungspakt diejenigen Dynamiken zu fördern und zu aktivieren, die der Geschichte einen Sinn geben und sie in eine positive Richtung lenken. Gemeinsam mit Ihnen appelliere ich an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die weltweit Verantwortung tragen und denen die Zukunft der neuen Generationen am Herzen liegt. Ich bin zuversichtlich, dass sie meine Einladung annehmen werden. Und ich appelliere auch an Euch, junge Menschen, an dem Treffen teilzunehmen und Euch verantwortlich zu fühlen für den Aufbau einer besseren Welt. Das Treffen findet am 14. Mai 2020 in Rom in der Aula Pauls VI. im Vatikan statt. Eine Reihe von thematischen Seminaren in verschiedenen Bildungseinrichtungen wird die Vorbereitung der Veranstaltung begleiten.

Lasst uns gemeinsam Lösungen finden, ohne Angst Transformationsprozesse starten und mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Ich lade einen jeden und eine jede ein, ein Protagonist dieses Bündnisses zu sein und sich persönlich und gemeinschaftlich dafür einzusetzen, zusammen den Traum von einem solidarischen Humanismus zu verwirklichen, der den Hoffnungen des Menschen und dem Willen Gottes entspricht.

Ich freue mich auf Sie, und schon jetzt grüße und segne ich Sie.

 

Aus dem Vatikan, 12. September 2019

 

FRANZISKUS

 


[1] Ansprache beim Besuch des Zentrums für Migranten Astalli in Rom, 10. September 2013.

 

Wie kann die Kontroverse um das Institut für Ehe und Familie gelöst werden? Ein Gespräch

Professor Stephan Kampowski im Interview mit CNA Deutsch über Schadensbegrenzung und Lösungen der Krise an der Hochschule Johannes Paul II.

Der heilige Gründer und Namenspatron des Instituts: Johannes Paul II. Foto: Jorge Zapata / Unsplash (CC0)

ROM , 30 August, 2019 / 7:24 PM (CNA Deutsch).-

Wie kann die Kontroverse um das Päpstliche Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie gelöst werden? Wie wird weiterer Schaden für die Betroffenen und die Hochschule verhindert – vor dem dieser Tage erneut gewarnt worden ist? Ist das Schreiben Amoris Laetitia dazu ein Schlüssel? CNA Deutsch fragte nach bei Professor Stephan Kampowski, der sowohl die Hochschule als auch die involvierten Fragen und Personen bestens kennt: Der deutsche Autor und Theologe lehrt dort philosophische Anthropologie.

Professor Kampowski, in der Kontroverse um die Änderungen am Institut spielt die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral eine zentrale Rolle. Warum ist das so, und wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Der Gründer des Instituts, der hl. Johannes Paul II., hat dem Lehrstuhl für Fundamentalmoral ganz klar eine besondere Bedeutung zugeschrieben, indem er ihn dem ersten Präsidenten des Instituts, dem späteren Kardinal Carlo Caffarra anvertraut hat.

Thematisch mit diesem Lehrstuhl verbunden gibt es seit 1997 am Institut das vom damaligen Präsidenten und späteren Kardinal Angelo Scola ins Leben gerufene Internationale Forschungsgebiet zu Fragen der Fundamentalmoral. Dieses hat seit 1998 jährlich Kolloquien oder Kongresse zur Moraltheologie organsiert, Seminare für Professoren und Doktoranden veranstaltet und den daran teilnehmenden Dozenten die Möglichkeit gegeben, sich miteinander auszutauschen und ihre persönlichen Forschungsbestrebungen miteinander zu koordinieren. Es handelt sich bei diesem Forschungsgebiet um eine seit über zwanzig Jahren äußerst fruchtbare Initiative, was nicht nur durch die äußerst gut besuchten und akademisch hervorragenden öffentlichen Veranstaltungen bezeugt, sondern auch durch die zahlreichen in diesem Kontext verfassten Veröffentlichungen der Professoren und Dissertationen der Doktoranden.

Vor ein paar Jahren hat das Forschungsgebiet seinen Themenkreis erweitert und beschäftigt sich nun generell mit Fragen der Moraltheologie. Dennoch hat es seinen grundlegenden Ansatz nicht verändert und bleibt der Fundamentalmoral verbunden. Es handelt sich hier um eine der dynamischsten und akademisch fruchtbarsten Initiativen des Instituts und mit der Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral bleibt ihre Zukunft ungewiss.

Für den Lehrplan ist die Absetzung der Fundamentalmoral mehr als nur ein großer Verlust. Viele der spezifischen Fragen, die sich für Ehe und Familie heute oder auch immer stellen, lassen sich nur vor dem Hintergrund der grundsätzlicheren Fragen nach Sinn und Ziel, Bedeutung und Bestimmung unserer Existenz und unseres Handelns adäquat beleuchten. Ohne die Rückführung auf die Grundlagen, ohne Einfügung in einen größeren Zusammenhang, behandelt man dann die spezifischeren Fragen wie in einem luftleeren Raum, ohne Fundament und Orientierung.

