Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 1)

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„Machiavelli war es, der Polen als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat“: Erzbischof Jedraszewski im Gespräch mit Robert Rauhut. Foto: EWTN

Erster Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem darüber, was den deutschen Nachbarn so katholisch macht – und welche wichtige Rolle Polen spielt für das Christentum in Europa.

Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ auf EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN. CNA Deutsch veröffentlicht das Gespräch in drei Teilen.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, das Gespräch würde ich gerne mit dem Thema der Taufe Polens eröffnen. In Polen wurde, ja wird immer noch in diesem Jahr das Jubiläum groß gefeiert. Welche Bedeutung hat diese Taufe für uns Christen in Europa heute?

Erzbischof Jedraszewski: Einmal ist es ein Fest für Polen, denn hier hat vor 1050 Jahren diese stattgefunden, als sich der damalige Herrscher der Polanen, Fürst Mieszko I. taufen ließ. Aber auch für Europa hat die Taufe ihre Bedeutung.

Denn die Annahme der Taufe gerade durch Mieszko I. hat die Grenzen der westeuropäischen Kultur bestimmt. Die Taufe der Rus erfolgte einige Jahre später, zu den Zeiten Wladimirs I., des Großen. Er hat allerdings das Christentum aus Byzanz angenommen. Man muss hinzufügen: die Kirche war zu dieser Zeit noch nicht in die orthodoxe und die römische Kirche geteilt. Nichtsdestotrotz waren die Kulturunterschiede deutlich. Übrigens, diese waren von Anfang an, seit Konstantin, sichtbar und wurden immer größer.

„Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an, und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen“

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

Im Jahre 966 ist Polen dazu gestoßen. Und seine Grenzen stellten auch die östliche Grenze der westlichen, lateinischen Kultur dar. Jenseits der östlichen Grenze Polens lag auch ein teilweise christliches Land – ich denke hier an die Rus nach der Taufe. Das war allerdings eine andere Kultur und eine andere Art von Christentum, was sich nach der Spaltung zwischen Rom und Konstantinopel im Jahre 1054 nur noch vertieft hat. Und das hat eine Bedeutung – Europa nimmt seit 966 eine Gestalt an und die Bestimmung dieser Gestalt kam über Polen. Ich denke hier an die Politik, an die Kultur vergangener Jahrhunderte und der Gegenwart.

Das waren zwei unterschiedliche kulturelle Welten; auch bei vielen verbindenden Merkmalen. Diese Verbindung baute zum Beispiel auf dem griechischen Gedankengut auf, aber auch auf dem römischen Recht; dem Römischen Reich, das in der Epoche von Konstantin dem Großen noch einheitlich war. Das hat sich natürlich später geändert. Das Römische Reich wurde an Konstantinopel gebunden. Es kam zu Eroberungen durch die Barbaren. Europa erwachte neu. Und neu erwuchsen damals auch die christlichen Wurzeln des frühmittelalterlichen und mittelalterlichen Europa.

„Europa will seine christlichen Wurzeln vergessen“

Und die Feier des 1050-jährigen Jubiläums erinnert daran, was Europa irgendwie um jeden Preis vergessen will – im Bereich der Kultur und teilweise der Politik. Es will vergessen, dass seine Wurzeln christlich sind. Wir möchten – indem wir dieses Jubiläum feiern – unterstreichen, dass wir alle diese Wurzeln in uns tragen.

Es ist schon erstaunlich… wenn wir uns die Geschichte der europäischen Nationen anschauen – soweit ich sie kenne – kann keine von sich selbst sagen, was die Polen von sich selbst sagen können. Es liegen keine schriftlichen Belege vor, die sich auf die Geschichte Polens vor 966 beziehen würden. Es wird zwar ein Datum verzeichnet, 963, als Mieszko I. zweimal eine Niederlage im Kampf gegen Wichmann und die Wenden, also die Elbslawen erlitten hat. Bei einer Schlacht wurde sogar sein Bruder unbekannten Namens getötet. Und das war es. Mehr wissen wir über Polen nicht. Und gleich danach kommt in den Belegen das Jahr 966. Mieszko lässt sich taufen. Dem hat er zu verdanken, dass er der damaligen nicht nur kulturellen, sondern auch politischen Struktur Europas beitritt. Eines Europas, an dessen Spitze der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Otto I. steht. Er trägt den Titel „amicus imperatoris„, Freund des Kaisers, ist also in gewissem Sinne Entscheidungsträger in der Politik des damaligen Europas. Er ist einer der wenigen Großen der damaligen Zeit, wenn ich es so formulieren darf.

Das ist ein Hinweis darauf, dass das Jahr 966 nicht nur den Anfang des Christentums, des Kreuzes, des Evangeliums im Gebiet der Polanen, was danach Polen wurde, bedeutet. Das ist auch der Ursprung des polnischen Staates und der polnischen Nation. Und von Anfang an sind diese drei Aspekte sehr eng miteinander verbunden. Und darin liegt das Spezifikum unseres Volkes, das Spezifikum der polnischen Identität – mag einer es akzeptieren oder nicht.

Es ist so. Und noch etwas.

Wenn man auf die tausend Jahre der Geschichte unserer Nation zurückblickt, so sieht man, dass es Zeiten gab, in denen Polen seine Souveränität teilweise oder vollständig verloren hat. Ich denke hier in erster Linie an die Teilungen Polens von 1795 bis 1918, das sind 123 Jahre. Ausgenommen der sieben Jahre des Herzogtums Warschau unter Napoleon, gab es in dieser Zeit kein Polen, war Polen von der Landkarte Europas verschwunden. Mehr noch, man hat den Versuch unternommen, die Polen zu entnationalisieren.

