Die Jungfrau Maria erscheint +500’000 Menschen in Ägypten

 

Als die Gottesmutter in Zeitoun erschien…

1968 erschien die Gottesmutter Maria in Ägypten. Nicht nur Christen sahen die Erscheinung, sondern auch Muslime – Leseprobe aus dem Buch „Jesus in Ägypten. Das Geheimnis der Kopten“ von Michael Hesemann

München (kath.net) Zeitoun/Kairo, 2.4.1968: Ein muslimischer Wachmann, der in der Busgarage der Staatlichen Verkehrsgesellschaft in der Toman-Bey-Straße arbeitete, war der erste, der sie sah. Das war abends gegen 20.30 Uhr, die Sonne war gerade untergegangen und die nächtliche Dunkelheit breitete sich aus, während in der Straße schon die orangeglühende Straßenbeleuchtung flackerte. Doch Abdel Aziz Ali zog etwas in seinen Bann, das es eigentlich nicht geben dürfte. Auf dem Dach der gegenüberliegenden koptischen Marienkirche stand eine leuchtende Frau. „Schaut mal das Licht da auf der Kirche!“, rief er den Mechanikern des Betriebes zu, dann sahen auch sie es. Das „Licht“ hatte die Gestalt eines schmalen, jungen Mädchens, das, ganz in weiß gekleidet, neben dem Kreuz auf der mittleren, größten Kuppel des vanillefarbenen Gotteshauses kniete. Dort, wo es steil und eigentlich lebensgefährlich war.

„Seien Sie vorsichtig!“, rief einer der Mechaniker der vermeintlichen Selbstmörderin zu. Ein anderer telefonierte mit der Polizei, die bald darauf eintraf. Längst hatte sich eine Traube von Schaulustigen gebildet, die von der Strasse aus ebenfalls die „Selbstmörderin“ gesehen hatten und jetzt abwarten wollten, was weiter geschehen würde.

„Die Gestalt des Mädchens wurde immer klarer“, berichtete später einer von ihnen, der koptische Bäcker Ibrahim Yussuf, „allmählich erkannte man deutlich eine junge, schöne Frau, die ein schimmerndes Kleid aus weißem Licht trug und in den Händen einen grünen Olivenzweig hielt. Plötzlich erschien eine ganze Formation bemerkenswert weiß leuchtender Tauben über ihrem Kopf. In diesem Augenblick war uns klar, dass es keine Selbstmörderin sein konnte, dass es eine himmlische Erscheinung war!“

Um sicher zu sein, richtete die Polizei ihre Scheinwerfer auf sie. Doch die zusätzliche Beleuchtung ließ die Frau nur noch heller strahlen. Jemand stellte die Straßenbeleuchtung ab, doch das änderte nichts an der Leuchtkraft der hellen Gestalt, die plötzlich aufstand und umher ging. Dabei war sie von einem Lichtschein umgeben, der von ihr auszugehen schien.

In diesem Augenblick zerriss ein Schrei das andächtige Murmeln, das bislang die Erscheinung begleitet hatte: „Das ist kein Mensch. Das ist die Jungfrau Maria, die Mutter des Lichtes!“ Mit einem Mal ertoste donnernder Applaus, während Stimmen zum Gesang ansetzten, die ersten Kirchenlieder ertönten. Sie rühmten Gott, der es seiner Mutter gestattet hatte, nach fast 2000 Jahren wieder nach Ägypten zurückzukehren. Bis nach Mitternacht dauerte die Erscheinung an, dann verschwand sie urplötzlich.

Doch die Madonna kam wieder. Gleich in der nächsten Nacht und an vielen weiteren Tagen, ein Jahre lang, danach sporadisch, bis zu ihrer letzten Erscheinung am 29. Mai 1971. Mal war sie allein, mal in Begleitung leuchtender Tauben, die sie umkreisten, auf die Kuppel der Kirche zurasten und urplötzlich verschwanden oder am Himmel Formationen in Kreuzform bildeten. Einige Male war die Kuppel der Kirche in süß duftenden Weihrauch gehüllt. Nicht selten sandte die heilige Jungfrau Lichtwellen aus, die alle Anwesenden erfassten. Die längste Erscheinung, zu der es am 30. April 1968 kam, dauerte über zwei Stunden, nämlich von 2.45 bis 5.00 Uhr früh. Hunderttausende, nach offiziellen Schätzungen bis zu einer Million Menschen, sahen die Frau aus Licht in Zeitoun: Christen wie Moslems, Ägypter ebenso wie Amerikaner und Europäer.

Foto der Erscheinung von Zeitoun, aufgenommen von dem Moslem Ali Ibrahim, einem Direktor des Ägyptischen Museums in Kairo.

Nachdem die ersten Zeitungen über die Erscheinungen berichtet hatten, berief der koptische Papst Kyrill VI. eine Untersuchungskommission ein. Am 23. April 1968 trafen die mit dieser Aufgabe betrauten Bischöfe an der Marienkirche von Zeitoun ein. Nachdem sie die ersten Augenzeugen, die muslimischen Garagenarbeiter, befragt hatten, wurden auch sie Zeugen des Wunders. In ihrem offiziellen Bericht stellten sie fest: „Wir haben selbst die heilige Jungfrau gesehen. Zunächst von himmlischem Licht umhüllt, dann wieder direkt. Sie bewegte sich um die Kirchenkuppel, kniete vor dem Kreuz auf der Kuppel und segnete die versammelten Menschen.“

Ein Mitglied der Untersuchungskommission war Anba Athanasius, Erzbischof von Beni Suef in Oberägypten. Er erinnerte sich später:

„Das erste, was wir sahen, als wir gegen 23.00 Uhr nach Zeitoun kamen, war etwas unterhalb der nordöstlichen Kuppel. Es war nur eine Silhouette, nicht sehr hell, die langsam aufstieg. Zuerst sah ich sie kaum, dann nahm ich sie schwach wahr. Ich sagte den Leuten, dass ich dazu nicht aussagen könnte, wenn das alles gewesen wäre.

Vor der Kirche war eine große Menschenansammlung und wir standen dort bis 3.45 Uhr früh. Als der Morgen schon dämmerte, kamen einige meiner Begleiter, die auf der Nordseite der Kirche gewacht hatten, angelaufen und riefen mir zu: ‚Die Dame ist über der Mittelkuppel‘. Man sagte mir, eine Art Wolke hätte die Kuppel verhüllt, als plötzlich ein fluoreszierendes Licht wie eine Lampe den Himmel erhellte. Plötzlich stand sie da in voller Gestalt!

Die Menge war in heller Aufregung. Es war schwer, sich an den Menschen vorbeizudrängen, doch ich versuchte es und stand schließlich direkt vor der Kirche.

Da war sie, schwebte fünf oder sechs Meter über der Kuppel, hoch im Himmel, wie eine phosphorisierende Statue, aber keineswegs steif wie eine Statue. Ihr Körper und ihre Kleidung bewegten sich. Es war schwer, die Stellung zu halten, da die Menschen von allen Seiten drängelten, vielleicht Hunderttausend waren es in dieser Nacht. Der Zaun rund um den Hof der Kirche wurde einfach niedergetrampelt. So zog ich mich in ein kleines Haus des Bürokomplexes südlich der Kirche zurück. Von dort aus beobachtete ich die Gestalt eine Stunde lang, von vier bis fünf Uhr. Sie verschwand nie. Die Madonna schaute nach Norden, winkte, segnete die Menschen, manchmal in der Richtung, in der ich stand. Ihr Gewand wehte im Wind. Sie war sehr still aber voller Glanz und Würde. Es war etwas wirklich Übernatürliches und eindeutig aus dem Himmel.“

Vor allem aber waren die Kommissionsmitglieder beeindruckt von den vielen Heilungen, zu denen es in Zeitoun gekommen war. Minutiös untersuchte der medizinische Berater der Kommission, Prof. Dr. Shafik Abdel-Malek, jeden einzelnen Fall. Bei einem Mann war ein zitronengroßes Krebsgeschwür in der Blase verschwunden. Eine Frau konnte ihre seit zwölf Jahren gelähmte Hand wieder bewegen. Bei einem Mediziner (!) wurde eine Hernie (Eingeweidebruch) über Nacht geheilt. Die Frau des muslimischen Straßenbaudirektors von Kairo, der die Ärzte eine unheilbare Lähmung des linken Beins diagnostiziert hatten, rief die „Mutter des Lichtes“ um Hilfe an – und konnte wieder laufen. Eine weitere Muslima wurde von einer schweren Schilddrüsenerkrankung kuriert. Ein blinder und stummer Moslem gewann Augenlicht und Sprache wieder.

Das Zeugnis seiner Bischöfe und die vielen Heilungen waren für Kyrill VI. Beweis genug. Am 4. Mai 1968 veröffentlichte der 116. Nachfolger des hl. Markus die folgende Erklärung:

„Der apostolische Stuhl (von Alexandria, Anm. d. Verf.) verkündet hiermit mit absolutem Glauben und Gewissheit, mit Freude und Dank an den allmächtigen Gott, dass die heilige und gesegnete Mutter des Lichtes in klarer und deutlich umrissener Form an mehreren Nächten erschien – und weiter erscheint (…) bis auf den heutigen Tag. Dies geschah in der nach ihr benannten koptisch-orthodoxen Kirche an der Toman-Bey-Straße in Zeitoun, Kairo. Diese Kirche liegt auf dem Weg, den die Heilige Familie während ihres Aufenthaltes in Ägypten nahm. “

In der Tat liegt die Kirche von Zeitoun nur zwei Kilometer vom Marienbaum von Matariya entfernt; es ist also zumindest denkbar, dass die Heilige Familie die Stätte passierte. Jedenfalls führten die Erscheinungen dazu, dass man Zeitoun fortan in die Liste der Orte, die von der Heiligen Familie besucht worden waren, aufnahm, was zumindest verrät, wie flexibel die koptische Tradition ist.

