MADONNA DEL SASSO – Die Erscheinung vom 14.8.1480 in Locarno/Schweiz

locarno-lago-maggiore-madonna-del-sasso-95086182-d050-41e2-bbc3-090c715bb2baLocarno, die berühmte Ausflugs-und Ferienstadt der Südschweiz, war nachweisbar schon zur Keltenzeit besiedelt. Die einst wilde und heute durch Eindämmung gezügelte Maggia wurde von den Kelten „Leukaria“ ­die „Weiße“ — genannt, und man nimmt deshalb an, daß der Name der Stadt auf diese Bezeichnung zurück­zuführen ist. Das große Delta, das die­ser Fluß im Verlauf der Jahrtausende aufgeschwemmt hat, ließ zwei präch­tige Buchten entstehen — jene von Locarno zur Linken und jene von Asco­na zur Rechten des Deltas. Locarno liegt am Ufer des mächtigen, bezau­bernden Verbano (Lago Maggiore = der größere See) und bietet einen wun­derschönen Anblick. Den Hintergrund des großartigen Panoramas bilden die sich bis zu einer Höhe von über 2000 Metern erhebenden Berge, deren Gip­fel vom Oktober bis März mit Schnee bedeckt sind.

Von der Geschichte lernen wir, daß die ersten Bewohner Locarnos „Lepon­tier“ hießen. Die mächtigen Römer be­siegten sie aber vollständig und ließen sich am Ufer des Verbano nieder.

Später wurden die Langobarden, die Bischöfe von Como, und die Mailän­der Feudalgeschlechter Rusca, Sforza und Visconti die Herren von Locarno. Nach diesen regierten die Landvögte der Liga der zwölf helvetischen Kan­tone bis gegen Ende des 18. Jahrhun­derts. Durch den Mediationsakt Napoleons I. im Jahre 1803 wurde die Eidgenossenschaft aus 22 freien und unabhängigen Kantonen gebildet und Locarno dem Kanton Tessin ein­verleibt.

Zur Zeit der Reformation, als auch in der Schweiz die Reformationskriege ausbrachen, wurde Locarno in die bür­gerlichen Zwistigkeiten einbezogen. Mehrere adelige Familien, z.B. Orelli, Muralti, Duno, welche zum Protestan­tismus übergegangen waren, wurden verbannt (1555) und zogen in die deut­sche Schweiz. Locarno, die Stadt der Madonna del Sasso, blieb dem katho­lischen Glauben treu.

Wegen seinem milden Klima, das mildeste der ganzen Schweiz, ist Locarno wirklich eine Gartenstadt im wahrsten Sinne des Wortes. Die herrli­che Lage am See trägt viel zu diesem Vorteil bei.

Pflanzen des Südens und der Tro­pen gedeihen hier ohne besondere Pfle­ge im Freien: Zitronen- und Orangen­bäume, Lorbeer, Zypressen, Pinien, Zedern, Eukalyptus, verschiedene Mimosenarten, Magnolien, Kamelien, Fächer-, Kokos- und Dattelpalmen, Feigen-, Granat-, Oliven-, Kaki- und Mandelbäume. So wäre noch eine fast unzählige Reihe von Gattungen südländischer Flora zu erwähnen, die dem Landschaftsbild Locarnos das subtropische Gepräge verleihen.

Hoch über Locarno, auf einem jä­hen Felsenabsturz hingebaut, thro­nen, weithin sichtbar, das Kloster und die Wallfahrtskirche der Madonna del Sasso. Von der Südloggia des Hei­ligtums aus soll sich der Pilger Locarno und seine Umgebung, den gewaltigen Verbano und den Kranz der Berge ringsum beschauen: ein Blick von sel­tener Schönheit und Majestät, der von Bellinzona bis Canobbio (Italien) das ganze Panorama umfaßt. Mit vollem Recht nennt man die Stadt Locarno „die Königin des Verbano“.

