Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien

Botschaft an die Mitglieder der
Päpstlichen Akademie der Wissenschaften
anlässlich ihrer Vollversammlung (22. Oktober 1996)

Johannes Paul II.

Hinweis/Quelle: Die hier publizierte deutsche Übersetzung wurde entnommen aus: L`Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, 1. November 1996, Nummer 44, S. 1 f. Irrtümer vorbehalten.

Mit großer Freude richte ich einen herzlichen Gruß an Sie, Herr Präsident, und an alle Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anlässlich ihrer Vollversammlung. Meine guten Wünsche gelten besonders den neuen Akademiemitgliedern, die zum ersten Mal an den Arbeiten dieser Versammlung teilnehmen. Außerdem möchte ich die im Laufe des vergangenen Jahres verstorbenen Mitglieder in Erinnerung rufen, die ich dem Herrn des Lebens anvertraue.

1. Zur Feier des sechzigsten Jahrestages der Neugründung der Akademie möchte ich an den Wunsch meines Vorgängers Pius XI. erinnern, der ein Gremium ausgewählter Wissenschaftler um sich versammeln wollte zu dem Zweck, daß sie den Hl. Stuhl in voller Freiheit über die Entwicklungen der wissenschaftlichen Forschung unterrichteten und ihn bei seinen Studien unterstützten.

Er wollte von denen, die er den „Senatus scientificus“ der Kirche zu nennen pflegte, dass sie der Wahrheit dienen. Dieses Anliegen möchte ich heute erneut an Sie herantragen in der Überzeugung, dass wir alle aus der „Fruchtbarkeit eines vertrauensvollen Dialogs zwischen Kirche und Wissenschaft“ Nutzen ziehen können (vgl. Ansprache an die Akademie der Wissenschaften am 28. Oktober 1996, Nr. 1; in: Der Apostolische Stuhl [1986], S. 1677).

2. Ich freue mich über das erste Thema, das Sie gewählt haben, nämlich: Der Ursprung des Lebens und die Evolution. Es handelt sich um ein außerordentlich wichtiges Thema, das für die Kirche von großem Interesse ist, da ihrerseits die Offenbarung Erklärungen über die Natur und den Ursprung des Menschen enthält. Wie kann man die Ergebnisse, zu denen die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft kommen, in Einklang bringen mit dem, was in der Botschaft der Offenbarung enthalten ist? Und wenn es auf den ersten Blick scheinen mag, dass Widersprüche auftreten, in welcher Richtung soll man nach einer Lösung suchen?

Wir wissen in der Tat, dass Wahrheit nicht der Wahrheit widersprechen kann (vgl. Leo XIII., Enzyklika Providentissimus Deus). Um die geschichtliche Wahrheit besser zu beleuchten, sind übrigens die von Ihnen durchgeführten Untersuchungen über das Verhältnis der Kirche zur Wissenschaft vom 16. bis zum 18. Jahrhundert von großer Bedeutung.

Bei dieser Vollversammlung nehmen Sie eine „Reflexion über die Wissenschaft am Anbruch des dritten Jahrtausends“ vor. Als erstes bestimmen Sie die hauptsächlichen von der Wissenschaft hervorgerufenen Probleme, die für die Zukunft der Menschheit Bedeutung haben. Durch dieses Vorgehen stecken Sie Lösungswege ab, die der ganzen Menschengemeinschaft zum Wohl gereichen können. Im Bereich der leblosen sowie der belebten Natur lässt die Entwicklung der Wissenschaft und ihrer Anwendungen neue Fragestellungen entstehen.

Deren Tragweite wird die Kirche umso besser erfassen, als sie deren Hauptaspekte kennt. So wird sie – gemäß der ihr eigenen Sendung – neue Kriterien anbieten können, um die sittlichen Verhaltensweisen zu erkennen, die jedem Menschen im Hinblick auf sein Gesamtheil aufgetragen sind.

3. Bevor ich zu einigen spezifischeren Betrachtungen über die Fragen des Ursprungs des Lebens und der Evolution übergehe, möchte ich daran erinnern, daß das Lehramt der Kirche sich im Rahmen seiner Zuständigkeit bereits zu diesen Themen geäußert hat. Ich möchte in diesem Zusammenhang zwei Dokumente zitieren.

In seiner Enzyklika Humani generis aus dem Jahr 1950 hatte schon mein Vorgänger Pius XII. dargelegt, daß die Evolution und das, was der Glaube über den Menschen und seine Berufung lehrt, nicht im Gegensatz zueinander stehen unter der Bedingung, dass man einige Fixpunkte nicht aus den Augen verliert (vgl. AAS 42 [1950], S. 575–576).

Als ich am 31. Oktober 1992 die Teilnehmer der Vollversammlung Ihrer Akademie empfing, hatte ich meinerseits Gelegenheit, die Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Galilei auf die Notwendigkeit einer strengen Hermeneutik im Hinblick auf eine korrekte Interpretation des inspirierten Wortes zu lenken. Es gilt den eigentlichen Sinn der Schrift gut abzugrenzen und unzutreffende Interpretationen wegzulassen, die Dinge in sie hineindeuten, die sie nicht zu sagen beabsichtigt.