Es gab Versuche von Preußen einerseits und Russlands andererseits, die Polen – auch wenn es unvorstellbar ist – zu ethnisch reinen Deutschen oder ethnisch reinen Russen zu machen. Dabei hat man sich nicht selten auch der Religion bedient. Zum Beispiel versuchte man, vor allem während des Kulturkampfes, als man gegen den Katholizismus vorging, den Protestantismus einzuführen. Es war nicht nur ein Problem der Provinz Posen, die zum Deutschen Reich gehörte, sondern auch ein Problem mehrerer anderer deutscher Provinzen, die vom Kulturkampf betroffen waren.

Es geht aber auch um die Maßnahmen zur Russifizierung und die Einschränkung der Tätigkeit der katholischen Kirche. Daran wird nicht allzu oft erinnert, aber als Symbol der Zarenmacht in Polen galt eine riesengroße orthodoxe Kirche. Das Gebäude wurde in den 20er Jahren durch die Polen abgerissen. Das kann man mit der Situation vergleichen, als Polen unter den Einfluss der Sowjetunion 1945 gelangte und auch einen Teil seiner Souveränität verlor. Stalin hat sehr dafür gesorgt, dass sich in Warschau ein Symbol der sowjetischen Macht befindet. Er hat den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen lassen. Vielleicht wissen Sie es, dass dieser Palast auf den Ruinen der Johanneskathedrale in Warschau, an der Weichsel errichtet werden sollte. Auf den Ruinen, weil die Kathedrale während des Warschauer Aufstandes zerstört, verbrannt wurde.

„Was aber bestand, war die katholische Kirche“

Kardinal August Hlond wusste von den Plänen. Deshalb, als er 1948 auf dem Sterbebett lag, hat er den Wunsch geäußert, in den Ruinen dieser Kathedrale begraben zu werden. Das hatte natürlich zur Folge, dass es schwierig war an diesem Ort den Kultur- und Wissenschaftspalast bauen zu lassen. Stattdessen wurde dieser in der Innenstadt Warschaus errichtet, wo er bis heute steht. Allerdings, damit er errichtet werden konnte, wurde ein ganzes Viertel mit Häusern abgerissen, die wie durch ein Wunder den Warschauer Aufstand überstanden haben. Daran wird heute wenig erinnert, es sollte aber nicht vergessen werden. Es gab solche Versuche zu zeigen, wer hier an der Macht ist. Es waren Versuche, Denkmäler der Macht über Warschau aufzustellen. Zu den Zarenzeiten war es die orthodoxe Kirche, zu den Stalin-Zeiten war es ein Gebäude, das wie aus Moskau verpflanzt aussieht. Es gab aber auch Unterschiede zwischen den einzelnen Teilen Polens in Bezug auf die Begebenheiten. So stand in Warschau die große orthodoxe Kirche, während in Posen ein großes Bismarck-Denkmal aufgestellt wurde. Dieses Denkmal von Bismarck, einem der Hauptträger des Kulturkampfes, wurde ebenfalls in den 1920er Jahren durch die Polen abgerissen. Und an dieser Stelle wurde ein monumentales Herz-Jesu-Denkmal aufgestellt, ein Votivdenkmal für die Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Ein Denkmal, das im September 1939 im Auftrag von Hitler sofort zerstört wurde.

So ist die Geschichte. Die Geschichte unserer Teilung. Aber auch die Geschichte unseres Ringens um die polnische Identität. Letzten Endes ein erfolgreiches Ringen des Volkes. Die polnischen Staatsstrukturen waren nicht vorhanden, es gab kein polnisches Schulwesen, geführt wurde ein Kampf gegen die polnische Kultur. Was aber bestand, war die katholische Kirche.

Sie haben uns einführend eine Tour d’Horizon gegeben – von den Ursprüngen des Christentums in Polen bis hin zu den Strömungen, die den Katholizismus, aber nicht nur den Katholizismus, im Rahmen unterschiedlicher totalitärer Systeme angegriffen haben. Der Katholizismus blieb trotz all dem erhalten, vermochte sich sogar wieder zu stärken, wieder aufzubauen – wenn wir auf Ihr Beispiel mit der Kathedrale in Warschau schauen. Vor dem Hintergrund dieses Überblicks würde ich Sie gerne fragen, was das Spezifikum des polnischen Katholizismus ist, im Unterschied zu den anderen europäischen Ländern.

Sicher steht fest, dass er von Anfang an mit Rom verbunden war. Ich würde hier vielleicht noch einmal an den historischen Überblick aus einer anderen Perspektive anknüpfen. Sehr oft, vor allem in den letzten Jahrzehnten, wurde das Problem der europäischen Politik aber auch der europäischen Kultur als eines dargestellt, das sich aus der Spannung zwischen Ost und West ergibt. Damit ist auch der Eiserne Vorhang gemeint, der bis 1989 bestanden hat. Polen lässt sich nicht verstehen, wenn es auf dieser Spannungsachse von Ost und West verankert wird.

„Freundschaft mit dem deutschen Kaiser“

Natürlich waren wir durch diese Spannungsverhältnisse betroffen, ja diese haben unseren Status in gewissem Sinne bestimmt. Wesentlich für Polen war allerdings nicht diese horizontale Spannung Ost-West, sondern die vertikale Achse: Polen-Rom. Ihrem Ursprung nach geht sie  sogar auf die Zeiten von Mieszko I. zurück. Er war „amicus imperatoris„, er hat seine Politik sehr geschickt geführt, in Freundschaft mit dem Kaiser. Seine zweite Frau, Oda, stammte übrigens aus einer bedeutenden deutschen Familie.