Natürlich besuchten auch Yuliya und ich bei unserem Aufenthalt in Kairo die Marienkirche von Zeitoun. Sie ist ein architektonisches Kleinod, das, von einer Mauer umgeben, inmitten eines kleinen Gartens liegt. Palmen, Rosen, Granatäpfel und Maulbeerbäume wachsen hier und bilden einen schönen Kontrast zu dem vanillegelben Gotteshaus mit seinen fünf sahneweißen Kuppeln, die aus Zuckerguss sein könnten. Ein reicher Landbesitzer, Khalil Ibrahim, hatte es errichten lassen, nachdem ihm 1918 im Traum die Gottesmutter erschienen war. Sie bat ihn, ihr auf einem seiner Grundstücke eine Kirche zu bauen und versprach, nach 50 Jahren dorthin zurückzukehren. So beauftragte er den italienischen Architekten Leomingelli mit der Planung; byzantinische Kirchen einschließlich der Hagia-Sophia-Kathedrale von Konstantinopel (heute: Istanbul) dienten nur allzu offensichtlich als Vorbild. Er konnte nicht ahnen, dass die Bilder ihrer Kuppeln ein halbes Jahrhundert später um die Welt gehen würden.

Als ich am 10. März 2010 das erste Mal nach Zeitoun kam, war ich überrascht, wie mondän das Viertel ist, in dem sich die Kirche befindet. Die Straßen sind ungewohnt sauber, die Häuser in bestem Zustand, die Menschen gut gekleidet. Hier, in Kairos Gartenvorstadt, wohnt eine urbane Mittelschicht, westlich orientiert, meist akademisch gebildet und modern. Hier hätte man am wenigsten eine Marienerscheinung erwartet.

Die ersten Fotos der Menschen, die auf die Gottesmutter warteten und Zeugen des Wunders wurden, sind heute in einem Säulengang im Innenhof der Kirche ausgestellt. Sie zeigen Männer in Anzug und Krawatte, viele Brillenträger mit modischen Haarschnitten. Wer glaubt, dass sich Marienerscheinungen vorwiegend in entlegenen Gegenden vor einer entsprechend ungebildeten und abergläubischen Landbevölkerung ereignen, wird hier eines Besseren belehrt.

Ich sprach einen älteren Priester an, der in der Kirche seinen Dienst tat und sich als Abuna Zadik vorstellte. Er war Student der Ingenieurswissenschaften gewesen, als auch er 1968 Zeuge der Erscheinungen wurde, durch die er schließlich seine Berufung fand.

„Wir waren damals alle noch am Boden zerstört. Die Niederlage im Sechstagekrieg war für uns eine nationale Katastrophe gewesen“, erklärte er uns. Für die Kopten war dadurch eine gefährliche Situation entstanden. Muslimische Prediger hatten sie zu Kollaborateuren der Israelis erklärt, ihnen die Schuld an der Niederlage gegeben. Die ersten von ihnen forderten bereits, nicht nur die Juden, sondern auch die Christen aus dem Land zu vertreiben. Die koptische Kirche war in der Defensive. Papst Kyrill VI. untersagte fortan allen Kopten, bei Strafe der Exkommunikation, nach Jerusalem zu pilgern, „solange die heiligen Stätten in zionistischer Hand sind“; eine Regelung, die bis heute gilt. Es durfte keinen Zweifel am Patriotismus seiner Gläubigen geben. Doch dann kam ihnen die Gottesmutter zu Hilfe.

„Sie hielt den Ölzweig als Zeichen des Friedens in den Händen“, war Abuna Zadik überzeugt, „und sie kam in der Osterzeit, um uns zu sagen: Ich weiß, meine Kinder, dass ihr jetzt nicht zu mir kommen könnt. Darum komme ich zu euch, damit ihr seht, dass ich euch nie alleine lasse.“

Auch die Muslime verstanden das Zeichen. Immerhin wird die Mutter Jesu auch im Qur’an verehrt. Eine ganze Sure, die 19., trägt den Titel Maryam. Selbst dass sie als Jungfrau gebar, billigt ihr das Buch Muhammads zu, nur nicht den Status, Gottesmutter zu sein. Trotzdem wird Maria von vielen muslimischen Frauen in Ägypten heimlich verehrt, schon weil sie für ein anderes Frauenbild als das ihres Glaubens steht.
„Wissen Sie, dass sogar unser muslimischer Präsident Nasser die Gottesmutter von Zeitoun gesehen hat?“
„Wirklich?“
Abuna Zadik bestand darauf: „Er hatte in der Presse von den Erscheinungen gelesen. Seine Limousine parkte drüben in der Garage der staatlichen Verkehrsgesellschaft. Natürlich zeigte er sich nicht, das war ein privater Besuch, doch jeder der Priester in unserer Kirche wusste Bescheid. Zwei Nächte lang stand er da, wartete. Dann wurde er belohnt. Er sah die Heilige Jungfrau.“

Kurz darauf gab das ägyptische Informationsministerium bekannt:
„Eine offizielle Untersuchung wurde durchgeführt und kam zu dem Ergebnis, dass es eine unbestreitbare Tatsache ist, dass die Gesegnete Jungfrau Maria auf der Kirche von Zeitoun in einem klaren und leuchtenden Körper erscheint, der von allen Anwesenden vor der Kirche gesehen wird, gleich ob sie Christen oder Moslems sind.“

„Durch die Erfahrung des Präsidenten wurde das da möglich“, meinte Abuna Zadik und zeigte auf die andere Seite der Straße. Dort erhebt sich, groß und dickbäuchig wie ein Walfisch, die moderne Kirche der Erscheinung der Heiligen Jungfrau, 1970 errichtet, als das kleine Gotteshaus unter dem Ansturm der Pilger aus allen Nähten zu platzen drohte. Sie steht auf dem Gelände der einstigen staatlichen Busgarage.

„Präsident Nasser hat dieses Bauland gestiftet“, beteuerte uns der Abuna. Diese unerwartete Geste eines muslimischen Präsidenten war an sich schon Beweis genug, dass die Geschichte des Priesters stimmen musste.

Nasser war nicht der einzige prominente Zeuge, der als Skeptiker gekommen war. Auch der evangelische Pastor und Koptologe Otto Meinardus konnte nicht glauben, was man ihm aus Zeitoun berichtete. So fuhr er eines Abends selbst hin, zusammen mit seiner amerikanischen Frau. Es dauerte nicht lange, dann sah das Paar ebenfalls, wie eine leuchtende Gestalt hinter einer der Kuppeln erschien. „Das ist Caspar, der freundliche Geist!“, entfuhr es Frau Meinardus. Später, in seinem Buch Auf den Spuren der Heiligen Familie beschreibt der Deutsche die Erscheinung als „manchmal rötlich-goldene, manchmal grünlich-blaue Halbfigur“ und bezeugt: „Mehrere Abende habe ich einwandfrei die Lichterscheinungen gesehen, das Beten, Rufen, Schreien der Tausenden von Gläubigen vernommen, die Maria, ihre Herrin und Gottesmutter, zu erblicken glaubten.“

„Die Erscheinung war so real, dass sie sogar fotografiert werden konnte“, versicherte Abuna Zadik und führte uns zu einer Schautafel mit den Originalaufnahmen des Wunders von Zeitoun. Sie alle zeigen, was die Zeugen beschrieben: Leuchtende Tauben am Himmel, die Kuppel der Kirche in Rauch, Nebel und Licht gehüllt, darin, aber auch ganz frei schwebend, eine leuchtende Gestalt. Jeder Christ würde sie sofort als die Gottesmutter erkennen.

Mindestens bei zweien der Bilder ist jede Manipulation ausgeschlossen: Sie hat der US-Physiker Prof. John Jackson von der U.S. Air Force Academy in Colorado Springs in einem amerikanischen Speziallabor untersuchen lassen. Auf dem einen Bild leuchtet die Madonna so stark, dass sich ihr Licht in der Linse spiegelt. Bei dem anderen scheinen die Kuppeln der Kirche, das Kreuz, selbst die Köpfe der Schaulustigen regelrecht zu glühen; Hinweis auf eine koronare Entladung, deren Ursache unbekannt ist.

„Weißt du, was mir bei diesen Fotos auffällt?“, fragte meine Verlobte Yuliya, die als studierte Kunstgeschichtlerin gleich die Antwort lieferte: „Die Art und Weise, wie Maria dort erscheint, hat nichts mit der traditionellen koptischen Ikonografie zu tun. Überhaupt nicht mit der Ikonografie der Ostkirchen. Die ganze Gestik entstammt der katholischen Bilderwelt. Auf einem der Fotos steht die Madonna leicht gebeugt, die Hände gefaltet, so, wie sie Bernadette Subirous in Lourdes erschien oder wie sie auf der Tilma von Guadalupe in Mexiko zu sehen ist. Auf einem anderen Foto schwebt sie mit ausgestreckten Händen vor der Kuppel der Kirche von Zeitoun wie auf der Wundertätigen Medaille.“

Jetzt fiel das auch mir auf. Natürlich kannte ich beide Gnadenbilder, war in Lourdes gewesen und in dem Haus der Vinzentinerinnen in der rue du Bac in Paris, wo die 24-jährige Novizin Catherine Labouré am 17. November 1830 ihre zweite Marienerscheinung hatte. Damals beauftragte die Gottesmutter sie, nach dem Bild, das sie ihr offenbart hatte, eine Medaille prägen zu lassen. Sie zeigt die Jungfrau, wie sie auf der Erdkugel steht, aus ihren geöffneten Handflächen strömt Licht. Über eine Milliarde dieser Medaillen wurden seitdem produziert, unzählige Katholiken sind von ihrer Wunderkraft überzeugt.

Vielleicht war gerade das die Botschaft Mariens – ein ökumenischer Appell an die Konfessionen: „Versöhnt Euch! Ich segne die Kirche der Kopten, wie ich die katholische Kirche gesegnet habe. Ich liebe beide Kirchen und fordere Euch auf, die von Menschen gemachte Spaltung von Chalcedon zu überwinden, auf dass ihr wieder eine Kirche werdet.“

Immerhin fand 1968 die 1900-Jahrfeier des Martyriums des hl. Markus statt, gab Rom den Kopten zumindest einen Teil seiner Reliquien zurück, setzte damals der Dialog zwischen den Kirchen ein.

Tatsächlich bewirkten die Erscheinungen von Zeitoun, dass die Kopten sich der westlichen, speziell der süditalienischen Ikonografie zuwandten, was freilich manchmal zu Ergebnissen von zweifelhaftem Kunstgeschmack führte. So werden süßliche Heiligenbildchen in Bonbonfarben, meist in China für den neapolitanischen Markt produziert, in vielen Dorfkirchen direkt neben den altehrwürdigen Ikonen platziert. Natürlich werden beide gerne mit blinkenden Lichterketten geschmückt, den schillernden Trophäen einer geglückten Globalisierung.

Ökumenisch und international war aber auch das Interesse an Zeitoun. Selbst Papst Paul VI. im fernen Rom interessierte sich für die Erscheinungen und bat Kardinal Stephanos I. Sidarouss, den Patriarchen der Koptisch-Katholischen Kirche, um einen Bericht. Seine gut 200 000 Gläubigen zelebrieren im koptischen Ritus, sind aber mit Rom uniert. Seit 1895 existiert diese Kirche, die ihre Entstehung Papst Leo XIII. verdankt. „Es ist zweifellos eine echte Erscheinung“, stellte der Kardinalpatriarch in seinem Bericht nach Rom fest, „die von vielen koptischen Katholiken gesehen wurde, die unser volles Vertrauen genießen. (…) Dieses einzigartige Wunder birgt eine Botschaft voller Güte in sich, die aus der Kirche von Zeitoun einen Pilgerort von weltweiter Bedeutung werden lässt.“

kath.net-Buchtipp:
Jesus in Ägypten
Das Geheimnis der Kopten. Vorwort Bischof Anba Damian
Von Michael Hesemann
363 Seiten; m. 17 SW-Fotos, 17 Farbfotos
2012 Herbig
ISBN 978-3-7766-2697-1
Preis 25.70 EUR

Bestellmöglichkeiten bei unseren Partnern:

– Link zum kathShop

– Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus:
Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: buch@kath.net
Für Bestellungen aus der Schweiz: buch-schweiz@kath.net
Alle Bücher und Medien können direkt bei KATH.NET in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus (Auslieferung Österreich und Deutschland) und dem RAPHAEL Buchversand (Auslieferung Schweiz) bestellt werden. Es werden die anteiligen Portokosten dazugerechnet. Die Bestellungen werden in den jeweiligen Ländern (A, D, CH) aufgegeben, dadurch entstehen nur Inlandsportokosten.

Quelle

Papst und Großimam: Historische Erklärung zu Frieden, Freiheit und Frauenrechten

Die gemeinsame Unterzeichnung (AFP or licensors)

Papst Franziskus und Großimam Achmed al-Tayyeb haben an diesem Montagnachmittag eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet. Das Dokument stellt eine starke Absage an Gewalt und Terrorismus dar: „Gott will nicht, dass sein Name dazu benutzt wird, Menschen zu terrorisieren.“

Andrea Tornielli – Abu Dhabi

Das im Rahmen der Interreligiösen Konferenz in Abu Dhabi von Papst Franziskus und al-Azhar-Großimam Ahmed al-Tayyeb unterzeichnete „Dokument über die Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben“ ist nicht nur ein Meilenstein in den Beziehungen zwischen Christentum und Islam. Es stellt auch eine Botschaft dar, die auf der internationalen Bühne eine starke Wirkung entfaltet. Der Text, der bekräftigt, dass „der Glaube den Gläubigen im anderen einen Bruder sehen lässt, dem man helfen und den man lieben muss“, wird schon im Vorwort als ein Dokument bezeichnet, das das „Ergebnis aufrichtiger und ernsthafter Überlegungen“ ist und „alle, die den Glauben an Gott und an die menschliche Brüderlichkeit im Herzen tragen, einlädt, sich zu vereinen und zusammenzuarbeiten.“

“ Im Namen Gottes, der alle Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten, mit der gleichen Würde geschaffen hat ”

Das Dokument beginnt mit einer Reihe von Verweisen auf jene, für die hier gesprochen wird: Der Papst und der Großimam sprechen „im Namen Gottes, der alle Menschen mit gleichen Rechten und Pflichten, mit der gleichen Würde geschaffen hat“; „im Namen des unschuldigen menschlichen Lebens, das Gott zu töten verboten hat“; „im Namen der Armen“, der „Witwen und Waisen, Flüchtlinge und Vertriebenen, der Opfer von Krieg und Verfolgung“. Al-Azhar und die katholische Kirche erklären, „die Kultur des Dialogs als Weg; die gemeinsame Zusammenarbeit als Verhaltenskodex; das gegenseitige Verständnis als Methode und Kriterium“ annehmen zu wollen.

Religionen für Frieden und gegen Krieg

Mit diesem Dokument „fordern wir uns selbst, die Führer der Welt sowie die Verantwortlichen im Bereich der internationalen Politik und der Weltwirtschaft auf, sich mit Nachdruck für die Verbreitung der Kultur der Toleranz, des Zusammenlebens und des Frieden einzusetzen und so schnell wie möglich einzugreifen, um das Vergießen von unschuldigem Blut zu stoppen und Kriegen, Konflikten, Umweltzerstörung und dem moralischen und kulturellen Niedergang, den die Welt heute erlebt, ein Ende zu setzen.“

Die beiden Religionsführer rufen die Welt der Religion und Kultur – und die Medien – auf, „die Werte des Friedens, der Gerechtigkeit, des Guten, der Schönheit, der menschlichen Brüderlichkeit und des gemeinsamen Zusammenlebens“ wieder zu entdecken. Und bekräftigen ihren festen Glauben daran, dass „zu den wichtigsten Ursachen für die Krise der modernen Welt ein betäubtes menschliches Gewissen, die Distanzierung von religiösen Werten, sowie das Vorherrschen von Individualismus und materialistischen Philosophien gehören.“

Verfall der Ethik

Trotz der Anerkennung der positiven Schritte, die die moderne Zivilisation gemacht hat, stellt die Erklärung den „Verfall der Ethik“ heraus, „der das internationale Handeln beeinflusst und eine Schwächung der geistlichen Werte und des Verantwortungsbewusstseins mit sich bringt.“ Und dies führe wiederum dazu, dass sich viele „einem atheistischen, agnostischen oder religiösen Extremismus zuwenden oder in einen fanatischen, blinden Extremismus verfallen.“ Der religiöse oder nationale Extremismus und die Intoleranz seien „Anzeichen für einen stückweise geführten Dritten Weltkrieg.“

Der Papst und der Großimam bekräftigen daher, dass „die großen politischen Krisen, die Situationen der Ungerechtigkeit und die mangelnde gerechte Verteilung der natürlichen Ressourcen – von denen zum Nachteil der Mehrheit der Völker der Erde nur eine reiche Minderheit profitiert – die Ursache für eine große Zahl von Armen, Schwachen und Toten waren und weiter sind, sowie katastrophale Krisen auslösen, denen verschiedene Länder zum Opfer gefallen sind… Angesichts solcher Krisen, die zum Tod von Millionen von Kindern führen, die von Armut und Hunger dahingerafft werden, herrscht weltweit ein inakzeptables Schweigen“.

“ Es ist offensichtlich, dass der Familie hier eine entscheidende Rolle zukommt ”

Und ebenso wichtig sei auch die „Wiedererweckung des religiösen Bewusstseins“, besonders bei den jungen Menschen. Nur so könne man „individualistischen, egoistischen und konfliktträchtigen Tendenzen, Radikalismus und blindem Extremismus in all seinen Formen und Ausdrucksformen entgegenwirken.“ Die beiden Religionsführer erinnern daran, dass der Schöpfer uns „das Geschenk des Lebens gemacht hat, damit wir es schützen. Niemand hat das Recht, es anderen zu nehmen, es zu bedrohen oder nach eigenem Ermessen zu manipulieren … Wir verurteilen daher alle Praktiken, die das Leben bedrohen: Völkermord, Terrorakte, Vertreibung, Menschenhandel, Abtreibung und Euthanasie.“

Eine dringende Absage an Gewalt im Namen Gottes

Weiterhin erklären sie „mit Entschlossenheit, dass Religionen niemals Grund für Krieg, Hass, Feindseligkeit und Extremismus sein dürfen und auch nicht zu Gewalt oder Blutvergießen führen können. Diese tragischen Realitäten sind die Folge eines Abweichens von der religiösen Lehre, der politischen Manipulation der Religionen und auch der Interpretationen von Religionsgemeinschaften“. Daher „appellieren wir an alle Beteiligten, die Religionen nicht länger dazu zu benutzen, Hass, Gewalt, Extremismus und blinden Fanatismus zu schüren, und den Namen Gottes nicht mehr dazu zu benutzen, um Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung zu rechtfertigen.“ Der Papst und der Großimam erinnern daran, dass „der allmächtige Gott von niemandem verteidigt werden muss und nicht will, dass sein Name dazu benutzt wird, Menschen zu terrorisieren“.

