Welche Toleranz? – Glaube und Kirche: Non prævalebunt

Unzeitgemäße Betrachtungen.
Von der jüngsten Vergangenheit zur Gegenwart.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das 20. und 21. Jahrhundert sind die Jahrhunderte, in denen es zu den größten Verfolgungen gekommen ist, denen die Kirche und das Christentum in ihrer Geschichte entgegentreten mussten und müssen: die Zahl der Märtyrer, aber auch die Formen der direkten und indirekten Unterdrückung des Lebens der Kirche lassen keinen Vergleich mit vorhergehenden Epochen zu. Angesichts der Grausamkeiten und des satanisch Bösen, das sich ausdrücklich und unmissverständlich gegen die Christgläubigen richtet, verschwinden alle anderen, denen die Schar derjenigen, die an den Mensch gewordenen Gott glauben, ein Dorn im Auge war. Ein Übermaß an Zerstörung scheint auf den Triumph des Bösen hinzuweisen, den Sieg der Finsternis über das Licht. Nicht leere Kirchen schreien den Tod Gottes gen Himmel, sondern ein Menschentum, das sich in die untersten Tiefen der Anbetung des Schlechten verirrt hat, aus denen heraus es die Welt mit Zerstörung und der Negation des Menschlichen selbst überzog und überzieht. Nach dem Grauen schien einst ein neuer Morgen anzubrechen: der Morgen einer Welt, die sich nun anders verstehen musste.

Die Hoffnung vieler richtete sich auf eine Stunde des neuen Friedens für die Kirche. Diese Erwartung wurde enttäuscht. Und gerade die jüngste Zeit lässt eine Strategie erkennen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb der Kirche darauf ausgerichtet ist, das Christliche zurückzuschneiden, es in einen abgeschlossenen Raum der Privaten zu bannen, sich offen gegen die Botschaft der Kirche zu wenden. Oft dramatisch erklingt das antike Dekret des Kaisers Nero in Europa: „Non licet esse christianos“ (Es ist nicht erlaubt, Christ zu sein). Allein die Tatsache, Christ oder Katholik zu sein, wird nicht selten als Grund vorgebracht, dass ein Mensch etwas nicht sagen oder tun darf. Die Art der Verfolgung ist subtil.

Die Massenmedien leisten bereitwillig ihren Beitrag. Der Sinn der Information besteht oft darin, etwas bereits „Gewusstes“, wie ein Mantra heruntergebetete Vorurteile so in der Wahrnehmung und im Denken eines Publikums zu verankern, das ein gängiges Reiz-Reaktionsschema immer funktioniert. An Stelle von Intelligenz und dem Wunsch, etwas genauer zu kennen, sich herausfordern zu lassen, um dann weiterzudenken, tritt das Sabbern von Pawlow-Hunden, die auch ohne das Fressen gesehen zu haben bereits „wissen“, was auf sie zukommt. Statt es den Menschen zu ermöglichen, wirklich frei zu sein, ist die bequeme und immer Erfolg versprechende Konditionierung das Ziel.

Die Beseitigung des Christlichen führt mit einem Wort von C.S. Lewis zur „Abschaffung des Menschen“. Eine „Umwertung aller Werte“ scheint in vollem Gang zu sein. Ein neuer Humanismus bahnt sich an, der im Transhumanen sein Ziel sieht. Gerade dem müssen die Christen wider alle Mystifizierung und Vorherrschaft der Lüge entgegenwirken. Die Kirche ist im Sturm. Das Schiff des Petrus durchquert das bewegte Meer der Geschichte der Völker und Kulturen. Die Kirche als sichtbare geistliche Gemeinschaft wird im Ozean widriger Umstände hin und her gerissen. Da ist zunächst der Sturm der Gleichmacherei und Indifferenz. Jede Wirklichkeit soll an einem Maß bemessen werden, das bereits ohne innere Rechtfertigung von einer Welt vorgegeben ist. Dazu kommt der Sturm der Ignoranz, die jeder Mode allein deshalb hinterherläuft, weil es sie gibt, und keinen festen Punkt der Wahrheit anerkennen will oder kann. Die Ignoranz beschließt, dass es nur Summen von Teilen gibt, jedoch keinen inneren Sinn, der es ermöglicht, überhaupt zur Vorstellung von einer Summe zu gelangen. Wissen entartet so zum Aufsammeln von Bröckchen, die ohne Kriterium aneinandergereiht werden. Der Sturm ist die Fraglosigkeit, die wie ein Fallwind aus den Höhen alles zu bedrängen scheint.

Wie kann es möglich sein, dass sich Atheisten unwidersprochen Humanisten nennen? Wie kann es sein, dass Treulosigkeit, Prinzipienflucht und Respektlosigkeit als Formen von Freiheit angesehen werden? Wie ist es möglich, dass die Anspruchslosigkeit in jeder Hinsicht zum Dialogideal in einer so genannten demokratischen Gesellschaft erhoben wird? Was sollen die modernen Designerethiken, die nur jeweilige Erscheinungen begleiten und einem verkümmerten und taub gemachten Gewissen einen illusorischen Ausweg aus der Falle der Haltlosigkeit bieten?

Der Stein des Anstoßes: der Wahrheitsanspruch

Die moderne abendländische Kultur, die sich im Prozess der Globalisierung wie ein Krake um die ganze Welt schlingt und sich auch in den Ländern mit einer anderen Kultur immer mehr ausbreitet, ist zutiefst von einem Relativismus gezeichnet, auf dessen Fahne die Ablehnung einer absoluten, transzendenten Wahrheit geschrieben steht. Der Mensch wird in seiner Subjektivität und ichbezogenen Beschränktheit in den Mittelpunkt dieses neuen Universums gesetzt. Diesem wird letztlich kein Seinscharakter mehr zuerkannt, so dass es in die Versenkung der nihilistischen Sinnlosigkeit abgleitet und Technik, das heißt das Machbare, an die Stelle von Sinnstiftung tritt. Dem von einer so verstandenen Technik hervorgebrachte Fortschritts- und Entwicklungsgedanken fehlt die Dimension eines ganzheitlichen Humanismus. Er führt daher zu einem Laizismus, der alles daran setzt, eine transzendente religiöse Bindung zu schwächen oder sie wenigstens in die engen Grenzen des Privatlebens der Menschen zu verbannen.

Es mutet wie der Treppenwitz des dritten Jahrtausends an: Auf der einen Seite bemühen sich alte wie zeitgenössische Aufklärer darum, die Größe eines Galileo Galilei und seiner freien wissenschaftlichen Vernünftigkeit gegen den Obskurantismus einer Kirche auszuspielen, die zu jener Zeit meinte, keinen Grund zu haben, den Menschen aus dem Mittelpunkt der Schöpfung zu verdrängen. Andererseits produziert dieselbe Mentalität eine Welt und Gesellschaft, innerhalb derer allein der Mensch das Maß der Dinge darstellt, dass sie sind und wie sie sind (vgl. Protagoras). Der Anthropozentrismus lässt den Menschen zur Karikatur seiner selbst werden. Das „Menschenmögliche“, das einstmals eigentlich dazu anspornte, es in einem „mehr“ zu überwinden, wird zur abschleifenden Norm, innerhalb derer jede Frage nach einer absoluten Wahrheit nur einen Skandal darstellen kann.

Die Christentum und die Kirche sind so die Fleischwerdung des Skandals des absoluten Wahrheitsanspruches. Deshalb geht die Kirche auf die Nerven und muss bekämpft werden. Am meisten musste dann „einst“ derjenige bekämpft werden, in dem die Personalisierung dieses Anspruches erkannt wird: der Papst. Militante Atheisten verschiedenster Couleur, auch im Bund mit Christen, die den Glauben der individuellen und relativen Beliebigkeit überantwortet haben, geben sich die Hand und feixen „schadenfroh“ besonders gegenüber einem Papst, der eine der vorrangigen Pflichten seines Amtes erfüllt, nämlich Garant und Fels der Einheit und Wahrheit zu sein. Aus diesem Grund sollte es einmal erreicht werden, dass der Papst zusammen mit dem, für das er steht, aus der öffentlichen Auseinandersetzung entfernt wird. Es wurde ihm das Recht abgesprochen, überhaupt an der öffentlichen Diskussion um Wesen und Orientierung der gesellschaftlichen Ordnung teilzunehmen. Ein Mensch, der es wagte, sich als Stellvertreter Gottes auf Erden vorzustellen und sich auf sein Wappen das Motto „Cooperatores veritatis“ – Mitarbeiter an der Wahrheit – zu schreiben, der musste über kurz oder lang stürzen bzw. gestürzt werden.

Es schien nicht erträglich und „zu kompliziert“ zu sein, was Papst Benedikt XVI. als das Positive vorschlug: „Die Wahrheit wird als Wirklichkeit angeboten, die den Menschen erbaut und ihn zugleich übersteigt und überragt; sie wird als Geheimnis angeboten, das den Schwung der menschlichen Fassungskraft aufnimmt und gleichzeitig überschreitet. Nichts vermag die menschliche Intelligenz so auf unerforschte Horizonte hin zu leiten, wie es die Liebe zur Wahrheit tut.“

Unerträglich ist dieses Wort: Wahrheit. Unerträglich dieses Verhalten: der postmodernen Unentschlossenheit als System des Relativismus einen hohen Anspruch entgegenzuhalten. Unerträglich dieses akademische Geschwätz von der „Vernunft“, der Verwobenheit des endlichen Wesens des Menschen in den göttlichen Logos. Unerträglich war es, und dies selbst für viele Katholiken, darauf zu bestehen, dass das Christentum nichts mit Bauchnabelbetrachtungen zu tun hat, sondern wirklich einen universalen, das Sein des Menschen und den Kosmos einschließenden Anspruch stellt. Unerträglich ist es dann, die Kirche nicht allein „menschlich“ verstehen zu wollen, sondern als mystischen Leib Christi, Ort des Heiligen und der Berufung der Heiligen. So einer durfte nicht mitreden. Und jene, die ihm als ihrem Hirten nachfolgten, wurden mit dem Generalverdacht der Unmündigkeit und Abgehobenheit bedacht.

Bereits Ende 2008 wurde es von den Medien in Deutschland beschlossen: der ehemalige Großinquisitor hat nichts mehr zu sagen. „Wir waren Papst“, schrieb der damalige Rom-Korrespondent des „Spiegels“ Alexander Smoltczyk in einem Beitrag zum Abschluss des Jahres 2008. Benedikt XVI. definierte er als den „Entrückten“, als einen, der der konkreten Welt nichts sagen könnte, sondern der nur eines wolle: „das sein, was er am besten kann: Kirchenlehrer“. Genau das aber stellt für den Kommentator das Problem dar, denn das Reden von Wahrheit und Lehre entferne von dem, was die Welt wirklich brauche. Und so diagnostizierte das Hamburger Lehramt: „Wir waren Papst. Jetzt sind wir Merkel, Steinbrück, Schmidt – nicht zufällig sind das allesamt Protestanten, knochentrockene Lutherlinge, denen überdies alles Gewabere, alles Ideengetränkte, Tröstliche zuwider ist.“ Die Zeit der „barocken Spektakel“ und „großen Worte“ sei vorbei: „Es ist Zeit für Nüchternheit. Für Buddenbrooksche Kaufmannsethik. Fürs Handeln ohne vorherige Rückversicherung bei Augustinus.“ Keine Appelle an die Moral seien nötig, um aus einer Krise herauszukommen, nur die Erfüllung der innerweltlichen Pflicht sei gefragt: „Die Banker sollen nur ihren Job richtig machen, nüchtern, hanseatisch pfeffersäckig. Protestantisch“. Ob die Protestanten insgesamt mit einer derartigen „Analyse“ zufrieden sein können, sei dahingestellt.

Unter dem Vorwand einer eingeforderten Toleranz wurde und wird dann gern die Fundamentalismuskeule geschwenkt. Sie findet sich heute in der absurden Rede von „Rechtskatholiken“ wieder und wird dabei gern von sich selbst als „Linkskatholiken“ und Neoprogressisten und Neopapisten entdeckt habenden Kommentatoren geschwenkt.

Dabei jedoch handelt es sich um einen schweren Missbrauch des Toleranzbegriffes. Für John Locke (1632-1704) bedeutete die Toleranzpflicht nicht die Aufgabe des Anspruches, Wahrheit zu vertreten und andere zu dieser Wahrheit zu führen. Locke ging es um unveräußerliche Rechte und Freiheiten des Menschen und Bürgers: „Keine Privatperson in irgendeiner Weise ein Recht, eine andere Person im Genuss ihrer bürgerlichen Rechte zu benachteiligen, weil diese zu einer anderen Kirche oder Religion gehört“, so schreibt der englische Denker in seinem „Brief über die Toleranz“ (1689). Und mehr noch: „Wir dürfen uns nicht mit den engen Maßen bloßer Gerechtigkeit begnügen: Barmherzigkeit, Güte und Freigiebigkeit muss hinzukommen. Das schärft uns das Evangelium ein, befiehlt uns die Vernunft und fordert jene natürliche Brüderlichkeit von uns, in die wir hineingeboren sind“. Nur eine Ausnahme kennt Locke. Diejenigen sind für ihn ganz uns gar nicht zu dulden, „die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auflösen. Auch abgesehen davon können die, die durch ihren Atheismus alle Religion untergraben und zerstören, sich nicht auf eine Religion berufen, auf die hin sie das Vorrecht der Toleranz fordern könnten“.

Dagegen verwirklicht sich die moderne Diktatur der Toleranz in der entschlossenen und aggressiven Ablehnung der Tatsache, dass jemand eine Position absolut einnimmt und den Anspruch erhebt, deren Wahrheitsgehalt nur angesichts der Anerkennung des eigenen Wahrheitsanspruches zu diskutieren. So wird „Toleranz“ zur Leugnung der Rechts darauf, eine Stellung einnehmen zu können und diese entschlossen und der Vernunft entsprechend zu vertreten. Nicht um die Achtung dessen geht es, was dem anderen heilig sein kann, obwohl es einem selbst nicht heilig ist, sondern um eine radikale Zurückdrängung dieses Heiligen in den Bereich des Ungültigen.

„Die Toleranz, die Gott sozusagen als Privatmeinung zulässt, ihm aber die öffentliche Herrschaft, die Wirklichkeit der Welt und unseres Lebens verweigert, ist keine Toleranz, sondern Heuchelei“, sagte Benedikt XVI. am 2. Oktober 2005. „Dort jedoch, wo sich der Mensch zum alleinigen Besitzer der Welt und zum Eigentümer seiner selbst erklärt, kann es keine Gerechtigkeit geben. Dort kann nur die Willkür der Macht und der Interessen herrschen.“ So wird Toleranz zur Apotheose der Unfähigkeit, ja oder nein zu sagen. Was bleibt, sind opportunistische Situationsethiken, die gewaltig auf das Gebot Christi stoßen: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen“ (Mt 5,37).

Der Beweis der Herrschaft der Willkür der Macht und der Interessen war auf eklatante Weise im Verlauf des „AIDS- und Kondomskandals“ sichtbar geworden, der durch ein falsch von den Medien verbreitetes Wort Benedikts XVI. bei seinem Flug nach Afrika verursacht worden war (März 2009). Auf die Frage eines Journalisten nach der Art und Weise der Kirche, gegen AIDS zu kämpfen, erklärte der Papst, dass man das AIDS-Problem nicht nur mit Geld lösen könne. „Wenn die Seele nicht beteiligt ist, wenn die Afrikaner nicht mithelfen (indem sie eigene Verantwortung übernehmen), kann man es mit der Verteilung von Präservativen nicht bewältigen. Im Gegenteil, sie vergrößern das Problem.“

So weit die unmissverständlichen Worte des Papstes: AIDS ist eine Krankheit, deren Vorbeugung in erster Linie die Vermittlung eines Menschenbildes erfordert, in dessen Mitte die Achtung der Würde und der Unverletzbarkeit des Anderen steht. Nur auf der Grundlage einer Erziehung, die die Wahrheit des Menschen (und für den Papst: die Wahrheit der Geschichte Gottes mit dem Menschen) absolut betont und in den Vordergrund jedes Handelns stellt, kann dieses schwere Problem an der Wurzel behandelt werden. Präservative ohne Erziehung und das alleinige materielle Vertrauen auf die Medizin sind ungenügend. Eine ganzheitliche Sicht des Menschen erfordert eine tiefergehende Perspektive, die sich nicht nur auf einen einzigen Aspekt eines Phänomens konzentriert.

Daraufhin warf der Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit (Die Grünen) Benedikt XVI. „fast einen vorsätzlichen Mord“ vor; der frühere französische Premier Alain Juppé meinte sogar, einen „Autismus“ diagnostizieren zu können. Trotz besseren Wissens (man bräuchte sich die Worte des Papstes nur anhören oder lesen) scheuten sich die im Europaparlament vertretenen liberalen Parteien nicht, in einem Änderungsantrag zum Jahresbericht 2008 über die Menschenrechte in der Welt die Äußerungen Benedikts XVI. „nachdrücklich“ zu verurteilen, „in denen er die Benutzung von Kondomen verboten und davor gewarnt hat, dass der Gebrauch von Kondomen die Ansteckungsgefahr sogar erhöhen könne“. Es muss dem Leser überlassen werden, diese Manipulierung der öffentlichen Meinung selbst zu beurteilen. Eines tritt deutlich hervor: Nicht der Papst war das Ziel derartiger vermessener und unredlicher Vorgänge, sondern der Anspruch, eine einzige Sicht als die allein gültige zu behaupten.

Es gehört zur Masche von totalitären Systemen, sich lästiger Widersacher zu entledigen, indem man sie als verbrecherisch oder krank und somit als Elemente darstellt, die dem vorausgesetzten, aber nicht gerechtfertigten ideologischen Gesellschaftssystem Schaden zufügen. Innerhalb dieses Totalitarismus, der sein Gesicht unter dem Schleier der Toleranz verbirgt, wurde es dann möglich, dass ein Bischof als „Hassprediger“ bezeichnet wird (Volker Beck, Die Grünen, über Kardinal Meisner, der sich zum Sittenverfall in Europa und zum modernen Menschen als „Triebbündel“ geäußert hatte), während ein anderer als „kastrierter Kater“ (Kurt Beck, SPD, 2007; ironisierend zu Bischof Walter Mixa) oder als „durchgeknallter, spalterischer Oberfundi“ (Claudia Roth, Die Grünen, 2007; direkt zu Bischof Walter Mixa) erkannt wird, dessen Worte letztere Dame auch noch an den kambodschanischen Diktator und Massenmörder Pol Pot erinnerten..

Das Besorgniserregende dabei waren und sind jedoch nicht Beleidigungen gegenüber einem Papst, Kardinal oder Bischof. Es geht nicht um persönliche Animositäten, selbst wenn diese einen gläubigen Katholiken verletzen. Vielen scheint es angemessen zu sein, das Leben der Kirche wie in einer schlechten Talk-Show behandeln zu müssen. Die Nachfolger der Apostel jedoch sind es gewohnt, im Kreuzfeuer zu stehen, und nicht umsonst geloben einige von ihnen feierlich, dem Papst treu zu sein „usque ad effusionem sanguinis“ (bis zum Vergießen des eigenen Blutes).

Was erschüttert, ist eine radikale ethische Entfremdung und ideologisierte und aggressive Anti-Haltung gegenüber dem christlichen Wertemodell und einem auf dem Evangelium basierenden Humanismus, in dessen Zentrum die Förderung des wahrhaft Menschlichen aus dem Wesen des Göttlichen heraus steht. Dass die Kirche auf der Grundlage des natürlichen Sittengesetzes „Anwältin der Menschheit“ ist, bildet das eigentliche Ärgernis und provoziert einen Angriff auf das Christentum insgesamt.

Wie steht es um die Religionsfreiheit?

Der Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen schreibt die Religionsfreiheit als Grundelement der Verwirklichung des Menschen in jeder Gesellschaft fest: „Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“

Die Erklärung über die Religionsfreiheit des II. Vatikanischen Konzils „Dignitatis humanae“ hält fest, „dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln. Ferner erklärt das Konzil, das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird. Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muss in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, dass es zum bürgerlichen Recht wird“ (Nr.2).

Stellt man heute in den westlichen Gesellschaften die Frage nach der Religionsfreiheit, so wird man wohl immer die Antwort bekommen: Aber klar doch. Es wird jedoch in der Regel zwischen wahrer Religionsfreiheit und dem undifferenzierten geduldeten Nebeneinander von Religionen nicht unterschieden. Religionsfreiheit bedeutet nicht die gleichzeitige Präsenz von unterschiedlichen Religionen innerhalb einer Gesellschaft, die ein Staat zu dulden oder zu gewährleisten hätte. Die Religionsfreiheit ist ein Grundrecht, kein einfaches Recht unter anderen, das beansprucht werden könnte. Im Boden der Religionsfreiheit sind, wie gerade die Denker der Aufklärung erkannt haben, alle Menschenrechte verwurzelt. Ein Menschenrecht nämlich ist keine Eigenschaft oder Besitz eines Individuums oder der Menschheit. Das Menschenrecht transzendiert das Sein des Einzelnen und der Gesellschaft. Die Religionsfreiheit legt somit in besonderer Weise diese transzendente Dimension der Menschen offen, lässt den absoluten Charakter und die Unverletzlichkeit seiner Würde erkennen und entzieht ihn einer Manipulation aus Willkür und äußeren Machtansprüchen.

Als stabiler Untergrund der Erkennbarkeit der Menschenrechte ist sie Ausdruck des Wesens des Menschen selbst und kann nicht auf die Erlaubnis beschnitten werden, ein Zusammenleben von Bürgern zu verwirklichen, die im Privaten ihren jeweiligen Bekenntnissen nachgehen. Religionsfreiheit ist nicht zu verwechseln mit Kultfreiheit. Genau diesen Punkt akzentuierte Benedikt XVI. in seiner Ansprache vom 18. April 2008 bei der Versammlung der Vereinten Nationen: „Die volle Gewährleistung der Religionsfreiheit kann nicht auf die freie Ausübung des Kultes beschränkt werden, sondern muss in richtiger Weise die öffentliche Dimension der Religion berücksichtigen, also die Möglichkeit der Gläubigen, ihre Rolle im Aufbau der sozialen Ordnung zu spielen“.

Wie Benedikt XVI. in der Enzyklika „Caritas in veritate“ schreibt, bedeutet Religionsfreiheit jedoch nicht „religiöse Gleichgültigkeit“. Ebenso wenig werde durch sie behauptet, dass alle Religionen gleich sind. Insofern ist für den Papst die Unterscheidung hinsichtlich des Beitrags der Kulturen und Religionen zum Aufbau der sozialen Gemeinschaft in der Achtung des Gemeinwohls vor allem für den geboten, der politische Gewalt ausübt: „Solche Unterscheidung muss sich auf das Kriterium der Liebe und der Wahrheit stützen. Da die Entwicklung der Menschen und der Völker auf dem Spiel steht, wird sie die Möglichkeit der Emanzipation und der Einbeziehung im Hinblick auf eine wirklich universale Gemeinschaft der Menschen berücksichtigen“ (Nr. 55). Dabei seien „der Mensch und alle Menschen“ das Kriterium, um auch die Kulturen und die Religionen zu beurteilen.

Die Kirche bietet einen Beitrag zum Aufbau einer solidarischen und gerechten Gesellschaft an, der nach dem Prinzip der Religionsfreiheit als Fundament der Menschenrechte durch keine Strategie begrenzt werden darf, es sei denn, eine Gesellschaft wolle dadurch nicht eine Verletzung der Menschenwürde als Möglichkeit des Systems zulassen. Religionsfreiheit schützt vor einem unmenschlichen Humanismus, der alles in die Beliebigkeit von einzelnen oder Interessengruppen stellt. Keineswegs darf Religionsfreiheit zu einem Recht auf Verhinderung der Präsenz des Religiösen innerhalb einer Gesellschaft pervertiert werden. Dies zöge unweigerlich die Bannung von Toleranz, Solidarität und der Fähigkeit nach sich, die Menschenwürde als zentral zu erkennen.

Freiheit bedarf eines Fundaments, aus dem heraus sie sich entwickeln kann und ohne das sie zum Scheitern verurteilt wäre. Das Wesen der Freiheit ist die Wahrheit. Ohne Wahrheit kann Freiheit nicht bestehen, ohne Freiheit kann Wahrheit nicht als solche erkannt werden. Dieses Geflecht zerreißen zu wollen, würde einen Verzicht auf alle Werte bedeuten, gerade auch auf jene, die oft gegenüber der Religion als „höher“ behauptet werden, insofern diese nur relative Antworten auf untere Bedürfnisse eines rein materiell interpretierten Menschen wären. Was bleibt, ist die Gefahr der Herrschaft der Ideologien. Dabei kann und darf, wie Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt, die Kirche nicht den politischen Kampf an sich reißen, um die möglichst gerechte Gesellschaft zu verwirklichen. „Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben. Sie muss auf dem Weg der Argumentation in das Ringen der Vernunft eintreten, und sie muss die seelischen Kräfte wecken, ohne die Gerechtigkeit, die immer auch Verzichte verlangt, sich nicht durchsetzen und nicht gedeihen kann“ (Nr. 28).

Die Kirche kann nicht anders als „politically incorrect“ sein. Und gerade das macht den Glauben so anstößig für eine Welt, die sich daran gewöhnt zu haben scheint, dass das Nicht-Widerspruchsprinzips (zwei einander widersprechende Sätze können nicht zugleich zutreffen) ein Optional für eine Auseinandersetzung ist. Eine angebliche Freiheit, die sich als die Aufgabe jeglicher Vernünftigkeit präsentiert, widerspricht jedem Menschenrecht und bedroht letztlich die Bekenntnisfreiheit als dessen Grund. In weiten Gebieten ist ein instinktgetriebener Nihilismus der Indifferenz festzustellen, der sich selbst nicht zu ertragen vermag und infolgedessen jeden bedroht, der einen Dialog nur im Ausgang von einer der Wahrheit entsprechenden Position führen will. Der Kern der Strategie besteht darin, Religion auf eine soziale Wohlfahrtsinstitution reduzieren zu wollen und Kirche als humanitäre Agentur zu verstehen, die als Randphänomen neben anderen zu stehen kommt.

Die Erosion der religiösen Bindungen, wie sie sich in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat (und deren Beginn in der unmittelbaren Nachkriegszeit auszumachen ist), führte zu einer Konzeption von Laizität, deren Ziel es ist, den Massen einen allgemeinen Daseinsvollzug als ein Leben „etsi Deus non daretur“ (als ob es Gott nicht gäbe) vorzuschlagen. Gerade diese Erosion, die zu einem großen Teil auch „selbstverschuldet“, das heißt „kirchenverschuldet“ ist, bringt es mit sich, dass das, was ehemals Bindung gewährleistete, zum Teil auch aggressiv bekämpft wird. Dabei wird nicht erkannt, dass das Menschliche selbst zum Opfer dieses Kampfes wird. Schon Fjodor M. Dostojewskij wusste es: „Der vollkommene Atheist steht auf der vorletzten Stufe vor dem vollkommensten Glauben – ob er ihn nun erreicht oder nicht –, der Gleichgültige aber hat gar keinen Glauben mehr, nur eine erbärmliche Angst, und auch die nur selten, wenn er ein empfindsamer Mensch ist“ (Die Dämonen).

Wer Kreuze aus den Schulen unter dem Vorwand des durch eine hypothetische Multikulturalität erforderlichen Respekts entfernen will, begibt sich in den Raum einer tragischen Unvernunft und des Verkennens der geschichtlichen Dimension der europäischen und westlichen Kultur, was die Selbstaufgabe und auch den Selbsthass des Menschen zur Folge hat. Das Größere der Wahrheit untersteht der Meinung. Jede Glaubensentscheidung relativiert sich und verurteilt sich so zu ihrer inneren Leere. Statt einen kulturellen Dialog über die Folgen von Glaubensentscheidungen zu stimulieren, geht die Fähigkeit zur Wahrheit selbst im Hohlraum der Sinnlosigkeit auf. Ergebnis ist eine unvermeidliche Krise der Ethik, das heißt das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können und das gut Gemeinte nicht mit dem Guten zu verwechseln.

Weder Druck noch Anpassung

Der Christ ist ein Nonkonformist und schwimmt „gegen den Strom“ (wozu Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus immer wieder auffordern). Der innerste Kern der Lehre der Kirche ist darin gegeben, die Menschen zur Wahrheit zu führen, indem sie sie die einzige Wahrheit des offenbarten Gottes ersehnen und erfassen lässt. Die Kirche stellt eine historische Ausnahme dar: sie hat als Bastion der Rationalität als einzige ein Problem mit dem, was die Gesellschaft schnell erledigt. Die Kirche ist die Tradition, sie hat es mit der Geschichte zu tun. Als solche wird sie zum Feindbild jeglicher ideologisch und relativistisch gefasster Rationalität der einfachen Verwaltung von dem, was der Fall ist. Paradoxerweise muss ein Mensch im Zeitalter der extremen Selbstbehauptung des Individuums sein Menschsein immer rechtfertigen, vor der Wissenschaft, vor der Technik, vor der Wirtschaft. So verliert sich das aufgedunsene Ich in der Zerstreuung.

Die Kirche braucht den Mut, aus der Defensive herauszuschreiten. Das ist aber nur dann möglich, wenn ihre positive Option so klar wie möglich vorwärts gebracht wird. Für den relativistischen Säkularismus war es lange Gebot, dem Christentum eine Rechtfertigung abzufordern und es aufgrund seiner angeblichen Einschränkung der Freiheit der Vernunft in seiner Gegenwart und Handlung zu begrenzen. Die Diktatur einer falschen und teilweise heuchlerischen Toleranz ist zu überwinden. Sie versandet im Unverständnis. Es bedarf der Sensibilität des religiösen Organs. Sie lässt erkennen, dass es eine weitere Rationalität braucht, als es die säkulare Rationalität je sein kann. Der Glaube ist dann der positive Ort der Vermittlung von Vernunft und Kultur, von Selbstsein und Mitsein. Der Glaube gründet die Natur des wahren Menschseins. Darin besteht der Schwung und die Leuchtkraft des Katholischen. Je stärker der Glauben, desto stärker die Vernunft. Je mehr hingegen eine Theologie ein Fall unter anderen im Reigen der humanistischen Wissenschaften ist, desto weniger wird sie als Wissenschaft, die die Grundlagen, Inhalte und Konsequenzen des Glaubens interpretiert, ernst genommen und verkommt so zu einem Surrogat von Meinungen.

Der ethische Relativismus wird fälschlicherweise als die tolerante Grundlage der Demokratie und als die Verneinung des Autoritarismus angesehen. Das dabei aufkommende Problem ist, dass sich die Demokratie so ein Maß zuweist, das ihr nicht zusteht. Wie Benedikt XVI. 2005 bekräftigt hatte, kann das demokratische Ziel von Frieden und Toleranz innerhalb und zwischen den Staaten nur dann erreicht werden, „wenn die rechte Achtung des Lebens und der Würde jeder menschlichen Person im Mittelpunkt der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung jeder Gemeinschaft stehen. Eine gesunde Gesellschaft fördert immer die Achtung der unantastbaren und unveräußerlichen Rechte aller Personen“. Denn ohne „eine objektive sittliche Verankerung kann auch die Demokratie keinen stabilen Frieden sicherstellen“. Demokratie wird so zu einem „Mythos“, der zu einem „Ersatzmittel für die Sittlichkeit oder einem Allheilmittel gegen die Unsittlichkeit gemacht wird“ (vgl. Johannes Paul II, Evangelium vitae 70). Das bedeutet, dass der moralische Relativismus das Funktionieren der Demokratie aushöhlt, das die Toleranz und Achtung unter den Völkern allein nicht sicherstellen können.

Mit anderen Worten: eine Demokratie ist nur dann Demokratie, wenn sie sich auf ihre vor-demokratischen Grundlagen besinnt, die im natürlichen Sittengesetz liegen. Der „Nebel der Säkularisierung“ (Romano Guardini) verhindert den Dialog, in diesem Nebel kann die Säkularisierung nur destruktiv sein und dann entgleisen (Jürgen Habermas).

Unter dem Schleier dieses Nebels kristallisiert sich auch ein Grundmissverständnis: dass nämlich die Kirche eine Art Ethikagentur sei, deren Beitrag für die Gesellschaft darin bestehe, ihr Benimm und anständige Sitten beizubringen. Für die Religion hingegen wäre es verheerend, würde sie nur in der Dimension eines Moralismus und nicht als Form des Lebens wahrgenommen werden. Leider interessiert sich der Staat nur in dieser selbstsüchtigen Form für die Religion. Dieses Interesse des Staates hat heute nichts mit dem Glaubensverständnis zu tun. So bewegen sich Gesellschaft und Kirche oft auf zwei parallelen Geraden, die einander nicht schneiden, weil es die Gesellschaft verlernt hat, die Selbstbestimmung der Sendung der Kirche zu verstehen.

Umso wichtiger ist: Die Kirche darf sich nicht an die Welt anpassen oder ihr hinterherrennen, indem sie der Versuchung der Selbstsäkularisierung verfällt. Nicht auf diese Weise kann das Christentum Triebfeder der Geschichte sein und das gesamte Dasein umfassen. Entweltlichung und eine Absage an die „spirituelle Weltlichkeit“ sind angesagt. Der Glaube ist der Dreh- und Angelpunkt der Menschheitsgeschichte und überschreitet seinem Wesen nach die Sphäre der reinen Subjektivität. Die Kirche muss mit einem Wort Romano Guardinis aus dem 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts zur „Unterscheidung des Christlichen“ zurückfinden, statt sich in die Welt zu versenken und sich aus ihr heraus interpretieren zu wollen.

Grundelement dieser Unterscheidung des Christlichen besteht in der Erkenntnis, dass der Glaube und die Lehre des Glaubens sich nicht der Welt- und Menschheitsgeschichte entgegensetzen, sondern die Geschichte ohne den Glauben und seine Lehre überhaupt nicht als Geschichte des Menschen verstanden werden kann. Anfang und Ende allen Denkens, Glaubens und Seins muss die Wahrheit sein, deren Garant und Heimstatt die Kirche ist. Denn es ist verheißen: „Die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen – non prævalebunt“ (vgl. Mt 16,18).

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