Ein heiliger Traum: Die Göttliche Liturgie vor dem heiligen Schweißtuch von Manoppello

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Das Antlitz des Erlösers im Blick: Die Göttliche Liturgie in Manoppello am 18. September 2016. Foto: CNA/Daniel Ibanez

Von Paul Badde / Die Tagespost

Es war ein einziges Wort, das für die Spaltung der Ost- und Westkirchen entscheidend wurde. Das war, als die Bischöfe des Westgotenreichs im Mai 581 im Konzil von Toledo dem damals 200 Jahre alten katholischen Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa-Konstantinopel  das lateinische Wort „filioque“ hinzufügten. Das heißt auf deutsch: „und dem Sohn“. Seitdem beten die Christen des Westens in ihrem Credo: „wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“, wo es bis heute in den Ostkirchen in der alten Fassung weiter heißt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervor geht“. Dogmatischen Rang erhielt der Zusatz des Sohnes im Westen zuerst unter Papst Benedikt VIII. und dann noch einmal im Jahr 1215, als die Entfremdung zwischen Ost und West schon sehr weit gediehen war.

Doch im Grunde war es dieses eine und einzige Wort, das zum Stolper- und Meilenstein im Prozess der Spaltung zwischen der Ost- und Westkirche wurde. Abertausende höchst gelehrte Worte haben diese Spaltung danach und später nur vertieft und konnten sie nie heilen.

Und nun hat am 18. September 2016 ein einziges Bild die Ost- und Westkirche unterhalb des Radars aller Nachrichtenkanäle auf eine Weise zusammengeführt wie vielleicht noch nie zuvor. Das war, als an diesem Sonntag 70 orthodoxe Bischöfe mit zwei Kardinälen und etlichen römisch-katholischen Bischöfen und Geistlichen in dem Abruzzenstädtchen Manoppello die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos vor dem Schleierbild des „Heiligen Gesichts“ gefeiert haben, das dort über 300 Jahre lang in einer Seitenkapelle der Michaelskirche verborgen wurde, bis es  im Jahr 1923 nach dem großen Erdbeben von 1915 erstmals  in einem neu errichteten Aufbau über dem Hauptaltar öffentlich ausgestellt wurde, wo es seitdem Tag für Tag verehrt werden kann.

Zehn Jahre nach dem Besuch Papst Benedikt XVI. am 1. September 2006 in diesem Heiligtum war jetzt der Besuch dieser gemischten orthodoxen Synode mit ihren lateinischen Brüdern das bedeutendste Ereignis im Prozess der Wiederentdeckung dieser geheimnisvollen Urikone Christi, die in Konstantinopel lange als „Hagion Mandylion“ verehrt wurde, nachher in Rom  als „Sanctissimum Sudarium“ galt,  bevor der Schleier  dort auch noch „Sancta Veronica Ierosolymitana“ genannt wurde.

Jetzt waren es Metropoliten und Bischöfe des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (aus Finnland, Estland, Kreta, Patmos, Malta, Großbritannien, Amerika, Australien,  dem Exarchat  der Philippinen, aus Europa und vom Berg Athos) und Patriarchen, Metropoliten und Erzbischöfe  von Alexandria ,  Antiochia, Damaskus, Jerusalem, der autonomen Kirche vom Berg Sinai,  und den orthodoxen Kirchen Rußlands,  Georgiens, Serbiens, Zyperns, Rumäniens, Griechenlands Polens, Albaniens, Tschechiens und der Slovakei, die vor das heilige Antlitz traten und Eucharistie feierten. Nur die bulgarische Kirche hatte keinen Vertreter geschickt. Die Wechselgesänge der wundervollen Liturgie waren in Italienisch, Russisch, Griechisch, Englisch, Rumänisch und Französisch. Metropolit Job Getcha von Telmessos, der dem Gottesdienst  als Vertreter des ökumenischen Patriarchen Bartholomäus aus Konstantinopel vorstand, rühmte in seiner Homilie auf Englisch das „nicht-von-Menschenhand-geschaffene Abbild Christi“ von Manoppello, das nach einigen Gelehrten mit dem Soudarion aus dem Auferstehungsevangelium des Johannes identisch sei, während  eine andere Tradition daran festhalte, dass  eine gewisse Veronika mit diesem Schleier das Gesicht Jesu auf dessen Kreuzweg abgewischt habe, auch wenn sie nicht in den kanonischen  Evangelien, sondern nur in den apokryphen „Pilatus-Akten“ erwähnt werde.

Erzbischof Bruno Forte aus dem nahen Chieti weiß, dass sich in dem Schleier weder Blutspuren noch irgendwelche Farbreste finden lassen. Jetzt war es seine Idee und Initiative gewesen, die Bischöfe vor das Antlitz Christi zu führen, das er gern als  „Polarstern der Christenheit“ rühmt. Er hat die Gruppe nach Manoppello eingeladen und den Teilnehmern im Reisebus von seinem Bischofsitz in Chieti bis zu dem Heiligtum eine gelehrte Einführung in das Schleierbild Christi gegeben.

In Chieti hatten alle Pilger zuvor als Teilnehmer in der 14. Vollversammlung einer gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen teilgenommen und ein Dokument mit dem Titel „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat im Dienst an der Einheit der Kirche“ diskutiert. Es war eine Debatte, die in der vorangegangenen Plenarsitzung in der jordanischen Haupstadt Amman 2014 begonnen hatte und  2015 in Rom weitergeführt worden war. Die Kommission ist das offizielle Organ des theologischen Dialoges zwischen Katholiken und Orthodoxen. Sie wurde 1979 gegründet und vereint 14 autokephale orthodoxe Kirchen, die jeweils von zwei Theologen vertreten werden, die meist Bischöfe sind, sowie verschiedene katholische Vertreter. Und nun folgte dieselbe Gruppe quasi auf einem synodalen Pilgerweg also jenem ersten spektakulären Schritt auf das Gesicht Christi zu, den Benedikt XVI. vor zehn Jahren gegen viele Widerstände als erster Papst nach über 400 Jahren unternommen hatte.

Dessen Nachfolger Papst Franziskus hat danach – am 30. November 2014 auf dem Rückflug von Istanbul nach Rom – den mitreisenden Journalisten erklärt: „Vorsicht: die Kirche hat kein eigenes Licht. Sie muss auf Jesus Christus schauen! Auf diesem Weg müssen wir mutig vorangehen.“  Und auf diesem Weg wurde die Göttliche Liturgie vor dem Göttlichen Gesicht an diesem Sonntag nun zu einem Meilenstein der Versöhnung auf dem Weg zur Einheit. Schwerer Regen war angekündigt. Doch es fielen schließlich nur einige Tropfen.

„Beten Sie für die Christen im Nahen Osten, wenn Sie vor dem Volto Santo beten. Sie haben es unsagbar schwer, “ sagte ein orientalischer Bischof nach dem Schlusssegen der deutschen Schwester Petra-Maria Steiner, die in Manoppello  viele Pilger in das Geheimnis vom Licht dieses Lichtbilds einführt. Zuvor hatte Anatoliy Grytskiv, der Protopresbyter von Chieti, zum Abschluss der Feier in einer leidenschaftlichen Bilanz auf italienisch noch das „Wunder“ dieser Begegnung gepriesen.

Und wie geht es nun weiter? „Wir haben heute der Barmherzigkeit Gottes ins Gesicht geschaut“, sagte Kurienkardinal Koch nach der Feier zuversichtlich gegenüber CNA vor dem Hauptportal der Basilika. „Wohl nur im Blick auf das Antlitz des Erlösers kann Einheit entstehen. Aber es bleibt gewiss schwer. Denn es ist ja wie bei einer Scheidung, wenn man sich lange auseinandergelebt hat. Auch da ist es schwer, wieder zusammen zu kommen. Hier aber stehen tausend Jahre Trennung zwischen uns.“

„Ja, aber zum Glück heißt es in der Heiligen Schrift: Tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag,“ kommentierte Schwester Petra-Maria die nüchterne Skepsis des Kardinals mit einem Lächeln. „Vielleicht beginnt ja jetzt der neue Tag der Einheit. Bei Gott ist doch nichts unmöglich. Vielleicht haben wir heute das Morgenrot dieses neuen Tages gesehen. So hauchdünn und zart das Volto Santo ist, so zart ist jetzt auch dieser neue Anfang, aus dem das Neue kommen kann.“

Wäre es so, hätte das Bild Christi an diesem Sonntag jenen Abgrund tatsächlich kurz überbrückt, den unzählig viele Worte zwischen Ost und West aus dem Urgrund der Christenheit als einen Grand Canyon herausgespült haben wie ein urzeitlicher Fluss.

In der Tiefe aber greift dieses heilige „Schweißtuch“ ja vielleicht auch noch heilend in den uralten“ Filioquestreit“ um das erste Wort der Trennung ein. Denn wenn der Schleier, wie Johannes schreibt, im Grab Christi auf dem Gesicht des Herrn gelegen hat, muss es ja auch den ersten Atemzug des Auferstandenen aufgenommen haben, als der heilige Geist Gottes Jesus Christus von den Toten auferweckte – als jener Geist, der Herr ist und lebendig macht und der aus dem Vater und dem Sohn hervor geht.

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Quelle

PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DER GLAUBE DER KIRCHE

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S.MESSA PER LA NUOVA EVANGELIZZAZIONE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI 16-10-2011

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 31. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen unseren Weg der Betrachtung über den katholischen Glauben fort. In der letzten Woche habe ich gezeigt, daß der Glaube ein Geschenk ist, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; und so ist der Glaube eine Antwort, durch die wir ihn als das feste Fundament unseres Lebens annehmen. Er ist ein Geschenk, das das Dasein verwandelt, weil es uns in die Sichtweise Jesu eintreten läßt, der in uns wirkt und uns auf die Liebe zu Gott und zu den anderen hin öffnet.

Heute möchte ich einen weiteren Schritt in unserer Reflexion tun, indem ich wieder von einigen Fragen ausgehe: Hat der Glaube nur persönlichen, individuellen Charakter? Geht er nur mich selbst etwas an? Lebe ich meinen Glauben allein? Sicher ist der Glaubensakt ein höchst persönlicher Akt, der tief im Innern geschieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr ausdrückt: Mein Dasein bekommt eine Wende, eine neue Ausrichtung. In der Taufliturgie, im Augenblick der Versprechen, fordert der Zelebrant dazu auf, den katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, indem er drei Fragen formuliert: Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Ursprünglich wurden diese Fragen persönlich an denjenigen gerichtet, der die Taufe empfangen sollte, bevor er dreimal ins Wasser getaucht wurde. Und auch heute steht die Antwort im Singular: »Ich glaube.« Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis meiner einsamen Reflexion, er geht nicht aus meinem Denken hervor, sondern er ist Frucht einer Beziehung, eines Gesprächs, in dem es ein Hören, ein Empfangen und ein Antworten gibt; er ist das Kommunizieren mit Jesus, das mich aus meinem in mir selbst verschlossenen »Ich« heraustreten läßt, um mich für die Liebe Gottes, des Vaters, zu öffnen. Es ist wie eine Neugeburt, in der ich entdecke, daß ich nicht nur mit Jesus vereint bin, sondern auch mit allen, die denselben Weg gegangen sind und gehen; und diese Neugeburt, die mit der Taufe beginnt, geht das ganze Leben hindurch weiter. Ich kann meinen persönlichen Glauben nicht in einem privaten Gespräch mit Jesus aufbauen, denn der Glaube wird mir von Gott durch eine gläubige Gemeinschaft, die Kirche, geschenkt, und stellt mich so hinein in die Menge der Gläubigen in einer Gemeinschaft, die nicht nur soziologisch, sondern in der ewigen Liebe Gottes verwurzelt ist, die in sich selbst Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, die dreifaltige Liebe ist. Unser Glaube ist nur dann wirklich persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist: Er kann nur dann mein Glaube sein, wenn er im »Wir« der Kirche lebt und sich bewegt, nur wenn er unser Glaube ist, der gemeinsame Glaube der einen Kirche.

Wenn wir sonntags in der heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann drücken wir uns in der ersten Person aus, bekennen aber gemeinschaftlich den einen Glauben der Kirche. Dieses einzeln ausgesprochene »Ich glaube« vereint sich mit dem eines enormen Chors an allen Orten und zu allen Zeiten, in dem jeder sozusagen zu einer harmonischen Polyphonie im Glauben beiträgt. Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt es deutlich zusammen: »›Glauben‹ ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. ›Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat‹ (Cyprian, unit. eccl.)« (Nr. 181). Der Glaube entsteht also in der Kirche, führt zu ihr hin und lebt in ihr. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Zu Beginn des christlichen Abenteuers, als der Heilige Geist mit Macht auf die Apostel herabkommt, am Pfingsttag – wie es in derApostelgeschichte berichtet wird (vgl. 2,1–13) – empfängt die entstehende Kirche die Kraft, die Sendung umzusetzen, die ihr vom auferstandenen Herrn anvertraut wurde: das Evangelium, die Frohbotschaft vom Reich Gottes, überall in der Welt zu verbreiten, und so jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, zum rettenden Glauben zu führen. Die Apostel überwinden alle Furcht in der Verkündigung dessen, was sie persönlich mit Jesus gehört, gesehen, erfahren haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes beginnen sie, in neuen Sprachen zu sprechen, und verkündigen offen das Geheimnis, dessen Zeugen sie waren. In der Apostelgeschichte wird uns dann die große Rede überliefert, die Petrus am Pfingsttag hält. Von einem Abschnitt aus dem Propheten Joel (3,1–5) ausgehend, den er auf Jesus bezieht, verkündet er das Herzstück des christlichen Glaubens: Er, der allen Gutes getan hatte, den Gott durch große Wunder und Zeichen beglaubigt hatte, wurde ans Kreuz geschlagen und umgebracht, Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus gemacht. Durch ihn haben wir das endgültige Heil erlangt, das von den Propheten verkündigt wurde, und wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17– 24). Als sie diese Worte des Petrus hören, fühlen viele sich persönlich angesprochen, bereuen ihre Sünden und lassen sich taufen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37–41). So beginnt der Weg der Kirche: Gemeinschaft, die diese Verkündigung an allen Orten und zu allen Zeiten trägt, Gemeinschaft, die das durch das Blut Christi auf den Neuen Bund gegründete Volk Gottes ist, dessen Mitglieder keiner besonderen sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen sind. Es ist ein »katholisches« Volk, das neue Sprachen spricht und weltweit offen ist, alle anzunehmen, über jede Grenze hinaus, das alle Grenzen niederreißt. Der hl. Paulus sagt: »Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11).

Die Kirche ist also von Anfang an der Ort des Glaubens, der Ort der Weitergabe des Glaubens, der Ort, an dem man durch die Taufe hineingenommen wird in das Paschamysterium des Todes und der Auferstehung Christi, das uns aus der Gefangenschaft der Sünde befreit, uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott einführt. Gleichzeitig sind wir in die Gemeinschaft mit den anderen Brüdern und Schwestern im Glauben hineingenommen, mit dem ganzen Leib Christi, aus unserer Isolierung herausgezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil ruft dies in Erinnerung: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Wenn wir noch einmal an die Taufliturgie denken, dann sehen wir, daß der Zelebrant zum Abschluß der Versprechen, in denen wir dem Bösen widersagen und die Glaubenswahrheiten immer wieder durch »Ich glaube« bekennen, sagt: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen. « Der Glaube ist eine theologische Tugend, die von Gott geschenkt, aber von der Kirche in der Geschichte weitergegeben wird. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther, daß er ihnen überliefert hat, was auch er empfangen hat (vgl. 1Kor 15,3).

Es gibt ein ununterbrochenes Band des kirchlichen Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, das bis zu uns reicht und das wir Tradition nennen. Sie ist uns dafür die Garantie, daß das, woran wir glauben, die ursprüngliche Botschaft Christi ist, die von den Aposteln verkündigt wurde. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung ist das Ereignis des Todes und der Auferstehung des Herrn, aus dem das ganze Erbe des Glaubens hervorgeht. Das Konzil sagt: »Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 8). Wie also die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, so bewahrt die Tradition der Kirche dieses Wort und gibt es treu weiter, damit die Menschen zu jeder Zeit auf seine unendlichen Ressourcen zurückgreifen und an seinem Gnadenreichtum teilhaben können. »So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (ebd.).

Abschließend möchte ich hervorheben, daß der persönliche Glaube in der kirchlichen Gemeinschaft wächst und reift. Es ist interessant zu sehen, daß das Wort »Heilige« im Neuen Testament die Christen als Ganzes bezeichnet, und gewiß hatten nicht alle die Voraussetzungen, zu Heiligen der Kirche erhoben zu werden. Worauf wollte man mit diesem Begriff also hinweisen? Auf die Tatsache, daß jene, die den Glauben an den auferstandenen Christus hatten und lebten, berufen waren, ein Bezugspunkt für alle anderen zu werden und sie so in Berührung zu bringen mit der Person und der Botschaft Jesu, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Und das gilt auch für uns: Ein Christ, der sich nach und nach vom Glauben der Kirche führen und formen läßt, trotz seiner Schwächen, seiner Grenzen und seiner Schwierigkeiten, wird gleichsam zu einem Fenster, das offen ist für das Licht des lebendigen Gottes, das dieses Licht aufnimmt und es an die Welt weitergibt. In der Enzyklika Redemptoris missio sagte der sel. Johannes Paul II.: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!« (Nr. 2).

Die heute weitverbreitete Tendenz, den Glauben in die Privatsphäre zu verbannen, widerspricht also dem Wesen des Glaubens. Wir brauchen die Kirche zur Bestätigung unseres Glaubens und um die Gaben Gottes zu erfahren: sein Wort, die Sakramente, die Unterstützung der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So kann unser »Ich« im »Wir« der Kirche zugleich als Empfänger und als Träger eines Ereignisses verstanden werden, das es übersteigt: die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, auf der die Gemeinschaft unter den Menschen gründet. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Personen zu regeln scheint und sie immer schwächer macht, ruft uns der Glaube auf, Volk Gottes zu sein, Kirche zu sein, Träger der Liebe und der Gemeinschaft Gottes für die gesamte Menschheitsfamilie (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 1). Danke für die Aufmerksamkeit.

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Quelle

Der authentische und unversehrte Glaube als Fundament eines wahrhaft christlichen Lebens

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PAPST PAUL VI.

