VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 1. CHRISTUS, DAS LEBEN

Der Herr nennt sich „das Leben“ (Joh. 11, 25; 14, 6). Die frohe Botschaft, dass Jesus Christus das Leben ist, kündet uns vor allem der heilige Evangelist Johannes. „In ihm war das Leben“ (Joh. 1, 4). Der Sohn hat nicht nur das Leben, er ist es. Er hat das Leben nicht etwa von einem anderen „empfangen“ er selbst ist der Urheber des Lebens (Apg. 3,15). „Denn gleich wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohne verliehen, das Leben in sich selbst zu haben“ (Joh. 5, 26). In Christus begegnen wir der ungebrochenen Fülle, der Quelle des Lebens. Er allein ist der „Lebendige“ schlechthin. In Jesus Christus ist „das Leben sichtbar erschienen. Wir haben es gesehen. Wir bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns sichtbar erschienen ist“ (Joh. 1, 2). Der Herr bezeichnet es als eine spezifische Sendung, den Menschen das Leben zu bringen. „Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10,10). In dem Maße, wie ein Mensch teilhat an Jesus Christus, ist er lebendig. Ohne Teilnahme an Jesus Christus gibt es kein Leben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben, wer den Sohn aber nicht hat, hat auch das Leben nicht“ (1. Joh. 5,12). Es genügt dem Herrn in keiner Weise, dass die Menschen „etwas vom Leben haben“, dass sie ein „bisschen“ Leben besitzen, dass ihr Leben sich am Rande des Nichts bewegt und immer vom Tod bedroht ist, er will vielmehr den Menschen ein ganz neues Lebensgefühl vermitteln, ihrem Hunger nach Leben in einer Weise entgegenkommen, die uns Menschen völlig den Atem verschlägt. Weil er allein das Leben ist, will er selbst sich uns vermitteln. Wer sein Fleisch isst und sein Blut trinkt, isst ihn selbst und lebt durch ihn (vgl. Joh. 6, 57). Darum kann der Herr sagen „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm“ (Joh. 6, 56).

Weil Christus das Leben ist, kann ihm der Tod nichts anhaben. Christus ist der einzige vom Wesen her Lebendige, vor dem der Tod kapitulieren musste, und der den Tod siegreich überwunden hat. Weil Christus das Leben ist, ist er auch die Auferstehung (Joh. 11, 25).

In seinem Leiden und Sterben hat Christus den Tod mehr als besiegt, er hat den Tod in Leben gewandelt. Alles was mit Christus in Berührung kommt, wird neu lebendig. Die Kranken, die Aussätzigen, die Besessenen, die Sünder, sie alle schöpfen von ihm das Leben und spüren die lebendigmachende Kraft, die selbst vom Saum seines Kleides ausgeht. Christus verlebendigt sogar den Tod. Das ist fürwahr der göttliche Triumph des Lebens über den Tod. Im Durchgang durch den Tod wird Christus das Leben der Welt. „Dux vitae mortuus regnat vivus“ singt die Kirche in ihrer österlichen Freude und dem stolzen Bewusstsein ihres österlichen Sieges. „Der Fürst des Lebens, tot, herrscht lebend.“ Nur angesichts des Todes kann sich Christus als das Leben offenbaren. Der Tod ist der dunkle Hintergrund, der Christus als das Leben in seiner ganzen Herrlichkeit ausstrahlen lässt. Wenn schon die machtvolle Begegnung Christi mit den Kranken mannigfachster Art, mit Kranken, die an einer unheilbaren Krankheit litten, alle medizinischen Kapazitäten damaliger Zeit konsultierten und ihr ganzes Vermögen ihrer Gesundheit opferten (vgl. Mark. 5, 24), ihn als das Leben erscheinen liessen, dann musste die Begegnung mit dem Tod ihn vollends als den Fürsten und Urheber des Lebens herausstellen. Mit Christus und in Christus stirbt der Tod, um mit ihm als Leben aufzuerstehen. Im Tode Christi wird der Tod zum Prinzip und zur Quelle des Lebens. Am Kreuz Christi entspringt der siebenfache Strom der Sakramente.

Im Tod besiegt Christus nicht nur seinen persönlichen Tod, wie er etwa bei der Auferweckung des Lazarus nur den persönlichen Tod seines Freundes überwand, sondern er besiegt den Tod aller, weil er den Tod aller stirbt; er besiegt den Tod als solchen. Darum hat Christus ein- für allemal dem Tod den Stachel genommen. Er hat grundsätzlich für immer und für alle den Tod um den Sieg gebracht. Der Tod ist nicht mehr in der Welt, seitdem das Leben den Tod im Tod begraben hat. Wer an Christus glaubt, „hat das ewige Leben“ (Joh. 6, 47). Wer von seinem Brot ist, „wird leben in Ewigkeit“ (Joh. 6, 51). Wer an Jesus Christus glaubt, „wird leben, auch wenn er gestorben ist, und jeder, der im Glauben an ihn lebt, wird nicht sterben in Ewigkeit“ (vgl. Joh. 11, 26f.).