Um den Bereich ihrer Zuständigkeit klar abzugrenzen, müssen Exegeten und Theologen sich über die Ergebnisse, zu denen die Naturwissenschaften gelangen, auf dem laufenden halten (vgl. AAS 85 [1993], S. 764–772; Ansprache an die Päpstliche Bibelkommission am 23. April 1993 [dt. in O.R. dt. v. 14.5.1993, S. 10 ff.] bei der Vorstellung des Dokuments Die Interpretation der Bibel in der Kirche: AAS 86 [1994], S. 232–243).

Zum Stand der Forschung

4. In Anbetracht des wissenschaftlichen Forschungsstandes der Zeit und der Erfordernisse der Theologie betrachtete die Enzyklika Humani generis die Lehre vom „Evolutionismus“ als ernstzunehmende Hypothese, die es ebenso wie die gegenteilige Annahme verdiente, genauer untersucht und bedacht zu werden. Pius XII. setzte zwei Bedingungen methodologischer Art hinzu: Man sollte diese Ansicht nicht so übernehmen, als ob es sich um eine gesicherte und bewiesene Lehre handelte und als ob man ganz von der Offenbarung absehen könnte, was die von ihr aufgeworfenen Fragen betrifft. Er nannte ebenfalls die Bedingung, unter der diese Ansicht mit dem christlichen Glauben vereinbar ist, worauf ich noch zurückkommen werde.

Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlaß, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, daß diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar.

Welche Tragweite hat eine derartige Theorie? Diese Frage zu erörtern heißt, sich auf das Gebiet der Epistemologie zu begeben. Eine Theorie ist eine meta-wissenschaftliche Erarbeitung, unterschieden von den Beobachtungsergebnissen, aber mit diesen homogen. Durch sie kann ein Komplex voneinander unabhängiger Daten und Fakten in einen Zusammenhang gebracht und interpretiert werden. Die Theorie beweist ihre Gültigkeit in dem Maß, wie sie nachprüfbar ist; sie wird fortwährend am Stand der Tatsachen gemessen. Dort, wo sie für diese nicht mehr Rechenschaft geben kann, beweist sie ihre Grenzen und ihre Unangemessenheit. Dann muss sie überdacht werden.

Die Erarbeitung einer Theorie wie der Evolutionstheorie greift ferner auf gewisse Vorstellungen aus der Naturphilosophie zurück, ohne dabei die Erfordernisse der Homogenität mit den Daten der Beobachtung außer acht zu lassen.

Genau genommen muß man eher von Evolutionstheorien sprechen als von der Theorie der Evolution. Diese Vielfalt entspricht einerseits den unterschiedlichen Ansätzen, die vorgeschlagen wurden, um den Mechanismus der Evolution zu erklären. Andererseits entspricht sie der Unterschiedlichkeit der Weltanschauungen, auf die man sich bezieht. So gibt es materialistisch-reduktionistische Lesarten und auch spiritualistische Lesarten der Evolutionstheorie. Das Urteil darüber gehört in die Kompetenz der Philosophie und darüber hinaus der Theologie.

5. Das Lehramt der Kirche ist unmittelbar von der Frage der Evolution betroffen, denn sie betrifft das Menschenbild. Die Offenbarung lehrt uns, daß der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde (vgl. Gen 1,27). Die Konzilskonstitution Gaudium et spes hat diese Lehre, die zum Zentrum des christlichen Denkens gehört, auf großartige Weise ausgeführt. Sie hat daran erinnert, dass der Mensch „auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist“ (Nr. 24). Mit anderen Worten: Der Mensch kann weder seiner Spezies noch der Gesellschaft als einfaches Mittel oder bloßes Werkzeug untergeordnet werden; er hat einen Wert an sich. Er ist Person. Durch seine Intelligenz und seinen Willen ist der Mensch in der Lage, in eine Beziehung der Gemeinschaft, der Solidarität und der Selbsthingabe mit seinem Mitmenschen zu treten. Der hl. Thomas stellt fest, dass die Ähnlichkeit des Menschen mit Gott vor allem in seiner spekulativen Intelligenz begründet ist, denn seine Beziehung zum Gegenstand seiner Erkenntnis ähnelt der Beziehung Gottes zu seinem Werk (vgl. Summa theologica, I-II, q.3, a.5, ad 1). Aber mehr noch ist der Mensch aufgefordert, eine Beziehung der Kenntnis von Gott und der Liebe zu Gott selbst aufzubauen. Diese Beziehung wird nach der Zeit in der Ewigkeit ihre volle Entfaltung finden. Im Geheimnis des auferstandenen Christus werden uns die ganze Tiefe und die ganze Größe dieser Berufung offenbart (vgl. Gaudium et spes, 22). Eben weil sie eine Geistseele hat, besitzt die gesamte menschliche Person einschließlich des Körpers eine solche Würde. Pius XII. hat diesen wesentlichen Punkt betont: Der menschliche Körper hat seinen Ursprung in der belebten Materie, die vor ihm existiert. Die Geistseele hingegen ist unmittelbar von Gott geschaffen: „animas enim a Deo immediate creari catholica fides nos retinere iubet“ (Enzyklika Humani generis, AAS 42 [1950], S. 575).

Folglich sind diejenigen Evolutionstheorien nicht mit der Wahrheit über den Menschen vereinbar, die – angeleitet von der dahinter stehenden Weltanschauung – den Geist für eine Ausformung der Kräfte der belebten Materie oder für ein bloßes Epiphänomen dieser Materie halten. Diese Theorien sind im übrigen nicht imstande, die personale Würde des Menschen zu begründen.

