Damit Maria Königin des Friedens sein kann, müssen wir ihr helfen

saint_nicholas_catholic_church_zanesville_ohio_-_stained_glass_rose_window_immaculate_conception-740x493

Maria Empfängnis, Zanesville, Ohio (USA) / Wikimedia Commons – Nheyob, CC BY-SA 4.0 (Cropped)

Impuls von Msgr. Peter von Steinitz
zum Fest der Unbefleckten Empfängnis 2016

Wir sind am Ende und Ziel der diesjährigen Novene angekommen und feiern die „ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Die meisten von uns wissen auch, dass dies ein Dogma ist, also ein unverrückbarer Glaubenssatz, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Kirchengeschichte durch das Lehramt der Kirche ein für allemal feierlich proklamiert worden ist. Im Zusammenhang mit der Gottesmutter hat die katholische Kirche bisher vier Dogmen verkündet:

431 die göttliche Mutterschaft (Theotokos)

1555 die immerwährende Jungfräulichkeit

1854 die Unbefleckte Empfängnis und

1950 die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele.

Aber, liebe Brüder und Schwestern, das Aufzählen von Glaubenssätzen ist noch nicht das, um was es hier am heutigen Tage eigentlich geht. Es ist gut, dass wir fest daran glauben, dass Maria ohne jede Sünde, sogar ohne die Ursünde, ist. Auf der anderen Seite könnte einen das  trotzdem kalt lassen, man könnte salopp und cool sagen: schön für sie.

Und die unausgesprochene Frage des heutigen Menschen lautet auch hier wie immer: was bringt mir das? Und wenn man es tatsächlich auf das abstrakte Wissen beschränkt, ist die Frage und das, was sie weiterhin beinhaltet, sogar berechtigt. Allerdings könnte es uns dann so gehen wie jenem Mann, von dem der hl. Josemaría Escrivá erzählt, der während des II. Vatikanischen Konzils einmal ganz aufgebracht zu ihm sagte, man habe in der Konzilsaula diesen Satz gehört: wir müssen nun noch das „Thema der Muttergottes“ unterbringen.

„Sprechen so Kinder von ihrer Mutter? Als von einem Thema?“

Bei allem, was mit Maria zu tun hat, haben die Christen unserer Zeit immer wieder gegen zwei mögliche Verirrungen zu kämpfen: den Kitsch und die Sentimentalität. Solange wir nur sachliche, theologische Aussagen über sie machen, ist da keine Gefahr. Aber sobald wir das Herz sprechen lassen, werden wir sehr schnell verunsichert, weil man uns ja für allzu gefühlvoll halten könnte oder aber man an unserem guten Geschmack zweifeln könnte. Sehr viele Andachtsbilder kommen für den gebildeten Christen einfach nicht infrage, weil sie geschmacklos sind – ein Phänomen, das es im Mittelalter oder im Barock nicht gegeben hat.

Hier kommt uns nun  von außerhalb der Kirche jemand zu Hilfe, der uns ein  Bild von Maria entwirft, das von höchster künstlerischer Qualität und zugleich großer menschlicher Wärme ist.

Einer der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, Franz Werfel, schildert in seinem Buch „Das Lied von  Bernadette“, wie das Mädchen Bernadette die Jungfrau Maria in der Grotte Massabielle in Lourdes sieht. Der Autor, der zu diesem Zeitpunkt nicht katholisch, sondern jüdisch ist, schildert die Jungfrau Maria so großartig, dass man meint, er habe sie soeben selbst gesehen.

„Ihr ganzes Wesen jubelt über die Schönheit der Dame. Es gibt keine Schönheit, die rein körperlich wäre. In jedem Menschengesicht, das wir schön nennen, bricht ein Leuchten durch, das, obwohl an physische Formen gebunden, geistiger Natur ist. Die Schönheit der Dame scheint weniger körperlich zu sein als jede andere Schönheit. Sie ist das geistige Leuchten selbst, das Schönheit heißt.“

Ich lade Sie zu folgendem Gedankenexperiment ein: machen wir den Versuch, einmal über himmlische Dinge nachzudenken nicht unter dem Aspekt der theologischen Wissenschaftlichkeit, sondern unter dem des Lebens. Was Gott uns Menschen bietet ist Leben, nicht abstrakte Wissenschaft. Die Frau, die der Vater als Mutter seines Sohnes erwählt hat, ist nicht nur vollkommen gut, sondern auch vollkommen schön. Auch und gerade ihre Jungfräulichkeit ist von großer Anmut und ansprechendem Reiz. Bernadette ist verliebt in ihre Schönheit – eine Liebe, die über jede Frage, wie man sie heute manchmal stellt, erhaben ist, denn sie führt zu Gott.

Und noch eine weitere Wirkung erkennen wir: die Begegnung mit der „Unbefleckten Empfängnis“ – denn so nennt sich die schöne Dame auf Befragen – löst in Bernadette etwas aus.

Auf eine unmittelbare, intuitive Weise bewirkt die Unbefleckte Empfängnis, dass im Menschen Regungen, Befindlichkeiten ans Tageslicht gefördert werden, über die sich der Mensch zum Teil nie Rechenschaft gegeben hat. Ist es uns nicht auch einmal passiert, dass wir in einer Gnadenstunde – vielleicht während eines feierlichen Gottesdienstes, oder bei Einkehrtagen oder an einem Marienwallfahrtsort – plötzlich Dinge mit großer Klarheit sehen, die bisher in uns verborgen waren?

Man bemerkt beispielsweise, dass man im Grunde immer sehr egoistisch gehandelt hat; man stellt fest, dass  der andere Vorzüge hat, die man immer übersehen hatte, man erkennt mit einem Mal, dass man sein Leben ändern muss. Die Theologie nennt so etwas Gnade.

Können wir ein solches Wirken, können wir die Gnade mit der Begegnung mit Maria, mit der Unbefleckten Empfängnis vergleichen oder gar gleichsetzen?

Gewiss, die Gnade ist aus Gott und nur aus ihm. Aber die Theologie selber und das päpstliche Lehramt sagen: Maria ist die Vermittlerin der Gnaden. Alle Gnaden, die Christus der Herr uns durch sein Leiden und seine Auferstehung erworben hat, und die zunächst etwas Geistiges, ja Abstraktes sind, gehen durch die Hände der Gottesmutter und bekommen durch sie gewissermaßen ein menschliches Gesicht.

Wenn wir uns heute fragen: ist Maria wirklich Königin des Friedens und bedeutet das, dass sie den Frieden so wie die anderen Gnaden vermitteln kann, dann müssten wir uns also die Frage stellen: wenn ich auf Maria schaue, auf die Unbefleckte Empfängnis, geschieht dann in mir oder durch mich etwas, das den Frieden schafft oder mindestens fördert? Unter Wahrung der Freiheit des Menschen, meine ich diese Frage bejahen zu können.

Denn wie ist es konkret mit dem Frieden, den wir ja in der heutigen weltgeschichtliche Konstellation mehr denn je nötig haben? Wie entsteht Frieden, der möglichst mehr ist als nur die Abwesenheit von Kampfhandlungen?

Ich sehe in einem einfachen Wort der Hl.Schrift eine weitaus tiefergehende Begründung für den Frieden. Der Psalmist sagt: „Opus iustitiae pax“. Friede ist ein Werk der Gerechtigkeit.

Armut, Hunger, ungleiche Verteilung der Güter dieser Erde – das alles entsteht ja aus dem Mangel an Gerechtigkeit.

Die Gerechtigkeit ist allerdings eine Tugend, die alle Menschen üben sollten. Täten sie es, so würde in der Tat diese Erde ganz anders aussehen. Wir alle wissen: es triumphieren allenthalben die Habgier und der Egoismus. Es ist daher nicht genug, dass wir den Staat auffordern, etwas zur Förderung des Friedens zu tun. Der Staat ist da überfordert: jeder Staatsbürger muss bei sich selbst anfangen.

Aber dazu bedarf es der Erkenntnis, wo es an der Gerechtigkeit fehlt, und das ist  eben die Gnade, um die wir zuerst beten müssen.. Wir alle sind groß im Erkennen der Fehler der anderen. Bei den eigenen sind wir meist sehr großzügig. Hier gilt es anzusetzen bei unseren Bemühungen für den Frieden.

Danach, aber wirklich erst dann, wenn wir mit der Erkenntnisgnade alles getan haben, was wir konnten, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns den Frieden schenkt, den letztlich nur er geben kann. Gott will uns – weil er ein guter Pädagoge ist – nicht in den Schoß legen, was wir aus eigener Kraft erreichen können. Erst wenn wir an unsere Grenzen gekommen sind, wirkt er die Wunder, die wir brauchen.

Maria ist, wie sie sich in Lourdes selber nennt, die Unbefleckte Empfängnis, und sie hat, wie die Lauretanische Litanei es ausdrückt, in sich die ganze Fülle, die es zur Heilung des Menschen braucht: sie ist Sitz der Weisheit, Ursache unserer Freude, Königin der Familien und Königin der Apostel. Sie ist Heil der Kranken und Bundeslade, Kelch des Geistes und Pforte des Himmels und vieles mehr. Und sie ist wirklich die Königin des Friedens in diesem doppelten Sinne: sie vermittelt den Frieden, „den nur der Herr geben kann“ und sie gibt uns durch den Aufblick zu ihr alles das an die Hand, was wir brauchen, um das Unsere zur Erreichung des Friedens zu tun.

Als „Spiegel der Gerechtigkeit“ weckt sie in unserem Herzen alles das auf, was wir bewußt oder unbewußt vergraben haben. Es gilt das Herz zu öffnen, dann werden wir wie Bernadette erkennen, wo eigentlich der Schuh drückt. Auch wir – alle Menschen, wenn sie denn mal den Stolz beiseite lassen – bedürfen des Trostes. Heißt sie nicht auch Trösterin der Betrübten?

“Überwältigt von diesem Leuchten und ein bisschen auch, um sich über die Wesensart der Dame zu vergewissern, will Bernadette ein Kreuz schlagen. Das Bekreuzigen ist ein sehr probates Mittel gegen die tausend Ängste der Seele, die Bernadette seit ihrer Kindheit verfolgen“.

Aber Bernadette wünscht, dass die Dame zuerst das Zeichen des Kreuzes macht.

„Dabei wird ihr Gesicht sehr ernst, und dieser Ernst ist eine neue Welle jener Lieblichkeit, die atemlos macht. Bernadette hat bisher im Leben wie alle anderen Leute beim Bekreuzigen Stirn und Brust nur ungenau betupft. Jetzt aber fühlt sie von einer milden Gewalt ihre Hand ergriffen. Wie man einem Kinde, das nicht schreiben kann, die Hand führt, so zeichnet jene milde Gewalt dasselbe große und unaussprechlich vornehme Kreuz mit der eiskalten Hand des Mädchens auf dessen Stirn.“

Wir sehen: die Unbefleckte Empfängnis ist also nicht nur etwas, das „schön für sie“ ist, sondern auch für uns. Immer dann, wenn uns die Forderungen unseres Glaubens schwer oder gar unerreichbar erscheinen, sollten wir auf Maria blicken.

Der hl. Josefmaria gab u.a. den Rat, die Marienbilder, die einem begegnen, mit einem Blick zu grüßen, ohne Worte, womöglich sogar ohne Gebet – einfach nur sie kurz anschauen. Vieles wird uns dann sozusagen intuitiv vermittelt an Erkenntnissen und Impulsen zum Handeln. Ohne die Gefahr, ins Sentimentale abzurutschen, aber auch ohne uns an abstrakten Formeln zu reiben, tun wir das Richtige, fördern wir Gerechtigkeit und damit den Frieden.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

_______

Quelle

Papstgebet an Mariä Empfängnis in Roms Altstadt: Ohne Masken

ansa1119466_articolo

Händedruck mit Roms Bürgermeisterin

Anlässlich des Hochfestes Mariä Empfängnis hat Papst Franziskus am Donnerstagnachmittag in der römischen Altstadt an der Marienstatue gebetet.