“ Freiheit ist ein Recht jedes Menschen ”

Die Erklärung hält fest, dass die „Freiheit ein Recht jedes Menschen ist: Jeder genießt die Freiheit des Glaubens, Denkens, Ausdrucks und Handelns. Der Pluralismus und die Vielfalt der Religionen, Hautfarben, Geschlechter, Rassen und Sprachen sind von Gott in Seiner Weisheit gewollt.“ Und diese „göttliche Weisheit“ ist die „Quelle, aus der sich das Recht auf Glaubensfreiheit und das Recht darauf ableitet, anders zu sein. Daher ist die Tatsache, dass Menschen gezwungen werden, einer bestimmten Religion oder Kultur anzugehören, ebenso abzulehnen wie die Auferlegung einer Kultur, die die anderen nicht akzeptieren.“

Weiter wird festgehalten, dass der „Schutz von Kultstätten – Synagogen, Kirchen und Moscheen – eine Verpflichtung ist, die durch die Religionen, die menschlichen Werte, Gesetze und internationale Vereinbarungen gewährleistet wird. Jeder Versuch, Kultstätten anzugreifen oder durch gewalttätige Übergriffe, Bombenangriffe oder Zerstörung zu bedrohen, ist eine Abweichung von den Lehren der Religionen und eine eindeutige Verletzung des Völkerrechts.“

Unterstützung für Terroristen muss ein Ende haben

Es wird erneut an den „verwerflichen Terrorismus“ erinnert, „der im Westen und im Osten die Sicherheit der Menschen bedroht… Panik, Terror und Pessimismus verbreitet. Das liegt aber nicht an der Religion, auch wenn sie von den Terroristen instrumentalisiert wird, sondern ist vielmehr auf eine Häufung von Fehlinterpretationen religiöser Texte zurückzuführen; auf eine Politik, die Hunger, Armut, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Hochmut begünstigt. Deshalb ist es dringend notwendig, der Unterstützung terroristischer Bewegungen durch Finanzierung, die Bereitstellung von Waffen und Strategien, sowie deren Rechtfertigung durch die Medien ein für allemal einen Riegel vorzuschieben. All diese Formen der Unterstützung müssen als internationale Verbrechen betrachtet werden, die die Sicherheit und den Weltfrieden bedrohen.“

Das Dokument pocht auf die Notwendigkeit, „in unseren Gesellschaften das Konzept der vollen Staatsbürgerschaft zu verankern und die diskriminierende Verwendung des Begriffs Minderheiten abzulehnen, der allein schon mit dem Gefühl der Isolation und Unterlegenheit verbunden wird.“

Anerkennung des Rechts der Frau auf Bildung und Beschäftigung

Als „wesentliche Voraussetzung“ wird in der Erklärung, „die Anerkennung des Rechts der Frau auf Bildung und Beschäftigung“ bezeichnet, sowie „die Freiheit, ihre politischen Rechte auszuüben. Darüber hinaus müssen Anstrengungen unternommen werden, um Frauen von historischen und sozialen Bedingungen zu befreien, die im Widerspruch zu den Prinzipien ihres Glaubens und ihrer Würde stehen. Es ist auch notwendig, Frauen vor Ausbeutung zu schützen…. Dementsprechend muss all den unmenschlichen und vulgären Praktiken, die die Würde der Frauen verletzen, ein Ende gesetzt werden. Es müssen Anstrengungen unternommen werden, um die Gesetze zu ändern, die verhindern, dass Frauen ihre Rechte uneingeschränkt wahrnehmen können.“

“ Ein Zeichen der Nähe zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd ”

Nachdem die beiden Religionsführer das Recht der Kinder auf Nahrung und Bildung sowie darauf betont haben, in einem gesunden familiären Umfeld aufzuwachsen, stellen sie heraus: „Jede Praktik, die die Würde und die Rechte der Kinder verletzt, muss angeprangert werden. Ebenso wichtig ist es, die Gefahren im Auge zu behalten, denen sie besonders in der digitalen Welt ausgesetzt sind – und den Handel mit ihrer Unschuld und jede Verletzung ihrer Kindheit als Verbrechen zu betrachten.“

Abschließend fordern „Al-Azhar und die katholische Kirche, dass dieses Dokument in allen Schulen, Universitäten und Instituten und Ausbildungsstätten zum Gegenstand von Forschung und Reflexion wird“. Und geben der Hoffnung Ausdruck, dass diese Erklärung zu einem „Zeichen der Nähe zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd“ werden möge.

_______

Quelle

LESEN SIE AUCH:

Ägpyten: Etwa sechzig Kirchen geschlossen

Straßenszene in Mina Habib (Minya)

Die deutsche „Gesellschaft für bedrohte Völker“ wirft den ägyptischen Behörden vor, die Religionsfreiheit koptischer Christen willkürlich einzuschränken. Mindestens 58 christliche Kirchen seien in den letzten Monaten auf staatliche Anordnung hin geschlossen worden, angeblich aus Sicherheitsgründen, so der von Göttingen aus operierende Verband. Er spricht von einem „massiven Eingriff in die Glaubensfreiheit“ koptischer Christen im mehrheitlich islamischen Ägypten.

Viele der geschlossenen Kirchen liegen nach Angaben des Verbands in von Kopten bewohnten Dörfern in Oberägypten. Muslime aus der Nachbarschaft hätten gegen die Kirchen protestiert, und die Kirchen seien von Sicherheitskräften angeblich nicht wirksam vor Terrorangriffen zu schützen. Landesweit haben die Behörden nach Angaben des Verbands seit 2012 insgesamt 67 Kirchen geschlossen, davon allein 15 im Bezirk Minya. Nur neun Gotteshäuser seien seither wiedereröffnet worden.

(pm 12.09.2017 sk)

Ägypten: „Franziskus’ Reden in Kairo waren Meilensteine“

Papst Franziskus in Ägypten

Die Ägyptenreise von Papst Franziskus wird noch lange nachwirken, davon ist Joachim Schroedel überzeugt. Der Pfarrer der deutschsprachigen Markusgemeinde in Kairo lobte im Gespräch mit Radio Vatikan an diesem Sonntag vor allem die Reden des Papstes.

„Die Texte, die uns der Heilige Vater hinterlassen hat, müssen noch intensiv studiert werden. Er hat uns mit seinen Ansprachen an den Staatspräsidenten, an den Scheich der al-Azhar und natürlich an seinen „Kollegen“ Tawadros II. große, große Geschenke gemacht. Das waren Meilensteine, die nicht genug analysiert und gelobt werden können!“

Natürlich habe Franziskus auch wieder sprechende Gesten vollzogen, etwa seine Umarmung mit dem Großimam Ahmed al-Tayyeb. Von der Substanz her sei diese Brüderlichkeit, von der schon das Schreiben „Ecclesia in Medio Oriente“ Benedikts XVI. von 2012 spreche, allerdings „nichts Neues“. „Aber was er dem Großscheich und auch dem Präsidenten ins Stammbuch geschrieben hat, ist sehr lesenswert und sehr, sehr wichtig.“

„Dialog ohne Hintergedanken – das zielt sehr genau“

Franziskus habe vor allem erklärt, wie er sich Dialog vorstelle – und dass dazu auch „die Aufrichtigkeit der Absichten“ gehöre. „Und wenn er dann natürlich sagt: Wir sind Weggefährten, wir müssen aufrichtig sein und ohne Hintergedanken einen Dialog führen, dann zielt das sehr genau auf das, was derzeit gerade von al-Azhar, die ja nicht gerade die progressivste Theologie vertritt, wahrgenommen werden muss.“

Deutliche Worte hat der Papst auch am Samstag bei seiner Messfeier gefunden: Da rief er die Gläubigen dazu auf, sich nicht einzuigeln und auf die anderen zuzugehen. „Hier in Ägypten ist es natürlich von besonderer Brisanz, dass man nicht denkt: Wir sind die Besseren – wir Katholiken, meinetwegen, wir 250.000 mit Rom Unierten, wir sind doch noch mal etwas Besseres als die Orthodoxen, weil wir zu Rom gehören… Das hört  man halt manchmal.“

„Papst trat viel bescheidener auf als Präsidenten oder Religionsführer“

Da klage Franziskus zu Recht Bescheidenheit, Demut und Offenheit für andere ein, findet Pfarrer Schroedel. Vor allem habe der Papst aber in Ägypten durch sein eigenes bescheidenes Auftreten überzeugt. „Die Demut, wie er sich mit einem Golfwagen hat durch die Gegend fahren lassen – das sind gewaltige Zeichen für die Ägypter. Sie sehen gerade in diesem Papst einen dem Volk nahen und zugewandten Menschen – ganz anders, als ihre Präsidenten und manchmal auch ihre Religionsführer sich gebärden.“

Ob die Sicherheitsvorkehrungen während der Reise übertrieben waren, weiß Schroedel nicht zu beurteilen. „Der Heilige Vater hat sich sicherlich gewundert, wie stark er geschützt worden ist. Wahrscheinlich hat er sich gedacht: Das alles wegen mir?“ Der Pfarrer hat schon viele Staatsbesuche in Kairo am Rande mitbekommen, nach seinem Eindruck waren die Sicherheitsmaßnahmen nie so massiv wie diesmal. „Kairo war eine Festung, und wir kamen alle kaum durch, weil eben alle Straßen gesperrt waren… Stellen Sie sich vor: Auf dem Weg vom Flughafen Richtung Stadtmitte waren alle Autos, die dort geparkt worden, binnen weniger Stunden abgeschleppt worden! Das ist für Kairo kaum vorstellbar.“