6. Mit dem Menschen befinden wir uns also vor einer Differenzierung ontologischer Art, vor einem ontologischen Sprung, könnte man sagen. Aber bedeutet der Ansatz einer solchen ontologischen Diskontinuität nicht auch ein Zugehen auf diese physische Kontinuität, die als roter Faden der Forschungen über die Evolution erscheint, und das schon begonnen auf der Ebene der Physik und der Chemie? Die Berücksichtigung der in den verschiedenen Ordnungen des Wissens verwendeten Methode erlaubt uns, zwei Standpunkte, die unvereinbar scheinen, miteinander in Einklang zu bringen. Die empirischen Wissenschaften beschreiben und messen mit immer größerer Genauigkeit die vielfältigen Ausdrucksformen des Lebens und schreiben sie auf der Zeitachse fest. Der Moment des Übergangs ins Geistige ist nicht Gegenstand einer solchen Beobachtung, die aber dennoch auf experimenteller Ebene einer Reihe wertvoller Hinweise über das Besondere am Wesen des Menschen zutage fördern kann. Aber die Erfahrung des metaphysischen Wissens, des Bewußtseins seiner selbst und der eigenen Fähigkeit zur Reflexion, die Erfahrung des sittlichen Gewissens und der Freiheit oder auch die ästhetische und religiöse Erfahrung gehören in den Bereich der philosophischen Überlegungen, während die Theologie deren letztendlichen Sinn nach dem Plan des Schöpfers herausstellt.

Die Bibel – Buch des Lebens

7. Zum Abschluß möchte ich eine Wahrheit des Evangeliums erwähnen, die ein höheres Licht auf den Horizont Ihrer Forschungen über die Ursprünge und die Entwicklung der belebten Materie werfen könnte. Die Bibel ist in der Tat die Trägerin einer außerordentlichen Botschaft vom Leben. Sie gibt uns dadurch, daß sie die höchsten Formen des Seins bestimmt, eine Anschauung der Weisheit vom Leben. Diese Vision hat mich bei der Abfassung der Enzyklika geleitet, die ich der Achtung vor dem menschlichen Leben gewidmet und deshalb Evangelium vitae betitelt habe.

Es ist bedeutsam, daß im Evangelium nach Johannes das Leben das göttliche Licht bezeichnet, das Christus uns eröffnet. Wir sind aufgerufen, in das ewige Leben einzugehen, das heißt in die Ewigkeit der göttlichen Seligkeit.

Um vor größeren Versuchungen zu warnen, die auf uns zukommen, zitiert unser Herr das große Wort aus dem Buch Deuteronomium: „[…] daß der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern daß der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8,3; vgl. Mt 4,4).

Ja mehr noch: Das Leben ist einer der schönsten Titel, den die Bibel Gott zuerkannt hat: Er ist der lebendige Gott. Von ganzem Herzen rufe ich auf Sie und alle, die Ihnen nahestehen, den Segen Gottes in Fülle herab.

Aus dem Vatikan am 22. Oktober 1996.

JOHANNES PAUL II.

Quelle

Vatikan klagt Ausbeutung durch multinationale Firmen an

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Sanchez Sorondo – RV

„Es kann nicht sein, dass wenige reiche multinationale Konzerne über mehr als 50 Prozent aller Güter, die von natürlichen Ressourcen herrühren, verfügen – das ist nicht gerecht.“ Es waren deutliche Worte, mit denen der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften am Donnerstag die Ausbeutung von Natur- und Bodenschätzen durch Wirtschaftsunternehmen anklagte. Zum Abschluss einer Umweltschutz-Konferenz an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften kritisierte Marcelo Sanchez Sorondo die Rücksichtslosigkeit einer ausschließlich auf Profit fixierten Wirtschaft, die auf Kosten der Natur und der Ärmsten in der Welt geht.

Nachhaltigkeit statt Ausbeutung

Papst Franziskus und die katholische Kirche setzen dem Modell der Ausbeutung und Profitmaximierung eine Vision entgegen, die den Schutz der Schöpfung, Prinzipien des nachhaltigen Wirtschaftens und soziale Gerechtigkeit hochhält. Durchdekliniert wird sie in Franziskus Umwelt-Enzyklika „Laudato sì“. „Das ist die Grundidee der Kirche: an das Gemeinwohl und das Wohl eines jeden Menschen zu denken und nicht nur an den Profit“, brachte dies Sanchez Sorondo auf den Punkt. Gemeinsam mit internationalen Klimaforschern und Konfliktforschern erinnert die Kirche daran, dass Klimaschutz, wachsende Armut und Konflikte eng verquickt sind. Solche Zusammenhänge werden auch in der Abschlusserklärung des Workshops über Biodiversität und Umweltschutz, der am Donnerstag zuende ging, geschildert: „Am wichtigsten ist es, die Armut auszurotten und zweitens, weltweite soziale Gerechtigkeit zu suchen“, fasste der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Ziele der Konferenz zusammen. Mit Blick auf den Schutz der Schöpfung und Artenvielfalt forderten die Tagungsteilnehmer „positives menschliches Handeln“, um Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zu fördern.

