D: Bartholomaios kritisiert orthodoxe Fundamentalisten

Patriarch Bartholomaios in einer Aufnahme vom April

Das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel, hat das Konzept der Menschenrechte gegen Kritik aus fundamentalistischen orthodoxen Kreisen verteidigt. Menschenrechte seien „kein Menschenwerk“, sondern ein „Geschenk Gottes“, betonte der Ökumenische Patriarch am Donnerstag in Berlin bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Ein Grundbegriff der orthodoxen Lehre vom Menschen sei der der Person; von dort aus ergäben sich Anknüpfungspunkte für die aus der Aufklärung stammenden Begriffe Freiheit und Autonomie.

Der historische Schritt der Bejahung der ausformulierten Menschenrechte war in der katholischen Kirche beim Zweiten Vatikanischen Konzil erfolgt, und die Orthodoxie zog beim Panorthodoxen Konzil von Kreta im Juni 2016 nach. Allerdings wurde das Konzil von mehreren Patriarchaten – darunter Moskau, Sofia und Tiflis – sabotiert.

Bartholomaios I. wandte sich in Berlin gegen die auch von manchen nichtchristlichen Religionen vorgebrachten Thesen, die Menschenrechte seien an die westliche Kultur gebunden und Ausdruck des westlichen Imperialismus. Auch wenn es von kirchlicher Seite zunächst „Animositäten“ gegen die Menschenrechtserklärungen gegeben habe, wurzelten sie doch tief in der christlichen Kultur, die auch in die humanistischen Bewegungen ausgestrahlt habe.

Zugleich betonte der Patriarch, unabhängig von ihrer Entstehung sei es wichtig, dass die Menschenrechte von verschiedenen Kulturen und Völkern in den lebendigen Zusammenhang ihrer eigenen Tradition integriert würden. Jedenfalls sei es inakzeptabel, wenn Religionen die Menschenrechte unterminierten statt zu ihrer Stärkung beizutragen. Letzteres sei umso wichtiger, als die Menschenrechte keine „sichere Realität“ seien, sondern der Einsatz für sie eine bleibende Aufgabe sei.

Wahrhaft globale Engagement

Der Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, würdigte in einem Grußwort „das wahrhaft globale Engagement“ des Patriarchen im ökumenischen und interreligiösen Dialog. Zugleich erklärte er die „uneingeschränkte Solidarität“ der Berliner Katholiken mit den um ihres Glaubens willen verfolgten Christen vor allem im Nahen Osten. Im Anschluss an die Adenauerstiftungs-Veranstaltung hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Patriarchen von Konstantinopel zu einem gut einstündigen Gespräch empfangen. Bei der Unterregung mit dem Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie im Berliner Schloss Bellevue habe sich Steinmeier vor allem über die Lage der Flüchtlinge und der orthodoxen Kirche in der Türkei informiert, wie die deutsche Katholische Nachrichtenagentur KNA aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

(kap 02.06.2017 mg)

Papst empfängt den russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion

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Papst Franziskus & Metropolit Hilarion, 15. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Kardinal Kurt Koch hat am Sonntag an einem gemeinsamen Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle teilgenommen

Papst Franziskus hat am Samstag, den 10. Dezember, den Metropoliten Hilarion von Volokolamsk in Audienz im Vatikan empfangen. Der Leiter des Amtes für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats gilt als einer der engsten Mitarbeiter des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill.

Wie die Internetseite des Moskauer Patriarchates berichtet, hat Hilarion die Glückwünsche des Moskauer Patriarchen zum 80. Geburtstag des Papstes, der am Samstag, den 17. Dezember gefeiert wird, überreicht.

Hilarion schenkte dem Papst eine Ikone des Heiligen Seraphim von Sarow (1759-1833).  Der Starez und Mystiker ist einer der wichtigsten Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche.

Anlässlich seines vorherigen Besuchs am 15. September hatte Hilarion dem Papst bereits eine Reliquie Seraphims geschenkt.

Zum 70. Geburtstags Kyrills hatte der Papst am 20. November dem Patriarchen Moskaus eine Reliquie des heiligen Franziskus von Assisi überreichen lassen.

Im Laufe des Gesprächs haben der Papst und Hilarion am Samstag verschiedene bilaterale Themen besprochen. Wie der Metropolit erklärte, seien die im Laufe des historischen Treffens zwischen Papst Franziskus und Kyrill am 12. Februar auf Kuba angesprochenen Themen noch immer aktuell. Dies betreffe insbesondere „die Lage im Nahen Osten, wo die Terroristen weiter unschuldige Menschen töten“, so die Webseite des Patriarchats.

Die beiden Kirchenmänner besprachen auch die Entwicklung der Beziehungen zwischen Rom und Moskau im kulturellen Bereich. Am 25. November wurde in der Moskauer Tretjakow-Galerie die Ausstellung „Roma Aeterna“ mit 42 Meisterwerken aus den Vatikanischen Sammlungen für das Publikum geöffnet.

Ein weiteres Thema war das gemeinsame Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle, das am Sonntag in der römischen Basilika Santa Maria degli Angeli e dei Martiri stattfand.

An der Begegnung zwischen dem Papst und Hilarion nahmen Msgr. Visvaldas Kulbokas vom vatikanischen Staatssekretariat, und Pater Alexyi Dikarev vom Moskauer Patriarchat teil.

Das Konzert fand am Sonntag in Anwesenheit des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, statt, der eine Botschaft vom Papst vorlas.

Vorbereitet wurde das Konzert von einer gemischten russisch-vatikanischen Arbeitsgruppe. Zum Abschluss sangen die beiden Chöre die Hymne „Wir preisen Gott“ des russischen Komponisten Dmitri Bortnjanski und „Tu es Petrus“ von Giovanni da Palestrina.

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Quelle

Russland: Kyrill will mit Katholiken für Frieden eintreten

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Kyrill I. und Putin

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. will sich gemeinsam mit der katholischen Kirche für Frieden in Syrien starkmachen. Bei einer Begegnung mit dem Ökumene-Beauftragten des Vatikan, Kurienkardinal Kurt Koch, kündigte er am Dienstag in Moskau russischen Agenturberichten zufolge eine weitere Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche an. Man wolle „mit vereinten Kräften erreichen, dass das Leid aufhört und die Menschen ein friedliches Leben haben“.

Syrien müsse vollständig wiederaufgebaut werden, hieß es weiter. Mit Blick auf Moskau und Washington sagte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche: „Beide Koalitionen haben ihren Kampf gegen den Terrorismus bisher nicht genügend koordiniert, um erfolgreich zu sein.“ Für die syrischen Christen sei es wichtig, dass auch die Kirchen wiedererrichtet würden. Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche hatten im Frühjahr ein gemeinsames Programm zum Wiederaufbau von christlichen Gotteshäusern beschlossen.

Kyrill I. sprach sich auch für die Umsetzung des Minsker  Friedensabkommens für die Ukraine aus. Er stehe weiter zu der im Februar auf Kuba mit Papst Franziskus vereinbarten „friedensstiftenden Mission“ für das osteuropäische Land.

(kna 23.11.2016 sk)

Russland: Putin ehrt Patriarch Kyrill

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Putin und Kyrill am 4. November in Moskau

Präsident Wladimir Putin hat den orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu dessen 70. Geburtstag einen Orden verliehen. Das Kirchenoberhaupt erhalte den „Orden für  Verdienste um das Vaterland“, teilte der Kreml am Sonntag mit. Putin schrieb in einem Glückwunschtelegramm, der Patriarch schütze „konsequent und hart“ die Werte und Ideale der russisch-orthodoxen Kirche.

„Mit Ihrer unermüdlichen Sorge für die Bewahrung des einzigartigen kulturellen und geistlichen Erbes Russlands, für die Unterstützung von Familien und die Erziehung der jungen Generation haben Sie höchste, aufrichtige Achtung erworben“, heißt es darin. Kyrill I. trage mit seinem Engagement für den Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften und Ethnien enorm zur „Stärkung des Friedens und der gesellschaftlichen Eintracht in unserem Land“ bei.

Kyrill I. steht seit 2009 an der Spitze der mit Abstand größten orthodoxen Kirche. An seinem Geburtstag feierte er mit den Oberhäuptern zahlreicher anderer orthodoxen Kirchen eine Messe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.

(kna 20.11.2016 sk)

Kiewer Großerzbischof an Westen: „Gebt die Ukraine nicht auf!“

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Ansicht von Lviv/Lemberg im Westen der Ukraine

„Gebt die Ukraine nicht auf! Geht nicht den Weg einfacher Lösungen!“ Das sagt der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk in Richtung EU und Westen. Das ukrainische Volk sei „geeint im Streben, in die europäische Familie zurückzukehren, wohin es gehört“. Das gesamte Volk teile diese Einstellung, im Westen des Landes wie im Osten. „Alle wollen die Ukraine als ein freies europäisches Land sehen“, so das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK) bei einem Besuch in Wien.

Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten seien unbestritten, unterstrich Schewtschuk. Das müsse freilich nicht zugleich auch eine sehr rasche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedeuten.

Laut Schewtschuk gilt die Orientierung Richtung Westen auch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten in der umkämpften Ostukraine. Er sprach von „gefangenen“ Menschen in der Region von Donezk und Lugansk, die auf ihren „Befreiung“ warten würden. Schewtschuk: „Die Menschen dort erkennen zunehmend, dass Russland sie nicht braucht und nicht will.“ Auch ihre Zukunft liege in einer freien und unabhängigen Ukraine.

Erst letzte Woche hatte Schewtschuk die Ostukraine besucht. Sein Eindruck: Eine Lösung des Konflikts könne nicht von außen kommen, sondern nur innerhalb der Ukraine seinen Anfang nehmen. Die Menschen seien „des Krieges müde“ und würden realisieren, dass ihnen niemand von außen helfen wird. Die Ukraine müsse sich in erster Linie selber helfen. „Deshalb brauchen wir innerhalb der Ukraine Reformen, Solidarität und Zusammenarbeit. Wir müssen all unsere inneren Kräfte mobilisieren, um mit dieser ausländischen Agression umzugehen.“ Er setze voll auf die Zivilgesellschaft, so der Großerzbischof. „Politiker kommen und gehen, aber das Volk bleibt!“

Angesprochen auf die immer noch weit verbreitete Korruption in der Ukraine, meinte das Kirchenoberhaupt, dass dies zuerst einmal ein moralisches Problem sei. Deshalb bemühe sich die Kirche auf vielfältige Weise, das Bewusstsein der Menschen für die „Sündhaftigkeit“ von Korruption zu schärfen. Schewtschuk sprach sich für „Null-Toleranz“ gegenüber Korruption welcher Art auch immer aus, denn: „Korruption zerstört unser Land.“ Erste kleine Erfolge eines Bewusstseinswandels erkenne er schon, so Schewtschuk.

In der Frage nach der möglichen Bedeutung der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA für die politische Entwicklung in der Ukraine wollte sich der Großerzbischof nicht festlegen. Trump sei derzeit schlicht ein „großes Geheimnis“, seine politischen Vorhaben seien nicht vorhersehbar. Er hoffe aber sehr, so Schewtschuk, dass sich der neue Präsident auch seiner weltpolitischen Verantwortung bewusst sei. Die USA dürfe ihre weltpolitische Führungsrolle nicht aufgeben.

Der Papst und die Ukraine

Großerzbischof Schewtschuk war am Freitag von Rom aus nach Wien gereist. Am Donnerstag war er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen worden. Der Papst sei den leidenden Menschen in der Ukraine sehr nahe, berichtete Schewtschuk, im Gebet, aber auch in der konkreten Tat. Der Großerzbischof erinnerte daran, dass es nach der Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba im Februar in der Ukraine „Unverständnis“ gegeben habe.

Einige Punkte der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch hätten nach Ansicht der Ukrainer nicht die tatsächliche politische und kirchliche Situation vor Ort in der Ukraine wiedergespiegelt. „Es war deshalb unsere Pflicht, den Papst aufzuklären“, so Schewtschuk wörtlich. Das sei bei einer Begegnung der ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe mit Franziskus am 5. März passiert. Schewtschuk: „Unsere Botschaft war: Heiliger Vater, Sie haben Patriarch Kyrill umarmt, nun umarmen sie bitte auch das ukrainische Volk.“ Und er habe dies auch getan.

Franziskus startete die humanitäre Hilfsaktion „Der Papst für die Ukraine“ und entsandte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in die Ukraine. Schewtschuk: „Die Ukrainer sind ihm dafür dankbar.“

Innerkirchliche Konflikte

Wie der Großerzbischof weiter sagte, teilten zudem alle Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Ukraine die Überzeugung, dass Religion nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe. Insofern herrsche durchaus „religiöser Friede“ in der Ukraine.

Allerdings gibt es auch eine Reihe innerorthodoxer Konflikte, die die Ukraine beschäftigen. In diese Auseinandersetzungen, etwa zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchat von Konstantinopel oder zwischen der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und dem Kiewer Patriarchat, mische man sich aus Prinzip nicht ein, unterstrich der Großerzbischof: „Wir können ihre internen Probleme nicht lösen.“

Indirekt würden diese Konflikte freilich auch die UGKK betreffen: „Das Moskauer Patriarchat wirft uns ständig vor, ein Hindernis für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Orthodoxie und Römisch-katholischer Kirche zu sein.“ Auf der anderen Seite gebe es aber gute Beziehungen seiner Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, hielt der Großerzbischof diesen Moskauer Anschuldigungen entgegen.

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist heute eine der religiös und gesellschaftlich bedeutendsten Kirchen in der Ukraine. Tausende Gläubige dieser Kirche leben auch in Österreich, das seit fast 300 Jahren Ziel einer starken ukrainischen Migration ist. Die UGKK entstand 1596 durch die Kirchenunion von Brest, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zur Gemeinschaft mit dem Papst entschloss.

(kap 12.11.2016 sk)

Franziskus in Aserbaidschan: Religionen müssen Weg zum Frieden ebnen

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Franziskus und der Scheich in der größten Moschee von Baku

Recht gelebte Religionen können den Weg zum Frieden ebnen, wo Politik und Diplomatie scheitern. Das sagte Papst Franziskus zum Abschluss seiner Kaukasusreise vor Muslimen, Juden und orthodoxen Christen in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Bei der herausragenden Begegnung in der „Heydar Aliyev“-Moschee würdigte Franziskus den Stand des Dialogs und die herzliche Zusammenarbeit der Religionen im Großen und im Kleinen in dem Kaukasus-Land.

Es war das erste Mal, dass ein Oberhaupt der katholischen Kirche in einer Moschee vor Muslimen, Juden und Christen eine Rede hielt. Bereits Franziskus‘ Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatten Moscheen besucht. Franziskus war in Istanbul und in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik in einer Moschee gewesen. Doch bisher fanden solche Besuche stets ohne offizielle Rede statt.

„Hier zusammen zu sein, ist ein Segen“, sagte der Papst eingangs und dankte dem Scheich der kaukasischen Muslime als Gastgeber sowie den Würdenträgern der orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinden. Vor ihnen skizzierte Franziskus die gemeinsamen Aufgaben, die Religionen – alle Religionen – haben: den Menschen zu begleiten und ihm begreiflich zu machen, dass seine eigenen Fähigkeiten „und die Güter dieser Welt niemals zu absoluten Größen werden dürfen“. Religion, das sei für den Menschen ein Kompass. Sie habe zugleich „eine Erziehungsaufgabe, nämlich zu helfen, das Beste des Menschen zum Vorschein zu bringen. Und wir tragen als Leiter eine große Verantwortung, der Suche des Menschen, der sich heute oft in den schwindelerregenden Paradoxien unserer Zeit verliert, echte Antworten zu bieten.“

Zwei extremistische Strömungen des Areligiösen treten in unseren Tagen hervor, führte Franziskus aus. Zum einen der Nihilismus, der Glaube an nichts außerhalb des eigenen Vorteils, zum anderen der Fundamentalismus jener, „die mit verbaler und tätlicher Gewalt extreme und radikalisierte Haltungen durchsetzen wollen, die denkbar weit entfernt sind vom lebendigen Gott“. Eine wachsame Gesellschaft könne beide Gefahren in Schach halten.

Um seine Vorstellung einer solchen „ehrbaren Verbindung zwischen Gesellschaft und Religionen“ zu illustrieren, griff Franziskus auf ein in Aserbaidschan weit verbreitetes Kulturgut zurück: jene alten und kostbaren Glasfenster namens Shebeke, die allein aus Holz und Glas bestehen, nicht aber aus Leim oder Nägeln.

„Holz und Glas werden zusammengehalten, indem sie in langer, sorgfältiger Arbeit ineinander verschachtelt werden. So hält das Holz das Glas, und das Glas lässt Licht einfallen. Genauso ist es Aufgabe jeder Zivilgesellschaft, die Religion zu unterstützen, die das Einfallen eines zum Leben unerlässlichen Lichtes ermöglicht. Und darum ist es notwendig, der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren. Es dürfen also nicht die künstlichen „Klebstoffe“ verwendet werden, die den Menschen zwingen zu glauben, indem man ihm ein bestimmtes Credo aufoktroyiert und ihn seiner Entscheidungsfreiheit beraubt, und es dürfen in die Religion auch nicht die äußeren „Nägel“ der weltlichen Interessen und der Macht- und Geldgier eindringen.“

Gott dürfe unter keinen Umständen für egoistische Zwecke angerufen werden, fuhr der Papst fort. „Noch einmal erhebt sich von diesem so bedeutungsvollen Ort aus der herzzerreißende Ruf: Niemals mehr Gewalt im Namen Gottes! Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen.“

Und Franziskus rief die Angehörigen anderer Religionen und Konfessionen zu Gebet und Dialog auf. Es gehe da nicht um einen „versöhnlichen Synkretismus“ noch um eine „diplomatische Offenheit, die zu allem Ja sagt, um Probleme zu vermeiden“, sagte der Papst unter Rückgriff auf sein Lehrschreiben „Evangelii gaudium“, sondern es gehe einzig darum, mit den anderen zu sprechen und für alle zu beten: „das sind unsere Mittel, um Liebe aufkommen zu lassen, wo Hass herrscht, und Vergebung, wo Verletzung  schmerzt, damit wir nicht müde werden, Wege des Friedens zu erflehen und zu gehen.“

Es sei „nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten. Die wirkliche Frage unserer Zeit ist nicht die, wie wir unsere Interessen verfolgen können, sondern welche Lebensperspektiven wir den kommenden Generationen bieten, wie wir eine Welt hinterlassen können, die besser ist als die, welche wir empfangen haben. Gott und die Geschichte selbst werden uns fragen, ob wir uns heute für den Frieden eingesetzt haben.“

Und der Papst äußerte die Hoffnung, dass die Religionen „in der Nacht der Konflikte, die wir durchmachen, Morgenröte des Friedens, Samen der Wiedergeburt unter den Verwüstungen des Todes“ seien. Sie solle „Wege der Begegnung und der Versöhnung“ beschreiten, „um dorthin zu gelangen, wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg zu erzielen scheinen“.

Der Großmufti des Kaukasus, Scheich Allahschükür Paschazade, war dem Papst davor in einer privaten Unterredung begegnet. Bei seiner Ansprache dankte er Franziskus für seine Versuche, die im Westen gerne gezogene Verbindungslinie zwischen Islam und Terrorismus aufzubrechen. Auch der Scheich verwies auf das gute Zusammenleben der Religionen in Aserbaidschan. Er würdigte darüber hinaus den Einsatz der Regierung, das Erbe der Religionen für die zukünftigen Generationen zu erhalten.

Als Gastgeschenk überreichte der Scheich dem Papst einen Koran und einen Gebetsteppich. Das heilige Buch der Muslime  der küsste der Scheich ehrfüchtig, ehe es sie dem Gast gab. Franziskus nahm den Koran mit einer Verneigung an. Als zweites Geschenk erhielt der Papst einen Teppich. „Zum Beten?“, fragte Franziskus. Darauf antwortete der Großmufti mit einer Geste in die Gebetsnische der Moschee: „Der hier ist für uns, dieser für Ihre Heiligkeit.“ – Franziskus revanchierte sich mit einem kleinen Mosaik der römischen Engelsburg.

(rv/kna 02.10.2016 ah)

Papst: Spaltungen der Kirche sind Verletzungen am Leib Christi

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Papst Franziskus mit Patriarch Elia II.

Spaltungen in der Kirche sind Wunden am Leib Christi selber. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag Nachmittag in Anwesenheit vom georgisch orthodoxen Patriarchen Elia II.. Franziskus besucht trotz aller Widrigkeiten das spirituelle Zentrum der orthodoxen Kirche des Landes, die Kathedrale von Patriarch Elia in Mtsketa, der historischen Hauptstadt Georgiens. Hier wird der orthodoxen Tradition zufolge die Tunika Christi aufbewahrt – eine Konkurrenz zum „Heiligen Rock“ von Trier also. Das ensprechende Fest wird alljährlich am 1. Oktober begangen, also genau am Tag des Papstbesuchs.

Hand in Hand betraten Papst und Patriarch die von Kerzenlicht und himmlischem Gesang erfüllte Kathedrale; Seite an Seite nahmen sie Platz. Elia II. ging mit keinem Wort auf die Gründe ein, aus denen er am Vormittag doch keine Delegation zur Papstmesse geschickt hatte, stattdessen sprach er von der hl. Sidonie, von der Unbill, die die georgische Kirche durch Invasoren im Lauf der Jahrhunderte erlitten hat, und er zitierte einen orthodoxen Denker mit den Worten: „Christus wurde gekreuzigt für alle, aber Georgien wurde gekreuzigt für Christus.“ Er versicherte dem Papst seine „Liebe“ und bemerkte abschließend: „Unsere Einheit besteht im wahren Glauben.“

Franziskus nannte dann bereits im ersten Satz seiner Ansprache seinen Besuch in dieser Kathedrale den „Höhepunkt“ seiner Pilgerreise nach Georgien. Er sprach Elia II. direkt an: „Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: ‚Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt‘ (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.“ Diesen Wunsch führte er weiter aus, indem er die georgische Sprache für ihre Vielfalt bewunderte. Es gebe so viele Ausdrücke für Brüderlichkeit, Freundschaft und die Nähe zwischen Menschen.

Nicht nur die Sprache Georgiens benutzte Franziskus, um für Offenheit füreinander zu plädieren. Auch die Geschichte eines der ältesten christlichen Landes nutzte er für seine Argumentation. Er verglich sie mit einem Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen berichtet, die das Land geprägt haben. „Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration. Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen.“ Hier spielte Franziskus auf die Tatsache an, dass das Volk der Georgier immer schon ein Händlervolk war, offen für andere Kulturen und Heimat für Minderheiten. Die christliche Kultur, die der Apostel Andreas selbst in das Land gebracht haben soll und die im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, ist im Laufe der Jahrhunderte identitätsstiftend geworden, betonte Franziskus.

Dass in der Kathedrale die Tunika Christi verehrt wird, gab dem Papst dann die Vorlage, um auf die Einheit der Christen zu sprechen zu kommen. „Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die „Einheit, die von oben kommt“, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1)“, appellierte Franziskus. Es gelte, die Ökumene zwischen den verschiedenen Konfessionen voranzutreiben, ohne die Schuld bei jemandem zu suchen.

Zum Schluss landete Franziskus’ Ansprache beim Ursprung des Christentums, beim ersten großen Völkermissionar: Paulus. „Der Apostel Paulus bestätigt ja, dass alle, die auf Christus getauft sind, Christus gleichsam als Gewand angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, ‚ „einer“ in Christus Jesus ‚ (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.“ Und deswegen setze er, so der Papst, bei der Suche nach der Einheit auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas: der eine Patron der römisch-katholischen, der andere der Patron der georgisch-orthodoxen Kirche.

(rv 01.10.2016 pdy/sk)