„Kairo war eine Festung“

Besucher von Papst-Events hätten alle ihre Handys abgeben müssen, berichtet Schroedel, weil sich per Handy nun mal Bomben zünden ließen. Darum gebe es leider kaum private Handyfotos vom Papst. „Aber okay: Wir haben’s überstanden, und der Papst auch! Und wir sind so dankbar, dass der Papst so viele Begegnungspunkte hatte. In 27 Stunden so ein Mammutprogramm durchzuziehen, das hat er mit Bravour gemacht.“

Die Medien haben, so erzählt Pfarrer Schroedel, intensiv über die Visite aus Rom berichtet, vor allem das Fernsehen. „Sehr, sehr viele haben die Übertragungen gesehen, die wirklich immens waren. Es wurde praktisch alles übertragen, was der Papst gemacht hat – in den englischsprachigen, aber natürlich auch in den arabischsprachigen Programmen.“ Die Menschen seien beeindruckt gewesen von der Freundlichkeit des Papstes – etwa, dass er immer wieder „al-salamu alaikum“ gesagt habe… was eigentlich „ein Gruß der Moslems“ sei. „Deswegen mussten wir gestern etwas lachen, als er bei uns Priestern und Ordensleuten war – da hat er auch „al-salamu alaikum“, und alle haben brav geantwortet. Aber das ist normalerweise nicht der Gruß zwischen Christen. Nun gut, wir haben uns gefreut, dass er zeigt: Ich bin bei euch.“

„Papst hat Sisi an die Schlagworte der Revolution von 2011 erinnert“

Dass der Papst sich vor den Karren von Präsident al-Sisi habe spannen lassen, findet Schroedel überhaupt nicht – „im Gegenteil!“ „Er hat zum Beispiel gleich am Anfang die drei Schlagworte der Revolution vom 25. Januar 2011 erwähnt, nämlich Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Das war wahrscheinlich genau die Äußerung, die Sisi nicht hören wollte. Später hat der Papst dann an unveräußerliche Menschenrechte, Gleichheit aller Bürger, Religions- und Meinungsfreiheit, die Rolle der Frau erinnert. Also, das waren richtig klare, gute Forderungen.“

Auch diese Papstansprache an Ägyptens Regierung und Gesellschaft sollte man sich doch noch einmal in Ruhe durchlesen, findet Schroedel. „Da steckt viel, viel positiver Brennstoff drin.“ Und er urteilt, Franziskus habe offensichtlich einen „guten Redenschreiber“, das habe sich in Kairo gezeigt.

(rv 30.04.2017 sk)

„Der wahre Gott ruft zur bedingungslosen Liebe“

Ägypten-Reise, Höflichkeitsbesuch Beim Staatspräsidenten, 28. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Rede von Papst Franziskus
an die Autoritäten Ägyptens
sowie an die Vertreter des Diplomatischen Corps,
28. April 2017 — Volltext

Wir übernehmen in der offiziellen Übersetzung die heutige Rede von Papst Franziskus an die Autoritäten Ägyptens sowie an die Vertreter des Diplomatischen Corps.

***

Herr Präsident,
Herr Großiman von Al-Azhar,
ehrenwerte Mitglieder der Regierung und des Parlaments,
verehrte Botschafter und Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren,

Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

Ihnen, Herr Präsident, danke ich für Ihre herzlichen Willkommensworte wie auch für die freundliche Einladung, Ihr geliebtes Land zu besuchen. Mir ist Ihr Besuch in Rom im November 2014 in lebendiger Erinnerung, ebenso die brüderliche Begegnung mit Seiner Heiligkeit Papst Tawadros II. im Jahr 2013 und mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität Dr. Ahmad Al-Tayyib vergangenes Jahr.

Ich freue mich, in Ägypten zu sein, einem Land von sehr alter und erhabener Kultur, deren Spuren wir noch heute bewundern können, die in ihrer überwältigenden Größe die Jahrhunderte herauszufordern scheinen. Dieses Land bedeutet viel für die Geschichte der Menschheit und für die Tradition der Kirche, nicht nur aufgrund seiner glanzvollen geschichtlichen Vergangenheit – der Pharaonen, der Kopten und Muslime –, sondern auch weil viele Patriarchen in Ägypten lebten oder hier durchgezogen sind. In der Tat wird es an zahlreichen Stellen in der Heiligen Schrift erwähnt. In diesem Land tat Gott sich kund, »wo [er] dem Mose seinen Namen offenbarte«[1], und auf dem Berg Sinai vertraute er seinem Volk und der Menschheit die göttlichen Gebote an. Auf ägyptischem Boden fand die Heilige Familie – Jesus, Maria und Josef – Zuflucht und Gastfreundschaft.

Die großzügig erwiesene Gastfreundschaft vor mehr als zweitausend Jahren bleibt im gemeinsamen Gedächtnis der Menschheit und ist Quell weiter anhaltenden reichen Segens. Ägypten ist also ein Land, das wir in gewisser Weise alle als unseres ansehen! Und wie ihr sagt: „Misr um al dugna“ / „Ägypten ist die Mutter der Welt“. Auch heute finden hier Millionen von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern wie Sudan, Eritrea, Syrien und Irak Aufnahme, und mit lobenswertem Einsatz versucht man, sie in die ägyptische Gesellschaft zu integrieren.

Aufgrund seiner Geschichte und seiner besonderen geographischen Lage nimmt Ägypten eine unersetzbare Rolle im Nahen Osten und im Gesamt der Länder ein, die nach Lösungen für brennende und komplexe Probleme suchen. Diese müssen jetzt angegangen werden, um ein noch schlimmeres Abdriften in die Gewalt zu vermeiden. Ich beziehe mich auf jene blinde und unmenschliche Gewalt, die von verschiedenen Faktoren verursacht wird: von der dumpfen Begierde nach Macht, vom Waffenhandel, von schwerwiegenden sozialen Problemen und vom religiösen Extremismus, der den heiligen Namen Gottes gebraucht, um unerhörte Blutbäder und unglaubliches Unrecht zu verüben.

Diese Bestimmung und diese Aufgabe Ägyptens stellen auch den Grund dar, der das Volk dazu gebracht hat, ein Ägypten zu fordern, in dem es niemandem an Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit fehlt. Gewiss wird diese Zielsetzung Realität, wenn alle gemeinsam gewillt sind, die Worte in Taten, die gerechtfertigten Bestrebungen in konkreten Einsatz, das geschriebene Recht in angewandte Gesetze umzuwandeln, und so die angeborene Genialität dieses Volkes zur Geltung bringen.

Ägypten hat demnach eine einzigartige Aufgabe: auch den Frieden in der Region zu stärken und zu festigen, selbst wenn es auf eigenem Boden durch blinde Gewalt verwundet wird. Solche Formen der Gewalt lassen ungerechterweise viele Familien leiden und um ihre Söhne und Töchter trauern; einige von ihnen sind hier anwesend.

Meine Gedanken wenden sich besonders allen zu, die in den letzten Jahren ihr Leben gegeben haben, um ihr Heimatland zu schützen: die jungen Menschen, die Mitglieder der Streitkräfte und der Polizei, die koptischen Bürger und alle Unbekannten, die aufgrund verschiedener terroristischer Taten gefallen sind. Ich denke auch an die Ermordungen und Drohungen, die eine Flucht der Christen aus dem nördlichen Sinai verursacht haben. Ich bringe den zivilen und religiösen Verantwortungsträgern sowie allen, die diesen schwer geprüften Menschen Aufnahme und Unterstützung gewährt haben, meine dankbare Anerkennung zum Ausdruck. Ich denke ebenso an diejenigen, die von den Anschlägen auf die koptischen Kirchen im vergangenen Dezember wie auch unlängst in Tanta und Alexandrien getroffen wurden. Ihren Familienangehörigen und ganz Ägypten gilt mein aufrichtiges Beileid, und ich bitte den Herrn, dass er den Verletzten baldige Genesung schenke.

Herr Präsident, verehrte Damen und Herren,

ich kann nur die mutigen Bemühungen zur Verwirklichung von zahlreichen nationalen Projekten bestärken wie auch die vielen Initiativen zugunsten des Friedens innerhalb und außerhalb des Landes, die unternommen wurden im Hinblick auf die erhoffte Entwicklung in Wohlstand und Frieden, nach der sich das Volk sehnt und die es verdient.

Entwicklung, Wohlstand und Frieden sind unverzichtbare Güter, für die sich jedes Opfer lohnt. Es sind auch Ziele, die ernsthafte Tätigkeit, überzeugten Einsatz, eine angemessene Arbeitsweise und vor allem bedingungslosen Respekt vor den unveräußerlichen Menschenrechten wie die Gleichheit aller Bürger sowie die Religions- und Meinungsfreiheit ohne jeden Unterschied verlangen.[2] Diese Zielsetzungen erfordern eine besondere Aufmerksamkeit für die Rolle der Frau, der jungen Menschen, der Ärmsten und der Kranken. In Wirklichkeit misst sich die wahre Entwicklung am Einsatz für den Menschen, dem Herzstück einer jeden Entwicklung, für seine Bildung, Gesundheit und Würde; denn die Größe jeder Nation offenbart sich in der Sorge, die sie tatsächlich den Schwächsten der Gesellschaft angedeihen lässt: Frauen, Kinder, alte Menschen, Kranke, Behinderte, Minderheiten. Keine Person und keine gesellschaftliche Gruppe soll ausgeschlossen oder ins Abseits gestellt werden.

