WEITER: ZUR BESCHÄMUNG DES PAPSTES (FRANZISKUS)

Johannes Paul II. zur Verkündigung des Dogmas der unbefleckten Empfänis Mariens

Johannes Paul II. an der Grotte von Lourdes am 15. August 2004

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES DER VERKÜNDIGUNG DES DOGMAS
VON DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS MARIENS

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Sel. Jungfrau Maria
Mittwoch, 8. Dezember 2004

1. »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk1,28).

Mit diesen Worten des Erzengels Gabriel wenden wir uns mehrmals am Tag an die Jungfrau Maria. Wir wiederholen sie heute am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria mit besonders großer Freude, weil wir des 8. Dezember 1854 gedenken, an dem der selige Pius IX. dieses wunderbare Dogma des katholischen Glaubens in dieser vatikanischen Basilika verkündet hat.

Ich grüße herzlich alle, die heute hier versammelt sind, insbesondere die Vertreter der Nationalen Mariologischen Gesellschaften, die am Internationalen Marianisch-mariologischen Kongreß teilgenommen haben, der von der Päpstlichen Marianischen Akademie veranstaltet wurde.

Ferner grüße ich euch, liebe anwesende Brüder und Schwestern, die ihr gekommen seid, um die Unbefleckte Jungfrau in kindlicher Liebe zu verehren. Allen voran grüße ich Kardinal Camillo Ruini und erneuere meine herzlichsten Glückwünsche zu seinem Priesterjubiläum, wobei ich ihm meinen aufrichtigen Dank für den Dienst ausspreche, den er mit großmütiger Hingabe für die Kirche als mein Generalvikar für die Diözese Rom und als Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz geleistet hat und weiterhin leistet.

2. Wie tief ist das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis, das uns die heutige Liturgie vorstellt! Ein Geheimnis, das die Kontemplation der Gläubigen immer wieder anregt und das Nachdenken der Theologen inspiriert. Das Thema des zuvor erwähnten Kongresses – »Maria von Nazaret nimmt den Sohn Gottes in die Geschichte auf« – ermöglichte eine Vertiefung der Lehre von Marias Unbefleckter Empfängnis als Voraussetzung für die Aufnahme des Wortes Gottes in ihrem jungfräulichen Schoß, des Erlösers des Menschengeschlechtes, der von ihr Fleisch angenommen hat.

»Voll der Gnade«, »κεχαριτωµευη«: Nach dem griechischen Original des Lukasevangeliums wendet sich der Engel mit diesem Beinamen an Maria. Es ist der Name, mit dem Gott die Jungfrau durch seinen Boten bezeichnen wollte. So hat er sie von Ewigkeit her, »ab aeterno«, erdacht und gesehen.

3. In dem soeben verkündeten Hymnus des Briefes an die Epheser preist der Apostel Gott, den Vater, denn er hat »uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« (1,3).Mit welch außerordentlichem Segen hat Gott am Anfang der Zeit Maria bedacht! Du bist wirklich mehr gesegnet als alle anderen Frauen, Maria (vgl.Lk 1,42)!

Gott, der Vater, hat sie in Christus vor der Erschaffung der Welt erwählt, damit sie heilig und untadelig lebe vor Gott; er hat sie aus Liebe im voraus dazu bestimmt, Erstlingsfrucht der Gotteskindschaft zu werden durch Jesus Christus« (vgl. Eph 1,4–5).

4. Marias Vorausbestimmung wie auch die eines jeden von uns bezieht sich auf die Vorausbestimmung des Sohnes. Christus ist jener »Nachwuchs«, der gemäß dem Buch Genesis die alte Schlange »am Kopf trifft« (vgl. Gen 3,15); er ist das »fehlerfreie« Lamm (vgl. Ex 12,5; 1 Petr 1,19), das geopfert wurde, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen.

Im Hinblick auf seinen Erlösungstod wurde seine Mutter Maria vor der Erbsünde und vor jeder anderen Sünde bewahrt. Im Sieg des neuen Adam ist auch der Sieg der neuen Eva, der Mutter der Erlösten, enthalten. So ist die Immaculata Zeichen der Hoffnung für alle Lebenden, die den Satan durch das Blut des Lammes besiegt haben (vgl. Offb 12,11).

5. Wir betrachten heute die demütige junge Frau von Nazaret, die heilig und untadelig vor Gott in der »Liebe«lebte (vgl. Eph 1,4), deren Ursprung der Dreifaltige Gott selbst ist.

Welch erhabenes Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit ist die Unbefleckte Empfängnis der Mutter des Erlösers! In der Bulle Ineffabilis Deus weist Pius IX. darauf hin, daß Gott, der Allmächtige, »durch ein und denselben Ratschluß die Herkunft Marias und die Fleischwerdung der göttlichen Weisheit« festgesetzt hat (Pii IX Pontificis Maximi Acta, Pars prima, S. 559).

Das »Ja« der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels verbindet sich mit unserem konkreten irdischen Dasein, in demütigem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, die Menschheit nicht vor der Geschichte, sondern in der Geschichte zu retten. Denn die »neue Eva« hat, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt, in einzigartiger Weise das Wirken Christi als vollkommener Mittler und Erlöser erfahren. Als erste von ihrem Sohn Erlöste hat sie in Fülle an seiner Heiligkeit teil; sie ist bereits das, was die ganze Kirche zu sein wünscht und hofft. Sie ist die eschatologische Ikone der Kirche.

6. Die Immaculata, die Anfang der Kirche, der makellosen Braut Christi, ist (vgl. Präfation), geht dem Volk Gottes immer den »Pilgerweg des Glaubens« ins Himmelreich voran (vgl. Lumen gentium, 58; Redemptoris Mater, 2).

In der Unbefleckten Empfängnis Mariens sieht die Kirche, wie sich, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, bereits die österliche Gnade der Erlösung abzeichnet.

Im Ereignis der Menschwerdung findet sie den Sohn und die Mutter untrennbar miteinander verbunden: denjenigen, »der ihr Herr und Haupt ist, und diejenige, die durch das erste ›Fiat‹ des Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und Mutter darstellt« (Redemptoris Mater, 1).

7. Dir, Unbefleckte Jungfrau, die du von Gott über alle anderen Geschöpfe hinaus als Fürsprecherin der Gnade und als Vorbild der Heiligkeit für sein Volk vorherbestimmt bist,vertraue ich heute erneut in besonderer Weise die ganze Kirche an.

Führe du ihre Kinder auf dem Pilgerweg des Glaubens, und mache sie dem Wort Gottes immer gehorsamer und treuer.

Begleite du jeden Christen auf dem Weg der Umkehr und der Heiligkeit, im Kampf gegen die Sünde und in der Suche nach der wahren Schönheit, die immer Abglanz und Widerschein der göttlichen Schönheit ist.

Erwirke du allen Völkern Frieden und Heil. Der Ewige Vater, der dich als Unbefleckte Mutter des Erlösers gewollt hat, erneuere auch in unserer Zeit durch dich die Wunder seiner barmherzigen Liebe. Amen.

_______

Quelle

Pius IX. zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens

Dogmatische Bulle „Ineffabilis Deus“

zur Erklärung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis Mariens (8. Dezember 1854)

Pius IX.

Hinweis/Quelle: Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulusverlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 306–325, Rnr. 510–545; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Waeber V. G). Das lateinische Original von „Ineffabilis Deus“ findet sich in: Pii IX Acta, pars 1a, vol. I, p.597. Elektronische Fassung für http://www.stjosef.at digitalisiert von Armin Jauch. Irrtum vorbehalten.

 

510 Der über alle Worte erhabene Gott, dessen Wege Erbarmen und Wahrheit[1], dessen Wille die Allmacht ist, dessen Weisheit machtvoll wirkt von einem Ende bis zum anderen[2] und in Milde alles lenkt, sah von Ewigkeit her das unheilvolle Verderben des ganzen Menschengeschlechtes infolge der Sünde Adams voraus. In seinem geheimnisvollen, der Welt verborgenen Ratschluß beschloß er aber, das erste Werk seiner Güte durch die Menschwerdung des Wortes auf eine noch unbegreiflichere Weise zu ergänzen. Denn der Mensch, der entgegen seinen liebevollen Absichten durch die List des Teufels in Schuld geraten war, sollte nicht zugrundegehen, und das, was durch den ersten Adam gefallen war, sollte durch den zweiten weit glücklicher wieder aufgerichtet werden. 511 Darum wählte er von Anfang an und vor aller Zeit schon für seinen eingeborenen Sohn eine Mutter aus, und bestimmte, daß er von ihr in der seligen Fülle der Zeiten als Mensch geboren werden sollte; ihr wandte er mehr als allen anderen Geschöpfen seine besondere Liebe zu und fand an ihr allein sein höchstes Wohlgefallen. So überhäufte er sie weit mehr als alle Engel und Heiligen mit einer Fülle himmlischer Gnadengaben, die er aus der Schatzkammer seiner Gottheit nahm, begnadete sie so wunderbar, daß sie allzeit frei blieb von jeder Makel der Sünde, daß sie ganz schön und vollkommen wurde und eine solche Fülle von Reinheit und Heiligkeit besaß, daß man, außer in Gott, eine größere sich nicht denken kann und dass niemand außer Gott sie begreifen kann. 512 Und es war auch ganz entsprechend, daß sie stets im Glanze vollkommenster Heiligkeit strahlte, daß sie sogar frei blieb von der Makel der Erbsünde und so über die alte Schlange einen vollen Sieg errang, sie, die verehrungswürdige Mutter, der Gott Vater seinen einzigen Sohn, der aus seinem Schoße ihm wesensgleich hervorgeht und den er liebt wie sich selbst, voll und ganz anvertrauen wollte. So sollte auf Grund natürlicher Bande ein und dieselbe Person das gemeinsame Kind Gott Vaters und der Jungfrau werden. Der Sohn selber aber erwählte sich diese Mutter, und der Heilige Geist wollte und bewirkte, daß der von ihr empfangen und geboren wurde, aus dem er selbst hervorgeht.

513 Diese Reinheit der hochheiligen Jungfrau von der Erbsünde, die ja mit ihrer wunderbaren Heiligkeit und ihrer erhabenen Würde als Gottesmutter zusammenhängt, hat die heilige katholische Kirche, die vom Heiligen Geiste belehrt wird und stets eine Säule und Grundfeste der Wahrheit ist, als eine von Gott mitgeteilte und im Glaubensgut der göttlichen Offenbarung enthaltene Lehre stets festgehalten. Sie hat diese Lehre fortwährend und ohne Unterlaß in vielfacher, glänzender Weise von Tag zu Tag immer klarer entwickelt, verkündigt und immer mehr gefördert. Dieser Glaube war nämlich schon von ältester Zeit an vorhanden; er war in den Herzen der Gläubigen fest verwurzelt und wurde durch die eifrigen Bemühungen der Bischöfe in der katholischen Welt wunderbar verbreitet. Die Kirche selbst hat diese Lehre ganz klar zum Ausdruck gebracht, als sie ohne Bedenken die Empfängnis der Jungfrau den Gläubigen zur öffentlichen Verehrung und Andacht vorlegte. Durch diese auffallende Tatsache hat sie offen bekundet, daß die Empfängnis der Jungfrau ganz eigenartig und wunderbar ist, daß sie ganz anders vor sich ging als bei den übrigen Menschen, daß sie ganz heilig und verehrungswürdig ist; denn die Kirche nimmt nur heilige Dinge zum Gegenstand ihrer Feste. Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet und bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau; deren Erschaffung wurde ja auch zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen. Dies alles wurde von den Gläubigen überall gern aufgenommen. 514 Es ist dies ein Beweis dafür, mit welchem Eifer diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch von der Römischen Kirche, der Mutter und Lehrerin aller Kirchen, gepflegt wurde. Dennoch verdienen die wichtigsten Schritte dieser Kirche einzeln aufgezählt zu werden; denn die Würde und das Ansehen dieser Kirche ist so groß, ihr kommt es auch voll und ganz zu, da sie der Zentralpunkt der katholischen Wahrheit und Einheit ist; in ihr allein wurde der Glaube unverfälscht bewahrt; von ihr müssen alle übrigen Kirchen den Glauben übernehmen.

Der Römischen Kirche lag also nichts so sehr am Herzen, als mit den beredtesten Worten die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau vorzutragen, die Andacht zu ihr und die Lehre über sie zu schützen, zu verbreiten und zu verteidigen. Dies beweisen zur Genüge so viele und hervorragende Maßnahmen Unserer Vorgänger, der römischen Päpste, denen in der Person des Apostelfürsten von Christus dem Herrn selber auf göttliche Weise das hohe sorgenvolle Amt anvertraut wurde, die Lämmer und Schafe zu weiden, die Brüder zu stärken und die gesamte Kirche zu leiten und zu regieren.

515 So haben es sich Unsere Vorgänger zum besonderen Ruhme angerechnet, kraft ihrer apostolischen Vollmacht das Fest der Empfängnis in der Römischen Kirche einzuführen; sie haben es mit einem eigenen Stundengebet und einer eigenen Messe, worin das Vorrecht der Bewahrung von der Erbschuld ganz deutlich zum Ausdruck kommt, ausgezeichnet und so das Fest feierlicher gestaltet; 516 sie suchten dann die bereits vorhandene Verehrung mit allen Mitteln zu fördern und zu verbreiten, sei es durch die Gewährung von Ablässen, sei es dadurch, daß sie Städten, Provinzen und Ländern gestatteten, die Gottesmutter unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis als Patronin sich zu erwählen, oder daß sie Vereinigungen, Kongregationen und fromme Bruderschaften bestätigten, die zur Verehrung der Unbefleckten Empfängnis gegründet wurden, oder daß sie den frommen Sinn derer lobten, die Ordenshäuser, Krankenhäuser, Altäre und Gotteshäuser unter dem Titel der Unbefleckten Empfängnis errichteten oder unter einem Eide sich verpflichteten, für die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter nach Kräften einzutreten. 517 Mit ganz besonderer Freude verordneten sie auch, daß das Fest der Empfängnis von jeder Kirche mit der gleichen Feierlichkeit und in dem gleichen Rang zu feiern sei wie das Fest ihrer Geburt, daß das Fest der Empfängnis auch mit einer Oktav von der ganzen Kirche begangen und von allen als ein gebotener Feiertag gehalten werden soll, daß jedes Jahr an dem der Empfängnis der heiligen Jungfrau geweihten Tage in Anwesenheit des Papstes der Gottesdienst in der Patriarchal-Basilika des Liberius stattfinden solle.

518 Beseelt von dem Wunsche, in den Herzen der Gläubigen diese Lehre von der Unbefleckten Empfängnis von Tag zu Tag immer mehr zu verankern und ihren frommen Sinn zur Verehrung und Hochschätzung der unbefleckt empfangenen Jungfrau immer mehr anzuregen, haben sie auch mit großer Freude bereitwilligst gestattet, daß in der Lauretanischen Litanei und selbst in der Präfation der Messe die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau erwähnt werde, damit die Regel für den Glauben durch die Regel für das Beten festgelegt sei. 519 Wir aber sind den Fußstapfen dieser Unserer ausgezeichneten Vorgänger gefolgt und haben nicht nur ihre frommen und weisen Verordnungen gutgeheißen und angenommen, sondern auch eingedenk der Verfügung Sixtus’ IV. ein eigenes Offizium von der Unbefleckten Empfängnis autoritativ bestätigt und dessen Gebrauch mit freudigem Herzen der ganzen Kirche gestattet.

520 Weil das, was zum Gottesdienst gehört, in inniger Verbindung mit seinem Gegenstand steht und nicht Bestand haben kann, wenn der Gegenstand ungewiß und zweifelhaft ist, deshalb haben Unsere Vorgänger, die Päpste, mit allem Eifer die Andacht zur Empfängnis gefördert und sich angelegentlichst bemüht, ihren Gegenstand und ihren Inhalt zu erklären und den Gläubigen einzuprägen. Sie haben klar und deutlich gelehrt, daß das Fest die Empfängnis der Jungfrau zum Gegenstand habe, und sie haben als falsch und mit der Meinung der Kirche unvereinbar die Ansicht jener zurückgewiesen, die meinten und behaupteten, daß nicht die Empfängnis selbst, sondern nur die Heiligung von der Kirche gefeiert werde. Nicht weniger streng gingen sie gegen jene vor, die zur Abschwächung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau einen Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Augenblick machten und behaupteten, es werde zwar die Empfängnis gefeiert, aber nicht die, welche im ersten Augenblick erfolgte. 521 So haben es Unsere Vorgänger als ihre Aufgabe betrachtet, das Fest der Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und ihrer Empfängnis vom ersten Augenblick an als den wahren Gegenstand der Verehrung mit allem Eifer in Schutz zu nehmen und zu verteidigen. Darum sprach Unser Vorgänger Alexander VII. die geradezu entscheidenden Worte, und er brachte damit die richtige Auffassung der Kirche zum Ausdruck: „Von altersher ist es die fromme Meinung der Christgläubigen, daß die Seele der allerseligsten Jungfrau und Mutter Maria im ersten Augenblick ihrer Erschaffung und ihrer Vereinigung mit dem Leib auf Grund einer besonderen Gnade Gottes und eines besonderen Vorzuges im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von aller Makel der Erbsünde rein bewahrt wurde; in diesem Sinne begeht man in feierlicher Weise das Fest ihrer Empfängnis.“[3]

522 Vor allem betrachteten es Unsere Vorgänger als ihre heilige Pflicht, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter mit aller Sorgfalt, mit Eifer und Entschiedenheit unversehrt zu bewahren. So haben sie in keiner Weise geduldet, daß die Lehre selbst von jemandem irgendwie angegriffen oder lächerlich gemacht wurde. Ja, sie sind noch viel weiter gegangen und haben zu wiederholten Malen ganz deutlich erklärt und verkündet, die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau stimme voll und ganz mit den Andachtsformen der Kirche überein, sie sei altehrwürdig und fast allgemein verbreitet, die Römische Kirche habe es sich zur Aufgabe gesetzt, sie zu fördern und zu schützen, ja sie verdiene es wirklich, in der heiligen Liturgie und bei feierlichen Bittandachten erwähnt zu werden. Und damit nicht zufrieden, haben sie, damit die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau selbst unangetastet bleibe, strengstens verboten, die entgegengesetzte Ansicht öffentlich oder geheim zu verteidigen, und haben erklärt, sie sei aus verschiedenen Gründen unhaltbar. Damit aber diese wiederholten und offenkundigen Erklärungen nicht als unwirksam angesehen werden, gaben sie ihnen auch die nötige Sanktion bei. All dies faßte Unser schon erwähnter Vorgänger Alexander VII. in folgende Worte zusammen:

523 „Wir erneuern hiermit die Bestimmungen und Beschlüsse, die von Unseren Vorgängern, den römischen Bischöfen, besonders von Sixtus IV., Paul V. und Gregor XV. ergangen sind. Dabei lassen wir Uns von der Erwägung leiten, dass die heilige Römische Kirche die Empfängnis der stets makellosen Jungfrau feierlich als Fest begeht und daß einst Unser Vorgänger Sixtus IV. auf Grund einer frommen, andächtigen und lobenswerten Verordnung eigene Tagzeiten für dieses Fest angeordnet hat. Es ist auch Unser Wunsch, diesen Frömmigkeitssinn und diese Andacht zu begünstigen, so wie es Unsere Vorgänger, die römischen Päpste, taten, und zwar in der gleichen Weise, wie das Fest und die Feier begangen wird und wie sich beides seit ihrer Einsetzung in der Römischen Kirche unverändert erhalten hat. Diese Begünstigung bedeutet zugleich auch einen Schutz dieser Andacht, die darauf abzielt, die seligste Jungfrau zu verehren und zu verherrlichen, nachdem sie durch die zuvorkommende Gnade des Heiligen Geistes vor der Erbsünde bewahrt geblieben ist. Wir versprechen Uns auch von dieser Verehrung die Einheit des Geistes in der Herde Christi, den Frieden durch die Beseitigung von Zwisten und Streitigkeiten und die Tilgung von Ärgernissen. Endlich wollen Wir damit auch den inständigen Bitten der genannten Bischöfe mit den Kapiteln ihrer Kirchen entgegenkommen, sowie auch des Königs Philipp und seiner Länder. Wir schließen Uns also den Bestimmungen Unserer Vorgänger an, nach denen die Seele der seligsten Jungfrau bei ihrer Erschaffung und bei ihrer Vereinigung mit dem Körper von der Gnade des Heiligen Geistes erfüllt und vor der Erbsünde bewahrt wurde; Wir genehmigen deshalb auch die Festfeier von der Empfängnis der unbefleckten Gottesmutter, so wie Wir es eben darlegten, und verhängen gegen Zuwiderhandelnde die gleichen Strafen, wie sie in der genannten Konstitution ausgesprochen sind.“

