Johannes Paul II.: Predigt im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit

Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes in Krakau-Lagiewniki

APOSTOLISCHE REISE NACH POLEN

WEIHE DES NEUEN HEILIGTUMS DER GÖTTLICHEN BARMHERZIGKEIT

PREDIGT DES HEILIGEN VATERS JOHANNES PAUL II. 

Krakau-Łagiewniki
Samstag, 17. August 2002

 

»O unbegreifliche und unergründliche Barmherzigkeit Gottes,
wer vermag dich würdig zu ehren und zu rühmen?
Du größte Eigenschaft des Allmächtigen Gottes,
Du süße Hoffnung des sündigen Menschen
«
(Tagebuch, 951).

Liebe Brüder und Schwestern! 

1. Heute wiederhole ich diese einfachen und aufrichtigen Worte der hl. Faustyna, um gemeinsam mit ihr und mit euch allen das unbegreifliche und unergründliche Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit zu verehren. Ebenso wie sie wollen auch wir bekennen, daß es für den Menschen keine andere Quelle der Hoffnung als das Erbarmen Gottes geben kann. In tiefem Glauben wiederholen wir: Jesus, ich vertraue auf dich!

Diese Botschaft, die das Vertrauen auf die allmächtige Liebe Gottes zum Ausdruck bringt, brauchen wir vor allem in der heutigen Zeit, in der der Mensch mit Verwirrung den zahlreichen Formen des Bösen gegenübersteht. Die flehentliche Bitte um das göttliche Erbarmen muß aus der Tiefe der Herzen kommen, die voller Leid, Angst und Unsicherheit sind, gleichzeitig aber nach einer untrüglichen Quelle der Hoffnung suchen. Daher sind wir heute an diesen Ort gekommen, zum Heiligtum von Lagiewniki, um in Christus das Antlitz des Vaters wiederzuentdecken:das Antlitz dessen, der »Vater des Erbarmens und der Gott allen Trostes« (2 Kor1,3) ist. Mit den Augen der Seele wollen wir fest in die Augen des barmherzigen Jesus schauen, um in der Tiefe dieses Blickes den Widerschein seines Lebens sowie das Licht der Gnade zu finden, das wir schon so oft empfangen haben und das uns Gott jeden Tag und am letzten Tag erweist. Zeit und Raum gehören vollkommen Gott

2. Nun werden wir dieses neue Heiligtum der Barmherzigkeit Gottes weihen. Doch zuvor möchte ich all jenen herzlich danken, die zu seiner Errichtung beigetragen haben. Insbesondere danke ich Kardinal Franciszek Macharski, der sich in treuer Verehrung der göttlichen Barmherzigkeit so sehr für dieses Vorhaben eingesetzt hat. Von Herzen umarme ich die Schwestern aus der Kongregation der Muttergottes von der Barmherzigkeit und danke ihnen für ihr Wirken zur Verbreitung der von Schwester Faustyna hinterlassenen Botschaft. Ferner grüße ich die Kardinäle und Bischöfe Polens mit ihrem Oberhaupt, dem Kardinalprimas, sowie die Bischöfe aus verschiedenen Teilen der Welt. Die Anwesenheit der Priester, Ordensleute und Seminaristen der Diözese erfüllt mich mit Freude.

Von Herzen grüße ich alle Teilnehmer an dieser Feier, insbesondere die Vertreter der Stiftung für das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit, die sich um die Bauarbeiten gekümmert hat, sowie das Personal der verschiedenen Unternehmen. Ich weiß, daß viele der hier Anwesenden diesen Bau in materieller Hinsicht hochherzig unterstützt haben. Gott möge ihre Großzügigkeit und ihren Einsatz mit seinem Segen belohnen!

3. Brüder und Schwestern! Während wir diese neue Kirche weihen, können wir uns jene Frage stellen, die König Salomon quälte, als er den Tempel von Jerusalem zum Haus Gottes weihte: »Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wieviel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe« (1 Kön 8, 27). Ja, auf den ersten Blick könnte es unangemessen scheinen, einen bestimmten »Raum« mit der Gegenwart Gottes in Verbindung zu bringen. Doch wir sollten uns daran erinnern, daß Zeit und Raum vollkommen Gott gehören. Auch wenn die Zeit und die ganze Welt als sein »Tempel« anzusehen sind, so gibt es dennoch Zeiten und Orte, die Gott wählt, damit die Menschen in ihnen seine Gegenwart und Gnade auf besondere Art und Weise erfahren. Und die Menschen, vom Geist des Glaubens bestärkt, kommen an diese Orte in der Gewißheit, Gott, der in ihnen gegenwärtig ist, wahrhaft gegenüberzutreten.

Mit dem gleichen Glaubensgeist sind sie nach Łagiewniki gekommen, um dieses neue Heiligtum zu weihen in der Überzeugung, daß es ein besonderer Ort ist, den Gott auserwählt hat, um die Gnade seines Erbarmens allen zuteil werden zu lassen. Möge diese Kirche stets ein Ort der Verkündigung der Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes sein, ein Ort der Bekehrung und der Reue, ein Ort der Feier der Eucharistie, Quelle des Erbarmens, ein Ort des Gebets, an dem inständig das Erbarmen für uns und für die ganze Welt erfleht wird. Mit den Worten Salomons bete ich: »Wende dich, Herr, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet. Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, daß dein Name hier wohnen soll. Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet. Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten. Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst. Höre sie, und verzeih!« (1 Kön 8, 28–30).

4. »Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit;denn so will der Vater angebetet werden« (Joh 4, 23). Wenn wir diese Worte des Herrn Jesus im Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit lesen, wird uns in besonderer Weise bewußt, daß man hier einzig und allein im Geist und in der Wahrheit verweilen kann. Es ist der Heilige Geist, Tröster und Geist der Wahrheit, der uns auf den Wegen des göttlichen Erbarmens führt. Er, der die Welt »überführt« und aufdeckt, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist (Joh 16, 8), offenbart gleichzeitig die Fülle des Heils in Christus. Dieses Aufdecken der Sünde steht in einem zweifachen Zusammenhang zum Kreuz Christi. Einerseits ermöglicht uns der Heilige Geist, durch das Kreuz Christi die Sünde, jede Sünde, in der ganzen Dimension des in ihr enthaltenen und verborgenen Bösen zu erkennen. Andererseits ermöglicht uns der Geist, wiederum durch das Kreuz Christi, die Sünde im Licht des »mysterium pietatis« zu sehen, d.h. im Licht der erbarmenden und nachsichtigen Liebe Gottes (vgl. Dominum et vivificantem, 32).