Die kleine Stadt hat(te) ein Kollegiat-Kapitel mit einem Erzpriester; mehre­re Kirchen, einige katholische Vereine und drei Klöster: das Kloster Madonna del Sasso, von welchem hier die Rede sein wird; das Kloster St. Katherina (Augustinerinnen), mit Mädchen-In­stitut, und das Kloster St. Eugenio, mit Knaben- und Taubstummen-Institut. Vom Anfange des 17. Jahrhunderts gehörte letzeres Kloster den Kapuzinern. Anno 1852 wurde es auf­gehoben durch die damalige radikale Regierung. Dann entfalteten die Ingenbohler Schwestern als getreue Nachfolgerinnen in demselben eine musterhafte Tätigkeit. Die dortige Taubstummenanstalt war die einzige im ganzen Tessin.

Madonna del Sasso

Noch zu Lebzeiten des heiligen  Franziskus von Assisi wurde in  Locarno eine Niederlassung des Fran­ziskanerordens gegründet. Die Über­lieferung sagt, das Kloster sei vom hei­ligen Antonius von Padua gestiftet  worden; es wurde auf den Namen des heiligen Ordensstifters durch den da­maligen Bischof von Como (Italien) geweiht.

Kirche und Kloster(gebäulichkeiten) San Francesco bestehen heute noch. Sie befinden sich am Westende der Stadt, zum Maggiafluß hin, auf der Piazza di San Francesco. Dort lebten bis in unsere Zeiten hinein die Söhne des heiligen Franziskus, und zwar jene, die man, zum Unterschied von den andern seraphischen Ordensfamilien, Konventualen nennt. Sie lebten dort lange glücklich und friedlich. Erst 1848 fiel diese alte Stätte des Gebetes und des Friedens dem fanatischen Zeitgeist zum Opfer. Durch einer „freiheitli­chen“ (!) Regierung Zwangsdekret ward das Kloster aufgehoben, die Kir­che geschlossen, die Ordensleute des Landes verwiesen. Das alte Kloster diente dann seit 1886 als Real­gymnasium und zugleich als Lehrer­seminar. Das Gotteshaus hingegen blieb, trotz seiner historischen Ehrwürdigkeit und architektonischen Sehenswürdigkeit bis anno 1922 zur Unterkunft für allen möglichen Unrat degradiert. Ein armer, aber eifriger Tessiner Priester, Don Giosuè Prada, hat dann mit unsäglicher Mühe eine Restaurierung unternommen.

In diesem Kloster lebte um die Mitte des 15. Jahrhunderts Pater Bartholo­mäus Piatti, der selige Gründer der Wallfahrt zur Madonna del Sasso.

Er war geboren zu Ivrea, einem Städt­chen im Piemontesischen. Von seinem früheren Leben weiß man nichts. Wir treffen ihn 1480 als Ordenspriester im Konventualenkloster zu Locarno. Er war bekannt als sittenreiner, beschei­dener und eifriger Ordensmann. Ge­bet, Betrachtung und Abtötung waren der Inhalt seines Lebens. Gleich sei­nem Ordensvater Franziskus zeichne­te ihn eine innige, kindliche Vereh­rung zur Gottesmutter Maria aus. Auf dem Sasso bei Locarno sollte ihm Gelegenheit geboten werden, seinen Ei­fer für die Verehrung Marien durch ein bleibendes Denkmal zu bekunden.

Dort sollte er die schönsten Jahre seines Lebens verbringen und nach dem Tode am Fuße desselben Sasso seine letzte Ruhestätte finden.

P1020344Es war am 14. August des Jahres 1480, am Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt. Pater Bartholomäus hatte diesen Tag, seiner Gewohnheit gemäß, mit Fasten und Beten verbracht. Zu später Abendstunde suchte er sein karges Lager auf. Durch einige Stun­den Ruhe wollte er sich auf den hohen Festtag vorbereiten. Aber seine Augen fanden keinen Schlaf. Deshalb zog er es vor, sich noch einige Zeit draußen in der frischen Luft zu ergehen. Ein brei­ter Loggiengang, der sich vor den Zel­len der Mönche im ersten Stockwerk des Klostes ausdehnte, bot dazu die beste Gelegenheit.

