Vatikan klagt Ausbeutung durch multinationale Firmen an

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Sanchez Sorondo – RV

„Es kann nicht sein, dass wenige reiche multinationale Konzerne über mehr als 50 Prozent aller Güter, die von natürlichen Ressourcen herrühren, verfügen – das ist nicht gerecht.“ Es waren deutliche Worte, mit denen der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften am Donnerstag die Ausbeutung von Natur- und Bodenschätzen durch Wirtschaftsunternehmen anklagte. Zum Abschluss einer Umweltschutz-Konferenz an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften kritisierte Marcelo Sanchez Sorondo die Rücksichtslosigkeit einer ausschließlich auf Profit fixierten Wirtschaft, die auf Kosten der Natur und der Ärmsten in der Welt geht.

Nachhaltigkeit statt Ausbeutung

Papst Franziskus und die katholische Kirche setzen dem Modell der Ausbeutung und Profitmaximierung eine Vision entgegen, die den Schutz der Schöpfung, Prinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens und soziale Gerechtigkeit hochhält. Durchdekliniert wird sie in Franziskus Umwelt-Enzyklika „Laudato sì“. „Das ist die Grundidee der Kirche: an das Gemeinwohl und das Wohl eines jeden Menschen zu denken und nicht nur an den Profit“, brachte dies Sanchez Sorondo auf den Punkt. Gemeinsam mit internationalen Klimaforschern und Konfliktforschern erinnert die Kirche daran, dass Klimaschutz, wachsende Armut und Konflikte eng verquickt sind. Solche Zusammenhänge werden auch in der Abschlusserklärung des Workshops über Biodiversität und Umweltschutz, der am Donnerstag zuende ging, geschildert: „Am wichtigsten ist es, die Armut auszurotten und zweitens, weltweite soziale Gerechtigkeit zu suchen“, fasste der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Ziele der Konferenz zusammen. Mit Blick auf den Schutz der Schöpfung und Artenvielfalt forderten die Tagungsteilnehmer „positives menschliches Handeln“, um Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

Sozial- und umweltverträgliches Wirtschaften

Was kann ein solch positives Handeln sein? Beispiele gibt es: Die wirtschaftliche Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der Amazonas-Region hat etwa in der Form, wie sie heute geschieht, mit Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit wenig zu tun. Sanchez Sorondo: „Und deshalb ist es notwendig, dass Regierungen die Steuern für das Gemeinwohl einsetzen, auch indem sie Steuern verhängen – zum Beispiel, damit die Armen im Amazonasgebiet ihre Wälder behalten können und nicht dazu gezwungen sind, sie zu verkaufen, um zu überleben.“ Eine konkrete Forderung an Regierungen wie etwa Brasilien, den Profit von Wirtschaftsunternehmen, die in der „grünen Lunge des Planeten“ operieren, anders zu besteuern und den Lebensraum der indigenen Völker besser zu schützen. Gerade ihr Überleben hängt ja direkt von den Wäldern und den dort lebenden Tieren und Pflanzen ab. Dass gerade das Aussterben von Spezies, die wichtig für das Überleben des Menschen sind, fatal sein kann, unterstrich der Konferenzleiter und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Werner Arber: Der Schweizer Nobelpreisträger trat zu Abschluss des Workshops zusammen mit Sanchez Sorondo vor die Presse.

Horrende Ausdünnung der Arten in Gang

Zur Ausdünnung der weltweiten Artenvielfalt legte die Vatikankonferenz erschreckende Zahlen vor. Die Verlustrate der Biodiversität ist den Angaben zufolge heute tausend Mal höher als in der Vergangenheit, Millionen von Tier- und Pflanzenarten seien vom Verschwinden bedroht, bis Ende des Jahrhunderts könnte durch den Klimawandel und die Erderwärmung bis zu 40 Prozent der Artenvielfalt zerstört sein. Wie Sanchez Sorondo betonte, ist von der Vielzahl der Arten heute „nur ein geringer Teil“ überhaupt bekannt, nämlich weniger als ein Fünftel. „Wir wissen, dass viele Spezies aussterben, und das ist schrecklich: schrecklich für die Zukunft und schrecklich auch für die Harmonie des menschlichen Lebens. Hauptursachen dafür sind die Nutzung von Energien aus Erdöl und Kohle, die Veränderung des Wasserzyklus und als Folge daraus die Einschränkung der Biodiversität.“

Es wäre genug für alle da

Überhaupt ist für die Experten der menschliche Umgang mit den natürlichen Ressourcen die Hauptursache des Übels, nicht die menschliche Bevölkerung oder ihr Wachstum an sich. Die Kapazität des Planeten werde heute zu 156 Prozent ausgeschöpft – am Ende der 1960er Jahre waren es noch 70 Prozent. Der Vatikan sieht in einem verantwortungsvolleren und weitsichtigeren Umgang mit den Schätzen und Zyklen der Natur Lösungen für aktuelle globale Probleme, etwa für das Problem der Umweltverschmutzung. Sanchez Sorondo erinnerte in diesem Kontext: „Es ist nicht die Bevölkerung, die Kohlendioxid produziert, sondern die menschliche Produktion und der menschliche Energieverbrauch, der zur Umweltverschmutzung führt. Wir möchten, dass der Mensch wegkommt von dieser Form der Energiegewinnung und stattdessen Techniken verwendet, die den Menschen (am Ende der Produktionskette, Anm.) mehr Essen geben können.“