Angesichts einer heiklen und komplexen globalen Situation, die an das denken lässt, was ich einen „stückweisen Weltkrieg“ genannt habe, ist es notwendig zu bekräftigen: Man kann keine Kultur aufbauen, ohne jede Ideologie des Bösen und der Gewalt zurückzuweisen wie auch jegliche extremistische Interpretation, die sich anmaßt, den anderen auszuschalten und die Verschiedenheiten zunichte zu machen, indem sie den heiligen Namen Gottes missbraucht und beleidigt. Sie, Herr Präsident, haben darüber mehrfach und bei verschiedenen Anlässen deutlich gesprochen. Dies verdient, gehört und beherzigt zu werden.

Wir alle haben die Pflicht, die jungen Generationen zu lehren, dass Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, es nicht nötig hat, von uns Menschen beschützt zu werden; vielmehr ist er es, der die Menschen beschützt; er will niemals den Tod seiner Kinder, sondern ihr Leben und ihr Glück. Er kann die Gewalt weder verlangen noch rechtfertigen, vielmehr verabscheut er sie und verwirft sie[3]. Der wahre Gott ruft zur bedingungslosen Liebe, zur unentgeltlichen Vergebung, zur Barmherzigkeit, zur absoluten Achtung vor jedem Leben, zur Brüderlichkeit unter seinen Kindern, Gläubigen wie Nichtgläubigen.

Wir haben die Pflicht, gemeinsam zu bekräftigen, dass die Geschichte denen nicht verzeiht, die die Gerechtigkeit verkünden und die Ungerechtigkeit praktizieren; sie vergibt nicht denen, die von der Gleichheit sprechen und die, die verschieden sind, verwerfen. Wir haben die Pflicht, die Verkäufer falscher Hoffnungen in Bezug auf das Jenseits zu entlarven, die den Hass predigen, um den Einfachen ihr gegenwärtiges Leben und ihr Recht, in Würde zu leben, zu stehlen, indem sie diese gleichsam verheizen und sie ihrer Fähigkeit zur Wahlfreiheit und zu einem verantworteten Glauben berauben. – Herr Präsident, Sie haben mir vor einigen Minuten gesagt, dass Gott der Gott der Freiheit ist. Und das ist wahr! – Wir haben die Pflicht, die mörderischen Ideen und die extremistischen Ideologien zu demontieren, indem wir die Unvereinbarkeit zwischen wahrem Glauben und Gewalt, zwischen Gott und den Todestaten bekräftigen.

Die Geschichte ehrt hingegen die Erbauer des Friedens, die mutig und gewaltlos für eine bessere Welt kämpfen: »Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden« (Mt 5,9).

Ägypten, das zur Zeit Josefs die anderen Völker von der Hungersnot errettete (vgl. Gen 41,57), ist demnach gerufen, auch heute diesen geliebten Landstrich vor der Hungersnot der Liebe und der Brüderlichkeit zu bewahren; es ist gerufen, jede Gewalt und jede Form von Terrorismus zu verurteilen und zu besiegen; es ist gerufen, das Weizenkorn des Friedens allen Herzen zu geben, die nach friedlichem Zusammenleben, würdiger Arbeit und menschlicher Bildung hungern. Ägypten, das den Frieden aufbaut und zugleich den Terrorismus bekämpft, ist gerufen, unter Beweis zu stellen: „AL DIN LILLAH WA AL WATàN LILGIAMIÀ“ / „Der Glaube ist für Gott, die Heimat ist für alle“, wie die Devise der Revolution vom 23. Juli 1952 lautet. Es zeigt auf, dass man in Eintracht mit den anderen glauben und leben kann, indem man mit ihnen die grundlegenden menschlichen Werte teilt und die Freiheit und das Leben aller achtet[4]. Die besondere Rolle Ägyptens ist notwendig, um zu bekräftigen, dass dieses Gebiet, Wiege der drei großen Religionen, von der langen Nacht des Leids aufwachen kann, ja muss, um noch einmal die höchsten Werte der Gerechtigkeit und der Brüderlichkeit auszustrahlen, die die feste Grundlage und der für den Frieden verpflichtende Weg sind[5]. Von den großen Nationen kann man nicht wenig erwarten!

In diesem Jahr wird der 70. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Arabischen Republik Ägypten begangen. Ägypten war eines der ersten arabischen Länder, das solche diplomatischen Beziehungen aufgenommen hat. Diese Beziehungen waren immer von Freundschaft, Wertschätzung und gegenseitiger Zusammenarbeit gekennzeichnet. Ich hoffe, dass mein Besuch sie festigen und stärken möge.

Der Friede ist ein Geschenk Gottes, aber er ist auch Werk des Menschen. Er ist ein Gut, das erbaut und geschützt werden muss, in der Achtung des Prinzips, das die Gesetzeskraft und nicht die Kraft der Gewalt[6] vertritt. Frieden für dieses geliebte Land! Frieden für diese gesamte Region, insbesondere für Palästina und Israel, für Syrien, für Libyen, für den Jemen, für den Irak, für den Südsudan; Frieden allen Menschen guten Willens!

Herr Präsident, meine Damen und Herren,

ich möchte an alle ägyptischen Bürger, die hier in diesem Saal symbolisch anwesend sind, einen herzlichen Gruß richten und sie väterlich umarmen. Ich grüße ebenso die christlichen Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern, die in diesem Land leben: Koptisch-Orthodoxe, Griechisch-Orthodoxe, Armenisch-Orthodoxe, Protestanten und Katholiken. Der heilige Markus, der dieses Land evangelisiert hat, möge euch schützen und helfen, die von unserem Herrn so sehr ersehnte Einheit (vgl. Joh 17,20-23) zu erbauen und zu erreichen. Eure Präsenz in dieser Heimat ist weder neu noch zufällig, sondern geschichtsträchtig und von der Geschichte Ägyptens nicht zu trennen. Ihr seid wesentlicher Bestandteil dieses Landes und habt im Lauf der Jahrhunderte eine Art einzigartige Beziehung entwickelt, eine besondere Symbiose, die für andere Nationen als Beispiel genommen werden kann. Ihr habt gezeigt und zeigt, dass man zusammenleben kann, in gegenseitigem Respekt und in fairer Auseinandersetzung, und dabei im Unterschied ein Quell des Reichtums und niemals ein Grund zum Streit gefunden wird[7].

Danke für den warmherzigen Empfang. Ich bitte Gott den Allmächtigen und Einzigen, alle ägyptischen Bürger mit seiner göttlichen Segensfülle zu beschenken. Er möge Ägypten Frieden und Wohlstand, Fortschritt und Gerechtigkeit verleihen und segne alle seine Kinder!

„Gesegnet ist Ägypten, mein Volk“, sagt der Herr im Buch Jesaja (19,25).

Shukran wa tahìah misr! [Danke und es lebe Ägypten!]

*

FUSSNOTEN

[1] Johannes Paul II., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, 24. Februar 2000.

[2] Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte; Ägyptische Verfassung von 2014, Kapitel III.

[3] »Wer Gewalttat liebt, den hasst seine [Gottes] Seele« (Ps 11,5).

[4] Vgl. Ägyptische Verfassung von 2014, Art. 5.

[5] Vgl.  Botschaft zum Weltfriedenstag 2014, 4.

[6] Vgl. Ansprache bei der Begegnung mit den Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens Palästinas, Bethlehem, 25. Mai 2014.

[7] Vgl. Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in Medio Oriente, 24 und 25.

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

_______

Quelle

Al Salamò Alaikum! Papstansprache bei der Friedenskonferenz

Franziskus auf dem Weg zur internationalen Friedenskonferenz

Ansprache von Papst Franziskus
bei der internationalen Friedenskonferenz,
während seiner Reise nach Ägypten. 

Al Salamò Alaikum! / Der Friede sei mit euch!

Es ist ein großes Geschenk, heute hier zu sein und an diesem Ort zu Beginn meines Besuchs in Ägypten mich im Rahmen dieser Internationalen Friedenskonferenz an Sie zu wenden. Ich danke dem Großimam für die Planung und Organisation der Konferenz wie auch für die freundliche Einladung. Ich möchte Ihnen gerne einige Gedanken darlegen, die ich aus der ruhmreichen Geschichte dieses Landes schöpfe, das über die Jahrhunderte in der Welt als Land der Kultur und Land der Bündnisse in Erscheinung getreten ist.

Land der Kultur. Seit der Antike war die an den Ufern des Nils entstandene Kultur ein Synonym für Zivilisation: In Ägypten erreichte das Licht des Wissens einen hohen Stand und ließ ein unschätzbares kulturelles Erbe entstehen, das in Weisheit und Geist, mathematischen und astronomischen Errungenschaften sowie bewundernswerten Formen der Architektur und der bildenden Kunst bestand. Mit der Wissenssuche und dem Stellenwert der Bildung trafen die antiken Bewohner dieses Landes Entscheidungen, die sich für die weitere Entwicklung als fruchtbar erwiesen. Solche Entscheidungen sind auch für die Zukunft notwendig, Entscheidungen des Friedens und für den Frieden, weil es ohne eine angemessene Bildung der jungen Generationen keinen Frieden geben wird. Und es wird keine angemessene Bildung für die jungen Menschen von heute geben, wenn das Bildungsangebot nicht der Natur des Menschen als offenes und relationales Wesen entspricht.

