Predigt von Kardinal Cláudio Hummes anlässlich der Gedenkmesse zur 100-Jahr-Feier der Priesterweihe Pater Kentenichs

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Verehrte Schönstattfamilie, liebe Mitbrüder im Priesteramt, Brüder und Schwestern,

es ist für mich eine große Freude, bei Ihnen sein zu dürfen und dieser heiligen Messfeier, mit der wir die 100-Jahr-Feier der Priesterweihe Ihres Gründers seligen Angedenkens, Pater Kentenich, begehen, vorzustehen. Ich darf mich bei den Verantwortlichen der Schönstattfamilie herzlich für die Einladung zu diesem Ereignis bedanken.

Der Rahmen, in dem diese Gedenkfeier stattfindet – am vergangenen 11. Juni wurde in Rom vom Papst das Priester-Jahr beendet – ist meiner Meinung nach bedeutungsvoll. Dieses besondere Jahr sollte eine Zeit der vertieften Reflexion über die priesterliche Identität sein und dazu führen, dass diese Identität auf neue Weise gelebt wird. Zu diesem Zweck sollten die Priester in ihrer Spiritualität und in ihrem Eifer bei der Wahrnehmung ihres Dienstes gestärkt werden. Hier darf ich, nebenbei gesagt, auch für den wertvollen Beitrag danken, den Ihre Priestergemeinschaften während der Tage des Abschlusstreffens in Rom mit dem Abend, der in der Audienzhalle gestaltet wurde, geleistet haben. Nun bietet uns auch die Gedenkfeier zum hundertsten Jahrestag der Priesterweihe Pater Kentenichs eine gute Gelegenheit, um über das Priestertum nachzudenken. Dazu möchte ich auf einige Gedanken eingehen, die der Heilige Vater bei der Predigt geäußert hat, die er am vergangenen 11. Juni bei der Konzelebration mit 15.000 Priestern auf dem Petersplatz im Rahmen der Abschlussfeier des Priester-Jahres hielt. In seiner Predigt führt uns der Papst zurück zu den Quellen, die das geweihte Priestertum in Gott, ja, in der Tiefe der barmherzigen Liebe Gottes zur Menschheit, hat.

So führt der Papst aus: „Die Religionen der Welt haben […] immer gewusst, dass es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen musste man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen.“ In der heiligen Schrift, schon im Alten Testament, vor allem aber in der Jesusgestalt, die uns die Evangelien vermitteln, hat sich uns der wahre und einzige Gott offenbart, und zwar ein Gott, der die Liebe ist, der eine Gemeinschaft von drei Personen ist, die sich unendlich lieben und von dieser gegenseitigen Liebe leben, wir sprechen von dem Gott, der der Schöpfer aller Dinge ist, der auch die Menschheit grenzenlos liebt und sich uns allen nähert, von dem Gott, „der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. »Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich« (Joh 10,14). Das Wunderbare und Unerhörte daran ist, dass Gott uns wirklich liebt und sich daher jedem einzelnen von uns naht. Ja; „Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke [- so der Papst -] sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet: Gott will, dass wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsorgende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen.“

Mit diesen Worten wies der Heilige Vater auf die Quelle hin, die das Priestertum in der Liebe hat, d.h. das Priestertum entsprang aus dem Herzen Gottes, das die Menschheit liebt. Ein Gott, der uns liebt, sich um uns kümmert und nicht will, dass wir verloren gehen. Ausgehend von dieser Tatsache muss der Priester seinen priesterlichen Dienst verstehen – sei es der Dienst des Wortes, sei es der Heiligungsdienst, wie auch jener des Vorsitzes der Gemeinschaft der Gläubigen. Auf diese Weise wird die pastorale Fürsorge konkret. Deshalb hat der auferstandene Jesus Petrus dreimal die Frage gestellt: „Petrus, liebst du mich?“ und Petrus antwortete: „Herr, du weißt alles, du weißt, dass ich dich liebe“, woraufhin Jesus erwiderte: „Weide meine Schafe“. Die Liebe ist  stets die grundlegende Voraussetzung, um Priester und Hirt sein zu können. In seinem Leben, seinem Zeugnis und seinem pastoralen Wirken muss der Priester in der Geschichte und für jeden Menschen sichtbarer und dauerhafter Widerschein sein für die Nähe Gottes, für die leidenschaftliche Liebe Gottes zu jeder menschlichen Person, für dieses Sich-Kümmern um jeden einzelnen von uns – alles Eigenschaften, die unseren Gott, den wahren Gott, den Jesus Christus  uns offenbart hat, auszeichnen. Welch hohe Würde, Priester zu sein! Aber auch: was für eine Verantwortung! Durch uns Priestern müssen die Menschen die freundliche und väterliche Nähe Gottes erfahren dürfen.

In der schon erwähnten Predigt hat der Heilige Vater, indem er bekräftigte, dass Gott im Priester den Menschen nahe bleiben wollte, gesagt, dass “Gott sich eines armseligen Menschen bedient, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort »Priestertum« verbirgt. […]. So wird diese Gabe [die uns Priestern zugekommen ist] zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten.“ Diese Worte des Heiligen Vaters, sind Worte, die uns Priestern Mut machen und uns besser verstehen lassen, welch eine große Gabe das Priestertum ist und worin das wahre Wesen dieser Gabe Besteht.

Wenden wir uns nun der Botschaft zu, die uns die Lesungen, die wir gerade gehört haben, bei dieser Eucharistiefeier zukommen lassen.

Die Frage, die Jesus seinen Jüngern im Evangelium vom heutigen Sonntag stellt, ist auch an jeden von uns gerichtet. Zusammen mit Petrus sind wir bereit, auf die Frage nach dem Geheimnis Jesu zu antworten: „Du bist der Messias, Du bist der Sohn Gottes.“

Nun ist Jesus als Sohn des lebendigen Gottes in der Tat der messianische König und Priester des Neuen Bundes.

In diesem Jahr haben wir Priester, die wir heute hier versammelt sind, mit allen Priestern der Weltkirche dieses Bekenntnis des Petrus erneuert und uns zu eigen gemacht. Wir haben Jesus versprochen, in seinem Dienst unser Bestes zu geben und so für die Kirche und für die Menschen dieser Zeit da zu sein.

Dieses ausdrückliche Bekenntnis zu Jesus und die Bereitschaft, das Evangelium zu leben und zu verkünden, verbindet die Hirten und das ganze Volk Gottes untereinander.

Das Ereignis, das wir am heutigen Tag feiern, ist auch ein Zeichen dafür, in welchem Maß und in welch fruchtbarer Weise sich der Diener Gottes, Pater Josef Kentenich, von unserem Herrn Jesus Christus in den Dienst hat nehmen lassen. Sein priesterliches Leben hat sich auf diejenigen, die seiner geistlichen Familie angehören, aber auch darüber hinaus, auf viele Menschen ausgewirkt:

„Leidenschaftlich für Gott und den Menschen“ da sein – dieses edle Vorhaben gehört zu seinem Vermächtnis an die Kirche. Er liebte die Kirche und auch ihr Priestertum als das Heiligtum des dreifaltigen Gottes. Er nahm die Kirche aber auch in ihrer menschlichen Dimension wahr. Seine pastorale Erfahrung ließ ihn immer wieder erkennen, dass die Priester der Kirche „aus den Menschen ausgewählt“ sind.

Es war ihm daher wichtig, die Kirche und ihre Priester stets „unter dem Schutze Mariens“  zu wissen. Ihrer mütterlichen Liebe ist die ganze Kirche, einschließlich ihrer Priester, anvertraut.

Betrachten wir nun einen Moment die priesterliche Gestalt Pater Kentenichs.

Über Jahrzehnte hinweg widmete er den Seelsorgern mit großer Aufmerksamkeit seine Fürsorge und gründete mehrere Priestergemeinschaften. Sein ganzes Wirken zielte auf eine Erneuerung der Kirche ab. Dieser Impuls deckt sich mit den Absichten des Zweiten Vatikanischen Konzils, das in die Spätphase seines Lebens fiel.

In den Dokumenten, die von seinem Dialog mit denjenigen zeugen, die in der Kirche Verantwortung tragen, kommt auch die Bedeutung und der Stil der Priesterausbildung zur  Sprache. So spricht er zum Beispiel von der Eigenständigkeit der Laiengemeinschaften  in  der Kirche sowie von den charismatischen Aufbrüchen, welche die Kirche braucht. In den Charismen dieser Aufbrüche kann die moderne Welt von innen her aufgeschlossen werden für Gott und für alles Göttliche.

Nun muss sich aber die Hingabe an den Geist Christi auch im Dienst an den Menschen auswirken, insbesondere im Dienst an den Armen und Leidenden. Hineingenommen in die Sohnschaft Jesu, haben wir die Aufgabe, in dieser Zeit zu bezeugen, dass Gott lebendig ist und uns persönlich in den vielfältigen Herausforderungen und Krisen unserer Tage zur Seite steht. Das kann uns nur gelingen, wenn wir den Plänen Gottes Vertrauen schenken und indem wir uns vom Geist des Evangeliums Christi, des Erlösers der Menschen, erfüllen lassen.

Aus dem Leben Pater Kentenichs wissen wir, dass er die Mutter des Erlösers gebeten hat, sie möge ihm ihr Herz und das Herz ihres Sohnes weit öffnen. Wenn wir auf den geistlichen und geistigen Reichtum schauen, den der Gründer der Schönstattbewegung sammeln und schenken durfte, ahnen wir, dass Jesus und Maria seine Bitte erhört haben. Die Lebensenergien, die in ihm und durch ihn wirksam waren, gehen auf die schöpferische und leidensbereite Liebe Christi und Mariens selbst zurück.

Der heutige Tag steht unter dem Motto der leidenschaftlichen Liebe zu Gott und den Menschen. Diese Leidenschaft der Liebe haben wir in den modernen Herausforderungen der Gesellschaft alle nötig, um heute mit Freude Christen sein zu können. Die Öffnung der säkularen Welt für Gott und das Göttliche geschieht nicht zunächst durch Reflexion, sondern durch jene Liebe, die bereit ist, den Weg Christi zu gehen.

Deshalb lade ich uns alle dazu ein, in dem Sinne eins zu sein, wie es dem Ruf entspricht,  den der hl. Paulus an uns richtet. Bilden wir in der Einheit der Glieder des Leibes der Kirche eine einzige Gemeinschaft: Männer und Frauen, Priester und Laien in dieser Kirche, stets in Verbindung mit all jenen Gliedern des Leibes, welche die priesterliche Sendung Christi mittragen. So wird Kirche zur Familie, zu einer Familie, die Heimat und Geborgenheit schenkt.

Tragen wir das Gewand Christi, das wir angezogen haben, und bewähren wir uns darin in der Welt von heute:

In der Freude über unsere Erwählung, in der Würde eines frei gewählten Weges, in einem Bündnis gegenseitiger Liebe in dem Netzwerk der verschiedenen Berufungen, in der vertrauensvollen Verbundenheit und Zusammenarbeit mit allen, die Christus zu seinen Zeugen berufen hat.

Amen.

Cardeal Cláudio Hummes Arcebispo Emérito de São Paulo

Prefeito da Congregação para o Clero

20. Juni 2010

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Quelle

Pater Josef Kentenich – SCHÖNSTATT UND DAS ÖKUMENISCHE ANLIEGEN

Pater Josef Kentenich in Audienz bei Papst Paul VI.

Pater Josef Kentenich mit Papst Paul VI.

Von Herbert King (in: regnum 41 (2007), 67-77)

Neulich wurde ich gebeten, eine Sammlung von Texten Pater Kentenichs zum Ökumenismus zusammenzustellen. Das gestellte Thema ist allerdings nicht leicht. Ich habe die Frage zum Anlass genommen, mehr grundsätzlich einiges zum Thema „schöpferischer Umgang“ mit dem Erbe Pater Kentenichs zu sagen, speziell in einer Frage, zu der er nichts oder nur sehr wenig oder gar Gegensätzliches und vor allem kritisch-Mahnendes beigetragen hat. Diese Überlegungen will ich hier vorlegen.

1a. Ökumenismus mit den Ostkirchen. Im KZ Dachau gibt es wichtige Begegnungen Pater Kentenichs mit Vertretern aus den Ostkirchen (Mönche vom Berg Athos). Kentenich erlebt diese (wie manches andere) als beträchtliche Horizonterweiterung. Sie bedeuten ihm einen deutlichen Impuls. Dieser kommt nach seiner Freilassung in der Aufstellung des Ostkreuzes im Ur-Heiligtum mit dem entsprechenden Vortrag sehr deutlich zum Ausdruck. Mitgewirkt hat dabei damals vor allem die Hochschule der Pallottiner.[1]  Wichtig sind sodann die Aussagen über die Ergänzung von Abendland und Morgenland im Zusammenhang mit der 1961 als zunächst dritter, dann definitiv zweiter der drei Zielgestalten Schönstatts formulierten „heilsgeschichtlichen Sendung des Abendlandes“. Abendländische und morgenländische Denk-und Lebensweise sollen sich ergänzen. Der Osten hinsichtlich seiner starken Betonung des Jenseitigen und der Westen mit seiner Betonung des Zweitursächlichen (philosophisch und psychologisch) gesehen.[2] Dann hat es ihm der Berg Athos angetan als Vorbild für den Ort Schönstatt.

1b. Ökumenismus mit den aus der Reformation hervorgegangen Kirchen. Da ist die Situation deutlich schwieriger. Wir haben alle die sehr negativen Aussagen Kentenichs über die Reformation und das protestantische Denken als wichtiger Ursache des idealistisch-mechanistischen Denkens und als Beginn einer Verfallskette durch die Neuzeit hindurch in den Ohren. Insgesamt scheinen Luther und die Reformatoren bei Kentenich eher  negativ bis sehr negativ bewertet zu sein. Dies auch oder noch mehr in der Rezeption durch seine Schüler und Schülerinnen. Das zentrale Stichwort dabei ist „mechanistisches Denken, Leben und Lieben.“ Festgemacht wird dieses ganz speziell an der Marien- und Heiligenverehrung. Ebenso an der Sicht der Autorität als auf Gott durchsichtiger Vaterschaft. Auch gibt es starke Warnungen betreffs eines drohenden Interkonfessionalismus etwa in der Pädagogischen Tagung 1951.[3]Im Zusammenhang mit dem 31. Mai 1949 tritt der Protestantismus dann ausgesprochen kämpferisch in einen Negativ-Zusammenhang, als eine Art Feindbild. Wichtig wird ihm das von Protestantismus (damals) nicht beeinflusste katholische romanische Denken Lateinamerikas. Aber auch in den Jahren des Konzils mit seinem ökumenischen Aufbruch und der Jahre danach warnt Pater Kentenich vor den Gefahren des Niederlegens aller Grenzen und Mauern. So mehrfach bezeugt aus der Milwaukee-Zeit. Und gleichzeitig weiß er, dass es kein Zurück mehr geben wird.

2. Zur Sprache Kentenichs. Für das Verständnis Kentenichs dürfen wir uns nicht einseitig auf einzelne Texte stützen. Diese sind meistens sehr situativ-einseitig und stellen eine „organisch einseitige“ Akzentuierung in einem Prozess der Gründung und der Formulierung der Spiritualität dar. Zu jeder Aussage lassen sich auch gegenteilige finden.[4] Dies kommt in einem Gebet zum Ausdruck, das er bei meinem Besuch in Milwaukee gebetet hat und das mir in all seinen Teilen sehr teuer ist.