Der Vatikanvertreter mag hier an die weltweit 100 Millionen Hungerleidenden und 800 Millionen chronisch Unterernährten sowie die skandalöse Ungleichverteilung des weltweiten wirtschaftlichen Reichtums gedacht haben. 19 Prozent der reichsten Weltbevölkerung konsumiert heute insgesamt über die Hälfte aller verfügbaren Ressourcen. Dabei werden Ressourcen nicht nur konsumiert, sondern auch negativ verändert, was Sanchez Sorondo anhand des Wassers verdeutlicht: „Zunächst muss man Wasser sparen und vor der menschlichen Umweltverschmutzung schützen… Die Frage des Wassers ist zentral, wie der Papst sagt, denn die globale Erderwärmung entsteht wesentlich durch die Beeinträchtigung des Wasserkreislaufes, was zu Kriegen führen kann.“ Mit anderen Worten: Menschengemachte Klimaveränderungen führen zu Dürren und entfesseln Kriege um Ressourcen. Dass alle Menschen ein Recht auf Zugang zu sauberem Wasser haben müssen, hatte in der vergangenen Woche der Papst erneut gefordert. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den Vereinten Nationen hatten 2014 ungefähr 748 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu Trinkwasser.

Der Workshop mit dem Thema „Biologisches Aussterben. Wie die natürliche Umwelt schützen, von der wir abhängen?“ fand vom 27.2.-1.3.2017 an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in den Vatikanischen Gärten statt. Wenige Tage zuvor hatte dort noch eine Konferenz zum „Menschrecht auf Wasser“ stattgefunden, auf der auch Papst Franziskus intervenierte.

(rv 03.03.2017 pr)

Vatikan-Konferenz fordert weltweite Ächtung von Organhandel

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Debatte an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Eine Konferenz im Vatikan ruft die Verantwortlichen weltweit zu schärferen Maßnahmen gegen Organhandel auf. „Die Verwendung der Organe hingerichteter Häftlinge und Geldzahlungen an Organspender oder die Hinterbliebenen verstorbener Organspender sollten als Verbrechen weltweit verurteilt und von der Justiz verfolgt werden.“ Das fordern die Teilnehmer der Konferenz, die von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ausgerichtet wurde, in ihrer Schlusserklärung.Organhandel und „Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme“ seien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so die Erklärung. Vor allem arme und ausgebeutete Menschen würden in diesem Bereich leicht zu Opfern; zahlende „Transplantationstouristen“ dürften nicht die Augen vor den Schattenseiten dieses Geschäfts verschließen, bei dem „skrupellose Zwischenhändler“ und „korrupte Mitarbeiter im Gesundheitswesen“ die Menschenwürde mit Füßen träten.Die Erklärung rügt ungenannte Staaten, die zum Ziel von „Transplantationstouristen“ würden, weil ihre Gesetzgebung „zum Schutz der Armen und Verwundbaren“ nicht ausreiche oder nicht durchgesetzt werde. Vor allem Indien, China und die Philippinen werden in diesen Jahren zum Ziel von Menschen aus reichen Ländern, die auf der Suche nach einem für sie lebenswichtigen Organ alle Bedenken beiseiteschieben. Aus China haben zwei Regierungsvertreter an der Konferenz im Vatikan teilgenommen.

Religions- und Kirchenführer sollen nach den Empfehlungen der Konferenz zur Organspende ermutigen und Regierungen dafür sorgen, dass in ihren Ländern genug Organe bereit sind, damit sich gar nicht erst ein Schwarzmarkt entwickelt.

Bei der Konferenz im Vatikan war es zu teils hitzigen Debatten mit Blick auf die Praxis in China gekommen. Die Tagung zu Organhandel gehört zu einem Reigen von Vatikan-Initiativen gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Damit hat Papst Franziskus die Päpstliche Akademie der Wissenschaften betraut.

(rv 09.02.2017 sk)

Vatikankonferenz zu Organhandel: Neue Form der Sklaverei

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Die päpstliche Akademie der Wissenschaften

Der Vatikan veranstaltet am 8./9. Februar einen Weltkongress zum Organhandel, wie das Portal „Vatican Insider“ am Donnerstag berichtet. Unter der organisatorischen Verantwortung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften nehmen Fachleute aus mehr als 20 Ländern an der Konferenz teil. Verabschiedet werden soll eine Erklärung gegen den „Transplantationstourismus“, hieß es.

Noch nicht bestätigt ist, ob Papst Franziskus an den Beratungen teilnimmt. Bei mehreren Gelegenheiten hatte der Pontifex den Organhandel als „neue Form der Sklaverei im 21. Jahrhundert“ verurteilt.

(kap 05.01.2017 ord)

Papst: die Jugend vor der „Sklaverei“ der Drogensucht schützen

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Papst Franziskus & Königin Silvia, 24. November 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Franziskus empfängt die Teilnehmer einer Anti-Drogen-Konferenz in Audienz,
darunter auch die schwedische Königin Silvia

Papst Franziskus hat am Donnerstag die Teilnehmer einer von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften organisierten internationalen Tagung zum Thema Drogen in Audienz empfangen.

In seiner auf Spanisch gehaltenen Ansprache betonte das Kirchenoberhaupt, es sei notwendig Wege zu finden, um die Netzwerke der Korruption und die Formen der Geldwäsche zu kontrollieren, und dies mit dem Ziel, die Jugendlichen vor der „Sklaverei“ der Drogensucht zu schützen. Die Jugend sei die Zukunft, betonte er.

Der Papst ermutigte die Teilnehmer auch dazu, sich für ‪„die vollständige und sichere  Rehabilitation der Opfer von Drogen“ einzusetzen. ‪„Jeder Drogenabhängige trägt eine andere persönliche Geschichte mit sich, die angehört, verstanden, geliebt und wo möglich geheilt und geläutert werden muss“, sagte der Papst, der im Kampf gegen die Drogen die Prävention als eine „Priorität“ bezeichnete.

