Papst: Spaltungen der Kirche sind Verletzungen am Leib Christi

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Papst Franziskus mit Patriarch Elia II.

Spaltungen in der Kirche sind Wunden am Leib Christi selber. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag Nachmittag in Anwesenheit vom georgisch orthodoxen Patriarchen Elia II.. Franziskus besucht trotz aller Widrigkeiten das spirituelle Zentrum der orthodoxen Kirche des Landes, die Kathedrale von Patriarch Elia in Mtsketa, der historischen Hauptstadt Georgiens. Hier wird der orthodoxen Tradition zufolge die Tunika Christi aufbewahrt – eine Konkurrenz zum „Heiligen Rock“ von Trier also. Das ensprechende Fest wird alljährlich am 1. Oktober begangen, also genau am Tag des Papstbesuchs.

Hand in Hand betraten Papst und Patriarch die von Kerzenlicht und himmlischem Gesang erfüllte Kathedrale; Seite an Seite nahmen sie Platz. Elia II. ging mit keinem Wort auf die Gründe ein, aus denen er am Vormittag doch keine Delegation zur Papstmesse geschickt hatte, stattdessen sprach er von der hl. Sidonie, von der Unbill, die die georgische Kirche durch Invasoren im Lauf der Jahrhunderte erlitten hat, und er zitierte einen orthodoxen Denker mit den Worten: „Christus wurde gekreuzigt für alle, aber Georgien wurde gekreuzigt für Christus.“ Er versicherte dem Papst seine „Liebe“ und bemerkte abschließend: „Unsere Einheit besteht im wahren Glauben.“

Franziskus nannte dann bereits im ersten Satz seiner Ansprache seinen Besuch in dieser Kathedrale den „Höhepunkt“ seiner Pilgerreise nach Georgien. Er sprach Elia II. direkt an: „Heiligkeit, mir kommen die Psalmworte in den Sinn: ‚Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen. Das ist wie köstliches Salböl, das vom Kopf hinabfließt‘ (Ps 133,1-2). Lieber Bruder, möge der Herr, der uns die Freude bereitet hat, einander zu begegnen und mit dem heiligen Kuss zu begrüßen, über uns das duftende Salböl der Eintracht ausgießen und unseren Weg und den Weg dieses geschätzten Volkes mit reichen Gnaden überströmen.“ Diesen Wunsch führte er weiter aus, indem er die georgische Sprache für ihre Vielfalt bewunderte. Es gebe so viele Ausdrücke für Brüderlichkeit, Freundschaft und die Nähe zwischen Menschen.

Nicht nur die Sprache Georgiens benutzte Franziskus, um für Offenheit füreinander zu plädieren. Auch die Geschichte eines der ältesten christlichen Landes nutzte er für seine Argumentation. Er verglich sie mit einem Buch, das auf jeder Seite von heiligen Zeugen berichtet, die das Land geprägt haben. „Gleichwohl erzählt dieses kostbare Buch auch von Gesten großer Offenheit, Aufnahme und Integration. Das sind unschätzbare und stets geltende Werte, für dieses Land und für die gesamte Region. Es sind Schätze, welche die christliche Identität gut zum Ausdruck bringen. Diese bleibt als solche erhalten, wenn sie fest im Glauben verankert und zugleich immer offen und ansprechbar ist, niemals starr und verschlossen.“ Hier spielte Franziskus auf die Tatsache an, dass das Volk der Georgier immer schon ein Händlervolk war, offen für andere Kulturen und Heimat für Minderheiten. Die christliche Kultur, die der Apostel Andreas selbst in das Land gebracht haben soll und die im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, ist im Laufe der Jahrhunderte identitätsstiftend geworden, betonte Franziskus.