„Wir spüren es ‑ ob wir denken an die vermaterialisierte Zeit, säkularisierte Zeit, bolschewisierte Zeit, ob wir das vor uns aufleuchten lassen, was nunmehr durch das Konzil tiefer und tiefer in unser Gemüt eingeprägt werden soll ‑ das ist die Idee des Ökumenismus und des Pluralismus. Wir mögen uns wehren, aber es geht durch die Zeit heute der starke Zug nach einer großen Einheit in der gesamten Welt und Menschheit. Und da ist halt wohl, auch wohl von Gott gedacht, ein neues Menschenbild (nötig), ein Menschenbild, das sich in schlichter Weise ehrfürchtig vor jedem Menschen beugt und (vor) seiner Auffassung.

Pluralismus, pluralistische Gesellschaftsordnung. Rechts und links neben uns andere Be­kenntnisse, rechts und links neben uns andere Weltauffassungen. Hat die Kirche bisher gleichsam unter dem Sterne des konstantinischen Zeitalters uns eng eingeschlossen, En­klaven geformt überall, so daß die Milieupädagogik uns zusammenhielt, dann fallen halt nunmehr diese Schranken mehr und mehr beiseite, und es (durch)flutet ein ungemein starker Strom, geistiger Strom, hin und her, nicht nur durch die Welt, sondern auch früher oder später durch unsere Kreise. Und wenn wir an den Ökumenismus denken, dann will das heißen, auch die christlichen Bekenntnisse schließen sich nicht mehr wie Freund und Feind gegeneinander ab, sie sind nebeneinander, beieinander, zum Teile ineinander. Schwerlich werden wir es fertig bringen, die damit gezeichnete Entwicklung aufzuhalten.

Aber, liebe Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, Du hast ja die Sen­dung übernommen, gerade für solche Zeit unsere kleine Familie zu erziehen, zu schulen und, nachdem Du uns geschult, hinauszusenden, um Wege zu finden, um auch in dieser Situation ein echtes, waschechtes Christentum, (den) Katholizismus hinauszustrahlen (und) zu verkörpern in der Welt.“[5]

In jenen Jahren entsteht auch ein Schlüsseltext, der das „anti“ entsprechend deutet und klärt. Auch dieser Text ist mir seit Jahren sehr gegenwärtig und wichtig.

„Danach ist der neue Menschen- und Gemeinschaftstyp – negativ gesehen – der anti-idealistische, anti-protestantische, der anti-kollektivistische und der anti-relativistische Mensch in einer gleichgearteten Gemeinschaft.

Dabei darf das Anti in den bezeichneten verschiedenen Formen und Gestalten nicht falsch gedeutet werden. Es bedeutet keine feindliche Gegeneinstellung, sondern eine gütig-wohlwollen­de, ehrfürchtige Freiheitshaltung jeglicher anderer Art gegenüber; hütet sich aber sorgfältig vor öder Gleichmacherei und vor Haltlosigkeit in Kopf und Wille und Herz. Man vergesse nicht, daß die heraufsteigende Zeit – ob wir wollen oder nicht – eine wohlwollend-duldsame Koexistenz der verschiedenen Glaubensbe­kenntnisse nebeneinander verlangt und rechtfertigt. Gerade deswegen ist bei aller Ehrfurcht vor fremder Überzeugung die Betonung des geistigen Anti so eminent wichtig.“[6]

Pater Kentenich sagt an einigen Stellen, dass er nicht nur die christologische, liturgische, biblische, mystische Strömung der zwanziger und dreißiger Jahre aufgegriffen, verarbeitet, assimiliert und gereinigt hat, sondern auch die ökumenische. So in dem langen Vortrag für die Schönstattpriester vom 28. Dezember 1965 in der Marienau[7]. Und in einem Vortrag für den sogenannten „Jungmännerbund“ am 28. Dezember 1965.[8]

Versöhnte Vielheit könnten wir danach das Konzept Kentenichs nennen. Ein Dreick aus Stehen zur eigenen Identität, vom andern lernen und ihm vom eigenen Reichtum schenken.[9]

3. Theologisch-religiöse Denkform.[10] Kentenich sieht das „Protestantische“ mehr als einen Typ des Denkens und sieht diesen z.T. auch in intellektuellen und theologischen Kreisen der katholischen Kirche, speziell seines Heimatlandes Deutschland mit seinem theologischen Neuaufbruch. Beim Thema Ökumenismus oder Anti-Ökumenismus geht er von der Denkform aus.

Mit seinen Kritiken meint er vielfach ebenso die katholische wie die evangelische Kirche. Zum einen die seiner Gegenwart. Aber dann auch die kirchliche Tradition insgesamt. Diese schätzt er als allzu spiritualistisch und supranaturalistisch ein. Und seit der Aufklärung, aber nicht erst, als zu intellektuell. „Idealistisch“ nennt er es. Gemeint ist „ideeistisch“, d.h. zu sehr an Ideen und Begriffen orientiert.[11]

Er prangert ein (theologisches) Denken an, das die vom Intellekt und dem geistigen Willen vollzogene Religiosität der auch von der Seele mit ihrer Eigengesetzlichkeit vollzogenen Religiosität zu sehr gegenüberstellt bzw. entgegenstellt und als alleinig zuständig für „richtiges“ religiöses Verhalten ansieht.

Hier ist das Begriffspaar Glaube und Religion zu nennen. Das protestantische (theologische) Denken sieht hier deutlich mehr einen Gegensatz als das katholische. Aber auch dieses, vor allem im theologischen Milieu, sieht da eher einen Gegensatz bzw. eine Gefahr für den „reinen“ und „wahren“ Glauben, als dass er das „Religiöse“ so ohne weiteres schätzen kann.

De facto wurde in der Vergangenheit der Ideeismus und der Supranaturalismus gemildert oder sogar integriert durch die lebensmäßigen Vorgänge des Religiösen. Dieses sieht Kentenich im katholischen Denken und vor allem Verhalten sehr viel mehr gegeben als im protestantischen. Umso mehr wehrt er sich, als kirchliche, vor allem intellektuelle und ebenso auch fortschrittliche Kreise, anfingen, dieses z.T. massiv anzugreifen und unter Druck zu setzen.

„Unser katholisches Volk hat sich von unseren Theologen noch nicht „ver­derben“ lassen, nur zum Teil. Unser Volk ist gesund geblieben. Gott sei Dank. Deswegen müssen wir beim Volk Anleihe machen. Es ist ein Frevel, unser echtes katholisches Volk zu verderben.“[12]

Das gemeinte Anliegen fasst Kentenich in dem Ausdruck „Organismuslehre“.

„Sie dürfen es mir nicht übel neh­men, wenn ich heute mehr noch als früher glaube überzeugt sein zu dürfen, dass alle unsere Reformbestre­bun­gen im deutschen Raume nicht zum Ziel kommen, wenn der Organismusgedan­ke nicht überall zur Geltung gebracht wird. (..) Ohne ihn gibt es keine tiefergehende Annäherung zwischen Protestan­ten und Katholiken, zwi­schen romanischer und germanischer Geistig­keit, zwischen okziden­taler und orientalischer Einstellung.“[13]

Verständlich wird die Aussage, wenn man unter Organismusgedanken tatsächlich die auch psychologische Sicht der Wirklichkeiten nimmt, die bisher lediglich philosophisch und theologisch begründet und dargestellt wurden und nicht auch psychologisch. Dabei geht es nicht nur um Pädagogik als solche, sondern um ein bewusstes Verstehen des in der Vergangenheit nicht eigens Bewusstgemach­ten und Reflek­tierten. Im Tiefsten geht es um die Rezeption der Psychologie und ihren „Einbau in das katho­lische Lehr- und Lebensgebäude“. Organisches Denken ist psychologisches Denken. Das Neue ist das „Bewusste“. In einer neuen, „zweiten Naivität“ (Ricoeur), gilt es das in der Vergangenheit „selbstverständlich“, „funktional“, unreflektiert Gelebte bewusst zu leben und zu vollziehen.[14]

Im protestantischen, okzidentalen und germanischen Denken findet J. Kente­nich ein stark ideenmäßiges Element, das das aus der Seele kommende psychologisch-religiöse Element nicht ohne weiteres anerkennt bzw. dem Ideenmäßigen, Philosophisch-Theologischen nicht zuordnen kann, ohne es gleichzeitig zu zerstören oder doch zu bagatellisieren und zu reduzieren.