Hinter den Verteilernetzwerken der Drogen verstecke sich ein aus fünf Buchstaben bestehendes Wort: Mafia, sagte Papst Franziskus, der die Drogenproblematik aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires gut kennt. Diese Netzwerke seien „immens, mächtig“ und fähig, die Menschen zu töten, sowohl psychisch, physisch als sozial.

Die Tagung mit dem Titel „Drogenabhängigkeit: Probleme und Lösungen einer globalen Geißel“ hatte am Mittwoch in der „Villa Pia“ im Vatikan begonnen. Bei der Eröffnung des zweitägigen Workshops plädierte Schwedens Königin Silvia für die Prävention bei Kindern.

In ihrer Ansprache betonte die Gründerin der „World Childhood Foundation“ und Ehrenmitglied der „Mentor Foundation“, es sei notwendig, die globale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Drogensucht fortzusetzen.

Wie Radio Vatikan meldete, unterstrich die Königin Schwedens die „Fragilität der Kinder“, welche der tödlichen Beziehung zwischen „Drogenhandel und Ausbeutung von Menschen“, insbesondere im Kriegskontext, zum Opfer fallen.

Der Direktor des UN-Büros für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung (UNODC) mit Sitz in Wien, Juri Fedotow, lieferte in seinem Vortrag einige aktuelle Daten. Im Laufe des Jahres 2013 hat jede 20. Person in der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahren mindestens einmal eine illegale Substanz eingenommen, also insgesamt 246 Millionen Menschen. Dies sei eine Steigerung von 3 Millionen zum Vorjahr.

Wie Fedotow erklärte, ist die Heimat des Opiums Afghanistan, wo der Handel mit Mohnprodukten den Terrorismus der Taliban finanziert und Drogensucht, Gewalt sowie Unsicherheit schafft. Der Balkan ist dagegen der Haupttransitkorridor für Heroin. Und die wichtigsten Produzenten des Kokain sind die südamerikanischen Länder Kolumbien, Peru und Bolivien, wo Gewalt und Armut um sich greifen.

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Quelle

BENEDIKT XVI. zum Thema: „Wissenschaftliche Einblicke in die Evolution des Universums und des Lebens“

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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER
PÄPSTLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

Freitag, 31. Oktober 2008

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Freude grüße ich Sie, die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, aus Anlaß Ihrer Vollversammlung, und ich danke Prof. Nicola Cabbibo für die freundlichen Worte, die er in Ihrer aller Namen an mich gerichtet hat.

Mit der Wahl des Themas »Wissenschaftliche Einblicke in die Evolution des Universums und des Lebens« verbinden Sie die Absicht, sich auf einen Forschungsbereich zu konzentrieren, der großes Interesse weckt. Denn viele unserer Zeitgenossen wollen heute über den letzten Ursprung der Lebewesen, über deren Ursache und Ziel, sowie über die Bedeutung der Geschichte des Menschen und des Universums nachdenken.

In diesem Kontext ergeben sich ganz von selbst einige Fragen hinsichtlich der Beziehung zwischen der wissenschaftlichen Lesart der Welt und der Deutung, die die christliche Offenbarung anbietet. Meine Vorgänger Papst Pius XII. und Papst Johannes Paul II. bekräftigten, daß zwischen dem vom Glauben bestimmten Verständnis der Schöpfung und der von den empirischen Wissenschaften vorgelegten Evidenz kein Widerspruch besteht. Die Philosophie hat sich in ihrer Anfangszeit der Bilder bedient, um den Ursprung des Kosmos auf der Grundlage eines oder mehrerer Elemente der materiellen Welt zu erklären. Diese Entwicklung wurde nicht als Schöpfung gesehen, sondern als Veränderung oder Umformung; dies schloß eine eher horizontale Interpretation des Ursprungs der Welt ein. Ein entscheidender Schritt im Verstehen des Ursprungs des Kosmos war die Betrachtung des Seins qua Sein und das Interesse der Metaphysik mit der grundlegenden Frage nach dem ersten oder transzendenten Ursprung des Seins durch Teilhabe. Um sich zu entwickeln und zu entfalten, muß die Welt zuerst da sein und folglich aus dem Nichts in das Sein gekommen sein. Mit anderen Worten, sie muß vom ersten Seienden, das wesenhaft ein solches ist, geschaffen worden sein.

Die Aussage, daß der Grund des Kosmos und seiner Entwicklungen die fürsorgliche Weisheit des Schöpfers ist, bedeutet nicht, daß die Schöpfung nur mit dem Beginn der Geschichte der Welt und des Lebens zu tun hat. Es bedeutet vielmehr, daß der Schöpfer diese Entwicklungen ins Leben ruft und sie beständig im Sein erhält, unterstützt, trägt und lenkt. Thomas von Aquin lehrte, daß der Schöpfungsbegriff den horizontalen Ursprung des Nacheinanders der Ereignisse, das heißt die Geschichte, übersteigen muß und folglich auch all unsere rein naturalistische Arten des Denkens und Sprechens über die Entstehung der Welt. Thomas sagt, daß Schöpfung weder Bewegung noch Veränderung ist. Es ist hingegen die grundlegende und fortdauernde Beziehung, die das Geschöpf mit dem Schöpfer verbindet, denn er ist die Ursache allen Seins und allen Werdens (vgl. Summa Theologiae, I, q. 45, a. 3).