Dass in der Kathedrale die Tunika Christi verehrt wird, gab dem Papst dann die Vorlage, um auf die Einheit der Christen zu sprechen zu kommen. „Der Heilige Rock, ein Geheimnis der Einheit, ermahnt uns, tiefen Schmerz über die Spaltungen zu empfinden, die sich im Laufe der Geschichte zwischen den Christen vollzogen haben: Es sind regelrechte Risswunden, die dem Leib des Herrn zugefügt wurden. Doch die „Einheit, die von oben kommt“, und die Liebe Christi, der uns zusammengeführt hat, indem er uns nicht nur sein Gewand, sondern seinen eigenen Leib schenkte, drängen uns zugleich, nicht aufzugeben und uns nach seinem Beispiel selbst als Opfer darzubringen (vgl. Röm 12,1)“, appellierte Franziskus. Es gelte, die Ökumene zwischen den verschiedenen Konfessionen voranzutreiben, ohne die Schuld bei jemandem zu suchen.

Zum Schluss landete Franziskus’ Ansprache beim Ursprung des Christentums, beim ersten großen Völkermissionar: Paulus. „Der Apostel Paulus bestätigt ja, dass alle, die auf Christus getauft sind, Christus gleichsam als Gewand angezogen haben (vgl. Gal 3,27). Darum sind wir trotz unserer Grenzen und jenseits jeder späteren geschichtlichen und kulturellen Unterscheidung berufen, ‚ „einer“ in Christus Jesus ‚ (Gal 3,28) zu sein und nicht die Unstimmigkeiten und die Trennungen unter den Getauften an die erste Stelle zu setzen, denn was uns eint, ist wirklich viel mehr als das, was uns trennt.“ Und deswegen setze er, so der Papst, bei der Suche nach der Einheit auf die Fürsprache der heiligen Brüder Petrus und Andreas: der eine Patron der römisch-katholischen, der andere der Patron der georgisch-orthodoxen Kirche.

(rv 01.10.2016 pdy/sk)

Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

Papstrede an Georgiens Patriarchen – Volltext

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Es ist für mich eine große Freude und eine besondere Gnade, Eurer Heiligkeit und Seligkeit sowie den ehrwürdigen Metropoliten, Erzbischöfen und Bischöfen des Heiligen Synods zu begegnen. Ich grüße den Herrn Ministerpräsidenten und Sie, werte Vertreter aus der Welt der Wissenschaft und der Kultur.

Eure Heiligkeit, Sie haben eine neue Seite in den Beziehungen zwischen der Orthodoxen Kirche Georgiens und der Katholischen Kirche aufgeschlagen, als Sie den ersten historischen Besuch eines georgischen Patriarchen im Vatikan machten. Bei diesem Anlass haben Sie und der Bischof von Rom einander den Friedenskuss gegeben und versprochen, füreinander zu beten. So konnten die bedeutsamen Bande, die seit den ersten Jahrhunderten des Christentums zwischen uns bestehen, gefestigt werden. Diese Bande haben sich entwickelt und sind weiter respektvoll und herzlich. Dies zeigen auch der herzliche Empfang, der hier meinen Gesandten und Vertretern bereitet wurde, die Studien- und Forschungstätigkeiten im Vatikanischen Archiv und an den Päpstlichen Universitäten seitens georgisch-orthodoxer Gläubiger, die Präsenz einer Ihrer Gemeinden in Rom, die in einer Kirche meiner Diözese zu Gast ist, und die Zusammenarbeit vor allem auf kulturellem Gebiet mit der örtlichen katholischen Gemeinde. Ich bin als Pilger und Freund in dieses gesegnete Land gekommen, während für die Katholiken das Heilige Jahr der Barmherzigkeit seinem Höhepunkt zugeht. Auch der heilige Johannes Paul II. war – als erster der Nachfolger Petri – in einem sehr bedeutenden Augenblick hierhergekommen, an der Schwelle zum Jubiläum des Jahres 2000. Er war gekommen, um die »engen und tiefen Bande« mit dem Stuhl von Rom zu festigen (vgl. Ansprache bei der Begrüßungszeremonie, 2 [Tiflis, 8. November 1999]: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 29, Nr. 50 [10. Dezember 1999], S. 8) und um daran zu erinnern, wie sehr am Anfang des dritten Jahrtausends »der Beitrag Georgiens – dieser uralten Wegscheide der Kulturen und Traditionen – bei der Errichtung […] einer Zivilisation der Liebe« notwendig ist (Ansprache im Patriarchenpalais, 3 [Tiflis, 8. November 1999]: L’Osservatore Romano [dt.] Jg. 29, Nr. 50 [10. Dezember 1999], S. 9).

Die göttliche Vorsehung lässt uns nun wieder zusammentreffen. Angesichts einer Welt, die nach Barmherzigkeit, Einheit und Frieden dürstet, verlangt sie von uns, dass diese Bande zwischen uns frischen Schwung und neues Feuer erhalten. Der Friedenskuss und unsere brüderliche Umarmung sind schon ein beredtes Zeichen davon. Die Orthodoxe Kirche Georgiens, die in der apostolischen Verkündigung wurzelt, insbesondere in der Gestalt des Apostels Andreas, und die Kirche von Rom, die auf das Martyrium des Apostels Petrus gegründet ist, haben so die Gnade, heute im Namen Christi und zu seiner Ehre die Schönheit der apostolischen Brüderlichkeit zu erneuern. Denn Petrus und Andreas waren Brüder: Jesus rief sie, die Netze liegenzulassen und gemeinsam Menschenfischer zu werden (vgl. Mk 1,16-17). Geliebter Bruder, lassen wir uns wieder neu vom Herrn Jesus anschauen, lassen wir uns weiter von seiner Einladung anziehen, das zurückzulassen, was uns davon abhält, gemeinsam Verkünder seiner Gegenwart zu sein.

Dabei unterstützt uns jene Liebe, die das Leben der Apostel veränderte. Es ist die Liebe ohnegleichen, die der Herr verkörperte: »Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt« (Joh 15,13), und die er uns geschenkt hat, damit wir einander lieben, so wie er uns geliebt hat (vgl. Joh 15,12). Diesbezüglich scheint der große Dichter dieses Landes manche seiner berühmten Worte auch an uns zu richten: » Hast du gelesen, wie die Apostel über die Liebe schreiben, von ihr sprechen, sie loben? Erkenne es, wende deinen Sinn diesen Worten zu: Die Liebe richtet uns auf « (SCHOTA RUSTAWELI, Der Recke im Tigerfell, Tiflis 1988, Stanze 785). Tatsächlich richtet uns die Liebe des Herrn auf, da sie uns erlaubt, uns über die Missverständnisse der Vergangenheit, über die Berechnungen der Gegenwart und über die Angst vor der Zukunft zu erheben.

Das georgische Volk hat die Jahrhunderte hindurch die Größe dieser Liebe bezeugt. In ihr hat es die Kraft gefunden, sich nach unzähligen Prüfungen wieder aufzurichten; in ihr hat es sich bis zu den Gipfeln einer außerordentlichen künstlerischen Schönheit erhoben. Denn ohne die Liebe, wie ein anderer großer Dichter geschrieben hat, » herrscht die Sonne nicht am Himmelszelt « und » gibt es weder Schönheit noch Unsterblichkeit « für den Menschen (G. TABIDZE, „Ohne Liebe“, in: Galaktion Tabidze, Tiflis 1982, 25). In der Liebe findet die unsterbliche Schönheit Ihres kulturellen Erbes, das sich auf vielfältige Weise ausdrückt – wie zum Beispiel in der Musik, der Malerei, der Architektur und dem Tanz –, ihren Seinsgrund. Sie, geschätzter Bruder, haben ihr einen würdigen Ausdruck verliehen, vor allem durch die Abfassung edler heiliger Hymnen; einige davon existieren sogar in lateinischer Sprache und sind der katholischen Tradition besonders teuer. Diese Hymnen bereichern Ihren Glaubens- und Kulturschatz, der ein einzigartiges Geschenk an die Christenheit und an die Menschheit darstellt und der allgemein eine größere Bekanntheit und Wertschätzung verdient.