524 „Damit wenden Wir Uns gegen alle jene, die entgegen den genannten Bestimmungen und Beschlüssen diese Gunstbezeigung, wie sie dem Festgedanken und der Verehrung zugrundeliegt, nach wie vor zu leugnen wagen. Es fehlt ja leider nicht an solchen, die diese Unsere Ansicht, das Fest und die Verehrung bezweifeln. Man verschanzt sich dabei hinter dem Vorwand, die Frage ja nur untersuchen zu wollen, oder die Heilige Schrift, die Väter und die Gottesgelehrten zu erklären und auszulegen. Ganz gleich nun, ob dies schriftlich oder bloß mündlich geschieht, ob in Predigten, Abhandlungen oder auf Konferenzen und Gesprächen, ob mit oder ohne Beweise. Wir verhängen über alle diese jene Strafen, die schon Sixtus IV. ausgesprochen hat, und entziehen ihnen die Erlaubnis zu predigen, Unterricht zu erteilen, die Heilige Schrift zu erklären und Vorlesungen zu halten, sowie das aktive und passive Wahlrecht in geistlichen Wahlhandlungen. Und zwar tritt die Strafe ipso facto in Kraft, so daß sie ohne weitere Erklärung jener genannten Handlungen unfähig sind. Die Lösung von dieser Strafe behalten Wir Uns selbst und Unseren Nachfolgern vor. Wir erklären sie ferner auch jenen Strafen für verfallen, die nach Unserem Ermessen und dem der römischen Päpste, Unserer Nachfolger, über sie verhängt werden, und Wir unterwerfen sie hiermit gerade jenen Strafbestimmungen der obenangeführten Konstitutionen Pauls V. und Gregors XV., die Wir deshalb erneuern.“

525 „Dasselbe gilt auch von Büchern, die nach dem genannten Dekret Pauls V. herausgegeben wurden oder in Zukunft erscheinen, wenn sie die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis, das Fest oder die Verehrung in Zweifel ziehen oder sich dagegen aussprechen und Gespräche, Predigten, Abhandlungen und Erörterungen dieser Art enthalten. Solche Druckerzeugnisse verbieten Wir und belegen sie mit jenen Zensuren und Strafen, die in dem Verzeichnis der verbotenen Bücher enthalten sind. Wir ordnen deshalb an, daß solche Bücher ohne weiteres schon als verboten anzusehen sind.“[4]

526 Wir alle aber wissen, mit welchem Eifer diese Lehre über die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von den angesehensten Ordensgenossenschaften, von den berühmtesten theologischen Hochschulen und den hervorragendsten Lehrern der göttlichen Wissenschaft vertreten, dargelegt und verteidigt wurde. Ebenso ist bekannt, wie sehr die Bischöfe besorgt waren, auch bei den Kirchenversammlungen öffentlich und vor der ganzen Welt zu bekennen, dass die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria schon im voraus im Hinblick auf die Verdienste unseres Herrn und Erlösers niemals der Erbschuld unterworfen wurde, sondern voll und ganz von der Makel der Erbsünde bewahrt blieb und so auf eine besonders hehre Weise erlöst wurde. 527 Dazu kommt noch eine überaus wichtige und bedeutsame Tatsache. Das Konzil von Trient hatte bei der Verkündigung des Glaubenssatzes von der Erbsünde auf Grund der Zeugnisse der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der rechtmäßigen Kirchenversammlungen festgelegt und entschieden, daß alle Menschen mit der Erbsünde behaftet zur Welt kommen; das gleiche Konzil erklärte indessen ebenso feierlich, es sei nicht seine Absicht, in dieses Dekret und in diese allgemeine Entscheidung die heilige und unbefleckte Jungfrau und Gottesmutter Maria miteinzuschließen[5]. Durch diese Erklärung haben die Väter von Trient auf die Freiheit der allerseligsten Jungfrau von der Erbsünde den damaligen Verhältnissen entsprechend deutlich genug hingewiesen und ganz klar zum Ausdruck gebracht, daß aus der Heiligen Schrift, aus der Überlieferung und den Zeugnissen der Väter nichts vorgebracht werden kann, was diesem erhabenen Vorzug der Jungfrau irgendwie entgegensteht.

528 So herrscht denn in der Kirche bezüglich dieser Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau eine völlige Übereinstimmung in ihrer Lehrverkündigung und in ihrer sorgfältigen und weise abgewogenen wissenschaftlichen Arbeit. Von Tag zu Tag aber tritt immer deutlicher in Erscheinung, und dies zeigt sich bei allen katholischen Völkern und Nationen auf dem ganzen Erdkreis in staunenswerter Weise, daß diese Lehre wirklich in der Kirche stets als eine von den Vätern überlieferte und mit den Kennzeichen einer geoffenbarten Wahrheit ausgestattete Lehre betrachtet wurde; und dies bestätigen die wichtigsten Denkmäler des ehrwürdigen Altertums aus der östlichen und westlichen Kirche in ganz überzeugender Weise.

Die Kirche Christi ist nämlich nur die treue Bewahrerin und Verteidigerin der in ihr niedergelegten Glaubenswahrheiten, an denen sie nichts ändert, an denen sie keine Abstriche macht und denen sie nichts hinzufügt. Mit aller Sorgfalt, getreu und weise behandelt sie das Überlieferungsgut der Vorzeit. Ihr Streben geht dahin, die Glaubenswahrheiten, die ehedem gelehrt wurden und im Glauben der Väter gleichsam noch im Keim niedergelegt waren, so auszusondern und zu beleuchten, daß jene Wahrheiten der himmlischen Lehre Klarheit, Licht und Bestimmtheit empfangen, zugleich aber auch ihre Fülle, Unversehrtheit und Eigentümlichkeit bewahren und nur in ihrem eigenen Bereich, d. h. in ein- und derselben Lehre, in ein- und demselben Sinn und in ein- und demselben Gehalt, ein Wachstum aufzuweisen haben.

529 Denn die in der himmlischen Offenbarung wohl bewanderten Väter und Schriftsteller der Kirche hielten nichts für wichtiger, als in den Werken, die sie zur Erklärung der Schrift, zur Verteidigung des Glaubens und zur Belehrung der Gläubigen verfaßten, die höchste Heiligkeit und Würde der Jungfrau, ihr Freisein von jeder Sündenmakel und ihren herrlichen Sieg über den schlimmsten Feind des Menschengeschlechtes in vielfacher und bewundernswerter Weise wie in edlem Wettstreit zu verkünden und hervorzuheben. Sie kommen immer wieder auf die Worte zu sprechen, mit denen Gott das zur Erneuerung der Menschheit von seiner Güte vorgesehene Rettungsmittel am Anfang der Welt ankündigte und damit einerseits den Übermut der verführerischen Schlange zurückwies, anderseits aber auch die Hoffnung unseres Geschlechtes in wunderbarer Weise wieder aufrichtete; es war damals, als Gott sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen[6]; sooft also die Väter darauf zu sprechen kamen, erklärten sie, daß durch diesen Ausspruch Gottes klar und deutlich auf den barmherzigen Erlöser des Menschengeschlechtes, auf den eingeborenen Sohn Gottes, Christus Jesus, hingewiesen werde und damit auch auf seine heiligste Mutter, die Jungfrau Maria, und daß damit zugleich die unerbittliche Feindschaft beider mit dem Teufel klar angedeutet werde. Wie also Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen, nach der Annahme der menschlichen Natur die Urkunde, die gegen uns zeugte, zerriß und sie als Sieger an das Kreuz heftete, so hatte auch die heiligste Jungfrau, die ganz innig und unzertrennlich mit ihm verbunden ist, mit ihm und durch ihn ewige Feindschaft mit der giftigen Schlange; sie triumphierte über sie in vollkommenster Weise und zertrat so ihren Kopf mit ihrem makellosen Fuß.

530 Diesen herrlichen und ganz einzigartigen Triumph der allerseligsten Jungfrau, ihre ganz ausgezeichnete Unschuld, Reinheit, Heiligkeit und Unversehrtheit von jeder Sünde, diese unaussprechliche Fülle und Erhabenheit aller himmlischen Gnaden, Tugenden und Vorzüge haben die Väter schon in der Arche Noes vorgebildet gesehen, die auf Gottes Anordnung erbaut wurde und dem allgemeinen Untergang der ganzen Welt heil und unversehrt entging. Sie sahen ein Vorbild auch in jener Leiter, die Jakob von der Erde bis in den Himmel reichen sah, auf der die Engel Gottes auf- und niederstiegen und auf deren oberster Sprosse der Herr selbst ruhte. Auch der Dornbusch gehört hierher, den an heiliger Stätte Moses ringsum brennen sah, der jedoch in den lodernden Flammen des Feuers nicht bloß nicht verzehrt oder im geringsten verletzt wurde, sondern gar anmutig grün aufblühte. Maria gleicht jenem von dem Feind unüberwindlichen Turm, von dem tausend Schilde, Schutzwehr und Rüstung für Helden herabhängen. Sie gleicht dem verschlossenen Garten, den die Tücke des Nachstellers weder zertreten noch schädigen kann. Maria ist die glänzende Stadt Gottes, deren Grundfeste auf dem heiligen Berge ruht; sie ist der hehre Tempel Gottes, der leuchtend im göttlichen Strahlenglanz erfüllt ist von der Herrlichkeit Gottes. Außer diesen Bildern zählen die Väter noch viele andere auf, die die erhabene Würde der Gottesmutter, ihre unversehrte Unschuld und ihre nie von einer Makel getrübte Heiligkeit bedeutungsvoll versinnbilden.

531 Um diese unstreitig höchste unter allen Gottesgaben, eben diese ursprüngliche Unversehrtheit der allerseligsten Jungfrau, von der Jesus geboren wurde, zu erklären, haben die gleichen Kirchenväter sich auch der Aussprüche der Propheten bedient. Und diese wiederum meinen Maria, wenn sie sprechen von der reinen Taube, dem heiligen Jerusalem, dem erhabenen Thron Gottes, der Bundeslade der Heiligung, dem Haus, das die ewige Weisheit sich geschaffen, der Königin, die von Wonnen überfließend und geschmiegt an ihren Geliebten aus dem Munde des Allerhöchsten hervorging, ganz vollkommen, schön und Gott überaus angenehm und nie von einer Makel der Sünde befleckt.

532 Und schließlich fiel der Blick der Väter und der kirchlichen Schriftsteller auf die Worte des Erzengels Gabriel, der Maria die erhabene Würde einer Mutter Gottes verkündete und sie auf Befehl Gottes selber als die Gnadenvolle[7] bezeichnete. Und so lehrten sie denn, es werde durch diesen einzigartigen, feierlichen und noch nie vernommenen Gruß schon gezeigt, daß die Mutter Gottes der Sitz, die Stätte aller göttlichen Gnaden sei, daß sie mit allen Gaben des Heiligen Geistes geziert sei; in gewissem Sinn sei sie sogar ein unendlicher Schatz und unergründlicher Abgrund eben dieser Gaben, und da sie nie dem Fluch unterworfen war, wurde sie mit ihrem Sohn ewigen Preises würdig. Deswegen durfte sie aus dem Munde der vom Gottesgeist erleuchteten Elisabeth die Worte vernehmen: Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes[8].

533 So sind denn die Aussprüche der heiligen Väter über Maria nicht bloß zahlreich, sondern auch einstimmig. Die glorwürdigste Jungfrau, an der Gott in seiner Macht Großes getan hat[9], besitzt Gottes Gnaden und Gaben und die Unschuld in einer solch leuchtenden Fülle, daß sie dadurch gleichsam selber zu einem unaussprechlichen Wunder Gottes oder viel mehr zum Gipfelpunkt aller Wundertaten Gottes geworden ist, wie es sich eben für die Mutter Gottes geziemte. So steht sie Gott am nächsten, soweit dies überhaupt einem geschaffenen Wesen möglich ist, und ihre Würde kann weder ein Lob aus Menschen-, noch aus Engelsmund erreichen. Das ist auch der Grund, warum die Väter Maria auf jede erdenkliche Weise noch höher stellen als Eva, selbst wenn wir diese in ihrem Zustand der Jungfräulichkeit und der unversehrten Unschuld betrachten, als sie noch nicht von den todbringenden Nachstellungen der betrügerischen Schlange hintergangen war. Eva hörte leider auf die Schlange, verlor ihre ursprüngliche Unschuld und wurde die Sklavin der Schlange, während die allerseligste Jungfrau gerade dieses ursprüngliche Geschenk Gottes noch bereicherte, indem sie der Schlange kein Gehör gab und deren Macht mit Gewalt durch göttliche Kraft vollends zu Fall brachte.

534 Deshalb werden die Väter der Kirche nicht müde, die Gottesgebärerin zu nennen: die Lilie unter den Dornen, die ganz Unberührte, Jungfräuliche, Unbefleckte, Makellose, die immer Gesegnete; sie nennen sie das von aller Ansteckung der Sünde freigebliebene Erdreich, aus dem der neue Adam gebildet wurde; sie nennen sie das untadelhafte, helleuchtende, liebliche Paradies der Unschuld, der Unsterblichkeit und Wonne, das Gott selbst gepflanzt und gegen alle Nachstellungen der giftigen Schlange verteidigt hat; sie heißen sie das unverwesliche Holz, das der Sünde Wurm nie benagte, den stets ungetrübten Born, besiegelt durch die Kraft des Heiligen Geistes, den Tempel Gottes, den Schatz der Unsterblichkeit, die einzige Tochter des Lebens und nicht des Todes und des göttlichen Zornes, sondern die Knospe der Gnade, die immer grünt und, behütet von der Vorsehung Gottes, aufsproßt gegen alle bisher geltenden Gesetze und Gewohnheiten aus einer verdorbenen und von der Sünde angesteckten Wurzel.

535 Doch als wären diese schon an sich überschwenglichen Lobeserhebungen noch ungenügend, erklärten die heiligen Väter in neuen, ganz bestimmten Wendungen, daß dort, wo von der Sünde die Rede ist, dies auf Maria nicht zutreffe, weil gerade ihr, um die Sünde allseits zu besiegen, größere Gnade mitgeteilt worden sei. Daher bekannten sie, Maria sei die Wiederherstellerin unserer Stammeltern, die Lebensspenderin für deren Nachkommen; der Allerhöchste habe sie von Anfang an auserwählt und sie sich vorbereitet, als er zur Schlange sprach: Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau[10]. Und zweifellos hat ja Maria der Schlange das giftige Haupt zertreten. Und so sagen wiederum die heiligen Väter, daß die allerseligste Jungfrau durch die Gnade von aller Sündenmakel rein bewahrt geblieben sei, frei von aller Ansteckung des Leibes, der Seele und des Verstandes, immer mit Gott vereint, durch ein ewiges Bündnis mit ihm verbunden, niemals in der Finsternis, sondern immer im Lichte; dadurch aber wurde sie zu einer würdigen Wohnung für Christus, nicht so sehr wegen der Beschaffenheit ihres Leibes, als vielmehr wegen dieser einzigartigen Gnade ihres Ursprungs.

Dazu kommen dann noch die herrlichen Aussprüche der Väter, mit denen sie Zeugnis von der Empfängnis der heiligen Jungfrau ablegen, so wenn sie sagen, daß bei Maria die Natur vor der Gnade gewichen sei. Die Natur habe in ihrem Unvermögen voranzuschreiten gleichsam furchtsam stillgehalten; denn es war ja bestimmt, daß die jungfräuliche Gottesmutter nicht eher von Anna empfangen wurde, als bis die Gnade ihre Frucht gebracht hatte; sollte doch die Erstgeborene empfangen werden, die selber wieder den Erstgeborenen der ganzen Schöpfung empfangen sollte.

536 Weiterhin bezeugen die Väter, daß Maria, obwohl sie dem Leibe nach von Adam stammte, doch die Sünde Adams nicht mitangenommen habe; in dieser Hinsicht sei Maria das von Gott selbst erschaffene Zelt, das vom Heiligen Geiste gebildet und aus Purpur gearbeitet sei; ein neuer Beseleel habe es bunt und mit Gold durchwirkt verfertigt, und so sei sie wirklich die, als die wir sie feiern, Gottes eigenstes und erstes Werk, das von den brennenden Pfeilen des Bösen nicht erreicht worden sei. Schön von Natur und von aller Makel frei, wie die Morgenröte in ihrem vollkommenen Glanze, so sei Maria in ihrer Unbefleckten Empfängnis in der Welt erschienen. Denn es geziemte sich nicht, daß jenes Gefäß der AuserwähIung an dem sonst allen Menschen gemeinsamen Übel Anteil hatte; von den übrigen weit verschieden, habe sie wohl an ihrer Natur, nicht aber an ihrer Schuld teilgenommen. Im Gegenteil; es geziemte sich in jeder Weise, daß der Eingeborene, wie er im Himmel einen Vater hat, den die Seraphim dreimal heilig preisen, so auch auf Erden eine Mutter habe, die nie des Glanzes der Herrlichkeit entbehrte.

537 Somit ist es also nicht verwunderlich, daß diese Lehre so sehr Verstand und Herz unserer Vorfahren ergriff, daß sie in einzigartiger Weise zu Worten und Ausdrücken greifen, die häufig die Gottesmutter gerade als die Unbefleckte feiern, als die Unschuldige und Unschuldigste, die Makellose und gänzlich Makellose, die Heilige und die von aller Unreinheit der Sünde vollkommen Freie, die ganz Reine und ganz Unversehrte, als die Wesensgestalt sozusagen der Schönheit und Unschuld selbst. Sie nennen Maria schöner als die Heiligkeit, die allein Heilige, die ganz Reine an Seele und Leib, die, welche alle Unschuld und Jungfräulichkeit übertroffen hat, die allein ganz die Wohnung aller Gnaden des Heiligen Geistes geworden ist, die Gott allein aufgenommen hat, die über allen steht, die von Natur aus schöner, vollendeter und heiliger ist als selbst die Cherubim und Seraphim und das ganze Heer der Engel, die zu preisen die Zungen des Himmels und der Erde keineswegs genügen. Diese Ausdrucksweisen sind, wie hinlänglich bekannt sein dürfte, sogar in die heilige Liturgie und in die kirchlichen Tagzeiten wie von selbst eingegangen. An vielen Stellen finden wir sie da, ja diese sind sogar vorherrschend. Die Gottesmutter wird darin angerufen und gepriesen als die einzige, unversehrte Taube der Schönheit, als die immer blühende, gänzlich reine, stets unbefleckte und immer selige Rose; sie wird gepriesen als die Unschuld selber, die niemals verletzt wurde, als die zweite Eva, die den Emmanuel gebar.