Es ist ungemein wichtig, unseren Mädchen den Blick für Christus als das wahre Leben zu öffnen. Sie haben oft eine zu einseitige Auffassung vom Leben. Es wird verstanden als die kurze Spanne Zeit zwischen Geburt und Tod, zwischen Wiege und Bahre. Es wird rein diesseitig-irdisch gesehen. Das Leben des Menschen wird auf eine Stufe gestellt mit dem Leben der Pflanzen und Tiere. – Aus dieser Sicht entstehen viele Kurzschlüsse. Wer seinen Blick nur auf dieses sein irdisch-sichtbares Leben gerichtet hat, stellt sich die begreifliche Frage: ist das denn das Leben? Ist das alles? Wie viele Arbeiterinnen, die unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine völlig unfrauliche Arbeit verrichten müssen, sagen: Das ist doch kein Leben mehr. Das ist ein Hundeleben! Ich möchte aber auch einmal leben! Das Leben beginnt nach Feierabend! Die sehr berechtigte Parole: „Freut euch des Lebens“, die wir Christen, richtig interpretiert, nicht dick genug unterstreichen können, wird vielfach rein materialistisch missverstanden. Wer als Mädchen „das Leben genießen möchte“, meint damit: ein Liebesabenteuer, einen schönen Film, einen rauschenden Ballabend, festliche Kleider, gehobenes Essen, und dergl. mehr. Vitalität und Gesundheit, Tod und Leben sind rein diesseitige Begriffe, die Zustände des leiblichen Lebens charakterisieren. Das „Leben“ ist säkularisiert und wird nicht mehr im biblischen Sinne genommen. Wenn Christus das Leben ist, darf es nicht von ihm losgelöst werden. Wer es tut, gleicht einem Manne, der den Fluss von seiner Quelle und den Ast vom Baum trennt. Der Fluss trocknet aus und der Ast modert. Das ist die notwendige Folge. Der Begriff des Lebens hat in der Hl. Schrift eine eminent christologische Valenz.  Wer dem Leben Christus nimmt, entwertet es völlig und macht es sinnlos. Es ist sehr bedauerlich und schließlich ein Zeugnis unseres Unglaubens, dass im Wort Leben das Wort Christus nicht mehr mitschwingt.

Ein Weg, den Glauben an Christus als das Leben der Welt neu zu wecken, wäre die rechte Zuordnung von Taufe und Eucharistie. Man darf wohl sagen, dass kein Glaube so tief und fest im Bewusstsein unseres Volkes verwurzelt ist, wie der Glaube an die Gegenwart Christi unter den Gestalten von Brot und Wein. Dieser eucharistische Glaube manifestiert sich in den mannigfachen Formen: in der Kniebeuge, im Segen mit dem Allerheiligsten, im Anschauen der Gestalten bei der heiligen Wandlung, in öffentlichen und privaten Anbetungsstunden, im Benehmen im Gotteshaus, in theophorischen Prozessionen, im Schmuck der Altäre, in kunstvollen heiligen Gefäßen, im ewigen Licht, im Opfer für das Gotteshaus. All das ist letztlich Zeugnis des eucharistischen Glaubens.

Jedes Brot aber ist auf ein Leben hin geordnet und setzt es voraus. Nur der Lebendige kann essen. Der Appetit ist ist ja geradezu ein Gradmesser der Gesundheit. Darum spricht man von einem „gesunden“ Appetit. Umgekehrt ist Appetitlosigkeit oft ein Krankheitssymptom. Wenn es dem kleinen Kind nicht mehr schmeckt und es die Nahrungsaufnahme verweigert, geht die besorgte Mutter zum Arzt. Sie weiß: meinem Kind fehlt etwas. Leben und Brot sind korrelativ. Alles Brot steht im Dienst des Lebens. Brot gibt Blut und Blut gibt Leben, sagt der Volksmund. Oder das andere von der Mutter oft zitierte Wort: Milch und Brot macht die Wangen rot.

Nun wird aber die Qualität des Brotes ganz bestimmt von der Qualität des Lebens. Jedes Leben fordert ein ihm homogenes Brot. Dem vergänglichen leiblichen Leben genügt ein vergängliches leibliches Brot. Im Leben von unten entspricht ein Brot von unten. Auf das „irdische“ Leben antwortet das irdische Brot. Der menschliche Leib ist von der Erde genommen und wird auch wieder zur Erde zurückkehren. Demselben Gesetz unterliegt alle leibliche Nahrung. Wie dieses Leben sich nicht „hält“, und der Leib verfault, so kann sich auch keine irdische Speise „halten“, so ist auch sie dem Prozess der Fäulnis ausgesetzt. Weil das leibliche Leben des Menschen ein Leben auf den Tod hin ist, ist das tägliche Brot ein „totes“ Brot, dem Christus sich selbst als das „lebendige“ Brot gegenüberstellt.