Von hier aus hatte man eine herrli­che Aussicht auf die hohen Berge, welche Locarno im Nordwesten wie mit einem schützenden Wall umge­ben. Stiller Friede lagert über der gan­zen Landschaft. Nur die nahe Maggia eilt unter leisem Gemurmel dem bald erreichten Ziel ihres Laufes entgegen. Über Fluß und Berg und See spannt sich in feierlicher Erhabenheit das Sternenzelt einer gerade am Südabhang der Alpen so schönen Augustnacht. Die weihevolle Stim­mung der Natur teilt sich gar bald dem empfänglichen Gemüt des frommen Ordensmannes mit. An einen Loggienpfeiler gelehnt, richtet er sei­nen Blick hinauf zu den in der Sternennacht so geheimnisvoll ragenden Ber­gen. Durch die flimmernden Sterne hindurch versucht sein Geist, den Tie­fen der Unendlichkeit näher zu kom­men. Gar bald ist er in tiefe Betrach­tung versunken. Der Gedanke an die Pracht und Herrlichkeit des wahren Himmels hält seine Sinne gefangen. Sein Herz sendet inbrünstige Gebete empor zu der Himmelskönigin Maria, deren glorreiche Himmelfahrt morgen gefeiert wird.

Da lichtet sich der Sternenhimmel über den Bergen. Der Glanz mehrt sich und nimmt bestimmte Formen an. Es naht sich eine wunderbare Erschei­nung. Es ist die Himmelskönigin Ma­ria mit dem Jesuskind auf den Armen. Gerade über dem Felskegel, der, von der hohen Bergkette losgelöst, über Locarno thront, schwebt die Erschei­nung. Kein Menschenwort vermag die Freude des beglückten Bartholomäus zu beschreiben: er vernimmt den Auf­trag, an dem auserwählten Ort, an dem Maria ihm erscheint, ein Kirchlein zur Ehre Gottes und zur Verehrung der Gottesmutter zu errichten.

Da ruft, in den frühen Stunden des hohen Tages, das Klosterglöcklein die Mönche in das Kirchenchor zur Festmette. Sie finden Pater Bartholomäus noch ganz in Entzückung versunken. Einer von ih­nen versucht den Sehenden zu erwecken; aber eine Weile dauert es, bis er wieder zu sich kommt, bis sein Blick, der ein Stück der Seligkeit des Him­mels geschaut hat, sich wieder in der irdischen Umgebung zurechtfindet. „Ach, lieber Mitbruder“, sagt er, „Gott verzeihe euch: Ihr habt mich eines himmlischen Glückes beraubt!“ und ging dann mit den andern zur Psalmodie.

Auf Geheiß muß Bartholomäus alsdann die wunderbare Begebenheit seinem Obern erzählen.

Seit diesem Augenblick beseelt ein einziger Wunsch den frommen Sohn des heiligen Franziskus: seine letzten Tage dort oben zuzubringen, wo die Mutter Gottes sich ihm gezeigt. Seine Obern kommen seinem Wunsche nach; er begibt sich dorthin und denkt sofort an den Bau einer Kapelle, was ihm in kurzer Zeit gelingt. Die damalige Fa­milie Masina schenkt ihm den wilden Berg, und Mitbrüder und fromme Leu­te leisten ihm herzlichst die gewünsch­te und nötige Hilfe. Das kleine Gottes­haus steht nun da, und die Pilger­scharen strömen ihm zu.

Seine Wohnung schlug er ganz in der Nähe des Kapellchens auf. Unter­halb der Baustelle befand sich eine natürliche Felsengrotte. Sie bot dem bescheidenen Sohn des heiligen Franziskus genügend Unterkunft. Dort führte er ein frommes Einsiedlerleben, stets zu Diensten des Wallfahrts­kirchleins und der pilgernden Scha­ren.

Diese Grotte ist bis heute erhalten; sie befindet sich jetzt eingemauert in den untern Sakristeiräumen, unter dem Chore der Kirche.

Nach Fertigstellung der Kapelle dachte Pater Bartholomäus sofort an die Verewigung des selbstgesehenen Wunders. Von einem namhaften Künstler ließ er ein schönes Mutter­gottesbild schnitzen. Nach seinen An­gaben wurde es in der Form ausge­führt, die ihm von der Erscheinung her in der Erinnerung haftete. Dieses Bild ist gleichfalls erhalten und schmückt die Nische über dem Haupt­altar. Die kleine schöne Statue, Maria mit dem Jesuskind auf dem linken Arme wurde im 17. Jahrhundert, wie es damals Mode war, mit Gewand und Mantel bekleidet. Erst 1914 wurde sie von diesen Ornamenten befreit, zum großen Vorteil des wunderbaren Kunstwerkes. Die Farben sind neuer­dings aufgefrischt worden, aber die Statue ist noch dieselbe, wie sie unter Weisung des seligen Stifters hergestellt wurde.

Nun war die Sorge des beglückten Marienverehrers, bessere Zugänge zu der fast unzugänglichen Felsenspitze herzustellen. Es war gewiß keine leich­te Arbeit, einen auch nur einigerma­ßen gangbaren Pfad anzulegen; aber die Liebe überwältigt jedes Hindernis, und der Weg stand da offen für alle, die zu Maria Zuflucht nehmen woll­ten.

Zuletzt baute der eifrige Diener Mariens in der Umgebung des Madonnenhügels mehrere kleinere Kapellen: so unter andern die geräu­mige Mariae-Verkündigungskapelle bei der Ramognabrücke am Fuße des Berges, die er zu seiner Grabkapelle bestimmte.

Die Kunde von diesem wunderba­ren Wallfahrtsorte Mariens, von dem sehr bald manche auffällige Gebetserhörungen und außergewöhn­liche Gnadenerweisungen berichtet werden konnten, verbreitete sich rasch über das ganze Land. Aus der Stadt, von den Bergen und aus den Tälern eilten Andächtige und Neugierige zahlreich herbei. Wie beliebt in kurzer Zeit der Gnadenort wurde, geht dar­aus hervor, daß aus den eingegange­nen Opfergaben schon 1484, also nach kaum vierjährigem Bestehen, in der Nähe der ersten Kapelle eine große steinerne Kirche erbaut werden konn­te. Am 15. Juni 1487 wurde sie unter großer Feierlichkeit vor vielem Volke von dem damaligen Weihbischof von Como, Rolando, eingeweiht.

Diese Kirche bildet in ihren Haupt­mauern den Kern der heutigen Kirche und umfaßt den Teil vom Hauptaltar bis zum Anfang der Seitenschiffe.

Noch erlebte es Pater Bartholomäus, daß der Wallfahrtsort zur Madonna del Sasso (Unsere Liebe Frau vom Fel­sen, oder: Maria-Stein), wie das Madonnenkirchlein auf dem Felsen alsbald allgemein hieß, auch von der höchsten kirchlichen Behörde aner­kannt wurde. Am 16. Februar 1498 wurde an den Gründer der Wallfahrt ein päpstliches Breve ausgefertigt, wodurch Wallfahrt und Wallfahrtsort auf ewige Zeiten sichergestellt wur­den. Die Verwaltung des Heiligtums wurde darin dem Pater Bartholomäus und seinen Mitbrüdern, den Konven­tualen aus dem Franziskuskloster zu Locarno übertragen.

Bartholomäus von Ivrea starb um das Jahr 1512. Seinem Wunsche ge­mäß bestattete man ihn am Fuße des Madonnenhügels in der Maria-Verkündigungskapelle.

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts stand eine Granittafel auf dem Grabe des treuen Dieners Mariens. Sie trug ein Brustbild des Seligen und folgende Inschrift:

Quae lector fabricata vides hac rupe Sacella Frater hic extruxit Bartholomeus opus. Divaparens, tibi, qui, dum viveret, addit honorem Et tandem moriens, hac requievit humo. Mente Deum coluit Francisci sancta sequutus Dogmata, et ad superos sic Bibi fecit fiter.

Et quoniam misero in Coelum sublatus ab orbe Crederis, hic pro me funde Beate preces!

(Die Heiligtümer, die du, o Leser, auf diesem Felsen siehst, verdanken ihren Ursprung dem Pater Bartholomäus. Dieser war zu seinen Leb­zeiten ein eifriger Beförderer der Verehrung Mariens: im Tode fand er seine Ruhestätte hier. Er diente dem Herrn gemäß der Regel des heili­gen Franziskus und verdiente sich so die himm­lische Glorie. — Ja, o Seliger, ich darf es sicher hoffen, daß du dieses Tal des Elendes nunmehr mit dem seligen Jenseits vertauscht hast. Des­halb bete für mich!)

Gegen Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Verkündigungskapelle um einige Meter verkürzt und der ganze Boden renoviert. Damals wurden die Gebeine der Verstorbenen, die bis da­hin in verschiedenen Ruhestätten in der Kirche waren, sämtlich herausge­holt und leider in das Grab des Seligen Bartholomäus gelegt. Die Granittafel wurde ebenfalls entfernt, um sie vor dem gänzlichen Zerfall zu retten, und an der rechten Kirchenwand ange­bracht. Das Bild und die Inschrift ha­ben schon stark gelitten und sind, da ja die Tafel im Boden angebracht war, sehr abgetreten. Im kleinen Museum der Madonna del Sasso ist eine Abbil­dung des genannten Grabdenkmals zu sehen.

Ein anderes getreues Abbild des Pa­ters Bartholomäus aus seiner Lebens­zeit ist erhalten geblieben in einem Ölgemälde, das er selbst von Bernar­dino de Conti von Pavia ausführen ließ. Dieses Gemälde befindet sich jetzt am Pietà-Altare in der Wallfahrtskirche selber, zur linken Hand (beim Eintre­ten in die Kirche) des Hauptschiffes. Es bildet das „Antependium“ an der Vorderseite des Altartisches. Es stellt die Patriarchen im Vorhimmel dar, denen ein Engel die nahende Erlösung verkündet. Als letzter in der Reihe der andächtig Lauschenden steht mit ge­falteten Händen Pater Bartholomäus, deutlich erkennbar an seinem Konven­tualenhabit. Diesem Anachronismus des Künstlers haben wir es zu verdan­ken, daß die intelligenten und aszetisch frommen Züge des interessanten Grün­ders des Wallfahrtsortes zur Madonna del Sasso auch spätem Zeiten überliefert blieben.

Das Jahr 1480 sah das Entstehen der Verehrung Marien unter dem Titel Madonna del Sasso, die seitdem im­mer größer, tiefer, prächtiger wurde.

orselina-10437Die berühmte Wallfahrt bildete nun die Perle nicht nur Locarnos, nicht nur des Tessins, sondern der ganzen italie­nischen Schweiz. Das Heiligtum hat sich mit der Zeit vielfach verschönert, bis es ein kleines Paradies wurde.

Scharenweise strömten die frommen Pilger vom Tessin und von Italien dem Gnadenorte zu; eine mystische Kraft trieb sie vor den Altar der himmli­schen Gnadenspenderin.

Besonders in den Jahrzehnten um die letzte Jahrhundertwende bildete die Madonna del Sasso den Mittel­punkt des religiösen Lebens des gan­zen Tessins. Und die Tessiner Ge­schichte ist seit Jahrhunderten eng ver­bunden mit der Geschichte seiner glorreichen Herrin.

Der selige Bartholomäus starb um das Jahr 1502. Es war ihm noch ge­gönnt, das schöne Aufblühen seines Werkes zu erleben, sowie die feierli­che Weihe der beiden Kirchen, die er gebaut hatte, nämlich die Wallfahrts­kirche und die Verkündigungskirche (1487, 1502).

