Bischof Hanke unterstützt Bürgerinitiative zum Schutz von Ehe und Familie

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Die europäische Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ unterstützt der Bischof von Eichstätt, Gregor Maria Hanke. Das teilt der Pressedienst der Diözese mit.

Mit seiner Unterschrift schließe sich der Bischof der Forderung nach einer EU-Verordnung an, mit der Ehe und Familie geschützt werden sollen.

Bischof Hanke betonte, dass auf dem christlichen Menschenbild auch ein entsprechendes Verständnis von Ehe und Familie aufgebaut ist:

„Heute wird in der Europäischen Union viel über die Förderung von Ehe und Familie geredet, aber jeder versteht darunter etwas anderes. Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter und Kind“ möchte Ehe und Familie europaweit so definieren, dass sie mit dem christlichen Menschenbild übereinstimmt: Ehe als Lebensbund von Mann und Frau, Familie als Gemeinschaft, die auf der Ehe basiert. Ich hoffe, dass viele Gläubige diese wichtige europäische Initiative unterstützen“.

Die Bürgerinitiative „Vater, Mutter, Kind“ lädt europaweit ein, sich in Unterschriftenlisten einzutragen und so für den Schutz der Ehe und Familie einzutreten.

Neben anderen Bischöfen gehört auch Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, zu den Unterstützern. Die Initative wirbt auch in den Sozialen Medien für Unterschriften und Unterstützung.

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Das internationale Hilfswerk Kirche in Not hat einen Video-Aufruf zur Initiative veröffentlicht:

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EICHSTÄTT , 26 October, 2016 / 5:53 PM (CNA Deutsch).-

Das Recht der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder (I) – Ausdruck der Liebe –

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Auch wenn sie sich an andere Mitwirkende wenden können, sind die Eltern immer die Hauptverantwortlichen für die Erziehung der Kinder, wie in diesem Artikel näher erläutert wird.

Die heute geltende Allgemeine Erklärung der Menschenrechte legt im Artikel 26 das Recht der Eltern fest, die Erziehung zu wählen, die sie für ihre Kinder bevorzugen i, und noch erwähnenswerter ist die Tatsache, dass die Unterzeichner diese Grundregel zu den Grundgesetzen zählen, die ein Staat weder verweigern noch gezielt verändern darf.

Es gehört zur menschlichen Natur, ein von seiner inneren Art her gesellschaftliches und abhängiges Lebewesen sein. Die Abhängigkeit zeigt sich am deutlichsten in den Kindesjahren. Zum menschlichen Wesen gehört, dass wir alle eine Erziehung erhalten, in die Gesellschaft hineinwachsen, sich eine Kultur und einige Kenntnisse aneignen müssen.

Genau genommen ist ein Kind nicht nur ein in die Welt hineingestelltes Geschöpf: im Menschen gibt es eine enge Verbindung zwischen Zeugung und Erziehung, die so weit geht, dass letztere als Fortsetzung oder Vervollständigung des Zeugungsaktes angesehen wird. Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung, das notwendig ist, um seine Fähigkeiten entfalten zu können; und diesem Recht der Kinder entspricht das Recht und die Verpflichtung der Eltern sie zu erziehen.

AUSDRUCK DER LIEBE GOTTES

Das lässt sich gut an der lateinischen Bezeichnung für Erziehung “educatio” erkennen. Das Wort educare bedeutet vor allem die Handlung und die Folge der Versorgung oder des Aufziehens der Nachkommenschaft. Es ist klar, dass diese Versorgung nicht nur materiell zu verstehen ist, sondern auch die Entfaltung der geistigen Fähigkeiten der Kinder umfasst, der intellektuellen wie der sittlichen, zu denen auch die Tugenden und Höflichkeitsformen gehören.

Sohn und Vater, Tochter und Mutter sind, jeweils im Bezug auf den anderen, die natürlichen Zöglinge und Erzieher, und jede andere Art der Erziehung ist es nur in sinngemäßer Weise: die Erziehung betrifft den Menschen insofern er Sohn oder Tochter ist, das heißt, insofern er von seinen Eltern abhängt.

Daher liegt der Grund des Rechts auf Erziehung in der menschlichen Natur, und seine Wurzeln liegen in wirklichen Dingen, die für alle Menschen ähnlich sind und die letztlich die Gesellschaft selbst begründen. Darum hängen die Rechte zur Erziehung und zum Erzogen-werden nicht davon ab, ob sie durch ein positives Gesetz festgelegt worden sind oder nicht; sie sind auch nicht einZugeständnis der Gesellschaft oder des Staates. Es handelt sich um Grundrechte im strengsten Sinn, den dieses Wort enthält.

Das Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder ist also bezogen auf jenes der Kinder, eine ihrer Menschenwürde und ihren Bedürfnissen entsprechende Erziehung zu erhalten; dieses letztere ist der Grund für das erste. Die Angriffe gegen das Recht der Eltern sind letztlich nichts anderes als ein Angriff gegen das Recht der Kinder, das aus Gerechtigkeit von der Gesellschaft anerkannt und gefördert werden muss.

Die Tatsache, dass das Recht der Kinder erzogen zu werden grundlegender ist, bedeutet jedoch nicht, dass die Eltern darauf verzichten könnten, Erzieher zu sein, etwa unter dem Vorwand, dass andere Personen oder Institutionen sie besser erziehen können. Das Kind ist vor allem Kind; und für sein Heranwachsen und Reifen ist es ganz wichtig, dass es als solches im Schoß der Familie aufgenommen wird.

Die Familie ist der natürliche Ort, an dem die Beziehungen der Liebe, des Dienstes, der gegenseitigen Hingabe, die zum innersten Bereich des Menschen gehören, erfahren, erachtet und erlernt werden. Daher sollte jeder Mensch, außer in den unmöglichen Fällen, im Schoß einer Familie von seinen Eltern erzogen werden. Dabei können andere Personen – jeder in seiner verschiedenen Rolle – mitwirken: Geschwister, Großeltern, Tanten, Onkel …

Vom Glauben erhellt erhalten die Zeugung und die Erziehung einen neuen Sinn: das Kind ist zur Vereinigung mit Gott berufen und ist für die Eltern so etwas wie ein Geschenk, das zugleich Ausdruck ihrer ehelichen Liebe ist.

Wenn neuerlich ein Kind geboren wird, bekommen die Eltern eine neue göttliche Berufung: der Herr erwartet von ihnen, dass sie das Kind in der Freiheit und in der Liebe erziehen. Sie sollen es nach und nach zu Ihm hinführen. Er erwartet, dass der Sohn oder die Tochter in der ihm oder ihr von den Eltern erwiesenen Liebe und Zuwendung ein Spiegelbild der Liebe und Aufmerksamkeit bemerkt, die Gott selbst ihnen zuwendet. Daher sind für christliche Eltern das Recht und die Pflicht zur Erziehung eines Kindes aus Gründen unverzichtbar, die weit über einen natürlichen Verantwortungssinn hinausgehen. Sie sind auch unverzichtbar, weil sie zu ihrer Hochachtung gegenüber der göttlichen Berufung gehören, die sie mit der Taufe erhalten haben.

Auch wenn die Erziehung vor allem eine Tätigkeit des Vaters und der Mutter ist, tut es jeder andere Erzieher, weil er von den Eltern dazu beauftragt wurde und ihnen unterstellt ist. «Die Eltern sind die ersten und hauptsächlichen Erzieher der eigenen Kinder und haben auch in diesem Bereich grundliegende Zuständigkeit: Sie sind Erzieher, weil sie Eltern sind. Sie teilen ihren Erziehungsauftrag mit anderen Personen und Institutionen wie der Kirche und dem Staat; dies muss jedoch immer in korrekter Anwendung des Prinzips der Subsidiarität geschehen»ii.

Es ist natürlich gestattet, dass die Eltern Hilfen suchen, um ihre Kinder zu erziehen. Die Aneignung kultureller oder technischer Fertigkeiten, die Beziehung zu Personen über den Kreis der Familie hinaus, usw. sind notwendige Teilbereiche für ein richtiges Heranwachsen des Menschen, die die Eltern auf sich allein gestellt nicht in angemessener Weise abdecken können. Das heißt, «jeder andere Mitwirkende am Erziehungsprozess kann nur im Namen der Eltern, auf Grund ihrer Zustimmung, und in einem gewissen Maße sogar in ihrem Auftrag tätig werden» iii: solche Hilfestellungen werden von den Eltern gesucht, die niemals das aus dem Blick verlieren, was sie von ihnen erwarten, und die aufmerksam sind, damit sie ihren Absichten und Erwartungen entsprechen.

ELTERN UND SCHULEN

Die Schule ist in diesem Zusammenhang als eine Einrichtung zu verstehen, die dazu ausersehen ist, mit den Eltern bei deren Erziehungsarbeit zusammenzuarbeiten. Es ist umso dringender sich dieser Tatsache bewusst zu sein, wenn wir daran denken, dass es heute viele Gründe gibt, die die Eltern – oft ohne sich dessen ganz bewusst zu sein – dazu bringen können, die große Bedeutung der ihnen zukommenden wunderbaren Arbeit nicht zu verstehen und in Wirklichkeit auf ihre Rolle als vollverantwortliche Erzieher zu verzichten.

Der von Papst Benedikt XVI. mehrmals angesprochene Erziehungsnotstand hat seinen Grund in dieser Verwirrung: Die Erziehung wurde verkürzt auf«die Weitergabe bestimmter Fähigkeiten oder Fertigkeiten (…). Den Wunsch der jungen Generationen, glücklich zu sein, versucht man dadurch zu kompensieren, dass man sie mit Konsumprodukten überhäuft und ihnen kurzlebige Freuden verschafft» iv, und auf diese Weise bleiben die Jugendlichen «letztlich allein gelassen angesichts der großen Fragen, die unweigerlich in ihnen aufbrechen» v, und einer Gesellschaft und Kultur ausgeliefert, die sich den Relativismus zu ihrem Glaubensbekenntnis gemacht hat.

Angesichts dieser möglichen Schwierigkeiten und wegen ihres von Natur aus gegebenen Rechts müssen die Eltern spüren, dass die Schule in gewisser Weise eine Erweiterung ihres Zuhauses ist. Sie ist ein Mittel ihrer eigenen Aufgabe als Eltern und nicht nur ein Ort, an dem den Kindern eine Reihe von Kenntnissen vermittelt wird.

Als erste Bedingung muss der Staat die Freiheit der Familien sicherstellen, so dass es ihnen möglich ist die Schule oder die Bildungszentren wohlüberlegt auszuwählen, die ihnen für die Erziehung ihrer Kinder am besten geeignet erscheinen. Sicherlich besitzt der Staat im Rahmen seiner Aufgabe das Gemeinwohl zu schützen, einige Rechte und Pflichten im Erziehungsbereich. Auf sie werden wir in einem der nächsten Artikel zurückkommen. Dieses Eingreifen darf aber nicht dem berechtigten Bestreben der Eltern entgegenstehen, ihre eigenen Kinder in Übereinstimmung mit den Werten zu erziehen, die von ihnen für wichtig gehalten und vorgelebt werden, und die sie als wertvoll für ihre Nachkommen ansehen.

Wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, muss der Staat – auch wenn es nur eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit wäre – die Mittel und die günstigen Voraussetzungen bereitstellen, denn die Eltern «müssen in der Wahl der Schule wirklich frei sein, (…) für ihre Kinder die Schulen nach ihrem Gewissen wirklich frei wählen können» vi. Daher ist es wichtig, dass sich jene, die in den Bereichen der Politik und der Öffentlichen Meinung tätig sind, darum bemühen, dass dieses Recht gewahrt bleibt und so weit wie möglich gefördert wird.

Das Interesse der Eltern an der Erziehung ihrer Kinder zeigt sich in tausend Details. Unabhängig von der Einrichtung, in der die Kinder studieren, ist es ganz normal sich über das dort herrschende Klima und die vermittelten Inhalte zu erkundigen.

Auf diese Weise schützt man die Freiheit der Schüler ; das Recht, dass ihre Persönlichkeit nicht verbildet wird und ihre Fähigkeiten nicht übergangen werden; den rechtmäßigen Anspruch auf eine gesunde Bildung, ohne dass man ihre ganz natürliche Lernbereitschaft missbraucht, um ihnen Auffassungen und menschliche Teilansichten aufzudrängen. So wird es ermöglicht und gefördert, dass die Kinder einen gesunden kritischen Geist entwickeln, und gleichzeitig zeigt man ihnen, dass auf diesem Gebiet das Interesse der Eltern über die Schulergebnisse hinausgeht.

Genau so wichtig wie dieser Kontakt zwischen den Eltern und den Kindern ist jener der Eltern mit den Lehrern. Eine klare Folge davon, die Schule als ein weiteres Hilfsmittel der eigenen Erziehungsarbeit anzusehen, ist aktiv bei den Initiativen oder beim Festlegen der Grundeinstellungen der Schule mitzuarbeiten.

Insofern ist es wichtig, bei ihren Tätigkeiten mitzumachen: Erfreulicherweise hat es sich immer mehr eingebürgert, dass die staatlichen wie die privaten Schulen von Zeit zu Zeit Tage der offenen Tür, Sporttage oder Informationsrunden mit eher akademischer Ausrichtung veranstalten. Besonders bei den zuletzt genannten Zusammenkünften ist eine Teilnahme – wenn möglich – beider Eltern anzustreben, auch wenn das einigen Aufwand an Zeit oder Organisation erfordert. Auf diese Weise wird den Kindern, ohne viel sagen zu müssen, vermittelt, dass beide Eltern die Schule als einen bedeutenden Teil im Familienleben ansehen.

In diesem Zusammenhang eröffnen sich durch das Mitwirken in Elternvereinen – indem man bei der Planung von Veranstaltungen mitmacht, gute Vorschläge einbringt oder sich sogar an den Leitungsgremien beteiligt – eine Reihe von neuen erzieherischen Möglichkeiten. Ohne Zweifel bedarf es einer aufopferungsbereiten Einstellung: man muss sich Zeit nehmen, um mit anderen Familien zu sprechen, um die Professoren kennen zu lernen, an Sitzungen teilzunehmen usw. …

Diese Schwierigkeiten werden jedoch – vor allem für jemanden, der Gott liebt und den anderen dienen will – reichlich aufgewogen durch das Eröffnen eines apostolischen Betätigungsfeldes, das unermesslich groß ist. Selbst wenn die Schulordnung es nicht zulässt bei der Ausrichtung einiger Ausbildungsprogramme unmittelbar mitzuwirken, besteht die Möglichkeit, die Professoren und die Schulleitung dazu zu bringen und zu bewegen, dass im Unterricht die Tugenden, das Gute und das Schöne vermittelt werden.

Die anderen Eltern sind die ersten, die für so einen Einsatz dankbar sind. Für sie wird ein bei der Arbeit der Schule mitwirkender Vater – egal ob er diesen Auftrag erhalten hat oder ob er aus Eigeninitiative seine Sorge um das Klima in der Klasse zeigt, usw. – zu einer Bezugsperson: er ist jemand, auf dessen Erfahrung man sich stützt, oder den man bei der Erziehung der eigenen Kinder um Rat bittet.

Auf diese Weise öffnet sich der Weg zur persönlichen Freundschaft und mit ihr zu einem Apostolat, das letztlich allen Menschen im Erziehungsumfeld, in dem sich die Kinder entfalten, zugute kommt. Hier trifft voll zu, was der heilige Josefmaria im Buch Der Weg über die Fruchtbarkeit des persönlichen Apostolats geschrieben hat: Du bist für deine Umgebung, Apostel, ein Stein der in den See fällt. – Löse du mit deinem Beispiel und Wort einen Kreis aus. Dieser erzeugt einen neuen, dieser wieder einen und wieder einen . . . Jeder wird größer als der vorhergehende. Begreifst du jetzt die Größe deiner Sendung? vii

J.A. Araña – J.C. Errázuriz

i Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 10.12.1948, Nr. 26.

ii Johannes Paul II., Brief an die Familien, 2.2.1994, Nr. 16.

iii Ebd.

iv Benedikt XVI., Ansprache bei der Eröffnung der Pastoraltagung der Diözese Rom, 11.6. 2007.

v Benedikt XVI,. Ansprache vor der Ital. Bischofskonferenz, 28.5.2008.

vi II. Vatikanisches Konzil, Erklärung über die christliche Erziehung Gravissimum educationis, Nr. 6.

vii Hl. Josefmaria. Der Weg, Nr. 831.

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Quelle

PAPST FRANZISKUS: ÜBER DIE LIEBE IN DER FAMILIE (3 von 3)

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(Fortsetzung von 2 von 3)

Siebentes Kapitel
DIE ERZIEHUNG DER KINDER STÄRKEN

259. Die Eltern beeinflussen immer die moralische Entwicklung ihrer Kinder – zum Guten oder zum Schlechten. Deswegen ist es am besten, wenn sie diese unausweichliche Aufgabe akzeptieren und sie bewusst, begeistert, vernünftig und sachgerecht erfüllen. Da diese Erziehungsaufgabe der Familien so bedeutend ist und sehr kompliziert geworden ist, möchte ich speziell auf diesen Punkt ausführlicher eingehen.

Wo sind die Kinder?

260. Die Familie darf nicht aufhören, ein Ort des Schutzes, der Begleitung, der Führung zu sein, auch wenn sie ihre Methoden neu erfinden und neue Mittel heranziehen muss. Man muss sich überlegen, welchen Dingen man seine Kinder aussetzen will. Darum ist es unumgänglich, sich zu fragen, wer sich darum kümmert, ihnen Spaß und Unterhaltung zu verschaffen, wer über die Bildschirme in ihre Wohnungen eindringt, welcher Führung man die Kinder in ihrer Freizeit überlässt. Allein die Momente, die wir mit ihnen verbringen, indem wir in Einfachheit und Liebe mit ihnen über wichtige Dinge sprechen, und die gesunden Möglichkeiten, die wir schaffen, damit sie ihre Zeit nutzen, werden erlauben, eine schädliche Invasion zu vermeiden. Stets bedarf es einer Aufsicht. Die Kinder sich selbst zu überlassen, ist niemals gesund. Die Eltern müssen ihre Kinder und Jugendlichen orientieren und vorbereiten, damit sie Situationen zu bewältigen wissen, in denen zum Beispiel die Gefahr von Aggressionen, von Missbrauch oder Drogenkonsum bestehen kann.

261. Übertriebene Sorge erzieht nicht und man kann nicht alle Situationen, in die ein Kind geraten könnte, unter Kontrolle haben. Hier gilt das Prinzip: » Die Zeit ist mehr wert als der Raum «.[291] Das heißt, es geht mehr darum, Prozesse auszulösen, als Räume zu beherrschen. Wenn ein Vater versessen darauf ist zu wissen, wo sein Sohn ist, und alle seine Bewegungen zu kontrollieren, wird er nur bestrebt sein, dessen Raum zu beherrschen. Auf diese Weise wird er ihn nicht erziehen, er wird ihn nicht stärken und ihn nicht darauf vorbereiten, Herausforderungen die Stirn zu bieten. Worauf es ankommt, ist vor allem, mit viel Liebe im Sohn Prozesse der Reifung seiner Freiheit, der Befähigung, des ganzheitlichen Wachstums und der Pflege der echten Selbständigkeit auszulösen. Nur so wird dieser Sohn in sich selbst die Elemente besitzen, die er braucht, um sich schützen zu können und um unter schwierigen Umständen klug und intelligent zu handeln. Die große Frage ist also nicht, wo das Kind sich physisch befindet, mit wem es in diesem Moment zusammen ist, sondern wo es sich in existenziellem Sinn befindet, wo es unter dem Gesichtspunkt seiner Überzeugungen, seiner Ziele, seiner Wünsche und seiner Lebenspläne steht. Darum lauten die Fragen, die ich an die Eltern stelle: » Versuchen wir zu verstehen, „wo“ die Kinder sich wirklich auf ihrem Weg befinden? Wissen wir, wo ihre Seele wirklich ist? Und vor allem: Wollen wir es wissen? «[292]

262. Wenn die Reifung nur in der Entfaltung von etwas bestünde, das von vornherein im genetischen Code enthalten ist, wäre nicht viel zu tun. Die Besonnenheit, das gute Urteilsvermögen und die Vernünftigkeit hängen nicht von bloß quantitativen Wachstumsfaktoren ab, sondern von einer ganzen Kette von Elementen, die im Innern der Person eine Synthese bilden, genauer gesagt: im Zentrum ihrer Freiheit. Es ist unvermeidlich, dass jedes Kind uns überrascht mit den Plänen, die aus dieser Freiheit aufkeimen und die unsere Vorstellungen durchkreuzen, und es ist gut, dass das geschieht. Die Erziehung schließt die Aufgabe ein, verantwortliche Freiheiten zu fördern, die in den entscheidenden Momenten mit Sinn und Verstand wählen; Personen, die ohne Vorbehalte verstehen, dass ihr Leben und das ihrer Gemeinschaft in ihren Händen liegt und dass diese Freiheit ein unermessliches Geschenk ist.

Die ethische Erziehung der Kinder

263. Auch wenn die Eltern die Schule brauchen, um eine grundlegende Bildung ihrer Kinder sicherzustellen, so können sie doch niemals ihre moralische Erziehung völlig aus der Hand geben. Die emotionale und ethische Entwicklung eines Menschen bedarf einer grundlegenden Erfahrung: daran zu glauben, dass die eigenen Eltern vertrauenswürdig sind. Das stellt eine Verantwortung auf dem Gebiet der Erziehung dar: mit der Zuneigung und dem eigenen Vorbild Vertrauen in den Kindern zu wecken, ihnen einen liebevollen Respekt einzuflößen. Wenn ein Kind nicht mehr spürt, dass es seinen Eltern kostbar ist, obwohl es unvollkommen ist, oder wenn es nicht wahrnimmt, dass sie ehrlich um es besorgt sind, erzeugt das tiefe Verwundungen, die viele Schwierigkeiten in seiner Reifung verursachen. Diese Abwesenheit, diese affektive Verlassenheit löst einen tiefer liegenden Schmerz aus als eine eventuelle Zurechtweisung, die es für eine schlechte Tat erhält.

