Vortrag von Bischof Dr. Gerhard Feige zum Thema: „Auf ewig geteilt? Für immer geeint? Ökumenische Zukunftsvisionen“

ARCHIV - Der katholische Bischof Gerhard Feige des Bistums Magdeburg, aufgenommen am 05.11.2010 in Magdeburg. Der Magdeburger Bischof ist neuer Ökumene-Beauftragter der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Die Bischöfe wählten den 60-Jährigen bei ihrer Herbstvollversammlung in Fulda zum Nachfolger von G. L. Müller, wie ein Sprecher am Freitag (28.09.2012) mitteilte. Foto: Jens Wolf dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bischof Gerhard Feige des Bistums Magdeburg

Vortrag
von Bischof Dr. Gerhard Feige,

Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz
zum Thema: „Auf ewig geteilt? Für immer geeint? Ökumenische Zukunftsvisionen“
beim Symposium des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses (DÖSTA)

„Heillos gespalten? Segensreich erneuert?
500 Jahre Reformation – vielseitig und ökumenisch betrachtet“

am 23. April 2015 in der Katholischen Akademie Bayern  

„Auf ewig geteilt? Für immer geeint? Ökumenische Zukunftsvisionen“, so lautet das Thema meines Vortrages zum heutigen Auftakt des Symposiums. Schon seit längerem ist immer wieder zu hören, dass es in der Ökumene eine Stagnation, gar eine „Eiszeit“ gebe. Eine solche Einschätzung kann ich jedoch nicht teilen. Als Vorsitzender der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz bewege ich mich in vielen bi- und multilateralen Kontexten, die mir verdeutlichen, wie positiv sich – bei allen Schwierigkeiten und offenen Fragen – doch insgesamt der ökumenische Dialog entwickelt hat. Manchmal sind es freilich nur kleine Schritte, die uns auf dem ökumenischen Weg voranbringen. Dennoch oder gerade deshalb sollten wir mit Geduld und Zuversicht die noch offenen kontrovers-theologischen Fragen angehen und auf das Wirken des Heiligen Geistes vertrauen.

Aber wohin soll dieser Weg führen? Was ist das Ziel, auf das wir hin unterwegs sind. Dass es zwischen den Kirchen bisher keine gemeinsame Zielbestimmung gibt, sieht Kardinal Kurt Koch als „die eigentliche Krux“1  in der gegenwärtigen Situation an. Und er drängt immer wieder dazu, sich diesem Thema intensiv zu widmen: „Denn“ – so Kardinal Koch – „nur wenn das Ziel der ökumenischen Bewegung klar vor Augen steht, lässt sich auch die Frage nach den nächsten notwendigen Schritten adäquat stellen und klären.“2

Das Ökumenismusdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils „Unitatis Redintegratio“ hält gleich zu Beginn das Ziel der ökumenischen Bewegung fest: „Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen ist eine der Hauptaufgaben des Heiligen Ökumenischen Zweiten Vatikanischen Konzils.“3 Letztlich gründet dieses Ziel im Wunsch Jesu Christi selbst nach Einheit, wie im Johannesevangelium als eines der letzten Worte unseres Herrn überliefert ist.4

Damit ist der Ökumenismus „nicht bloß irgendein ‚Anhängsel‘ (…), das der traditionellen Tätigkeit der Kirche angefügt wird. Im Gegenteil, er gehört“ – wie Papst Johannes Paul II. im Jahr 1995 in seiner Enzyklika „Ut Unum Sint“ bemerkt – „organisch zu ihrem Leben und zu ihrem Wirken“5.  Und er beschreibt in dieser wegweisenden Enzyklika das Ziel   aller ökumenischen Dialoge und Bemühungen wie folgt: „Fast alle streben, wenn auch auf verschiedene Weise, zu einer einen, sichtbaren Kirche Gottes hin, die in Wahrheit allumfassend und zur ganzen Welt gesandt ist, damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes.“6 Auch der Ökumenische Rat der Kirchen betrachtet sich als „eine Gemeinschaft von Kirchen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet“7.

Aber wie soll diese sichtbare Einheit aussehen? Ein konkretes Modell in der Form eines Strukturplanes, zu dessen Umsetzung wir dann ein detailliertes Konzept entwickeln könnten, gibt es auch auf katholischer Seite nicht. Einigkeit besteht darin, dass auch aus katholischer Perspektive sichtbare Einheit nicht bedeuten kann, dass die bestehenden Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu einer uniformen Einheitskirche verschmolzen werden. Auch von der sogenannten „Rückkehrökumene“, also der Vorstellung, dass alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zur katholischen Kirche zurückkehren mögen, hat sich die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedet und in ihrem Ökumenismusdekret ausdrücklich „die Teilnahme der katholischen Gläubigen am ökumenischen Werk“8  gewürdigt. Wie aber kann dann die Einheit aussehen? Dieser Frage möchte ich im Folgenden in drei Schritten nachgehen. Dabei versuche ich, zu den mir vorgegebenen Stichpunkten „Auf ewig geteilt?“, „Für immer geeint?“ und „Ökumenische Zukunftsvisionen“ jeweils Aspekte einer Antwort aufzuzeigen, im letzten Teil besonders im Hinblick auf den bevorstehenden 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017.

1. Auf ewig geteilt?

In der Ökumene haben wir momentan keine gemeinsame Vision einer anzustrebenden Kircheneinheit. Überdies ist der Begriff der „Einheit“ in Verruf gekommen und wird zunehmend negativ konnotiert. Er steht „unter dem Verdacht von Vermassung, Uniformierung, Zentralismus und Entmündigung“ und scheint „fast zu einem  Schreckgespenst geworden zu sein. Stattdessen wird Verschiedenheit neuerdings als das Ideal gepriesen, werden Sonderwege immer mehr zur Normalität gerechnet, sieht man in der Entfremdungs- und Spaltungsgeschichte der Christenheit kaum noch eine Tragik, sondern eher sogar die erfreuliche Entwicklung zu einer größeren ‚Buntheit‘.“9 Diese Beobachtung hat sich bei meiner Lektüre des Grundlagentextes des Rates der EKD zu 500 Jahre Reformation mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit“ verdichtet. Darin wird die katholische Kirche als eine aus der Reformation hervorgegangene Konfessionskirche dargestellt, deren Idee der Universalkirche sich als nicht haltbar erwiesen habe.10  Die aus der Reformation hervorgegangene Vielfalt hingegen ist die eigentliche Leitvorstellung, nicht mehr das Konzept der sichtbaren Einheit.11

Wie schwierig es ist, im Dialog noch zu einer gemeinsamen Sicht der Zielsetzung der Ökumene zu finden, zeigt sich auch in der Studie des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK) zu 2017. Einerseits hält der ÖAK an der anzustrebenden sichtbaren Einheit fest, andererseits spricht er zugleich – im Sinne der Ökumene der Gaben – mit Wertschätzung von der Vielfalt der Konfessionen: „Die konfessionelle Polyphonie christlichen Zeugnisses und Dienstes in der Welt der Gegenwart kann man heute – sofern sie nicht mit gegenseitiger Verurteilung und Fundamentalkritik verbunden ist – auch als Ausdruck der Gabenvielfalt des einen Leibes Christi  verstehen…“12.

Insgesamt gesehen liegt dem ÖAK an einer Betrachtung der Reformation, die dem historischen Ereignis gerecht wird und die gegenwärtigen Herausforderungen der Ökumene offen anspricht. Dies alles geschieht in Zustimmung zum Ost und West verbindenden Glaubensbekenntnis von 381 n.Chr., das das hohe Gut der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche als gemeinsame Glaubensgrundlage festhält.

Zwar wird von evangelischer Seite in letzter Zeit vermehrt betont, dass die Spaltung der abendländischen Christenheit durch die Reformation auch ein Grund zur Trauer sei.13  So heißt es in dem Bericht der Lutherisch/Römisch-katholischen Kommission für die Einheit, der unter dem Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ Perspektiven zu einem gemeinsamen lutherisch/römisch-katholischen Gedenken im Jahr 2017 aufzeigt: „Wenn im Jahr 2017 evangelische Christen den Jahrestag des Reformationsbeginns feiern werden, feiern sie damit nicht die Spaltung der Kirche des Westens. Kein theologisch  Verantwortlicher kann die Trennung der Christen feiern.“14 Aber dennoch ist insgesamt eine Tendenz dahingehend zu beobachten, den Status quo hinzunehmen, sich vorschnell mit dem Zustand der geteilten Christenheit abzufinden oder die darin begründete Vielfalt gar positiv zu bewerten. Diese Haltung kann aber nicht die der katholischen Kirche sein. Aus ihrer Perspektive ist die Wiederherstellung der vollen sichtbaren Einheit das Ziel der ökumenischen Bewegung, einer Einheit, die – wie Papst Johannes Paul II. festhält – „durch die Bande des Glaubensbekenntnisses, der Sakramente und der hierarchischen Leitung und Gemeinschaft gebildet  wird“15. „Denn diese vom Heiligen Geist geschenkte Einheit besteht“  –  wie er außerdem betont – „nicht bloß in einer Ansammlung von Personen, die sich zu einer Summe addieren“16. Dieses Ziel bekräftigen auch die deutschen Bischöfe ausdrücklich in ihrem im Herbst 2014 veröffentlichten Wort zur Ökumene aus Anlass des 50. Jahrestages der Verabschiedung von „Unitatis Redintegratio“: „Mit der unübersehbaren Vielfalt in der Christenheit wollen wir uns nicht abfinden.“17  Aus katholischer Sicht kann das Ziel der ökumenischen Bewegung nur die volle sichtbare Kirchengemeinschaft sein, die in engster und tiefster Weise ihren Ausdruck in der Eucharistiegemeinschaft findet. Trotz vieler Fortschritte in den letzten Jahren ist uns diese noch nicht geschenkt. Somit dürfen wir in unseren Bemühungen um die Wiederherstellung der vollen sichtbaren Einheit der Kirche nicht nachlassen, denn nur so erfüllen wir den sehnlichen Wunsch unseres Herrn.

Es bleibt in der Ökumene weiterhin eine Herausforderung, die unterschiedlichen Einheitsvorstellungen miteinander ins Gespräch zu bringen. Die oftmals propagierte „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ kann sicherlich ein Modell sein. Dennoch stellen sich dann die Fragen, die ich vor wenigen Jahren schon einmal formulierte: „Wie viel Verschiedenheit ist möglich, ohne die Einheit zu gefährden? Wie viel Einheit ist nötig, damit Vielfalt nicht zur Beliebigkeit verkommt? Welche Unterschiede sind komplementär und welche trennen?“18

Auf diese Fragen theologisch gereifte und kirchlich rezipierte Antworten zu finden, bleibt unsere gemeinsame Aufgabe in der Ökumene.

 

2. Für immer geeint?

Nachdem ich zunächst den Problemhorizont aufgezeigt habe, der sich hinsichtlich des Ziels der Ökumene auftut, möchte ich mich nun dem zweiten Stichpunkt zuwenden, der lautet: „Für immer geeint?“

Die Einheit, um die Jesus Christus im Johannesevangelium betet, kann nicht von der ökumenischen Bewegung geschaffen werden; sie ist ein Wesensmerkmal der Kirche Jesu Christi und damit von vornherein zu ihr gehörig. Das Ökumenismusdekret hält dazu fest:

„Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet“19. Die Einheit der Kirche ist uns durch das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus schon vorgegeben. Das entlastet uns einerseits von dem Druck, diese Einheit mit allen Mitteln erwirken zu müssen, entbindet uns jedoch nicht von der Aufgabe, die Einheit der Kirche Jesu Christi auch in der heutigen Welt sichtbar zu machen. Aus der Gabe Gottes an seine Kirche „folgt die Aufgabe, sie auch im Erscheinungsbild der Gesamtchristenheit deutlich erkennbar zu machen“20.

Die ökumenische Bewegung hat uns immer mehr bewusst gemacht, dass es über Konfessionsgrenzen hinweg viele Gemeinsamkeiten gibt, in denen die bereits bestehende Einheit konkret wird. Dazu gehört an erster Stelle das Bekenntnis zu Christus als Quelle und Mitte aller kirchlichen Communio, in die wir durch Glaube und Taufe aufgenommen werden. Die  Taufe  begründet  nach  katholischer  Auffassung  „ein  sakramentales  Band  der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind“21. Alle Getauften sind in den einen Leib Christi eingegliedert und damit in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen, die er uns in Jesu Leiden, Tod und Auferstehung eröffnet hat. Ein weiteres wesentliches Element, in dem sich die bereits bestehende Einheit zeigt, ist die Heilige Schrift als gemeinsame Grundlage unseres Glaubens. Zu nennen sind hier auch die Elemente der alten Liturgie zur Verehrung und Anbetung Gottes, die insbesondere unsere Verbundenheit mit den Christen in den Ostkirchen zum Ausdruck bringen. Mit Lutheranern und Methodisten verbindet uns in besonderer Weise der differenzierte Konsens in der Rechtfertigungslehre.

Die beeindruckende Sammlung der „Dokumente wachsender Übereinstimmung“ veranschaulicht die Fülle der schon erreichten Gemeinsamkeiten und Konvergenzen. Ermutigt durch diese Zeugnisse können wir miteinander in Liebe und Geduld weiter den Weg der Ökumene gehen. Dabei dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass die Erwirkung der Einheit letztlich nicht in unserer Hand liegt, sondern als ein Geschenk Gottes erfahren wird. Der geistliche Ökumenismus, den das Konzil „als die Seele der ganzen ökumenischen Bewegung“22  bezeichnet,  ist zugleich Motor und Katalysator unserer  Bemühungen. Daher dürfen wir im gemeinsamen Gebet um die Wiederherstellung der sichtbaren Einheit der Kirche nicht nachlassen. So kann das Vertrauen immer mehr wachsen, dass wir durch die Gabe Gottes in der einen Stiftung Jesu Christi schon für immer geeint sind.

 

3. Ökumenische Zukunftsvisionen

Was folgt aus diesen – wie ich hoffe – ermutigenden Impulsen für die ökumenische Arbeit in der kommenden Zeit? In den nächsten zwei Jahren wird vor allem im evangelisch-katholischen Dialog der 500. Jahrestag des Beginns der Reformation im Jahre 2017 eine große Rolle spielen und sich – da bin ich sicher – auch als Prüfstein für die multilaterale Ökumene erweisen. Immerhin findet 2017 die erste Jahrhundertfeier statt, die auf einen sehr fruchtbaren gemeinsamen Dialog zurückblicken  kann. Deshalb muss die Frage gestellt werden, inwieweit die geplanten Feierlichkeiten auch in einem ökumenischen Horizont  stehen. Dieses Anliegen verfolgt ja auch dieses Symposium.

2017 rückt immer näher, der 31. Oktober wird voraussichtlich in allen Bundesländern ein einmaliger gesetzlicher Feiertag sein, viele Gedenkstätten der Reformation werden aufwendig saniert oder restauriert, und auf EKD- und landeskirchlicher Ebene ist eine Vielzahl von Gremien damit beschäftigt, sich auf dieses Jahr vorzubereiten. Vergessen dürfen wir aber auch nicht die zahlreichen anderen Kirchen und Gruppierungen, die sich auf ihre je eigene Weise auf die reformatorische Tradition berufen. Schließlich sind auch nicht unerhebliche Interessen der Reise- und Tourismusbranche zu beobachten, die sich durch 2017 erhöhten Umsatz erhoffen.

Verschiedentlich wurde und wird auch die katholische Kirche zum Mitfeiern eingeladen. Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass die Reformation Auslöser für die Spaltung  der abendländischen Christenheit war und Glaubenskriege, Flucht, Verletzungen und schmerzliche Konflikte nach sich zog – mit Schuld auf beiden Seiten. Unbestritten ist mittlerweile, dass im Jahr 2017 auch Raum sein wird für den Schmerz und das Bedauern über das Zerbrechen der Einheit und für die Vergegenwärtigung der Schuldgeschichte, die daraus folgte. Der Kontaktgesprächskreis zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland hat dazu einen Healing-of-Memories-Prozess angestoßen, der bereits angelaufen ist. Er wird voraussichtlich am Vorabend des zweiten Fastensonntags 2017 in einen zentralen Gottesdienst münden, der hoffentlich Impuls dafür sein wird, ähnliche Gottesdienste anschließend auch dezentral zu feiern. In diesem Zusammenhang irritiert es mich, wenn dabei von evangelischer Seite betont wird, dass Katholiken hoffentlich danach verstehen können, warum Protestanten das Jahr 2017 feiern wollen.23  Eine  solche Intention sollte  meiner Ansicht nach nicht mit diesem Healing-of-Memories-Prozess verbunden werden. Vielmehr geht es darum, miteinander die  beiderseitigen Verletzungen ehrlich zu benennen und voreinander und vor Gott für das geschehene Unrecht um Verzeihung zu bitten. Dies ist sicherlich ein notwendiger und entscheidender Schritt, um einen freieren und versöhnteren Umgang mit der Geschichte der Reformation zu ermöglichen. Genauso wichtig erscheint mir dabei der Blick in die Zukunft, verbunden mit der gegenseitigen Zusage, dass wir hinter diesen Akt der Versöhnung nicht mehr zurückfallen werden, sondern auf diesem Fundament miteinander in die Zukunft gehen wollen.

Der neue Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, hat  in seinen ersten Aussagen nach seiner Wahl das Paradigma des „Christusfestes“ wiederholt aufgegriffen. Für ein Christusfest in ökumenischer Gemeinschaft wolle auch der Text „Rechtfertigung und Freiheit“ werben, wie der Ratsvorsitzende im Geleitwort zu  dessen vierter  Auflage  unterstreicht.24   Solche Äußerungen stimmen mich als Vorsitzenden der Ökumenekommission hoffnungsvoll, bedeutet es doch, dass die EKD plant, die Jahrhundertfeier in ökumenischer Aufgeschlossenheit zu begehen und sich dabei auf das alle Christen Verbindende zu beziehen. Wenn 2017 also dazu führen könnte, dass wir uns als Christen tiefer auf die Quelle und die Mitte unseres Glaubens besinnen, dass wir uns im  Lichte Jesu Christi selbstkritisch die Frage stellen, ob der momentane Ist-Zustand unserer Kirchen seinem Willen entspricht, und uns darum bemühen, ihn in Gottesdienst und Studium der Heiligen Schrift noch intensiver kennenzulernen und zu erfahren, dann wird es auch – da bin ich mir sicher – zu einer tieferen Verbundenheit der Christen untereinander führen. Die konkrete inhaltliche Gestaltung des „Christusfestes“ wird von Region zu Region andere Schwerpunkte haben. Auf der Ebene von EKD und Deutscher Bischofskonferenz und ebenso auf der Ebene der Landeskirchen und der Bistümer sind schon viele Initiativen in Planung, die genau diese ökumenische Ausrichtung stark machen wollen. Allen Vorbereitungen  gemeinsam kann aber die Orientierung an dem sein, was der ökumenische Dialog im letzten Jahrhundert an Gemeinsamkeiten festgestellt hat und was somit zu Wegmarken auf dem Ziel zur sichtbaren Einheit der Kirche werden kann. Gleichzeitig bietet 2017 die Möglichkeit, auf diesem Weg weiter voranzuschreiten. Ich sehe hier die Chance, aber auch die Herausforderung, mit allen Christen weitere Verständigungen und ein intensiveres Kennenlernen zu erreichen.

Wenn wir alle, die wir uns zu Jesus Christus bekennen und in der Taufe in seinen Leib eingegliedert wurden, gemeinsam unseren Glauben ins Wort fassen, können wir die Glaubwürdigkeit der Evangeliumsverkündigung in einer von Globalisierung und Säkularisierung geprägten Gesellschaft in erheblichem Maße verstärken. Gerade angesichts der Multireligiosität und multikulturellen Prägung unserer Welt kann das Christentum nur dann „ein ernstzunehmender Gesprächspartner sein, wenn es seinen verschiedenen Traditionen, Kirchen und Konfessionen gelingt, sich einheitlicher zu präsentieren und die spezifisch christliche Grundüberzeugung symphonischer und markanter zum Ausdruck zu bringen“25. Dabei ist es wünschenswert, dass sich auch die anderen Mitgliedskirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen an diesem Christusfest beteiligen. Hier denke ich auch an die Kirchen des Ostens, die über Jahrhunderte einen eigenen Weg gegangen sind. Die Reformation und die Geschehnisse in der Folgezeit gehören größtenteils nicht zu ihrer Kirchengeschichte; es erscheint ihnen demnach umso schwerer, einen Zugang zu finden. Bei dieser Herausforderung könnte sich das Paradigma des Christusfestes ebenfalls als weiterführend erweisen, kann es doch dazu führen, dass auch orthodoxe Christen sich eingeladen fühlen, Jesus Christus als die Mitte ihres und unseres gemeinsamen Glaubens zu bekennen und zu feiern. Hier sage ich jetzt bewusst „feiern“, denn die im Glauben an Christus schon gegebene Einheit scheint mir ein Grund zur Freude und zum Feiern.

Zum Abschluss möchte ich nochmals die Schrift „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ zitieren:

„Katholiken und Lutheraner sollen sich erneut dazu verpflichten, die sichtbare Einheit zu suchen, sie sollen gemeinsam erarbeiten, welche konkreten Schritte das bedeutet, und sie sollen immer neu nach diesem Ziel streben.“26  Dieser Imperativ gilt nicht nur für  Katholiken und Lutheraner, sondern für alle Christen.

Wie gesagt: Ein fertiges Modell, wie diese Einheit konkret aussehen soll, haben wir auch auf katholischer Seite nicht. Aber diese Einheit müsste doch mehr sein als eine Kirchengemeinschaft, die sich damit begnügt, dass die Kirchen einander wechselseitig anerkennen. Aus katholischer Perspektive reicht das Modell „Leuenberg“ nicht. Es braucht eine sichtbare, auch das Amt einschließende Einheit. Dieses Mehr macht es anstrengender. Aber es ist unverzichtbar, weil es dabei nicht einfach um äußerliche Strukturen geht. Es geht darum, wie die Kirche das Evangelium in Treue zu dem von den Aposteln bezeugten Glauben durch die Zeit tragen und unter den jeweiligen Bedingungen der Zeit glaubwürdig verkündigen kann. Diese Frage bewegt aktuell auch die katholische Kirche, wie die Diskussionen im Vorfeld der Bischofssynode im Oktober dieses Jahres deutlich zeigen.

Mein dringender Wunsch und meine Hoffnung für die Ökumene ist, dass wir uns noch intensiver, als es bereits geschieht, den Grundfragen der Ekklesiologie zuwenden. Denn nur wenn wir hier zu einer größeren Übereinstimmung gelangen, kann es uns auch gelingen, eine gemeinsame Vorstellung von dem zu entwickeln, wohin wir in der Ökumene wollen und welche Schritte dazu nötig sind. Ich möchte dafür werben, dass wir nicht angesichts theologischer Differenzen und unterschiedlicher Einheitsvorstellungen resignieren, sondern in gemeinsamer Verbundenheit geduldig und zielstrebig weiter miteinander nach Lösungen suchen und uns im Vertrauen in das Wirken des Heiligen Geistes manchmal mit kleineren und gelegentlich auch mit größeren Schritten aufeinander zu bewegen.

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1 Kardinal Kurt Koch: Ökumene auf dem Weg. Situationsvergewisserung der ökumenischen Bewegung    heute. In: Cath (M) 65 (2011), 1-26, hier 16.

2 Ebd., 17.

3 UR 1.

4 Vgl. Joh 17,21: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns  sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“

5 Johannes  Paul  II.:  Enzyklika  Ut  Unum  Sint  über  den  Einsatz  für  die  Ökumene  (Verlautbarungen    des Apostolischen Stuhls 121), Bonn 1995, 20 (Hervorhebungen im Original).

6 Johannes Paul II.: Enzyklika Ut Unum Sint (s. Anm. 5), 7 (Hervorhebungen im Original).

7 Ökumenischer Rat der Kirchen, Selbstdarstellung im Internet unter: http://www.oikoumene.org/de/about-us (abgerufen am 28. Januar 2015).

8 UR 4.

9 Gerhard Feige: Wozu sind wir zugunsten der Einheit bereit? Einige neue katholische Thesen zur Ökumene. In: Diakonie 41 (1/2010), 24-28, hier 26.

10 Vgl.  Rechtfertigung  und   Freiheit.  500  Jahre  Reformation  2017.  Ein  Grundlagentext  des  Rates       der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh 2014, 21.

11 Vgl. Ebd.

12 Reformation 1517 – 2017. Ökumenische Perspektiven, hg. v. Dorothea Sattler und Volker Leppin, Freiburg – Göttingen 2014, 58.

13 Vgl.   Deutschlandfunk,   Interview  mit  Heinrich  Bedford-Strohm  vom  28.12.2014.  Im  Internet     unter: http://www.deutschlandfunk.de/bischof-bedford-strohm-ekd-chef-pegida-ist- unertraeglich.868.de.html?dram:article_id=307267 (abgerufen am 28. Januar 2015).

14 Vom Konflikt zur Gemeinschaft. Gemeinsames lutherisch-katholisches Reformationsgedenken im Jahr 2017. Bericht der Lutherisch/Römisch-katholischen Kommission für die Einheit, Leipzig/Paderborn 22013, Nr. 224.

15 Johannes Paul II.: Enzyklika Ut Unum Sint (s. Anm. 5), 9.

16 Ebd.

17 Flyer „Zur Einheit gerufen. Wort der deutschen Bischöfe zur Ökumene aus Anlass des 50. Jahrestages der

Verabschiedung des Ökumenismusdekretes ‚Unitatis redintegratio‘“, verabschiedet von der Herbst- Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 23. September 2014, 8.

18 Gerhard Feige: Wozu sind wir zugunsten der Einheit bereit? (s. Anm. 9), 27.

19 UR 1.

20 Gerhard Ludwig Müller: Katholische Dogmatik. Für Studium und Praxis der Theologie. Freiburg i. Br. 51995,574.

21 UR 22.

22

23 Vgl.   KNA-Meldung   „Kirchen  planen  gemeinsamen  Bußakt   zum  Reformationsgedenken  2017“    vom 25.03.2015.

24 Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext    des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gütersloh 42015, III.

25 Gerhard Feige: Katholische Thesen zum Reformationsgedenken 2017, veröffentlicht zum Reformationstag 2012, These 10. Im Internet unter: http://www.bistum-magdeburg.de/upload/2012/121031_thesen-zur- oekumene.pdf (abgerufen am 29. Januar 2015).

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Quelle