Allerdings spürte er den Druck des Kaiserreiches – er war immerhin ein Neuling, homo novus, ein Schwächerer. Deshalb suchte er in Rom nach Unterstützung. Und dies auf eine etwas symbolische Art und Weise. Als sein Sohn, der spätere König Boleslaus der Tapfere, sieben war, fand seine Kopfschur statt. Er nimmt ein paar Haarlocken seines Sohnes und lässt sie dem Papst zukommen, damit sich dieser in gewisser Weise für das Leben von Boleslaus verantwortlich fühlt.

Dann ist uns ein sehr wichtiges Dokument erhalten geblieben, aus dem Jahre 992. Dieses Dokument stammt aus der Zeit der letzten Lebensjahre von Mieszko. Er wusste, dass er bald sterben würde. Er wusste, dass es zu verschiedenen politischen Verwirrungen kommen könnte. Auch zu den Verwirrungen um die Nachfolge zwischen Boleslaus und seinen Stiefgeschwistern. Deshalb stellte er den ganzen Staat unter die Obhut des Papstes. Übrigens, ich habe neulich erfahren, dass ähnliche Gesten auch die Ungarn gemacht haben, die etwas später die Taufe angenommen haben, auch ihre Politik war Richtung Süden gerichtet.

„Wir stehen den Italienern sehr nahe“

Es handelt sich nicht um ein großes politisches Spiel – wenn wir auf das große europäische Schachbrett der Staaten schauen, von denen ein jeder um Einflüsse, manche ums Überleben, noch andere um die Macht gekämpft haben, wie es so in der Politik üblich war und ist. Es handelte sich um eine Öffnung auf die Kultur, die aus dem Süden kam. Wenn Sie in Polen sind, so werden Sie sehen, dass die meisten Kirchen, auch andere Bauten, aber vor allem geht es um die Kirchen, die sich erhalten haben, das sind meistens Werke italienischer Meister. Sie wurden hierher eingeladen, sie haben sich hier wohl gefühlt. Aber es ist auch so, dass sich die Polen meistens in Italien wohl fühlten – die berühmtesten Vertreter der polnischen Renaissance haben in Italien studiert. Auch wir stehen den Italienern sehr nahe. Auch was eine gewisse Lebenshaltung, Herangehensweise an die Probleme angeht.

Mir ist ein Spruch in Deutschland begegnet, der den Charakter der Polen und der Italiener auf den Punkt bringt – freilich bei allen bestehenden Unterschieden, diese muss man auch sehen. Der geht folgendermaßen: die Deutschen leben um zu arbeiten, die Italiener arbeiten um zu leben. Einer muss nicht reich sein, Vermögen ist kein Ziel an sich. Einer muss nur so viel haben, damit er das Leben genießen kann. Da ist was dran. Eine seelische Verwandtschaft. Viele Aspekte unserer Kultur haben wir – heute tun wir es nicht mehr so intensiv, denn wir leben jetzt im globalen Dorf – aus dem Süden entnommen. So war unsere Einstellung. Dadurch sind auch die konstanten Beziehungen zwischen Krakau, dann Warschau als Hauptstädten – vorher noch Posen, Gnesen – und Rom, dem päpstlichen Rom erklärbar. Polen war – wegen seiner geographischen Lage – ein Staat, der vor allem das südliche Europa  vor der Expansion, der Verbreitung des Islams, insbesondere im 16. und 17. Jahrhundert verteidigte. Praktisch bis zum Ende des 17. Jahrhunderts. Unter anderem handelte es sich natürlich um eine Verteidigung Polens, aber auch um die Verteidigung Europas.

„Polen als Bollwerk der Christenheit“

Machiavelli war es, der Polen als Antemurale Christianitatis, als Bollwerk der Christenheit bezeichnet hat. Ein Staat, der der Invasion der osmanischen Truppen eine erste Abwehr leistet und in diesem Abwehrkampf grundsätzlich erfolgreich ist. Vielleicht lohnt es sich hinzuzufügen, dass Polen eine ähnliche Rolle im Jahre 1920 zuteil wurde. Diesmal handelte es sich um die Invasion der Bolschewiken.

Wir wissen ja, dass es das Ziel der Bolschewiken war, durch Polen wie durch einen Korridor durchzumarschieren, um sich mit den kommunistischen Revolutionären in Deutschland zu vereinigen und bis an die Atlantikküste zu kommen. Damit wurde damals der Impetus einer anderen Kultur, einer totalitären, atheistischen Kultur, für neunzehn Jahre, vielleicht nicht viel, aber immerhin neunzehn Jahre, durch Polen abgewehrt.

Insofern ist im katholischen, religiösen Selbstverständnis der Polen der Gedanke verankert, dass um die katholische, religiöse Identität gekämpft werden muss. Und dieser Kampf bedeutet nicht immer nur einen Kampf zur Verteidigung Polens. Das ist ein Kampf im Bewusstsein, dass unser Land an einem von Gott gegebenen Ort gelegen ist, von dem aus wir Europa dienlich sein sollen.

Es geht also nicht um die Interessen einer bestimmten Nation, aufgefasst als partikulare politische Interessen, sondern um das Bewusstsein der kulturellen Einheit mit den anderen Nationen West- und Südeuropas. Das ist ein fester Bestandteil unseres Ethos. Sprechen wir wiederum vom Kampf, so gehört auch das Leiden dazu. Ein Leiden, das lange Zeit andauert. Ich denke hier an dieses Ringen um die polnische Seele, um die Aufrechterhaltung der Verbindung zur katholischen Kirche in den Zeiten der Teilung. Ich denke aber auch an den Kampf in den Jahren von 1939 bis 1945, im Zweiten Weltkrieg. Und schließlich denke ich auch an die Nachkriegszeit bis 1989. Wir haben in der Tat um die Bewahrung der eigenen Identität gekämpft; und deshalb auch oft leiden müssen.