264. Die Aufgabe der Eltern schließt eine Erziehung des Willens ein und eine Entwicklung guter Gewohnheiten und gefühlsmäßiger Neigungen zum Guten. Das bedeutet, dass man zu lernende Verhaltensweisen und zu entwickelnde Neigungen als etwas Begehrenswertes darstellt. Es handelt sich jedoch immer um einen Prozess, der vom Unvollkommenen zum Vollkommeneren voranschreitet. Der Wunsch, sich an die Gesellschaft anzupassen, oder die Gewohnheit, auf eine unmittelbare Befriedigung zu verzichten, um sich einer Regel zu fügen und ein gutes Zusammenleben zu sichern, ist bereits in sich selbst ein Anfangswert, der die innere Bereitschaft erzeugt, um dann zu höheren Werten zu kommen. Die moralische Erziehung muss immer mit aktiven Methoden und einem erzieherischen Dialog verwirklicht werden, der die Sensibilität der Kinder und ihren eigenen Sprachgebrauch aufnimmt. Außerdem muss diese Erziehung auf induktive Weise geschehen, so dass das Kind dazu gelangen kann, von sich aus die Bedeutung bestimmter Werte, Grundsätze und Regeln zu entdecken, anstatt dass sie ihm als unwiderlegbare Wahrheiten aufgezwungen werden.

265. Um gut zu handeln, reicht es nicht, „sachgemäß zu urteilen“ oder ganz klar zu wissen, was man tun muss – obschon das vorrangig ist. Oft sind wir inkonsequent mit unseren eigenen Überzeugungen, selbst wenn diese gefestigt sind. Sosehr unser Gewissen uns ein bestimmtes moralisches Urteil eingibt, haben hin und wieder andere uns anziehende Dinge mehr Macht, wenn wir es nicht erreicht haben, dass das vom Verstand erfasste Gute sich als tiefe gefühlsmäßige Neigung in uns eingewurzelt hat. Es ist dann wie ein Wohlgefallen am Guten, das schwerer wiegt als andere Attraktionen, und es führt uns zu der Einsicht, dass das, was wir als gut erfassen, auch „für uns“ hier und jetzt gut ist. Eine wirkungsvolle ethische Erziehung bedeutet, dem Menschen zu zeigen, wie weit es ihm selbst nützlich ist, gut zu handeln. Heute ist es gewöhnlich wirkungslos, etwas zu verlangen, das Anstrengung und Verzicht erfordert, ohne deutlich das Gute zu zeigen, das man damit erreichen kann.

266. Es ist notwendig, Gewohnheiten zu entwickeln. Auch die Angewohnheiten, die man sich seit der Kindheit angeeignet hat, haben eine positive Funktion, da sie dazu verhelfen, dass die großen verinnerlichten Werte sich in gesunden und gefestigten äußeren Verhaltensweisen niederschlagen. Es kann jemand eine verträgliche Gesinnung und eine gute Bereitschaft gegenüber den anderen haben, wenn er sich aber nicht über lange Zeit durch die Eindringlichkeit der Erwachsenen daran gewöhnt hat, „bitte“, „darf ich?“ und „danke“ zu sagen, wird seine gute innere Bereitschaft schwerlich in diesen Formen zum Ausdruck kommen. Die Stärkung des Willens und die Wiederholung bestimmter Handlungen bilden die moralische Grundhaltung, und ohne die bewusste, freie und gewürdigte Wiederholung bestimmter guter Verhaltensweisen kommt man mit der Erziehung zu besagter Grundhaltung nicht zum Ziel. Die Beweggründe oder die Attraktion, die wir einem bestimmten Wert gegenüber empfinden, werden nicht zu einer Tugend ohne diese in geeigneter Weise motivierten Taten.

267. Die Freiheit ist etwas Großartiges, doch wir können beginnen, sie zu verlieren. Die moralische Erziehung ist eine Schulung der Freiheit durch Vorschläge, Motivationen, praktische Anwendungen, Anregungen, Belohnungen, Beispiele, Vorbilder, Symbole, Reflexionen, Ermahnungen, Überprüfungen der Handlungsweise und Dialoge, die den Menschen bei der Entwicklung jener festen inneren Grundsätze helfen, die sie dazu bewegen, spontan das Gute zu tun. Die Tugend ist eine in ein tragfähiges inneres Handlungsprinzip verwandelte Überzeugung. Folglich baut das tugendhafte Leben die Freiheit auf; es stärkt und erzieht sie und vermeidet so, dass der Mensch zum Sklaven zwanghafter entmenschlichender und unsozialer Neigungen wird. Denn die Menschenwürde selbst verlangt, dass jeder » in bewusster und freier Wahl handle, das heißt personal, von innen her bewegt und geführt «.[293]

Der Wert der Strafe als Ansporn

268. Zudem ist es unerlässlich, das Kind oder den Heranwachsenden zu sensibilisieren, damit er merkt, dass die schlechten Taten Folgen haben. Man muss die Fähigkeit wecken, sich in die Lage des anderen zu versetzen und sein Leiden schmerzlich zu empfinden, wenn man ihm wehgetan hat. Einige Strafen – für unsoziales, aggressives Verhalten – können diesen Zweck teilweise erfüllen. Es ist wichtig, das Kind mit Nachdruck dazu zu erziehen, um Verzeihung zu bitten und den Schaden, den es anderen zugefügt hat, wieder gutzumachen. Wenn der Weg der Erziehung in einer Reifung der persönlichen Freiheit seine Früchte zeigt, wird der eigene Sohn bzw. die eigene Tochter irgendwann beginnen, dankbar anzuerkennen, dass es gut für ihn oder sie war, in einer Familie aufzuwachsen und auch die Anforderungen zu ertragen, die jeder Erziehungsprozess vorsieht.

269. Die Zurechtweisung ist ein Ansporn, wenn zugleich die Bemühungen gewürdigt und anerkannt werden und wenn das Kind entdeckt, dass seine Eltern ein geduldiges Vertrauen behalten. Ein liebevoll zurechtgewiesenes Kind fühlt sich beachtet, nimmt wahr, dass es jemand ist, und merkt, dass seine Eltern seine Möglichkeiten anerkennen. Das erfordert nicht, dass die Eltern makellos sind, sondern dass sie demütig ihre Grenzen einzugestehen wissen und ihre eigenen Bemühungen zeigen, sich zu bessern. Doch eines der Zeugnisse, die die Kinder von den Eltern brauchen, ist, dass sie sich nicht vom Zorn leiten lassen. Das Kind, das eine schlechte Tat begeht, muss zurechtgewiesen werden, aber niemals wie ein Gegner oder wie der, an dem man die eigene Aggressivität auslässt. Außerdem muss ein Erwachsener anerkennen, dass einige schlechte Taten mit der Anfälligkeit und den Grenzen zu tun haben, die für ein bestimmtes Alter typisch sind. Darum wäre eine ständig strafende Haltung, die nicht helfen würde, die unterschiedliche Schwere der Taten zu bemerken, schädlich und würde Entmutigung und Ärger auslösen: » Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn « (Eph 6,4; vgl. Kol 3,21).

270. Grundlegend ist, dass die Disziplin sich nicht in eine Verstümmelung des Verlangens verwandelt, sondern zu einem Anreiz wird, immer weiter fortzuschreiten. Wie kann man Disziplin mit innerer Ruhelosigkeit verbinden? Wie kann man erreichen, dass die Disziplin eine konstruktive Grenze des Weges ist, den ein Kind einschlagen muss, und nicht eine Mauer, die Verneinung bedeutet, oder eine Dimension der Erziehung, die ihm Komplexe verursacht? Man muss eine Balance finden können zwischen zwei Extremen, die gleichermaßen schädlich sind: Das eine wäre, eine Welt maßgerecht nach den Wünschen des Kindes aufbauen zu wollen, das dann in dem Gefühl aufwächst, Subjekt von Rechten, nicht aber von Verantwortungen zu sein. Das andere Extrem wäre, es dazu zu bringen, ohne Bewusstsein seiner Würde, seiner einmaligen Identität und seiner Rechte zu leben, gequält von den Pflichten und abhängig davon, die Wünsche anderer zu verwirklichen.

Geduldiger Realismus

271. Die moralische Erziehung beinhaltet, von einem Kind oder einem Jugendlichen nur das zu verlangen, was für ihn kein unverhältnismäßig großes Opfer bedeutet, und von ihm nur ein Maß an Anstrengung einzufordern, das keinen Unwillen auslöst oder rein erzwungene Handlungen veranlasst. Der gewöhnliche Weg besteht darin, kleine Schritte vorzuschlagen, die verstanden, akzeptiert und gewürdigt werden können und einen proportionierten Verzicht einschließen. Durch übermäßiges Fordern erreichen wir dagegen nichts: Sobald der Mensch sich von der Autorität befreien kann, wird er wahrscheinlich aufhören, gut zu handeln.

272. Die ethische Erziehung ruft manchmal Verachtung hervor, die auf Erfahrungen von Verlassenheit, Enttäuschung, Mangel an Zuneigung oder auf ein schlechtes Bild der Eltern zurückzuführen ist. Auf die ethischen Werte werden die verzerrten Bilder der Vater- bzw. Mutterfigur oder die Schwachheiten der Erwachsenen projiziert. Darum muss man den Heranwachsenden helfen, die Analogie zu vollziehen: Die Werte sind besonders in einigen sehr vorbildlichen Menschen verwirklicht, werden aber auch unvollkommen und in verschiedenen Abstufungen realisiert. Da die Widerstände der Jugendlichen sehr mit schlechten Erfahrungen verbunden sind, ist es zugleich notwendig, ihnen zu helfen, einen Weg der Heilung dieser verwundeten inneren Welt zu gehen, so dass sie den Schritt tun können, die Menschen und die Gesellschaft zu verstehen und sich mit ihnen zu versöhnen.

273. Wenn man Werte vorschlägt, muss man kleine Schritte machen, auf verschiedene Weise vorangehen, abgestimmt auf das Alter und die konkreten Möglichkeiten der Menschen, ohne starre, unabänderliche Methoden anwenden zu wollen. Die wertvollen Beiträge der Psychologie und der Erziehungswissenschaften zeigen die Notwendigkeit eines stufenweisen Prozesses, um Verhaltensänderungen zu erreichen, doch auch die Freiheit braucht „Fahrrinnen“ und Anregungen, denn wenn sie sich selbst überlassen bleibt, ist keine Reifung gewährleistet. Die konkrete, reale Freiheit ist begrenzt und bedingt. Sie ist keine reine Fähigkeit, das Gute mit absoluter Spontaneität zu wählen. Nicht immer wird angemessen unterschieden zwischen einer „freiwilligen“ Handlung und einer „freien“ Handlung. Jemand kann etwas Böses mit großer Willenskraft anstreben, die aber in einer unwiderstehlichen Leidenschaft oder einer schlechten Erziehung ihren Ursprung hat. In diesem Fall ist seine Entscheidung ganz freiwillig, sie widerspricht nicht der Neigung seines Wollens, ist aber nicht frei, denn es ist ihm fast unmöglich geworden, sich nicht für dieses Böse zu entscheiden. Es ist das, was mit einem zwanghaft Drogensüchtigen geschieht. Wenn er nach der Droge verlangt, tut er das mit all seinem Begehren, doch er ist so abhängig, dass er in dem Moment nicht fähig ist, eine andere Entscheidung zu treffen. Seine Entscheidung ist also freiwillig, aber sie ist nicht frei. Es hat keinen Sinn, „ihm die freie Wahl zu lassen“, da er tatsächlich nicht wählen kann und ihn der Droge auszusetzen nur seine Abhängigkeit steigert. Er braucht die Hilfe der anderen und einen Weg der Erziehung.

Das Familienleben als erzieherisches Umfeld

274. Die Familie ist die erste Schule der menschlichen Werte, wo man den rechten Gebrauch der Freiheit lernt. Es gibt Neigungen, die gleichsam durch Osmose aufgenommen werden: „Mir hat man das so beigebracht“; „Das ist es, was man mir eingeschärft hat.“ Im Bereich der Familie kann man auch lernen, die Botschaften der verschiedenen Kommunikationsmittel kritisch zu unterscheiden. Leider üben einige Fernsehprogramme oder manche Formen der Reklame oft einen negativen Einfluss aus und schwächen die Werte, die man im Leben der Familie empfangen hat.

275. In dieser Zeit, in der die Ängstlichkeit und die Hast der Technik regieren, besteht eine äußerst wichtige Aufgabe der Familien darin, zur Fähigkeit des Abwartens zu erziehen. Es geht nicht darum, den Kindern zu verbieten, mit den elektronischen Geräten zu spielen, sondern darum, die Form zu finden, um in ihnen die Fähigkeit zu erzeugen, die verschiedenen Denkweisen zu unterscheiden und nicht die digitale Geschwindigkeit auf sämtliche Lebensbereiche zu übertragen. Der Aufschub bedeutet nicht, einen Wunsch abzulehnen, sondern seine Befriedigung zu verschieben. Wenn die Kinder oder die Jugendlichen nicht dazu erzogen sind, zu akzeptieren, dass einige Dinge warten müssen, werden sie zu rücksichtslosen Menschen, die alles der unmittelbaren Befriedigung ihrer Bedürfnisse unterwerfen, und wachsen mit dem Laster des „Ich will und ich bekomme“ auf. Das ist eine schwere Irreführung, die die Freiheit nicht fördert, sondern schwächt. Wenn man hingegen dazu erzieht zu lernen, einige Dinge aufzuschieben und den geeigneten Moment abzuwarten, dann lehrt man, was es heißt, Herr seiner selbst zu sein, eigenständig gegenüber den eigenen Trieben. Wenn das Kind so erfährt, dass es sich selbst in die Hand nehmen kann, steigert sich sein Selbstwertgefühl. Zugleich bringt ihm das bei, die Freiheit der anderen zu respektieren. Selbstverständlich bedeutet das nicht, von den Kindern zu verlangen, dass sie sich wie Erwachsene verhalten, doch ebenso wenig ist es angebracht, ihre Fähigkeit zu unterschätzen, in der Reifung einer verantwortlichen Freiheit zu wachsen. In einer gesunden Familie geht diese Lehre auf ganz alltägliche Weise aus den Erfordernissen des Zusammenlebens hervor.

276. Die Familie ist der Bereich der primären Sozialisierung, denn sie ist der erste Ort, wo man lernt, gegenüber dem anderen eine Stellung zu beziehen, zuzuhören, mitzufühlen, zu ertragen, zu respektieren, zu helfen und zusammenzuleben. Es ist die Aufgabe der Erziehung, das Empfinden der Welt und der Gesellschaft als einer Familie zu wecken; es ist eine Erziehung, die befähigt, jenseits der Grenzen des eigenen Hauses zu „wohnen“. Im familiären Kontext wird gelehrt, Dinge wie den Sinn für Nachbarschaft, die Umsicht, das Grüßen wiederzuerlangen. Dort wird der erste Kreis des tödlichen Egoismus aufgebrochen, um zu erkennen, dass wir gemeinsam mit anderen leben, mit anderen, die unsere Aufmerksamkeit, unsere Freundlichkeit und unsere Zuneigung verdienen. Es gibt keine soziale Bindung ohne diese erste alltägliche, gleichsam mikroskopische Dimension: das Zusammensein in der Nachbarschaft, wo wir uns in bestimmten Momenten des Tages über den Weg laufen, uns um das kümmern, was alle angeht, und uns in den kleinen alltäglichen Dingen gegenseitig helfen. Die Familie muss alle Tage neue Formen erfinden, die gegenseitige Anerkennung zu fördern.

277. Im Familienkreis kann man auch die Konsumgewohnheiten neu entwerfen, um miteinander für das „gemeinsame Haus“ zu sorgen: » Die Familie ist das wichtigste Subjekt einer ganzheitlichen Ökologie, weil sie das vorrangige soziale Subjekt ist, das in seinem Innern die beiden Grundprinzipien der menschlichen Zivilisation auf der Erde enthält: das Prinzip der Gemeinschaft und das Prinzip der Fruchtbarkeit. «[294] Die schwierigen und harten Momente im Familienleben können ebenfalls sehr erzieherisch wirken. Das geschieht zum Beispiel, wenn eine Krankheit eintritt, denn » angesichts der Krankheit entstehen auch in der Familie Schwierigkeiten aufgrund der menschlichen Schwäche. Aber im Allgemeinen stärkt die Zeit der Krankheit die familiären Bindungen […] Eine Erziehung, die gegen die Einfühlsamkeit für die menschliche Krankheit abschirmt, verhärtet das Herz. Und sie führt dazu, dass die Kinder gegenüber dem Leiden anderer „narkotisiert“ werden, unfähig, sich mit dem Leiden auseinanderzusetzen und die Erfahrung der Grenze zu machen. «[295]

278. Die erzieherische Begegnung zwischen Eltern und Kindern kann durch die immer raffinierteren Kommunikations- und Unterhaltungstechnologien sowohl erleichtert als auch beeinträchtigt werden. Wenn sie gut verwendet werden, können sie nützlich sein, um die Familienmitglieder trotz der Entfernung miteinander zu verbinden. Die Kontakte können häufig sein und helfen, Schwierigkeiten zu lösen.[296] Es muss aber klar sein, dass sie die Notwendigkeit des persönlicheren und tieferen Gesprächs, das den physischen Kontakt oder zumindest die Stimme der anderen Person verlangt, weder ersetzen, noch ablösen. Wir wissen, dass diese Mittel manchmal voneinander entfernen, statt einander zu nähern, wie zum Beispiel wenn zur Essenszeit jeder mit seinem Mobiltelefon herumspielt oder wenn einer der Ehegatten einschläft, während er auf den anderen wartet, der sich stundenlang mit irgendeinem elektronischen Gerät die Zeit vertreibt. Auch das muss in der Familie Anlass zu Gesprächen und Abmachungen sein, die erlauben, der Begegnung ihrer Mitglieder den Vorrang einzuräumen, ohne in unvernünftige Verbote zu fallen. Jedenfalls darf man die Gefahren der neuen Kommunikationsformen für die Kinder und Jugendlichen, die manchmal zu willensschwachen, von der realen Welt abgeschotteten Wesen werden, nicht ignorieren. Dieser „technische Autismus“ setzt sie leichter den Machenschaften derer aus, die versuchen, mit egoistischen Interessen in ihr Innerstes einzudringen.

279. Ebenso wenig ist es gut, dass die Eltern für ihre Kinder zu allmächtigen Wesen werden, denen allein sie trauen können, denn auf diese Weise verhindern sie einen angemessenen Prozess der Sozialisierung und der affektiven Reifung. Um diese Ausdehnung der Elternschaft auf eine umfassendere Realität wirksam zu machen, sind » die christlichen Gemeinden […] aufgerufen, dem Erziehungsauftrag der Familien Unterstützung zu bieten «,[297] besonders durch die Katechesen der Initiation. Um die ganzheitliche Erziehung zu fördern, müssen wir »den Bund zwischen der Familie und der christlichen Gemeinschaft neu […] beleben «.[298] Die Synode wollte die Bedeutung der katholischen Schulen bekräftigen: Sie » üben eine wichtige Funktion aus, wenn es darum geht, die Eltern bei der Aufgabe der Kindererziehung zu unterstützen […] Die katholischen Schulen sollten in ihrer Sendung ermutigt werden, den Schülern zu helfen, zu reifen Erwachsenen heranzuwachsen, die die Welt durch den Blick der Liebe Jesu sehen können und das Leben als eine Berufung verstehen, Gott zu dienen. « [299] Zu diesem Zweck » muss mit Entschiedenheit auf der Freiheit der Kirche bestanden werden, ihre eigene Lehre zu vermitteln, sowie auf dem Recht der Erzieher, aus Gewissensgründen Einspruch einzulegen. «[300]

Ja zur Sexualerziehung

280. Das Zweite Vatikanische Konzil sprach von der Notwendigkeit, die Kinder und Jugendlichen » durch eine positive und kluge Geschlechtserziehung « zu unterweisen, die » den jeweiligen Altersstufen « angepasst ist und die » Fortschritte der psychologischen, der pädagogischen und der didaktischen Wissenschaft « verwertet.[301] Wir müssten uns fragen, ob unsere Erziehungseinrichtungen diese Herausforderung angenommen haben. Es ist schwierig, in einer Zeit, in der die Geschlechtlichkeit dazu neigt, banalisiert zu werden und zu verarmen, eine Sexualerziehung zu planen. Sie könnte nur im Rahmen einer Erziehung zur Liebe, zum gegenseitigen Sich-Schenken verstanden werden. Auf diese Weise sieht sich die Sprache der Geschlechtlichkeit nicht einer traurigen Verarmung ausgesetzt, sondern wird bereichert. Der Sexualtrieb kann geschult werden in einem Weg der Selbsterkenntnis und der Entwicklung einer Fähigkeit zur Selbstbeherrschung, die helfen können, wertvolle Fähigkeiten zur Freude und zur liebevollen Begegnung zu Tage zu fördern.

281. Die Sexualerziehung bietet Information, jedoch ohne zu vergessen, dass die Kinder und die Jugendlichen nicht die volle Reife erlangt haben. Die Information muss im geeigneten Moment kommen und in einer Weise, die der Phase ihres Lebens angepasst ist. Es ist nicht dienlich, sie mit Daten zu übersättigen, ohne die Entwicklung eines kritischen Empfindens zu fördern gegenüber einem Überhandnehmen von Vorschlägen, gegenüber der außer Kontrolle geratenen Pornographie und der Überladung mit Stimulierungen, welche die Geschlechtlichkeit verkrüppeln lassen können. Die Jugendlichen müssen bemerken können, dass sie mit Botschaften bombardiert werden, die nicht ihr Wohl und ihre Reifung anstreben. Man muss ihnen helfen, die positiven Einflüsse zu erkennen und zu suchen, während sie sich zugleich von all dem distanzieren, was ihre Liebesfähigkeit entstellt. Ebenso müssen wir akzeptieren, dass sich » die Notwendigkeit einer neuen und angemesseneren Sprache […] vor allem [zeigt], wenn Kinder und Jugendliche in das Thema der Sexualität eingeführt werden sollen «.[302]

282. Eine Sexualerziehung, die ein gewisses Schamgefühl hütet, ist ein unermesslicher Wert, auch wenn heute manche meinen, das sei eine Frage anderer Zeiten. Es ist eine natürliche Verteidigung des Menschen, der seine Innerlichkeit schützt und vermeidet, zu einem bloßen Objekt zu werden. Ohne Schamhaftigkeit können wir die Zuneigung und die Sexualität zu Formen von Besessenheit herabwürdigen, die uns nur auf den Geschlechtsakt konzentrieren, auf Krankhaftigkeiten, die unsere Liebesfähigkeit entstellen, und auf verschiede Formen sexueller Gewalt, die uns dazu führen, unmenschlich behandelt zu werden oder andere zu schädigen.

283. Häufig konzentriert sich die Sexualerziehung auf die Einladung, sich zu „hüten“, und für einen „sicheren Sex“ zu sorgen. Diese Ausdrücke vermitteln eine negative Haltung gegenüber dem natürlichen Zeugungszweck der Geschlechtlichkeit, als sei ein eventuelles Kind ein Feind, vor dem man sich schützen muss. So wird anstatt einer Annahme die narzisstische Aggressivität gefördert. Es ist unverantwortlich, die Jugendlichen einzuladen, mit ihrem Körper und ihren Begierden zu spielen, als hätten sie die Reife, die Werte, die gegenseitige Verpflichtung und die Ziele, die der Ehe eigen sind. Auf diese Weise ermutigt man sie leichtsinnig, den anderen Menschen als Objekt von Kompensationsversuchen eigener Mängel oder großer Beschränkungen zu gebrauchen. Es ist hingegen wichtig, ihnen einen Weg aufzuzeigen zu verschiedenen Ausdrucksformen der Liebe, zur gegenseitigen Fürsorge, zur respektvollen Zärtlichkeit, zu einer Kommunikation mit reichem Sinngehalt. Denn all das bereitet auf ein ganzheitliches und großherziges Sich-Schenken vor, das nach einer öffentlichen Verpflichtung seinen Ausdruck findet in der körperlichen Hingabe. So wird die geschlechtliche Vereinigung als Zeichen einer allumfassenden Verbindlichkeit erscheinen, die durch den ganzen vorangegangenen Weg bereichert ist.

284. Man darf die jungen Menschen nicht täuschen, indem man sie die Ebenen verwechseln lässt: Die sexuelle Anziehung » schafft zwar im Augenblick die Illusion der Vereinigung, aber ohne Liebe bleiben nach dieser „Vereinigung“ Fremde zurück, die genauso weit voneinander entfernt sind wie vorher «.[303] Die Körpersprache verlangt eine geduldige Lehrzeit, die ermöglicht, das eigene Verlangen zu deuten und zu erziehen, um sich wirklich hinzugeben. Wenn man alles auf einmal hingeben will, ist es möglich, dass man gar nichts hingibt. Verständnis zu haben für die Schwachheiten oder Verwirrungen der Heranwachsenden ist etwas anderes, als sie zu ermutigen, die Unreife ihrer Art zu lieben in die Länge zu ziehen. Doch wer spricht heute über diese Dinge? Wer ist fähig, die jungen Menschen ernst zu nehmen? Wer hilft ihnen, sich ernsthaft auf eine große und großherzige Liebe vorzubereiten? Mit der Sexualerziehung wird sehr leichtfertig umgegangen.

285. Die Sexualerziehung muss auch die Achtung und die Wertschätzung der Verschiedenheit einbeziehen, die jedem die Möglichkeit zeigt, die Einschließung in die eigenen Grenzen zu überwinden, um sich der Annahme des anderen zu öffnen. Jenseits der verständlichen Schwierigkeiten, die jeder erleben mag, muss man helfen, den eigenen Körper so zu akzeptieren, wie er geschaffen wurde, da » eine Logik der Herrschaft über den eigenen Körper sich in eine manchmal subtile Logik der Herrschaft über die Schöpfung verwandelt […] Ebenso ist die Wertschätzung des eigenen Körpers in seiner Weiblichkeit oder Männlichkeit notwendig, um in der Begegnung mit dem anderen Geschlecht sich selbst zu erkennen. Auf diese Weise ist es möglich, freudig die besondere Gabe des anderen oder der anderen als Werk Gottes des Schöpfers anzunehmen und sich gegenseitig zu bereichern. «[304] Nur wenn man die Angst vor der Verschiedenheit verliert, kann man sich schließlich aus der Immanenz des eigenen Seins und aus der Selbstverliebtheit befreien. Die Sexualerziehung muss dazu verhelfen, den eigenen Körper so zu akzeptieren, dass man nicht darauf abzielt, » den Unterschied zwischen den Geschlechtern auszulöschen, weil [man] sich nicht mehr damit auseinanderzusetzen versteht «.[305]

286. Ebenso wenig darf man übersehen, dass in der Ausgestaltung der eigenen weiblichen oder männlichen Seinsweise nicht nur biologische oder genetische Faktoren zusammenfließen, sondern vielfältige Elemente, die mit dem Temperament, der Familiengeschichte, der Kultur, den durchlebten Erfahrungen, der empfangenen Bildung, den Einflüssen von Freunden, Angehörigen und verehrten Personen sowie mit anderen konkreten Umständen zu tun haben, welche die Mühe der Anpassung erfordern. Es ist wahr, dass man das, was männlich und weiblich ist, nicht von dem Schöpfungswerk Gottes trennen kann, das vor allen unseren Entscheidungen und Erfahrungen besteht und wo es biologische Elemente gibt, die man unmöglich ignorieren kann. Doch es ist auch wahr, dass das Männliche und das Weibliche nicht etwas starr Umgrenztes ist. Darum ist es zum Beispiel möglich, dass die männliche Seinsweise des Ehemannes sich flexibel an die Arbeitssituation seiner Frau anpassen kann. Häusliche Aufgaben oder einige Aspekte der Kindererziehung zu übernehmen, machen ihn nicht weniger männlich, noch bedeuten sie ein Scheitern, ein zweideutiges Benehmen oder ein Schande. Man muss den Kindern helfen, diese gesunden Formen des „Austausches“, die der Vaterfigur keinesfalls ihre Würde nehmen, ganz normal zu akzeptieren. Die Starrheit wird zu einer übertriebenen Darstellung des Männlichen oder Weiblichen und erzieht die Kinder und die Jugendlichen nicht zur Wechselseitigkeit, die in den realen Bedingungen der Ehe „inkarniert“ sind. Diese Starrheit kann ihrerseits die Entwicklung der Fähigkeiten eines jeden bis zu dem Punkt hemmen, dass man es schließlich für wenig männlich hält, sich der Kunst oder dem Tanz zu widmen, und für wenig weiblich, irgendeine Führungstätigkeit zu entwickeln. Das hat sich gottlob geändert. Doch mancherorts verengen gewisse unsachgemäße Vorstellungen weiterhin die legitime Freiheit und verstümmeln die echte Entwicklung der konkreten Identität der Kinder oder ihrer Möglichkeiten.

Den Glauben weitergeben

287. Die Erziehung der Kinder muss von einem Weg der Glaubensweitergabe geprägt sein. Das wird erschwert durch den aktuellen Lebensstil, durch die Arbeitszeiten und durch die Kompliziertheit der Welt von heute, wo viele einen hektischen Rhythmus leben, um überleben zu können.[306] Trotzdem muss das Zuhause weiter der Ort sein, wo gelehrt wird, die Gründe und die Schönheit des Glaubens zu erkennen, zu beten und dem Nächsten zu dienen. Das beginnt mit der Taufe, wo – wie der heilige Augustinus sagte – die Mütter, die ihre Kinder bringen, » an der heiligen Geburt mitwirken «.[307] Danach beginnt der Weg des Wachstums dieses neuen Lebens. Der Glaube ist ein Geschenk Gottes, das in der Taufe empfangen wird, und nicht das Ergebnis eines menschlichen Tuns, doch die Eltern sind Werkzeuge Gottes für seine Reifung und Entfaltung. » Es ist schön, wenn Mütter ihre kleinen Kinder anleiten, Jesus oder der Gottesmutter einen Kuss zu senden. Wie viel Zärtlichkeit liegt darin! In jenem Augenblick wird das Herz der Kinder zu einem Ort des Gebets. «[308] Die Weitergabe des Glaubens setzt voraus, dass die Eltern die wirkliche Erfahrung machen, auf Gott zu vertrauen, ihn zu suchen, ihn zu brauchen. Denn nur auf diese Weise verkündet ein Geschlecht dem andern den Ruhm seiner Werke und erzählt von seinen gewaltigen Taten (vgl. Ps 145,4), nur so erzählt der Vater den Kindern von Gottes Treue (vgl. Jes 38,19). Das erfordert, dass wir das Handeln Gottes in den Herzen, dort, wo wir nicht hingelangen können, erflehen. Das Senfkorn, der so kleine Same, wird zu einem großen Baum (vgl. Mt 13,31-32), und so erkennen wir die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem Handeln und seiner Wirkung. Dann wissen wir, dass wir nicht Herren der Gabe sind, sondern ihre sorgsamen Verwalter. Unser kreativer Einsatz ist jedoch ein Beitrag, der uns mit Gottes Initiative mitarbeiten lässt. Daher sind » die Ehepaare, die Mütter und Väter, in Zusammenarbeit mit den Priestern, den Diakonen, den Personen gottgeweihten Lebens und den Katecheten als aktive Subjekte der Katechese wertzuschätzen […] Von großer Hilfe ist die Familienkatechese als wirksame Methode, um die jungen Eltern auszubilden und ihnen ihre Sendung als Verkünder des Evangeliums in ihrer eigenen Familie bewusst zu machen. «[309]

288. Die Erziehung im Glauben muss es verstehen, sich jedem Kind anzupassen, denn manchmal funktionieren die gelernten Mittel oder die „Rezepte“ nicht. Die Kinder brauchen Symbole, Gesten, Erzählungen. Die Heranwachsenden geraten gewöhnlich in Krise mit Autoritäten und Vorgaben. Deshalb muss man in ihnen eigene Glaubenserfahrungen anregen und ihnen leuchtende Vorbilder bieten, die allein durch ihre Schönheit überzeugen. Die Eltern, die den Glauben ihrer Kinder begleiten wollen, sollen aufmerksam auf deren Veränderungen achten, denn sie müssen wissen, dass die spirituelle Erfahrung nicht aufgenötigt werden darf, sondern ihrer Freiheit anheimgestellt werden muss. Es ist grundlegend, dass die Kinder ganz konkret sehen, dass das Gebet für ihre Eltern wirklich wichtig ist. Daher können die Momente des Gebetes in der Familie und die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit eine größere Evangelisierungskraft besitzen als alle Katechesen und alle Reden. Ich möchte speziell allen Müttern meinen Dank ausdrücken, die wie die heilige Monika für ihre Kinder beten, die sich von Christus entfernt haben.

289. Wenn der Glaube den Kindern so vermittelt wird, dass sie ihn leichter ausdrücken und in ihm wachsen können, trägt das dazu bei, dass die Familie verkündend wird, und ganz von selbst beginnt sie, den Glauben an alle weiterzugeben, die mit ihr in Berührung kommen, auch außerhalb des eigenen Familienkreises. Die Kinder, die in missionarischen Familien aufwachsen, werden häufig selber zu Missionaren, wenn die Eltern diese Aufgabe so zu leben verstehen, dass die anderen sie als nahe und freundschaftlich empfinden, dass also die Kinder in dieser Weise aufwachsen, Beziehung mit der Welt zu knüpfen, ohne auf ihren Glauben und ihre Überzeugungen zu verzichten. Erinnern wir uns daran, dass Jesus selbst mit den Sündern aß und trank (vgl. Mk 2,16; Mt 11,19), dass er dabei verweilen konnte, mit der Samariterin zu sprechen (vgl. Joh 4,7-26) und des Nachts Nikodemus zu empfangen (vgl. Joh 3,1-21), dass er sich von einer Prostituierten die Füße salben ließ (vgl. Lk 7,36-50) und nicht zögerte, die Kranken zu berühren (vgl. Mk 1, 40-45; 7,33). Dasselbe taten seine Apostel, die keineswegs die anderen verachteten, sich nicht etwa in kleine Gruppen Erwählter zurückzogen und vom Leben ihres Volkes absonderten. Während die Machthaber sie verfolgten, waren sie » beim ganzen Volk beliebt « (Apg 2,47; vgl. 4,21.33; 5,13).

290. » Die Familie konstituiert sich so als Subjekt pastoralen Handelns, über die ausdrückliche Verkündigung des Evangeliums und das Erbe vielfältiger Formen des Zeugnisses: die Solidarität gegenüber den Armen, die Offenheit für die Verschiedenheit der Personen, die Bewahrung der Schöpfung, die moralische und materielle Solidarität gegenüber den anderen Familien, vor allem den bedürftigsten, den Einsatz für die Förderung des Gemeinwohls, auch durch die Überwindung ungerechter sozialer Strukturen, ausgehend von der Umgebung, in der man lebt, indem Werke leiblicher und geistlicher Barmherzigkeit geübt werden. «[310] Das muss im Rahmen der kostbarsten Überzeugung der Christen angesiedelt sein: der Überzeugung von der Liebe des Vaters, die uns stützt und fördert, die offenbart wurde in der Ganzhingabe Jesu Christi, der unter uns lebt und uns fähig macht, gemeinsam allen Unbilden und allen Phasen des Lebens entgegenzutreten. Auch im Herzen jeder Familie muss man das Kerygma erklingen lassen – gelegen oder ungelegen –, damit es den Weg erleuchtet. Alle müssten wir aufgrund der lebendigen Erfahrung in unseren Familien sagen können: » Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen « (1 Joh 4,16). Nur von dieser Erfahrung aus wird die Familienpastoral erreichen können, dass die Familien zugleich Hauskirchen und evangelisierender „Sauerteig“ in der Gesellschaft sind.

Achtes Kapitel
DIE ZERBRECHLICHKEIT BEGLEITEN, UNTERSCHEIDEN UND EINGLIEDERN

291. Die Synodenväter haben zum Ausdruck gebracht, dass die Kirche, obwohl sie der Überzeugung ist, dass jeder Bruch des Ehebandes » Gottes Willen zuwiderläuft, [sich] auch der Schwäche vieler ihrer Kinder bewusst [ist] «.[311] Erleuchtet durch den Blick Jesu Christi, » wendet sich die Kirche liebevoll jenen zu, die auf unvollendete Weise an ihrem Leben teilnehmen. Sie erkennt an, dass Gottes Gnade auch in ihrem Leben wirkt und ihnen den Mut schenkt, das Gute zu tun, um liebevoll füreinander zu sorgen und ihren Dienst für die Gemeinschaft, in der sie leben und arbeiten, zu erfüllen. «[312] Außerdem wird diese Haltung im Kontext des der Barmherzigkeit gewidmeten Jubiläumsjahres noch gestärkt. Auch wenn sie stets die Vollkommenheit vor Augen stellt und zu einer immer volleren Antwort auf Gott einlädt, » muss die Kirche ihre schwächsten Kinder, die unter verletzter und verlorener Liebe leiden, aufmerksam und fürsorglich begleiten und ihnen Vertrauen und Hoffnung geben wie das Licht eines Leuchtturms im Hafen oder das einer Fackel, die unter die Menschen gebracht wird, um jene zu erleuchten, die die Richtung verloren haben oder sich in einem Sturm befinden. «[313] Vergessen wir nicht, dass die Aufgabe der Kirche oftmals der eines Feldlazaretts gleicht.

292. Die christliche Ehe, ein Abglanz der Vereinigung Christi und seiner Kirche, wird voll verwirklicht in der Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, die sich in ausschließlicher Liebe und freier Treue einander schenken, einander gehören bis zum Tod, sich öffnen für die Weitergabe des Lebens und geheiligt sind durch das Sakrament. Dieses Sakrament schenkt ihnen die Gnade, um eine Hauskirche zu bilden und ein Ferment neuen Lebens für die Gesellschaft zu sein. Andere Formen der Vereinigung widersprechen diesem Ideal von Grund auf, doch manche verwirklichen es zumindest teilweise und analog. Die Synodenväter haben betont, dass die Kirche nicht unterlässt, die konstitutiven Elemente in jenen Situationen zu würdigen, die noch nicht oder nicht mehr in Übereinstimmung mit ihrer Lehre von der Ehe sind. [314]

Die Gradualität in der Seelsorge

293. Die Synodenväter haben ebenfalls die besondere Situation einer reinen Zivilehe oder – bei aller gebührenden Unterscheidung – eines bloßen Zusammenlebens ins Auge gefasst: » Wenn eine Verbindung durch ein öffentliches Band offenkundig Stabilität erlangt, wenn sie geprägt ist von tiefer Zuneigung, Verantwortung gegenüber den Kindern, von der Fähigkeit, Prüfungen zu bestehen, kann dies als Anlass gesehen werden, sie auf ihrem Weg zum Ehesakrament zu begleiten. «[315] Andererseits ist es besorgniserregend, dass viele junge Menschen heute die Ehe beargwöhnen und zusammenleben, indem sie die Eheschließung auf unbestimmte Zeit verschieben, während andere die eingegangene Verpflichtung beenden und unmittelbar darauf eine neue beginnen. Diejenigen, » die zur Kirche gehören, brauchen eine barmherzige und ermutigende seelsorgliche Zuwendung «.[316] Denn den Hirten obliegt nicht nur die Förderung der christlichen Ehe, sondern auch die » pastorale Unterscheidung der Situationen vieler Menschen, die diese Wirklichkeit nicht mehr leben «. Es geht darum, » in einen pastoralen Dialog mit diesen Menschen zu treten, um jene Elemente in ihrem Leben hervorzuheben, die zu einer größeren Offenheit gegenüber dem Evangelium der Ehe in seiner Fülle führen können «.[317] In der pastoralen Unterscheidung muss man » jene Elemente erkennen, welche die Evangelisierung und das menschliche und geistliche Wachstum fördern können. «[318]

294. »Die Entscheidung für die Zivilehe, oder, in anderen Fällen, für das einfache Zusammenleben, hat häufig ihren Grund nicht in Vorurteilen oder Widerständen gegen die sakramentale Verbindung, sondern in kulturellen oder faktischen Gegebenheiten. «[319] In diesen Situationen wird man jene Zeichen der Liebe hervorheben können, die in irgendeiner Weise die Liebe Gottes widerspiegeln.[320] Bekanntlich » wächst […] die Zahl derer, die nach einem langen Zusammenleben um die Feier der kirchlichen Trauung bitten. Das einfache Zusammenleben wird oft aufgrund der allgemeinen Mentalität gewählt, die sich gegen Institutionen und endgültige Verpflichtungen wendet, aber auch in Erwartung einer existentiellen Sicherheit (Arbeit und festes Einkommen). Schließlich sind die faktischen Verbindungen in anderen Ländern sehr zahlreich, nicht nur, weil die Werte der Familie und der Ehe zurückgewiesen werden, sondern vor allem, weil dort die Heirat aus gesellschaftlichen Gründen als Luxus betrachtet wird, so dass die materielle Not die Menschen zu solchen faktischen Verbindungen drängt. «[321] Doch » all diese Situationen müssen in konstruktiver Weise angegangen werden, indem versucht wird, sie in Gelegenheiten für einen Weg hin zur Fülle der Ehe und der Familie im Licht des Evangeliums zu verwandeln. Es geht darum, sie mit Geduld und Feingefühl anzunehmen und zu begleiten. «[322] Das tat Jesus mit der Samariterin (vgl. Joh 4,1-26): Er sprach ihre Sehnsucht nach wahrer Liebe an, um sie von allem zu befreien, was ihr Leben verfinsterte, und sie zur vollen Freude des Evangeliums zu führen.

295. Auf dieser Linie schlug der heilige Johannes Paul II. das sogenannte » Gesetz der Gradualität « vor, denn er wusste: Der Mensch » kennt, liebt und vollbringt […] das sittlich Gute […] in einem stufenweisen Wachsen «.[323] Es ist keine „Gradualität des Gesetzes“, sondern eine Gradualität in der angemessenen Ausübung freier Handlungen von Menschen, die nicht in der Lage sind, die objektiven Anforderungen des Gesetzes zu verstehen, zu schätzen oder ganz zu erfüllen. Denn das Gesetz ist auch ein Geschenk Gottes, das den Weg anzeigt, ein Geschenk für alle ohne Ausnahme, das man mit der Kraft der Gnade leben kann, auch wenn jeder Mensch » von Stufe zu Stufe entsprechend der fortschreitenden Hereinnahme der Gaben Gottes und der Forderungen seiner unwiderruflichen und absoluten Liebe in das gesamte persönliche und soziale Leben «[324] voranschreitet.

Die Unterscheidung der sogenannten „irregulären“ Situationen [325]

296. Die Synode hat verschiedene Situationen der Schwäche oder der Unvollkommenheit angesprochen. Diesbezüglich möchte ich hier an etwas erinnern, das ich der ganzen Kirche in aller Klarheit vor Augen stellen wollte, damit wir den Weg nicht verfehlen: » Zwei Arten von Logik […] durchziehen die gesamte Geschichte der Kirche: ausgrenzen und wiedereingliedern […] Der Weg der Kirche ist vom Jerusalemer Konzil an immer der Weg Jesu: der Weg der Barmherzigkeit und der Eingliederung […] Der Weg der Kirche ist der, niemanden auf ewig zu verurteilen, die Barmherzigkeit Gottes über alle Menschen auszugießen, die sie mit ehrlichem Herzen erbitten […] Denn die wirkliche Liebe ist immer unverdient, bedingungslos und gegenleistungsfrei. «[326] » Daher sind […] Urteile zu vermeiden, welche die Komplexität der verschiedenen Situationen nicht berücksichtigen. Es ist erforderlich, auf die Art und Weise zu achten, in der die Menschen leben und aufgrund ihres Zustands leiden. «[327]

297. Es geht darum, alle einzugliedern; man muss jedem Einzelnen helfen, seinen eigenen Weg zu finden, an der kirchlichen Gemeinschaft teilzuhaben, damit er sich als Empfänger einer » unverdienten, bedingungslosen und gegenleistungsfreien « Barmherzigkeit empfindet. Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums! Ich beziehe mich nicht nur auf die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, sondern auf alle, in welcher Situation auch immer sie sich befinden. Selbstverständlich kann jemand, wenn er eine objektive Sünde zur Schau stellt, als sei sie Teil des christlichen Ideals, oder wenn er etwas durchsetzen will, was sich von der Lehre der Kirche unterscheidet, nicht den Anspruch erheben, Katechese zu halten oder zu predigen, und in diesem Sinn gibt es etwas, das ihn von der Gemeinschaft trennt (vgl. Mt 18,17). Er muss erneut der Verkündigung des Evangeliums und der Einladung zur Umkehr Gehör schenken. Doch auch für ihn kann es eine Weise der Teilnahme am Leben der Gemeinde geben, sei es in sozialen Aufgaben, in Gebetstreffen oder in der Weise, die seine eigene Initiative gemeinsam mit dem Unterscheidungsvermögen des Pfarrers nahelegt. Hinsichtlich der Art, mit den verschiedenen sogenannten „irregulären“ Situationen umzugehen, haben die Synodenväter einen allgemeinen Konsens erreicht, den ich unterstütze: » Einer pastoralen Zugehensweise entsprechend ist es Aufgabe der Kirche, jenen, die nur zivil verheiratet oder geschieden und wieder verheiratet sind oder einfach so zusammenleben, die göttliche Pädagogik der Gnade in ihrem Leben offen zu legen und ihnen zu helfen, für sich die Fülle des göttlichen Planes zu erreichen «,[328] was mit der Kraft des Heiligen Geistes immer möglich ist.

