BOTSCHAFT VON JOHANNES PAUL II. ZUM WELTTAG DER KRANKEN 2004 

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15 Aout 2004 – 17h00 – ( Jean Paul II à la Grotte de MASSABIELLE )

An den verehrten Bruder
JAVIER Kard. LOZANO BARRAGÁN
Präsident des Päpstlichen Rates für die Pastoral im Krankendienst

1. Der Welttag der Kranken, eine Gedenkfeier, die jedes Jahr auf einem anderen Kontinent begangen wird, hat diesmal eine einzigartige Bedeutung. Sie findet nämlich in Lourdes, in Frankreich, statt, an jenem Ort, an dem die Jungfrau am 11. Februar 1858 erschienen ist und der seit dieser Zeit zum Ziel zahlreicher Pilgerfahrten wurde. Die Muttergottes wollte in dieser Gebirgsregion ihre mütterliche Liebe besonders den Leidenden und Kranken offenbaren. Seither ist sie auch weiterhin mit steter Fürsorge gegenwärtig.

Das Marienheiligtum wurde deshalb ausgewählt, weil im Jahr 2004 der 150. Jahrestag der Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis gefeiert wird. Es war der 8. Dezember 1854, als mein Vorgänger seligen Angedenkens, der sel. Pius IX., mit der dogmatischen Bulle Ineffabilis Deus die Lehre verkündete, »welche festhält, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch die einzigartige Gnade und Bevorzugung des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jeglichem Makel der Urschuld unversehrt bewahrt wurde« (DS 2803). In Lourdes sagte Maria damals in der örtlichen Mundart: »Que soy era Immaculada Councepciou

2. Wollte die Jungfrau mit diesen Worten nicht auch ihre Verbundenheit mit der Gesundheit und dem Leben zum Ausdruck bringen? Wenn durch die Erbsünde der Tod in die Welt kam, so hat Gott durch die Verdienste Jesu Christi Maria vor jeglichem Makel der Sünde bewahrt, und über uns ist das Heil und das Leben gekommen (vgl. Röm 5,12–21).

Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis führt uns ein in die Herzensmitte des Geheimnisses der Erschaffung der Welt und der Erlösung (vgl. Eph 1,4–12; 3,9–11). Gott wollte dem Menschen das Leben in Fülle geben (Joh 10,10), machte jedoch seinen Plan von einer freien und wohlwollenden Antwort abhängig. Mit der Ablehnung dieser Gabe durch den Ungehorsam, der zur Sünde führte, hat der Mensch den lebensnotwendigen Dialog mit dem Schöpfer auf tragische Weise unterbrochen. Dem »Ja« Gottes, Quelle des Lebens in Fülle, stellte sich das »Nein« des Menschen entgegen, erfüllt von hochmütiger Selbstgenügsamkeit als Vorbote des Todes (vgl.Röm 5,19).

Die gesamte Menschheit wurde zutiefst von dieser Verschlossenheit gegenüber Gott erfaßt. Nur Maria von Nazaret wurde im Hinblick auf die Verdienste Christi von jeglichem Makel der Urschuld bewahrt und völlig in den göttlichen Plan aufgenommen, damit der himmlische Vater in ihr das Vorhaben, das er für die Menschen vorgesehen hatte, verwirklichen konnte.

Die Unbefleckte Empfängnis deutet auf die harmonische Verflechtung zwischen dem »Ja« Gottes und dem »Ja« Marias hin, das sie in völliger Hingabe aussprach, als ihr der Engel die Frohe Botschaft überbrachte (vgl. Lk 1,38). Dieses »Ja« im Namen der Menschheit eröffnet der Welt erneut die Pforten zum Paradies dank des Wortes Gottes, das in ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes Fleisch geworden ist (vgl. Lk 1,35). Der ursprüngliche Schöpfungsplan wird auf diese Weise in Christus erneuert und bekräftigt; und in diesem Plan findet auch sie, die Jungfrau und Mutter, Platz.

3. Dies ist der Schlüssel zur Wende der Geschichte: Mit der Unbefleckten Empfängnis Mariens hat das große Erlösungswerk begonnen, das sich im kostbaren Blut Christi verwirklicht hat. In Ihm ist jede Person aufgerufen, sich ganz bis zur Vollkommenheit der Heiligkeit zu verwirklichen (vgl. Kol 1,28).

