INSTRUKTION „REDEMPTIONIS SACRAMENTUM“ – KAPITEL VII

KONGREGATION FÜR DEN GOTTESDIENST
UND DIE SAKRAMENTENORDNUNG

INSTRUKTION

Redemptionis sacramentum

Kapitel VII

Die außerordentlichen Aufgaben der gläubigen Laien

146. Das amtliche Priestertum kann in keiner Weise ersetzt werden. Wenn nämlich eine Gemeinschaft keinen Priester hat, fehlt ihr der Dienst der sakramentalen Funktion Christi, des Hauptes und Hirten, der wesentlich zum Leben der Gemeinschaft gehört.[247] Denn «Zelebrant, der in persona Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen vermag, ist nur der gültig geweihte Priester».[248]

147. Wo es aber eine Notlage der Kirche erfordert, können, falls geistliche Amtsträger fehlen, christgläubige Laien nach Maßgabe des Rechts gewisse liturgische Aufgaben erfüllen.[249] Diese Gläubigen werden gerufen und beauftragt, bestimmte Aufgaben von größerer oder kleinerer Bedeutung, gestärkt durch die Gnade des Herrn, zu verrichten. Schon viele christgläubige Laien haben diesen Dienst hingebungsvoll erfüllt und erfüllen ihn weiterhin, vor allem in den Missionsgebieten, dort wo die Kirche noch wenig verwurzelt ist oder wo sie sich in Situationen der Verfolgung befindet,[250] aber auch in anderen Gebieten, die vom Mangel an Priestern und Diakonen betroffen sind.

148. Von besonderer Bedeutung ist die Einrichtung der Katechisten, die mit großem Einsatz einen einzigartigen und unbedingt notwendigen Beitrag zur Ausbreitung des Glaubens und der Kirche geleistet haben und leisten.[251]

149. In einigen Diözesen antiker Evangelisierung sind in jüngster Zeit christgläubige Laien zu sogenannten «Pastoralassistenten» beauftragt worden, unter denen sehr viele zweifellos dem Wohl der Kirche dienen, indem sie die pastorale Tätigkeit des Bischofs, der Priester und der Diakone unterstützen. Man soll sich jedoch davor hüten, das Profil dieser Aufgabe zu sehr der Gestalt des pastoralen Dienstes der Kleriker anzugleichen. Es ist deshalb dafür Sorge zu tragen, daß die «Pastoralassistenten» sich nicht die Aufgaben aneignen, die zum eigentlichen Dienst der geistlichen Amtsträger gehören.

150. Die Tätigkeit des Pastoralassistenten soll darauf ausgerichtet sein, den Dienst der Priester und der Diakone zu unterstützen, Berufungen zum Priestertum und zum Diakonat zu wecken und die christgläubigen Laien nach Maßgabe des Rechts in jeder Gemeinschaft auf die vielfältigen liturgischen Aufgaben gemäß der Vielfalt der Charismen gewissenhaft vorzubereiten.

151. Nur im Fall einer echten Notlage darf in der Feier der Liturgie auf die Hilfe außerordentlicher Diener zurückgegriffen werden. Diese Hilfe ist nämlich nicht vorgesehen, um eine vollere Teilnahme der Laien zu gewähren, sondern sie ist von ihrem Wesen her eine ergänzende und vorläufige Hilfe.[252] Wo man also wegen einer Notlage auf die Aufgaben außerordentlicher Diener zurückgreift, soll man die besonderen, beharrlichen Bitten vermehren, daß der Herr bald einen Priester zum Dienst in der Gemeinde sende und reichlich Berufungen zu den heiligen Weihen wecke.[253]

152. Diese nur ergänzenden Aufgaben dürfen aber nicht zum Anlaß einer Verfälschung des priesterlichen Dienstamtes werden, so daß die Priester die heilige Messe für das ihnen anvertraute Volk, den Einsatz für die Kranken und die Sorge, Kinder zu taufen, den Eheschließungen zu assistieren und christliche Beerdigungen zu halten, vernachlässigen; diese Aufgaben kommen nämlich in erster Linie den Priestern zu, denen die Diakone helfen. Daher darf es nicht geschehen, daß die Priester in den Pfarreien unterschiedslos die Aufgaben im pastoralen Dienst mit Diakonen oder Laien austauschen und so die Eigentümlichkeit jedes einzelnen durcheinanderbringen.

153. Außerdem ist es den Laien nicht erlaubt, Aufgaben oder Gewänder des Diakons oder des Priesters oder andere diesen ähnliche Gewänder zu übernehmen.

1. Der außerordentliche Spender der heiligen Kommunion

154. «Zelebrant, der in persona Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen vermag, ist», wie schon erwähnt, «nur der gültig geweihte Priester».[254] Daher kommt die Bezeichnung «Diener der Eucharistie» im eigentlichen Sinn nur dem Priester zu. Aufgrund der heiligen Weihe sind Bischof, Priester und Diakon die ordentlichen Spender der heiligen Kommunion,[255] denen es deshalb zukommt, bei der Feier der heiligen Messe den christgläubigen Laien die Kommunion auszuteilen. So soll ihr Dienstamt in der Kirche richtig und voll zum Ausdruck gebracht werden und das sakramentale Zeichen seine Erfüllung finden.

