PAPST PAUL VI. 1968: ENZYKLIKA „HUMANAE VITAE“

ENZYKLIKA
SEINER HEILIGKEIT
PAUL PP. VI.

HUMANAE VITAE

ÜBER DIE WEITERGABE DES LEBENS

An die Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, die Erzbischöfe,
Bischöfe und die übrigen Ortsordinarien, die mit dem Apostolischen Stuhl
in Frieden und Gemeinschaft leben,
an den Klerus und die Christgläubigen des ganzen katholischen Erdkreises sowie an alle Menschen guten Willens

EHRWÜRDIGE BRÜDER, LIEBE SÖHNE UND TÖCHTER!
GRUSS UND APOSTOLISCHEN SEGEN!

 

Die Weitergabe des Lebens

1. Die überaus ernste Aufgabe, menschliches Leben weiterzugeben, durch die die Gatten freie und bewußte Mitarbeiter des Schöpfergottes sind, erfüllt sie immer mit großer Freude; doch ist die Freude vielfach mit nicht geringen Schwierigkeiten und Bedrängnissen verbunden. Zu allen Zeiten stellte die Erfüllung dieser Aufgabe das Gewissen der Gatten vor schwere Probleme. Die jüngste Entwicklung jedoch, die die menschliche Gesellschaft nimmt, bringt derartige Veränderungen mit sich, daß sich neue Fragen erheben, denen die Kirche sich stellen muß, weil sie aufs engste mit menschlichem Leben und Glück zusammenhängen.

I. NEUE GESICHTSPUNKTE DES PROBLEMS:
DIE ZUSTÄNDIGKEIT DES KIRCHLICHEN LEHRAMTES

2. Die Veränderungen sind wirklich bedeutsam und verschiedenartig. Zunächst handelt es sich um die rasche Bevölkerungszunahme: viele fürchten, daß die Weltbevölkerung schneller zunimmt, als die zur Verfügung stehende Nahrung erlaubt. Dadurch wächst die Not in vielen Familien und in den Entwicklungsländern. Das kann staatliche Regierungen leicht dazu drängen, diese Gefahr mit radikalen Maßnahmen zu bekämpfen. Dazu erschweren nicht nur Arbeits- und Wohnverhältnisse, sondern auch gesteigerte Ansprüche wirtschaftlicher Art und im Hinblick auf die Erziehung und den Unterricht der Jugend den angemessenen Unterhalt einer größeren Zahl von Kindern. Wir erleben auch einen gewissen Wandel in der Auffassung von der Persönlichkeit der Frau und ihrer Aufgabe in der menschlichen Gesellschaft; ebenso in der Auffassung vom Wert der Gattenliebe in der Ehe und in der Beurteilung des ehelichen Verkehrs im Hinblick auf diese Liebe. Schließlich ist vor allem der staunenswerte Fortschritt des Menschen in der Beherrschung der Naturkräfte und deren rationaler Auswertung in Betracht zu ziehen. Diese Herrschaft sucht nun der Mensch auf sein ganzes Leben auszudehnen: auf seinen Körper, seine seelischen Kräfte, auf das soziale Leben und selbst auf die Gesetze, die die Weitergabe des Lebens regeln.

3. Diese Sachlage wirft neue Fragen auf. Wäre es nicht angebracht, angesichts der gegenwärtigen Lebensverhältnisse und der Bedeutung, die der eheliche Verkehr für die Harmonie und gegenseitige Treue der Gatten hat, die heute geltenden sittlichen Normen zu überprüfen? Zumal, wenn man erwägt, daß diese unter Umständen nur unter heroischen Opfern befolgt werden können? Könnte nicht das sogenannte Ganzheitsprinzip auf diesen Bereich angewandt werden und damit die Planung einer weniger großen, aber vernünftig geregelten Fruchtbarkeit einen physisch unfruchtbar machenden Akt in eine erlaubte und vorausschauende Geburtenlenkung verwandeln? Kann man nicht die Meinung vertreten, daß das Ziel des Dienstes an der Fortpflanzung mehr dem Eheleben als Ganzen aufgegeben sei als jedem einzelnen Akt? Man stellt auch die Frage, ob bei dem gesteigerten Verantwortungsbewußtsein des heutigen Menschen nicht die Zeit gekommen sei, wo die Weitergabe des Lebens mehr von Vernunft und freier Entscheidung bestimmt werden sollte als von gewissen biologischen Regelmäßigkeiten.

4. Zweifellos forderten solche Fragen vom kirchlichen Lehramt eine neue und vertiefte Überlegung über die Prinzipien der Ehemoral, die ihre Grundlage im natürlichen Sittengesetz haben, das durch die göttliche Offenbarung erhellt und bereichert wird. Kein gläubiger Christ wird bestreiten, daß die Auslegung des natürlichen Sittengesetzes zur Aufgabe des kirchlichen Lehramtes gehört. Denn zweifellos hat – wie Unsere Vorgänger wiederholt ausgesprochen haben (1) – Christus Jesus, als er dem Petrus und den übrigen Aposteln an seiner göttlichen Gewalt Anteil gab und sie aussandte, alle Völker zu lehren, was er uns geboten hat (2), sie zu zuverlässigen Wächtern und Auslegern des ganzen Sittengesetzes bestellt, das heißt nicht nur des evangelischen, sondern auch des natürlichen Sittengesetzes. Denn auch das natürliche Sittengesetz bringt den Willen Gottes zum Ausdruck, und dessen treue Befolgung ist ja allen Menschen zum ewigen Heil notwendig (3). In Erfüllung dieses Auftrags hat sich die Kirche zu allen Zeiten, besonders oft in letzter Zeit über die Natur der Ehe, über die sittlich geordnete Inanspruchnahme der ehelichen Rechte und die Pflichten der Eheleute in übereinstimmenden Dokumenten geäußert (4).

5. Im Bewußtsein dieser gleichen Aufgabe haben Wir den von Unserm Vorgänger Johannes XXIII. im März 1963 eingesetzten Ausschuß bestätigt und erweitert. Ihm gehörten außer vielen Gelehrten aus den betreffenden Fachgebieten auch Ehepaare an. Dieser Ausschuß sollte Gutachten einholen über die Fragen, die das eheliche Leben und vor allem die sittlich geordnete Geburtenregelung aufwirft; er sollte darüber hinaus die Ergebnisse seiner Studien so vorlegen, daß das kirchliche Lehramt eine den Erwartungen nicht nur der Gläubigen, sondern auch der übrigen Welt entsprechende Antwort geben könnte (5). Das Forschungsergebnis der Sachkundigen und die Gutachten vieler Unserer Brüder im Bischofsamt, die sie teils aus eigenem Antrieb einsandten, die teils von Uns erbeten waren, erlaubten Uns, dieses vielseitige Problem von allen Seiten aus sorgfältiger zu bedenken. Deshalb sagen Wir allen von Herzen Dank.

6. Die Folgerungen jedoch, zu denen der Ausschuß gelangt war, konnten für Uns kein sicheres und endgültiges Urteil darstellen, das Uns der Pflicht enthoben hätte, ein so bedeutsames Problem zum Gegenstand Unserer persönlichen Erwägung zu machen. Das war auch deshalb notwendig, weil es in der Vollversammlung des Ausschusses nicht zu einer vollen Übereinstimmung der Auffassungen über die vorzulegenden sittlichen Normen gekommen war; und vor allem, weil einige Lösungsvorschläge auftauchten, die von der Ehemoral, wie sie vom kirchlichen Lehramt bestimmt und beständig vorgelegt wurde, abwichen. Daher wollen Wir nun nach genauer Prüfung der Uns zugesandten Akten, nach reiflicher Überlegung, nach inständigem Gebet zu Gott, in kraft des von Christus Uns übertragenen Auftrags auf diese schwerwiegenden Fragen Unsere Antwort geben.

II. PRINZIPIEN DER KIRCHLICHEN LEHRE

Gesamtschau des Menschen

7. Die Frage der Weitergabe menschlichen Lebens darf – wie jede andere Frage, die das menschliche Leben angeht – nicht nur unter biologischen, psychologischen, demographischen, soziologischen Gesichtspunkten gesehen werden; man muß vielmehr den ganzen Menschen im Auge behalten, die gesamte Aufgabe, zu der er berufen ist; nicht nur seine natürliche und irdische Existenz, sondern auch seine übernatürliche und ewige. Da nun viele, die sich für künstliche Geburtenregelung einsetzen, sich dabei auf die Forderungen der ehelichen Liebe und der verantwortlichen Elternschaft berufen, ist es nötig, diese beiden bedeutsamen Elemente des ehelichen Lebens genauer zu bestimmen und zu beleuchten. – Dabei wollen Wir vor allem zurückgreifen auf die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes„, in der sich jüngst das Zweite Vatikanische Konzil mit sehr hoher Autorität dazu geäußert hat.

Die eheliche Liebe

8. Die eheliche Liebe zeigt sich uns in ihrem wahren Wesen und Adel, wenn wir sie von ihrem Quellgrund her sehen; von Gott, der „Liebe ist (6)“, von ihm, dem Vater, „nach dem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen trägt (7)“. Weit davon entfernt, das bloße Produkt des Zufalls oder Ergebnis des blinden Ablaufs von Naturkräften zu sein, ist die Ehe in Wirklichkeit vom Schöpfergott in weiser Voraussicht so eingerichtet, daß sie in den Menschen seinen Liebesplan verwirklicht. Darum streben Mann und Frau durch ihre gegenseitige Hingabe, die ihnen in der Ehe eigen und ausschließlich ist, nach jener personalen Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig vollenden, um mit Gott zusammenzuwirken bei der Weckung und Erziehung neuen menschlichen Lebens. Darüber hinaus hat für die Getauften die Ehe die hohe Würde eines sakramentalen Gnadenzeichens, und bringt darin die Verbundenheit Christi mit seiner Kirche zum Ausdruck.

Eigenart der ehelichen Liebe

9. In diesem Licht wird die besondere Eigenart und Forderung der ehelichen Liebe deutlich. Es kommt sehr darauf an, daß man davon die rechte Vorstellung hat. An erster Stelle müssen wir sie als vollmenschliche Liebe sehen; das heißt als sinnenhaft und geistig zugleich. Sie entspringt darum nicht nur Trieb und Leidenschaft, sondern auch und vor allem einem Entscheid des freien Willens, der darauf hindrängt, in Freud und Leid des Alltags durchzuhalten, ja dadurch stärker zu werden: so werden dann die Gatten ein Herz und eine Seele und kommen gemeinsam zu ihrer menschlichen Vollendung. Weiterhin ist es Liebe, die aufs Ganze geht; jene besondere Form personaler Freundschaft, in der die Gatten alles großherzig miteinander teilen, weder unberechtigte Vorbehalte machen noch ihren eigenen Vorteil suchen. Wer seinen Gatten wirklich liebt, liebt ihn um seiner selbst willen, nicht nur wegen dessen, was er von ihm empfängt. Und es ist seine Freude, daß er durch seine Ganzhingabe bereichern darf. Die Liebe der Gatten ist zudem treu und ausschließlich bis zum Ende des Lebens; so wie sie Braut und Bräutigam an jenem Tag verstanden, da sie sich frei und klar bewußt durch das gegenseitige eheliche Jawort aneinander gebunden haben. Niemand kann behaupten, daß die Treue der Gatten – mag sie auch bisweilen schwer werden – unmöglich sei. Im Gegenteil. Zu allen Zeiten hatte sie ihren Adel und reiche Verdienste. Beispiele sehr vieler Ehepaare im Lauf der Jahrhunderte sind der Beweis dafür: Treue entspricht nicht nur dem Wesen der Ehe, sie ist darüber hinaus eine Quelle innigen, dauernden Glücks. Diese Liebe ist schließlich fruchtbar, da sie nicht ganz in der ehelichen Vereinigung aufgeht, sondern darüber hinaus fortzudauern strebt und neues Leben wecken will. „Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet. Kinder sind gewiß die vorzüglichste Gabe für die Ehe und tragen zum Wohl der Eltern selbst sehr bei (8).“

Verantwortliche Elternschaft

10. Deshalb fordert die Liebe von den Ehegatten, daß sie ihre Aufgabe verantwortlicher Elternschaft richtig erkennen. Diese Aufgabe, auf die man heute mit gutem Recht ganz besonderen Wert legt, muß darum richtig verstanden werden. Sie muß aber unter verschiedenen berechtigten, miteinander zusammenhängenden Gesichtspunkten betrachtet werden. Was zunächst die biologischen Vorgänge angeht, bedeutet verantwortungsbewußte Elternschaft die Kenntnis und die Beachtung der mit ihnen zusammenhängenden Funktionen. So vermag der Mensch in seinen Fortpflanzungskräften die biologischen Gesetze zu entdecken, die zur menschlichen Person gehören (9). Was dann psychologisch Trieb und Leidenschaft betrifft, so meint verantwortungsbewußte Elternschaft ihre erforderliche Beherrschung durch Vernunft und Willen. Im Hinblick schließlich auf die gesundheitliche, wirtschaftliche, seelische und soziale Situation bedeutet verantwortungsbewußte Elternschaft, daß man entweder, nach klug abwägender Überlegung, sich hochherzig zu einem größeren Kinderreichtum entschließt, oder bei ernsten Gründen und unter Beobachtung des Sittengesetzes zur Entscheidung kommt, zeitweise oder dauernd auf weitere Kinder zu verzichten. Endlich und vor allem hat verantwortungsbewußte Elternschaft einen inneren Bezug zur sogenannten objektiven sittlichen Ordnung, die auf Gott zurückzuführen ist, und deren Deuterin das rechte Gewissen ist. Die Aufgabe verantwortungsbewußter Elternschaft verlangt von den Gatten, daß sie in Wahrung der rechten Güter- und Wertordnung ihre Pflichten gegenüber Gott, sich selbst, gegenüber ihrer Familie und der menschlichen Gesellschaft anerkennen. Daraus folgt, daß sie bei der Aufgabe, das Leben weiterzugeben, keineswegs ihrer Willkür folgen dürfen, gleichsam als hinge die Bestimmung der sittlich gangbaren Wege von ihrem eigenen und freien Ermessen ab. Sie sind vielmehr verpflichtet, ihr Verhalten auf den göttlichen Schöpfungsplan auszurichten, der einerseits im Wesen der Ehe selbst und ihrer Akte zum Ausdruck kommt, den anderseits die beständige Lehre der Kirche kundtut (10).