Ein festlicher Ton mischt sich ins geschäftige Summen des römischen Weihnachtsgeschäfts, als der dunkle Kleinwagen des Papstes auf die römische Piazza di Spagna fährt. In Italien ist heute Feiertag, viele Leute strömen zum Bummel in die Altstadt. Unweit teurer Shoppingmeilen schafft Trompetenmusik einen ehrwürdigen Rahmen, Trauben von Gläubigen, Römer wie Touristen, drängen sich erwartungsvoll hinter Absperrungen übers Pflaster.

Franziskus steigt aus, sein Blick wach und freundlich, schüttelt erst einmal Hände. Zu traditionsreichen Andacht an der Spanischen Treppe sind Vertreter der Stadt gekommen, darunter die amtierende Bürgermeisterin Virginia Raggi. Zu Füßen der Marienstatue hält Franziskus inne. Er legt einen Blumenkranz nieder. Sein Blick geht nach oben, zur mit Sternen gekrönten Bronzefigur, er sammelt sich fürs Gebet.

Am Hochfest Mariä Empfängnis vertraut Franziskus alle Gläubigen – „in dieser Stadt Rom und in der ganzen Welt“ – der Fürsprache der Muttergottes an. Es sind die Kinder, Familien und Arbeiter, auf die er den Blick richtet, Stützen der Gesellschaft, die oft zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. Explizit bittet der Papst für verlassene und ausgebeuteten Kinder, für Problemfamilien und Menschen ohne oder mit menschenunwürdiger Arbeit.

„Wir brauchen dein unbeflecktes Herz, um selbstlos das Wohl des Nächsten zu suchen, mit Einfachheit und Ehrlichkeit, ohne Masken und Schminke“, richtet sich der Papst im Gebet an Jesu Mutter. Eine Bitte um Essentielles im Herzen Roms, inmitten von Geschäften und Luxus.

„Wir brauchen deine unbefleckten Hände, um mit Zärtlichkeit das Fleisch Jesu zu streicheln und zu berühren in den Armen, Kranken, Verstoßenen, um die Gefallenen aufzurichten und die Schwankenden zu stützen“, fährt der Papst fort.

Solidarität und Nächstenliebe, auch Vergebung und Versöhnung dürfen nicht fehlen in der Weihnachtszeit.

„Wir brauchen deine unbefleckten Füße, um denjenigen entgegenzugehen, der nicht den ersten Schritt zu gehen vermag, um auf den Wegen der Verlorenen zu wandeln, um die Menschen zu besuchen, die allein sind.“

Nach dem Gebet nimmt sich der Papst Zeit, um Pilger und Besucher zu begrüßen, darunter 100 Menschen mit Behinderung. Das Ereignis kann dank einer Videoübertragung auch von den Pilgern in Lourdes verfolgt werden.

Auf dem Rückweg in den Vatikan macht der Papst einen Zwischenhalt an der Basilika Santa Maria Maggiore, um vor der Marien-Ikone Salus Populi Romani zu beten.

 

Der Besuch der Muttergottes-Statue zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis am 8. Dezember gehört zu den festen Terminen des Papstes
als Bischof von Rom. Die Figur war unter Pius IX. (1846-1878) aus Anlass der Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis (1854) auf einer antiken Säule aufgestellt worden.

(rv 08.12.2016 pr)

JOHANNES PAUL II. ZUM HOCHFEST DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS

totus-tuus

EUCHARISTIEFEIER ANLÄSSLICH DES 150. JAHRESTAGES
DER VERKÜNDIGUNG DES DOGMAS
VON DER UNBEFLECKTEN EMPFÄNGNIS MARIENS

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Hochfest der Unbefleckten Empfängnis der Sel. Jungfrau Maria
Mittwoch, 8. Dezember 2004

 

1. »Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1,28).

Mit diesen Worten des Erzengels Gabriel wenden wir uns mehrmals am Tag an die Jungfrau Maria. Wir wiederholen sie heute am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria mit besonders großer Freude, weil wir des 8. Dezember 1854 gedenken, an dem der selige Pius IX. dieses wunderbare Dogma des katholischen Glaubens in dieser vatikanischen Basilika verkündet hat.

Ich grüße herzlich alle, die heute hier versammelt sind, insbesondere die Vertreter der Nationalen Mariologischen Gesellschaften, die am Internationalen Marianisch-mariologischen Kongreß teilgenommen haben, der von der Päpstlichen Marianischen Akademie veranstaltet wurde.

Ferner grüße ich euch, liebe anwesende Brüder und Schwestern, die ihr gekommen seid, um die Unbefleckte Jungfrau in kindlicher Liebe zu verehren. Allen voran grüße ich Kardinal Camillo Ruini und erneuere meine herzlichsten Glückwünsche zu seinem Priesterjubiläum, wobei ich ihm meinen aufrichtigen Dank für den Dienst ausspreche, den er mit großmütiger Hingabe für die Kirche als mein Generalvikar für die Diözese Rom und als Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz geleistet hat und weiterhin leistet.

2. Wie tief ist das Geheimnis der Unbefleckten Empfängnis, das uns die heutige Liturgie vorstellt! Ein Geheimnis, das die Kontemplation der Gläubigen immer wieder anregt und das Nachdenken der Theologen inspiriert. Das Thema des zuvor erwähnten Kongresses – »Maria von Nazaret nimmt den Sohn Gottes in die Geschichte auf« – ermöglichte eine Vertiefung der Lehre von Marias Unbefleckter Empfängnis als Voraussetzung für die Aufnahme des Wortes Gottes in ihrem jungfräulichen Schoß, des Erlösers des Menschengeschlechtes, der von ihr Fleisch angenommen hat.

»Voll der Gnade«, »κεχαριτωµευη«: Nach dem griechischen Original des Lukasevangeliums wendet sich der Engel mit diesem Beinamen an Maria. Es ist der Name, mit dem Gott die Jungfrau durch seinen Boten bezeichnen wollte. So hat er sie von Ewigkeit her, »ab aeterno«, erdacht und gesehen.

3. In dem soeben verkündeten Hymnus des Briefes an die Epheser preist der Apostel Gott, den Vater, denn er hat »uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel« (1,3). Mit welch außerordentlichem Segen hat Gott am Anfang der Zeit Maria bedacht! Du bist wirklich mehr gesegnet als alle anderen Frauen, Maria (vgl. Lk 1,42)!

Gott, der Vater, hat sie in Christus vor der Erschaffung der Welt erwählt, damit sie heilig und untadelig lebe vor Gott; er hat sie aus Liebe im voraus dazu bestimmt, Erstlingsfrucht der Gotteskindschaft zu werden durch Jesus Christus« (vgl. Eph 1,4–5).

4. Marias Vorausbestimmung wie auch die eines jeden von uns bezieht sich auf die Vorausbestimmung des Sohnes. Christus ist jener »Nachwuchs«, der gemäß dem Buch Genesis die alte Schlange »am Kopf trifft« (vgl. Gen 3,15); er ist das »fehlerfreie« Lamm (vgl. Ex 12,5; 1 Petr 1,19), das geopfert wurde, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen.

Im Hinblick auf seinen Erlösungstod wurde seine Mutter Maria vor der Erbsünde und vor jeder anderen Sünde bewahrt. Im Sieg des neuen Adam ist auch der Sieg der neuen Eva, der Mutter der Erlösten, enthalten. So ist die Immaculata Zeichen der Hoffnung für alle Lebenden, die den Satan durch das Blut des Lammes besiegt haben (vgl. Offb 12,11).

5. Wir betrachten heute die demütige junge Frau von Nazaret, die heilig und untadelig vor Gott in der »Liebe« lebte (vgl. Eph 1,4), deren Ursprung der Dreifaltige Gott selbst ist.

Welch erhabenes Werk der Heiligsten Dreifaltigkeit ist die Unbefleckte Empfängnis der Mutter des Erlösers! In der Bulle Ineffabilis Deus weist Pius IX. darauf hin, daß Gott, der Allmächtige, »durch ein und denselben Ratschluß die Herkunft Marias und die Fleischwerdung der göttlichen Weisheit« festgesetzt hat (Pii IX Pontificis Maximi Acta, Pars prima, S. 559).

Das »Ja« der Jungfrau bei der Verkündigung des Engels verbindet sich mit unserem konkreten irdischen Dasein, in demütigem Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen, die Menschheit nicht vor der Geschichte, sondern in der Geschichte zu retten. Denn die »neue Eva« hat, von jedem Makel der Erbsünde bewahrt, in einzigartiger Weise das Wirken Christi als vollkommener Mittler und Erlöser erfahren. Als erste von ihrem Sohn Erlöste hat sie in Fülle an seiner Heiligkeit teil; sie ist bereits das, was die ganze Kirche zu sein wünscht und hofft. Sie ist die eschatologische Ikone der Kirche.

6. Die Immaculata, die Anfang der Kirche, der makellosen Braut Christi, ist (vgl. Präfation), geht dem Volk Gottes immer den »Pilgerweg des Glaubens« ins Himmelreich voran (vgl. Lumen gentium, 58; Redemptoris Mater, 2).

In der Unbefleckten Empfängnis Mariens sieht die Kirche, wie sich, vorweggenommen in ihrem hervorragendsten Mitglied, bereits die österliche Gnade der Erlösung abzeichnet.

Im Ereignis der Menschwerdung findet sie den Sohn und die Mutter untrennbar miteinander verbunden: denjenigen, »der ihr Herr und Haupt ist, und diejenige, die durch das erste ›Fiat‹ des Neuen Bundes ein Vorbild für ihre Aufgabe als Braut und Mutter darstellt« (Redemptoris Mater, 1).

7. Dir, Unbefleckte Jungfrau, die du von Gott über alle anderen Geschöpfe hinaus als Fürsprecherin der Gnade und als Vorbild der Heiligkeit für sein Volk vorherbestimmt bist, vertraue ich heute erneut in besonderer Weise die ganze Kirche an.

Führe du ihre Kinder auf dem Pilgerweg des Glaubens, und mache sie dem Wort Gottes immer gehorsamer und treuer.

Begleite du jeden Christen auf dem Weg der Umkehr und der Heiligkeit, im Kampf gegen die Sünde und in der Suche nach der wahren Schönheit, die immer Abglanz und Widerschein der göttlichen Schönheit ist.

Erwirke du allen Völkern Frieden und Heil. Der Ewige Vater, der dich als Unbefleckte Mutter des Erlösers gewollt hat, erneuere auch in unserer Zeit durch dich die Wunder seiner barmherzigen Liebe. Amen.

_______

Quelle

Siehe dazu auch:

Papst Pius X.: Das Geheimnis und die Bedeutung der Unbefleckten Empfängnis Mariens

pius-x-wallpaper

Enzyklika
Ad diem illum laetissimum

Das Geheimnis und die Bedeutung der Unbefleckten Empfängnis Mariens
anlässlich der 50. Jubelfeier der Dogmenverkündigung

(2. Februar 1904)

Pius X.

 

Hinweis/Quelle: Rudolf Graber, Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter-Verlag, Würzburg 19542, S. 127–139. Die Nummerierung entspricht der englischen Fassung. Es fehlen in diesem deutschsprachigen Text die Artikel 27–32 (die damaligen Ablassgewährungen). Digitalisiert von Armin Jauch. Die Rechtschreibung wurde an die neue Form angeglichen. Irrtum vorbehalten.