Die Unbefleckte Empfängnis ist deshalb die verheißungsvolle Morgenröte des strahlenden Tages Christi, der durch seinen Tod und seine Auferstehung die vollkommene Eintracht zwischen Gott und der Menschheit wiederherstellen wird. Wenn Jesus die Quelle des Lebens ist, die den Tod besiegt, so ist Maria die fürsorgliche Mutter, die auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingeht und für sie die Gesundheit an Seele und Körper erwirkt. Das ist die Botschaft, die das Heiligtum von Lourdes fortwährend den Gläubigen und Pilgern vermittelt. Das ist auch die Bedeutung der körperlichen und geistlichen Heilungen, die sich an der Grotte von Massabielle ereignen.

Seit dem Tag, an dem die Jungfrau Bernadette Soubirous erschienen ist, hat Maria an jenem Ort Schmerzen gelindert und Krankheiten geheilt und somit vielen ihrer Kinder das körperliche Wohlbefinden wiedergeschenkt. Weit unvorhersehbarere Wunder hat sie jedoch in den Seelen der Gläubigen gewirkt, indem sie ihre Herzen öffnete für die Begegnung mit ihrem Sohn Jesus als wahre Antwort auf die innerste Sehnsucht des menschlichen Herzens. Der Heilige Geist, der im Augenblick der Menschwerdung des Wortes über sie kam, verwandelt die Seelen zahlloser Kranker, die sich ihr zuwenden. Auch wenn sie die Gabe der körperlichen Heilung nicht erhalten, so empfangen sie stets ein weit wichtigeres Geschenk: die Umkehr des Herzens als Quelle des Friedens und der inneren Freude. Diese Gabe verändert ihr Leben und macht sie zu Aposteln des Kreuzes Christi, Zeichen der Hoffnung, auch angesichts der härtesten und schwersten Prüfungen.

4. In dem Apostolischen Schreiben Salvifici doloris betonte ich, daß das Leiden zur Transzendenz des Menschen gehört, der lernen muß, es zu akzeptieren und es zu bewältigen (vgl. Nr. 2). Aber wie könnte ihm dies gelingen, wenn nicht durch das Kreuz Christi?

Im Tod und in der Auferstehung des Erlösers findet das menschliche Leiden seinen tiefsten Sinn und seinen heilbringenden Wert. All die Last der Bedrängnis und der Schmerzen der Menschheit gründet im Geheimnis eines Gottes, der, indem er für uns Mensch geworden ist, sich erniedrigt und sich »für uns zur Sünde« gemacht hat (2 Kor 5,21). Auf Golgota hat er die Schuld jedes Menschen auf sich genommen, und in seiner Einsamkeit und Verlassenheit zum Vater gerufen: »Warum hast du mich verlassen?« (Mt 27,46).

Vom Paradoxon des Kreuzes leitet sich die Antwort auf unsere bedrängendsten Fragen ab. Christus leidet für uns: Er nimmt das Leid aller auf sich und befreit uns von ihm. Christus leidet mit uns, wodurch er uns ermöglicht, mit ihm unsere Schmerzen zu teilen. In Verbindung mit dem Leiden Christi wird das menschliche Leiden zum Heilswerk. Eben deshalb kann sich der Gläubige den Worten des hl. Paulus anschließen: »Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt« (Kol 1,24). Der im Glauben angenommene Schmerz wird zur Pforte, um in das Geheimnis des erlösenden Leidens des Herrn einzutreten. Es ist ein Leiden, das uns nicht mehr des inneren Friedens und des Glücks beraubt, denn es ist erleuchtet vom Glanz der Auferstehung.

5. Zu Füßen des Kreuzes leidet Maria im Stillen und nimmt so auf besondere Weise an den Qualen ihres Sohnes teil. Sie wird zur Mutter der Menschheit, die bereit ist, Fürsprache einzulegen, damit jeder Mensch das Heil erlangt (vgl. Apostolisches Schreiben Salvifici doloris, 25).

In Lourdes ist es nicht schwer, diese einzigartige Teilhabe der Gottesmutter am heilbringenden Erlösungswerk Christi zu verstehen. Das Wunder der Unbefleckten Empfängnis erinnert die Gläubigen an eine grundlegende Wahrheit: Nur durch die fügsame Mitwirkung am Plan des Vaters ist es möglich, das Heil zu erwirken, denn er wollte die Welt durch den Tod und die Auferstehung seines eingeborenen Sohnes erlösen. Durch das Sakrament der Taufe wird der Gläubige in diesen Heilsplan eingeführt und von der Erbsünde befreit. Krankheit und Tod verlieren – wenn sie auch im irdischen Leben weiter fortbestehen – ihren negativen Sinn. Im Licht des Glaubens wird der körperliche Tod, der vom Tod Christi besiegt ist (vgl. Röm 6,4), zum unumgänglichen Übergang zur Fülle der Unsterblichkeit.