Sozial- und umweltverträgliches Wirtschaften

Was kann ein solch positives Handeln sein? Beispiele gibt es: Die wirtschaftliche Ausbeutung natürlicher Ressourcen in der Amazonas-Region hat etwa in der Form, wie sie heute geschieht, mit Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit wenig zu tun. Sanchez Sorondo: „Und deshalb ist es notwendig, dass Regierungen die Steuern für das Gemeinwohl einsetzen, auch indem sie Steuern verhängen – zum Beispiel, damit die Armen im Amazonasgebiet ihre Wälder behalten können und nicht dazu gezwungen sind, sie zu verkaufen, um zu überleben.“ Eine konkrete Forderung an Regierungen wie etwa Brasilien, den Profit von Wirtschaftsunternehmen, die in der „grünen Lunge des Planeten“ operieren, anders zu besteuern und den Lebensraum der indigenen Völker besser zu schützen. Gerade ihr Überleben hängt ja direkt von den Wäldern und den dort lebenden Tieren und Pflanzen ab. Dass gerade das Aussterben von Spezies, die wichtig für das Überleben des Menschen sind, fatal sein kann, unterstrich der Konferenzleiter und Präsident der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Werner Arber: Der Schweizer Nobelpreisträger trat zu Abschluss des Workshops zusammen mit Sanchez Sorondo vor die Presse.

Horrende Ausdünnung der Arten in Gang

Zur Ausdünnung der weltweiten Artenvielfalt legte die Vatikankonferenz erschreckende Zahlen vor. Die Verlustrate der Biodiversität ist den Angaben zufolge heute tausend Mal höher als in der Vergangenheit, Millionen von Tier- und Pflanzenarten seien vom Verschwinden bedroht, bis Ende des Jahrhunderts könnte durch den Klimawandel und die Erderwärmung bis zu 40 Prozent der Artenvielfalt zerstört sein. Wie Sanchez Sorondo betonte, ist von der Vielzahl der Arten heute „nur ein geringer Teil“ überhaupt bekannt, nämlich weniger als ein Fünftel. „Wir wissen, dass viele Spezies aussterben, und das ist schrecklich: schrecklich für die Zukunft und schrecklich auch für die Harmonie des menschlichen Lebens. Hauptursachen dafür sind die Nutzung von Energien aus Erdöl und Kohle, die Veränderung des Wasserzyklus und als Folge daraus die Einschränkung der Biodiversität.“

Es wäre genug für alle da

Überhaupt ist für die Experten der menschliche Umgang mit den natürlichen Ressourcen die Hauptursache des Übels, nicht die menschliche Bevölkerung oder ihr Wachstum an sich. Die Kapazität des Planeten werde heute zu 156 Prozent ausgeschöpft – am Ende der 1960er Jahre waren es noch 70 Prozent. Der Vatikan sieht in einem verantwortungsvolleren und weitsichtigeren Umgang mit den Schätzen und Zyklen der Natur Lösungen für aktuelle globale Probleme, etwa für das Problem der Umweltverschmutzung. Sanchez Sorondo erinnerte in diesem Kontext: „Es ist nicht die Bevölkerung, die Kohlendioxid produziert, sondern die menschliche Produktion und der menschliche Energieverbrauch, der zur Umweltverschmutzung führt. Wir möchten, dass der Mensch wegkommt von dieser Form der Energiegewinnung und stattdessen Techniken verwendet, die den Menschen (am Ende der Produktionskette, Anm.) mehr Essen geben können.“

Der Vatikanvertreter mag hier an die weltweit 100 Millionen Hungerleidenden und 800 Millionen chronisch Unterernährten sowie die skandalöse Ungleichverteilung des weltweiten wirtschaftlichen Reichtums gedacht haben. 19 Prozent der reichsten Weltbevölkerung konsumiert heute insgesamt über die Hälfte aller verfügbaren Ressourcen. Dabei werden Ressourcen nicht nur konsumiert, sondern auch negativ verändert, was Sanchez Sorondo anhand des Wassers verdeutlicht: „Zunächst muss man Wasser sparen und vor der menschlichen Umweltverschmutzung schützen… Die Frage des Wassers ist zentral, wie der Papst sagt, denn die globale Erderwärmung entsteht wesentlich durch die Beeinträchtigung des Wasserkreislaufes, was zu Kriegen führen kann.“ Mit anderen Worten: Menschengemachte Klimaveränderungen führen zu Dürren und entfesseln Kriege um Ressourcen. Dass alle Menschen ein Recht auf Zugang zu sauberem Wasser haben müssen, hatte in der vergangenen Woche der Papst erneut gefordert. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und den Vereinten Nationen hatten 2014 ungefähr 748 Millionen Menschen weltweit keinen Zugang zu Trinkwasser.

Der Workshop mit dem Thema „Biologisches Aussterben. Wie die natürliche Umwelt schützen, von der wir abhängen?“ fand vom 27.2.-1.3.2017 an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in den Vatikanischen Gärten statt. Wenige Tage zuvor hatte dort noch eine Konferenz zum „Menschrecht auf Wasser“ stattgefunden, auf der auch Papst Franziskus intervenierte.

(rv 03.03.2017 pr)

Vatikan-Konferenz fordert weltweite Ächtung von Organhandel

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Debatte an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften

Eine Konferenz im Vatikan ruft die Verantwortlichen weltweit zu schärferen Maßnahmen gegen Organhandel auf. „Die Verwendung der Organe hingerichteter Häftlinge und Geldzahlungen an Organspender oder die Hinterbliebenen verstorbener Organspender sollten als Verbrechen weltweit verurteilt und von der Justiz verfolgt werden.“ Das fordern die Teilnehmer der Konferenz, die von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften ausgerichtet wurde, in ihrer Schlusserklärung.Organhandel und „Menschenhandel zum Zweck der Organentnahme“ seien „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, so die Erklärung. Vor allem arme und ausgebeutete Menschen würden in diesem Bereich leicht zu Opfern; zahlende „Transplantationstouristen“ dürften nicht die Augen vor den Schattenseiten dieses Geschäfts verschließen, bei dem „skrupellose Zwischenhändler“ und „korrupte Mitarbeiter im Gesundheitswesen“ die Menschenwürde mit Füßen träten.Die Erklärung rügt ungenannte Staaten, die zum Ziel von „Transplantationstouristen“ würden, weil ihre Gesetzgebung „zum Schutz der Armen und Verwundbaren“ nicht ausreiche oder nicht durchgesetzt werde. Vor allem Indien, China und die Philippinen werden in diesen Jahren zum Ziel von Menschen aus reichen Ländern, die auf der Suche nach einem für sie lebenswichtigen Organ alle Bedenken beiseiteschieben. Aus China haben zwei Regierungsvertreter an der Konferenz im Vatikan teilgenommen.

Religions- und Kirchenführer sollen nach den Empfehlungen der Konferenz zur Organspende ermutigen und Regierungen dafür sorgen, dass in ihren Ländern genug Organe bereit sind, damit sich gar nicht erst ein Schwarzmarkt entwickelt.

Bei der Konferenz im Vatikan war es zu teils hitzigen Debatten mit Blick auf die Praxis in China gekommen. Die Tagung zu Organhandel gehört zu einem Reigen von Vatikan-Initiativen gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Damit hat Papst Franziskus die Päpstliche Akademie der Wissenschaften betraut.

(rv 09.02.2017 sk)

Vatikankonferenz zu Organhandel: Neue Form der Sklaverei

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Die päpstliche Akademie der Wissenschaften

Der Vatikan veranstaltet am 8./9. Februar einen Weltkongress zum Organhandel, wie das Portal „Vatican Insider“ am Donnerstag berichtet. Unter der organisatorischen Verantwortung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften nehmen Fachleute aus mehr als 20 Ländern an der Konferenz teil. Verabschiedet werden soll eine Erklärung gegen den „Transplantationstourismus“, hieß es.

Noch nicht bestätigt ist, ob Papst Franziskus an den Beratungen teilnimmt. Bei mehreren Gelegenheiten hatte der Pontifex den Organhandel als „neue Form der Sklaverei im 21. Jahrhundert“ verurteilt.

(kap 05.01.2017 ord)

Papst: die Jugend vor der „Sklaverei“ der Drogensucht schützen

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Papst Franziskus & Königin Silvia, 24. November 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Franziskus empfängt die Teilnehmer einer Anti-Drogen-Konferenz in Audienz,
darunter auch die schwedische Königin Silvia

Papst Franziskus hat am Donnerstag die Teilnehmer einer von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften organisierten internationalen Tagung zum Thema Drogen in Audienz empfangen.

In seiner auf Spanisch gehaltenen Ansprache betonte das Kirchenoberhaupt, es sei notwendig Wege zu finden, um die Netzwerke der Korruption und die Formen der Geldwäsche zu kontrollieren, und dies mit dem Ziel, die Jugendlichen vor der „Sklaverei“ der Drogensucht zu schützen. Die Jugend sei die Zukunft, betonte er.

Der Papst ermutigte die Teilnehmer auch dazu, sich für ‪„die vollständige und sichere  Rehabilitation der Opfer von Drogen“ einzusetzen. ‪„Jeder Drogenabhängige trägt eine andere persönliche Geschichte mit sich, die angehört, verstanden, geliebt und wo möglich geheilt und geläutert werden muss“, sagte der Papst, der im Kampf gegen die Drogen die Prävention als eine „Priorität“ bezeichnete.

Hinter den Verteilernetzwerken der Drogen verstecke sich ein aus fünf Buchstaben bestehendes Wort: Mafia, sagte Papst Franziskus, der die Drogenproblematik aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires gut kennt. Diese Netzwerke seien „immens, mächtig“ und fähig, die Menschen zu töten, sowohl psychisch, physisch als sozial.

Die Tagung mit dem Titel „Drogenabhängigkeit: Probleme und Lösungen einer globalen Geißel“ hatte am Mittwoch in der „Villa Pia“ im Vatikan begonnen. Bei der Eröffnung des zweitägigen Workshops plädierte Schwedens Königin Silvia für die Prävention bei Kindern.

In ihrer Ansprache betonte die Gründerin der „World Childhood Foundation“ und Ehrenmitglied der „Mentor Foundation“, es sei notwendig, die globale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Drogensucht fortzusetzen.

Wie Radio Vatikan meldete, unterstrich die Königin Schwedens die „Fragilität der Kinder“, welche der tödlichen Beziehung zwischen „Drogenhandel und Ausbeutung von Menschen“, insbesondere im Kriegskontext, zum Opfer fallen.

Der Direktor des UN-Büros für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung (UNODC) mit Sitz in Wien, Juri Fedotow, lieferte in seinem Vortrag einige aktuelle Daten. Im Laufe des Jahres 2013 hat jede 20. Person in der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahren mindestens einmal eine illegale Substanz eingenommen, also insgesamt 246 Millionen Menschen. Dies sei eine Steigerung von 3 Millionen zum Vorjahr.

Wie Fedotow erklärte, ist die Heimat des Opiums Afghanistan, wo der Handel mit Mohnprodukten den Terrorismus der Taliban finanziert und Drogensucht, Gewalt sowie Unsicherheit schafft. Der Balkan ist dagegen der Haupttransitkorridor für Heroin. Und die wichtigsten Produzenten des Kokain sind die südamerikanischen Länder Kolumbien, Peru und Bolivien, wo Gewalt und Armut um sich greifen.

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Quelle

BENEDIKT XVI. zum Thema: „Wissenschaftliche Einblicke in die Evolution des Universums und des Lebens“

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ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DER VOLLVERSAMMLUNG DER
PÄPSTLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN

Freitag, 31. Oktober 2008

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Freude grüße ich Sie, die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, aus Anlaß Ihrer Vollversammlung, und ich danke Prof. Nicola Cabbibo für die freundlichen Worte, die er in Ihrer aller Namen an mich gerichtet hat.

Mit der Wahl des Themas »Wissenschaftliche Einblicke in die Evolution des Universums und des Lebens« verbinden Sie die Absicht, sich auf einen Forschungsbereich zu konzentrieren, der großes Interesse weckt. Denn viele unserer Zeitgenossen wollen heute über den letzten Ursprung der Lebewesen, über deren Ursache und Ziel, sowie über die Bedeutung der Geschichte des Menschen und des Universums nachdenken.

In diesem Kontext ergeben sich ganz von selbst einige Fragen hinsichtlich der Beziehung zwischen der wissenschaftlichen Lesart der Welt und der Deutung, die die christliche Offenbarung anbietet. Meine Vorgänger Papst Pius XII. und Papst Johannes Paul II. bekräftigten, daß zwischen dem vom Glauben bestimmten Verständnis der Schöpfung und der von den empirischen Wissenschaften vorgelegten Evidenz kein Widerspruch besteht. Die Philosophie hat sich in ihrer Anfangszeit der Bilder bedient, um den Ursprung des Kosmos auf der Grundlage eines oder mehrerer Elemente der materiellen Welt zu erklären. Diese Entwicklung wurde nicht als Schöpfung gesehen, sondern als Veränderung oder Umformung; dies schloß eine eher horizontale Interpretation des Ursprungs der Welt ein. Ein entscheidender Schritt im Verstehen des Ursprungs des Kosmos war die Betrachtung des Seins qua Sein und das Interesse der Metaphysik mit der grundlegenden Frage nach dem ersten oder transzendenten Ursprung des Seins durch Teilhabe. Um sich zu entwickeln und zu entfalten, muß die Welt zuerst da sein und folglich aus dem Nichts in das Sein gekommen sein. Mit anderen Worten, sie muß vom ersten Seienden, das wesenhaft ein solches ist, geschaffen worden sein.

Die Aussage, daß der Grund des Kosmos und seiner Entwicklungen die fürsorgliche Weisheit des Schöpfers ist, bedeutet nicht, daß die Schöpfung nur mit dem Beginn der Geschichte der Welt und des Lebens zu tun hat. Es bedeutet vielmehr, daß der Schöpfer diese Entwicklungen ins Leben ruft und sie beständig im Sein erhält, unterstützt, trägt und lenkt. Thomas von Aquin lehrte, daß der Schöpfungsbegriff den horizontalen Ursprung des Nacheinanders der Ereignisse, das heißt die Geschichte, übersteigen muß und folglich auch all unsere rein naturalistische Arten des Denkens und Sprechens über die Entstehung der Welt. Thomas sagt, daß Schöpfung weder Bewegung noch Veränderung ist. Es ist hingegen die grundlegende und fortdauernde Beziehung, die das Geschöpf mit dem Schöpfer verbindet, denn er ist die Ursache allen Seins und allen Werdens (vgl. Summa Theologiae, I, q. 45, a. 3).

»Entfalten« bedeutet im wörtlichen Sinn »eine Schriftrolle aufrollen«, das heißt ein Buch lesen. Das Bild von der Natur als Buch hat seine Wurzeln im Christentum und wurde von vielen Wissenschaftlern geschätzt. Galileo sah die Natur als ein Buch, dessen Autor Gott in derselben Weise ist, wie er der Autor der Heiligen Schrift ist. Sie ist ein Buch, dessen Geschichte, dessen Entwicklung, dessen »Schrift« und Bedeutung wir entsprechend der verschiedenen Herangehensweisen der Wissenschaften »lesen«, wobei immer die grundlegende Gegenwart des Autors vorausgesetzt wird, der sich darin selbst offenbaren wollte. Dieses Bild hilft uns auch zu verstehen, daß die Welt ihren Ursprung keineswegs im Chaos hat, sondern einem geordneten Buch ähnelt: sie ist ein Kosmos. Trotz der irrationalen, chaotischen und zerstörerischen Elemente im langen Prozeß der Evolution des Kosmos, ist die Materie als solche »lesbar«. Sie hat eine mathematische Struktur. Der menschliche Geist ist nicht nur fähig »Kosmographie« zu betreiben, indem er die meßbaren Phänomene studiert, sondern auch »Kosmologie«, wobei er die erkennbare innere Logik des Kosmos wahrnimmt. Wir mögen anfangs nicht in der Lage sein, die Harmonie sowohl des Ganzen als auch der Beziehungen der einzelnen Teile oder deren Beziehung zum Ganzen zu sehen. Doch bleibt immer noch ein weiter Bereich von intelligiblen Phänomenen, und der Prozeß ist insofern rational, als er eine Ordnung von offensichtlichen Entsprechungen und unleugbaren Finalitäten offenbart: in der anorganischen Welt zwischen Mikro- und Makrostruktur; in der organischen Welt und der Tierwelt zwischen Struktur und Funktion; und in der geistigen Welt zwischen Wahrheitserkenntnis und Streben nach Freiheit. Die experimentelle und philosophische Forschung entdeckt nach und nach diese Ordnungen; sie erkennt, daß sie aktiv sind, um sich selbst im Sein zu erhalten und sich dabei selbst gegen gestörtes Gleichgewicht zu schützen und Hindernisse zu überwinden. Und dank der Naturwissenschaften ist unser Verständnis von der einzigartigen Stellung, die die Menschheit im Kosmos einnimmt, außerordentlich gewachsen.

Der Unterschied zwischen einem einfachen Lebewesen und einem geistigen Wesen, das »capax Dei« ist, weist auf die Existenz einer vernünftigen Seele eines freien transzendenten Subjekts hin. So hat das kirchliche Lehramt stets bekräftigt, daß »jede Geistseele unmittelbar von Gott geschaffen wird – sie wird nicht von den Eltern ›hervorgebracht‹ – und daß sie unsterblich ist« (Katechismus der Katholischen Kirche, 366). Das weist auf das Besondere der Anthropologie hin und lädt zu einer Untersuchung durch das moderne Denken ein.

Verehrte Mitglieder der Akademie, zum Abschluß möchte ich an die Worte erinnern, die mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. im November 2003 an Sie gerichtet hat: Die »wissenschaftliche Wahrheit, die selbst Teil der göttlichen Wahrheit ist, kann der Philosophie und Theologie zu einem stets tieferen Verständnis der menschlichen Person und der göttlichen Offenbarung über den Menschen verhelfen, einer Offenbarung, die in Jesus Christus ihre Vollendung und Vollkommenheit gefunden hat. Zusammen mit der ganzen Kirche bin ich zutiefst dankbar für diese wichtige gegenseitige Bereicherung in der Suche nach der Wahrheit und im Bemühen um die Förderung der Menschheit« (in O.R. dt., Nr. 48, 28.11.2003, S. 7).

Auf Sie und Ihre Familien und alle, die mit den Arbeiten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften verbunden sind, rufe ich von Herzen den Segen Gottes, seine Weisheit und seinen Frieden herab.

JOHANNES PAUL II. zu „CHRISTLICHER GLAUBE UND EVOLUTIONSTHEORIE“

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ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE TEILNEHMER DES INTERNATIONALEN WISSENSCHAFTLICHEN SYMPOSIONS
»CHRISTLICHER GLAUBE UND EVOLUTIONSTHEORIE«

  Freitag, 26. April 1985

 

Sehr verehrte Damen und Herren!

In diesen österlichen Tagen, da wir das Geheimnis der Auferstehung Jesu Christi von den Toten in großer Freude feiern, nehme ich gerne die Gelegenheit wahr, die hier anwesenden Teilnehmer des internationalen wissenschaftlichen Symposions zu grüßen, die sich zur Erörterung des wichtigen Themas ”Christlicher Glaube und Evolutionstheorie“ in diesen Tagen in Rom eingefunden haben. Mein besonderer Gruß gilt Ihnen, sehr verehrter Herr Kardinal Ratzinger, dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Ihren Mitarbeitern, den Konsultoren Ihres Dikasteriums, die sich an der Arbeit dieser Tage beteiligen.

Ebenso herzlich grüße ich die Herren Professoren Robert Spaemann und Reinhard Löw sowie ihre Mitarbeiter des Lehrstuhls I für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Von ihnen ist ja die Initiative zu diesem Gelehrtenkongress ausgegangen, dessen Trägerschaft in erster Linie auch bei Ihnen liegt. Sie haben sich dafür bereits durch zwei vorangegangene Symposien über ”Evolution und Freiheit“ sowie über ”Evolutionstheorie und menschliches Selbstverständnis vor der wissenschaftlichen Welt“ ausgewiesen. So ist es Ihnen gelungen, zahlreiche anerkannte Fachleute aus den verschiedenen Disziplinen der philosophischen und theologischen Wissenschaftszweige dafür zu gewinnen, denen gleichfalls mein Willkommensgruß gilt.

Der vielschichtige und philosophisch befrachtete Begriff der ”Evolution“ entwickelt sich seit geraumer Zeit immer mehr zu einem umfassenden Paradigma des Gegenwartsbewußtseins. Er beansprucht, Physik, Biologie, Anthropologie, Ethik und Soziologie in einen allgemeinen wissenschaftlichen Erklärungszusammenhang zu integrieren. Das Evolutionsparadigma entwickelt sich, nicht zuletzt durch eine ständig anwachsende Literatur, zu einer Art geschlossener Weltanschauung, einem ”evolutionistischen Weltbild.“

Von dem materialistischen Weltbild, das um die Jahrhundertwende propagiert wurde, unterscheidet sich diese Weltanschauung durch eine umfassendere Ausarbeitung und durch größere Fähigkeit der Integration scheinbar inkommensurabler Dimensionen. Während der traditionelle Materialismus das sittliche und religiöse Selbstverständnis des Menschen als Illusion zu entlarven suchte und bisweilen militant bekämpfte, fühlt sich der biologische Evolutionismus stark genug, dieses Selbstverständnis funktional durch die damit verbundenen Selektionsvorteile zu begründen und in sein Gesamtkonzept zu integrieren. Das hat zur praktischen Folge, daß die Promotoren dieser evolutionären Weltanschauung eine neue Verhältnisbestimmung zur Religion eingenommen haben, die von dem der jüngeren und ferneren Vergangenheit beträchtlich abweicht. Was den rein naturwissenschaftlichen Aspekt der Frage angeht, so hat bereits mein unvergessener Vorgänger Papst Pius XII. im Jahre 1950 in seiner Enzyklika Humani Generis darauf hingewiesen, daß die Erörterung des Erklärungsmodells ”Evolution“ vom Glauben nicht behindert wird, wenn diese Diskussion im Rahmen der naturwissenschaftlichen Methode und ihrer Möglichkeiten verbleibt. Die Grenze in der Reichweite dieser Methode markiert er, wenn er sagt, das kirchliche Lehramt verbiete nicht, ”daß die Entwicklungslehre, entsprechend dem heutigen Stand der Profanwissenschaft und der Theologie, von den Fachleuten beider Gebiete in Forschung und Erörterung behandelt werde, insofern die Untersuchung den menschlichen Leibes aus schon vorliegender und belebter Materie betrifft; denn bezüglich der Seele gebietet uns der katholische Glaube, daran festzuhalten, daß sie unmittelbar von Gott geschaffen ist. Bei dieser Untersuchung soll man die Gründe für beide Ansichten, die zugunsten und die zuungunsten sprechenden, mit gebührendem Ernst, mit der gebührenden Besonnenheit und Mäßigung abwägen und beurteilen“. Gemäß diesen Ausführungen meines Vorgängers stehen sich recht verstandener Schöpfungsglaube und recht verstandene Evolutionslehre nicht im Wege: Evolution setzt Schöpfung voraus; Schöpfung stellt sich im Licht der Evolution als ein zeitlich erstrecktes Geschehen – als creatio continua – dar, in dem Gott als der ”Schöpfer des Himmels und der Erde“ den Augen des Glaubens sichtbar wird.

Die Frage der rechten Begrenzung und der richtigen Zuordnung der verschiedenen Bereiche des menschlichen Erkennens, die im Mittelpunkt der erwähnten Äußerung der Enzyklika Humani Generis steht, hat durch das neue ”evolutionistische Weltbild“ auch neue Dimensionen gewonnen. In dessen weitreichendem Anspruch geht es nicht mehr bloß um die Entstehung des Menschen, sondern umfassender um eine Rückführung aller geistigen Phänomene einschließlich Moral und Religion auf das Grundmodell ”Evolution“, von dem aus zugleich deren Funktion und Grenze umschrieben wird. Eine solche Funktionalisierung des christlichen Glaubens müßte ihn in seinem Kern treffen und verändern. Daher muß sich das dem Glauben verantwortliche Denken mit dieser evolutionären Weltanschauung auseinandersetzen, die weit über ihre naturwissenschaftlichen Grundlagen hinausgeht. Die zentrale Frage des Glaubens ist immer die Frage nach der Wahrheit. So muß er auch hier fragen, welcher Wahrheitsgehalt und gegebenenfalls welcher Stellenwert den wissenschaftlichen Theorien zukommt, welche die oft populärwissenschaftlich vorgetragene Philosophie stützen und begründen sollen, die in die naturwissenschaftliche Erkenntnis eingetragen oder im Anschluß an sie entwickelt wird. Es ist offenkundig, daß diese dringend erforderliche Aufgabe ohne Philosophie nicht bewältigt werden kann. Es kommt ja gerade der Philosophie zu, die Art und Weise, wie Ergebnisse und Hypothesen gewonnen werden, einer kritischen Prüfung zu unterziehen, das Verhältnis von Theorien und Einzelaussagen den Status naturwissenschaftlicher Aussagen und deren Reichweite, insbesondere den eigentlichen Inhalt wissenschaftlicher Behauptungen von weltanschaulichen Extrapolationen zu unterscheiden. Deshalb begrüße ich dieses Symposion, in dem kompetente Gelehrte – besonders Philosophen und Theologen verschiedener Richtungen und Spezialisierungen – sich dieser Arbeit stellen wollen in der Absicht, die Probleme präzis zu lokalisieren und mit dem Erkennen der Fragen auch die rechten Antworten vorzubereiten. Im letzten geht es um das Verstehen des Menschen, das freilich von der Gottesfrage nicht zu trennen ist. Nach einem tiefen Wort von Romano Guardini versteht den Menschen nur, wer Gott kennt. In der Tat, erst in dieser geweiteten Perspektive kommt die wahre Größe des Menschen zum Vorschein, zeigt sich, wer er im tiefsten ist: ein von seinem Schöpfer gewolltes und geliebtes Wesen, dessen unveräußerliche Größe darin besteht, zu Gott ”Du“ sagen zu dürfen. In diesem Sinne erteile ich Ihnen für Ihre Arbeit von Herzen den Apostolischen Segen.