Tatsächlich wird Bildung zur Lebensweisheit, wenn sie fähig ist, aus dem Menschen – der mit dem ihn transzendierenden Sein wie auch mit seiner Umgebung in Verbindung steht – sein Bestes herauszuholen und dabei Persönlichkeiten zu formen, die nicht auf sich selbst bezogen sind. Die Weisheit sucht den anderen und überwindet die Versuchung, sich zu versteifen oder zu verschließen; offen und in Bewegung, demütig und zugleich forschend, kann sie die Vergangenheit wertschätzen und diese mit der Gegenwart in Dialog setzen, ohne auf eine entsprechende Hermeneutik zu verzichten. Diese Weisheit bereitet eine Zukunft vor, in der man nicht danach strebt, dass die eigene Seite vorherrscht, sondern dass der andere als integrierender Bestandteil von sich gesehen wird; in der Gegenwart wird sie nicht müde, Gelegenheiten für Begegnung und Austausch ausfindig zu machen; von der Vergangenheit lernt sie, dass aus Bösem nur Böses und aus Gewalt nur Gewalt hervorgeht in einer Spirale, aus der es am Ende kein Entrinnen gibt. Während sie die Gier nach missbräuchlicher Macht ablehnt, stellt diese Weisheit die Würde des Menschen, der in Gottes Augen wertvoll ist, und eine des Menschen würdige Ethik in den Mittelpunkt. Dabei weist sie die Angst vor dem anderen und die Furcht vor der Erkenntnis durch die Mittel, mit denen der Schöpfer sie ausgestattet hat, zurück.[1]

Gerade im Bereich des Dialogs, vor allem des interreligiösen Dialogs, sind wir immer aufgerufen, gemeinsam zu gehen in der Überzeugung, dass die Zukunft aller auch von der Begegnung der Religionen und Kulturen abhängig ist. In diesem Sinn gibt uns die Arbeit des Gemischten Komitees für den Dialog zwischen dem Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und dem Komitee von Al-Azhar für den Dialog ein konkretes und ermutigendes Beispiel. Drei grundlegende Ausrichtungen können, wenn sie gut miteinander verbunden werden, für den Dialog hilfreich sein: die Verpflichtung zur Wahrung der Identität, der Mut zur Andersheit und die Aufrichtigkeit der Absichten. Verpflichtung zur Wahrung der Identität, weil ein echter Dialog nicht auf der Basis von Zweideutigkeiten oder der Preisgabe des Guten geführt werden kann, um dem anderen zu gefallen; Mut zur Andersheit, weil derjenige, der sich – kulturell oder religiös – von mir unterscheidet, nicht als Feind angesehen und behandelt werden darf, sondern als Weggefährte aufgenommen werden soll in der echten Überzeugung, dass das Wohl eines jeden im Wohl aller besteht; die Aufrichtigkeit der Absichten, weil der Dialog als authentischer Ausdruck des Humanen nicht eine Strategie ist, um Hintergedanken zu verwirklichen, sondern ein Weg der Wahrheit, und diesen geduldig zu gehen lohnt sich, um Konkurrenz in Zusammenarbeit zu verwandeln.

Die Erziehung zur respektvollen Offenheit und zum aufrichtigen Dialog mit dem anderen in Anerkennung seiner Rechte und grundlegenden Freiheiten, vor allem der Religionsfreiheit, stellt den besten Weg dar, um gemeinsam die Zukunft aufzubauen und um Förderer von Kultur zu sein. Denn die einzige Alternative zur Kultur der Begegnung ist die Unkultur des Streits. Und um der Barbarei derer, die Hass schüren und zur Gewalt aufhetzen, wirklich entgegenzutreten, ist es erforderlich, Generationen zu begleiten und heranreifen zu lassen, die auf die brandstiftende Logik des Bösen mit dem geduldigen Wachstum des Guten antworten: junge Menschen, die wie gut gepflanzte Bäume im Boden der Geschichte verwurzelt sind und nebeneinander in die Höhe wachsen und so jeden Tag die von Hass verpestete Luft in den Sauerstoff der Brüderlichkeit umwandeln.

In dieser sehr dringenden und spannenden Herausforderung der Kultur sind wir – Christen wie Muslime und alle gläubigen Menschen – gerufen, unseren Beitrag zu leisten: Wir »leben unter der Sonne des einen barmherzigen Gottes. […] So können wir uns gegenseitig […] Brüder und Schwestern […] nennen. […] Denn ohne Gott wäre das Leben des Menschen wie der Himmel ohne die Sonne«.[2] Es möge die Sonne einer neuen Brüderlichkeit im Namen Gottes aufgehen, und von dieser sonnenbeschienenen Erde steige die Morgenröte einer Kultur des Friedens und der Begegnung auf. Dafür möge der heilige Franz von Assisi Fürsprache einlegen, der vor acht Jahrhunderten nach Ägypten kam und Sultan Malik al Kamil begegnete.

Land der Bündnisse. In Ägypten ist nicht nur die Sonne der Weisheit aufgegangen; auch das vielfarbige Licht der Religionen hat dieses Land erleuchtet: Hier waren über die Jahrhunderte die Unterschiede der Religion »eine Form gegenseitiger Bereicherung im Dienst an der einen nationalen Gemeinschaft«.[3] Verschiedene Glaubensrichtungen sind sich begegnet und unterschiedliche Kulturen sind zusammengekommen, ohne sich zu vermischen, haben aber erkannt, wie wichtig es ist, sich für das Gemeinwohl zu verbünden. Bündnisse dieser Art sind heute mehr denn je dringlich. Wenn ich darüber spreche, möchte ich dafür gerne als Symbol den „Berg des Bundes“ verwenden, der sich in diesem Land erhebt. Der Sinai erinnert uns vor allem daran, dass ein echter Bund auf Erden nicht auf den Himmel verzichten kann, dass die Menschheit nicht den Vorsatz fassen kann, sich in Frieden zu treffen, wenn sie Gott von ihrem Horizont ausschließt, und sie kann auch nicht auf den Berg steigen, um sich Gottes zu bemächtigen (vgl. Ex 19,12).

Es handelt sich um eine aktuelle Botschaft angesichts des gegenwärtigen Fortbestehens eines gefährlichen Paradoxes. Einerseits neigt man nämlich dazu, die Religion in die Privatsphäre zu verbannen, ohne sie als konstitutive Dimension des Menschen und der Gesellschaft anerkennen zu wollen; andererseits vermischt man die religiöse und die politische Sphäre, ohne diese entsprechend zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass die Religion von der Sorge um weltliche Angelegenheiten aufgesaugt und von den Schmeicheleien weltlicher Mächte in Versuchung geführt wird, die sie in Wirklichkeit instrumentalisieren. In einer Welt, die viele nützliche technische Mittel, aber gleichzeitig so viel Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit globalisiert hat und die sich in einem rasanten Fluss befindet, der schwer zu ertragen ist, nimmt man die Sehnsucht nach den großen Sinnfragen wahr, die von den Religionen aufgezeigt werden und die Erinnerung an die eigenen Ursprünge wecken: die Berufung des Menschen, der nicht dazu da ist, um sich in der Vorläufigkeit der irdischen Dinge zu erschöpfen, sondern um dem Absoluten entgegenzugehen, zu dem er unterwegs ist. Aus diesen Gründen ist die Religion besonders heutzutage nicht ein Problem, sondern Teil der Lösung: Gegen die Versuchung, uns einem oberflächlichen Leben zu überlassen, wo alles hier unten entsteht und endet, erinnert sie uns daran, dass es notwendig ist, den Geist dem Höchsten zuzuwenden, um zu lernen, wie man die Stadt der Menschen erbaut.

In diesem Sinne möchte ich mich, gleichsam nochmals im Geiste den Blick auf den Berg Sinai gerichtet, auf jene Gebote beziehen, die dort erlassen wurden, bevor sie auf Stein geschrieben wurden.[4] In der Mitte der „zehn Worte“ ertönt der Befehl an die Menschen und Völker aller Zeiten »Du sollst nicht töten« (Ex 20,13). Gott, Freund des Lebens, hört nicht auf, den Menschen zu lieben, und deswegen ermahnt er ihn, als Grundbedingung für jeden Bund auf der Erde dem Weg der Gewalt entgegenzutreten. Zur Umsetzung dieser Aufforderung sind – vor allem und heute auf besondere Weise – die Religionen gerufen. Denn während wir dringend des Absoluten bedürfen, ist es unabdingbar, jegliche Verabsolutierung auszuschließen, welche Formen von Gewalt rechtfertigen würde. Die Gewalt ist nämlich die Verneinung jeder authentischen Religiosität.

Als religiöse Verantwortungsträger sind wir also gerufen, die Gewalt zu entlarven, die sich hinter einem vermeintlichen sakralen Charakter verbirgt, während sie die Egoismen verabsolutiert anstatt die authentisch Öffnung auf das Absolute hin zu fördern. Wir sind gehalten, die Verletzungen der Menschenwürde und der Menschenrechte zu brandmarken und die Versuche aufzudecken, jegliche Form von Hass im Namen der Religion zu rechtfertigen, und sie als götzendienerische Verfälschung Gottes zu verurteilen: Sein Name ist heilig, er ist Gott des Friedens, Gott salam.[5] Deshalb ist nur der Frieden heilig und kann im Namen Gottes keine Gewalt verübt werden, weil sie seinen Namen verunehren würde.