Analog lassen sich die Parallelen ziehen zwischen dem Leben und dem Brot der Seele. Beide kommen von „oben“, vom „Himmel“ und sind geistiger Natur. Jedes Brot erhält und erhellt das Leben. Im Licht des Brotes enthüllt sich das Leben. Wie kostbar muss ein Leben sein, das mit dem Christus Brot genährt wird! Wie heilig muss ein Leben sein, dem Christus selbst sich zur Speise gibt! Welche Fülle des Lebens muss in uns verborgen sein, wenn Christus selbst und mit ihm der dreifaltige Gott zu uns kommen, um Wohnung bei uns zu nehmen! Das Brot der heiligen Eucharistie ist nicht nur christliche Existenzerhaltung, sondern auch – und das nicht zuletzt – christliche Existenzerhellung. Die Herrlichkeit des Christusbrotes lässt uns die Herrlichkeit des Christuslebens ahnen. Die Glaubenswirklichkeit der Taufe wird bestätigt und neu erschlossen in der Glaubenswirklichkeit der hl. Eucharistie.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

DIE MENSCHBEZOGENHEIT CHRISTI

Gott ist immer seinen Geschöpfen nahe, insofern er sie erhält. Er ist aber den Menschen in einer einmaligen Weise nahegekommen in der Menschwerdung der zweiten Person in der Gottheit. Hier nimmt sich Gott nicht nur des Menschen an, er „zieht“ ihn an, macht sich eine menschliche Natur zueigen, vereinigt sich in geheimnisvoller Weise mit ihr durch die göttliche Person, und zwar so innig, dass diese Vereinigung mit dieser einen menschlichen Natur, die in der Stunde der Verkündigung beginnt, durch nichts und niemand mehr gelöst werden kann und fortdauert für alle Ewigkeit. Der Gottmensch Jesus Christus ist der ewige Garant für die bleibende Nähe Gottes zum Menschen.

Das Geheimnis des Gottmenschen lässt uns etwas ahnen von der beglückenden Nähe, in die Gott alle Menschen zu sich rufen möchte. Freilich ist der Logos nur mit dieser einen Natur, die er aus Maria, der Jungfrau, angenommen und „angezogen“ hat, personal verbunden, aber seine Absicht geht dahin, sich alle Menschen in seiner Kirche als seinem mystischen Leib zu unieren. Alle Menschen sind berufen, Glieder dieses seines mystischen Leibes zu werden. Die Menschbezogenheit des Logos bekennen wir im Credo der heiligen Messe mit den Worten: „Für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Das unmittelbare Ziel der Menschwerdung Gottes ist der Mensch. In diesem Sinne sagt die Theologie „sacramenta propter homines“, die Sakramente sind für die Menschen da. Wenn Christus „propter nos homines“ „für uns Menschen“ vom Himmel herabgestiegen ist, dann muss der Herr auch in seinen Sakramenten, in denen wir ihm unter geheimnisvollen Zeichen und Worten begegnen können, auf die Menschen bezogen sein.

Die Menschbezogenheit Christi ist eine ausschließliche Heilsbezogenheit. Das „propter nos“ erklärt das Credo durch den Zusatz „propter nostram salutem“, unseres Heiles willen. Der Mensch ist die große Sorge Gottes. Das Schicksal der Engel war mit deren Sündenfall ein für allemal besiegelt. Eine Erlösung der Engel stand nicht im Plane Gottes. Aber Gott beschließt von Ewigkeit her die Erlösung des Menschen. Diese Erlösung, die nach der objektiven Seite allein Gottes Werk ist, kann der einzelne für sich jederzeit zunichte machen. Der getaufte Mensch ist ja keine konsekrierte Materie, die nach vollzogener Konsekration ihre Zuständlichkeit nicht mehr ändern kann. Der Mensch kann sich der Gnade der Erlösung öffnen und verschließen, er kann die Gnade erlangen und sie wieder verlieren, er kann mit der Gnade mitwirken und sie vergeblich empfangen und so verscherzen. Nichts ist im Grunde genommen zur Charakterisierung der christlichen Situation falscher als das Bild von Herkules am Scheideweg. Der Mensch kann sich nicht in einem einmaligen Akt definitiv für Christus und damit für sein Heil entscheiden. Es gibt keinen mechanischen Heilsweg, der den Menschen, wenn er ihn einmal beschritten hätte, unweigerlich zu seinem Ziel führte. Die Bekehrung des Menschen ist ein fortwährender Prozess, der erst mit der Heimkehr des Menschen zu Gott sein Ende gefunden hat. Es gibt, streng genommen, keinen „Konvertiten“ es gibt nur den sich stets und ständig zu Gott hin Konvertierenden. Die Konversion im imperfektischen Sinne kennzeichnet den Heilsweg der Christen. Dabei bekehrt sich nicht der Mensch zu Gott, sondern Gott bekehrt den Menschen zu sich. „Converte nos, Deus salutaris noster.“ Bekehren uns, Gott unser Heil, betet die Kirche jeden Tag in ihrem Nachtgebet, in der Komplet. Im Staffelgebet der hl. Messe finden wir eine ähnlich lautende Bitte: „Deus, tu conversus vivificabis nos“, Gott wende dich zu uns und gib uns neues Leben. Im Psalm 118 spricht der Psalmist: „Wende dich her zu mir und erbarme dich meiner, wie du gewohnt bist, denen zu tun, die deinen Namen lieben. Lenke, oh Herr, meine Schritte nach deinem Wort, lass kein Unrecht über mich Macht gewinnen.“ Es gibt keine Bekehrung, die ohne den Anruf Gottes zur Umkehr denkbar wäre. Der Christ ist im Zustand der Pilgerschaft beständig auf dem Weg der Hin-kehr und Heim-kehr zu Gott. Konversion im Perfekt gibt es erst in statu comprehensoris, im Zustand der Vollendung. Weil der Mensch durch den Anruf Gottes also immer wieder vor die Entscheidung gestellt wird, die positiv und negativ ausfallen kann, bleibt er die „einzige“ Sorge Gottes. Im Introitus vom Herz-Jesu-Fest heißt es „Er sinnt in seinem Herzen von Geschlecht zu Geschlecht, dass er ihr Leben vom Tode errette und in der Zeit des Hungers sie nähre“.