538 Kein Wunder, wenn die Hirten der Kirche und das gläubige Volk die Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter mit immer größerer Frömmigkeit, Verehrung und Liebe auszeichnen. Ist doch diese Lehre nach dem Urteil der Väter in den heiligen Schriften niedergelegt und in so vielen wichtigen Zeugnissen von diesen überliefert; in vielen herrlichen Denkmälern der verehrungswürdigen Vergangenheit kommt sie zum Ausdruck, und zudem hat sie durch das höchste und gewichtigste Urteil der Kirche ihre Verkündigung und Bestätigung erfahren. Hirten und Herde rühmen sich, daß ihnen nichts angenehmer und lieber wäre, als mit tiefster Inbrunst die ohne Erbsünde empfangene jungfräuliche Gottesmutter überall zu verehren, anzurufen und zu preisen. Deshalb haben schon in früheren Zeiten Bischöfe, Priester, Ordensgenossenschaften und sogar Kaiser und Könige den Apostolischen Stuhl gebeten, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Gottesmutter als Glaubenssatz zu erklären. Diese Bitten wurden auch in der Gegenwart wiederholt, und sie wurden besonders Unserem Vorgänger Gregor XVI. seligen Angedenkens und Uns selbst von Bischöfen, von Weltpriestern, von Ordensgenossenschaften, von hochstehenden Fürsten und vom gläubigen Volke vorgetragen.

539 Dies alles wußten Wir sehr wohl und erwogen es ernstlich, und es machte Unserem Herzen besondere Freude. Sobald Wir also ohne Unser Verdienst nach dem unerforschlichen Ratschluß der göttlichen Vorsehung auf diesen erhabenen Lehrstuhl des heiligen Petrus erhoben wurden und das Steuer der ganzen Kirche übernahmen, betrachteten Wir es als Unsere heiligste Pflicht, entsprechend Unserer großen, von früher Kindheit an gehegten Verehrung, Andacht und Liebe zur allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria, alles durchzuführen, was die Kirche wünscht, damit die Ehre der allerseligsten Jungfrau vermehrt werde und deren Vorzüge in noch hellerem Lichte erglänzen.

Zur reiferen Prüfung dieser ganzen Angelegenheit haben Wir eine besondere Kongregation aus Unseren ehrwürdigen Brüdern, den Kardinälen der heiligen Römischen Kirche, bestellt. Neben diesen durch Religiosität, Klugheit und Wissen in göttlichen Dingen hervorragenden Männern haben Wir aus dem Welt- und Ordensklerus in der Theologie bewanderte Männer ausgewählt, damit sie alles, was die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau betrifft, reiflich erwägen und Uns ihre Ansicht darüber mitteilen. Obwohl Uns auf Grund der erhaltenen Gesuche um die endgültige Entscheidung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau die Ansicht der meisten Oberhirten schon bekannt war, so sandten Wir trotzdem am 2. Februar 1849 von Gaëta aus ein Rundschreiben an alle ehrwürdigen Brüder, die kirchlichen Oberhirten der ganzen katholischen Welt, mit der Aufforderung, sie sollten nach Anrufung des Beistandes Gottes Uns schriftlich kundtun, wie die Andacht ihrer Gläubigen zur Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter beschaffen sei und was besonders sie selber, die Oberhirten, von einer solchen Entscheidung hielten und ob sie ihnen erwünscht sei, damit Wir so auf eine möglichst feierliche Weise Unser letztes Urteil darüber fällen könnten[11].

540 Es erfüllte Uns mit nicht geringem Trost, als Wir die Antwortschreiben Unserer ehrwürdigen Brüder erhielten. Denn diese Antworten zeugten von ihrer ungemeinen Freude und einer Uns völlig zustimmenden Gesinnung. Sie bestätigten nicht bloß neuerdings ihren eigenen Andachtseifer für die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau, sowie den ihrer Geistlichkeit und ihres gläubigen Volkes, sondern sie richteten einstimmig an Uns die Bitte, die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau durch unsere höchste Autorität und Unseren Schiedsspruch zu definieren. Von ebenso großer Freude wurden Wir erfüllt, als Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, die Mitglieder der erwähnten besonderen Kongregation und die obengenannten zur Beratung gewählten Theologen mit gleichem Eifer nach dem Abschluß ihrer sorgsamen Untersuchung Uns um die Definierung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter baten.

541 Folgend nun dem erlauchten Beispiel Unserer Vorgänger und von dem Wunsch beseelt, mit Sicherheit und so, wie es recht ist, vorzugehen, hielten Wir ein Konsistorium ab. Hier richteten Wir eine Rede an Unsere ehrwürdigen Brüder, die Kardinäle der heiligen Römischen Kirche, und vernahmen zu Unserer großen Befriedigung aus ihrem Munde den Wunsch, die Unbefleckte Empfängnis der jungfräulichen Gottesmutter von Uns dogmatisch definiert zu sehen[12]. So sind Wir denn der festen Überzeugung im Herrn, daß jetzt der günstigste Zeitpunkt gekommen ist, die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria als Glaubenssatz zu verkünden; durch die Aussprüche der Heiligen Schrift, die ehrwürdige Überlieferung, die ständige Überzeugung der Kirche, die einzigartige Übereinstimung der katholischen Bischöfe und der Gläubigen, die feierlichen Entscheidungen und Verordnungen Unserer Vorgänger wird sie ja in ganz wunderbarer Weise beleuchtet und erklärt. Nach reiflicher Überlegung all dieser Dinge und nach langen, heißen Gebeten zu Gott glauben Wir auf keinen Fall länger zögern zu dürfen, kraft Unserer höchsten Lehrvollmacht die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau als Glaubenssatz zu erklären und so den frommen Wünschen der katholischen Welt und Unserer eigenen Zuneigung zur allerseligsten Jungfrau entgegenzukommen und zugleich mit ihr ihren eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mehr und mehr zu ehren; denn auf den Sohn geht über, was der Mutter an Ehre und Lob erwiesen wird.

542 Nachdem Wir also ohne Unterlaß in Demut und mit Fasten Unsere persönlichen und auch die gemeinsamen Gebete der Kirche Gott dem Vater durch seinen Sohn dargebracht haben, auf daß er durch den Heiligen Geist Unseren Sinn leite und stärke, nachdem Wir auch den ganzen himmlischen Hof um seine Hilfe angefleht und inständigst den Heiligen Geist angerufen haben, erklären, verkünden und entscheiden Wir nun unter dem Beistand des Heiligen Geistes zur Ehre der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zum Ruhme und zur Verherrlichung der jungfräulichen Gottesmutter, zur Auszeichnung des katholischen Glaubens und zur Förderung der christlichen Religion, kraft der Autorität Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis auf Grund einer besonderen Gnade und Auszeichnung vonseiten des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers der ganzen Menschheit, von jeder Makel der Erbsünde bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und muß deshalb von allen Gläubigen fest und unabänderlich geglaubt werden.

Wenn also jemand, was Gott verhüten wolle, anders, als von Uns entschieden ist, im Herzen zu denken wagt, der soll wissen und wohI bedenken, daß er sich selbst das Urteil gesprochen hat, daß er im Glauben Schiffbruch erlitten hat und von der Einheit der Kirche abgefallen ist.

Alle diese verfallen außerdem durch ihre Tat schon den vom kirchlichen Rechte bestimmten Strafen, wenn sie das, was sie im Herzen sinnen, mündlich oder schriftlich oder auf was immer für eine Weise nach außen hin zur Kenntnis zu geben wagen.

543 So ist denn von Freude Unser Herz erfüllt und voll von Jubel Unsere Zunge. Wir sagen jetzt und immerdar Unserem Herrn Jesus Christus den demütigsten und höchsten Dank, daß er entgegen Unseren Verdiensten Uns die Gnade verliehen hat, diese Ehre, diesen Ruhm und diesen Lobpreis seiner heiligsten Mutter darzubringen und zu beschließen. Auf sie setzen wir Unsere ganze Hoffnung und Unser vollstes Vertrauen. Ist sie doch ganz schön und ohne Makel; sie hat das giftige Haupt der grausamen Schlange zertreten und der Welt das Heil gebracht; sie ist der Ruhm der Propheten und Apostel, die Ehre der Blutzeugen, die Freude und Krone der Heiligen, die sicherste Zuflucht und treue Helferin aller Gefährdeten des ganzen Erdkreises, die mächtige Mittlerin und Versöhnerin bei ihrem eingeborenen Sohne, der herrlichste Schmuck, die Zierde der heiligen Kirche und ihre unüberwindliche Schutzwehr; sie hat stets alle Irrlehren vernichtet und die gläubigen Völker und Nationen den größten Drangsalen entrissen und Uns selbst aus so manchen drohenden Gefahren befreit. Und so erwarten Wir denn von ihr, sie werde durch ihre mächtige Fürbitte bewirken, daß unsere heilige Mutter, die Kirche, nach Beseitigung aller Hindernisse, nach Überwindung aller Irrtümer unter allen Völkern und an allen Orten von Tag zu Tag an Kraft gewinne, blühe und herrsche von Meer zu Meer, vom großen Strom bis zu den Grenzen des Erdenrundes[13], daß sie des Friedens, der Ruhe und der Freiheit sich erfreue. Wir erwarten, daß sie den Schuldigen Verzeihung, den Kranken Heil, den Kleinmütigen Starkmut, den Betrübten Trost, den Gefährdeten Hilfe bringe und alle Irrenden nach Aufhellung der Finsternis des Geistes auf den Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit zurückführe, auf daß ein Hirt und eine Herde werde[14].

544 Diese Unsere Worte sollen vernehmen die Uns so teuern Söhne der katholischen Kirche; sie sollen fortfahren mit stets glühenderem Eifer der Frömmigkeit, der Liebe und Hingabe die seligste Gottesgebärerin und Jungfrau Maria, die ohne Makel der Erbsünde empfangen wurde, zu verehren, anzurufen und anzuflehen; sie sollen zur süßen Mutter der Barmherzigkeit und Gnade in jeglicher Gefahr, Angst und Not ihre Zuflucht nehmen und in Zweifeln und Furcht mit allem Vertrauen sich ihr nahen. Keine Furcht und kein Zweifel braucht den zu schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt. Zweifellos ist sie von Mutterliebe gegen uns erfüllt, sie sorgt für unser Heil und ist für das ganze Menschengeschlecht besorgt. Sie ist gesetzt vom Herrn als Königin des Himmels und der Erde, über alle Chöre der Engel erhaben und über alle Heiligen und steht zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wenn sie ihn mit ihren mütterlichen Bitten bestürmt, so hat sie Erfolg; sie findet, was sie von ihm zu erlangen sucht, und ihre Wünsche bleiben nicht unerfüllt.

545 Damit endlich die ganze Kirche zur Kenntnis dieser Unserer Definition über die Unbefleckte Empfängnis der allerseligsten Jungfrau gelange, so verordnen Wir, daß dieses Unser apostolisches Schreiben zum ewigen Gedächtnis aufbewahrt werde. Wir befehlen ferner, daß den abgeschriebenen oder gedruckten Exemplaren, die von einem öffentlichen Notar unterzeichnet und mit dem Siegel einer in kirchlichen Würden stehenden Person versehen sind, von allen jene Glaubwürdigkeit beigemessen wird, die man dem Original selbst beimessen würde, falls es zur Einsichtnahme dargeboten oder vorgelesen würde.

Niemandem sei es also gestattet, die Urkunde dieser Erklärung, Unseres Entscheides und Unserer Definition zu verletzen, noch sich ihr mit vermessenem Ansinnen zu widersetzen oder ihr entgegenzutreten. Wer sich aber erkühnen sollte, solches zu versuchen, der wisse, daß er den Zorn des Allmächtigen und seiner Apostel Petrus und Paulus auf sich ladet.

Gegeben zu Rom bei St. Peter im Jahr der Menschwerdung des Herrn 1854, am 8. Dezember, im 9. Jahre Unseres Pontifikates.

PAPST PlUS IX.


[1] Tob. 3,2.

[2] Weish. 8,1.

[3] Alexander VII., Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 739.

[4] Alexander VII, Konst. Sollicitudo, 8. Dezember 1661, BR XVI 740f.

[5] Vgl. Konzil von Trient, Sess. V., 17. Juni 1546, Denzinger Nr.792.

[6] Gen. 3,15.

[7] Luk. 1,28.

[8] Luk. 1,42.

[9] Luk. 1,49.

[10] Gen. 3,15.

[11] Vgl. Pius IX., Rundschreiben Ubi primum, 2. Februar 1849. Pii IX Acta, pars la, vol. I, p. 162. Typ. Bonarum Artium.

[12] Vgl. Pius IX., Ansprache Inter graves beim geheimen Konsistorium vom 1. Dez. 1854. Acta, Pars la, vol. I, p. 594. Typ. Bonarum Artium.

[13] Ps. 71,8.

[14] Joh. 10,16.

_______

Quelle

Benedikt XVI. zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria – 2005

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 40. JAHRESTAGES DES
ABSCHLUSSES DES II. ÖKUMENISCHEN VATIKANISCHEN KONZILS

PREDIGT VON BENEDIKT XVI.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau und Gottesmutter Maria
Donnerstag, 8. Dezember 2005

Liebe Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Vor 40 Jahren, am 8. Dezember 1965, vollzog Papst Paul VI. auf dem Vorplatz dieser Petersbasilika den feierlichen Abschluß des II. Vatikanischen Konzils. Es war nach dem Wunsch von Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962, damals Fest der Mutterschaft Mariens, eröffnet worden und fand seinen Abschluß am Tag der Unbefleckten Empfängnis. Ein marianischer Rahmen umgibt also das Konzil. Tatsächlich ist es aber viel mehr als ein Rahmen: Es ist eine Orientierung für den ganzen Verlauf des Konzils. Ebenso wie seinerzeit die Konzilsväter verweist es auch uns auf das Bild der Jungfrau, die zuhört, die im Wort Gottes lebt, die die Worte, die von Gott zu ihr gelangen, in ihrem Herzen bewahrt und die sie begreifen lernt, indem sie sie gleichsam zu einem Mosaik zusammenfügt (vgl. Lk 2,19.51); es verweist uns auf die große Glaubende, die sich demütig und vertrauensvoll in die Hände Gottes übergibt, indem sie sich seinem Willen überläßt; es verweist uns auf die demütige Mutter, die, wenn es die Sendung des Sohnes verlangt, in den Hintergrund tritt, und zugleich auf die mutige Frau, die unter dem Kreuz steht, während die Jünger die Flucht ergreifen. In seiner Ansprache anläßlich der Promulgation der Konzilskonstitution über die Kirche hatte Paul VI. Maria als »tutrix huius Concilii« – »Beschützerin dieses Konzils« – bezeichnet (vgl. Oecumenicum Concilium Vaticanum II, Constitutiones Decreta Declarationes, Vatikanstadt 1966, S. 986) und mit unverkennbarer Bezugnahme auf den von Lukas überlieferten Pfingstbericht (Apg 1,12–14) gesagt, die Konzilsväter hätten sich »cum Maria, Matre Iesu« – »mit Maria, der Mutter Jesu« – in der Konzilsaula versammelt und würden nun auch in ihrem Namen aus ihr hinausgehen (ebd., S. 985).

Unauslöschlich bleibt in meinem Gedächtnis der Augenblick, in dem sich die Konzilsväter, als sie seine Worte hörten: »Mariam Sanctissimam declaramus Matrem Ecclesiae« – »Wir erklären die seligste Jungfrau Maria zur Mutter der Kirche« –, spontan von ihren Sitzen erhoben und stehend applaudierten und auf diese Weise der Gottesmutter, unserer Mutter, der Mutter der Kirche huldigten. In der Tat faßte der Papst mit diesem Titel die marianische Lehre des Konzils zusammen und bot den Schlüssel zu deren Verständnis. Maria steht nicht nur in einer einzigartigen Beziehung zu Christus, dem Sohn Gottes, der als Mensch ihr Sohn werden wollte. Indem sie vollkommen mit Christus verbunden ist, gehört sie auch vollkommen zu uns. Ja, wir können sagen, Maria ist uns so nahe wie kein anderer Mensch, weil Christus Mensch für die Menschen ist und sein ganzes Sein ein »Sein für uns« ist. Christus als Haupt ist, wie die Konzilsväter sagen, nicht von seinem Leib, der Kirche, zu trennen; er bildet zusammen mit ihr sozusagen ein einziges lebendiges Subjekt. Die Mutter des Hauptes ist auch die Mutter der ganzen Kirche; sie wird sozusagen sich selbst vollkommen entzogen; sie gibt sich ganz Christus hin und wird mit ihm uns allen geschenkt. Denn je mehr sich die menschliche Person hingibt, um so mehr findet sie sich selbst.

Das Konzil wollte uns sagen: Maria ist so in das große Geheimnis der Kirche eingewoben, daß sie und die Kirche ebenso wenig voneinander zu trennen sind wie sie und Christus. Maria ist Spiegelbild der Kirche, sie nimmt sie in ihrer Person vorweg und bleibt in allen Turbulenzen, die die leidende und sich abmühende Kirche heimsuchen, immer der Stern des Heils. Sie ist ihre wahre Mitte, der wir vertrauen, auch wenn uns ihre Randbereiche so oft schwer auf der Seele lasten. Dies alles hat Papst Paul VI. bei der Verkündigung der Konstitution über die Kirche mittels eines neuen, tief in der Überlieferung verwurzelten Titels in der Absicht herausgestellt, die innere Struktur der auf dem Konzil entwickelten Lehre über die Kirche zu erhellen. Das II. Vaticanum sollte über die institutionellen Glieder der Kirche sprechen: über die Bischöfe und über den Papst, über die Priester, die Laien und die Ordensleute in ihrer Gemeinschaft und in ihren Beziehungen zueinander; es sollte die pilgernde Kirche beschreiben, »die in ihrem eigenen Schoß Sünder umfaßt; die zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig ist…« (Lumen gentium, 8). Aber diese »petrinische« Dimension der Kirche ist in jener »marianischen« Dimension enthalten. In Maria, der unbefleckt Empfangenen, begegnen wir dem unentstellten Wesen der Kirche. Von ihr sollen wir lernen, selber zu »kirchlichen Seelen« zu werden, wie sich die Konzilsväter ausdrückten, damit auch wir, nach dem Wort des hl. Paulus, »schuldlos« vor den Herrn treten können, so wie er uns von Anfang an haben wollte (vgl. Kol 1,22; Eph 1,4).

Aber nun müssen wir uns fragen: Was bedeutet »Maria, die unbefleckt Empfangene«? Hat uns dieser Titel etwas zu sagen? Die Liturgie des heutigen Tages erklärt uns den Inhalt dieses Wortes in zwei großartigen Bildern. Da ist zuerst der wundervolle Bericht von der Ankündigung des Kommens des Messias an Maria, die Jungfrau aus Nazaret. Der Gruß des Engels ist aus Fäden des Alten Testaments, besonders aus dem Buch des Propheten Zefanja, gewoben. Er zeigt, daß Maria, die einfache Frau aus der Provinz, die aus einem priesterlichen Geschlecht stammt und das große priesterliche Erbe Israels in sich trägt, der »heilige Rest« Israels ist, auf den sich die Propheten zu allen Zeiten der Drangsal und Finsternis bezogen haben. In ihr ist das wahre, das reine Zion, die lebendige Wohnstatt Gottes, gegenwärtig. In ihr wohnt der Herr, in ihr findet er seinen Ort der Ruhe. Sie ist das lebendige Haus Gottes, der nicht in steinernen Häusern wohnt, sondern im Herzen des lebendigen Menschen. Sie ist der Sproß, der in der dunklen Winternacht der Geschichte aus dem Baumstumpf Davids hervorsprießt. In ihr erfüllt sich das Psalmwort: »Das Land gab seinen Ertrag« (Ps 67,7). Sie ist der junge Trieb, aus dem der Baum der Erlösung und der Erlösten heranwächst. Gott ist nicht gescheitert, wie es gleich am Anfang der Geschichte mit Adam und Eva oder während des Babylonischen Exils vielleicht scheinen mochte und wie es sich zur Zeit Mariens neuerlich abzuzeichnen schien, als Israel zu einem bedeutungslosen Volk in einem besetzten Land geworden war, wo kaum Zeichen seiner Heiligkeit zu erkennen waren. Gott ist nicht gescheitert. In der Schlichtheit des Hauses von Nazaret lebt das heilige Israel, der lautere Rest. Gott hat sein Volk gerettet und rettet es auch weiterhin. Seine Geschichte beginnt von neuem zu leuchten von dem Baumstumpf aus, der zu einer neuen lebendigen Kraft wird, die Orientierung gibt und die Welt durchdringt. Maria ist das heilige Israel; sie sagt »Ja« zum Herrn, sie stellt sich ihm voll zur Verfügung und wird so zum lebendigen Tempel Gottes.

Das zweite Bild ist viel schwieriger und dunkler. Diese Metapher aus dem Buch Genesis spricht zu uns aus einer großen historischen Distanz und läßt sich nur mühsam erklären; erst im Laufe der Geschichte war es möglich, ein tieferes Erfassen des dort Berichteten zu entwickeln. Es wird vorausgesagt, daß während der ganzen Geschichte der Kampf zwischen dem Menschen und der Schlange, das heißt zwischen dem Menschen und den Mächten des Bösen und des Todes, weitergehen wird. Es wird jedoch auch vorhergesagt, daß »die Nachkommenschaft« der Frau eines Tages siegen und der Schlange, dem Tod, den Kopf zertreten wird; es wird vorhergesagt, daß die Nachkommenschaft der Frau – und in ihr die Frau und Mutter – siegen wird und daß auf diese Weise, nämlich durch den Menschen, Gott siegen wird. Wenn wir zusammen mit der glaubenden und betenden Kirche hörend an diesen Text herangehen, dann können wir beginnen zu verstehen, was die Ursünde, die Erbsünde ist, und auch, was der Schutz vor dieser Erbsünde ist, was die Erlösung ist.

Was für ein Bild wird uns in diesem Abschnitt vor Augen geführt? Der Mensch vertraut nicht auf Gott. Von den Worten der Schlange verführt, hegt er den Verdacht, daß Gott letzten Endes ihm etwas von seinem Leben wegnehme, daß Gott ein Konkurrent sei, der unsere Freiheit einschränke, und daß wir erst dann im Vollsinn Menschen sein würden, wenn wir Gott zurückgesetzt haben; kurz, daß wir nur auf diese Weise unsere Freiheit voll verwirklichen können. Der Mensch lebt in dem Verdacht, die Liebe Gottes erzeuge eine Abhängigkeit und er müsse sich von dieser Abhängigkeit befreien, um vollkommen er selbst zu sein. Der Mensch will seine Existenz und die Fülle seines Lebens nicht von Gott empfangen. Er will selber vom Baum der Erkenntnis die Macht dazu erlangen, die Welt zu formen, Gott zu werden, indem er sich auf eine Stufe mit Ihm erhebt, und den Tod und die Finsternis mit eigener Kraft zu besiegen. Er will nicht auf die Liebe zählen, die ihm nicht zuverlässig erscheint; er zählt einzig und allein auf die Erkenntnis, da sie ihm die Macht verleiht. Anstatt auf die Liebe setzt er auf die Macht, mit der er sein Leben selbständig in die Hand nehmen möchte. Und indem er das tut, vertraut er der Lüge statt der Wahrheit und stürzt so mit seinem Leben ins Leere, in den Tod. Liebe ist nicht Abhängigkeit, sondern Geschenk, das uns leben läßt. Die Freiheit eines Menschen ist die Freiheit eines begrenzten Wesens und ist daher selbst begrenzt. Wir können sie nur als geteilte Freiheit, in der Gemeinschaft der Freiheiten, besitzen: Nur wenn wir in rechter Weise miteinander und füreinander leben, kann sich die Freiheit entfalten. Aber wir leben in rechter Weise, wenn wir gemäß der Wahrheit unseres Seins, das heißt nach dem Willen Gottes leben. Denn der Wille Gottes ist für den Menschen nicht ein ihm von außen auferlegtes Gesetz, das ihn einengt, sondern das seiner Natur wesenseigene Maß, ein Maß, das in ihn eingeschrieben ist und ihn zum Abbild Gottes und somit zum freien Geschöpf macht. Wenn wir gegen die Liebe und gegen die Wahrheit – also gegen Gott – leben, zerstören wir uns gegenseitig und zerstören die Welt. Dann finden wir nicht das Leben, sondern handeln im Interesse des Todes. Das alles wird mit den unvergänglichen Bildern in der Geschichte vom Sündenfall und von der Vertreibung des Menschen aus dem irdischen Paradies erzählt.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn wir über uns und über unsere Geschichte aufrichtig nachdenken, müssen wir sagen, daß mit diesem Bericht nicht nur die Geschichte des Anfangs, sondern die Geschichte aller Zeiten beschrieben wird und daß wir alle einen Tropfen des Giftes von jener Denkweise in uns tragen, wie sie in den Bildern aus dem Buch Genesis veranschaulicht wird. Diesen Gifttropfen nennen wir Erbsünde. Gerade am Hochfest der Unbefleckten Empfängnis taucht in uns der Verdacht auf, daß eine Person, die gar nicht sündigt, im Grunde genommen langweilig sei; daß etwas in ihrem Leben fehle, nämlich die dramatische Dimension, autonom zu sein; daß die Freiheit, nein zu sagen, hinabzusteigen in die Dunkelheiten der Sünde und des Selber-machen-Wollens zum wahren Menschsein gehöre; daß man nur dann die ganze Weite und Tiefe unseres Menschseins, des wahren Wir-selbst-Seins bis zum Letzten ausnützen könne; daß wir diese Freiheit auch gegen Gott auf die Probe stellen müssen, um wirklich voll und ganz wir selbst zu werden. Mit einem Wort, wir meinen, daß das Böse im Grunde genommen gut sei, daß wir es, zumindest ein wenig, brauchen, um die Fülle des Seins zu erleben. Wir meinen, daß Mephistopheles – der Versucher – Recht habe, wenn er sagt, daß er die Kraft sei, die »stets das Böse will und stets das Gute schafft« (J. W. von Goethe, Faust I, 3). Wir meinen, ein wenig mit dem Bösen zu paktieren, sich ein wenig Freiheit gegen Gott vorzubehalten, sei im Grunde genommen gut, vielleicht sogar notwendig.

Wenn wir uns allerdings die Welt um uns herum anschauen, können wir sehen, daß es sich eben nicht so verhält; daß vielmehr das Böse den Menschen immer vergiftet, ihn nicht erhöht, sondern ihn erniedrigt und demütigt, ihn nicht größer, reiner und reicher macht, sondern ihm schadet und ihn kleiner werden läßt. Das müssen wir vor allem am Tag der Unbefleckt Empfangenen lernen: Der Mensch, der sich vollkommen in die Hände Gottes übergibt, wird keine Marionette Gottes, keine langweilige, angepaßte Person; er verliert seine Freiheit nicht. Nur der Mensch, der sich ganz Gott anvertraut, findet die wahre Freiheit, die große und schöpferische Weite der Freiheit des Guten. Der Mensch, der sich zu Gott hinwendet, wird nicht kleiner, sondern größer, denn durch Gott und zusammen mit Ihm wird er groß, wird er göttlich, wird er wirklich er selbst. Der Mensch, der sich in die Hände Gottes übergibt, entfernt sich nicht von den anderen, indem er sich in sein privates Heil zurückzieht; im Gegenteil, nur dann erwacht sein Herz wirklich und er wird zu einer einfühlsamen und daher wohlwollenden und offenen Person.

Je näher der Mensch Gott ist, desto näher ist er den Menschen. Das sehen wir an Maria. Der Umstand, daß sie ganz bei Gott ist, ist der Grund dafür, daß sie auch den Menschen so nahe ist. Deshalb kann sie die Mutter jeden Trostes und jeder Hilfe sein: Jeder kann es in seiner Schwachheit und Sünde wagen, sich in jeder Art von Not an diese Mutter zu wenden, denn sie hat Verständnis für alles und ist die für alle offene Kraft der schöpferischen Güte. Ihr hat Gott sein Bild aufgeprägt, das Bild dessen, der dem verlorenen Schaf bis in die Berge und bis in die Stacheln und Dornen der Sünden dieser Welt nachgeht, indem er sich von der Dornenkrone dieser Sünden verwunden läßt, um das Schaf auf seine Schultern zu nehmen und es nach Hause zu tragen. Als Mutter, die mitleidet, ist Maria die vorweggenommene Gestalt und das bleibende Bildnis des Sohnes. Und so sehen wir, daß auch das Bild der Schmerzensmutter, der Mutter, die das Leiden und die Liebe des Sohnes teilt, ein wahres Bild der Immaculata ist. Ihr Herz hat sich durch das Mit-Gott-Leben und Mit-Gott-Fühlen geweitet. In ihr ist uns Gottes Güte sehr nahe gekommen. So steht Maria vor uns als Zeichen des Trostes, der Ermutigung und der Hoffnung. Sie wendet sich an uns und sagt: »Hab’ Mut, es mit Gott zu wagen! Versuche es! Hab’ keine Angst vor Ihm! Hab’ Mut, das Wagnis des Glaubens einzugehen! Hab’ Mut, dich auf das Wagnis der Güte einzulassen! Laß dich für Gott gewinnen, dann wirst du sehen, daß gerade dadurch dein Leben weit und hell wird, nicht langweilig, sondern voll unendlicher Überraschungen, denn Gottes unendliche Güte erschöpft sich niemals!«

Wir wollen an diesem Festtag dem Herrn danken für das große Zeichen seiner Güte, das er uns in Maria, seiner Mutter und der Mutter der Kirche, geschenkt hat. Wir wollen ihn bitten, Maria auf unserem Weg Raum zu geben – als Licht, das uns hilft, unsererseits zum Licht zu werden und dieses Licht in die Nächte der Geschichte hineinzutragen. Amen.

_______

Quelle

MARIA IMMACULATA – Die Unbefleckte Empfängnis – nach dem seligen P. Maximilian Kolbe

(Übernahme des Textes der 1976 erschienenen Broschüre
der „Gemeinschaft aktiver Katholiken [GAK], D-7521 Ubstadt-Weiher:)

Aus der Ansprache Papst Pauls VI. bei der Seligsprechung:

„Der Name, das Schaffen und die Sendung des seligen Kolbe können nicht getrennt werden vom Namen Mariens, der unbefleckt Empfangenen . . . Wie die gesamte katholische Lehre, Liturgie und Frömmigkeit, so sieht auch Kolbe Maria in  den GÖTTLICHEN Plan eingeordnet. Nach ihm hat sie einen ,unbestreitbaren Platz im ewigen Ratschluß‘: er sieht sie als voll der Gnade, als Sitz der Weisheit, zur Mutterschaft CHRISTI vorherbestimmt, als Königin des messianischen Reiches. Gleichzeitig ist sie für ihn die Magd des HERRN, die an der Fleischwerdung des WORTES in unersetzbarer Weise mitwirkte, die Mutter des Mensch gewordenen GOTTES, unseres Erlösers . . . Der Selige und mit ihm die Kirche verdienen wegen ihrer Begeisterung in der Verehrung der allerseligsten Jungfrau keinen Vorwurf. In  Anbetracht des Segens, der auf ihr ruht, kann diese Verehrung nie groß genug sein, gerade wegen des Geheimnisses der Bindung Marias an CHRISTUS, das im Neuen Testament einen überzeugenden Ausdruck findet. Ebensowenig besteht die Gefahr einer ,Idolatrie Mariens`, wie die Sonne je durch den Mond verdeckt werden könnte . . . Charakteristisch, aber keineswegs neu ist es, wenn der selige Kolbe der besonderen Verehrung Mariens große Bedeutung beimißt im Blick auf die Bedürfnisse der Kirche, auf Marias prophetisch-wirksame Vorausschau der Verherrlichung des HERRN, im Blick auf die Erhöhung der Demütigen, auf die Macht ihrer Fürbitte, das Strahlende ihres Beispiels und ihre mütterliche Liebe, die uns nahe ist. Das Konzil hat uns in dieser Sicherheit bestärkt, und nun lehrt und hilft Pater Kolbe vom Himmel aus, darüber nachzudenken und unser Leben entsprechend zu gestalten.

Diese Ausrichtung des Seligen auf Maria reiht ihn unter die großen Heiligen und  Seher, die das Geheimnis Marias gesehen, verehrt und besungen haben.“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir  nehmen“ (Paris 1830)

„Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren” (Fatima)

 

I. DER RITTER DER IMMACULATA

Pater Maximilian Kolbe, OFM, wurde am 7. Januar 1894 in Zdunska-Wola bei Lodz (Polen) geboren. Seine einfachen, frommen Eltern — der Vater war Lohnweber — ließen ihn auf den Namen Raimund taufen. Der Knabe war wahrheitsliebend, draufgängerisch, unternehmungslustig. Als er zehn Jahre alt war, erschien ihm — wie er der Mutter offenbarte — die heilige Jungfrau. Sie zeigte ihm zwei Kränze (Kronen), sah ihn liebevoll an und sagte: „Welchen willst du? Der weiße Kranz bedeutet, daß du die Reinheit bewahren wirst, der rote bedeutet, daß du als Märtyrer stirbst.“ Der Knabe antwortete der GOTTESmutter: „Ich wähle beide.“ Da lächelte sie und verschwand.

Im Jahr 1907 trat er in das Knabenseminar der Minoriten in Lemberg ein. 1911 legte er die zeitlichen Gelübde ab. Im Herbst 1912 wurde er von den Oberen zum Studium nach Rom geschickt. Durch Anwendung von Lourdeswasser wird er vor dem Verlust des rechten Daumens (eitriger Abszeß) bewahrt. In diesem Zusammenhang spricht er zum ersten Mal von der Immaculata („Niepokalana“). Er sollte zu ihrem heiligen Ritter werden.

Am Allerheiligentag 1914 legte er in Rom die ewigen Gelübde ab, am 28. April 1918 fand dort seine Priesterweihe statt. In seiner Studienzeit in Rom gründete er mit sechs Gefährten den „Kreuzzug der Unbefleckten Jungfrau“ — die Militia Immaculatae (übrigens wenige Tage nach dem Sonnenwunder in Fatima!). Anlaß dafür war ein Erlebnis in Rom: Am 24. Juni 1917 hatten die Freimaurer ihr zweihundert‑jähriges Bestehen gefeiert; auf dem Petersplatz wurden Satansbanner herumgetragen, auf denen die Losung stand: „Satan soll im Vatikan herrschen, der Papst wird sein Sklave sein.“ P. Kolbe schreibt in einem 1935 auf Weisung des Oberen verfaßten Dokument über die Entstehung der Militia Immaculatae darüber: „Als die Freimaurer begannen, sich immer schamloser zu ereifern und ihr Banner sogar direkt unter den Fenstern des Vatikans aufgepflanzt hatten, dieses Banner, auf dem, auf schwarzem Grund, Luzifer den Erzengel Michael mit Füßen trat, als sie begannen, Flugblätter zu verteilen, in denen der Heilige Vater beschimpft wurde, entstand der Gedanke, eine Vereinigung zu gründen, deren Aufgabe es sein sollte, die Freimaurer und andere Abgesandte Luzifers zu bekämpfen“, eben die M. I. Als Doktor der Philosophie und Theologie (summa cum laude) kehrte P. Maximilian 1919 nach Polen zurück. Er war sehr krank — Tuberkulose. Die Ärzte rechneten mit seinem baldigen Tod. Beim Aufenthalt im Sanatorium erlangte er durch Vorträge auffallende Bekehrungen bei Freigeistern. 1922 gibt er die erste Nummer einer Zeitschrift heraus — sie hat den Titel „Der Ritter der Unbefleckten“. Die Kosten deckt er aus zusammengebettelten Spenden. Aus dem Nichts, nur im Vertrauen auf die Immaculata, wächst diese Zeitschrift – 1939 hat sie eine Auflage von einer Million. Weitere christliche Presseerzeugnisse kommen hinzu, die „Stadt der Immaculata“ (Niepokalanow) mit einer Großdruckerei entsteht. 700 Ordens­brüder arbeiten dort.

1930 reist er nach Japan. Vier Wochen nach der Ankunft berichtet der arme Missio­nar nach Polen: „Versenden heute erste Nummer. Haben Druckerei. Hoch die Un­befleckte!“ Zwei Jahre danach fährt er nach Indien, um dort den dritten Stütz­punkt der Immaculata zu gründen; dann Rückkehr nach Japan und Bau einer Kirche.

1936 kehrte er nach Polen zurück und wurde zum Guardian von Niepokalanow gewählt: neue Aufgaben, neue Zeitschriften, Vorträge . . . Doch es ging ihm nicht um äußere Erfolge, sondern um die Seelen. Alles ist vom Gebet getragen. 1939 beginnt der Krieg. P. Maximilian und die meisten seiner Mitbrüder von Niepokalanow kommen in ein Lager — am Tag der Unbefleckten Empfängnis werden sie freigelassen. Ein Jahr später gelingt es nochmals, eine Nummer der Zeit­schrift erscheinen zu lassen. Am 17. Februar 1941 wird er verhaftet; bei einer SS-Inspektion schlägt man ihn brutal zusammen. Als er wieder zu sich kommt, beruhigt er seine Leidensgefährten: „Meine Freunde, ihr müßt euch mit mir freuen: dies ist für die Seelen, für die Immaculata!“ Am 29. Mai 1941 kommt er ins Konzentra­tionslager Auschwitz, in die schlimmste Abteilung. Er bekommt Nummer 16670. Schließlich bietet er sein Leben an für einen Familienvater und stirbt im Hunger­bunker: ein leuchtender Glanz liegt auf dem Antlitz des Toten — der Glanz der Immaculata, die ihren treuen Ritter zu sich gerufen hatte. Es war der 14. August 1941, Vigil des Festes Mariä Himmelfahrt.

 

II. WORTE UND GEDANKEN PATER MAXIMILIAN KOLBES
ÜBER DIE IMMACULATA

1. Die Immaculata im Herzen der Dreifaltigkeit

Alles kommt vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST und kehrt wieder zurück zum VATER durch den HEILIGEN GEIST und den SOHN. Alle Gnaden kommen vom VATER durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST. Jedes Geschöpf kommt zum Sein durch GOTT. GOTT allein existiert durch Sich selbst. Alles, was wir sind, empfangen wir jeden Augenblick vom Wesen GOTTES her, dies gilt selbst für die Menschheit JESU; und unsere heiligste Mutter ist auch nur ein Geschöpf GOTTES. In diesem Sinn, durch sich selbst also, ist sie nichts. Das, was sie hat, hat sie von GOTT empfangen. Es ist wahr: die Immaculata ist ein Geschöpf wie alle anderen, vollkommen abhängig von ihrem Schöpfer. Aber sie ist das vollkommenste, das heiligste Geschöpf. Bonaventura sagt: „GOTT hätte eine vollkommenere und größere Welt erschaffen können, aber ER konnte nichts Wür­digeres erschaffen als Maria.“

Die irdische Mutter ist das Bild der himmlischen Mutter, wie die himmlische Mutter das Bild der Güte GOTTES, des Herzens GOTTES ist. Die Vollkommenheiten, die ausstrahlen vom Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, spiegeln sich wider in den Geschöpfen wie in einem vielfachen Echo. Und durch die Geschöpfe erhebt sich unser Herz bis zu der Erkenntnis der Liebe GOTTES in der Heiligsten Dreifaltig­keit. Aber unser Herz liebt auch diese Widerspiegelungen der Liebe GOTTES: näm­lich die Geschöpfe; denn sie kommen von GOTT, sie sind von GOTT geschaffen und ganz auf GOTT hin geschaffen.