Und so wird das »Aufdecken der Sünde« gleichzeitig zur Überzeugung, daß die Sünden verziehen werden und der Mensch erneut der Würde des von Gott geliebten Sohnes entsprechen kann. »Im Kreuz neigt sich Gott am tiefsten zum Menschen herab … Im Kreuz werden gleichsam von einem heiligen Hauch der ewigen Liebe die schmerzlichsten Wunden der irdischen Existenz des Menschen berührt« (Dives in misericordia, 8). An diese Wahrheit wird stets der Grundstein dieses Heiligtums erinnern, der vom Kalvarienberg stammt; er wurde gewissermaßen unter jenem Kreuz hervorgeholt, auf dem Jesus Christus die Sünde und den Tod besiegt hat.

Ich glaube fest daran, daß dieses neue Heiligtum stets ein Ort sein wird, an dem die Menschen im Geist und in der Wahrheit Gott gegenübertreten. Sie werden mit jenem Vertrauen kommen, das diejenigen stärkt, die demütig ihr Herz dem barmherzigen Wirken Gottes öffnen, mit jener Liebe, die auch die schwerste Sünde nicht besiegen kann. Hier, im Feuer der göttlichen Liebe, brennen die Herzen im Verlangen nach Bekehrung, und jeder, der Hoffnung sucht, wird Trost finden.

5. »Ewiger Vater, ich opfere Dir den Leib und das Blut auf, die Seele und die Gottheit Deines geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, als Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt. Um Seines schmerzhaften Leidens willen habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt« (Tagebuch, 476). Mit uns und mit der ganzen Welt …Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes! Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Haß und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfaßbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.

In diesem Heiligtum möchte ich daher heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, daß die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Schwester Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. Jene Botschaft möge, von diesem Ort ausgehend, überall in unserer geliebten Heimat und in der Welt Verbreitung finden. Möge sich die Verheißung des Herrn Jesus Christus erfüllen: Von hier wird »ein Funke hervorgehen, der die Welt auf Mein endgültiges Kommen vorbereitet« (vgl. Tagebuch, 1732).

Diesen Funken der Gnade Gottes müssen wir entfachen und dieses Feuer des Erbarmens an die Welt weitergeben. Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! Euch, lieben Brüdern und Schwestern, der Kirche in Krakau und Polen und allen, die die Barmherzigkeit Gottes verehren und aus Polen und der ganzen Welt diesen Ort aufsuchen, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!

6. Gott, barmherziger Vater,
der Du Deine Liebe in Deinem Sohn Jesus Christus offenbart
und über uns ausgegossen hast im Heiligen Geist, dem Tröster,
Dir vertrauen wir heute die Geschicke der Welt und jedes Menschen an.

Neige dich zu uns Sündern herab,
heile unsere Schwäche,
besiege alles Böse,
hilf, daß alle Menschen der Erde Dein Erbarmen erfahren,
und in Dir, dem dreieinigen Gott, die Quelle der Hoffnung finden.

Ewiger Vater,
um des schmerzvollen Leidens und der Auferstehung Deines Sohnes willen,
habe Erbarmen mit uns und mit der ganzen Welt!

Amen.

* * *

Am Ende der Eucharistiefeier sagte der Papst:

Zum Abschluß dieses festlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, daß viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg von Borek Falecki nach Debniki, den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen mußte, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, daß dieser Mann mit den Holzpantoffeln eines Tages die Basilika von der Göttlichen Barmherzigkeit in Lagiewniki bei Krakau weihen wird.

Ich freue mich über den Bau dieses schönen Gotteshauses, das der Göttlichen Barmherzigkeit geweiht ist. Ich empfehle der Obhut von Kardinal Macharski, der ganzen Erzdiözese Krakau und den Schwestern der Muttergottes von der Barmherzigkeit das Heiligtum und vor allem dessen geistliche Dimension an. Möge diese Zusammenarbeit bei der Verbreitung der Verehrung des barmherzigen Jesus reiche Früchte des Segens in den Herzen der Gläubigen in Polen und der ganzen Welt hervorbringen.

Der barmherzige Gott segne alle Pilger, die heute und in Zukunft hierherkommen, mit seinen überreichen Gaben.

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Quelle

Papst Franziskus: „Der verlorene Sohn musste nicht erst durch den Zoll“

Audienz Missionare der Barmherzigkeit

Dass der Papst dermaßen auf dem Begriff und der Praxis der Barmherzigkeit insistiert, ist kein Hobby von ihm, sondern führt ins Herz des Evangeliums. Das hat Franziskus an diesem Dienstag bei einer Audienz für mehrere hundert „Missionare der Barmherzigkeit“ aus aller Welt betont.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

„Ich möchte die Lehre unterstreichen, die hinter eurem Dienst steht! Das ist nicht nur so eine Idee: Jetzt machen wir mal diese pastorale Erfahrung, und dann gucken wir mal, wie das läuft – nein. Es ist eine pastorale Erfahrung, die eine wirkliche, eigene Lehre hinter sich hat!“, so der Papst bei dem Treffen am Dienstagvormittag im Vatikan. Gleich nach dem Treffen feierte Franziskus mit den Missionaren der Barmherzigkeit, die sich seit Sonntag im Vatikan aufhalten, einen Gottesdienst, doch zuvor sagte er ihnen bei dem Treffen, dass „Missionare der Barmherzigkeit“ „Mitarbeiter Gottes“ seien. „Die Botschaft, die wir im Namen Christi weitertragen, besteht darin, Frieden mit Gott zu machen. Unser Apostolat ist ein Appell, die Vergebung des Vaters zu suchen und zu empfangen. Gott braucht Menschen, die seine Vergebung und seine Barmherzigkeit in die Welt tragen.“

„Missionare der Barmherzigkeit“ sind Beichtväter mit besonderen Vollmachten. Sie dürfen in der Beichte von Sünden lossprechen, von denen laut Kirchenrecht eigentlich nur der Papst lossprechen darf. Ursprünglich wurde diese Vollmacht nur für die Dauer des „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ 2015-16 erteilt. Doch Franziskus hat sie über das Ende des Heiligen Jahres hinaus verlängert – bis auf weiteres unbefristet.

Auch an diesem Dienstag machte er keine Anstalten, das Mandat auslaufen zu lassen. Stattdessen schrieb er den „Missionaren der Barmherzigkeit“, die in diesen Tagen an einem Kongress im Vatikan teilgenommen haben, ins Stammbuch, „dass die Barmherzigkeit Gottes keine Grenzen kennt“ und dass ihr Dienst „keine Barriere aufstellen darf, die den Zugang zur Vergebung durch den Vater behindern könnte“. „Der verlorene Sohn musste nicht erst den Zoll passieren – er wurde gleich vom Vater aufgenommen, ohne Hindernisse.“

Diese Mission verlange von allen „einen kohärenten Lebensstil“, mahnte Franziskus. „Missionare der Barmherzigkeit“ seien „keine Richter“, sondern selbst Sünder. Wie jeder Christ machten auch sie die Erfahrung, dass Gott sie „mit Barmherzigkeit“ behandle: „Das ist der Schlüssel, um Mitarbeiter Gottes zu werden. Man erfährt Barmherzigkeit und wird in einen Diener der Barmherzigkeit verwandelt.“

Primat der Gnade

Eindringlich wies Papst Franziskus auf den „Primat der Gnade in unserem und im Leben aller Menschen“ hin. Gott warte mit seiner Gnade immer schon auf uns, noch bevor wir auf ihn zugingen – „nicht in universeller Art, sondern in jedem Einzelfall, er geht jedem Einzelnen voraus“. „Wenn sich uns ein Beichtender nähert, dann ist es wichtig und tröstlich zu denken, dass wir da schon die erste Frucht einer Begegnung mit der Liebe Gottes vor uns haben, zu der es schon gekommen ist. Gott hat dem Beichtenden mit seiner Gnade das Herz geöffnet und ihn offen zur Bekehrung gemacht.“ Der Beichtvater müsse nun dafür sorgen, „dass dieses Handeln der Gnade Gottes nicht umsonst war“.

„Leider kann es manchmal passieren, dass ein Priester mit seinem Benehmen den Beichtenden abschreckt, statt ihn näher zu holen. Etwa, indem er die Schritte übersieht, die ein Mensch Tag für Tag macht, und stattdessen nur daran denkt, die Integrität des evangelischen Ideals zu verteidigen. Auf so eine Weise kann man die Gnade Gottes nicht unterstützen! Die Reue des Sünders zu erkennen ist gleichbedeutend damit, ihn mit offenen Armen zu empfangen… Mich hat das immer beeindruckt: Der Vater lässt den verlorenen Sohn noch nicht einmal ausreden – er hat ihn einfach umarmt. Der Sohn hatte sich schon eine Rede zurechtgelegt, aber der Vater hat ihn einfach umarmt!“

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Quelle

Papst Franziskus: Barmherzigkeit ist Gottes Herzschlag selbst

Schweizergardist bewacht die Heilige Messe zum Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit mit Papst Franziskus (AFP or licensors)

Papst Franziskus hat am Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit eine große Messe auf dem Petersplatz mit 550 Missionaren der Barmherzigkeit aus aller Welt gefeiert. Dabei benannte er „drei verschlossene Türen“, die uns von der Gnade der Barmherzigkeit trennen – die sich aber öffnen lassen.

Zur Beichte zu gehen, sei freilich nicht immer einfach, räumte der Papst ein. Angst und Scham führten oft genug dazu, dass man sich lieber „hinter verschlossenen Türen“ verschanze wie die Jünger im Evangelium. Franziskus riet zu einer Neubewertung der Scham:  Man solle „sie nicht als eine verschlossene Tür sehen, sondern als den ersten Schritt der Begegnung. Wenn wir Scham verspüren, müssen wir dankbar sein: Es bedeutet nämlich, dass wir das Böse nicht annehmen, und das ist gut. Die Scham ist eine versteckte Einladung der Seele, die den Herrn braucht, um das Böse zu besiegen. Das Drama ist, wenn man sich für nichts mehr schämt. Haben wir keine Angst, Scham zu empfinden! Und gehen wir von der Scham zur Vergebung über!“

Als zweite „verschlossene Tür für die Vergebung  des Herrn“ benannte der  Papst die Resignation, das Aufgeben aller Hoffnung aus Enttäuschung. Für die Jünger schien mit Ostern zunächst alles zu Ende, das „Kapitel Jesu“ vorbei, es hatte sich nichts verändert. In ähnlicher Haltung denken viele Christen heute: „Es ändert sich nicht, ich begehe doch immer die gleichen Sünden“. Dann, so Franziskus „verzichten wir verzagt auf die Barmherzigkeit“. Die Erfahrung der Beichte aber zeige: „Es ist nicht wahr, dass alles beim Alten bleibt. Bei jeder Vergebung werden wir bestärkt, ermutigt, weil wir uns mit jedem Mal geliebter fühlen. Und wenn wir als Geliebte erneut fallen, empfinden wir mehr Schmerz als vorher. Es ist ein wohltuender Schmerz, der uns allmählich von der Sünde trennt. Wir entdecken dann, dass die Kraft des Lebens darin liegt, die Vergebung Gottes zu empfangen und weiter zu gehen, von Vergebung zu Vergebung.“

Die dritte „verschlossene Tür“ sei die Sünde – eine große Sünde, die der betreffende Mensch sich vielleicht selber nicht vergeben kann – und warum sollte sie dann Gott vergeben? „Diese Tür aber ist nur von einer Seite verschlossen, von unserer; für Gott ist sie nie unüberwindlich“, sagte Franziskus. „Wenn wir beichten, geschieht das Unerhörte: Wir entdecken, dass gerade diese Sünde, die uns vom Herrn fernhielt, zum Ort der Begegnung mit ihm wird.“

Am Ende seiner Messe auf dem Petersplatz gratulierte Papst Franziskus den Kirchen des Ostens zu ihrem Osterfest. Er wandte er sich an die weltweit rund 350 Millionen orthodoxen und altorientalischen Gläubigen, die das höchste christliche Fest nach dem Julianischen Kalender begehen. Der auferstandene Christus möge sie „mit Licht und Frieden erfüllen“ und die Gemeinschaften in schwierigen Situationen stärken, sagte Franziskus.

Der unterschiedliche Ostertermin für Katholiken und Orthodoxe geht auf verschiedene Berechnungsarten zurück. So bestimmen die Ostkirchen den Ostertermin nach dem alten Julianischen Kalender und nach einer anderen Methode als die Westkirchen, die dem Gregorianischen Kalender folgen.

(Vatican News – gs)

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Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 1)

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„Machiavelli war es, der Polen als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat“: Erzbischof Jedraszewski im Gespräch mit Robert Rauhut. Foto: EWTN

Erster Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem darüber, was den deutschen Nachbarn so katholisch macht – und welche wichtige Rolle Polen spielt für das Christentum in Europa.

Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ auf EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN. CNA Deutsch veröffentlicht das Gespräch in drei Teilen.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, das Gespräch würde ich gerne mit dem Thema der Taufe Polens eröffnen. In Polen wurde, ja wird immer noch in diesem Jahr das Jubiläum groß gefeiert. Welche Bedeutung hat diese Taufe für uns Christen in Europa heute?

Erzbischof Jedraszewski: Einmal ist es ein Fest für Polen, denn hier hat vor 1050 Jahren diese stattgefunden, als sich der damalige Herrscher der Polanen, Fürst Mieszko I. taufen ließ. Aber auch für Europa hat die Taufe ihre Bedeutung.

Denn die Annahme der Taufe gerade durch Mieszko I. hat die Grenzen der westeuropäischen Kultur bestimmt. Die Taufe der Rus erfolgte einige Jahre später, zu den Zeiten Wladimirs I., des Großen. Er hat allerdings das Christentum aus Byzanz angenommen. Man muss hinzufügen: die Kirche war zu dieser Zeit noch nicht in die orthodoxe und die römische Kirche geteilt. Nichtsdestotrotz waren die Kulturunterschiede deutlich. Übrigens, diese waren von Anfang an, seit Konstantin, sichtbar und wurden immer größer.

„Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an, und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen“

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

Im Jahre 966 ist Polen dazu gestoßen. Und seine Grenzen stellten auch die östliche Grenze der westlichen, lateinischen Kultur dar. Jenseits der östlichen Grenze Polens lag auch ein teilweise christliches Land – ich denke hier an die Rus nach der Taufe. Das war allerdings eine andere Kultur und eine andere Art von Christentum, was sich nach der Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel im Jahre 1054 nur noch vertieft hat. Und das hat eine Bedeutung – Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen. Ich denke hier an die Politik, an die Kultur vergangener Jahrhunderte und der Gegenwart.

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

„Europa will seine christlichen Wurzeln vergessen“

Und die Feier des 1050-jährigen Jubiläums erinnert daran, was Europa irgendwie um jeden Preis vergessen will – im Bereich der Kultur und teilweise der Politik. Es will vergessen, dass seine Wurzeln christlich sind. Wir möchten – indem wir dieses Jubiläum feiern – unterstreichen, dass wir alle diese Wurzeln in uns tragen.

Es ist schon erstaunlich… wenn wir uns die Geschichte der europäischen Nationen anschauen – soweit ich sie kenne – kann keine von sich selbst sagen, was die Polen von sich selbst sagen können. Es liegen keine schriftlichen Belege vor, die sich auf die Geschichte Polens vor 966 beziehen würden. Es wird zwar ein Datum verzeichnet, 963, als Mieszko I. zweimal eine Niederlage im Kampf gegen Wichmann und die Wenden, also die Elbslawen erlitten hat. Bei einer Schlacht wurde sogar sein Bruder unbekannten Namens getötet. Und das war es. Mehr wissen wir über Polen nicht. Und gleich danach kommt in den Belegen das Jahr 966. Mieszko lässt sich taufen. Dem hat er zu verdanken, dass er der damaligen nicht nur kulturellen, sondern auch politischen Struktur Europas beitritt. Eines Europas, an dessen Spitze der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Otto I. steht. Er trägt den Titel „amicus imperatoris„, Freund des Kaisers, ist also in gewissem Sinne Entscheidungsträger in der Politik des damaligen Europas. Er ist einer der wenigen Großen der damaligen Zeit, wenn ich es so formulieren darf.

Das ist ein Hinweis darauf, dass das Jahr 966 nicht nur den Anfang des Christentums, des Kreuzes, des Evangeliums im Gebiet der Polanen, was danach Polen wurde, bedeutet. Das ist auch der Ursprung des polnischen Staates und der polnischen Nation. Und von Anfang an sind diese drei Aspekte sehr eng miteinander verbunden. Und darin liegt das Spezifikum unseres Volkes, das Spezifikum der polnischen Identität – mag einer es akzeptieren oder nicht.

Es ist so. Und noch etwas.

Wenn man auf die tausend Jahre der Geschichte unserer Nation zurückblickt, so sieht man, dass es Zeiten gab, in denen Polen seine Souveränität teilweise oder vollständig verloren hat. Ich denke hier in erster Linie an die Teilungen Polens von 1795 bis 1918, das sind 123 Jahre. Ausgenommen der sieben Jahre des Herzogtums Warschau unter Napoleon, gab es in dieser Zeit kein Polen, war Polen von der Landkarte Europas verschwunden. Mehr noch, man hat den Versuch unternommen, die Polen zu entnationalisieren.

Es gab Versuche von Preußen einerseits und Russlands andererseits, die Polen – auch wenn es unvorstellbar ist – zu ethnisch reinen Deutschen oder ethnisch reinen Russen zu machen. Dabei hat man sich nicht selten auch der Religion bedient. Zum Beispiel versuchte man, vor allem während des Kulturkampfes, als man gegen den Katholizismus vorging, den Protestantismus einzuführen. Es war nicht nur ein Problem der Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, sondern auch ein Problem mehrerer anderer deutscher Provinzen, die vom Kulturkampf betroffen waren.

Es geht aber auch um die Maßnahmen zur Russifizierung und die Einschränkung der Tätigkeit der katholischen Kirche. Daran wird nicht allzu oft erinnert, aber als Symbol der Zarenmacht in Polen galt eine riesengroße orthodoxe Kirche. Das Gebäude wurde in den 20er Jahren durch die Polen abgerissen. Das kann man mit der Situation vergleichen, als Polen unter den Einfluss der Sowjetunion 1945 gelangte und auch einen Teil seiner Souveränität verlor. Stalin hat sehr dafür gesorgt, dass sich in Warschau ein Symbol der sowjetischen Macht befindet. Er hat den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen lassen. Vielleicht wissen Sie es, dass dieser Palast auf den Ruinen der Johanneskathedrale in Warschau, an der Weichsel errichtet werden sollte. Auf den Ruinen, weil die Kathedrale während des Warschauer Aufstandes zerstört, verbrannt wurde.

„Was aber bestand, war die katholische Kirche“

Kardinal August Hlond wusste von den Plänen. Deshalb, als er 1948 auf dem Sterbebett lag, hat er den Wunsch geäußert, in den Ruinen dieser Kathedrale begraben zu werden. Das hatte natürlich zur Folge, dass es schwierig war an diesem Ort den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen zu lassen. Stattdessen wurde dieser in der Innenstadt Warschaus errichtet, wo er bis heute steht. Allerdings, damit er errichtet werden konnte, wurde ein ganzes Viertel mit Häusern abgerissen, die wie durch ein Wunder den Warschauer Aufstand überstanden haben. Daran wird heute wenig erinnert, es sollte aber nicht vergessen werden. Es gab solche Versuche zu zeigen, wer hier an der Macht ist. Es waren Versuche, Denkmäler der Macht über Warschau aufzustellen. Zu den Zarenzeiten war es die orthodoxe Kirche, zu den Stalin-Zeiten war es ein Gebäude, das wie aus Moskau verpflanzt aussieht. Es gab aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen Polens in Bezug auf die Begebenheiten. So stand in Warschau die große orthodoxe Kirche, während in Posen ein großes Bismarck-Denkmal aufgestellt wurde. Dieses Denkmal von Bismarck, einem der Hauptträger des Kulturkampfes, wurde ebenfalls in den 1920er Jahren durch die Polen abgerissen. Und an dieser Stelle wurde ein monumentales Herz-Jesu-Denkmal aufgestellt, ein Votivdenkmal für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Ein Denkmal, das im September 1939 im Auftrag von Hitler sofort zerstört wurde.

So ist die Geschichte. Die Geschichte unserer Teilung. Aber auch die Geschichte unseres Ringens um die polnische Identität. Letzten Endes ein erfolgreiches Ringen des Volkes. Die polnischen Staatsstrukturen waren nicht vorhanden, es gab kein polnisches Schulwesen, geführt wurde ein Kampf gegen die polnische Kultur. Was aber bestand, war die katholische Kirche.

Sie haben uns einführend eine Tour d’Horizon gegeben – von den Ursprüngen des Christentums in Polen bis hin zu den Strömungen, die den Katholizismus, aber nicht nur den Katholizismus, im Rahmen unterschiedlicher totalitärer Systeme angegriffen haben. Der Katholizismus blieb trotz all dem erhalten, vermochte sich sogar wieder zu stärken, wieder aufzubauen – wenn wir auf Ihr Beispiel mit der Kathedrale in Warschau schauen. Vor dem Hintergrund dieses Überblicks würde ich Sie gerne fragen, was das Spezifikum des polnischen Katholizismus ist, im Unterschied zu den anderen europäischen Ländern.

Sicher steht fest, dass er von Anfang an mit Rom verbunden war. Ich würde hier vielleicht noch einmal an den historischen Überblick aus einer anderen Perspektive anknüpfen. Sehr oft, vor allem in den letzten Jahrzehnten, wurde das Problem der europäischen Politik aber auch der europäischen Kultur als eines dargestellt, das sich aus der Spannung zwischen Ost und West ergibt. Damit ist auch der Eiserne Vorhang gemeint, der bis 1989 bestanden hat. Polen lässt sich nicht verstehen, wenn es auf dieser Spannungsachse von Ost und West verankert wird.

„Freundschaft mit dem deutschen Kaiser“

Natürlich waren wir durch diese Spannungsverhältnisse betroffen, ja diese haben unseren Status in gewissem Sinne bestimmt. Wesentlich für Polen war allerdings nicht diese horizontale Spannung Ost-West, sondern die vertikale Achse: Polen-Rom. Ihrem Ursprung nach geht sie  sogar auf die Zeiten von Mieszko I. zurück. Er war „amicus imperatoris„, er hat seine Politik sehr geschickt geführt, in Freundschaft mit dem Kaiser. Seine zweite Frau, Oda, stammte übrigens aus einer bedeutenden deutschen Familie.

Allerdings spürte er den Druck des Kaiserreiches – er war immerhin ein Neuling, homo novus, ein Schwächerer. Deshalb suchte er in Rom nach Unterstützung. Und dies auf eine etwas symbolische Art und Weise. Als sein Sohn, der spätere König Boleslaus der Tapfere, sieben war, fand seine Kopfschur statt. Er nimmt ein paar Haarlocken seines Sohnes und lässt sie dem Papst zukommen, damit sich dieser in gewisser Weise für das Leben von Boleslaus verantwortlich fühlt.

Dann ist uns ein sehr wichtiges Dokument erhalten geblieben, aus dem Jahre 992. Dieses Dokument stammt aus der Zeit der letzten Lebensjahre von Mieszko. Er wusste, dass er bald sterben würde. Er wusste, dass es zu verschiedenen politischen Verwirrungen kommen könnte. Auch zu den Verwirrungen um die Nachfolge zwischen Boleslaus und seinen Stiefgeschwistern. Deshalb stellte er den ganzen Staat unter die Obhut des Papstes. Übrigens, ich habe neulich erfahren, dass ähnliche Gesten auch die Ungarn gemacht haben, die etwas später die Taufe angenommen haben, auch ihre Politik war Richtung Süden gerichtet.

„Wir stehen den Italienern sehr nahe“

Es handelt sich nicht um ein großes politisches Spiel – wenn wir auf das große europäische Schachbrett der Staaten schauen, von denen ein jeder um Einflüsse, manche ums Überleben, noch andere um die Macht gekämpft haben, wie es so in der Politik üblich war und ist. Es handelte sich um eine Öffnung auf die Kultur, die aus dem Süden kam. Wenn Sie in Polen sind, so werden Sie sehen, dass die meisten Kirchen, auch andere Bauten, aber vor allem geht es um die Kirchen, die sich erhalten haben, das sind meistens Werke italienischer Meister. Sie wurden hierher eingeladen, sie haben sich hier wohl gefühlt. Aber es ist auch so, dass sich die Polen meistens in Italien wohl fühlten – die berühmtesten Vertreter der polnischen Renaissance haben in Italien studiert. Auch wir stehen den Italienern sehr nahe. Auch was eine gewisse Lebenshaltung, Herangehensweise an die Probleme angeht.

Mir ist ein Spruch in Deutschland begegnet, der den Charakter der Polen und der Italiener auf den Punkt bringt – freilich bei allen bestehenden Unterschieden, diese muss man auch sehen. Der geht folgendermaßen: die Deutschen leben um zu arbeiten, die Italiener arbeiten um zu leben. Einer muss nicht reich sein, Vermögen ist kein Ziel an sich. Einer muss nur so viel haben, damit er das Leben genießen kann. Da ist was dran. Eine seelische Verwandtschaft. Viele Aspekte unserer Kultur haben wir – heute tun wir es nicht mehr so intensiv, denn wir leben jetzt im globalen Dorf – aus dem Süden entnommen. So war unsere Einstellung. Dadurch sind auch die konstanten Beziehungen zwischen Krakau, dann Warschau als Hauptstädten – vorher noch Posen, Gnesen – und Rom, dem päpstlichen Rom erklärbar. Polen war – wegen seiner geographischen Lage – ein Staat, der vor allem das südliche Europa  vor der Expansion, der Verbreitung des Islams, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert verteidigte. Praktisch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Unter anderem handelte es sich natürlich um eine Verteidigung Polens, aber auch um die Verteidigung Europas.

„Polen als Bollwerk der Christenheit“

Machiavelli war es, der Polen als Antemurale Christianitatis, als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat. Ein Staat, der der Invasion der osmanischen Truppen eine erste Abwehr leistet und in diesem Abwehrkampf grundsätzlich erfolgreich ist. Vielleicht lohnt es sich hinzuzufügen, dass Polen eine ähnliche Rolle im Jahre 1920 zuteil wurde. Diesmal handelte es sich um die Invasion der Bolschewiken.

Wir wissen ja, dass es das Ziel der Bolschewiken war, durch Polen wie durch einen Korridor durchzumarschieren, um sich mit den kommunistischen Revolutionären in Deutschland zu vereinigen und bis an die Atlantikküste zu kommen. Damit wurde damals der Impetus einer anderen Kultur, einer totalitären, atheistischen Kultur, für neunzehn Jahre, vielleicht nicht viel, aber immerhin neunzehn Jahre, durch Polen abgewehrt.

Insofern ist im katholischen, religiösen Selbstverständnis der Polen der Gedanke verankert, dass um die katholische, religiöse Identität gekämpft werden muss. Und dieser Kampf bedeutet nicht immer nur einen Kampf zur Verteidigung Polens. Das ist ein Kampf im Bewusstsein, dass unser Land an einem von Gott gegebenen Ort gelegen ist, von dem aus wir Europa dienlich sein sollen.

Es geht also nicht um die Interessen einer bestimmten Nation, aufgefasst als partikulare politische Interessen, sondern um das Bewusstsein der kulturellen Einheit mit den anderen Nationen West- und Südeuropas. Das ist ein fester Bestandteil unseres Ethos. Sprechen wir wiederum vom Kampf, so gehört auch das Leiden dazu. Ein Leiden, das lange Zeit andauert. Ich denke hier an dieses Ringen um die polnische Seele, um die Aufrechterhaltung der Verbindung zur katholischen Kirche in den Zeiten der Teilung. Ich denke aber auch an den Kampf in den Jahren von 1939 bis 1945, im Zweiten Weltkrieg. Und schließlich denke ich auch an die Nachkriegszeit bis 1989. Wir haben in der Tat um die Bewahrung der eigenen Identität gekämpft; und deshalb auch oft leiden müssen.

Symbolisch drückt sich dies in den zwei Schnitten auf dem Antlitz der Gottesmutter von Tschenstochau aus. Das ist aber nur ein Symbol. Die Eigenart des Katholizismus in Polen; die polnische Identität drückt sich aber – wie Sie es gesagt haben – durch die Hinwendung nach/zu Rom aus. Andererseits durch die Hinwendung zur lateinischen Kultur und Zivilisation. Darauf baut das Selbstverständnis der Polen auf. Hinzu kommt noch das Leiden. Nicht als Leiden an sich, sondern als Leiden mit Bezug auf Gott, auf das Kreuz – so unser katholisches Verständnis des Leidens.

Und ein Leiden zugunsten eines anderen Menschen. Ich würde gerne einen Aspekt aufgreifen, den Sie angesprochen haben. Ein Aspekt, auf den Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., damals noch als Erzbischof hingewiesen hat. Das hat er in zwei Texten gemacht – der eine ist 1965, also gleich im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil erschienen, der zweite 1966, bereits nach Abschluss der Hauptfeierlichkeiten zu 1000 Jahren Taufe Polens in Gnesen und Posen. Er hat auf einen weiteren wichtigen Aspekt der polnischen Identität hingewiesen, auf die Marienverehrung. Eine Marienverehrung, die in der Theologie sehr tief verankert ist.

„Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.“

In dem ersten Text bezieht sich Karol Wojtyła auf das Konzilsdokument über die Kirche, Lumen Gentium, dessen 8. Kapitel vollständig der Gottesmutter gewidmet ist. Er schreibt: SO ist der Katholizismus. Und so, das heißt sehr marianisch, war und ist auch der Katholizismus von Anfang an in Polen. Er hat es noch deutlicher 1966 hervorgehoben, umso mehr als die Jubiläumsfeier der Taufe Polens 1966 das Kloster auf dem Jasna Góra fokussierte – natürlich waren die Orte wichtig, an denen die Taufe angenommen wurde, das heißt Großpolen mit der bedeutenden Rolle von Gnesen und Posen. Aber Jasna Góra stand in der Mitte. Da wurde das Gelübde der polnischen Nation 1956 abgelegt, dort wurde es zehn Jahre später, während der Millenniumsfeier erneuert. Tschenstochau war und ist die geistige Hauptstadt Polens. Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.