Im katholischen, ostkirchlichen und romanischen Denken andererseits ist das aus der Seele kommende Element, lebens­kulturge­schichtlich gesehen, noch sehr kräftig vorhanden. So dass dieses Denken psychologisch-ganzheitli­cher ist, sich aber durch das ideenmäßige Element bedroht und angegriffen erlebt.

Das ist jedenfalls der Stand, wie ihn Kente­nich in den späten vierziger Jahren sah. Es gilt auch nicht für die ge­nann­ten Kulturkreise insgesamt, sondern eindeutig nur für den sehr geschlos­sen-abgeschlossenen kirchlichen Binnenbe­reich. In den ge­nannten Kulturkreisen insgesamt ist durch die Aufklärung in weitem Umfang das „selbstver­ständ­lich“-lebensmäßige Denken ver­loren gegangen. Seine Träger sind weitgehend aus der Kirche ausgewandert. Es hat deswegen in der Kirche selbst eine viel geringere Wirkung gehabt als in dem theologisch-philosophisch sehr sensibilisierten Raum des Katholizismus, und noch mehr des Protestantismus Mitteleuropas. 

4. Seelen- und menschengemäßes Christentum. Damit sind wir bei einem weiteren (zweiten) wichtigen ergänzenden und weiterführenden Beitrag Kentenichs. Die christliche Religion (katholisch wie evangelisch) soll so erneuert werden, dass sie „eine Gesundheits- und Gesundungslehre“ darstellt. Religion also unter dem Gesichtspunkt der seelischen Gesundheit und der seelisch-menschlichen Vollentfaltung.[15] Da hat Kentenich nun deutlich beide Konfessionen (Katholiken wie Protestanten) im Visier. Es handelt sich um Heilung des eben zitierten Spiritualismus und Ideeismus.

Und ebenso um die Überwindung einer zu negativen Sicht des Menschen, vor allem (gut aufklärerisch) des Irrationalen, der Gefühle und Triebe. Stichwort „böse“ Konkupiszenz, bzw. Konkupiszenz, die selbstredend einfach böse ist. Dann das negativ bedrohliche Gottesbild.

Die „Gerechtigkeit Gottes“ wird zum „Schicksalswort der christlichen Seelengeschichte“.[16] Luther hat hier mit sich und der abendländischen Christenheit gekämpft. Und J. Kentenich hat mit seiner eindringlichen Lehre vom barmherzigen Vatergott ebenso seinen Akzent gesetzt. Da ist inzwischen in den Kirchen eine neue Sicht entstanden, so dass Kentenich mit seinem Anliegen heute vielfach offene Türen einrennen würde. Und doch begegnet man diesen Vorgängen überraschend oft auch heute, auch bei jungen Menschen, so bald sie die Religion wirklich „ernst nehmen“.

Da hat das Zweite Vatikanische Konzil wichtige Arbeit geleistet. Seine Absicht war, die katholische Lehre so zu formulieren, dass sie attraktiv wird. Wenn Papst Benedikt in der letzten Zeit betont, dass es darum gehe, die Schönheit des Glaubens hervorzuheben, so geht dies genau in die Richtung des vom Konzil und auch Kentenich Gewollten. 

Das Konzil bleibt noch sehr bei einer spirituell-geistigen Sicht der Offenbarung stehen. Der eigentliche Schub hin zu einer ganzheitlich-positiven Sicht des Menschen und zum Ernstnehmen seiner Seele setzt, revolutionär, erst nach dem Konzil ein. Kentenich stellt geradezu hellseherisch-prophetisch fest: Das Konzil ist nicht weit genug gegangen. Es fehlt ihm die „Psychologie des Zweitursächlichen“. Mit Zweitursache ist mehr als ein Naturgesetz der Mensch gemeint und mit Psychologie die auch „affektbetonte Gebundenheit“ an die sinnenhaften Objekte und Personen. Und ebenso das, was der Ausdruck „Psychologie“ eigentlich zunächst sagt: die Gesetzmäßigkeiten, Fähigkeiten und Eigenbelange der Seele. Ihre Grundstimmung, Grundzüge, Affekte, Seelen-Triebe.

Gemeint ist zutiefst eine seelen- und menschengemäße Formulierung der christlichen Religion.

Zu diesem Thema gehört auch das, was Pater Kentenich über eine „neue Ich-, Du-, Wir- und Gottfindung“ zu sagen weiß. Diese geschieht „aus dem Naturreich der Seele heraus“, aus den Belangen der Tiefenseele, in einer Art epochalen kollektiven Pubertät und Adoleszenz als Weg zu einem neuen epochalen Erwachsensein. Der Neue Mensch und die Neue Gemeinschaft entstehen in der Zeit. Das Neue ist die Beachtung der Belange der Tiefenseele und des Irrationalen insgesamt, auch auf dem Gebiet des Religiösen.[17]

Also die gemeinsame Aufgabe von Katholiken wie Protestanten einer seelisch und menschlich stimmigen, hilfreichen und nicht so sehr den Menschen verneinenden und niederdrückenden Religion. Da geschieht sehr viel heute. Pater Kentenich hätte es mit seinen Anliegen heute sehr viel leichter. Ich nenne Anselm Grün, die Bemühungen der Jesuiten in Frankfurt und Innsbruck, die Begegnung mit dem Zen-Buddhismus und die völlig unübersehbare Landschaft der einschlägigen Veranstaltungen. Dazu die fast uferlose Literatur. 

5. Neue Ansätze hermeneutischer Art. Mehr und mehr ist, in manchen Kreisen, auch ein Verständnis gereift, dass Theologie auch Überbau sein kann über Annahmen vor-rationaler und vor-theologischer Art. Ich habe dies in meiner Publikation „Maria neu entdecken“ etwas herausgearbeitet. Das dort über Maria Gesagte hat aber Anwendung auch auf andere Themen.

„Es geht um einen epochalen Überprüfungs-, Neubegründungs- und Neugestal­tungs­prozess des Ma­ria­ni­schen, der nicht nur am Schreibtisch stattfinden kann. Mehr als um neue Themen geht es um neue Sichtweisen, neue Begründungen und Gestaltungen. Dabei sind folgende Gesichtspunkte zentral:

(1) Biblisch-heilsgeschichtlicher Gesichtspunkt.

(2) Gesichtspunkt der Würde und der Befreiung des Menschseins

(3) Gesichtspunkt der Frau und des Weiblichen, auch und gerade in ihrer aktiven Rolle und Bedeutung.

(4.) Gesichtspunkt der Psychologie und der menschlichen Seele.

Damit sind wichtige Zeitanliegen genannt. Von diesen her will bewusst auf die Offenbarungsinhalte geblickt werden. Jede Zeit hat ja ihre eigenen Zugänge zur Offenba­rung. Manches von dem, was eine Zeit erarbeitet hat, wird bleiben. Ebenso ist manches von dem, was neu entdeckt wird, auch in anderen Zeiten schon einmal „neu“ entdeckt worden. Dies gilt ganz allgemein. Wir wollen es aber vor allem beim marianischen Thema sehen.“[18]

6. (Erst-, Neu-) Lesung Schönstatts unter ökumenischem Gesichtspunkt. Ein wichtiges Interpretationsprinzip Kentenichs, das er selbst vielfach sehr ausführlich praktiziert hat, ist die Lektüre des Eigenen unter dem Gesichtspunkt einer Fragestellung, die aus der Zeit kommt. Z.B. 1947/1948 die Lesung seiner Gründung unter dem Gesichtspunkt der Säkularinstitute.[19] Oder 1968 unter dem Gesichtspunkt des „neuen soziologischen Denkens“.[20]

Ebenso hat er programmatisch aufgerufen, nicht nur in die Schule des Eigenen, der eigenen Geschichte, zu gehen, sondern auch in die Schule des Konzils. Auch ist die Schule des Eigenen nicht genügend ergiebig und lehrreich ohne die gleichzeitige Sensibilisierung durch die Schule des Konzils. Diese erst ließ mit der notwendigen Deutlichkeit erkennen, was alles im Eigenen alles an Konziliarem enthalten ist.[21]

Ebenso wies Kentenich darauf hin, dass noch aussteht, in die Schule der Moderne zu gehen. „Jetzt noch nicht“, aber die nächste bzw. übernächste Generation müsse das tun. Dieser Aufforderung habe ich mich in all den Jahren verpflichtet gefühlt.[22]

Etwas Ähnliches steht jetzt an betreffs Ökumenismus. Also in die Schule des Ökumenismus gehen. Zunächst gilt es, einfach den Spuren nachzugehen, die in Schönstatt in diese Richtung weisen. Ich beziehe mich hier auf den Ökumenismus betreffs der evangelischen Kirchen. Man kann bei Kentenich wohl zu keiner Zeit von einer unüberwindlichen Berührungsscheu mit den Protestanten reden. So verweist er bereits 1933 auf eine wichtige Gemeinsamkeit seines Denkens mit dem protestantischen in der Frage des Fiduzialglaubens.

„Wie lange arbeitet jetzt schon der Protestantismus? Man sagt sonst, die höchste Zeit, die man einer Sekte zuschreiben kann, wären 300 Jahre. Man meint, der Protestantismus würde zerbrö­keln. Der Protestantismus ist schon vierhundert Jahre alt. Es muß also doch viel Lebenskraft in ihm stecken. Das, was ihm noch Halt gibt, ist eine katholische Wahrheit, die im Katholizismus zur Zeit der Reformation stark vernachlässigt wurde: Der Kindschaft-Gottes-Gedanke, der Fiduzialglaube. Da haben Sie unsere Art: Organismuslehre. Wir sehen alles in der Seinsordnung. Die heutige Zeit hat das, was der Protestantismus betont, so notwendig, den Kindschafts-Gottes-Gedanken. Wir sollten alle danach ringen, uns ein Stück Fiduzialglauben zu retten; denn wir stecken zu stark in einem Kerker der Selbstzer­faserung. Wir müssen das unerschüt­terliche Vertrauen bekommen: „er in uns und wir in ihm“. Nicht die Eigentätigkeit ganz unterminieren, aber wir brauchen heute vor allem das Getragenwer­den von Gottes Kraft. Er wird alles in uns machen. Gottes Allmacht wird durch unsere Ohnmacht verherr­licht werden müssen.“[23]

Nicht nur weist dieser Text auf positive Begegnungsmomente hin (Kindschafts-Gottes-Gedanke, Fiduzial­glaube). Wir Katholiken sollten sogar vom Protestantismus lernen. Auch wird in diesem Text die These vom ständig weitergehenden Zerfall anders gesehen als andere Ausdrücke P. Kentenichs und der Schönstatt-Bewegung es oft nahelegen, die allen Zerfall auf die Wurzel der Reformation zurückzuführen scheinen. Der Text ist aus einer Zeit, in der ökumenische Anliegen es ausgesprochen schwer hatten und sofort unter den Verdacht der Häresie fielen.

Oft geht Pater Kentenich auch der Frage nach, wie die exemplarische Bedeutung des protestantischen Pfarrhauses eine Entsprechung finden könne im katholischen Raum.

Gelegentlich weist Kentenich darauf hin, dass mit dem Auszug des Protestantismus aus der katholischen Kirche und damit eines großen deutschen Anteils das dem deutschen Denken und Empfinden wichtige Anliegen der Beseeltheit zu wenig in die katholische Kirche der Neuzeit eingebracht wurde. Ich zitiere den Hinweis aus dem Gedächtnis und hoffe, eines Tages den entsprechenden Text wieder zu finden.

Im KZ pflegt J. Kentenich vielfältigen Umgang mit protestantischen Pastoren. Manche von ihnen hat er auch nachher noch besucht. Er reiste z.B. in die Anstalten von Pastor Bodelschwingh.

Aber zutiefst geht es um eine Lektüre des Denkens Kentenichs und seiner Spiritualität unter dem Gesichtspunkt des Ökumenismus. Eine solche zeigt, dass dieses sehr vieles dazu enthält und geben kann, auch da, wo nicht ausdrücklich die Rede davon ist. Ich hebe das stark entwickelte biblische und ausgesprochen heilsgeschichtliche Denken Kentenichs.[24]

Diese Dimension könnte in der Begegnung mit dem biblischen Denken der evangelischen Kirchen noch deutlicher herausgearbeitet werden. Darauf weist Kentenich gelegentlich hin:

„Biblisch alles tiefer begründen, was wir wollen. Sehen Sie, ich sage das deswegen, weil ja bei uns auch Kreise da sind, die den Zug haben, biblisch tiefer, umgreifender, umfassender zu sein und tatsächlich, alles, was wir so lehren und sagen, auf diese Quelle zurückzuführen. Ich meine das sollten wir alles unterstützen, was in irgendeiner Weise im Geiste Schönstatts oder aus Schönstatt und für Schönstatt gedacht wird.“[25]

Hier wäre es interessant, einen ausführlichen Vergleich zwischen dem Praktischen Vorsehungsglauben Schönstatts und der Lehre vom Glaubensgehorsam und der Praxis der Gotteserfahrung im evangelischen Raum zu machen. Und ebenso mit der Art, in der die biblischen Schriftsteller denken.

Oft weist Pater Kentenich darauf hin, dass speziell das deutsche theologische Denken wegen seiner Skepsis gegenüber Wundern und Erscheinungen, die es mit den Protestanten teilt, eine Sendung hat, die Bekundung Gottes im praktischen Vorsehungsglauben besonders zu betonen.

„Von Anfang an wähnten wir gerade unter diesem Gesichtspunkte eine große Sendung für die ganze heutige Menschheit, besonders aber für den deutschen Kulturraum zu haben. (…)Wir haben zudem von Anfang an die stille Überzeugung genährt, gerade wegen dieser Stellung zum Vorsehungsglauben eine besondere Sendung für den deutschen Raum und den deutschen Menschen zu haben. Weil der deutsche Mensch vornehmlich in vielen gebildeten Vertretern von Haus aus oder infolge protestantischer und idealistischer Beeinflussung eine gewisse Abwehr gegen jegliche Berufung auf außergewöhnlich Phänomene hat, ist Schönstatt mit seiner geistigen Art in besonderer Weise für ihn geeignet.“ [26]

Weiter nenne ich die Betonung des Laien und des allgemeinen Priestertums.

Ebenso ist zu nennen das Thema der Gottunmittelbarkeit, wie sie sich im kentenichschen Bundesdenken ausdrückt. Der Bund als Grundform seiner Spiritualität stellt die Unmittelbarkeit der  Gottesbeziehung ins Zentrum. Allerdings ist auch gleichzeitig die Vermittlung durch Zweitursachen hineingearbeitet.[27]

Ein weiteres Thema, dem wir bei unserer ökumenischen Lektüre der Schönstatt-Spiritualität begegnen ist die Aufarbeitung des Lebensvorgangs Sünde und Erlösung und die kentenichsche Lehre über das Thema „Gerechtigkeit Gottes bzw. Barmherzige Liebe Gottes“ als dem jeweiligen „Welt-, Lebens- und Erziehungsgesetz“. Das Thema, das Luther gemartert hat und das Thema der Theresia von Lisieux.[28]

Zu nennen ist sodann die Betonung einer Kirche, die ganz vom Heiligen Geist geleitet wird und sich nicht so sehr auf irdische Sicherungen abstützt. Ebenso die Betonung der Subjektivität im Umgang mit dem Wort Gottes in den evangelischen Kirchen und die Bedeutung der Seelenstimmen in Schönstatt. Und insgesamt die Betonung der Freiheit.