Pius XII.: „Wie schön muß die Jungfrau sein . . .! Gewiß hat GOTT im Antlitz Seiner eigenen Mutter allen Glanz Seiner GÖTTLICHEN Schöpferkunst vereint. Der Blick Mariens, das Lächeln Mariens, die Sanftmut Mariens, die Schönheit Mariens unterscheiden sie von allen anderen Geschöpfen die neben ihr nur wie ein Schatten erscheinen. Gott hat in den Blick Mariens etwas von Seiner GÖTTLICHEN Würde gelegt. Ein Strahl der Schönheit GOTTES leuchtet auf in den Augen Seiner Mutter.“

Die Immaculata, Gipfel der geschaffenen Liebe, Echo GOTTES, voll der Gnade. Dann tritt in diese Welt die Unbefleckte, ohne den geringsten Makel der Sünde: das Meisterwerk aus den Händen GOTTES, voll der Gnade. GOTT, die Allerheiligste Dreifaltigkeit, schaut herab auf die Niedrigkeit, d. h. die Demut (Wurzelgrund aller Tugenden) seiner Magd und tut an ihr große Dinge, ER, der allmächtig ist. Voll der Gnaden — ja, wahrhaftig, keine Gnade konnte ihr fehlen. Welche Schön­heit der Gnadenfülle, dessen Überfluß sich überströmend auf uns ergießt, oder vielmehr, diese Fülle ist die Quelle der Gnaden für uns. Und diese Gnade, die dann in uns ist, bindet uns an sie und durch sie an GOTT.

Pius XII.: „GOTT hat in die Seele Mariens durch ein Wunder Seiner All­macht die Fülle Seiner Reichtümer gelegt.“

Wir wissen, daß die Mutter GOTTES die vollkommenste aller Kreaturen ist. Sie ist die Unbefleckte, voll der Gnade, ganz schön. GOTT empfängt durch sie Seinen größten Ruhm.

2. Vatikanisches Konzil: „Durch dieses hervorragende Gnadengeschenk hat sie bei weitem den Vorrang vor allen anderen himmlischen und irdischen Kreaturen.“ (LG 53)

Der Gipfel der Liebe eines Geschöpfes, das sich zu GOTT hinwendet, ist die Un­befleckte: dies Wesen ohne Makel der Sünde, ganz schön, ganz göttlich.* In kei­nem Augenblick hat sich ihr Wille vom Willen GOTTES entfernt. Mit ihrem ganzen Willen hängt sie GOTT an. Durch sich selbst ist sie nichts, wie alle anderen Krea­turen; aber durch GOTT ist sie die vollkommenste aller Kreaturen: das vollkom­menste Bild des GÖTTLICHEN Wesens in einer rein menschlichen Kreatur. Die Unbefleckte hatte keinen Makel, d. h. daß ihre Liebe immer vollkommen war, ohne einen Fehler. Sie hat GOTT mit ihrem ganzen Wesen geliebt und diese Liebe hat sie schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an so vollkommen mit GOTT ver­eint, daß der Engel am Tage der Verkündigung sagen konnte: „Voll der Gnade, der HERR ist mit Dir.“ Sie ist also Geschöpf GOTTES, Eigentum GOTTES, Bild GOTTES, Kind GOTTES, und dies auf die vollkommenste Art und Weise unter allen reinen Geschöpfen.** Man muß zu begreifen suchen, daß GOTT in Seiner schöpferischen Allmacht die Immaculata ganz heilig erschaffen hat. Als Geschöpf ist sie uns nahe, als Mutter GOTTES berührt sie die GOTTHEIT. Die Immaculata ist der höchste Gipfel der Vollkommenheit und der Heiligkeit unter allen Geschöp­fen. Niemand kann diesen Gipfel der Gnaden erreichen; denn die Mutter ist die ein­zige. Die Immaculata ist die Schwelle zwischen GOTT und den Kreaturen. Sie ist der getreue Spiegel der Vollkommenheiten GOTTES und Seiner Heiligkeit.

 

2. Die Immaculata und die drei Personen in GOTT

„Unbefleckte Empfängnis“, diese Worte hat die Immaculata selbst gesprochen;*** also müssen diese Worte genau und vollkommen das zum Ausdruck bringen, was ihr innerstes Wesen ist.

Wer bist Du, Unbefleckte Empfängnis?

Wer ist der VATER? Welches ist Sein persönliches Leben? Es ist: zu zeugen — denn

* Im Sinn von „vergöttlicht“.
** CHRISTUS, der GOTTmensch, ist der Schönste unter allen Menschenkindern, aber er ist kein ‚reines‘ Geschöpf, sondern GOTT in Person.
*** In Lourdes.

ER zeugt ewiglich den SOHN. Wer ist der SOHN? Der, der geboren wird aus dem VATER, ewig geboren aus dem VATER ( „gezeugt, nicht geschaffen“).

Und wer ist der HEILIGE GEIST? ER ist die Frucht der Liebe des VATERS und des SOHNES.

Die Frucht der geschaffenen Liebe ist eine geschaffene Empfängnis. Aber das Urbild dieser Liebe (nämlich der HL. GEIST) ist notwendigerweise selbst „Empfängnis“. Der HL. GEIST ist also die ewige, ungeschaffene „Empfängnis“, das Urbild allen Lebens, das im Kosmos empfangen wird.

Der VATER zeugt, der SOHN ist gezeugt und der HEILIGE GEIST ist die daraus hervorgehende Empfängnis und dies ist ihr persönliches Leben, durch das sich die drei GÖTTLICHEN Personen unterscheiden. Aber sie sind eins in derselben Natur, eins im GÖTTLICHEN Wesen. Der HEILIGE GEIST ist als die allerheiligste Unbefleckte Empfängnis unendlich heilig.

Das Universum spiegelt diese Unterscheidung und Einigung wider, wie sie in der Dreifaltigkeit ist. In allem Geschaffenen spiegelt sich die Dreifaltigkeit wider in den Aktionen der geschaffenen Dinge.* Die Einigung ist die Liebe, die schöpfe­rische Liebe. GOTT schuf das Universum, zur Unterscheidung von IHM. Und die Geschöpfe streben nach Vervollkommnung gemäß den Gesetzen, die GOTT in sie gelegt hat; sie werden IHM ähnlich, kehren zu IHM zurück. Und die intelligenten Geschöpfe lieben IHN auf bewußte Art und durch diese Liebe vereinigen sie sich mit IHM immer mehr und kehren zu IHM zurück. Jenes Geschöpf aber, das am voll­kommensten von dieser Liebe erfüllt ist, von der GÖTTLICHKEIT erfüllt ist: das ist die Immaculata, ohne Makel der Sünde, die sich in nichts vom Willen GOTTES je entfernt hat, in unaussprechlicher Weise mit dem HEILIGEN GEIST als Braut vereinigt, in einem unaussprechlich vollkommeneren Sinn als man es sonst bei den Geschöpfen sagen kann. Welcher Art ist nun diese Vereinigung? Sie ist vor allem ganz innerlicher Art: Einigung ihres Wesens mit dem Wesen des HEILIGEN GEISTES. Der HEILIGE GEIST wohnt in ihr, lebt in ihr, und dies schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an, von Anfang und für immer.

Und worin besteht dieses Leben des HEILIGEN GEISTES in ihr? Es ist die LIEBE in ihr, die LIEBE des VATERS und des SOHNES, die LIEBE, mit der sich GOTT Selbst liebt, die LIEBE der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, fruchtbare LIEBE, EMP­FÄNGNIS. Bei den geschaffenen Wesen, die in Ähnlichkeit mit GOTT geschaffen sind, ist die Vereinigung durch die Liebe die innigste Vereinigung. Auf eine noch präzisere Art, noch viel innerlicher, noch viel wesentlicher lebt der HEILIGE GEIST in der Seele der Immaculata . . . und dies seit dem ersten Augenblick ihres Daseins, ihr ganzes Leben hindurch und immer.

Diese ewige UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS (nämlich der HEILIGE GEIST) empfängt auf unbefleckte Weise das GÖTTLICHE Leben in den Tiefen der Seele Mariens: das ist ihre Unbefleckte Empfängnis. Und der jungfräuliche Schoß

* Vgl. B. Philbert, „GOTT der Dreieine“.

Mariens ist für IHN bewahrt und ER wirkt dort die Empfängnis in der Zeit, so wie alles, was materiell ist, sich in der Zeit vollzieht – auch das menschliche Leben des GOTTmenschen.

Und sie, eingesenkt in die Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, wird schon vom ersten Augenblick ihres Daseins an und für immer die „Ergänzung“ (complement) der Allerheiligsten Dreifaltigkeit.

In der Vereinigung des HEILIGEN GEISTES mit ihr – das ist nicht nur einfachhin die Liebe zweier Wesen – ist auf der einen Seite die Liebe der Heiligsten Dreifaltig­keit und auf der anderen Seite die ganze Liebe der Schöpfung, und in dieser Ver­einigung der Liebe vereinigen sich Himmel und Erde, der ganze Himmel mit der ganzen Erde, die ganze Ewige Liebe mit der ganzen geschaffenen Liebe*. „Der HERR ist mit Dir“ – o wahrhaftig, GOTT ist immer mit ihr, ganz innig, ganz vollkommen. Ist sie nicht gewissermaßen wie ein „Teil“ der Allerheiligsten Dreifaltigkeit?** GOTT der VATER: ihr Vater. GOTT der SOHN: ihr Sohn. GOTT der HEILIGE GEIST: ihr Bräutigam. Und überall wohin sie geht, trägt sie mit sich die Heiligste Dreifaltigkeit. Wie wahr sind doch die Worte: Alles im Uni­versum vollendet sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILI­GEN GEISTES – durch die Immaculata . . . da, wo sie abwesend ist, da ist auch GOTT, da ist auch JESUS abwesend; und da, wo sie ist, da ist auch die HEILIGSTE DREIFALTIGKEIT.

Pius XII.: „Erstgeborene Tochter des VATERS, vollkommene Mutter des SOHNES, bevorzugte Braut des HEILIGEN GEISTES.“

2. Vatikanisches Konzil: „Im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes auf erhabenere Weise erlöst und mit Ihm in enger und unauflöslicher Ver­bindung geeint, ist sie mit dieser höchsten Aufgabe und Würde beschenkt, die Mutter des SOHNES GOTTES und daher die bevorzugt geliebte Tochter des VATERS und das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES zu sein.“ (LG 53)

Wer ist die Immaculata und wie lernen wir sie kennen?

Vor CHRISTUS war das Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit sozusagen nicht bekannt. Damit die Welt es kennenlernen konnte, wurde die zweite Person der Tri­nität Mensch und kam in diese Welt; das war der erste Schritt zur vollkommenen Erkenntnis GOTTES. Aber damit der SOHN GOTTES besser bekannt wurde, mußte der HEILIGE GEIST kommen – die dritte Person der Heiligsten Dreifal­tigkeit.

In GOTT VATER gibt es eine einzige Natur, eine einzige Person. Im SOHNE GOTTES gibt es eine Person und zwei Naturen. Im HEILIGEN GEIST gibt es so

* Himmel und Erde vereinigen sich in ihr und durch sie: im GOTTmenschen JESUS CHRISTUS.
** Vgl. Worte Mariens bei der Erscheinung am 12. 4. 1947 in Tre Fontane in Rom: „Ich bin jene, die hineingenommen ist in das geheimnisvolle Leben des Dreieinigen GOTTES.“

etwas wie zwei Personen und zwei Naturen; denn die heiligste Mutter ist sehr eng mit dem HL. GEIST verbunden. Es wird uns schwierig, dies zu begreifen: die Imma­culata ist so etwas wie die „Inkarnation“ des HL. GEISTES. Die heilige Jungfrau ist da, damit der HEILIGE GEIST besser bekannt sei.*

Die Einheit zwischen dem HEILIGEN GEIST und der Immaculata ist so unaus­sprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST nur durch seine Braut, die Imma­culata, handelt . . ., und indem wir die Immaculata ehren, verehren wir auf eine besondere Art den HL. GEIST. In ihr lieben wir den HL. GEIST und durch sie den SOHN. Der HEILIGE GEIST ist sehr wenig bekannt.

Papst Paul VI.: „Es ist angebracht, hier einen der wesentlichen Glau­bensinhalte entsprechend hervorzuheben: die Person und das Wirken des HEILIGEN GEISTES (im Hinblick auf Maria). Die theologischen Stu­dien und die Liturgie haben in der Tat aufgezeigt, wie das heiligende Ein­greifen GOTT des HEILIGEN GEISTES bei der Jungfrau von Nazaret ein Höhepunkt seines Wirkens in der Heilsgeschichte gewesen ist . . . In noch tieferer Ergründung des Geheimnisses der Menschwerdung sahen sie (hl. Väter und kirchliche Schriftsteller) in der geheimnisvollen Bezie­hung HEILIGER GEIST — Maria einen bräutlichen Aspekt . . . und nannten sie das Heiligtum des HEILIGEN GEISTES, eine Formulierung, die den Charakter der Heiligkeit Mariens unterstreicht, die der ständige Wohnsitz des GOTTESGEISTES geworden ist.“ (Marialis Cultus 26)

Papst Paul VI.: „. . . aufzufordern, die Überlegungen über das Wirken des GEISTES in der Heilsgeschichte zu vertiefen . . . Aus einer solchen theologischen Vertiefung wird vor allem die geheimnisvolle Beziehung zwischen dem GEISTE GOTTES und der Jungfrau von Nazaret und ihrer beider Einwirkung auf die Kirche deutlich hervortreten; und aus den tiefer meditierten Glaubensinhalten wird eine intensiver gelebte Frömmigkeit erwachsen.“ (Marialis Cultus 27)

Der Wille der Immaculata ist ganz mit dem Willen des HEILIGEN GEISTES ver­einigt: er besitzt sie vollkommen.

GOTT hat uns diese ganz reine Leiter gegeben und ER will, daß wir auf dieser Leiter bis zu IHM gelangen. Aber man kann eher sagen, daß sie uns, indem sie uns an ihr Herz drückt, bis zu GOTT emporträgt. In Wirklichkeit (d. h. auch wenn es uns nicht bewußt ist) sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich der Immaculata geweiht, und durch sie vollständig und gänzlich und ausschließlich JESUS und in IHM und durch IHN sind wir vollständig, gänzlich und ausschließlich unserem VATER im Himmel geweiht.

* Man könnte es auch so formulieren: Wie CHRISTUS in Seiner Menschheit das Bild des VATERS ist, so ist Maria das Bild des HL. GEISTES.

Jede Seele, die sich ohne Einschränkung der Immaculata hingibt, bezeugt damit, daß sie in ihr und durch sie wünscht, den HERRN JESUS zu finden und durch JESUS zu GOTT VATER zu kommen.

Weihen wir uns ganz der Immaculata: Indem wir uns der Immaculata schenken, werden wir selbst irgendwie ,Immaculata` und so, unbefleckt, GOTT angenehmer; in diesem Fall sind nicht wir es, sondern sie durch uns und in uns, die der Dreifal­tigkeit die größte Ehre verschafft im HEILIGEN GEISTE. Deshalb ist das Lob, das GOTT durch die Immaculata verschafft wird, das vollkommenste Lob, das höchste Lob, das intensivste Lob, das er von unserer Seite* empfangen kann. Woll­ten wir uns von der Immaculata entfernen, so würden wir die Dreifaltigkeit ver­letzen. Nur durch sie steigt das Lob der Geschöpfe zu JESUS, und durch IHN zum VATER. Obwohl die Geschöpfe nicht daran denken, geschieht es doch immer in dieser Ordnung und Reihenfolge.**

 

3. Heilige Maria, Mutter GOTTES, Mutter der GÖTTLICHEN Gnade

Sie war die Unbefleckte, weil sie die Mutter GOTTES werden sollte. Sie ist nicht nur Geschöpf, nicht nur Dienerin GOTTES, mehr noch: sie ist Mutter GOTTES. Maria, die Mutter CHRISTI, ist auch unsere Mutter; denn es gibt kein Leben ohne Mutter — und das übernatürliche Leben hat auch eine Mutter: die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade.

2. Vatikanisches Konzil: „Zugleich aber findet sie sich mit allen erlösungsbedürftigen Menschen in der Nachkommenschaft Adams ver­bunden, ja, sie ist sogar Mutter der Glieder (CHRISTI), denn sie hat in Liebe mitgewirkt, daß die Gläubigen in der Kirche geboren würden, die dieses Hauptes Glieder sind‘ . . . Die katholische Kirche verehrt sie, vom HEILIGEN GEIST belehrt, in kindlicher Liebe als geliebte Mutter.“ (LG 53)

* von den Menschen (und Engeln); CHRISTUS überragt ja bei Seinem Lob, das ER dem himmlischen VATER darbringt, die geschöpfliche Ebene, weil er GOTTmensch ist.
** Der protestantische Pfarrer Richard Baumann bestätigt dies aus eigenem Erleben. In seinem Buch „Maria Retterin“ schreibt er: „Mit eigenem Verstand fand der Schreiber dieser Zeilen keinen Platz für Maria … Dann ist es geschehen: GOTT VATER, SOHN und HL. GEIST hat auch mir Maria kundgemacht. Maria lebt, Maria herrscht mit CHRISTUS. Maria hilft der Menschheit zum Leben in GOTT. Nur noch durch Maria habe ich den einen Herrn, den einen GEIST, den einen GOTT . .. Nur durch Maria lebe ich noch meinem Herrn und GOTT JESUS CHRISTUS. Wer hat das geschaffen? ER, der HERR, der VATER, und ER, GOTT HEILIGER GEIST . . Mit und in Maria ist er (Baumann meint sich selbst) in der Anbetung GOTTES gewachsen. Er ist durch Maria näher zu GOTT gekommen. In Maria ist er von GOTT Selbst näher zu IHM gezogen worden . . . Durch Maria sind wir ganz beim HERRN, beim GEIST und bei GOTT.“

Die geistliche Mutterschaft Mariens nimmt am Fuße des Kreuzes die Dimension des Herzens ihres Sohnes an*.

Plus XII.: „Das Fiat bei der Menschwerdung, die Mitwirkung beim Er­lösungswerk ihres Sohnes, die Tiefe ihres Leidens bei der Passion und dieses seelische Mitsterben, das sie auf Kalvaria erlitt, haben das Herz Mariens zu einer universalen Liebe für die ganze Menschheit geöffnet, und das Hinscheiden ihres Sohnes drückte ihrer Gnadenmutterschaft das Siegel der Allmacht auf“

2. Vatikanisches Konzil: „Die selige Jungfrau, die von Ewigkeit her zu­sammen mit der Menschwerdung des GÖTTLICHEN Wortes als Mutter GOTTES vorherbestimmt wurde, war nach dem Ratschluß der GÖTT­LICHEN Vorsehung hier auf Erden die erhabene Mutter des GÖTT­LICHEN Erlösers, in einzigartiger Weise vor anderen seine großmütige Gefährtin und die demütige Magd des HERRN. Indem sie CHRISTUS empfing, gebar und nährte, im Tempel dem VATER darstellte und mit ihrem am Kreuz sterbenden Sohn litt, hat sie beim Werk des Erlösers in durchaus einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und bren­nender Liebe mitgewirkt zur Wiederherstellung des übernatürlichen Lebens der Seelen. Deshalb ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter.“ (LG 61)

Wie alle Menschen, ist sie von GOTT geschaffen, also Tochter GOTTES. Aber das ist nicht alles. Die Jungfrau Maria ist mehr als das. Sie ist nicht nur Tochter GOTTES, sondern die Mutter des SOHNES GOTTES; aber sie ist nicht nur die Mutter des Menschen JESU, sondern die Mutter der Person des SOHNES GOTTES . . Wir wissen nicht recht, wie das geschieht, aber so ist die Wirklich­keit . . . Sie ist die Mutter dieses SOHNES, dessen Vater GOTT-VATER ist. Wer bist Du, Immaculata?