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« bekommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine – mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glaubens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Freiheit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache verbreitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsächlichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maßgeblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem objektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zustimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzugekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinander unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamentalen Punkte Licht und Ordnung hineinzubringen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammentreffen des objektiven Glaubens (der zu glaubenden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustimmung zu diesen Wahrheiten) stets zu vergegenwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksamkeit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Fundament und die Wurzel jeder Rechtfertigung –, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Einheit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute – im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste – der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper finster sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glaubensakt ist heute auch psychologisch schwieriger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Erkenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem gemessen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirklichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaften Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, historischen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Meinungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glaube Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurückzugeben, diesen auf einige grundlegende Sätze reduzieren, von denen sie glauben, sie seien der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich – auch wenn sie sich mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umgibt – und wie verderblich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzenden Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefallen, und einige aufrechtzuerhalten, die für gefälliger gehalten werden. Und dann gibt es einige, die die Lehren des Glaubens der modernen Mentalität anzupassen versuchen und dabei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemühen – das an sich durchaus Lob und Verständnis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszudrücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg gewichen, aus dem heraus gewisse »schwierige Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben betrifft, was werden wir tun, nachdem wir ehrlich und beharrlich zugehört, studiert, meditiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangelium gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Beispiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Denken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zustimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, gewiss aufgrund der Übereinstimmung der Beweise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürchte, von denen unser nach Licht dürstendes Leben voll ist, und dass er den Widerstand derjenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, bekämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen Herausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, welche die dialektischen und spirituellen Schwierigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Gespräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die innere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hineinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein moralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfahrung meines Denkens und meines Empfindens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsamkeit gegenüber der Tradition und der Autorität des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen werden mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

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Quelle

PAPST PAUL VI.: WAHRER UND FALSCHER PLURALISMUS

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Bei der Generalaudienz am 28. August 1974

Wir wollen auch diesmal der einfachen und familiären Art zu sprechen treu bleiben, die wir unserem Gespräch bei den Generalaudienzen vorbehalten haben. Dabei möchten wir gerade diesmal eurem aufmerksamen Nachdenken ein et­was schwer zu verstehendes Wort vorlegen, das freilich in letz­ter Zeit auch bei der Erklärung der katholischen Lehre An­klang findet. Denn es erscheint oft wie ein Inbegriff der Freiheit und des Modernen. Es ist das Wort „Pluralismus“. Wir möch­ten hier freilich nicht über den Pluralismus der philosophischen oder politischen Systeme sprechen, auch nicht über den reli­giösen Pluralismus außerhalb des christlichen Bereichs.

Pluralismus ist ein mißverständlicher Begriff, denn er hat eine doppelte Bedeutung. Die erste ist sehr schön, denn sie beleuchtet die Fruchtbarkeit unserer katholischen Lehre, die auf der einen Seite eine echte und tiefe Identität ihres Inhalts bewahrt und damit streng gebunden bleibt an die eigene ein­deutige Wirklichkeit, an den einen Glauben, von dem der Apostel Paulus mit solcher Klarheit und Autorität spricht (Eph 4, 3­6.13; Phil 2, 2; Röm 15, 5; 12,16; vgl. Joh 10, 16 usw.). Auf der anderen Seite besitzt die katholische Lehre einen über­strömenden Reichtum an Ausdrucksformen für jede Sprache (denken wir z.B. an das Sprachwunder am Pfingsttag) (Apg 2, 4-8), für jeden Abschnitt der Geschichte (vgl. NEWMAN, An Essay of the Development of Christian Doctrine, 1845), aber auch für jedes Alter und jede Bildungsstufe des Lebens (denken wir hier an das Kerygma, d. h. an die Lehre, wie sie den ersten Christen verkündet wurde; an die Didache oder Lehre der Apostel; an die ersten Glaubensbekenntnisse oder Zusammen­fassungen der Lehre als Leitfaden für die Verkündigung ­später erhielten sie den Namen Credo ; dann an die Kate­chismen und Lehrbücher aller Art, z.B. die theologischen Sum­mae des Mittelalters; an die neueren Werke, die noch eingehender und systematischer das katholische Dogma behandeln). Wir können hier auch nicht die zahlreichen, gleichsam be­schwingten Stimmen der Liturgie übergehen, die mit denen der Lehre wetteifern, so daß es zum bekannten Ausgleich zwischen dem Gesetz des Betens und dem Gesetz des Glaubens kommt. Wie könnten wir schließlich die unerschöpfliche Fülle literari­scher Zeugnisse vergessen, die in sich selber bestätigen, daß eine strenge Beachtung der lehrhaften Norm nicht nur die reiche Entfaltung geistlicher Schöpferkraft, Phantasie und Poe­sie nicht unterdrückt, sondern sie im Gegenteil gerade hervor­ruft und befruchtet mit einem wunderbaren und immer neuen Reichtum an Formen und Wortschöpfungen?

Dies ist der Pluralismus der katholischen Kirche. Ihm dür­fen wir jenen anderen hinzurechnen, der der Erfahrung per­sönlichen Ringens und besonderen Ausdrucksweisen entspringt, zu denen die katholische Lehre den Mystiker ebenso wie den Theologen und den Künstler einlädt, immer unter der einen Bedingung, daß diese Beter, Gelehrten und Propheten des an­deutenden Zeichens in ihren Herzen als ein Gesetz, das ihnen gleichsam zur Natur geworden ist, die Wahrheit gelten lassen. Jene Wahrheit, deren Lehrer der Heilige Geist ist (Joh 14, 26; 16, 23), gewiß, der immer auch die sichere Auslegung jenes Lehramtes der Kirche trägt, dem Christus die Aufgabe anver­traut hat, Licht zu sein (Mt 5, 14), dem Wort zu dienen (Lk 10, 16) sowie die Unverfälschtheit des Glaubens und der kirch­lichen Gemeinschaft zu bewahren (vgl. DS 3050 ff; Lumen gentium, Nr. 18; Dei Verbum, Nr. 12, 23; Unitatis redintegratio, Nr. 21).

Wir könnten den Pluralismus der Lehre in der katholischen Kirche mit einem Orchester vergleichen, in dem die Vielfalt der Instrumente und die Verschiedenheit ihrer einzelnen Stim­men zusammenwirken, eine einzige wunderbare Harmonie hervorzubringen.

Nun stellen sich einige das katholische Dogma — das heißt eine von Gott geoffenbarte und vom Lehramt der Kirche dazu erklärte religiöse Wahrheit — fast wie ein Gefängnis für das theologische und wissenschaftliche Denken vor. Wir möchten sie alle daran erinnern, welche Sicherheit und welche Fülle der Wahrheit und welche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten eben dieses katholische Dogma dem Geist des Menschen bietet, welch eine Einladung zu intensiverem Nachdenken und welche Freude für den Geist, der den Wegen der übernatürlichen Wissenschaft von Gott und vom Menschen folgt. Die demüti­gen und weisen Theologen kennen sehr wohl die Kostbarkeit dieser unübertrefflichen Erfahrung. Ihnen gilt unser achtungs­voller und ermutigender Gruß.

Dies umso mehr, als sich die Katholiken beim Bekenntnis dieses Pluralismus der Ausdrucksformen bei aller dogmatischen Einheit der christlichen Lehre immer der Formel der alten und neuen Reformatoren gegenübersehen: „Sola Skriptura ­nur die Schrift allein“. Diese Reformatoren tun so, als seien sie die wahren Anhänger der religiösen Einheit, und als käme nicht auch die Heilige Schrift selbst aus der Überlieferung der Apostel (vgl. Dei Verbum, Nr. 7-10). Sie tun so, als sei die von der apostolischen Lehre losgelöste Heilige Schrift nicht der gerade heute so realen Gefahr ausgesetzt, einer richtungslos vom Mittelpunkt wegstrebenden, pluralistischen Auslegung des einzelnen überlassen zu werden; also jener „freien Prüfung“ ausgesetzt, welche die Einheit des Glaubens in eine unzählbare Menge persönlicher Meinungen aufgelöst hat. Sie werden ­vergebens oder willkürlich — von einer „regulierten Norm“ zusammengehalten, das heißt durch eine von der Gemeinschaft erlassene, verpflichtende Auslegung der Schrift. Diese aber wird ihrerseits wieder entwertet von der subjektiven Erleuch­tung, die der Heilige Geist angeblich dem einzelnen direkt schenkt. Auf diese Weise öffnet — wie Prof. Siro Offelli sagt — „die protestantische Lehre von der freien Prüfung oder die Lehre von der einzigen Autorität des Heiligen Geistes als dem authentischen Interpreten der Heiligen Schrift dem radikalsten religionsphilosophischen Subjektivismus Tür und Tor“. Sollen wir denn von der einigenden, festlichen, vielstimmigen Sinfonie des Pfingstfestes rückwärts schreiten zu der mysteriösen baby­lonischen Sprachenverwirrung, von der die Bibel berichtet (Gen 11, 1-9) ? Welchen Ökumenismus könnten wir auf diese Weise wohl aufbauen ? Welche Einheit der Kirche könnten wir denn ohne Einheit im Glauben wiederherstellen ? Wo würde das Christentum — und noch mehr der Katholizismus — en­den, wenn man auch heute unter dem Vorwand eines trügerischen, aber unzulässigen Pluralismus die Zersplitterung der Lehre und damit — als möglicher Folge — die Zersplitterung der Kirche als rechtmäßig anerkennen würde?

Die wahre Religion, von der wir glauben, daß es die unsere ist, kann sich nur dann rechtmäßig und wirksam nennen, wenn sie rechtgläubig ist, das heißt: wenn sie aus einer echten und unzweideutigen Beziehung zu Gott kommt. Nichts anderes kann unseren Durst nach Wahrheit und Leben stillen — we­der ein unbestimmtes, und sei es auch ein noch so tief ergrif­fenes und aufrichtiges religiöses Gefühl, noch eine freie, mit Hilfe eigenständiger persönlicher Bemühungen aufgebaute spi­rituelle Ideologie, nicht das Bemühen, die durchaus edlen und leidenschaftlichen Äußerungen einer überschwänglichen und sittenstrengen Soziologie ganzer Völker auf die Ebene der Re­ligion zu heben, nicht eine Schriftdeutung, die einzelnes aus dem Gesamtzusammenhang herauslöst, um dem Christentum einen rein natürlichen oder mythischen Ursprung zuzuschrei­ben, und auch keine andere Theorie oder Praxis, die von jener unendlich geheimnisvollen und unmißverständlichen Stimme absieht, auf dem Berg der Verklärung ertönte und sich auf den wie die Sonne strahlenden, verklärten Jesus bezog mit den Worten: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; ihn sollt ihr hören“ (Mt 17, 5).

Glücklich wir, wenn wir uns in die Schar der Kleinen ein­reihen, die es verstehen, eine solche Stimme zu hören und einen Vorgeschmack vom Glück dieser unsterblichen Gewiß­heit haben! Dazu unseren Apostolischen Segen.

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Quelle: Papst Paul VI. Wort und Weisung im Jahr 1974

„Der Glaube ist das Erbe der Apostel“

Le pape Paul VI.

Paul VI. und die Verkündigung des Jahres des Glaubens 1967
anläßlich der 1900-Jahrfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus in Rom. Dieses entscheidende Jahr schloß mit dem Credo des Gottesvolkes,
um „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei zu bezeugen“.
„Wir müssen erkennen, daß unsere Zeit dies unbedingt braucht.“

von Gianni Valente

Es gibt Augenblicke, wie Charles Péguy schreibt, in denen alle Masken fallen und nichts mehr die Wirklichkeit verbirgt; sie erscheint uns nackt und bloß, so wie sie wirklich ist. „Dies sind die einzigen Augenblicke des Lebens, in denen man nicht lügt; in denen man überhaupt nichts vortäuscht; in denen man ehrlich ist; buchstäblich, absolut, völlig ehrlich; in denen man das Wahre sieht, mehr als das Wahre, das Reale, wie es ist; in denen uns nichts mehr verborgen ist.“ Dies sind die Augenblicke, in denen „wir klar sehen, in denen wir klar zu sehen wagen“.

Paul VI. am 30. Juni 1967 in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Einen Tag zuvor, am Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, hatte er Papst das Jahr des Glaubens eröffnet.

Paul VI. erlebte vor dreißig Jahren [der Artikel erschien zum 100. Geburtstag des Papstes, dem 26.9.1997] einen solchen Augenblick. Er sah die Kirche, die, wie seine erste Enzyklika bezeugt, genau wußte, daß sie einem Anderen, nämlich Christus gehörte (Ecclesiam suam). Er sah all die guten Vorschläge, die arglosen Erwartungen, die Illusionen und das Gerede, die die Kirche in jenen Jahren erschütterten. Er sah das Ende des Christentums: nicht der Strukturen, Versammlungen, des Vatikans, der Pastoralpläne, der unzähligen Versammlungen, die auch weiterhin dem als Choreographie dienen könnten, der kirchliche Ämter anstrebt und religiösen Trost sucht, mit dem er sein Leben füllen kann (und vielleicht macht er dabei auch Karriere). Er sah, wie der Glaube erlosch.

Er sah unsere Zeit gleichsam als langen Karsamstag, als eine Zeit ohne Gott, in der sich auch noch die letzten Jünger traurig und hoffnungslos auf den Heimweg vorbereiten.

Paul VI. sah all dies und die Tragödie, der die Kirche entgegenging. Wiederholt erinnerte er sie daran, was ihre einzigen Schätze sind: der Glaube der Apostel, den die Tradition bewahrt hat (das Credo des Gottesvolkes), und die Armen, die Völker, die Hunger leiden (Populorum progressio) und die als erste zur Freude des Glaubens gerufen sind. Er wiederholte den überlieferten Glauben, denn ein Papst kann und darf letztlich nichts anderes tun.

Am 22. Februar 1967 rief Papst Paul VI. mit dem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos ein besonderes Jubeljahr aus: das Jahr des Glaubens. 1900 Jahre zuvor hatten die Apostel Petrus und Paulus in Rom das Martyrium erlitten. Wie es in einem Abschnitt aus dem Brief des heiligen Papstes Clemens an die Korinther heißt, den der Papst am Anfang seines Lehrschreibens zitiert, wurden die Apostel „aus Eifersucht und Neid“ oder wegen der Bosheit der Christen hingerichtet. Der Papst wünschte sich von der ganzen Kirche für diese Jahrfeier, daß sie des von den beiden Aposteln als Erbe überlieferten Glaubens gedachte und daß sie diese Wirklichkeit des Glaubens, die Zeichen dieser Gegenwart, die vor zweitausend Jahren die armen Fischer und großen Sünder faszinierten und sie ins Herz trafen, zu ihrer eigenen lebendigen Erfahrung machen würde.
Dieses Jahr – und dies erkennen heute auch die kritischsten Historiker an – stellte eine Gratwanderung und eine „Wende“ im Pontifikat Pauls VI. dar. Am Ende dieses Jahres verkündete er auf dem Petersplatz feierlich ein Glaubensbekenntnis, das Credo des Gottesvolkes, mit dem er „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bestätigen“ wollte. Die Katholiken der damaligen Zeit nahmen die tragische und prophetische Eingebung des Papstes nicht an. Die Aufgeklärten sagten, es handele sich um übertriebenen Pessimismus. Die Reaktionären meinten, die Reue käme zu spät, da die Katastrophe mit jener konziliaren Erneuerung zusammenhinge, deren Lenker der Papst selbst gewesen war. Der Klerus, gleich welcher Richtung, sah darin die schlichte Wiedervorlage der herkömmlichen Inhalte des katholischen Glaubens, die eine unzureichende Antwort auf die Herausforderungen der Geschichte und auf die Krise der Kirche seien. Ihrer Ansicht nach bedurfte es einer weitreichenderen Strategie: Eine Bewußtseinsbildung wäre nötig gewesen oder anders gesagt, der Glaube hätte zur Kultur werden müssen: um mit der Welt ins Gespräch zu kommen und sich ihr anzupassen, sagten die einen; um gegen die Moderne zu kämpfen und ihre Angriffe abzuwehren, meinten die anderen. So sind das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes im Strudel des Stillschweigens untergegangen.

Inimici hominis, domestici eius

Paul VI. störte nicht so sehr die Sittenlosigkeit der Welt oder die lautstarke und kämpferische theoretische Ablehnung des Christentums der damaligen Zeit.

Bereits in den Jahren vor 1967 waren die Ansprachen Pauls VI. von einer ganz anderen Sorge durchzogen: die Kirche wurde nicht vom modernen Atheismus, sondern von ihren eigenen Kindern niedergerissen. Die Krankheit saß in ihrem Innern, es handelte sich um einen cupio dissolvi, der offenbar noch vor dem Volk die Lehrer, Kleriker und kirchlichen Bildungseinrichtungen vergiftet hatte und sie von innen heraus zu einer Entleerung des Wesens und der Methode des christlichen Ereignisses trieb. „Mir liegen die Worte Jesu auf der Zunge: „inimici hominis, domestici eius““, sagte der Papst am 18. September 1968, also nicht einmal drei Monate nach der Verkündigung des Glaubensbekenntnisses. Bereits 1965 äußerte sich der Papst bei der Generalaudienz am 4. August besorgt über „die Stimmen aus den besten Kreisen des Volkes Gottes, wo gewöhnlich die Lehre der Kirche durch eifrige Studien genährt und mit sicheren Überlegungen gepflegt wird“, die heute „Irrlehren der Antike und der Moderne wieder aufgreifen, die die Kirche bereits richtiggestellt und verurteilt sowie aus dem Erbe ihrer Wahrheiten ausgeschlossen hatte.“ In einer Ansprache am 11. Juli 1966 vor einer Gruppe von Theologen und Wissenschaftlern, die sich zur Erörterung neuer Formen der Darlegung des Dogmas von der Erbsünde zusammengefunden hatte, warnte der Papst vor einer Zustimmung zu Formulierungen der Erbsünde, die der Evolutionstheorie untergeordnet sind. Am 30. November beschrieb Paul VI. in seiner Ansprache bei der Generalaudienz „das traurige Phänomen, das die konziliare Erneuerung und den ökumenischen Dialog beeinträchtigt“, und erklärt ausführlich, daß die wesentlichen Grundlagen des Christentums ihres Inhalts entleert würden: „die Auferstehung Christi, seine Realpräsens in der Eucharistie, die Jungfräulichkeit der Gottesmutter und demzufolge das erhabene Geheimnis der Menschwerdung.“ Im Oktober 1966 erschien der von den holländischen Bischöfen gewollte neue Holländische Katechismus, der Prototyp jener nachkonziliaren Katechismen, die das Christentum dem modernen Menschen schmackhaft machen wollten, indem sie die traditionellen Formulierungen durch komplizierte und teilweise doppeldeutige Wendungen ersetzten, die die Wahrheit letztlich verschweigen. Am 17. April 1967 erklärte Paul VI. in seiner Ansprache bei der Versammlung der italienischen Bischöfe, welche Frage vorrangig sei: „Die erste Frage, die Grundfrage, die wir Bischöfe mit dem nötigen Ernst erörtern müssen, ist die Frage des Glaubens. Es ereignet sich etwas sehr Eigenartiges und Schmerzliches […] auch bei denen, die das Wort Gottes kennen und erforschen, nimmt die Gewißheit über die objektive Wahrheit und die Fähigkeit ab, sie durch menschliches Denken einzuholen. Der Sinn des einzigen und ursprünglichen Glaubens wird verfälscht; Angriffe gegen die grundlegendsten und sakrosankten Wahrheiten unserer Lehre, wie sie das Volk immer geglaubt und bekannt hatte, werden zugelassen […].“

In Ephesus im Rahmen seiner Türkeireise

Die Überlieferung geht uns voraus

Am meisten schmerzte Paul VI., daß das letzte Ökumenische Konzil zu diesem Werk der Selbstzerstörung mißbraucht und als Geburtsstunde eines neuen Christentums und einer neuen Kirche bezeichnet wurde. Genau ein Jahr nach seinem Abschluß (Paul VI. beschloß das Konzil mit seiner Ansprache am 8. Dezember 1965) verurteilte der Papst die falsche Annahme, wonach das Zweite Vatikanische Konzil „einen Bruch mit der traditionellen Lehre und der Disziplin der Kirche vor dem Konzil darstellt“. Fast einen Monat zuvor hatte Paul VI. bei der Generalaudienz die Gläubigen aufgefordert, der Versuchung zu widerstehen und nicht zu meinen, „die Neuheiten, die sich aus den Lehren der jüngsten Konzilien ableiten lassen, könnten zu irgendeiner willkürlichen Änderung ermächtigen […] Man muß vielmehr zutiefst überzeugt sein, daß man die Kirche von gestern nicht zerstören darf, um heute eine neue Kirche zu errichten. Man darf nicht vergessen und anfechten, was die Kirche bisher mit Autorität gelehrt hat, um die sichere Lehre durch neue Theorien und Überzeugungen zu ersetzen“.

Am 12. Januar 1966 sagte der Papst: „Die Lehren des Konzils stellen kein organisches System der katholischen Lehre dar“, insoweit diese „viel weitreichender ist […] und vom Konzil nicht in Zweifel gezogen oder grundlegend verändert wird. Im Gegenteil, das Konzil bestätigt, erläutert, verteidigt und entfaltet sie in einer äußerst maßgeblichen Apologie […] Wer daher meint, das Konzil stelle eine Abkehr, einen Bruch oder, wie einer vielleicht meinen will, eine Befreiung von der traditionellen Lehre der Kirche dar, ist nicht in der Wahrheit.“

Der Glaube als Zustimmung zu einem Zeugnis

Paul VI. wußte nur zu gut, daß es nicht genügte, die Irrtümer in der Lehre zurückzuweisen, die unter den katholischen Führern um sich griffen. Die Verwirrung in der Lehre war Symptom für etwas viel Grundlegenderes: Es schien, daß geradezu überall in der Kirche der Sinn dafür verlorenging, was das Christentum wirklich ist, das Wesen und die Dynamik des christlichen Lebens. Man wußte nicht mehr, worum es eigentlich geht.

Der Papst entschied sich, den Jahrestag des Martyriums der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu nutzen, um als Antwort auf die schwindelerregende Vergeßlichkeit nach dem konziliaren Brodeln ein Jahr des Glaubens auszurufen.

In seinem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos, mit dem er das Jahr des Glaubens verkündete, sind nur wenige und zweitrangige Hinweise auf die Krise in der Lehre zu finden. Der Papst stellte an alle Söhne und Töchter der Kirche nur eine einzige, einfache und minimale Anforderung, nämlich das Glaubensbekenntnis der Apostel Petrus und Paulus zu wiederholen und in diesem Glauben zu verharren. „Wir wollen darüber hinaus eine kleine, aber wichtige Sache verlangen: Wir wollen euch alle, Brüder und Schwestern, Unsere Kinder, vor allem bitten, der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu gedenken. Sie haben den Glauben an Christus mit ihren Worten und durch ihr Blut bezeugt, damit ihr in Wahrheit und Aufrichtigkeit den Glauben bewahrt, den die Kirche, die durch sie gegründet wurde und in herrlichem Glanz erstrahlt, ergeben übernimmt und mit Autorität verkündet. Außerdem gebührt es sicherlich, daß jeder einzelne öffentlich, frei und bewußt, innerlich und äußerlich, demütig und entschieden vor Gott dieses Bekenntnis des Glaubens spricht, den die seligen Apostel bezeugten. Wir möchten darüber hinaus, daß ein solches Bekenntnis des Glaubens aus dem Innern des Herzens eines jeden Menschen entspringt und in einem einzigen, identischen und von überströmender Liebe durchdrungenen Glauben in der ganzen Kirche widerhallt. Denn welchen dankbareren Dienst des Gedächtnisses, der Ehre, der Gemeinschaft können wir Petrus und Paulus erweisen, als die Verkündigung jenes Glaubens, den wir von ihnen sozusagen als Erbe erhalten haben?“ Die Wiederholung der Formeln, die den apostolischen Glauben bewahren, war für Paul VI. nicht nur ein Akt der Frömmigkeit, sondern ein der damaligen Zeit wahrhaft angemessenes Zeichen: „Wir dürfen auch nicht im Geringsten übersehen, daß unsere Zeit dies ausdrücklich verlangt.“

In zahlreichen Ansprachen aus dieser Zeit erklärt und kommentiert der Papst, warum er dieses Jahr des Glaubens der Apostel Petrus und Paulus ausgerufen hat. Bei der Generalaudienz am 1. März 1967, wenige Tage vor dem Erscheinen des Apostolischen Schreibens, erklärte Paul VI.: „Uns scheint, daß dieses Thema uns den sichersten und direktesten Draht bietet, um geistig mit den großen Aposteln zu verkehren; sie selbst haben uns dazu eindringlich ermahnt; der heilige Petrus sagt zum Beispiel in seinem ersten Brief an die ersten Christen, daß Gottes Macht „euch durch den Glauben“ behütet „damit ihr das Heil erlangt“, und auch Paulus „ist ganz um die Unversehrtheit und die Bewahrung des Glaubens“ besorgt und spricht wiederholt die Mahnung aus, jeden Irrtum zu vermeiden und zurückzuweisen, damit das „depositum bewahrt wird“. […] Wenn wir dem Glauben zustimmen, den die Kirche uns vorlegt, treten wir unmittelbar mit den Aposteln in Verbindung, deren Gedächtnis wir begehen wollen, und durch sie mit Jesus Christus, dem ersten und einzigen Meister; wir begeben uns in ihre Schule, überwinden den Abstand der Jahrhunderte, die uns von ihnen trennen, und machen aus dem jetzigen Augenblick eine lebendige Geschichte, die immer gleiche und der Kirche eigentümliche Geschichte.“ Der Glaube, erklärte der Papst in der gleichen Ansprache und griff dabei auf die Definition des Konzils von Trient zurück, „ist für den Menschen der Anfang seines Heils („humanae salutis initium est“)“.

Auch bei der folgenden Generalaudienz am 19. April erklärte der Papst ausführlich, was der christliche Glaube ist, und unterschied ihn von der gemeinhin vollzogenen Identifizierung mit „dem religiösen Empfinden, dem vagen und allgemeinen Glauben an die Existenz Gottes“. Der Glaube, sagte Paul VI., ist „die Zustimmung des Geistes, des Verstandes und des Willens, zu einer Wahrheit“, die sich „durch die transzendente Autorität eines Zeugnisses [rechtfertigt], dem zu glauben nicht nur vernünftig ist, sondern zuinnerst logisch aufgrund einer eigenartigen und vitalen Überzeugungskraft, so daß der Glaubensakt äußerst personal ist und zufriedenstellt“. Der Glaube ist daher „eine Tugend, die ihre Wurzeln zwar in der menschlichen Psyche hat, ihre Gültigkeit aber ableitet aus einem geheimnisvollen, übernatürlichen Wirken des Heiligen Geistes, der uns gewöhnlich in der Taufe eingegossenen Gnade“. Er „ist jene geistige Fähigkeit, mit der wir die Wahrheiten, die das Wort Gottes uns offenbart hat, als der Wirklichkeit entsprechende aufnehmen. Und deshalb ist der Glaube ein Akt, der auf dem Vertrauen gründet, das wir dem lebendigen Gott entgegenbringen“.

Das Jahr des Glaubens wurde am Abend des 29. Juni 1967, dem Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, feierlich auf dem Petersplatz eröffnet. In seiner Predigt bekräftigte der Heilige Vater, daß „das soeben gefeierte Ökumenische Konzil uns ermahnt hat, zu den Quellen der Kirche zurückzukehren und im Glauben ihren konstitutiven Anfang zu erkennen, die Voraussetzung für jeden Zuwachs, die Grundlage für ihre innere Sicherheit und die Kraft für ihre äußere Vitalität“. Einige Tage später sprach der Papst vor Pilgern bei der Audienz am 5. Juli erneut über den Glauben: „Der Glaube ist das Erbe der Apostelfürsten. Er ist das Geschenk ihres Apostolats, ihrer Liebe. […] Die Tatsache, daß sie mit den anderen Aposteln und beauftragten Verkündern des Evangeliums die Mittler zwischen uns und Christus sind, kennzeichnet das Christentum in grundlegender Weise und schafft ein unumgängliches System von Beziehungen in der Gemeinschaft der Gläubigen.[…] Der Apostel ist Lehrer; er ist nicht einfach das Echo des religiösen Bewußtseins der Gemeinde; er ist nicht Ausdruck der Meinung der Gläubigen, sozusagen die Stimme, die sie ausführt und beglaubigt, Wie die Modernisten sagen und noch heute einige Theologen zu behaupten wagen. Die Stimme des Apostels erzeugt den Glauben. […] Die sich von Christus ableitende religiöse Wahrheit verbreitet sich nicht unkontrolliert und unverantwortlich in den Menschen; sie benötigt einen äußeren und sozialen Kanal.“

Paul VI. besucht die Ausgrabungen des Petrusgrabes unter dem Petersdom

Der Osten der großen Konzilien

Die Reise in die Türkei, die der Papst vom 25. bis 26. Juli 1967 unternahm, entsprach ganz der Intention des Jahrs des Glaubens: sie war ein weiterer Schritt auf den Spuren des apostolischen Gedächtnisses. Der Papst kreuzte die Wege, die Paulus auf seinen Missionsreisen enlanggezogen war. Wie Paul VI. in Ephesus in der Johanneskirche sagte, gründete der Apostel „die ersten christlichen Gemeinden unter manchmal dramatischen Gefahren, von denen die Apostelgeschichte berichtet“. Den roten Faden der Reise bildete aber der Besuch der Orte, wo die ersten großen Konzilien stattfanden. Sie hatten den apostolischen Glauben definiert und bewahrt, indem sie ihn gegen die antiken Irrlehren abgrenzten. Nach seiner Rückkehr nach Rom verkündete der Papst beim Angelus am 2. August feierlich den Vorrang der ersten vier Ökumenischen Konzilien (Nizäa, Konstantinopel, Ephesus, Chalcedon). Damit rückte Paul VI. indirekt das letzte Ökumenische Konzil wieder ins rechte Licht, dem einige eine herausragende Bedeutung beimessen wollten, indem sie es als Stunde Null der Kirche feierten. „Den vier Konzilien“, sagte der Papst, „gebührte und gebührt große Verehrung. Sie haben der Kirche nach den ersten Jahrhunderten der Verfolgung und des Untergrunds ein konstitutionelles und einheitliches Gefüge verliehen.

Sie betonten und definierten die grundlegenden Dogmen unseres Glaubens über die Heiligste Dreifaltigkeit, Jesus Christus und die Gottesmutter: sie legten das doktrinelle Fundament des christlichen Glaubens.“ Die Verehrung der ersten vier Ökumenischen Konzilien war auch Hintergrund für die Bekräftigung der Glaubensgemeinschaft mit den orthodoxen Christen in den grundlegenden Dogmen. Papst Paul VI. hob die gegenseitige Exkommunikation zwischen Rom und Konstantinopel auf und kniete nieder, um die Füße des orthodoxen Bischofs Meliton von Chalcedon zu küssen. Bei den Treffen mit dem Patriarchen Athenagoras und den orthodoxen Gläubigen von Ephesus wiederholte Paul VI., daß „man in der Tat „nichts Unnötiges auferlegen darf, um die Gemeinschaft und Einheit wiederherzustellen und zu bewahren“. „Die Liebe“, sagte er zu Athenagoras und den Metropoliten des ökumenischen Patriarchats in der Kathedrale des heiligen Georg, „muß uns helfen, wie sie den heiligen Hilarius und Athanasius geholfen hat. Trotz der sprachlichen Unterschiede haben sie die Identität des Glaubens in einem Augenblick erkannt, da ernste Divergenzen den Episkopat spalteten. […] Und legte der heilige Cyrill von Alexandrien nicht seine so schöne Theologie beiseite, um mit Johannes von Antiochia Frieden zu schließen, nachdem er sich vergewissert hatte, daß trotz unterschiedlicher Wendungen ihr Glaube derselbe war?“

Die menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis

Am Ende des Jahres des Glaubens verärgerte Paul VI. mit zwei aufsehenerregenden Gesten den Klerus. Am 26. Juni 1968 verkündete er in einer Ansprache im Petersdom die Echtheit der Reliquien des heiligen Petrus, die zwischen 1940 und 1950 bei Grabungen unter dem Petersdom aufgefunden worden waren. „Die geschichtlichen und konkreten Spuren, die sie hinterlassen haben“, sagte der Papst, „haben diese starken Empfindungen geweckt und erregt. Diese menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis der Apostel, „per quos religionis sumpsit exordium“, durch die unser religiöses Leben begonnen hat, dürfen von uns Römern und von allen, die die Stadt betreten, nicht vernachlässigt werden.“ Das Ergebnis der Untersuchungen über die Knochenstücke, die in der Grabanlage unter dem Petersdom gefunden worden waren, wurde mit zurückhaltender Begeisterung verkündet: „Neue geduldige und sehr gründliche Untersuchungen wurden daraufhin durchgeführt, deren Ergebnis Wir, bestärkt durch das Urteil von bewährten und umsichtigen Fachleuten, für positiv erachten: Auch die Reliquien des heiligen Petrus sind in einer Weise identifiziert, daß Wir sie für echt halten dürfen. Unser Lob gilt dem, der lange, aufmerksame Studien und viel Mühe dafür verwendet hat.“

Am 30. Juni 1968 schloß der Papst mit einem feierlichen Hochamt und jenem Glaubensbekenntnis das Jahr des Glaubens, das er als Credo des Gottesvolkes bezeichnete. Es bildete den Höhepunkt des Jahres, das „Wir dem Gedächtnis der heiligen Apostel gewidmet haben“. Wie der Papst in seiner Predigt erklärte, „haben wir damit Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bekundet, das sie uns überliefert haben, und unseren Wunsch bekräftigt, es in der geschichtlichen Situation der pilgernden Kirche in der Welt zur Lebensgrundlage zu machen.“ Paul VI. wollte mit diesem Bekenntnis den Auftrag erfüllen, „den Christus Petrus übertragen hat, die Brüder im Glauben zu stärken. Wir sind sein Nachfolger, wenn auch dem Rang nach der geringste“. Das neue Credo „greift im wesentlichen das Credo von Nizäa auf, ohne eine dogmatische Definition im eigentlichen Sinn zu sein, jedoch mit einigen Entfaltungen, die die geistige Situation unserer Zeit auferlegt“. Beim Sprechen des Credos des Gottesvolkes erklärt Paul VI., habe er die „Besorgnis“ vor Augen, „die einige moderne Kreise bewegt“ sowie „die Leidenschaft für eine Veränderung und Erneuerung“, die viele Katholiken erfaßt hat: „Man muß daher höchste Vorsicht walten lassen, um die Aussagen der christlichen Lehre nicht anzugreifen. Denn dies würde in vielen treuen Seelen eine allgemeine Verwirrung und Perplexität auslösen – wie es heute leider nur allzuoft geschieht.“

Ein Papst in schwierigen Zeiten

Wie Carlo Falconi, Wortführer unter den Vatikanberichterstattern der damaligen Zeit, in seinem Buch La svolta di Paolo VI (Die Wende Pauls VI.) schreibt, „ist der ungeheuerliche Strudel des Stillschweigens, in dem die Verkündigung des neuen Credos untergegangen ist, dramatisch und beängstigend. Die ganze Kampagne der vatikanischen Tageszeitung, um eine rührende und anerkennende Zustimmung vorzutäuschen, hat sich in Nichts aufgelöst. Wäre da nicht unmittelbar danach die Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae gewesen, die eine ganz offene Reaktion dem Papst gegenüber ausgelöst hat, hätte die Verlegenheit jenes Stillschweigens aus Protest die Grenze des Unerträglichen erreicht.“

Paul VI. verkündet das „Credo des Gottesvolkes“

Außer einigen wenigen Ausnahmen ließ das ganze katholische Establishment die scharfe Sicht der Lage der Kirche in der Welt, wie sie sich im Jahr des Glaubens und im Credo des Gottesvolkes äußerte, einfach verpuffen. Für Theologen und Intellektuelle handelte es sich nur um „frommes Getue“. Zu Beginn des Jahrs des Glaubens behauptete der holländische Theologe Edward Schillebeeckx in einem Kommentar zur Initiative Pauls VI., die Krise, die der christliche Glaube durchmache, sei „eine Wachstumskrise“.

Sein deutscher Kollege Karl Rahner spottete über die Möglichkeit, nach einem Jahr der Geophysik nun ein Jahr des Glaubens auszurufen, und erklärte: „Alles hängt von einer gründlichen Reflexion ab, um dieses Verständnis [das christliche] dem zeitgenössischen Denken glaubhaft zu machen.“ Alle meinten letztlich, die Rückkehr zur Tradition, die einfache Wiederholung der Lehre der Apostel und das Verharren in dieser Lehre, die der Papst verlangte, seien unzureichend. Die Verschwörung gegen Paul VI., die sich im Stillschweigen über das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes äußerte, zeigte, worin der eigentliche Grund für das Unverständnis, der stummen Feindseligkeit und des immer häufigeren Widerspruchs gegenüber dem Papst innerhalb der Kirche zu suchen ist.

Die Vorstellung, daß das montinische Pontifikat seit 1967/68 einen Rückschritt darstellte und die anfänglichen Hoffnungen zerstörte, war in der klerikalen Intelligenz so weit verbreitet, daß ein offizieller Berichterstatter, der Historiker Franco Bolgiani, Mitte der siebziger Jahre bei einem kirchlichen Treffen über Evangelisierung und menschliche Entwicklung vor allen höheren Vertretern der italienischen Kirche davon sprach.

Am 29. Juni 1972 räumte der Papst in seiner Predigt zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus ein: „Wir glaubten, daß nach dem Konzil ein strahlender Tag für die Kirche anbrechen würde. Es kam aber ein Tag der Wolken und Stürme, der Nacht, der Suche und Unsicherheit, man gab sich Mühe, der Gemeinschaft Freude zu verleihen.“

In jener Zeit besaßen nur wenige den Mut, ihre Ehrfurcht und Solidarität gegenüber einem Papst zu bekunden, der auch bei kirchlichen Treffen belächelt wurde. Zu ihnen gehörte der Patriarch von Venedig, Albino Luciani. In seinem Vortrag am 18. September 1977 beim nationalen eucharistischen Kongreß in Pescara bezog er leidenschaftlich Stellung und erklärte ausdrücklich seine Verbundenheit mit dem großen Papst in so schwierigen Zeiten: „Der Petrus, den wir im Evangelium gehört haben, lebt heute in seinem Nachfolger, in der Person Pauls VI. Es gibt aber zwei Pauls VI.: den, den wir gestern abend hier in Pescara gesehen haben und wie er bei den General- und Privataudienzen zu sehen und zu hören ist, und den Papst, wie ihn einige Bücher und Zeitschriften auf ihre Weise beschreiben, wobei sie Dinge erfinden und verdrehen. Wahr und echt ist nur der erste: der große Papst, der in schwierigen Zeiten eine hohe Sendung zu erfüllen hat.“

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Quelle

Siehe vor allem auch:

LEONARDO SAPIENZA: PAPST PAUL VI. UND DER GLAUBE

PaoloVI375

Vorwort

Es ist fast ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem Papst Paul VI. am 22. Februar 1967 mit dem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum Apostolos ein »Jahr des Glaubens« aus­rief. Es war dem damaligen Oberhaupt der katholischen Kirche wichtig, an das macht­volle Glaubenszeugnis der Apostel Petrus und Paulus zu erinnern, das diese 1900 Jahre zuvor durch ihr Martyrium in Rom besiegelt hatten. Der Papst wünschte sich von der gan­zen Kirche für diese Feier, dass sie des Erbes der beiden Aposteln gedachte und den Glau­ben, der in der Frühzeit des Christentums so viele Menschen fasziniert und ins Herz ge­troffen hatte, zu ihrer eigenen lebendigen Er­fahrung machen würde.

Bei einer Generalaudienz im März des Jahres 1967 hob Paul VI. hervor: »Wenn wir dem Glauben zustimmen, den die Kirche uns vorlegt, treten wir unmittelbar mit den Apos­teln in Verbindung, deren Gedächtnis wir begehen wollen, und durch sie mit Jesus Christus, dem ersten und einzigen Meister; wir begeben uns in ihre Schule, überwinden den Abstand der Jahrhunderte, die uns von ihnen trennen, und machen aus dem jetzigen Augenblick eine lebendige Geschichte, die immer gleiche und der Kirche eigentümliche Geschichte.« Der Glaube, erklärte der Papst in der gleichen Ansprache und nahm damit die Definition des Konzils von Trient auf, »ist für den Menschen der Anfang seines Heils« (hu­manae salutis initium est).

Im Juni 1968 beschloss der Heilige Vater das »Jahr des Glaubens« mit einem Glaubens­bekenntnis, das er als »Credo des Gottesvol­kes« bezeichnete. Wie der Papst erklärte, »ha­ben wir damit Unsere unerschütterliche Treue zum Depositum Fidei, dem Glaubensgut, be­kundet, das sie Uns überliefert haben, und Unseren Wunsch bekräftigt, es in der ge­schichtlichen Situation der pilgernden Kirche in der Welt zur Lebensgrundlage zu ma­chen«. Paul VI. sah sich in die Pflicht genom­men, den Auftrag zu erfüllen, »den Christus Petrus übertragen hat, die Brüder im Glauben zu stärken. Wir sind sein Nachfolger, wenn auch dem Rang nach der geringste.«

Wer war dieser Nachfolger des Apostel­fürsten, der in einer schwierigen Zeit, einer Epoche, die die Welt in Bewegung und Unru­he versetzte, der Kirche Jesu Christi auf Er­den vorstand? Giovanni Battista Montini war am 26. September 1897 im norditalienischen Concesio (Brescia) geboren worden. Er ent­stammte einer großbürgerlichen, weltoffenen Familie, die tief im katholischen Glauben ver­wurzelt war. Der Vater war Herausgeber ei­ner Tageszeitung und Abgeordneter des ita­lienischen Parlaments. Der junge Montini hatte sich schon früh für das Priestertum entschieden. Da er über eine schwache Ge­sundheit verfügte, besuchte er von seinem El­ternhaus aus die Vorlesungen im Seminar von Brescia. 1920 empfing er die Priesterweihe.

Er kam nach Rom, wo er 1921 in die Päpst­liche Diplomatenakademie eintrat. Ein Ein­satz in der Apostolischen Nuntiatur in War­schau im Jahre 1923 dauerte weniger als ein halbes Jahr, da ihn Gesundheitsgründe zwan­gen, in die Ewige Stadt zurückzukehren. Im Oktober 1924 wurde er in den Dienst des Päpstlichen Staatssekretariates berufen. Zeit­gleich erfolgte die Ernennung zum Geistli­chen Assistenten des Zusammenschlusses der katholischen Studentenschaft in Italien (FUCI). 1937 stieg er in den Rang eines Subs­tituten im Päpstlichen Staatssekretariat auf und wurde damit engster Mitarbeiter des da­maligen Kardinalstaatssekretärs Eugenio Pacelli und späteren Pius XII. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges arbeiteten Monsignore Montini und der Papst Hand in Hand.

1952 bat er Pius XII., auf die ihm angetra­gene Kardinalswürde verzichten zu dürfen; der Papst ernannte ihn dann zu einem seiner beiden Pro-Staatssekretäre. Zwei Jahre später berief ihn Pius XII. zum Erzbischof von Mai­land, der größten Diözese Italiens. Dort be­mühte er sich, mit den ihm anvertrauten Gläubigen in unmittelbaren Kontakt zu tre­ten: Er fuhr in die Pfarreien, nahm Firmun­gen vor und besuchte die Arbeiter in den

Fabriken. 1957 initiierte er eine große und er­folgreiche Volksmission. Im Konsistorium vom Dezember 1958 erhob ihn der im Jahr 2014 heiliggesprochene Papst Johannes XXIII. zum Kardinalpriester von SS. Silvestro e Mar­tino. 1962 wurde er Mitglied der Zentralen Vorbereitungskommission des Zweiten Vati­kanischen Konzils. Am 21. Juni 1963 folgte er Papst Johannes XXIII. auf den Stuhl des heili­gen Petrus nach.

Mit bewundernswerter Tatkraft führte er als Paul VI. das Konzil weiter und beendete es zwei Jahre später. Der katholischen Kirche gab er durch seine Enzykliken, Pastoralreisen in alle Welt und Reformen – vor allen im Be­reich der Liturgie – ein erneuertes Gesicht. Spontane Handlungen des Pontifex verblüff­ten Kirche und Welt: Seine persönliche Tiara, die dreifache Papstkrone, legte er als Gabe an die Armen auf den Altar der Peterskirche nie­der; vor dem Abgesandten des Patriarchen von Konstantinopel kniete er in der Sixtini­schen Kapelle nieder. Mit seiner Enzyklika Humanae Vitae setzte er ein unübersehbares Zeichen für die Würde der christlichen Ehe. Nicht zuletzt seine Glaubensstärke und De­mut führten zu einem kirchlichen Verfahren, das ihm am 19. Oktober 2014 die Ehre der Al­täre zuteilen wird.

Jean Guitton, Philosoph, Schriftsteller, Mitglied der Académie française und von Jo­hannes XXIII. offiziell als Beobachter zum Zweiten Vatikanischen Konzil eingeladen, kam in der Beurteilung Pauls VI. zu der Über­zeugung: »Die Päpste der letzten Zeit konn­ten den modernen Menschen lieben und un­terstützen, aber ihre Mentalität stimmte im Tiefsten mit der modernen Denkart nicht überein. Pius XI. war kernig, geradlinig wie ein Gebirgsbewohner; Pius XII. besaß die rö­mische Festigkeit, mystische Glut und huma­nistische Bildung – aber fühlte er wie ein mo­derner Mensch? Johannes XXIII. war zwar modern in seinen Plänen, doch nicht in sei­nen Nerven und seiner Substanz. In Paul VI. stellt sich der moderne Mensch dar.«

Für den französischen Denker war die Ähnlichkeit. des Papstes mit dessen Namens­vetter, dem Völkerapostel aus Tarsus, beste­chend. Der heilige Paulus habe jene Züge, die man modern nenne; er rühme sich seiner Schwachheiten, er bezeichne sich als zerris­sen, als versucht, als unsicher: »Paul VI. gleicht in seinen Bestrebungen, in seinen quä­lenden Sorgen, in seiner ganzen Natur dem Menschen unserer Tage.« In dieser Schwäche aber liege eine Stärke, die Kraft, Schwierigkei­ten ungeahnten Ausmaßes anzugehen und zu bewältigen. Und so könne der Papst von sich sagen: »Gerade weil ich eine ängstliche Natur habe, bin ich so energisch; gerade, weil mich Furcht beschleicht, überwinde ich sie besser als einer, der sie nicht kennt.«

Paul VI. empfand in dem Anspruch, in die Welt von heute einzutauchen, »modern« zu sein, keine Missachtung der Tradition. Im Gegenteil, ohne Tradition, ohne in dieser ver­wurzelt zu sein, aus ihr zu schöpfen und sie hoch zu achten, wäre für ihn der Schritt in die Neuzeit ein Fehltritt gewesen. Der durch fast zwei Jahrtausende überlieferte Glaube der Apostel und der frühen Kirche war ihm ein unverzichtbares Erbe. Am Ende seines Le­bens konnte er sich mit Recht auf die Worte des heiligen Paulus berufen: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, den Glauben bewahrt« (2 Tim 4,7).

Der Glaube Papst Pauls VI. zeigt sich ein­drucksvoll und berührend in den Worten sei­nes geistlichen Testaments: »Im Angesicht des Todes, dieser totalen und endgültigen Loslösung vom irdischen Leben, empfinde ich es als meine Pflicht, das Geschenk, das Glück, die Schönheit und die Bestimmung dieser flüchtigen Existenz zu rühmen: Herr, ich danke Dir, dass Du mich ins Leben geru­fen hast, mehr noch, dass Du mich zum Christen gemacht, mich wiedergeboren und zu der Fülle des Lebens bestimmt hast.«

Ulrich Nersinger

Einleitung

Im Jahre 1967 schrieb Paul VI.: »[…] in ihrer Entwicklung neigt die moderne Welt, die auf bewunderungswürdige Errungenschaften im Bereich der äußeren Dinge ausgerichtet und stolz ist, auf ein vermehrtes Bewusstsein ihrer selbst, zum Vergessen und zur Negati­on Gottes […] und der Sinn für die Religion nimmt unter den Menschen unserer Zeit ab […].«

Daher lud er die Kirche ein, ein »Jahr des Glaubens« zu feiern, um an das Martyrium der beiden Apostel zu erinnern, die die Patro­ne Roms sind, und damit das christliche Volk wieder ein genaues Bewusstsein von seinem Glauben bekäme, »um ihn neu zu beleben, um ihn zu reinigen, um ihn zu festigen, um ihn zu bekennen«.

Auch Benedikt XVI. hat ein »Jahr des Glau­bens« ausgerufen, »um allen, die an Christus glauben, zu helfen, ihre Zustimmung zum Evangelium bewusster und stärker werden zu lassen, vor allem in einem Moment tief­greifender Veränderungen, wie ihn die Menschheit gerade erlebt« (Apostolisches Schreiben Porta Fidei, 8).

Ernst waren die Schwierigkeiten zur Zeit Pauls VI., und ernst bleiben sie auch in dieser unserer Zeit: Eine tiefe Krise des Glaubens trifft viele Menschen, insbesondere im Hin­blick auf das Bekenntnis des wahren Glau­bens und auf seine richtige Interpretation.

Um das Nachdenken im Laufe des »Jahres des Glaubens« zu unterstützen, werden in diesem Büchlein die dichtesten Gedanken Pauls VI. über den Glauben vorgelegt, über die gesamte Dauer seines Pontifikats hinweg.

Ein durchgängiges Motiv seiner lehramt­lichen Äußerungen ist der Verweis auf die Schönheit und die zentrale Position des Glau­bens sowie auf die Notwendigkeit, ihn zu stärken und zu vertiefen, und zwar auf der persönlichen wie auf der gemeinschaftlichen Ebene.

Mit abgedruckt sind auch das »Credo des Gottesvolkes«, eine gelungene Formel, die

Paul VI. am 30. Juni 1968 zum Abschluss des »Jahres des Glaubens« vorgetragen hat, sowie die Ansprache bei der Generalaudienz vom 30. Oktober desselben Jahres mit dem großar­tigen Gebet um die Stärkung des Glaubens.

Paul VI. erinnert uns daran, dass

der Glaube die Wahrheit ist,
der Glaube die Stärke ist,
der Glaube das Leben ist,
der Glaube das Heil ist!

Leonardo Sapienza

Nach jedem der nachfolgenden Gedanken wird die Quelle angegeben, und zwar in fol­gender Weise: Bandnummer der Insegnamenti di Paolo VI, Seite, Datum.

Gedanken über den Glauben

Unser Glaube ist notwendig.

I, 576 (8. September 1963)

Unser Glaube ist unsere Gewissheit, er ist un­sere Basis; er ist unser Licht, unser Trost, un­sere Hoffnung; und morgen wird er unsere Glückseligkeit sein.

I, 576 (8. September 1963)

Wo der Glaube ist, da ist die Kirche; und wo die Kirche ist, da ist Christus.

I, 496 (9. Oktober 1963)

Der Glaube wird zur Treue!

I, 509 (20. November 1963)

Der Glaube entzündet die Liebe!

I, 509 (20. November 1963)

Der Glaube ist eine göttliche, wunderbare Tu­gend; und wenn wir das Glück haben, ihn zu besitzen, müssen wir ihn in die Tat umsetzen, müssen ihn einatmen, müssen ihn bekennen.

II, 900 (10. Juni 1964)

Der Glaube ist für das Heil notwendig; der Glaube wird allen Menschen durch den pries­terlichen Dienst angeboten.

II, 410 (21. Juni 1964)

Seid Christen! Seid Christen! Bewahrt den Glauben unserer Vorfahren; bewahrt den Glauben für eure Kinder, für eure Zukunft, für eure Arbeit; und wisst, dass es durchaus keine Unvereinbarkeit gibt zwischen dem christlichen Glauben und dem modernen Leben.

II, 1150 (23. August 1964)

Ist es nicht euer Glaube, euer christliches Be­wusstsein, eure religiöse Gewissheit, die euch den tiefsten, den sichersten, den frohes­ten Sinn des Lebens gibt? Dazu dient der Glaube: Er dient dem Leben!

III, 18 (5. Januar 1965)

Seid stark, geliebte Kinder, seid stolz, hütet ei­fersüchtig diesen Glauben. Seid fähig, die ein­fache und eindeutige Integrität eures Glaubens zu bewahren. Und gebt dem Glauben die Rol­le, die ihm zukommt, nämlich die inspirieren­de Kraft für euer Leben zu sein. Der Gerechte lebt so, dass er aus dem Glauben sein höheres Licht und seine spirituelle Energie gewinnt.

III, 917 (28. April 1965)

Der Glaube ist das Leben, der Glaube ist das Heil.

III, 341 (10. Juni 1965)

Dies ist die Stunde des Glaubens. Sorgt dafür, dass euer Glaube noch heute echt und leben­dig ist – und morgen der eurer Kinder.

III, 341 (10. Juni 1965)

Was den Glauben betrifft, so soll niemand da­ran gehindert werden! Und niemand soll da­zu gezwungen werden!

III, 969 (28. Juni 1965)

Der Glaube ist etwas höchst Ernstes und An­spruchsvolles; er lässt uns spüren, dass das christliche Bekenntnis nichts Oberflächliches ist, nichts, was sich ohne Weiteres an beliebi­ge Umstände anpassen ließe. Er prägt, er verlangt Treue, er bringt Risiko und Opfer mit sich, er erfordert einen starken Geist – wenn es sein muss, bis zum Heroismus, bis zur höchsten Liebe.

III, 1084 (3. November 1965)

Der Glaube, den Christus uns gebracht hat, ist das Licht des Lebens, er ist das Ferment des Lebens, er ist die Hoffnung des Lebens, er ist das Heil des Lebens. Und deshalb erweist sich der Glaube als die höchste Notwendig­keit, als der erste Wert, als die größte Freude. Die wahre Schönheit des Lebens, die wahre Würde des Menschen, die wahre Freiheit des Geistes, der wahre Friede des Gewissens, die wahre Harmonie des Zusammenlebens in der Familie und in Gemeinschaften beziehen aus dem Glauben ihre Kraft und ihren Glanz.

III, 591 (4. November 1965)

Tut nichts, was der Glaube verbietet, denn das Gesetz eures Glaubens soll ja auch das Gesetz eures christlichen Lebens sein.

III, 1095 (10. November 1965)

Dort, wo es mehr Glauben gibt — mehr Religi­on, mehr Gebet, mehr christliches Praktizie­ren —, ist die Nächstenliebe lebendiger, die Liebe sensibler und tatkräftiger, die Kunst, die Bedürfnisse des Nächsten zu erkennen und sie zu unterstützen, großzügiger und er­findungsreicher.

III, 649 (21. November 1965)

Wer ohne Glauben ist, der ist ohne Licht; wer ohne Religion ist, der ist ohne Hoffnung.