Begründet wurde der Schritt der Abschaffung des Lehrstuhls damit, Studenten müssten das alles vom Grundstudium her bereits können. Er sei somit überflüssig…

…dieses Argument ist nicht besonders stichhaltig. Auch andere Lehrstühle, die beibehalten worden sind, wie etwa die Lehrstühle für philosophische oder theologische Anthropologie, beschäftigen sich mit Themenkreisen, die schon im Grundstudium behandelt worden sind. Hier ging man allerdings davon aus, dass man bei diesen Gegenständen eigentlich nie alles gesagt haben kann, dass man sie immer weiter vertiefen kann und muss, ohne je an ein Ende zu kommen.

Das ist durchaus richtig, nur gilt das eben auch für die Fundamentalmoral, deren Themen zum Beisoiel in Johannes Pauls II. Moralenzyklika Veritatis Splendor aufgegriffen werden: die Frage nach dem Guten und die Frage nach Gott, nach der menschlichen Bestimmung, nach dem, was menschliches Handel überhaupt ist, was sein Sinn ist und was seine Grenzen sind, nach dem Zusammenhang von Wahrheit und Freiheit, nach der Bedeutung der Begegnung mit Christus und dem Stehen in seiner Nachfolge.

Wer sagt, das Anschneiden dieser Thematiken im Grundstudium mache deren Vertiefung und Anwendung auf Fragen der Ehe und Familie im Aufbaustudium überflüssig, versteht die Fundamentalmoral als ein Fach, in dem schlicht ein paar gut definierte Informationen vermittelt werden, mit denen es sich dann auch hat. Ein solches Verständnis ist natürlich angesichts der von der Fundamentalmoral behandelten Themen vollkommen unzulänglich.

Der Großkanzler, Erzbischof Vincenzo Paglia, hat das Schreiben Amoris Laetitia als „Magna Charta“ des neu geschaffenen Institutes bezeichnet. Wie bewerten Sie diese Aussage vor dem Hintergrund der nun getroffenen Maßnahmen?

In seinem Schreiben Amoris Laetitia ruft Papst Franziskus die im pastoralen Dienst der Kirche stehenden Personen zu größerer Sensibilität mit den existentiellen Situationen der Menschen auf, zu größerer pastoraler Behutsamkeit, zu vorsichtiger Unterscheidung, Begleitung und Eingliederung. Meines Erachtens widerspricht die Art und Weise, wie im aktuellen Fall mit den Dozenten, Studenten und Mitarbeitern des Instituts „Johannes Paul II.“ umgegangen wurde, diesem fundamentalen Anliegen des Papstes.

So wurden die Professoren bei der Erarbeitung der neuen Statuten ganz bewusst ausgegrenzt (die Faktenlage vollkommen klar und leicht zu belegen). Durch das Ausgrenzen der Professoren haben sich die Institutsleiter somit in Widerspruch zu den Wünschen des Papstes begeben, der in Amoris Laetitia das Prinzip der Eingliederung hochhält. Mit dem von Franziskus gewollten Prinzip der Begleitung verhält es sich ähnlich.

Es ist eine öffentliche Tatsache, dass der Lehrplan für das neue akademische Jahr 2019/2020 schon approbiert war, und zwar auch vom Präsidenten des Instituts. Eine erste Broschüre wurde schon gedruckt und auch auf der Internetseite des Instituts veröffentlicht. Die Kurse standen schon fest mit Tag und Uhrzeit.

Im Juni 2019 haben sich die ersten schon für das neue akademische Jahr eingeschrieben. Die Dozenten haben dann genauso wie die und die Mitarbeiter Mitte Juli aus den Medien erfahren, dass nichts mehr davon gilt und dass nun für alle eine prekäre und ungewisse Zeit anfangen würde. Die Studenten haben bis heute keine aufschlussreiche Antwort auf ihre Fragen zum abrupten Umsturz des Lehrplans erhalten. Dem von Papst Franziskus in Amoris Laetitia gewünschten und dargelegten Prinzip der pastoralen Begleitung entspricht das gewählte Verfahren auf keinen Fall. Wie sollen die Studenten am Institut für einen pastoralen Dienst vorbereitet werden, der den Ansprüchen von Amoris Laetitia genügt, wenn mit ihnen selbst nicht schon auf eine entsprechende Weise verfahren wird?

Damit Amoris Laetitia wirklich die Magna Charta des Instituts werden kann, gilt es, so scheint mir, zunächst über die jüngst am Institut getätigten Amtshandlungen zu reflektieren und entstandenen Schaden zu begrenzen und, wo möglich, ihn auch wiedergutzumachen.

_______

Quelle