Die ruhmreiche Geschichte des Evangeliums in diesem Land verdankt sich insbesondere der heiligen Nino, die den Aposteln gleichgestellt wird: Sie verbreitete den Glauben mit dem besonderen Zeichen eines aus dem Holz eines Weinstocks gefertigten Kreuzes. Es handelt sich nicht um ein nacktes Kreuz, denn das Bild des Weinstocks – neben seiner hervorragenden Frucht in diesem Land – repräsentiert den Herrn Jesus. Er ist ja »der wahre Weinstock« und er bat seine Apostel, in ihm fest eingepfropft zu bleiben wie die Reben, um Frucht zu bringen (vgl. Joh 15,1-8). Damit aber das Evangelium auch heute Frucht bringt, wird von uns verlangt, geliebter Bruder, dass wir noch fester im Herrn bleiben und untereinander eins sind. Die große Schar von Heiligen, die dieses Land zählt, ermutigt uns, das Evangelium über alles zu stellen und es zu verkündigen wie in der Vergangenheit, ja mehr als in der Vergangenheit, frei von den Schlingen vorgefasster Meinungen und offen gegenüber der ewigen Neuheit Gottes. Die Schwierigkeiten mögen keine Hindernisse darstellen, sondern Anreiz sein, uns besser kennen zu lernen, den Lebenssaft des Glaubens zu teilen, das Gebet füreinander zu intensivieren und in apostolischer Liebe im gemeinsamen Zeugnis zusammenzuarbeiten zur Ehre Gottes im Himmel und im Dienst des Friedens auf Erden.

Das georgische Volk liebt es, die kostbarsten Werte zu feiern und dabei mit der Frucht des Weinstocks anzustoßen. Gemeinsam mit der Liebe, die aufrichtet, wird der Freundschaft eine besondere Rolle vorbehalten. » Wer keinen Freund zu finden sich bemüht, der ist sich selbst der allerschlimmste Feind «, sagt wiederum der Dichter (SCHOTA RUSTAWELI, Der Recke im Tigerfell, Tiflis 1985,Stanze 847). Ich möchte ein echter Freund dieses Landes und seines geschätzten Volkes sein, welches das Gute nicht vergisst, das es empfangen hat, und dessen gastfreundliche Natur sich mit einem wirklich hoffnungsvollen Lebensstil verbindet, selbst inmitten der nie fehlenden Schwierigkeiten. Auch diese positive Haltung findet ihre Wurzeln im Glauben, der die Georgier dazu anleitet, am eigenen Tisch den Frieden für alle zu erbitten und sogar der Feinde zu gedenken.

Mit dem Frieden und der Vergebung sollen wir unsere wahren Feinde besiegen, die nicht aus Fleisch und Blut sind, sondern die bösen Geister außerhalb von uns und in uns (vgl. Eph 6,12). Dieses gesegnete Land ist reich an tüchtigen Helden gemäß dem Evangelium, die wie der heilige Georg das Böse zu überwinden wussten. Ich denke an die vielen Mönche und insbesondere an die zahlreichen Märtyrer, deren Leben »durch den Glauben und die Geduld« gesiegt hat (Ioane SABANISZE, Martyrium des Abo, III): Ihr Leben ist durch die Kelter des Leids gegangen und blieb doch mit dem Herrn vereint; so hat es österliche Frucht gebracht, als es den Boden Georgiens mit aus Liebe vergossenem Blut getränkt hat. Ihre Fürsprache bringe den vielen Christen, die auch heute noch in der Welt Verfolgung und Schmähung erleiden, Linderung und stärke in uns den edlen Wunsch, brüderlich vereint zu sein, um das Evangelium des Friedens zu verkünden.

(rv 30.09.2016 sk)

Der Papst im Patriarchenpalais: „Die Liebe richtet uns auf“

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Franziskus mit seinem Geschenk, dem Codex Pauli für den georgischen Patriarchen.

Papst Franziskus hat bei seinem Besuch am Sitz des orthodoxen Patriarchen in Tiflis die Brüderlichkeit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche bekräftigt. „Angesichts einer Welt, die nach Barmherzigkeit, Einheit und Frieden dürstet, verlangt sie von uns, dass diese Bande zwischen uns frischen Schwung und neues Feuer erhalten. Der Friedenskuss und unsere brüderliche Umarmung sind schon ein beredtes Zeichen davon.“

Das Verhältnis der georgisch-orthodoxen Kirche zu den orthodoxen Schwesterkirchen und anderen christlichen Konfessionen gilt als schwierig. Bei seiner Ankunft am Flughafen von Tiflis war Papst Franziskus von mehreren Dutzend Demonstranten mit Transparenten empfangen worden, die ihn als „nicht willkommen“ bezeichneten. Bereits in den vergangenen Tagen hatten ultrakonservative Anhänger der georgisch-orthodoxen Kirche vor der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls in Tiflis gegen den Papstbesuch protestiert. Patriarch Ilia II. verurteilte diese Kundgebungen.

Der 83-jährige Patriarch, seit 1977 an der Spitze der georgisch-orthodoxen Kirche, sprach seinerseits von einer brüderlichen Verbundenheit der Kirchen von Tiflis und Rom. Die Anwesenheit des Papstes nannte er einen „historischen Besuch“ und eine Stärkung für ganz Georgien. Der Begegnung wohnten auch Vertreter anderer Konfessionen wie etwa der armenischen Kirche sowie Repräsentanten nichtchristlicher Religionen bei.

Papst Franziskus nannte den orthodoxen Patriarchen in seiner Ansprache mehrfach „geliebter Bruder”. „Geliebter Bruder, lassen wir uns wieder neu vom Herrn Jesus anschauen, lassen wir uns weiter von seiner Einladung anziehen, das zurückzulassen, was uns davon abhält, gemeinsam Verkünder seiner Gegenwart zu sein,“ fuhr Franziskus fort.

Unterstützt würden die Kirchen von der Liebe, die der Herr verkörpere. Auch der große Dichter Georgiens aus dem 12. Jahrhundert, Schota Rustaweli, habe von dieser Liebe geschrieben: „Hast du gelesen, wie die Apostel über die Liebe schreiben, von ihr sprechen, sie loben? Erkenne es, wende deinen Sinn diesen Worten zu: Die Liebe richtet uns auf“. Franziskus: „Tatsächlich richtet uns die Liebe des Herrn auf, da sie uns erlaubt, uns über die Missverständnisse der Vergangenheit, über die Berechnungen der Gegenwart und über die Angst vor der Zukunft zu erheben.“

Franziskus schenkte dem Patriarchen einen über 400-seitigen „Codex Pauli“ anlässlich des 2.000. Geburtstages des Völkerapostels Paulus. Darin sind zahlreiche Illustrationen insbesondere aus Manuskripten der Abtei von Sankt Paul vor den Mauern abgebildet. Franziskus hob das kulturelle Erbe Georgiens hervor, das sich auf dieser Liebe gründe, sei es in der Musik, der Malerei, der Architektur und dem Tanz. „Sie, geschätzter Bruder, haben ihr einen würdigen Ausdruck verliehen, vor allem durch die Abfassung edler heiliger Hymnen; einige davon existieren sogar in lateinischer Sprache und sind der katholischen Tradition besonders teuer. Diese Hymnen bereichern Ihren Glaubens- und Kulturschatz, der ein einzigartiges Geschenk an die Christenheit und an die Menschheit darstellt und der allgemein eine größere Bekanntheit und Wertschätzung verdient.“

Franziskus erinnerte an die vielen Mönche und die zahlreichen Märtyrer Georgiens, deren Fürsprache auch heute noch die verfolgten Christen in der Welt tröste. Er erinnerte an die heilige Nino, deren besonderes Zeichen das Kreuz aus dem Holz eines Weinstocks war. „Damit aber das Evangelium auch heute Frucht bringt, wird von uns verlangt, geliebter Bruder, dass wir noch fester im Herrn bleiben und untereinander eins sind.“

(rv 30.09.2016 cz)