IV, 1021 (20. März 1966)

Der Glaubensakt ist schwierig für die moder­ne Mentalität, die so sehr an den systemati­schen Zweifel und an die Kritik gewöhnt und die davon überzeugt ist, dass die eigene Ge­wissheit sich auf die Grenzen der eigenen Er­fahrung beschränkt.

IV, 756 (20. April 1966)

Auch der Glaube ist eine Gnade.

IV, 756 (20. April 1966)

Der Glaube ist kein rein spekulativer Akt; er ist ein vernünftiger Akt, aber nicht die Frucht der Vernunft allein.

IV, 756 (20. April 1966)

Der Glaube ist die Wahrheit, der Glaube ist die Stärke, der Glaube ist das Leben, der Glau­be ist das Heil.

IV, 228 (15. Mai 1966)

Es bedarf einer Kohärenz mit Christus: Das ist der Glaube. Und dann einer zweiten Kohä­renz, die mit uns selbst: Das ist die Praxis des Glaubens. Das Zeugnis erfordert eine Folge­richtigkeit zwischen Denken und Handeln, zwischen dem eigenen Glauben und den ei­genen Werken.

IV, 931 (14. Dezember 1966)

Der Glaube verlangt ein Bekenntnis.

IV, 931 (14. Dezember 1966)

Der authentische Glaube, der geliebte, be­kannte und gelebte Glaube, der Glaube, der uns zu Kindern Gottes macht, zu Menschen, die Christus nachfolgen, und zu Gliedern der Kirche, ist das erste und unverzichtbare Prin­zip unserer apostolischen und katholischen Gemeinschaft.

V, 38 (14. Januar 1967)

Man versteht, warum der Glaube beim den­kenden Menschen den Einwand hervorrufen muss, er sei in Dunkel gehüllt. Dem Glauben fehlt die Offenkundigkeit. Er stellt verborge­ne und verhüllte Wahrheiten vor, und der hl. Augustinus scheut sich nicht, zu sagen, dass der Glaube darin besteht, etwas zu glauben, was nicht offenbar ist.

V, 707 (15. März 1967)

Wir sind verpflichtet, zu suchen. Der Herr ist uns nahegekommen, aber ohne sich allge­mein denen zu offenbaren, die ihn nicht su­chen, die sich nicht nach ihm sehnen, die sich nicht bemühen, ihn kennenzulernen, und die ihn nicht lieben.

V, 708 (15. März 1967)

Wenn der Glaube in Dunkel gehüllt ist, dann ist er auch frei. Auch dies ist eines der großen Probleme, die den Glauben betreffen: Der Wille wirkt beim Glaubensakt mit der Gnade zusammen. Und wenn er frei ist, dann ist der Glaube verdienstvoll.

V, 708 (15. März 1967)

Das ist leider der Glaube vieler in der heuti­gen Welt, ein gewohnheitsmäßiger Glaube, ein konventioneller Glaube, ein nicht verstan­dener und wenig praktizierter Glaube, ein Glaube, der mit dem Rest des Lebens nicht zusammenhängt und der daher lästig und beschwerlich ist. Er ist nicht vollständig tot, aber er ist auch keineswegs lebendig.

V, 743 (19. April 1967)

Der Glaube. Er ist das »Ja«, das es dem Den­ken Gottes erlaubt, in das Unsere einzutreten.

V, 743 (19. April 1967)

Der Glaube bedarf des Lehrers, das heißt ei­ner Unterweisung und eines Studiums. Wenn es nicht gelingt, eine normale und hinrei­chende Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Schüler herzustellen, dann entsteht der Glaube entweder gar nicht oder er kann sich im Herzen und im Leben des Schülers nicht halten. Die religiöse Unterweisung ist unver­zichtbar. Dieses Prinzip wird so oft wieder­holt; man muss es ernst nehmen.

V, 787 (31. Mai 1967)

Es gibt einen persönlichen Glauben, einen »gläubigen«, und einen objektiven Glauben, einen »geglaubten«.

V, 787 (31. Mai 1967)

Es ist gut, sich klarzumachen, dass es heute nicht leicht ist, die Tugend des Glaubens aus­zuüben.

V, 801 (14. Juni 1967)

Der Glaube ist ein Ruf der Liebe Gottes. Er ist unser Glück, er ist der Schlüssel unseres Schicksals. Daher muss man dem Glauben große Aufmerksamkeit schenken!

V, 806 (21. Juni 1967)

Den Glauben muss man bekennen.

V, 814 (28. Juni 1967)

Der Glaube ist schwierig. Aber fügen Wir so­fort hinzu: Er ist schwierig für die Schwachen und Ängstlichen. Der Glaube erfordert die Kraft der Seele, die Größe des Geistes, ja er verleiht sie denen, die sich in seinem schlich­ten und edlen Bekenntnis üben.

V, 814 (28. Juni 1967)

Für den Menschen, der glaubt, ist das Leben nicht grau, auch wenn es manchmal mono­ton, schwer, hart und voller Verantwortung ist.

V, 448 (27. September 1967)

Der Glaube soll für alle sein, aber nicht alle nehmen ihn an.

VI, 104 (19. März 1968)

Der Glaube sichert dem Menschen jenes Ver­trauen in das Denken, in die Wahrheit, wel­ches der menschliche Geist, der sich selbst überlassen ist, nachdem er den Glauben eines Mangels an Logik angeklagt hat, in sich selbst nicht mehr findet. Der Glaube ist das Licht des Lebens, und wenn es auch nicht seine Aufgabe ist, die Probleme der wissenschaftli­chen und philosophischen Spekulation zu lö­sen, behindert er indessen auch nicht deren rationale Lösung, sondern stärkt sie mit der Gewissheit seiner höheren Lehren. Der Glau­be ist der Trost des Lebens. Und wie wäre die Einstellung des Menschen angesichts der größten Probleme unseres Schicksals, wenn der Glaube uns nicht vor dem Wahnsinn und der Verzweiflung bewahrte?

VI, 104 (19. März 1968)

Der Gläubige soll aus dem Glauben die inspi­rierenden Prinzipien für sein Leben ableiten.

VI, 105 (19. März 1968)

Nach oben schauen: Dies vergessen wir, wenn es uns an Glauben mangelt und wenn wir all unsere Hoffnung auf die verführerischen, aber flüchtigen zeitlichen Wirklichkeiten set­zen. Das ist die Wolke, die den Horizont der gegenwärtigen Welt verdunkelt.

VI, 1086 (23. Mai 1968)

Der Glaube ist so geworden, wie er sein soll: dynamisch, unaufhaltsam, ja sogar wag­halsig.

VI, 230 (2. Juni 1968)

Der Glaube, ein Geschenk der Gnade, ein Akt des Denkens und eine Willensentscheidung auf der Suche nach der Wahrheit, bleibt im­mer eine Quelle vitaler Probleme.

VI, 808 (5. Juni 1968)

Der Glaube flößt Vertrauen gegenüber der Vernunft ein, er respektiert sie, ist auf sie an­gewiesen, verteidigt sie. Und gerade aufgrund der Tatsache, dass er sie für das Studium der göttlichen Wahrheiten in Anspruch nimmt, verpflichtet er sie zu einer absoluten Ehrlich­keit des Denkens und zu einer Anstrengung, die sie nicht schwächt, sondern stärkt, und zwar ebenso in der natürlichen spekulativen Ordnung wie in der übernatürlichen.

VI, 811 (5. Juni 1968)

Der Glaube verlangt das Handeln; er ist ein dynamisches Prinzip der Moralität. Der Glau­be ist eine Aufforderung zu einer Handlung, die in der Liebe mündet, das heißt in einen tä­tigen Eifer, der von der Liebe zu Gott und zum Nächsten herrührt.

VI, 811 (5. Juni 1968)

Der Glaube gibt den Sinn für das Leben und für die Dinge, die Hoffnung auf kluges und ehrenhaftes Handeln, die Kraft, zu leiden und zu lieben. Ja, der Glaube dient zu etwas ­und zu etwas Großem! Zu unserem Heil.

VI, 812 (5. Juni 1968)

Der Glaube bietet sich an, er zwingt sich nicht auf. Und das, was er heute anbietet, ist menschliche Sympathie und Liebe.

VI, 248 (12. Juni 1968)

Sorgt dafür, dass euer Glaube lebendig ist. Diese Empfehlung wirft eine Frage auf: Kann es einen toten Glauben geben? Ja, leider: Es kann einen toten Glauben geben.

VI, 825 (19. Juni 1968)

Der Gegenstand unseres Glaubens ist wie ein weites Feld, reich, ohne Maß, wie ein Panora­ma, das sich vor unseren Augen eröffnet.

VI, 1093 (30. Juni 1968)

Mit dem Glauben und nicht aus dem Glauben zu leben genügt nicht. Ja, dieses Nebeneinan­der kann sich in eine ernste Verantwortlich­keit und in eine Anklage wandeln. Die Welt erhebt sie oft gegen den Menschen, der sich Christ nennt und nicht als Christ lebt. Das soll uns gut zu denken geben.

VI, 828 (19. Juni 1968)

Dass der wahre, reine, starke, aktive Glaube in den Herzen der Gläubigen gestärkt und dass er unter denen verbreitet wird, die an ihm zweifeln, die nicht glauben oder die den Glauben ablehnen, ist das herausragende Gut in der Ordnung unserer Rettung.

VI, 1092 (23. Juni 1968)

Der Glaube ist, wenn er angenommen und praktiziert wird, keine Flucht vor den Pflich­ten der Nächstenliebe und den großen und drängenden Notwendigkeiten gesellschaftli­cher Art. Er ist vielmehr deren Inspiration und treibende Kraft.

VI, 856 (10. Juli 1968)

Der Glaube ist die Basis, er ist die Wurzel, er ist der erste Daseinsgrund der Kirche, das wissen wir wohl.

VI, 417 (24. August 1968)

Der Friede! Zusammen mit dem Glauben ha­ben Wir daraus eines der herausragenden Motive Unseres Pontifikats gemacht.

VI, 424 (24. August 1968)

Der christliche Glaube ist kein Hindernis für die Vernunft des Menschen.

VI, 907 (15. September 1968)

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glau­be ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christen­tums. Er ist die Quelle für die Nächstenliebe, das Zentrum der Einheit. Er ist der funda­mentale Daseinsgrund unserer Religion.

VI, 991 (30. Oktober 1968)

Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein vages Suchen nach einer religiösen Erfahrung. Der Glaube ist der Be­sitz der Wahrheit, er ist die Gewissheit.

VI, 991 (30. Oktober 1968)

Werden wir unter den Glücklichen sein, die das Geschenk des Glaubens bekommen wer­den? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Ge­schenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss.

VI, 993 (30. Oktober 1968)

Der Glaube ist Glückseligkeit! Keine betäu­bende Illusion, keine mythische Fiktion, kein erschlichener Trost, sondern echtes Glück. Das Glück der Wahrheit, das Glück der Fülle, das Glück des göttlichen Lebens, das einer wunderbaren menschlichen Teilhabe zugänglich gemacht ist. Kein Hindernis für das Denken, kein Hindernis für die wissenschaft­liche Forschung, kein unnützer Ballast für die Schlankheit des spirituellen Stils der Moder­ne, sondern Licht, sondern Stimme, sondern Entdeckung, die die Seele weit und das Leben und die Welt verstehbar macht. Der Glaube ist das Glück des höchsten Wissens, noch ein­mal: das Glück des Erkennens, des Erkennens der Wahrheit.

II, 231 (5. April 1964); VII, 130 (1. März 1969)

Heute muss man mit persönlichem Bewusst­sein und mit moralischer Stärke die eigene Zugehörigkeit zu Gott, zu Christus, zur Kir­che verteidigen.

VII, 109 (28. April 1969)

Der Glaube ist nicht pluralistisch. Der Glaube ist, auch was die Hülle der Formeln betrifft, die ihn zum Ausdruck bringen, sehr emp­findlich und anspruchsvoll. Und die Kirche wacht darüber und verlangt, dass das Wort, das den Glauben ausspricht, dessen substan­zielle Wahrheit nicht verrät.

VII, 958 (14. Mai 1969)

Wir müssen aus dem Glauben leben, das heißt so, dass wir dem Wort Gottes Vertrauen schenken, auch wenn es unseren Verstand übersteigt.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Der Glaube ist im Dunkeln, aber er ist nicht blind; der Glaube sieht mit seinen eigenen Augen.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Wenn er gelebt wird, wird der Glaube zum Licht; wenn er geliebt wird, wird er zur Kraft; wenn er meditiert wird, wird er Geist und enthüllt sich als das, was er ist: Ursprung des ewigen Lebens.

VII, 963 (28. Mai 1969)

Die Kirche hat stets daran festgehalten, dass »niemand mit Gewalt gezwungen werden darf, den Glauben anzunehmen«. Niemand, sagt sie, darf daran gehindert und niemand darf im Hinblick auf das eigene religiöse Ge­wissen dazu gezwungen werden.

VII, 1002 (9. Juni 1969)

Der katholische Glaube fürchtet diese gewalti­ge Auseinandersetzung seiner schlichten Leh­re mit den wunderbaren Reichtümern des mo­dernen wissenschaftlichen Denkens nicht nur nicht, sondern er wünscht sie sogar. Er wünscht sie, weil die Wahrheit, auch wenn sie sich in verschiedene Ordnungen auffächert und sich auf verschiedene Rechtstitel stützt, in sich stimmig, weil sie einzigartig ist; und weil der Vorteil, der sich aus einer solchen Auseinan­dersetzung für den Glauben und für die For­schung und das Studium eines jeden Wissens­gebietes ergeben kann, ein gegenseitiger ist.

VII, 504 (23. Juni 1969)

Wir sind nicht die Erfinder unseres Glaubens; wir sind seine Bewahrer. Nicht jede Religiosi­tät ist gut, sondern nur diejenige, die das We­sen Gottes zum Ausdruck bringt.

VII, 534 (31. Juni 1969)

Freut euch stets über euren katholischen Glauben. Er wird euch im Schmerz aufrecht­erhalten, er wird euch in der Dunkelheit des Leidens Licht schenken, er wird in den Zeiten von Gesundheit und Wohlstand euer Glück vergrößern.

VII, 564 (1. August 1969)

Der Glaube ist der Eingangsschlüssel. Er ist die Schwelle. Er ist der erste Schritt. Er ist die erste Handlung, die von dem Menschen ver­langt wird, der zu jenem Reich Gottes gehö­ren will, das von diesem Beginn an zur Fülle des ewigen Lebens führt.

VIII, 284 (8. April 1970)

Der Glaube scheint heute schwierig, sogar unmöglich geworden zu sein. Der alte Ge­gensatz zwischen Vernunft und Glauben scheint sich für manche wieder zu erheben und sich als nicht auflösbar zu erweisen.

VIII, 285 (8. April 1970)

Der Glaube ist, wie jeder weiß, die freie Ant­wort, die freie und vollkommene Antwort an Gott, der spricht, an Gott, der sich offenbart.

VIII, 284 (8. April 1970)

Der Glaube hat eine wesenhafte Beziehung zur Hoffnung.

VIII, 544 (27. Mai 1970)

Gott, Christus, die Kirche lassen sich nicht ungestraft ersetzen. Bemühen wir uns, diese Versuchung zu überwinden und in unserem katholischen Glauben die Gewissheit, die Fülle, das Heil wiederzufinden, das nur er ge­ben kann.

VIII, 801 (19. August 1970)

Der Glaube bedarf der Vernunft. Er erstickt diese nicht, wie oft gesagt wird, er tritt nicht an ihre Stelle, sondern nimmt sie mit hinein in die Annahme des Wortes Gottes, er erhöht sie und verpflichtet sie auf die schwierigste und erhebendste Anstrengung: die Offenba­rung zu hören, sie, soweit es möglich ist, zu verstehen, zu erforschen und in Worte zu fas­sen – als Licht, als logisches und dialektisches Prinzip der tiefsten und lebendigsten Ratio­nalität.

VIII, 834 (2. September 1970)

Die Einheit des Glaubens ist notwendig und fundamental, das wisst ihr. Über diesen An­spruch können Wir nicht verhandeln.

VIII, 1309 (1. Dezember 1970)

Unser Glaube ist für den Menschen gemacht, für den zeitgenössischen noch mehr als für den gestrigen. Der Glaube ist keine Entfrem­dung, er ist kein kurzlebiger Notbehelf, er ist keine überholte Idee, er ist kein unfruchtbares und hinderliches Wissen. Der Glaube ist ein Licht, ist eine Fülle, ist ein Leben, nach dem das Bedürfnis umso stärker und über das die Freude umso größer ist, je fortgeschrittener, je gebildeter, je reifer, je erwachsener, je hungri­ger der Mensch, der die befreiende und erlö­sende Erfahrung dieses Glaubens macht, nach Gewissheit ist.

VIII, 879 (16. September 1970)

Wenn der Glaube abnimmt, nimmt gleichzei­tig auch der Sinn für die Sünde ab, mit all den fürchterlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Eigentlich können Wir sagen, dass die ganze moralische Burg des Christentums zerfällt.

IX, 189 (17. März 1971)

Den Glauben erfindet man nicht, noch mani­puliert man ihn; man nimmt ihn an, man be­wahrt ihn, man lebt ihn.

IX, 668 (4. August 1971)

Der Glaube ist wie ein Brunnen, der den Geist eines Volkes lebendig hält.

IX, 759 (8. September 1971)

Der Glaube verlangt eine Anwendung auf das Leben, auf unsere gelebte Erfahrung, die heute extrem wandelbar ist.

IX, 859 (6. Oktober 1971)

Wir müssen den Glauben verstärken und ihn vertiefen – den Glauben an Christus, den Glauben an sein Wort, den Glauben an sein Lebenskonzept, den Glauben an sein Reich, an seine Kirche -, wenn wir auf die Fragen, die sich daraus ableiten, dass wir Jünger Christi sind, eine logische Antwort geben wollen.

IX, 884 (7. November 1971)

Es gibt keinen Glauben, wenn er nicht frei ist.

IX, 888 (10. November 1971)

Der Glaube ist, noch bevor er eine Tugend in ihrer glücklichen Ausübung ist, eine Gnade, er ist ein Geschenk, er ist die geheimnisvolle Ausgießung des HeiliEhrtGeistes, der ihn an­nehmbar und möglich macht.

X, 16 (5. Januar 1972)

Ehrt euren christlichen Glauben und bewahrt ihn als den schönsten und wertvollsten Schatz eures Lebens.

X, 430 (29. April 1972)

Die Kirche braucht den Glauben. Eine Meh­rung des Glaubens, das ist, so scheint Uns, heute das erste und größte Bedürfnis der Kirche. Und es ist ein Bedürfnis, dem ihr, ja dem jeder Einzelne von euch Abhilfe schaffen kann.