Achtung vor dem Wesen und der Zielsetzung des ehelichen Aktes

11. Jene Akte, die eine intime und keusche Vereinigung der Gatten darstellen und die das menschliche Leben weitertragen, sind, wie das letzte Konzil betont hat, „zu achten und zu ehren (11)“; sie bleiben auch sittlich erlaubt bei vorauszusehender Unfruchtbarkeit, wenn deren Ursache keineswegs im Willen der Gatten liegt; denn die Bestimmung dieser Akte, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken, bleibt bestehen. Wie die Erfahrung lehrt, geht tatsächlich nicht aus jedem ehelichen Verkehr neues Leben hervor. Gott hat ja die natürlichen Gesetze und Zeiten der Fruchtbarkeit in seiner Weisheit so gefügt, daß diese schon von selbst Abstände in der Aufeinanderfolge der Geburten schaffen. Indem die Kirche die Menschen zur Beobachtung des von ihr in beständiger Lehre ausgelegten natürlichen Sittengesetzes anhält, lehrt sie nun, daß „jeder eheliche Akt“ von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens hingeordnet bleiben muß (12).

Untrennbarkeit von liebender Vereinigung und Fortpflanzung

12. Diese vom kirchlichen Lehramt oft dargelegte Lehre gründet in einer von Gott bestimmten unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte – liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen. Seiner innersten Struktur nach befähigt der eheliche Akt, indem er den Gatten und die Gattin aufs engste miteinander vereint, zugleich zur Zeugung neuen Lebens, entsprechend den Gesetzen, die in die Natur des Mannes und der Frau eingeschrieben sind. Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz den Sinngehalt gegenseitiger und wahrer Liebe, und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist. Unserer Meinung nach sind die Menschen unserer Zeit durchaus imstande, die Vernunftgemäßheit dieser Lehre zu erfassen.

Treue zum Schöpfungsplan Gottes

13. Man weist ja mit Recht darauf hin, daß ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, daß solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt. Ebenso muß man dann auch, wenn man darüber nachdenkt, zugeben: Ein Akt gegenseitiger Liebe widerspricht dem göttlichen Plan, nach dem die Ehe entworfen ist, und dem Willen des ersten Urhebers menschlichen Lebens, wenn er der vom Schöpfergott in ihn nach besonderen Gesetzen hineingelegten Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist. Wenn jemand daher einerseits Gottes Gabe genießt und anderseits – wenn auch nur teilweise – Sinn und Ziel dieser Gabe ausschließt, handelt er somit im Widerspruch zur Natur des Mannes und der Frau und deren inniger Verbundenheit; er stellt sich damit gegen Gottes Plan und heiligen Willen. Wer das Geschenk ehelicher Liebe genießt und sich dabei an die Zeugungsgesetze hält, der verhält sich nicht, als wäre er Herr über die Quellen des Lebens, sondern er stellt sich vielmehr in den Dienst des auf den Schöpfer zurückgehenden Planes. Wie nämlich der Mensch ganz allgemein keine unbeschränkte Verfügungsmacht über seinen Körper hat, so im besonderen auch nicht über die Zeugungskräfte als solche, sind doch diese ihrer innersten Natur nach auf die Weckung menschlichen Lebens angelegt, dessen Ursprung Gott ist. „Das menschliche Leben muß allen etwas Heiliges sein“, mahnt Unser Vorgänger Johannes XXIII., „denn es verlangt von seinem ersten Aufkeimen an das schöpferische Eingreifen Gottes (13).“

Unerlaubte Wege der Geburtenregelung

14. Gemäß diesen fundamentalen Grundsätzen menschlicher und christlicher Eheauffassung müssen Wir noch einmal öffentlich erklären: Der direkte Abbruch einer begonnenen Zeugung, vor allem die direkte Abtreibung – auch wenn zu Heilzwecken vorgenommen -, sind kein rechtmäßiger Weg, die Zahl der Kinder zu beschränken, und daher absolut zu verwerfen (14). Gleicherweise muß, wie das kirchliche Lehramt des öfteren dargetan hat, die direkte, dauernde oder zeitlich begrenzte Sterilisierung des Mannes oder der Frau verurteilt werden (15). Ebenso ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel (16). Man darf, um diese absichtlich unfruchtbar gemachten ehelichen Akte zu rechtfertigen, nicht als Argument geltend machen, man müsse das Übel wählen, das als das weniger schwere erscheine; auch nicht, daß solche Akte eine gewisse Einheit darstellen mit früheren oder nachfolgenden fruchtbaren Akten und deshalb an ihrer einen und gleichen Gutheit teilhaben. Wenn es auch zuweilen erlaubt ist, das kleinere sittliche Übel zu dulden, um ein größeres zu verhindern oder um etwas sittlich Höherwertiges zu fördern (17), so ist es dennoch niemals erlaubt – auch aus noch so ernsten Gründen nicht -, Böses zu tun um eines guten Zweckes willen (18): das heißt etwas zu wollen, was seiner Natur nach die sittliche Ordnung verletzt und deshalb als des Menschen unwürdig gelten muß; das gilt auch, wenn dies mit der Absicht geschieht, das Wohl des einzelnen, der Familie oder der menschlichen Gesellschaft zu schützen oder zu fördern. Völlig irrig ist deshalb die Meinung, ein absichtlich unfruchtbar gemachter und damit in sich unsittlicher ehelicher Akt könne durch die fruchtbaren ehelichen Akte des gesamtehelichen Lebens seine Rechtfertigung erhalten.

Erlaubtheit therapeutischer Mittel

15. Die Kirche hält aber jene therapeutischen Maßnahmen, die zur Heilung körperlicher Krankheiten notwendig sind, nicht für unerlaubt, auch wenn daraus aller Voraussicht nach eine Zeugungsverhinderung eintritt. Voraussetzung dabei ist, daß diese Verhinderung nicht aus irgendeinem Grunde direkt angestrebt wird (19).

Erlaubte Inanspruchnahme unfruchtbarer Perioden

16. Allein dieser Lehre der Kirche über die Gestaltung der ehelichen Sittlichkeit halten einige heute entgegen, wie schon oben (Nr. 3) erwähnt, es sei Recht und Aufgabe der menschlichen Vernunft, die ihr von der Naturwelt dargebotenen Kräfte zu steuern und auf Ziele auszurichten, die dem Wohl des Menschen entsprechen. Ja, man fragt: Ist nicht in diesem Zusammenhang in vielen Situationen künstliche Geburtenregelung vernünftiger, wenn man nämlich damit mehr Frieden und Eintracht in der Familie erreichen und für die Erziehung schon lebender Kinder bessere Bedingungen schaffen kann? Auf diese Frage ist entschieden zu antworten: Die Kirche ist die erste, die den Einsatz der menschlichen Vernunft anerkennt und empfiehlt, wenn es um ein Werk geht, das den vernunftbegabten Menschen so eng mit seinem Schöpfer verbindet; aber ebenso betont sie, daß man sich dabei an die von Gott gesetzte Ordnung halten muß. Wenn also gerechte Gründe dafür sprechen, Abstände einzuhalten in der Reihenfolge der Geburten – Gründe, die sich aus der körperlichen oder seelischen Situation der Gatten oder aus äußeren Verhältnissen ergeben -, ist es nach kirchlicher Lehre den Gatten erlaubt, dem natürlichen Zyklus der Zeugungsfunktionen zu folgen, dabei den ehelichen Verkehr auf die empfängnisfreien Zeiten zu beschränken und die Kinderzahl so zu planen, daß die oben dargelegten sittlichen Grundsätze nicht verletzt werden (20). Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft auch wenn für diese andere Praxis immer wieder ehrbare und schwerwiegende Gründe angeführt werden. Tatsächlich handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Verhaltensweisen: bei der ersten machen die Eheleute von einer naturgegebenen Möglichkeit rechtmäßig Gebrauch; bei der anderen dagegen hindern sie den Zeugungsvorgang bei seinem natürlichen Ablauf. Zweifellos sind in beiden Fällen die Gatten sich einig, daß sie aus guten Gründen Kinder vermeiden wollen, und dabei möchten sie auch sicher sein. Jedoch ist zu bemerken, daß nur im ersten Fall die Gatten sich in fruchtbaren Zeiten des ehelichen Verkehrs enthalten können, wenn aus berechtigten Gründen keine weiteren Kinder mehr wünschenswert sind. In den empfängnisfreien Zeiten aber vollziehen sie dann den ehelichen Verkehr zur Bezeugung der gegenseitigen Liebe und zur Wahrung der versprochenen Treue. Wenn die Eheleute sich so verhalten, geben sie wirklich ein Zeugnis der rechten Liebe.

Ernste Folgen der Methoden einer künstlichen Geburtenregelung

17. Verständige Menschen können sich noch besser von der Wahrheit der kirchlichen Lehre überzeugen, wenn sie ihr Augenmerk auf die Folgen der Methoden der künstlichen Geburtenregelung richten. Man sollte vor allem bedenken, wie bei solcher Handlungsweise sich ein breiter und leichter Weg einerseits zur ehelichen Untreue, anderseits zur allgemeinen Aufweichung der sittlichen Zucht auftun könnte. Man braucht nicht viel Erfahrung, um zu wissen, wie schwach der Mensch ist, und um zu begreifen, daß der Mensch – besonders der Jugendliche, der gegenüber seiner Triebwelt so verwundbar ist – anspornender Hilfe bedarf, um das Sittengesetz zu beobachten, und daß es unverantwortlich wäre, wenn man ihm die Verletzung des Gesetzes selbst erleichterte. Auch muß man wohl befürchten: Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnt haben, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren, und, ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet. Schließlich ist sehr zu bedenken, welch gefährliche Macht man auf diese Weise jenen staatlichen Behörden in die Hand gäbe, die sich über sittliche Grundsätze hinwegsetzen. Wer könnte es Staatsregierungen verwehren, zur Überwindung der Schwierigkeiten ihrer Nationen für sich in Anspruch zu nehmen, was man Ehegatten als erlaubte Lösung ihrer Familienprobleme zugesteht? Wer könnte Regierungen hindern, empfängnisverhütende Methoden zu fördern, die ihnen am wirksamsten zu sein scheinen, ja sogar ihre Anwendung allgemein vorzuschreiben, wo immer es ihnen notwendig erscheint? Auf diese Weise könnte es geschehen, daß man, um Schwierigkeiten persönlicher, familiärer oder sozialer Art, die sich aus der Befolgung des göttlichen Gesetzes ergeben, zu vermeiden, es dem Ermessen staatlicher Behörden zugestände, sich in die ganz persönliche und intime Aufgabe der Eheleute einzumischen. Will man nicht den Dienst an der Weitergabe des Lebens menschlicher Willkür überlassen, dann muß man für die Verfügungsmacht des Menschen über den eigenen Körper und seine natürlichen Funktionen unüberschreitbare Grenzen anerkennen, die von niemand, sei es Privatperson oder öffentliche Autorität, verletzt werden dürfen. Diese Grenzen bestimmen sich einzig aus der Ehrfurcht, die dem menschlichen Leibe in seiner Ganzheit und seinen natürlichen Funktionen geschuldet wird: und zwar entsprechend den oben dargelegten Grundsätzen und dem recht verstandenen sogenannten Ganzheitsprinzip, so wie es Unser Vorgänger Pius XII. erläutert hat (21).

Die Kirche als Garant der wahren Werte des Menschen

18. Es ist vorauszusehen, daß vielleicht nicht alle diese überkommene Lehre ohne weiteres annehmen werden; es werden sich, verstärkt durch die modernen Kommunikationsmittel, zu viele Gegenstimmen gegen das Wort der Kirche erheben. Die Kirche aber, die es nicht überrascht, daß sie ebenso wie ihr göttlicher Stifter gesetzt ist „zum Zeichen, dem widersprochen wird (22)“, steht dennoch zu ihrem Auftrag, das gesamte Sittengesetz, das natürliche und evangelische, demütig, aber auch fest zu verkünden. Die Kirche ist ja nicht Urheberin dieser beiden Gesetze; sie kann deshalb darüber nicht nach eigenem Ermessen entscheiden, sondern nur Wächterin und Auslegerin sein; niemals darf sie etwas für erlaubt erklären, was in Wirklichkeit unerlaubt ist, weil das seiner Natur nach dem wahren Wohl des Menschen widerspricht. Indem sie das eheliche Sittengesetz unverkürzt wahrt, weiß die Kirche sehr wohl, daß sie zum Aufbau echter menschlicher Kultur beiträgt; darüber hinaus spornt sie den Menschen an, sich nicht seiner Verantwortung dadurch zu entziehen, daß er sich auf technische Mittel verläßt; damit sichert sie die Würde der Eheleute. Indem die Kirche so dem Beispiel und der Lehre unseres göttlichen Erlösers getreu vorgeht, zeigt sie, daß ihre aufrichtige und uneigennützige Liebe den Menschen begleitet: sie will ihm helfen in dieser Welt, daß er wirklich als Kind am Leben des lebendigen Gottes teilhat, der aller Menschen Vater ist (23).