»Entfalten« bedeutet im wörtlichen Sinn »eine Schriftrolle aufrollen«, das heißt ein Buch lesen. Das Bild von der Natur als Buch hat seine Wurzeln im Christentum und wurde von vielen Wissenschaftlern geschätzt. Galileo sah die Natur als ein Buch, dessen Autor Gott in derselben Weise ist, wie er der Autor der Heiligen Schrift ist. Sie ist ein Buch, dessen Geschichte, dessen Entwicklung, dessen »Schrift« und Bedeutung wir entsprechend der verschiedenen Herangehensweisen der Wissenschaften »lesen«, wobei immer die grundlegende Gegenwart des Autors vorausgesetzt wird, der sich darin selbst offenbaren wollte. Dieses Bild hilft uns auch zu verstehen, daß die Welt ihren Ursprung keineswegs im Chaos hat, sondern einem geordneten Buch ähnelt: sie ist ein Kosmos. Trotz der irrationalen, chaotischen und zerstörerischen Elemente im langen Prozeß der Evolution des Kosmos, ist die Materie als solche »lesbar«. Sie hat eine mathematische Struktur. Der menschliche Geist ist nicht nur fähig »Kosmographie« zu betreiben, indem er die meßbaren Phänomene studiert, sondern auch »Kosmologie«, wobei er die erkennbare innere Logik des Kosmos wahrnimmt. Wir mögen anfangs nicht in der Lage sein, die Harmonie sowohl des Ganzen als auch der Beziehungen der einzelnen Teile oder deren Beziehung zum Ganzen zu sehen. Doch bleibt immer noch ein weiter Bereich von intelligiblen Phänomenen, und der Prozeß ist insofern rational, als er eine Ordnung von offensichtlichen Entsprechungen und unleugbaren Finalitäten offenbart: in der anorganischen Welt zwischen Mikro- und Makrostruktur; in der organischen Welt und der Tierwelt zwischen Struktur und Funktion; und in der geistigen Welt zwischen Wahrheitserkenntnis und Streben nach Freiheit. Die experimentelle und philosophische Forschung entdeckt nach und nach diese Ordnungen; sie erkennt, daß sie aktiv sind, um sich selbst im Sein zu erhalten und sich dabei selbst gegen gestörtes Gleichgewicht zu schützen und Hindernisse zu überwinden. Und dank der Naturwissenschaften ist unser Verständnis von der einzigartigen Stellung, die die Menschheit im Kosmos einnimmt, außerordentlich gewachsen.

Der Unterschied zwischen einem einfachen Lebewesen und einem geistigen Wesen, das »capax Dei« ist, weist auf die Existenz einer vernünftigen Seele eines freien transzendenten Subjekts hin. So hat das kirchliche Lehramt stets bekräftigt, daß »jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen wird – sie wird nicht von den Eltern ›hervorgebracht‹ – und daß sie unsterblich ist« (Katechismus der Katholischen Kirche, 366). Das weist auf das Besondere der Anthropologie hin und lädt zu einer Untersuchung durch das moderne Denken ein.

Verehrte Mitglieder der Akademie, zum Abschluß möchte ich an die Worte erinnern, die mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. im November 2003 an Sie gerichtet hat: Die »wissenschaftliche Wahrheit, die selbst Teil der göttlichen Wahrheit ist, kann der Philosophie und Theologie zu einem stets tieferen Verständnis der menschlichen Person und der göttlichen Offenbarung über den Menschen verhelfen, einer Offenbarung, die in Jesus Christus ihre Vollendung und Vollkommenheit gefunden hat. Zusammen mit der ganzen Kirche bin ich zutiefst dankbar für diese wichtige gegenseitige Bereicherung in der Suche nach der Wahrheit und im Bemühen um die Förderung der Menschheit« (in O.R. dt., Nr. 48, 28.11.2003, S. 7).

Auf Sie und Ihre Familien und alle, die mit den Arbeiten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften verbunden sind, rufe ich von Herzen den Segen Gottes, seine Weisheit und seinen Frieden herab.

JOHANNES PAUL II. zu „CHRISTLICHER GLAUBE UND EVOLUTIONSTHEORIE“

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ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DES INTERNATIONALEN WISSENSCHAFTLICHEN SYMPOSIONS
»CHRISTLICHER GLAUBE UND EVOLUTIONSTHEORIE«

  Freitag, 26. April 1985

 

Sehr verehrte Damen und Herren!

In diesen österlichen Tagen, da wir das Geheimnis der Auferstehung Jesu Christi von den Toten in großer Freude feiern, nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, die hier anwesenden Teilnehmer des internationalen wissenschaftlichen Symposions zu grüßen, die sich zur Erörterung des wichtigen Themas ”Christlicher Glaube und Evolutionstheorie“ in diesen Tagen in Rom eingefunden haben. Mein besonderer Gruß gilt Ihnen, sehr verehrter Herr Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Ihren Mitarbeitern, den Konsultoren Ihres Dikasteriums, die sich an der Arbeit dieser Tage beteiligen.

Ebenso herzlich grüße ich die Herren Professoren Robert Spaemann und Reinhard Löw sowie ihre Mitarbeiter des Lehrstuhls I für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Von ihnen ist ja die Initiative zu diesem Gelehrtenkongress ausgegangen, dessen Trägerschaft in erster Linie auch bei Ihnen liegt. Sie haben sich dafür bereits durch zwei vorangegangene Symposien über ”Evolution und Freiheit“ sowie über ”Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis vor der wissenschaftlichen Welt“ ausgewiesen. So ist es Ihnen gelungen, zahlreiche anerkannte Fachleute aus den verschiedenen Disziplinen der philosophischen und theologischen Wissenschaftszweige dafür zu gewinnen, denen gleichfalls mein Willkommensgruß gilt.