6. In unserer Zeit wurden große Schritte unternommen bei der wissenschaftlichen Erforschung des Lebens, dieses fundamentalen Geschenkes Gottes, dessen Verwalter wir sind. Das Leben muß angenommen, respektiert und verteidigt werden von seinem Beginn an bis zum natürlichen Tod. Mit ihm soll die Familie als Wiege jedes entstehenden Lebens geschützt werden.

Es wird mittlerweile allgemein von der »Gentechnologie« gesprochen, wobei man auf die außerordentlichen Möglichkeiten verweist, die die Wissenschaft bietet, um auf den Ursprung des Lebens einzuwirken. Jeder wahre Fortschritt in diesem Bereich kann nur ermutigt werden, vorausgesetzt, er respektiert immer die Rechte und Würde der Person vom Augenblick der Empfängnis an. Denn niemand darf es sich anmaßen, das Leben eines Menschen wahllos zu zerstören oder zu manipulieren. Es ist der besondere Auftrag der in der Pastoral im Krankendienst tätigen Personen, alle Menschen, die in diesem schwierigen Sektor arbeiten, dahingehend zu sensibilisieren, daß sie ihre Tätigkeit im Dienst am Leben ausführen.

Anläßlich des Welttages der Kranken möchte ich allen danken, die in der Pastoral im Krankendienst arbeiten, besonders den Bischöfen, die in Euren jeweiligen Bischofskonferenzen diesen Sektor betreuen, den Krankenhausseelsorgern, den Pfarrern und allen weiteren Priestern, die in diesem Bereich wirken, den Orden und religiösen Kongregationen, den freiwilligen Helfern und all jenen, die nicht müde werden, ein treues Zeugnis vom Tod und von der Auferstehung des Herrn angesichts von Leid, Schmerz und Tod abzulegen.

Meine Anerkennung möchte ich auf die im Gesundheitswesen Tätigen ausweiten, auf das medizinische und paramedizinische Personal, die Forscher, besonders auf jene, die sich mit der Herstellung von neuen Heilmitteln und der Produktion von schwer zugänglichen Medikamenten auch für weniger begüterte Menschen befassen.

Alle vertraue ich der allerseligsten Jungfrau an, die im Heiligtum von Lourdes in ihrer Unbefleckten Empfängnis verehrt wird. Möge sie jedem Christen helfen, Zeugnis davon abzulegen, daß die einzige wahre Antwort auf den Schmerz, das Leid und den Tod Christus ist, unser Herr, der gestorben und für uns auferstanden ist.

Mit diesen Empfindungen erteile ich Ihnen, verehrter Bruder und allen, die an der Feier des Welttages der Kranken teilnehmen, meinen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, 1. Dezember 2003

JOHANNES PAUL II

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Quelle

DENKEN UND THEOLOGIE VON JOHANNES PAUL II. Eine christliche Auslegung von Schmerz und Leiden

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AUSZÜGE AUS EINEM VORTRAG VON
KARD. JAVIER LOZANO BARRAGÁN

„Das Leiden – Rätsel oder Mysterium?“

Ich wurde gebeten, die großartigen Gedanken des Dieners Gottes Johannes Paul II. über das menschliche Leid darzulegen. Dabei werde ich zunächst zusammenfassend auf einige Daten über die Physiologie des menschlichen Leidens eingehen. Angesichts der Offenheit Johannes Pauls II. gegenüber allen menschlichen Werten schien es mir interessant, auf die zentralen Aspekte von vier Lösungsversuchen, die außerhalb des christlichen Bereichs entwickelt wurden, hinzuweisen und mit ihnen in Dialog zu treten. Da wir uns kurz fassen müssen, wird dies nur schematisch geschehen. Zuerst werden wir ihre wesentlichen Inhalte darstellen und dann versuchen, einige Perspektiven für den Dialog aufzuzeigen. Wir werden diesbezüglich auf den Hinduismus, Buddhismus, Islam und auf die traditionellen Religionen Afrikas zu sprechen kommen.