III. SEELSORGLICHE RICHTLINIEN

Die Kirche als Mutter und Lehrmeisterin

19. Unsere Worte wären nicht der volle und deutliche Ausdruck der Gedanken und Sorgen der Kirche, der Mutter und Lehrmeisterin aller Völker, wenn sie den Menschen, die sie zur treuen Befolgung von Gottes Gebot über die Ehe auffordern, nicht auch in den schweren Situationen, unter denen heute Familien und Völker leiden, Hilfen böten bei der Durchführung einer sittlich geordneten Geburtenregelung. Die Kirche kann sich ja zu den Menschen nicht anders verhalten als unser göttlicher Erlöser: sie kennt die Schwachheit der Menschen, sie hat Erbarmen mit den Scharen, sie nimmt sich der Sünder an; sie muß aber jenes Gesetz lehren, das wirklich das Gesetz des menschlichen Lebens ist: jenes Lebens, das auf seine ursprüngliche Wahrheit zurückgeführt, von Gottes Geist bewegt wird (24).

Möglichkeit der Beobachtung des göttlichen Gesetzes

20. Die Verwirklichung der Lehre über die rechte Geburtenregelung, die die Kirche als Gottes Gebot selbst verkündet, erscheint zweifellos vielen schwer, ja sogar ganz unmöglich. Aber wie jedes besonders hohe und wertvolle Gut verlangt dieses Gesetz vom einzelnen Menschen, von der Familie und von der menschlichen Gesellschaft feste Entschlüsse und viele Anstrengungen. Ja, seine Befolgung ist nicht möglich ohne die helfende Gnade Gottes, die den guten Willen des Menschen stützt und stärkt. Wer aber tiefer nachdenkt, wird erkennen, daß diese Anstrengungen die Würde des Menschen erhöhen und beitragen zum Wohl der menschlichen Gesellschaft.

Selbstbeherrschung

21. Sittlich geordnete Geburtenregelung aber verlangt von den Gatten vor allem eine volle Anerkennung und Wertschätzung der wahren Güter des Lebens und der Familie, ferner eine ständige Bemühung um allseitige Beherrschung ihrer selbst und ihres Trieblebens. Ganz sicher ist diese geistige Herrschaft über den Naturtrieb ohne Askese nicht möglich. Nur so vermag man die dem ehelichen Leben eigentümlichen Ausdrucksformen der Liebe in Einklang zu bringen mit der rechten Ordnung. Das gilt besonders für jene Zeiten, in denen man Enthaltsamkeit üben muß. Solche Selbstzucht, Ausdruck ehelicher Keuschheit, braucht keineswegs der Gattenliebe zu schaden; sie erfüllt sie vielmehr mit einem höheren Sinn für Menschlichkeit. Solche Selbstzucht verlangt zwar beständiges Sich-Mühen; ihre heilsame Kraft aber führt die Gatten zu einer volleren Entfaltung ihrer selbst und macht sie reich an geistlichen Gütern. Sie schenkt der Familie wahren Frieden und hilft, auch sonstige Schwierigkeiten zu meistern. Sie fördert bei den Gatten gegenseitige Achtung und Besorgtsein füreinander; sie hilft den Eheleuten, ungezügelte Selbstsucht, die der wahren Liebe widerspricht, zu überwinden, sie hebt bei ihnen das Verantwortungsbewußtsein für die Erfüllung ihrer Aufgaben. Sie verleiht den Eltern bei der Erziehung der Kinder eine innerlich begründete, wirkungsvollere Autorität: dementsprechend werden dann Kinder und junge Menschen mit fortschreitendem Alter zu den wahren menschlichen Werten die rechte Einstellung bekommen und die Kräfte ihres Geistes und ihrer Sinne in glücklicher Harmonie entfalten.

Schaffung einer für die Keuschheit gedeihlichen Atmosphäre

22. Bei dieser Gelegenheit wollen Wir die Erzieher und alle, die für das Gemeinwohl der menschlichen Gesellschaft verantwortlich sind, an die Notwendigkeit erinnern, ein Klima zu schaffen, das geschlechtlich zuchtvolles Verhalten begünstigt. So überwindet wahre Freiheit Ungebundenheit durch Wahrung der sittlichen Ordnung. Alle, denen der Fortschritt der menschlichen Kultur und der Schutz der wesentlichen Güter der Seele am Herzen liegt, müssen einstimmig verurteilen, was bei den modernen Massenmedien dazu beiträgt, die Sinne aufzupeitschen und Sittenverfall zu verbreiten, ebenso jede Form von Pornographie in Schrift, Wort und Darstellung. Man soll doch nicht versuchen, solche Entartung mit Berufung auf Kunst und Wissenschaft zu rechtfertigen (25) oder mit dem Hinweis auf die Freiheit, die vielleicht in diesem Bereich die staatlichen Stellen gewähren.

Appell an die staatlichen Behörden

23. Daher richten Wir das Wort an die Regierungen, denen vor allem die Verantwortung für den Schutz des Gemeinwohls obliegt und die soviel zur Wahrung der guten Sitten beitragen können: Duldet niemals, daß die guten Sitten eurer Völker untergraben werden; verhindert unter allen Umständen, daß durch Gesetze in die Familie, die Keimzelle des Staates, Praktiken eindringen, die zum natürlichen und göttlichen Gesetz im Widerspruch stehen. Um das Problem des Bevölkerungszuwachses zu lösen, kann und muß die staatliche Gewalt einen anderen Weg gehen: den einer weisen und vorausschauenden Familien- und Bildungspolitik, die das Sittengesetz und die Freiheit der Bürger sicherstellt. Wir wissen sehr wohl um die Schwierigkeiten, die hier die Regierungen haben, zumal in den Entwicklungsländern. Unser Verständnis für diese begründeten Sorgen beweist Unsere Enzyklika „Populorum progressio“. Hier aber wiederholen Wir mit Unserem Vorgänger Johannes XXIII.: „Bei Behandlung und Lösung dieser Fragen darf der Mensch weder Wege gehen noch Mittel anwenden, die im Widerspruch zu seiner Würde stehen, wie sie von jenen ungescheut angeboten werden, die vom Menschen und seinem Leben rein materialistisch denken. Unserer Überzeugung nach läßt sich die Frage nur lösen, wenn beim wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt sowohl der einzelnen wie des ganzen Menschheitsgeschlechtes die echt menschlichen Güter und Werte geachtet und gemehrt werden (26).“ Sehr zu Unrecht würde man die göttliche Vorsehung für das verantwortlich machen, was im Gegenteil eine Folge kurzsichtiger Politik ist, mangelnden Sinns für soziale Gerechtigkeit, selbstsüchtiger Bereicherung, schließlich fauler Nachlässigkeit in der Übernahme von Anstrengungen, die ein Volk mit all seinen Bürgern zu höherem Lebensstandard führen könnten (27). Möchten doch alle Verantwortlichen, auf die es ankommt – wie es einige schon ausgezeichnet tun -, immer wieder mit allen Kräften ans Werk gehen. Man darf nicht nachlassen im Eifer, sich innerhalb der großen Menschenfamilie gegenseitig zu helfen; hier öffnet sich, meinen Wir, ein schier unbegrenztes Betätigungsfeld für die großen überstaatlichen Einrichtungen.

An die Wissenschaftler

24. Wir möchten nun Unsern Appell an die Männer der Wissenschaft richten, „die dem Wohl von Ehe und Familie und dem Frieden des Gewissens sehr dienen, wenn sie durch ihre gemeinsame wissenschaftliche Arbeit die Voraussetzungen für eine sittlich einwandfreie Geburtenregelung genauer zu klären versuchen (28)“. Vor allem ist zu wünschen – was schon Pius XII. gesagt hat -, daß aufbauend auf dem Wissen um die natürlichen Zyklen die Medizin für eine sittlich geordnete Geburtenregelung sichere Grundlagen zu schaffen vermag (29). So werden dann die Wissenschaftler – besonders die Katholiken unter ihnen – durch ihren Beitrag beweisen, daß es so ist, wie die Kirche lehrt: daß nämlich „es keinen wahren Widerspruch geben kann zwischen den göttlichen Gesetzen hinsichtlich der Übermittlung des Lebens und dem, was echter ehelicher Liebe dient (30)“.

An die christlichen Eheleute

25. Nun richtet sich Unser Wort insbesondere an Unsere Söhne und Töchter, besonders an diejenigen, die Gott beruft, ihm im Ehestande zu dienen. Indem die Kirche die unumstößlichen Forderungen des göttlichen Gesetzes weitergibt, verkündet sie das Heil und schließt in den Sakramenten Wege der Gnade auf: dadurch wird der Mensch eine neue Schöpfung, die in Liebe und echter Freiheit dem erhabenen Plan seines Schöpfers und Erlösers entspricht und Sinn hat für die leichte Last Christi (31). Indem sie in Demut seiner Stimme folgen, sollen die christlichen Eheleute daran denken, daß ihre Berufung zum christlichen Leben, die in der Taufe gründet, im Sakrament der Ehe entfaltet und gefestigt wurde. So werden sie „gestärkt und gleichsam geweiht“, um ihre Aufgaben treu erfüllen, ihre Berufung zur Vollendung führen und vor der Welt das ihnen aufgetragene christliche Zeugnis geben zu können (32). Diese Aufgabe hat der Herr ihnen anvertraut, damit sie den Menschen jenes heilige und doch milde Gesetz offenbar machen, das ihre gegenseitige Liebe und ihr Zusammenwirken mit der Liebe Gottes, des Urhebers menschlichen Lebens, innig vereint. Daß für das Leben christlicher Eheleute bisweilen ernste Schwierigkeiten auftreten, leugnen Wir keineswegs: denn wie für jeden von uns ist auch für sie „die Pforte eng und schmal der Weg, der zum Leben führt (33)“. Dennoch wird die Hoffnung auf dieses Leben wie ein hellstrahlendes Licht ihren Weg erleuchten, wenn sie tapferen Sinnes bemüht sind, „nüchtern, gerecht und gottesfürchtig in dieser Welt zu leben (34)“, wohl wissend, daß „die Gestalt dieser Welt vergeht (35)“. Deshalb sollen die Eheleute die ihnen auferlegten Opfer bereitwillig auf sich nehmen, gestärkt durch den Glauben und die Hoffnung, die „nicht zuschanden werden läßt: denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ward (36)“. Sie sollen ferner in inständigem Gebet die Hilfe Gottes erflehen und vor allem aus der immer strömenden Quelle der Eucharistie Gnade und Liebe schöpfen. Sollten aber Sünden ihren Weg hemmen, dann mögen sie nicht den Mut verlieren, sondern demütig und beharrlich zur Barmherzigkeit Gottes ihre Zuflucht nehmen, die ihnen im Bußsakrament in reichem Maße geschenkt wird. So können die Eheleute zu der ihnen als Gatten eigenen Vollkommenheit kommen, wie der Apostel sie kennzeichnet: „Ihr Männer, liebet eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt hat … So sollen die Männer ihre Frauen lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Hat doch niemand je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er hegt und pflegt es wie Christus seine Kirche … Dieses Geheimnis ist groß: ich meine im Hinblick auf Christus und die Kirche. Wohlan, so liebe jeder von euch seine Frau ebenso wie sich selbst; die Frau aber stehe in Ehrfurcht zum Manne (37).“

Familienapostolat

26. Eine der edelsten Früchte, die aus dem unentwegten Bemühen der Eheleute um die Befolgung des göttlichen Gesetzes heranreift, ist der häufige Wunsch der Eheleute, andere an ihrer Erfahrung teilhaben zu lassen. So fügt sich dem weiten Bereich der Laienberufung ein neues Apostolat ausgezeichneter Art ein: der Dienst jener aneinander, die in gleicher Situation stehen: die Eheleute übernehmen für andere Eheleute, denen gegenüber sie sich als Führer erweisen, eine apostolische Aufgabe. Das scheint heute eine besonders zeitgemäße Form des Apostolates zu sein (38).

An die Ärzte und ihre Helfer

27. Große Hochachtung zollen Wir den Ärzten und ihren Helfern, die in der Ausübung ihres Berufes mehr darauf schauen, was ein christliches Berufsethos von ihnen fordert als auf rein menschliche Interessen. Sie mögen beharrlich bei dem Vorsatz bleiben, sich für die Lösungen einzusetzen, die dem Glauben und der Vernunft entsprechen; sie mögen sich auch bemühen, ihre Berufskollegen für die gleiche Einstellung zu gewinnen. Zudem sollen sie es als besondere Aufgabe ihres Berufes betrachten, sich das notwendige Wissen zu erwerben, um in diesem schwierigen Bereich Eheleute, die zu ihnen kommen, recht beraten und ihnen verantwortbare Wege zeigen zu können, wie es mit Fug und Recht von ihnen erwartet wird.

An die Priester

28. Liebe Priester, liebe Söhne! Durch euren heiligen Beruf seid ihr Berater und geistliche Führer der einzelnen Menschen wie der Familien. Voll Vertrauen möchten Wir Uns an euch wenden. Eure Pflicht ist es ja – Unser Wort gilt besonders den Lehrern der Moraltheologie -, die kirchliche Ehelehre unverfälscht und offen vorzulegen. Gebt an erster Stelle ihr bei der Ausübung eures Amtes das Beispiel aufrichtigen Gehorsams, der innerlich und nach außen dem kirchlichen Lehramt zu leisten ist. Wie ihr wohl wißt, verpflichtet euch dieser Gehorsam nicht so sehr wegen der beigebrachten Beweisgründe, als wegen des Lichtes des Heiligen Geistes, mit dem besonders die Hirten der Kirche bei der Darlegung der Wahrheit ausgestattet sind (39). Ihr wißt auch, daß es zur Wahrung des inneren Friedens der einzelnen und der Einheit des christlichen Volkes von größter Bedeutung ist, daß in Sitten- wie in Glaubensfragen alle dem kirchlichen Lehramt gehorchen und die gleiche Sprache sprechen. Deshalb machen Wir Uns die eindringlichen Worte des großen Apostels Paulus zu eigen und appellieren erneut an euch aus ganzem Herzen: „Ich ermahne euch, Brüder, … daß Ihr alle in Eintracht redet; keine Parteiungen soll es unter euch geben, vielmehr sollt ihr im gleichen Sinn und in gleicher Überzeugung zusammenstehen (40).“

29. Ferner, wenn nichts von der Heilsiehre Christi zu unterschlagen eine hervorragende Ausdrucksform der Liebe ist, so muß dies immer mit Duldsamkeit und Liebe verbunden sein; dafür hat der Herr selbst durch sein Wort und Werk den Menschen ein Beispiel gegeben. Denn obwohl er gekommen war; nicht um die Welt zu richten, sondern zu retten (41), war er zwar unerbittlich streng gegen die Sünde, aber geduldig und barmherzig gegenüber den Sündern. Bei ihren Schwierigkeiten und Nöten sollten die Eheleute im Wort und im mitfühlenden Herzen des Priesters ein Echo der Stimme und der Liebe unseres Erlösers finden. Redet mit Zuversicht, liebe Söhne, überzeugt, daß der Heilige Geist, welcher dem Lehramt bei der Darlegung der rechten Lehre beisteht, die Herzen der Gläubigen erleuchtet und sie zur Zustimmung einlädt. Es geht nicht ohne Gebet. Lehrt es die Eheleute; unterweist sie, daß sie oft, mit großem Glauben, zu den Sakramenten der Eucharistie und der Buße kommen und niemals wegen ihrer Schwachheit den Mut verlieren.

An die Bischöfe

30. Liebe und ehrwürdige Brüder im Bischofsamt! Am Ende dieses Rundschreibens wenden Wir Uns in Ehrerbietung und Liebe an euch. Mit euch teilen Wir besonders eng die Sorgen um das geistliche Wohl des Gottesvolkes. An euch richtet sich Unsere dringende Bitte: Setzt euch, an der Spitze eurer Mitarbeiter, der Priester, und eurer Gläubigen restlos und unverzüglich ein für Schutz und Heiligkeit der Ehe; dafür, daß damit das Leben in der Ehe zu menschlicher und christlicher Vollendung kommt. Das sollt ihr als die größte und verantwortungsvollste Aufgabe ansehen, die euch heute anvertraut ist. Ihr wißt sehr wohl, daß dieser Hirtendienst eine gewisse Abstimmung der pastoralen Bemühungen aufeinander erfordert, die alle Bereiche menschlichen Tuns umfaßt: den wirtschaftlichen, den der Bildung und den gesellschaftlichen. Gleichzeitiger Fortschritt auf allen diesen Gebieten wird das Leben von Eltern und Kindern in der Familie erträglicher, leichter und froher machen. Bei ehrfürchtiger Wahrung von Gottes Plan mit der Welt wird auch das Leben der menschlichen Gesellschaft durch brüderliche Liebe reicher und durch wahren Frieden gesicherter werden.

SCHLUSSWORT

31. Euch, ehrwürdige Brüder, liebe Söhne und Töchter, und euch alle, Menschen guten Willens, rufen Wir auf zu einem wahrhaft großen Werk der Erziehung und des Fortschritts und der Liebe. Wir stützen Uns dabei auf die feste Lehre der Kirche, die der Nachfolger des heiligen Petrus, gemeinsam mit den Brüdern im katholischen Bischofsamt, treu bewahrt und auslegt. Dieses wahrhaft große Werk, davon sind Wir fest überzeugt, gereicht sowohl der Welt wie der Kirche zum Segen. Nur wenn der Mensch sich an die von Gott in seine Natur eingeschriebenen und darum weise und liebevoll zu achtenden Gesetze hält, kann er zum wahren, sehnlichst erstrebten Glück gelangen. Für dieses große Werk erflehen Wir nicht nur euch allen, sondern besonders den Eheleuten, vom allheiligen und allbarmherzigen Gott die Fülle himmlischer Gnade und erteilen euch als deren Unterpfand von Herzen Unseren Apostolischen Segen.

Rom, bei St. Peter, am 25. Juli, am Fest des heiligen Apostels Jakobus 1968, im sechsten Jahre Unseres Pontifikats.

PAUL PP. VI.


Anmerkungen

1) Vgl. Pius IX., Enz. Qui Pluribus, 9. Nov. 1846: Pius IX. P. M. Acta, Bd. 1, S. 9-10; Pius X., Enz. Singulari Quadam, 24. Sept. 1912: AAS 4 (1912), S. 658; Pius XI., Enz. Casti Connubii, 31. Dezember 1930: AAS 22 (1930), S. 579-581; Pius XII., Ansprache Magnificate Dominum, an den katholischen Weltepiskopat, 2. Nov. 1954: AAS 46 (1954), S. 671-672; Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra, 15. Mai 1961: AAS 53 (1961), S. 457.

2) Vgl. Mt 28,18-19.

3) Vgl. Mt 7,21.

4) Vgl. Catechismus Romanus Concilii Tridentini, II. Teil, c. CIII; Leo XIII., Enz. Arcanum, 10. Febr. 1880: Acta Leonis XIII., 2 (1881), S. 26-29; Pius XI., Enz. Divini Illius Magistri, 31. Dez. 1929: AAS 22 (1930), S. 56-61; Enz. Casti ConnubiiAAS 22 (1930), S. 545-546; Pius XII., Ansprache an die italienische medizinisch-biologische Vereinigung vom hl. Lukas, 12. Nov. 1944: Ansprache und Radiobotschaften, VI, S. 191-192; An die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt. 1951: AAS 43 (1951), S. 835-854; An den Kongreß des Fronte della Famiglia und der Vereinigung der kinderreichen Familien, 28. Nov. 1951: AAS 43 (1951), S. 857-859; An den 7. Kongreß der internationalen Gesellschaft für Hämatologie, 12. Sept. 1958: AAS 50 (1958), S. 734-735; Johannes XXIII., Enz. Mater et MagistraAAS 53 (1961), S. 446-447; Codex luris Canonici, c. 1067; c. 1068, § 1; c. 1076, §§ 1-2; 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 47-52.

5) Vgl. Paul VI., Ansprache an das Kardinalskollegium, 23. Juni 1964: AAS 56 (1964), S. 588; An die Kommission zum Studium der Probleme der Bevölkerung, der Familie und der Geburten, 27. März 1965: AAS 57 (1965), S. 388; An den Nationalkongreß der italienischen Vereinigung der Hebammen und Gynäkologen, 29. Okt. 1966: AAS 58 (1966), S. 1168.

6) Vgl. 1 Joh 4-8.

7) Vgl. Eph 3,15.

8) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 50.

9) Vgl. S. Thom. Aqu., S. Th., I-II, qu. 94, a. 2.

10) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 50 und 51.

11) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 49.

12) Vgl. Pius XI., Enz. Casti Connubii: AAS 92 (1930), S. 560; Pius XII., Ansprache an die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt.1951: AAS 43 (1951), S. 843.

13) Vgl. Johannes XXIII., Enz. Mater et MagistraAAS 53 (1961), S. 447.

14) Vgl. Catechisrnus Romanus Concilii Tridentini, II. Teil, c. VIII; Pius XI., Enz. Casti ConnubiiAAS 22 (1930), S. 562-564; Pius XII., Ansprache an die italienische medizinisch-biologische Vereinigung vom hl. Lukas, 12. Nov. 1944: Ansprache und Radiobotschaften, VI (1944), S. 191-192; Ansprache an die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt. 1951: AAS 43 (1951), S. 842-843; S. 857-859; Johannes XXIII., Enz. Pacem in Terris, 11. April 1963: AAS 55 (1963), S. 259-260; 2. Vatikanisches Konzil, Gaudium et Spes, Nr. 51.

15) Vgl. Pius XI., Enz. Casti Connubii: AAS 22 (1930), S. 565; Dekret d. Hl. Off., 22. Februar 1940, AAS 32 (1940), S. 73; Pius XII., Ansprache an die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt. 1951: AAS 43 (1951), S. 843-844; An den 7. Kongreß der internationalen Gesellschaft für Hämatologie, 12. Sept. 1958: AAS 50 (1958), S. 734-735.

16) Vgl. Catechismus Romanus Concilii Tridentini, II. Teil, c. VIII; Pius XI., Enz. Casti Connubii: AAS 22 (1930), S. 559-561; Pius XII., An die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt. 1951: AAS 43 (1951), S. 843; AAS 45 (1953), S. 674-675; An den 7. Kongreß der internationalen Gesellschaft für Hämatologie, 12. Sept. 1958: AAS 50 (1958), S. 734-735; Johannes XXIII., Enz. Mater et Magistra: AAS 53 (1961), S. 447.

17) Vgl. Pius XII., Ansprache an den Nationalkongreß der Vereinigung kath. Juristen Italiens, 6. Dez. 1953: AAS 45 (1953), S. 798-799.

18) Vgl. Röm 3,8.

19) Vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des 26. Kongresses der italien. Gesellschaft für Urologie, 8.7.1953: AAS 45 (1953), S. 674-675; An den 7. Kongreß der internationalen Gesellschaft für Hämatologie, 12. Sept. 1958: AAS 50 (1958), S. 734-735.

20) Vgl. Pius XII., Ansprache an die katholische Vereinigung der Hebammen Italiens, 29. Okt. 1951: AAS 43 (1951), S. 846.

21) Vgl. Pius XII., Ansprache an die Teilnehmer des 26. Kongresses der italien. Gesellschaft für Urologie, 8.7.1953: AAS 45 (1953), S. 674-675; AAS 48 (1956), S. 46l-462.

22) Vgl. Lk 2,34.

23) Vgl. Paul VI., Enz. Populorum Progressio, 26. März 1967, Nr. 21.

24) Vgl. Röm 8.

25) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Dekret Inter Mirifica über die sozialen Kommunikationsmittel, Nr. 6-7.

26) Vgl. Enz. Mater et MagistraAAS 53 (1961), S. 447.

27) Vgl. Enz. Populorum Progressio, Nr. 48-55.

28) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 52.

29) Vgl. Pius XII., Ansprache an den Kongreß des Fronte della Famiglia und der Vereinigung der kinderreichen FamilienAAS 43 (1951), S. 859.

30) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 51.

31) Vgl. Mt 11,30.

32) Vgl. 2. Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 48; Dogm. Konst. Lumen Gentium, Nr. 35.

33) Mt 7,14; vgl. Hebr 12,11.

34) Vgl. Tit 2,12.

35) Vgl. 1 Kor 7,31.

36) Vgl. Röm 5,5.

37) Eph 5,25.28-29.32-33.

38) Vgl. Dogm. Konst. Lumen Gentium, Nr. 35 und 41; Pastoralkonstitution Gaudium et Spes, Nr. 48-49; 2. Vatikanisches Konzil, Dekret Apostolicam Actuositatem, Nr. 11.

39) Vgl. Dogm. Konst. Lumen Gentium, Nr. 25.

40) Vgl. 1 Kor 1,10.

41) Vgl. Joh 3,17.

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Quelle

 

Im Wortlaut: Papstrede zum Kongress über Kindeswürde im Internet

An der päpstlichen Universität Gregoriana tagte der Kongress über Kinderschutz im Internet – RV

Hier lesen Sie die offizielle Übersetzung der Papstrede an die Teilnehmer des internationalen Kongresses „Kindeswürde in der digitalen Welt“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana anlässlich der Audienz an diesem Freitag im Vatikan. (rv)

Eminenzen,sehr verehrter Herr Präsident des Senats, werte Frau Ministerin,Exzellenzen, Magnifizenz,sehr geehrte Damen und Herren Botschafter, geschätzte Autoritäten und Professoren, meine Damen und Herren,

mein Dank gilt dem Rektor der Universität Gregoriana, P. Nuno da Silva Gonçalves, und der Vertreterin der Jugendlichen für ihre freundlichen und interessanten Worte der Einführung zu unserer Begegnung. Ich danke Ihnen allen für Ihre Anwesenheit heute Morgen, für Ihren Bericht über die Ergebnisse Ihrer Arbeit und vor allem dafür, dass Sie Ihre Sorgen und Ihren Einsatz geteilt haben, um gemeinsam zugunsten der Minderjährigen auf der ganzen Welt ein neues und außerordentlich schwieriges, für unsere Zeit charakteristisches Problem anzugehen. Ein Problem, das bisher noch nicht gemeinschaftlich unter Einbeziehung so vieler verschiedener Fachleute und Verantwortungsbereiche untersucht und diskutiert worden war, wie es in den vergangenen Tagen geschehen ist: das Problem des wirksamen Schutzes der Würde von Minderjährigen in der digitalen Welt.

Die Anerkennung und die Verteidigung der Würde der menschlichen Person ist Prinzip und Fundament jeder gerechten gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Die Kirche hat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) als einen „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (vgl. Ansprachen von Johannes Paul II. an die UNO in den Jahren 1979 und 1995) anerkannt. Auf derselben Linie hat der Heilige Stuhl im Bewusstsein, dass die Kinder zu den Ersten gehören, die Aufmerksamkeit und Schutz brauchen, die Erklärung der Rechte des Kindes (1959) sehr begrüßt und ist der entsprechenden Konvention (1990) und den zwei Fakultativprotokollen (2001) beigetreten. Die Würde und die Rechte der Kinder müssen in der Tat von den Rechtsordnungen als höchst wertvolle Güter für die ganze Menschheitsfamilie geschützt werden (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, Nrn. 244-245).