I. Das Jubiläum des Immakulata-Dogmas

1 Noch wenige Monate, und das Jahr bringt uns den freudenvollen Tag heran, an dem vor fünf Jahrzehnten Unser Vorgänger, Papst Pius IX. seligen Angedenkens, inmitten einer glanzvollen Versammlung von Kardinälen und Bischöfen, kraft seines unfehlbaren Lehramtes, feierlich verkündete und erklärte, es sei Gegenstand der göttlichen Offenbarung, dass die allerseligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis frei von aller Makel der Sünde bewahrt worden sei. Allgemein ist jedoch bekannt, mit welch festlichen Kundgebungen der Freude und des Dankes von den Gläubigen auf dem ganzen Erdkreis diese Verkündigung aufgenommen wurde. Niemals, soweit wir uns erinnern, hat die Liebe zur hehren Gottesmutter und auch zum Stellvertreter Jesu Christi auf Erden einen so begeisterten und einmütigen Ausdruck gefunden wie damals.

2 Gehen wir in Unserer Erwartung zu weit, ehrwürdige Brüder, wenn Wir Uns der Hoffnung hingeben, dass bei dieser Erinnerungsfeier der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau auch jetzt, nach Ablauf eines halben Jahrhunderts, ein lebhafter Widerhall dieser heiligen Freude in unseren Herzen spürbar wird und dass allmählich wie damals auch heute der Glaube und die Liebe zur Gottesmutter machtvoll in Erscheinung treten wird? Diesen lebhaften Wunsch erweckt in Uns die Liebe, die Wir zur allerseligsten Jungfrau im Herzen tragen und die, ein Gnadengeschenk übrigens ihrer Güte, Wir allzeit zu vermehren trachteten. Zur sicheren Hoffnung und Erwartung aber, dass dieser Unser Wunsch auch in Erfüllung gehen werde, berechtigt Uns das Bestreben aller wahren Katholiken, die nie müde werden und immer bereit sind, der hehren Gottesmutter stets neue Beweise der Liebe und der Verehrung zu erbringen. Wir wollen indessen nicht verschweigen, dass dieses Unser Verlangen einer gewissen inneren Stimme entspringt, und diese scheint Uns zu sagen, dass nun bald jene Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gehen werden, zu denen Unser Vorgänger Pius, und mit ihm alle Bischöfe, nicht ohne Grund sich gedrängt fühlten, wenn einmal die Wahrheit der Unbefleckten Empfängnis als Glaubenssatz ausgesprochen wäre.

II. Die lmmakulata als Hilfe der Kirche

3 Es gibt freilich nicht wenige, die es bedauern, dass diese Hoffnungen bis auf den heutigen Tag noch nicht ihre letzte Erfüllung gefunden haben, und die glauben, mit Jeremias sprechen zu können: „Wir hofften auf Frieden, und nichts Gutes ist geworden; wir hofften auf die Zeit der Heilung und siehe: Schrecken[1].“ Solche „Kleingläubige“ verdienen Tadel; sie nehmen sich nicht genügend Mühe, die Werke Gottes zu überdenken und ihren tiefen Wahrheitsgehalt auszuschöpfen. Denn wer vermag die geheimen Gnadenschätze zu ermessen und aufzuzählen, die Gott auf die Vermittlung der seligsten Jungfrau hin diese ganze Zeit hindurch der Kirche zugewendet hat? Aber abgesehen davon: Haben wir nicht zur rechten Zeit die Abhaltung des Vatikanischen Konzils erlebt und damit die Glaubenserklärung der Unfehlbarkeit des Papstes, die allen künftigen Irrungen rechtzeitig einen wirksamen Riegel vorschiebt? Sind wir nicht Zeugen ungeahnter und nie da gewesener Beteuerungen der Liebe gewesen, die aus allen Ständen und Länderstrichen die Gläubigen schon seit längerer Zeit hierher zog, dem Stellvertreter Christi Verehrung und Huldigung zu erweisen? Müssen wir nicht geradezu in staunende Bewunderung versinken vor dem Walten der Vorsehung Gottes, die an Unseren zwei Vorgängern, Pius und Leo, sich so wunderbar erwiesen hat? Trotz der sturmvollen Zeit haben sie in einer Regierungsdauer, wie sie keinem anderen beschieden war, die Kirche in Heiligkeit regiert.

III. Maria, Band der Einheit unter den Gliedern der Kirche

4 Dazu kam aber noch ein anderes Ereignis. Kaum hatte Pius die Wahrheit von der unbefleckten Jungfrau Maria als Glaubenssatz ausgesprochen, als sich in dem Städtchen Lourdes die Jungfrau in Wundern zu offenbaren begann und der großartige Prachtbau des Heiligtums der Unbefleckten sich erhob, bei dem auf die Fürbitte der Muttergottes täglich Wunder geschehen, die geeignet sind, den Unglauben der Jetztzeit zu widerlegen. – Es sind tatsächlich viele und große Erweise der Güte, die Gott auf die milde Fürbitte der Jungfrau im Lauf dieser fünfzig Jahre erteilte. Sollen wir da nicht hoffen, „dass unsere Rettung näher ist, als wir glaubten“? Und dies umso mehr, da es erfahrungsgemäß ein Gesetz der göttlichen Vorsehung zu sein scheint, dass Gott am nächsten ist, wo die Gefahr am größten ist. „Nahe ist‘s, dass komme die Zeit, und ihre Tage werden nicht verlängert werden. Denn der Herr erbarmt sich Jakobs und erwählet nochmals Israel[2].“ So haben wir Hoffnung, bald rufen zu können: „Zerbrochen hat Gott den Stab der Gottlosen. Es ruht und schweigt die ganze Erde, sie freut sich und bricht in Jubel aus“[3].

5 Der Hauptgrund aber, weshalb Wir wünschen, dass die fünfzigjährige Jubelfeier der Erklärung der Unbefleckten Empfängnis Mariens als Glaubenssatz in der christlichen Welt eine Bewegung religiöser Vertiefung einleiten möchte, ist jener Wahlspruch, den Wir neulich in Unserem Rundschreiben ausgesprochen haben, „alles in Christus zu erneuern“. Jedem Einsichtigen ist es ja klar, dass es keinen sichereren und leichteren Weg gibt, alle mit Christus zu vereinigen und durch ihn die vollkommene Kindschaft zu erlangen, damit wir selig und makellos vor Gott seien, denn Maria.

IV. Jesus und Maria im Glaubensbewusstsein

Als nämlich zu Maria gesagt wurde: „Selig bist du, da du geglaubt hast, dass in Erfüllung gehen wird, was dir vom Herrn gesagt worden ist“[4], so bezog sich das auf die Empfängnis und Geburt des Sohnes Gottes. Und so empfing sie in ihrem Schoße den, der die Wahrheit selber ist, damit er, „auf einem ganz neuen Wege und durch eine ganz neue Geburt erzeugt, unsichtbar seinem Wesen nach, sichtbar in unserer Natur würde“[5]. So ist der Sohn Gottes Mensch geworden, um „Urheber und Vollender des Glaubens zu werden“. Aus all dem aber folgt notwendig, dass seine heiligste Mutter an diesen göttlichen Geheimnissen teilgenommen hat und dass diese ihr zur Bewahrung gleichsam anvertraut sind. Nach Christus muss Maria als das vornehmste Fundament angesehen werden, auf dem das Glaubensgebäude durch alle Jahrhunderte hindurch aufgeführt werden soll.

6 Oder hätte Gott vielleicht nicht auf einem anderen Wege als durch die Jungfrau uns den Wiederhersteller des Menschengeschlechtes und Urheber des Glaubens schenken können? Nun hat es aber der Ewige nach dem Ratschluss seiner göttlichen Vorsehung gefügt, uns den Gottmenschen durch Maria zu geben, die, überschattet vom Heiligen Geiste, ihn in ihrem Schoße getragen; darum bleibt uns gar keine andere Wahl, als dass wir Christus empfangen aus den Händen Mariens. Deshalb erscheint auch jedes Mal, wenn die Heilige Schrift in seherischen Worten von unserer künftigen Erlösung spricht, neben dem Welterlöser seine heilige Mutter. Er wird gesendet als das Lamm, das die Erde beherrscht, aber es kommt von den Felsen in der Wüste; er sprosst als Blume auf, aber aus der Wurzel Jesse. Adam schon erblickte Maria in der Ferne als die Zertreterin des Kopfes der Schlange und gebot bei ihrem Anblick Einhalt den Tränen über den Fluch, der ihn getroffen. An sie dachte Noe, in der rettenden Arche eingeschlossen, und Abraham, als ihm verwehrt wurde, den Sohn zu opfern. Jakob erschaute sie als Leiter, auf der die Engel auf- und absteigen; Moses erkannte sie staunend in dem brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch; David begrüßte sie, als er beim Einzug der Bundeslade sang und tanzte; Elias endlich gewahrte sie in der kleinen Wolke, die aus dem Meere heraufstieg. Kurz, das Endziel des Gesetzes und all die Wahrheit in Vorbildern und Weissagungen finden wir, nächst Christus, in Maria.

V. Durch Maria erkennen wir am sichersten Jesus

7 Niemand fürwahr, der bedenkt, dass die Jungfrau einzig und allein es gewesen, mit der Jesus wie eben ein Sohn mit seiner Mutter dreißig Jahre lang häuslichen Umgang pflegte und durch die innigste Lebensgemeinschaft verbunden war, kann daran zweifeln, dass sie und sonst niemand uns den Zugang zur Erkenntnis Christi zu eröffnen vermag. Wer hätte denn tiefer als sie, die Mutter, das Geheimnis der Geburt und der Kindheit Christi erfassen können, vor allem das Geheimnis der Menschwerdung, das den Anfang und das Fundament des Glaubens bildet? Sie „bewahrte und überdachte nicht bloß in ihrem Herzen“ die Geheimnisse in Bethlehem und im Tempel zu Jerusalem bei der Darbringung, sondern, ganz eingeweiht in die verborgenen Gedanken und Absichten Christi, lebte sie wirklich das Leben ihres Sohnes. Niemand hat deshalb so wie sie Christus ganz erkannt, und so ist sie auch wie niemand anders die geschaffene WeggeIeiterin und die Lehrerin hin zur Erkenntnis Christi.

VI. Maria, Mutter Jesu und Mutter der Gläubigen

8 Deshalb besitzt auch, wie Wir schon angedeutet haben, niemand mehr Macht, die Menschen mit Christus zu vereinigen, als diese Jungfrau. Nach Christi Wort ist dies „das wahre Leben, dass sie dich erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus“[6]. Da wir aber durch Maria zur lebendigen Erkenntnis Christi gelangen, so werden wir auch umso leichter durch sie das Leben gewinnen, dessen Quelle und Beginn eben Christus ist.

9 Wie werden wir aber erst in dieser Hoffnung bestärkt, wenn wir überdenken, wie viele mächtige Gründe für Maria selbst bestehen, uns die Herrlichkeiten dieser Gnaden zu vermitteln!

10 Oder ist Maria nicht die Mutter Christi? Dann ist sie aber auch unsere Mutter. – Gehen wir zunächst von jener Grundwahrheit aus, die jeder festhalten muss: Jesus, das menschgewordene Wort, ist der Erlöser des Menschengeschlechtes. Wenn er nun als Gottmensch, wie alle anderen Menschen, einen ganz bestimmten Leib angenommen hat, so verfügt er als Erlöser unseres Geschlechtes ebenso über einen geistigen oder mystischen Leib; dieser mystische Leib ist die Gemeinschaft derer, die an Christus glauben. „Wir, die vielen, sind ein Leib in Christus[7].“ Nun aber hat die Jungfrau den ewigen Sohn Gottes nicht bloß empfangen, damit er die menschliche Natur annehme und so nur Mensch sei, sondern dass er durch die Annahme dieser Menschennatur aus ihr auch der Erlöser der Menschen würde. Deshalb sagte der Engel den Hirten: „Heute ist euch geboren der Erlöser, welcher ist Christus der Herr[8].“ In einem und demselben Schoße der reinsten Mutter hat er Fleisch angenommen und sich zugleich einen geistigen Leib beigefügt, der aus denen besteht, „die an ihn glauben würden“. So kann man mit Recht sagen: Dadurch, dass Maria in ihrem Schoß den Erlöser umschloss, trug sie in demselben auch die, deren Leben in das Leben des Erlösers einbezogen war. Wir alle also, die wir mit Christus vereinigt und nach den Worten des Apostels „Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und seinem Gebein“[9] sind, sind gleichsam aus dem Schoße Mariens hervorgegangen als ein Leib, der mit dem Haupte vereinigt ist. Somit heißen wir geistiger- und mystischerweise mit Recht Kinder Mariens, und sie ist unser aller Mutter: „Mutter freilich dem Geiste nach, aber doch durchaus Mutter der Glieder Christi, die wir sind“[10].

11 Die allerseligste Jungfrau ist also zugleich Mutter Gottes und Mutter der Menschen. – Ohne Zweifel wird sie deshalb alles aufbieten, damit Christus, „das Haupt des Leibes, der Kirche“[11], uns als seinen Gliedern alle seine Gnadenschätze mitteile, vor allem, damit wir ihn erkennen und „durch ihn leben“[12].

VII. Die Anteilnahme Mariens am Leiden Christi

12 Zum Lobpreis der heiligsten Gottesgebärerin gehört nun nicht bloß, dass sie „dem eingeborenen Sohne Gottes, der mit menschlichen Gliedern geboren werden sollte, die Materie ihres Fleisches bot“[13], um aus demselben die Opfergabe zu bereiten für das Heil der Menschen, sondern dass sie auch das Amt übernahm, dieses Opferlamm zu hüten und zu ernähren, ja es zu seiner Zeit zum Opferaltar hinzugeleiten. So also bestand zwischen dem Sohn und der Mutter eine ununterbrochene Gemeinschaft im Leben und Leiden, und von beiden gilt das Wort des Propheten: „Mein Leben verging in Schmerz und meine Jahre in Seufzern[14].“ Als nun das Lebensende ihres Sohnes herankam, „stand neben dem Kreuze Jesu sie“, seine Mutter. Und zwar war sie keineswegs wie benommen von dem Entsetzlichen, was sie schauen musste, sondern sie empfand sogar noch Freude, „dass ihr Eingeborener für das Heil des Menschengeschlechtes zum Opfer dargebracht wurde; allerdings litt sie so sehr mit, dass sie, wenn dies möglich gewesen wäre, alle Marter ihres Sohnes von Herzen gern mitgelitten hätte“[15]. Durch diese Teilnahme am Leiden und Willen Christi verdiente Maria, dass auch sie mit Recht „die Wiederherstellerin der verlorenen Menschenwelt“ wurde[16] und deshalb auch zur Ausspenderin aller Gnadenschätze, die Christus durch seinen Tod und sein Blut erkaufte, berufen wurde.

13 Damit wollen Wir nicht gesagt haben, dass die Verleihung dieser Gnaden nicht eigentlich und rechtmäßig Christus zustehe; er ausschließlich hat durch seinen Tod die Gnaden uns erworben, und er ist von Amts wegen der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Aber infolge dieser Teilnahme der Mutter an den Leiden und Bedrängnissen des Sohnes ist der hehren Jungfrau das Vorrecht geworden, „bei ihrem Sohn nun die mächtige Mittlerin und Versöhnerin der ganzen Welt“ zu sein[17]. Christus ist die Quelle, „aus deren Fülle wir alle empfangen haben“[18]: „Von ihm aus wird der ganze Leib zusammengefügt und zusammengehalten durch das Band, das Dienst tut … und so erhält der Leib Wachstum zu seinem Aufbau in Liebe“[19].

VIII. Theologische Gründe für die Gnadenvermittlung Mariens

Maria ist nur, nach der richtigen Bemerkung des hl. Bernhard, der „Wasserkanal“[20] oder auch der Hals, der den Leib mit dem Haupte verbindet und seinerseits Leben und Kraft von dem Haupte weitergibt. „Sie ist der Hals unseres Hauptes, durch den alle geistlichen Gaben seinem mystischen Leib mitgeteilt werden[21].“

14 Es braucht nicht mehr eigens betont zu werden, dass wir nie und nimmer der Gottesmutter die Kraft der übernatürlichen Gnadenbewirkung zuschreiben; diese gehört Gott allein an. Weil aber Maria alle an Heiligkeit und inniger Vereinigung mit Christus übertrifft und von ihm selbst zur Vollführung des Erlösungswerkes herangezogen wurde, in der Absicht, dass sie schicklicherweise (de congruo) für uns verdiene, was er von Rechts wegen (de condigno) verdient hat, so ist und bleibt sie die vornehmste Mitwirkerin bei der Gnadenverteilung. „Er sitzt zur Rechten der Majestät im Himmel“[22], Maria aber steht als Königin zu seiner Rechten, als „die bewährte Schützerin und zuverlässigste Helferin aller Gefährdeten. Keine Furcht und kein Zweifel braucht den schrecken, den sie leitet, über dem sie schwebt, dem sie gnädig ist und den sie beschützt“[23].

15 Aber nunmehr müssen wir wieder zu unserem Thema zurückkehren. Haben wir nicht mit Fug und Recht behaupten können, dass Maria, nachdem sie so treu zu Jesus gestanden, vom Hause in Nazareth bis zum Fels von Kalvaria, und vertraut wie niemand anders mit den Geheimnissen seines Herzens war, nun auch den Schatz seiner Verdienste, wie es einer Mutter zukommt, mit Recht verwaltet? Es gibt deshalb keinen besseren und sichereren Weg zur Erkenntnis und Liebe Christi als Maria. Sind nicht ein trauriger Beweis dieser Wahrheit leider gerade jene, die, betört durch die List des bösen Feindes oder irregeführt durch falsche Vorurteile, meinen, der Hilfe der Jungfrau entraten zu können? Diese Armen und Unglücklichen bilden sich ein, an Maria vorübergehen zu müssen, um angeblich Christus die Ehre zu geben, und sie wissen nicht, dass das Kind „nicht zu finden ist als bei Maria, seiner Mutter“.

IX. Hauptzweck der Marienverehrung ist die Erkenntnis Jesu

16 Dahin also, ehrwürdige Brüder, sollen nach all diesen Ausführungen Unserem Wunsche gemäß die Festlichkeiten, die zur Ehre der unbefleckten Jungfrau allerorts bereitet werden, zielen. Keine Ehrung ist Maria erwünschter, an keiner hat sie solches Gefallen, als dass wir Jesus wirklich erkennen und lieben. Mögen die Gläubigen nur Festlichkeiten begehen in den Kirchen und mögen die Gemeinden sich rüsten zu feierlichen Veranstaltungen und Freudenbezeugungen: das alles ist gut und trefflich, um Frömmigkeit und Andacht zu fördern. Wenn jedoch dies alles nicht aus dem tiefsten Innern kommt, bleibt es doch bloß äußerer Schein und ein Zerrbild echter Religiosität. Und die seligste Jungfrau könnte dann fürwahr mit Recht die vorwurfsvollen Worte Christi sich auch uns gegenüber zu eigen machen: „Dieses Volk ehrt mich bloß mit den Lippen; ihr Herz aber ist fern von mir[24].

17 Denn wir können nur dann von einer wahren Verehrung der Gottesmutter sprechen, wenn sie vom Herzen kommt. Ohne den inneren Geist hat das äußere Werk weder Wert noch Nutzen. Dieser innerliche Geist muss sich aber vor allem in uns dahin auswirken, dass wir die Gebote ihres göttlichen Sohnes genauestens beobachten. Denn wenn die Liebe echt ist, muss sie notwendig den Willen ergreifen; unser Wollen muss mit dem unserer heiligsten Mutter in Übereinstimmung gebracht werden, nämlich Christus dem Herrn zu dienen. Was die Jungfrau aus tiefster Überzeugung bei der Hochzeit zu Kana den Dienern auftrug: „Was er sagt, das tut“[25], das spricht sie auch zu uns. Christus aber wiederum sagt: „Wenn du zum Leben eingehen willst, halte die Gebote[26].“ Ein jeder möge sich also vor Augen halten: Wenn die Verehrung, die er der seligsten Jungfrau entgegenzubringen vorgibt, ihn nicht von der Sünde abhält und ihn nicht zu dem Entschlusse bringt, böse Gewohnheiten aufzugeben, so ist diese Verehrung Mariens bloß eine Äußerlichkeit und eine Selbsttäuschung ohne echten Kern und ohne heilbringende Frucht.

X. Das Dogma von der lmmakulata und die Flucht vor der Sünde

18 Sollte indessen jemand für diese Wahrheit noch eine Bestätigung erwarten, so lässt sich diese unschwer aus dem Glaubenssatz der Unbefleckten Empfängnis der Muttergottes selbst herleiten. – Sehen wir zunächst ab von der katholischen Überlieferung, die mit der Heiligen Schrift für uns die Quelle der Wahrheit ist: fragen wir nur, wie doch diese Überzeugung von der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria zu jeder Zeit so mit dem christlichen Denken verwurzelt sein konnte, dass sie den Gläubigen wie eingegeben und angeboren zu sein scheint? Dionysius der Kartäuser gibt dafür eine Erklärung mit den Worten: „Abscheu und Entsetzen hält uns ab, zu sagen, dass jene, die der Schlange den Kopf zertreten sollte, zu irgendeiner Zeit von der Schlange zertreten wurde, und dass die, welche Mutter des Herrn sein sollte, jemals die Tochter des Teufels war[27].“ Das christliche Volk konnte eben nie und nimmer begreifen und verstehen, wie das heilige, unbefleckte, unschuldige Fleisch Christi in dem Schoß der Jungfrau von einem Fleische genommen sein konnte, dem auch nur einen Augenblick lang die Sündenmakel anhaftete. Und der Grund ist der: Es stehen eben Gott und die Sünde in einem unendlichen und unversöhnlichen Gegensatz zueinander. Und so bildete sich überall in der katholischen Welt die Überzeugung heraus, dass der Sohn Gottes, bevor er uns durch die Annahme der Menschennatur „in seinem Blut von unseren Sünden reinigte“, seine Mutter schon im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch ein besonderes Gnadenprivileg von jeder Makel der Erbsünde rein bewahren musste.

19 Wenn also Gott dermaßen jede Sünde hasst und verabscheut, dass er die Mutter seines Sohnes nicht bloß von jeder persönlichen freiwilligen Sünde, sondern durch einen besonderen Gnadenerweis im Hinblick auf die Verdienste Christi auch von der Erbsünde, die allen Adamskindern wie ein Erbfluch anhaftet, befreit wissen wollte: dann muss offenbar als erstes von einem, der ein Diener Mariens sein will, verlangt werden, dass er seine schlimme und sündhafte Lebensführung aufgebe und auch all seine Neigungen, die stets von Verbotenem kosten wollen, beherrsche und in Zucht halte.