Das Rätsel des Leidens

Im Apostolischen Schreiben Salvifici Doloris beginnt Papst Johannes Paul II., das Problem des Leidens zu behandeln, ohne dabei zu verheimlichen, daß es sich um etwas Komplexes, Rätselhaftes und Unbegreifliches handelt, etwas, dem man mit tiefstem Respekt, Mitleid und auch mit Furcht zu begegnen hat. Diese Tatsache entbindet allerdings nicht vom Versuch, das Leiden zu verstehen, denn nur so kann man es überwinden.

Im folgenden gibt er einen ersten Hinweis auf die Dimension des Leidens. Er spricht von seinen Ausmaßen und von seinem Subjekt. So merkt er schon zu Beginn an, daß das Unverständnis des Leidens sogar bis zur Leugnung Gottes führen kann.

Der Papst führt aus, daß das Leiden etwas Umfassenderes ist als Krankheit, da es sowohl ein körperliches als auch ein moralisches Leiden gibt (Salvifici Doloris, 5).

Über das persönliche Leiden hinaus gibt es ein gemeinschaftliches, das auf die Irrtümer und Schuld der Menschen und besonders auf die Kriege zurückzuführen ist. In gewissen Situationen nimmt dieses gemeinschaftliche Leiden zu. Das Leiden hat ein Subjekt – es ist der einzelne, der leidet.

Jedoch bleibt das Leiden nicht im Individuum eingeschlossen. Vielmehr ruft es Solidarität mit den anderen leidenden Personen hervor. Der Mensch ist das einzige Wesen, das ein spezifisches Wissen vom Leiden hat. Daher enthält sein Leiden in sich die Herausforderung zur Solidarität (Salvifici Doloris, 8).

Es ist schwierig, die Ursache des Leidens oder des mit dem Leiden verbundenen Übels zu bestimmen. Der Mensch richtet diese Frage an Gott, und wenn er meint, keine Antwort darauf finden zu können, kann es oft dazu kommen, daß er ihn verleugnet (Salvifici Doloris, 9).

Zunächst muß man das Rätsel des Leidens in seiner rechten Dimension sehen; erst dann kann man beginnen, seine Ursache zu suchen.

Papst Johannes Paul II. zufolge besteht das Leiden in der Erfahrung der Abwesenheit des Guten. Das Übel ist der Mangel an Gutem. Somit ist die Ursache des Leidens ein Übel; Leiden und Übel sind in gewisser Weise miteinander identisch.

Da das Übel in einem Mangel besteht, hat es an sich kein positives Sein. Folglich kann es selbst auch keine positive Ursache und kein Prinzip sein. Sein Ursprung liegt in einem bloßen Mangel. Es gibt so viele Übel, wie es Mängel gibt; es bringt Schmerz, Trauer, Niedergeschlagenheit, Enttäuschung und sogar Verzweiflung hervor, je nach Stärke und Tiefe des Übels. Die Welt des Leidens existiert zwar in der Vereinzelung, sie stellt aber zugleich eine Herausforderung zur Solidarität dar. Da sein Prinzip der Mangel ist, drängt sich die Frage auf: Wie kam es zu diesem Mangel, wer hat ihn verursacht?

Auf der Suche nach einer Antwort verläßt der Papst das Gebiet des Rätsels und betritt den Bereich des Mysteriums. Dabei vermeidet er das neblige Dunkel des Mythos und tritt in den wahren Kern des christlichen Glaubens ein.

Für den christlichen Glauben bedeutet das Mysterium kein Dunkel, sondern strahlende Klarheit. Die etymologische Wurzel des Wortes »Mysterium« mag uns ein wenig beim Verständnis helfen: Es leitet sich vom griechischen muo, oder muein ab, was das Schließen der Augen bezeichnet, aber nicht im Sinne von Erblinden, sondern so, wie es sich zum Beispiel einstellt, wenn man direkt in die Sonne schaut. Das Licht blendet uns; das Übermaß an Helligkeit erlaubt uns nicht, nach vorne zu schauen und das Geheimnis des Leidens zu sehen.

Darüber hinaus ist ein christliches Geheimnis nicht nur etwas, das es zu betrachten gilt, sondern auch etwas, das man erfahren muß. Nur in der Erfahrung des Mysteriums kann man in sein Verständnis eindringen. Nur indem man das Geheimnis des christlichen Leidens lebt, kann man ein wenig verstehen, was es bedeutet, und nur so kann man es, wie der Papst zuvor gesagt hat, überschreiten und überwinden. Treten wir nun in die Beschreibung des Leidens ein.