Auch wäre es interessant, einen Vergleich zwischen der geistig-seelisch-leiblichen Krise P. Kentenichs in seiner Noviziats- und Studentenzeit mit der Krise des jungen Luthers zu erarbeiten.

Weiter: Michael Marmann hat in der letzten Zeit vielfach auch auf die soziologische Kategorie des Föderalismus, wie sie zutiefst in der Gründung Kentenichs steckt und dort praktiziert wird, hingewiesen.[29] Auch dies ein Beitrag, den Schönstatt freigibt, wenn man es unter dem Gesichtspunkt des Ökumenismus (neu oder zum ersten Mal) liest. 

Maria. Sie ist für Protestanten der Inbegriff des Katholischen.  Da sind wir Katholiken die Gebenden. Von den Protestanten dürfen wir uns deutlicher auf die heilsgeschichtliche Perspektive der Mariologie hinweisen lassen, ähnlich wie dies Lumen Gentium tut. Auch kann die starke Betonung der Christozentrik des Marianischen, wie sie Kentenich eigen ist, eine wichtige Brücke sein. [30]

7. Konkreter Ökumenismus. Was das gegenseitige Geben und Nehmen betrifft, so hat der theologische Impuls der evangelischen Kirchen große Bedeutung im katholischen Bereich erlangt. So stark, zeitenweise und mancher Orts, dass manche von einer Protestantisierung der Kirche reden. Aber letztlich ist es der Impuls des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Auf der anderen Seite, gut katholisch, vollzieht sich von der katholischen Kirche her ein wichtiger Transfer von Symbolen und Gebräuchen hin zur evangelischen Kirche (liturgische Gewänder, Feier der Osternacht. Bilder, Kerzen). Selbst ein so lange für typisch katholisch gehaltenes Wort wie „fasten“ ist inzwischen ein allgemein christliches oder menschliches Wort geworden. Und auch betreffs Maria hat sich manche Berührungsscheu oder Befangenheit etwas gelöst oder und gelockert.[31]

Wichtig ist dann auch de neue Akzent der durch die ökumenischen Treffen der geistlichen Gemeinschaften beider Kirchen in Erscheinung tritt. Dort geht es nicht um theologische Dispute, um Amts- bzw. Eucharistieverständnis, sondern um Gott, wie er durchaus auch außerkirchliche im Alltag erfahren werden kann.

8. Organisches Denken[32] Mit dem Gesagten werden die negativen Einwendungen Kentenichs nicht gegenstandslos. Im Gegenteil. Die oben genannten heilsgeschichtlich-personal-existentiellen Dimensionen der Spiritualität fallen allzu leicht in einen Spiritualismus und Ideeimus, wenn sie nicht durch den Aspekt des Organischen sozusagen unterfüttert, geerdet und verleiblicht sind, bzw. in diesem, als den gleichsam irrationalen Wurzeln des Glaubens wurzeln können. Da sind die kentenichschen „praemabula fidei irrationabilia“ wichtig und alles zum Organischen und Psychologischen Gesagten. Da müssen beide Kirchen noch lernen, vor allem ihre Theologen. Da hat das Katholische und vor allem Schönstatt ein Plus an religiöser Sinnenhaftigkeit und Dinglichkeit, die es neu zu begreifen, zu begründen und einzubringen gilt.

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[1] Vergl. dazu die Publikation: Pater Joseph Kentenich: Texte zur Ostsendung, hrsg. von Rudolf Chrysostomos Grill. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt 1991.

[2] Vergl. Herbert King (Hrsg.): Joseph Kentenich -ein Durchblick in Texten, Band 4, 540-554 und Band 1, 28 f.

[3] Dass neue Menschen werden (1951). Schönstatt-Verlag, Vallendar 1971, 28, 33, 153.

[4] Durchblick in Texten, Band 1, 13-22 (Hermeneutische Überlegungen zum schriftlichen Werk Joseph Kentenichs).

[5] Gebet vom 24. April 1964. In: An seine Pars motrix, 2. Manuskriptdruck, 19 f.

[6] Kurz-Studie 1963. Unveröffentlicht, 5. Zugänglich in: Durchblick in Texten, Band 4, 184.

[7] Vortrag vom 28. Dezember 1965. In: Vorträge II (1965), 36.

[8] Erster Vortrag vor dem Jungmännerbund in der Marienau am 29. Dezember 1965. In: Vorträge, II (1965), 119 und 121. Dort ist der Vorgang der Aufnahme und Verarbeitung der genannten Strömungen entsprechend dargestellt.

[9] Vergl. Herbert King: Maria neu entdecken. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt, 2006, 47 f.

[10] Durchblick in Texten, Band 4, 17-44 (Geistesgeschichtiche Überlegung: Geschichte des menschlichen Denkens und Lebens unter dem Gesichtspunkt des Organischen).                Vergl. zum Thema der unterschiedlichen Denkform die sehr lesenswerte Abhandlung von Nipperdey in: Ders.: Nachdenken über die deutsche Geschichte. dtv, München 36-51.

[11] Herbert King: Der Mensch Joseph Kentenich, Patris Verlag, Vallendar 1996, 16 f.

[12] Oktoberwoche 1950. Manuskriptdruck, 132 f.

[13] Aus: Brief vom 13. Juli 1955 an Pater Menningen. Unveröffentlicht. Das Zitat findet sich in: Durchblick in Texten, Band 3, 481 f.

[14] Durchblick in Texten, Band 3, 339-488, zusammengefasst S. 339-343.

[15] Durchblick in Texten, Band 1, 387-389. Vergl. insgesamt den Abschnitt 9 (Religiöse Psychologie), ebd., 373-394.

[16] Vergl. Herbert King: Gott des Lebens. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt 2001, 107-126.

[17] Durchblick in Texten, Band 1, 69-79.In den letzten Jahren seines Lebens hat Pater Kentenich bei wohl allen Schönstatt-Gemeinschaften dieses Thema in mehr oder weniger den gleichen Worten erörtert.

[18] Herbert King: Maria neu entdecken, 132 f.

[19] Durchblick in Texten, Band 1, 35 f.

[20] Durchblick in Texten, Band 3, 95-115.

[21] Herbert King: Pater Kentenich und das Zweite Vatikanische Konzil. In: Regnum 39 (2005), 147-159, besonders 150-154 (In der Schule des Konzils).

[22] Herbert King: Ebd., 157 f. (In der Schule der „neuesten Zeit“).

Ders.: Neues Bewusstsein. Patris Verlag, Vallendar 1995, 94-106 (Zwischen Zweitem Vatikanischen Konzil und der Jahrtausendwende), besonders, 103-105.

[23] Das Schönstattgeheimnis. Nachschrift der Weihnachts­tagung 1933 für Weihekurse, 27. – 30.12.1933. In: Pater Joseph Kentenich: Das Schönstatt-Geheimnis. Vorträge. Briefe. Als Manuskriptdruck hrsg. von Heiner Hug, 284 f. Es ist allerdings kein wörtlicher Text.

[24] Vergl.Herbert King: Gottes Spur und Bild sehen. In: Regnum 36 (2004),145-156.

Ders.: Gott des Lebens, 36-60 (Sprechen Gottes in der Seele).

Siehe auch: Lebendiges Zeugnis 61 (2006) mit dem Thema: Dem Gott des Lebens auf der Spur. Beiträge zu einer Gott-des-Lebens-Theologie. Ein Heft, in dem ein Team von Schönstättern und Schönstätterinnen den praktischen Vorsehungsglauben, wie Kentenich ihn lehrt und praktiziert, reflektieren und zur Sprache bringen.

[25] An seine Pars motrix, Band 9. Manuskriptdruck, 156. Zitiert in: Regnum 40 (2006), 85.

[26] Brief an den Generalobern Möhler 1956. Unveröffentlicht, 255.

[27] Herbert King: Leben im Bund. Schönstatt-Verlag, Vallendar-Schönstatt 2002.

[28] Ausführliches dazu in: Herbert King: Gott des Lebens, 86-126 (Lebensvorgang Schuld, Schwäche und Erlösung).