155. Über die ordentlichen Amtsträger hinaus gibt es den rechtmäßig beauftragten Akolythen, der kraft seiner Beauftragung außerordentlicher Spender der heiligen Kommunion auch außerhalb der Meßfeier ist. Wenn es ferner echte Notsituationen erfordern, kann nach Maßgabe des Rechts[256] vom Diözesanbischof auch ein anderer christgläubiger Laie ad actum oder ad tempus als außerordentlicher Spender beauftragt werden; dazu ist die für diesen Fall vorgesehene Segensformel anzuwenden. Dieser Akt der Beauftragung hat aber nicht notwendig eine liturgische Gestalt, und wenn er eine solche hat, darf er in keiner Weise der heiligen Weihe angeglichen werden. Nur in besonderen, unvorhergesehenen Fällen kann eine Erlaubnis ad actum vom Priester gewährt werden, der der Eucharistiefeier vorsteht.[257]

156. Diese Aufgabe ist streng im Sinn ihrer Bezeichnung zu verstehen, es geht also um außerordentliche Spender der heiligen Kommunion, nicht aber um «besondere Spender der heiligen Kommunion» oder um «außerordentliche Diener der Eucharistie» oder um «besondere Diener der Eucharistie»; durch solche Bezeichnungen wird ihre Bedeutung in ungebührlicher und falscher Weise ausgeweitet.

157. Wenn gewöhnlich eine Anzahl geistlicher Amtsträger anwesend ist, die auch für die Austeilung der heiligen Kommunion ausreicht, können keine außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion beauftragt werden. In Situationen dieser Art dürfen jene, die zu einem solchen Dienst beauftragt worden sind, ihn nicht ausüben. Zu verwerfen ist das Verhalten jener Priester, die an der Zelebration teilnehmen, sich aber nicht an der Kommunionausteilung beteiligen und diese Aufgabe den Laien überlassen.[258]

158. Der außerordentliche Spender der heiligen Kommunion darf die Kommunion nur dann austeilen, wenn Priester oder Diakon fehlen, wenn der Priester durch Krankheit, wegen fortgeschrittenen Alters oder aus einem anderen ernsten Grund verhindert ist, oder wenn die Gläubigen, die zur Kommunion hinzutreten, so zahlreich sind, daß sich die Meßfeier allzusehr in die Länge ziehen würde.[259] Dies muß aber so verstanden werden, daß eine gemäß den örtlichen Gewohnheiten und Bräuchen kurze Verlängerung ein völlig unzureichender Grund ist.

159. Einem außerordentlichen Spender der heiligen Kommunion ist es niemals erlaubt, jemand anderen zur Spendung der Eucharistie zu beauftragen, wie zum Beispiel einen Elternteil, den Ehepartner oder das Kind eines Kranken, der kommunizieren möchte.

160. Der Diözesanbischof soll die Praxis der letzten Jahre in dieser Sache von neuem überdenken und gegebenenfalls korrigieren oder genauer festlegen. Wo aus einer echten Notlage heraus viele solche außerordentliche Spender beauftragt werden, hat der Diözesanbischof besondere Normen zu erlassen, mit denen er unter Berücksichtigung der Tradition der Kirche über die Ausübung dieser Aufgabe nach Maßgabe des Rechts Anordnungen trifft.

2. Die Predigt

161. Wie schon gesagt, ist die Homilie innerhalb der Messe wegen ihrer Bedeutung und Eigenart dem Priester oder Diakon vorbehalten.[260] Was andere Formen der Predigt betrifft, können christgläubige Laien, wenn es aufgrund einer Notlage in bestimmten Umständen erforderlich oder in besonderen Fällen nützlich ist, nach Maßgabe des Rechts zur Predigt in einer Kirche oder in einem Oratorium außerhalb der Messe zugelassen werden.[261] Dies darf aber nur geschehen aufgrund eines Mangels an geistlichen Amtsträgern in bestimmten Gebieten und um diese ersatzweise zu vertreten; man kann aber nicht einen absoluten Ausnahmefall zur Regel machen und man darf dies nicht als authentische Förderung der Laien verstehen.[262] Zudem sollen alle bedenken, daß die Befugnis, dies zu erlauben, und zwar immer ad actum, den Ortsordinarien zukommt, nicht aber anderen, auch nicht den Priestern oder den Diakonen.

3. Besondere Feiern, die bei Abwesenheit des Priesters stattfinden

162. An dem Tag, der «Sonntag» genannt wird, kommt die Kirche in Treue zusammen, um vor allem durch die Meßfeier der Auferstehung des Herrn und des ganzen Ostermysteriums zu gedenken.[263] Tatsächlich wird «die christliche Gemeinde […] nur auferbaut, wenn sie Wurzel und Angelpunkt in der Feier der heiligsten Eucharistie hat».[264] Das christliche Volk hat darum das Recht, daß am Sonntag, an gebotenen Feiertagen und an anderen höheren Festtagen sowie nach Möglichkeit auch täglich zu seinem Nutzen die Eucharistie gefeiert wird. Wo am Sonntag in einer Pfarrkirche oder in einer anderen Gemeinde von Christgläubigen die Meßfeier nur schwer möglich ist, soll der Diözesanbischof zusammen mit seinem Presbyterium über geeignete Abhilfen nachdenken.[265] Die wichtigsten Lösungen werden darin bestehen, daß andere Priester zu diesem Zweck herbeigerufen werden oder die Gläubigen eine in der Nachbarschaft gelegene Kirche aufsuchen, um dort an der Feier der Eucharistie teilzunehmen.[266]