298. Die Geschiedenen in einer neuen Verbindung, zum Beispiel, können sich in sehr unterschiedlichen Situationen befinden, die nicht katalogisiert oder in allzu starre Aussagen eingeschlossen werden dürfen, ohne einer angemessenen persönlichen und pastoralen Unterscheidung Raum zu geben. Es gibt den Fall einer zweiten, im Laufe der Zeit gefestigten Verbindung, mit neuen Kindern, mit erwiesener Treue, großherziger Hingabe, christlichem Engagement, mit dem Bewusstsein der Irregularität der eigenen Situation und großer Schwierigkeit, diese zurückzudrehen, ohne im Gewissen zu spüren, dass man in neue Schuld fällt. Die Kirche weiß um Situationen, in denen » die beiden Partner aus ernsthaften Gründen – zum Beispiel wegen der Erziehung der Kinder – der Verpflichtung zur Trennung nicht nachkommen können «.[329] Es gibt auch den Fall derer, die große Anstrengungen unternommen haben, um die erste Ehe zu retten, und darunter gelitten haben, zu Unrecht verlassen worden zu sein, oder den Fall derer, die »eine neue Verbindung eingegangen [sind] im Hinblick auf die Erziehung der Kinder und […] manchmal die subjektive Gewissensüberzeugung [haben], dass die frühere, unheilbar zerstörte Ehe niemals gültig war «.[330] Etwas anderes ist jedoch eine neue Verbindung, die kurz nach einer Scheidung eingegangen wird, mit allen Folgen an Leiden und Verwirrung, welche die Kinder und ganze Familien in Mitleidenschaft ziehen, oder die Situation von jemandem, der wiederholt seinen familiären Verpflichtungen gegenüber versagt hat. Es muss ganz klar sein, dass dies nicht das Ideal ist, welches das Evangelium für Ehe und Familie vor Augen stellt. Die Synodenväter haben zum Ausdruck gebracht, dass die Hirten in ihrer Urteilsfindung immer » angemessen zu unterscheiden «[331] haben, mit einem » differenzierten Blick « für » unterschiedliche Situationen «.[332] Wir wissen, dass es » keine Patentrezepte «[333] gibt.

299. Ich nehme die Bedenken vieler Synodenväter auf, die darauf hinweisen wollten, dass » Getaufte, die geschieden und zivil wiederverheiratet sind, […] auf die verschiedenen möglichen Weisen stärker in die Gemeinschaft integriert werden [müssen], wobei zu vermeiden ist, jedwelchen Anstoß zu erregen. Die Logik der Integration ist der Schlüssel ihrer pastoralen Begleitung, damit sie nicht nur wissen, dass sie zum Leib Christi, der die Kirche ist, gehören, sondern dies als freudige und fruchtbare Erfahrung erleben können. Sie sind Getaufte, sie sind Brüder und Schwestern, der Heilige Geist gießt Gaben und Charismen zum Wohl aller auf sie aus. Ihre Teilnahme kann in verschiedenen kirchlichen Diensten zum Ausdruck kommen: Es ist daher zu unterscheiden, welche der verschiedenen derzeit praktizierten Formen des Ausschlusses im liturgischen, pastoralen, erzieherischen und institutionellen Bereich überwunden werden können. Sie sollen sich nicht nur als nicht exkommuniziert fühlen, sondern können als lebendige Glieder der Kirche leben und reifen, indem sie diese wie eine Mutter empfinden, die sie immer aufnimmt, sich liebevoll um sie kümmert und sie auf dem Weg des Lebens und des Evangeliums ermutigt. Diese Integration ist auch notwendig für die Sorge und die christliche Erziehung ihrer Kinder, die als das Wichtigste anzusehen sind. «[334]

300. Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen – wie jene, die wir vorhin erwähnten – berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle. Und da » der Grad der Verantwortung […] nicht in allen Fällen gleich [ist] «[335], müsste diese Unterscheidung anerkennen, dass die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen.[336] Die Priester haben die Aufgabe, » die betroffenen Menschen entsprechend der Lehre der Kirche und den Richtlinien des Bischofs auf dem Weg der Unterscheidung zu begleiten. In diesem Prozess wird es hilfreich sein, durch Momente des Nachdenkens und der Reue eine Erforschung des Gewissens vorzunehmen. Die wiederverheirateten Geschiedenen sollten sich fragen, wie sie sich ihren Kindern gegenüber verhalten haben, seit ihre eheliche Verbindung in die Krise geriet; ob es Versöhnungsversuche gegeben hat; wie die Lage des verlassenen Partners ist; welche Folgen die neue Beziehung auf den Rest der Familie und die Gemeinschaft der Gläubigen hat; welches Beispiel sie den jungen Menschen gibt, die sich auf die Ehe vorbereiten. Ein ernsthaftes Nachdenken kann das Vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes stärken, die niemandem verwehrt wird. «[337] Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der » diese Gläubigen darauf aus[richtet], sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden. Das Gespräch mit dem Priester im Forum internum trägt zur Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt (vgl. Familiaris consortio, 34), wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können. Damit dies geschieht, müssen bei der aufrichtigen Suche nach dem Willen Gottes und in dem Verlangen, diesem auf vollkommenere Weise zu entsprechen, die notwendigen Voraussetzungen der Demut, der Diskretion, der Liebe zur Kirche und ihrer Lehre verbürgt sein. «[338] Diese Haltungen sind grundlegend, um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell „Ausnahmen“ gewähren kann oder dass es Personen gibt, die gegen Gefälligkeiten sakramentale Privilegien erhalten können. Wenn ein verantwortungsbewusster und besonnener Mensch, der nicht beabsichtigt, seine Wünsche über das Allgemeinwohl der Kirche zu stellen, auf einen Hirten trifft, der den Ernst der Angelegenheit, die er in Händen hat, zu erkennen weiß, wird das Risiko vermieden, dass eine bestimmte Unterscheidung daran denken lässt, die Kirche vertrete eine Doppelmoral.

Die mildernden Umstände in der pastoralen Unterscheidung

301. Um in rechter Weise zu verstehen, warum in einigen sogenannten „irregulären“ Situationen eine besondere Unterscheidung möglich und notwendig ist, gibt es einen Punkt, der immer berücksichtigt werden muss, damit niemals der Gedanke aufkommen kann, man beabsichtige, die Anforderungen des Evangeliums zu schmälern. Die Kirche ist im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten „irregulären“ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben. Die Einschränkungen haben nicht nur mit einer eventuellen Unkenntnis der Norm zu tun. Ein Mensch kann, obwohl er die Norm genau kennt, große Schwierigkeiten haben » im Verstehen der Werte, um die es in der sittlichen Norm geht «,[339] oder er kann sich in einer konkreten Lage befinden, die ihm nicht erlaubt, anders zu handeln und andere Entscheidungen zu treffen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden. Wie die Synodenväter richtig zum Ausdruck brachten, » kann [es] Faktoren geben, die die Entscheidungsfähigkeit begrenzen «.[340] Schon der heilige Thomas von Aquin räumte ein, dass jemand die Gnade und die Liebe besitzen kann, ohne jedoch imstande zu sein, irgendeine der Tugenden gut auszuüben,[341] so dass er, selbst wenn er alle ihm eingeflößten moralischen Tugenden besitzt, das Vorhandensein irgendeiner von ihnen nicht deutlich offenbart, weil die praktische Ausübung dieser Tugend erschwert ist: » Es wird gesagt, dass einige Heilige keine Tugenden besitzen, insofern sie Schwierigkeiten empfinden in deren Ausübung, obwohl sie die Gewohnheiten aller Tugenden haben. «[342]

302. In Bezug auf diese Bedingtheiten macht der Katechismus der Katholischen Kirche eine überzeugende Aussage: » Die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie können durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein. «[343] Ein weiterer Abschnitt bezieht sich erneut auf Umstände, welche die moralische Verantwortlichkeit vermindern, und erwähnt mit großer Ausführlichkeit » affektive Unreife, die Macht eingefleischter Gewohnheiten, Angstzustände und weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren «.[344] Aus diesem Grund beinhaltet ein negatives Urteil über eine objektive Situation kein Urteil über die Anrechenbarkeit oder die Schuldhaftigkeit der betreffenden Person.[345] Im Kontext dieser Überzeugungen halte ich für sehr angemessen, was viele Synodenväter festhalten wollten: » Unter bestimmten Umständen kann es für Menschen eine große Schwierigkeit darstellen, anders zu handeln […] Die pastorale Bemühung, die Geister zu unterscheiden, muss sich, auch unter Berücksichtigung des recht geformten Gewissens der Menschen, dieser Situationen annehmen. Auch die Folgen der vorgenommenen Handlungen sind nicht in allen Fällen notwendigerweise dieselben. «[346]

303. Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen. Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen.

Die Normen und die Unterscheidung

304. Es ist kleinlich, nur bei der Erwägung stehen zu bleiben, ob das Handeln einer Person einem Gesetz oder einer allgemeinen Norm entspricht oder nicht, denn das reicht nicht aus, um eine völlige Treue gegenüber Gott im konkreten Leben eines Menschen zu erkennen und sicherzustellen. Ich bitte nachdrücklich darum, dass wir uns an etwas erinnern, das der heilige Thomas von Aquin lehrt, und dass wir lernen, es in die pastorale Unterscheidung aufzunehmen: » Obgleich es im Bereich des Allgemeinen eine gewisse Notwendigkeit gibt, unterläuft desto eher ein Fehler, je mehr man in den Bereich des Spezifischen absteigt […] Im Bereich des Handelns […] liegt hinsichtlich des Spezifischen nicht für alle dieselbe praktische Wahrheit oder Richtigkeit vor, sondern nur hinsichtlich des Allgemeinen; und bei denen, für die hinsichtlich des Spezifischen dieselbe Richtigkeit vorliegt, ist sie nicht allen in gleicher Weise bekannt […] Es kommt also umso häufiger zu Fehlern, je mehr man in die spezifischen Einzelheiten absteigt. «[347] Es ist wahr, dass die allgemeinen Normen ein Gut darstellen, das man niemals außer Acht lassen oder vernachlässigen darf, doch in ihren Formulierungen können sie unmöglich alle Sondersituationen umfassen. Zugleich muss gesagt werden, dass genau aus diesem Grund das, was Teil einer praktischen Unterscheidung angesichts einer Sondersituation ist, nicht in den Rang einer Norm erhoben werden kann. Das gäbe nicht nur Anlass zu einer unerträglichen Kasuistik, sondern würde die Werte, die mit besonderer Sorgfalt bewahrt werden müssen, in Gefahr bringen.[348]

305. Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in „irregulären“ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft. Das ist der Fall der verschlossenen Herzen, die sich sogar hinter der Lehre der Kirche zu verstecken pflegen, » um sich auf den Stuhl des Mose zu setzen und – manchmal von oben herab und mit Oberflächlichkeit – über die schwierigen Fälle und die verletzten Familien zu richten «.[349] Auf derselben Linie äußerte sich die Internationale Theologische Kommission: » Das natürliche Sittengesetz sollte also nicht vorgestellt werden als eine schon bestehende Gesamtheit aus Regeln, die sich a priori dem sittlichen Subjekt auferlegen, sondern es ist eine objektive Inspirationsquelle für sein höchst personales Vorgehen der Entscheidungsfindung. «[350] Aufgrund der Bedingtheiten oder mildernder Faktoren ist es möglich, dass man mitten in einer objektiven Situation der Sünde – die nicht subjektiv schuldhaft ist oder es zumindest nicht völlig ist – in der Gnade Gottes leben kann, dass man lieben kann und dass man auch im Leben der Gnade und der Liebe wachsen kann, wenn man dazu die Hilfe der Kirche bekommt.[351] Die Unterscheidung muss dazu verhelfen, die möglichen Wege der Antwort auf Gott und des Wachstums inmitten der Begrenzungen zu finden. In dem Glauben, dass alles weiß oder schwarz ist, versperren wir manchmal den Weg der Gnade und des Wachstums und nehmen den Mut für Wege der Heiligung, die Gott verherrlichen. Erinnern wir uns daran, dass »ein kleiner Schritt inmitten großer menschlicher Begrenzungen […] Gott wohlgefälliger sein [kann] als das äußerlich korrekte Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf nennenswerte Schwierigkeiten zu stoßen «.[352] Die konkrete Seelsorge der Amtsträger und der Gemeinden muss diese Wirklichkeit mit einbeziehen.

306. Unter allen Umständen muss gegenüber jenen, die Schwierigkeiten haben, das göttliche Gesetz völlig in ihr Leben umzusetzen, die Einladung erklingen, die via caritatis, den Weg der Liebe zu beschreiten. Die Nächstenliebe ist das vorrangige Gesetz der Christen (vgl. Joh 15,12; Gal 5,14). Vergessen wir nicht die Verheißung der Schrift: » Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander; denn die Liebe deckt viele Sünden zu « (1 Petr 4,8). » Lösch deine Sünden aus durch rechtes Tun, tilge deine Vergehen, indem du Erbarmen hast mit den Armen « (Dan 4,24). » Wie Wasser loderndes Feuer löscht, so sühnt Mildtätigkeit Sünde « (Sir 3,30). Das ist es auch, was der heilige Augustinus lehrt: » Wie wir in der Gefahr eines Brandes eilen würden, um Löschwasser zu suchen […] so ist es auch, wenn aus unserem Stroh die Flamme der Sünde aufsteigen würde und wir darüber verstört wären: Wird uns dann die Gelegenheit zu einem Werk der Barmherzigkeit gegeben, freuen wir uns über dieses Werk, als sei es eine Quelle, die uns angeboten wird, damit wir den Brand löschen können. «[353]

Die Logik der pastoralen Barmherzigkeit

307. Um jegliche fehlgeleitete Interpretation zu vermeiden, erinnere ich daran, dass die Kirche in keiner Weise darauf verzichten darf, das vollkommene Ideal der Ehe, den Plan Gottes in seiner ganzen Größe vorzulegen: » Die jungen Getauften sollen ermutigt werden, nicht zu zaudern angesichts des Reichtums, den das Ehesakrament ihrem Vorhaben von Liebe schenkt, gestärkt vom Beistand der Gnade Christi und der Möglichkeit, ganz am Leben der Kirche teilzunehmen. «[354] Lauheit, jegliche Form von Relativismus oder übertriebener Respekt im Augenblick des Vorlegens wären ein Mangel an Treue gegenüber dem Evangelium und auch ein Mangel an Liebe der Kirche zu den jungen Menschen selbst. Außergewöhnliche Situationen zu verstehen bedeutet niemals, das Licht des vollkommeneren Ideals zu verdunkeln, und auch nicht, weniger anzuempfehlen als das, was Jesus dem Menschen anbietet. Wichtiger als eine Seelsorge für die Gescheiterten ist heute das pastorale Bemühen, die Ehen zu festigen und so den Brüchen zuvorzukommen.

308. Doch aus unserem Bewusstsein des Gewichtes der mildernden Umstände – psychologischer, historischer und sogar biologischer Art – folgt, dass man » ohne den Wert des vom Evangelium vorgezeichneten Ideals zu mindern, die möglichen Wachstumsstufen der Menschen, die Tag für Tag aufgebaut werden, mit Barmherzigkeit und Geduld begleiten « und so eine Gelegenheit schaffen muss für die » Barmherzigkeit des Herrn, die uns anregt, das mögliche Gute zu tun «.[355] Ich verstehe diejenigen, die eine unerbittlichere Pastoral vorziehen, die keinen Anlass zu irgendeiner Verwirrung gibt. Doch ich glaube ehrlich, dass Jesus Christus eine Kirche möchte, die achtsam ist gegenüber dem Guten, das der Heilige Geist inmitten der Schwachheit und Hinfälligkeit verbreitet: eine Mutter, die klar ihre objektive Lehre zum Ausdruck bringt und zugleich » nicht auf das mögliche Gute [verzichtet], auch wenn [sie] Gefahr läuft, sich mit dem Schlamm der Straße zu beschmutzen «.[356] Die Hirten, die ihren Gläubigen das volle Ideal des Evangeliums und der Lehre der Kirche nahelegen, müssen ihnen auch helfen, die Logik des Mitgefühls mit den Schwachen anzunehmen und Verfolgungen oder allzu harte und ungeduldige Urteile zu vermeiden. Das Evangelium selbst verlangt von uns, weder zu richten, noch zu verurteilen (vgl. Mt 7,1; Lk 6,37). Jesus » hofft, dass wir darauf verzichten, unsere persönlichen oder gemeinschaftlichen Zuflüchte zu suchen, die uns erlauben, gegenüber dem Kern des menschlichen Leids auf Distanz zu bleiben, damit wir dann akzeptieren, mit dem konkreten Leben der anderen ernsthaft in Berührung zu kommen und die Kraft der Zartheit kennen lernen. Wenn wir das tun, wird das Leben für uns wunderbar komplex.«[357]

309. Es fügt sich gut, dass sich diese Überlegungen im Zusammenhang des der Barmherzigkeit gewidmeten Jubiläumsjahres entwickeln, denn angesichts der verschiedensten Situationen, welche die Familie in Mitleidenschaft ziehen, hat die Kirche » den Auftrag, die Barmherzigkeit Gottes, das pulsierende Herz des Evangeliums, zu verkünden, das durch sie das Herz und den Verstand jedes Menschen erreichen soll. Die Braut Christi macht sich die Haltung des Sohnes Gottes zu Eigen, der allen entgegengeht und keinen ausschließt«.[358] Sie weiß sehr wohl, dass Jesus sich selbst als Hirten von hundert Schafen darstellt und nicht von neunundneunzig. Er will sie alle. Aufgrund dieses Bewusstseins wird es möglich sein, dass » alle, Glaubende und Fernstehende, […] das Salböl der Barmherzigkeit erfahren [können], als Zeichen des Reiches Gottes, das schon unter uns gegenwärtig ist.«[359]

310. Wir dürfen nicht vergessen, dass » Barmherzigkeit nicht nur eine Eigenschaft des Handelns Gottes ist. Sie wird vielmehr auch zum Kriterium, an dem man erkennt, wer wirklich seine Kinder sind. Wir sind also gerufen, Barmherzigkeit zu üben, weil uns selbst bereits Barmherzigkeit erwiesen wurde. «[360] Das ist kein romantischer Vorschlag oder eine schwache Antwort angesichts der Liebe Gottes, der die Menschen immer fördern will. Denn die Barmherzigkeit ist » der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt […] Ihr gesamtes pastorales Handeln sollte umgeben sein von der Zärtlichkeit, mit der sie sich an die Gläubigen wendet; ihre Verkündigung und ihr Zeugnis gegenüber der Welt können nicht ohne Barmherzigkeit geschehen. «[361] Es ist wahr, dass wir uns manchmal » wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer [verhalten]. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.«.[362]

311. Die Lehre der Moraltheologie dürfte nicht aufhören, diese Betrachtungen in sich aufzunehmen, denn obschon es zutrifft, dass auf die unverkürzte Vollständigkeit der Morallehre der Kirche zu achten ist, muss man besondere Achtsamkeit darauf verwenden, die höchsten und zentralsten Werte des Evangeliums hervorzuheben und zu ihnen zu ermutigen,[363] speziell den Primat der Liebe als Antwort auf die ungeschuldete Initiative der Liebe Gottes. Manchmal fällt es uns schwer, der bedingungslosen Liebe in der Seelsorge Raum zu geben.[364] Wir stellen der Barmherzigkeit so viele Bedingungen, dass wir sie gleichsam aushöhlen und sie um ihren konkreten Sinn und ihre reale Bedeutung bringen, und das ist die übelste Weise, das Evangelium zu verflüssigen. Es ist zum Beispiel wahr, dass die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit und die Wahrheit nicht ausschließt, vor allem aber müssen wir erklären, dass die Barmherzigkeit die Fülle der Gerechtigkeit und die leuchtendste Bekundung der Wahrheit Gottes ist. Darum sollte man immer bedenken, »dass alle theologischen Begriffe unangemessen sind, die letztlich Gottes Allmacht selbst und insbesondere seine Barmherzigkeit infrage stellen «.[365]

312. Das verleiht uns einen Rahmen und ein Klima, die uns davon abhalten, im Reden über die heikelsten Themen eine kalte Schreibtisch-Moral zu entfalten, und uns vielmehr in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe versetzen, die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern. Das ist die Logik, die in der Kirche vorherrschen muss, um » die Erfahrung [zu] machen, das Herz zu öffnen für alle, die an den unterschiedlichsten existenziellen Peripherien leben«.[366] Ich lade die Gläubigen, die in komplexen Situationen leben, ein, vertrauensvoll auf ein Gespräch mit ihren Hirten oder mit anderen Laien zuzugehen, die ihr Leben dem Herrn geschenkt haben. Nicht immer werden sie bei ihnen die Bestätigung ihrer eigenen Vorstellungen und Wünsche finden, doch sicher werden sie ein Licht empfangen, das ihnen erlaubt, ihre Situation besser zu verstehen, und sie werden einen Weg der persönlichen Reifung entdecken. Und ich lade die Hirten ein, liebevoll und gelassen zuzuhören, mit dem aufrichtigen Wunsch, mitten in das Drama der Menschen einzutreten und ihren Gesichtspunkt zu verstehen, um ihnen zu helfen, besser zu leben und ihren eigenen Ort in der Kirche zu erkennen.

Neuntes Kapitel
SPIRITUALITÄT IN EHE UND FAMILIE

313. Die Liebe nimmt verschiedene Formen an, entsprechend dem Lebensstand, zu dem jeder Einzelne berufen ist. Schon vor einigen Jahrzehnten, als das Zweite Vatikanische Konzil sich auf das Laienapostolat bezog, hob es die Spiritualität hervor, die aus dem Familienleben entspringt. Es betonte, dass das geistliche Leben der Laien auch » vom Stand der Ehe und der Familie […] her ein besonderes Gepräge annehmen [muss] «[367] und dass die familiären Sorgen nicht etwas sein dürfen, das » außerhalb des Bereiches ihres geistlichen Lebens « steht.[368] Es lohnt sich also, dass wir kurz innehalten, um einige grundlegende Züge dieser besonderen Spiritualität zu beschreiben, die sich in der Dynamik der Beziehungen des Familienlebens entwickelt.

Spiritualität der übernatürlichen Gemeinschaft

314. Immer haben wir von der göttlichen Einwohnung im Herzen eines Menschen gesprochen, der in der Gnade lebt. Heute können wir auch sagen, dass die Dreifaltigkeit im Tempel der ehelichen Gemeinschaft gegenwärtig ist. So wie sie im Lobpreis des Volkes wohnt (vgl. Ps 22,4), lebt sie zuinnerst in der ehelichen Liebe, die sie verherrlicht.

315. Die Gegenwart des Herrn wohnt in der realen, konkreten Familie mit all ihren Leiden, ihren Kämpfen, ihren Freuden und ihrem täglichen Ringen. Wenn man in der Familie lebt, ist es schwierig zu heucheln und zu lügen; wir können keine Maske aufsetzen. Wenn die Liebe diese Echtheit beseelt, dann herrscht der Herr dort mit seiner Freude und seinem Frieden. Die Spiritualität der familiären Liebe besteht aus Tausenden von realen und konkreten Gesten. In dieser Mannigfaltigkeit von Gaben und Begegnungen, die das innige Miteinander reifen lassen, hat Gott seine Wohnung. Diese Hingabe ist es, die » Menschliches und Göttliches in sich eint «[369], denn sie ist erfüllt von der Liebe Gottes. Letztlich ist die eheliche Spiritualität eine Spiritualität der innigen Verbindung, in der die göttliche Liebe wohnt.

316. Eine gut gelebte Gemeinschaft in der Familie ist ein echter Weg der Heiligung im gewöhnlichen Leben wie auch des mystischen Wachstums, ein Mittel zur innigen Vereinigung mit Gott. Denn die geschwisterlichen und gemeinschaftlichen Anforderungen des Lebens in der Familie sind eine Gelegenheit, das Herz immer mehr zu öffnen, und das ermöglicht eine immer vollkommenere Begegnung mit dem Herrn. Das Wort Gottes sagt: » Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis « (1 Joh 2,11), » bleibt im Tod « (1 Joh 3,14) und » hat Gott nicht erkannt « (1 Joh 4,8). Mein Vorgänger Benedikt XVI. hat betont, dass » die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind macht«[370] und dass die Liebe letztlich das einzige Licht ist, » das eine dunkle Welt immer wieder erhellt«.[371] Nur » wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet « (1 Joh 4,12). Da » der Mensch […] eine eingeborene, seiner Struktur eingegebene soziale Dimension [besitzt]«[372] und » die soziale Dimension des Menschen […] ihren ersten und ursprünglichen Ausdruck im Ehepaar und in der Familie [findet] «,[373] nimmt die Spiritualität im familiären Miteinander Fleisch und Blut an. Wer also ein tiefes Verlangen nach Spiritualität hat, soll nicht meinen, die Familie halte ihn von einem Wachstum im Leben des Geistes fern; sie ist vielmehr ein Weg, den der Herr verwendet, um ihn auf die Gipfel der mystischen Vereinigung zu führen.

Vereint im Gebet im Licht des Ostergeheimnisses

317. Wenn es der Familie gelingt, sich auf Christus zu konzentrieren, eint und erleuchtet er das gesamte Familienleben. Die Schmerzen und die Ängste erlebt man in der Gemeinschaft mit dem Kreuz des Herrn, und seine Umarmung ermöglicht, die schlimmsten Momente zu ertragen. In den bitteren Tagen der Familie gibt es eine Vereinigung mit dem verlassenen Jesus, die einen Bruch verhindern kann. So erreichen es die Familien nach und nach, » mit der Gnade des Heiligen Geistes durch das Eheleben ihre Heiligkeit zu verwirklichen, auch dadurch, dass sie am Geheimnis des Kreuzes Christi teilhaben, das Schwierigkeiten und Leiden in ein Opfer der Liebe verwandelt «.[374] Andererseits werden die Momente der Freude, der Erholung oder des Festes und auch die Sexualität als eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in seiner Auferstehung erlebt. Die Eheleute bilden mit verschiedenen täglichen Gesten jenen » göttliche[n] Ort […] an dem die mystische Gegenwart des auferstandenen Herrn erfahren werden kann«.[375]

318. Das Gebet in der Familie ist ein bevorzugtes Mittel, um diesen Osterglauben auszudrücken und zu stärken.[376] Man kann jeden Tag ein paar Minuten finden, um gemeinsam vor dem lebendigen Herrn zu stehen, ihm die Dinge zu sagen, die Sorge bereiten, zu bitten um das, was die Familie braucht, zu beten für jemanden, der einen schwierigen Moment durchmacht, von Gott die Hilfe zu erbitten, um lieben zu können, ihm zu danken für das Leben und die guten Dinge und von der Jungfrau Maria den Schutz unter ihrem mütterlichen Mantel zu erflehen. Mit einfachen Worten. So kann dieser Moment des Gebetes für die Familie sehr viel Gutes bewirken. Die verschiedenen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit sind für viele Familien ein Schatz der Spiritualität. Der gemeinsame Weg des Gebetes erreicht seinen Höhepunkt in der gemeinsamen Teilnahme an der Eucharistie, besonders inmitten der Sonntagsruhe. Jesus klopft an die Tür der Familie, um mit ihr das eucharistische Mahl zu halten (vgl. Offb 3,20). Dort können die Eheleute immer neu den österlichen Bund besiegeln, der sie vereint hat und der den Bund widerspiegelt, den Gott mit der Menschheit am Kreuz besiegelte.[377] Die Eucharistie ist das Sakrament des Neuen Bundes, wo die Erlösungstat Christi vergegenwärtigt wird (vgl. Lk 22,20). So gewahrt man die innigen Verbindungen, die zwischen dem Eheleben und der Eucharistie bestehen.[378] Die Nahrung der Eucharistie ist Kraft und Anreiz, den Ehebund jeden Tag als » Hauskirche «[379] zu leben.

Spiritualität der ausschließlichen, aber nicht besitzergreifenden Liebe

319. In der Ehe lebt man auch den Sinn dessen, nur einem einzigen Menschen ganz zu gehören. Die Eheleute nehmen die Herausforderung an und haben den Herzenswunsch, gemeinsam alt zu werden und ihre Kräfte einzusetzen, und so spiegeln sie die Treue Gottes wider. Dieser feste Entschluss, der einen Lebensstil kennzeichnet, ist eine » dem ehelichen Liebesbund innewohnende Notwendigkeit «,[380] denn » wer sich nicht entscheidet, für immer zu lieben, für den ist es schwierig, auch nur einen Tag wirklich lieben zu können «.[381] Doch das hätte keinen geistlichen Sinn, wenn es sich nur um ein mit Resignation gelebtes Gesetz handelte. Es ist eine Zugehörigkeit des Herzens, dort, wo nur Gott es sieht (vgl. Mt 5,28). Jeden Morgen beim Aufstehen fasst man vor Gott erneut diesen Entschluss zur Treue, was im Laufe des Tages auch immer kommen mag. Und beim Schlafengehen hofft jeder, wieder aufzuwachen, um dieses Abenteuer fortzusetzen im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn. So ist jeder Ehepartner für den anderen Zeichen und Werkzeug der Nähe des Herrn, der uns nicht alleine lässt: » Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt « (Mt 28,20).

320. Es gibt einen Punkt, an dem die Liebe des Paares seine größte Befreiung erlangt und zu einem Raum heilsamer Autonomie wird: wenn jeder entdeckt, dass der andere nicht sein Eigentum ist, sondern einen viel bedeutenderen Besitzer hat, nämlich seinen einzigen Herrn. Niemand anderes kann beanspruchen, Besitz zu ergreifen vom innersten und geheimsten persönlichen Bereich des geliebten Menschen, und nur er kann das Zentrum seines Lebens einnehmen. Zugleich bewirkt der Grundsatz eines geistlichen Realismus, dass der Ehepartner nicht mehr den Anspruch erhebt, dass der andere seine Bedürfnisse vollkommen befriedigt. Es ist notwendig, dass der geistliche Weg jedes Einzelnen ihm hilft – wie Dietrich Bonhoeffer es gut ausdrückte – eine gewisse » Enttäuschung «[382] über den anderen zu erfahren, es aufzugeben, von diesem Menschen das zu erwarten, was allein der Liebe Gottes eigen ist. Das erfordert einen inneren Verzicht. Der ausschließliche Raum, den jeder der Ehepartner seinem einsamen Umgang mit Gott vorbehält, erlaubt nicht nur, die Verwundungen des Zusammenlebens zu heilen, sondern ermöglicht auch, in der Liebe Gottes den Sinn des eigenen Lebens zu finden. Wir müssen jeden Tag das Handeln des Heiligen Geistes erflehen, damit diese innere Freiheit möglich ist.

Spiritualität der Fürsorge, des Trostes und des Ansporns

321. » Die christlichen Eheleute sind füreinander, für ihre Kinder und die übrigen Familienangehörigen Mitarbeiter der Gnade und Zeugen des Glaubens. «[383] Gott beruft sie zur Zeugung und zur Fürsorge. Eben deshalb war die Familie » schon immer das nächstgelegene „Krankenhaus“ «.[384] Pflegen wir einander, stützen wir einander, spornen wir uns gegenseitig an, und leben wir all das als Teil unserer familiären Spiritualität. Das Leben als Paar ist eine Teilhabe am fruchtbaren Werk Gottes, und jeder ist für den anderen eine ständige Provokation des Heiligen Geistes. Die Liebe Gottes drückt sich » auch in den persönlichen Worten aus […] mit denen Mann und Frau einander ihre eheliche Liebe konkret kundtun«.[385] So sind die beiden füreinander Widerschein der göttlichen Liebe, die mit dem Wort, dem Blick, der Hilfe, der Liebkosung und der Umarmung tröstet. Darum ist » der Wunsch, eine Familie zu gründen […] der Entschluss, ein Teil von Gottes Traum zu sein, der Entschluss, mit ihm zu träumen, der Entschluss, mit ihm aufzubauen, der Entschluss, sich gemeinsam mit ihm in dieses Abenteuer zu stürzen, eine Welt aufzubauen, wo keiner sich allein fühlt «.[386]

322. Das ganze Leben der Familie ist ein barmherziges „Weiden und Hüten“. Behutsam malt und schreibt jeder in das Leben des anderen ein: » Unser Empfehlungsschreiben seid ihr; es ist eingeschrieben in unser Herz […] geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes« (2 Kor 3,2-3). Jeder ist ein „Menschenfischer“ (vgl. Lk 5,10), der im Namen Jesu „die Netze auswirft“ (vgl. Lk 5,5) nach den anderen, oder ein Bauer, der das frische Erdreich seiner Lieben bearbeitet und das Beste aus ihnen herausholt. Die eheliche Fruchtbarkeit bedeutet auch zu fördern, denn » jemanden zu lieben heißt, etwas Unbestimmbares und Unvorhersehbares von ihm zu erwarten; und es bedeutet zugleich, ihm auf irgendeine Weise zu dem Mittel zu verhelfen, um dieser Erwartung entsprechen zu können «.[387] Das ist ein Gottesdienst, denn Gott ist es, der viele gute Dinge in uns aussäte, in der Hoffnung, dass wir sie wachsen lassen.

323. Es ist eine tiefe geistliche Erfahrung, jeden geliebten Menschen mit den Augen Gottes zu betrachten und in ihm Christus zu erkennen. Das erfordert eine gegenleistungsfreie Bereitschaft, die erlaubt, seine Würde zu schätzen. Man kann dem anderen gegenüber vollkommen gegenwärtig sein, wenn man sich ihm „einfach so“ voll und ganz widmet und alles andere ringsum vergisst. Der geliebte Mensch verdient die ganze Aufmerksamkeit. Jesus war dafür ein Vorbild, denn wenn jemand auf ihn zukam, um mit ihm zu sprechen, nahm er ihn in den Blick und schaute ihn mit Liebe an (vgl. Mk 10,21). Niemand fühlte sich in seiner Gegenwart außer Acht gelassen, weil seine Worte und seine Gesten ein Ausdruck dieser Frage waren: » Was soll ich dir tun? « (Mk 10,51). Das wird mitten im alltäglichen Leben der Familie gelebt. Dort erinnern wir uns, dass dieser Mensch, der mit uns lebt, all das verdient, denn er besitzt eine unendliche Würde, da er Objekt der unermesslichen Liebe des himmlischen Vaters ist. So keimt die Zärtlichkeit auf, die fähig ist, » im anderen die Freude hervorzurufen, sich geliebt zu fühlen. Sie drückt sich in besonderer Weise darin aus, sich den Grenzen des anderen mit vorzüglicher Achtsamkeit zuzuwenden, besonders dann, wenn diese Begrenzungen offensichtlich hervortreten. «[388]

324. Unter dem Antrieb des Heiligen Geistes nimmt die Kernfamilie das Leben nicht nur an, indem sie es im eigenen Schoß zeugt, sondern auch indem sie sich öffnet, aus sich herausgeht, um ihr Gut unter den anderen zu verbreiten, um für sie zu sorgen und ihr Glück zu suchen. Diese Öffnung kommt besonders in der Gastfreundschaft zum Ausdruck,[389] zu der das Wort Gottes in verlockender Weise ermutigt: » Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt « (Hebr 13,2). Wenn die Familie die anderen aufnimmt und zu ihnen hinausgeht, besonders zu den Armen und Verlassenen, dann ist sie » Symbol und Zeugin für die […] Mutterschaft der Kirche, an der sie aktiv teilnimmt«.[390] Die soziale Liebe, ein Abglanz der Dreifaltigkeit, ist in Wirklichkeit das, was den geistlichen Sinngehalt der Familie und ihre Mission außerhalb ihrer selbst zusammenschließt, denn sie lässt das Kerygma mit allen seinen auf die Gemeinschaft bezogenen Anforderungen gegenwärtig werden. Die Familie lebt ihre besondere Spiritualität, indem sie zugleich Hauskirche und lebendige Zelle für die Verwandlung der Welt ist.[391]

***

325. Die Worte des Meisters (vgl. Mt 22,30) und die des heiligen Paulus (vgl. 1 Kor 7,29-31) über die Ehe sind – nicht zufällig – in die letzte und endgültige Dimension unseres Lebens eingefügt, die wir wiedergewinnen müssen. Auf diese Weise werden die Eheleute den Sinn des Weges, den sie gehen, erkennen können. Denn, wie wir mehrere Male in diesem Schreiben in Erinnerung gerufen haben, ist keine Familie eine himmlische Wirklichkeit und ein für alle Mal gestaltet, sondern sie verlangt eine fortschreitende Reifung ihrer Liebesfähigkeit. Es besteht ein ständiger Aufruf, der aus der vollkommenen Communio der Dreifaltigkeit, aus der kostbaren Vereinigung zwischen Christus und seiner Kirche, aus jener so schönen Gemeinschaft der Familie von Nazareth und aus der makellosen Geschwisterlichkeit unter den Heiligen des Himmels hervorgeht. Trotzdem erlaubt uns die Betrachtung der noch nicht erreichten Fülle auch, die geschichtliche Wegstrecke, die wir als Familie zurücklegen, zu relativieren, um aufzuhören, von den zwischenmenschlichen Beziehungen eine Vollkommenheit, eine Reinheit der Absichten und eine Kohärenz zu verlangen, zu der wir nur im endgültigen Reich finden können. Es hält uns auch davon ab, jene hart zu richten, die in Situationen großer Schwachheit leben. Alle sind wir aufgerufen, das Streben nach etwas, das über uns selbst und unsere Grenzen hinausgeht, lebendig zu erhalten, und jede Familie muss in diesem ständigen Anreiz leben. Gehen wir voran als Familien, bleiben wir unterwegs! Was uns verheißen ist, ist immer noch mehr. Verzweifeln wir nicht an unseren Begrenztheiten, doch verzichten wir ebenso wenig darauf, nach der Fülle der Liebe und der Communio zu streben, die uns verheißen ist.

Gebet zur Heiligen Familie

Jesus, Maria und Josef,
in euch betrachten wir
den Glanz der wahren Liebe,
an euch wenden wir uns voll Vertrauen.

Heilige Familie von Nazareth,
mache auch unsere Familien
zu Orten innigen Miteinanders
und zu Gemeinschaften des Gebetes,
zu echten Schulen des Evangeliums
und zu kleinen Hauskirchen.

Heilige Familie von Nazareth,
nie mehr gebe es in unseren Familien
Gewalt, Halsstarrigkeit und Spaltung;
wer Verletzung erfahren
oder Anstoß nehmen musste,
finde bald Trost und Heilung.

Heilige Familie von Nazareth,
lass allen bewusst werden,
wie heilig und unantastbar die Familie ist
und welche Schönheit sie besitzt im Plan Gottes.

Jesus, Maria und Josef,
hört und erhört unser Flehen.

Amen.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, im Außerordentlichen Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit, am 19. März, dem Hochfest des heiligen Josef, im Jahr 2016, dem vierten meines Pontifikats.

Franziskus

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[291] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 222: AAS 105 (2013), S. 1111.
[292] Generalaudienz (20. Mai 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 22 (29. Mai 2015), S. 2.
[293] Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 17.
[294] Generalaudienz (30. September 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 41 (9. Oktober 2015), S. 2.
[295] Generalaudienz (10. Juni 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 25 (19. Juni 2015), S. 2.
[296] Vgl. Relatio finalis 2015, 67.
[297] Generalaudienz (20. Mai 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 22 (29. Mai 2015), S. 2.
[298] Generalaudienz (9. September 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 38 (18. September 2015), S. 2.
[299] Relatio finalis 2015, 68.
[300] Ebd., 58.
[301] Erklärung Gravissimum educationis über die christliche Erziehung, 1.
[302] Relatio finalis 2015, 56.
[303] Erich Fromm, The Art of Loving, New York 1956, S. 54 (dt. Ausg.: Ullstein, Berlin 1973, S. 78-79).
[304] Enzyklika Laudato si’ (24. Mai 2015), 155.
[305] Generalaudienz (15. April 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 17 (24. April 2015), S. 2.
[306] Vgl. Relatio finalis 2015, 13-14.
[307] De sancta virginitate, 7,7: PL 40,400.
[308] Generalaudienz (26. August 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 36 (4. September 2015), S. 2.
[309] Relatio finalis 2015, 89.
[310] Ebd., 93.
[311] Relatio Synodi 2014, 24.
[312] Ebd., 25.
[313] Ebd., 28.
[314] Vgl. ebd., 41. 43; Relatio finalis 2015, 70.
[315] Relatio Synodi 2014, 27.
[316] Ebd., 26.
[317] Ebd., 41.
[318] Ebd.
[319] Relatio finalis 2015, 71.
[320] Vgl. ebd.
[321] Relatio Synodi 2014, 42.
[322] Ebd., 43.
[323] Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 34: AAS 74 (1982), S. 123.
[324] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 9: AAS 74 (1982), S. 90.
[325] Vgl. Generalaudienz (24. Juni 2015): L‘Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 27 (3. Juli 2015), S. 2.
[326] Homilie in der Eucharistiefeier mit den neuen Kardinälen (15. Februar 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 8 (20. Februar 2015), S. 8.
[327] Relatio finalis 2015, 51.
[328] Relatio Synodi 2014, 25.
[329] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 84: AAS 74 (1982), S. 186. Viele, welche die von der Kirche angebotene Möglichkeit, „wie Geschwister“ zusammenzuleben, kennen und akzeptieren, betonen, dass in diesen Situationen, wenn einige Ausdrucksformen der Intimität fehlen, » nicht selten die Treue in Gefahr geraten und das Kind in Mitleidenschaft gezogen werden [kann]. « (Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 51).
[330] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 84: AAS 74 (1982), S. 186.
[331] Relatio Synodi 2014, 26.
[332] Ebd., 45.
[333] Benedikt XVI., Gespräch mit dem Papst beim VII. Weltfamilientreffen (Mailand, 2. Juni 2012), Antwort 5: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 42, Nr. 24 (15. Juni 2012), S. 12.
[334] Relatio finalis 2015, 84.
[335] Ebd., 51.
[336] Auch nicht auf dem Gebiet der Sakramentenordnung, da die Unterscheidung erkennen kann, dass in einer besonderen Situation keine schwere Schuld vorliegt. Dort kommt zur Anwendung, was in einem anderen Dokument gesagt ist: vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 44. 47: AAS 105 (2013), S. 1038-1040.
[337] Relatio finalis 2015, 85.
[338] Ebd., 86.
[339] Johnannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 33: AAS 74 (1982), S. 121.
[340] Relatio finalis 2015, 51.
[341] Vgl. Summa Theologiae I-II ae, q. 65, art. 3, ad 2; De malo, q. 2, art. 2.
[342] Summa Theologiae I-II ae, q. 65, art. 3, ad 3.
[343] Nr. 1735.
[344] Ebd., 2352; vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Iura et bona über die Euthanasie (5. Mai 1980), II: AAS 72 (1980), S. 546. Johannes Paul II. kritisierte die Kategorie der » optio fundamentalis «, der „Grundentscheidung“, und räumte ein: » Zweifellos kann es unter psychologischem Aspekt viele komplexe und dunkle Situationen geben, die für die subjektive Schuld des Sünders Bedeutung haben « (Apostolisches Schreiben Reconciliato et Paenitentia [2. Dezember 1984], 17: AAS 77 [1985], S. 223).
[345] Vgl. Päpstlicher Rat für die Interpretation von Gesetzestexten, Erklärung über die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene (24. Juni 2000), 2.
[346] Relatio finalis 2015, 85.
[347] Summa Theologiae I-IIae, q. 94, art. 4.
[348] In einem anderen Text, in dem er sich auf die allgemeine Kenntnis der Norm und die besondere Kenntnis der praktischen Unterscheidung bezieht, geht der heilige Thomas so weit zu sagen: » Wenn man nur eine [der beiden Kenntnisse] hat, dann sollte man eher diese haben, d. h. die Kenntnis der spezifischen Einzelheiten, die dem Handeln am nächsten sind. « ( Sententia libri Ethicorum, VI, 6 [ed. Leonina, Band XLVII, 354]).
[349] Ansprache zum Abschluss der XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode (24. Oktober 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 44 (30. Oktober 2015), S. 1.
[350] Auf der Suche nach einer universalen Ethik. Ein neuer Blick auf das natürliche Sittengesetz (2009), 59.
[351] In gewissen Fällen könnte es auch die Hilfe der Sakramente sein. Deshalb » erinnere ich [die Priester] daran, dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn « (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium [14. November 2013], 44: AAS 105 [2013], S. 1038). Gleichermaßen betone ich, dass die Eucharistie » nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen « ist ( ebd., 47: AAS 105 [2013], S. 1039).
[352] Ebd., 44: AAS 105 (2013), S. 1038-1039.
[353] De catechizandis rudibus, I, 14, 22: PL 40, Sp. 327; vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 193: AAS 105 (2013), S. 1101.
[354] Relatio Synodi 2014, 26.
[355] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 44: AAS 105 (2013), S. 1038.
[356] Ebd., 45: AAS 105 (2013). S. 1039.
[357] Ebd., 270: AAS 105 (2013), S. 1128.
[358] Verkündigungsbulle Misericordiae Vultus (11. April 2015), 12: AAS 107 (2015), 407.
[359] Ebd., 5: 402.
[360] Ebd., 9: 405.
[361] Ebd., 10: 406.
[362] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (24. November 2013), 47: AAS 105 (2013), S. 1040.
[363] Vgl. Ebd., 36-37: AAS 105 (2013), S. 1035.
[364] Vielleicht aus Skrupel, der hinter einem großen Verlangen nach Treue zur Wahrheit verborgen ist, verlangen manche Priester von den Büßern einen Vorsatz zur Besserung ohne den geringsten Schatten. Damit verschwindet die Barmherzigkeit unter dem Streben nach einer vermeintlich reinen Gerechtigkeit. Es lohnt sich darum, sich an die Lehre des heiligen Johannes Paul II. zu erinnern, der sagte, dass die Vorhersehbarkeit eines neuen Fallens » der Echtheit des Vorsatzes keinen Abbruch [tut] « ( Schreiben an Kardinal William W. Baum anlässlich des von der Apostolischen Pönitentiarie veranstalteten Kurses für Jungpriester und Weihekandidaten [22. März 1996], 5: Insegnamenti XIX, 1 [1996], S. 589).
[365] I nternationale Theologische Kommission, Die Hoffnung auf Rettung für ungetauft gestorbene Kinder (19. April 2007), 2.
[366] Verkündigungsbulle Misericordiae Vultus (11. April 2015), 15: AAS 1ß7 (2015), 409.
[367] Dekret Apostolicam actuositatem über das Laienapostolat, 4.
[368] Ebd.
[369] Zweites Vatikanisches Konzil, Past. Konst. Gaudium et spes über die Kirche in der Welt von heute, 49.
[370] Enzyklika Deus caritas est (25. Dezember 2005), 16: AAS 98 (2006), S. 230.
[371] Ebd., 39: AAS 98 (2006), S. 250.
[372] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici (30. Dezember 1988), 40: AAS 81 (1989), S. 468.
[373] Ebd.
[374] Relatio finalis 2015, 87.
[375] Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Vita consecrata (25. März 1996), 42: AAS 88 (1996), S. 416.
[376] Vgl. Relatio finalis, 2015, 87.
[377] Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 57: AAS 74 (1982), S. 150.
[378] Vergessen wir nicht, dass der Bund Gottes mit seinem Volk wie ein Eheversprechen ausgedrückt wird (vgl. Ez 16,8.60; Jes 62,5; Hos 2,21-22) und der Neue Bund sich ebenfalls wie eine Ehe darstellt (vgl. Offb 19,7; 21,2; Eph 5,25).
[379] Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konst. Lumen gentium über die Kirche, 11.
[380] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 11: AAS 74 (1982), S. 93.
[381] Ders., Homilie in der Eucharistiefeier für die Familien in Córdoba, Argentinien (8. April 1987), 4: L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 17, Nr. 26 (26. Juni 1987), S. 11.
[382] Vgl. Gemeinsames Leben, München 1973 14, S. 18.
[383] Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Apostolicam actuositatem über das Laienapostolat, 11.
[384] Generalaudienz (10. Juni 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 25 (19. Juni 2015), S. 2.
[385] Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 12: AAS 74 (1982), S. 93.
[386] Ansprache beim Fest der Familien mit Gebetswache in Philadelphia (26. September 2015): L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 45, Nr. 41 (9. Oktober 2015), S. 11.
[387]Gabriel Marcel, Homo viator: prolégomènes à une métaphysique de l’espérance, Paris 1944, S. 63.
[388] Relatio finalis 2015, 88.
[389] Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Familiaris consortio (22. November 1981), 44: AAS 74 (1982), S. 136.
[390] Ebd., 49: AAS 74 (1982), S. 141.
[391] Über die sozialen Aspekte der Familie vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Kompendium der Soziallehre der Kirche, 248-254.

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Quelle

Kongregation für die Glaubenslehre: ERKLÄRUNG ÜBER DEN SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH

schwangerschaftsabbruch-1

I. Einleitung

1. Das Problem des Schwangerschaftsabbruches und seine eventuelle Straffreiheit ist mancherorts zum Gegenstand leidenschaftlicher Diskussionen geworden. Diese Debatten wären weniger schwerwiegend, wenn es sich nicht um das menschliche Leben handeln würde, einen vorrangigen Wert, den es zu schützen und zu fördern gilt. Jeder begreift dies, auch wenn einige Gründe suchen, die gegen alle Evidenz selbst den Schwangerschaftsabbruch in den Dienst des Schutzes des Lebens stellen sollen. In der Tat kann man nur staunen, wie gleichzeitig der uneingeschränkte Protest gegen die Todesstrafe, gegen jede Form von Krieg und die Forderung nach Freigabe des Schwangerschaftsabbruches, sei es in vollem Umfang oder aufgrund immer weiter gefaßter Indikationen, zunehmen. Die Kirche ist sich zu sehr ihrer Aufgabe bewußt, den Menschen gegen alles, was ihn zerstören oder erniedrigen könnte, zu schützen, als daß sie zu einem solchen Plan schweigen könnte. Da der Sohn Gottes Mensch geworden ist, gibt es keinen Menschen, der nicht seiner menschlichen Natur nach sein Bruder und nicht berufen wäre, ein Christ zu werden und von ihm das Heil zu erlangen.

2. In zahlreichen Ländern ist die staatliche Gewalt, die einer gesetzlichen Freigabe des Schwangerschaftsabbruches Widerstand leistet, Gegenstand starken Druckes, der sie dazu bringen will. Das würde, sagt man, kein Gewissen verletzen, da man einem jeden die Freiheit beläßt, seiner Meinung zu folgen, indem man jeden daran hindert, seine Auffassung einem anderen aufzunötigen. Der ethische Pluralismus wird als Konsequenz des ideologischen Pluralismus gefordert. Indessen sind beide weit voneinander entfernt, weil ein tätliches Eingreifen schneller Interessen des anderen berührt als die einfache Meinungsäußerung und man sich niemals auf die Meinungsfreiheit berufen darf, um dem Recht der anderen Abbruch zu tun, vor allem dem Recht auf Leben.

3. Zahlreiche christliche Laien, besonders Ärzte, aber auch Verbände von Familienvätern und Familienmüttern, Politiker oder Persönlichkeiten an verantwortungsvoller Stelle haben energisch auf diese Meinungskampagne reagiert. Vor allem aber haben es viele Bischofskonferenzen und Bischöfe in ihrem eigenen Namen für gut erachtet, in aller Deutlichkeit auf die überlieferte Lehre der Kirche hinzuweisen (1). Diese Dokumente, deren Übereinstimmung überrascht, beleuchten in bewundernswerter Weise die zugleich menschliche und christliche Haltung der Ehrfurcht vor dem Leben. Allerdings stoßen mehrere von ihnen hie und da auf Vorbehalte oder selbst auf Einspruch.

4. Die Kongregation für die Glaubenslehre, die den Auftrag hat, den Glauben und die Sittenlehre in der gesamten Kirche zu fördern und zu schützen (2), möchte diese Lehre in ihren wesentlichen Linien allen Gläubigen in Erinnerung rufen. Indem sie so die Einheit der Kirche illustriert, bestätigt sie mit der dem Hl. Stuhl eigenen Autorität, was die Bischöfe erfreulicherweise unternommen haben. Sie rechnet damit, daß alle Gläubigen, einschließlich jener, die durch die neuen Kontroversen und Meinungen die rechte Orientierung verloren haben, es verstehen, daß es sich nicht darum handelt, eine Lehrmeinung der anderen entgegenzusetzen, sondern ihnen die konstante Lehre des höchsten Lehramtes zu übermitteln, das die Sittenregel im Lichte des Glaubens darlegt (3). Es ist daher klar, daß diese Erklärung nicht ohne eine schwerwiegende Verpflichtung für das christliche Gewissen bleibt. Möge Gott auch alle Menschen erleuchten, die mit ganzem Herzen suchen, „nach der Wahrheit zu handeln“ (Joh 3,21).

II. Im Lichte des Glaubens

5. „Gott hat den Tod nicht geschaffen und hat keine Freude am Untergang der Lebenden“ (Weish 1,13). Sicher hat Gott Wesen erschaffen, die nur eine Zeitspanne zur Verfügung haben, und der physische Tod gehört mit zur Welt der leiblichen Lebewesen. Aber was zunächst gewollt wurde, ist das Leben, und im sichtbaren Universum wurde alles im Hinblick auf den Menschen gemacht, Ebenbild Gottes und Krönung der Welt (Gen 1,26-28). Im menschlichen Bereich „kam durch des Teufels Neid der Tod in die Welt“ (Weish 2,25); durch die Sünde gekommen, bleibt er ihr verbunden und ist gleichzeitig ihr Zeichen und ihre Frucht. Aber der Tod konnte nicht triumphiere. (4) Der Herr wird im Evangelium bei der Bestätigung des Glaubens an die Auferstehung verkünden, daß „Gott nicht ein Gott der Toten ist, sondern der Lebenden“ (Mt 22,32), und der Tod wie die Sünde werden endgültig durch die Auferstehung in Christus besiegt werden (1 Kor 15,20-27). Auch versteht man, daß das menschliche Leben, selbst auf dieser Erde, kostbar ist. Eingehaucht durch den Schöpfer(5), wird es durch ihn wieder genommen (Gen 2,7; Weish 15,11). Es bleibt unter seinem Schutz: das Blut des Menschen schreit zu ihm auf (Gen 4,10), und er wird hierfür Rechenschaft fordern, „denn nach dem Ebenbild Gottes ist der Mensch geschaffen worden“ (Gen 9,5-6). Das Gebot Gottes ist ausdrücklich: „Du sollst nicht töten!“ (Ex 20,13). Das Leben ist gleichermaßen eine Gabe und eine Verantwortung: es wird als ein „Talent“ (Mt25,14-30) empfangen und muß geschätzt werden. Um es zu entfalten, bieten sich dem Menschen in dieser Welt viele Möglichkeiten, denen er sich nicht entziehen darf. Aber tiefer weiß der Christ darum, daß das ewige Leben für ihn davon abhängt, was er mit der Gnade Gottes aus seinem irdischen Leben gemacht haben wird.

6. Die kirchliche Überlieferung hat immer daran festgehalten, daß das menschliche Leben beschützt und gehütet werden muß von seinem Beginn an wie in den verschiedenen Phasen seiner Entwicklung. Die Kirche widersetzte sich den sittlichen Auffassungen der griechisch-römischen Welt und betonte den Abstand, der die christliche Sittenlehre diesbezüglich von ihr trennt. In der Didachè wird klar ausgesprochen: „Du sollst die Frucht deines Schoßes durch Abtreibung nicht töten, noch sollst du das schon geborene Kind umkommen lassen“(6). Athenagoras unterstreicht, daß die Christen jene Frauen als Mörderinnen ansehen, die Medikamente benützen, um eine Fehlgeburt herbeizuführen; er verurteilt die Mörder von Kindern, hierin jene miteinbegriffen, die noch im Schoße ihrer Mutter leben, „wo sie bereits Gegenstand der Sorge der göttlichen Vorsehung sind“(7). Hat Tertullian vielleicht nicht immer die gleiche Sprache geführt? Er stellt diesbezüglich nicht weniger klar das wesentliche Prinzip fest: „Die Geburt zu verhindern ist eine vorweggenommene Tötung; wenig liegt daran, ob man ein schon geborenes Leben vernichtet oder ob man es verschwinden läßt bei der Geburt. Der ist schon ein Mensch, der es sein wird“(8).

7. Durch die ganze Kirchengeschichte haben die Kirchenväter, die Oberhirten der Kirche und ihre Lehrer die gleiche Lehre vorgetragen, ohne daß die verschiedenen Auffassungen über den Augenblick der Eingießung der Seele einen Zweifel über die Unerlaubtheit der Abtreibung hätten aufkommen lassen. Als freilich im Mittelalter die allgemeine Auffassung bestand, daß die Seele erst nach den ersten Wochen vorhanden sei, machte man einen Unterschied in der Bewertung der Sünde und der zu verhängenden Strafen. Berühmte Autoren haben für diese erste Schwangerschaftsperiode weitmaschigere kasuistische Lösungen zugelassen, die sich für die folgenden Perioden ablehnten. Man hat aber damals nie geleugnet, daß der gewollte Schwangerschaftsabbruch, selbst in diesen Tagen, objektiv eine schwere Verfehlung sei. Diese Verurteilung war tatsächlich einstimmig. Bei so vielen Dokumenten möge es genügen, auf einige hinzuweisen. Im Jahre 847 wiederholte das erste Konzil von Mainz die Strafen, die die vorhergehenden Konzile gegen die Abtreibung verhängt hatten und entschied, daß die strengste Buße „den Frauen aufzuerlegen ist, die die Ausscheidung der Frucht ihres Schoßes herbeiführen.“(9) Das Dekret des Gratian legt großes Gewicht auf die Worte von Papst Stephan V.: „Derjenige tötet, der durch Abtreibung umkommen läßt, was empfangen wurde.“(10) Der hl. Thomas, allgemeiner Lehrer der Kirche, lehrt, daß die Abtreibung eine schwere Sünde ist, die im Widerspruch zum Naturgesetz steht (11). Im Zeitalter der Renaissance verurteilt Papst Sixtus V. den Schwangerschaftsabbruch mit größter Strenge (12). Ein Jahrhundert später verwirft Innozenz XI. die Sätze bestimmter laxer Kanonisten, die die absichtlich herbeigeführte Abtreibung zu entschuldigen suchten vor dem Zeitpunkt, für den einige die Beseelung des neuen Lebewesens festsetzten (13). In unseren Tagen haben die letzten römischen Päpste die gleiche Lehre mit größter Deutlichkeit verkündet. Pius XI. antwortete ausdrücklich auf die schwersten Einwände.(14); Pius XII. schloß klar jede direkte Abtreibung aus, nämlich jene, die einen Zweck oder ein Mittel darstellt (15); Johannes XXIII. erinnerte an die Lehre der Väter über den geheiligten Charakter des Lebens, „das seit seinem Beginn das Eingreifen des Schöpfergottes fordert.“(16) In neuester Zeit hat das Zweite Vatikanische Konzil unter Vorsitz Papst Pauls VI. sehr streng den Schwangerschaftsabbruch verurteilt: „Das Leben muß von der Empfängnis an mit äußerster Sorgfalt gehütet werden; die Abtreibung und der Kindesmord sind verabscheuungswürdige Verbrechen.“(17) Der gleiche Papst Paul VI. scheute sich nicht, als er wiederholt über dieses Thema sprach, zu erklären, daß diese Lehre der Kirche „sich nicht geändert hat und unveränderlich ist.“(18)

III. Im Lichte der Vernunft

8. Die Achtung vor dem menschlichen Leben drängt sich nicht den Christen allein auf; es genügt die Vernunft, sie zu fordern, indem man von der Analyse ausgeht, was eine Person ist und sein muß. Ausgestattet mit einer vernunftbegabten Natur ist der Mensch ein persönliches Subjekt, das fähig ist, über sich selbst nachzudenken, über seine Handlungen zu entscheiden und demnach über sein eigenes Geschick: er ist frei. Er ist folglich Herr über sich selbst oder vielmehr, weil er sich in der Zeit entfaltet, hat er die Möglichkeit, es zu werden, und hier liegt seine Aufgabe. Unmittelbar von Gott erschaffen, ist seine Seele geistig, also unsterblich. Er ist auch offen für Gott; nur in ihm findet er seine Erfüllung. Er lebt aber in der Gemeinschaft mit seinesgleichen, er lebt von der zwischenmenschlichen Verbindung mit ihnen und im unabdingbaren sozialen Milieu. Gegenüber der Gesellschaft und den anderen Menschen ist jede menschliche Person Herr über sich selbst, über ihr Leben, über ihre verschiedenen Güter, und zwar von Rechts wegen. Daher wird von allen ihr gegenüber eine strenge Gerechtigkeit verlangt.

9. Das zeitliche Leben jedoch, das in dieser Welt gelebt wird, ist nicht gleichzusetzen mit der Person. Denn sie besitzt eine eigene Ebene höheren Lebens, das nicht enden kann. Das körperliche Leben ist ein fundamentales Gut, hier auf Erden Voraussetzung aller anderen Güter. Es gibt aber höhere Werte, für die es gerechtfertigt oder selbst notwendig sein kann, sich der Gefahr auszusetzen, das zeitliche Leben zu verlieren. In der menschlichen Gesellschaft ist das Gemeinwohl für jede Person ein Ziel, dem sie dienen muß und dem sie ihre persönlichen Interessen unterzuordnen hat. Aber es ist nicht ihr letzter Zweck, und unter diesem Gesichtspunkt ist es die Gesellschaft, die im Dienst der Person steht, weil diese nur in Gott ihre Bestimmung verwirklichen wird. Endgültig kann sie nur Gott untergeordnet sein. Man wird niemals einen Menschen wie ein einfaches Mittel behandeln dürfen, dessen man sich bedient, um ein höheres Ziel zu erreichen.

10. Es ist Aufgabe der Sittenlehre, die Gewissen zu unterrichten über die Rechte und die wechselseitigen Pflichten der Person und der Gesellschaft, und dem Recht kommt es zu, die Leistungen festzulegen und zu organisieren. Es gibt nun viele Rechte, die die Gesellschaft nicht zu gewähren hat, weil sie ihr übergeordnet sind. Aber es ist ihre Aufgabe, sie zu schützen und geltend zu machen. Es sind großenteils jene Rechte, die man heute „Menschenrechte“ nennt, und unsere Epoche rühmt sich, sie formuliert zu haben.

11. Das erste Recht einer menschlichen Person ist das Recht auf Leben. Sie hat andere Güter und einige wertvollere, aber dieses ist grundlegend, weil Voraussetzung für alle anderen. So muß es mehr als alle anderen geschützt werden. Es steht nicht der Gesellschaft zu, es steht nicht der staatlichen Autorität zu, welcher Art sie auch immer sei, dieses Recht einigen zuzuerkennen und anderen nicht. Jede Diskriminierung ist widerrechtlich, ob sie sich nun auf die Rasse, das Geschlecht, die Farbe oder die Religion gründet. Nicht die Anerkennung durch einen anderen bewirkt dieses Recht, es bestand vorher; es fordert Anerkennung, und es ist eindeutiges Unrecht, diese zu verweigern.

12. Eine Diskriminierung, die sich auf die verschiedenen Lebensalter stützt, ist ebenso wenig gerechtfertigt wie jede andere. Das Recht auf Leben bleibt ganz einem Greis, auch wenn er noch so gebrechlich ist. Ein unheilbar Kranker hat dieses Recht nicht verloren. Es besteht nicht weniger zu Recht bei einem kleinen Kind, das soeben geboren ist, als bei einem reifen Menschen. In der Tat, die Achtung vor dem menschlichen Leben ist eine Pflicht, sobald der Lebensprozeß beginnt. Sobald das Ei befruchtet ist, hat ein neues Leben eingesetzt, das nicht jenes des Vaters noch der Mutter ist, sondern das eines neuen menschlichen Wesens, das sich für sich selbst entwickelt. Es wird niemals menschlich werden, wenn es nicht ein solches von jenem Zeitpunkt an ist.

13. Zu dieser Evidenz, die schon immer bestand (ganz unabhängig von den Diskussionen über den Zeitpunkt der Beseelung)(19), liefert die moderne genetische Wissenschaft wertvolle Bestätigungen. Sie hat gezeigt, daß vom ersten Augenblick an das Programm feststeht, was dieses Lebewesen sein wird: ein Mensch, dieser individuelle Mensch mit seinen charakteristischen und schon bestimmten Eigenschaften. Seit der Befruchtung hat das Abenteuer eines menschlichen Lebens begonnen, für das jede der großen Anlagen Zeit braucht, eine hinreichend lange Zeit, um ihren Platz einzunehmen und um aktionsfähig zu werden. Zumindest kann man sagen, daß die heutige Wissenschaft auf ihrem höchsten Entwicklungsstand den Verteidigern der Abtreibung keinerlei wesentliche Stütze bietet. Übrigens steht es den biologischen Wissenschaften nicht zu, ein entscheidendes Urteil über streng genommen philosophische und ethische Fragen zu fällen, wie jene über den Zeitpunkt, zu dem die menschliche Person gebildet wird, und die Erlaubtheit der Abtreibung. In ethischer Hinsicht aber steht fest: Selbst wenn ein Zweifel bestehen sollte über die Tatsache, daß die Frucht der Empfängnis schon eine menschliche Person sei, so bedeutet es jedoch objektiv eine schwere Sünde, das Risiko einer Tötung einzugehen. „Der ist schon ein Mensch, der es sein wird.“(20)

IV. Antwort auf einige Einwände

14. Das göttliche Gesetz und die natürliche Vernunft schließen also jedes Recht aus, einen unschuldigen Menschen zu töten. Wenn jedoch die vorgebrachten Gründe, um einen Schwangerschaftsabbruch zu rechtfertigen, immer schlecht und wertlos wären, wäre das Problem nicht so dramatisch. Seine Gewichtigkeit kommt daher, daß in bestimmten Fällen, vielleicht ziemlich zahlreichen, die Verweigerung des Schwangerschaftsabbruches wichtige Güter verletzt, die man normalerweise schätzt und die selbst zuweilen vorrangig erscheinen können. Wir verkennen diese großen Schwierigkeiten nicht. Es kann vielleicht eine schwerwiegende Frage der Gesundheit sein, zuweilen von Leben und Tod der Mutter. Es kann die Last sein, die ein weiteres Kind bedeutet, vor allem, wenn gute Gründe befürchten lassen, daß es ein anormales oder zurückgebliebenes Kind wird. Es kann das Gewicht sein, das je nach Umwelt Rücksichten auf Ehre und Unehre, auf sozialen Abstieg usw. haben. Wir erklären nur, daß niemals einer dieser Gründe objektiv das Recht geben kann, über das Leben, selbst das beginnende, eines anderen zu verfügen. Und was kommendes Unglück des Kindes betrifft, so darf sich niemand, auch nicht der Vater oder die Mutter, an seine Stelle setzen, selbst wenn es noch ein Embryo ist, um in seinem Namen den Tod dem Leben vorzuziehen. Es selbst wird auch im reifen Alter niemals das Recht haben, den Selbstmord zu wählen. Wenn schon das Kind im Hinblick auf sein Alter von sich aus keine Entscheidung treffen kann, so können noch viel weniger seine Eltern für es den Tod wählen. Das Leben ist ein allzu fundamentales Gut, als daß man es so mit selbst schweren Nachteilen gleichsetzen könnte (21).

15. In dem Maße, als die Bewegung der Emanzipation der Frau wesentlich dahin zielt, sie von aller ungerechten Diskriminierung zu befreien, ist diese Forderung gerechtfertigt (22). In den verschiedenen Kulturbereichen gibt es diesbezüglich viel zu tun. Man kann aber die Natur nicht ändern, noch kann man die Frau, nicht weniger als den Mann, dem entziehen, was die Natur von ihr fordert. Im übrigen hat alle öffentlich anerkannte Freiheit immer als Grenze bestimmte Rechte eines anderen.

16. Dasselbe muß man sagen von der Forderung nach sexueller Freiheit. Wenn man unter dieser Ausdrucksweise die fortschreitend erworbene Herrschaft der Vernunft und der echten Liebe über die Regungen des Instinkts verstände, ohne Herabsetzung der Lust, diese aber an ihren richtigen Platz verweist – und das ist auf diesem Gebiet die alleinige echte Freiheit –, so wäre dem nichts entgegenzuhalten. Diese Freiheit wird immer bedacht sein, die Gerechtigkeit nicht zu verletzen. Wenn man aber im Gegenteil darunter versteht, daß der Mann und die Frau „frei“ sind, die sexuelle Lust bis zur Sättigung zu suchen, ohne irgendeinem Gesetze Rechnung zu tragen noch der wesentlichen Ausrichtung des sexuellen Lebens auf seine Fruchtbarkeit (23), so hat diese Auffassung nichts Christliches. Sie ist sogar des Menschen unwürdig. Auf jeden Fall begründet sie keinerlei Recht, über das Leben eines anderen, wäre es auch ein Embryo, zu verfügen, und dieses unter dem Vorwand, daß es lästig ist, zu beseitigen.

17. Die Fortschritte der Wissenschaft öffnen und werden immer mehr der Technik die Möglichkeit raffinierten Eingreifens eröffnen, deren Konsequenzen sehr wichtig sein können, im Guten wie im Bösen. Es sind die Errungenschaften des menschlichen Geistes, die in sich bewundernswert sind. Die Technik aber kann sich dem Urteil der Ethik nicht entziehen, weil sie für den Menschen da ist und seine Bestimmung respektieren muß. Wie man keineswegs das Recht hat, die Kernenergie zu jedem beliebigen Zweck zu benützen, so ist man auch nicht ermächtigt, das menschliche Leben in einem beliebigen Sinn zu manipulieren: das darf nur zu seinem Dienst geschehen, um die Entfaltung seiner normalen Fähigkeiten besser zu gewährleisten, um die Krankheiten zu vermeiden oder zu heilen, um einen Beitrag zur besseren Entfaltung des Menschen zu leisten. Es ist wahr, daß die Entwicklung der Technik den vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch mehr und mehr leicht macht; dadurch hat sich an seiner moralischen Wertung nichts geändert.

18. Wir wissen, welche Bedeutung für manche Familien und für bestimmte Länder das Problem der Geburtenregelung annehmen kann. Aus diesem Grund hat das letzte Konzil und dann die Enzyklika Humanae vitae vom 25. Juli 1968 von „verantwortlicher Elternschaft“ gesprochen (24). Was wir aber mit Nachdruck wiederholten wollen, wie es die Konstitution des Konzils Gaudium et spes, die Enzyklika Populorum progressio und andere päpstliche Dokumente in Erinnerung gerufen haben, ist folgendes: Niemals und unter keinem Vorwand darf der Schwangerschaftsabbruch herangezogen werden, weder durch eine Familie noch durch die staatliche Behörde, als ein legitimes Mittel der Geburtenregelung (25). Die Verletzung der moralischen Werte ist für das Gemeinwohl immer ein größeres Übel als irgendein Nachteil der wirtschaftlichen oder demographischen Ordnung.

V. Die Moral und das Recht

19. Die ethische Diskussion ist fast überall von schwerwiegenden rechtlichen Erörterungen begleitet. Es gibt keine Länder, in denen die Gesetzgebung nicht die Tötung verbietet und bestraft. Viele hatten außerdem dieses Verbot und diese Strafen auch für den Sonderfall des Schwangerschaftsabbruches genau festgesetzt. In unseren Tagen verlangt jedoch eine weit verbreitete öffentliche Meinung eine Liberalisierung des letzteren Verbotes. Es besteht schon eine ziemlich allgemeine Tendenz, die jegliche repressive Gesetzgebung so weit als möglich einschränken will, vor allem wenn sie in den Bereich des Privatlebens einzugreifen scheint. Ferner beruft man sich auch auf das Argument des Pluralismus. Wenn einerseits viele Bürger, insbesondere die Gläubigen der katholischen Kirche, den Schwangerschaftsabbruch verurteilen, halten ihn viele andere hingegen für erlaubt, zumindest unter dem Vorwand des geringeren Übels. Warum also von ihnen verlangen, einer Meinung zu folgen, die nicht die ihrige ist, vor allem in einem Land, in dem diese in der Mehrzahl sind? Ferner zeigt es sich, daß die Gesetze, die den Schwangerschaftsabbruch verurteilen, dort, wo sie noch bestehen, nur unter Schwierigkeiten angewandt werden können. Das Delikt ist zu häufig geworden, um noch streng dagegen vorgehen zu können, und die verantwortlichen öffentlichen Stellen halten es oft für klüger, davor die Augen zu schließen. Ein Gesetz aber beizubehalten, das man nicht mehr anwendet, bleibt nie ohne Schaden für die Autorität aller übrigen. Sodann muß man noch hinzufügen, daß die heimliche Abtreibung die Frauen, die zu ihr Zuflucht nehmen, sowohl für ihre künftige Fruchtbarkeit und oft auch für ihr Leben weit größeren Gefahren aussetzt. Selbst wenn man weiterhin die Abtreibung als ein Übel betrachtet, sollte sich der Gesetzgeber nicht vornehmen können, die Schäden davon wenigstens einzuschränken?

20. Diese und andere Gründe, die man von verschiedenen Seiten hört, sind jedoch nicht ausschlaggebend. Es ist wahr, daß das zivile Gesetz nicht beabsichtigen kann, den ganzen Bereich der Ethik zu schützen oder alle Vergehen zu bestrafen. Niemand verlangt das von ihm. Es muß oft dasjenige tolerieren, was in der Tat ein geringeres Übel ist, um dadurch ein größeres zu verhindern. Viele verstehen als eine Ermächtigung, was vielleicht nur der Verzicht auf eine Bestrafung ist. Mehr noch, im gegenwärtigen Fall scheint dieser Verzicht mit einzuschließen, daß der Gesetzgeber den Schwangerschaftsabbruch nicht mehr als ein Verbrechen gegen das menschliche Leben betrachtet, da ja die Tötung stets schwer strafbar bleibt. Es ist richtig, daß das Gesetz nicht zwischen Meinungen zu entscheiden hat oder eher die eine als die andere aufzwingen darf. Das Leben des Kindes aber hat den Vorrang vor jeglicher Meinung; man kann sich nicht auf die Meinungsfreiheit berufen, um es dem Kind zu nehmen.

21. Es ist nicht die Aufgabe des Gesetzes festzustellen, was man tut, sondern zu helfen, um besser zu handeln. Es ist in jedem Fall die Pflicht des Staates, die Rechte eines jeden zu wahren und die Schwächsten zu beschützen. Er wird daher viel Unrecht beseitigen müssen. Das Gesetz ist nicht verpflichtet, alles zu sanktionieren, doch kann es sich nicht gegen ein höheres und erhabeneres als jegliches menschliche Gesetz richten, das Naturgesetz nämlich, das vom Schöpfer als eine Norm dem Menschen eingegeben wurde, welche die Vernunft entziffert und genau zu bestimmen sucht, um deren bessere Erkenntnis man sich stets bemühen muß, der zu widersprechen stets böse ist. Das menschliche Gesetz kann auf eine Bestrafung verzichten, es kann aber nicht als unschuldig erklären, was dem Naturgesetz widerstreitet, denn dieser Gegensatz genügt, um zu bewirken, daß ein Gesetz kein Gesetz mehr ist.

22. Es muß in jedem Fall richtig verstanden werden, daß ein Christ sich niemals nach einem Gesetz richten kann, das in sich selbst unmoralisch ist; und gerade das ist bei dem der Fall, das im Prinzip die Erlaubtheit des Schwangerschaftsabbruches zugesteht. Er kann sich weder an der Propagandakampagne zugunsten eines solchen Gesetzes beteiligen, noch diesem seine Stimme geben. Erst recht kann er nicht bei dessen Anwendung mitwirken. Es ist zum Beispiel nicht gestattet, daß Ärzte oder Krankenschwestern verpflichtet werden, bei einem Schwangerschaftsabbruch unmittelbar mitzuhelfen, und daß sie zwischen dem christlichen Gesetz und ihrer beruflichen Situation wählen müssen.

23. Es ist im Gegenteil Aufgabe des Gesetzes, auf eine Reform der Gesellschaft hinzuwirken, die Lebensbedingungen in allen Bereichen zu verbessern, angefangen bei denen, die am meisten benachteiligt sind, auf daß immer und überall für jedes Kind, das auf die Welt kommt, eine menschenwürdige Aufnahme ermöglicht wird. Unterstützung der Familien und alleinstehender Mütter, Kindergeld, Statut für uneheliche Kinder und vernünftige Planung der Adoption: es ist eine positive Politik zu betreiben, damit es zum Schwangerschaftsabbruch immer eine konkret mögliche und ehrenhafte Alternative gibt.

VI. Schlussfolgerungen

24. Seinem Gewissen zu folgen im Gehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes ist nicht immer ein leichter Weg. Es kann Opfer und Lasten auferlegen, deren Gewicht man nicht verkennen kann. Mitunter ist sogar Heroismus gefordert, um seinen Forderungen treu zu bleiben. Auch müssen wir gleichzeitig betonen, daß der Weg der wahren Entfaltung der menschlichen Person über diese beständige Treue zum Gewissen führt, das im Recht und in der Wahrheit verbleibt. Ebenso müssen wir all jene ermahnen, die über die Mittel verfügen, um die Last zu erleichtern, die noch so viele Männer und Frauen, so viele Familien und Kinder bedrückt, die vor menschlich ausweglosen Situationen stehen.

25. Die Perspektive eines Christen kann sich nicht auf den Horizont des Lebens in dieser Welt beschränken. Er weiß, daß sich im gegenwärtigen Leben ein anderes vorbereitet, das von solcher Bedeutung ist, daß man sich in seinem Urteil nach ihm richten muß (26). Unter diesem Gesichtspunkt gibt es hienieden kein absolutes Unglück, selbst nicht den schrecklichen Schmerz, ein behindertes Kind aufzuziehen. Dies ist die veränderte Sichtweise, die vom Herrn verkündet worden ist: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ (Mt 5,5). Es hieße, dem Evangelium den Rücken kehren, wenn man das Glück nach dem Nichtvorhandensein von Schmerz und Elend in dieser Welt messen wollte.

26. Das bedeutet jedoch nicht, daß man diesem Leid und diesem Elend gegenüber gleichgültig bleiben könnte. Jeder Mensch mit Herz und vor allem jeder Christ muß bereit sein, sein Möglichstes zu tun, um Abhilfe zu schaffen. Dies ist das Gesetz der Liebe, dessen erste Sorge stets sein muß, die Gerechtigkeit zu verwirklichen. Man kann niemals den Schwangerschaftsabbruch gutheißen. Das schließt eine politische Aktion mit ein und ist im besonderen der Aufgabenbereich des Gesetzes. Gleichzeitig muß man aber auch auf die Sitten einwirken und sich um all das bemühen, was den Familien, den Müttern und den Kindern helfen kann. Beachtliche Fortschritte sind von der Medizin im Dienst des Lebens gemacht worden. Man kann hoffen, daß noch weitere folgen werden gemäß der Berufung des Arztes, das Leben nicht zu unterdrücken, sondern es zu erhalten und auf das beste zu fördern. Es ist ebenso wünschenswert, daß sich in den entsprechenden Institutionen oder bei deren Nichtvorhandensein im hochherzigen Einsatz und der christlichen Liebestätigkeit auch alle Formen der Hilfeleistungen weiter entfalten.

27. Man wird sich aber nicht wirksam auf der Ebene der Sitten einsetzen, wenn man nicht ebenso auf der Ebene der Ideen kämpft. Man kann sich nicht widerspruchslos eine Sichtweise und mehr noch eine Weise des Empfindens ausbreiten lassen, die die Fruchtbarkeit als ein Übel betrachten. Es ist wahr, daß nicht alle Formen der Zivilisation kinderreiche Familien begünstigen; sie finden viel größere Hindernisse in einer industriellen und städtischen Zivilisation. Auch die Kirche hat in letzter Zeit auf dem Begriff der verantwortlichen Elternschaft insistiert, die mit wahrhaft menschlicher und christlicher Klugheit ausgeübt werden soll. Diese Klugheit ist nicht echt, wenn sie nicht die Hochherzigkeit mit einschließen würde. Sie muß sich der Größe der Aufgabe bewußt bleiben, die ein Zusammenwirken mit dem Schöpfer für die Weitergabe des Lebens darstellt, welche der menschlichen Gemeinschaft neue Mitglieder und der Kirche neue Kinder schenkt. Die Kirche hat die grundlegende Sorge, das Leben zu beschützen und zu fördern. Sie denkt gewiß vor allem an das Leben, das Christus zu bringen gekommen ist: „Ich bin gekommen, daß die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Aber das Leben kommt auf allen seinen Ebenen von Gott, und das leibliche Leben ist für den Menschen der unerläßliche Anfang. In diesem Leben auf Erden hat die Sünde das Leid und den Tod eingeführt und vermehrt. Doch hat Jesus Christus, indem er ihre Last auf sich genommen hat, sie umgewandelt. Für den, der an ihn glaubt, werden das Leid und sogar der Tod selbst Mittel der Auferstehung. Demzufolge kann der hl. Paulus sagen: „Ich glaube, die Leiden dieser Zeit sind nicht zu vergleichen mit der künftigen Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18). Und wenn wir vergleichen, so fügen wir mit dem hl. Paulus hinzu: „Denn die leichte Augenblickslast unserer Trübsal bringt uns eine überschwengliche, ewige, alles überwiegende Herrlichkeit“ (2 Kor 4,17).

Die vorliegende Erklärung über den Schwangerschaftsabbruch hat Papst Paul VI. in der dem unterfertigten Sekretär der Glaubenskongregation gewährten Audienz vom 28. Juni 1974 gebilligt, bestätigt und ihrer Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, in der Kongregation für die Glaubenslehre, am 18. November 1974, dem Kirchweihfest der Basiliken der Apostel Petrus und Paulus

 

FRANZISKUS Kard. SEPER,
Präfekt

HIERONYMUS HAMER,
Titularerzbischof von Lorium, Sekretär

 

 

(1) Eine gewisse Anzahl bischöflicher Dokumente findet sich in G. Caprile, Non uccidere. Il Magistero della Chiesa sull’aborto.Teil II, S.47-300, Rom 1973.

(2) Regimini Ecclesiae universae, III, 1, 29. Vgl. ebd., 31 (AAS 59, 1967, S. 897). Dies betrifft alle Fragen, die sich auf den Glauben und die Sitten beziehen oder mit dem Glauben verbunden sind.

(3) Lumen Gentium, Nr. 12 (AAS 57, 1965, S. 16-17). Die gegenwärtige Erklärung behandelt nicht alle Fragen, die sich hinsichtlich der Abtreibung stellen können: es ist die Aufgabe der Theologen, sie zu untersuchen und darüber zu diskutieren. Sie erinnert nur an einige grundlegende Prinzipien, die für die Theologen selbst Licht und Maßstab sein müssen und alle Christen in der Gewißheit der grundlegenden katholischen Glaubenslehre bestärken sollen.

(4) Lumen Gentium, Nr. 25 (AAS 57, 1965, S. 29-31).

(5) Die Verfasser stellen keine philosophischen Überlegungen an über die Beseelung, sondern sprechen von dem Lebensabschnitt, der der Geburt vorausgeht, als einem Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit Gottes: er erschafft und formt das menschliche Sein, als ob er es mit seiner Hand gestaltet (vgl. Ps 118,7). Es scheint, daß dieses Thema inJer 1,5 seinen ersten Ausdruck findet. Es findet sich darauf in vielen anderen Texten wieder. Vgl. Jes 49,13; 46,3; Ijob 10,8-12; Ps 22,10; 71,6; 139,13. Im Evangelium lessen wir bei Lk1,44: “Denn siehe, sobald die Stimme deines Grußes an mein Ohr drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Schoße.”

(6) Didachè Apostolorum, ed. Funk, Patres Apostolici, V, 2. Der Barnabasbrief, IX, 5, bedient sich derselben Ausdrücke (Funk, a.a.O., S. 91-95).

(7) Athenagoras, Bittschrift für die Christen, 35 (PG 6, 970; Sources Chrétiennes = SC 33, S. 166-167). Man führt auch den Brief an Diognet V, 6 (Funk, a.a.O, I, 399; SC 33) an, der von den Christen sagt: „Sie zeugen Kinder, treiben aber keine Föten ab.“

(8) Tertullian, Apologeticum, IX, 8 (PL I, 314-320; Corp. Christ. I, S. 103, 1.31-36).

(9) Kanon 21 (Mansi, 14, S. 909). Vgl. das Konzil von Elvira, Kanon 63 (Mansi, 2, S. 16) und von Ancyrus, Kanon 21 (ebd., 519). Siehe auch das Dekret Gregors III. hinsichtlich der Buße, die denen auferlegt wurde, die sich dieses Vergehens schuldig gemacht haben (Mansi, 12, 292, c. 17).

(10) Gratian, Concordantia discordantium canonum, c. 20, C. 2, S. 2. Während des Mittelalters beruft man sich oft auf die Autorität des hl. Augustinus, der diesbezüglich in De nuptiis et concupiscentiis, c. 15, schreibt: „Mitunter geht diese unzüchtige Grausamkeit oder grausame Unzucht so weit, daß man sich Gift verschafft, das steril macht. Wenn jedoch das Ziel nicht erreicht wird, löscht die Mutter das Leben aus und treibt den Fötus ab, der in ihrem Schoß war, so daß das Kind stirbt, bevor es gelebt hat, oder daß es, wenn das Kind im Mutterschoß schon lebte, getötet wird, bevor es geboren wird.“ (PL 44, 423-424; SCEL33,619. Vgl. das Dekret Gratians, q. 2, C. 32, c. 7).

(11) Sentenzenkommentar, Buch IV, Teil 31, Darlegung des Textes.

(12) Constitutio Effraenatum von 1588 (Bullarium Romanum, V, 1, S. 25-27; Fontes Iuris Canonici, I, Nr. 165, S. 308-311).

(13) D 1184. Vgl. auch die Konstitution Apostolicae Sedis von Pius IX. (Acta Pii IX, V, 55-72; ASS 5, 1869, 305-331; Fontes Iuris Canonici III, Nr. 552, S. 24-31).

(14) Enzyklika Casti connubii, AAS 22, 1930, 562-565; D 3719-21.

(15) Die Erklärungen von Pius XII. sind ausdrücklich, genau und zahlreich; sie würden für sich allein ein eigenes Studium verlangen. Wir zitieren, weil er dort das Prinzip in seiner ganzen Universalität formuliert, nur die Ansprache an die italienische Ärztevereinigung vom hl. Lukas vom 12.11.1944: „Solange ein Mensch nicht schuldig ist, ist sein Leben unantastbar. Deshalb ist jeder Akt unerlaubt, der es direkt zu zerstören trachtet, sei es, daß diese Zerstörung als Ziel oder nur als Mittel zum Ziel verstanden wird, sei es, daß es sich um das Leben des Embryos oder in seiner vollen Entfaltung oder schon an seinem Ende handelt.“ (Discorsi e radiomessaggi, VI, S. 183 f).

(16) Enzyklika Mater et Magistra, AAS 53, 1961, S. 447.

(17) Gaudium et Spes, II, Kap. 1, Nr. 51. Vgl. ebd., Nr. 27 (AAS 58, 1966, S. 1072; vgl. 1047).

(18) Ansprache Salutiamo con paterna efffusione vom 9.12.1972, AAS 64 (1972) S. 737. Unter den Zeugnissen für diese unwandelbare Lehre wird an die Erklärung des Heiligen Offiziums erinnert, die die direkte Abtreibung verurteilt hat (ASS 17, 1884, S. 556; 22, 1888-1889, S. 748; D 3258).

(19) Diese Erklärung läßt ausdrücklich die Frage nach dem Zeitpunkt der Eingießung der Geist-Seele beiseite. Über diese Frage gibt es keine einmütige Tradition, und die Autoren sind noch uneinig. Für die einen geschieht sie im ersten Augenblick, für andere würde sie kaum der Einnistung vorausgehen. Es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft, zwischen ihnen zu entscheiden, denn die Existenz einer unsterblichen Seele gehört nicht zu ihrem Bereich. Es handelt sich um eine philosophische Diskussion, von der jedoch unsere ethische Behauptung aus zwei Gründen unabhängig bleibt: 1. Auch bei der Annahme einer späteren Beseelung besteht nicht weniger schon menschliches Leben, das diese Seele vorbereitet und nach ihr verlangt, in der sich die von den Eltern empfangene Natur vervollkommnet; 2. im übrigen genügt es, daß die Anwesenheit der Seele nur wahrscheinlich ist (und dem kann man niemals widersprechen), so daß ihm das Leben zu nehmen die Übernahme des Risikos bedeuten würde, einen Menschen zu töten, der nicht noch auf die Beseelung wartet, sondern schon seine Seele besitzt.

(20) Tertullian, siehe Anm. 8.

(21) Kardinalstaatssekretär Villot schrieb am 10.10.1973 über den Schutz des menschlichen Lebens an Kardinal Döpfner: „(Die Kirche) kann jedoch zur Behebung solcher Notsituationen weder empfängnisverhütende Mittel noch erst recht nicht die Abtreibung als sittlich erlaubt anerkennen“ (L’Osservatore Romano, deutsche Wochenausgabe vom 26.10.1973, S. 3).

(22) Enzyklika Pacem in terries, AAS 55, 1963, S. 267. Konstitution Gaudium et Spes, Nr. 29. Paul VI., Ansprache Salutiamo, AAS 64, 1972, S. 779.

(23) Gaudium et Spes, II, Kap. 1, Nr. 48: „Durch ihre natürliche Eigenart sind die Institutionen der Ehe und die eheliche Liebe auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet und finden darin gleichsam ihre Krönung.“ Ebd., Nr. 50: „Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft ausgerichtet.“

(24) Gaudium et Spes, Nr. 50 und 51. Paul VI., Enzyklika Humanae Vitae, Nr. 10 (AAS 60, 1968, S. 487). Verantwortliche Elternschaft setzt voraus, daß nur die erlaubten Mittel der Geburtenregelung angewandt werden (vgl. Enzyklika Humanae vitae, Nr. 14, a.a.O., S. 490).

(25) Gaudium et Spes, Nr. 87. Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, Nr. 31; Ansprache vor den Vereinten Nationen, AAS 57, 1965, S. 883. Johannes XXIII., Enzyklika Mater et magistra, AAS 53, 1961, S. 445-448.

(26) Kardinalstaatssekretär Villot schrieb an den Katholischen Weltärztekongreß, der am 26. Mai 1974 in Barcelona zu Ende ging: „Das, was das menschliche Leben betrifft, ist gewiß nicht einheitlich, besser könnte man sagen, daß es sich um ein Bündel von Leben handelt. Man kann nicht, ohne sie dabei auf das schwerste zu verstümmeln, die Bereiche seines Daseins loslösen, die in ihrer engen Abhängigkeit und gegenseitigen Beeinflussung einander zugeordnet sind: der leibliche Bereich, der gefühlsmäßige Bereich, der geistige Bereich und jener Hintergrund der Seele, wo das durch die Gnade empfangene göttliche Leben sich mittels der Gaben des Heiligen Geistes ausbreiten kann“ (L’Osservatore Romano, 29.5.1974).

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Mexiko: „In Chiapas hat der Papst alle gewonnen“

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Papst Franziskus in Chiapas, Mexiko

Papst Franziskus hat einen Tag seiner Mexikoreise im südlichen Bundesstaat Chiapas zugebracht, der an der Grenze zu Guatemala liegt. Dort feierte er die Messe mit Indigenen und traf sich am Nachmittag mit Familien. Wir fragten unsere Kollegin Gudrun Sailer nach ihren Eindrücken von diesem Tag in Chiapas.

Gudrun Sailer: „Wäre Franziskus im Wahlkampf wie derzeit die US-Präsidentschaftskandidaten, würde ich sagen, er hat sie heute alle gewonnen. Die Leute waren von Haus aus ja schon einmal glücklich, dass ein Papst sie besucht. Chiapas ist Mexikos ärmster Bundesstaat, acht von zehn Kindern dort leben in extremer Armut, der Anteil an Indigenen ist der höchste in Mexiko. Und nun kommt zu ihnen ein Papst, ein Mann, von dem sie wissen, dass er die Armen und die Letzten liebt, einer, der Spanisch spricht und die Messe zusätzlich in drei Indigenensprachen feiert. Die Leute wissen, dass sie höchstwahrscheinlich nie wieder im Leben einen Papst sehen werden, schon gar keinen lateinamerikanischen. Für sie war es Seligkeit, einen solchen Gast zu haben, auf den die Welt blickt.“

Radio Vatikan: Was waren denn seine Kernbotschaften an die Menschen in Chiapas?

Sailer: „Bei der Messe in San Cristobal hat der Papst den Indigenen für ihren Einsatz für die Schöpfung gedankt. Die jungen Leute heute, die in einer Wegwerfkultur großwerden, brauchen die Weisheit eurer Alten, die mit der Natur leben und sie respektieren, hat Franziskus gesagt. Er hat den Umstand kritisiert, dass andere von außen kommen und den Indigenen ihr Land stehlen oder es verseuchen – eine unverhohlene Kritik an Großkonzernen und ihren Helfershelfern in Mexiko. Er hat indirekt eingestanden, dass auch in der Kirche die Indigenen viel zu lange nicht für volle Menschen genommen wurden, wofür er sich ja auch schon einmal entschuldigt hat. Und er hat ihren Blick auf die Befreiung gelenkt, die von Gott kommt, wobei der Papst interessanterweise nicht nur die Bibel zitiert hat, sondern auch ein heiliges Buch der Maya-Kultur, das Popol Vuh, wo es heißt: die Morgendämmerung brach herein über allen Stämmen gemeinsam, das Angesicht der Erde wurde geheilt durch die Sonne. Das ist nicht Synkretismus, was der Papst da gemacht hat, sondern ein geradezu leuchtendes Bild der Inkulturation, also der Tatsache, dass das Evangelium in allen Kulturen der Welt Gestalt annehmen kann.“

RV: Besonders lebendig war das Treffen mit Familien in Tuxtla Gutierrez. Ist da der Funken sofort übergesprungen?

Sailer: „Ja, das war zum ersten Mal, dass der Papst systematisch von seinem vorbereiteten Text abgewichen ist. Er variiert dann Aussagen, die er schon öfter getätigt hat, aber eben noch nie vor Menschen in Chiapas, einem Teil der Welt, wo eben nicht jeder Zugang zu Internet oder auch nur Fernsehen hat und von daher weiß, was der Papst sonst so sagt. Und was sagte Franziskus den Mexikanern: dass auch in der besten Familie einmal die Teller fliegen können, Hauptsache, vor dem Einschlafen versöhnt man sich wieder, sonst wacht man im kalten Krieg auf. Oder folgendes Bild: dass ihm eine von Narben der Treue gezeichnete Familie lieber ist als die dicke Schminke einer kalten kinderlosen Gesellschaft, die sich mit Fernreisen und Parties im Landhaus vergnügt statt an Kinder zu denken. Nebenbei hat Franziskus dabei eine in Europa weitverbreitete Mentalität vorgeführt und abermals den Ausdruck „ideologische Kolonialisierung“ benutzt: die mexikanischen Familien sollen sich doch bitte nicht von solchen Lebensmodellen vereinnahmen, eben kolonialisieren lassen. Das sitzt. Das braucht keine Übersetzung.“

RV: In San Cristobal besuchte der Papst die Kathedrale und hielt kurz zum Gebet am Grab von Bischof Samuel Ruiz inne. Ist damit eine völlige Rehabilitierung dieses Bischofs verbunden, der ja im Vatikan nicht immer wohlgelitten war?

Sailer: „Zunächst, es war ein kurzes Gebet im Vorbeigehen, kein wirklicher Programmpunkt. Aber es ist richtig: Papst Franziskus hat das Grab des Bischofs auf diese Weise geehrt, und das hat er sicherlich mit vollem Bewusstsein getan. Bischof Ruiz hat die Option für die Armen in seinem Episkopat umgesetzt. Die Armen in Chiapas, das meint: die Indigenen, für die hat er sich eingesetzt, damit sie die die befreiende Botschaft Christi erreicht. Franziskus hat sein Wirken spätestens bei der Bischofsversammlung von Aparecida 2007 wahrgenommen, und zwar als segensreich wahrgenommen. Ich meine, der Papst hat tiefe Bewunderung für das Wirken von Bischof Ruiz, weil der in seinem Einsatz für die Indigenen kreative pastorale Wege entwickelte – wie das Franziskus gerne anregt.“

(rv 16.02.2016 gs)

Paptrede an Familien in Mexiko

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Papst Franziskus umarmt Kinder beim Familientreffen in Tuxtla Gutierrez

Im Wortlaut: Ansprache von Papst Franziskus bei der Begegnung mit den Familien in Tuxla Gutiérrez, Chiapas, am 15. Februar 2016.

Liebe Brüder und Schwestern,

ich möchte Dank sagen, dass ich in diesem Land von Chiapas bin.  Es ist gut, auf diesem Boden zu stehen, es ist gut, in diesem Land zu sein, es ist gut, an diesem Ort zu sein, der mit euch eine familiäre, häusliche Atmosphäre annimmt. Ich danke Gott für eure Gesichter und eure Gegenwart, ich danke Gott für seine pulsierende Gegenwart in euren Familien. Ein Dank auch an euch Familien und Freunde, die ihr uns euer Zeugnis geschenkt habt, die ihr uns die Türen eurer Häuser, die Türen eures Lebens geöffnet habt; die ihr uns erlaubt habt, an eurem „Tisch“ zu sitzen und das Brot, das euch nährt, mit euch zu teilen wie auch Anteil zu nehmen an dem Schweiß angesichts der täglichen Schwierigkeiten. Das Brot der Freuden, der Hoffnung, der Träume und den Schweiß angesichts der Bitternisse, der Enttäuschungen und des Fallens. Danke, dass ihr uns erlaubt habt, in eure Familien einzutreten und an eurem Tisch, an eurer Feuerstelle Platz zu nehmen.

Manuel, danke für dein Zeugnis und  besonders für dein Beispiel. Mir hat dieser Ausdruck gefallen, den du gebraucht hast: „in Schwung bringen“, wie die Haltung, die du einnahmst, nachdem du mit deinen Eltern gesprochen hattest. Du hast begonnen, dein Leben in Schwung zu bringen, deine Familie in Schwung zu bringen, deine Freunde in Schwung zu bringen, und uns, die wir hier versammelt sind, hast du in Schwung gebracht. Ich glaube, es ist das, was der Heilige Geist immer in unserer Mitte tun möchte: uns in Schwung bringen, uns Beweggründe schenken, damit wir uns weiterhin einsetzen, unseren Träumen nachgehen und ein Leben aufbauen, das eine Atmosphäre des Zuhauses, der Familie hat.

Und es ist das, was Gottvater sich immer erträumt hat und worum er sich von alters her bemüht hat. Als an jenem Abend im Garten von Eden alles verloren schien, brachte Gottvater das junge Paar in Schwung und sagte ihnen, dass nicht alles verloren sei. Als das Volk Israel spürte, dass es auf dem Weg durch die Wüste nicht mehr weiter konnte, gab Gottvater ihm mit dem Manna neuen Schwung. Als die Fülle der Zeit gekommen war, brachte Gottvater die Menschheit für immer in Schwung, indem er uns seinen Sohn schenkte.

Auf dieselbe Weise haben wir alle, die wir hier sind, eine solche Erfahrung gemacht, in vielen Momenten und unterschiedlichen Formen hat Gottvater unserem Leben Schwung geschenkt. Können wir uns nach dem Warum fragen?

Weil er nicht anders kann. Warum versteht er, uns in Schwung zu bringen? Weil sein Name Liebe ist, weil sein Name Geschenk ist, weil sein Name Hingabe ist, weil sein Name Barmherzigkeit ist. Er hat uns das mit allem Nachdruck und in aller Klarheit in Jesus, seinem Sohn geoffenbart, der alles aufs Spiel gesetzt hat bis zum Äußersten, um das Reich Gottes wieder möglich zu machen. Ein Reich, das uns einlädt, uns an dieser neuen Logik zu beteiligen, die eine Dynamik in Gang setzt, die fähig ist, die Himmel zu öffnen, fähig, unsere Herzen, unseren Verstand und unsere Hände zu öffnen und uns mit neuen Horizonten herauszufordern. Ein Reich, das etwas von Familie und miteinander geteiltem Leben versteht. In Jesus und mit Jesus ist dieses Reich möglich. Er ist imstande, unseren Blick, unser Verhalten, unsere Gefühle, die oft „verwässert“ sind, in festlichen Wein zu verwandeln. Er ist imstande, unsere Herzen zu heilen und uns immer wieder einzuladen, siebzigmal siebenmal neu zu beginnen. Er ist imstande, immer alles neu zu machen.

Du hast mich gebeten, Manuel, für viele Jugendliche zu beten, die entmutigt und auf schlechten Wegen sind. Für viele mutlose, kraftlose, lustlose Jugendliche. Und wie du gut gesagt hast, entsteht diese Haltung oft, weil sie sich einsam fühlen, weil sie niemanden haben, mit dem sie sprechen können. Und das erinnerte mich an das Zeugnis, das Beatriz uns geschenkt hat. Wenn ich mich recht erinnere, sagtest du, Beatriz: „Der Kampf war immer schwierig wegen der Unsicherheit und der Einsamkeit.“ Die Unsicherheit, der Mangel, die Situation, oftmals nicht das Nötigste zu haben, kann uns in Verzweiflung bringen, kann ein starkes Angstgefühl in uns erzeugen, weil wir nicht wissen, wie wir weitermachen sollen, und umso mehr, wenn wir Kinder unterhalten müssen. Die Unsicherheit bedroht nicht nur den Magen (und das will schon viel heißen), sondern sie kann auch die Seele bedrohen, kann uns demotivieren, entkräften und uns mit Wegen oder Alternativen versuchen, die eine Lösung zu bieten scheinen, am Ende aber gar nichts lösen. Es gibt eine Unsicherheit, die sehr gefährlich sein kann, die sich in uns hineinschleichen kann, ohne dass wir es bemerken, und das ist die Unsicherheit, die aus der Einsamkeit und der Isolierung entsteht. Und die Isolierung ist immer ein schlechter Ratgeber.

Beide – Manuel und Beatriz – haben, ohne es zu merken, denselben Ausdruck gebraucht, beide zeigen uns, dass oft die größte Versuchung, der wir begegnen, darin besteht, uns „alleine abzukapseln“, alles andere als „im Schwung“ zu sein. Diese Haltung zerfrisst unsere Seele wie eine Motte.

Der Kampf gegen diese Unsicherheit und Isolierung, die uns für viele Scheinlösungen anfällig machen, muss auf verschiedenen Ebenen geführt werden. Ein Weg führt über Gesetze, die ein Existenzminimum schützen und gewährleisten, damit jede Familie und jeder Mensch sich durch Bildung und eine würdige Arbeit entfalten kann. Ein anderer Weg ist der, den das Zeugnis von Humberto und Claudia bekräftigte, als sie uns sagten, dass sie nach einer Weise suchten, die Liebe Gottes, die sie erfahren haben, im Dienst und in der Hingabe an die anderen weiterzugeben. Gesetze und persönliches Engagement sind ein gutes Binom, um die Spirale der Unsicherheit zu unterbrechen.

Heutzutage sehen und erleben wir an verschiedenen Fronten, wie die Familie geschwächt und in Frage gestellt wird; wie man meint, sie sei ein bereits überholtes Modell und habe keinen Platz in unseren Gesellschaften, die unter dem Vorwand der Modernität immer stärker ein auf die Isolierung gegründetes Modell begünstigen.

Selbstverständlich ist das Leben in der Familie nicht immer leicht, oft ist es schmerzvoll und mühsam, doch was ich mehr als einmal über die Kirche gesagt habe, kann man meines Erachtens auch auf die Familie beziehen: Mir ist eine verwundete Familie, die alle Tage versucht, die Liebe in all ihren Formen und Zeiten auszudrücken, lieber als eine Gesellschaft, die an Zurückgezogenheit krankt und an der Bequemlichkeit, die sich davor fürchtet, zu lieben. Mir ist eine Familie, die ein ums andere Mal versucht, wieder neu zu beginnen, lieber als eine narzisstische und auf Luxus und Komfort versessene Gesellschaft. Mir ist eine Familie mit einem von der Hingabe ermüdeten Gesicht lieber als geschminkte Gesichter, die nichts wissen von Zärtlichkeit und Mitgefühl.

Ihr habt mich ersucht, für euch zu beten, und ich möchte gleich damit anfangen, gemeinsam mit euch. Ihr, liebe Mexikaner, habt einen Vorteil, lauft mit Vorsprung. Ihr habt die Mutter; die Muttergottes von Guadalupe wollte dieses Land besuchen, und das gibt uns die Gewissheit, ihre Fürsprache zu erhalten, damit dieser Traum, der Familie heißt, nicht durch Unsicherheit und Einsamkeit verloren geht. Sie ist immer bereit, unsere Familien und unsere Zukunft zu verteidigen, ist immer bereit, „in Schwung zu bringen“, indem sie uns ihren Sohn schenkt. Darum lade ich euch ein, dass wir einander an die Hand nehmen und gemeinsam sprechen: Gegrüßet seist du, Maria…

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Papst Franziskus an Familien: „Besser Narben der Treue als Schminke und Kälte“

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Papst trifft Familien in Chiapas

Es war ein richtiges Heimspiel für den Papst, ein Termin der freien Rede, der Inspiration und der Begeisterung: Am Montagnachmittag hat Franziskus mexikanische Familien getroffen. 50.000 Menschen waren in Tuxtla Gutierrez im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas in ein Baseball-Stadion gekommen, um den Papst zu sehen, zu hören und gewissermaßen auch zu spüren. Franziskus ermutigte die Familien, auch in schwierigen Lebenslagen voranzugehen, sich nicht in sich selbst zu verschließen und keinen zerstörerischen, aus dem reichen Westen importierten Lebensmodellen anzuhängen.

„Schwung“, das war das zentrale Wort, das Franziskus den Familien mitgeben wollte. Zunächst hörten der Papst und alle Anwesenden, wie bei solchen katholischen Familientreffen üblich, Zeugnisse, also die Erzählungen einzelner ausgewählter Gläubiger aus ihrem Leben. Geschiedene Katholiken trugen ihre Geschichte vor, eine alleinerziehende Mutter und ein junger Mann mit Behinderung. Schwung, das ist das, was Gott mit uns vorhat, sagte Franziskus – beginnend mit Adam und Eva. „Als an jenem Abend im Garten von Eden alles verloren schient, brachte Gottvater das junge Paar in Schwung und sagte ihnen, dass nicht alles verloren sei.“ Ähnlich habe Gott sein Volk Israel in der Wüste in Schwung gebracht und später der Menschheit seinen Sohn geschenkt und der Welt damit neue Kraft verliehen. Warum? „Weil er nicht anders kann.“ Und Franziskus sprach von der Dynamik Gottes, die Herzen, Verstand und Hände der Menschen öffnet und neue Horizonte aufzeigt. Mit dieser Dynamik sei Jesus dazu imstande, „uns immer wieder einzuladen, siebzigmal siebenmal neu zu beginnen“.

Eindringlich warnte der Papst davor, sich abzukapseln. Gewiss, der Mangel am Nötigsten und die Unsicherheit, gerade auch wenn Kinder zu versorgen sind, könne schon zu Verzweiflung führen, räumte Franziskus ein. Isolierung aber sei genau das Gegenteil von Schwung: „Diese Haltung zerfrisst unsere Seele wie eine Motte.“ Zwei Wege aus dieser Versuchung zeigte der Papst auf, der eine gesellschaftlich, der andere privat: erstens gute Gesetze, die jedem Menschen Bildung, würdige Arbeit und das nötigste zum Leben garantieren. Zweitens persönliches Engagement für andere.

Mit deutlichen Worten warnte der Papst die mexikanischen Familien davor, sich in ihrer Suche nach einem besseren Leben von gewissen Gepflogenheiten in säkularisierten reichen Gesellschaften benebeln zu lassen: „Sie behaupten, sie seien freie, demokratische und souveräne Gesellschaften – und sie injizieren ihre Auffassung in unsere Gesellschaften, sie betreiben ideologischen Kolonialismus und zerstören unsere Gesellschaften, und am Ende sind wir Kolonien von zerstörerischen Ideologien in Sachen Familie“, so Franziskus. Namentlich wandte er sich gegen freiwillige Kinderlosigkeit aus Bequemlichkeit: „Wie stehts mit Kindern? Naja, wir haben keine, wir fahren lieber auf Urlaub und wollen uns ein schönes Haus auf dem Land kaufen. Und die Kinder?“ da sei ihm doch, fuhr der Papst fort, „eine verwundete Familie, die ein ums andere Mal versucht, wieder neu zu beginnen, lieber als eine narzisstische und auf Luxus und Komfort vergessene Gesellschaft. Mir ist eine Familie mit einem von der Hingabe ermüdeten Gesicht lieber als geschminkte Gesichter, die nichts wissen von Zärtlichkeit und Mitgefühl.“

Und ein gelöster und glücklicher Papst herzte und umarmte ein einfaches mexikanisches Ehepaar, das gerade sein 40. Ehejubiläum feierte. „Immer vergeben“, riet er den Familien. „Aber Pater, in einer guten Ehe wird doch nie gestritten. Lüge! Es kann auch einmal ein Teller fliegen. Wichtig ist, dass ihr euch vor dem Schlafgengehen versöhnt. Wenn man mit Streit einschläft, wacht man im kalten Krieg auf. Und der kalte Krieg ist gefährlich für die Familie.“

In gemeinsamer Anstrengung hoben Familien von unten und die Sicherheitsleute des Papstes von oben ein Kind im Rollstuhl hoch auf die Papst-Tribüne. Ein kleines Mädchen in rotem Kleid und roten Schuhen schwindelte sich durch die Absperrung und lief zum Papst, der sich die Kleine auf den Schoß setzte und mit ihr plauderte und scherzte, während ein Chor ein Lied über die Liebe intonierte. „Ich möchte gerne, dass die Liebe, die ich hier heute fühle, in alle Winkel der Welt strömt“, warf der Papst hochgestimmt ins Rund des Stadions. Die 50.000 Menschen aus ganz Chiapas und darüber hinaus feierten ein außergewöhnliches Glaubenserlebnis.

Franziskus brachte den ganzen Montag in Mexikos südlichstem und ärmstem Bundesstaat zu. Am Vormittag hatte er mit Indigenen eine Messe in San Cristobal de las Casas gefeiert.

(rv 15.02.2016 gs)