X, 979 (27. September 1972)

Der Glaube ist die Wurzel unserer Religion; er ist das ursprüngliche Band des Zusam­menhalts, das uns zur Kirche macht; er ist der Ursprung unserer heilbringenden Vereini­gung mit Christus; er ist die theologale Tu­gend, welche die Hoffnung und die Liebe hervorbringt.

X, 979 (27. September 1972)

Der Glaube ist notwendig.

X, 980 (27. September 1972)

Im Vertrauen darauf, dass ihr die »Zeichen der Zeit« erkennt, und darauf, dass ihr bereit seid, zu helfen, euch die Sendung Christi in der Geschichte zu eigen zu machen, die Kir­che aufzubauen, bitten Wir um ein lebendige­res, bewussteres, einmütigeres Bekenntnis des Glaubens.

X, 981 (27. September 1972)

Ist der Glaube möglich, ja sogar ein Wachs­tum des Glaubens? Das ist eine sehr ernste Frage, auf die zu antworten wir alle eingela­den sind.

X, 1016 (4. Oktober 1972)

Die Glaubenskrisen sind sehr oft der Un­kenntnis geschuldet. Wir lehnen ab, was wir nicht kennen.

X, 1017 (4. Oktober 1972)

Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, er ist ei­ne Tugend, die dem Menschen durch einen übernatürlichen Anstoß möglich ist, der uns nicht fehlen wird, wenn wir uns in die Lage versetzen, ihn zu empfangen.

X, 1018 (4. Oktober 1972)

Die Sehnsucht nach Gott, die Demut, das Ge­bet, das vertrauensvolle Warten und auch die geistliche Erfahrung wie die Teilnahme am Glaubensleben der kirchlichen Gemeinschaft, sei sie häuslich oder öffentlich, werden uns die Wege zum Glauben ebnen und werden ihn nicht nur möglich, sondern leicht und siegreich machen.

X, 1018 (4. Oktober 1972)

Der Glaube entsteht nicht von selbst: Er ist die Frucht einer Weitergabe, eines Apostolats.

X, 1068 (18. Oktober 1972)

Lasst Uns euch empfehlen, nicht nur stolz auf euren Glauben, sondern auch seiner würdig zu sein.

Und so wird es sein, wenn er eure Art zu denken und zu handeln bis in die Tiefe durch­dringen wird.

XI, 332 (11. April 1973)

Der Glaube ist der Eingangsschlüssel; er ist die anfängliche, unabdingbare Bedingung, um zum christlichen Heil zu gelangen.

XII, 368 (24. April 1974)

Der Glaube ist eine Zustimmung zum Wort Gottes.

XII, 816 (11. September 1974)

Wir müssen von der Notwendigkeit eines le­bendigen, authentischen, wirksamen Glau­bens überzeugt sein – und das umso mehr, je größer heute die Schwierigkeiten sind.

XII, 817 (11. September 1974)

In subjektiver Hinsicht genügt ein vager, schwacher und unsicherer Glaube nicht, ein bloß sentimentaler, gewohnheitsmäßiger Glaube, der aus Hypothesen, Meinungen, Zweifeln und Vorbehalten besteht; und eben­so wenig genügt in objektiver Hinsicht ein Glaube, der das annimmt, was ihm gefällt, oder der den Schwierigkeiten auszuweichen sucht, indem er die Zustimmung zu geheim­nisvollen und schwierigen Wahrheiten ver­weigert.

XII, 817 (11. September 1974)

Wir dürfen sicher sein, dass der Glaube die Vernunft nicht behindert, sondern ihr die Ge­wissheit und das – wenigstens partielle, aber lichtvolle und glückliche – Verstehen höherer und lebenswichtiger Wahrheiten zuspricht.

XII, 817 (11. September 1974)

Der Inhalt des Glaubens ist entweder katho­lisch, oder er ist gar kein solcher.

XII, 1016 (26. Oktober 1974)

Wenn der Glaube kein bloß äußerlicher Lack oder ein von den Konventionen auferlegter Schein ist, sondern eine Pflicht, ein Lebensstil, der sich in sämtlichen konkreten Umständen zeigt, wird er euch helfen, stets ehrliche, unbe­scholtene, vorbildliche Bürger zu sein. Seid eif­rige, authentische und überzeugte Christen.

XII, 1049 (6. November 1974)

Der Glaube verlangt ein Bekenntnis, er ver­langt eine Logik des Denkens und des Le­bens, er verlangt eine gelebte Übereinstim­mung.

XIII, 687 (25. Juni 1975)

Der Glaube hilft uns zu handeln. Er weist uns den Weg des Lebens, und er flößt uns die Kraft ein, auf diesem Weg voranzuschreiten. Er ist die Logik unserer christlichen Prägung.

XIII, 688 (25. Juni 1975)

Der Glaube kann uns, die wir das Glück ha­ben, Gläubige zu sein, die Zuversicht wieder­geben und unsere Kräfte vervielfachen, um unserer Generation ein neues, fröhliches und starkes Aussehen zu verleihen. Dazu braucht es Mut.

XIII, 870 (24. August 1975)

Wir müssen unseren Glauben erneuern! Der Glaube ist das Leben! Darüber müssen wir die selige Gewissheit haben.

XIII, 1074 (1. Oktober 1975)

Der Glaube ist notwendig. Der Glaube ist das Heil. Der Glaube ist die Wahrheit. Der Glau­be ist das Glück. Und Wir wiederholen: Der Glaube ist das Leben. Der Glaube ist unsere Antwort auf das Wort Gottes.

XIII, 1075 (1. Oktober 1975)

Studiert den Glauben, festigt den Glauben. Ihr werdet mancher Anstrengung des Den­kens, des Willens, der Aufmerksamkeit, viel­leicht des Wartens und der Mühsal nach in­nen und des Mutes nach außen begegnen. Aber ihr werdet glückselig sein!

XIII, 1075 (1. Oktober 1975)

Seid euch bewusst, dass man nicht nur dem Namen nach Christ sein kann und dass es nicht ausreichend wäre, zu sagen, man besä­ße den Glauben im eigenen, individuellen Bewusstsein. Der Glaube ist nämlich auch Gemeinschaft, das heißt Kommunikation und Ausstrahlung, und er verlangt daher ein ernsthaftes Bemühen, ihn weiterzugeben und ihn zu verbreiten.

XIII, 1201 (30. Oktober 1975)

Der Glaube erfüllt den unendlichen Raum mit Licht und Freude, den die Vernunft – und auch das Herz – als Heimat Gottes entdeckt hat.

XIII, 1233 (5. November 1975)

Die Wissenschaft schließt den Glauben nicht aus, sondern bedarf vielmehr seiner als Er­gänzung.

XIII, 1294 (16. November 1975)

Die Religion ist noch lebendig und wirksam. Der Glaube steht nicht im Gegensatz zur Ver­nunft, zum Denken, zur Kultur, zur Wissen­schaft, zum Fortschritt.

XIII, 1361 (3. Dezember 1975)

Der Glaube ist ein Glück, das Glück des Errei­chens der göttlichen Wirklichkeit; er ist ein Glück, das Glück der Wahrheit; er ist ein Licht, das Licht des Wortes Gottes; er ist eine Kraft, eine Stärkung, er ist Leben: Der Glaube an das Wort Gottes ist der Beginn des wahren Lebens. Vergessen wir das nicht.

XIII, 1362 (3. Dezember 1975)

Der Glaube ist ein Licht, er ist eine Kraft. Er ist die Logik, das Charisma unserer Taufe.

XIV, 292 (28. April 1976)

Der Glaube, den Christus gebracht hat, ist keine bloße Verzierung des christlichen Na­mens, er ist kein überflüssiges Erbstück der Vorfahren, und er ist auch kein passives Be­folgen religiöser Gewohnheiten. Er ist viel­mehr Ursprung des Lebens, wie der heilige Paulus lehrt, und Verhaltensnorm, er ist ein Ferment, das unser ganzes gegenwärtiges Le­ben in jedem seiner Aspekte durchdringen, reinigen und heiligen soll: also unsere Kul­tur, unsere Aktivitäten, unsere Art zu lieben und zu empfinden.

XIV, 374 (23. Mai 1976)

Der rechte und rege Glaube ist der wichtigste Faktor für den Aufbau einer Ordnung, die auf Gerechtigkeit, auf brüderliche Eintracht, auf den wahren Frieden gegründet ist. Des­halb werden Wir nie müde werden, zu hof­fen, zu beten und zu ermahnen.

XIV, 374 (23. Mai 1976)

Das ontologische Geschehen des Glaubens, das heißt das göttliche Geschenk, und das moralische und psychologische, das heißt menschliche Geschehen, durch das der Glau­be von der Seele Besitz ergreift und ihr Han­deln inspiriert sowie ihr Leben formt, bleibt das große Kapitel unserer religiösen Lehre, ein unermessliches, wunderbares, dramati­sches Kapitel, auf das sich das Gebäude grün­det, das wir errichten wollen, die Kirche ­oder besser: das Gebäude, in dem wir das Licht, den Frieden und die Kraft finden wer­den, Christen zu sein.

XIV, 581 (14. Juli 1976)

Der christliche Glaube hat dem Menschen von heute etwas zu sagen, der sich die »Sinn­frage« stellt im Hinblick auf die eigene Exis­tenz und die Ziele, zu denen hin wir unter­wegs sind.

XIV, 705 (12. September 1976)

Der Glaube an Gott, der durch das Hören sei­nes Wortes und durch die Teilnahme an den Sakramenten genährt wird, stellt den wirk­samsten Antrieb für einen großherzigen Wil­len zum Neubeginn dar.

XIV, 832 (13. Oktober 1976)

Es gibt im menschlichen Leben einen Wert, der höher steht als das Leben selbst. Es gibt eine Verpflichtung, die alle anderen über­steigt. Es gibt eine Gewissheit, die, wenn sie mit jeder beliebigen anderen konfrontiert wird, sich niemals als falsch erweist. Es gibt etwas Notwendiges, für das alles andere hintangestellt und, wenn es nötig ist, geop­fert werden muss.

Dieser Wert, diese Verpflichtung, diese Gewissheit, dieses Notwendige ist der Glau­be, ist die Wahrheit des Glaubens.

XIV, 845 (17. Oktober 1976)

Der Glaube ist eine Welt.

XIV, 846 (17. Oktober 1976)

Der lebendige Glaube ist ein strahlender Glaube.

XIV, 893 (31. Oktober 1976)

Der Glaube ist Gewissheit.

XV, 21 (6. Januar 1977)

Die antichristliche Reaktion steht in Zusam­menhang mit der Bezeugung unseres christ­lichen Glaubens in der Welt.

XV, 152 (13. Februar 1977)

Der Glaube ist ein Reich des Geheimnisses. Er ist für uns während dieses Lebens, das noch eine Lehrzeit ist, eine Initiation, ein dunkles Wissen. Er stützt sich nicht auf Ar­gumente rationaler Evidenz. Für ihn spre­chen zwar sehr gute Gründe der sowohl in­neren wie äußeren Glaubwürdigkeit, aber an sich gründet er sich auf die Autorität der Of­fenbarung, auf das Wort Gottes.

XV, 501 (18. Mai 1977)

Der Glaube ist ein Himmel, der unser natür­liches Verstehen übersteigt. Der Glaube nimmt zwar die Zustimmung der Vernunft in An­spruch, aber nicht ohne den Willen. Um zu glauben, muss man es wollen. Dies bedeutet, dass der Glaube frei ist.

XV, 502 (18. Mai 1977)

Es ist die Kirche in ihrer authentischen evan­gelisierenden Sendung, die uns den Glauben gibt.

XV, 519 (25. Mai 1977)

Aus dem Glauben muss man das maßgebli­che und wirksame Prinzip des gerechten und guten Lebens gewinnen.

XV, 721 (20. Juli 1977)

Die Wahrheit des Glaubens darf studiert, er­klärt, erläutert werden, aber stets unter Wahrung des identischen substanziellen Sinnes.

XV, 806 (7. September 1977)

Der wahre Sinn der Welt und des Lebens wird uns durch den Glauben enthüllt, das heißt durch die Religion, und zwar durch die authentische.

XV, 966 (19. Oktober 1977)

Der Glaube ist »wertvoller als Gold«, sagt der heilige Petrus. Es genügt nicht, ihn zu emp­fangen, man muss ihn auch inmitten von Schwierigkeiten bewahren.

XVI, 520 (29. Juni 1978)

Der Glaube ist nicht das Ergebnis der mensch­lichen Spekulation, sondern das von den Aposteln empfangene Depositum Fidei (Glau­bensgut, Anm. d. Ü.); diese haben ihn von Christus bekommen, den sie »gesehen, ge­schaut und gehört« haben. Dies ist der Glau­be der Kirche, der apostolische Glaube.

XVI, 520 (29. Juni 1978)

Im Glauben werden wir die Fülle des christ­lichen Lebens finden. Wir werden in ihm die Kraft, die Freude, den Trost des göttlichen Le­bens finden, das uns kundgetan wurde.

XVI, 587 (2. August 1978)


Das »Credo des
Gottesvolkes«

Text des Glaubensbekenntnisses, das Paul VI. am 30. Juni 1968 zum Abschluss des »Jahres des Glaubens« anlässlich der Jahrhundertfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus in Rom vorgetragen hat.

Wir glauben an den einen Gott, den Vater, Sohn und Heiligen Geist, den Schöpfer alles Sichtbaren – wie dieser Welt, in der unser flüchtiges Leben vorübergeht – und Unsicht­baren – wie der reinen Geister, die auch Engel genannt werden1 – und den Schöpfer der geistigen und unsterblichen Seele in jedem Menschen.

Wir glauben, dass dieser einzige Gott absolut einer ist in seinem unendlich heiligen Wesen, ebenso wie in all seiner Vollkommenheit, in seiner Allmacht, in seinem unbegrenzten Wissen, in seiner Vorsehung, in seinem Wil­len und in seiner Liebe. Er ist derjenige, der ist [»Ich-bin-da«], wie Er selbst es Mose offen­bart hat,2 und Er ist die Liebe, wie uns der Apostel Johannes lehrt.3 Somit drücken diese beiden Namen, das Sein [»Ich-bin-da«] und die Liebe, in einer unaussprechlichen Wei­se selbst die göttliche Wirklichkeit dessen aus, der sich uns zu erkennen geben wollte, und der, weil er »in unzugänglichem Licht wohnt«4, in sich selbst über jedem Namen, über allen Dingen und jeder geschaffenen Vernunft ist. Gott allein kann uns die rechte und volle Erkenntnis seiner selbst geben, in­dem er sich als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart, an dessen ewigem Leben wir durch seine Gnade teilzuhaben berufen sind, hier unten in der Dunkelheit des Glaubens und jenseits des Todes im beständigen Licht, im ewigen Leben.

Die gegenseitigen Bande, welche die drei Personen, von denen jede das eine und iden­tische göttliche Wesen ist, auf ewige Weise konstituieren, sind das glückselige innerste Leben des dreimal heiligen Gottes, unendlich jenseits all dessen, was wir gemäß dem menschlichen Maß erfassen können.5

Daher danken Wir der göttlichen Güte dafür, dass sehr zahlreiche Gläubige mit uns die Einheit Gottes vor den Menschen bezeu­gen können, auch wenn sie das Geheimnis der Allerheiligsten Dreifaltigkeit nicht ken­nen.

Wir glauben also an den Vater, der ewig den Sohn zeugt, an den Sohn, das Wort Gottes, der ewig gezeugt wird, und an den Heiligen Geist, die nicht geschaffene Person, die aus dem Vater und dem Sohn als ihre ewige Lie­be hervorgeht. Auf diese Weise sind in den drei göttlichen Personen, die »einander gleich ewig und gleichen Wesens sind«6, das Leben und die Glückseligkeit des vollkommen ei­nen Gottes im Überfluss da und vollziehen sich, und zwar in der Erhabenheit und der Herrlichkeit, die dem nicht geschaffenen Sein eigen sind. Und stets »muss die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit verehrt werden«7.

Wir glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes. Er ist das ewige Wort, gebo­ren aus dem Vater vor aller Zeit und gleichen Wesens mit dem Vater, homoousios to Patri8. Und durch Ihn wurde alles geschaffen. Er hat Fleisch angenommen durch das Werk des Heiligen Geistes im Schoß der Jungfrau Ma­ria und ist Mensch geworden: dem Vater also gleich, gemäß der göttlichen Natur, und nied­riger als der Vater, gemäß der menschli­chen Natur, und dabei Er selbst einer, nicht aufgrund einer unmöglichen Vermischung der Naturen, sondern durch die Einheit der Person.9

Er hat unter uns gewohnt, voll Gnade und Wahrheit. Er hat das Reich Gottes verkündigt und gegründet, und durch sich hat Er uns den Vater erkennen lassen. Er hat uns sein neues Gebot gegeben, einander zu lieben, wie Er uns geliebt hat. Er hat uns den Weg der Seligpreisungen des Evangeliums gelehrt: Ar­mut im Geiste, Sanftmut, in Geduld ertrage­nes Leiden, Durst nach der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Reinheit des Herzens, Willen zum Frieden, um der Gerechtigkeit willen er­littene Verfolgung. Er hat gelitten unter Ponti­us Pilatus als das Lamm Gottes, das die Sün­den der Welt trägt, und ist für uns am Kreuz gestorben und hat uns so durch sein erlösen­des Blut gerettet. Er ist begraben worden und ist aus seiner eigenen Macht am dritten Tage auferstanden und hat uns durch seine Aufer­stehung zur Teilnahme am göttlichen Leben erhoben, welches das Leben der Gnade ist. Er ist zum Himmel aufgefahren und wird in Herrlichkeit wiederkommen, um die Leben­den und die Toten zu richten, jeden nach sei­nen Verdiensten, sodass diejenigen das ewige Leben erreichen werden, die auf die Liebe und das Erbarmen Gottes geantwortet haben, und diejenigen in das unauslöschliche Feuer gelangen werden, die diesen bis zuletzt ihre Weigerung entgegengesetzt haben.