Der vielschichtige und philosophisch befrachtete Begriff der ”Evolution“ entwickelt sich seit geraumer Zeit immer mehr zu einem umfassenden Paradigma des Gegenwartsbewußtseins. Er beansprucht, Physik, Biologie, Anthropologie, Ethik und Soziologie in einen allgemeinen wissenschaftlichen Erklärungszusammenhang zu integrieren. Das Evolutionsparadigma entwickelt sich, nicht zuletzt durch eine ständig anwachsende Literatur, zu einer Art geschlossener Weltanschauung, einem ”evolutionistischen Weltbild.“

Von dem materialistischen Weltbild, das um die Jahrhundertwende propagiert wurde, unterscheidet sich diese Weltanschauung durch eine umfassendere Ausarbeitung und durch größere Fähigkeit der Integration scheinbar inkommensurabler Dimensionen. Während der traditionelle Materialismus das sittliche und religiöse Selbstverständnis des Menschen als Illusion zu entlarven suchte und bisweilen militant bekämpfte, fühlt sich der biologische Evolutionismus stark genug, dieses Selbstverständnis funktional durch die damit verbundenen Selektionsvorteile zu begründen und in sein Gesamtkonzept zu integrieren. Das hat zur praktischen Folge, daß die Promotoren dieser evolutionären Weltanschauung eine neue Verhältnisbestimmung zur Religion eingenommen haben, die von dem der jüngeren und ferneren Vergangenheit beträchtlich abweicht. Was den rein naturwissenschaftlichen Aspekt der Frage angeht, so hat bereits mein unvergessener Vorgänger Papst Pius XII. im Jahre 1950 in seiner Enzyklika Humani Generis darauf hingewiesen, daß die Erörterung des Erklärungsmodells ”Evolution“ vom Glauben nicht behindert wird, wenn diese Diskussion im Rahmen der naturwissenschaftlichen Methode und ihrer Möglichkeiten verbleibt. Die Grenze in der Reichweite dieser Methode markiert er, wenn er sagt, das kirchliche Lehramt verbiete nicht, ”daß die Entwicklungslehre, entsprechend dem heutigen Stand der Profanwissenschaft und der Theologie, von den Fachleuten beider Gebiete in Forschung und Erörterung behandelt werde, insofern die Untersuchung den menschlichen Leibes aus schon vorliegender und belebter Materie betrifft; denn bezüglich der Seele gebietet uns der katholische Glaube, daran festzuhalten, daß sie unmittelbar von Gott geschaffen ist. Bei dieser Untersuchung soll man die Gründe für beide Ansichten, die zugunsten und die zuungunsten sprechenden, mit gebührendem Ernst, mit der gebührenden Besonnenheit und Mäßigung abwägen und beurteilen“. Gemäß diesen Ausführungen meines Vorgängers stehen sich recht verstandener Schöpfungsglaube und recht verstandene Evolutionslehre nicht im Wege: Evolution setzt Schöpfung voraus; Schöpfung stellt sich im Licht der Evolution als ein zeitlich erstrecktes Geschehen – als creatio continua – dar, in dem Gott als der ”Schöpfer des Himmels und der Erde“ den Augen des Glaubens sichtbar wird.

Die Frage der rechten Begrenzung und der richtigen Zuordnung der verschiedenen Bereiche des menschlichen Erkennens, die im Mittelpunkt der erwähnten Äußerung der Enzyklika Humani Generis steht, hat durch das neue ”evolutionistische Weltbild“ auch neue Dimensionen gewonnen. In dessen weitreichendem Anspruch geht es nicht mehr bloß um die Entstehung des Menschen, sondern umfassender um eine Rückführung aller geistigen Phänomene einschließlich Moral und Religion auf das Grundmodell ”Evolution“, von dem aus zugleich deren Funktion und Grenze umschrieben wird. Eine solche Funktionalisierung des christlichen Glaubens müßte ihn in seinem Kern treffen und verändern. Daher muß sich das dem Glauben verantwortliche Denken mit dieser evolutionären Weltanschauung auseinandersetzen, die weit über ihre naturwissenschaftlichen Grundlagen hinausgeht. Die zentrale Frage des Glaubens ist immer die Frage nach der Wahrheit. So muß er auch hier fragen, welcher Wahrheitsgehalt und gegebenenfalls welcher Stellenwert den wissenschaftlichen Theorien zukommt, welche die oft populärwissenschaftlich vorgetragene Philosophie stützen und begründen sollen, die in die naturwissenschaftliche Erkenntnis eingetragen oder im Anschluß an sie entwickelt wird. Es ist offenkundig, daß diese dringend erforderliche Aufgabe ohne Philosophie nicht bewältigt werden kann. Es kommt ja gerade der Philosophie zu, die Art und Weise, wie Ergebnisse und Hypothesen gewonnen werden, einer kritischen Prüfung zu unterziehen, das Verhältnis von Theorien und Einzelaussagen den Status naturwissenschaftlicher Aussagen und deren Reichweite, insbesondere den eigentlichen Inhalt wissenschaftlicher Behauptungen von weltanschaulichen Extrapolationen zu unterscheiden. Deshalb begrüße ich dieses Symposion, in dem kompetente Gelehrte – besonders Philosophen und Theologen verschiedener Richtungen und Spezialisierungen – sich dieser Arbeit stellen wollen in der Absicht, die Probleme präzis zu lokalisieren und mit dem Erkennen der Fragen auch die rechten Antworten vorzubereiten. Im letzten geht es um das Verstehen des Menschen, das freilich von der Gottesfrage nicht zu trennen ist. Nach einem tiefen Wort von Romano Guardini versteht den Menschen nur, wer Gott kennt. In der Tat, erst in dieser geweiteten Perspektive kommt die wahre Größe des Menschen zum Vorschein, zeigt sich, wer er im tiefsten ist: ein von seinem Schöpfer gewolltes und geliebtes Wesen, dessen unveräußerliche Größe darin besteht, zu Gott ”Du“ sagen zu dürfen. In diesem Sinne erteile ich Ihnen für Ihre Arbeit von Herzen den Apostolischen Segen.