[29] Michael Marmann: Schönstatt und die Ökumene. Plädoyer für ein neues Thema – aus der Sicht P. Joseph Kentenichs. In Regnum 38 (2004), 67-75.

[30] Herbert King: Maria neu entdecken, 41-48 (Ökumenische Spiritualität). 75-80 (Geist der Neuzeit und Nach-Neuzeit).

Sehr interessant und instruktiv in diesem Zusammenhang  die Dissertation des protestantischen Pastors von Hinrich E. Bues: Christwerden im Geiste Marias. Charisma und Geschichte der Darmstätter und Schönstätter Marienschwestern. Eine Studie zur missionarischen Spiritualität Neuer Geistlicher Gemeinschaften. Eingereicht an der Phil.-Theologischen Hochschule Vallendar. Patris Verlag 2006.

[31] Herbert King: Maria neu entdecken, 41-48.

[32] Herbert King: Anschluss finden an die religiösen Kräfte der Seele. Patris Verlag, Vallendar-Schönstatt, 1999.

Ders.: Seelsorge als Dienst am Leben aus der Sicht Joseph Kentenichs. Patris Verlag 2000.

Ders.: Plädoyer für ein ganzheitliches Denken, Leben und Lieben. In: Ders., Inge Birk, Joachim Schmiedl: Auf der Suche nach ganzheitlichem Leben. Organisches Denken und marianische Kultur. Stuttgarter Beiträge 1. Patris Verlag 1991, 9-40.

Peter Wolf: Die erneuerte Kirche in der Sicht PATER JOSEF KENTENICHS

Pater Josef Kentenich, SAC

Pater Josef Kentenich, SAC

Es geschah am 8. Dezember 1965

Hunderttausende haben sich auf dem Petersplatz versammelt. Man feiert den Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die überraschende und geradezu wagemutige Ankündigung des Papstes Johannes XXIII. im Jahr 1958 hatte zum wohl globalsten Ereignis in der Geschichte der Kirche geführt. Über Jahre hinweg waren das gesellschaftliche und nicht nur kirchliche Interesse auf Rom gerichtet. Wir können uns vielleicht gar nicht mehr recht vorstellen, welch große Erwartungen und Hoffnungen diese weltweite Versammlung der Kirche Anfang der sechziger Jahre auf sich gezogen hat.

In der katholischen Kirche herrschte eine ungekannte Aufbruchsstimmung, die ihr viele nicht mehr zugetraut hatten. In und außerhalb der Kirche verfolgte man das Geschehen in Rom. Auch viele evangelische Christen beobachteten mit Anteilnahme und wachem Interesse, was hier in Bewegung kam. Zu einem pastoralen Konzil hatte Papst Johannes XXIII. eingeladen. Er wollte die Fenster öffnen und in einem mutigen „Aggiornamento“ die Kirche zukunftsfähig machen für eine Welt, die nach zwei Weltkriegen sich in einer unaufhaltsamen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung und in Umbrüchen befand. Inmitten dieser Beschleunigung der Zeit war es höchst notwendig geworden, dass die Kirche ihr Selbstverständnis neu bestimmte und sich auf ihre Beziehung zur Welt besann. In den zentralen Konstitutionen Lumen Gentium und Gaudium et Spes stellten die Konzilsväter sich dieser Herausforderung einer veränderten Welt und begannen, sich auf einen Dialog einzulassen und Antworten zu versuchen.

Es war ein Konzil, auf dem gerungen wurde um den Weg in die Zukunft. Verfestigtes traditionelles und vorwärtsdrängendes Denken stießen mit elementarer Wucht auf einander. Trotzdem wurde es ein Konzil überwältigender Mehrheiten, wie man bei der Durchsicht der Abstimmungsergebnisse feststellen kann. Der Weg in die Zukunft war mehrheitsfähig, und dies weckte große Hoffnungen bei vielen Menschen. Die kirchliche Landschaft war im Aufbruch und noch nicht bestimmt von sich gegenseitig lähmenden Parteiungen von links und rechts, wie es sich in den Jahren nach dem Konzil bis heute immer wieder belastend einstellt und Leben hemmt.

Kentenich in Rom

Wenige Wochen vor Abschluss des Konzils war Pater Josef Kentenich überraschend in Rom eingetroffen. Ein bis heute in seinem Ursprung nicht endgültig aufgeklärtes Telegramm hatte ihn am 13. September 1965 in den USA aufgefordert, nach Rom zu kommen. Am 17. September flog er Richtung Europa mit Kurs auf Rom. Seit 14 Jahren war er im Exil in Milwaukee/USA gewesen, weitab von seiner Gründung in Schönstatt. Unverständnis über die Neuartigkeit seiner Gründung und Spannungen um seine Person hatten ihm dieses Schicksal eingebracht. Die höchste kirchliche Autorität hatte ihn weggeschickt wie andere Persönlichkeiten auch, etwa Teilhard de Chardin oder Yves Congar, deren Gedanken und Ideen gewagt oder eben nur ungewohnt erschienen. „Nur im Sarg“ würde er jemals wieder nach Europa zurückkehren, hatte man ihm vor der Abreise nach Übersee bedeutet.

Vierzehn lange Jahre Verbannungszeit waren daraus geworden. Es wurden Jahre der Reflexion und der Vergewisserung dessen, was um ihn und das Heiligtum in Schönstatt in einem erstaunlichen Aufbruch gewachsen war. Er ließ sich nicht verbittern und nutzte die Zeit für vielfältige pastorale Arbeit und Reflexion. Die letzten Jahre hatte er mit großem Interesse das Geschehen des Konzils verfolgt. Dabei war er immer mehr zu der Überzeugung gekommen, dass das, was das Konzil will, in seiner Gründung seit Jahrzehnten angelegt und erarbeitet war. Er wurde sich gewiss, dass der Geist Gottes längst am Werk war und die vonihm gegründete und inzwischen weltweite Bewegung eine zutiefst konziliare Sendung in sich trägt.

Es drängte sich ihm der Gedanke auf, dass Schönstatt eine ähnliche Sendung für das Zweite Vatikanische Konzil habe wie die Jesuiten für das Konzil von Trient. Sie hatten entscheidend dazu beigetragen, dass die Beschlüsse von Trient ins Leben umgesetzt wurden. Mit der Diskussion und der Ausarbeitung der Beschlüsse eines Konzils sind die Ziele und Anliegen einer solchen Weltversammlung eben noch nicht verwirklicht. Es braucht einzelne Persönlichkeiten und ganze Gemeinschaften, um den Prozess eines Konzils zu seinem Ziel und seine Ideen zur Verwirklichung zu bringen.

Kardinal Bea, dem Josef Kentenich in den letzten Wochen des Konzils in Rom begegnete und der sich für  ie Beendigung seines Exils und für sein Bleiben in Rom einsetzte, sagte ihm: „Ohne das Konzil wären Sie nie verstanden worden“. In der letzten Phase des Konzils kommt es zur Rehabilitation. Am 20. Oktober 1965 hebt die Vollversammlung der Kardinäle des Heiligen Offiziums alle früheren Beschlüsse gegen Josef Kentenich auf. Zwei Tage danach bestätigt Paul VI. den Beschluss der Kardinäle des Offiziums.

Zeichen für die Zukunft

Den großen Tag des feierlichen Abschlusses des Konzils am 8. Dezember 1965 nutzt Pater Kentenich zusammen mit den Verantwortlichen seiner weltweiten Gründung dazu, ein Zeichen für die Zukunft zu setzen. Es wird der Tag der symbolischen Grundsteinlegung für ein Schönstattheiligtum und -zentrum in Rom. Am 16. November hatte ihm das Generalpräsidium des Internationalen Schönstattwerkes zu seinem 80. Geburtstag ein großes Geschenk gemacht. Die Spitzen der im Präsidium vertretenen Gemeinschaften hatten dem Gründer versprochen, in Rom ein Schönstattheiligtum und -zentrum zu errichten. Das Romheiligtum sollte ein Symbol sein für die wiedererlangte Freiheit des Gründers, die Einheit des Werkes und die Sendung für die Kirche, wie Weihbischof Heinrich Tenhumberg bei der Feier des Geburtstages ausführt.

