Franziskus: Demut ist die Tugend der Starken

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Papst Franziskus beim Hochfest der Gottesmutter Maria, 1. Januar

Demut und Zärtlichkeit sind nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken. Darüber hat Papst Franziskus am ersten Tag des Neuen Jahres gesprochen. Bei der Predigt zum Hochfest der Gottesmutter Maria, zugleich Weltfriedenstag, legte der Papst eine große marianische Predigt vor. Maria bewahre  die Welt vor dem „Krebsgeschwür“ der „spirituellen Verwaisung“, sagte Franziskus. Er erinnerte an das Wirken der Mütter in der Welt als das „stärkste Gegenmittel gegen unsere egoistischen Neigungen“ und bekannte, wie viel er selbst in seinem Leben als Priester von Müttern gelernt habe. Die Gabenprozession zum Hochfest der Gottesmutter gestalteten auch in diesem Jahr Sternsingerkinder aus dem deutschen Sprachraum.

In der Heiligen Schrift tritt uns Maria als „eine eher wortkarge Frau“ entgegen, „ohne Geltungssucht, aber mit einem aufmerksamen Blick“, sagte Franziskus. Die wichtigste ihrer Eigenschaften: Wärme. „Maria zeigt uns mit ihrer Mütterlichkeit, dass die Demut und die Zärtlichkeit nicht Tugenden der Schwachen, sondern der Starken sind; sie lehrt uns, dass es nicht nötig ist, andere schlecht zu behandeln, um sich wichtig zu fühlen“, so der Papst.

Franziskus stellte die Mutter in seiner Predigt als geradezu heilsbringende Gestalt der Gesellschaft heute vor. „Die Mütter sind das stärkste Gegenmittel gegen unsere individualistischen und egoistischen Neigungen, gegen unsere Formen des Sich-Verschließens und der Gleichgültigkeit. Eine Gesellschaft ohne Mütter wäre eine erbarmungslose Gesellschaft, die nur noch dem Kalkül und der Spekulation Raum gelassen hat.“

Mütter verstünden es, selbst in den schlimmsten Momenten Präsenz zu zeigen und in dieser Anwesenheit Liebe und Hoffnung zu spenden. „Ich habe viel gelernt von jenen Müttern, deren Söhne im Gefängnis sind oder entkräftet im Bett eines Krankenhauses liegen oder der Sklaverei der Droge verfallen sind, und die bei Kälte oder Hitze, bei Regen oder Dürre nicht aufgeben und weiter kämpfen, um ihnen das Beste zukommen zu lassen. Oder jene Mütter, denen es in den Flüchtlingslagern oder sogar inmitten des Krieges gelingt, ohne zu wanken das Leiden ihrer Kinder auf sich zu nehmen und ihnen Stütze zu sein. Mütter, die buchstäblich ihr Leben hingeben, damit keines ihrer Kinder verloren geht. Wo die Mutter ist, da gibt es Einheit, gibt es Zugehörigkeit, das Zusammengehören der Kinder.“

Mütter: Das Mittel schlechthin gegen „spirituelle Verwaisung“

Deshalb ist es aus Sicht von Franziskus heilsam und recht, das Neue Jahr mit Blick auf Maria zu beginnen. Der Gedanke an die Gottesmutter bewahre uns vor der zersetzenden Krankheit der „spirituellen Verwaisung“. Mit diesem Begriff umreißt Franziskus eine profunde Heimatlosigkeit, die in seiner Darstellung dazu führt, nur noch auf sich selbst blicken zu können und sich im Egoismus zu verschließen; eine Verwaisung, sagte der Papst, „die wir erleben, wenn in uns das Empfinden der Zugehörigkeit zu einer Familie, zu einem Volk, zu einem Land, zu unserem Gott erlischt.“

Wer eine solche Verwaisung erlebe, vergesse, „dass das Leben ein Geschenk gewesen ist – dass wir es anderen verdanken – und dass wir aufgefordert sind, es in diesem gemeinsamen Haus miteinander zu teilen“. Heimtückisch ist diese Verwaisung nach Darstellung von Franziskus, weil sie auf leisen Sohlen kommt und „die Seele zerfrisst. Und so verkommen wir allmählich, da ja niemand zu uns gehört und wir zu niemandem gehören: Ich verderbe die Erde, weil sie mir nicht gehört, ich entwürdige die anderen, weil sie mich nichts angehen, ich „entwürdige“ Gott, weil ich ihm nicht gehöre, und am Ende verderben und entwürdigen wir uns selbst, weil wir vergessen, wer wir sind und welch göttlichen „Familiennamen“ wir haben“.

Dagegen erinnere uns das Fest der heiligen Gottesmutter daran, „dass wir keine austauschbare Ware oder Empfangsstationen für Informationen sind. Wir sind Söhne und Töchter, wir sind Familie, wir sind Volk Gottes.“ Marias mütterlicher Blick befreie uns von der Verwaisung und lehre, „dass wir lernen müssen, das Leben auf die gleiche Weise und mit derselben Zärtlichkeit zu umsorgen, mit der sie es umsorgt hat: indem wir Hoffnung säen, Zugehörigkeit säen, und Brüderlichkeit säen.“ Zum Ende der Predigt lud der Papst die Gläubigen im Petersdom dazu ein, sich zu erheben und dreimal mit dem Ruf der Christen in Ephesus Maria anzurufen: Heilige Mutter Gottes!

(rv 01.01.2017 gs)