163. Alle Priester, denen das Priestertum und die Eucharistie «für» die anderen anvertraut wurde,[267] sollen daran denken, daß es ihre Pflicht ist, allen Gläubigen die Möglichkeit zu bieten, dem Gebot der Teilnahme an der Sonntagsmesse nachzukommen.[268] Die gläubigen Laien haben ihrerseits das Recht, daß kein Priester, außer es ist wirklich nicht möglich, sich jemals weigert, die Messe für das Volk zu feiern oder sie von einem anderen feiern zu lassen, wenn das Gebot, am Sonntag und an den anderen festgesetzten Tagen an der Messe teilzunehmen, anders nicht erfüllt werden kann.

164. «Wenn wegen Fehlens eines geistlichen Amtsträgers oder aus einem anderen schwerwiegenden Grund die Teilnahme an einer Eucharistiefeier unmöglich ist»,[269] hat das christliche Volk das Recht, daß der Diözesanbischof nach Möglichkeit für die Abhaltung einer bestimmten Feier für diese Gemeinde am Sonntag unter seiner Autorität und gemäß den Vorschriften der Kirche sorgt. Sonntägliche Feiern dieser Art sind aber immer als ganz und gar außerordentlich zu betrachten. Daher sollen alle, sowohl die Diakone wie auch die christgläubigen Laien, denen vom Diözesanbischof eine Aufgabe in solchen Feiern zugewiesen wird, dafür Sorge tragen, «daß in der Gemeinde ein wahrer “Hunger” nach der Eucharistie lebendig bleibt. Dieser “Hunger” soll dazu führen, keine Gelegenheit zur Meßfeier zu versäumen und auch die gelegentliche Anwesenheit eines Priesters zu nützen, der vom Kirchenrecht nicht an der Meßfeier gehindert ist».[270]

165. Jede Verwechslung von Versammlungen dieser Art mit der Eucharistiefeier ist sorgfältig zu vermeiden.[271] Die Diözesanbischöfe sollen daher klug prüfen, ob bei solchen Zusammenkünften die heilige Kommunion ausgeteilt werden soll. Es ist angemessen, daß die Sache zum Zweck einer eingehenderen Regelung von der Bischofskonferenz behandelt wird, um zu einer Regelung in der Praxis zu kommen, die vom Apostolischen Stuhl durch die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung rekognosziert werden muß. Außerdem wird es bei Fehlen eines Priesters und eines Diakons vorzuziehen sein, daß die verschiedenen Teile unter mehreren Gläubigen aufgeteilt werden und nicht ein einziger gläubiger Laie die ganze Feier leitet. In keinem Fall ist es angebracht, von einem gläubigen Laien zu sagen, daß er der Feier «vorsteht».

166. Ebenso soll der Diözesanbischof, der allein für die Sache zuständig ist, nicht leichtfertig erlauben, daß Feiern dieser Art, vor allem wenn in ihnen auch die heilige Kommunion ausgeteilt wird, an Wochentagen stattfinden, besonders an Orten, wo die Messe am vorausgehenden Sonntag gefeiert werden konnte oder am nachfolgenden Sonntag gefeiert werden kann. Die Priester werden dringend gebeten, nach Möglichkeit täglich die heilige Messe in einer der ihnen anvertrauten Kirchen für das Volk zu feiern.

167. «Es ist auch nicht gestattet, die sonntägliche heilige Messe durch ökumenische Wortgottesdienste, durch gemeinsame Gebetstreffen mit Christen, die den […] kirchlichen Gemeinschaften angehören, oder durch die Teilnahme an ihren liturgischen Feiern zu ersetzen».[272] Falls der Diözesanbischof in einer drängenden Notlage die Teilnahme von Katholiken ad actum erlaubt, müssen die Hirten dafür Sorge tragen, daß bei den katholischen Gläubigen keine Verwirrung bezüglich der Notwendigkeit entsteht, auch unter solchen Umständen zu einer anderen Tageszeit an einer Messe teilzunehmen, wie es geboten ist.[273]

4. Die aus dem Klerikerstand Entlassenen

168. Einem «Kleriker, der nach Maßgabe des Rechts den klerikalen Stand verliert, […] ist verboten, die Weihegewalt auszuüben».[274] Daher ist es ihm, mit Ausnahme nur des im Recht festgelegten Falles,[275] unter keinem Vorwand erlaubt, Sakramente zu feiern, und den Christgläubigen ist es nicht gestattet, wegen einer Zelebration auf ihn zurückzukommen, wenn kein gerechter Grund vorliegt, der dies gemäß der Norm von can. 1335 erlaubt.[276]Außerdem dürfen diese Männer weder die Homilie halten[277] noch irgendein Amt oder irgendeine Aufgabe in der Feier der heiligen Liturgie übernehmen, damit unter den Christgläubigen keine Verwirrung entsteht und die Wahrheit nicht verdunkelt wird.