Nicht nur Kreatur, nicht nur eine Adoptivtochter, sondern die Mutter GOTTES, nicht die Adoptivmutter, sondern wahrhaftig MUTTER GOTTES. Und selbst jetzt noch (im Himmel) bist Du die Mutter GOTTES. Der Titel „Mutter“ kann sich nicht ändern.

Konzil von Ephesus 431: Dogmatisierung der Wahrheit, daß Maria

wahrhaft GOTTESgebärerin ist: „. . Denn es ist nicht zuerst ein ge­wöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das WORT herabgestiegen, sondern aus dein Mutterschoße selbst ist ER geeint (d. h. als GOTT und Mensch in einer Person) hervor­gegangen; und deshalb heißt es, daß ER sich der fleischlichen Geburt unter­zogen hat, weil ER die Geburt Seines Fleisches zu Seiner eigenen Geburt machte . . .“ (NR 246, DS 251)

* Die Lanze, die das Herz ihres Sohnes öffnete, der für alle starb, hat auch ihr Herz geöffnet für alle Menschen.

Konzil von Chalzedon 451: „Vor aller Zeit wurde ER aus dem VATER gezeugt Seiner GOTTHEIT nach, in den letzten Tagen aber wurde Der­selbe für uns und um unseres Heiles willen aus Maria, der Jungfrau, der GOTTESgebärerin, der Menschheit nach geboren.“ (NR 252, DS 301)

Pius XII.: „Mutter GOTTES, welch unaussprechlicher Titel! Die Gnade der GÖTTLICHEN Mutterschaft ist der Schlüssel zum Verständnis der unaussprechlichen Reichtümer der Seele Mariens.“

In alle Ewigkeit nennt Dich GOTT: meine Mutter! . . .

Gestatte mir, Dich zu loben, Jungfrau, Immaculata!

Ich bete Dich an, o VATER, der DU im Himmel bist, weil Du in ihren ganz reinen Schoß Deinen SOHN gelegt hast.

Ich bete Dich an, GOTT SOHN, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihren ganz reinen Schoß einzutreten.*

Ich bete Dich an, GOTT HEILIGER GEIST, weil Du Dich gewürdigt hast, in ihrem unbefleckten Schoß den Leib des SOHNES GOTTES zu bilden. Was hast Du gedacht, Immaculata, als Du zum ersten Mal dieses kleine GÖTTLICHE Kind auf’s Heu gelegt hast? Als Du IHN in Windeln eingewickelt hast und an Dein Herz drücktest? Welche Gefühle überfluteten da Deine Seele? Du wußtest wohl, wer dieses kleine Kind war; denn die Propheten sprachen von IHM, sie hatten IHN angekündigt und Du, Du hast sie besser verstanden als alle Pharisäer und Schrift­gelehrten, die die heilige Schrift erforschten.

Paul VI.: „Und wie ist CHRISTUS zu uns gekommen? Ist ER aus sich Selbst gekommen? (ER hätte eine menschliche Natur aus dem Nichts er­schaffen können). Sicher nicht. Das Mysterium CHRISTI ist eingefügt in den GÖTTLICHEN Plan einer menschlichen Mitwirkung. ER wollte eine Mutter haben; ER wollte Fleisch werden durch die lebendige Mit­wirkung einer Frau, die gebenedeit ist unter allen Frauen.“

GOTT VATER gibt ihr Seinen SOHN als Sohn; GOTT SOHN steigt herab in ihren Schoß; und GOTT HEILIGER GEIST bildet den Leib CHRISTI im ganz reinen Schoß der Jungfrau: „Und das WORT ist Fleisch geworden.“

Kommuniongebet der Marienmesse: „Selig der Schoß der Jungfrau Maria, der getragen den SOHN des Ewigen VATERS.“

Die Immaculata wird die Mutter GOTTES.

Die Frucht der Liebe GOTTES und der Liebe Mariens, der Unbefleckten: das ist CHRISTUS, der GOTTmensch. Ihre Liebe zu GOTT erreichte einen solchen Grad der Einigung, daß sie Mutter GOTTES wird. Die Immaculata, Braut des HEILI­GEN GEISTES, und dies in einer unaussprechlichen Weise, . . . hat denselben Sohn wie der VATER im Himmel. Welch wunderbare Familie!

* Te Deum: „non horruisti virginis uterum“ — Du hast den Schoß der Jungfrau nicht gescheut.

 

4. Mutter der Getauften, Mutter der Christen

Und welches ist jetzt die Rolle der heiligsten Jungfrau? Man muß ihr gestatten, daß sie uns erziehe, wie sie es bei CHRISTUS getan. Wir sehen so, welches ihre hervor­ragende Rolle ist (im geistlichen Leben). Wenn die Heiligen sich heiligen konnten, so deshalb, weil SIE sie erhoben hat — mit großer Hingabe, als die beste aller Mütter. Daß doch die Immaculata Besitz nehme von unserem Herzen; daß sie dort hervorbringe unseren gütigen JESUS — GOTT —; daß sie IHN dort forme bis zum vollkommenen Mannesalter.

Wer nicht Maria, die Unbefleckte, zur Mutter haben will, wird auch CHRISTUS nicht zum Bruder haben; der VATER wird ihm nicht Seinen SOHN senden; der SOHN wird nicht in seine Seele hinabsteigen; der HEILIGE GEIST wird nicht mit Seinen Gnaden den mystischen Leib (die Kirche) bilden nach dem Vorbild CHRISTUS: denn alles vollzieht sich in Maria, der Gnadenvollen, und nur in Maria.

Wenn ihr glücklich leben und sterben wollt, dann bemüht euch, diese Kindesliebe gegenüber unserer besten Himmelsmutter zu vertiefen. Unser HERR JESUS CHRISTUS ehrte sie als erster als Seine Mutter gemäß dem Gebote GOTTES: „Ehre deinen Vater und deine Mutter!“ Und darin müssen auch wir IHN nach­ahmen. Selbst wenn wir zu einer glühenden Innigkeit in dieser Liebe (zu Maria, unserer Mutter) gelangen, werden wir niemals jenen Grad der Liebe erreichen, die JESUS ihr gegenüber hat.

2. Vatikanisches Konzil: „In ihrer mütterlichen Liebe trägt sie Sorge für die Brüder ihres Sohnes, die noch auf der Pilgerschaft sind und in Gefah­ren und Bedrängnissen weilen, bis sie zur seligen Heimat gelangen. Des­halb wird die selige Jungfrau in der Kirche unter dem Titel der Für­sprecherin, der Helferin, des Beistandes und der Mittlerin angerufen.“ (LG 62)

Papst Paul VI.: „Die vielfältige Sendung Mariens im GOTTESvolk ist nämlich eine Wirklichkeit, die auf übernatürliche Weise wirksam und im kirchlichen Organismus fruchtbar wird. Es ist beglückend, die einzelnen Aspekte dieser Sendung zu betrachten und zu sehen, wie sie sich . . . auf das gleiche Ziel hinordnen: in ihren Kindern die geistigen Züge ihres erst­geborenen Sohnes nachzuzeichnen . . . Die mütterliche Sendung der Jungfrau veranlaßt das GOTTESvolk, sich mit kindlichem Vertrauen an sie zu wenden, die stets bereit ist, es mit der Liebe einer Mutter und mit dem wirksamen Beistand einer Helferin zu erhören.“ (Marialis Cultus 57)

 

5. Mittlerin der Gnaden

Wenn die Immaculata nicht die Mittlerin aller Gnaden wäre, gäbe es keinen Grund, die ganze Welt und jede Seele im einzelnen für das heiligste Herz JESU durch die Immaculata zu erobern; denn die Seelen könnten auch anders ins Para­dies gelangen.

GOTT hat verfügt, daß wir alles vom VATER, vom SOHN und vom HEILIGEN GEIST durch die Immaculata erhalten. Das ist der einzige Weg für jede Gnade. Die Immaculata als Mittlerin aller Gnaden kann geben und möchte geben: die Gnade der Bekehrung und der Heiligung; und zwar nicht da und dort, dann und wann, sondern sie will alle Seelen wiedergebären (zum ewigen Leben).

Wie wahr sind doch diese Worte: alles im Universum vollzieht sich im Namen des VATERS und des SOHNES und des HEILIGEN GEISTES durch die Imma­culata. Was die Bekehrung der Seelen betrifft, so können wir sie nur durch Maria erlangen und nicht anders.*

GOTT hat in Seiner unendlichen Güte Maria zur Schatzmeisterin bestimmt für alle Gnaden und nur durch sie fließen sie in diese Welt.** Es ist normal, diese Gnaden von GOTT zu erbitten; man muß dies jedoch tun durch die Vermittlung der Imma­culata. Wahrlich, wenn die Immaculata – und das ist sicher – die Mittlerin aller Gnaden ist, dann gibt es kein wirksameres Mittel für die Mission, als sich dieser Mitt­lerin aller Gnaden zu nähern, um die Gnaden der Bekehrung zu erhalten. JESUS CHRISTUS ist der einzige Mittler zwischen GOTT und der Menschheit. Die Immaculata aber ist die einzige Mittlerin zwischen JESUS und der Mensch­heit. Und wir, wir sind die glücklichen Mittler zwischen der Immaculata und den in der ganzen Welt zerstreuten Seelen.

2. Vatikanisches Konzil: „Ein einziger ist unser Mittler nach dem Wort des Apostels . . . (1 Tim 2, .5-6). Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft CHRISTI in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft.“ (LG 60)

Da sie die Mittlerin aller Gnaden ist, können wir nur in dem Maß ein Kanal der Gnaden werden, als wir uns ihr nähern: Mittler der Gnaden, die sich vom VATER durch den SOHN (der sie uns verdient hat) und durch die Immaculata (die deren Ausspenderin ist – als Werkzeug des HEILIGEN GEISTES) auf uns ergießen und durch uns auf die anderen.

Pius XII.: „Sie ist der Kanal, ganz rein, und nicht die Quelle dieser über­fließenden Gnade, die ihr durch die Vermittlung ihres unbefleckten Her­zens erbittet.“

Der HERR JESUS insofern ER Mensch ist, ist im Paradies unser Mittler beim VATER im Himmel. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin zwischen uns und dem

* Ohne Maria ist jedes Apostolat unfruchtbar.
** Marguerite: „Kanal, durch den alle Gnaden bis zu den Menschenkindern fließen.“

HERRN JESUS und alle Gnaden kommen uns durch sie. Sie ist von JESUS zur Mittlerin eingesetzt, und wir glauben dies. Die Vereinigung zwischen der Imma­culata und dem HEILIGEN GEIST ist so unaussprechlich und vollkommen, daß der HL. GEIST einzig und allein durch die Immaculata, Seine Braut, handelt. Von daher ist sie Mittlerin aller Gnaden des HEILIGEN GEISTES.

Die Immaculata ist die Mittlerin aller Gnaden und nur durch die Gnade können wir uns GOTT nahen.*

Leo XIII.: „In der Verkündigung wurde die Zustimmung der Jungfrau an Stelle der gesamten menschlichen Natur erwartet. So darf man im vol­len Sinne als wahr behaupten: Von jenem großen Gnadenschatz, den der HERR gebracht hat durch CHRISTUS sind uns ja Wahrheit und Gnade geworden (Joh 1,17) fließt uns nach GOTTES Willen nichts zu außer durch Maria. Wie deshalb zum höchsten VATER niemand hintre­ten kann außer durch den SOHN, so kann gewissermaßen niemand zu CHRISTUS hintreten, außer durch die Mutter.“ (NR 327, DS 3274).

Alle notwendigen Gnaden der Heiligung sind gekommen durch die Hände der Immaculata, Mittlerin aller Gnaden. Und was ist die Heiligung? Sie besteht darin, von GOTT viele Gnaden zu empfangen und das Ideal ist, diesen Gnaden zu ent­sprechen.

Damit die Arbeit gelinge, gehen wir zur Jungfrau Maria. Sehen wir doch, was in jeder Familie vor sicht geht: Der Vater arbeitet und er verdient das Brot zum Lebensunterhalt – und wer gibt es den Kindern, wenn nicht die Mutter! Die Mutter verteilt die Nahrung ihren Kindern und gibt jedem, was es braucht. Wenn ein Kind sagt, es brauche die Mutter nicht, dann ist dies die Ausnahme in der Familie . . . Das also ist es, was die Jungfrau Maria tut: Sie verteilt die Gnaden und gibt jedem, was er nötig hat.

Pius XII.: „Vergessen wir nicht, daß Maria wahrhaft unsere Mutter ist. Denn durch sie haben wir das GÖTTLICHE Leben empfangen. Sie hat uns JESUS geschenkt und mit JESUS die Quelle der Gnaden selbst. Maria ist Mittlerin und verteilt die Gnaden.“

Und wir kennen diese Himmelsmutter; wir wissen, daß ohne sie keine Gnade auf die Erde kommt. Wenn der Geber aller Gnaden auf diese Erde gekommen ist, so nur mit ihrem Einverständnis, und dann kommt auch jede Gnade nur, weil sie es will. Wenn der SOHN GOTTES im Augenblick Seines irdischen Lebens Seinen eigenen

* GOTT VATER schenkt uns Seinen SOHN, der durch den HL. GEIST in Maria Mensch wird. Der SOHN verdient uns alle Gnaden und der HL. GEIST als die schenkende Liebe teilt sie aus durch die Mutter der schönen Liebe. Allerdings verdient Maria als „erhabene Gefährtin des Erlösers“, als „Mitwirkende bei Erlösungswerk ihres Soh­nes“ (vgl. 2. Vatikanum, Paul VI. u. a.) auch die Gnade mit, aber „angemessener-weise (de congruo), was CHRISTUS uns von Rechts wegen (de condigno) verdiente“ (Pius X., NR 334, DS 3370).

Willen erfüllte, so wartete ER doch auf die Zustimmung der Jungfrau Maria: Also hängt jede Gnade von ihr. ab.

Man muß einen tiefen Glauben im Herzen haben, eine sehr starke Liebe, und man muß oft zur Mutter GOTTES seine Zuflucht nehmen. Sie ist ja die Mutter des über­natürlichen Lebens, die Mutter der GÖTTLICHEN Gnade. Der HERR will, daß wir die Gnaden von ihr empfangen und alles hängt davon ab, sich ihr zu nahen. Die heiligste Mutter ist die Mittlerin aller Gnaden — ohne Ausnahme. In der über­natürlichen Welt sagt man einfach: das Leben der Gnade. Das Leben der Gnade hängt vom Grade der Vereinigung der Seele mit der Immaculata ab . . . Wir können nirgendwo anders die Gnaden suchen, denn sie ist deren Mittlerin.

Sicher ist die Quelle alles Guten, sowohl im natürlichen als auch im übernatürlichen Bereich, GOTT VATER, der immer durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST handelt: die Quelle alles Guten ist die Heiligste Dreifaltigkeit.

In Wahrheit ist der einzige Mittler beim VATER der menschgewordene SOHN, JESUS CHRISTUS, GOTT und Mensch, durch den alle Huldigungen, die wir dar­bringen, vergöttlicht werden und so also einen unendlichen Wert erhalten und wür­dig werden der Majestät des Vaters. Wahrhaftig, wir lieben den VATER im SOHN und wir müssen IHM alle Liebe geben, damit der VATER in IHM und durch IHN all unsere Liebe empfängt. Aber dennoch ist es auch wahr, daß all unsere Handlungen, selbst die heiligsten, nicht ohne Makel sind, und wenn wir sie dem HERRN JESUS anbieten als reine und unbefleckte Gabe, dann müssen wir sie direkt der Immaculata geben, damit sie daraus ihr Eigentum mache und sie als solches ihrem Sohne schenke — und so werden dann unsere Gaben unbefleckt, ohne Makel, und indem sie durch die GÖTTLICHKEIT JESU einen unendlichen Wert erhalten, werden sie GOTT VATER verherrlichen. Diese Gnaden, die durch den SOHN und den HEILIGEN GEIST zu den Geschöpfen gekommen sind, rufen wiederum die Antwort der Geschöpfe hervor: Die Antwort gelangt auf demselben Weg zu GOTT VATER, auf dem sie zu uns gekommen sind — durch den HEILI­GEN GEIST und den SOHN, d. h. durch die Immaculata, Braut des HEILIGEN GEISTES, und durch JESUS, den GOTTmenschen.

Sie ist die Mutter GOTTES und nennt sich selbst die „Immaculata“. Indem sich GOTT Moses offenbarte, sagte ER von Sich Selbst: „Ich bin der ICH BIN“, d. h. das Sein selbst. Die Jungfrau antwortet auf die Frage Bernadettes selbst: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Das ist die Definition der Immaculata. Wir sagen: Ich vermag alles in dem, der mich stärkt — durch die Immaculata.

 

6. Im Kontakt mit der Immaculata

Wir haben sieben Jahrhunderte gekämpft, damit die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis anerkannt würde; dieser Kampf wurde gekrönt durch die Verkündi­gung des Dogmas und die Erscheinung der Jungfrau in Lourdes. Jetzt folgt der zweite Teil in dieser Geschichte: diese Wahrheit in die Seelen einzupflanzen, das Wachstum zu überwachen und die Früchte der Heiligkeit zu ernten.

Der Kult der Immaculata steht im Zentrum unserer Heiligung.*

Sich der Immaculata nähern: zur Heiligkeit sind übernatürliche Gnaden nötig. Aber weil die Unbefleckte die Mittlerin aller Gnaden ist, wird unser geistliches Leben um so mehr an Glanz gewinnen, je mehr wir uns ihr nähern. Die vollkom­menste Form, uns ihr zu nähern: das ist die Ganzhingabe.

Aus dem Akt der Ganzhingabe an JESUS durch Maria vom hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort:

„In Gegenwart des ganzen himmlischen Hofes erwähle ich Dich heute, o Maria, zu meiner Mutter und Herrin. Dir weihe und schenke ich als Dein Gut und Eigentum meinen Leib und meine Seele, all meinen äußeren und inneren Besitz, ja selbst den Wert all meiner guten Werke, der vergange­nen, gegenwärtigen und zukünftigen. Ganz und voll, ohne jede Aus­nahme, sollst Du das Recht haben, über mich und all das Meine nach Dei­nem Gutdünken zu verfügen in Zeit und Ewigkeit zur größeren Ehre G OTTES .“

Im allgemeinen ist ein Kind mit seiner Mutter eng verbunden. Später verläßt es das Vaterhaus. Das Band zwischen Sohn und Mutter wird schwächer. Aber in der über­natürlichen Ordnung ist es umgekehrt. Je mehr eine Seele sich entfaltet (im über­natürlichen Leben), ein um so größeres Bedürfnis verspürt sie, von der Immaculata abzuhängen.

Pius XII.: „Es genügt nicht, Maria und ihre Größe nur zu kennen; man muß sich ihr nähern und im Glanze ihrer Gegenwart leben. Ich möchte, daß ihr Tag für Tag, jeden Augenblick, der Immaculata immer mehr näherkommt und daß ihr sie noch besser kennenlernt, daß ihr sie immer noch mehr liebt.“

Paul VI.: „Nun aber bitten Wir, und rufen dazu alle Söhne und Töchter der Kirche auf, sich persönlich und von neuem aufrichtig der Mutter der Kirche anzuvertrauen (zu weihen).“ (Signum Magnum 25)

Bemühen wir uns, nicht so viel an uns zu denken und nicht zu arbeiten, damit die Welt uns lobt, sondern ein jeder von uns nähere sich der Immaculata und damit auch den anderen.

Je mehr wir uns der Immaculata nähern, um so mehr verkosten wir schon auf dieser Erde ein vollkommenes Glück.

* „Unsere Heiligkeit, das ist JESUS, empfange in der Kraft des HEILIGEN GEISTES und heranwachsend im Schoß Seiner Mutte . In der Taufe haben wir unser übernatür­liches Leben begonnen, wie JESUS im Schoße Seiner Mutter Maria. Und indem wir in Maria leben, werden wir im neuen Leben wachsen, dem Leben, das wir in JESUS leben werden und JESUS in uns.“ (Intineraire de 1′ äme; Franziskaner, Paris.)

Der Weg der Gnade hängt ab vom Grade der Annäherung der Seele zur Imma­culata hin. Je mehr eine Seele ihr nahekommt, um so reiner wird sie, um so lebendi­ger wird ihr Glaube, um so strahlender ihre Liebe.

 

7. Ihr gehören

Wir wollen von ihr in Besitz genommen sein, damit sie selbst spricht, denkt und handelt in unseren Unternehmungen. Wir wollen dermaßen der Immaculata ge­hören, daß nichts in uns bleibt, was nicht ihr gehört, damit wir wie vernichtet seien in ihr, umgewandelt seien in sie, transsubstantiiere* seien in sie, daß nichts bleibe als sie allein: daß wir ihr gehören, wie sie GOTT gehört.                  •

Wir haben ihr alles gegeben, und wenn es in uns etwas gibt, so gehört es ihr. Und umgekehrt sind ihre Angelegenheiten die unsrigen, ebenso auch ihre Tugenden und Verdienste.

Es braucht keiner besonderen Gebete, noch außergewöhnlicher Abtötungen, son­dem man muß sich nur ihr schenken und darin weitermachen. Lieben wir die Imma­culata von Tag zu Tag mehr, ohne Grenzen, und sie wird immer mehr unser Herz vom Menschlichen reinigen und uns in sie umformen.

Pius XII.: „Wir möchten vor allem, daß ihr als Söhne und Töchter Marien darnach strebt, in eurer Seele ihre übernatürliche Schönheit her­zustellen. Vollzieht also nach ihrem Vorbild die vollkommene Vereini­gung mit JESUS. Daß JESUS in euch sei, daß ihr in IHM seid, bis hin zur Verschmelzung eures Lebens mit Seinem Leben. Möge euer Geist vom Glanz des Glaubens erleuchtet sein und möchtet ihr wie sie — sehen, urtei­len und denken wie GOTT. Möge euer Herz, so weit es möglich ist, die Unversehrtheit, wie sie ihrem Herzen eigen ist, anstreben. Traget in den Zügen eurer Seele die Ähnlichkeit mit der Himmelsmutter. Lasset in eine Welt, die eingehüllt ist in die Finsternis und bedeckt ist mit Schmutz, laßt in diese Welt eindringen die Lichtstrahlen und den Wohlgeruch einer Reinheit ohne Makel.“

Wir müssen darauf achten, daran denken, daß alles ihr gehört. Nichts tun, was ihr unangenehm wäre. Bitten wir sie, daß sie und nur sie unser Herz leite.** Kein Geschöpf ist so nahe bei GOTT, wie die Immaculata. Derjenige, der mehr als die anderen der Immaculata gehört, wird sich mit um so mehr Mut und Freiheit den Wunden des Erlösers, der Eucharistie, dem Herzen JESU, GOTT VATER, ja der

* „Transsubstantiation“ ist der theologische Begriff für die Wesensverwandlung von Brot in den Leib CHRISTI, wobei der äußere Anschein (die Akzidentien) unverändert bleiben.
** Vgl. Immaculata-Rosenkranz, Marienfried: „Durch Deine Unbefleckte Empfängnis leite uns!“

ganzen Dreifaltigkeit nähern. Aber dies alles, diese übernatürlichen Dinge formt sie in uns und durch uns.

Sei sicher, daß derjenige, der der Immaculata gehört, niemals wird verloren gehen. Je mehr er aber ihr gehört, um so mehr gehört er JESUS, um so mehr gehört er dem VATER. Er wird sich ein Gewissen daraus machen, den Willen GOTTES immer vollkommener zu erfüllen und mehr und mehr seine Treulosigkeiten gegen den Willen GOTTES abzulegen, und er wird um so mehr den Frieden des Herzens haben inmitten der Stürme. Zu seiner Zeit wird ihm die Immaculata alle Geheim­nisse des Herzens JESU enthüllen und er wird der Vielgeliebte unseres HERRN JESUS sein. Aus der Erfahrung wissen wir, daß die Seelen, die sich der Immaculata geschenkt haben, und zwar vollständig und ohne Einschränkungen, den HERRN JESUS und das Geheimnis GOTTES besser kennen. Die GOTTESmutter kann nicht anders führen als zum HERRN JESUS hin.

Paul VI.: „Das Leitwort ,Durch Maria zu JESUS gilt deshalb auch für die Nachfolge CHRISTI . . . Ihre Person stellte ER uns als Beispiel vor Augen, damit wir Seine Heiligkeit nachahmen . . . Mit allem Recht stellt uns die Kirche Maria als Leitbild für die Nachfolge CHRISTI vor! Sie tut es, damit wir ihr nachfolgen. Sie tut es, damit wir so würdig, wie es eben geht, das Wort GOTTES in uns aufnehmen. So sollen wir es aufneh­men, wie es der hl. Augustinus weise vermerkt: ‚Seliger ist Maria durch die Annahme des Glaubens an CHRISTUS, als durch das Empfangen Seines Fleisches.'“ (Signum Magnum 17, 18)

 

8. Das Herz JESU lieben mit dem Herzen der Immaculata

Die Immaculata weiß alles und lenkt alles.* Man muß nur seine Einwilligung geben, daß sie uns mehr und mehr führt, und dann wird sie selbst alles vollbringen – durch uns, zum Heil der Seelen.

Das Herz ist das Symbol der Liebe GOTTES. Die Seele, die diese Offenbarung der Liebe betrachtet, möchte Liebe um Liebe geben. Aber aus der Erfahrung wissen wir, daß wir sehr schwach sind. Und da offenbart sich die Liebe des GÖTTLICHEN HERZENS, da ER uns Seine eigene Mutter gibt („Siehe da, Deine Mutter!“), damit wir IHN lieben können mit ihrem Herzen, nicht mit unserem armen, sündigen Herzen, sondern mit ihrem unbefleckten Herzen.

Die Liebe der Imrnaculata ist die vollkommenste Liebe, mit der ein Geschöpf seinen GOTT lieben kann.

Geben wir uns also Mühe, JESUS zu lieben mit dem Herzen der Immaculata, IHN zu empfangen mit ihrem Herzen, IHM zu danken mit ihrem Herzen, auch wenn wir

* nicht aus sich, sondern nach dem Willen GOTTES.

dies nicht fühlen und verstehen. Durch ihr Herz, durch ihre Haltung loben wir JESUS.

Sie allein wird uns lehren, wie man den HERRN JESUS am besten liebt, unver­gleichlich besser als alle Bücher und Lehrmeister.

Sie wird uns lehren, IHN zu lieben wie sie IHN liebt.

 

III. DIE IMMACULATA IM DOGMA,

IN DER HL. SCHRIFT, IN DER TRADITION

1. Im Dogma

Sieben Jahrhunderte ging das Ringen um dieses Geheimnis des Glaubens. Erst 1854 verkündete Papst Pius IX. in seiner Bulle „Ineffabilis Deus“ das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Schon vier Jahre später gab die GOTTESmutter selbst in Lourdes die Bestätigung (1858): „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“* Wortlaut des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis:

„Zur Ehre der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, zur Zierde und Verherr­lichung der jungfräulichen GOTTESgebärerin, zur Erhöhung des katholischen Glaubens und zum Wachstum der christlichen Religion erklären, verkünden und bestimmen Wir in Vollmacht unseres HERRN JESUS CHRISTUS, der seligen Apostel Petrus und Paulus und in Unserer eigenen:

Die Lehre, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen GOTTES, im Hinblick auf die Verdienste CHRISTI JESU, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von GOTT geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben.

Wenn sich deshalb jemand, was GOTT verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, daß er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, daß er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, daß er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt.“ (NR 325, DS 2803f.)

2. In der Hl. Schrift

Nicht alle Glaubenswahrheiten sind ausdrücklich in der Hl. Schrift enthalten, aber doch im Kern. In der Tradition entfaltet sich die Wahrheit, die in der Schrift grund­gelegt ist, unter dem Beistand des HEILIGEN GEISTES.

a) Das „Protoevangelium“ (Gen 3, 15):

„Feindschaft will ich setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten und du wirst seiner Ferse nach­stellen.“ (Die Vulgata, der kirchenamtliche lateinische Bibeltext, der weithin auf

* 1876 offenbarte sich Maria auch in Deutschland, in Marpingen/Saar, als die „unbefleckt Empfangene“. Infolge der damaligen Kulturkampfsituation (Bismarck zu Marpingen: „Wir können kein deutsches Lourdes gebrauchen!“) kam es zu keiner offiziellen Stellung­nahme der Kirche. Der große Dogmatiker Scheeben z. B. setzte sich von Anfang an für die Echtheit der Erscheinungen ein.

den hl. Hieronymus zurückgeht, sagt: „Sie wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihrer Ferse nachstellen.“)

Der Erlöser ist der Schlangenzertreter, das Weib aber ist Maria, die Mutter des Erlösers: so legen es alle maßgeblichen Kirchenlehrer aus. Aber auch die Überset­zung der Vulgata sagt die Wahrheit aus, daß Maria alle bösen Mächte besiegen wird; wird ihr doch die Ehre zuerkannt, alle Irrlehren des Bösen überwunden zu haben. Dem Erlöser CHRISTUS und Maria stehen die „Schlange“ (Satan) und seine aus Sündern bestehende Anhängerschaft gegenüber. Hätte Maria auch nur einen Augenblick unter der Herrschaft Satans (nämlich durch die Erbsünde) gestan­den, dann hätte er über sie gesiegt, nicht aber Maria über den Satan. Ihre un­befleckte Empfängnis aber machte sie zur uneinnehmbaren GOTTESstadt. Hätte Satan nur einen Augenblick über sie die Herrschaft gehabt, so wäre die Aussage des Protoevangeliums von der Feindschaft, dem Kampf zwischen Maria und dem Bösen nicht wahr.

b) Der Engelsgruß (Lk 1, 28):

„Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnaden.“ Selbst Luther sagte, man könne zu ihr nicht sagen: „Gebenedeit bist Du . . .“, wenn sie je unter der Vermaledeiung gelegen wäre. Der Engel grüßt sie, d. h. GOTT läßt ihr durch den Erzengel Gabriel den Gruß bringen und nennt sie „Maria voll der Gnaden“. Dieser „Zuname“ ,Voll der Gnaden‘ kennzeichnet ihr ganzes Wesen. So wie ihr Sohn den Namen JESUS (Hei­land, Erlöser, Retter) erhielt, weil ER Sein Volk von seinen Sünden erlösen, vom ewigen Tode erretten sollte, so wird sie „Voll der Gnaden“ genannt, weil sie so eine würdige Wohnstätte für den eingeborenen SOHN GOTTES war.

Sie wäre nicht die ganz Heilige, ohne Makel, hätte je der Makel der Schuld Adams ihre Seele befleckt. Sie wäre also nicht ganz heilig, ganz voll der Gnaden, wenn nicht auch der Anfang ihres Daseins schon ganz heilig wäre. Es kann in ihr keinen Zustand gegeben haben, wo sie einmal nicht in der Gnade war. Wie in der Knospe schon ganz die Blüte enthalten ist, aber noch nicht so erkennbar, so ist auch in dem Namen „Voll der Gnaden“ die Unbefleckte Empfängnis eingeschlossen. Erst unserer Zeit war es geschenkt, die entfaltete Blüte zu erkennen, und Pater Maximilian Kolbe war gewürdigt, dieses Geheimnis in allen Dimensionen und in seiner ganzen Schön­heit zu künden.

3. In der hl. Tradition

Der hl. Irenäus (2. Jh.): „Der HERR war sündelos, weil aus dem unverweslichen Holz der Menschheit nachgebildet, d. h. aus der Jungfrau Maria und dem HL. GEIST inwendig und auswendig wie mit dem reinsten Golde des Logos um­kleidet.“

Ein klassischer Zeuge ist der hl. Ephräm (370): „Du und Deine Mutter, Ihr seid die einzigen, die in jeder Hinsicht ganz schön sind; denn an Dir, o HERR, ist kein Fleckchen, und keine Makel an Deiner Mutter.“

Unsterblichen Ruhm erwarb sich Don Scotus (t 1308), indem er den wichtigen und entscheidenden Begriff der Vorerlösung aufstellte. Auch die Mutter GOTTES bedurfte eines Mittlers und Erlösers, nur die Art und Form ihrer Erlösung ist eine andere als bei allen Menschen sonst: Sie bestand in der gänzlichen Bewahrung vor der Erbsünde, in die Maria hätte fallen müssen, wenn GOTT ihr und nur ihr allein nicht ein einmaliges und einzigartiges Privileg zugestanden hätte: die Vorerlösung im Hinblick auf die Verdienste ihres Sohnes, des Erlösers.

Als letzter Zeuge aus der hl. Tradition sei Kardinal Newman angeführt, den man auch den Kirchenvater der neuen Zeit nennt (1801-1890). Mit 45 Jahren konver­tierte er vom Anglikanismus zur katholischen Kirche. Aber immer schon fühlte er sich zur GOTTESmutter hingezogen.

Aus seiner Predigt „Die Angemessenheiten der Herrlichkeiten Mariens“: „Singt doch die Kirche ,Du hast den Schoß der Jungfrau nicht verschmäht‘. Die Substanz Seines menschlichen Fleisches hat ER aus ihr angenommen und, in sie gekleidet, ruhte ER in ihrem Schoß; nach der Geburt hat ER sie mit sich getragen, sozusagen als Zeichen und Zeugnis dafür, daß ER, obwohl GOTT, auch der ihre war. Von ihr wurde ER genährt und gepflegt, sie reichte IHM ihre Brust und in ihren Armen hat ER geruht. In der Folgezeit hat ER ihr gedient und Gehorsam geleistet.

ER hat dreißig Jahre in ein- und demselben Haus mit ihr gelebt, in ununterbroche­ner Gemeinsamkeit, die außer ihr nur der hl. Josef teilte . . . All diese Zeit hindurch war sie selig in Seinem Lächeln, in der Berührung Seiner Hand, im Lispeln Seiner Liebe, in der Aussprache Seiner Gedanken und Seiner Empfindungen. Nun, meine Brüder, was müßte sie wohl sein, was stand ihr geziemenderweise zu, ihr, der so hoch Begnadeten?… Was wird die würdige Ausstattung sein für jene, die der Allmäch­tige zu erheben geruht hat, nicht zu Seinem Knecht, zu Seinem Freund, zu Seinem Vertrauten, sondern zu Seiner Vorgesetzten, zum Ursprung Seines anderen Seins, zur Pflegerin Seiner hilflosen Kindheit, zur Lehrmeistern Seiner beginnenden Jahre? Ich antworte mit den Worten des Königs: ‚Nichts ist zu hoch für sie, der GOTT Sein menschliches Leben verdankt.‘ Es gibt keine Überfülle von Gnade, kein Übermaß an Herrlichkeit, die nicht für sie geziemend wären, in der GOTT sich nie­dergelassen hat, von der GOTT ausgegangen ist. Die Fülle GOTTES möge sie über­strömen, daß sie in ihrer lebendigen Gestalt die unmittelbare Heiligkeit, Schönheit und Herrlichkeit GOTTES Selbst widerstrahlt, daß sie der Spiegel der Gerechtig­keit, die mystische Rose, der elfenbeinerne Turm, das goldene Haus, der Morgen­stern sei . . . Können wir der Heiligkeit jener Grenzen setzen, die die Mutter des All­heiligen war? . . . Johannes der Täufer wurde schon vor seiner Geburt geheiligt: Soll Maria lediglich ihm gleich sein? Ist es nicht geziemend, daß ihr Gnadenvorrecht das seinige übertreffen mußte? Ist es verwunderlich, daß die Gnade, die seiner Geburt um drei Monate vorausging, in Maria bis zum allerersten Augenblick ihres Daseins zurückreichen, alle Gedanken an eine Sünde unmöglich machen und der Besitz­nahme durch Satan zuvorkommen sollte? Maria mußte alle Heiligen übertreffen.

Schon die Tatsache, daß wir wissen, daß bestimmte Gnadenvorrechte ihnen zuteil geworden waren, überzeugt uns fast mit Notwendigkeit, daß Maria dieselben und noch höhere besessen hat. So war ihre Empfängnis makellos, damit sie alle Heiligen übertreffe, sowohl im Zeitpunkt als auch in der Fülle ihrer Heiligkeit.“

 

IV. SCHLUSSBETRACHTUNG

1. Katharina Emmerich, die große Mystikerin, berichtet uns, daß GOTT die Eltern Marias, Joachim und Anna, ehe sie zusammenkamen, in den Zustand der übernatür­lichen Gnade erhoben hat, so daß sie ihr Kind Maria, um das sie lange Jahre zu GOTT gefleht hatten in dem Zustand zeugten, wie es bei Adam und Eva vor ihrem Sündenfall gewesen wäre. Weiterhin berichtet die Mystikerin, daß bei der Un­befleckten Empfängnis Mariens die ganze Schöpfung von einer großen Freudigkeit durchströmt wurde; auch die vernunftlosen Geschöpfe wurden von diesem seligen Ahnen ergriffen. Maria ist ja die Morgenröte der neuen Zeit, die Morgenröte, die Zeichen und Wirkung der neu aufgehenden Sonne, des GOTTmenschen JESUS CHRISTUS, ist.

GOTT hat bei der Unbefleckten Empfängnis Mariens die Erschaffung einer ganz reinen, ganz heiligen, eben einer von der Erbschuld unbefleckten Seele vorgenom­men, die ganz in Liebe auf IHN hingeordnet war. So hat GOTT, da niemand wür­dig war, das Heil zu empfangen, wie der Prophet Isaias sagt, selbst die Eine würdig gemacht, das Heil, den Heiland der Welt zu empfangen: Maria war durch ihre Unbefleckte Empfängnis eine würdige Wohnstatt für den Erlöser. In Maria hat ER die Verheißungen Seines Bundes mit Seinem auserwählten Volk verwirklicht, in­dem ER uns durch sie den Erlöser geschenkt hat. Durch die Menschwerdung GOTTES in ihrem unbefleckten Schoße hat sich das Wort des Propheten wunder­bar erfüllt: „GOTT Selber wird kommen, Sein Volk zu erlösen.“ So ist die Un­befleckte Empfängnis der Anfang unseres Heiles. Aber auch die Unbefleckte Empfängnis ist die Frucht der Erlösung, vorweggenommen, wie auch CHRISTUS in unblutiger Weise Sein blutiges Sterben vorwegnahm durch das eucharistische Opfer beim Abendmahl.

2. „Ganz schön bist Du, Maria, und der Erbschuld Makel ist nicht in Dir!“ Weil GOTT „in der Unbefleckten Empfängnis Mariens Seinem Sohne eine würdige Wohnstätte bereitet hat“ und „weil DU sie im Hinblick auf den Tod Deines SOHNES vor allem Makel bewahrt hast, so laß uns auch durch ihre Fürsprache rein und lauter zu Dir gelangen“, so betet und jubiliert die hl. Kirche am hohen Fest der Unbefleckten Empfängnis und drückt so in ihren Gebeten das ganze Glaubensgeheimnis der Immaculata aus.

Noch ein Gedanke sei zum Schluß ausgesprochen: Wie hat sich das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis im Leben Mariens ausgewirkt? Da sie nie von der Makel der Erbsünde befleckt war, war sie auch nicht behaftet mit der Verwundung, die bei allen anderen zurückbleibt nach der Reinigung von der Erbschuld (in der Taufe). Wie auch sonst von den „reliquae peccatae“ (zurückbleibende Schwäche und Nei­gung zur Sünde hin) die Rede ist, so bleibt auch bei allen Heiligen eine gewisse Schwäche der Natur zurück. Selbst die kleine hl. Theresia, die von sich behaupten konnte, sie habe den Heiland nie durch eine bewußte läßliche Sünde beleidigt, mußte bekennen, daß es bei ihr wie ein Kampf auf Leben und Tod war, ihre Emp­findlichkeit, ihren inneren Stolz zu überwinden.

Dies alles war bei der allerseligsten Jungfrau nicht der Fall: ihr Herz hatte keine Schwäche zum Bösen hin; niemals konnte der Böse in ihrem Herzen eitle Gedanken, Regungen der Sinnlichkeit, hervorrufen. Niemals reagierte die GOTTESmutter ungeduldig, ärgerlich oder unwillig. Dies alles war nicht möglich bei ihr, da ihr Herz bis in die letzte Wurzel heilig war. Was sie empfinden konnte, waren Schmerz, Herzeleid — und dies in viel höherem Maß als alle anderen Geschöpfe; denn je höher die Liebe, desto tiefer das Leid, das ihr die Sünde zufügt. Da Maria ohne Makel der Erbsünde war und ganz heilig, konnte sie auch nicht sündigen, dann das Böse kommt aus dem Herzen des Menschen.*

Aber auch die Folgen der Erbschuld brauchte sie nicht zu erleiden: Sie gebar ohne Schmerzen, sie trug auch das GOTTESkind ohne Weh in ihrem Schoß; sie litt unter keiner Krankheit und hätte auch nicht zu sterben brauchen. Den Tod erlitt sie nur in Ähnlichkeit mit ihrem Sohn; aber GOTT mußte diesen makellosen Leib, der DAS LEBEN trug, vor der Verwesung bewahren. ER konnte die Heiligste nicht die Verwesung schauen lassen.

* Maria ‚konnte‘ nicht sündigen, weil sie ganz in GOTT lebte. Das mindert aber nicht ihren eigenen Anteil an ihrer Heiligkeit. Denn sie war wie wir „im Pilgerstand“ und so in das „Dunkel“ des Glaubens gestellt. Gerade im Hinblick auf die Verheißungen, die ihr der Engel bei der Verkündigung gegeben hatte, mußten die auferlegten Glaubensprüfungen um so schwerer wiegen: die Armut bei der Geburt ihres GÖTTLICHEN Kindes, die Flucht nach Ägypten, die Unbegreiflichkeit des Zwölfjährigen im Tempel, die Erfahrung, daß ihr Sohn trotz aller Zeichen Seiner Liebe von Seinem Volk als Heiland verworfen wurde .
Maria kannte keine Krankheit, somit auch keine körperlichen Schmerzen, wie sie von der durch die Erbsünde angeschlagenen Natur herrühren. Doch sie hat seelisch ‚unendlich‘ viel gelitten. — Jeden Menschen, der GOTT liebt, schmerzt es (seelisch und manchmal fast körperlich), wenn er Sünde, Haß gegen GOTT, miterleben muß. So litt Melanie von La Salette unter dem Pestgeruch der Sünde mehr als unter körperlichen Schmerzen. Um wieviel mehr die allerseligste, allerreinste GOTTESmutter! Unter dem Kreuz erlebte und erlitt sie jede Phase des Leidens und Sterbens ihres Sohnes in einzigartiger Weise mit. Der Heiland soll einmal von Seiner hl. Mutter gesagt haben: „Das ‚Unbefleckt‘ habe ich ihr geschenkt, das ‚Schmerzvoll‘ hat sie sich verdient.“ („Unbeflecktes und schmerzvolles Herz Mariae!“)
In ihren Glaubensprüfungen, in ihrem Gehorsam und vor allem in ihren Leiden hat sich die heilige Jungfrau die größten Verdienste vor GOTT erworben, die je ein Mensch erwarb.
Die Bedeutung für uns liegt darin: Je mehr wir uns Maria nähern, uns mit ihr vereinigen, um so mehr erhalten wir Anteil an ihren Verdiensten und an ihrer Unfähigkeit, zu sündi­gen (d. h. aus der GOTTESnähe herat zufallen, den Lockungen des Versuchers nach­zugeben).

 

3. Mahnung von Kardinal Newman (Schluß seiner Predigt „Die Angemessenheit der Herrlichkeit Mariens“):

„Vor allem, laß uns ihre Reinheit nachahmen . . . Ihr, meine teuren Kinder, ihr Jungmänner und ihr jungen Mädchen, wie sehr bedürft ihr gerade hierin der Für­bitte der Jungfrau-Mutter, ihrer Hilfe, ihres Vorbildes. Was soll euch, wenn ihr in der Welt lebt, auf dem engen Pfad vorwärts bringen, wenn nicht der Gedanke an Maria und ihren Schutz? Was wird eure Sinne versiegeln, was euer Herz beruhigen, wenn gefährliche Bilder und Klänge euch rundum bedrängen, was anders als Maria? Was soll euch Geduld und Beharrlichkeit verleihen, wenn ihr des langen Kampfes gegen das Böse überdrüssig geworden sei, überdrüssig der nie endenden Notwendigkeit von Vorsichtsmaßregeln, der Mühsal, sie zu beobachten, der Lästig­keit ihrer steten Wiederholung, überdrüssig eurer freudlosen Situation, die wie ein verlorener Posten ist — was anders als die liebende Verbundenheit mit Ihr? Sie wird euch stärken in eurer Entmutigung, wird euch trösten in eurer Müdigkeit, euch aufrichten nach dem Fall und euch belohnen für eure Erfolge. Sie zeigt euch ihren Sohn, der euer GOTT und alles ist. Wenn euer Herz in euch aufgeregt oder schlaff oder niedergeschlagen ist, wenn es das Gleichgewicht verliert, wenn es ruhelos und schwankend ist, wenn es angeekelt ist, von dem, was es hat, und dem nachjagt, was es nicht hat, wenn euer Auge vom Bösen belästigt wird und eure sterbliche Hülle unter den Schatten des Versuchers erzittert, was wird euch zu euch selbst zurück­führen, zum Frieden und zur Gesundung, was anderes als der kühlende Atem der Unbefleckten und der Duft der Rosen von Saron? Es ist der Ruhm der katholischen Religion, daß sie die Gabe hat, junge Herzen zur Keuschheit zu führen — woher kommt das? Weil sie uns JESUS CHRISTUS zur Nahrung gibt und Maria zu unserer Nährmutter. Bringt diesen Ruhm zur Erfüllung in euch selbst. Beweiset der Welt, daß ihr keiner falschen Lehre nacheifert, rechtfertigt die Herrlichkeit eurer von der Welt geschmähten Mutter Maria ins Antlitz der Welt hinein durch die Schlichtheit eures eigenen Wandels, und durch die Heiligkeit eurer Worte und Taten. Erbittet euch von ihr das königliche Herz der Unschuld. Sie ist die leuch­tende Gabe Gottes, die den Zauber der bösen Welt überstrahlt und noch niemand, der sie in Aufrichtigkeit suchte, enttäuscht hat. Sie ist der personale Typus und das repräsentative Bild jenes geistlichen Lebens und jener gnadenvollen Erneuerung, ,ohne sie wird niemand GOTT je schauen‘ (Hebr. 12, 14). ,Ihr Geist ist süßer als Honig und ihr Erbe süßer als Honigseim. Die sie genießen, hungern nach mehr und die sie trinken, dürsten nach mehr. Wer auf sie hört, wird nicht zuschanden und wer um sie sich müht, sündigt nicht‘ (Sir. 24, 20-22).“

„O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir unsere Zuflucht zu Dir nehmen. Amen.“

Damit Maria Königin des Friedens sein kann, müssen wir ihr helfen

saint_nicholas_catholic_church_zanesville_ohio_-_stained_glass_rose_window_immaculate_conception-740x493

Maria Empfängnis, Zanesville, Ohio (USA) / Wikimedia Commons – Nheyob, CC BY-SA 4.0 (Cropped)

Impuls von Msgr. Peter von Steinitz
zum Fest der Unbefleckten Empfängnis 2016

Wir sind am Ende und Ziel der diesjährigen Novene angekommen und feiern die „ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Die meisten von uns wissen auch, dass dies ein Dogma ist, also ein unverrückbarer Glaubenssatz, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Kirchengeschichte durch das Lehramt der Kirche ein für allemal feierlich proklamiert worden ist. Im Zusammenhang mit der Gottesmutter hat die katholische Kirche bisher vier Dogmen verkündet:

431 die göttliche Mutterschaft (Theotokos)

1555 die immerwährende Jungfräulichkeit

1854 die Unbefleckte Empfängnis und

1950 die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele.

Aber, liebe Brüder und Schwestern, das Aufzählen von Glaubenssätzen ist noch nicht das, um was es hier am heutigen Tage eigentlich geht. Es ist gut, dass wir fest daran glauben, dass Maria ohne jede Sünde, sogar ohne die Ursünde, ist. Auf der anderen Seite könnte einen das  trotzdem kalt lassen, man könnte salopp und cool sagen: schön für sie.

Und die unausgesprochene Frage des heutigen Menschen lautet auch hier wie immer: was bringt mir das? Und wenn man es tatsächlich auf das abstrakte Wissen beschränkt, ist die Frage und das, was sie weiterhin beinhaltet, sogar berechtigt. Allerdings könnte es uns dann so gehen wie jenem Mann, von dem der hl. Josemaría Escrivá erzählt, der während des II. Vatikanischen Konzils einmal ganz aufgebracht zu ihm sagte, man habe in der Konzilsaula diesen Satz gehört: wir müssen nun noch das „Thema der Muttergottes“ unterbringen.

„Sprechen so Kinder von ihrer Mutter? Als von einem Thema?“

Bei allem, was mit Maria zu tun hat, haben die Christen unserer Zeit immer wieder gegen zwei mögliche Verirrungen zu kämpfen: den Kitsch und die Sentimentalität. Solange wir nur sachliche, theologische Aussagen über sie machen, ist da keine Gefahr. Aber sobald wir das Herz sprechen lassen, werden wir sehr schnell verunsichert, weil man uns ja für allzu gefühlvoll halten könnte oder aber man an unserem guten Geschmack zweifeln könnte. Sehr viele Andachtsbilder kommen für den gebildeten Christen einfach nicht infrage, weil sie geschmacklos sind – ein Phänomen, das es im Mittelalter oder im Barock nicht gegeben hat.

Hier kommt uns nun  von außerhalb der Kirche jemand zu Hilfe, der uns ein  Bild von Maria entwirft, das von höchster künstlerischer Qualität und zugleich großer menschlicher Wärme ist.

Einer der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, Franz Werfel, schildert in seinem Buch „Das Lied von  Bernadette“, wie das Mädchen Bernadette die Jungfrau Maria in der Grotte Massabielle in Lourdes sieht. Der Autor, der zu diesem Zeitpunkt nicht katholisch, sondern jüdisch ist, schildert die Jungfrau Maria so großartig, dass man meint, er habe sie soeben selbst gesehen.

„Ihr ganzes Wesen jubelt über die Schönheit der Dame. Es gibt keine Schönheit, die rein körperlich wäre. In jedem Menschengesicht, das wir schön nennen, bricht ein Leuchten durch, das, obwohl an physische Formen gebunden, geistiger Natur ist. Die Schönheit der Dame scheint weniger körperlich zu sein als jede andere Schönheit. Sie ist das geistige Leuchten selbst, das Schönheit heißt.“

Ich lade Sie zu folgendem Gedankenexperiment ein: machen wir den Versuch, einmal über himmlische Dinge nachzudenken nicht unter dem Aspekt der theologischen Wissenschaftlichkeit, sondern unter dem des Lebens. Was Gott uns Menschen bietet ist Leben, nicht abstrakte Wissenschaft. Die Frau, die der Vater als Mutter seines Sohnes erwählt hat, ist nicht nur vollkommen gut, sondern auch vollkommen schön. Auch und gerade ihre Jungfräulichkeit ist von großer Anmut und ansprechendem Reiz. Bernadette ist verliebt in ihre Schönheit – eine Liebe, die über jede Frage, wie man sie heute manchmal stellt, erhaben ist, denn sie führt zu Gott.

Und noch eine weitere Wirkung erkennen wir: die Begegnung mit der „Unbefleckten Empfängnis“ – denn so nennt sich die schöne Dame auf Befragen – löst in Bernadette etwas aus.

Auf eine unmittelbare, intuitive Weise bewirkt die Unbefleckte Empfängnis, dass im Menschen Regungen, Befindlichkeiten ans Tageslicht gefördert werden, über die sich der Mensch zum Teil nie Rechenschaft gegeben hat. Ist es uns nicht auch einmal passiert, dass wir in einer Gnadenstunde – vielleicht während eines feierlichen Gottesdienstes, oder bei Einkehrtagen oder an einem Marienwallfahrtsort – plötzlich Dinge mit großer Klarheit sehen, die bisher in uns verborgen waren?

Man bemerkt beispielsweise, dass man im Grunde immer sehr egoistisch gehandelt hat; man stellt fest, dass  der andere Vorzüge hat, die man immer übersehen hatte, man erkennt mit einem Mal, dass man sein Leben ändern muss. Die Theologie nennt so etwas Gnade.

Können wir ein solches Wirken, können wir die Gnade mit der Begegnung mit Maria, mit der Unbefleckten Empfängnis vergleichen oder gar gleichsetzen?

Gewiss, die Gnade ist aus Gott und nur aus ihm. Aber die Theologie selber und das päpstliche Lehramt sagen: Maria ist die Vermittlerin der Gnaden. Alle Gnaden, die Christus der Herr uns durch sein Leiden und seine Auferstehung erworben hat, und die zunächst etwas Geistiges, ja Abstraktes sind, gehen durch die Hände der Gottesmutter und bekommen durch sie gewissermaßen ein menschliches Gesicht.

Wenn wir uns heute fragen: ist Maria wirklich Königin des Friedens und bedeutet das, dass sie den Frieden so wie die anderen Gnaden vermitteln kann, dann müssten wir uns also die Frage stellen: wenn ich auf Maria schaue, auf die Unbefleckte Empfängnis, geschieht dann in mir oder durch mich etwas, das den Frieden schafft oder mindestens fördert? Unter Wahrung der Freiheit des Menschen, meine ich diese Frage bejahen zu können.

Denn wie ist es konkret mit dem Frieden, den wir ja in der heutigen weltgeschichtliche Konstellation mehr denn je nötig haben? Wie entsteht Frieden, der möglichst mehr ist als nur die Abwesenheit von Kampfhandlungen?

Ich sehe in einem einfachen Wort der Hl.Schrift eine weitaus tiefergehende Begründung für den Frieden. Der Psalmist sagt: „Opus iustitiae pax“. Friede ist ein Werk der Gerechtigkeit.

Armut, Hunger, ungleiche Verteilung der Güter dieser Erde – das alles entsteht ja aus dem Mangel an Gerechtigkeit.

Die Gerechtigkeit ist allerdings eine Tugend, die alle Menschen üben sollten. Täten sie es, so würde in der Tat diese Erde ganz anders aussehen. Wir alle wissen: es triumphieren allenthalben die Habgier und der Egoismus. Es ist daher nicht genug, dass wir den Staat auffordern, etwas zur Förderung des Friedens zu tun. Der Staat ist da überfordert: jeder Staatsbürger muss bei sich selbst anfangen.

Aber dazu bedarf es der Erkenntnis, wo es an der Gerechtigkeit fehlt, und das ist  eben die Gnade, um die wir zuerst beten müssen.. Wir alle sind groß im Erkennen der Fehler der anderen. Bei den eigenen sind wir meist sehr großzügig. Hier gilt es anzusetzen bei unseren Bemühungen für den Frieden.

Danach, aber wirklich erst dann, wenn wir mit der Erkenntnisgnade alles getan haben, was wir konnten, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns den Frieden schenkt, den letztlich nur er geben kann. Gott will uns – weil er ein guter Pädagoge ist – nicht in den Schoß legen, was wir aus eigener Kraft erreichen können. Erst wenn wir an unsere Grenzen gekommen sind, wirkt er die Wunder, die wir brauchen.

Maria ist, wie sie sich in Lourdes selber nennt, die Unbefleckte Empfängnis, und sie hat, wie die Lauretanische Litanei es ausdrückt, in sich die ganze Fülle, die es zur Heilung des Menschen braucht: sie ist Sitz der Weisheit, Ursache unserer Freude, Königin der Familien und Königin der Apostel. Sie ist Heil der Kranken und Bundeslade, Kelch des Geistes und Pforte des Himmels und vieles mehr. Und sie ist wirklich die Königin des Friedens in diesem doppelten Sinne: sie vermittelt den Frieden, „den nur der Herr geben kann“ und sie gibt uns durch den Aufblick zu ihr alles das an die Hand, was wir brauchen, um das Unsere zur Erreichung des Friedens zu tun.

Als „Spiegel der Gerechtigkeit“ weckt sie in unserem Herzen alles das auf, was wir bewußt oder unbewußt vergraben haben. Es gilt das Herz zu öffnen, dann werden wir wie Bernadette erkennen, wo eigentlich der Schuh drückt. Auch wir – alle Menschen, wenn sie denn mal den Stolz beiseite lassen – bedürfen des Trostes. Heißt sie nicht auch Trösterin der Betrübten?

“Überwältigt von diesem Leuchten und ein bisschen auch, um sich über die Wesensart der Dame zu vergewissern, will Bernadette ein Kreuz schlagen. Das Bekreuzigen ist ein sehr probates Mittel gegen die tausend Ängste der Seele, die Bernadette seit ihrer Kindheit verfolgen“.

Aber Bernadette wünscht, dass die Dame zuerst das Zeichen des Kreuzes macht.

„Dabei wird ihr Gesicht sehr ernst, und dieser Ernst ist eine neue Welle jener Lieblichkeit, die atemlos macht. Bernadette hat bisher im Leben wie alle anderen Leute beim Bekreuzigen Stirn und Brust nur ungenau betupft. Jetzt aber fühlt sie von einer milden Gewalt ihre Hand ergriffen. Wie man einem Kinde, das nicht schreiben kann, die Hand führt, so zeichnet jene milde Gewalt dasselbe große und unaussprechlich vornehme Kreuz mit der eiskalten Hand des Mädchens auf dessen Stirn.“

Wir sehen: die Unbefleckte Empfängnis ist also nicht nur etwas, das „schön für sie“ ist, sondern auch für uns. Immer dann, wenn uns die Forderungen unseres Glaubens schwer oder gar unerreichbar erscheinen, sollten wir auf Maria blicken.

Der hl. Josefmaria gab u.a. den Rat, die Marienbilder, die einem begegnen, mit einem Blick zu grüßen, ohne Worte, womöglich sogar ohne Gebet – einfach nur sie kurz anschauen. Vieles wird uns dann sozusagen intuitiv vermittelt an Erkenntnissen und Impulsen zum Handeln. Ohne die Gefahr, ins Sentimentale abzurutschen, aber auch ohne uns an abstrakten Formeln zu reiben, tun wir das Richtige, fördern wir Gerechtigkeit und damit den Frieden.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

_______

Quelle