Symbolisch drückt sich dies in den zwei Schnitten auf dem Antlitz der Gottesmutter von Tschenstochau aus. Das ist aber nur ein Symbol. Die Eigenart des Katholizismus in Polen; die polnische Identität drückt sich aber – wie Sie es gesagt haben – durch die Hinwendung nach/zu Rom aus. Andererseits durch die Hinwendung zur lateinischen Kultur und Zivilisation. Darauf baut das Selbstverständnis der Polen auf. Hinzu kommt noch das Leiden. Nicht als Leiden an sich, sondern als Leiden mit Bezug auf Gott, auf das Kreuz – so unser katholisches Verständnis des Leidens.

Und ein Leiden zugunsten eines anderen Menschen. Ich würde gerne einen Aspekt aufgreifen, den Sie angesprochen haben. Ein Aspekt, auf den Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., damals noch als Erzbischof hingewiesen hat. Das hat er in zwei Texten gemacht – der eine ist 1965, also gleich im Anschluss an das Zweite Vatikanische Konzil erschienen, der zweite 1966, bereits nach Abschluss der Hauptfeierlichkeiten zu 1000 Jahren Taufe Polens in Gnesen und Posen. Er hat auf einen weiteren wichtigen Aspekt der polnischen Identität hingewiesen, auf die Marienverehrung. Eine Marienverehrung, die in der Theologie sehr tief verankert ist.

„Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.“

In dem ersten Text bezieht sich Karol Wojtyła auf das Konzilsdokument über die Kirche, Lumen Gentium, dessen 8. Kapitel vollständig der Gottesmutter gewidmet ist. Er schreibt: SO ist der Katholizismus. Und so, das heißt sehr marianisch, war und ist auch der Katholizismus von Anfang an in Polen. Er hat es noch deutlicher 1966 hervorgehoben, umso mehr als die Jubiläumsfeier der Taufe Polens 1966 das Kloster auf dem Jasna Góra fokussierte – natürlich waren die Orte wichtig, an denen die Taufe angenommen wurde, das heißt Großpolen mit der bedeutenden Rolle von Gnesen und Posen. Aber Jasna Góra stand in der Mitte. Da wurde das Gelübde der polnischen Nation 1956 abgelegt, dort wurde es zehn Jahre später, während der Millenniumsfeier erneuert. Tschenstochau war und ist die geistige Hauptstadt Polens. Berücksichtigt man diesen marianischen Zug von uns Polen nicht, so kann man uns auch nicht verstehen.

Lässt sich dadurch auch die Lebendigkeit des Katholizismus in Polen im Vergleich zum Westen erklären? Etwa, dass hier mehr Menschen in die Kirche gehen, das Sakrament der Beichte empfangen, dass die Anzahl der Berufungen hier größer ist?

Sicherlich lassen sich auch dadurch Unterschiede erklären. Aber ein deterministischer Ansatz wäre hier fehl am Platze. Wir dürfen nicht denken, dass alles so geschehen musste. Es musste nicht geschehen.

Ohne Zweifel wichtig ist hier einerseits dieser Aspekt des tiefen Glaubens, der eines Zeugnisses bedurfte, eines Zeugnisses der Treue und des Leidens. Andererseits der Aspekt der gleichzeitigen Hinwendung zur Gottesmutter im Leiden – das erinnert an die Reaktion eines Kindes, das bei seiner Mutter Hilfe sucht. Mehrere Beispiele dafür finden wir in unserer Geschichte, in unserer Literatur. Oftmals hieß es: bei der Gottesmutter Obhut suchen. Sie wird uns in Schutz nehmen. Auch in hoffnungslosen Situationen, wie es zum Beispiel bei der Schwedischen Sintflut im Jahre 1655 der Fall war. Wie es auch 1920 der Fall war, als Polen kurz vor dem Überfall der atheistischen Bolschewiken-Truppen stand.

Vielleicht wissen Sie, dass es Hans Frank, Generalgouverneur des besetzten Polens im Zweiten Weltkrieg war, der in seinen Tagebüchern geschrieben hat: wenn alle Lichter für Polen erloschen, da war immer noch die Heilige von Tschenstochau da.

Wissen Sie, wenn ein solcher Mensch mit tragischer Geschichte, hinter dem eine ganz persönliche Tragödie und die Tragödie vieler anderer Menschen stehen, so ein Zeugnis gibt, so ist es etwas Außergewöhnliches. Das Zeugnis einer Person von außen, völlig von außen. Einer Person, die allerdings die Realität der polnischen Seele, der polnischen Geschichte kritisch, im Sinne von „zutreffend“, beurteilen konnte.

Den zweiten Teil des Gesprächs lesen Sie am morgigen Montag, 6. März bei CNA Deutsch. Der dritte und letzte Teil erscheint am Dienstag, 7. März.

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Quelle

Zum Abschluss des Jahrs der Barmherzigkeit: Homilie von Bischof Vitus Huonder

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Brüder und Schwestern im Herrn

Es gibt Augenblicke im Leben eines jeden Menschen, da Erinnerungen hochkommen. Oft sind es Augenblicke, die einem Erwachen gleichen. Es sind Augenblicke, die einen zwingen, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wenn sie gut genutzt werden, sind es Augenblicke der Gnade.

Solche Augenblicke führen dazu, dass sich der Mensch über sein Leben Rechenschaft gibt. Dadurch gelangt er zur Selbsterkenntnis. Auch das Gewissen meldet sich. Der Mensch bildet sich ein Urteil über seine Gedanken, seine Worte, seine Taten. Dabei können auch Schuldgefühle aufkommen, und es stellt sich die Frage: „Wie werde ich meine Schuld los? Wie kann ich begangenes Unrecht in Ordnung bringen?“

Selbsterkenntnis finden wir auch im heutigen Evangelium Lk 23,35-43. Der eine Verbrecher erfährt sie angesichts des unschuldig leidenden Herrn. Im Dialog mit seinem Schicksalsgenossen äußert er sich: „Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,40-41). Der Schuldige sieht sein Vergehen ein, das Unrecht, das er getan hat. Das ist eine positive Folge der Selbsterkenntnis.