Und seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der zu uns gesprochen hat durch die Propheten. Er ist uns von Christus gesandt worden nach seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt zum Vater. Er erleuchtet, belebt, schützt und leitet die Kirche und reinigt ihre Glieder, wenn sie sich seiner Gnade nicht ent­ziehen. Sein Wirken, das bis ins Innerste der Seele vordringt, macht den Menschen fähig, der Einladung Jesu zu entsprechen: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.«10

Wir glauben, dass Maria die stets Jungfrau gebliebene Mutter des menschgewordenen Wortes ist, unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus,11und dass sie aufgrund dieser ein­zigartigen Erwählung im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabene Weise erlöst» vor jedem Makel der Erbsünde be­wahrt13 und mehr als alle anderen Geschöpfe mit dem hervorragenden Gnadengeschenk erfüllt worden ist.14

Mit den Geheimnissen der Menschwer­dung und der Erlösung durch ein enges und unauflösliches Band verbunden,15 ist die hei­ligste Jungfrau, die unbefleckte, am Ende ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufge­nommen16 und ihrem auferstandenen Sohn gleichgestaltet worden, indem sie das Schick­sal aller Gerechten vorwegnahm. Und wir glauben, dass die heiligste Mutter Gottes, die neue Eva, die Mutter der Kirche,17 im Himmel ihre mütterliche Aufgabe gegenüber den Glie­dern Christi fortführt, indem sie beim Gebo­renwerden der Gläubigen in der Kirche und der Entfaltung des göttlichen Lebens in den Seelen der Erlösten mitwirkt.18

Wir glauben, dass in Adam alle gesündigt haben: Das bedeutet, dass die von ihm begangene Erbsünde die allen Menschen ge­meinsame menschliche Natur in einen Zu­stand hat fallen lassen, in dem sie die Folgen jener Schuld trägt, und der nicht mehr derje­nige Zustand ist, in dem sie sich am Anfang bei unseren Stammeltern befand, die in Hei­ligkeit und Gerechtigkeit geschaffen waren, und in dem der Mensch weder das Böse noch den Tod kannte. Es ist die derart verfallene menschliche Natur, der Gnade beraubt, mit der sie bekleidet war, in ihren eigenen natür­lichen Kräften verwundet und der Herrschaft des Todes unterworfen, die allen Menschen weitergegeben wird – und in diesem Sinne wird jeder Mensch in der Sünde geboren. Wir bekennen also mit dem Konzil von Tri­ent, dass die Erbsünde mit der menschlichen Natur weitergegeben wird, »nicht durch Nachahmung, sondern durch Fortpflan­zung«, und dass sie deshalb »einem jeden ei­gen« ist.19

Wir glauben, dass unser Herr Jesus Christus uns durch das Kreuzesopfer befreit hat von der Erbsünde und von allen persönlichen Sün­den, die ein jeder von uns begangen hat, und zwar – nach dem Wort des Apostels – derge­stalt: »Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden«20.

Wir glauben an die eine Taufe, die von unserem Herrn Jesus Christus zur Vergebung der Sün­den eingesetzt worden ist. Die Taufe muss auch den Kindern gespendet werden, die sich noch keiner persönlichen Sünde haben schuldig machen können, damit sie, ohne die überna­türliche Gnade geboren, wiedergeboren wer­den »aus dem Wasser und dem Heiligen Geist« zum göttlichen Leben in Jesus Christus.21

Wir glauben an die eine, heilige, katholi­sche und apostolische Kirche, die von Jesus Christus auf diesem Felsen erbaut wurde, der Petrus ist. Sie ist der mystische Leib Christi, zugleich die sichtbare Gesellschaft, die aus hierarchischen Organen besteht, und eine geistliche Gemeinschaft. Sie ist die irdische Kirche, das pilgernde Volk Gottes hier unten, und die mit himmlischen Gütern beschenkte Kirche. Sie ist der Keim und die Erstlingsfrucht des Reiches Gottes, durch den im Laufe der menschlichen Geschichte das Werk und die Schmerzen der Erlösung weitergehen und die nach ihrer volkommenen Vollendung jenseits der Zeit, in der Herrlichkeit, strebt22. Im Verlauf der Zeit formt der Herr Jesus seine Kirche durch die Sakramente, die aus seiner Fülle hervorgehen.23 Durch sie lässt die Kirche ihre Glieder am Geheimnis des todes und der Auferstehung Christi teilhaben, und zwar in der Gnade des Heiligen Geistes, der ihr Leben und Wirkung schenkt.24 Sie ist also heilig, auch wenn sie in ihrem Schoß Sünder beherbergt, da sie kein anderes Leben besitzt als dasjenige der Gnade: Indem sie an ihrem Leben teilhaben, heiligen sich ihre Glieder, ebenso wie sie, wenn sie sich dem Leben der Kirche entziehen, in Sünden und Unordnung fallen, welche das Ausstrahlen ihrer Heilig­keit verhindern. Daher leidet die Kirche und tut Buße wegen solcher Sünden, von denen ihre Kinder durch das Blut Christi und die Gabe des Heiligen Geistes zu heilen sie im Übrigen die Macht hat.

Sie ist Erbin der göttlichen Verheißungen und Tochter Abrahams dem Geiste nach durch Israel, dessen Schriften sie mit Liebe bewahrt und dessen Patriarchen und Prophe­ten sie verehrt; gegründet auf die Apostel und von Jahrhundert zu Jahrhundert Ver­mittlerin ihres immer lebendigen Wortes und ihrer Hirtenvollmachten im Nachfolger Petri und in den Bischöfen, die in Gemeinschaft mit ihm stehen, und mit dem stetigen Bei­stand des Heiligen Geistes. Die Kirche hat die Sendung, die Wahrheit zu hüten, zu lehren, zu erklären und zu verbreiten, die Gott in ei­ner noch verhüllten Weise durch die Prophe­ten und in ihrer Vollgestalt durch unseren Herrn Jesus bekannt gemacht hat.

Wir glauben all das, was im Wort Gottes ent­halten ist, im geschriebenen und im überlie­ferten, und was die Kirche als von Gott Of­fenbartes zu glauben vorstellt, sei es durch ei­ne feierliche Entscheidung, sei es durch das gewöhnliche und universale Lehramt.25 Wir glauben an die Unfehlbarkeit, die der Nach­folger Petri genießt, wenn er als Hirt und Lehrer aller Gläubigen ex cathedra lehrt,26 und mit der auch das Kollegium der Bischöfe be­gabt ist, wenn es zusammen mit ihm das oberste Lehramt ausübt.27

Wir glauben, dass die Kirche, die Jesus ge­gründet und für die er gebetet hat, vollkommen die eine ist im Glauben, im Kult und im Band der hierarchischen Gemeinschaft. Im Schoße dieser Kirche zeigt sowohl die reiche Vielfalt der liturgischen Riten als auch die le­gitime Verschiedenheit der theologischen und geistlichen Überlieferungen und der je­weiligen Lebensordnungen, weit davon ent­fernt, dieser Einheit zu schaden, diese viel­mehr deutlicher auf.28

Ferner: In Anerkennung dessen, dass au­ßerhalb des Gefüges der Kirche Christi viel­fältige Elemente der Wahrheit und der Heili­gung zu finden sind, die als ihr eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen,29 und im Glauben an das Wirken des Heiligen Geis­tes, der im Herzen der Jünger Christi die Lie­be zu dieser Einheit wachruft,30 nähren Wir die Hoffnung, dass die Christen, die sich noch nicht in voller Einheit mit der einen Kirche befinden, sich eines Tages in einer ein­zigen Herde mit einem einzigen Hirten verei­nigen werden.

Wir glauben, dass die Kirche zum Heil not­wendig ist, weil Christus, der der einzige Mittler und der einzige Weg zum Heil ist, sich für uns gegenwärtig macht in seinem Leib, der die Kirche ist.31 Aber der göttliche Heils­plan umfasst alle Menschen. Und diejenigen, die ohne eigene Schuld das Evangelium Christi und seine Kirche nicht kennen, aber aufrichtig Gott suchen und unter dem Ein­fluss seiner Gnade seinen Willen zu erfüllen suchen, den sie in den Weisungen ihres Ge­wissens erkennen, können ebenfalls in einer Anzahl, die nur Gott kennt, das Heil erlan­gen.32

Wir glauben, dass die Messe, die vom Priester gefeiert wird, der kraft der im Sakrament der Weihe empfangenen Vollmacht die Person Christi repräsentiert, und die von ihm darge­bracht wird im Namen Christi und der Glie­der seines mystischen Leibes, das Opfer von Golgota ist, das auf unseren Altären sakra­mental gegenwärtig gemacht wird.

Wir glauben, dass ebenso, wie das geweihte Brot und der geweihte Wein beim Letzten Abendmahl vom Herrn in seinen Leib und sein Blut verwandelt wurden, die bald darauf für uns am Kreuz geopfert wurden, auch Brot und Wein, die vom Priester geweiht werden, in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden, der in Herrlichkeit im Himmel herrscht; und wir glauben, dass die geheimnis­volle Gegenwart des Herrn unter der Hülle dessen, was weiterhin wie vorher unseren Sinnen erscheint, eine wahre, reale und subs­tanzielle ist.33

Deshalb kann Christus in diesem Sakra­ment nur dadurch gegenwärtig sein, dass die Wirklichkeit selbst des Brotes in seinen Leib und die Wirklichkeit selbst des Weines in sein Blut verwandelt wird, während lediglich die von unseren Sinnen wahrgenommenen Ei­genschaften des Brotes und des Weines un­verändert bleiben. Diese geheimnisvolle Ver­wandlung wird von der Kirche sehr an­gemessen als Transsubstantiation bezeichnet. Jede theologische Erläuterung, die in irgend­einer Weise dieses Geheimnis zu durchdrin­gen versucht, muss, um im Einklang mit dem katholischen Glauben zu stehen, unzweideu­tig daran festhalten, dass in der objektiven Wirklichkeit, unabhängig von unserem Geist, Brot und Wein nach der Wandlung zu existie­ren aufgehört haben, da sie ja von diesem Au­genblick an der anbetungswürdige Leib und das Blut unseres Herrn Jesus sind,34 der wirk­lich bei uns ist unter den sakramentalen Ge­stalten des Brotes und des Weines, um sich uns zur Speise zu geben und um uns mit der Einheit seines mystischen Leibes zu verbin­den.35

Die einzige und unteilbare Existenz des verherrlichten Herrn im Himmel wird nicht vervielfacht, sondern durch das Sakrament gegenwärtig gemacht an den vielen Orten auf der Erde, wo die Messe gefeiert wird. Nach dem Opfer bleibt diese Existenz im heiligen Sakrament gegenwärtig, das im Tabernakel das lebendige Herz einer jeden unserer Kir­chen ist. Und es ist für uns eine höchst erfreu­liche Pflicht, in der heiligen Hostie, welche unsere Augen sehen, das menschgewordene Wort zu ehren und anzubeten, das diese nicht sehen können und das, ohne den Himmel zu verlassen, sich bei uns vergegenwärtigt.

Wir bekennen, dass das Reich Gottes, das hier unten in der Kirche Christi begonnen hat, nicht von dieser Welt ist, deren Gestalt ver­geht, und dass sein wahres Wachstum nicht verwechselt werden darf mit dem Fortschritt der menschlichen Zivilisation, der Wissen­schaft und Technik, sondern darin besteht, dass die unerforschlichen Reichtümer Christi immer tiefer erkannt, die ewigen Güter mit immer größerer Kraft erhofft, die Liebe Got­tes auf eine immer glühendere Weise beant­wortet wird und dass die Gnade und die Hei­ligkeit sich unter den Menschen in immer größerem Überfluss ausbreiten. Aber es ist diese Liebe selbst, welche die Kirche dazu bringt, unablässig für das wahre zeitliche Wohl der Menschen Sorge zu tragen. Wäh­rend sie nicht aufhört, ihre Kinder daran zu erinnern, dass sie hier keine bleibende Wohn­statt haben, treibt sie sie auch an, zum Wohl ihres irdischen Gemeinwesens beizutragen ­jeder nach seiner Berufung und seinen Mög­lichkeiten -, die Gerechtigkeit, den Frieden und die Brüderlichkeit unter den Menschen zu fördern und ihren Schwestern und Brü­dern großzügige Hilfe zuteilwerden zu las­sen, besonders den Ärmsten und Bedürftigs­ten. Die intensive Sorge der Kirche, der Braut Christi, für die Nöte der Menschen, für ihre Freuden und ihre Hoffnungen, für ihre Mü­hen und ihre Beschwernisse ist also nichts anderes als ihre große Sehnsucht, bei ihnen gegenwärtig zu sein, um sie mit dem Licht Christi zu erleuchten und sie alle mit Ihm, ih­rem einzigen Retter, zu vereinen. Diese Sorge darf niemals bedeuten, dass die Kirche sich selbst den Dingen dieser Welt angleicht oder dass sie den Eifer auf die Erwartung ihres Herrn und des ewigen Reiches vermindert.

Wir glauben an das ewige Leben.

Wir glauben, dass die Seelen all derer, die in der Gnade Christi sterben, sei es, dass sie noch im Fegefeuer gereinigt werden müssen, sei es, dass sie von dem Moment an, in dem sie ihren Körper verlassen, von Jesus im Para­dies empfangen werden, wie Er es im Falle des guten Schächers getan hat, das Volk Got­tes im Jenseits des Todes ausmachen. Dieser wird am Tag der Auferstehung endgültig be­siegt werden, wenn diese Seelen wieder mit ihren Körpern vereinigt werden.

Wir glauben, dass die Schar der Seelen, die um Jesus und Maria im Paradies versammelt sind, die himmlische Kirche bilden, wo sie in ewiger Seligkeit Gott sehen, wie er ist,36 und wo sie auch, in jeweils verschiedenem Grade und in verschiedener Weise, zusammen mit den heiligen Engeln an der göttlichen Regie­rung beteiligt sind, die der verherrlichte Christus ausübt, indem sie für uns eintreten und unserer Schwachheit durch ihre brüder­liche Sorge zu Hilfe kommen.37

Wir glauben an die Gemeinschaft unter allen, die an Christus glauben, derjenigen, die Pil­ger auf dieser Erde sind, der Verstorbenen, die ihre Reinigung vollziehen, und der Seli­gen im Himmel, die alle zusammen eine ein­zige Kirche bilden. Wir glauben, dass in dieser Gemeinschaft die barmherzige Liebe Gottes und seiner Heiligen beständig unsere Gebete hört, gemäß dem Wort Jesu: »Bittet, dann wird euch gegeben.«38 Und durch den Glau­ben und in der Hoffnung erwarten wir die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.

Gott, der heilig, heilig, heilig ist, sei gepriesen. Amen.

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Fußnoten:

1 Vgl. DH (Denzinger/Hünermann) 3002.
2 Vgl. Ex 3,14.
3 Vgl. 1 Joh 4,8.
4 Vgl. 1 Tim 6,16.
5 Vgl. DH 804.4 Vgl. 1 Tim 6,16.
6 Vgl. DH 75. Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. DH 150.
9 Vgl. DH 76.
10 Mt 5,48. 11
11 Vgl. DH, 251-252.
12 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium
13 Vgl. DH, 2803.
14 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium 53.
15 Vgl. ebd. 53, 58, 61.
16 Vgl. DH 3903.
17 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 53, 58, 61; vgl. Paul VI., Ansprache zum Abschluss der dritten Sitzungsperiode des II. Vatika­nischen Konzils, in: Acta Apostolicae Sedis 56 (1964), 1016; Apostolisches Schreiben Signum magnum, Ein­leitung.
18 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 53; Paul VI., Apostolisches Schreiben Signum magnum, S. 1, Nr. 1.
19 Vgl. DH 1513.
20 Vgl. Röm 5,20.
21 Vgl. DH 1514.
22 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 8, 50.
23 ebd. 7, 11.
24 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Sacrosanctum concilium 5, 6; II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium 7, 12, 50.
25 Vgl. DH 3011.
26 Vgl. DH 3074.
27 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 25.
28 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion, Lumen gentium 23; II. Vatikanisches Konzil, De­kret Orientalium Ecclesiarurn 2, 3, 5, 6.
29 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 8.
30 Vgl. ebd. 15.
31 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 14.
32 Vgl. ebd. 16.
33 Vgl. DH 1651.
34 Vgl. ebd. 1642 und 1651-1654; Paul VI., Enzyklika Mysterium Fidei.
35 Vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae III, q. 73, a. 3.
36 Vgl. 1 Joh 3,2; DH 1000. 37
37 Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitu­tion Lumen gentium 49.
38 Lk 11,9-10; Joh 16,24.


Der authentische und
unversehrte Glaube als
Fundament eines wahrhaft
christlichen Lebens

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« be­kommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine ­mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glau­bens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Frei­heit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache ver­breitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsäch­lichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maß­geblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem ob­jektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zu­stimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzu­gekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinan­der unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamenta­len Punkte Licht und Ordnung hineinzubrin­gen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammen­treffen des objektiven Glaubens (der zu glau­benden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustim­mung zu diesen Wahrheiten) stets zu verge­genwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksam­keit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Funda­ment und die Wurzel jeder Rechtfertigung -, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Ein­heit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute — im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste — der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper fins­ter sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glau­bensakt ist heute auch psychologisch schwie­riger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Er­kenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem ge­messen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirk­lichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaf­ten Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, histori­schen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Mei­nungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glau­be Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurück­zugeben, diesen auf einige grundlegende Sät­ze reduzieren, von denen sie glauben, sie sei­en der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich ­auch wenn sie sich mit dem Schein der Wis­senschaftlichkeit umgibt – und wie verderb­lich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzen­den Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefal­len, und einige aufrechtzuerhalten, die für ge­fälliger gehalten werden. Und dann gibt es ei­nige, die die Lehren des Glaubens der moder­nen Mentalität anzupassen versuchen und da­bei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemü­hen – das an sich durchaus Lob und Verständ­nis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszu­drücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg ge­wichen, aus dem heraus gewisse »schwieri­ge Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben be­trifft, was werden wir tun, nachdem wir ehr­lich und beharrlich zugehört, studiert, medi­tiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangeli­um gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wert­schätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf mei­nem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Bei­spiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Den­ken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zu­stimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, ge­wiss aufgrund der Übereinstimmung der Be­weise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürch­te, von denen unser nach Licht dürstendes Le­ben voll ist, und dass er den Widerstand der­jenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, be­kämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen He­rausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, wel­che die dialektischen und spirituellen Schwie­rigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Ge­spräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die in­nere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hi­neinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein mo­ralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfah­rung meines Denkens und meines Empfin­dens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsam­keit gegenüber der Tradition und der Autori­tät des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen wer­den mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Dies ist die Zeit

Dies ist die entscheidende Zeit, die Zeit des Glaubens, die Zeit, die das Wort Jesu, auch wenn es nicht verstanden wird, in seiner vollen Gestalt annimmt: die Zeit, in der wir das „Geheimnis des Glaubens“ feiern.