DIE PÄPSTE UND DER REALISMUS DER WISSENSCHAFTLER

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IM BLICKPUNKT. Die Päpstliche Akademie der Wissenschaften

„Seit der Zeit Galileo Galileis hat es im Innern des Hl. Stuhls immer eine der Wissenschaft gewidmete Einrichtung gegeben. Ein besonderes Interesse an den Resultaten der Experimentalwissenschaften, die ein Mittel gegen den Idealismus der Philosophie waren, hatten jedoch die Päpste des zwanzigsten Jahrhunderts.“ Interview mit Marcelo Sánchez Sorondo, Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften.

Interview mit Marcelo Sánchez Sorondo von Roberto Rotondo

„Wissenschaftler sind für gewöhnlich Realisten. Und gerade an diesem Realismus sind die Kirche und ihre Päpste interessiert.“ Mit diesen Worten erklärte Msgr. Marcelo Sánchez Sorondo, Bischof und Ordinarius für Philosophiegeschichte, warum es im Vatikan seit mehr als 400 Jahren die Päpstliche Akademie der Wissenschaften gibt. Eine Institution, die ihre Forschungsarbeit zwar unabhängig ausführt, aber unter dem Schutz des regierenden Papstes steht und den Zweck verfolgt, den Fortschritt in der Mathematik und den Naturwissenschaften zu fördern, sowie die sich daraus für die Erkenntnislehre ergebenden Fragestellungen zu untersuchen. Die Auswahl der für die Akademie tätigen Wissenschaftler erfolgte schon immer ausschließlich aufgrund ihrer wissenschaftlichen und moralischen Verdienste, unabhängig von Rasse oder Religionszugehörigkeit. Ihren Sitz hat die Akademie heute in der „Casina Pio IV“ in den Vatikanischen Gärten. Hier sind, unter der Leitung ihres Präsidenten, Prof. Nicola Cabibbo, ca. 80 Wissenschaftler von internationalem Ruf beschäftigt – darunter auch mehr als 20 Nobelpreisträger. Seit 10 Jahren ist Msgr. Sánchez Sorondo (66) Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften. Anlass für unser Treffen waren zwei weltweit gefeierte Jahrestage: der 400. Jahrestag der ersten Beobachtungen Galileo Galileis mit dem Teleskop und der 500. Jahrestag der Veröffentlichung von Charles Darwins Vom Ursprung der Arten.

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Eröffnung der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Casina Pio IV (31. Oktober 2008; im Vordergrund, Msgr. Sánchez Sgrondo). [© Romano Siciliani]

Msgr. Sorondo, seit der Gründung der „Accademia dei Lincei“ (aus der 1936 die Päpstliche Akademie der Wissenschaften hervorging) unter Schirmherrschaft von Papst Klemens VIII. sind mehr als 400 Jahre vergangen. Seit damals haben die Päpste immer Wert darauf gelegt, eine unabhängige wissenschaftliche Einrichtung am Hl. Stuhl zu haben. Warum?

MARCELO SÁNCHEZ SORONDO: Als Antwort möchte ich Nietzsche zitieren – jemanden, von dem man sich in Sachen Kirche ganz gewiss keine Schmeicheleien erwarten würde. In Die fröhliche Wissenschaft schreibt er, dass die Päpste erkannt hätten, dass es eine Vernunft gibt, die den Menschen verstehen kann, und zwar nicht nur die philosophische Vernunft, sondern auch die wissenschaftliche Vernunft. Wie schon sein Vorgänger hat auch Benedikt XVI. des öfteren betont, dass die Natur das erste Buch ist, das Gott für die Menschen geschrieben hat.
Die Wissenschaftler haben jedoch manchmal den Eindruck, dass die Kirche dem wissenschaftlichen Fortschritt im Weg steht.