Das Mysterium

Die Themen, die der Papst im Apostolischen Schreiben Salvifici Doloris über das Geheimnis des Leidens behandelt, sind das Übel und das Leiden: Anfängliche Bestimmung – Hinweis auf seine Ursache – Behebung durch Gott – Übel als Quelle des Guten – Überwindung des Übels durch Christus in seinen Wundern: Überwindung der Krankheiten und des Todes – das Übel als Quelle des Guten. Christus nimmt unser Leiden auf sich: Überwindung des Übels und des Leidens – Annahme des Leidens durch den Vater – das Übel ist nicht das Leiden, sondern seine Ursache – durch die Beseitigung der Ursache beseitigt man seine Auswirkungen – das Leiden überwindet das Leiden – unendliches Leiden bedeutet die absolute und völlige Überwindung des Leidens. Menschliches Leiden: Überwindet das menschliche Leiden durch das menschliche Leiden! – Schuld als Ursache des Leidens – liebevolles Paradoxon – die Güte des Leidens – der Austausch des Leidens Christi – Teilhabe am Leiden – Teilhabe am unterdrückenden Leiden – das Leiden lindern – Zusammenfassung des Geheimnisses.

Wir möchten drei Themen betonen, die der Papst auf dem Weg behandelt, der uns in das Geheimnis einführt: das Übel und das Leiden, Christus nimmt unser Leiden auf sich, der Wert menschlichen Leidens. Wir können nur unter der Führung Gottes in dieses Geheimnis eindringen, und so bedient sich Papst Johannes Paul II. der Offenbarung, die es uns ermöglicht, auf unserer Suche nach dem Verständnis des Leidens voranzuschreiten.

Der Papst weist darauf hin, daß im biblischen Sprachgebrauch des Alten Testaments das Leiden und das Übel zunächst gleichgesetzt wurden. Aber dank der griechischen Sprache beginnt man dann besonders im Neuen Testament, Leiden und Übel voneinander zu unterscheiden. Das Leiden ist eine sowohl passive als auch aktive Haltung angesichts eines Übels, oder besser, angesichts der Abwesenheit eines Guten, das man zu besitzen wünscht (Salvifici Doloris, 7).

Im Buch Ijob und in einigen anderen Büchern des Alten Testaments ist davon die Rede, daß die Ursache des Bösen die Überschreitung der von Gott geschaffenen natürlichen Ordnung ist. Leiden und Überschreiten der Ordnung seien ein und dieselbe Sache, oder zumindest sei das Leiden durch die Verstöße gegen die Ordnung verursacht worden. Dies ist die These der Freunde Ijobs (Salvifici Doloris, 10).

Gott weist diese These jedoch zurück und bestätigt Ijobs Unschuld; sein Leiden bleibt ein Geheimnis: Nicht alles Leiden ist auf eine Übertretung zurückzuführen; dies ist eine Prüfung der Gerechtigkeit Ijobs. Es ist eine Vorankündigung der Passion des Herrn (Salvifici Doloris, 11). Des weiteren kann das Leiden eine zur Besserung auferlegte Strafe sein, so daß aus dem Übel etwas Gutes folgt, nämlich Umkehr und die Wiederherstellung des Guten (Salvifici Doloris, 12).

Dann geht Johannes Paul II. einen Schritt weiter und kommt auf die Mitte des Geheimnisses zu sprechen: In seinem sterblichen Leben überwindet Christus den Schmerz durch seine Wunder. Er nimmt den Schmerz aller auf sich und erleidet ihn bewußt am Kreuz (Salvifici Doloris, 16).

Die Antwort kann nur von der Liebe Gottes am Kreuz kommen (Salvifici Doloris, 13). Die Antwort auf das Problem des Leidens gibt Gott, der Vater: Sie besteht in der Tatsache, daß er seinen Sohn »hingibt «. Das Übel ist die Schuld und das Leiden der Tod. Mit seinem Kreuz besiegt er die Schuld und mit seiner Auferstehung den Tod (Salvifici Doloris, 14; vgl. Joh3,16).

Im Lied vom Gottesknecht im Propheten Jesaja sieht man mit fast noch größerer Klarheit als in den Evangelien, was die Passion Christi bedeutet. Sie ist ein erlösendes Leiden. Ihre Tiefe mißt sich an der Tiefe des geschichtlichen Übels in der Welt, und sie ergibt sich aus der Tatsache, daß die Person, die es erleidet, Gott ist (Salvifici Doloris, 17).

Die Antwort, die Christus auf das Übel gibt, enthält das gleiche Argument wie die gestellte Frage: Er antwortet, indem er seine ganze Verfügbarkeit und sein ganzes Mitleid gibt. Seine Gegenwart ist wirksam: sie leistet Hilfe, und sie schenkt sich selbst hin (Salvifici Doloris, 28).

Mit seinem Leiden wird der Mensch in das Leiden Christi aufgenommen. Das Leid ruft Liebe gegenüber dem Leidenden hervor, eine uneigennützige Liebe, die darauf abzielt, ihm zu helfen und ihm Erleichterung zu bringen. In organisierter und institutioneller Form geschieht dies durch die Gesundheitsorganisationen und ihre Angestellten, aber auch durch Freiwillige. Eine solche Tätigkeit ist eine wahre Berufung, besonders wenn sie sich mit der Kirche zu einem christlichen Bekenntnis vereint.

Auf diesem Gebiet ist die Hilfe, die die Familien für ihre kranken Angehörigen leisten, sehr wichtig. Und auch diejenigen fallen unter die Kategorie des barmherzigen Samariters, die nicht nur zugunsten der Kranken handeln, sondern auch, um eine ganze Reihe von Übeln zu beseitigen: All jene, die sich gegen die verschiedenen Formen des Hasses, der Gewalt, der Grausamkeit und gegen jede Art des körperlichen oder seelischen Leidens wenden.

Jeder Mensch muß sich in eigener Person dazu berufen fühlen, seine Liebe im Leiden zu bezeugen, und er darf dies nicht nur den offiziellen Institutionen überlassen (Salvifici Doloris, 29). Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter steht im Einklang mit dem, was Christus beim Jüngsten Gericht sagen wird: »Ich war krank, und ihr habt mich besucht«. Christus selbst ist es, der dem Mann geholfen hat, der unter die Räuber gefallenen ist. Der Sinn des Leidens besteht darin, durch das Leiden Gutes zu wirken und demjenigen Gutes zu tun, der leidet (Salvifici Doloris, 30).

Abschließend hebt Papst Johannes Paul II. hervor, daß sich in Christus das Geheimnis des Menschen offenbart, und daß das Geheimnis des Menschen auf besondere Weise das Geheimnis des Leidens ist. In Christus offenbart sich das Rätsel des Schmerzes und des Todes. Nur in der Liebe können wir die erlösende Antwort finden. Die Schmerzen Marias und der Heiligen mögen uns helfen, diese Antwort zu finden. Und möge sich so das Leiden in eine Quelle der Kraft für die ganze Menschheit verwandeln.

Kommentar

Papst Johannes Paul II. entwickelt seinen Gedankengang in sechs Stufen, in denen er zur Fülle des Geheimnisses des Leidens und des Schmerzes vordringt. Wir können diese Schritte wie folgt zusammenfassen:

Das Leiden ist nicht an sich böse, sondern Auswirkung einer negativen Ursache. Das Übel hat kein positives Sein, vielmehr ist es ein Mangel. Der Mangel erfordert keine positive Ursache; er veranlaßt uns vielmehr danach zu forschen, wer einen solchen Mangel hervorrief.

Der Ursprung des Mangels ist die Sünde. Die vom Menschen begangene Sünde, die verbreitet wird durch die menschliche Solidarität. Die Schuld ist in einem ganz besonderen, solidarischen Kontext durch das Leiden selbst zu beseitigen.

Diese Solidarität kann nur Gott geben. Die Gabe dieser Solidarität ist der Sinn der Inkarnation, sie ist der Sinn Jesu Christi. Christus überwindet die Sünde durch seine Solidarität, durch das Leiden in seinem Leben, durch seine Passion, seinen Tod und seine Auferstehung.

Diese göttliche Handlung ist eine Handlung der Heiligsten Dreifaltigkeit, insofern der Ewige Vater seinen Sohn der Menschheit darbringt, um sie durch das Werk des Heiligen Geistes zu erlösen. Der Heilige Geist ist die Liebe des Vaters und des Sohnes, und nur durch die Liebe des Geistes kann die geheimnisvolle, erlösende Solidarität wahrgenommen werden.

Durch die Solidarität Christi mit der ganzen Menschheit wurde der durch alle Zeiten erlittene menschliche Schmerz von Christus in seiner heilbringenden Passion und in seinem heilbringenden Tod erlitten. So verwandelt sich der menschliche Schmerz, das Leiden, von etwas Negativem zu etwas Positivem, zu einer Quelle des Lebens, und wird somit zu etwas Erlösendem.