Schon viele Jahre zuvor hatte unser Gründer nach Rom gedrängt. Bereits 1947 machte er sich auf die Suche nach einer Möglichkeit, in der Nähe von Castel Gandolfo eine MTA-Kapelle zu errichten. Im Kontext der Seligsprechung von Vinzenz Pallotti im Jahre 1950 ist wiederum von Überlegungen und Bemühungen des Gründers die Rede, in Rom selbst auf dem Monte Cucco oder im Garten des Generalates der Pallottiner ein Schönstatt-Heiligtum zu bauen. Bei einem Kurs der Marienschwestern entsteht in diesen Jahren die Idee und die Sehnsucht, in den Vatikanischen Gärten ein Heiligtum zu errichten. Immer geht es darum, den Lebensaufbruch und die Sendung Schönstatts nach Rom zu tragen und der Kirche anzubieten.

Zum feierlichen Schlussakt des Konzils sind die Vertreter des Generalpräsidiums und Mitbrüder des jungen Priesterverbandes auf dem Petersplatz. Sie haben einen kleinen Bildstock mit dem Bild der Dreimal Wunderbaren Mutter von Schönstatt bei sich. Sie stehen in der großen betenden Menge mit dem Wunsch, dass der Segen des Heiligen Vaters zum Abschluss des Konzils darauf fallen möge. Am gleichen Nachmittag hat der Gründer im Haus der Mainzer Vorsehungsschwestern in der Via Giovanni Eudes zu einem Vortrag eingeladen, in dem er grundlegend zur Bedeutung des künftigen Romheiligtums Stellung nimmt. Der Gründer verstand diesen Vortrag als Ansprache zur „symbolischen Grundsteinlegung“ des Romheiligtums. Mehrere Beteiligte äußerten im Nachhinein den Eindruck, dass dieser Vortrag vom 8. Dezember 1965 in seiner Dichte und in der engagierten Weise, wie der Gründer ihn vorgetragen hatte, als eine „Gründungsurkunde“ zu werten sei, was er auf Rückfrage deutlich bestätigte.

Gleichschaltung mit dem Konzil

Der Gründer will die kirchengeschichtliche Stunde aufgreifen und seine Gründung einbringen und einschalten in den Schlussakt des Konzils. Dahinter steht die oben angesprochene Überzeugung, dass entscheidende Anliegen des Konzils in der Geschichte der Schönstattbewegung eine tragende Rolle gespielt haben und zur Entfaltung gekommen sind. Er ist überzeugt, dass die Sendung Schönstatts in der Zeit vor dem Konzil mit der Sendung der Kirche nach dem Konzil zutiefst übereinstimmt und zusammengehört. Deshalb ist ihm die Ein- und Gleichschaltung mit dem Konzil ein großes Anliegen.

Matri Ecclesiae

Bei seinem Vortrag am Nachmittag des 8. Dezember knüpft Pater Kentenich an die Segnung des Grundsteines für den Bau einer neuen großen Marienkirche an, die Papst Paul VI. bei der Schlussfeier auf dem Petersplatz am Vormittag vollzogen hat. Der Grundstein trägt die Aufschrift MATRI ECCLESIAE und nennt die Mutter der Kirche als Patronin der geplanten Marienkirche. Diesen Namen greift der Gründer auf und bestimmt ihn zum Namen für das künftige Romheiligtum. In dieser Formulierung liegt eine doppelte Bedeutung, die sehr bewusst gewählt ist und später immer wieder ausgedeutet wurde. „Mater Ecclesiae“ ist zunächst der Titel, den Papst Paul VI. zum Abschluss der dritten Sessio des Konzilsder Gottesmutter in feierlicher Weise gegeben hat. Zuvor war es zu erheblichen Auseinandersetzungen und Spannungen gekommen um die Frage, ob das Konzil die Aussagen über die Gottesmutter in das Dokument über die Kirche integrieren oder in einem eigenen Dokument behandeln sollte. In der Formulierung MATRI ECCLESIAE ist in diesem Sinn die Widmung der künftigen Kirche ausgedrückt. Sie soll Maria, der Mutter der Kirche, geweiht sein. Auf eine zweite Weise kann aber diese grammatikalische Form auch in dem Sinn verstanden werden, dass von der „Mutter Kirche“ gesprochen ist. Damit ist die Kirche in ihren mütterlichen Zügen gemeint, die bereits von den Kirchenvätern mit den mütterlichen Zügen Marias in Beziehung gesetzt wurden und zusammengesehen werden können.

Züge des neuen Kirchenbildes

Griffsicher wertet Josef Kentenich die Auseinandersetzung um das Kirchenbild und die Konstitution über die Kirche als das Mittel- und Herzstück des soeben zuende gegangenen Konzils. Er ist sich sehr gewiss, dass die Kirche im Konzil ein neues Bild von sich gewonnen hat und dieses Bild sich durchaus unterscheidet vom früheren Erscheinungsbild und Selbstverständnis der Kirche. Er fasst den Unterschied in das Bild vom Fels, der nicht starr bleibt. Der Fels ist in Bewegung geraten. Der Fels ist zum pilgernden Felsen geworden. Auf einmal gewinnt auch das alte Bild vom Schiff wieder neue Aussagekraft. Die Kirche macht sich auf den Weg und wagt sich hinaus auf die hohe See. Josef Kentenich konstatiert dieses neue Erleben der Kirche. Er begrüßt es, dass die Kirche sich auf den Weg macht und im Konzil ein neues Selbstverständnis und eine neue Grundeinstellung gefunden hat.

In gewinnender Weise arbeitet er dann für seine Zuhörer die Züge der Kirche heraus, wie sie ihm in den Dokumenten des Konzils entgegentritt. Ganz aus dem Geist von Lumen Gentium beginnt er Züge der erneuerten Kirche zu skizzieren.

  • „Das ist eine Kirche, die auf der einen Seite tief innerlich beseelt traditionsgebunden ist, aber auf der anderen Seite ungemein frei, gelöst von erstarrten traditionsgebundenen Formen.“
  • „Das ist eine Kirche, die in überaus tiefgreifender Brüderlichkeit geeint, aber auch gleichzeitig hierarchisch, ja väterlich gelenkt und regiert wird.“
  • „Das ist eine Kirche, die die Sendung hat, die Seele der heutigen und der kommenden Kultur und Welt zu werden.“
  • Mit besonderer Liebe zeichnet er sodann das marianische Antlitz der Kirche. Die neue Kirche wird eine marianische Kirche sein. Maria ist „Muster und Mutter der Kirche“.
  • Später in einem Vortrag über das Kirchenbild nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil am 2. Februar 1966 ergänzt er die Charakterisierung der erneuerten Kirche. Es ist ihm wichtig, dass es „eine arme Kirche“ wird, „die mehr und mehr Abschied nimmt vom gebräuchlichen Pomp“ und eine „Freundin der Armen ist und nicht ständig beim Staate bettelt um Wohlwollen und Wohlgefallen“.
  • Eine Kirche, die sich nicht verlässt auf Reichtum und politische Macht, wird auf eine ganz neue Weise offen sein für das Wirken des Geistes. So zeichnet er „eine Kirche, die durch und durch vom Heiligen Geist regiert wird“.
  • Schließlich beschreibt er das Ideal einer „demütigen Kirche, die sich selber als schuldig bekennt und den Mut hat, um Verzeihung zu bitten“.

Diese Züge der erneuerten Kirche werden im Folgenden jeweils nach einer kurzen Hinführung des Herausgebers mit ausgewählten Texten Josef Kentenichs vorgestellt.

Aus:
Dr. Peter Wolf (Hrsg.)
Erneuerte Kirche in der Sicht Josef Kentenichs
Ausgewählte Texte
Patris-Verlag, Vallendar-Schönstatt

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Siehe ferner: