Kardinal Woelki rät von Anpassung des Glaubens an Zeitgeist ab

Bild: (c) katholisch.de Archivbild

„Vielstimmiger Chor“ versuche Offenbarung Gottes zu relativieren

Nur der Glaube, wie er von den Aposteln grundgelegt und durch die Zeiten hindurch bewahrt worden sei, garantiere, „dass wir nicht Irrlichtern aufsitzen und von ihnen in die Irre geführt werden“, mahnt Kardinal Rainer Maria Woelki.

Köln – 06.01.2020

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki rät von einer Anpassung des christlichen Glaubens an den Zeitgeist ab. In der Vielfalt von Heilsangeboten heutzutage scheine selbst in der Kirche eine Orientierung auf das wahre Heil schwer geworden zu sein, sagte er laut Redemanuskript anlässlich des Fests der Heiligen Drei Könige am Montag im Kölner Dom. Ein „vielstimmiger Chor von Meinungen, persönlichen Anschauungen und Interessen“ versuche dort derzeit die Offenbarung Gottes und den Glauben der Kirche zu relativieren und an die Zeit anzupassen.

„Wer keine Ausrichtung mehr hat, verliert die Richtung“

Ein solcher Glaube aber stelle keine überzeugende Alternative zu den anderen Angeboten mehr dar, so der Kardinal. „Wer keine Ausrichtung mehr hat, verliert die Richtung. Und wer die Richtung verliert, verliert das Leben; der verliert seine Relevanz als eine echte, ernstzunehmende Alternative im Konzert säkularer Stimmenvielfalt.“ Nur der Glaube, wie er von den Aposteln grundgelegt und durch die Zeiten hindurch bewahrt worden sei, garantiere, „dass wir nicht Irrlichtern aufsitzen und von ihnen in die Irre geführt werden“, sagte Woelki.

Wie die Heiligen Drei Könige sollten Christen auch heute allein und ausschließlich Christus als das Licht der Welt suchen, verkünden und preisen. Dieses Licht, in dem sich die Wahrheit und das Leben Gottes offenbare, drohe heute in den Herzen vieler Menschen mehr und mehr zu verlöschen, so der Kardinal.

Am 6. Januar feiert die katholische Kirche traditionell das Fest Epiphanie (Erscheinung des Herrn). Im Volksmund wird es auch Heilige Drei Könige genannt. Nach einer Legende wurden deren Gebeine zunächst in Konstantinopel aufbewahrt. Später sollen die sterblichen Überreste nach Mailand gelangt sein. Der Kölner Erzbischof und Reichskanzler von Kaiser Barbarossa, Rainald von Dassel, überführte die Gebeine 1164 nach Köln, wo sie verehrt und im sogenannten Dreikönigenschrein aufbewahrt werden. (KNA)

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Quelle

Angelus: Glaubensbekenntnis darf sich nicht auf Worte beschränken

Beim Angelusgebet an diesem Sonntag (Vatican Media )

Ein auf bloße Formeln reduzierter Glaube ist ein kurzsichtiger Glaube. Daran hat Papst Franziskus am Sonntag beim Angelusgebet erinnert. Gott möchte von den Gläubigen, dass sie „eine persönliche Beziehung zu ihm aufbauen“.

Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Franziskus ging vom Sonntagsevangeliums (Mk 8,27-35) aus, in dem Jesus die Jünger zunächst fragte, für wen ihn die Menschen halten, und dieselbe Frage dann den Jüngern selbst stellte. Jesus sei nicht an seinem „Image“ bei den Leuten und am Gerede interessiert gewesen, stellte der Papst klar. Er habe auch nicht akzeptiert, dass die Jünger seine Frage „mit vorgefertigten Formeln beantworten und dabei berühmte Persönlichkeiten aus der Heiligen Schrift zitieren, denn ein Glaube, der auf Formeln reduziert ist, ist ein kurzsichtiger Glaube“.

Vielmehr wünsche Gott, dass seine Nachfolger „von gestern und heute mit ihm eine persönliche Beziehung aufbauen und ihn in der Mitte ihres Lebens aufnehmen“. Franziskus forderte die Anwesenden auf, jeder für sich im Stillen die Frage Jesu zu beantworten: Wer bin ich für dich?

“ …der verdient den heilsamen Vorwurf Jesu: ,Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen!´ ”

Dabei könne es durchaus passieren, dass jemand mit Protest, Rebellion und Unverständnis auf den Kreuzestod Jesu reagierte, den dieser seinen Jüngern ankündigte. Der „beschwerliche Weg des leidenden, gedemütigten, verworfenen und gekreuzigten Dieners“ entspreche nicht den weltlichen Erwartungen, sagte der Papst. Wer allerdings diese Reaktion zeige, der verdiene so wie damals Petrus „den heilsamen Vorwurf Jesu: ,Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen´.“

Franziskus warnte auch davor, den Glauben auf bloße Worte zu beschränken. Das Glaubensbekenntnis verlange vielmehr nach einer Bestätigung in der Tat, „durch konkrete Entscheidungen und Gesten, durch ein von der Liebe Gottes geprägtes Leben, durch ein großes Leben, durch ein Leben mit viel Liebe und Nächstenliebe“.

Ein Applaus für Don Pino Puglisi

Franziskus erinnerte auch kurz an seine Reise vom Samstag nach Palermo zu Ehren des von der Mafia ermordeten Priesters Pino Puglisi. „Don Puglisis Beispiel und Zeugnis erleuchten uns alle weiterhin und bestätigen uns, dass das Gute stärker ist als das Böse, die Liebe ist stärker als der Hass“, sagte der Papst. Er ließ die Pilger und Anwesenden auf dem Petersplatz einen Applaus für diesen Diener Gottes anstimmen, der am 15. September 1993 durch die Hand seiner Mörder starb und bedankte sich bei den Menschen von Sizilien für die Gastfreundschaft.

Nach dem Angelus ließ Franziskus auf dem Petersplatz 40.000 Taschen-Kruzifixe verteilen, also kleine Kreuze mit der Darstellung des Leibes Jesu bei seinem Tod am Karfreitag. „Das Kruzifix ist das Zeichen der Liebe Gottes, der in Jesus sein Leben für uns gegeben hat“, sagte Franziskus und verwies auf das Fest des Heiligen Kreuzes, das die Kirche zwei Tage davor begangen hatte. „Ich lade euch ein, dieses Geschenk anzunehmen und es in eure Häuser, in das Zimmer eurer Kinder oder Großeltern zu bringen…. Es ist kein Schmuckstück, sondern ein religiöses Zeichen für Kontemplation und Gebet. Ich danke den Schwestern, den Armen und den Flüchtlingen, die jetzt dieses kleine, aber feine Geschenk verteilen werden!“ Für die Aktion verantwortlich zeichnete das Päpstliche Almosenamt, 300 Arme und Migranten verteilten die Kruzifixe an die Anwesenden.

(Vatican News – gs)

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Ein heiliger Traum: Die Göttliche Liturgie vor dem heiligen Schweißtuch von Manoppello

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Das Antlitz des Erlösers im Blick: Die Göttliche Liturgie in Manoppello am 18. September 2016. Foto: CNA/Daniel Ibanez

Von Paul Badde / Die Tagespost

Es war ein einziges Wort, das für die Spaltung der Ost- und Westkirchen entscheidend wurde. Das war, als die Bischöfe des Westgotenreichs im Mai 581 im Konzil von Toledo dem damals 200 Jahre alten katholischen Glaubensbekenntnis des Konzils von Nizäa-Konstantinopel  das lateinische Wort „filioque“ hinzufügten. Das heißt auf deutsch: „und dem Sohn“. Seitdem beten die Christen des Westens in ihrem Credo: „wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht“, wo es bis heute in den Ostkirchen in der alten Fassung weiter heißt: „Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater hervor geht“. Dogmatischen Rang erhielt der Zusatz des Sohnes im Westen zuerst unter Papst Benedikt VIII. und dann noch einmal im Jahr 1215, als die Entfremdung zwischen Ost und West schon sehr weit gediehen war.

Doch im Grunde war es dieses eine und einzige Wort, das zum Stolper- und Meilenstein im Prozess der Spaltung zwischen der Ost- und Westkirche wurde. Abertausende höchst gelehrte Worte haben diese Spaltung danach und später nur vertieft und konnten sie nie heilen.

Und nun hat am 18. September 2016 ein einziges Bild die Ost- und Westkirche unterhalb des Radars aller Nachrichtenkanäle auf eine Weise zusammengeführt wie vielleicht noch nie zuvor. Das war, als an diesem Sonntag 70 orthodoxe Bischöfe mit zwei Kardinälen und etlichen römisch-katholischen Bischöfen und Geistlichen in dem Abruzzenstädtchen Manoppello die Göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos vor dem Schleierbild des „Heiligen Gesichts“ gefeiert haben, das dort über 300 Jahre lang in einer Seitenkapelle der Michaelskirche verborgen wurde, bis es  im Jahr 1923 nach dem großen Erdbeben von 1915 erstmals  in einem neu errichteten Aufbau über dem Hauptaltar öffentlich ausgestellt wurde, wo es seitdem Tag für Tag verehrt werden kann.

Zehn Jahre nach dem Besuch Papst Benedikt XVI. am 1. September 2006 in diesem Heiligtum war jetzt der Besuch dieser gemischten orthodoxen Synode mit ihren lateinischen Brüdern das bedeutendste Ereignis im Prozess der Wiederentdeckung dieser geheimnisvollen Urikone Christi, die in Konstantinopel lange als „Hagion Mandylion“ verehrt wurde, nachher in Rom  als „Sanctissimum Sudarium“ galt,  bevor der Schleier  dort auch noch „Sancta Veronica Ierosolymitana“ genannt wurde.