XI. Die wahre Marienverehrung besteht in der Nachahmung Mariens

20 Sollte aber jemand in sich das Verlangen tragen, was wir eigentlich bei jedem voraussetzen sollten, die seligste Jungfrau auf eine ganz vollkommene Art zu verehren, so muss er natürlich weitergehen und allen Ernstes dahinstreben, auch ihr Beispiel in jeder Weise nachzuahmen. – Gott hat nun einmal festgelegt, dass alle, die selig werden wollen, das Vorbild der Geduld und Heiligkeit Christi nachahmen und in sich selbst ausprägen. „Denn die er vorher erkannte, hat er auch vorbestimmt, dem Bild seines Sohnes gleichförmig zu werden, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern[28].“ Aber schwach und hinfällig wie wir nun einmal sind, lassen wir uns durch die Erhabenheit dieses herrlichen Vorbildes leicht entmutigen. Deshalb hat Gott in seiner Güte noch ein anderes Vorbild für uns vorgesehen, das einerseits, soweit es die menschliche Natur vermag, Christus ganz nahe steht, anderseits mit uns die Kleinheit und Schwäche teilt. Dieses Vorbild ist Maria. „So war Maria gestaltet“, sagt Ambrosius, „dass ihr Leben allein schon die Schule aller ist.“ Und daraus folgert er dann ganz richtig: „Als Vorbild diene euch das Leben der seligsten Jungfrau, das gleich einem Spiegel die Keuschheit und jedwede Tugendschönheit wie verkörpert hervorleuchten lässt[29].“

XII. Maria und die theologischen Tugenden

21 Die Kinder einer so heiligen Mutter sollten nun wohl in allem sie zum Vorbild nehmen. Unter den Tugenden sollten die Gläubigen freilich vor allem jenen ihre Aufmerksamkeit schenken, die an erster Stelle stehen und gleichsam der Nerv und das Zentrum unseres ganzen christlichen Denkens und Lebens sind, nämlich Glaube, Hoffnung und die Liebe zu Gott und den Menschen. Diese Tugenden umrahmten in herrlichem Glanz das ganze Leben der seligsten Jungfrau; besondere Leuchtkraft aber entfalteten sie, als Maria ihrem Sohne im letzten Augenblick seines Lebens zur Seite stand. – Da sehen wir nun Jesus am Kreuze hängen und wir hören, wie ihm unter Schmähungen und Verwünschungen vorgeworfen wird, dass er „sich zum Sohne Gottes gemacht habe“[30]. Nicht so Maria. Sie hielt mit bewundernswerter Standhaftigkeit an der Gottheit ihres Sohnes fest und betete sie an. Sie trägt den Leichnam des Sohnes zu Grabe, zweifelt aber keinen Augenblick an seiner Auferstehung. Die Liebe zu Gott, von der sie ganz entbrannt war, hatte ihr die Kraft gegeben, an den Leiden Christi selbst teilzunehmen und sich mit ihm darin zu teilen, und mit ihm bittet sie nun, ihrer Schmerzen vergessend, für die Mörder um Gnade und Verzeihung, während diese in ihrer Verstocktheit wütend schreien: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder[31].“

XIII. Die Erbsünde und die kirchliche Lehre von der Immakulata

22 Doch, um nun zur Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau zurückzukehren, deren Geheimnis ja den Anlass für Unser Rundschreiben abgegeben hat, wie viele mächtige Beweggründe bietet uns gerade jenes Geheimnis, diese Tugenden zu bewahren und zu pflegen! – Was ist wohl das erste, womit hasserfüllte Glaubensfeinde ihre Irrtümer nach allen Seiten zu verbreiten suchen und leider bei vielen den Glauben erschüttern? Sie leugnen, dass der Mensch gefallen sei, gesündigt habe und so seiner ehemaligen Stellung verlustig gegangen sei. Deshalb sind für sie die Erbsünde und alle ihre schlimmen Folgen rein erdichtete Märchen, ebenso die Sündhaftigkeit und die Verderbtheit des Menschengeschlechtes in seiner Wurzel und ihre Ausdehnung auf alle Nachkommen. Nicht weniger belächeln sie die Tatsache, dass dieses Übel alle Menschen erfasste und so einen Erlöser notwendig machte. Die natürliche Folge solcher Voraussetzungen aber ist die, dass es für Christus, für Kirche, für Gnade und eine übernatürliche Ordnung keine Daseinsberechtigung mehr in der Welt gibt. Mit einem Worte, das ganze Gebäude des Glaubens ist dadurch völlig unterhöhlt. – Wenn hingegen die Menschen gläubig bekennen, dass Maria die Jungfrau im ersten Augenblick ihrer Empfängnis von aller Sündenmakel frei geblieben ist, so bedeutet das ebensoviel, wie die Erbsünde, die Erlösung durch Christus, das Evangelium, die Kirche und selbst das Gesetz des Leidens zugeben und annehmen. Dann ist aber auch dem Rationalismus und dem Materialismus jeder Grund entzogen, und die christliche Weltanschauung darf rühmend für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit verteidigt und geschützt zu haben.

XIV. Der Rationalismus und die Immakulata

Die Glaubensfeinde verfügen indessen über noch andere Mittel, um namentlich heutzutage den Glauben in den Herzen zu Grunde zu richten. Man kündigt nämlich der Autorität der Kirche wie schließlich überhaupt auch jeder menschlichen Autorität Ehrfurcht und Gehorsam auf und verleitet auch die Mitmenschen dazu. Hier stehen wir vor der Keimzelle des Anarchismus, dieser verabscheuungswürdigen Pest, wie sie verhängnisvoller für die natürliche und übernatürliche Ordnung in der Menschenwelt nicht sein kann. Auch diese für die staatliche und kirchliche Ordnung so gefährliche Zeiterscheinung richtet sich im Grunde gegen den Glaubenssatz von der Unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter; denn gerade diese Lehre verpflichtet uns, der Kirche nicht bloß über unseren Willen, sondern auch über unsern Verstand bestimmenden Einfluss einzuräumen. Und weil wir so auch unseren Verstand in Zucht nehmen, begrüßt das christliche Volk die Gottesmutter mit den Worten: „Ganz schön bist du, Maria, und die erbliche Makel ist nicht in dir[32].“ – So bewahrheitet sich auch der glorreiche Lobpreis, den die Kirche mit Recht der hehren Jungfrau spendet, „dass sie nämlich alle Irrlehren der Welt vernichtet hat“.

23 Der Glaube aber ist, wie der Apostel sagt, „das feste Vertrauen auf das, was man erhofft“[33]. Wenn wir also durch die Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau in unserem Glauben bestärkt werden, so gilt dies selbstverständlich erst recht für die Hoffnung. Und dieses umso mehr, da Maria ja nur deswegen von der Erbsünde bewahrt wurde, weil sie Mutter Christi sein sollte; Mutter Christi wurde sie aber, damit in uns die Hoffnung auf die ewigen Güter neu geweckt würde.

XV. Die Immakulata führt zur Gottesliebe

24 Über die Liebe zu Gott brauchen wir keine Worte zu verlieren. Eine besondere Erwägung indessen verdient, wie die Betrachtung der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau uns aufmuntern kann zur Beobachtung jenes Gesetzes, das Jesus mit Vorzug sein Gebot genannt hat, nämlich das Gebot, dass wir einander lieben sollen, wie er selbst uns geliebt hat. – „Ein großes Zeichen“, so beschreibt der Apostel Johannes das ihm zuteil gewordene Gesicht, „ein großes Zeichen erschien am Himmel: Eine Frau, bekleidet mit der Sonne, den Mond zu ihren Füßen, und eine Krone von zwölf Sternen auf ihrem Haupte[34].“ Jeder aber weiß, dass diese Frau niemand anderen bedeutet als Maria, die als unversehrte Jungfrau Christus, unser Haupt geboren. „Und die Frau“ so fährt der Apostel fort, „war gesegneten Leibes und schrie in ihren Wehen und Geburtsnöten“[35]. Der Apostel sah also die heilige Gottesmutter, obwohl sie bereits beseligt im Himmel war, doch an geheimnisvollen Geburtswehen leiden. Was für eine Geburt mag damit wohl gemeint sein? Zweifellos handelt es sich um die Geburt von uns selbst, die wir, in der irdischen Verbannung noch zurückgehalten, erst zur vollkommenen Liebe Gottes und zur ewigen Glückseligkeit geboren werden müssen. Die Geburtswehen Mariens aber veranschaulichen ihre Liebe und ihr Bemühen, mit denen die Jungfrau auf dem Himmelsthron wacht und durch ihre fortwährende Fürbitte zu bewirken sucht, dass die Zahl der Erwählten ihr Vollmaß erreiche.

XVI. Maria überwindet die modernen Irrlehren

25 Dass nun diese Liebe besonders bei Gelegenheit dieser außerordentlichen Feier der Unbefleckten Empfängnis der Gottesgebärerin das Ziel aller werden möge, dahin geht Unser sehnlichstes Verlangen. Wie grimmig und wütend wird übrigens auch in unserer Zeit Christus verfolgt und die von ihm ins Leben gerufene heilige Religion! Wie viele schweben in augenscheinlicher Gefahr, durch all die schleichenden Irrtümer verführt zu werden und vom Glauben abzufallen? „Wer also zu stehen glaubt, der sehe zu, dass er nicht falle[36].“ Möchten doch alle durch Gebet und demütiges Flehen sich bei Gott verwenden, dass, wer von der Wahrheit abgewichen ist, durch die Fürbitte der Gottesmutter zur Einsicht gelange. Wir wissen ja aus Erfahrung, dass ein Gebet, das aus einem liebenden Herzen strömt und sich auf die Fürsprache der seligsten Jungfrau berufen kann, nie umsonst ist. Die Kirche wird ja freilich auch weiterhin immer wieder mit Kampf und Verfolgung rechnen müssen: „Denn es müssen ja Spaltungen sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden[37]“. Aber ebenso gewiss ist es, dass die seligste Jungfrau mit uns ist selbst in den verzweifeltesten Lagen; und so wird sie den Kampf fortsetzen, der in ihrer Empfängnis schon begonnen hat, und jeden Tag wird sich von neuem das Wort bewahrheiten: „Heute hat sie der Schlange den Kopf zertreten[38].“

XVII. Das außerordentliche Jubiläum

26 Damit wir nun durch eine reichlichere Gnadenhilfe von oben instandgesetzt werden, um mit den Ehrungen, mit denen wir im Laufe dieses Jahres Maria mehr als sonst überhäufen, auch die Nachahmung ihrer Tugenden zu verbinden, und damit Wir auch Unseren Wahlspruch, „alles in Christus zu erneuern“, um so nachdrücklicher verwirklichen können, haben Wir, wie dies bei Unseren Vorgängern beim Antritt ihres Pontifikates üblich war, beschlossen, einen außerordentlichen Ablass in Form eines Jubiläums dem ganzen katholischen Erdkreis zu gewähren … [Die Ablassbestimmungen wurden hier weggelassen.]

XVIII. Maria, Stärke und Hoffnung der Kirche

33 Wir beschließen nun, ehrwürdige Brüder, dieses Unser Schreiben mit dem erneuten Ausdruck einer Hoffnung, die ganz fest in Unserem Herzen verankert ist. Wir versprechen Uns nämlich von diesem außerordentlichen Jubiläum, das Wir unter dem Schutz der unbefleckten Jungfrau ausgeschrieben haben, dass recht viele, die sich leider von Jesus Christus getrennt haben, zu ihm zurückkehren werden, und dass in der christlichen Welt die Liebe zur Tugend und Frömmigkeit einen neuen Aufschwung nehme. Als Unser Vorgänger Pius vor 50 Jahren die Unbefleckte Empfängnis als Glaubenssatz verkündete, da schien, wie Wir bereits bemerkt haben, ein außerordentlicher Gnadensegen die ganze Erde zu überfluten; und da die Hoffnung und das Vertrauen auf die jungfräuliche Gottesmutter stieg, so nahm auch die Religiosität des Volkes wie ehedem allerorts erfreulich zu. Warum sollten nicht auch wir uns auf Ähnliches und noch Größeres für die Zukunft Hoffnung machen dürfen? Gewiss sind die Zeiten, in denen wir leben, düster verhangen, so dass auch wir mit dem Propheten sagen können: „Es ist keine Wahrheit, kein Erbarmen und keine Erkenntnis Gottes mehr im Lande, Lästerung, Lüge, Mord und Diebstahl nehmen überhand[39].“ Aber seht! Gerade inmitten dieser Sündflut von Übeln erscheint vor unseren Augen dem Regenbogen gleich die gütigste Jungfrau als Friedensstifterin zwischen Gott und den Menschen. „Meinen Bogen setze im ins Gewölk, und er sei zum Bundeszeichen zwischen mir und zwischen der Erde[40].“ Mögen die Stürme auch noch so wüten und mag schwarze Nacht den Himmel bedecken, so braucht doch niemand zu bangen. Ein Blick auf Maria, und Gott ist versöhnt und verschont uns. „Der Bogen wird im Gewölke sein, und ich werde ihn schauen und gedenken des ewigen Bundes[41].“ „Und es werden fürder nicht sein Wasserfluten, zu vertilgen alles Fleisch[42].“ Setzen wir unser ganzes Vertrauen, wie es ja nur billig ist, auf Maria, besonders jetzt, da wir ihre Unbefleckte Empfängnis freudiger verehren als sonst! Dann werden auch wir es inne werden und erfahren, dass sie die mächtige Jungfrau ist, die den Kopf der Schlange mit ihrem jungfräulichen Fuße zertreten hat[43].