In seinem Leiden vereinigt sich ein jeder mit dem Leiden Christi, und auf diese geheimnisvolle Weise wird sein Leiden zur Quelle des Lebens und der Auferstehung. Der Schmerz und das Leiden sind die Tür, durch die wir Christus begegnen und die Gegenwart seines Lebens und seiner Auferstehung erfahren. Dies geschieht durch das Werk des Geistes der Liebe, des Heiligen Geistes. An erster Stelle war es so mit der Jungfrau Maria, aber auch mit allen Heiligen.

Diese endgültige Überwindung des Leidens durch das Leiden führt uns dazu, auch mit einer Reihe uns zur Verfügung stehender Mittel die Überwindung des konkreten Leidens zu erstreben, wie es der barmherzige Samariter getan hat.

Papst Johannes Paul II. führt uns somit in den Kern des Geheimnisses ein, dessen Licht uns blendet. Wir befinden uns in der innigen Gegenwart der Heiligsten Dreifaltigkeit, in der liebevollen Wirklichkeit der Einheit Gottes in der Dreieinigkeit der Personen, und wir nähern uns diesem zentralen Geheimnis der ganzen christlichen Religion nicht auf eine Weise, die abstrakt ist oder die es aus weitem Abstand betrachtet. Vielmehr bedeutet die menschliche Geschichte selbst eine Nähe, in der die Ewigkeit in die Zeit einbricht, und zwar durch die Geschichtlichkeit der Menschwerdung des Wortes, durch seine Geburt, sein Leben, sein Leiden, seinen Tod und seine Auferstehung.

Es ist eine trinitarische und christologische Solidarität, in der sich die absolute Fülle des Lebens durch den Tod verwirklicht, und diese Solidarität heißt »Kreuz« und »Auferstehung«. Wir finden sie im Kern des christlichen Geheimnisses. Dieser Kern wird nur zugänglich, indem er persönlich erfahren wird: Jemand, der dabei unbeteiligt bleibt, kann seine Wirksamkeit nicht entdecken und seine Antwort nicht finden.

Zur Antwort auf das Geheimnis des Übels gelangt man nicht durch bloße theologische Ausführungen, sondern dadurch, daß man das Geheimnis erlebt: Schaut man es fest an, so verdunkelt es sich zwar durch das Übermaß an Licht, es wird uns aber dennoch wirklich, ja man könnte sagen zu einer wirklicheren Wirklichkeit, da es der einzige Weg ist, zum Glück zu gelangen.

Auf diese Weise sind wir beim Kernpunkt des Heils angelangt. Dies ist der Kern des Christentums. Tertullian sagte einst: »Credo quia ineptum«. Die Linderung des Übels durch das Leiden zu erfahren, und zwar durch das grausamste Leiden, die das Kreuz darstellt, das die Summe aller vorstellbaren Leiden ist: Dieses »ineptum« wird zum »aptum«, zum Angemessensten und Vernünftigsten, was wir uns vorstellen können, weil es die einzige Weise ist, das Glück zu erfahren.

Das Geheimnis des Schmerzes geht daher vom »Schmerz-an-sich« zum Geheimnis der Solidarität über. Als Grundeinstellung ist die Solidarität nicht nur eine Sympathie gegenüber den anderen, eine Art soziales Engagement oder das Bewußtsein, dem gleichen Volk, der gleichen Kultur oder der gleichen Nationalität usw. anzugehören, sondern sie bedeutet eine Verbundenheit mit allen menschlichen Wesen, die auf so innerliche Weise erfahren wird, daß sie nicht mehr bloß eine Eigenschaft unserer Existenz ist, sondern vielmehr zu unserer Existenz selbst wird.

Diese Solidarität wird dem vergöttlichten menschlichen Leben als ein Geschenk zuteil, durch das der Mensch Anteil am Geheimnis des Lebens Gottes selbst bekommt. Durch die innere Solidarität zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist ist das Leben Gottes in jeder der göttlichen Personen unendlich vollkommen. Diese unendliche Solidarität ist zugleich unendliche Liebe, die im Heiligen Geist personifiziert ist. Der Heilige Geist ist in unsere Herzen ausgegossen; er ist die grenzenlose Liebe, die Gott selbst ist. Das Geheimnis des Leidens ist im Geheimnis der Liebe enthalten, im Geheimnis des Heiligen Geistes.