Wie sehr der Mensch ein Kulminationspunkt göttlicher Sorge und Liebe ist, bezeugt am eindeutigsten die Person des Gottmenschen Jesus Christus. Denn in der Menschwerdung macht Gott die Sorgen und Nöte der Menschen zu den Seinigen. Er teilt mit ihnen ihr Schicksal. Jesus Christus ist das den Menschen fortwährend zugewandte Antlitz des Vaters. Christus ist der vom Vater in die Welt gesandte göttliche „Pädagoge“ der Menschheit. Wenn er erhöht ist, wird er alles an sich „ziehen“ (Joh. 12, 32). Niemand aber kann zum Sohn kommen, wenn ihn der Vater nicht „zieht“ (vgl. Joh, 6.44).

Christus ist dieser Sendung treu geblieben bis zum Tode am Kreuz, ja er bleibt ihr treu bis in alle Ewigkeit als der ewige Hohepriester, der „immerdar lebt, um Fürsprache für sie einzulegen“ (Heb. 7.25). Der Herr ist immer für die Menschen da. Nikodemos empfängt er mitten in der Nacht. Er weist ihn nicht zurück. Er hätte ihm sagen können: „Du bist ein Feigling. Du wählst die Stunde der Nacht, um nicht gesehen zu werden. Warum kommst du nicht am helllichten Tag zu mir?“ Er hätte sich entschuldigen können mit dem Hinweis darauf, dass er die Nachtruhe brauche, dass der Tag für die Arbeit da sei. Aber nichts von alledem. Nikodemus trifft kein Vorwurf, kein Tadel, kein Verweis ob der nächtlichen Ruhestörung. Christus ist immer für die Menschen da, bei Tag und bei Nacht. Er hat immer „Sprechstunden“. Er empfängt auch die Mütter mit ihren Kindern zu später Abendstunde, am „Feierabend“. Als die Jünger die Leute abwiesen, weil sie wussten, wie müde und abgearbeitet der Herr war, entgegnete ihnen Christus: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn für solche ist das Himmelreich“ (Matthäus 19.14). Wie Christus immer für die Menschen da ist, ist er ganz für Sie da. Das wird vor allem sichtbar beim Kreuzesopfer, das wesentlich ein „holocaustum“, ein „Ganzopfer“ ist.

Seine Sendung an die Menschen kleidet der Herr in viele Parabeln. Er schildert uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn, von der verlorenen Drachme, vom verlorenen Schaf. Etwas näher sei hier eingegangen auf das Gleichnis vom guten Hirten (Joh. 10,11-16). Der gute Hirt führt die Schafe, er weidet sie, er schützt sie. Christus führt die Menschen zum Vater, er nährt sie mit seinem eigenen Fleisch und Blut, er schützt sie vor dem Zugriff des Bösen mit seinem Leben. Das Bild des guten Hirten enthüllt uns die völlige Selbstlosigkeit des Herrn, der sich nicht schont, um die Schafe zu retten. Der Herr geht nicht nur auf in der Sorge um die Menschen, er geht vielmehr buchstäblich dabei drauf.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Kardinal Müller übt heftige Kritik an deutscher Theologie

Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller übt heftige Kritik an der deutschen Theologie. Er bezeichnete die Entwicklungen um den Theologen und Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig als „Wischi-Waschi-Regelung“. Diese habe man „mit taktischen Spielchen durchgesetzt, die der Wahrheit der Glaubenslehre Hohn spricht“, sagte Müller der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ (Donnerstag) aus Würzburg.

Wucherpfennig war im Februar als Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt wiedergewählt worden. Die erforderliche Unbedenklichkeitserklärung („Nihil obstat“) des Vatikan war aber lange ausgeblieben. Der Jesuit hatte sich kritisch zum Umgang der Kirche mit Homosexuellen und Frauen geäußert. Mitte November wurde bekannt, dass Wucherpfennig weiter als Rektor arbeiten kann.

Bereits kurze Zeit später hatte Müller die Causa Wucherpfennig als Beispiel für das Eindringen des Atheismus in die Kirche bezeichnet. Der Fall zeige, wie die Kirche „ihre eigene Autorität untergräbt“ und wie die „klare Expertise“ der vatikanischen Glaubenskongregation verdrängt werde. „Wenn dieser Priester den Segen homosexueller Beziehungen als das Ergebnis einer Weiterentwicklung der Lehre bezeichnet, an der er weiterhin arbeitet, bedeutet dies nichts anderes als die Anwesenheit des Atheismus im Christentum“, so Müller.