Gemeinsam wiederholen wir von hier aus, diesem Land der Begegnung zwischen Himmel und Erde, diesem Land von Bündnissen zwischen Völkern und zwischen Gläubigen, ein deutliches und eindeutiges „Nein“ zu jeglicher Form von Gewalt, Rache und Hass, die im Namen der Religion oder im Namen Gottes begangen werden. Gemeinsam bekräftigen wir die Unvereinbarkeit von Gewalt und Glaube, von Glauben und Hassen. Gemeinsam erklären wir die Unantastbarkeit jedes menschlichen Lebens gegen jegliche Form von physischer, sozialer, erzieherischer oder psychologischer Gewalt. Der Glaube, der nicht aus einem aufrechten Herzen und einer echten Liebe zum Barmherzigen Gott hervorgeht, ist eine Form konventioneller oder gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die den Menschen nicht befreit, sondern ihn erdrückt. Sagen wir gemeinsam: Je mehr man im Glauben an Gott wächst, desto mehr wächst man in der Nächstenliebe.

Aber die Religion ist gewiss nicht nur gerufen, das Böse zu entlarven; sie trägt in sich die Berufung, den Frieden zu fördern, heute wahrscheinlich mehr denn je.[6] Ohne versöhnlichen Synkretismen[7] nachzugeben, ist es unsere Aufgabe, füreinander zu beten und dabei Gott um das Geschenk des Friedens zu bitten, einander zu begegnen, Dialog zu führen und die Eintracht im Geiste der Zusammenarbeit und der Freundschaft zu fördern. Als Christen »können [wir] aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«.[8] Darüber hinaus erkennen wir an, dass inmitten eines ständigen Kampfes gegen das Böse, das die Welt damit bedroht, nicht mehr »der Raum der wahren Brüderlichkeit« zu sein, Gott denen, »die der göttlichen Liebe glauben, […] die Sicherheit [gibt], dass allen Menschen der Weg der Liebe offensteht und dass der Versuch, eine allumfassende Brüderlichkeit herzustellen, nicht vergeblich ist«.[9] Im Gegenteil, er ist wesentlich: Denn es dient zu kaum etwas oder zu nichts, die Stimme zu erheben und eilig wieder aufzurüsten, um sich zu schützen: Heute sind Erbauer des Friedens nötig, nicht Aufwiegler von Konflikten; Feuerwehrleute und nicht Brandstifter; Prediger von Versöhnung und nicht Aufrufer zur Zerstörung.

Mit Befremden sehen wir die Tatsache, dass man sich einerseits im Namen von rücksichtslosen Zielsetzungen von der Realität der Völker entfernt. Andererseits treten als Reaktion darauf Arten eines demagogischen Populismus auf, die gewiss nicht hilfreich sind, den Frieden und die Stabilität zu festigen: gewaltsame Aufhetzung wird den Frieden nicht gewährleisten, und jede einseitige Handlung, die nicht konstruktive und von allen mitgetragene Entwicklungen einleitet, ist in Wahrheit ein Geschenk an die Befürworter von Radikalismen und Gewalt.

Um Konflikten vorzubeugen und Frieden aufzubauen, ist es wesentlich, sich für die Beseitigung der Situationen der Armut und der Ausbeutung einzusetzen – hier nämlich fassen Extremisten einfacher Fuß – und die Geldflüsse und Waffenlieferungen an diejenigen, die zur Gewalt anstiften, zu stoppen. Um noch tiefer an der Wurzel anzusetzen, ist es notwendig, die Verbreitung von Waffen zum Stillstand zu bringen. Wenn sie einmal hergestellt und im Umlauf sind, werden sie früher oder später auch Verwendung finden. Nur wenn wir die trüben Manöver, die das Krebsgeschwür des Kriegs nähren, transparent machen, kann man deren wahren Gründen vorbeugen. Zu dieser dringenden und schweren Aufgabe sind die Verantwortlichen der Nationen, der Institutionen und der Medien verpflichtet wie auch wir als Verantwortliche für Kultur. Wir sind nämlich von Gott, der Geschichte und der Zukunft zusammengerufen, Friedensprozesse einzuleiten – jeder in seinem Bereich. So entziehen wir uns nicht der Aufgabe, solide Grundlagen für Bündnisse zwischen den Völkern und den Staaten zu schaffen. Ich verleihe meinem Wunsch Ausdruck, dass dieses edle und geliebte Land Ägypten mit der Hilfe Gottes weiterhin seiner Berufung zur Kultur und zum Bündnis entsprechen kann, indem es dazu beiträgt, die Friedensprozesse für dieses geschätzte Volk und für den gesamten Nahen Osten fördern.

Al Salamò Alaikum! /Der Friede sei mit euch!

 


[1] »Im Übrigen kann sich eine Ethik der Brüderlichkeit und der friedlichen Koexistenz von Menschen und von Völkern nicht auf die Logik der Angst, der Gewalt und der Verschlossenheit gründen, sondern muss auf Verantwortung, Achtung und aufrichtigem Dialog beruhen«: Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden, Botschaft zum Weltfriedenstag 2017, 5.

[2] Johannes Paul II., Ansprache an die muslimischen Autoritäten, Kaduna (Nigeria), 14. Februar 1982.

[3] Ders., Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, Kairo, 24. Februar 2000.

[4] Sie waren »als immerwährendes und überall gültiges universales Sittengesetz in das menschliche Herz eingeschrieben.« Sie bieten die »wahre Grundlage für das Leben des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Nationen«. Sie sind »allein die Zukunft der menschlichen Familie. Sie bewahren den Menschen vor der zerstörenden Macht des Egoismus, Hasses und der Verlogenheit. Sie zeigen ihm alle falschen Götter, die ihn zum Sklaven machen: Gott ausschließende Eigenliebe, Machtgier und Vergnügungssucht, die die Rechtsordnung umstürzen und unsere menschliche Würde und die unseres Nächsten erniedrigen«: Ders., Homilie während des Wortgottesdienstes auf dem Berg Sinai, Katharinenkloster, 26. Februar 2000.

[5] Vgl. Ansprache in der Moschee von Koudoukou, Bangui (Zentralafrikanische Republik), 30. November 2015.

[6] »Mehr vielleicht als je zuvor in der Geschichte ist die innere Verbindung zwischen einer aufrichtigen religiösen Haltung und dem großen Gut des Friedens allen deutlich geworden«: Johannes Paul II., Ansprache an die Vertreter der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und der Weltreligionen, Assisi, 27. Oktober 1986.

[7] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 251.

[8] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Erklärung Nostra aetate, 5.

[9] II. Vatikanisches Ökumenisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 37-38.

_______

Quelle

„Die unersetzbare Rolle Ägyptens“: Papst trifft Regierung

Franziskus beim Treffen mit Präsident Al-Sisi und weiteren Politikern

Und wieder begann der Papst mit dem Friedensgruß: Wie auch schon bei seiner ersten Ansprache in Ägypten sprach er Präsident und Regierung samt dem versammelten Diplomatischen Corps mit „Al Salamò Alaikum! / Der Friede sei mit euch!“ an, als er sich im Kairoer Hotel Al-Màsah an die staatlichen Autoritäten wandte.

Ägypten habe in der Geschichte der Religion und der ganzen Welt immer eine bedeutende Rolle gespielt, der Papst zitierte Mose und die Patriarchen des Volkes Israel. Diese Gastfreundschaft sei aber nicht eine Sache der Vergangenheit: „Auch heute finden hier Millionen von Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern wie Sudan, Eritrea, Syrien und Irak Aufnahme, und mit lobenswertem Einsatz versucht man, sie in die ägyptische Gesellschaft zu integrieren.“

Der Papst sprach die „unersetzbare Rolle“ des Landes für den gesamten Nahen Osten und die Lösung von Problemen dort an. „Diese Bestimmung und diese Aufgabe Ägyptens stellen auch den Grund dar, der das Volk dazu gebracht hat, ein Ägypten zu fordern, in dem es niemandem an Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit fehlt“, ein Hinweis auf die jüngere Vergangenheit des Landes und den so genannten ‚arabischen Frühling’.

Ägypten habe die Aufgabe, den Frieden in der Region zu stärken, „selbst wenn es auf eigenem Boden durch blinde Gewalt verwundet wird“. Er gedachte der Opfer von Gewalt in der Bevölkerung und unter Sicherheitskräften. „Ich denke ebenso an diejenigen, die von den Anschlägen auf die koptischen Kirchen im vergangenen Dezember wie auch unlängst in Tanta und Alexandrien getroffen wurden.“

Der Papst sprach von Entwicklung, Wohlstand und Frieden, er sprach von unveräußerlichen Menschenrechten sowie der Gleichheit aller Bürger. Religions- und Meinungsfreiheit und die Rolle der Frauen: alles Themen, die er in seiner Ansprache aufgriff. „Angesichts einer heiklen und komplexen globalen Situation, die an das denken lässt, was ich einen ,stückweisen Weltkrieg‘ genannt habe, ist es notwendig zu bekräftigen: Man kann keine Kultur aufbauen, ohne jede Ideologie des Bösen und der Gewalt zurückzuweisen wie auch jegliche extremistische Interpretation, die sich anmaßt, den anderen auszuschalten und die Verschiedenheiten zunichte zu machen, indem sie den heiligen Namen Gottes missbraucht und beleidigt.“ Ägypten sei gerufen, Frieden in der Region zu säen, man kann „in Eintracht mit den anderen glauben und leben, indem man mit ihnen die grundlegenden menschlichen Werte teilt und die Freiheit und das Leben aller achtet.“ Friede sei ein Geschenk Gottes, aber auch ein Werk der Menschen, betonte Papst Franziskus:

„,Gesegnet ist Ägypten, mein Volk‘, sagt der Herr im Buch Jesaja (19,25). Shukran wa tahìah misr! / Danke und es lebe Ägypten!“

(rv 28.04.2017 ord)