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Ökumenische Eucharistiefeier – ein Gedanke von epochaler Dummheit

15 Juli 2019, 12:00
Eine „Ökumenische Eucharistiefeier“ fantasierte die deutsche Obernonne herbei, so könnte eine polemische Schlagzeile lauten. Doch was nützt die Polemik? Eine nüchterne Untersuchung einer blöden Idee. Ein Montagskick von Peter Winnemöller

Linz (kath.net)
Die Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK), Sr. Katharina Kluitmann OSF, forderte bei der internationalen Tagung „Ottmaringer Tage“ eine ökumenische Eucharistiefeier. Unterstützt wurde sie von Pater Alois Schlachter (55), von Orden der Missionare vom Kostbaren Blut. Dieser unterstellte Papst Franziskus die Aufforderung, das Thema ökumenische Eucharistie als eigene Gewissensentscheidung anzugehen. Dies werde, so der Pater, zunehmend gelebt. Viel dreister kann man sich kaum verbal an der Allerheiligsten Sakrament des Altares verbal vergehen. Den Papst hierin zu, Zeugen anzurufen, macht es noch mal einen Zacken schärfer.

Bevor nun unmittelbar Schnappatmung einsetzt, bitte zurücklehnen und entspannt der Vernunft die Bahn ebnen. Man sollte sich unbedingt klar machen, dass die Einheit der Kirche ein so enorm hohes Gut ist, dass man gar nicht genug dafür tun kann. Jeder Einsatz dafür ist gerade gut genug. In der römischen Kurie gibt es einen Rat, der angesichts der zerspaltenen Christenheit für nichts anderes als für die Arbeit an der Einheit der Christen tätig ist. Diese Aufgabe ist kleinteilig, sie erfordert unsäglich viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Der Präsident dieses Rates, Kurt Kardinal Koch, gehört zu den klügsten, fleißigsten und geduldigsten Menschen, die zur Zeit auf unserer Erde leben. Der Kardinal versteht kenntnisreich über die verschiedenen christlichen Denominationen zu berichten. Man arbeitet sich verständnisvoll in Lehren, Traditionen und Vorstellungen anderer Christen ein. Es ist eine unglaubliche Kärrnerarbeit, mit jeder einzelnen dieser Gruppierungen so im Gespräch zu bleiben, dass der Faden nie abreißt, der Gesprächspartner nie überfordert wird, aber die Kirche ihre Gesprächspartner in anderen Kirchen und christlichen Gemeinschaften trotzdem niemals über die Wahrheit im unklaren lässt.

Hinsichtlich der Eucharistie glaubt die Kirche an die Realpräsenz Christi in den gewandelten Gaben von Brot und Wein, deren Substanz sich unter den Wandlungsworten des geweihten Priesters in Leib und Blut Christi wandelt. Dabei ist auch Amt in der Kirche ein Sakrament und es verlangt die volle Einheit. Diese ist die Einheit mit dem eigenen Bischof, der gemeinsam mit seinen bischöflichen Mitbrüdern in Einheit mit dem Bischof von Rom, dem Papst steht. Es ist kompliziert. Und es ist im Grunde so einfach.

Die Spaltungen unter den Christen haben vielfältige Formen und Geschichten. Immer ist es ein Abweichen von der Wahrheit in ihrer ganzen Fülle. Und diese Abweichungen verhindern, gemeinsam miteinander Eucharistie feiern zu können. Die allermeisten Ostkirchen sind uns theologisch so nahe, dass es kaum einen Grund gäbe, nicht miteinander die Eucharistie zu feiern. Der Ritus der Liturgie, im Osten die Hl. Basilius im Westen die des Hl. Gregorius, stellt kein Hindernis dar. Das wissen wir aus den unierten Ostkirchen, die in voller Einheit mit uns stehen und dennoch den ostkirchlichen Ritus feiern.

Es sind oft nur winzige Detailfragen, in denen man sich mikrometerweise annähert. Es sind kleine Gesten, die das Gespräch am Laufen halten. Und es sind kleine Einigungen, die die Gläubigen näher zueinander bringen. Und es gehört viel Gebet dazu. Für diesen Einsatz gehört sowohl Kardinal Koch als auch seinen oft genug nicht minder geduldigen Gesprächspartnern in den christlichen Kirchen und Gemeinschaften jedes Lob ausgesprochen und jedes nur eben mögliche Gebet zugesagt. Wie demütig und hoffnungsfroh ist dieses geduldige Wirken für die Einheit.

Wie dumm und dreist ist im Gegensatz dazu jene plumpe und übergriffige Forderung nach einer „ökumenischen Eucharistiefeier“, die eine deutsche Nonne in die Welt setzt? Was soll das sein? Werden die Gaben so halbgewandelt. Brot ja, Wein nein? Reicht ein ordinierter evangelischer Geistlicher oder muss es doch ein sakramental geweihter sein? Mit ihrer denkbar dummen Aussage stellte sich die Ordensfrau ein sehr schlechtes Zeugnis aus. Ökumenische Eucharistie, das bedeute, ergänzt die Schwester, dass wir in Sachen Eucharistie nicht darauf warten könnten, bis diese Zeichen einer vollkommenen Einheit sei, von der sie in der Tat behauptete, dass es diese auch innerkatholisch nicht gebe. Richtig sind in diesem Satz gerade mal die Satzzeichen. Denn in der Kirche ist die Eucharistie das stärkste und wichtigste Zeichen der vollen Einheit. Einer Einheit, aus der heraus sich Sr. Katharina gerade in bester deutscher Manier in den Orbit des Protestantismus geschossen hat. Sie ist dort nicht allein.

Ganz sicher wird die Ordensfunktionärin mit dieser Haltung auch nicht allein in den deutschen Orden stehen. Man mache sich da keine Illusionen. Doch kann man auch hoffen, dass es noch genügend Ordensleute gibt, die einen solchen Populismus der Dekonstruktion der Eucharistie nicht mitmachen und vernehmbar protestieren. Es wäre zudem noch Sache der Ordens- und der Glaubenskongregation, diese von Sr. Katharina öffentlich geäußerten Thesen zu untersuchen und sie ggf. zum Widerruf aufzufordern, denn immerhin ist so ein Satz einer in Deutschland führenden Ordensfunktionärin durchaus geeignet, eine Menge Verwirrung hervorzurufen. Wie sagte kürzlich ein Kardinal der römischen Kirche, der zugleich auch ein deutscher Bischof ist? Wir erleben in der Kirche einen epochalen Wandel. Wenn Ordensfrauen über die Eucharistie einen solchen Unsinn verbreiten, das ist in der Tat ein Wandel von epochaler Bedeutung. Es beschleicht einen die üble Vermutung, dass das Ende der Fahnenstange epochalen Wandels noch lange nicht erreicht ist.

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Kreuzwegandacht von Joseph Kardinal Ratzinger zum Karfreitag 2005

Das Leitmotiv dieses Kreuzwegs erscheint zu Beginn, im Vorbereitungsgebet, und dann von neuem in der 14. Station. Es ist das Wort Jesu vom Palmsonntag, mit dem er – unmittelbar nach seinem Einzug in Jerusalem – auf die Bitte einiger Griechen antwortet, die Jesus sehen wollten: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh 12, 24). Der Herr deutet damit seinen ganzen irdischen Weg als Weg des Weizenkorns, der nur durch den Tod hindurch zur Frucht führt. Er deutet sein irdisches Leben, sein Sterben und 

Auferstehen auf die heiligste Eucharistie hin, in der sein ganzes Geheimnis zusammengefasst erscheint. Weil er seinen Tod als einen Akt der Hingabe, der Liebe vollzogen hat, darum ist sein Leib in das neue Leben der Auferstehung hinein verwandelt worden. Darum ist er, das fleischgewordene Wort, nun unsere Nahrung zum wirklichen, zum ewigen Leben hin. Das ewige Wort – die schöpferische Kraft des Lebens – ist vom Himmel herabgestiegen und so wirklich „Manna“ geworden, Brot, das sich den Menschen in Glaube und Sakrament mitteilt. So wird Kreuzweg zu einem Weg ins eucharistische Geheimnis hinein: Die Volksfrömmigkeit und die sakramentale Frömmigkeit der Kirche verbinden sich und gehen ineinander. Das Beten des Kreuzwegs ist so verstanden als ein Weg in die innere, geistliche Kommunion mit Jesus hinein, ohne die die sakramentale Kommunion leer bliebe. Der Kreuzweg erscheint als „mystagogischer“ Weg.

Diese Sicht steht einem bloss sentimentalen Verstehen des Kreuzwegs entgegen, deren Gefahr der Herr in der 8. Station den weinenden Frauen von Jerusalem entgegenhält. Blosses Gefühl reicht nicht; der Kreuzweg soll eine Schule des Glaubens sein – jenes Glaubens, der seinem Wesen nach „in der Liebe wirksam“ wird (Gal 5, 6). Aber das bedeutet doch keinen Ausschluss der Gefühle. Die Väter haben als ein Grundlaster der Heiden ihre Fühllosigkeit angesehen; sie führen damit die Vision Ezechiels weiter, der dem Volk Israel die Verheissung Gottes weitergibt, dass er das Herz von Stein aus ihrer Brust nehmen und ihnen ein Herz von Fleisch geben werde (Ez 11, 19). Der Kreuzweg zeigt uns den Gott, der selbst mit den Menschen mit-leidet, dessen Liebe nicht in einer fernen Höhe unberührt bleibt, sondern heruntersteigt zu uns, bis in den Tod am Kreuz hinein (vgl. Phil 2, 8). Der mit-leidende Gott, der Mensch wurde, um unser Kreuz zu tragen, will unser steinernes Herz verwandeln und uns zum Mit-leiden rufen, uns das „Herz von Fleisch“ geben, das nicht an der Not des anderen vorübergehen kann, sondern sich verwunden lässt und zur heilenden und helfenden Liebe führt. Damit kehren wir wieder zurück zu Jesu Wort vom Weizenkorn, das er selber in die Grundformel christlicher Existenz übersetzt, die so lautet: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren ins ewige Leben“ (Joh 12, 25; vgl. Mt 16, 25; Mk 8, 35; Lk 9, 24; 17, 33: „Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen“). Damit sagt er uns zugleich, was der Satz bedeutet, der in den synoptischen Evangelien diesem Zentralwort seiner Botschaft vorangeht: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16, 24). In all diesen Worten zusammen deutet er uns selber, was „Kreuzweg“ ist – wie wir ihn beten und gehen sollen: Der Kreuzweg ist der Weg des Sichverlierens, das heisst der Weg der wahren Liebe. Diesen Weg ist er uns vorangegangen, diesen Weg will uns der gebetete Kreuzweg lehren. Und damit sind wir wieder beim gestorbenen Weizenkorn – bei der heiligsten Eucharistie angelangt, in der immerfort die Frucht von Jesu Sterben und Auferstehen unter uns gegenwärtig wird. In ihr geht er mit uns wie einst mit den Jüngern von Emmaus und wird uns immerfort von neuem gleichzeitig.