So wird die Frage entscheidend: Wohin führt die Selbsterkenntnis? Was geschieht, wenn ich plötzlich, wie der Verbrecher im Evangelium, entdecke: „Ich erhalte den Lohn für meine Taten“ (vgl. Lk 23,41)? Unter diesen „Taten“ versteht er das Unrecht. Denn er stellt im Gegenüber zu Jesu Leiden fest: „Dieser aber hat nichts Unrechtes getan“ (Lk 23,41). Die unausgesprochene Folgerung ist: „Wir haben uns verfehlt“. Das ist ein Bekenntnis, ein Schuldbekenntnis. Die Selbsterkenntnis führt zum Schuldbekenntnis.

Die Erkenntnis einer Schuld kann schwer auf dem Menschen lasten. Sie kann den Menschen in die Verzweiflung treiben, wie dies bei Judas geschehen ist. Sie kann den Menschen aber auch zur Verhärtung führen. Denn ein Schuldbekenntnis abzulegen, ist oft schmerzvoll. Der Stolz lässt es nicht zu. Ein Beispiel haben wir in der Erzählung von Kain und Abel. Kain will seine Schuld nicht eingestehen. Er lenkt von ihr ab. Denn nach dem Mord fragt ihn Gott: „Wo ist dein Bruder Abel“ (Gen 4,9)? Kain weiß, wo sein Bruder ist. Er weiß, dass er tot ist, weil er ihn erschlagen hat. Dennoch weicht er der Frage des Herrn aus: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders“ (Gen 4,9)? Der Stolz lässt es nicht zu, dass er ein Schuldbekenntnis ablegt, obwohl er ja wissen muss, dass Gott ihn durchschaut hat.

Wir schließen heute das Jahr der Barmherzigkeit ab. Das Jahr der Barmherzigkeit wollte ein Jahr sein, das Hoffnung verleiht und Befreiung schenkt, ein Jahr, welches dem Menschen in der Situation der Selbsterkenntnis und des Schuldbewusstseins zu Hilfe kommt. Es wollte ein Jahr sein, das den Schuldigen zur Umkehr bewegt. Es wollte ein Jahr der Abkehr vom Versagen, vom Unrecht sein; ein Jahr der Hinkehr zu Gottes Barmherzigkeit; ein Jahr, das zur Erneuerung des Herzens, der Absichten, des Lebenswandels führt. Wer umkehrt, wer sich von der Sünde und vom Unrecht abwendet, darf Gottes Barmherzigkeit erfahren. Sein Leben wird daher nicht in der Verzweiflung oder in der Verhärtung enden. Der Menschen soll sich vielmehr jenem übergeben und ergeben, der uns versichert: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5). Im Kolosserbrief sagt es der heilige Paulus folgendermaßen: „Er hat uns fähig gemacht, Anteil zu haben am Los der Heiligen, die im Licht sind“ (Kol 1,12). Auch der Verbrecher im Evangelium, der sich zu seinen Untaten bekennt und Jesus um seine Barmherzigkeit bittet, darf die Worte vernehmen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das ist die Frucht seiner Reue über das Unrecht, das er getan hat. Lassen wir uns davon beeindrucken. Schreiten wird damit in die Zukunft.

Was das Jahr sicher nicht wollte, ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Sünde und die Verwegenheit gegenüber Gott. Jesus Sirach sagt es mit diesen eindringlich Worten: „Sag nicht: Ich habe gesündigt, doch was ist mir geschehen? Denn der Herr hat viel Geduld. Verlass dich nicht auf die Vergebung, füge nicht Sünde auf Sünde, indem du sagst: Seine Barmherzigkeit ist groß, er wird mir viele Sünden verzeihen. Denn Erbarmen ist bei ihm, aber auch Zorn. Auf dem Frevler ruht sein Grimm (Sir 5,4-6).

Die Quintessenz dieses Jahres: Auf die Umkehr und Abkehr vom Bösen, auf das Bekenntnis der Schuld und auf die Reue antwortet Gott mit Barmherzigkeit. Gottes Barmherzigkeit ist eine Einladung, sich vom Bösen abzuwenden und ein heiliges Leben zu führen. Wenn uns das Jahr der Barmherzigkeit zu dieser Einsicht und zum steten Streben nach Heiligkeit gebracht hat, dann war es ein Erfolg, kein Flop. Amen.

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Papst: „Reform der Kirche beginnt im Beichtstuhl“

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Petersdom

„Lasst euch von der göttlichen Barmherzigkeit umformen!“ Das hat Papst Franziskus niederländischen Rom-Pilgern an diesem Dienstag im Petersdom mit auf den Weg gegeben. Priester, Bischöfe und Gläubige aus allen Bistümern der Niederlande waren kurz zuvor feierlich durch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit gezogen.

„Das Heilige Jahr bringt uns in eine tiefere Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Wir werden dieses große Geheimnis der Liebe Gottes nie ausschöpfen können! Sie ist die Quelle unseres Heils: Die ganze Welt, wir alle brauchen die göttliche Barmherzigkeit. Sie rettet uns, gibt uns Leben, schafft uns neu als wahre Söhne und Töchter Gottes.“

Der Papst warb auch für eine Neuentdeckung des Beichtsakraments: Hier lasse sich Gottes rettende Güte „ganz besonders erfahren“. „Sie ist der Ort, wo man Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt bekommt. Hier beginnt die Verwandlung eines jeden von uns, und auch die Reform des Lebens der Kirche!“

Sie sollten „Werkzeuge der göttlichen Barmherzigkeit“ im Alltag werden, sagte der Papst den Pilgern weiter. „Die Männer und Frauen von heute dürsten nach Gott, dürsten nach seiner Güte und Liebe! Und ihr könnt als Kanäle der Barmherzigkeit mithelfen, diesen Durst zu stillen. Ihr könnt so vielen Menschen helfen, Christus wiederzuentdecken…“

(rv 15.11.2016 sk)

Vatikan: Ältestes Kruzifix wird zum Denkmal des Jubiläums

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Das älteste Kruzifix in St. Peter

Wenn am 20. November das Heilige Jahr zu Ende gehen wird, soll im Petersdom zur „Erinnerung“ an dieses außerordentliche Jubiläumsjahr das älteste Kruzifix von St. Peter für alle Gläubigen wieder sichtbar angebracht werden. Das kündigte an diesem Freitag der Erzpriester der vatikanischen Basilika an, Kardinal Angelo Comastri. Er stellte der Presse das frisch restaurierte Kruzifix vor. 15 Monate lang haben die Arbeiten gedauert, rund 60.000 Euro hat das Ganze gekostet, so Kardinal Comastri.

„Es handelt sich um ein hölzernes Kruzifix, der aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts stammt, also aus der Zeit von Dante Alighieri, und ist bei weitem das älteste Kreuz dieser Größe, das wir hier im Petersdom haben“, so der Erzpriester von St. Peter. Doch in den vergangenen achtzig Jahren war es an einer „ungünstigen“ Stelle platziert, abseits von der Öffentlichkeit. Davor stand ein Aufzug, den nur die Päpste und ihre Begleiter benützten und immer noch exklusiv verwenden. Das Kruzifix ist über 2,15 Meter groß und ist aus dem Stamm eines Nussbaumes erstellt worden. Doch trotz verschiedener Restaurierungsarbeiten im Lauf der Jahrhunderte befand es sich in einem ziemlich schlechten Zustand, wie die Restauratorin Lorenza D’Alessandro erläutert. „Wir mussten jede einzelne Schicht mit speziellen Lasergeräten entfernen“, sagt sie bei der Vorstellung des „neuen“ Kruzifixes. Die Arbeiten fanden im Kapitelsaal der Sakristei von St. Peter statt, wo das frisch restaurierte Kreuz auch der Presse vorgestellt wurde.

„Das Kruzifix wird dann erstmals am 6. November zum Anlass des Gottesdienstes mit dem Papst für das Jubiläumsjahr der Gefängnisinsassen wieder der Öffentlichkeit gezeigt. Gerade für die Gefängnisinsassen als Pilger in St. Peter wird das ein besonderes Zeichen der Hoffnung und eine Botschaft der Barmherzigkeit sein“, so Kardinal Comastri. Übrigens, Franziskus selber hat das Kreuz noch nicht gesehen und wird es wie die Pilger erst am 6. November sehen.

Danach soll es als „Denkmal für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ in der Sakramentskapelle – also unmittelbar neben dem Grabmal des heiligen Papstes Johannes Paul II. – aufgestellt werden. „Der Pilger, der in jene Seitenkapelle zum Beten kommt, wird dann als erstes den Anblick des Gekreuzigten sehen“, fügt der Erzpriester an.

(rv 28.10.2016 mg)

„Die Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu“

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Generalaudienz, 12. Oktober 2016

Generalaudienz von Mittwoch, dem 12. Oktober 2016 — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die vollständige Ansprache von Papst Franziskus bei der heutigen Generalaudienz auf dem Petersplatz.

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32. Die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vorangegangenen Katechesen wurden wir nach und nach in das große Geheimnis der Barmherzigkeit Gottes eingeführt. Wir betrachteten das Wirken des Vaters im Alten Testament. Anschließend haben uns die Erzählungen in den Evangelien vor Augen geführt, dass Jesus durch seine Worte und Gesten die Barmherzigkeit verkörpert. Seinerseits hat er seinen Jüngern die folgende Lehre erteilt: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist!“ (Lk 6,36). Dieser Einsatz richtet Fragen an das Gewissen und das Handeln eines jeden Christen. So genügt es nicht, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren; jeder, der sie empfängt, muss auch deren Zeichen und Werkzeug für die anderen Menschen werden. Darüber hinaus ist die Barmherzigkeit nicht besonderen Momenten vorbehalten. Vielmehr umschließt sie unsere gesamte tägliche Erfahrung.

Wie können wir daher als Zeugen der Barmherzigkeit wirken? Lasst uns nicht denken, dass dazu große Anstrengungen oder übermenschliche Gesten vollbracht werden müssen. Nein, so ist es nicht. Der Herr weist uns einen viel einfacheren Weg der kleinen Gesten, die in seinen Augen jedoch von derart großem Wert sind, dass er uns gesagt hat, dass wir nach ihnen beurteilt werden. So zeigt uns eine der schönsten Schilderungen im Matthäusevangelium die Lehre, die wir gewissermaßen als „Testament Jesu“ seitens des Evangelisten betrachten könnten, der das Wirken der Barmherzigkeit direkt an sich selbst erfahren hat. Jedes Mal, wenn wir Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Nackte kleiden, Fremde aufnehmen und Kranke oder Gefangene besuchen, tun wir dies Jesus zufolge für ihn (vgl. Mt 25,31-46). Die Kirche nannte diese Gesten „leibliche Werke der Barmherzigkeit“, denn sie helfen den Menschen in ihren Materiellen Nöten.

Ebenso existieren weitere sieben Werke der Barmherzigkeit, die als die „geistigen“ bezeichnet werden. Diese betreffen andere, vor allem heute ebenso wichtige Bedürfnisse, denn sie berühren das Innere der Person und lassen oft mehr leiden. Sicherlich erinnern wir uns alle an eine, die in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat: „Lästige geduldig ertragen“. Und diese gibt es; es gibt lästige Menschen! Dabei handelt es sich scheinbar um einen wenig wichtigen Sachverhalt, der uns ein Lächeln entlockt. Allerdings ist darin eine Gesinnung tiefer Nächstenliebe enthalten; ebenso verhält es sich mit den verbleibenden sechs Werken, die wir uns gut merken sollen: Zweifelnden recht raten, Unwissende lehren, Sünder zurechtweisen, Trauernde trösten, Beleidigern verzeihen, für Lebende und Verstorbene zu Gott beten. Es sind alltägliche Dinge! „Aber ich trauere …“ – „Aber Gott wird dir helfen, ich habe keine Zeit …“. Nein, Ich halte inne, höre zu, nehme mir die Zeit um ihn zu trösten, das ist eine Geste der Barmherzigkeit und sie gilt nicht nur ihm, sondern Jesus!

In den nächsten Katechesen widmen wir uns der Betrachtung dieser Werke, die die Kirche uns als eine konkrete Weise des Lebens der Barmherzigkeit vorlegt. Im Laufe der Jahrhunderte haben sie viele einfache Menschen in die Tat umgesetzt und so ein authentisches Glaubenszeugnis abgelegt. Im Übrigen nährt die Kirche in Treue zu ihrem Herrn eine besondere Liebe zu den Schwächsten. Oft brauchen die uns an nächsten stehenden Menschen unsere Hilfe. Wir müssen uns nicht auf die Suche nach großen zu verwirklichenden Unternehmungen machen. Besser ist es, mit den einfachsten zu beginnen, die der Herr uns als die dringendsten zu erkennen gibt. In einer bedauerlicherweise mit dem Virus der Gleichgültigkeit infizierten Welt sind die Werke der Barmherzigkeit das beste Gegenmittel. Tatsächlich erziehen sie uns zur Aufmerksamkeit den grundlegendsten Bedürfnissen unserer „geringsten Brüder“ gegenüber (Mt 25,40), in denen Jesus gegenwärtig ist. Jesus ist stets in ihnen gegenwärtig. Wo ein Bedürfnis vorliegt, wo ein Mensch ein materielles oder geistiges Bedürfnis hat, ist Jesus. Sein Antlitz in jenem zu erkennen, der bedürftig ist, ist eine wahre Herausforderung gegen die Gleichgültigkeit. Sie verleiht uns die Fähigkeit, stets wachsam zu sein, zu vermeiden, dass Jesus an uns vorbeigeht, ohne dass wir ihn erkennen. Dies ruft uns den folgenden Satz des hl. Augustinus in Erinnerung: „Timeo Iesum transeuntem” (Serm. 88, 14, 13). „Ich habe Angst davor, dass der Herr vorbeigeht” und ich ihn nicht erkenne, dass der Herr in einem dieser geringen, bedürftigen, Menschen vor mir vorbeigeht und ich nicht bemerke, dass es Jesus ist. Ich habe Angst davor, dass Jesus vorbeigeht und ich ihn nicht erkenne! Ich fragte mich, warum der hl. Augustinus von der Angst vor dem Vorbeigehen Jesu gesprochen hat. Die Antwort findet sich leider in unserem Verhalten: Oft sind wir zerstreut, gleichgültig, und wenn der Herr und nahe kommt, lassen wir die Gelegenheit einer Begegnung mit ihm aus.

Die Werke der Barmherzigkeit erwecken in uns das Bedürfnis und die Fähigkeit, den Glauben mit der Nächstenliebe lebendig und wirksam zu machen. Ich bin überzeugt davon, dass wir durch diese einfachen täglichen Gesten eine wahre kulturelle Revolution wie in der Vergangenheit vollbringen können. Wenn ein jeder von uns jeden Tag eine davon ausführt, können wir die Welt revolutionieren! Wir alle, ein jeder von uns, muss sich jedoch daran beteiligen. An wie viele Heilige erinnern wir uns heute noch nicht aufgrund ihrer großen Werke, sondern aufgrund der Nächstenliebe, die sie zu vermitteln vermochten! Denken wir an Mutter Teresa, die vor kurzem heiliggesprochen wurde: An sie erinnern wir uns nicht wegen der vielen Häuser, die sie in aller Welt eröffnet hat, sondern da sie sich über jeden Menschen beugte, den sie auf der Straße fand, um ihm seine Würde zurückzugeben. Wie viele verlassene Kinder hat sie in die Arme genommen; wie viele Sterbende begleitete sie an der Schwelle zur Ewigkeit und hielt sie an der Hand! Diese Werke der Barmherzigkeit bilden das Antlitz Jesu, der sich seiner geringsten Brüder annimmt, um einem jeden die Zärtlichkeit und die Nähe Gottes zu bringen. Möge der Heilige Geist uns helfen, möge der Heilige Geist in uns den Wunsch entzünden, mit diesem Lebensstil zu leben: zumindest ein Werk pro Tag zu vollbringen! Lasst uns die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit wieder auswendig lernen und den Herrn darum bitten, uns bei der täglichen praktischen Umsetzung und dann zu helfen, wenn wir in einem bedürftigen Menschen Jesus sehen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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„Eine zärtliche Geste genügt“

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Audienz Hospitalerinnen, 24. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstaudienz für die Kongregation der
Hospitalerinnen der Barmherzigkeit

Im Heiligen Jahr dürften die Hospitalerinnen der Barmherzigkeit („Congregatio Sororum a Misericordia pro Infirmis“, abgekürzt SOM) sicher nicht fehlen.

„Mit Freude“ empfing Papst Franziskus tatsächlich am Samstag im Vatikan eine Gruppe von mehr als hundert Schwestern der 1831 von Teresa Orsini Doria Pamphili Landi gegründeten Kongregation. Ihre Arbeit – so sagte der Papst – sei ein konkretes Zeichen dafür, wie sich die Barmherzigkeit des Vaters ausdrücke.

Gegenüber der Schwäche der Krankheit könne es keine Unterschiede des sozialen Ranges, Rasse, Sprache sowie Kultur geben, weil alle schwach würden und sich den anderen anvertrauen müssen, so unterstrich Jorge Bergoglio.

Es sei die Pflicht und Verantwortung der Kirche, den Leidenden beizustehen und ihnen Trost, Beistand und Freundschaft zu schenken, so betonte der Papst, während er die Schwestern daran erinnerte, dass es in der Krankenhilfe keine lange Reden brauche. Es genügten schon eine zärtliche Geste, ein Kuss, einfach still daneben stehen oder ein Lächeln, so sagte er.

Die Schwestern sollten nie aufgeben in diesem so wertvollen Dienst, und dies trotz der Schwierigkeiten, den man begegnen könne. „Manchmal in unserer Zeit zielt eine säkuläre Kultur darauf ab, auch jeden religiösen Bezug aus den Krankenhäusern zu entfernen, beginnend mit den Schwestern“, sagte der Papst mit Bedauern.

Er lud die Schwestern ein, nie müde zu werden, Freundinnen, Schwestern und Mütter der Kranken zu sein. „Das Gebet sei immer das Herzblut, das ihre evangelisierende Sendung ünterstütze“, so fuhr er fort.

Die Schwestern sollten auch nie vergessen, dass auf dem Krankenhausbett immer Jesus selbst liege, anwesend in jeder Person die leide. „Er ist es, der jede von euch um Hilfe bittet“, so betonte der Papst.

„Möge die Nähe zu Jesus und zu den schwächsten ihre Stärke sein“, so wünschte der Papst den Schwestern am Ende seiner Ansprache.

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Audienz: „Es ist falsch, den Bruder zu verurteilen, der gesündigt hat“

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„Barmherzig wie der Vater“: Über dieses Motto des laufenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit hat Papst Franziskus bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch gesprochen. Das Leitwort aus dem Lukasevangelium (Lk 6,36) ist „nicht einfach ein Slogan, sondern eine Lebensaufgabe“, sagte der Papst. Dabei heiße barmherzig sein nicht perfekt sein: „Wenn Jesus uns bittet, barmherzig zu sein wie der Vater, dann denkt er nicht an die Quantität! Er bittet seine Freunde, Zeichen, Kanäle und Zeugen seiner Barmherzigkeit zu werden.“Zwei Wörter kennzeichneten die Barmherzigkeit der Menschen, fuhr Franziskus fort: vergeben und geben. „Barmherzigkeit drückt sich vor allem in Vergeben aus“, so der Papst in Erinnerung an Jesu Gebot: Richtet nicht, dann werdet ihr nicht gerichtet, vergebt, und euch wird vergeben werden. „Jesus hat da nicht vor, den Lauf der menschlichen Justiz umzukehren, er erinnert aber seine Schüler daran, dass man Urteile und Verurteilungen aussetzen muss, um brüderliche Beziehungen zu haben. Es ist falsch, den Bruder zu beurteilen und zu verurteilen, der eine Sünde begangen hat. Nicht deshalb, weil man die Sünde nicht anerkennen will, sondern weil ein Verurteilen des Sünders die Bindung der Brüderlichkeit mit ihm bricht und die Barmherzigkeit Gottes missachtet, der aber seinerseits auf keines seiner Kinder verzichten will. Wir haben nicht die Macht, unseren irregehenden Bruder zu verurteilen, wir stehen nicht über ihm: wir haben stattdessen die Pflicht, ihn zurückzuholen zur Würde des Kindes des Vaters, und wir müssen ihn begleiten auf seinem Weg der Umkehr.“Der zweite Pfeiler menschlicher Barmherzigkeit: das Geben. Gott gebe weit über das hinaus, was Menschen verdienen, sagte Franziskus, und er werde noch großzügiger sein mit jenen, die auf Erden selbst großzügig waren. „In dem Maß der Liebe, die wir geben, entscheiden wir selbst, wie wir von ihm beurteilt werden.“ Darin liege auch eine Logik, so der Papst: „In dem Maß, wie man von Gott empfängt, gibt man dem Bruder, und in dem Maß, wie man dem Bruder gibt, empfängt man von Gott.“

Keiner habe in seinem Leben jemals auf die Vergebung Gottes verzichten können, fügte der Papst in freier Rede ein. „Wir alle, die wir hier auf dem Platz stehen: uns allen ist vergeben worden. Und weil uns vergeben wurde, müssen wir vergeben. Und das beten wir jeden Tag im Vaterunser: Vergib uns unsere Schuld, damit auch wir vergeben unseren Schuldigern. Es ist leicht zu vergeben: wenn Gott mir vergeben hat, warum soll nicht auch ich den anderen vergeben? Stehe ich denn über Gott? Versteht ihr das? Die Säule der Vergebung zeigt uns die Größe der Liebe Gottes.” Und nochmals wurde der Papst konkret: „Wie sehr wir das alle brauchen, ein wenig barmherziger zu sein, nicht schlecht über die anderen zu reden, nicht zu verurteilen, den anderen nicht mit Neid und Eifersucht zu sehen. Nein! Vergeben, barmherzig sein, und geben.“

Vor der Generalaudienz begrüßte und segnete Franziskus etliche hundert Kranke und ihre Begleiter, die sich wegen des drohenden Regens in der Audienzhalle eingefunden hatten. In der Audienz selbst erinnerte der Papst zum Welt-Alzheimertag an alle Menschen, die an Demenz leiden, und rief zum Gebet auch für ihr Angehörigen auf.

(rv 21.09.2016 gs)