SÁNCHEZ SORONDO: Die wahre Gegenüberstellung ist nicht die zwischen Wissenschaft und katholischem Glauben. Das wahre Problem der Moderne, angefangen bei Descartes, liegt in dem Unterschied zwischen der idealistischen Sicht – der der Philosophie – und der wissenschaftlichen Sicht. Für den Wissenschaftler sind beispielsweise die Thesen Kants bedeutungslos, für den Raum und Zeit ein a-priori der Subjektivität sind. Für den Wissenschaftler ist die Realität von Raum und Zeit eine Tatsache. Und das ist auch der Grund, warum die Päpste, vor allem die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts – ich denke an Pius XI. und Pius XII. – ein großes Interesse an den Experimentalwissenschaften hatten: sie hatten erkannt, dass die Wissenschaft, die schließlich die Natur erforschte, auf dem besten Weg war, einen neuen Realismus hervorzubringen, der dem Idealismus der subjektivistischen Philosophien entgegenstand. Gewiss, die Kirche hat sich immer bemüht, die Position der Wissenschaft, die manchmal zu glauben versucht ist, die einzige Wahrheit sei die wissenschaftliche Wahrheit, zu integrieren und zu mäßigen.
Wie hat die Kirche diese Mäßigung der wissenschaftlichen Position bewerkstelligt?
SÁNCHEZ SORONDO: Vor allem, indem sie darauf aufmerksam machte, dass die von der Wissenschaft erbrachten Resultate nicht die ganze Wahrheit sind. Es gibt die philosophische Interpretation und dann gibt es den Glauben – für jene, die ihn als Geschenk erhalten haben –, und das sind verschiedene Dinge. Wichtig ist es, hier nichts zu verwechseln. Im Allgemeinen sind sich die Männer der Wissenschaft dieses Unterschieds der Ebenen bewusst. Wenn wir zum Beispiel einem Wissenschaftler sagen, dass die Eizelle ab dem Moment ihrer Befruchtung ein potentieller Mensch ist, der sich in Entwicklung befindet, wird der Wissenschaftler von seinem Standpunkt aus sagen, dass das „potentieller-Mensch-Sein“ ein philosophisches Konzept ist, das ihm von einem experimentalen Gesichtspunkt aus gar nichts sagt. Aber er weiß, dass damit etwas Reales gemeint ist. Dasselbe gilt für das Problem der Schöpfung, das nicht nur das Problem der Evolution ist, sondern auch das des Beginns des Seins. Die Wissenschaftler sind diesen Themen gegenüber recht aufgeschlossen, auch wenn sie sich klar darüber sind, dass sie nicht Gegenstand ihrer Forschungen sind. Und heute bittet Papst Benedikt XVI. die Welt der Wissenschaft nur darum, den Raum der Vernunft nicht zu sehr einzuengen.
Die Wissenschaftler gestehen jedoch weder der Theologie noch der Philosophie wissenschaftlichen Wert zu…
SÁNCHEZ SORONDO: Nun ja, genau genommen hat auch Aristoteles die Philosophie und die Theologie nicht wirklich als Wissenschaften bezeichnet. Aber die Genialität der Päpste lag gerade darin, dass sie Wissenschaftler um sich scharten, ohne diese einer theologischen oder philosophischen Sicht zu unterwerfen. In der Geschichte der Akademie ist den dort tätigen Wissenschaftlern nie etwas aufgedrängt worden.
Pater José Funes, der Leiter der Vatikanischen Sternwarte, hat in einem im vergangenen November im L’Osservatore Romano erschienenen Artikel mit dem Titel Danke, Galileo geschrieben: „Ohne die katholische Kirche hätte es keinen Galileo gegeben, und vielleicht gäbe es ohne Galileo keine Vatikanische Sternwarte“…
SÁNCHEZ SORONDO: Das ist offensichtlich. Und die Tatsache, dass viele namhafte Wissenschaftler Mitglieder unserer Akademie sind, bestätigt, dass die Wissenschaft als solche hier in Italien geboren wurde. Sie wurde mit Galileo geboren, in einem christlichen Klima und in einem christlichen Ambiente.
Hat die Kirche in Sachen Galileo noch eine Rechnung offen? Gibt es etwas, wofür sie um Entschuldigung bitten muss?
SÁNCHEZ SORONDO: Benedikt XVI. hat Galileo mehrfach lobend erwähnt. Zum letzten Mal in seiner wunderschönen Rede zum Epiphaniefest, wo er daran erinnerte, dass auch die Heiligen Drei Könige Astronomen waren. Alle Päpste haben Galileo als Genie betrachtet: hier draußen befindet sich ein von Pius XII. gewollter Gedenkstein, auf dem Galileo als einer der Leiter der Akademie geehrt wird. Und schließlich weiß man ja auch, dass sich Papst Urban VIII. Barberini, unter dessen Pontifikat der Prozess gegen Galileo stattfand, geweigert hat, die Verurteilung des Wissenschaftlers zu unterzeichnen.

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Die „Casina Pio IV“, Sitz der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Vatikan. [© Romano Siciliani]

Aber einen Prozess hat es doch gegeben…
SÁNCHEZ SORONDO: Ich glaube, dass es ohne Luther nicht zu einer Konfrontation zwischen Wissenschaft und Rom gekommen wäre. Lassen Sie mich das näher erklären: Die Protestanten bezichtigten die Kirche, mehr der Vernunft als dem Glauben zu folgen, dem Materialismus verfallen zu sein und nicht das zu tun, was die Bibel sagt. Die katholische Kirche war daher derart mit ihnen beschäftigt, dass sie letztendlich ein für sie gar nicht typisches Misstrauen der Wissenschaft gegenüber entwickelt hat. Der im Innern der Kirche vollzogene Bruch hatte auch für die Beziehung zwischen Kirche und Wissenschaft schreckliche Folgen. Und Robert Bellarmin war – bei allem Respekt – kein Thomas von Aquin. Sonst wären die Dinge vielleicht anders gelaufen. 

Das Jahr 2009 wird auch im Zeichen Darwins stehen. Gilt das, was Sie über Galileo gesagt haben, auch für ihn?
SÁNCHEZ SORONDO: Wenn wir zwischen Wissenschaft und Ideologie unterscheiden, wird es keine Polemik und auch kein mea culpa geben. Und schließlich hat der Vater der Evolutionstheorie ja selbst an Gott geglaubt.
Was waren die Höhepunkte der Akademie seit ihrer Neugründung durch Pius XI. im Jahr 1936?
SÁNCHEZ SORONDO: Ihre fruchtbarste Schaffensperiode war meiner Meinung nach die Zeit, in der sie von Max Planck, dem Vater der Quantenphysik, geleitet wurde. Die Botschaften von Pius XII. gegen die Atombombe z.B. waren von Max Planck inspiriert. Und während des Kalten Krieges wurden die Studien und Dokumente, die die Akademie zu den verheerenden Folgen eines Atomkrieges angestellt hatte, auf Wunsch Pius‘ XII. den Mächtigen der Welt unterbreitet. Dieser Einsatz für den Frieden war aber schon immer typisch für die Akademie. Aber lassen wir einmal die theoretische Physik beiseite und kommen wir zur Medizin: wir fragen uns heute, ab welchem Zeitpunkt man eine Person als tot bezeichnen kann; ob der Gehirntod als Moment des eigentlichen Todes betrachtet werden soll oder nicht. Ein Thema, an dem schon unter dem Pontifikat von Pius XII. großes Interesse bestand. So bekräftigte Pius XII. auch in seinen Ansprachen an die Ärzte, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben, dass die Ärzte herausfinden müssen, was als Anzeichen dafür betrachtet werden kann, dass jemand gestorben ist.
Wie kann ein katholischer Wissenschaftler an den „allmächtigen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde“ glauben und gleichzeitig der Meinung sein, dass das Universum und seine Evolution ein Ergebnis des Zufalls sind, einer reinen Quantenberechnung?
SÁNCHEZ SORONDO: Planck hat sein Leben lang gezeigt, dass es möglich ist, an einen Schöpfergott zu glauben und gleichzeitig auch die Natur zu erforschen, weil es sich um verschiedene Bereiche handelt. Die Physik unserer Zeit ist sogar sehr viel aufgeschlossener als es die Physik eines Aristoteles und eines Platon oder die Physik des Mittelalters war. Für die Menschen des Altertums waren die Welt, die Zeit, die Bewegung ewig. Thomas von Aquin bekräftigt, dass wir durch den Glauben wissen, dass die Zeit einen Anfang hatte. Und dieser Anfang ist viel leichter mit einer Theorie wie der des Urknalls zu vereinbaren, die ein physischer und kein metaphysischer Anfang ist, als mit der Vorstellung, die die Philosophie des Altertums vom Universum hatte. Dass wir uns darüber einig sind, dass es einen Anfang gegeben hat, verbindet uns mit der modernen Physik.
Und was ist mit der Evolution?
SÁNCHEZ SORONDO: Wenn die Schöpfung das Faktum ist, das das Sein mitteilt, dann beinhaltet dieses Sein auch das Werden. Gott gibt das Sein und indem er das Sein gibt, gibt er auch das Werden. Der einzig heikle Punkt ist der der menschlichen Seele, denn das ist der Bereich, wo – laut Kirche – ein neuerliches Eingreifen Gottes in jedes menschliche Wesen nötig wird. Es ist also nur wünschenswert, dass die Wissenschaftler zeigen, wie sich das Universum entwickelt hat. Wir glauben nur, dass der Anfang zu Gott gehört, und dass ein neuerliches Eingreifen Gottes dort ins Spiel kommt, wo es sich um das menschliche Wesen handelt. In Sachen Zufall ist zu sagen: das war bereits im Altertum ein Thema, und die Kasualität bringt die Rationalisten in Schwierigkeiten, aber nicht uns.
Soweit, so gut: Auch Prof. Cabibbo, der Präsident der Akademie, hat gesagt, dass die Kirche von jeder neuen Entdeckung der Wissenschaft in Verlegenheit gebracht wird.
SÁNCHEZ SORONDO: Diese Verlegenheit sehe ich weder bei den Päpsten noch bei den Kirchenmännern, die sich mit den Wissenschaftlern auseinandersetzen: schließlich sind die Daten der Wissenschaft Teil der Wahrheit. Das Problem ist, dass sich die Wissenschaftler manchmal nicht klar darüber sind, dass einige ihrer Behauptungen keine rein wissenschaftlichen Feststellungen sind, sondern eher in den Bereich der Ideologie, der Philosophie fallen. Bei einer Studientagung in Venedig z.B. hat der Astrophysiker Stephen Hawking, ein Atheist, der ebenfalls Mitglied unserer Akademie ist, unlängst gesagt, dass man die Existenz Gottes nicht beweisen könne. Als ich ihn fragte, ob er das als Wissenschaftler oder aufgrund seiner Lebenserfahrung sage, musste er zugeben, dass seine Behauptung nichts mit der Wissenschaft zu tun hätte, weil letztere kein definitives Urteil über eine Realität abgeben könne, die nicht direkt in der Natur zu finden sei. Wenn man nicht alle mit dem untersuchten Problem zusammenhängenden Unterscheidungen trifft, geht man normalerweise mit einer gewissen Angst an die Wissenschaft heran. Daher versuchen wir an der Akademie auch, die verschiedenen Bereiche miteinander in Einklang zu bringen. Und gehen auch die schwierigsten Probleme ohne Vorbehalte, ohne Zensur an: das der Evolution; Probleme wie etwa jene, die die Erforschung des menschlichen Gehirns in den letzten 50 Jahren aufgeworfen hat; oder das Problem der Stammzellen.

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Benedikt XVI. mit dem Astropyhsiker Stephen Hawking bei der Audienz für die Teilnehmer der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften (31. Oktober 2008, Sala Clementina). [© Associated Press/LaPresse]

Was wird das Thema des nächsten Kongresses sein?
SÁNCHEZ SORONDO: Das Problem der gentechnisch erzeugten Lebensmittel; er wird im Frühjahr stattfinden. Die Akademie setzt sich bereits zum vierten Mal mit diesem Problem auseinander. Seit Jahren bekräftigen unsere Wissenschaftler, dass der Verzehr gentechnisch erzeugter Lebensmittel keine Risiken berge. Nun aber geht es darum, die Ergebnisse unserer Studien in die Praxis umzusetzen. 

Wer sucht die Themen der Studientagungen aus?
SÁNCHEZ SORONDO: Der Direktionsrat, auf Vorschlag der Versammlung. Manchmal wird das Thema auch ausnahmsweise vom Papst vorgeschlagen.
Hilft es, dass auch Benedikt XVI. ein Mitglied der Akademie war?
SÁNCHEZ SORONDO: Ja, sogar sehr. Papst Ratzinger ist an der Arbeit der Akademie sehr interessiert. Er ist ein großer Theologe, und die Begegnung mit den Wissenschaftlern anlässlich des Kongresses zur Evolution des Universums war sehr bedeutungsvoll.
Seit 10 Jahren sind Sie Kanzler der Akademie. Wie arbeitet es sich als Philosoph mit Wissenschaftlern?
SÁNCHEZ SORONDO: Gut. Normalerweise wollen sie die von ihnen gemachten Entdeckungen mit anderen teilen. Mit ihnen arbeitet es sich leichter als mit den Philosophen, zu denen ich selbst gehöre: sie sind offener und aufgeschlossener, weniger egozentrisch als wir. Und vor allem realistischer.

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