34 Zum Unterpfand dieser Himmelsgaben, ehrwürdige Brüder, erteilen Wir euch und euren Gläubigen aus ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 2. Februar 1904,

im 1. Jahre Unseres Pontifikates.

Pius PP. X.

 


 

[1] Jer 8,15.

[2] Is 14,1.

[3] Is 14,5.7.

[4] Lk 1,45.

[5] S. Leo M., Sermo II de Nativ. Domini, c. c.2.

[6] Joh 17,3.

[7] Röm 12,5.

[8] Lk 2,11.

[9] Eph 5,30.

[10] S. Aug., De sancta Virginitate c. 6.

[11] Kol 1,18.

[12] 1 Joh 4,9.

[13] S. Beda Ven., I. IV in Lk 1.

[14] Ps 30,11.

[15] S. Bonav., I Sent., d. 48, ad litt., dub. 4.

[16] Eadmeri Mon., De Excellentia Virg. Mariae, c. 9.

[17] Pius IX., Litt. Ap., “lnefIabilis“, 8. Dez. 1854.

[18] Joh 1,16.

[19] Eph 4,16.

[20] S. Bern., Serm. de temp., in Nativ. B. V. de Aquaeductu n.4.

[21] S. Bem. Sen., Quadrag. de Evangelio aetemo, Serm. X, a. 3, c. 3.

[22] Hebr 1,3.

[23] Pius IX., Litt. Ap. „Ineffabilis“, 8. Dez. 1854.

[24] Mt 15,8.

[25] Jo 2,5.

[26] Mt 19,17.

[27] Dionys. Carth., 3 Sent. d. 3, q. 1.

[28] Röm 8,29.

[29] S. Ambr., De Virginib., I. II, c. 2.

[30] Jo 19,7.

[31] Mt 27,25.

[32] Grad. Miss. in festo Imm. Conc.

[33] Hebr 11,1.

[34] Offb 12,1.

[35] Offb 12,2.

[36] 1 Kor 10,12.

[37] 1 Kor 11,19.

[38] Off. Imm. Conc. in 2 Vesp. ad Magnif.

[39] Hos 4,1–2.

[40] Gen 9,13.

[41] Gen 9,16.

[42] Gen 9,15.

[43] Off. Imm. Conc. B.M.V.

_______

Quelle

Ist Maria gestorben? Nachdenken über eine unbeantwortete Frage

41cmzkrt1yl_1466948719

Von Anian Christoph Wimmer

Ist Maria gestorben? Ein neues Buch verneint diese Frage sehr deutlich: „Stärker als der Tod – Warum Maria nicht gestorben ist“, von Monsignore Florian Kolfhaus, assoziiertes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana InternazionaleIm Interview mit CNA verrät er, warum er sich mit der Frage beschäftigt hat.

 

Monsignore Kolfhaus: Sie behaupten in ihrem neuen Buch, dass Maria nicht gestorben ist. Das Lehramt der Kirche ist nicht so deutlich, oder?

Es ist ganz normal, dass ein Mensch stirbt. So denken wir, weil wir tagtäglich mit dem Tod konfrontiert werden und wissen, dass auch wir eines Tages im Grab liegen und zu Staub werden. So liegt es nahe, dass viele denken, auch Maria sei gestorben. Die Kirche aber hat das nie eindeutig gesagt; im Gegenteil: als Papst Pius XII. 1950 das Dogma von der Aufnahme der Mutter Jesu in den Himmel verkündet hat, wollte er – obwohl einige Bischöfe ihn ausdrücklich darum gebeten hatten – nicht vom Tod Mariens sprechen. Er hat sogar die liturgischen Texte so geändert, dass jede Interpretation im Hinblick auf das Sterben der Mutter Gottes unmöglich wurde. Gott wollte den Tod nicht. Er ist in seinem Plan für den Menschen nicht vorgesehen, sondern kam durch die Sünde Adams in die Welt. Die meisten, die meinen, dass Maria gestorben sei, wagen es daher auch oft nicht, das Wort Tod in den Mund zu nehmen – ausdrücklich bekennt das z. B. der hl. Johannes von Damaskus – sondern sprechen von Dormitio, Entschlafung. Es gab für die Mutter Jesu kein schmerzliches Lebensende, womöglich wegen Krankheit oder Altersschwäche, sondern einen frohen Abschied, um mit Leib und Seele „heimzugehen“. Es steht sicher fest, dass Maria, im ersten Moment ihres Lebens ohne Sünde empfangen, im letzten Augenblick auf Erden nicht die Trennung ihrer Seele erleiden musste. Das Lehramt läßt es aber bislang jedem frei, darüber nachzudenken, ob sie vielleicht sterben wollte, um so ihrem Sohn ganz ähnlich zu werden. Ich bin der Überzeugung, dass diese Verähnlichung mit Christus im Leiden auf Golgotha geschehen ist, im schmerzvollen „Mitsterben“ mit Jesus, von dem beispielsweise der h. Bernhard spricht. Von dieser Stunde sagt ja auch die Liturgie des 15. Septembers: „Ohne den Tod zu erleiden, hast Du die Palme des Martyriums errungen.“ Warum also sollte Maria gestorben sein und nicht, wie es Gott für alle Menschen wollte, ohne Tod verklärt und in den Himmel aufgenommen worden sein?

Könnte man die Frage nicht einfach offen lassen? Als Geheimnis, wie andere auch, die zum Glauben gehören?

Ob Maria gestorben ist oder nicht, ist nicht nur eine Frage, die sich der Verstand stellt, sondern vor allem das Herz. Wer liebt, will alles über den geliebten Menschen wissen. Wie könnte es mir daher egal sein, ob die Jungfrau von Nazareth gestorben ist oder nicht? Um es salopp, aber noch deutlicher auszudrücken, geht es um die Frage: Ist meine Mutter tatsächlich gestorben? Natürlich bleibt das irdische Lebensende Mariens ein Geheimnis – wie übrigens all das Große unseres Glaubens, Dreifaltigkeit, Menschwerdung, Jungfrauengeburt, Eucharistie etc. – das wir niemals vollkommen verstehen können. Und doch dürfen, ja sollen wir über die Geheimnisse unseres Glaubens nachdenken, ohne je zu meinen, wir könnten zu einem endgültigen Urteil kommen. Das steht allein der Kirche zu. Die Liebe drängt dazu, immer mehr zu erkennen; und je mehr wir erkennen, umso mehr lieben wir auch. Über den Tod Mariens zu reflektieren bedeutet auch tiefer in die Geheimnisse der Schöpfung und der Erlösung einzutreten und im Glauben nach Antworten zu suchen, warum wir Menschen sterben müssen, was Gnade – mehr noch „voll der Gnade“ – bedeutet und worin das Ziel unseres Lebens liegt.

Wir beten im Avemaria  um die Fürsprache der Muttergottes „jetzt und in der Stunde unseres Todes“. Welche Rolle spielt dabei, ob sie nicht gestorben ist? 

Jesus ist am Kreuz gestorben, damit wir erlöst werden. In Maria zeigt sich das in vollkommener Weise. Sie ist als menschliche Person der „Siegespreis“ Christi. Sie ist ohne Sünde, aber „voll der Gnade“, d.h. voller Liebe, voller Leben. So sollte der Mensch sein. Maria ist vor der Erbschuld bewahrt worden. Wir werden durch die Taufe davon gereinigt. In ähnlicher Weise können wir sagen, dass Maria durch den Tod Christi vor dem eigenen Tod bewahrt wurde, während wir daraus gerettet werden, wenn die Leiber der Gerechten aus den Gräbern auferstehen. Maria hat Sünde und Tod besiegt, die – so sagt es der Hebräerbrief – unter der Macht des Teufels stehen. Ihre Fürsprache rettet uns in den beiden wichtigsten Momenten unseres Lebens – jetzt und in der Stunde unseres Todes – vor „Sünde, Tod und Teufel“; jene drei Feinde des Menschen, die Dürer in einem Stich als kriegerische Reiter dargestellt hat.

Wenn Sie erlauben: Warum haben Sie sich ausgerechnet mit dieser Frage so eingehend beschäftigt?

Schon am Beginn meines Theologiestudiums habe ich mich sehr viel mit Maria beschäftigt und gemerkt, dass oft die Frage nach ihrem Heimgang viel zu schnell beantwortet wrd. „Natürlich ist Maria gestorben!“ – Der Tod eines sündenlosen Menschen ist aber eben nicht „natürlich“, naturgemäß. Das Nachdenken und Forschen über den Tod Mariens hat mich zu vielen anderen Themen gebracht, die damit verbunden sind und so ein immer größeres Interessse in mir geweckt. Ich habe entdeckt, dass es Kirchenväter gibt, die von der Unsterblichkeit der Mutter Jesu sprechen und dass es in der Mystik Zeugnisse für ihre Bewahrung vor dem Tod gibt. Seit dem Dogma von 1854, also dem Dogma der Bewahrung Mariens vor der Erbschuld, ist die Zahl der Theologen enorm gestiegen, die meinen, die Mutter Gottes habe nicht die Trennung der Seele vom Leib erlitten. Ihr Herz ist das einzige, das nie zu schlagen aufgehört hat. Ich will einen kleinen Beitrag dazu leisten, über die Frage nach der Dormitio Mariens weiter nachzudenken.

Nächstes Jahr feiert Bayern 100 Jahre Patrona Bavariae; Sie sind Bayer. Welche Rolle spielt die Schutzpatronin heute?

Bayern ohne Maria gibt’s nicht! Die Mutter Jesu als Patrona Bavariae zu verehren bedeutet ja, sich ihr anzuvertrauen und zu weihen, so dass das ganze Land von ihr abhängt. Sie ist die wahre Monarchin unserer Heimat, und es könnte keine bessere geben. So wie die Marienweihe, über die ich ja auch schon geschrieben habe, im Leben des einzelnen Christen eine Veränderung zum Besseren bewirkt, so auch im Leben der Völker. 1917 feiern wir ja das 100jährige Jubiläum der Erscheinungen von Fatima, bei denen die Mutter Jesu aufgefordert hat, Rußland ihrem Herzen zu weihen. 1954 haben die Bischöfe Deutschlands in Fulda das gesamte Land dem Unbefleckten Herzen geweiht. Wir Bayern waren da ein bisserl schneller…

Stärker als der Tod – Warum Maria nicht gestorben ist“
erscheint passenderweise
im Media Maria Verlag und hat 160 Seiten. 

lassomption_de_la_vierge_le_brun_1466949672

Die Himmelfahrt, dargestellt von Charles Le Brun im Jahr 1835. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

_______

Quelle

JOHANNES PAUL II. ZU UNSERER LIEBEN FRAU VON APARECIDA (BRASILIEN)

9286-nossa-senhora-da-conceicao-aparecida

APOSTOLISCHE REISE NACH BRASILIEN

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Aparecida, 4. Juli 1980

„Sei gegrüßt, Mutter Gottes und unsere Mutter, ohne Sünde empfangen! Sei gegrüßt, Unbefleckte Jungfrau, Unsere Liebe Frau von Aparecida!

1. Seitdem ich meine Füße auf brasilianischen Boden setzte, habe ich dieses Lied in den einzelnen Orten, die ich durchquert habe, gehört. Es ist in der Einfalt und Einfachheit seiner Worte ein Ruf der Seele, ein Gruß, eine Anrufung voll kindlicher Verehrung und Vertrauen auf jene, die wahre Mutter Gottes war und uns durch ihren Sohn Jesus im letzten Augenblick seines Lebens (vgl. Joh 19, 26) zur Mutter gegeben wurde.

An keinem anderen Ort hat dieses Lied soviel Bedeutung und soviel Eindringlichkeit wie hier, wo die Jungfrau vor mehr als zwei Jahrhunderten eine einzigartige Begegnung mit dem brasilianischen Volk hatte. Mit Recht wendet sich seit damals das Volk mit seinen Sorgen hierher, und seit damals pulsiert hier das katholische Herz Brasiliens. Hier ist das Ziel unablässiger Wallfahrten aus ganz Brasilien, hier ist, wie jemand gesagt hat, die „geistliche Hauptstadt Brasiliens”.

Es ist ein besonders bewegender und glücklicher Augenblick meiner brasilianischen Reise, in dem ich mit euch zusammen, die ihr hier das ganze brasilianische Volk darstellt, meine erste Begegnung mit Unserer Lieben Frau von Aparecida habe.

2. Als ich mich innerlich auf diese Pilgerreise nach Aparecida vorbereitete, habe ich mit frommer Aufmerksamkeit die einfache und bezaubernde Erzählung von dem Heiligenbild, das wir hier verehren, gelesen. Die vergebliche Mühe der drei Fischer, die in jenem fernen Jahr 1717 in den Wassern des Paraiba zu fischen suchten. Der unerwartete Fund zunächst des Torsos und dann des Kopfes der kleinen, schlammverkrusteten Keramikstatue. Der überreiche Fischfang, der auf den Fund folgte. Die sofort einsetzende Verehrung Unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis unter der Gestalt jener dunklen Statue, die liebevoll die „Aparecida” (die Erschienene) genannt wurde. Die überreichen Gnaden Gottes für die, die hier zur Mutter Gottes beten.

Von dem einfachen und rohgezimmerten Altar – dem „Holzaltar” nach der Überlieferung – bis zur Kapelle, die ihn ersetzte, den verschiedenen aufeinanderfolgenden Erweiterungen und der alten Basilika von 1908 waren die materiellen Gotteshäuser, die hier errichtet wurden, immer Werk und Symbol des Glaubens des brasilianischen Volkes und seiner Liebe zur seligen Jungfrau.

Die Wallfahrten sind bekannt, an denen im Verlauf der Jahrhunderte Leute aus allen sozialen Schichten und den verschiedensten und entferntesten Regionen des Landes teilnehmen. Im vergangenen Jahr waren es mehr als fünfeinhalb Millionen Pilger, die hierherkamen. Was suchten die früheren Wallfahrer? Was suchen die Pilger von heute? Das, was sie an ihrem mehr oder weniger fernen Tag der Taufe suchten: den Glauben und die Wege, ihn zu erhalten. Sie suchen die Sakramente der Kirche, vor allem die Versöhnung mit Gott und die eucharistische Speisung. Und sie kehren gekräftigt und voll Dankbarkeit für Unsere Liebe Frau, die Mutter Gottes und unsere Mutter, zurück.

Weil sich an diesem Ort die Gnaden und geistlichen Wohltaten Unserer Lieben Frau von der Unbefleckten Empfängnis häuften, wurde die Statuette 1904 feierlich gekrönt und vor genau fünfzig Jahren, 1930, zur Schutzpatronin Brasiliens erklärt. Später, 1967, kam es meinem ehrwürdigen Vorgänger Paul. VI. zu, diesem Heiligtum die goldene Rose zu schenken, wobei er mit dieser Geste die Jungfrau und diesen geweihten Platz ehren und die Marienverehrung fördern wollte.

Und wir kommen nun zu unseren Tagen: angesichts der Notwendigkeit eines größeren Gotteshauses, das der Aufnahme der immer zahlreicheren Wallfahrer mehr entspricht, entstand das kühne Projekt einer neuen Basilika. Jahre unermüdlicher Arbeit für das riesige und mutige Werk, das die Errichtung des eindrucksvollen Bauwerkes erfordert hat.

igreja-nossa-senhora-aparecida-passarela

Und heute können wir seine großartige Verwirklichung betrachten, nachdem nicht wenige Schwierigkeiten überwunden wurden. Mit ihr werden viele Namen von Architekten und Ingenieuren, von schlichten Arbeitern und hochherzigen Gönnern, von Priestern, die dem Heiligtum dienen, verbunden bleiben. Ein Name zeichnet sich unter allen aus und versinnbildlicht alle: der meines Bruders Kardinal Carlos Carmelo de Vasconcelos Motta, des großen Initiators dieses neuen Gotteshauses, des Mutterhauses und geschichtlichen Erbes der Königin, Unserer Lieben Frau von Aparecida.

4. Ich komme nun hierher, diese Basilika zu weihen, Zeuge des Glaubens und der Marienverehrung des brasilianischen Volkes; und ich werde dies voll innerer Bewegung und Freude nach der Feier der Eucharistie tun.

Dieses Gotteshaus ist Wohnung des „Herrn der Herren und des Königs der Könige” (vgl. Offb 17, 14). In ihm wird die Unbefleckte Empfängnis genauso wie die Königin Ester, die – wie wir in der ersten Lesung gehört haben – das „Herz Gottes gewann” und in der die Allmacht „große Dinge” vollbrachte (vgl. Est 5, 5; Lk I. 49), nicht aufhören, zahllose Söhne und Töchter zu erhören und für sie einzutreten: „Meinem Volk das Leben zu schenken, das ist meine Bitte und mein Wunsch” (vgl. Est 7, 3).

Das irdische Bauwerk, wo der eucharistische Herr wahrhaft gegenwärtig ist und wo sich die Familie der Kinder Gottes versammelt, um gemeinsam mit Christus die „geistigen Opfer” anzubieten, die mit Freuden und Leiden, mit Hoffnungen und Kämpfen dargebracht werden, ist auch Symbol für ein anderes, ein geistliches Bauwerk, zu dem wir als lebendige Bausteine zu dienen aufgerufen sind (vgl. 1 Petr 2, 5). Wie der hl. Augustinus sagte: „Dies ist in der Tat das Haus unserer Gebete: aber wir selbst sind das Haus Gottes. Wir sind als das Haus Gottes auf dieser Erde erbaut und dazu bestimmt, ihm bis zum Ende der Zeiten zu dienen. Das Bauwerk oder besser sein Aufbau erfordert viel Mühe; die Weihe geschieht in Freude” (vgl. Aug., Sermo 336. 1.6: PL 38, ed. 1861, 1471-1472).

5. Dieses Gotteshaus ist Abbild der Kirche, die „in Nachahmung der Mutter unseres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine aufrichtige Liebe bewahrt” (Lumen gentium, Nr. 64).

Bild dieser Kirche ist die Frau, die der Seher von Patmos im Text der Geheimen Offenbarung beschrieb, den wir eben in der zweiten Lesung gehört haben. In der mit zwölf Sternen gekrönten Frau sah die Volksfrömmigkeit aller Zeiten auch Maria, die Mutter Jesu. Im übrigen ist auch nach dem hl. Ambrosius und der dogmatischen Konstitution Lumen gentium Maria das wahre Abbild der Kirche. Ja, liebe Brüder und Schwestern, Maria – die Mutter Gottes – ist Vorbild der Kirche, ist die Mutter der Erlösten. Durch ihr entschlossenes und bedingungsloses Ja zum göttlichen Willen, der ihr offenbart wurde, wird sie die Mutter des Erlösers (vgl. Lk 1, 32) mit einer inneren und ganz besonderen Teilhabe an der Heilsgeschichte. Durch die Verdienste ihres Sohnes ist sie die Unbefleckte, ohne Erbsünde Empfangene, bewahrt vor Sünde und voller Gnade. Angesichts des Hungers nach Gott, den man heute bei vielen Menschen findet, aber auch angesichts des Säkularismus, der manchmal kaum bemerkbar ist wie der Tau, ein anderes Mal gewalttätig wie ein mitreißender Wirbelsturm, sind wir berufen, die Kirche aufzubauen.

6. Die Sünde entfernt Gott aus dem Mittelpunkt, der ihm in der Geschichte der Menschheit und in der Geschichte jedes einzelnen Menschen zukommt. Die erste Versuchung war: „Ihr werdet sein wie Gott” (vgl. Gen 3, 5). Und nach dieser Ursünde, die auf Gott verzichtet, findet sich der Mensch der Spannung ausgesetzt bei seiner Wahl zwischen der Liebe, „die vom Vater kommt”, und „der Liebe, die nicht vom Vater kommt, sondern von der Welt” (vgl. 1 Joh 2, 15-16), und schlimmer noch, der Mensch entfremdet sich, wenn er den „Tod Gottes” wünscht, der in sich unabwendbar auch den Tod des Menschen nach sich zieht (vgl. Osterbotschaft 1980).

Indem sie sich als „Dienerin des Herrn” (vgl. Lk 1, 38) bekennt und ihr „Ja” spricht, das Geheimnis des Erlösers Christus „in ihrem Herzen und in ihrem Schoß” empfängt (vgl. Aug. De Virginitate, 6: PL 40, 399), war Maria nicht bloß passives Werkzeug in den Händen Gottes, sondern wirkte in freiem Glauben und tiefem Gehorsam bei der Erlösung der Menschheit mit. Ohne etwas wegzunehmen oder zu vermindern und ohne etwas dem Werk desjenigen hinzuzufügen, der der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, Jesus Christus, zeigt uns Maria die Wege der Erlösung, die sich alle in Christus, ihrem Sohn, und in seinem Erlösungswerk treffen.

Maria führt uns zu Christus, wie das Zweite Vatikanische Konzil genau formuliert hat: „Mariens mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen verdunkelt oder vermindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft … Die unmittelbare Vereinigung der Glaubenden mit Christus wird dadurch in keiner Weise gehindert, sondern vielmehr gefördert (Lumen gentium, Nr. 60).

7. Als Mutter der Kirche hat die seligste Jungfrau eine besondere Präsenz im Leben und im Wirken gerade der Kirche. Daher hält die Kirche ihre Augen auch immer auf jene gerichtet, die, obwohl sie Jungfrau blieb, durch das Werk des Heiligen Geistes das menschgewordene Wort zeugte. Was ist dann die Sendung der Kirche, wenn nicht die, Christus auch im Herzen der Gläubigen (vgl.ebd., Nr. 65) mit Hilfe desselben Heiligen Geistes durch die Evangelisierung lebendig werden zu lassen? So zeigt und erleuchtet Maria, der „Stern der Evangelisierung”, wie sie mein Vorgänger Paul IV. nannte, die Wege zur Verkündigung des Evangeliums. Die Botschaft von Christus, dem Erlöser, darf nicht auf rein menschliche Planung zur Wohlfahrt und zum zeitlichen Glück beschränkt bleiben. Es gibt sicherlich solche Fälle in der kollektiven und individuellen menschlichen Geschichte, aber grundlegend ist die Verkündigung der Befreiung von der Sünde durch die Gemeinschaft mit Gott in Jesus Christus. Aber die Gemeinschaft mit Gott verhindert nicht die Gemeinschaft der Menschen untereinander, denn die sich zu Christus bekennen, dem Urheber des Heils und Prinzip der Einheit, sind berufen, sich im Sakrament dieser heilbringenden Einheit, der Kirche, zu vereinen (vgl. ebd., Nr. 9).