Müller kritisierte im aktutellen Interview zudem die Theologie in Deutschland. Sie sei für die Weltkirche „gar nicht“ repräsentativ. „Weltweit ist die große Mehrheit der Theologieprofessoren lehramtstreu“, so der Kardinal. „Sogenannte ‚deutsche Kirchenmänner‘ träumen immer noch in geradezu lächerlicher Selbstüberschätzung davon, andere belehren zu können und die Schrittmacher für die Weltkirche zu sein.“ Dabei sei es Zeit, von anderen demütig zu lernen, wie man dem Wort Gottes treu bleibe. „Die wissenschaftliche Qualität ist in Spanien, Polen, USA und Italien weitaus gleichwertig – wenn nicht höher.“

Junge Theologen stünden in Deutschland an den Fakultäten unter großem Druck, fügte Müller hinzu. „Man nimmt nicht den Besten seines Faches, sondern den ideologisch Zuverlässigen. Wer keinen antirömischen Affekt hat, ‚der passt nicht zu uns‘.“ Theologen mit einer „diffus-säkularistischen Lebensauffassung“ müssten sich bekehren – „oder die Größe zeigen, auf das Professorenamt zu verzichten oder das angebotene Bischofsamt nicht anzunehmen“, forderte Müller.

„Das Argumentationsniveau ist gelegentlich peinlich“

Auf Bischofssynoden spiele die Theologie kaum mehr die Rolle, die ihr zukomme, sagte der Kardinal. „Das Argumentationsniveau ist gelegentlich peinlich. Der Austausch bleibt oft im Anekdotischen hängen.“ Natürlich gebe es auch Bischöfe mit hohen intellektuellen Fähigkeiten, „aber die werden fast systematisch von verantwortungsvollen Posten ferngehalten“. Müller weiter: „Professionalität in der Theologie wird nicht geschätzt. Sie wird eher als Manko in der Pastoral ‚der Menschennähe‘ gesehen, als ob die Managerqualitäten wichtiger wären als theologischer Durchblick in einer Zeit, in der die Vernunft des Glaubens bestritten wird.“

Weiter erklärte Müller, es gebe „einen Minderwertigkeitskomplex in der romanischen Welt gegenüber der deutschsprachigen mit ihrem Geld und dem – früheren – Ansehen der ‚deutschen Theologie'“. Diese führe dazu, dass man die Deutschen sich selbst überlasse, „wie einst die alten Römer die Germanen ihrer Zwietracht überließen“. (tmg/KNA)

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Quelle

„Ich werde nicht schweigen“: Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Wiederholt und mit scharfen Worten ist Kardinal Gerhard Ludwig Müller für seine Aussagen zur Kirchenkrise in den vergangenen Tagen angegriffen worden, hat aber auch deutlichen Zuspruch erfahren. EWTN-Romkorrespondent Paul Badde hat den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation interviewt.

PAUL BADDE: Herr Kardinal, die Schriftlesungen dieser letzten Tage des Kirchenjahres sind überaus apokalyptisch. Wie ist Ihnen da zumute, wenn Sie diese Texte morgens bei der heiligen Messe hören und lesen?

Kardinal Gerhard Ludwig Müller: Ich bin von Natur aus nicht apokalyptisch veranlagt. Ich habe es mehr mit der Eschatologie, die besagt, dass Christus wirklich der Retter der Welt ist. Dem, der Gott liebt, wird am Ende alles zum Guten und Besten gereichen.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Beitrag erscheint, in dem Sie immer noch scharf angegriffen werden wegen Ihres Interviews mit Maike Hickson, in dem Sie den Katechismus der Kirche noch einmal auf traditionelle Weise vorgestellt und verteidigt haben, als einen Kampf um die Wahrheitsfrage. Gibt es eine „Jagd auf Kardinal Müller“?

Wie Sie sagen, handelt es sich um Angriffe auf meine Person und nicht um ernstzunehmende Beiträge in der Sache. Aber das ist immer so. Wenn es um die Macht statt um die Wahrheit geht, bleibt der Anstand auf der Strecke. „Wenn wir Seine Jünger sind, weil wir in Seinem Wort bleiben, dann werden wir die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird uns frei machen.“ (vgl. Joh 8,31f)

Bis vor kurzem waren Sie noch der Glaubenswächter der gesamten katholischen Kirche. Da markieren die Angriffe auf Sie aus dem Raum der Kirche aber eine dramatische Wende, in der auch die Hermeneutik der Kontinuität innerhalb der Kirche zu zerschellen scheint, die Papst Benedikt XVI. noch so leidenschaftlich beschworen hat. Was sagen Sie dazu?

Der Glaube der Kirche eint die Gläubigen, weil sie auf das Wort Gottes hören. Papst Franziskus hat Recht: Wo gespalten wird, da ist nicht der Heilige Geist. Zur Hermeneutik der Reform des Lebensstils und der Kontinuität im Glaubensbekenntnis gibt es keine Alternative.

Warum spielt denn die Debatte um homosexuelle Netzwerke innerhalb der Kirche und des Vatikans in diesem Streit eine offensichtlich anstößige Hauptrolle?

Ich hatte festgestellt, dass 80 Prozent der Opfer von Missbrauchsdelikten durch katholische Kleriker männlich sind. Bekanntlich fürchten Ideologen die Tatsachen wie der Teufel das Weihwasser. Aber ich kenne die Vorgänge und Hintergründe aus vielen Prozessen, die wir von Amts wegen in der Glaubenskongregation geführt haben. Ob es „homosexuelle Netzwerke“ im Vatikan gibt, weiß ich nicht – außer durch die Feststellung, die auf Papst Franziskus selbst zurückgeht.  Aber es gibt hochrangige Vertreter der katholischen Kirche, die über alles Maß hinaus Menschen dieser Tendenz verteidigen und fördern. Wenn aber die Inhalte des katholischen Glaubens in Frage gestellt werden, zeigen sie sich weitherzig und flügellahm. Wer ihrer Agenda folgt, darf sich alles erlauben. Wer auf assistiertes Denken verzichtet, wird von ihnen gnadenlos verfolgt, derzeit nach der Devise „Paulus Adieu – Wucherpfennig okay!“ Das ist mit mir aber nicht zu haben und dazu werde ich nicht schweigen.

Offensichtlich ist die Kirche heute vertikal und horizontal tief gespalten. Gilt aber nicht auch der Glaube selbst, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde Mensch wurde, gekreuzigt wurde, aus dem Grab auferstand und schließlich in der heiligen Eucharistie unter uns leibhaft zugegen ist, nicht auch in der Kirche längst als zu anspruchsvoll oder absurd? Es ist doch auch ein Glaube, den kaum noch ein Theologe teilt. 

Wer die Menschwerdung Gottes leugnet, ist kein katholischer Theologe, sondern höchstens ein Professor auf einer satten Pfründe. Da sollte man wenigstens so ehrlich sein, seine Brötchen woanders zu verdienen. Die Zugehörigkeit zur Kirche kraft Taufe und Glauben ist etwas anderes als Nutznießer im kirchlichen Establishment zu sein. Der Riss geht nicht zwischen Konservativen und Liberalen, was immer diese eher politisch-weltanschaulichen Ausdrücke bedeuten mögen. Die Theologie empfängt ihren Gegenstand vom geoffenbarten Glauben und der Lehre der Kirche. Die Theologie als Wissenschaft richtet sich in ihrer Methode nach ihrem Gegenstand. Ungläubige Theologie unterscheidet sich von gläubiger Theologie wie das hölzerne vom glühenden Eisen.

Wie schauen Sie denn in diesem Jahr vor dem Advent in Ihre Zukunft und in die Zukunft der römisch-katholischen Kirche?

In die Zukunft kann ich nicht schauen. Aber sie ist der nach vorne offene Raum der Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt. Die Kirche hat bestimmt in Deutschland keine große Zukunft, wenn sie wie eine politische Partei agiert und agitiert. Dagegen gilt: Seid stark im Glauben!

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Papst Franziskus wirbt für eine Theologie der Zärtlichkeit

Franziskus bei der Audienz an diesem Donnerstag (Vatican Media )

„Habt keine Angst vor der Zärtlichkeit!“ Mit diesen Worten hat Papst Franziskus vor gut fünf Jahren sein Amt angetreten. Aber kommt der Begriff Zärtlichkeit überhaupt vor in der Kirche und der Theologie?

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Ja, behauptet ein Kongress in Assisi, der in diesen Tagen über eine „Theologie der Zärtlichkeit“ nachgedacht hat. Papst Franziskus empfing die Teilnehmer an diesem Donnerstag im Vatikan und ergriff die Gelegenheit, um etwas genauer zu sagen, was er da im Sinn hat.

„Theologie und Zärtlichkeit scheinen zwei weit voneinander entfernte Worte zu sein. Das erste scheint mehr in den akademischen Bereich zu gehören, das zweite in die Beziehungen zwischen Menschen. Aber in Wirklichkeit bindet unser Glaube sie untrennbar zusammen. Theologie kann nämlich nicht abstrakt bleiben – sonst wäre sie eine Ideologie -, weil sie aus einem existenziellen Erfahren herrührt, aus der Begegnung mit dem fleichgewordenen Wort! Theologie soll also die Konkretheit des Gottes, der Liebe ist, kommunizieren. Und Zärtlichkeit gehört in diese Konkretheit hinein – mit ihr wird die Zuneigung, die der Herr zu uns hat, in unsere Zeit übersetzt.“

Vielleicht passt das nicht jedem, aber…

Vielleicht passe das nicht jedem, aber es sei heutzutage nun mal so, dass es den Menschen von heute eher ums Fühlen als um Begriffe gehe, sinnierte der Papst.

„Man geht von dem aus, was man fühlt. Natürlich kann sich die Theologie nicht auf Gefühl reduzieren. Aber sie kann genausowenig ignorieren, dass in vielen Teilen der Welt das Herangehen an die wesentlichen Fragen immer mehr von dem ausgeht, was die Menschen emotionell spüren. Die Theologie ist dazu aufgerufen, diese existenzielle Suche zu begleiten und das Licht, das aus dem Wort Gottes kommt, (in diese Lage) hineinzutragen. Und eine gute Theologie der Zärtlichkeit kann die göttliche Liebe in diesem Sinn durchbuchstabieren.“

Gottes Liebe ist kein abstraktes Prinzip

Noch einmal: Die Liebe Gottes sei „kein abstraktes Prinzip“, sondern „persönlich und konkret“. Und auch eine Theologie der Zärtlichkeit müsse konkrete Inhalte haben. Zwei schwebten dem Papst da besonders vor: Sich von Gott geliebt fühlen und andere im Namen Gottes zu lieben.