Somit wird das Geheimnis des liebenden Leidens Teil der Struktur des Geheimnisses des menschgewordenen Gottes: Der Sohn wird Mensch durch das Werk des Heiligen Geistes. Da Christus das Urbild jedes Menschen ist, tritt der Heilige Geist, die Liebe Gottes, das erlösende Leiden in die objektive, nennen wir sie ontologische Struktur der Menschheit ein.

Aber auch wenn dieses Geheimnis zu unserem objektiven Sein gehört, ist seine Objektivität nicht kalt, sondern von einem Höchstmaß an liebevoller Subjektivität, da es von unserem freien Willen abhängt, in welchem Maße wir dieses Geheimnis annehmen oder ablehnen. Wenn wir es annehmen, werden wir durch das liebende Leiden im vollsten Sinne menschlich; wenn wir es ablehnen, zerstören wir uns durch das haßerfüllte Leiden selbst als Menschen.

Papst Johannes Paul II. ist sich der Schwierigkeit, so zu denken, bewußt, und daher betont er, daß die Wirklichkeit des solidarischen Leidens sich nur durch die Auferstehung erschließt. Wir können unsere liebevolle Solidarität mit dem leidenden Christus am Kreuz von unserer Solidarität mit dem auferstandenen Christus her verstehen, der das Höchstmaß an Leben ist. So wie im auferstandenen Christus und in seiner Auferstehung die Auferstehung der Menschheit einbegriffen ist – aller und eines jeden von uns –, so sind auch im Leiden Christi die Leiden und die Schmerzen aller und eines jeden von uns eingeschlossen. Zwischen der Auferstehung und dem Kreuz gibt es keine Trennung, sondern vielmehr eine Konvergenz, sowohl in Christus als auch in uns. Aus diesem Grund sagt Johannes Paul II., daß Christus in seinem auferstandenen Leib die Zeichen seiner Marter trägt.

Auf diese Weise verwirklicht sich und nur so versteht man, was sonst ein unerträgliches Paradoxon wäre, ein Skandal und eine Torheit: wie das Kreuz herrlich ist, das heißt wie das Kreuz vom am meisten gefürchteten Übel – vom absoluten Tod – zum herrlichen Anfang der ganzen zweiten Schöpfung wird. Das Nichts, aus dem diese neue Welt des Glücks entspringt, die das endgültige Paradies bedeutet, ist kein unschuldiges Nichts, sondern ein schuldiges Nichts, das größte Übel, die Schuld, die ins Kreuz einmündet. Und vom Kreuz, wenn auch nicht kraft des Kreuzes, sondern kraft der Allmacht des Vaters und durch die liebende Solidarität des Geistes, erschafft das menschgewordene Wort in uns den authentischen Adam wieder neu, den wahren Menschen, wie Gott ihn von Ewigkeit her erdacht hat, so daß wir wahrhaft menschlich sein können.

Schluß

Die einzige Weise, das Rätsel des Schmerzes und des Leidens zu entschlüsseln, ist der Weg der Liebe. Es ist eine Liebe, die fähig ist, das Nichts in volle Wirklichkeit zu verwandeln; sie ist in der Lage, den Mangel an Sinn und Richtung, die radikale Antikultur, den Widerspruch, den Tod in Fülle an Sinn und Richtung, in erbauende Kultur, in freudige Bejahung, in Leben zu verwandeln, die Torheit und Dummheit wird zu Weisheit und Besonnenheit. Es ist die innige Solidarität der triumphierenden Liebe, die in der liebevollen Solidarität mit dem schrecklichsten, todbringenden Leiden aufersteht. Es ist der Sieg über den Tod.

So führt uns der Diener Gottes Johannes Paul II. dazu, den Sinn des menschlichen Leidens auf eine geheimnisvolle, »blendende« Weise zu erforschen, was aber eine gültige Perspektive ist. Das Rätsel wird schließlich zum Mysterium. Es handelt sich um ein freudiges und helles Geheimnis voller Glück. Es ist ein Paradoxon, das durch die allmächtige Liebe des himmlischen Vaters vernunftgemäß wird. Diese Liebe ist sein Geist und hat ihre Wirksamkeit im Höhepunkt der menschlichen Geschichte, wenn sie uns die innige Solidarität aller Menschen im Osterfest des menschgewordenen Wortes gewährt.

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Quelle