‚Erschütternde Untreue der österreichischen Bischöfe‘

Katholischer Philosoph Josef Seifert übt schwere Kritik an der österreichischen Bischofskonferenz und an Kardinal Schönborn, weil diese zum 50. Jubiläum von Humanae Vitae nur Gegner auf den Websites und via kathpress zu Wort kommen lassen

Wien (kath.net)
Der bekannte österreichische, katholische Philosoph Josef Seifert hat gegenüber dem US-Magazin „OnePeterFive“ schwere Kritik an der österreichischen Bischofskonferenz und an Kardinal Schönborn geübt, weil diese zur 50-Jahresfeier von Humanae vitae via Kathpress nicht weniger als fünf Artikel von Moraltheologen und anderen Katholiken veröffentlichen ließen, die die Enzyklika mehr oder weniger offen angreifen. Seifert kritisierte in dem Zusammenhang vor allem den Wiener Kardinal, weil dieser noch 2008 in einem Hirtenwort die Mariatroster Erklärung mit ihrem „verwaschenen doppelzüngigen Lob“ als Irrtum bezeichnet habe. Wörtlich stellte Seifert fest: „Sie stellen nicht nur die zentrale Aussage und in Humanae Vitae verkündete Wahrheit, dass jeder Akt der Empfangnisverhütung in sich schlecht ist, in Frage, sondern führen zur Unterstützung ihres Irrtums auch noch allgemeinere schwerste und geradezu absurde Irrtümer an, wie etwa den des Moraltheologen Lintner, der behauptet, das moralische Gesetz müsse sich einer Entwicklung unterwerfen, wenn ein Großteil der Menschen ihm nicht folgt und sich nicht nach HV richtet. Wird etwa der Ehebruch gut, weil sehr viele Menschen ihre Ehe brechen? Wird die Abtreibung gut oder zu einer weniger schweren Sünde, ja ist sie nicht mehr ein himmelschreiendes Verbrechen, weil Millionen sie begehen? Wird das Gebot, Gott über alles zu lieben, außer Kraft gesetzt, weil ein Großteil der Menschen es heute bricht? Nichts könnte absurder sein als ein solcher historischer ethischer Relativismus. Und doch finden wir diesen absurden Irrtum sogar auf bischöflichen Webseiten zur 50 Jahresfeier von Humanae Vitae.“

Der bekannte österreichische Philosoph hoffe, dass die österreichischen Bischöfe endlich die Wahrheit der 2008 von Kardinal Schönborn ausgesprochenen Worte begreifen und einstimmig die verkehrte Maria Troster Erklärung widerrufen werden und sich kompromisslos und klar für die Wahrheit der Lehren von Humanae Vitae und Familaris Consortio aussprechen werden. „Empfängnisverhütung ist aus vielen Gründen in sich schlecht (nicht nur, weil die Pille zwei frühabtreibende Wirkungen hat und daher in einem erheblichen Prozentsatz ihrer Anwendung Mord ist und weil Verhütung den prokreativen vom unitiven Sinn des ehelichen Aktes loslöst).“ Wörtlich meint Seifert dann: „Was für eine Schande für die Kirche in Österreich, das 50. Jubiläum von Humanae Vitae in der Kirche Österreichs durch eine Orgie ihrer Gegner auf bischöflichen Webseiten zu begehen!“

Der Philosoph fragt sich, warum die österreichischen Bischöfe nicht Artikel auf ihre Webseite setzen und Redner „zu einer Tagung über Humanae Vitae einladen, die, wie der exzellente österreichische Priester, Pfarrer und Professor in Heiligenkreuz Helmut Prader, Humanae Vitae wunderbar begründen und eine ausgedehnte Pastoral betreiben, die die Wahrheit dieser Enzyklika vielen Ehepaaren und Brautpaaren in beglückender und klarer Form vermittelt? „Auch Weihbischof Andreas Laun, der vielleicht als einziger österreichischer Bischof durchwegs klare Worte über Humanae Vitae gesprochen hat, sowie Bischof Athanasius Schneider, der durch seine schlichte Klarheit unter allen Bischöfen der Welt herausragt und sich oft in wunderbarer Weise zu HV geäußert hat, sollte zu einer solchen Jubiläums-Tagung über Humane Vitae als Redner eingeladen werden und ihre Vorträge oder Aufsätze sollten die bischöflichen österreichischen Webseiten zieren und von der gegenwärtigen Schmach der dort publizierten Aufsätze befreien.“

Vgl. dazu auch: Kardinal Schönborn 2008: ‚Europa hat dreimal Nein zu seiner eigenen Zukunft gesagt‘

Archivvideo: KATH.NET-Interview mit Prof. Seifert

_______

Artikel auf http://www.kath.net/news/64516, 19 Juli 2018, 16:01

Neue Details zur Entstehung von „Humanae Vitae“

Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini)

In den vatikanischen Archiven sind neue Details zur Entstehungsgeschichte der Enzyklika „Humanae Vitae“ aufgetaucht. Das berichtet der Internetauftritt „Vatican Insider“.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Die Enzyklika, die Papst Paul VI. vor genau fünfzig Jahren veröffentlichte, verbot Katholiken die künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung, vor allem die „Pille“. Damit sorgte der Text für eine jahrzehntelange Kontroverse. Jetzt stellt sich heraus, dass Paul auch eine vertrauliche Umfrage unter Bischöfen aus aller Welt durchgeführt hat, bevor er die Enzyklika veröffentlichte.

„Die Stimme Unserer Enzyklika Humanae Vitae hat großes Echo ausgelöst“ – das sagte der Montini-Papst am 4. August 1968 bei einem Angelusgebet mit gewohntem Understatement. Da war ihm längst ein Sturm des Widerspruchs entgegengebraust, wie es ihn in der neueren Kirchengeschichte selten gegeben hat. Auch Bischofskonferenzen hatten die Verbindlichkeit des Textes in Zweifel gezogen.

Vorgeschichte der Enzyklika fast wie ein Krimi

„Wir wissen, dass viele Unsere Lehre nicht wertgeschätzt haben und dass viele ihr widersprechen. Wir können auch dieses Unverständnis, selbst diese Opposition in einem gewissen Sinn verstehen. Unser Wort ist nicht einfach, es entspricht nicht dem, was heute leider weit verbreitet ist… Wir wollen einfach daran erinnern, dass die von Uns bekräftigte Norm gar nicht die Unsere ist, sondern dass sie zu den Strukturen des Lebens, der Liebe und der menschlichen Würde gehört, die sich also aus dem Gesetz Gottes ergibt.“

Dass sich Paul VI. seine Entscheidung in „Humanae Vitae“ nicht leichtgemacht hat, war schon bisher bekannt. Mehrere Kommissionen berieten jahrelang, und die Auseinandersetzung, die schon auf dem Konzil begonnen hatte, liest sich heute „phasenweise fast wie ein Krimi“, urteilt der Südtiroler Ethikprofessor Martin Lintner, Autor eines neuen Buches „Von Humanae Vitae bis Amoris Laetitia“.

Nur zwölf Prozent der Bischöfe gaben dem Papst eine Antwort

Bisher unbekannt war das Durchführen einer Umfrage unter Bischöfen durch Paul VI. Ans Licht gebracht hat es der Theologe Gilfredo Marengo vom Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie. Im Auftrag von Franziskus untersucht er die Entstehung von „Humanae Vitae“, dabei stieß er, wie er jetzt in einem Buch ausführt, auf Dokumente zur ersten Bischofssynode vom Herbst 1967.

Paul VI. forderte bei dieser Gelegenheit die etwa 200 anwesenden Bischöfe dazu auf, ihm schriftlich ihren Standpunkt zur Empfängnisverhütung darzulegen. Erstaunlich ist, dass nur zwölf Prozent der Bischöfe auf diese Bitte reagierten: 25 schriftliche Antworten gingen beim Papst ein. 18 Bischöfe traten dafür ein, die Entscheidung in die Hände der Eheleute zu legen. In dieser Richtung äußerten sich unter anderem – besonders ausführlich – die Kardinäle Döpfner (München) und Suenens (Brüssel), darüber hinaus John Krol (Philadelphia) und Aloisio Lorscheider (Brasilia).

Wojtyla – der spätere Johannes Paul II. – äußerte sich ausführlich

Ausführlich schrieb aber auch einer der nur sieben Bischöfe, die ein Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung befürworteten: der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla, der später als Johannes Paul II. Nachfolger Pauls VI. wurde. Schon bisher war bekannt, dass Wojtyla in dieser Angelegenheit eine sogenannte „Krakauer Denkschrift“ an Paul VI. geschickt hatte.

Der Montini-Papst setzte sich nach reiflicher Überlegung über das Mehrheitsvotum dieser Bischofsumfrage wie auch über die Mehrheitsvoten zweier Kommissionen hinweg. Noch einmal O-Ton Paul VI. zu seinem Verbot der Pille:

„Es ist keine Norm, die die soziologischen oder demographischen Bedingungen unserer Zeit ignoriert; sie steht auch nicht per se einer vernünftigen Begrenzung der Zahl der Geburten, der Forschung oder der wirklich verantwortlichen Elternschaft entgegen… Es ist einfach eine anspruchsvolle, strenge moralische Norm, die heute noch gilt. Sie verbietet den Einsatz von Mitteln, die absichtlich die Empfängnis verhindern und die dadurch die Reinheit der Liebe und die Mission des ehelichen Lebens herabwürdigen. Wir haben aus der Pflicht Unseres Amtes und aus pastoraler Liebe gesprochen.“

Paul VI. steht vor der Heiligsprechung

Am 25. Juli jährt sich zum 50. Mal die Veröffentlichung von „Humanae Vitae“, Pauls siebter und bis heute umstrittenster Enzyklika. Im Oktober wird Papst Franziskus seinen Voränger Paul feierlich heiligsprechen – bei einer Bischofssynode.

(vatican news – sk)

LESEN SIE AUCH:

_______

Quelle

Vatikan: Gemeinsam die Welt retten

„Laudato si“-Konferenz im Vatikan

„Vereint die Kräfte zur Rettung der Erde, bevor es zu spät ist.“ Mit diesen Worten eröffnete am Donnerstag Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin zusammen mit Kurienkardinal Peter Turkson im Vatikan das Symposium zum Klimawandel und Ressourcenschonung.

Es ist an der Zeit , auf den Aufruf des Papstes zur Rettung unseres gemeinsames Hauses zu reagieren, bevor es zu spät sei, unterstrich der Kardinal auf der Konferenz, die anlässlich des dritten Jahrestages der Veröffntlichung der Enzyklika „Laudato si“ im Vatikan stattfindet.

Drei wichtige Punkte

In seiner Eröffnungsrede wies der Kardinal auf drei wichtige Punkte hin: Die Enzyklika betone, in welchen prekären Lage sich unser Planet befinde und das die Gefahr eines „Zusammenbruchs unseren gemeinsamen Heimat“ bestehe, die unsere und jede andere Lebensform garantiere.

Der zweite essentielle Punkt sei die integrale Ökologie. Für Franziskus hänge die menschliche Ökologie und die der Natur untrennbar zusammen. Deshalb dürfe man die Sorge um die Umwelt, die Gerechtigkeit für die Armen, das Engagement für die Gesellschaft und für den Frieden nicht voneinander trennen. Der Schrei der Erde sei eng mit dem Schrei der Armen verbunden.

Dritter und letzter Punkt, auf den sich der Kardinal bezog, ist die spirituelle Dimension, mit der Laudato si auf die ökologischen Fragen eingeht. Für Franziskus sei klar, dass es eine harmonische Beziehung zwischen den Menschen und Gott, unseren Nächsten und unserer Erde geben müsse, erinnert Kardinal Parolin. Der Papst warne deshalb vor der Ausbeutung der Umwelt und einer Kultur der Verschwendung, die die Schöpfung an den Rand der Katastrophe bringe.  Es sei deshalb dringend notwendig, die Richtung des Fortschritt zu ändern.

Welt ist Geschenk Gottes

Die katholische Lehre sieht die Welt nicht als ein Zufallsprodukt an, sondern als bewussten Akt Gottes, der sie den Menschen als Geschenk gab. Ein Geschenk, über welches sie wachen  und welches sie nicht beherrschen oder zerstören sollen. Der Weg dahin sei schwer, so Parolin,  aber man haben einen guten Kompass: die Enzyklika Laudato si.

Kardinal Peter Turkson, der Leiter des Dikasteriums für die Integrale Menschliche Entwicklung, betonte darüber hinaus das Drama der Situation. Die aktuelle Generation habe die immense Verantwortung für alle zukünftigen Generationen. Deshalb sei es unsere Aufgabe die Erde, als gemeinsames Haus, zu retten. Dabei besteht die Aufgabe darin, ein globales Netzwerk von Menschen zu schaffen, das die Verpflichtung, die Umwelt zu schützen mit Leidenschaft fortführe, heißt es weiter.

Das Symposium findet am Donnerstag und Freitag statt. Anlass ist der dritte Jahrestag der Enzyklika. Zum anderen wollen die Teilnehmenden die Themen der bevorstehenden UN-Klimakonferenz COP24 in Katowice und des Globals Climate Action Summit diskutieren.

Teilnehmer aus aller Welt

Zu Wort kommen sollen Aktivisten, Ökonome sowie kirchliche Persönlichkeiten, wie zum Beispiel der neue peruanische Kardinal Pedro Barreto. Aus Deutschland ist der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, vertreten.

Auf dem Programm des Symposiums steht unter anderem eine Debatte zwischen den Generationen mit einer Gruppe von unteranderem 30 Kindern und Zeugnissen von fünf jungen Menschen aus fünf Kontinenten. Am Freitagmorgen wird außerdem Papst Franziskus die Teilnehmer zu einer Audienz im Vatikan empfangen.

(kathpress/kna/vaticannews – mf)

LESEN SIE AUCH:

_______

Quelle

Bischof Vitus Huonder: Humanae vitae — Ein bleibendes Paradigma — 50 Jahre danach

 

Chur, 22. Juni 2018, Gedenktag des Hl. Thomas Morus

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn

Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae. Von diesem Schreiben wissen die meisten nur so viel, dass der Papst die Empfängnisverhütung ablehnte. Dieses Nein zur Verhütung löste damals die vielleicht grösste Autoritätskrise innerhalb der Kirche aus. Die Emotionen gingen hoch. Nur wenige hörten genauer hin und wollten wissen, worum es Paul VI. dabei ging. Die meisten erkannten nicht, dass es dem Papst vor allem darum ging, die Heiligkeit von Ehe und Familie zu schützen. Heute, 50 Jahre später, betonen viele Kommentatoren die prophetische Bedeutung dieser Enzyklika. Denn alle Befürchtungen, welche Paul VI. äusserte, sind eingetroffen. Auch das Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus findet in Nr. 68 lobende und ermutigende Worte in Bezug auf die Enzyklika von Paul VI.

Eigenschaften der ehelichen Liebe

Paul VI., von Papst Franziskus 2014 seliggesprochen, geht in seinem Schreiben von einer Gesamtschau des Menschen aus, der als Mann und Frau von Gott geschaffen ist. In der Liebe von Mann und Frau soll etwas von der Liebe der göttlichen Personen, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes erfahrbar werden. Von dieser Gesamtschau her ergibt sich die Eigenart der ehelichen Liebe. Der Papst nennt vier Eigenschaften dieser Liebe:

1. Diese Liebe ist vollmenschlich, das heisst sinnenhaft und geistig zugleich. «Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung» (Humanae vitae, 9).

2. Diese Liebe ist Es geht in ihr um eine personale Freundschaft, die den anderen ohne Vorbehalt liebt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil, sondern nimmt den anderen als Ganzen so an, wie er ist.

3. Als Abbild der Treue Gottes zum Menschen ist die eheliche Liebe treu und ausschliesslich bis zum Ende des Lebens: «So wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewusst durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben» (Humanae vitae, 9).

4. Als wirksames Zeichen der schöpferischen Liebe Gottes ist diese Liebe schliesslich fruchtbar. Hier zitiert Paul VI. die Nummer 50 der pastoralen Konstitution über die Kirche in der Welt von heute (Gaudium et Spes) des 2. Vatikanischen Konzils: «Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiss die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei» (Humanae vitae, 9).

Ist das nicht eine Kennzeichnung der ehelichen Liebe, wie sie sich alle im Grunde ihres Herzens vorstellen und wünschen: vollmenschlich, ganzheitlich, treu und ausschliesslich sowie fruchtbar? Mit diesen Eigenschaften können die ehelichen Beziehungen gelingen.

Verantwortete Elternschaft nach Humane Vitae

Bei der Weitergabe des Lebens dürfen die Eltern unmittelbar mit dem Schöpfergott zusammenwirken. Denn im Moment der Zeugung schenkt Gott dem Kind die unsterbliche Seele. Verantwortete Elternschaft im Sinn der Kirche überlässt den Ehegatten die Entscheidung über die Zahl ihrer Kinder und über den Abstand der Geburten. Sie ermutigt die Eltern zu einer grösseren Kinderzahl, aber sie respektiert auch berechtigte Gründe für wenige Kinder.

Wenn die Kirche einerseits für verantwortete Elternschaft eintritt und andererseits die Verhütung ablehnt, wie soll dann die Familienplanung geschehen? Die Kirche empfiehlt und fördert die sogenannte natürliche Empfängnisregelung. Dabei lernen die Frauen, die fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen ihres Zyklus sicher zu unterscheiden. Dieser Zyklus ist ein Teil der Schöpfungsordnung. Wenn die Ehegatten aus berechtigten Gründen auf die Weitergabe des Lebens verzichten wollen, wählen sie für ihr Zusammenkommen die unfruchtbare Phase des Zyklus und üben an den relativ wenigen fruchtbaren Tagen Enthaltsamkeit. Die Enthaltsamkeit ist nicht eine Zeit ohne Liebe, sondern eine Zeit, in der die Liebe auf andere Weise zum Ausdruck gebracht wird. Durch dieses leibliche Verhalten respektieren die Gatten den inneren Zusammenhang von ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens. Sie lernen im Gespräch miteinander zu bleiben und auf einander Rücksicht zu nehmen.

Wo liegt in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Empfängnisregelung und Empfängnisverhütung? Die Absicht ist ja gleich. In beiden Fällen wollen die Eheleute kein Kind. Aber das frei gewählte Handeln ist anders.

Bei der Empfängnisregelung ändern die Gatten aus Gründen der Verantwortung das Sexualverhalten. Wenn sie das Leben nicht weiterschenken können, leben sie periodisch, d.h. während den fruchtbaren Tagen der Frau, enthaltsam. Um sich selbst beherrschen zu können, brauchen sie die Tugend der Selbstdisziplin oder Mässigung (die temperantia).

Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Ich liebe dich ganz so, wie du bist. Weil du in diesen Tagen fruchtbar bist und weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können, verzichten wir an diesen (wenigen) Tagen auf geschlechtliche Beziehungen, und ich zeige dir meine Liebe auf andere Weise.

Bei der Empfängnisverhütung ändern die Gatten das Sexualverhalten nicht, trotz der Einsicht, eine Empfängnis sei zu vermeiden. Sie verhindern jedoch die unerwünschten Folgen dieses Verhaltens. Mit seinem Verhalten sagt der Mann zur Frau: Zur Zeit liebe ich dich nicht so, wie du bist. Ich liebe vor allem deinen Leib nicht ganz. Denn deine Fruchtbarkeit lehne ich ab, weil wir (zur Zeit) keine weiteren Kinder in unserer Ehe verantworten können. Da ich dennoch nicht auf geschlechtliche Beziehungen verzichten will, müssen wir verhindern, dass es trotz unserer Fruchtbarkeit zu einer Empfängnis kommt.

Somit geht es nicht um einen Unterschied der Methode, sondern um objektiv verschiedene Handlungsweisen. Natürliche Empfängnisregelung bzw. Natürliche Familienplanung ist im Grunde keine Methode. Sie liefert nur Hinweise, wann Enthaltsamkeit angesagt ist. In der Enthaltsamkeit drückt sich die Entscheidung leiblich aus, auf die Weitergabe des Lebens aus verantwortbaren Gründen zu verzichten. So ist die Enthaltsamkeit ein leiblicher Akt der Liebe. Bei der Empfängnisverhütung hingegen ist der Leib nicht mehr in die Verantwortung eingebunden, sondern er wird zum Objekt von Massnahmen degradiert. Es geht also um die Frage, womit der Mensch seine Geschlechtlichkeit «steuert»: ob er es mit seinem Charakter, mit Selbstbeherrschung, tut oder ob er die Steuerung einem Verhütungsmittel bzw. einem Dritten, z.B. dem Arzt, überlässt.

Wenn die Gatten in unfruchtbaren Tagen geschlechtlich verkehren, bringen sie ihre eheliche Liebe zum Ausdruck. Sie sind in der Berufung vereint, das Leben verantwortlich weiterzugeben. Es verantwortlich weitergeben, kann eben auch heissen, es noch nicht oder nicht mehr weiterzugeben. In diesem Sinne ist die Empfängnisverhütung weder verantwortlich noch besitzt sie einen elterlichen Sinngehalt. Sie kann nicht der auch leibliche Ausdruck einer Liebe sein, die der Weitergabe des Lebens dient.

Wie schon gesagt, empfiehlt die Kirche die natürliche Empfängnisregelung. Damit sie erlaubt ist, müssen berechtigte Gründe vorliegen. Auch die natürliche Empfängnisregelung kann missbraucht werden durch eine verhütende Gesinnung.

Prophetische Bedeutung von Humanae Vitae

Paul VI. hat schon vor 50 Jahren die Befürchtung geäussert, die Verhütungsmentalität werde zu einer Destabilisierung von Ehe und Familie führen. Die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung werde dazu führen, dass Männer die Frauen nicht mehr als Person respektierten, sondern als ein Objekt der Triebbefriedigung ansehen würden. Regierungen würden versucht sein, sich in die Freiheit der Eltern einzumischen. Sie könnten Verhütung als Druckmittel in der Bevölkerungspolitik einsetzen. Alle Voraussagen des Papstes haben sich erfüllt. Die sexuelle Freizügigkeit schon der Jugendlichen behindert deren persönliche Reifung. Die Destabilisierung der Ehen und damit der Familien hat stark zugenommen. Das führt wiederum zu Bindungsangst und Bindungsunfähigkeit. Die Abtreibungen lassen sich mit Verhütung nicht wirksam bekämpfen. Dazu kommt, dass die Grenze zwischen Abtreibung und Verhütung fliessend geworden ist. Manche Verhütungsmittel wirken auch frühabtreibend. Sie verhindern nämlich die Einnistung des Embryos in die Gebärmutter. Reiche Nationen haben die Entwicklungshilfe an die Bedingung geknüpft, dass Verhütung zur Pflicht gemacht wird. Die demographische Lage ist inzwischen besorgniserregend. Die europäischen Völker ersetzen die Generationen nicht mehr. Sie sind zu sterbenden Völkern geworden. Allein um die Generationen zu ersetzen, braucht es etwas mehr als zwei Kinder pro Familie.

Die Entkoppelung von Sexualität und Fruchtbarkeit hat nicht nur zu einer Sexualität ohne Fortpflanzung geführt, sondern immer mehr auch zur Fortpflanzung ohne Sexualität. Auch das ist eine äusserst problematische Entwicklung. Die neuen Fortpflanzungstechnologien verbrauchen nämlich unzählige Embryonen. Sie zerstören das Leben von Kindern in ihrer ersten Lebensphase. Dabei sind sie nicht einmal besonders effizient. Zudem gibt es inzwischen auf der Basis von verfeinerten Zyklusstudien Behandlungen von unfreiwillig unfruchtbaren Paaren, welche eine höhere Erfolgsrate aufweisen als die In-Vitro-Fertilisation.

Verhütung gehört zur Kultur des Todes, von welcher der heilige Papst Johannes Paul II. immer wieder gesprochen hat. Viele sind sich dessen nicht bewusst, weil ihnen diese Zusammenhänge nicht aufgezeigt wurden. Es geht deshalb heute unter neuerlicher Berufung auf die Enzyklika Humanae vitae darum aufzuzeigen, wie die Kirche die Schöpfungsordnung versteht.

Paul VI. war sich bewusst, dass diese Lehre der Kirche von vielen abgelehnt werden würde. Aber die Kirche muss damit rechnen, dass sie wie schon ihr Stifter zum Zeichen gesetzt ist, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Doch es geht der Kirche um die Würde des Menschen: «Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiss die Kirche sehr wohl, dass sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, dass er sich auf technische Mittel verlässt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, dass ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, dass er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist» (Humanae vitae,18).

Humanae Vitae neu entdecken

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Der christliche Geist kann sich in den Familien nur dann entfalten, wenn wir in der Ehe und in der Familie die Schöpfungsordnung wieder ganz zu respektieren lernen. Nehmen wir die Wahrheit ernst, welche in der Enzyklika Humanae vitae enthalten ist. Das wird für die Ehepaare und die Familien, ja für die Kirche sowie für unsere Gesellschaft ein Segen sein.

Maria, «die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite» (Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Gaudete et exultate, 176), begleite uns mit ihrer Fürsprache und ihrer mütterlichen Fürsorge. Mit diesem Wunsch grüsse ich herzlich und lasse allen meinen bischöflichen Segen zukommen

+ Vitus Huonder Bischof von Chur

 

Weiterführende Informationen zur natürlichen Empfängnisregelung:

  • Institut für Natürliche Empfängnisregelung iner.org
  • Interessengemeinschaft für natürliche Familienplanung Schweiz / Fürstentum Liechtenstein www.ignfp.ch

_______

Quelle

Papst Franziskus: Katholische Bildung für eine bessere Zukunft

Papst Franziskus trifft die Stiftung Gravissimum Educationis im Vatikan (Vatican Media)

Nur indem man die Erziehung ändert, kann man die Welt ändern. Das schrieb Papst Franziskus an diesem Montag den Mitgliedern der Stiftung Gravissium Educationis ins Stammbuch, die er in Audienz empfing.

Christine Seuss – Vatikanstadt

Die katholische Bildung, so unterstrich Franziskus in seiner Ansprache, müsse dafür sensibilisieren, wie heute getroffene Entscheidungen sich auf zukünftige Generationen auswirken, ohne jedoch die Wurzeln der Vergangenheit und das friedliche Zusammenleben von Bürgern, Kulturen und Religionen zu vernachlässigen.

Er würdigte in seiner Ansprache den Einsatz der Stiftung, die er anlässlich des 50. Jahrestages des gleichnamigen Konzilsdokumentes am 28. Oktober 2015 selbst ins Leben gerufen hatte, um die Zusammenarbeit von katholischen Bildungseinrichtungen „im Gleichschritt mit den historischen Transformationen unserer Zeit“ zu verbessern.

Bereits die Konzilserklärung Gravissimum educationis habe diesen Anspruch an die katholische Bildungsarbeit gestellt, erinnerte der Papst mit Verweis auf seine Apostolische Konstitution Veritatis gaudium, die die Aufforderung des Konzils aufgegriffen habe. Insbesondere habe er dabei die „dringende Notwendigkeit“ betont, ein „Netzwerk“ zwischen all den verschiedenen Einrichtungen zu bilden, „die auf der ganzen Welt die kirchlichen Studien pflegen und fördern“. Dies gelte in einem weiteren Sinn auch für alle katholischen Bildungsstätten, so der Papst, der einige Vorschläge für eine „Bildungswende“ im Zeichen des Netzwerkens erläuterte.

Interdisziplinärer Wissens- und Erkenntnistransfer

Es gehe zunächst einmal darum, Schulen und Universitäten zusammenzubringen, um das Bildungsangebot zu verstärken, sich gegenseitig zu bereichern und so größere Effizienz auf intellektuellem und kulturellem Niveau zu erreichen. Gleichzeitig müsse dies durch einen weit angelegten Wissens- und Erkenntnistransfer geschehen, um den „komplexen Herausforderungen“ mit der „Inter- und Transdisziplinarität“ entgegenzutreten. „Netzwerke bilden bedeutet Orte der Begegnung und des Dialogs innerhalb der Institutionen zu schaffen und sie nach außen zu erweitern, mit Bürgern, die aus anderen Kulturen, Traditionen und Religionen kommen, damit der christliche Humanismus die universelle Bedingung der Menschheit heute untersuchen möge,“ so die dritte Anmerkung des Papstes. Über die Bildungsprogramme hinaus müsse man „aus der Schule eine erziehende Gemeinschaft” machen, in der Dozenten und Schüler „durch ein Programm des Lebens und der Erfahrung“ verbunden seien, was zu einem lebendigen Austausch über die Generationen hinweg führe: dies sei „sehr wichtig, um die Wurzeln nicht zu verlieren,“ unterstrich der Papst.

“ Nur wenn man die Erziehung ändert, kann man die Welt ändern ”

Dabei seien die Herausforderungen, vor denen die Menschheit stehe, nicht nur thematisch und örtlich breit aufgestellt, betonte Franziskus. Vielmehr müsste man sich dessen bewusst sein, dass heute getroffene Entscheidungen auch weit in die Zukunft hinein reichten und zukünftige Generationen beeinflussten.
Aus diesem Grund sei es notwendig, auch mit der katholischen Erziehung zu einer Zukunft beizutragen, „in der die Würde des Menschen und die universale Geschwisterlichkeit globale Ressourcen seien, die jedem Bürger der Welt zur Verfügung stehen“, so die Vision des Papstes. „Erziehen heißt umformen,“ so das Thema der Tagung, zu der sich die rund 80 Mitglieder der Stiftung derzeit versammelt haben. Dies unterstrich auch der Papst, der betonte: „Nur wenn man die Erziehung ändert, kann man die Welt ändern“:

“ Die Herausforderungen, die den Menschen von heute vor Fragen stellen, sind global, in einem weiteren Sinn, als man gemeinhin annimmt ”

„Die Herausforderungen, die den Menschen von heute vor Fragen stellen, sind global, in einem weiteren Sinn, als man gemeinhin annimmt. Die katholische Erziehung beschränkt sich nicht darauf, den Geist für einen weiteren Blick auszubilden, der in der Lage ist, auch weit entfernte Wirklichkeiten zu erfassen. Sie nimmt wahr, dass sich die moralische Verantwortlichkeit des Menschen von heute über den Raum hinaus auch über die Zeit erstreckt, und dass die Entscheidungen von heute Auswirkungen auf die zukünftigen Generationen haben.“

“ Wir müssen der globalen Welt eine Seele geben ”

Mit Blick auf seine Apostolische Exhortation Evangelii gaudium lud der Papst außerdem dazu ein, „uns nicht die Hoffnung rauben zu lassen und den gesellschaftlichen Veränderungen positiv entgegenzutreten, „erleuchtet“ durch das „Versprechen des christlichen Heils“, um der „globalen Welt von heute Hoffnung zu schenken:

„Eine Globalisierung ohne Hoffnung und ohne Vision ist den Bedingungen von wirtschaftlichen Interessen unterworfen, die oftmals von einer richtigen Auffassung vom Guten entfernt sind. Sie erzeugt leicht soziale Spannungen, wirtschaftliche Konflikte und Machtmissbrauch. Wir müssen der globalen Welt eine Seele geben, durch eine intellektuelle und moralische Ausbildung, die es versteht, die guten Seiten der Globalisierung vorzuziehen und die negativen zu korrigieren.“

“ Enger Zusammenhang zwischen menschlicher Misere und der ökologischen Krise ”

Dieses, so betonte der Papst, seien „wichtige Meilensteine”, die durch die Entwicklung der wissenschaftlichen Forschung zu erreichen seien, die auch der Mission der Stiftung zugrunde liege. Die positiven Seiten der Globalisierung, wie eine „größere Zusammengehörigkeit zwischen den menschlichen Wesen“ seien unbedingt zu verstärken, während die damit einhergehenden „Ungerechtigkeiten“ und der „enge Zusammenhang zwischen menschlicher Misere und der ökologischen Krise“ unseres Planeten auch durch die akademischen Anstrengungen sichtbar werde.

Identität, Qualität und Gemeinwohl

Drei Kriterien seien es, die „essentiell“ für die Arbeit der Wissenschaftler und Forscher sei, so Franziskus: die Identität, die Qualität und das Gemeinwohl. Das erste erfordere „Kohärenz und Kontinuität“ in der Mission der Bildungseinrichtungen, die durch die katholische Kirche eingerichtet wurden, „allen offenstehen“ und in der Tradition der „christlichen Zivilisierung“ und der „evangelisierenden Mission der Kirche“ stünden. „Damit könnt ihr dazu beitragen, anzuzeigen, welche Straßen einzuschlagen seien, um aktuelle Antworten auf die Dilemma der Gegenwart zu geben, mit einem besonderen Augenmerk auf die Notleidendsten“.

Ein weiterer Knackpunkt sei die „Qualität“ der Ausbildung, notwendig, um die interdisziplinären Leistungszentren zu schaffen, von denen die Konstitution spreche und die die Stiftung Gravissimum Educationis fördern wolle, unterstrich der Papst.

„Und dann darf in eurer Arbeit nicht das Ziel des Gemeinwohls fehlen. Das Gemeinwohl ist schwierig zu definieren in unseren Gesellschaften, die durch das Zusammenleben von Bürgern, Gruppen und Völkern verschiedener Kulturen, Traditionen und Religionen geprägt sind. Man muss den Horizont des Gemeinwohls erweitern und alle zu einer Zugehörigkeit zur Menschheitsfamilie erziehen.“

Ein Programm, das auf diesen festen Pfeilern fuße, so die abschließenden Bemerkungen des Papstes, könne durch die Erziehung zu der Entwicklung einer Zukunft beitragen, “in der die Würde der Person und die universale Geschwisterlichkeit globale Ressourcen seien, die jedem Bürger der Welt zur Verfügung stehen.”

Gravissimum Educationis im Einsatz für das katholische Bildungswesen

Die weltweit bestehenden katholischen Lehreinrichtungen umfassen etwa 216.000 katholische Schulen mit 61 Millionen Studenten sowie 1.760 katholische Hochschulen bzw. Universitäten mit 11 Millionen Studenten. Bildung für die Jugend ist ein Anliegen des ehemaligen Lehrers Bergoglio auch als Papst. So treibt Franziskus mit dem weltweiten katholischen Schulnetzwerk „Scholas Occurrentes“, das er schon als Erzbischof von Buenos Aires initiierte und später in eine päpstliche Stiftung umwandelte, eine weitere weltweite Bildungsinitiative voran. Der Name der 2015 gegründeten päpstlichen Stiftung „Gravissimum Educationis“ lehnt sich an die gleichnamige Erklärung über die christliche Erziehung an, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert und von Papst Paul VI. 1965 promulgiert wurde.

LESEN SIE AUCH:

_______

Quelle

Lehren und Weisungen der Päpste: PAPST LEO XIII. (1878-1903)

Aus der Enzyklika »Inscrutabili Dei consilio« (21. April 1878): Zum Beginn seines Pontifikates. — Rund­schreiben Leos XIII., Herder (Freiburg) I (1881), 2-8.

Zeitübel und ihre Ursache

. . . Gleich bei Beginn unseres Pontifikates stellt sich uns das traurige Bild aller Übel dar, die auf dem menschlichen Geschlechte allüberall lasten: diese soweit verbreitete Untergrabung der höchsten Wahrheiten, auf denen, wie auf einem festen Fundamente, der Bestand der menschlichen Gesellschaft ruht; diese Verwegenheit der Geister, die keine rechtmäßige Gewalt über sich dulden wollen; diese beständige Ursache von Zwietracht, aus der Kämpfe im Innern, wilde und blutige Kriege entstehen; die Verachtung der Gesetze, welche die Sit­ten regeln und die Gerechtigkeit beschützen; die unersättliche Gier nach den vergänglichen Dingen und Vergessenheit der ewigen bis zu jener wahnsinnigen Wut, in der so viele Un­glückliche allenthalben ohne Scheu Hand an sich selbst legen; die leichtsinnige Verwaltung der öffentlichen Güter, deren Vergeudung und Unterschlagung; und dabei die Unverschämt­heit jener, die, während sie am meisten betrügen, sich so gebärden, daß es scheint, sie seien die Vorkämpfer des Vaterlandes, der Freiheit und jedweden Rechtes; jene gewissermaßen todbringende Seuche endlich, welche die innersten Glieder der menschlichen Gesellschaft un­vermerkt durchdringt, sie nicht zur Ruhe kommen läßt und ihr neue Umwälzungen und einen unheilvollen Ausgang ankündigt.

Die Ursache dieser Übel aber, wie wir überzeugt sind, liegt darin, daß jene heilige und er­habene Autorität der Kirche verachtet und hintangesetzt wurde, die im Namen Gottes dem Menschengeschlechte vorsteht und jedweder rechtmäßigen Autorität ein Schutz und Schirm ist. Da die Feinde der öffentlichen Ordnung dies wohl einsahen, so hielten sie nichts für geeigneter, um die Fundamente der Gesellschaft zu untergraben, als die Kirche Gottes in hartnäckigem Kampfe anzugreifen, und, indem sie durch schändliche Verleumdungen, als ob die Kirche der wahren bürgerlichen Gesittung im Wege stände, Mißgunst und Haß gegen sie erregten, ihre Autorität und ihren Einfluß von Tag zu Tag durch neue Wunden zu schwä­chen, die oberste Gewalt des römischen Papstes zu untergraben, der da Schirm und Hort der ewigen und unwandelbaren Grundsätze der Sitte und Gerechtigkeit ist. Daher stammen denn auch jene zu unserem Bedauern in sehr vielen Ländern erlassenen Gesetze, welche die gött­liche Verfassung der katholischen Kirche zu erschüttern geeignet sind; daher die Hintan­setzung der bischöflichen Gewalt, die Hindernisse, die man der Ausübung des geistlichen Amtes entgegenstellt, die Auflösung der religiösen Genossenschaften, die Einziehung der Güter, die den Dienern der Kirche und den Armen Unterhalt gaben. Daher ist es gekom­men, daß die öffentlichen, der christlichen Liebe und Mildtätigkeit gewidmeten Anstalten der heilsamen Leitung durch die Kirche entzogen wurden; daher jene zügellose Freiheit, alles, was nur immer schlecht ist, zu lehren und zu veröffentlichen, während dagegen das Recht der Kirche auf den Unterricht und die Erziehung der Jugend in jeglicher Weise ver­letzt und unterdrückt wird. Und dahin zielt auch die Besitznahme der weltlichen Herr­schaft, welche die göttliche Vorsehung vor vielen Jahrhunderten dem römischen Papste verliehen hat, damit er frei und ungehindert die ihm von Christus gegebene Gewalt zum ewigen Heile der Völker ausübe . . .

Enzyklika »Quod Apostolici muneris« (28. Dezember 1878). — Rundschreiben 1,27-51; — vgl Marmy—Schafer—Rohrbasser (MSR), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, 118-130.

Über den Sozialismus

Wie es unser apostolisches Amt von uns forderte, haben wir alsbald zu Beginn unseres Pontifikates nicht unterlassen, durch ein Rundschreiben (Inscrut. Dei cons., ASSX [1890], 585-592), das wir an euch, ehrwürdige Brüder, richteten, hinzuweisen auf die todbringende Seuche, welche die innersten Glieder der menschlichen Gesellschaft durchdringt und ihr die äußerste Gefahr bereitet; zugleich haben wir auch auf die höchst wirksamen Heilmittel hin­gewiesen, durch welche sie wieder Rettung erlangen und den gewaltigen Gefahren, die ihr drohen, entfliehen kann. Aber die Übel, welche wir damals beklagten, sind seit kurzem der­art gewachsen, daß wir uns genötigt sehen, wieder an euch unsere Worte zu richten, da der Prophet uns gewissermaßen in die Ohren ruft: »Rufe, höre nicht auf, wie eine Posaune erhebe deine Stimme (Is 58,1).« Ihr seht gewiß leicht ein, ehrwürdige Brüder, daß wir von der Partei jener Menschen reden, welche mit verschiedenen und fast barbarischen Namen Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten genannt werden und über die ganze Erde ver­breitet sind und, durch ein verwerfliches Bündnis in engster Gemeinschaft miteinander ste­hend, nicht länger mehr durch das Dunkel verborgener Zusammenkünfte sich zu schützen suchen, sondern öffentlich und keck hervortreten, um ihren schon längst gehegten Plan, die Grundlagen jedweder bürgerlicher Gesellschaft umzustoßen, zur Ausführung zu bringen. Es sind nämlich jene, welche, wie das Wort Gottes sagt, »das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und die Würde lästern (Jud 8)«. Nichts von alldem, was nach göttlichem und menschlichem Rechte zur Wohlfahrt und zum Schmucke des Lebens weise geordnet ist, lassen sie unberührt, noch unverletzt. Den höheren Gewalten, denen nach der Lehre des Apostels jede Seele untertan sein soll, und die von Gott das Recht zu gebieten zu Lehen empfangen, verweigern sie den Gehorsam und verkünden eine vollständige Gleichheit aller Menschenrechte und Pflichten. Die auf der Natur beruhende Vereinigung zwischen Mann und Weib, selbst barbarischen Völkern heilig, entwürdigen sie, und das Band derselben, auf dem die häusliche Gesellschaft vorzugsweise ruht, lockern sie oder geben es sogar der Wollust preis. Hingerissen endlich von der Gier nach den gegenwärtigen Gütern, »welche die Wurzel aller Übel ist, und sich ihr ergebend, sind einige vom Glauben abgewichen (1Tim 6,10)«, bekämpfen sie das durch die Natur geheiligte Eigentumsrecht, und indem sie den Bedürfnissen aller Menschen zu dienen und ihren Wünschen zu entsprechen scheinen, suchen sie durch unsäglichen Frevel zu rauben und als Gemeingut zu erklären, was immer auf Grund rechtmäßiger Erbschaft, oder durch geistige und körperliche Arbeit oder durch Sparsamkeit erworben wurde. Und diese ungeheuerlichen Irrtümer verkünden sie in ihren Versammlungen, verbreiten sie durch Schriften, werfen sie durch eine Flut von Tagesblät­tern unter die Menge. Hierdurch erregten sie einen solchen Haß unter dem aufrührerischen Volke gegen die ehrwürdige Majestät und Gewalt der Herrscher, daß verbrecherische Ver­räter jede Zurückhaltung abwarfen und in kurzer Zeit mehr als einmal in gottlosem Wagnis gegen das Staatsoberhaupt selbst die Waffen kehrten.

Der Ursprung aus Rationalismus und Liberalismus

Diese Verwegenheit gewissenloser Menschen aber, welche von Tag zu Tag die bürgerliche Gesellschaft mit immer größerem Verderben bedroht und alle Gemüter mit Furcht und Angst erfüllt, hat ihren Grund und Ursprung in jenen giftträchtigen Lehren, welche vor­dem einem bösen Samen gleich unter die Völker ausgestreut wurden und nun zu ihrer Zeit solch todbringende Früchte getragen haben. Denn ihr wißt wohl, ehrwürdige Brüder, daß der erbitterte Kampf der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts von den Neuerern gegen die katholische Kirche begonnen wurde, und der bis jetzt immer heftiger entbrannte, keinen anderen Zweck hat, als daß nach Ablehnung jeder Offenbarung und Zerstörung jeder über­natürlichen Ordnung die Erfindungen der Vernunft allein oder vielmehr deren Verirrungen zur Herrschaft gelangen. Dieser Irrtum, der mit Unrecht seinen Namen von der Vernunft herleitet, hat, wie von selbst, nicht bloß die Gemüter sehr vieler Menschen, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft weithin druchdrungen, da er dem von Natur aus dem Menschen angeborenen Trieb nach Auszeichnung schmeichelt und denselben reizt und den Begierden jeder Art die Zügel schießen läßt. Daher hat man einer neuen und selbst für die Heiden un­erhörten Gottlosigkeit sich schuldig gemacht, indem man Staatswesen gründete ohne jede Rücksicht auf Gott und die von ihm gesetzte Ordnung; die öffentliche Autorität, so lehrt man, habe weder ihren Ursprung, noch ihre Majestät, noch ihre Befehlsgewalt von Gott, sondern vielmehr von der Volksmasse, welche, jeder göttlichen Satzung ledig, nur jenen Gesetzen zu unterstehen sich herbeiließ, die sie selbst nach Gutdünken gegeben hatte. Nach­dem man die übernatürlichen Glaubenswahrheiten als vernunftwidrig bekämpft und ver­worfen, wird der Urheber und Erlöser des menschlichen Geschlechtes selbst nach und nach in steigendem Maße aus den Hoch- und Mittelschulen und aus allen öffentlichen Bereichen des menschlichen Lebens verbannt. Da man endlich die Belohnungen und Strafen des ewigen Lebens vergessen hat, so beschränkt sich das glühende Verlangen nach Glück auf den engen Kreis dieses irdischen Lebens. Indem nun solche Lehre überallhin verbreitet wurde, und allenthalben diese wilde Zügellosigkeit in Denken und Handeln ins Leben trat, ist es nicht zu verwundern, daß Leute aus dem niedersten Stande, ihrer armen Wohnung oder Werk­stätte überdrüssig, über die Paläste und Güter der Reicheren herzufallen verlangen; ebenso ist es nicht zu verwundern, daß im öffentlichen und häuslichen Leben keine Sicherheit mehr besteht, und das menschliche Geschlecht bereits am Rande des Verderbens angelangt ist …

Gegensätze zwischen Christentum und Sozialismus

Wenngleich aber die Sozialisten das Evangelium mißbrauchen, und, um die Unbesonnenen leichter zu täuschen, dasselbe in ihrem Sinne zu deuten pflegen, so besteht doch zwischen ihren schlechten Grundsätzen und der reinen Lehre Christi ein Unterschied, wie er nicht größer gedacht werden kann. »Denn was hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit gemein? Oder wie kann sich Licht zu Finsternis gesellen (2Kor 6,14)?« Jene hören nicht auf, wie wir bereits erwähnten, immerfort zu erklären, alle Menschen seien von Natur aus unter­einander gleich, und behaupten daher, weder sei man der Majestät Hochachtung und Ehr­furcht, noch den Gesetzen Gehorsam schuldig, sie seien denn von ihnen selbst nach ihrem Gutdünken erlassen. Dagegen besteht nach der Lehre des Evangeliums die Gleichheit der Menschen darin, daß alle dieselbe Natur empfangen haben, zu derselben hoch erhabenen Würde der Kinder Gottes berufen sind, daß ein und dasselbe Ziel allen bestimmt ist, und alle nach demselben Gesetze gerichtet werden, um Lohn oder Strafe nach Verdienst zu emp­fangen. Doch auch die Ungleichheit im Recht und in der Gewalt rührt von dem Urheber der Natur selbst her, von »welchem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt (Eph 3,15)«. Die Herzen der Herren und Untertanen aber sind nach katholischer Lehre und Vorschrift durch wechselseitige Rechte und Pflichten so untereinander verbunden, daß die Herrschsucht gemäßigt und die Pflicht des Gehorsams erleichtert, befestigt und in höchster Weise geadelt wird.

In der Tat prägt die Kirche dem untergebenen Volke beständig das Apostolische Wort ein: »Es gibt keine Gewalt, außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes und die sich widersetzen, ziehen sich selbst Verdammnis zu (Röm 13,1-2).« Und wiederum ge­bietet er, »untertan zu sein, nicht nur um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen; allen zu geben, was ihnen gebührt, Steuern wem Steuern, Zoll wem Zoll, Ehrfurcht wem Ehrfurcht, Ehre wem Ehre gebührt (Röm 13,5-7)«. Hat doch der, der alles schuf und alles lenkt, in seiner weisen Vorsehung es so geordnet, daß das Unterste durch das Mittlere, das Mittlere durch das Höchste zu seinen entsprechenden Zielen gelange. Wie er darum selbst im himmlischen Reiche unter den Chören der Engel einen Unterschied wollte und die einen den anderen untergeordnet hat, wie er auch in der Kirche mannigfaltige Weihestufen und einen Unterschied der Ämter eingesetzt hat, daß nicht alle Apostel seien, nicht alle Lehrer, nicht alle Hirten (vgl 1Kor 12,29), so hat er auch in der bürgerlichen Gesellschaft mehrere Stände gegründet, in Würde, Rechten, Gewalt verschieden, damit so der Staat wie die Kirche ein Leib sei, der viele Glieder in sich schließt, von denen eines edler ist als das andere, die aber alle einander notwendig und für das gemeinsame Wohl besorgt sind.

Damit jedoch die Führer der Völker die ihnen zustehende Gewalt zur Auferbauung und nicht zur Zerstörung gebrauchen, mahnt die katholische Kirche in höchst geeigneter Weise, daß auch den Fürsten die Strenge des höchsten Richters bevorstehe, und ruft im Namen Gottes mit den Worten der göttlichen Weisheit allen zu: »Neiget eure Ohren, die ihr der Völker Menge beherrscht und euch gefallet in den Scharen der Nationen; denn von dem Herrn ist euch die Herrschaft gegeben und die Macht von dem Allerhöchsten, der eure Werke untersucht und eure Gedanken erforscht . . . Denn das strengste Gericht ergeht über jene, die anderen vorstehen . . . Denn Gott wird niemands Person ausnehmen, noch irgend­eine Größe scheuen; weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorget für alle. Den Starken aber steht eine höhere Strafe bevor (Weish 6,2-4; 6-9).« Wenn es jedoch zuweilen vorkommt, daß die öffentliche Gewalt von den Herrschern ohne Überlegung über das Maß geübt wird, so duldet die Lehre der katholischen Kirche nicht, daß man auf eigene Faust gegen sie sich erhebe, damit Ruhe und Ordnung nicht noch mehr gestört werden, und die Gesellschaft dadurch noch in höherem Maße Schaden leide. Und wenn es dahin gekommen ist, daß keine andere Hoffnung auf Rettung erscheint, so lehrt sie, durch das Verdienst christlicher Geduld und inständiges Gebet zu Gott die Abhilfe zu beschleunigen. Wenn jedoch die Satzungen der Gastgeber und Fürsten etwas bestimmen oder befehlen, was dem göttlichen oder natürlichen Gesetze widerspricht, so gemahnen uns Pflicht und Würde des christlichen Namens, sowie der Apostolische Ausspruch, »daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (Apg 5,29)«.

Gegensätze in bezug auf die Familie

Die segensvolle Macht der Kirche nun, welche ihren Einfluß auf die zweckmäßige Ordnung der Regierung und die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft ausübt, macht sich notwen­dig auch in der häuslichen Gesellschaft geltend und fühlbar, die eines jeden Staates und Reiches Ursprung ist. Denn ihr wißt, ehrwürdige Brüder, daß das wahre Wesen dieser Gesellschaft nach den unverletzlichen Gesetzen des Naturrechtes vor allem auf dem unlös­baren Bunde von Mann und Weib ruht, und in den wechselseitigen Pflichten und Rechten zwischen Eltern und Kindern, Herren und Dienern seine Vollendung findet. Ihr wißt gleich­falls, daß diese Gesellschaft durch die Lehren des Sozialismus nahezu aufgelöst wird; denn nach Verlust jener Festigkeit, welche der religiöse Ehebund ihr verleiht, müssen folgerichtig auch wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder, so die Pflichten der Kinder gegen die Eltern in höchstem Maße gelockert werden. Dagegen ist zu sagen, daß »ehrwürdig in jeder Hinsicht die Ehe ist (Hebr 13,4)«, welche schon mit Beginn der Welt Gott selbst zur Fort­pflanzung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes eingesetzt und als unauflöslich begründet hat, die nach der Lehre der Kirche fester und heiliger geworden ist durch Christus, der ihr die Würde eines Sakramentes verlieh und wollte, daß sie ein Abbild seiner Verbindung mit der Kirche sei. Daher ist nach der Mahnung des Apostels (Eph 5,23), wie Christus Haupt der Kirche, so der Mann Haupt des Weibes; und wie die Kirche Christus untergeben ist, der sie mit keuschester und immerwährender Liebe liebt, so ziemt es sich, daß auch die Frauen ihren Männern unterworfen seien, die sie hinwieder mit treuer und stand­hafter Hingebung zu lieben haben. Ebenso hat die Kirche die Gewalt des Vaters und Herrn so geordnet, daß sie stark genug ist, um Söhne und Diener in Gehorsam zu halten, ohne jedoch das Maß zu überschreiten. Denn nach katholischer Lehre geht auf Eltern und Herren die Hoheit des himmlischen Vaters und Herrn über, die daher von ihm nicht bloß ihren Ursprung und ihre Kraft hat, sondern ebenso auch Wesen und Eigenschaften empfängt. Daher mahnt der Apostel die Kinder, »ihren Eltern zu gehorchen im Herrn, Vater und Mutter zu ehren, welches das erste Gebot ist im Zeichen der Verheißung (Eph 6,1-2)«. Den Eltern aber gebietet er: »Und ihr, Väter, erbittert eure Kinder nicht, sondern erzieht sie in der Lehre und Zucht des Herrn (Eph 6,4).« Wiederum aber wird den Dienern und Herrn durch denselben Apostel das göttliche Gebot verkündet, und zwar, daß jene gehorchen »den leiblichen Herren wie Christus . . ., in der Einfachheit ihres Herzens dienend gleichsam dem Herrn. Diese aber sollen ablassen von Drohungen, da sie wissen, daß ein Herr aller im Himmel und bei ihm kein Ansehen der Personen ist (ebd 5-7)«. Würde all dies sorgfältig von all jenen, die es angeht, nach dem Gebote des göttlichen Willens beobachtet, so würde wahrhaftig jede Familie gewissermaßen ein Abbild der himmlischen Hausgemeinschaft dar­stellen, und es würden die herrlichen Segnungen, die hieraus erwachsen, nicht auf die Mauern des Hauses sich beschränken, sondern auf die Staaten selbst in reichlichem Maße übergehen.

Rechte und Pflichten des Eigentums

Es hat aber die katholische Weisheit, gestützt auf die Vorschriften des natürlichen und gött­lichen Gesetzes, für den öffentlichen wie häuslichen Frieden in wohlbedachter Weise Vorsorge getroffen, auch durch das, was sie festhält und lehrt in Hinsicht auf das Eigentums­recht und die Verteilung der Güter, welche zum Leben notwendig und nützlich sind. Denn während die Sozialisten das Eigentumsrecht als eine menschliche, der natürlichen Gleichheit der Menschen widersprechende Erfindung ausgeben, und in ihrem eifrigen Streben nach Gütergemeinschaft meinen, es sei keineswegs die Armut gleichmütig zu tragen, und man könne die Besitztümer und Rechte der Reicheren ungestraft verletzen, hält die Kirche eine Ungleichheit unter den Menschen, die von Natur aus hinsichtlich der Kräfte des Körpers und Geistes verschieden sind, auch in bezug auf den Besitz von Gütern für weit ratsamer und nützlicher. Sie gebietet auch, daß das Recht des Eigentums und Besitzes, das in der Natur selbst gründet, einem jeden gegenüber unantastbar und unverletzlich sei. Denn sie weiß, daß Diebstahl und Raub von Gott, dem Urheber und Schirmer allen Rechts, derart verboten wurde, daß es nicht einmal erlaubt ist, Fremdes zu begehren, und Diebe und Räuber ebenso wie Ehebrecher und Götzendiener von dem Himmelreiche ausgeschlossen werden. Doch vernachlässigt sie nicht die Sorge für die Armen, noch vergißt sie, wir eine liebende Mutter sich ihrer in ihren Bedürfnissen anzunehmen. Vielmehr umfaßt sie dieselben in mütterlicher Liebe. Und wohl wissend, daß sie die Person Christi selbst darstellen, der als ihm selbst erwiesene Wohltat ansieht, was auch dem geringsten Armen von irgend jemand gegeben wird, hält sie dieselben hoch in Ehren. Wo immer sie kann, eilt sie ihnen zu Hilfe. Sie sorgt dafür, daß überall auf Erden Häuser und Herbergen errichtet werden, wo sie Auf­nahme, Nahrung und Pflege finden. Und sie nimmt dieselben unter ihren Schutz. Sie schärft den Reichen die schwere Pflicht ein, den Armen von ihrem Überfluß mitzuteilen, und droht ihnen mit dem göttlichen Gericht, das sie zu ewigen Strafen verdammt, wenn sie den Dürftigen in ihren Nöten nicht beispringen. Endlich erhebt und tröstet sie ganz besonders die Gemüter der Armen, indem sie ihnen teils das Beispiel Christi vorhält, der, »da er reich war, um unsertwillen arm geworden ist (2Kor 8,9)«, teils dessen Worte in Erinnerung bringt, durch welche er die Armen selig pries und in ihnen die Hoffnung auf die Belohnungen der ewigen Seligkeit weckte. Wer sollte aber nicht einsehen, daß auf diese Weise der uralte Gegensatz zwischen arm und reich am besten ausgeglichen wird? Die Natur der Sache selbst und die Ereignisse sagen uns mit aller Deutlichkeit: verwirft man diese Lösung oder vernachlässigt man sie, dann muß eins von beiden folgenden eintreten. Entweder gleitet wohl der größte Teil des Menschengeschlechtes in den höchst unwürdigen Zustand der Sklaverei zurück, der lange bei den Heiden bestand, oder die menschliche Gesellschaft wird unabläs­sig von Wirren gepeinigt, von Raub und Gewalttat bedroht, wie dies zu unserem Bedauern auch in neuster Zeit geschehen ist.

Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat

Angesichts dieser Lage haben wir, da uns die Regierung der ganzen Kirche obliegt, schon bei Beginn unseres Pontifikates Fürsten und Völker, die von einem wütenden Sturme umhergeworfen werden, auf den schützenden Hafen hingewiesen, in dem sie sich bergen können; und durch die äußerste Gefahr, die bevorsteht, bewogen, erheben wir jetzt wiederum vor ihnen unsere Apostolische Stimme und bei ihrem eigenen und der Gesellschaft Heile bitten wir sie abermals und beschwören sie, daß sie die Kirche, die so herrliche Verdienste um die Wohlfahrt der Reiche hat, als Lehrerin anerkennen und anhören mögen. Sie mögen die volle Überzeugung gewinnen, daß das Wohl des Staates und der Religion so verbunden sind, daß, was dieser entzogen wird, in demselben Maße der Untertanen Treue und Majestät der Obrig­keit abgeht. Und wenn sie einsehen, daß zur Abwehr der Pest des Sozialismus die Kirche Gottes eine so große Macht besitzt, wie sie weder menschlichen Gesetzen, noch den Ver­boten der Behörden, noch den Massen der Soldaten zukommt, so mögen sie endlich der Kirche jene Stellung und Freiheit wiedergeben, in der sie ihren so höchst heilsamen Einfluß zum Besten der ganzen Gesellschaft geltend machen kann.

Ihr aber, die ihr Quelle und Wesen der bevorstehenden Übel erkennt, trachtet mit allem Eifer und Aufgebot der Seele dahin, daß die katholische Lehre allen Gemütern eingepflanzt werde und da tiefe Wurzeln schlage. Bestrebet euch, daß schon von zarter Jugend an alle sich gewöhnen, Gott in kindlicher Liebe anzuhangen und ihn zu fürchten, der Majestät der Machthaber und der Gesetze Gehorsam zu leisten, die Begierden zu beherrschen und die Ordnung, welche Gott sowohl in der bürgerlichen als in der häuslichen Gesellschaft begrün­det hat, sorgfältig zu wahren. Außerdem traget Sorge dafür, daß die Söhne der katholischen Kirche weder diesem abzulehnenden Bunde beitreten, noch in irgendeiner Weise ihn zu begünstigen wagen; vielmehr sollen sie durch musterhaftes Verhalten und eine in allem lobenswerte Lebensweise zeigen, wie gut und glücklich es stünde um die menschliche Gesell­schaft, wenn alle ihre Glieder durch Rechtschaffenheit und Tugend sich auszeichneten. Da endlich die Anhänger des Sozialismus besonders unter jener Menschenklasse sich finden, welche ein Handwerk treiben oder um Lohn arbeiten, und die etwa, der Mühen überdrüssig, durch Hoffnung auf Reichtum und Verheißung von Gütern sehr leicht angelockt werden, so scheint es zweckmäßig, die Handwerker- und Arbeitervereine zu fördern, die unter dem Schutze der Religion alle ihre Mitglieder zur Zufriedenheit mit ihrem Lose und Geduld in der Arbeit anhalten, und zu einem ruhigen und friedsamen Leben anleiten …

_______

Quelle: SUMMA PONTIFICA [II] – Lehren und Weisungen der Päpste durch zwei Jahrtausende – Eine Dokumentation ausgewählt und herausgegeben von P. Amand Reuter O.M.I. 1978, Verlag Josef Kral, Abensberg.

 

Missionar der Barmherzigkeit: „Es geht um unser Gottesbild“

Papst Franziskus begrüßt die Missionare der Barmherzigkeit

Der Kapuzinerbruder Helmut Rakowski ist einer der Missionare der Barmherzigkeit, die noch bis Mittwoch an dem mehrtägigen Seminar des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung in Rom teilnehmen. Wir haben Bruder Helmut im Anschluss an die Begegnung mit dem Papst an diesem Dienstag gefragt, was ihn an der Audienz besonders beeindruckt hat.

Br. Helmut Rakowski: „Papst Franziskus hat uns gleich zu Beginn gesagt, dass er zu uns über unsere Aufgabe nicht nur als eine pastorale Aufgabe sprechen will, sondern über den theologischen Hintergrund, der für ihn sehr wichtig ist und der hinter diesem Auftrag der Missionare der Barmherzigkeit steht. Er hat uns noch einmal diesen Gott vorgestellt, der richtiggehend darum ringt, darum bettelt – sogar auf die Knie geht, hat er einmal gesagt mit Bezug auf Paulus, aber immer mit der Bitte: Bekehrt euch. Kehrt um. Kommt zurück. Und das war schon eine sehr eindringliche und sehr eindrückliche Darstellung, die der Papst uns da ans Herz gelegt hat. Es ist nicht einfach nur eine pastorale Idee, sondern das ist Ausdruck unseres Gottesbildes.“

Vatican News: War es denn nötig, dass der Papst das nochmals derart betont hat, dass es sich nicht nur um eine pastorale, sondern auch und vor allem um eine theologische Frage handelt?

Br. Helmut Rakowski: „Ich denke, es gibt immer wieder die Diskussion, wie viel Barmherzigkeit erlaubt ist, die Gerechtigkeit müsse doch zum Zuge kommen und in diesem Zusammenhang natürlich auch die Diskussion, dass der eine Papst der Theologe sei, der andere der pastorale Papst… Da wollte er einfach nochmal klar machen, nein, es geht wirklich hier um unser Gottesbild. Wie wir Gott sehen, wie die Bibel uns Gott darstellt, aber auch die Tradition der Kirche. Und da haben sich manchmal auch andere Bilder davor geschoben, vor diesen Gott, der wirklich darum ringt, dass die Menschen zu ihm zurückkehren.“

“ Der Papst hat uns heute auch noch einmal gesagt, geht nicht auf die reine Lehre ein, sondern seht den Anfang den sie machen, die kleinen Schritte und den guten Willen und bestärkt sie darin, weiter zu gehen ”

Vatican News: Wie vermitteln Sie das denn den Menschen, die zu Ihnen kommen, um das Sakrament der Versöhnung zu empfangen?

Br. Helmut Rakowski: „Papst Franziskus legt uns ja immer wieder nah, sozusagen gastfreundlich zu sein, also Menschen mit offenen Armen aufzunehmen. Und er sagt dann immer ganz klar, ihr seid die Botschafter der Liebe Gottes, der Barmherzigkeit, und das müssen die Leute nicht in Worten hören, sondern das müssen die spüren, wie man sich ihnen zuwendet und ich glaube, es gehört einfach dazu, dass man geduldig ist, den Menschen das Gefühl gibt, du bist willkommen, und den Schritt, den du machst, auch wenn da Scham mitschwingt und Betroffenheit, ist das ja genau der Weg der Umkehr, der notwendig ist. Der Papst hat uns heute auch noch einmal gesagt, geht nicht auf die reine Lehre ein, sondern seht den Anfang den sie machen, die kleinen Schritte und den guten Willen und bestärkt sie darin, weiter zu gehen. Und auch wenn man wieder fällt, man darf zurückkommen, um letztlich diesen Weg weiter zu gehen.

Ich fand sehr schön, was er am Sonntag in seiner Predigt auf dem Petersplatz gesagt hat. Manch einer meint ja, dass die Beichte sinnlos sei, weil sich ja doch nichts ändere. Aber er hat gesagt, doch, es ändert sich eben schon was, wenn ich immer wieder höre, dass Gott mich liebt und annimmt. Dann sind es eben diese ganz kleinen Schritte der Veränderung, die uns auf den richtigen Weg führen.“

Vatican News: Papst Franziskus betont ja auch immer wieder, wie wichtig der Dienst der Missionare der Barmherzigkeit für die Kirche und die Gläubigen ist. Deswegen hat er auch das Mandat für die Missionare über das Jahr der Barmherzigkeit hinaus verlängert. Bei verschiedenen Gelegenheiten – unter anderem in der Audienz – sagte er, es solle noch für eine gewisse Zeit weiter gehen. Was bedeutet das? Haben Sie eine Ahnung, wie lange der Papst dieses Mandat aufrecht erhalten will?

Br. Helmut Rakowski: „Er hat keinen festen Termin vorgegeben, ich denke, das liegt ein wenig an den Erfahrungen, die man damit macht. Ich habe auch Menschen kennen gelernt, die recht kritisch damit waren, die sagten, ja, jetzt Spezialvollmachten für Missionare der Barmherzigkeit, für Beichtväter, das bringt ja unsere ganze Ordnung durcheinander… Aber dieselben Leute sagten dann schon nach dem Heiligen Jahr und auch jetzt, nachdem nochmal Zeit vergangenen ist, doch, das hat etwas bewirkt. Diese Aussendung der Missionare ist ein Zeichen, dass die Menschen eingeladen sind, zurückzukehren. Ich habe das ja selbst erlebt, dass Menschen zum Beichten gekommen sind, und das lag gar nicht daran, dass die jetzt eine Sünde mit sich getragen hätten, die einem Missionar der Barmherzigkeit zur Lossprechung vorbehalten gewesen wäre, sondern dass sie Botschaft von Papst Franziskus verstanden haben: es gibt nichts, was so schlimm wäre, dass es nicht vor Gott getragen werden könnte und über das man sich nicht mit Gott versöhnen kann.“

“ Es gibt nichts, was so schlimm wäre, dass es nicht vor Gott getragen werden könnte und über das man sich nicht mit Gott versöhnen kann ”

Vatican News: Ein Signal dafür, dass ein Ende der Tätigkeit zumindest nicht unmittelbar absehbar ist, ist ja auch das Seminar selbst, an dem Sie derzeit teilnehmen. Worum geht es dort? Soll da sozusagen ein Steckbrief des perfekten Missionars der Barmherzigkeit erstellt werden, wird nochmals erklärt, was genau bei dem Dienst wichtig ist – Sie treffen ja im Rahmen des Seminars auch verschiedene Kurienmitarbeiter …?

Br. Helmut Rakowski: „Diese Begegnung der Missionare ist ein Mix. Es gibt tatsächlich diesen Bildungscharakter, diese theologische Weiterbildung, der Präfekt der Sakramentenkongregation, Kardinal Sarah, hat gestern beispielsweise über die Lehre zur Beichte gesprochen, aber es gab auch den Teil der Besinnung für die Missionare selbst, dass wir gestern Nachmittag zum Gebet und zum geistlichen Vortrag zusammen gekommen sind, und auch eingeladen waren, selbst zu beichten, und dann die Begegnung mit dem Papst, der uns nochmals seine Erwartungen und seine Hoffnungen, die er mit diesem Auftrag verbindet, ans Herz gelegt hat. Mit dem Auftrag, seid barmherzig, ihr seid die Boten der Barmherzigkeit Gottes.“

Vatican News: Mit was für einem Gefühl werden Sie wieder nach Hause fahren, nach diesen Besinnungs- und Studientagen und nach der Begegnung mit Papst Franziskus?

Br. Helmut Rakowski: „Nach dem Heiligen Jahr ist vielleicht auch bei dem einen oder anderen Missionar, auch wenn er weiter gemacht hat, der Einsatz für diesen Auftrag ein bisschen weniger geworden. Und vielleicht, und da schließe ich mich auch ein, muss ich auch nochmal ein bisschen mehr Initiative ergreifen, um dieses Thema bei der einen oder anderen Gelegenheit aktiv zu fördern und anzubieten.“

(vatican news – cs)