Lässt sich dadurch auch die Lebendigkeit des Katholizismus in Polen im Vergleich zum Westen erklären? Etwa, dass hier mehr Menschen in die Kirche gehen, das Sakrament der Beichte empfangen, dass die Anzahl der Berufungen hier größer ist?

Sicherlich lassen sich auch dadurch Unterschiede erklären. Aber ein deterministischer Ansatz wäre hier fehl am Platze. Wir dürfen nicht denken, dass alles so geschehen musste. Es musste nicht geschehen.

Ohne Zweifel wichtig ist hier einerseits dieser Aspekt des tiefen Glaubens, der eines Zeugnisses bedurfte, eines Zeugnisses der Treue und des Leidens. Andererseits der Aspekt der gleichzeitigen Hinwendung zur Gottesmutter im Leiden – das erinnert an die Reaktion eines Kindes, das bei seiner Mutter Hilfe sucht. Mehrere Beispiele dafür finden wir in unserer Geschichte, in unserer Literatur. Oftmals hieß es: bei der Gottesmutter Obhut suchen. Sie wird uns in Schutz nehmen. Auch in hoffnungslosen Situationen, wie es zum Beispiel bei der Schwedischen Sintflut im Jahre 1655 der Fall war. Wie es auch 1920 der Fall war, als Polen kurz vor dem Überfall der atheistischen Bolschewiken-Truppen stand.

Vielleicht wissen Sie, dass es Hans Frank, Generalgouverneur des besetzten Polens im Zweiten Weltkrieg war, der in seinen Tagebüchern geschrieben hat: wenn alle Lichter für Polen erloschen, da war immer noch die Heilige von Tschenstochau da.

Wissen Sie, wenn ein solcher Mensch mit tragischer Geschichte, hinter dem eine ganz persönliche Tragödie und die Tragödie vieler anderer Menschen stehen, so ein Zeugnis gibt, so ist es etwas Außergewöhnliches. Das Zeugnis einer Person von außen, völlig von außen. Einer Person, die allerdings die Realität der polnischen Seele, der polnischen Geschichte kritisch, im Sinne von „zutreffend“, beurteilen konnte.

Den zweiten Teil des Gesprächs lesen Sie am morgigen Montag, 6. März bei CNA Deutsch. Der dritte und letzte Teil erscheint am Dienstag, 7. März.

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Quelle

Zum Abschluss des Jahrs der Barmherzigkeit: Homilie von Bischof Vitus Huonder

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Brüder und Schwestern im Herrn

Es gibt Augenblicke im Leben eines jeden Menschen, da Erinnerungen hochkommen. Oft sind es Augenblicke, die einem Erwachen gleichen. Es sind Augenblicke, die einen zwingen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wenn sie gut genutzt werden, sind es Augenblicke der Gnade.

Solche Augenblicke führen dazu, dass sich der Mensch über sein Leben Rechenschaft gibt. Dadurch gelangt er zur Selbsterkenntnis. Auch das Gewissen meldet sich. Der Mensch bildet sich ein Urteil über seine Gedanken, seine Worte, seine Taten. Dabei können auch Schuldgefühle aufkommen, und es stellt sich die Frage: „Wie werde ich meine Schuld los? Wie kann ich begangenes Unrecht in Ordnung bringen?“

Selbsterkenntnis finden wir auch im heutigen Evangelium Lk 23,35-43. Der eine Verbrecher erfährt sie angesichts des unschuldig leidenden Herrn. Im Dialog mit seinem Schicksalsgenossen äußert er sich: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,40-41). Der Schuldige sieht sein Vergehen ein, das Unrecht, das er getan hat. Das ist eine positive Folge der Selbsterkenntnis.

So wird die Frage entscheidend: Wohin führt die Selbsterkenntnis? Was geschieht, wenn ich plötzlich, wie der Verbrecher im Evangelium, entdecke: „Ich erhalte den Lohn für meine Taten“ (vgl. Lk 23,41)? Unter diesen „Taten“ versteht er das Unrecht. Denn er stellt im Gegenüber zu Jesu Leiden fest: „Dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,41). Die unausgesprochene Folgerung ist: „Wir haben uns verfehlt“. Das ist ein Bekenntnis, ein Schuldbekenntnis. Die Selbsterkenntnis führt zum Schuldbekenntnis.

Die Erkenntnis einer Schuld kann schwer auf dem Menschen lasten. Sie kann den Menschen in die Verzweiflung treiben, wie dies bei Judas geschehen ist. Sie kann den Menschen aber auch zur Verhärtung führen. Denn ein Schuldbekenntnis abzulegen, ist oft schmerzvoll. Der Stolz lässt es nicht zu. Ein Beispiel haben wir in der Erzählung von Kain und Abel. Kain will seine Schuld nicht eingestehen. Er lenkt von ihr ab. Denn nach dem Mord fragt ihn Gott: „Wo ist dein Bruder Abel“ (Gen 4,9)? Kain weiß, wo sein Bruder ist. Er weiß, dass er tot ist, weil er ihn erschlagen hat. Dennoch weicht er der Frage des Herrn aus: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders“ (Gen 4,9)? Der Stolz lässt es nicht zu, dass er ein Schuldbekenntnis ablegt, obwohl er ja wissen muss, dass Gott ihn durchschaut hat.