Im Jahre 1540 macht sich der Protestantismus auch in Locarno be­merkbar. Einige von den angesehen­sten Familien schließen sich der reformatorischen Bewegung an. Es entsteht ein trauriger Zwiespalt unter den Bürgern, und die zivile Eintracht ist verschwunden.

Am 5. August 1549 wurde eine öf­fentliche Versammlung einberufen, um die Streitfragen zu besprechen. Ein Franziskaner von der Madonna del Sasso war auch dabei, um die alten und immer neuen Grundsätze der ka­tholischen Religion zu verteidigen. Die Neu-Reformierten gaben nur auswei­chende Antworten, und es war nicht möglich, sie von ihrem Irrtum abzu­bringen. Man versuchte jedes Mittel, aber umsonst. Endlich kam man zum Entschluß, die Sektierenden vom Lan­de auszutreiben, und das geschah am 5. März 1555. Es waren 173 Personen, welche zuerst nach dem Kanton Grau­bünden zogen und nachher nach Zü­rich. Die Geschlechter Muralti und Orelli, die heute noch in Zürich zu finden sind, stammen aus Locarno.

Am 5. Oktober 1567 fand auf der Madonna del Sasso der erste Besuch des großen Wohltäters der Schweiz, des heiligen Karl Borromäus statt. Als er mit eigenen Augen den Wallfahrts­ort betrachtete und dessen wunderba­re Entstehung erfuhr, sagte er in prophetischer Begeisterung: Fluent ad eum omnes gentes — alle Völker wer­den hierher strömen!

Zum zweiten Male besuchte der hei­lige Karolus die Madonna del Sasso am 4. August 1570.

1576 wurde die Stadt Locarno von der Pest schrecklich heimgesucht. Es starben daran mehr als 3500 Personen, unter welchen sich 80 Franziskaner-Patres befanden, die sich dem Dienste der armen Kranken gewidmet hatten.

Der Hauptaltar des Heiligtums wur­de im Jahre 1616 feierlich konsekriert durch Msgr. Filippo Archinti, Bischof von Como, unter dem Titel Maria Him­melfahrt. Bis 1628 konnte also das Heiligtum das Fest Maria Himmelfahrt als das Hauptfest feiern, auch aus dem Grunde, weil die Erscheinung am Vor­abend dieses schönen Tages stattge­funden hatte. Nachher aber mußten die Patres das Hauptfest auf den 8. September verlegen, weil der Ritter Christophorus Orelli eine neue Kirche in Locarno bauen ließ unter dem Titel Maria Himmelfahrt, mit der Bedin­gung, die Madonna del Sasso möchte auf ihr Titularfest verzichten!

Seitdem der 8. September nicht mehr als Festtag betrachtet wurde, fiel das Hauptfest der Madonna del Sasso auf den ersten Sonntag im September.

Ein großer Tag war der 2. Mai 1617. Das Bild der Madonna wurde unter außerordentlichen Feierlichkeiten nach Locarno gebracht und in der Fran­ziskus-Kirche aufgestellt. Nachher wurde sie mit großer Begeisterung des Volkes auf dem großen Platze feierlich gekrönt durch Msgr. Sarego, Bischof von Adria und apostolischer Nuntius bei der Schweizer Republik.

Der Locarneser Pater Benedikt, da­maliger Superior der Madonna del Sasso, läßt den Kreuzweg auf den Hügel zur Madonna bauen. Im Jahre 1621 ist das Werk fertig.

Die erste Geschichte des Wallfahrts­ortes erschien im Jahre 1625. Sie wurde verfaßt vom Domherrn Jakob Stoffio und betitelt: „Descrizione della Chiesa di Santa Maria del Sasso“. Es war der Anfang der reichhaltigen Madon­nenliteratur, die in den spätem Jahr­hunderten so herrliche Früchte tragen sollte.