Jetzt waren es Metropoliten und Bischöfe des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel (aus Finnland, Estland, Kreta, Patmos, Malta, Großbritannien, Amerika, Australien,  dem Exarchat  der Philippinen, aus Europa und vom Berg Athos) und Patriarchen, Metropoliten und Erzbischöfe  von Alexandria ,  Antiochia, Damaskus, Jerusalem, der autonomen Kirche vom Berg Sinai,  und den orthodoxen Kirchen Rußlands,  Georgiens, Serbiens, Zyperns, Rumäniens, Griechenlands Polens, Albaniens, Tschechiens und der Slovakei, die vor das heilige Antlitz traten und Eucharistie feierten. Nur die bulgarische Kirche hatte keinen Vertreter geschickt. Die Wechselgesänge der wundervollen Liturgie waren in Italienisch, Russisch, Griechisch, Englisch, Rumänisch und Französisch. Metropolit Job Getcha von Telmessos, der dem Gottesdienst  als Vertreter des ökumenischen Patriarchen Bartholomäus aus Konstantinopel vorstand, rühmte in seiner Homilie auf Englisch das „nicht-von-Menschenhand-geschaffene Abbild Christi“ von Manoppello, das nach einigen Gelehrten mit dem Soudarion aus dem Auferstehungsevangelium des Johannes identisch sei, während  eine andere Tradition daran festhalte, dass  eine gewisse Veronika mit diesem Schleier das Gesicht Jesu auf dessen Kreuzweg abgewischt habe, auch wenn sie nicht in den kanonischen  Evangelien, sondern nur in den apokryphen „Pilatus-Akten“ erwähnt werde.

Erzbischof Bruno Forte aus dem nahen Chieti weiß, dass sich in dem Schleier weder Blutspuren noch irgendwelche Farbreste finden lassen. Jetzt war es seine Idee und Initiative gewesen, die Bischöfe vor das Antlitz Christi zu führen, das er gern als  „Polarstern der Christenheit“ rühmt. Er hat die Gruppe nach Manoppello eingeladen und den Teilnehmern im Reisebus von seinem Bischofsitz in Chieti bis zu dem Heiligtum eine gelehrte Einführung in das Schleierbild Christi gegeben.

In Chieti hatten alle Pilger zuvor als Teilnehmer in der 14. Vollversammlung einer gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen Katholiken und Orthodoxen teilgenommen und ein Dokument mit dem Titel „Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis von Synodalität und Primat im Dienst an der Einheit der Kirche“ diskutiert. Es war eine Debatte, die in der vorangegangenen Plenarsitzung in der jordanischen Haupstadt Amman 2014 begonnen hatte und  2015 in Rom weitergeführt worden war. Die Kommission ist das offizielle Organ des theologischen Dialoges zwischen Katholiken und Orthodoxen. Sie wurde 1979 gegründet und vereint 14 autokephale orthodoxe Kirchen, die jeweils von zwei Theologen vertreten werden, die meist Bischöfe sind, sowie verschiedene katholische Vertreter. Und nun folgte dieselbe Gruppe quasi auf einem synodalen Pilgerweg also jenem ersten spektakulären Schritt auf das Gesicht Christi zu, den Benedikt XVI. vor zehn Jahren gegen viele Widerstände als erster Papst nach über 400 Jahren unternommen hatte.

Dessen Nachfolger Papst Franziskus hat danach – am 30. November 2014 auf dem Rückflug von Istanbul nach Rom – den mitreisenden Journalisten erklärt: „Vorsicht: die Kirche hat kein eigenes Licht. Sie muss auf Jesus Christus schauen! Auf diesem Weg müssen wir mutig vorangehen.“  Und auf diesem Weg wurde die Göttliche Liturgie vor dem Göttlichen Gesicht an diesem Sonntag nun zu einem Meilenstein der Versöhnung auf dem Weg zur Einheit. Schwerer Regen war angekündigt. Doch es fielen schließlich nur einige Tropfen.

„Beten Sie für die Christen im Nahen Osten, wenn Sie vor dem Volto Santo beten. Sie haben es unsagbar schwer, “ sagte ein orientalischer Bischof nach dem Schlusssegen der deutschen Schwester Petra-Maria Steiner, die in Manoppello  viele Pilger in das Geheimnis vom Licht dieses Lichtbilds einführt. Zuvor hatte Anatoliy Grytskiv, der Protopresbyter von Chieti, zum Abschluss der Feier in einer leidenschaftlichen Bilanz auf italienisch noch das „Wunder“ dieser Begegnung gepriesen.

Und wie geht es nun weiter? „Wir haben heute der Barmherzigkeit Gottes ins Gesicht geschaut“, sagte Kurienkardinal Koch nach der Feier zuversichtlich gegenüber CNA vor dem Hauptportal der Basilika. „Wohl nur im Blick auf das Antlitz des Erlösers kann Einheit entstehen. Aber es bleibt gewiss schwer. Denn es ist ja wie bei einer Scheidung, wenn man sich lange auseinandergelebt hat. Auch da ist es schwer, wieder zusammen zu kommen. Hier aber stehen tausend Jahre Trennung zwischen uns.“

„Ja, aber zum Glück heißt es in der Heiligen Schrift: Tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag,“ kommentierte Schwester Petra-Maria die nüchterne Skepsis des Kardinals mit einem Lächeln. „Vielleicht beginnt ja jetzt der neue Tag der Einheit. Bei Gott ist doch nichts unmöglich. Vielleicht haben wir heute das Morgenrot dieses neuen Tages gesehen. So hauchdünn und zart das Volto Santo ist, so zart ist jetzt auch dieser neue Anfang, aus dem das Neue kommen kann.“

Wäre es so, hätte das Bild Christi an diesem Sonntag jenen Abgrund tatsächlich kurz überbrückt, den unzählig viele Worte zwischen Ost und West aus dem Urgrund der Christenheit als einen Grand Canyon herausgespült haben wie ein urzeitlicher Fluss.

In der Tiefe aber greift dieses heilige „Schweißtuch“ ja vielleicht auch noch heilend in den uralten“ Filioquestreit“ um das erste Wort der Trennung ein. Denn wenn der Schleier, wie Johannes schreibt, im Grab Christi auf dem Gesicht des Herrn gelegen hat, muss es ja auch den ersten Atemzug des Auferstandenen aufgenommen haben, als der heilige Geist Gottes Jesus Christus von den Toten auferweckte – als jener Geist, der Herr ist und lebendig macht und der aus dem Vater und dem Sohn hervor geht.

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Quelle

PAPST BENEDIKT XVI.: DAS JAHR DES GLAUBENS – DER GLAUBE DER KIRCHE

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S.MESSA PER LA NUOVA EVANGELIZZAZIONE PRESIEDUTA DAL SANTO PADRE BENEDETTO XVI 16-10-2011

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 31. Oktober 2012

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir setzen unseren Weg der Betrachtung über den katholischen Glauben fort. In der letzten Woche habe ich gezeigt, daß der Glaube ein Geschenk ist, denn Gott ist es, der die Initiative ergreift und uns entgegenkommt; und so ist der Glaube eine Antwort, durch die wir ihn als das feste Fundament unseres Lebens annehmen. Er ist ein Geschenk, das das Dasein verwandelt, weil es uns in die Sichtweise Jesu eintreten läßt, der in uns wirkt und uns auf die Liebe zu Gott und zu den anderen hin öffnet.

Heute möchte ich einen weiteren Schritt in unserer Reflexion tun, indem ich wieder von einigen Fragen ausgehe: Hat der Glaube nur persönlichen, individuellen Charakter? Geht er nur mich selbst etwas an? Lebe ich meinen Glauben allein? Sicher ist der Glaubensakt ein höchst persönlicher Akt, der tief im Innern geschieht und eine Richtungsänderung, eine persönliche Umkehr ausdrückt: Mein Dasein bekommt eine Wende, eine neue Ausrichtung. In der Taufliturgie, im Augenblick der Versprechen, fordert der Zelebrant dazu auf, den katholischen Glauben zum Ausdruck zu bringen, indem er drei Fragen formuliert: Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Allmächtigen? Glaubt ihr an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn? Glaubt ihr an den Heiligen Geist? Ursprünglich wurden diese Fragen persönlich an denjenigen gerichtet, der die Taufe empfangen sollte, bevor er dreimal ins Wasser getaucht wurde. Und auch heute steht die Antwort im Singular: »Ich glaube.« Mein Glaube ist jedoch nicht das Ergebnis meiner einsamen Reflexion, er geht nicht aus meinem Denken hervor, sondern er ist Frucht einer Beziehung, eines Gesprächs, in dem es ein Hören, ein Empfangen und ein Antworten gibt; er ist das Kommunizieren mit Jesus, das mich aus meinem in mir selbst verschlossenen »Ich« heraustreten läßt, um mich für die Liebe Gottes, des Vaters, zu öffnen. Es ist wie eine Neugeburt, in der ich entdecke, daß ich nicht nur mit Jesus vereint bin, sondern auch mit allen, die denselben Weg gegangen sind und gehen; und diese Neugeburt, die mit der Taufe beginnt, geht das ganze Leben hindurch weiter. Ich kann meinen persönlichen Glauben nicht in einem privaten Gespräch mit Jesus aufbauen, denn der Glaube wird mir von Gott durch eine gläubige Gemeinschaft, die Kirche, geschenkt, und stellt mich so hinein in die Menge der Gläubigen in einer Gemeinschaft, die nicht nur soziologisch, sondern in der ewigen Liebe Gottes verwurzelt ist, die in sich selbst Gemeinschaft des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ist, die dreifaltige Liebe ist. Unser Glaube ist nur dann wirklich persönlich, wenn er auch gemeinschaftlich ist: Er kann nur dann mein Glaube sein, wenn er im »Wir« der Kirche lebt und sich bewegt, nur wenn er unser Glaube ist, der gemeinsame Glaube der einen Kirche.

Wenn wir sonntags in der heiligen Messe das Glaubensbekenntnis sprechen, dann drücken wir uns in der ersten Person aus, bekennen aber gemeinschaftlich den einen Glauben der Kirche. Dieses einzeln ausgesprochene »Ich glaube« vereint sich mit dem eines enormen Chors an allen Orten und zu allen Zeiten, in dem jeder sozusagen zu einer harmonischen Polyphonie im Glauben beiträgt. Der Katechismus der Katholischen Kirche faßt es deutlich zusammen: »›Glauben‹ ist ein kirchlicher Akt. Der Glaube der Kirche geht unserem Glauben voraus, zeugt, trägt und nährt ihn. Die Kirche ist die Mutter aller Glaubenden. ›Niemand kann Gott zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat‹ (Cyprian, unit. eccl.)« (Nr. 181). Der Glaube entsteht also in der Kirche, führt zu ihr hin und lebt in ihr. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern.

Zu Beginn des christlichen Abenteuers, als der Heilige Geist mit Macht auf die Apostel herabkommt, am Pfingsttag – wie es in derApostelgeschichte berichtet wird (vgl. 2,1–13) – empfängt die entstehende Kirche die Kraft, die Sendung umzusetzen, die ihr vom auferstandenen Herrn anvertraut wurde: das Evangelium, die Frohbotschaft vom Reich Gottes, überall in der Welt zu verbreiten, und so jeden Menschen zur Begegnung mit ihm, zum rettenden Glauben zu führen. Die Apostel überwinden alle Furcht in der Verkündigung dessen, was sie persönlich mit Jesus gehört, gesehen, erfahren haben. Durch die Kraft des Heiligen Geistes beginnen sie, in neuen Sprachen zu sprechen, und verkündigen offen das Geheimnis, dessen Zeugen sie waren. In der Apostelgeschichte wird uns dann die große Rede überliefert, die Petrus am Pfingsttag hält. Von einem Abschnitt aus dem Propheten Joel (3,1–5) ausgehend, den er auf Jesus bezieht, verkündet er das Herzstück des christlichen Glaubens: Er, der allen Gutes getan hatte, den Gott durch große Wunder und Zeichen beglaubigt hatte, wurde ans Kreuz geschlagen und umgebracht, Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt und ihn zum Herrn und Christus gemacht. Durch ihn haben wir das endgültige Heil erlangt, das von den Propheten verkündigt wurde, und wer seinen Namen anruft, wird gerettet werden (vgl. Apg 2,17– 24). Als sie diese Worte des Petrus hören, fühlen viele sich persönlich angesprochen, bereuen ihre Sünden und lassen sich taufen und empfangen die Gabe des Heiligen Geistes (vgl. Apg 2,37–41). So beginnt der Weg der Kirche: Gemeinschaft, die diese Verkündigung an allen Orten und zu allen Zeiten trägt, Gemeinschaft, die das durch das Blut Christi auf den Neuen Bund gegründete Volk Gottes ist, dessen Mitglieder keiner besonderen sozialen oder ethnischen Gruppe angehören, sondern Männer und Frauen aus allen Nationen und Kulturen sind. Es ist ein »katholisches« Volk, das neue Sprachen spricht und weltweit offen ist, alle anzunehmen, über jede Grenze hinaus, das alle Grenzen niederreißt. Der hl. Paulus sagt: »Wo das geschieht, gibt es nicht mehr Griechen oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene, Fremde, Skythen, Sklaven oder Freie, sondern Christus ist alles und in allen« (Kol 3,11).

Die Kirche ist also von Anfang an der Ort des Glaubens, der Ort der Weitergabe des Glaubens, der Ort, an dem man durch die Taufe hineingenommen wird in das Paschamysterium des Todes und der Auferstehung Christi, das uns aus der Gefangenschaft der Sünde befreit, uns die Freiheit der Kinder Gottes schenkt und uns in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott einführt. Gleichzeitig sind wir in die Gemeinschaft mit den anderen Brüdern und Schwestern im Glauben hineingenommen, mit dem ganzen Leib Christi, aus unserer Isolierung herausgezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil ruft dies in Erinnerung: »Gott hat es aber gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll« (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 9). Wenn wir noch einmal an die Taufliturgie denken, dann sehen wir, daß der Zelebrant zum Abschluß der Versprechen, in denen wir dem Bösen widersagen und die Glaubenswahrheiten immer wieder durch »Ich glaube« bekennen, sagt: »Das ist unser Glaube, der Glaube der Kirche, zu dem wir uns alle in Christus Jesus bekennen. « Der Glaube ist eine theologische Tugend, die von Gott geschenkt, aber von der Kirche in der Geschichte weitergegeben wird. Der hl. Paulus schreibt an die Korinther, daß er ihnen überliefert hat, was auch er empfangen hat (vgl. 1Kor 15,3).

Es gibt ein ununterbrochenes Band des kirchlichen Lebens, der Verkündigung des Wortes Gottes, der Feier der Sakramente, das bis zu uns reicht und das wir Tradition nennen. Sie ist uns dafür die Garantie, daß das, woran wir glauben, die ursprüngliche Botschaft Christi ist, die von den Aposteln verkündigt wurde. Der Kern der ursprünglichen Verkündigung ist das Ereignis des Todes und der Auferstehung des Herrn, aus dem das ganze Erbe des Glaubens hervorgeht. Das Konzil sagt: »Daher mußte die apostolische Predigt, die in den inspirierten Büchern besonders deutlichen Ausdruck gefunden hat, in ununterbrochener Folge bis zur Vollendung der Zeiten bewahrt werden« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 8). Wie also die Heilige Schrift das Wort Gottes enthält, so bewahrt die Tradition der Kirche dieses Wort und gibt es treu weiter, damit die Menschen zu jeder Zeit auf seine unendlichen Ressourcen zurückgreifen und an seinem Gnadenreichtum teilhaben können. »So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (ebd.).

Abschließend möchte ich hervorheben, daß der persönliche Glaube in der kirchlichen Gemeinschaft wächst und reift. Es ist interessant zu sehen, daß das Wort »Heilige« im Neuen Testament die Christen als Ganzes bezeichnet, und gewiß hatten nicht alle die Voraussetzungen, zu Heiligen der Kirche erhoben zu werden. Worauf wollte man mit diesem Begriff also hinweisen? Auf die Tatsache, daß jene, die den Glauben an den auferstandenen Christus hatten und lebten, berufen waren, ein Bezugspunkt für alle anderen zu werden und sie so in Berührung zu bringen mit der Person und der Botschaft Jesu, der das Antlitz des lebendigen Gottes offenbart. Und das gilt auch für uns: Ein Christ, der sich nach und nach vom Glauben der Kirche führen und formen läßt, trotz seiner Schwächen, seiner Grenzen und seiner Schwierigkeiten, wird gleichsam zu einem Fenster, das offen ist für das Licht des lebendigen Gottes, das dieses Licht aufnimmt und es an die Welt weitergibt. In der Enzyklika Redemptoris missio sagte der sel. Johannes Paul II.: »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe!« (Nr. 2).

Die heute weitverbreitete Tendenz, den Glauben in die Privatsphäre zu verbannen, widerspricht also dem Wesen des Glaubens. Wir brauchen die Kirche zur Bestätigung unseres Glaubens und um die Gaben Gottes zu erfahren: sein Wort, die Sakramente, die Unterstützung der Gnade und das Zeugnis der Liebe. So kann unser »Ich« im »Wir« der Kirche zugleich als Empfänger und als Träger eines Ereignisses verstanden werden, das es übersteigt: die Erfahrung der Gemeinschaft mit Gott, auf der die Gemeinschaft unter den Menschen gründet. In einer Welt, in der der Individualismus die Beziehungen zwischen den Personen zu regeln scheint und sie immer schwächer macht, ruft uns der Glaube auf, Volk Gottes zu sein, Kirche zu sein, Träger der Liebe und der Gemeinschaft Gottes für die gesamte Menschheitsfamilie (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 1). Danke für die Aufmerksamkeit.

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Quelle

Der authentische und unversehrte Glaube als Fundament eines wahrhaft christlichen Lebens

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PAPST PAUL VI.

Ansprache bei der Generalaudienz am 30. Oktober 1968

Das »Credo des Gottesvolkes«

Geliebte Söhne und Töchter!

Anlässlich des Christkönigsfestes, das wir am vergangenen Sonntag gefeiert haben, ist in vielen Kirchen der Welt das Glaubensbe­kenntnis gesprochen worden, das Wir selbst am 30. Juni auf dem Petersplatz zum Ab­schluss des Gedenkens an das Martyrium der heiligen Apostel Petrus und Paulus vor­getragen haben, das als »Jahr des Glaubens« gefeiert und nun beendet wurde mit diesem Unserem feierlichen Glaubensbekenntnis, das den Namen »Credo des Gottesvolkes« bekommen hat. Ihr erinnert euch: Es ist eine – mit ausdrücklicher Bezugnahme auf einige Punkte der Lehre erweiterte – Wiederholung des Glaubensbekenntnisses von Nizäa, das, wie ihr wisst, die berühmte Formel des Glaubens ist, die auf dem ersten ökumenischen Konzil, nämlich dem von Nizäa (im Jahre 325, wenige Jahre nach der Anerkennung der Freiheit der Kirche durch das Edikt Konstantins aus dem Jahre 313) beschlossen wurde – eine Formel, die sich in lateinischer Sprache verbreitet hat, vor allem durch die Übersetzung des Hilarius von Poitiers (vgl. De Synodis 84, PL 10, 536) und die in der Substanz auch von uns noch in der heiligen Messe wiederholt wird, zu der nach dem Messformular das Sprechen des Credos gehört.

Der Anfang des Heils des Menschen

Als kurze Zusammenfassung der hauptsächlichen Wahrheiten, die von der katholischen Kirche, der lateinischen wie der orthodoxen, geglaubt werden, hat dieses Credo die Maßgeblichkeit eines offiziellen Bekenntnisses unseres Glaubens angenommen. Zu dem objektiven lehrhaften Wert ist dadurch, wie es offensichtlich ist, der subjektive Wert unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Zustimmung zu eben diesen Wahrheiten hinzugekommen, welche die Kirche als von der Offenbarung abgeleitet ansieht. Und daher kann das Credo mit entscheidender Autorität und mit stärkender Kraft in das Durcheinander unseres verwirrten und beunruhigten Gewissens eintreten, um in die fundamentalen Punkte Licht und Ordnung hineinzubringen im Hinblick auf die religiösen Fragen, die die wichtigsten und schwierigsten Fragen in unserem Leben sind. Es ist daher notwendig, beim Sprechen des Credos das Zusammentreffen des objektiven Glaubens (der zu glaubenden Wahrheiten) mit dem subjektiven Glauben (dem tugendhaften Akt der Zustimmung zu diesen Wahrheiten) stets zu vergegenwärtigen.

Weshalb haben Wir die Aufmerksamkeit der Kirche auf diesen doppelten Aspekt des Glaubensbekenntnisses gezogen? Wie ihr wisst, sind es zwei Gründe. Der erste Grund: Weil der Glaube, wie das Konzil von Trient mit skrupulöser Treue den Gedanken des heiligen Paulus (vgl. Röm 3,21-28) wiedergab, sagt: Fides est humanae salutis initium, fundamentum et radix omnis iustificationis (Sessio VI., Dekret zur Rechtfertigung, Kap. 8). Der Glaube ist der Beginn des Heils des Menschen, das Fundament und die Wurzel jeder Rechtfertigung –, das heißt unserer Wiedergeburt in Christus, unserer Erlösung und unseres gegenwärtigen und ewigen Heils. »Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen« (Hebr 11,6).

Der Glaube ist unsere erste Pflicht. Der Glaube ist für uns eine Lebensfrage. Der Glaube ist das unersetzbare Prinzip des Christentums. Er ist das Zentrum der Einheit. Er ist der fundamentale Daseinsgrund unserer Religion.

Und der zweite Grund ist dieser: weil heute – im Gegensatz zu dem, was zusammen mit dem Fortschritt des Menschen ge­schehen müsste – der Glaube (oder sagen wir die Zustimmung zum Glauben) schwieriger geworden ist. In philosophischer Hinsicht: Wegen der zunehmenden Infragestellung der Gesetze des spekulativen Denkens, der natürlichen Rationalität, der Gültigkeit der menschlichen Gewissheiten; der Zweifel, des Agnostizismus, des Sophismus, des beden­kenlosen Auftretens des Absurden, der Ab­lehnung der Logik und der Metaphysik usw. wird der Geist des modernen Menschen er­schüttert. Wenn das Denken in seinen inne­ren rationalen Erfordernissen nicht mehr res­pektiert wird, dann leidet darunter auch der Glaube – der, daran wollen Wir hier erin­nern, auf die Vernunft angewiesen ist; er übersteigt sie, aber er ist auf sie angewiesen. Der Glaube ist kein Fideismus, das heißt ein Glaube ohne vernünftige Grundlagen. Er ist auch nicht nur ein unbestimmtes Suchen nach irgendeiner religiösen Erfahrung: Er ist der Besitz der Wahrheit, er ist Gewiss­heit. »Wenn aber dein Auge krank ist«, sagt Jesus, »dann wird dein ganzer Körper finster sein« (Mt 6,23).

Irrwege und Irrtümer unserer Zeit

Wir können leider hinzufügen: Der Glaubensakt ist heute auch psychologisch schwieriger geworden. Heute erkennt der Mensch vor allem auf dem Weg über die Sinne: Man spricht von einer Kultur des Bildes. Jede Erkenntnis wird in Darstellungen und Zeichen übersetzt. Die Wirklichkeit wird an dem gemessen, was man sieht und was man hört. Der Glaube dagegen erfordert den Gebrauch des Geistes, der sich einer Sphäre von Wirklichkeiten zuwendet, die sich der sinnenhaften Beobachtung entziehen. Und Wir stellen ferner fest, dass die Schwierigkeiten sich auch aus den philologischen, exegetischen, historischen Studien ergeben, die auf jene erste Quelle der offenbarten Wahrheit angewandt werden, welche die Heilige Schrift ist: Ohne die Ergänzung, die von der Tradition und dem autoritativen Beistand des kirchlichen Lehramts ausgeht, ist auch das Studium der Bibel allein voller Zweifel und Probleme, die den Glauben eher verwirren als stärken. Es wird der individuellen Initiative überlassen, es bringt einen solchen Pluralismus der Meinungen hervor, dass der Glaube in seiner subjektiven Gewissheit erschüttert und dass ihm seine gesellschaftliche Maßgeblichkeit genommen wird. So erzeugt ein solcher Glaube Hindernisse für die Einheit der Gläubigen, während der Glaube doch die Grundlage der ideellen und spirituellen Gemeinsamkeit sein soll: Der Glaube ist einer (vgl. Eph 4,5).

Wir sprechen darüber mit Schmerz, aber es ist so, auch deswegen, weil die Heilmittel, die man von so vielen Seiten für die modernen Krisen des Glaubens beizubringen versucht, oft trügerisch sind. Es gibt einige, die, um dem Inhalt des Glaubens Glaubwürdigkeit zurückzugeben, diesen auf einige grundlegende Sätze reduzieren, von denen sie glauben, sie seien der authentische Sinn der Quellen des Christentums und der Heiligen Schrift selbst.

Es ist überflüssig zu sagen, wie willkürlich – auch wenn sie sich mit dem Schein der Wissenschaftlichkeit umgibt – und wie verderblich eine solche Vorgehensweise ist. Und es gibt andere, die mit Kriterien eines bestürzenden Empirismus sich anmaßen, eine Auswahl unter den vielen Wahrheiten zu treffen, die von unserem Credo gelehrt werden, um dann diejenigen zurückzuweisen, die nicht gefallen, und einige aufrechtzuerhalten, die für gefälliger gehalten werden. Und dann gibt es einige, die die Lehren des Glaubens der modernen Mentalität anzupassen versuchen und dabei oft diese Mentalität, sei sie profan oder spiritualistisch, zur Methode und zum Maß des religiösen Denkens machen. Das Bemühen – das an sich durchaus Lob und Verständnis verdient – vonseiten dieses Systems, die Wahrheiten des Glaubens in Begriffen auszudrücken, die der Sprache und der Mentalität unserer Zeit zugänglich sind, ist manchmal dem Wunsch nach einem leichteren Erfolg gewichen, aus dem heraus gewisse »schwierige Dogmen« verschwiegen, abgemildert oder verfälscht werden. Ein gefährlicher, wenn auch gebotener Versuch – und einer wohlwol­lenden Aufnahme nur dann würdig, wenn er bei der zugänglicheren Darbietung der Lehre dieser ihre echte Integrität bewahrt. »Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein«, sagt der Herr (Mt 5,37; Jak 5,12), und schließt so jede künstli­che Mehrdeutigkeit aus.

Das wunderbare Geschenk bewahren
und leben

Diese dramatische Situation des Glaubens in unseren Tagen lässt Uns an den weisen Aus­spruch des Konzils denken: »Die heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der Kirche sind gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt, dass keines ohne die anderen besteht« (Dogmatische Konstitution Dei Verbum 10). So ist es – was den objektiven Glauben betrifft, das heißt wenn es darum geht, genau zu wissen, was wir glauben sollen. Aber was den subjektiven Glauben betrifft, was werden wir tun, nachdem wir ehrlich und beharrlich zugehört, studiert, meditiert haben? Werden wir den Glauben haben?

Wir können mit einem Ja antworten, aber müssen dabei immer einen fundamentalen und in gewisser Weise furchtbaren Aspekt des Problems berücksichtigen, nämlich dass der Glaube eine Gnade ist. »Doch nicht alle«, sagt der heilige Paulus, »sind dem Evangelium gehorsam geworden« (Röm 10,16). Und dann, was wird mit uns sein? Werden wir unter den Glücklichen sein, die die Gnade des Glaubens erhalten werden? Ja, antworten Wir. Aber er ist ein Geschenk, das man wertschätzen muss, das man hüten muss, über das man sich freuen muss, das man im Leben umsetzen muss. Und einstweilen muss man es durch das Gebet erflehen, wie der Mann im Evangelium: »Ich glaube, [Herr], hilf meinem Unglauben!« (Mk 9,24).

Wir wollen beten, geliebte Kinder, zum Beispiel so:

Gebet des Papstes um
Stärkung des Glaubens

Herr, ich glaube; ich will an Dich glauben.

O Herr, gib, dass mein Glaube vollkommen sei, ohne Vorbehalte, und dass er mein Denken durchdringe, meine Weise, die göttlichen und die menschlichen Dinge zu beurteilen.

O Herr, gib, dass mein Glaube frei sei, dass er also die persönliche Mitwirkung meiner Zustimmung habe, dass er den Verzicht und die Pflichten annehme, die er mit sich bringt, und dass er das Beste meiner Persönlichkeit zum Ausdruck bringe: Ich glaube an Dich, Herr.

O Herr, gib, dass mein Glaube gewiss sei, gewiss aufgrund der Übereinstimmung der Beweise außen und aufgrund des Zeugnisses des Heiligen Geistes innen, gewiss durch ein Licht, das uns Sicherheit gebe, durch eine Lösung, die uns Frieden verschaffe, durch ein Annehmen, das uns Ruhe bringe.

O Herr, gib, dass mein Glaube stark sei, dass er die Widrigkeiten der Probleme nicht fürchte, von denen unser nach Licht dürstendes Leben voll ist, und dass er den Widerstand derjenigen nicht fürchte, die ihn bestreiten, bekämpfen, ablehnen, negieren, sondern dass er sich durch den Beweis Deiner Wahrheit im Innersten festige, dass er der mühevollen Herausforderung der Kritik widerstehe und sich in der fortwährenden Bejahung kräftige, welche die dialektischen und spirituellen Schwierigkeiten überwindet, in denen sich unsere zeitliche Existenz vollzieht.

O Herr, gib, dass mein Glaube froh sei und meinem Geist Frieden und Freude gebe und dass er ihn zum Gebet zu Gott und zum Gespräch mit den Menschen befähige, sodass in das heilige und das profane Gespräch die innere Seligkeit seines glücklichen Besitzes hineinstrahle.

O Herr, gib, dass mein Glaube wirksam sei und der Liebe die Gründe gebe für sein moralisches Sichausbreiten, sodass er wahre Freundschaft mit Dir sei und in den Werken, im Leiden, in der Erwartung der endgültigen Offenbarung eine fortwährende Suche nach Dir, ein fortwährendes Zeugnis von Dir, eine fortwährende Nahrung für die Hoffnung sei.

O Herr, gib, dass mein Glaube demütig sei und sich nicht anmaße, sich auf die Erfahrung meines Denkens und meines Empfindens zu gründen, sondern dass er sich dem Zeugnis des Heiligen Geistes ergebe und dass er keine bessere Garantie als in der Folgsamkeit gegenüber der Tradition und der Autorität des Lehramtes der heiligen Kirche habe. Amen.

So soll nun, auch für Uns und für euch alle, das »Jahr des Glaubens« abgeschlossen werden mit Unserem Apostolischen Segen.

(30. Oktober 1968)

Über den Autor:

Leonardo Sapienza ist »Reggente« in der Prä­fektur des Päpstlichen Hauses. Am 9. 2. 2013 hat ihn Papst Benedikt XVI. als eine seiner letzten Amtshandlungen zum »Apostolischen Protonotar« ernannt. Er gehört somit dem Gremium an, das die Aufgaben der Notare des Papstes und des Heiligen Stuhls etwa für Heiligsprechungen oder für ein Konklave wahrnimmt.

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Quelle

PAPST PAUL VI.: WAHRER UND FALSCHER PLURALISMUS

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Bei der Generalaudienz am 28. August 1974

Wir wollen auch diesmal der einfachen und familiären Art zu sprechen treu bleiben, die wir unserem Gespräch bei den Generalaudienzen vorbehalten haben. Dabei möchten wir gerade diesmal eurem aufmerksamen Nachdenken ein et­was schwer zu verstehendes Wort vorlegen, das freilich in letz­ter Zeit auch bei der Erklärung der katholischen Lehre An­klang findet. Denn es erscheint oft wie ein Inbegriff der Freiheit und des Modernen. Es ist das Wort „Pluralismus“. Wir möch­ten hier freilich nicht über den Pluralismus der philosophischen oder politischen Systeme sprechen, auch nicht über den reli­giösen Pluralismus außerhalb des christlichen Bereichs.

Pluralismus ist ein mißverständlicher Begriff, denn er hat eine doppelte Bedeutung. Die erste ist sehr schön, denn sie beleuchtet die Fruchtbarkeit unserer katholischen Lehre, die auf der einen Seite eine echte und tiefe Identität ihres Inhalts bewahrt und damit streng gebunden bleibt an die eigene ein­deutige Wirklichkeit, an den einen Glauben, von dem der Apostel Paulus mit solcher Klarheit und Autorität spricht (Eph 4, 3­6.13; Phil 2, 2; Röm 15, 5; 12,16; vgl. Joh 10, 16 usw.). Auf der anderen Seite besitzt die katholische Lehre einen über­strömenden Reichtum an Ausdrucksformen für jede Sprache (denken wir z.B. an das Sprachwunder am Pfingsttag) (Apg 2, 4-8), für jeden Abschnitt der Geschichte (vgl. NEWMAN, An Essay of the Development of Christian Doctrine, 1845), aber auch für jedes Alter und jede Bildungsstufe des Lebens (denken wir hier an das Kerygma, d. h. an die Lehre, wie sie den ersten Christen verkündet wurde; an die Didache oder Lehre der Apostel; an die ersten Glaubensbekenntnisse oder Zusammen­fassungen der Lehre als Leitfaden für die Verkündigung ­später erhielten sie den Namen Credo ; dann an die Kate­chismen und Lehrbücher aller Art, z.B. die theologischen Sum­mae des Mittelalters; an die neueren Werke, die noch eingehender und systematischer das katholische Dogma behandeln). Wir können hier auch nicht die zahlreichen, gleichsam be­schwingten Stimmen der Liturgie übergehen, die mit denen der Lehre wetteifern, so daß es zum bekannten Ausgleich zwischen dem Gesetz des Betens und dem Gesetz des Glaubens kommt. Wie könnten wir schließlich die unerschöpfliche Fülle literari­scher Zeugnisse vergessen, die in sich selber bestätigen, daß eine strenge Beachtung der lehrhaften Norm nicht nur die reiche Entfaltung geistlicher Schöpferkraft, Phantasie und Poe­sie nicht unterdrückt, sondern sie im Gegenteil gerade hervor­ruft und befruchtet mit einem wunderbaren und immer neuen Reichtum an Formen und Wortschöpfungen?

Dies ist der Pluralismus der katholischen Kirche. Ihm dür­fen wir jenen anderen hinzurechnen, der der Erfahrung per­sönlichen Ringens und besonderen Ausdrucksweisen entspringt, zu denen die katholische Lehre den Mystiker ebenso wie den Theologen und den Künstler einlädt, immer unter der einen Bedingung, daß diese Beter, Gelehrten und Propheten des an­deutenden Zeichens in ihren Herzen als ein Gesetz, das ihnen gleichsam zur Natur geworden ist, die Wahrheit gelten lassen. Jene Wahrheit, deren Lehrer der Heilige Geist ist (Joh 14, 26; 16, 23), gewiß, der immer auch die sichere Auslegung jenes Lehramtes der Kirche trägt, dem Christus die Aufgabe anver­traut hat, Licht zu sein (Mt 5, 14), dem Wort zu dienen (Lk 10, 16) sowie die Unverfälschtheit des Glaubens und der kirch­lichen Gemeinschaft zu bewahren (vgl. DS 3050 ff; Lumen gentium, Nr. 18; Dei Verbum, Nr. 12, 23; Unitatis redintegratio, Nr. 21).

Wir könnten den Pluralismus der Lehre in der katholischen Kirche mit einem Orchester vergleichen, in dem die Vielfalt der Instrumente und die Verschiedenheit ihrer einzelnen Stim­men zusammenwirken, eine einzige wunderbare Harmonie hervorzubringen.

Nun stellen sich einige das katholische Dogma — das heißt eine von Gott geoffenbarte und vom Lehramt der Kirche dazu erklärte religiöse Wahrheit — fast wie ein Gefängnis für das theologische und wissenschaftliche Denken vor. Wir möchten sie alle daran erinnern, welche Sicherheit und welche Fülle der Wahrheit und welche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten eben dieses katholische Dogma dem Geist des Menschen bietet, welch eine Einladung zu intensiverem Nachdenken und welche Freude für den Geist, der den Wegen der übernatürlichen Wissenschaft von Gott und vom Menschen folgt. Die demüti­gen und weisen Theologen kennen sehr wohl die Kostbarkeit dieser unübertrefflichen Erfahrung. Ihnen gilt unser achtungs­voller und ermutigender Gruß.

Dies umso mehr, als sich die Katholiken beim Bekenntnis dieses Pluralismus der Ausdrucksformen bei aller dogmatischen Einheit der christlichen Lehre immer der Formel der alten und neuen Reformatoren gegenübersehen: „Sola Skriptura ­nur die Schrift allein“. Diese Reformatoren tun so, als seien sie die wahren Anhänger der religiösen Einheit, und als käme nicht auch die Heilige Schrift selbst aus der Überlieferung der Apostel (vgl. Dei Verbum, Nr. 7-10). Sie tun so, als sei die von der apostolischen Lehre losgelöste Heilige Schrift nicht der gerade heute so realen Gefahr ausgesetzt, einer richtungslos vom Mittelpunkt wegstrebenden, pluralistischen Auslegung des einzelnen überlassen zu werden; also jener „freien Prüfung“ ausgesetzt, welche die Einheit des Glaubens in eine unzählbare Menge persönlicher Meinungen aufgelöst hat. Sie werden ­vergebens oder willkürlich — von einer „regulierten Norm“ zusammengehalten, das heißt durch eine von der Gemeinschaft erlassene, verpflichtende Auslegung der Schrift. Diese aber wird ihrerseits wieder entwertet von der subjektiven Erleuch­tung, die der Heilige Geist angeblich dem einzelnen direkt schenkt. Auf diese Weise öffnet — wie Prof. Siro Offelli sagt — „die protestantische Lehre von der freien Prüfung oder die Lehre von der einzigen Autorität des Heiligen Geistes als dem authentischen Interpreten der Heiligen Schrift dem radikalsten religionsphilosophischen Subjektivismus Tür und Tor“. Sollen wir denn von der einigenden, festlichen, vielstimmigen Sinfonie des Pfingstfestes rückwärts schreiten zu der mysteriösen baby­lonischen Sprachenverwirrung, von der die Bibel berichtet (Gen 11, 1-9) ? Welchen Ökumenismus könnten wir auf diese Weise wohl aufbauen ? Welche Einheit der Kirche könnten wir denn ohne Einheit im Glauben wiederherstellen ? Wo würde das Christentum — und noch mehr der Katholizismus — en­den, wenn man auch heute unter dem Vorwand eines trügerischen, aber unzulässigen Pluralismus die Zersplitterung der Lehre und damit — als möglicher Folge — die Zersplitterung der Kirche als rechtmäßig anerkennen würde?

Die wahre Religion, von der wir glauben, daß es die unsere ist, kann sich nur dann rechtmäßig und wirksam nennen, wenn sie rechtgläubig ist, das heißt: wenn sie aus einer echten und unzweideutigen Beziehung zu Gott kommt. Nichts anderes kann unseren Durst nach Wahrheit und Leben stillen — we­der ein unbestimmtes, und sei es auch ein noch so tief ergrif­fenes und aufrichtiges religiöses Gefühl, noch eine freie, mit Hilfe eigenständiger persönlicher Bemühungen aufgebaute spi­rituelle Ideologie, nicht das Bemühen, die durchaus edlen und leidenschaftlichen Äußerungen einer überschwänglichen und sittenstrengen Soziologie ganzer Völker auf die Ebene der Re­ligion zu heben, nicht eine Schriftdeutung, die einzelnes aus dem Gesamtzusammenhang herauslöst, um dem Christentum einen rein natürlichen oder mythischen Ursprung zuzuschrei­ben, und auch keine andere Theorie oder Praxis, die von jener unendlich geheimnisvollen und unmißverständlichen Stimme absieht, auf dem Berg der Verklärung ertönte und sich auf den wie die Sonne strahlenden, verklärten Jesus bezog mit den Worten: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; ihn sollt ihr hören“ (Mt 17, 5).

Glücklich wir, wenn wir uns in die Schar der Kleinen ein­reihen, die es verstehen, eine solche Stimme zu hören und einen Vorgeschmack vom Glück dieser unsterblichen Gewiß­heit haben! Dazu unseren Apostolischen Segen.

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Quelle: Papst Paul VI. Wort und Weisung im Jahr 1974

„Der Glaube ist das Erbe der Apostel“

Le pape Paul VI.

Paul VI. und die Verkündigung des Jahres des Glaubens 1967
anläßlich der 1900-Jahrfeier des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus in Rom. Dieses entscheidende Jahr schloß mit dem Credo des Gottesvolkes,
um „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei zu bezeugen“.
„Wir müssen erkennen, daß unsere Zeit dies unbedingt braucht.“

von Gianni Valente

Es gibt Augenblicke, wie Charles Péguy schreibt, in denen alle Masken fallen und nichts mehr die Wirklichkeit verbirgt; sie erscheint uns nackt und bloß, so wie sie wirklich ist. „Dies sind die einzigen Augenblicke des Lebens, in denen man nicht lügt; in denen man überhaupt nichts vortäuscht; in denen man ehrlich ist; buchstäblich, absolut, völlig ehrlich; in denen man das Wahre sieht, mehr als das Wahre, das Reale, wie es ist; in denen uns nichts mehr verborgen ist.“ Dies sind die Augenblicke, in denen „wir klar sehen, in denen wir klar zu sehen wagen“.

Paul VI. am 30. Juni 1967 in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Einen Tag zuvor, am Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, hatte er Papst das Jahr des Glaubens eröffnet.

Paul VI. erlebte vor dreißig Jahren [der Artikel erschien zum 100. Geburtstag des Papstes, dem 26.9.1997] einen solchen Augenblick. Er sah die Kirche, die, wie seine erste Enzyklika bezeugt, genau wußte, daß sie einem Anderen, nämlich Christus gehörte (Ecclesiam suam). Er sah all die guten Vorschläge, die arglosen Erwartungen, die Illusionen und das Gerede, die die Kirche in jenen Jahren erschütterten. Er sah das Ende des Christentums: nicht der Strukturen, Versammlungen, des Vatikans, der Pastoralpläne, der unzähligen Versammlungen, die auch weiterhin dem als Choreographie dienen könnten, der kirchliche Ämter anstrebt und religiösen Trost sucht, mit dem er sein Leben füllen kann (und vielleicht macht er dabei auch Karriere). Er sah, wie der Glaube erlosch.

Er sah unsere Zeit gleichsam als langen Karsamstag, als eine Zeit ohne Gott, in der sich auch noch die letzten Jünger traurig und hoffnungslos auf den Heimweg vorbereiten.

Paul VI. sah all dies und die Tragödie, der die Kirche entgegenging. Wiederholt erinnerte er sie daran, was ihre einzigen Schätze sind: der Glaube der Apostel, den die Tradition bewahrt hat (das Credo des Gottesvolkes), und die Armen, die Völker, die Hunger leiden (Populorum progressio) und die als erste zur Freude des Glaubens gerufen sind. Er wiederholte den überlieferten Glauben, denn ein Papst kann und darf letztlich nichts anderes tun.

Am 22. Februar 1967 rief Papst Paul VI. mit dem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos ein besonderes Jubeljahr aus: das Jahr des Glaubens. 1900 Jahre zuvor hatten die Apostel Petrus und Paulus in Rom das Martyrium erlitten. Wie es in einem Abschnitt aus dem Brief des heiligen Papstes Clemens an die Korinther heißt, den der Papst am Anfang seines Lehrschreibens zitiert, wurden die Apostel „aus Eifersucht und Neid“ oder wegen der Bosheit der Christen hingerichtet. Der Papst wünschte sich von der ganzen Kirche für diese Jahrfeier, daß sie des von den beiden Aposteln als Erbe überlieferten Glaubens gedachte und daß sie diese Wirklichkeit des Glaubens, die Zeichen dieser Gegenwart, die vor zweitausend Jahren die armen Fischer und großen Sünder faszinierten und sie ins Herz trafen, zu ihrer eigenen lebendigen Erfahrung machen würde.
Dieses Jahr – und dies erkennen heute auch die kritischsten Historiker an – stellte eine Gratwanderung und eine „Wende“ im Pontifikat Pauls VI. dar. Am Ende dieses Jahres verkündete er auf dem Petersplatz feierlich ein Glaubensbekenntnis, das Credo des Gottesvolkes, mit dem er „Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bestätigen“ wollte. Die Katholiken der damaligen Zeit nahmen die tragische und prophetische Eingebung des Papstes nicht an. Die Aufgeklärten sagten, es handele sich um übertriebenen Pessimismus. Die Reaktionären meinten, die Reue käme zu spät, da die Katastrophe mit jener konziliaren Erneuerung zusammenhinge, deren Lenker der Papst selbst gewesen war. Der Klerus, gleich welcher Richtung, sah darin die schlichte Wiedervorlage der herkömmlichen Inhalte des katholischen Glaubens, die eine unzureichende Antwort auf die Herausforderungen der Geschichte und auf die Krise der Kirche seien. Ihrer Ansicht nach bedurfte es einer weitreichenderen Strategie: Eine Bewußtseinsbildung wäre nötig gewesen oder anders gesagt, der Glaube hätte zur Kultur werden müssen: um mit der Welt ins Gespräch zu kommen und sich ihr anzupassen, sagten die einen; um gegen die Moderne zu kämpfen und ihre Angriffe abzuwehren, meinten die anderen. So sind das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes im Strudel des Stillschweigens untergegangen.

Inimici hominis, domestici eius

Paul VI. störte nicht so sehr die Sittenlosigkeit der Welt oder die lautstarke und kämpferische theoretische Ablehnung des Christentums der damaligen Zeit.

Bereits in den Jahren vor 1967 waren die Ansprachen Pauls VI. von einer ganz anderen Sorge durchzogen: die Kirche wurde nicht vom modernen Atheismus, sondern von ihren eigenen Kindern niedergerissen. Die Krankheit saß in ihrem Innern, es handelte sich um einen cupio dissolvi, der offenbar noch vor dem Volk die Lehrer, Kleriker und kirchlichen Bildungseinrichtungen vergiftet hatte und sie von innen heraus zu einer Entleerung des Wesens und der Methode des christlichen Ereignisses trieb. „Mir liegen die Worte Jesu auf der Zunge: „inimici hominis, domestici eius““, sagte der Papst am 18. September 1968, also nicht einmal drei Monate nach der Verkündigung des Glaubensbekenntnisses. Bereits 1965 äußerte sich der Papst bei der Generalaudienz am 4. August besorgt über „die Stimmen aus den besten Kreisen des Volkes Gottes, wo gewöhnlich die Lehre der Kirche durch eifrige Studien genährt und mit sicheren Überlegungen gepflegt wird“, die heute „Irrlehren der Antike und der Moderne wieder aufgreifen, die die Kirche bereits richtiggestellt und verurteilt sowie aus dem Erbe ihrer Wahrheiten ausgeschlossen hatte.“ In einer Ansprache am 11. Juli 1966 vor einer Gruppe von Theologen und Wissenschaftlern, die sich zur Erörterung neuer Formen der Darlegung des Dogmas von der Erbsünde zusammengefunden hatte, warnte der Papst vor einer Zustimmung zu Formulierungen der Erbsünde, die der Evolutionstheorie untergeordnet sind. Am 30. November beschrieb Paul VI. in seiner Ansprache bei der Generalaudienz „das traurige Phänomen, das die konziliare Erneuerung und den ökumenischen Dialog beeinträchtigt“, und erklärt ausführlich, daß die wesentlichen Grundlagen des Christentums ihres Inhalts entleert würden: „die Auferstehung Christi, seine Realpräsens in der Eucharistie, die Jungfräulichkeit der Gottesmutter und demzufolge das erhabene Geheimnis der Menschwerdung.“ Im Oktober 1966 erschien der von den holländischen Bischöfen gewollte neue Holländische Katechismus, der Prototyp jener nachkonziliaren Katechismen, die das Christentum dem modernen Menschen schmackhaft machen wollten, indem sie die traditionellen Formulierungen durch komplizierte und teilweise doppeldeutige Wendungen ersetzten, die die Wahrheit letztlich verschweigen. Am 17. April 1967 erklärte Paul VI. in seiner Ansprache bei der Versammlung der italienischen Bischöfe, welche Frage vorrangig sei: „Die erste Frage, die Grundfrage, die wir Bischöfe mit dem nötigen Ernst erörtern müssen, ist die Frage des Glaubens. Es ereignet sich etwas sehr Eigenartiges und Schmerzliches […] auch bei denen, die das Wort Gottes kennen und erforschen, nimmt die Gewißheit über die objektive Wahrheit und die Fähigkeit ab, sie durch menschliches Denken einzuholen. Der Sinn des einzigen und ursprünglichen Glaubens wird verfälscht; Angriffe gegen die grundlegendsten und sakrosankten Wahrheiten unserer Lehre, wie sie das Volk immer geglaubt und bekannt hatte, werden zugelassen […].“

In Ephesus im Rahmen seiner Türkeireise

Die Überlieferung geht uns voraus

Am meisten schmerzte Paul VI., daß das letzte Ökumenische Konzil zu diesem Werk der Selbstzerstörung mißbraucht und als Geburtsstunde eines neuen Christentums und einer neuen Kirche bezeichnet wurde. Genau ein Jahr nach seinem Abschluß (Paul VI. beschloß das Konzil mit seiner Ansprache am 8. Dezember 1965) verurteilte der Papst die falsche Annahme, wonach das Zweite Vatikanische Konzil „einen Bruch mit der traditionellen Lehre und der Disziplin der Kirche vor dem Konzil darstellt“. Fast einen Monat zuvor hatte Paul VI. bei der Generalaudienz die Gläubigen aufgefordert, der Versuchung zu widerstehen und nicht zu meinen, „die Neuheiten, die sich aus den Lehren der jüngsten Konzilien ableiten lassen, könnten zu irgendeiner willkürlichen Änderung ermächtigen […] Man muß vielmehr zutiefst überzeugt sein, daß man die Kirche von gestern nicht zerstören darf, um heute eine neue Kirche zu errichten. Man darf nicht vergessen und anfechten, was die Kirche bisher mit Autorität gelehrt hat, um die sichere Lehre durch neue Theorien und Überzeugungen zu ersetzen“.

Am 12. Januar 1966 sagte der Papst: „Die Lehren des Konzils stellen kein organisches System der katholischen Lehre dar“, insoweit diese „viel weitreichender ist […] und vom Konzil nicht in Zweifel gezogen oder grundlegend verändert wird. Im Gegenteil, das Konzil bestätigt, erläutert, verteidigt und entfaltet sie in einer äußerst maßgeblichen Apologie […] Wer daher meint, das Konzil stelle eine Abkehr, einen Bruch oder, wie einer vielleicht meinen will, eine Befreiung von der traditionellen Lehre der Kirche dar, ist nicht in der Wahrheit.“

Der Glaube als Zustimmung zu einem Zeugnis

Paul VI. wußte nur zu gut, daß es nicht genügte, die Irrtümer in der Lehre zurückzuweisen, die unter den katholischen Führern um sich griffen. Die Verwirrung in der Lehre war Symptom für etwas viel Grundlegenderes: Es schien, daß geradezu überall in der Kirche der Sinn dafür verlorenging, was das Christentum wirklich ist, das Wesen und die Dynamik des christlichen Lebens. Man wußte nicht mehr, worum es eigentlich geht.

Der Papst entschied sich, den Jahrestag des Martyriums der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu nutzen, um als Antwort auf die schwindelerregende Vergeßlichkeit nach dem konziliaren Brodeln ein Jahr des Glaubens auszurufen.

In seinem Apostolischen Schreiben Petrum et Paulum apostolos, mit dem er das Jahr des Glaubens verkündete, sind nur wenige und zweitrangige Hinweise auf die Krise in der Lehre zu finden. Der Papst stellte an alle Söhne und Töchter der Kirche nur eine einzige, einfache und minimale Anforderung, nämlich das Glaubensbekenntnis der Apostel Petrus und Paulus zu wiederholen und in diesem Glauben zu verharren. „Wir wollen darüber hinaus eine kleine, aber wichtige Sache verlangen: Wir wollen euch alle, Brüder und Schwestern, Unsere Kinder, vor allem bitten, der heiligen Apostel Petrus und Paulus zu gedenken. Sie haben den Glauben an Christus mit ihren Worten und durch ihr Blut bezeugt, damit ihr in Wahrheit und Aufrichtigkeit den Glauben bewahrt, den die Kirche, die durch sie gegründet wurde und in herrlichem Glanz erstrahlt, ergeben übernimmt und mit Autorität verkündet. Außerdem gebührt es sicherlich, daß jeder einzelne öffentlich, frei und bewußt, innerlich und äußerlich, demütig und entschieden vor Gott dieses Bekenntnis des Glaubens spricht, den die seligen Apostel bezeugten. Wir möchten darüber hinaus, daß ein solches Bekenntnis des Glaubens aus dem Innern des Herzens eines jeden Menschen entspringt und in einem einzigen, identischen und von überströmender Liebe durchdrungenen Glauben in der ganzen Kirche widerhallt. Denn welchen dankbareren Dienst des Gedächtnisses, der Ehre, der Gemeinschaft können wir Petrus und Paulus erweisen, als die Verkündigung jenes Glaubens, den wir von ihnen sozusagen als Erbe erhalten haben?“ Die Wiederholung der Formeln, die den apostolischen Glauben bewahren, war für Paul VI. nicht nur ein Akt der Frömmigkeit, sondern ein der damaligen Zeit wahrhaft angemessenes Zeichen: „Wir dürfen auch nicht im Geringsten übersehen, daß unsere Zeit dies ausdrücklich verlangt.“

In zahlreichen Ansprachen aus dieser Zeit erklärt und kommentiert der Papst, warum er dieses Jahr des Glaubens der Apostel Petrus und Paulus ausgerufen hat. Bei der Generalaudienz am 1. März 1967, wenige Tage vor dem Erscheinen des Apostolischen Schreibens, erklärte Paul VI.: „Uns scheint, daß dieses Thema uns den sichersten und direktesten Draht bietet, um geistig mit den großen Aposteln zu verkehren; sie selbst haben uns dazu eindringlich ermahnt; der heilige Petrus sagt zum Beispiel in seinem ersten Brief an die ersten Christen, daß Gottes Macht „euch durch den Glauben“ behütet „damit ihr das Heil erlangt“, und auch Paulus „ist ganz um die Unversehrtheit und die Bewahrung des Glaubens“ besorgt und spricht wiederholt die Mahnung aus, jeden Irrtum zu vermeiden und zurückzuweisen, damit das „depositum bewahrt wird“. […] Wenn wir dem Glauben zustimmen, den die Kirche uns vorlegt, treten wir unmittelbar mit den Aposteln in Verbindung, deren Gedächtnis wir begehen wollen, und durch sie mit Jesus Christus, dem ersten und einzigen Meister; wir begeben uns in ihre Schule, überwinden den Abstand der Jahrhunderte, die uns von ihnen trennen, und machen aus dem jetzigen Augenblick eine lebendige Geschichte, die immer gleiche und der Kirche eigentümliche Geschichte.“ Der Glaube, erklärte der Papst in der gleichen Ansprache und griff dabei auf die Definition des Konzils von Trient zurück, „ist für den Menschen der Anfang seines Heils („humanae salutis initium est“)“.

Auch bei der folgenden Generalaudienz am 19. April erklärte der Papst ausführlich, was der christliche Glaube ist, und unterschied ihn von der gemeinhin vollzogenen Identifizierung mit „dem religiösen Empfinden, dem vagen und allgemeinen Glauben an die Existenz Gottes“. Der Glaube, sagte Paul VI., ist „die Zustimmung des Geistes, des Verstandes und des Willens, zu einer Wahrheit“, die sich „durch die transzendente Autorität eines Zeugnisses [rechtfertigt], dem zu glauben nicht nur vernünftig ist, sondern zuinnerst logisch aufgrund einer eigenartigen und vitalen Überzeugungskraft, so daß der Glaubensakt äußerst personal ist und zufriedenstellt“. Der Glaube ist daher „eine Tugend, die ihre Wurzeln zwar in der menschlichen Psyche hat, ihre Gültigkeit aber ableitet aus einem geheimnisvollen, übernatürlichen Wirken des Heiligen Geistes, der uns gewöhnlich in der Taufe eingegossenen Gnade“. Er „ist jene geistige Fähigkeit, mit der wir die Wahrheiten, die das Wort Gottes uns offenbart hat, als der Wirklichkeit entsprechende aufnehmen. Und deshalb ist der Glaube ein Akt, der auf dem Vertrauen gründet, das wir dem lebendigen Gott entgegenbringen“.

Das Jahr des Glaubens wurde am Abend des 29. Juni 1967, dem Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, feierlich auf dem Petersplatz eröffnet. In seiner Predigt bekräftigte der Heilige Vater, daß „das soeben gefeierte Ökumenische Konzil uns ermahnt hat, zu den Quellen der Kirche zurückzukehren und im Glauben ihren konstitutiven Anfang zu erkennen, die Voraussetzung für jeden Zuwachs, die Grundlage für ihre innere Sicherheit und die Kraft für ihre äußere Vitalität“. Einige Tage später sprach der Papst vor Pilgern bei der Audienz am 5. Juli erneut über den Glauben: „Der Glaube ist das Erbe der Apostelfürsten. Er ist das Geschenk ihres Apostolats, ihrer Liebe. […] Die Tatsache, daß sie mit den anderen Aposteln und beauftragten Verkündern des Evangeliums die Mittler zwischen uns und Christus sind, kennzeichnet das Christentum in grundlegender Weise und schafft ein unumgängliches System von Beziehungen in der Gemeinschaft der Gläubigen.[…] Der Apostel ist Lehrer; er ist nicht einfach das Echo des religiösen Bewußtseins der Gemeinde; er ist nicht Ausdruck der Meinung der Gläubigen, sozusagen die Stimme, die sie ausführt und beglaubigt, Wie die Modernisten sagen und noch heute einige Theologen zu behaupten wagen. Die Stimme des Apostels erzeugt den Glauben. […] Die sich von Christus ableitende religiöse Wahrheit verbreitet sich nicht unkontrolliert und unverantwortlich in den Menschen; sie benötigt einen äußeren und sozialen Kanal.“

Paul VI. besucht die Ausgrabungen des Petrusgrabes unter dem Petersdom

Der Osten der großen Konzilien

Die Reise in die Türkei, die der Papst vom 25. bis 26. Juli 1967 unternahm, entsprach ganz der Intention des Jahrs des Glaubens: sie war ein weiterer Schritt auf den Spuren des apostolischen Gedächtnisses. Der Papst kreuzte die Wege, die Paulus auf seinen Missionsreisen enlanggezogen war. Wie Paul VI. in Ephesus in der Johanneskirche sagte, gründete der Apostel „die ersten christlichen Gemeinden unter manchmal dramatischen Gefahren, von denen die Apostelgeschichte berichtet“. Den roten Faden der Reise bildete aber der Besuch der Orte, wo die ersten großen Konzilien stattfanden. Sie hatten den apostolischen Glauben definiert und bewahrt, indem sie ihn gegen die antiken Irrlehren abgrenzten. Nach seiner Rückkehr nach Rom verkündete der Papst beim Angelus am 2. August feierlich den Vorrang der ersten vier Ökumenischen Konzilien (Nizäa, Konstantinopel, Ephesus, Chalcedon). Damit rückte Paul VI. indirekt das letzte Ökumenische Konzil wieder ins rechte Licht, dem einige eine herausragende Bedeutung beimessen wollten, indem sie es als Stunde Null der Kirche feierten. „Den vier Konzilien“, sagte der Papst, „gebührte und gebührt große Verehrung. Sie haben der Kirche nach den ersten Jahrhunderten der Verfolgung und des Untergrunds ein konstitutionelles und einheitliches Gefüge verliehen.

Sie betonten und definierten die grundlegenden Dogmen unseres Glaubens über die Heiligste Dreifaltigkeit, Jesus Christus und die Gottesmutter: sie legten das doktrinelle Fundament des christlichen Glaubens.“ Die Verehrung der ersten vier Ökumenischen Konzilien war auch Hintergrund für die Bekräftigung der Glaubensgemeinschaft mit den orthodoxen Christen in den grundlegenden Dogmen. Papst Paul VI. hob die gegenseitige Exkommunikation zwischen Rom und Konstantinopel auf und kniete nieder, um die Füße des orthodoxen Bischofs Meliton von Chalcedon zu küssen. Bei den Treffen mit dem Patriarchen Athenagoras und den orthodoxen Gläubigen von Ephesus wiederholte Paul VI., daß „man in der Tat „nichts Unnötiges auferlegen darf, um die Gemeinschaft und Einheit wiederherzustellen und zu bewahren“. „Die Liebe“, sagte er zu Athenagoras und den Metropoliten des ökumenischen Patriarchats in der Kathedrale des heiligen Georg, „muß uns helfen, wie sie den heiligen Hilarius und Athanasius geholfen hat. Trotz der sprachlichen Unterschiede haben sie die Identität des Glaubens in einem Augenblick erkannt, da ernste Divergenzen den Episkopat spalteten. […] Und legte der heilige Cyrill von Alexandrien nicht seine so schöne Theologie beiseite, um mit Johannes von Antiochia Frieden zu schließen, nachdem er sich vergewissert hatte, daß trotz unterschiedlicher Wendungen ihr Glaube derselbe war?“

Die menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis

Am Ende des Jahres des Glaubens verärgerte Paul VI. mit zwei aufsehenerregenden Gesten den Klerus. Am 26. Juni 1968 verkündete er in einer Ansprache im Petersdom die Echtheit der Reliquien des heiligen Petrus, die zwischen 1940 und 1950 bei Grabungen unter dem Petersdom aufgefunden worden waren. „Die geschichtlichen und konkreten Spuren, die sie hinterlassen haben“, sagte der Papst, „haben diese starken Empfindungen geweckt und erregt. Diese menschlichen und materiellen Anhaltspunkte für das Gedächtnis der Apostel, „per quos religionis sumpsit exordium“, durch die unser religiöses Leben begonnen hat, dürfen von uns Römern und von allen, die die Stadt betreten, nicht vernachlässigt werden.“ Das Ergebnis der Untersuchungen über die Knochenstücke, die in der Grabanlage unter dem Petersdom gefunden worden waren, wurde mit zurückhaltender Begeisterung verkündet: „Neue geduldige und sehr gründliche Untersuchungen wurden daraufhin durchgeführt, deren Ergebnis Wir, bestärkt durch das Urteil von bewährten und umsichtigen Fachleuten, für positiv erachten: Auch die Reliquien des heiligen Petrus sind in einer Weise identifiziert, daß Wir sie für echt halten dürfen. Unser Lob gilt dem, der lange, aufmerksame Studien und viel Mühe dafür verwendet hat.“

Am 30. Juni 1968 schloß der Papst mit einem feierlichen Hochamt und jenem Glaubensbekenntnis das Jahr des Glaubens, das er als Credo des Gottesvolkes bezeichnete. Es bildete den Höhepunkt des Jahres, das „Wir dem Gedächtnis der heiligen Apostel gewidmet haben“. Wie der Papst in seiner Predigt erklärte, „haben wir damit Unsere unerschütterliche Treue zum depositum fidei bekundet, das sie uns überliefert haben, und unseren Wunsch bekräftigt, es in der geschichtlichen Situation der pilgernden Kirche in der Welt zur Lebensgrundlage zu machen.“ Paul VI. wollte mit diesem Bekenntnis den Auftrag erfüllen, „den Christus Petrus übertragen hat, die Brüder im Glauben zu stärken. Wir sind sein Nachfolger, wenn auch dem Rang nach der geringste“. Das neue Credo „greift im wesentlichen das Credo von Nizäa auf, ohne eine dogmatische Definition im eigentlichen Sinn zu sein, jedoch mit einigen Entfaltungen, die die geistige Situation unserer Zeit auferlegt“. Beim Sprechen des Credos des Gottesvolkes erklärt Paul VI., habe er die „Besorgnis“ vor Augen, „die einige moderne Kreise bewegt“ sowie „die Leidenschaft für eine Veränderung und Erneuerung“, die viele Katholiken erfaßt hat: „Man muß daher höchste Vorsicht walten lassen, um die Aussagen der christlichen Lehre nicht anzugreifen. Denn dies würde in vielen treuen Seelen eine allgemeine Verwirrung und Perplexität auslösen – wie es heute leider nur allzuoft geschieht.“

Ein Papst in schwierigen Zeiten

Wie Carlo Falconi, Wortführer unter den Vatikanberichterstattern der damaligen Zeit, in seinem Buch La svolta di Paolo VI (Die Wende Pauls VI.) schreibt, „ist der ungeheuerliche Strudel des Stillschweigens, in dem die Verkündigung des neuen Credos untergegangen ist, dramatisch und beängstigend. Die ganze Kampagne der vatikanischen Tageszeitung, um eine rührende und anerkennende Zustimmung vorzutäuschen, hat sich in Nichts aufgelöst. Wäre da nicht unmittelbar danach die Veröffentlichung der Enzyklika Humanae vitae gewesen, die eine ganz offene Reaktion dem Papst gegenüber ausgelöst hat, hätte die Verlegenheit jenes Stillschweigens aus Protest die Grenze des Unerträglichen erreicht.“

Paul VI. verkündet das „Credo des Gottesvolkes“

Außer einigen wenigen Ausnahmen ließ das ganze katholische Establishment die scharfe Sicht der Lage der Kirche in der Welt, wie sie sich im Jahr des Glaubens und im Credo des Gottesvolkes äußerte, einfach verpuffen. Für Theologen und Intellektuelle handelte es sich nur um „frommes Getue“. Zu Beginn des Jahrs des Glaubens behauptete der holländische Theologe Edward Schillebeeckx in einem Kommentar zur Initiative Pauls VI., die Krise, die der christliche Glaube durchmache, sei „eine Wachstumskrise“.

Sein deutscher Kollege Karl Rahner spottete über die Möglichkeit, nach einem Jahr der Geophysik nun ein Jahr des Glaubens auszurufen, und erklärte: „Alles hängt von einer gründlichen Reflexion ab, um dieses Verständnis [das christliche] dem zeitgenössischen Denken glaubhaft zu machen.“ Alle meinten letztlich, die Rückkehr zur Tradition, die einfache Wiederholung der Lehre der Apostel und das Verharren in dieser Lehre, die der Papst verlangte, seien unzureichend. Die Verschwörung gegen Paul VI., die sich im Stillschweigen über das Jahr des Glaubens und das Credo des Gottesvolkes äußerte, zeigte, worin der eigentliche Grund für das Unverständnis, der stummen Feindseligkeit und des immer häufigeren Widerspruchs gegenüber dem Papst innerhalb der Kirche zu suchen ist.

Die Vorstellung, daß das montinische Pontifikat seit 1967/68 einen Rückschritt darstellte und die anfänglichen Hoffnungen zerstörte, war in der klerikalen Intelligenz so weit verbreitet, daß ein offizieller Berichterstatter, der Historiker Franco Bolgiani, Mitte der siebziger Jahre bei einem kirchlichen Treffen über Evangelisierung und menschliche Entwicklung vor allen höheren Vertretern der italienischen Kirche davon sprach.

Am 29. Juni 1972 räumte der Papst in seiner Predigt zum Hochfest der Apostel Petrus und Paulus ein: „Wir glaubten, daß nach dem Konzil ein strahlender Tag für die Kirche anbrechen würde. Es kam aber ein Tag der Wolken und Stürme, der Nacht, der Suche und Unsicherheit, man gab sich Mühe, der Gemeinschaft Freude zu verleihen.“

In jener Zeit besaßen nur wenige den Mut, ihre Ehrfurcht und Solidarität gegenüber einem Papst zu bekunden, der auch bei kirchlichen Treffen belächelt wurde. Zu ihnen gehörte der Patriarch von Venedig, Albino Luciani. In seinem Vortrag am 18. September 1977 beim nationalen eucharistischen Kongreß in Pescara bezog er leidenschaftlich Stellung und erklärte ausdrücklich seine Verbundenheit mit dem großen Papst in so schwierigen Zeiten: „Der Petrus, den wir im Evangelium gehört haben, lebt heute in seinem Nachfolger, in der Person Pauls VI. Es gibt aber zwei Pauls VI.: den, den wir gestern abend hier in Pescara gesehen haben und wie er bei den General- und Privataudienzen zu sehen und zu hören ist, und den Papst, wie ihn einige Bücher und Zeitschriften auf ihre Weise beschreiben, wobei sie Dinge erfinden und verdrehen. Wahr und echt ist nur der erste: der große Papst, der in schwierigen Zeiten eine hohe Sendung zu erfüllen hat.“

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Quelle

Siehe vor allem auch: