Schweiz: Benedikts Amtsverzicht zeigt menschliche Seite

Wurde und wird kontrovers diskutiert: Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Mit seinem Amtsverzicht vor vier Jahren hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. nach Meinung des Historikers Volker Reinhardt die menschliche Seite des Papstamtes betont. „Natürlich kann das ein Schritt zu einem im weitesten Sinn befristeten Amtsverständnis sein“, sagte Reinhardt im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur KNA. „Das ist in der Geschichte der Päpste so nicht angelegt“, so der Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg. Mit seinem neuen Buch „Pontifex“ legte Reinhardt auf knapp 1.000 Seiten eine umfassende Geschichte der Päpste von Petrus bis Franziskus vor.

Das Amt des Stellvertreters Christi auf Erden habe man sich zuvor „eigentlich nur unbefristet vorstellen“ können, so der Historiker. „Man ging davon aus, dass eine solche Mittleraufgabe zwischen Gott und dem Menschen nicht wie mit der Pensionierung eines Beamten enden könnte – eben weil dieses Amt weit über alles Menschliche, alles Irdische herausgehoben war.“ Das Papstamt habe allerdings in seiner Geschichte stets zwischen zwei Extremen geschwankt – „einem Papst, dem nicht Menschliches fremd ist, und einem asketischen, weltabgewandten“.

Den Römern sei ein menschlicher Papst immer viel lieber gewesen. „Sie hatten Angst vor zu ernsten Mönchen auf dem Thron“, so der Professor weiter. Als historische Präzedenzfälle für Papstrücktritte verwies Reinhardt einerseits auf Coelestin V. 1294, der sich „den vielfältigen, auch sehr weltlichen und monetären Aufgaben nicht gewachsen fühlte“. Auch dieser Rücktritt sei damals in der Öffentlichkeit sehr kontrovers diskutiert worden, so der Historiker. Vor allem die radikaleren Befürworter einer konsequenten Armut der Kirche seien davon ausgegangen, dass Coelestin V. zu diesem Schritt gedrängt oder gezwungen worden sei. „Aber dem ist sicher nicht so.“ Auch sei zu belegen, dass manche Päpste, die in sehr hohem Alter starben, in den letzten Monaten oder Jahren „de facto eigentlich gar nicht mehr regiert“ hätten. Dann seien meist Kardinalnepoten eingesprungen, also die wichtigsten Blutsverwandten des Papstes. Reinhardt sprach von „verschleierten Rücktritten“.

Was Franziskus‘ Rolle als „Papst-Revolutionär“ betrifft, so sei diese nicht neu. „Im Laufe der Geschichte haben sich diverse Rollenmuster herausgebildet, fast schon Drehbücher“, sagte Reinhardt. Eine „Klassikerrolle“ sei „der Papst gegen seinen seelenlosen, bürokratischen Apparat“. Der Papst gehe dabei bewusst auf Distanz zu den „administrativen, auch finanziellen Aufgaben und Machenschaften der Kurie“. Gleichwohl sei die Rolle von Papst Franziskus authentisch, „und sie passt zur Persönlichkeit dieses Papstes“, betonte Reinhardt. „Er hat sich diese Rolle nach seiner Neigung ausgesucht.“ Dass es historische Vorbilder gebe, könne „in keiner Weise Papst Franziskus als authentische Persönlichkeit infrage stellen“. Der Historiker verglich Franziskus mit Benedikt XIV. (1740-1758). Dieser sei ganz ähnlich aufgetreten, als „plaudernder Papst zum Anfassen“.

(kna 21.03.2017 mg)

Kardinal Müller: Dem Papst ist nicht mit Personenkult gedient

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Papst Franziskus und Kardinal Müller

Befreiungstheologie, Wahrheit Gottes und Freiheit des Menschen, Ökumene, Kapitalismuskritik, ewiges Leben: Würden Sie vermuten, dass ein Buch, das diese Inhalte vereint, den Titel „Der Papst“ trägt? An diesem Montag ist ein solches Buch erschienen, der Autor ist kein Geringerer als der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Wir baten ihn zum Interview.

Gleich zu Beginn betont der deutsche Kurienkardinal, er wolle nicht über „das Papsttum“ schreiben, also eine anonyme Institution. Papst, das sei eine Abfolge von Menschen, die personale Beziehung hat Vorrang, so Kardinal Müller im Interview gegenüber Radio Vatikan. „Es gibt viele Bücher über ‚das Papsttum’, oder über die Päpste, aber es ist wichtig, dass man diese Sendung als eine Sendung von Personen auffasst und nicht von einer Institution redet. Jesus hat selber zu Simon gesagt ‚du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen’. Es ist eine personale Relation, welche dieses besondere Amt ausmacht.“ Das Buch ist insgesamt ein theologisch-spiritueller Gang durch das Papstamt, „von mir als alteingesessenem Theologieprofessor, da erwartet man halt so ein Buch“, sagt Müller lachend.

„Eine Gefahr heute, in den Medien: dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt“

Kardinal Müller beginnt aber zunächst biographisch, mit seiner persönlichen Geschichte der Päpste, von der Jugend an. Er wolle nicht nur eine theologische Abhandlung vorlegen, sondern bewusst auch als reflektierter Gläubiger schreiben, so Müller, „dass wir also nicht etwas errichten, was seine lebendigen Wurzeln verloren hat und dann wie ein toter Baum vielleicht schön anzusehen ist, aber ohne Leben in der Landschaft herum steht.“

Die katholische Kirche sei keine „Papstkirche“, das Zentrum ist Christus selber, betont Kardinal Müller. „Es muss auch nicht alles auf Rom hin konzentriert sein“, verweist er auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dementsprechend ausführlich zitiert der Autor in seinem Buch immer wieder vor allem das Dokument Gaudium et Spes. „Man muss einerseits betonen, wie wichtig der Papst für die Einheit der gesamten Kirche im Glauben ist, aber andererseits darf man das nicht zentralistisch auffassen. Man kann nicht dem Papst dienen, wenn man einen Personenkult um ihn herum betreibt. Das ist sicherlich eine Gefahr heute, in den Medien, dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt, während die Sichtweise von der natürlichen Verfassung der Kirche her eigentlich andersherum ist.“ Die konkrete Versammlung – ob nun die biblischen „zwei oder drei“ oder auch fünfzig – sei das Ursprüngliche, zunächst in der Familie, dann in der Gemeinde und von da aus weite sich das. Das Konkrete vor Ort dürfe nicht als nachgeordnet erscheinen.

Christus hat einfache Menschen gewählt

Papstverherrlichung schade dem Amt mehr, als sie ihm nutze. „Wir kennen das ja schon von Paulus her, dass er Petrus als den Ersten anerkannt hat, aber doch in einer wichtigen Frage der praktischen Umsetzung kritisch etwas zu ihm gesagt hat. Das äußere Verhalten muss mit der inneren Haltung überein stimmen, das begleitet die Geschichte der Päpste. Es war die Wahl Christi selber, dass er nicht die Schönsten und Mächstigsten zu seinen Aposteln gemacht hat, sondern einfache Menschen, die sich auch bewusst sind, dass sie keine Übermenschen sind, sondern die immer der Gnade Gottes bedürfen.“

Kardinal Müller warnt deswegen auch vor überzogenen Erwartungen, weil diese bei – voraussehbarer – Nichterfüllung ins Gegenteil umschlagen. Die Schwächen gehörten aber zum Menschen, „ein erwachsener Christ muss umgehen können mit den Schwächen und Grenzen der offiziellen Repräsentanten der Kirche.“ Verehrung und Anerkennung sei für einen Katholiken dem Papst gegenüber selbstverständlich, auch dem konkreten Papst, nicht nur dem Amt – aber bitte nicht übertreiben.

Reform: wieder Fahrt gewinnen

Kardinal Müller zitiert an dieser Stelle in seinem Buch einen Theologen des 16. Jahrhunderts, Melchior Cano, also aus einer Zeit der nötigen Kirchenreform. Um Reform geht es auch ihm, Müller, wenn sie auch anders gelagert ist als vor 500 Jahren. Damals sei es um tiefgreifende Schwächen, auch strukturelle, der Kirche gegangen, „während ich heute unter Kurienreform eher verstehen würde, dass wir alle neu motiviert werden und nicht in die bürgerliche Bequemlichkeit zurück fallen. Was wir heute unter Reform verstehen ist die Frage, wie wir wieder Fahrt gewinnen, wenn es um die großen Herausforderungen der Säkularisierungen geht. Es geht darum, dass wir positiv die Fülle des Glaubens und der Hoffnung, die uns geschenkt worden ist, werbend, einladend, ermöglichend in den großen gesellschaftlichen Diskurs einbringen.“

Aber auch die äußeren Zeichen des Papsttums verändern sich, sagt Kardinal Müller, das Papsttum nehme natürlich immer auch die Züge seiner Zeit an, weil es auf konkrete Umstände Antwort geben müsse. „Das hat aber nichts mit einer von einigen befürchteten De-Sakralisierung des Bischofsamtes oder des Papstamtes zu tun. Es wäre ja auch nicht möglich, einen reinen Funktionalismus aufzubauen. Die Kirche ist Leib Christi und Volk Gottes und nicht eine von uns gemachte soziale Organisation mit ihren einzelnen Abteilungen, die innerweltliche Verbesserungsvorschläge einbringt.“

Ausrichtung auf Seelsorge und die Würde des Menschen

Konkret wird gerade der aktuelle Papst gegenüber den sozialen und ökologischen Herausforderungen heute, was Kardinal Müller in seinem Buch mit einer ausführlichen Betrachtung der Enzyklika Laudato Si’ beantwortet. „Die Ausrichtung auf die Seelsorge, eine konstruktive und aufbauende Gesellschaftskritik, die Soziallehre, die Befreiungstheologie nicht nur als fünftes Rad am Wagen eines politischen Programms sondern als echte Theologie, die von Gott her Entscheidendes beiträgt zur Unterstreichung oder Wiederherstellung der Menschenwürde in vielen Teilen der Welt: Das alles gehört innerlich zusammen und ist nicht nur eine äußerliche Kombination. Es gehört so untrennbar zusammen wie Gottes- und Nächstenliebe.“

 

Gerhard Ludwig Müller: Der Papst. Sendung und Auftrag. Das Buch ist im Verlag Herder erschienen und kostet etwa 30 Euro.

 

(rv 20.02.2017 ord)

Papst Franziskus: „Die Kirche wird niemals zusammenbrechen“

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Die Kirche wird niemals zusammenbrechen, so sehr sie auch durch die Ereignisse der Geschichte erschüttert wird. Das versicherte Papst Franziskus in Anlehnung an ein Augustinus-Zitat in seiner Predigt vor seinen Mitarbeitern an diesem Montag. Mit der Heiligen Messe gedachten Papst und Kurienmitarbeiter des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Vor der Messe kamen die Mitarbeiter in der Audienzhalle zu einer Meditation zusammen, um dann in feierlicher Prozession mit Papst Franziskus durch die Heilige Pforte von Sankt Peter zu pilgern.

In seiner Predigt ging Franziskus auf das Tagesevangelium ein, in dem Jesus wiederholt fragt „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15) „Eine klare und direkte Frage, mit der konfrontiert es nicht möglich ist, neutral zu bleiben, oder die Antwort hinaus zu zögern oder an jemand anderes zu delegieren. Aber sie ist nicht inquisitorisch gemeint, sondern voller Liebe. Die Liebe unseres Herrn, die uns heute aufruft, unser Vertrauen in ihn zu erneuern, ihn als den Sohn Gottes und Herrn unseres Lebens zu erkennen. Und der erste, der das Glaubensbekenntnis sprechen und erneuern muss, ist der Nachfolger Petri, der die Verantwortung trägt, den Glauben seiner Brüder zu stärken.“

Man solle sich die Antwort von Petrus auf Jesu Frage, für wen man ihn halte, zu eigen machen. „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Die Augen sollten auf Jesus gerichtet sein, denn er sei der Anfang und das Ende, aber auch das Ziel, der Aktivitäten der Kirche. „Er ist die Grundlage und eine andere kann niemand legen. Er ist der Fels, auf dem wir aufbauen müssen. Daran erinnert der Heilige Augustinus mit ausdrucksstarken Worten, wenn er schreibt, dass die Kirche, auch wenn sie durch die Geschichte und ihre Ereignissen erschüttert wird, „nicht zusammenbricht, da sie auf dem Fels gegründet ist, von dem Petrus seinen Namen bekam. […] Der Fels ist Christus, auf dessen Grundlage auch Petrus errichtet wurde.“

Aus diesem Glaubensbekenntnis ergebe sich die Pflicht, den Ruf Gottes zu erwidern, erklärt Papst Franziskus weiter. Als Modell diene Gott selbst, dessen Wirken der Prophet Ezechiel gut beschrieben habe, meint Franziskus: „Er geht auf die Suche nach dem verlorenen Schaf, bringt das vertriebene zurück, verbindet das verletzte und kräftigt das schwache. Ein Verhalten, das ein Zeichen der Liebe ist, die keine Grenzen kennt. Es ist eine treue, konstante und unbedingte Hingabe, damit seine Barmherzigkeit auch die Schwächsten erreichen kann. Und, dennoch, wir dürfen nicht vergessen, dass die Prophezeiung Ezechiels ihren Anfang mit der Beobachtung der Mängel der Hirten Israels findet.“

Es sei das Antlitz des Guten Gotten, das die Hirten der Kirche erleuchten, reinigen und verwandeln möge, um sie vollständig erneuert zu ihrer Mission zurückzuführen. Denn keiner solle sich vernachlässigt oder schlecht behandelt fühlen, sondern vor allem innerhalb der Kurie die liebevolle Fürsorge des Guten Hirten spüren. „Wir sind aufgerufen, die Mitarbeiter Gottes zu sein bei einem so wichtigen und einzigartigen Unternehmen, wie dem, mit unserer Existenz die Stärke der Gnade zu bezeugen, die verwandelt, und die Kraft des Geistes, der erneuert. Lassen wir zu, dass der Herr uns von jeder Versuchung erlöse, die uns vom Kernpunkt unserer Mission entfernt, und entdecken wir die Schönheit dessen wieder, den Glauben in Jesus zu bekunden. Die Treue zum Dienst verbindet sich gut mit der Barmherzigkeit, die wir erfahren wollen.“ Denn Treue zum Dienst und Barmherzigkeit seien untrennbar miteinander verbunden.

Papst Franziskus schloss seine Predigt mit der Aufforderung, dass die Mitarbeiter der Kurie Vorbilder für alle sein sollen, indem sie „nach dem Herzen Christi handeln“ mögen. Auf diese Weise, so nahm Franziskus Bezug auf ein Zitat aus dem ersten Petrusbrief, würden sie die „Krone des Ruhmes, der nicht vergeht“, erhalten, sobald „der oberste Hirte“ erscheine (1 Petr 5,14).

(rv 22.02.2016 pdy)

Papstansprache: Synodalität für das 3. Jahrtausend

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Papst Franzikus bei seiner Festrede in der Audienzhalle Paulo VI. – ANSA

„Die Schönheit und die Notwendigkeit des gemeinsamen Gehens“: Arbeitsübersetzung der Papstrede vom 17. Oktober, Festakt zum 50-jährigen Bestehen der Bischofssynode.

(…) Von Anfang meines Dienstes als Bischof von Rom an hatte ich vor, die Synode aufzuwerten, die ja ein kostbares Erbe der letzten konziliaren Versammlung ist. Für den seligen Paul VI. sollte die Bischofssynode das Selbstverständnis des ökumenischen Konzils aufgreifen und dessen Geist und Methode reflektieren. Derselbe Papst hat dargelegt, dass der Organismus der Synode „im Laufe der Zeit noch verbessert werden kann“ (Motu proprio Apostolica sollicitudo,15 settembre 1965). Das griff zwanzig Jahre später der heilige Johannes Paul II. auf, als er bestätigte, dass „dieses Instrument vielleicht noch verbessert werden kann. Vielleicht kann sich die kollegiale pastorale Verantwortung noch voller in der Synode ausdrücken“ (Schlussansprache, 6. Bischofssynode 1983). Schließlich hat Papst Benedikt XVI. 2006 einige Änderungen der Synodenordnung approbiert, auch im Licht der Vorschriften des Kodex des Kirchenrechtes und der Kirchenrechts der Ostkirchen, die in der Zwischenzeit promulgiert worden waren.

Auf dieser Straße müssen wir weiter gehen. Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und der zu dienen wir berufen sind, erfordert von der Kirche eine Steigerung der Synergien in allen Bereichen ihrer Sendung. Es ist dieser Weg der Synodalität, welcher der Weg ist, den Gott von der Kirche im dritten Jahrtausend erwartet.

Das was Gott von uns bittet ist in gewisser Weise schon im Wort „Synode“ enthalten. Gemeinsam gehen – Laien, Hirten, der Bischof von Rom – ist eine Idee, die sich leicht in Worte fassen lässt, aber nicht so leicht umzusetzen ist.

Unfehlbarkeit im Glauben

Nachdem es betont hat, dass das Volk Gottes aus allen Getauften gebildet gerufen ist, „ein geistlicher Bau und ein heiliges Priestertum“ zu sein (Lumen Gentium 10), verkündet das Zweite Vatikanische Konzil: „Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert.“ (Lumen Gentium 12). Das ist die berühmte „Unfehlbarkeit im Glauben“.

In meinem apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium habe ich das noch einmal unterstrichen: „Das Volk Gottes ist heilig in Entsprechung zu dieser Salbung, die es „in credendo“ unfehlbar macht“ (EG 119) und ich habe hinzu gefügt: „Jeder Getaufte ist, unabhängig von seiner Funktion in der Kirche und dem Bildungsniveau seines Glaubens, aktiver Träger der Evangelisierung, und es wäre unangemessen, an einen Evangelisierungsplan zu denken, der von qualifizierten Mitarbeitern umgesetzt würde, wobei der Rest des gläubigen Volkes nur Empfänger ihres Handelns wäre“ (EG 120). Der sensus fidei verhindert, dass wir zwischen der Ecclesia docens und der Ecclesia discens, weil auch die Herde ihr eigenes „Gespür“ für die neuen Wege hat, die der Herr seiner Kirche enthüllt.

Es war diese Überzeugung, die mich geleitet hat, als ich gewünscht habe, dass das Volk Gottes in der Vorbereitung für die doppelte Synodenversammlung zur Familie konsultiert werde, wie es normalerweise mit allen „Lineamenta“ [Vorbereitungsdokumenten] geschieht und geschah. Sicherlich, eine Befragung dieser Art reicht auf keinen Fall aus, um auf den sensus fidei zu hören. Aber wie wäre es möglich, über die Familie zu sprechen ohne Familien zu Rate zu ziehen, ohne auf ihre Freuden und Hoffnungen zu hören, ihr Leiden und ihre Ängste? (vgl Gaudium et Spes, 1) Durch die Antworten auf die zwei Fragebögen, welche an die Ortskirchen verschickt wurden, haben wir die Möglichkeit gehabt, wenigstens auf einige von ihren Fragen zu hören, die sie ganz direkt betreffen und über die sie so viel zu sagen haben.

Eine Kirche des Hörens

Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Hörens, im Bewusstsein, dass auf etwas Hören mehr ist als bloßes Hören. Es ist ein wechselseitiges Hören bei dem jeder etwas zu lernen hat. Das gläubige Gottesvolk, das Kollegium der Bischöfe, der Bischof von Rom: der eine hört auf den anderen, und gemeinsam hören sie auf den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit (Joh 14,17), um das zu erkennen, was Er seinen Kirchen sagt (Apg 2,7).

Die Bischofssynode ist der Punkt, an dem diese Dynamik des Hörens auf allen Ebenen des Lebens der Kirche zusammen laufen. Der synodale Weg beginnt hörend auf das Volk, dass an der prophetischen Sendung Christi teilhat (LG 13); nach einem guten Prinzip der Kirche des ersten Jahrtausends: „Quod omnes tangit ab omnibus tractari debet“ [Was alle angeht muss von allen besprochen werden]. Der Weg der Synode geht weiter im Hören auf die Hirten. Über die Synodenväter handeln die Bischöfe als echte Wahrer, Vermittler und Zeugen des Glaubens der Ganzen Kirche, den sie unterscheiden können müssen von den vielen Strömungen der öffentlichen Meinung. Am Vorabend der Synode im vergangenen Jahr habe ich das folgendermaßen betont: „Vom Heiligen Geist erbitten wir für die Synodenväter vor allem die Gabe des Hörens: des Hörens auf Gott, so dass wir mit Ihm den Schrei des Volkes hören; des Hörens auf das Volk, so dass wir dort den Willen wahrnehmen, zu dem Gott uns ruft“ (Petersplatz, 4. Okt 2014).

Schließlich gipfelt der synodale Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der gerufen ist als „Hirte und Lehrer aller Christen“ zu sprechen (1. Vat. Konzil, Pastor Aeternus; CIC 749 §1): nicht bei seinen persönlichen Überzeugungen beginnend, sondern als oberster Zeuge des fides totius Ecclesiae ist er Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, dem Evangelium Christi und der Tradition der Kirche (Ansprache Abschluss der Synode 2014, 18. Oktober).

Mit dem Papst, unter dem Papst

Die Tatsache, dass die Synode immer cum Petro et sub Petro handelt, also nicht nur mit dem Papst, sondern auch unter dem Papst, ist keine Beschränkung ihrer Freiheit, sondern eine Garantie der Einheit. Tatsächlich ist der Papst dank dem Willen des Herrn „das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen“ (LG 23, vgl. 1. Vat. Konzil Pastor Aeternus). Damit verbindet sich das Konzept der „hierarchischen Communio“, welche vom Zweiten Vatikanischen Konzil angewandt wurde: die Bischöfe sind verbunden mit dem Bischof von Rom durch das Band der bischöflichen Gemeinschaft (cum Petro) und sind zur gleichen Zeit hierarchisch ihm als Haupt des Kollegiums untergeordnet (sub Petro) (LG 22, Christus Dominus, 4).

Kirche und Synode sind Synonyme

Die Synodalität als konstitutives Element der Kirche bietet uns einen angemesseneren Interpretationsrahmen für das Verständnis des hierarchischen Dienstes. Wenn wir verstehen, dass wie der heilige Johannes Chrysostomos sagt „Kirche und Synode Synonyme sind“ (Explicatio in Ps 149) – weil die Kirche nichts anderes ist als das „gemeinsame Gehen der Herde Gottes auf den Wegen der Geschichte zur Begegnung mit Christus dem Herrn – dann verstehen wir auch, dass in ihrem Inneren niemand über die anderen „erhoben“ ist. Im Gegenteil, in der Kirche ist es notwendig, dass sich jemand „erniedrigt“ um sich in den Dienst an den Geschwistern auf dem Weg zu stellen.

Jesus hat die Kirche gegründet und an ihre Spitze das Kolleg der Apostel gesetzt, in dem der Apostel Petrus der „Fels“ ist (Mt 16,18); er soll seine Brüder im Glauben stärken (Lk 22,32). Aber in dieser Kirche befindet sich der Gipfel wie bei einer umgekehrten Pyramide unterhalb der Basis. Deswegen heißen diejenigen, die Autorität ausüben, „Diener“: weil sie im Ursprungssinn des Wortes die Kleinsten von allen sind. Dem Volk Gottes dienend wird ein jeder Bischof, für den ihm anvertrauten Teil der Herde, vicarius Christi (LG 27), Stellvertreter dieses Jesus, der sich beim letzten Abendmahl niedergekniet hat, um die Füße der Apostel zu waschen (Joh 13,1-15). In gleicher Sichtweise ist der Nachfolger Petri selbst nichts anderes als der Diener der Diener Gottes.

Vergessen wir das nie! Für die Jünger Jesu, gestern, heute und immer, ist die einzige Autorität die Autorität des Dienstes, die einzige Macht die Macht des Kreuzes, getreu den Worten des Meisters: „Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.“ (Mt 20,25.27) Unter euch soll es nicht so sein: in diesem Ausdruck kommen wir zum Kern des Dienstes der Kirche – „bei euch soll es nicht so sein“ – und wir erhalten die notwendige Einsicht um den hierarchischen Dienst zu verstehen.

In einer synodalen Kirche ist die Bischofssynode nur der sichtbarste Ausdruck der Dynamik einer Gemeinschaft, die alle kirchlichen Entscheidungen anregt.

Die erste Ebene der Ausübung der Synodalität geschieht in den Ortskirchen. Nachdem es die noble Institution der Bischofssynode wieder eingeführt hat, in der Priester und Laien gerufen sind gemeinsam mit dem Bischof für die gesamte kirchliche Gemeinschaft zusammen zu arbeiten (CIC 460-468) widmet das Kirchenrecht viel Aufmerksamkeit denjenigen Institutionen, die allgemein „Organe der Gemeinschaft“ in den Ortskirchen genannt werden: dem Priesterrat, dem Beraterkolleg, dem Domkapitel und dem Pastoralrat (CIC 495-514). Nur in dem Maß in dem diese Organismen mit der „Basis“ verbunden bleiben und von den Menschen ausgehen, von den Problemen des Alltag, kann von dort aus eine synodale Kirche ausgehen: diese Instrumente, die manchmal mühselig vorangehen, müssen geschätzt werden als Gelegenheiten des Hörens und Teilens.

Wir sind auf halbem Weg

Die zweite Ebene ist die der Kirchenprovinzen und kirchlichen Regionen, der Partikular-Konzilien und auf besondere Weise die der Bischofskonferenzen (CIC 431-459). Wir müssen darüber nachdenken, um die Zwischeninstanzen der Kollegialität durch diese Organismen noch besser zu machen, vielleicht durch eine Aktualisierung von einigen Aspekten der antiken Kirchenordnung. Der Wunsch des Konzils, dass diese Organismen zum Wachsen des Geistes der bischöflichen Kollegialität beitragen können, ist noch nicht voll erfüllt. Wir sind auf halbem Weg, auf einem Teil des Weges. Wie ich bereits gesagt habe, ist es in einer synodalen Kirche „nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinn spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen „Dezentralisierung“ voranzuschreiten“ (EG 16).

Die letzte Ebene ist die der universalen Kirche. Hier wird die Bischofssynode, welche das gesamte katholische Episkopat repräsentiert, zum Ausdruck der bischöflichen Kollegialität in einer ganz und gar synodalen Kirche (Christus Dominus 5, CIC 342-348). Zwei verschiedene Begriffe: „bischöfliche Kollegialität“ und „eine ganz und gar synodale Kirche“. Das drückt eine affektive Kollegialität aus, die in einigen Umständen zu einer „effektiven“ werden kann, welche die Bischöfe unter sich und mit dem Papst im Dienst am Volk Gottes verbindet (Johannes Paul II., Partores Gregis, 8).

Bekehrung des Papsttums

Gleichzeitig bestehe ich auf der Notwendigkeit, über eine „Bekehrung des Papsttums“ nachzudenken (EG 32); gerne wiederhole ich die Worte meines Vorgängers Papst Johannes Paul II.: „Als Bischof von Rom weiß ich sehr wohl, und habe das in der vorliegenden Enzyklika erneut bestätigt, daß die volle und sichtbare Gemeinschaft aller Gemeinschaften, in denen kraft der Treue Gottes sein Geist wohnt, der brennende Wunsch Christi ist. Ich bin überzeugt, diesbezüglich eine besondere Verantwortung zu haben, vor allem wenn ich die ökumenische Sehnsucht der meisten christlichen Gemeinschaften feststelle und die an mich gerichtete Bitte vernehme, eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet“ (Ut unum sint, 95).

Unser Blick weitet sich auch auf die ganze Menschheit. Eine synodale Kirche erhobenes Banner unter den Völkern (Jes 11,12) in einer Welt, die – obwohl sie zu Beteiligung, Solidarität und Transparenz in der öffentlichen Verwaltung einlädt – oft das Schicksal ganzer Völker in die gierigen Hände einer beschränkten Gruppe Mächtiger gibt. Als Kirche, die gemeinsam mit den Menschen unterwegs ist, die an den Mühen der Geschichte Anteil hat, pflegen wir den Traum dass die Wiederentdeckung der unverletzlichen Würde der Völker und der Dienstcharakter der Autorität auch den Gesellschaften helfen kann, um sich auf Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit zu stützen, um eine bessere und würdigere Welt für die Menschheit zu bauen und für die Generationen, die nach uns kommen (EG 186-192, Laudato Si’ 156-162).

Übersetzt ist der inhaltliche Teil der Rede, die Gruß- und Dankworte zu Beginn fehlen.

(rv 17.10.2015 ord)