Wir schließen heute das Jahr der Barmherzigkeit ab. Das Jahr der Barmherzigkeit wollte ein Jahr sein, das Hoffnung verleiht und Befreiung schenkt, ein Jahr, welches dem Menschen in der Situation der Selbsterkenntnis und des Schuldbewusstseins zu Hilfe kommt. Es wollte ein Jahr sein, das den Schuldigen zur Umkehr bewegt. Es wollte ein Jahr der Abkehr vom Versagen, vom Unrecht sein; ein Jahr der Hinkehr zu Gottes Barmherzigkeit; ein Jahr, das zur Erneuerung des Herzens, der Absichten, des Lebenswandels führt. Wer umkehrt, wer sich von der Sünde und vom Unrecht abwendet, darf Gottes Barmherzigkeit erfahren. Sein Leben wird daher nicht in der Verzweiflung oder in der Verhärtung enden. Der Menschen soll sich vielmehr jenem übergeben und ergeben, der uns versichert: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5). Im Kolosserbrief sagt es der heilige Paulus folgendermaßen: „Er hat uns fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind“ (Kol 1,12). Auch der Verbrecher im Evangelium, der sich zu seinen Untaten bekennt und Jesus um seine Barmherzigkeit bittet, darf die Worte vernehmen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das ist die Frucht seiner Reue über das Unrecht, das er getan hat. Lassen wir uns davon beeindrucken. Schreiten wird damit in die Zukunft.

Was das Jahr sicher nicht wollte, ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und die Verwegenheit gegenüber Gott. Jesus Sirach sagt es mit diesen eindringlich Worten: „Sag nicht: Ich habe gesündigt, doch was ist mir geschehen? Denn der Herr hat viel Geduld. Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde auf Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen. Denn Erbarmen ist bei ihm, aber auch Zorn. Auf dem Frevler ruht sein Grimm (Sir 5,4-6).

Die Quintessenz dieses Jahres: Auf die Umkehr und Abkehr vom Bösen, auf das Bekenntnis der Schuld und auf die Reue antwortet Gott mit Barmherzigkeit. Gottes Barmherzigkeit ist eine Einladung, sich vom Bösen abzuwenden und ein heiliges Leben zu führen. Wenn uns das Jahr der Barmherzigkeit zu dieser Einsicht und zum steten Streben nach Heiligkeit gebracht hat, dann war es ein Erfolg, kein Flop. Amen.

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Papst: „Reform der Kirche beginnt im Beichtstuhl“

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Petersdom

„Lasst euch von der göttlichen Barmherzigkeit umformen!“ Das hat Papst Franziskus niederländischen Rom-Pilgern an diesem Dienstag im Petersdom mit auf den Weg gegeben. Priester, Bischöfe und Gläubige aus allen Bistümern der Niederlande waren kurz zuvor feierlich durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit gezogen.

„Das Heilige Jahr bringt uns in eine tiefere Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Wir werden dieses große Geheimnis der Liebe Gottes nie ausschöpfen können! Sie ist die Quelle unseres Heils: Die ganze Welt, wir alle brauchen die göttliche Barmherzigkeit. Sie rettet uns, gibt uns Leben, schafft uns neu als wahre Söhne und Töchter Gottes.“

Der Papst warb auch für eine Neuentdeckung des Beichtsakraments: Hier lasse sich Gottes rettende Güte „ganz besonders erfahren“. „Sie ist der Ort, wo man Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt bekommt. Hier beginnt die Verwandlung eines jeden von uns, und auch die Reform des Lebens der Kirche!“

Sie sollten „Werkzeuge der göttlichen Barmherzigkeit“ im Alltag werden, sagte der Papst den Pilgern weiter. „Die Männer und Frauen von heute dürsten nach Gott, dürsten nach seiner Güte und Liebe! Und ihr könnt als Kanäle der Barmherzigkeit mithelfen, diesen Durst zu stillen. Ihr könnt so vielen Menschen helfen, Christus wiederzuentdecken…“

(rv 15.11.2016 sk)

Vatikan: Ältestes Kruzifix wird zum Denkmal des Jubiläums

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Das älteste Kruzifix in St. Peter

Wenn am 20. November das Heilige Jahr zu Ende gehen wird, soll im Petersdom zur „Erinnerung“ an dieses außerordentliche Jubiläumsjahr das älteste Kruzifix von St. Peter für alle Gläubigen wieder sichtbar angebracht werden. Das kündigte an diesem Freitag der Erzpriester der vatikanischen Basilika an, Kardinal Angelo Comastri. Er stellte der Presse das frisch restaurierte Kruzifix vor. 15 Monate lang haben die Arbeiten gedauert, rund 60.000 Euro hat das Ganze gekostet, so Kardinal Comastri.

„Es handelt sich um ein hölzernes Kruzifix, der aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von Dante Alighieri, und ist bei weitem das älteste Kreuz dieser Größe, das wir hier im Petersdom haben“, so der Erzpriester von St. Peter. Doch in den vergangenen achtzig Jahren war es an einer „ungünstigen“ Stelle platziert, abseits von der Öffentlichkeit. Davor stand ein Aufzug, den nur die Päpste und ihre Begleiter benützten und immer noch exklusiv verwenden. Das Kruzifix ist über 2,15 Meter groß und ist aus dem Stamm eines Nussbaumes erstellt worden. Doch trotz verschiedener Restaurierungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte befand es sich in einem ziemlich schlechten Zustand, wie die Restauratorin Lorenza D’Alessandro erläutert. „Wir mussten jede einzelne Schicht mit speziellen Lasergeräten entfernen“, sagt sie bei der Vorstellung des „neuen“ Kruzifixes. Die Arbeiten fanden im Kapitelsaal der Sakristei von St. Peter statt, wo das frisch restaurierte Kreuz auch der Presse vorgestellt wurde.

„Das Kruzifix wird dann erstmals am 6. November zum Anlass des Gottesdienstes mit dem Papst für das Jubiläumsjahr der Gefängnisinsassen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Gerade für die Gefängnisinsassen als Pilger in St. Peter wird das ein besonderes Zeichen der Hoffnung und eine Botschaft der Barmherzigkeit sein“, so Kardinal Comastri. Übrigens, Franziskus selber hat das Kreuz noch nicht gesehen und wird es wie die Pilger erst am 6. November sehen.

Danach soll es als „Denkmal für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in der Sakramentskapelle – also unmittelbar neben dem Grabmal des heiligen Papstes Johannes Paul II. – aufgestellt werden. „Der Pilger, der in jene Seitenkapelle zum Beten kommt, wird dann als erstes den Anblick des Gekreuzigten sehen“, fügt der Erzpriester an.

(rv 28.10.2016 mg)