Durch all dies wünschen wir alle, die wir die heutige Generation der Jünger Christi bilden, in ganzer Liebe zur alten Tradition und in ganzer Ehrfurcht und Liebe zu den Mitgliedern aller christlichen Gemeinden, uns mit Maria zu vereinen, „veranlaßt von dem tiefen Bedürfnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe” (vgl. Redemptor hominis, Nr. 22). Als Jünger Christi in diesem wichtigen Moment menschlicher Geschichte, in voller Liebe zur ununterbrochenen Tradition und zur ständigen Gesinnung der Kirche, bewegt von einem inneren Imperativ des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, wünschen wir uns mit Maria zu vereinen. Und wir wollen das durch die Ausdrucksformen marianischer Frömmigkeit der Kirche in allen Zeiten tun.

8. Die Liebe und Verehrung Mariens, grundlegende Elemente der lateinamerikanischen Kultur (vgl. Predigt in Zapopan, Mexiko: AAS71, 1979; 228; Dokument von Puebla, Nr. 283), sind einer der charakteristischen Züge der Religiosität des brasilianischen Volkes. Ich bin sicher, daß die Hirten der Kirche diesen besonderen Wesenszug zu achten, zu pflegen und zu unterstützen wissen, um den besten Weg zu finden, „durch Maria zu Jesus” zu kommen. Dabei wäre es nützlich, daran zu denken, daß die Verehrung der Mutter Gottes eine Seele hat, etwas Besonderes, das sich in vielen äußeren Formen verkörpert. Das Wesentliche ist fest und unveränderlich, bleibt inneres Element des christlichen Kultes und ist, wenn richtig verstanden und verwirklicht, in der Kirche, wie mein Vorgänger Paul VI. hervorhob, „ein hervorragendes Zeugnis ihrer lex orandi (Gebetsordnung) und eine Aufforderung, in ihrem Gewissen ihre lex credendi (Glaubensordnung) wiederzubeleben. Die äußeren Formen sind natürlich der Abnutzung durch die Zeit unterworfen und brauchen, wie Paul VI. erklärte, eine dauernde zeitgemäße Erneuerung, aber in voller Achtung der Tradition (vgl. Apostolisches Schreiben über die rechte Weise und Förderung der Marienverehrung, Nr. 24).

9. Und ihr, Verehrer und Wallfahrer Unserer Lieben Frau von Aparecida, die ihr hier anwesend seid und die, die uns über Rundfunk und Fernsehen verfolgen: bewahrt sorgfältig diese von euch gehegte zarte und vertrauliche Liebe zur Jungfrau. Laßt sie niemals erkalten! Möge sie keine abstrakte Liebe sein, sondern eine konkrete. Bleibt den traditionellen Überzeugungen marianischer Frömmigkeit in der Kirche treu: dem Gebet des Angelus, dem Marienmonat und besonders dem Rosenkranz. Wolle der Himmel, daß der schöne, früher so verbreitete, heute noch in einigen brasilianischen Familien gepflegte Brauch des gemeinsamen Rosenkranzgebetes wieder auflebe.

Ich weiß, daß vor kurzem durch einen bedauerlichen Zwischenfall die kleine Statue Unserer Lieben Frau von Aparecida zerbrach. Man sagte mir, daß unter den vielen Bruchstücken die zwei zum Gebet gefalteten Hände der Jungfrau unversehrt gefunden wurden. Das ist wie ein Symbol: die Hände Mariens, inmitten der Reste sichergestellt, sind eine Aufforderung an ihre Söhne und Töchter, in ihrem Leben dem Gebet Raum zu geben, dem Gebet zum Absoluten Gott, ohne den alles übrige Sinn, Wert und Wirkung verliert. Das wahre Kind Mariens ist ein Christ, der betet.

Die Marienverehrung ist Quelle eines tiefen christlichen Lebens, ist Quelle der Verpflichtung gegenüber Gott und den Brüdern. Bleibt in der Schule Mariens, hört auf ihre Stimme, folgt ihrem Beispiel. Wie wir im Evangelium gehört haben, verweist sie uns auf Jesus: „Was er euch sagt, das tut” (Joh 2, 5). Und wie damals in Kana in Galiläa macht sie den Sohn auf die Nöte der Menschen aufmerksam und erhält von ihm die erbetenen Gnaden. Wir beten mit und durch Maria: Sie ist immer die „Mutter Gottes und unsere Mutter”

Unsere Liebe Frau von Aparecida, Dein Sohn,
der Dir ohne Einschränkung gehört – „Ganz Dein!” -,
berufen durch den geheimnisvollen Plan der Vorsehung,
Stellvertreter Deines Sohnes auf Erden zu sein,
wendet sich in diesem Augenblick an Dich.

Er erinnert sich mit Bewegung
durch die dunkle Farbe Deines Bildes
an ein anderes Bild von Dir,
die Schwarze Jungfrau von Jasna Gora!

Mutter Gottes und unsere Mutter,
beschütze die Kirche, den Papst, die Bischöfe, die Priester
und das ganze gläubige Volk;
nimm unter Deinen Schutzmantel
die Ordensmänner, die Ordensfrauen, die Familien,
die Kinder, die Jugendlichen und ihre Erzieher!

Heil der Kranken und Trösterin der Betrübten,
stärke die an Leib und Seele leiden;
erleuchte die, die Christus suchen, den Erlöser des Menschen;
zeige allen Menschen, daß Du die Mutter unserer Zuversicht bist.

Königin des Friedens und Spiegel der Gerechtigkeit,
erwirke der Welt den Frieden,
schenke Brasilien dauerhaften Frieden,
daß die Menschen immer wie Brüder zusammenleben
als Kinder Gottes!

Unsere Liebe Frau von Aparecida,
segne Dein Heiligtum und die, die daran arbeiten;
segne das Volk, das hier betet und singt;
segne all Deine Kinder; segne Brasilien! Amen.

mapa_aparecida

_______

Quelle

GEBET VON JOHANNES PAUL II.
IN DER NEUEN MARIENWALLFAHRTSKIRCHE
VON APARECIDA

Aparecida, 4. Juli 1980

 

Unsere Liebe Frau von Aparecida!

1. In diesem einzigartigen feierlichen Augenblick möchte ich vor Dir, Mutter, das Herz dieses Volkes öffnen, in dessen Mitte Du auf besondere Weise verweilen wolltest, wie inmitten anderer Nationen und Völker, so auch inmitten jener Nation, deren Sohn ich bin. Ich möchte vor Dir das Herz der Kirche öffnen und das der Welt, zu der diese Kirche durch Deinen Sohn gesandt wurde. Ich möchte Dir auch mein eigenes Herz öffnen:

Unsere Liebe Frau von Aparecida! Frau, von Gott geoffenbart als jene, die den Kopf der Schlange zertreten sollte (vgl. Gen 3, 15) durch Deine Unbefleckte Empfängnis! Erwählt von Ewigkeit zur Mutter des Ewigen Wortes, das bei der Verkündigung des Engels in Deinem jungfräulichen Schoß empfangen wurde als Menschensohn und wahrer Mensch!

Aufs innigste dem Geheimnis der Erlösung des Menschen und der Welt vereint am Fuß des Kreuzes, auf Kalvaria!

Als Mutter allen Menschen geschenkt in der Person des Apostels und Evangelisten auf Kalvaria!

Der ganzen Kirche als Mutter gegeben, angefangen mit jener Gemeinschaft, die sich auf das Kommen des Heiligen Geistes vorbereitete, nun aber der Gemeinschaft aller, die auf der Erde durch die Geschichte der Völker und Nationen, durch alle Länder und Kontinente, durch alle Zeiten und Generationen hindurch pilgern!

Maria, ich grüße Dich und rufe Dir „Ave“ zu in diesem Heiligtum, wo die Kirche Brasiliens Dir ihre Liebe schenkt, Dich verehrt und als „Aparecida“ anruft, als ihr in besonderer Weise „Geoffenbarte” und „Geschenkte”. Als ihre Mutter und Patronin! Als Mittlerin und Fürsprecherin, verbunden mit dem Sohn, dessen Mutter Du bist! Als Vorbild aller Seelen, in denen echte Weisheit lebt und zugleich die Einfalt des Kindes. Von Dir strahlt Vertrauen aus, das alle Schwachheit und alles Leid überwindet!

Ich möchte Dir in besonderer Weise dieses Volk und diese Kirche anvertrauen, dieses ganze Brasilien in seiner Größe und Gastlichkeit alle Deine Söhne und Töchter mit ihren Problemen und Ängsten, Leiden und Freuden. Ich tue das als Nachfolger des Petrus und Hirt der ganzen Kirche, indem ich mir das Erbe der Verehrung und Liebe, der Hingabe und des Vertrauens zu eigen mache, das seit Jahrhunderten einen Teil der Kirche Brasiliens bildet und allen zu eigen ist, die zu ihr gehören trotz aller Unterschiede der Herkunft, Rasse oder sozialen Stellung und wo immer sie in diesem unermeßlichen Land wohnen mögen.

O Mutter, gib, daß die Kirche für sie alle Sakrament des Heiles und Zeichen der Einheit aller Menschen sei, aller Brüder und Schwestern, die durch Adoption zu Deinem Sohn gehören und Kinder des Vaters im Himmel geworden sind.

O Mutter, gib, daß diese Kirche nach dem Beispiel Christi, der immer dem Menschen gedient hat, allen Schutzwehr ist, zumal den Armen und Notleidenden, der sozial an den Rand Gedrängten und Ausgebeuteten. Gib, daß die Kirche Brasiliens immer im Dienst der Gerechtigkeit unter den Menschen steht und zugleich beiträgt zum Gemeinwohl aller und zum sozialen Frieden.

Mutter, öffne die Herzen der Menschen und laß allen aufgehen, daß es nur im Geist des Evangeliums sowie in Beachtung des Liebesgebots und der Seligpreisungen der Bergpredigt möglich ist, eine menschlichere Welt aufzubauen, in der die Würde aller Menschen wahrhaft geachtet wird.

O Mutter, gib der Kirche, die in der Vergangenheit auf dieser brasilianischen Erde ein großes Evangelisierungswerk vollbracht hat und deren Geschichte reich an Erfahrungen ist, daß sie mit neuem Eifer und neuer Liebe zu ihrer von Christus empfangenen Sendung ihre Aufgaben heute erfüllt.

Schenke ihr dazu zahlreiche Berufungen zum Priester- und Ordensstand, damit das ganze Volk Gottes die Wohltaten des Dienstes der Ausspender der heiligen Eucharistie und der Zeugen des Evangeliums erfährt.

O Mutter, nimm alle Familien Brasiliens an Dein Herz! Nimm sie alle an, die Erwachsenen und Alten, die Jugendlichen und Kinder, aber auch die Leidenden und Vereinsamten, alle Land- und Industriearbeiter, die Intellektuellen an den Schulen und Universitäten und die Mitarbeiter aller Institutionen. Schütze sie alle!

Höre nicht auf, o Jungfrau von Aparecida, durch Deine Gegenwart auf Erden sichtbar zu machen, daß die Liebe stärker ist als der Tod, mächtiger als die Sünde! Zeige uns weiter Gott, der die Welt so sehr geliebt hat, daß er seinen eingeborenen Sohn sandte, damit niemand verlorengehe, sondern das ewige Leben habe (vgl. Joh 3, 16). Amen.

_______

Quelle