VIII, 236 (26. März 1970)

Dies ist, mehr als je zuvor, die Zeit der Klarheit für den Glauben der Kirche.

VIII, 587 (18. Mai 1970)

Es ist eine schwierige Zeit, die wir durchschreiten.
Alles bewegt sich, alles scheint sich von der Religion, vom Glauben, vom moralischen Gesetz zu lösen. Alles wird zum Problem. Es ist eine Zeit des Sturms.

IX, 538 (19. Juni 1971)

Dies ist die Zeit des starken Willens, der großen Entscheidungen:
Die Stimme Christi ruft uns alle, uns ganz und gar für die Brüder zu engagieren.
Niemand soll fernbleiben.

IX, 1119 (23. Dezember 1971)

Dies ist die große und entscheidende Zeit, für die es des Mutes bedarf, mit offenen Augen und unerschrockenem Herzen zu leben.

XIV, 17 (7. Januar 1976)

Ja, die Zeit ist gekommen, durch karitatives, gutes, umsichiges, soziales und brüderliches Handeln unseren Glauben zu bezeugen. Und möge es der Wille des Herrn sein, dass wir bereit und aufnahmefähig sind für den Ruf des Evangeliums zu einem neuen und wahren Fortschritt des Menschen.

XIV, 885 (27. Oktober 1976)

sapienza

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

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Quelle: Buch: „Papst Paul VI. und der Glaube“ – Leonardo Sapienza, Media Maria Verlag, 1. Auflage 2014 (112 Seiten) – Alle Rechte vorbehalten – © Media Maria Verlag, Illertissen 2014, Übersetzung: Udo Richter, ISBN 978-3-9454010-2-6 – www.media-maria.de

DER SELIGE PAPST PAUL VI.: Die Prinzipien der kirchlichen Lehre über die Ehe und die Weitergabe des Lebens

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Aus seiner Enzyklika HUMANAE VITAE (25. Juli 1968) über

die Weitergabe des Lebens


Gesamtschau des Menschen

7. Die Frage der Weitergabe menschlichen Lebens darf – wie jede andere Frage, die das menschliche Leben angeht – nicht nur unter biologischen, psychologischen, demographischen, soziologischen Gesichtspunkten gesehen werden; man muß vielmehr den ganzen Menschen im Auge behalten, die gesamte Aufgabe, zu der er berufen ist; nicht nur seine natürliche und irdische Existenz, sondern auch seine übernatürliche und ewige. Da nun viele, die sich für künstliche Geburtenregelung einsetzen, sich dabei auf die Forderungen der ehelichen Liebe und der verantwortlichen Elternschaft berufen, ist es nötig, diese beiden bedeutsamen Elemente des ehelichen Lebens genauer zu bestimmen und zu beleuchten. – Dabei wollen Wir vor allem zurückgreifen auf die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes„, in der sich jüngst das Zweite Vatikanische Konzil mit sehr hoher Autorität dazu geäußert hat.

Die eheliche Liebe

8. Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der „Liebe ist (6)“, von ihm, dem Vater, „nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt (7)“. Weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, daß sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschließlich ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden, um mit Gott zusammenzuwirken bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens. Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen Gnadenzeichens, und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche zum Ausdruck.

Eigenart der ehelichen Liebe

9. In diesem Licht wird die besondere Eigenart und Forderung der ehelichen Liebe deutlich. Es kommt sehr darauf an, daß man davon die rechte Vorstellung hat. An erster Stelle müssen wir sie als vollmenschliche Liebe sehen; das heißt als sinnenhaft und geistig zugleich. Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung. Weiterhin ist es Liebe, die aufs Ganze geht; jene besondere Form personaler Freundschaft, in der die Gatten alles großherzig miteinander teilen, weder unberechtigte Vorbehalte machen noch ihren eigenen Vorteil suchen. Wer seinen Gatten wirklich liebt, liebt ihn um seiner selbst willen, nicht nur wegen dessen, was er von ihm empfängt. Und es ist seine Freude, daß er durch seine Ganzhingabe bereichern darf. Die Liebe der Gatten ist zudem treu und ausschließlich bis zum Ende des Lebens; so wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewußt durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben. Niemand kann behaupten, daß die Treue der Gatten – mag sie auch bisweilen schwer werden – unmöglich sei. Im Gegenteil. Zu allen Zeiten hatte sie ihren Adel und reiche Verdienste. Beispiele sehr vieler Ehepaare im Lauf der Jahrhunderte sind der Beweis dafür: Treue entspricht nicht nur dem Wesen der Ehe, sie ist darüber hinaus eine Quelle innigen, dauernden Glücks. Diese Liebe ist schließlich fruchtbar, da sie nicht ganz in der ehelichen Vereinigung aufgeht, sondern darüber hinaus fortzudauern strebt und neues Leben wecken will. „Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiß die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei (8).“

Verantwortliche Elternschaft

10. Deshalb fordert die Liebe von den Ehegatten, daß sie ihre Aufgabe verantwortlicher Elternschaft richtig erkennen. Diese Aufgabe, auf die man heute mit gutem Recht ganz besonderen Wert legt, muß darum richtig verstanden werden. Sie muß aber unter verschiedenen berechtigten, miteinander zusammenhängenden Gesichtspunkten betrachtet werden. Was zunächst die biologischen Vorgänge angeht, bedeutet verantwortungsbewußte Elternschaft die Kenntnis und die Beachtung der mit ihnen zusammenhängenden Funktionen. So vermag der Mensch in seinen Fortpflanzungskräften die biologischen Gesetze zu entdecken, die zur menschlichen Person gehören (9). Was dann psychologisch Trieb und Leidenschaft betrifft, so meint verantwortungsbewußte Elternschaft ihre erforderliche Beherrschung durch Vernunft und Willen. Im Hinblick schließlich auf die gesundheitliche, wirtschaftliche, seelische und soziale Situation bedeutet verantwortungsbewußte Elternschaft, daß man entweder, nach klug abwägender Überlegung, sich hochherzig zu einem größeren Kinderreichtum entschließt, oder bei ernsten Gründen und unter Beobachtung des Sittengesetzes zur Entscheidung kommt, zeitweise oder dauernd auf weitere Kinder zu verzichten. Endlich und vor allem hat verantwortungsbewußte Elternschaft einen inneren Bezug zur sogenannten objektiven sittlichen Ordnung, die auf Gott zurückzuführen ist, und deren Deuterin das rechte Gewissen ist. Die Aufgabe verantwortungsbewußter Elternschaft verlangt von den Gatten, daß sie in Wahrung der rechten Güter- und Wertordnung ihre Pflichten gegenüber Gott, sich selbst, gegenüber ihrer Familie und der menschlichen Gesellschaft anerkennen. Daraus folgt, daß sie bei der Aufgabe, das Leben weiterzugeben, keineswegs ihrer Willkür folgen dürfen, gleichsam als hinge die Bestimmung der sittlich gangbaren Wege von ihrem eigenen und freien Ermessen ab. Sie sind vielmehr verpflichtet, ihr Verhalten auf den göttlichen Schöpfungsplan auszurichten, der einerseits im Wesen der Ehe selbst und ihrer Akte zum Ausdruck kommt, den anderseits die beständige Lehre der Kirche kundtut (10).

Achtung vor dem Wesen und der Zielsetzung des ehelichen Aktes

11. Jene Akte, die eine intime und keusche Vereinigung der Gatten darstellen und die das menschliche Leben weitertragen, sind, wie das letzte Konzil betont hat, „zu achten und zu ehren (11)“; sie bleiben auch sittlich erlaubt bei vorauszusehender Unfruchtbarkeit, wenn deren Ursache keineswegs im Willen der Gatten liegt; denn die Bestimmung dieser Akte, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken, bleibt bestehen. Wie die Erfahrung lehrt, geht tatsächlich nicht aus jedem ehelichen Verkehr neues Leben hervor. Gott hat ja die natürlichen Gesetze und Zeiten der Fruchtbarkeit in seiner Weisheit so gefügt, daß diese schon von selbst Abstände in der Aufeinanderfolge der Geburten schaffen. Indem die Kirche die Menschen zur Beobachtung des von ihr in beständiger Lehre ausgelegten natürlichen Sittengesetzes anhält, lehrt sie nun, daß „jeder eheliche Akt“ von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muß (12).

Untrennbarkeit von liebender Vereinigung und Fortpflanzung

12. Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.

Treue zum Schöpfungsplan Gottes

13. Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt. Ebenso muß man dann auch, wenn man darüber nachdenkt, zugeben: Ein Akt gegenseitiger Liebe widerspricht dem göttlichen Plan, nach dem die Ehe entworfen ist, und dem Willen des ersten Urhebers menschlichen Lebens, wenn er der vom Schöpfergott in ihn nach besonderen Gesetzen hineingelegten Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist. Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen. Wer das Geschenk ehelicher Liebe genießt und sich dabei an die Zeugungsgesetze hält, der verhält sich nicht, als wäre er Herr über die Quellen des Lebens, sondern er stellt sich vielmehr in den Dienst des auf den Schöpfer zurückgehenden Planes. Wie nämlich der Mensch ganz allgemein keine unbeschränkte Verfügungsmacht über seinen Körper hat, so im besonderen auch nicht über die Zeugungskräfte als solche, sind doch diese ihrer innersten Natur nach auf die Weckung menschlichen Lebens angelegt, dessen Ursprung Gott ist. „Das menschliche Leben muß allen etwas Heiliges sein“, mahnt Unser Vorgänger Johannes XXIII., „denn es verlangt von seinem ersten Aufkeimen an das schöpferische Eingreifen Gottes (13).“

Unerlaubte Wege der Geburtenregelung

14. Gemäß diesen fundamentalen Grundsätzen menschlicher und christlicher Eheauffassung müssen Wir noch einmal öffentlich erklären: Der direkte Abbruch einer begonnenen Zeugung, vor allem die direkte Abtreibung – auch wenn zu Heilzwecken vorgenommen -, sind kein rechtmäßiger Weg, die Zahl der Kinder zu beschränken, und daher absolut zu verwerfen (14). Gleicherweise muß, wie das kirchliche Lehramt des öfteren dargetan hat, die direkte, dauernde oder zeitlich begrenzte Sterilisierung des Mannes oder der Frau verurteilt werden (15). Ebenso ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel (16). Man darf, um diese absichtlich unfruchtbar gemachten ehelichen Akte zu rechtfertigen, nicht als Argument geltend machen, man müsse das Übel wählen, das als das weniger schwere erscheine; auch nicht, daß solche Akte eine gewisse Einheit darstellen mit früheren oder nachfolgenden fruchtbaren Akten und deshalb an ihrer einen und gleichen Gutheit teilhaben. Wenn es auch zuweilen erlaubt ist, das kleinere sittliche Übel zu dulden, um ein größeres zu verhindern oder um etwas sittlich Höherwertiges zu fördern (17), so ist es dennoch niemals erlaubt – auch aus noch so ernsten Gründen nicht -, Böses zu tun um eines guten Zweckes willen18: das heißt etwas zu wollen, was seiner Natur nach die sittliche Ordnung verletzt und deshalb als des Menschen unwürdig gelten muß; das gilt auch, wenn dies mit der Absicht geschieht, das Wohl des einzelnen, der Familie oder der menschlichen Gesellschaft zu schützen oder zu fördern. Völlig irrig ist deshalb die Meinung, ein absichtlich unfruchtbar gemachter und damit in sich unsittlicher ehelicher Akt könne durch die fruchtbaren ehelichen Akte des gesamtehelichen Lebens seine Rechtfertigung erhalten.

Erlaubtheit therapeutischer Mittel

15. Die Kirche hält aber jene therapeutischen Maßnahmen, die zur Heilung körperlicher Krankheiten notwendig sind, nicht für unerlaubt, auch wenn daraus aller Voraussicht nach eine Zeugungsverhinderung eintritt. Voraussetzung dabei ist, daß diese Verhinderung nicht aus irgendeinem Grunde direkt angestrebt wird (19).

Erlaubte Inanspruchnahme unfruchtbarer Perioden

16. Allein dieser Lehre der Kirche über die Gestaltung der ehelichen Sittlichkeit halten einige heute entgegen, wie schon oben (Nr. 3) erwähnt, es sei Recht und Aufgabe der menschlichen Vernunft, die ihr von der Naturwelt dargebotenen Kräfte zu steuern und auf Ziele auszurichten, die dem Wohl des Menschen entsprechen. Ja, man fragt: Ist nicht in diesem Zusammenhang in vielen Situationen künstliche Geburtenregelung vernünftiger, wenn man nämlich damit mehr Frieden und Eintracht in der Familie erreichen und für die Erziehung schon lebender Kinder bessere Bedingungen schaffen kann? Auf diese Frage ist entschieden zu antworten: Die Kirche ist die erste, die den Einsatz der menschlichen Vernunft anerkennt und empfiehlt, wenn es um ein Werk geht, das den vernunftbegabten Menschen so eng mit seinem Schöpfer verbindet; aber ebenso betont sie, daß man sich dabei an die von Gott gesetzte Ordnung halten muß. Wenn also gerechte Gründe dafür sprechen, Abstände einzuhalten in der Reihenfolge der Geburten – Gründe, die sich aus der körperlichen oder seelischen Situation der Gatten oder aus äußeren Verhältnissen ergeben -, ist es nach kirchlicher Lehre den Gatten erlaubt, dem natürlichen Zyklus der Zeugungsfunktionen zu folgen, dabei den ehelichen Verkehr auf die empfängnisfreien Zeiten zu beschränken und die Kinderzahl so zu planen, daß die oben dargelegten sittlichen Grundsätze nicht verletzt werden (20). Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft auch wenn für diese andere Praxis immer wieder ehrbare und schwerwiegende Gründe angeführt werden. Tatsächlich handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: bei der ersten machen die Eheleute von einer naturgegebenen Möglichkeit rechtmäßig Gebrauch; bei der anderen dagegen hindern sie den Zeugungsvorgang bei seinem natürlichen Ablauf. Zweifellos sind in beiden Fällen die Gatten sich einig, daß sie aus guten Gründen Kinder vermeiden wollen, und dabei möchten sie auch sicher sein. Jedoch ist zu bemerken, daß nur im ersten Fall die Gatten sich in fruchtbaren Zeiten des ehelichen Verkehrs enthalten können, wenn aus berechtigten Gründen keine weiteren Kinder mehr wünschenswert sind. In den empfängnisfreien Zeiten aber vollziehen sie dann den ehelichen Verkehr zur Bezeugung der gegenseitigen Liebe und zur Wahrung der versprochenen Treue. Wenn die Eheleute sich so verhalten, geben sie wirklich ein Zeugnis der rechten Liebe.

Ernste Folgen der Methoden einer künstlichen Geburtenregelung

17. Verständige Menschen können sich noch besser von der Wahrheit der kirchlichen Lehre überzeugen, wenn sie ihr Augenmerk auf die Folgen der Methoden der künstlichen Geburtenregelung richten. Man sollte vor allem bedenken, wie bei solcher Handlungsweise sich ein breiter und leichter Weg einerseits zur ehelichen Untreue, anderseits zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht auftun könnte. Man braucht nicht viel Erfahrung, um zu wissen, wie schwach der Mensch ist, und um zu begreifen, daß der Mensch – besonders der Jugendliche, der gegenüber seiner Triebwelt so verwundbar ist – anspornender Hilfe bedarf, um das Sittengesetz zu beobachten, und daß es unverantwortlich wäre, wenn man ihm die Verletzung des Gesetzes selbst erleichterte. Auch muß man wohl befürchten: Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnt haben, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren, und, ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet. Schließlich ist sehr zu bedenken, welch gefährliche Macht man auf diese Weise jenen staatlichen Behörden in die Hand gäbe, die sich über sittliche Grundsätze hinwegsetzen. Wer könnte es Staatsregierungen verwehren, zur Überwindung der Schwierigkeiten ihrer Nationen für sich in Anspruch zu nehmen, was man Ehegatten als erlaubte Lösung ihrer Familienprobleme zugesteht? Wer könnte Regierungen hindern, empfängnisverhütende Methoden zu fördern, die ihnen am wirksamsten zu sein scheinen, ja sogar ihre Anwendung allgemein vorzuschreiben, wo immer es ihnen notwendig erscheint? Auf diese Weise könnte es geschehen, daß man, um Schwierigkeiten persönlicher, familiärer oder sozialer Art, die sich aus der Befolgung des göttlichen Gesetzes ergeben, zu vermeiden, es dem Ermessen staatlicher Behörden zugestände, sich in die ganz persönliche und intime Aufgabe der Eheleute einzumischen. Will man nicht den Dienst an der Weitergabe des Lebens menschlicher Willkür überlassen, dann muß man für die Verfügungsmacht des Menschen über den eigenen Körper und seine natürlichen Funktionen unüberschreitbare Grenzen anerkennen, die von niemand, sei es Privatperson oder öffentliche Autorität, verletzt werden dürfen. Diese Grenzen bestimmen sich einzig aus der Ehrfurcht, die dem menschlichen Leibe in seiner Ganzheit und seinen natürlichen Funktionen geschuldet wird: und zwar entsprechend den oben dargelegten Grundsätzen und dem recht verstandenen sogenannten Ganzheitsprinzip, so wie es Unser Vorgänger Pius XII. erläutert hat (21).

Die Kirche als Garant der wahren Werte des Menschen

18. Es ist vorauszusehen, daß vielleicht nicht alle diese überkommene Lehre ohne weiteres annehmen werden; es werden sich, verstärkt durch die modernen Kommunikationsmittel, zu viele Gegenstimmen gegen das Wort der Kirche erheben. Die Kirche aber, die es nicht überrascht, daß sie ebenso wie ihr göttlicher Stifter gesetzt ist „zum Zeichen, dem widersprochen wird (22)“, steht dennoch zu ihrem Auftrag, das gesamte Sittengesetz, das natürliche und evangelische, demütig, aber auch fest zu verkünden. Die Kirche ist ja nicht Urheberin dieser beiden Gesetze; sie kann deshalb darüber nicht nach eigenem Ermessen entscheiden, sondern nur Wächterin und Auslegerin sein; niemals darf sie etwas für erlaubt erklären, was in Wirklichkeit unerlaubt ist, weil das seiner Natur nach dem wahren Wohl des Menschen widerspricht. Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiß die Kirche sehr wohl, daß sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, daß er sich auf technische Mittel verläßt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, daß ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, daß er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist (23).

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Quelle

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