„Uns geliebt fühlen – das ist eine Botschaft, die uns in letzter Zeit stärker erreicht. Ich denke da an die Herz-Jesu-Verehrung, an die Barmherzigkeit als essentielle Eigenschaft der Dreifaltigkeit und des christlichen Lebens. Die Zärtlichkeit kann unsere Art und Weise sein, wie wir heute auf die göttliche Barmherzigkeit reagieren. Sie enthüllt uns neben dem väterlichen auch das mütterliche Antlitz Gottes: eines Gottes, der in den Menschen verliebt ist und dessen Liebe zu uns um ein Vielfaches stärker ist als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind (vgl. Jes 49,15)… Zärtlichkeit ist das Gegengift zur Angst vor Gott. Uns geliebt fühlen bedeutet zu lernen, Gott zu vertrauen. Zu ihm zu sagen: Jesus, ich vertraue auf dich.“

“ Zärtlichkeit ist nicht Gefühligkeit ”

Siegel der Zärtlichkeit Gottes in seinem Verhältnis zu uns sei das Leiden Jesu am Kreuz, so Franziskus. Dieses Leiden sporne uns an zur „Leidenschaft für Gott und, um der Liebe Gottes willen, für den Menschen“. Wer sich geliebt fühle – und damit kam der Papst auf den zweiten, von ihm bezeichneten Inhalt einer Theologie der Zärtlichkeit zu sprechen –, der könne auch andere lieben. Mehr denn je sei heute eine Revolution der Zärtlichkeit vonnöten.

„Wenn Gott unendliche Zärtlichkeit ist, dann ist auch der Mensch, der nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen wurde, fähig zur Zärtlichkeit. Zärtlichkeit ist also nicht Gefühligkeit; sie ist der erste Schritt, um aus dem Egoismus herauszukommen, der die menschliche Freiheit entstellt. Die Zärtlichkeit Gottes lässt uns verstehen, dass die Liebe der Sinn des Lebens ist.“

(vatican news)

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Papst: „Theologie macht man miteinander, nicht gegeneinander“

Bibel (© Biblioteca Apostolica Vaticana)

Theologie macht man miteinander, nicht gegeneinander. Daran hat Papst Franziskus an diesem Freitag vor italienischen Theologen im Vatikan erinnert.

Anne Preckel – Vatikanstadt

Die italienische Theologen-Vereinigung „Associazione Teologica Italiana“ (ATI) feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen; heute gehören ihr über 330 Theologen und Theologinnen an. Der Papst empfing Vertreter der Vereinigung an diesem Freitag im Vatikan in Audienz. Der gemeinschaftliche Stil sei grundlegender Teil theologischen Suchens, bekräftigte er in seiner Ansprache:

„Denn man kann nicht denken, der Wahrheit eines Gottes der Liebe und ewigen Gemeinschaft des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes (…) zu dienen, wenn man das auf individualistische, partikuläre Weise tut – oder, schlimmer noch, mit einer Logik der Konkurrenz. Die theologische Forschung ist notwendig eine persönliche Suche, doch eine Suche von Mitgliedern einer theologischen Gemeinschaft, die so groß wie möglich ist und zu der sich alle wirklich zugehörig fühlen, einbezogen in solidarischen Beziehungen und auch echter Freundschaft. Das ist kein Zubehör der Theologie!“

Kreative Treue

Der Papst rief die Theologen und Theologinnen dazu auf, das Zweite Vatikanische Konzil bei ihrer Arbeit als Referenzpunkt zu nehmen. Mit „kreativer Treue“ sollten sie sich darum bemühen, die Glaubensbotschaft für die Welt von heute authentisch aufzubereiten. Auch heute erweise die Theologie der Kirche einen kostbaren Dienst. Gleichwohl seien akademische Kurse für einen authentischen Glauben nicht zwingend notwendig, erinnerte der Papst:

„Es gibt einen Sinn für die Realitäten des Glaubens, der dem ganzen Gottesvolk gehört, auch jenen, die keine besonderen intellektuellen Mittel haben, um das auszudrücken. Diesem Empfinden muss man zuhören, man muss es erforschen. Und es gibt auch sehr einfache Menschen, die diese ,Augen des Glaubens‘, diesen Blick, zu schärfen verstehen. Es ist dieser lebendige Glaube des heiligen und treuen Gottesvolkes, dem sich jeder Theologe zugehörig fühlen und von dem er sich auch unterstützt, transportiert und umarmt fühlen sollte.“

Eine notwendige theologische Durchdringung des Glaubens stehe dazu in keinem Widerspruch, hielt der Papst fest. In der heutigen Zeit müsse Theologie vor allem einer „Kirche im missionarischen Aufbruch“ dienen, die den Menschen „das Zentrum und den tiefsten Kern des Evangeliums“ vor Augen führe. Die theologische Forschung sei heute eine „Aufgabe der Wesentlichkeit“, formulierte der Papst. Sie sei „im Zeitalter der Komplexität und eines beispiellosen wissenschaftlichen und technischen Fortschrittes“ sowie angesichts drohender Verfälschungen bei der Glaubensweitergabe unerlässlich.

„Damit die Kirche den Frauen und Männern von heute das Zentrum des Evangeliums weiter nahebringen kann, damit die Glaubensbotschaft wirklich die Menschen in ihrer Einzigartigkeit erreicht und die Gesellschaft in all ihren Dimensionen durchdringt, ist die Aufgabe der Theologie unabdingbar – mit ihrem Bemühen, die großen Themen des christlichen Glaubens innerhalb einer zutiefst verwandelten Kultur neu zu denken.“

Mit anderen Disziplinen Dialog aufsuchen

Papst Franziskus ermutigte die Glaubensforscher, sich in Dialog mit anderen Disziplinen und mit Vertretern anderer Kirchen zu begeben. Themenfelder und Debatten, zu denen Theologen einen wertvollen Beitrag leisten könnte, seien zum Beispiel ökologische Fragen und Entwicklungen in den Neurowissenschaften und der Bioethik, aber auch gesellschaftliche Missstände wie die immer größer werdende soziale Ungleichheit und die globalen Migrationsbewegungen mit all ihren Herausforderungen.

Wesentlich für die Theologie sei das Staunen, fügte der Papst dann in freier Rede an: „Das Staunen, das uns zu Christus bringt, Theologie staunend betreiben.“ Auch sei der Theologie ein Wissenschaftler „auf Knien“, betonte Franziskus weiter: „Theologie auf Knien betreiben, wie die großen Kirchenväter. Sie dachten, beteten, beteten an… das ist die starke Theologie, Fundament der gesamten theologischen Entwicklung des Christentums.“ Und schließlich: „Theologie in der Kirche betreiben, im heiligen treuen Gottesvolk, das – und hier benutze ich ein nicht-theologisches Wort – den ,Riecher‘ des Glaubens besitzt, diesen sensus fidei, der im Glauben nicht irren kann.“

Quelle

Kardinal Müller: „Benedikt XVI. wird in Geschichte eingehen“

Der emeritierte Papst im Dezember 2015

„In kleinem Kreis“ wird der emeritierte Papst Benedikt XVI. seinen 90. Geburtstag feiern – und dabei wird am Ostermontag, einen Tag nach dem runden Geburtstag, sicher auch Gerhard Ludwig Müller nicht fehlen. Der Kardinal ist Nachfolger Joseph Ratzingers im Amt des Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, und kaum jemand kennt Benedikts Schriften so gut wie er.

„Ich habe schon einiges geschrieben über ihn und bin auch Herausgeber der Gesammelten Werke: 16 Bände.“ Das sagte der deutsche Kurienkardinal im Gespräch mit Radio Vatikan. „Die Ausgabe ist schon weit vorangeschritten. Wer beim Zustandekommen dieser Ausgabe beteiligt ist oder wer sie in den jeweiligen Sprachen gelesen hat, der weiß, dass Papst Benedikt ein großer, bedeutender Theologe ist  und dass er dieses theologische Wissen, diese Erfahrung eingebracht hat in sein Pontifikat. Und dass er mit einem bedeutenden Pontifikat auch in die Geschichte eingehen wird – unabhängig davon, was die eine oder andere interessierte Stimme theologischer Herkunft von sich gibt. Aber die Beurteilung der Kriterien in Geschichte und Theologie sind eben andere, und hier kommt es bei jedem Pontifikat darauf an, wie jemand mit der eigenen Person die Sendung und den Auftrag annimmt, der ihm in der Person des heiligen Petrus von Christus selber übertragen worden ist.“

„Benedikts Rücktritt ist nicht wie der eines Ministers“

In den letzten Jahrhunderten wurde gemeinhin nach dem Tod eines Papstes die Bilanz seines Pontifikats gezogen. Doch mit dem Papst aus Deutschland verhält es sich anders: Er lebt, hat sich aber vor vier Jahren aus dem Petrusdienst zurückgezogen. Wir fragten Kardinal Müller, wie sich denn das Pontifikat Benedikts unter dem Blickwinkel des jetzigen, argentinischen Pontifikats beurteilen lasse.

„Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, weil wir keine vergleichbaren geschichtlichen Kategorien haben… Wenn Benedikt XVI. auf die Ausübung des Primats verzichtet hat und, auf Deutsch gesagt, zurückgetreten ist von diesem Amt, dann ist das ja nicht so, wie wenn ein Präsident eines Staates oder ein Minister zurücktritt, sodass sein Amt der Vergangenheit angehört. Sondern das ist ja auch eine persönliche Beauftragung durch Christus, die jetzt auf diese Weise nicht mehr ausgeübt wird, da wir jetzt einen neuen, anderen Papst haben. Aber Benedikt hat das eben auch so definiert, dass er gerade als emeritierter Papst durch das Gebet und durch sein Wohlwollen dem päpstlichen Auftrag und der Sendung bleibend verbunden ist. Ich glaube auch, dass gerade durch sein Erbe in der Theologie und auch in seinem päpstlichen Lehramt er weiterhin noch wesentliche Orientierung bietet für das Verständnis des katholischen Glaubens.“

Ganze Glaubenskongregation wird gratulieren

Es sei „schön für ihn und für uns“, dass der Geburtstag des emeritierten Papstes dieses Jahr auf den Ostersonntag fällt, urteilt Kardinal Müller – auch wenn an einem solchen Tag natürlich „keine große Gratulations-Tour“ stattfinden könne. „Jedenfalls werden wir ihm von der ganzen Glaubenskongregation aus schreiben, Glückwünsche aussprechen, alles Gute und Gottes Segen wünschen für den Weg, so wie Gott ihn für ihn bestimmt hat.“

(rv 08.04.2017 sk)