Hinsichtlich dieser Prinzipien besteht also ein volles und stabiles Einvernehmen; auf deren Grundlage müssen wir auch einmütig handeln, und zwar mit Entschlossenheit und echter Leidenschaft. Dabei schauen wir liebevoll auf all die Kinder, die täglich auf der ganzen Welt geboren werden und vor allem Achtung brauchen, aber auch Fürsorge und Zuneigung, um den ganzen wunderbaren Reichtum ihrer Anlagen zu entfalten.

Die Schrift spricht von der menschlichen Person als von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Was kann man Größeres über ihre Würde sagen? Das Evangelium erzählt von der Zuneigung Jesu zu den Kindern und wie er sie aufnimmt, wenn er sie in seine Arme nimmt und segnet (vgl. Mk 10,16), »denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 19,14). Die härtesten Worte Jesu gelten dem, der den Kleinsten Ärgernis gibt: Für ihn »wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde« (Mt 18,6). Wir müssen uns also für den Schutz der Würde von Minderjährigen liebevoll, aber auch ganz entschieden einsetzen, indem wir mit allen Kräften jener Wegwerfkultur entgegenwirken, die heute auf vielfache Weise gerade den Schwächsten und Verwundbarsten, wie es eben die Minderjährigen sind, schadet.

Wir erleben eine neue Welt, die wir uns in unserer Jugend nicht einmal hätten vorstellen können. Wir definieren sie mit zwei einfachen Worten – „digitale Welt“ / „digital world“ –, aber sie ist Frucht einer unglaublichen Entwicklung in Wissenschaft und Technik, die in wenigen Jahrzehnten unser Umfeld und unsere Kommunikations- und Lebensweise verwandelt hat. Sie ist auf gewisse Weise dabei, selbst unsere Denk- und Seinsweise zu verändern, nämlich dadurch dass sie die Wahrnehmung unserer Möglichkeiten und unserer Identität tiefgreifend beeinflusst.

Einerseits sind wir voll Bewunderung und Faszination für die großartigen Möglichkeiten, die sie uns eröffnet. Andererseits ruft sie in uns Furcht und vielleicht sogar Angst hervor, wenn wir die Schnelligkeit dieser Entwicklung sehen, die neuen unvorhergesehenen Probleme und die meist ungewollten, aber doch realen negativen Folgen, die sie mit sich bringt. Zu Recht fragen wir uns, ob wir fähig sind, die Prozesse, die wir selbst initiiert haben, zu steuern, ob sie uns nicht entgleiten, ob wir genug tun, um sie unter Kontrolle zu behalten.

Das ist die große existentielle Frage der heutigen Menschheit angesichts verschiedener Aspekte der globalen Krise, die sich in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik sowie im moralischen und geistlichen Bereich zugleich zeigt.

Als Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlicher Einsatzfelder in der digitalen Kommunikation, im Recht und in der Politik haben Sie sich versammelt, gerade weil Sie sich des Ernstes der Herausforderungen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt bewusst sind. Mit Weitsicht haben Sie sich auf die Herausforderung konzentriert, die vermutlich am entscheidendsten ist für die Zukunft der menschlichen Familie: der Schutz der Würde der jungen Menschen, ihres gesunden Wachstums, ihres Frohmuts und ihrer Hoffnung.

Wir wissen, dass heute mehr als ein Viertel der über drei Milliarden Internetnutzer minderjährig sind; das heißt, dass über 800 Millionen Minderjährige im Netz surfen. Wir wissen, dass allein in Indien innerhalb der nächsten zwei Jahre über 500 Millionen Personen Zugang zum Netz haben werden, die Hälfte davon minderjährig. Was finden sie im Netz? Und wie werden sie von denen, die auf verschiedene Weise Macht über das Netz haben, eingeschätzt?

Wir müssen die Augen offen halten und dürfen uns nicht vor einer Tatsache verstecken, die unerfreulich ist und die wir lieber nicht sehen wollen. Haben wir in diesen Jahren denn nicht zu Genüge gelernt, dass das Verstecken der Realität von sexuellen Missbräuchen ein äußerst schwerwiegender Fehler und Ursache vieler Übel ist? Schauen wir also auf die Wirklichkeit, so wie Sie es in den letzten Tagen getan haben. Im Netz nehmen sehr schlimme Erscheinungen Überhand: die Verbreitung von immer extremeren pornographischen Bildern, da durch Gewöhnung die Reizschwelle immer höher wird; das wachsende Phänomen des Sexting unter Jungen und Mädchen in den Social Media; das Mobbing, das immer mehr online stattfindet und eine echte moralische und physische Gewalt gegen die Würde der anderen jungen Menschen darstellt; die Sextortion, die sexuelle Verführung Minderjähriger im Netz ist bereits eine Tatsache, von der in den Nachrichten ständig die Rede ist. Das geht bis zu den schlimmsten und schrecklichsten Verbrechen der Organisation von Menschenhandel online, der Prostitution und sogar der Bestellung und der Liveübertragung von an Minderjährigen in anderen Teilen der Welt verübten Vergewaltigungen und Gewalttaten über das Internet. Das Netz hat also auch eine dunkle Seite und dunkle Bereiche (das Darknet), wo das Böse immer neuere, wirksamere, durchdringendere und feinmaschigere Weisen des Vorgehens und der Verbreitung findet. Die frühere Verbreitung der Pornographie durch die Presse war eine Erscheinung von geringem Ausmaß im Vergleich zu dem, was sich heute im Netz rasant verbreitet. Über all dies haben Sie deutlich gesprochen und die Zusammenhänge eingehend und mit Belegen studiert; wir sind Ihnen dafür dankbar.

Angesichts all dessen sind wir natürlich entsetzt, verlieren aber leider auch den Überblick. Wie Sie wissen und sagen, besteht eine Eigenart des Netzes gerade in seiner globalen Natur, die den Planeten grenzüberschreitend umfasst und so immer engmaschiger wird, um überall jede Art von Nutzer, auch Kinder, durch immer handlichere und anwenderfreundlichere mobile Geräte zu erreichen. Deshalb sieht sich heute niemand auf der Welt, keine nationale Autorität allein in der Lage, das Ausmaß und die Entwicklung dieses Phänomens angemessen zu erfassen und zu kontrollieren. Alles ist miteinander verflochten; dazu gesellen sich weitere dramatische Probleme im Zusammenhang mit dem Internet, wie illegaler Handel, Wirtschafts- und Finanzkriminalität, internationaler Terrorismus. Auch vom erzieherischen Gesichtspunkt her sind wir verunsichert; denn das rasante Tempo der Entwicklung stellt die älteren Generationen „ins Abseits“ und macht den Dialog zwischen den Generationen und eine ausgewogene Weitergabe von Regeln und der in jahrelanger Erfahrung erworbenen Lebensweisheit schwierig oder nahezu unmöglich.

Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen; Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir dürfen uns auch nicht vom Gefühl der Ohnmacht angesichts der Schwierigkeiten der Aufgabe lähmen lassen. Vielmehr müssen wir gemeinsam aktiv werden im Wissen, dass wir aufeinander angewiesen sind, um angemessene Wege und Haltungen zu suchen und zu finden, um wirksame Antworten zu geben. Wir müssen darauf vertrauen, dass es möglich ist »den Blick wieder zu weiten. Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist« (Enzyklika Laudato si’, 112).

Damit diese Mobilisierung erfolgreich ist, lade ich Sie ein, einigen möglichen Fehleinschätzungen entschieden entgegenzuwirken. Ich beschränke mich darauf, derer drei aufzuzeigen.

Die erste besteht darin, den Schaden, der den Minderjährigen durch die oben genannten Erscheinungen zugefügt wird, zu unterschätzen. Die Schwierigkeit, ihnen Einhalt zu gebieten, kann uns in Versuchung führen zu sagen: „Eigentlich ist die Lage nicht so schlimm …“ Doch die Fortschritte in der Neurobiologie, der Psychologie, der Psychiatrie lassen hingegen die tiefgreifende Wirkung von gewalttätigen und sexuellen Bildern auf den formbaren Geist von Kindern erkennen: psychologische Reifestörungen, Abhängigkeitssituationen oder -verhaltensmuster, regelrechte Sucht durch den Missbrauch an Konsum provokanter und gewalttätiger Bilder. Das sind Störungen, die das ganze Leben der Kinder von heute schwer belasten werden.

Hier sei mir eine Bemerkung erlaubt. Zu Recht unterstreicht man die Schwere dieser Probleme für Minderjährige. Dabei kann man aber unwillkürlich unterschätzen oder will vergessen, dass auch Probleme für Erwachsene bestehen und das Unterscheidungskriterium zwischen Minder- und Volljährigen für die rechtlichen Normen notwendig ist, aber nicht geeignet ist, um sich den Herausforderungen zu stellen. Die Verbreitung immer extremerer Pornographie und anderer missbräuchlicher Nutzungen des Netzes führt nämlich auch bei Erwachsenen nicht nur zu Störungen, Abhängigkeiten und schwerwiegenden Schäden, sondern wirkt sich ebenso auf die Vorstellungen von Liebe und auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Es wäre eine schlimme Täuschung zu glauben, eine Gesellschaft, in der der abnorme Konsum von Sexualität im Netz unter den Erwachsenen überhandnimmt, könnte fähig sein, Minderjährige wirksam zu schützen.

Die zweite Fehleinschätzung besteht darin zu glauben, dass zur Bewältigung der Probleme automatische technische Lösungen, etwa die mit immer ausgeklügelteren Algorithmen erstellten Filter zur Erkennung und Blockierung der Verbreitung missbräuchlicher und schädlicher Bilder, ausreichen. Gewiss handelt es sich dabei um notwendige Maßnahmen. Sicher müssen Unternehmen, die Millionen von Menschen soziale Medien und immer bessere, detailliertere und schnellere digitale Instrumente zur Verfügung stellen, einen verhältnismäßig großen Anteil ihrer hohen wirtschaftlichen Erträge darin investieren. Doch ist es ebenso notwendig, dass die Hauptakteure der technischen Entwicklung das große ethische Anliegen innerhalb der Dynamik dieser Entwicklung mit höchster Dringlichkeit, umfassend und mit Blick auf die verschiedenen möglichen Folgen wahrnehmen.

Und an dieser Stelle müssen wir uns mit der dritten möglichen Fehleinschätzung auseinandersetzen, die in einer ideologischen und utopischen Sicht des Internets als Reich der grenzenlosen Freiheit besteht. Zu Recht sind unter Ihnen auch jene vertreten, deren Aufgabe es ist, zur Sicherheit und zum Schutz des Gemeinwohls und der einzelnen Personen Gesetze zu erlassen oder für deren Einhaltung Sorge zu tragen. Das Netz hat einen neuen gewaltigen Raum für die freie Äußerung und den Austausch von Ideen und Informationen eröffnet. Dies ist gewiss gut, hat aber, wie wir sehen, auch neue Werkzeuge für abscheuliche widerrechtliche Aktivitäten bereitgestellt; im Bereich, der uns beschäftigt, für den Missbrauch und die Verletzung der Würde Minderjähriger, zur Verführung ihres Geistes und zur Gewalt an ihrem Leib. Hier handelt es sich nicht um die Ausübung von Freiheit, sondern um Straftaten, gegen die man durchdacht und entschieden vorgehen muss, indem man die Zusammenarbeit von Regierungen und Sicherheitskräften auf globaler Ebene ausweitet, so wie das Netz global geworden ist.

Über all dies haben Sie miteinander diskutiert. In der mir eben vorgestellten „Erklärung“ haben Sie verschiedene Richtungen aufgezeigt, in welche die konkrete Zusammenarbeit zwischen all den Akteuren gehen muss, deren Aufgabe es ist, sich der großen Herausforderung der Verteidigung der Würde Minderjähriger in der digitalen Welt zu stellen. Ich unterstütze ganz entschlossen und nachdrücklich die von Ihnen eingegangenen Verpflichtungen.

Es geht darum, den Ernst der Probleme wieder ins Bewusstsein zu rufen, entsprechende Gesetze zu erlassen, die Entwicklungen der Technologie zu überwachen, die Opfer zu finden und die einer Straftat Schuldigen zu verfolgen; es geht darum, die betroffenen Minderjährigen in ihrer Rehabilitation zu unterstützen, Erziehern und Familien bei ihren Aufgaben beizustehen sowie kreativ zu sein in der Erziehung der Jugendlichen zu einem angemessenen – für sie selbst und die anderen Minderjährigen gesunden – Gebrauch des Internets; ferner die Feinfühligkeit und moralische Reife zu entwickeln und die wissenschaftliche Forschung in allen mit dieser Herausforderung verbundenen Bereichen fortzusetzen.

Zu Recht bringen Sie den Wunsch zum Ausdruck, dass sich auch Religionsführer und Glaubensgemeinschaften an diesen gemeinsamen Bemühungen beteiligen und ihre gesamte Erfahrung, ihre Autorität und Fähigkeit im Bereich der Ausbildung und der moralischen wie geistlichen Erziehung einbringen. Tatsächlich können wir uns nur durch das Licht und die Kraft, die von Gott her kommen, den neuen Herausforderungen stellen. Was die katholische Kirche betrifft, so möchte ich ihre Bereitschaft und ihren Einsatz dafür bekräftigen. Wie wir alle wissen, wurde der katholischen Kirche in den vergangenen Jahren immer mehr bewusst, in ihrem Innern nicht genügend für den Schutz von Minderjährigen gesorgt zu haben: Es sind sehr schwerwiegende Taten ans Licht gekommen, für die wir die Verantwortung gegenüber Gott, den Opfern und der öffentlichen Meinung eingestehen mussten. Gerade wegen dieser dramatischen Erfahrungen und der durch die Verpflichtung zu Umkehr und Reinigung erworbenen Kompetenzen fühlt sich die Kirche heute besonders stark verpflichtet, sich immer engagierter und mit größerem Weitblick für den Schutz Minderjähriger und ihrer Würde nicht nur in ihrem Inneren, sondern auch in der gesamten Gesellschaft und in der ganzen Welt einzusetzen; und dies nicht alleine – das wäre offensichtlich nicht ausreichend –, sondern indem sie ihre tatkräftige und aufrichtige Zusammenarbeit allen Kräften und Teilen der Gesellschaft anbietet, die sich in dieser Richtung engagieren wollen. Damit schließt sie sich dem Ziel an, das von den Vereinten Nationen in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung formuliert wurde: »Missbrauch und Ausbeutung von Kindern, den Kinderhandel, Folter und alle Formen von Gewalt gegen Kinder beenden« (Ziel 16.2).

Bei zahlreichen Gelegenheiten und in vielen verschiedenen Ländern begegnet mein Blick dem der Kinder, der armen und reichen, gesunden und kranken, frohen und leidenden. Von Kinderaugen angeschaut zu werden ist eine uns allen bekannte Erfahrung, die uns tief im Herzen berührt und uns auch zu einer Gewissenerforschung verpflichtet. Was tun wir, damit uns diese Kinder mit einem Lächeln anschauen können und sich einen reinen Blick voll Vertrauen und Hoffnung bewahren? Was tun wir, damit ihnen dieses Licht nicht geraubt wird, damit diese Augen nicht von dem verwirrt und verdorben werden, was sie im Internet sehen werden, das ein integraler und außerordentlich wichtiger Bestandteil ihres Lebensumfeldes sein wird?

Arbeiten wir also zusammen, um immer das Recht, den Mut und die Freude zu haben, den Kindern auf der Welt in die Augen zu schauen.

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Quelle

„Das ist eine Tragödie, die Kindersoldaten!

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Flüchtlinge, Nord-Kivu (Photo: 2012) / Wikimedia Commons – © MONUSCO/Sylvain Liechti, CC BY-SA 2.0

Worte von Papst Franziskus nach dem Angelus von Sonntag, dem 19. Februar 2017

Nach dem Angelusgebet am Sonntag, dem 19. Februar 2017, lenkte Papst Franziskus die Aufmerksamkeit der Pilger auf die dramatische Lage in der Demokratischen Republik Kongo (ex Zaire), insbesondere auf die ‪„gewalttätigen und brutalen Auseinandersetzungen“ in der der Region Zentral-Kasai.

‪„Ich spüre einen starken Schmerz für die Opfer, besonders für die vielen betroffenen Kinder, die ihren Familien und den Schulen entrissen wurden, um als Kindersoldaten verwendet zu werden“, sagte Franziskus, der das Phänomen der Kindersoldaten als eine ‪„Tragödie“ bezeichnete.

„Ich versichere ihnen meine Nähe und mein Gebet, auch dem religiösen und humanitären Personal, das in dieser schwierigen Region tätig ist, und richte erneut einen eindringlichen Appell an das Gewissen und an die Verantwortlichkeit der nationalen Autoritäten und der internationalen Gemeinschaft, damit sie unverzüglich angemessene Entscheidungen treffen, um diesen unseren Brüdern und Schwestern beizustehen“, so fuhr der Papst fort.

„Beten wir für sie und für alle Völker, die auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents und der Welt unter Gewalt und Krieg leiden“, sagte der Papst, der an dieser Stelle die jüngste Anschlagswelle in Pakistan und Irak erwähnte.

„Beten wir für die Opfer, für die Verletzten und die Angehörigen. Beten wir sehnlich, dass jedes von Hass verhärtete Herz sich in Frieden umwandele nach dem Willen Gottes“, bat der Papst, der gemeinsam mit den Gläubigen ein Ave-Maria rezitierte.

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Quelle

Nigeria: UNO schlägt Alarm wegen Hunger

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Vor allem viele Kinder sind in Nigeria von der Hungerkrise bedroht

Vor einer Hungerkatastrophe in dem afrikanischen Land warnen die Vereinten Nationen. Rund eine halbe Million Kinder sind UNO-Angaben zufolge in Nigeria und den angrenzenden Gebieten vom Hungertod bedroht – die internationale Gemeinschaft müsse eingreifen. Im Nordosten des Landes seien rund 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als sieben Millionen bräuchten Nahrungsmittelhilfe, die Gesundheitsversorgung sei zusammengebrochen. Die Region wurde bis vor Kurzem von der Terrororganisation Boko Haram kontrolliert. Ohne eine entschlossene Bekämpfung der Hungerkrise könnte Europa nach Ansicht der Vereinten Nationen eine neue Flüchtlingswelle drohen.

(reuters 31.01.2017 jg)

Der Brief von Papst Franziskus an die Bischöfe der Welt zum Fest der Unschuldigen Kinder am 2. Januar 2017

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Lieber Bruder,

heute, am Tag der Unschuldigen Kinder, während in unseren Herzen noch die Worte des Engels an die Hirten nachklingen: »Ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren« (Lk 2,10-11), ist es mir ein Bedürfnis, Dir zu schreiben. Es tut uns gut, noch einmal diese Botschaft zu hören; wieder zu hören, dass Gott in der Mitte unseres Volkes ist. Diese Gewissheit, die wir uns Jahr für Jahr neu vergegenwärtigen, ist Quelle unsere Freude und Hoffnung.

In diesen Tagen können wir erfahren, wie die Liturgie uns an die Hand nimmt und zum Herzen von Weihnachten führt, uns in sein Geheimnis einführt und allmählich zur Quelle der christlichen Freude gelangen lässt.

Wie die Hirten sind auch wir gerufen, diese Freude inmitten unseres Volkes wachsen zu lassen. Wir werden gebeten, uns um diese Freude zu kümmern. Ich möchte mit Dir die Einladung erneuern, uns diese Freude nicht nehmen zu lassen. Denn während wir oft – und nicht ohne Grund – von der Wirklichkeit, der Kirche oder auch von uns selbst enttäuscht sind, verspüren wir die Versuchung, uns an eine hoffnungslose, süßliche Traurigkeit zu klammern, die sich der Herzen bemächtigt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 83).

Gegen unseren Willen wird Weihnachten auch vom Weinen begleitet. Die Evangelisten nahmen es sich nicht heraus, die Wirklichkeit zu verschleiern, um sie glaubwürdiger oder anregender werden zu lassen. Sie nahmen es sich nicht heraus, einen „schönen“, aber irrealen Text zu verfassen. Weihnachten war für sie nicht ein imaginärer Zufluchtsort, wo man sich angesichts der Herausforderungen und Ungerechtigkeiten ihrer Zeit verstecken konnte. Vielmehr verkünden sie uns auch die Geburt des Sohnes Gottes in eine leidvolle Tragödie eingebettet. Mit einem Zitat des Propheten Jeremia stellt dies der Evangelist Matthäus mit großer Härte dar: »Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder« (2,18). Es ist das Wehklagen der Mütter, die angesichts der Tyrannei und der ungehemmten Herrschsucht des Herodes den Tod ihrer unschuldigen Kinder beweinen.

Es ist ein Wehklagen, das wir auch heute weiter hören können. Es bewegt uns in unserer Seele, und wir können und wollen es weder ignorieren noch zum Schweigen bringen. Unter den Menschen heute hört man leider – und ich schreibe dies tief bedrückt – das Wehklagen und Weinen vieler Mütter, vieler Familien um den Tod ihrer Kinder, ihrer unschuldigen Kinder.

Die Krippe zu betrachten heißt auch, dieses Weinen zu betrachten. Es bedeutet auch, zu hören lernen, was rundherum geschieht, und ein Herz zu haben, das empfindsam und offen ist gegenüber dem Schmerz des Nächsten, insbesondere wenn es sich um Kinder handelt. Es heißt ebenso erkennen zu können, dass noch heute dieses traurige Kapitel der Geschichte eben geschrieben wird. Die Krippe zu betrachten und sie dabei vom Leben, das sie umgibt, zu isolieren würde heißen, aus dem Weihnachtsgeschehen ein schönes Märchen zu machen, das in uns gute Gefühle hervorzurufen zwar imstande wäre, uns aber der schöpferischen Kraft der Frohbotschaft berauben würde, die uns das menschgewordene Wort schenken will. Und diese Versuchung gibt es.

Ist es möglich, die christliche Freude zu leben, während man diesen Wirklichkeiten den Rücken kehrt? Ist es möglich, die christliche Freude zu verwirklichen, während man das Wehklagen des Mitmenschen, der Kinder überhört?

Der heilige Josef war als erster gerufen, die Freude des Heils zu behüten. Angesichts der grausamen Verbrechen, die gerade geschahen, war der heilige Josef – Beispiel des gehorsamen und treuen Menschen – fähig, auf die Stimme Gottes und die ihm vom Vater anvertraute Sendung zu hören. Und weil er auf die Stimme Gottes zu hören wusste und sich von Gottes Willen leiten ließ, nahm er besser wahr, was ihn umgab, und konnte die Geschehnisse mit Realismus verstehen.

Heute wird auch von uns Hirten dasselbe gefordert, nämlich Männer zu sein, die zuhören können und nicht taub sind gegenüber der Stimme Gottes und so die Wirklichkeit besser wahrnehmen, die uns umgibt. Heute, mit dem heiligen Josef als Vorbild, sind wir aufgefordert, nicht zuzulassen, dass man uns die Freude nimmt. Wir sind aufgefordert, sie vor den Gestalten eines Herodes unserer Tage zu verteidigen. Und wie der heilige Josef brauchen wir Mut, um diese Wirklichkeit anzunehmen, um aufzustehen und sie in die Hände zu nehmen (vgl. Mt 2,20). Wir brauchen den Mut, sie vor den neuen Gestalten eines Herodes unserer Zeit zu verteidigen, welche die Unschuld unserer Kinder missbrauchen. Unschuld gebrochen unter der Last der Schwarz- und Sklavenarbeit, unter der Last der Prostitution und Ausbeutung. Unschuld zerstört von Kriegen und gezwungener Auswanderung zusammen mit dem Verlust von allem, was dies mit sich bringt. Tausende unserer Kinder sind in die Hände von Banditen, von Mafiaorganisationen, von Todeshändlern geraten, die nichts anderes machen, als ihre Bedürfnisse zu missbrauchen und auszubeuten.

Beispielsweise mussten gegenwärtig 75 Millionen Kinder – aufgrund von Notsituationen und anhaltender Krisen – ihre Ausbildung abbrechen. Im Jahr 2015 waren 68% aller vom Sexualhandel betroffenen Menschen Kinder. Andererseits war ein Drittel der Kinder, die außerhalb ihrer Heimatländer leben mussten, zum Weggehen gezwungen. Wir leben in einer Welt, in der fast die Hälfte aller Kinder, die unter fünf Jahren sterben, wegen Unterernährung stirbt. Im Jahr 2016 haben 150 Millionen Kinder, so die Berechnungen, Kinderarbeit verrichtet; viele von ihnen leben unter Bedingungen der Sklaverei. Nach dem jüngsten UNICEF-Bericht werden, wenn sich die weltweite Lage nicht ändert, im Jahr 2030 167 Millionen Kinder in äußerster Armut leben, 69 Millionen Kinder unter fünf Jahren zwischen 2016 und 2030 sterben und 60 Millionen Kinder keine Grundschule besuchen.

Hören wir das Weinen und die Wehklage dieser Kinder; hören wir auch das Weinen und die Wehklage unserer Mutter Kirche, die nicht nur über den Schmerz, der ihren kleinsten Kindern zugefügt wurde, weint, sondern auch weil sie die Sünde einiger ihrer Glieder kennt: das Leid, die Geschichte und den Schmerz von Minderjährigen, die von Priestern sexuell missbraucht wurden. Eine Sünde, die beschämt. Menschen, die verantwortlich waren, für diese Kinder zu sorgen, haben ihre Würde zerstört. Wir beklagen dies zutiefst und bitten um Vergebung. Wir vereinen uns mit dem Schmerz der Opfer und beweinen unsererseits die Sünde. Die Sünde für das, was geschehen ist; die Sünde der unterlassenen Unterstützung; die Sünde des Vertuschens und Leugnens; die Sünde des Machtmissbrauchs. Auch die Kirche beweint bitterlich diese Sünde ihrer Glieder und bittet um Vergebung. Wenn wir heute der Unschuldigen Kinder gedenken, möchte ich all unseren Einsatz bekräftigen, damit diese Gräueltaten unter uns nicht mehr vorkommen. Finden wir den nötigen Mut, um alle notwendigen Mittel zu fördern und um in allem das Leben unserer Kinder zu schützen, damit sich solche Verbrechen nicht mehr wiederholen. Machen wir uns den Auftrag zu „null Toleranz“ in diesem Bereich klar und aufrichtig zu Eigen.

Die christliche Freude ist nicht eine Freude, die am Rande der Wirklichkeit geschaffen wird, indem man sie ignoriert oder so tut, als würde es sie nicht geben. Die christliche Freude entsteht aus einer Berufung – aus der gleichen, die der heilige Josef erhielt –, das Leben, insbesondere das der heiligen Unschuldigen von heute, zu „nehmen“ und zu schützen. Weihnachten ist eine Zeit, die uns dazu auffordert, das Leben zu behüten und ihm zu helfen, dass es geboren wird und wächst; die uns dazu auffordert, uns zu erneuern als mutige Hirten. Dieser Mut bringt Dynamiken hervor, die uns die Wirklichkeit, die viele Kinder heutzutage erleben, bewusst macht und uns arbeiten lässt, um ihnen die notwendigen Bedingungen zu gewährleisten, damit ihre Würde als Kinder Gottes nicht nur geachtet, sondern vor allem tatkräftig verteidigt wird.

Lassen wir nicht zu, dass man ihnen die Freude nimmt. Lassen wir uns die Freude nicht nehmen, behüten wir sie und helfen wir ihr zu wachsen.

Tun wir dies mit der gleichen väterlichen Treue des heiligen Josef und an der Hand Marias, der Mutter der Zärtlichkeit, damit sich unser Herz nicht verhärte.

In brüderlicher Verbundenheit,

FRANZISKUS

Aus dem Vatikan, am 28. Dezember 2016
Fest der Unschuldigen Kinder

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Quelle

Jahresschluss-Vesper: „Wir diskriminieren die Jugend“

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Verehrung der Krippe: Papst Franziskus bei der Feier der Vesper

Sich die göttliche Logik zu Eigen machen: So lautete die Einladung von Papst Franziskus zum Ende des Jahres 2016. Er feierte im Petersdom die erste Vesper zum Hochfest der Gottesmutter, das gleichzeitig auch das Jahresende markiert und deswegen mit dem großen Gottesdank, dem Te Deum, begangen wird.

Die göttliche Logik, auf die Papst Franziskus immer wieder zu sprechen kommt, bestehe darin, dass Gott in der Kleinheit und Zerbrechlichkeit des Neugeborenen Menschen zu uns gekommen sei. „In Christus hat Gott sich nicht als Mensch ‚verkleidet’, sondern ist Mensch geworden und unsere Befindlichkeit in allem geteilt“, so der Papst. Weit davon entfernt, eine Idee oder etwas Abstraktes zu sein, „wollte er all denen nahe sein, die sich verloren, gedemütigt, verletzt, entmutigt, trostlos und eingeschüchtert fühlen.“ Trostlosigkeit, Verletzung, Scham und Ausschließung sollten nicht das letzte Wort haben im Leben der Kinder Gottes.

Die Kette der Privilegien durchbrechen

Die Einladung, sich diese Logik zu Eigen zu machen, würde durch die Krippe ausgesprochen, die bildliche Betrachtung der Menschwerdung. „Es ist ein Denken, das nicht auf Privilegien, Zugeständnisse und Begünstigungen ausgerichtet ist; es geht um die Logik der Begegnung, der Nähe, der unmittelbaren Nachbarschaft.“ Gott wolle die „Kette des Privilegs, das immer Ausschließung erzeugt“, sprengen. Aber dann auch eine Warnung des Papstes: „Wir können es uns nicht leisten, blauäugig zu sein.“ Die Versuchung, selber in der Logik des Privilegs zu leben, sei stark, es brauche die Erleuchtung und Hilfe durch Gott. „Heute, vor dem Kind von Bethlehem, wollen wir zugeben, dass wir es nötig haben, vom Herrn erleuchtet zu werden. Denn nicht selten erscheinen wir kurzsichtig oder bleiben in dem ausgeprägten Mainstream-Verhalten dessen verhaftet, der die anderen mit Gewalt in die eigenen Schemen pressen will.“

Jetzt, zum Ende des Jahres, wolle er ausdrücklich vor der Krippe inne halten, um für Gottes Großherzigkeit zu danken, „wir halten vor der Krippe inne, um uns darauf zu besinnen, wie Gott während dieses ganzen Jahres gegenwärtig wurde.“

Moralische Pflicht gegenüber der Jugend

Wenn man auf diese Krippe schaue, dann sehe man in den Gesichtern von Josef und Maria Hoffnung und Bestrebungen von jungen Menschen, so der Papst. Damit griff er in seiner Predigt ein Anliegen auf, das ihn während seines Pontifikates ständig begleitet. „Wir haben eine Kultur geschaffen, die einerseits die Jugend vergöttert und versucht, diese Phase ewig hinauszuziehen, paradoxerweise aber haben wir andererseits unsere Jugendlichen dazu verurteilt, keinen Platz für eine wirkliche Eingliederung zu finden.“ Der Papst sprach von der Ausgrenzung von jungen Menschen aus dem öffentlichen Leben und von der Arbeits- und Perspektivlosigkeit, „wir diskriminieren sie und ‚verurteilen’ sie dazu, an Türen zu klopfen, die meist verschlossen bleiben.“

Man könne nicht von Zukunft oder dem neuen Jahr sprechen, ohne von der Verantwortung und der moralischen Pflicht gegenüber den jungen Menschen zu sprechen. Es folgte eine deutliche Aufforderung den jungen Menschen zu helfen, „hier in ihrem Land, in ihrer Heimat wieder konkrete Horizonte für eine Zukunft zu finden“. Italien ist wie andere Länder auch von einer sehr hohen Jugendarbeitslosigkeit betroffen. „Auf die Krippe zu schauen fordert uns auf, unseren Jugendlichen zu helfen, damit sie fähig sind zu träumen und für ihre Träume zu kämpfen.“

Das Gotteskind in der Krippe zu betrachten tue angesichts des scheidenden Jahres gut, so der Papst. „Es ist eine Einladung, an die Quellen und an die Wurzeln unseres Glaubens zurückzukehren.“

 

Nach der Vesper besuchte der Papst wie in den vergangenen Jahren auch schon die Krippe auf dem Petersplatz.

 

(rv 31.12.2016 ord)

BRIEF VON JOHANNES PAUL II. AN DIE KINDER IM JAHR DER FAMILIE

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Liebe Kinder!

Jesus wird geboren

In wenigen Tagen feiern wir Weihnachten, das von allen Kindern in jeder Familie herbeigesehnte Fest. In diesem Jahr wird dies noch mehr der Fall sein, denn es ist das Jahr der Familie. Bevor dieses Jahr zu Ende geht, möchte ich mich an euch Kinder auf der ganzen Welt wenden, um mit euch die Freude dieses stimmungsvollen Festtages zu teilen.

Weihnachten ist das Fest eines Kindes, eines Neugeborenen. Es ist daher euer Fest! Ihr erwartet es voll Ungeduld und bereitet euch mit Freude darauf vor, während ihr die Tage, ja beinahe die Stunden zählt, die noch bis zur heiligen Nacht von Betlehem fehlen.

Ich meine euch vor mir zu sehen: zu Hause, in der Pfarrei, in jedem Winkel der Welt baut ihr die Krippe auf und versucht die Atmosphäre und Umgebung wiederzugeben, in welcher der Heiland geboren wurde. In der Tat! In der Weihnachtszeit nimmt der Stall mit der Krippe in der Kirche den zentralen Platz ein. Und alle machen sich eilends auf die geistliche Pilgerschaft dorthin, wie die Hirten in der Nacht der Geburt Jesu. Später werden die Magier aus dem fernen Osten, die dem Stern folgen, an den Ort kommen, wohin der Erlöser der Welt gelegt wurde.

Und auch ihr besucht in den Weihnachtstagen die Krippen, wo ihr innehaltet, um das auf Stroh gelegte Kind anzuschauen. Ihr seht seine Mutter und den hl. Josef, den Hüter des Erlösers. Während ihr die Heilige Familie betrachtet, denkt ihr an eure eigene Familie, in der ihr auf die Welt gekommen seid. Ihr denkt an eure Mutter, die euch das Licht der Welt erblicken lieb, und an euren Vater. Sie kümmern sich um den Unterhalt der Familie und um eure Erziehung. Denn die Aufgabe der Eltern besteht nicht nur darin, die Kinder zu zeugen, sondern sie auch von ihrer Geburt an zu erziehen.

Liebe Kinder, während ich an euch schreibe, denke ich an die Zeit vor vielen Jahren, als auch ich ein Kind war wie ihr. Damals erlebte auch ich die frohe Atmosphäre von Weihnachten, und wenn der Stern von Betlehem erstrahlte, eilte ich zusammen mit meinen Altersgenossen zur Krippe, um wieder zu erleben, was sich vor zweitausend Jahren in Palästina ereignet hatte. Wir Kinder gaben unserer Freude vor allem durch den Gesang Ausdruck. Wie schön und ergreifend sind die Weihnachtslieder, die sich in der Tradition jedes Volkes um die Krippe ranken! Welch tiefe Gedanken sind darin enthalten und vor allem welche Freude und Zärtlichkeit drücken sie für das göttliche Kind aus, das in der Heiligen Nacht zur Welt gekommen ist!

Auch die auf die Geburt Jesu folgenden Tage sind Festtage: so wird acht Tage danach daran erinnert, daß dem Kind ein Name gegeben wurde, wie es die Tradition des Alten Testamentes wollte: es wurde Jesus genannt. Vierzig Tage darauf wird der für jeden erstgeborenen Sohn Israels üblichen Darstellung im Tempel gedacht. Bei jener Gelegenheit kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung: als die Muttergottes mit dem Kind im Tempel eintraf, kam ihr der alte Simeon entgegen, der den kleinen Jesus in die Arme nahm und die folgenden Worte sprach: »Nun läbt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel« (Lk 2, 29-32). Dann sagte er zu Maria, seiner Mutter: »Dieser ist dazu bestimmt, daß in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen« (Lk 2, 34-35). So also ist bereits in den ersten Lebenstagen Jesu die Ankündigung des Leidens zu vernehmen, an dem eines Tages auch die Mutter Maria teilnehmen wird: am Karfreitag wird sie schweigend unter dem Kreuz des Sohnes stehen. Übrigens sollte sich der kleine Jesus gar nicht lange nach seiner Geburt bereits einer ernsten Gefahr ausgesetzt sehen: der grausame König Herodes wird anordnen, alle Kinder unter zwei Jahren zu töten; darum wird Jesus mit seinen Eltern zur Flucht nach Ägypten gezwungen sein.

Ihr kennt ja sicherlich diese Ereignisse im Zusammenhang mit der Geburt Jesu. Sie werden euch von euren Eltern, den Priestern, den Religionslehrern, den Katecheten erzählt, und jedes Jahr erlebt ihr sie zur Zeit des Weihnachtsfestes zusammen mit der ganzen Kirche wieder: ihr wißt also Bescheid um die dramatischen Aspekte der Kindheit Jesu.

Liebe Freunde! In dem Geschehen um das Kind von Betlehem könnt ihr das Schicksal der Kinder der ganzen Welt erkennen. Wenn es stimmt, daß ein Kind nicht nur die Freude der Eltern, sondern der Kirche und der ganzen Gesellschaft verkörpert, so stimmt es leider auch, dab in unserer Zeit viele Kinder in verschiedenen Teilen der Welt leiden und bedroht sind: sie erdulden Hunger und Elend, sie sterben an Krankheiten und Unterernährung, sie werden zu Opfern von Kriegen, sie werden von den Eltern verlassen und sehen sich zur Obdachlosigkeit verurteilt, sie erleiden von seiten der Erwachsenen viele Formen von Gewalt und Rücksichtslosigkeit. Wie kann man angesichts des Leidens so vieler Kinder gleichgültig bleiben, besonders wenn es irgendwie von den Erwachsenen verursacht wird?

Jesus vermittelt die Wahrheit

Das Kind, das wir zu Weihnachten in der Krippe betrachten, wuchs im Laufe der Jahre heran. Mit zwölf Jahren zog Jesus, wie ihr wißt, anläßlich des Paschafestes zum ersten Mal mit Maria und Josef von Nazaret hinauf nach Jerusalem. Dort trennte er sich im Gedränge der Pilger von den Eltern und hörte zusammen mit anderen seiner Altersgenossen im Tempel, gleichsam zum »Katechismus-Unterricht«, den Schriftgelehrten zu. Die Feste waren in der Tat passende Anlässe zur Weitergabe des Glaubens an die Kinder, die ungefähr in Jesu Alter waren. Im Verlauf dieser Begegnung geschah es jedoch, daß der außergewöhnliche Heranwachsende aus Nazaret nicht nur sehr kluge Fragen stellte, sondern selbst begann, denen, die ihn eigentlich belehren sollten, tiefgründige Antworten zu geben. Die Fragen und noch mehr die Antworten verblüfften die Schriftgelehrten des Tempels. Es war dasselbe Erstaunen, das später das öffentliche Auftreten Jesu begleiten würde: die Episode im Tempel von Jerusalem war nur der Anfang und so etwas wie die Vorankündigung dessen, was sich einige Jahre später ereignen würde.

Liebe Jungen und Mädchen, Altersgenossen des zwölfjährigen Jesus, fallen euch an dieser Stelle nicht die Religionsstunden ein, die in Pfarrei und Schule abgehalten werden und an denen teilzunehmen ihr eingeladen seid? Ich möchte euch nun einige Fragen stellen: Welche Einstellung habt ihr gegenüber dem Religionsunterricht? Laßt ihr euch so mitreißen wie der zwölfjährige Jesus im Tempel? Besucht ihr eifrig die Religionsstunden in Schule und Pfarrei? Helfen euch dabei eure Eltern?

Der zwölfjährige Jesus war von jener Katechese im Tempel von Jerusalem so ergriffen, daß er in gewisser Hinsicht sogar seine eigenen Eltern vergab. Maria und Josef, die sich mit anderen Pilgern auf dem Rückweg nach Nazaret befanden, bemerkten sehr bald, dab er nicht dabei war. Lange suchten sie ihn. Sie kehrten um, und erst am dritten Tag gelang es ihnen, ihn in Jerusalem im Tempel zu finden. »Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht« (Lk 2, 48). Wie seltsam ist die Antwort Jesu und wie nachdenklich macht sie uns! »Warum habt ihr mich gesucht? – fragte er – Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Das war eine Antwort, die nur schwer hingenommen werden konnte. Der Evangelist Lukas fügt lediglich hinzu, daß Maria »alles, was geschehen war, in ihrem Herzen bewahrte« (2, 51). Es war in der Tat eine Antwort, die erst viel später verständlich werden sollte, wenn der inzwischen erwachsene Jesus zu predigen beginnen und erklären würde, dab er bereit war, für seinen himmlischen Vater jedes Leiden und sogar den Tod am Kreuz auf sich zu nehmen.

Von Jerusalem kehrte Jesus mit Maria und Josef nach Nazaret zurück, wo er im Gehorsam ihnen gegenüber lebte (vgl. Lk 2, 51). Über diese Zeit vor dem Beginn seines öffentlichen Auftretens berichtet das Evangelium nur, daß er »heranwuchs, und seine Weisheit zunahm, und er Gefallen fand bei Gott und den Menschen« (Lk 2, 52).

Liebe Kinder, in dem Kind, das ihr in der Krippe bewundert, könnt ihr bereits den zwölfjährigen Jungen sehen, der im Tempel von Jerusalem mit den Schriftgelehrten redet. Es ist derselbe erwachsene Mann, der später als Dreißigjähriger mit der Verkündigung des Wortes Gottes beginnen und sich die zwölf Apostel aussuchen wird und dem die nach Wahrheit dürstende Menschenmenge folgen wird. Er wird auf Schritt und Tritt seine außergewöhnliche Lehrtätigkeit durch Zeichen göttlicher Macht bestätigen: er wird Blinden das Augenlicht wiedergeben, Kranke heilen, sogar Tote auferwecken. Und unter den Toten, die von ihm ins Leben zurückgerufen werden, wird sich die zwölfjährige Tochter des Jaïrus befinden; auch der Sohn der Witwe von Naïn, den er der weinenden Mutter lebend zurückgibt, wird dazugehören.

Genau so ist es: dieses Kind, gerade erst geboren, wird, sobald es grob geworden ist, als Lehrer der göttlichen Wahrheit eine ausserordentliche Liebe für die Kinder an den Tag legen. Er wird zu den Aposteln sagen: »Labt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!«, und er wird hinzufügen: »Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes« (Mk 10, 14). Ein anderes Mal wird er vor die Apostel, die darüber stritten, wer der Größte sei, ein Kind stellen und zu ihnen sagen: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen« (Mt 18, 3). Bei jener Gelegenheit wird er auch sehr strenge, warnende Worte sprechen: »Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde« (Mt 18,6).

Wie wichtig ist in den Augen Jesu das Kind! Man könnte geradezu sagen, das Evangelium ist tief durchdrungen von der Wahrheit über das Kind. Ja, man könnte es sogar in seiner Ganzheit als das »Evangelium des Kindes« lesen.

Was heißt denn: »Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen?« Stellt Jesus nicht vielleicht das Kind als Vorbild auch für die Erwachsenen hin? Im Kind gibt es etwas, das in einem, der in das Himmelreich kommen will, nie fehlen darf. Für den Himmel sind alle bestimmt, die einfältig sind wie die Kinder, alle, die wie sie von vertrauensvoller Hingabe erfüllt, voller Güte und Reinheit sind. Sie allein können in Gott einen Vater finden und ihrerseits durch Jesus zu Kindern Gottes werden.

Ist das nicht die wesentliche Botschaft von Weihnachten? Beim hl. Johannes lesen wir: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt« (1, 14); und weiter: »Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden« (1, 12). Kinder Gottes! Ihr, liebe Kinder, seid Söhne und Töchter eurer Eltern. Doch Gott will, daß wir alle durch die Gnade seine Adoptivkinder sind. Hier liegt die wahre Quelle der Weihnachtsfreude, von der ich euch nun am Ende des Jahres der Familie schreibe. Freut euch über dieses »Evangelium der Gotteskindschaft!« In dieser Freude möge das kommende Weihnachtsfest im Jahr der Familie reiche Früchte tragen.

Jesus schenkt sich selbst

Liebe Freunde, eine unvergeßliche Begegnung mit Jesus ist gewiß die Erstkommunion, ein Tag, der als einer der schönsten des Lebens in Erinnerung bleiben soll. Die von Christus beim Letzten Abendmahl am Vorabend seines Leidens und Sterbens eingesetzte Eucharistie ist ein Sakrament des Neuen Bundes, ja das großartigste der Sakramente. In ihm wird der Herr in den Gestalten von Brot und Wein zur Speise der Seelen. Die Kinder empfangen es feierlich zum ersten Mal – eben bei der Erstkommunion – und sind eingeladen, es in der Folge möglichst oft zu empfangen, um in inniger Freundschaft mit Jesus zu bleiben.

Um die heilige Kommunion zu empfangen, muß man, wie ihr wißt, die Taufe empfangen haben: sie ist das erste und für das Heil notwendigste Sakrament. Die Taufe ist ein grobes Ereignis! In den ersten Jahrhunderten der Kirche, wo vor allem die Erwachsenen die Taufe empfingen, endete der Ritus mit der Teilnahme an der Eucharistie und mit der Feierlichkeit, die heute die Erstkommunion begleitet. Als man nach und nach dazu überging, vor allem den Neugeborenen die Taufe zu spenden – das trifft auch auf viele von euch zu, liebe Kinder, die ihr euch in der Tat nicht an den Tag eurer Taufe erinnern könnt -, wurde das feierlichere Fest mehr auf den Tag der Erstkommunion verlegt. Jeder Junge und jedes Mädchen aus katholischer Familie kennt sehr wohl diesen Brauch: die Erstkommunion wird als ein grobes Familienfest erlebt. An jenem Tag empfangen gewöhnlich zusammen mit dem Gefeierten die Eltern, die Geschwister, die Verwandten, die Paten, manchmal auch die Lehrer und Erzieher die Eucharistie.

Der Tag der Erstkommunion ist außerdem ein grobes Fest in der Pfarrei. Ich erinnere mich, als ob es heute wäre, an den Tag, als ich zusammen mit meinen Altersgenossen in der Pfarrkirche meines Dorfes zum ersten Mal die Eucharistie empfangen habe. Man pflegte dieses Ereignis auf Familienphotos festzuhalten, damit es nicht vergessen werde. Solche Momentaufnahmen begleiten den Menschen gewöhnlich für den Rest seines Lebens. Von Zeit zu Zeit wird beim Durchblättern der Photo-Alben die Atmosphäre jener Augenblicke wieder lebendig; man kehrt zurück zu der Reinheit und Freude, die man in der Begegnung mit Jesus erlebt hat, der aus Liebe zum Erlöser des Menschen geworden ist.

Für wie viele Kinder in der Geschichte der Kirche ist die Eucharistie Quelle geistlicher, manchmal geradezu heroischer Kraft gewesen! Wie könnte man zum Beispiel heilige Jungen und Mädchen unerwähnt lassen, die in den ersten Jahrhunderten gelebt haben und noch heute bekannt sind und in der ganzen Kirche verehrt werden? Die hl. Agnes, die in Rom lebte; die hl. Agatha, die in Sizilien das Martyrium erlitten hat; der hl. Tarcisius, der zu Recht Märtyrer der Eucharistie genannt wird, weil er lieber starb als Jesus aufzugeben, den er in Gestalt des Brotes mit sich trug.

Und so sind die Jahrhunderte hindurch bis herauf in unsere Tage unter den Heiligen und Seligen der Kirche immer auch Kinder zu finden. Wie im Evangelium Jesus besonderes Vertrauen in die Kinder bekundet, so hat es seine Mutter Maria nicht unterlassen, den Kleinen im Laufe der Geschichte ihre mütterliche Aufmerksamkeit zu erweisen. Denkt an die hl. Bernadette von Lourdes, an die Kinder von La Salette und in unserem Jahrhundert an Lucia, Francisco und Jacinta von Fatima.

Ich sprach vorhin vom »Evangelium des Kindes«: hat es nicht in unserer Zeit in der Spiritualität der hl. Theresia vom Kinde Jesu einen besonderen Ausdruck gefunden? Es stimmt wirklich: Jesus und seine Mutter wählen oft die Kinder aus, um ihnen Aufgaben anzuvertrauen, die von grober Bedeutung für das Leben der Kirche und der Menschheit sind. Ich habe nur einige weltweit bekannte genannt, aber wie viele andere, weniger bekannte gibt es! Der Erlöser der Menschheit scheint mit ihnen die Sorge für die anderen zu teilen: für die Eltern, für die Schulfreunde und Spielgefährten. Er erwartet so sehr ihr Gebet. Was für eine enorme Macht hat das Gebet der Kinder! Es wird zu einem Vorbild selbst für die Erwachsenen: mit schlichtem und restlosem Vertrauen beten heißt beten, wie die Kinder zu beten verstehen.

Und da komme ich an einen wichtigen Punkt meines Briefes: am Ende des Jahres der Familie möchte ich eurem Gebet, liebe kleine Freunde, die Probleme eurer und aller Familien der Welt anvertrauen. Und nicht nur das: ich habe euch noch andere Absichten anzuvertrauen. Der Papst zählt sehr auf euer Gebet. Wir müssen miteinander und viel beten, damit die Menschheit, die aus mehreren Milliarden von einzelnen Menschen besteht, immer mehr zur Familie Gottes wird und in Frieden leben kann. Ich habe am Anfang an die unsäglichen Leiden erinnert, die so viele Kinder in diesem Jahrhundert erfahren haben, und an jene, die viele von ihnen noch immer erdulden, auch in diesem Augenblick. Wie viele fallen auch in diesen Tagen dem Hab zum Opfer, der in verschiedenen Zonen der Erde wütet: zum Beispiel auf dem Balkan und in einigen Ländern Afrikas. Als ich über diese Geschehnisse nachdachte, die unsere Herzen mit Schmerz erfüllen, habe ich beschlossen, euch, liebe Kinder, zu bitten, das Gebet für den Frieden zu eurem besonderen Anliegen zu machen. Wie ihr wohl wißt: Liebe und Eintracht bauen den Frieden auf, Hab und Gewalt zerstören ihn. Ihr schreckt instinktiv vor dem Hab zurück und werdet von der Liebe angezogen: deshalb ist der Papst sicher, daß ihr seine Bitte nicht zurückweisen werdet, sondern euch seinem Gebet für den Frieden in der Welt mit demselben Schwung anschließen werdet, mit dem ihr für den Frieden und die Eintracht in euren Familien betet.

Lobt den Namen des Herrn!

Labt mich euch, liebe Jungen und Mädchen, am Ende dieses Briefes an die Worte eines Psalms erinnern, die mich immer ergriffen haben: Laudate pueri Dominum! Lobt, Kinder, den Herrn, lobt den Namen des Herrn. Der Name des Herrn sei gepriesen, von nun an bis in Ewigkeit. Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang sei der Name des Herrn gelobt (vgl. Ps 113, 1-3). Während ich über die Worte dieses Psalms nachdenke, ziehen vor meinen Augen die Gesichter der Kinder der ganzen Welt vorüber: vom Osten bis zum Westen, vom Norden bis zum Süden. Euch, kleine Freunde, sage ich ohne Unterschied von Sprache, Rasse oder Nationalität: Lobt den Namen des Herrn!

Und da der Mensch Gott vor allen Dingen mit dem Leben loben soll, vergebt nicht, was der zwölfjährige Jesus im Tempel von Jerusalem zu seiner Mutter und zu Josef sagte: »Wubtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (Lk 2, 49). Der Mensch lobt Gott, wenn er der Stimme der eigenen Berufung folgt. Gott ruft jeden Menschen, und seine Stimme läßt sich schon in der Seele des Kindes vernehmen: Er beruft zu einem Leben in der Ehe oder aber dazu, Priester zu werden; er beruft zu einem gottgeweihten Leben oder vielleicht zur Arbeit in den Missionen… Wer weiß? Betet, liebe Jungen und Mädchen, um eure Berufung herauszufinden und ihr dann großherzig zu folgen.

Lobt den Namen des Herrn! In der Nacht von Betlehem blicken die Kinder aller Kontinente gläubig auf das neugeborene Kind und erleben die grobe Freude des Weihnachtsfestes. Mit Liedern und Gesängen in ihren Sprachen loben sie den Namen des Herrn. So verbreiten sich die eindrucksvollen Weihnachtsweisen über die ganze Erde. Es sind zarte, ergreifende Worte, die da in allen menschlichen Sprachen erklingen; wie ein Jubelgesang, der von der ganzen Erde aufsteigt, um sich mit jenem der Engel zu vereinen, die über dem Stall von Betlehem Gottes Herrlichkeit verkünden: »Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade« (Lk 2, 14). Der von Gott geliebte Sohn kommt als neugeborenes Kind zu uns; in seiner Nähe fühlen die Kinder jeder Nation der Erde auf sich den liebevollen Blick des himmlischen Vaters und freuen sich, weil Gott sie liebt. Der Mensch kann nicht ohne Liebe leben. Er ist aufgerufen, Gott und den Nächsten zu lieben, um aber wirklich zu lieben, muß er die Gewißheit haben, daß Gott ihn lieb hat.

Gott liebt euch, liebe Kinder! Das will ich euch am Ende des Jahres der Familie und anläßlich dieses Weihnachtsfestes sagen, das in besonderer Weise euer Fest ist.

Ich wünsche euch, daß es ein Fest voller Freude und Fröhlichkeit sein möge; ich wünsche euch, dab ihr dabei ganz intensiv die Liebe eurer Eltern, eurer Geschwister und der anderen Familienmitglieder erfahrt. Diese Liebe möge sich dann eben durch euch, liebe Kinder, auf eure ganze Umgebung, ja auf die ganze Welt ausweiten. So wird die Liebe alle erreichen, die sie besonders nötig haben, im besonderen die Leidenden und Verlassenen. Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die von der Liebe ausgelöst wird? Welch gröbere Freude kann es geben als jene, die du, Jesus, zu Weihnachten in das Herz der Menschen und besonders der Kinder trägst?

Hebe dein Händchen, göttliches Kind,
und segne diese deine kleinen Freunde,
segne die Kinder der ganzen Erde!

Aus dem Vatikan, am 13. Dezember 1994.

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Quelle