 

Vorbereitungsgebet

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.

Herr Jesus Christus, du hast für uns das Geschick des Weizenkorns auf dich genommen, das in die Erde fällt und stirbt, um so reiche Frucht zu tragen (Joh 12, 24). Du lädst uns ein, dir nachzufolgen auf diesem Weg, wenn du uns sagst: „Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben“ (12, 25). Wir aber hängen an unserem Leben. Wir wollen es nicht weggeben, sondern ganz für uns selber haben. Wir wollen es besitzen, nicht hingeben. Du aber gehst uns voraus und zeigst uns, dass wir das Leben nur gewinnen, indem wir es geben.
Im Mitgehen auf deinem Kreuzweg willst du uns auf den Weg des Weizenkorns mitnehmen, der der Weg zur Fruchtbarkeit ist, die in die Ewigkeit hineinreicht. Das Kreuz – das Geben unserer Selbst – lastet schwer auf uns. Aber du hast auf deinem Kreuzweg auch mein Kreuz getragen – nein, du hast es nicht irgendwann in der Vergangenheit getragen, denn deine Liebe ist meinem Leben gleichzeitig. Du trägst es heute mit mir und für mich, und wunderbarer Weise willst du, dass nun ich wie einst Simon von Zyrene auch meinerseits dein Kreuz mittrage und im Mitgehen mit dir in den Dienst der Erlösung der Welt trete.
Hilf mir, dass mein Kreuzweg nicht bloss das fromme Gefühl eines Augenblicks sei.
Hilf uns, nicht nur mit hohen Gedanken mit dir mitzugehen, sondern uns mit dem Herzen, ja mit den ganz praktischen Schritten unseres Alltags deinen Weg zu gehen.
Hilf, dass wir im Kreuzweg uns mit unserem ganzen Sein auf den Weg machen und so immerfort auf deinem Weg bleiben. Nimm uns die Furcht vor dem Kreuz, die Furcht vor dem Spott der anderen, die Furcht, wir könnten das eigene Leben verpassen, wenn wir nicht alles an uns reissen, was Leben verspricht.
Hilf uns, die Verführungen zu durchschauen, die uns Leben verheissen, deren Geschenke uns am Ende aber nur leer und enttäuscht zurücklassen.
Hilf uns, Leben nicht zu nehmen, sondern zu geben. Hilf uns, im Mitgehen auf dem Weg des Weizenkorns, im „Verlieren des Lebens“ den Weg der Liebe zu finden – den Weg, der uns wahrhaft Leben, Leben in Fülle schenkt (Joh 10, 10).

ALLE 14 STATIONEN: Siehe unter diesem Link!

Hannibal Ante Portas

Missale aus dem Jahr 1447 (Ausschnitt) Foto: Sailko / Biblioteca Medicea Laurenziana (CC BY 3.0)

Heute vor 50 Jahren wurde das neue Missale Romanum eingeführt – Dirk Weisbrod über Annibale Bugnini, den Mann, der die Liturgiereform Pauls VI. vorantrieb

03 April, 2019 / 8:30 AM

„Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, etsi Deus non daretur: Dass es gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet oder erhört.“

Diese Worte stammen nicht von einem Piusbruder, sondern von Papst Benedikt XVI. oder besser von Kardinal Joseph Ratzinger. Sie stehen am Ende seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“, die er schon in den 1990er Jahren verfasst hat.

Wenige Absätze zuvor hatte der Kardinal seine Bestürzung über das „fast völlige Verbot des bisherigen Missales nach einer Übergangsphase von nur einem halben Jahr“ beklagt und die Einzigartigkeit dieses Vorgehens Pauls VI. in der Liturgiegeschichte herausgestellt. Wo zuvor Liturgie über Jahrhunderte hindurch wachsen konnte und ein Missale nie verboten, sondern revidiert wurde, geschah nun folgendes: „Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes, freilich weitgehend aus dem Material des Bisherigen und auch unter Verwendung der Baupläne.“ Zwar habe das neue Missale in vielem auch Verbesserungen und Bereicherungen gebracht, aber letztendlich sei der Eindruck entstanden, dass Liturgie „gemacht“ werde, nichts Vorgegebenes, sondern etwas in unserem Entscheiden Liegendes sei.

Wohl auch deswegen hat er in seinem Motu proprio Summorum Pontificum den Versuch unternommen, der über die Jahrhunderte gewachsenen Messe zu ihrem Recht zu verhelfen. Nunmehr unter der Überschrift „außerordentliche Form des römischen Ritus“ und mit dem Wunsch, dass die „alte“ und die „neue“ Messordnung sich gegenseitig befruchten sollen.

Bis heute ist von dieser Befruchtung nichts zu merken.

Liturgie, die den Eindruck erweckt, „gemacht“ zu sein, verweist auch auf einen „Macher“, der im Falle des Novus Ordo – so die Kritiker – nicht unser Herr Jesus Christus, sondern ein Vinzentiner-Pater und Kurienerzbischof aus Umbrien gewesen ist: Annibale Bugnini. Angefeindet wie kein anderes Mitglied der Kurie seiner Zeit, hatte er zugleich hochrangige Fürsprecher und das Ohr des Papstes, seines Papstes Pauls VI., der ihm zugleich die größte Enttäuschung seines Lebens bereiten sollte – oder bereitete Bugnini sie umgekehrt den Papst? Darüber wird noch zu reden sein.

„Die Messe näher bringen“

Bugnini war das, was wir heute einen „Netzwerker“ nennen würden, einen Macher, der seine Arme überallhin ausstreckte, diplomatisch geschickt und unermüdlich arbeitend. Annibale, Hannibal ante Portas der Liturgie. Im Gegensatz zum karthagischen Feldherrn hat er diese Tore auch durchschritten und sein Werk vollendet. Das von ihm in wesentlich Teilen erarbeitete Messbuch – und damit der wichtigste Teil der Reform, die alle liturgischen Bücher der Kirche, die Stundenbücher, die Sakramente und Sakramentalien bis hin zum liturgischen Kalender umfasste – ist heute noch in fast unveränderter Form in Kraft. Am 3. April jährt sich die Promulgation dieses Messbuches durch Paul VI. zum fünfzigsten Mal. Grund genug einmal an seinen „Macher“ zu erinnern. Wer war dieser Mann? Was wollte er?

Am 14. Juni 1912 in Civitella del Lago in Umbrien geboren, trat er noch als Schüler in den Vinzentiner-Orden ein. Er studierte Philosophie und Theologie in Piacenza und Rom und wurde 1936 zum Priester geweiht. Seine Ordensoberen erkannten offenbar sehr schnell die Führungsqualitäten des jungen Vinzentiner-Paters, denn sie ernannten ihn 1939, mit nur 27 Jahren, zum Direktor des neu gegründeten Priesterkonvikts im römischen Collegio Leoniano. Viele der fast gleichaltrigen Priesterstudenten wurden später hochrangige Kurienmitarbeiter. Bugnini pflegte diese Kontakte.

Währenddessen studierte er selbst noch einmal und zwar christliche Archäologie, wobei ihn besonders die frühchristliche Liturgie interessierte. Vielleicht rührte hierher der Wunsch, die antiken Wurzeln der Liturgie wieder zur Geltung zu bringen. Der Erfolg war durchschlagend. Schon 1946 wurde er Schriftleiter der Ephemerides liturgicae – einer anerkannten Liturgiezeitschrift; dort profilierte er sich als Befürworter einer Liturgiereform. Schon direkt nach seiner Priesterweihe, als er in den Vorstädten Roms als Seelsorger arbeitete, war er der Meinung, dass die Gläubigen der Messe nicht mehr angemessen folgen konnten. Insbesondere den Kindern wollte er den Reichtum der Messe fruchtbarer näherbringen. So schreibt er es in seinen Memoiren.

Nur wenige Jahre als Schriftleiter genügten, um ihn bis in die höchsten kirchlichen Kreise bekannt zu machen. 1948 berief ihn Pius XII. zum Sekretär der neu geschaffenen Kommission für die Liturgiereform. Ja, auch Pius XII. hatte seine Liturgiereform! Und zwar die Erneuerung der Karwoche und der Osternacht (1951–1955). Ihr Spiritus Rector war der junge Bugnini. Sekretär der verschiedenen Häutungen dieser und anderer Liturgiekommissionen blieb er bis zu seiner Entmachtung 1975 und damit bis zum Abschluss der Liturgiereform. Und wer die Kurie kennt, weiß: Es sind die Sekretäre, die das Steuer in der Hand haben. Mit Bugnini blieben übrigens auch seine Mitstreiter aus der liturgischen Bewegung, die er in den jeweiligen Gremien platziert hatte.

Die eigentliche Reform

Nur einmal – zwischen 1962 und 1964 – verlor er seinen Posten. Nach Bugninis Version war es der Kardinal-Präfekt der Ritenkongregation, der Spanier Arcadio Larraona, der dafür sorgte, dass Johannes XXIII. ihn nicht zum Sekretär der liturgischen Konzils-Kommission berief. Das von ihm mitgestaltete Liturgie-Schema war dem Kardinal zu progressiv, er lancierte eine entschärfte Version. Allerdings hatte er die Rechnung ohne Bugnini gemacht. Der selbst berichtet, dass „irgendjemand“ die Konzilsväter über die für die Ortskirchen ungünstigen Änderungen informierte – das ursprüngliche Schema wollte ihnen in Liturgiefragen mehr Freiheit lassen – und so wurde dann doch die ursprüngliche Fassung dem Konzil vorgelegt und – als einzige – akzeptiert: Damit wurde das von Bugnini maßgeblich beeinflusste Schema Grundlage von Sacrosanctum Consilium, der Liturgie-Konstitution. Als Paul VI. 1964 das „Consilium zur Durchführung der Liturgiekonstitution“ unter Kardinal Giacomo Lercaro einsetzte, kehrte Bugnini als Sekretär zurück.

Nun begann die eigentlich Liturgiereform – eine Reform, die argwöhnisch betrachtet wurde. So urteilte Dietrich von Hildebrand, eigentlich selbst ein Anhänger der liturgischen Bewegung, in seinem Buch „Der verwüstete Weinberg“: „Wahrhaft – wenn einer der Teufel in C.S. Lewis‘ ,Screwtape Letters‘ mit der Untergrabung der Liturgie betraut worden wäre, er hätte es nicht besser machen können.“  Ja, so die Kritiker, Annibale Bugnini und das „Consilium“ hätten die Messe protestantisiert. Zumindest diesen Vorwurf hatte der Sekretär selbst befeuert. Hatten nicht protestantische Pastoren das „Consilium“ beraten? Wie konnte der Papst so etwas zulassen?

Bugnini selbst wusste, dass sein Tun erklärungsbedürftig war und dass es keinen Zweifel darüber geben durfte, dass die Reform sub et cum Petrodurchgeführt wurde. Wohl auch deswegen verfasste er die Rechtfertigungsschrift „La riforma liturgia“ (dt. „Die Liturgiereform“, 1987 bei Herder auf Deutsch erschienen). Das 1000-Seiten-Werk enthält eigene Erinnerungen, Notizen und Veröffentlichungen, die den ganzen Reformprozess minutiös nachzeichnen. Kein Zweifel lässt der Autor schon in der Einleitung am Anteil des Papstes an den Neuerungen: „Wenn je ein Papst all seine Energie für eine spezifische Arbeit eingesetzt hat, dann ist es Paul VI. im Hinblick auf die Liturgie. (…) Es ging mir aber auch darum, all jene Lügen zu strafen, die aus Unwissenheit oder Leichtfertigkeit oder aus kritischer oder voreingenommener Haltung behauptet haben und vielleicht noch meinen, dass eine Gruppe von Unbesonnenen dem Papst ihre eigenen Ideen eingeredet haben. Der Papst hat alles gesehen, hat alles verfolgt, hat alles geprüft, hat alles gebilligt.“ Viele Abendstunden habe er mit dem Papst verbracht und die Aktenbündel studiert. Paul VI. habe alles Zeile für Zeile, Wort für Wort gelesen.

Bouyer und Bugnini

Aus den Aufzeichnungen geht auch hervor, dass der Papst nur wenige Male einen Reformversuch gänzlich unterbunden hat, wie etwa die Reform des Rosenkranzgebets. Dieses sollte so abgeändert werden, dass die hergebrachte Form nur noch eine unter mehreren möglichen gewesen wäre. Und selbst zu dieser hätte dann der Gläubige sich noch eigene Geheimnisse ausdenken dürfen. Das war für den Papst zu iel des Guten.

Ganz anders fällt die Bewertung des Verhältnisses Bugnini – Paul VI. durch Pater Louis Bouyer aus. Bouyer war prominentes Mitglied des „Consiliums“ und damit selbst an der Reform der Liturgie beteiligt. In seinen posthum erscheinen Memoiren erinnert sich der 2004 verstorbene Oratorianer-Pater auch an den „verachtenswerten“ Bugnini. Insbesondere der Leiter des „Consiliums“, Kardinal Lercaro, sei unfähig gewesen, die Manöver dieses „Gauners“ zu überstehen. Demnach entfachte Bugnini zwischen Papst-Appartement und „Consilium“ einen Riesenwirbel – mit dem Ziel, die Reformen schnell und ohne allzu großen Widerstand abzuschließen. Denn Widerstand gab es selbst unter den Reformern reichlich – etwa unter anderem gegen die Kalenderreform, das neue Offertorium oder gegen die Totenliturgie. Diese Widerstände habe Bugnini aber mit der Bemerkung: „Der Heilige Vater will es!“ abgewürgt. Das „Consilium“ fügte sich. Die Reform sei nicht zuletzt deswegen unter beklagenswerten Bedingungen und übereilt vorangetrieben worden. So übereilt, dass Bouyer das zweite Hochgebet zusammen mit dem Benediktiner Bernard Botte in einer Nachtsitzung fertigstellen musste – in einer Kneipe in Trastevere. Wollte das der Heilige Vater wirklich? Bouyer ist nicht dieser Auffassung und berichtet von einem Gespräch mit Paul VI. nach Abschluss der Liturgiereform, als das „Consilium“ schon in der Gottesdienst-Kongregation aufgegangen war: „Als er mit mir über unser famoses Werk sprach, dem er am Ende mit kaum mehr Begeisterung als ich zugestimmt hatte, sagte er zu mir: ,Aber warum denn haben sie auf dieser Reform bestanden?’ (…) Selbstredend antwortete ich: „… ganz einfach, weil Bugnini uns sagte, dass Sie es unbedingt so wollten…“ Er reagierte sofort: „Ist das möglich? Zu mir sagte er, dass sie alle in dieser Hinsicht einer Meinung waren.“

Ein Dossier und die Verbannung

Hatte Bugnini Papst und Kommissionsmitglieder gegeneinander ausgespielt? Vielleicht liegt hierin ein Grund für seine plötzliche Entmachtung im Juli 1975, als Paul VI. ohne Vorankündigung Gottes dienst und Sakramenten-Kongregation zusammenlegte und Bugnini nicht mehr zum Sekretär ernannte. Womöglich gab es aber noch einen gewichtigeren. So machte schon unmittelbar danach das Gerücht die Runde, dass der Entmachtete ein Freimaurer gewesen sei, beauftragt die katholische Messe zu zerstören. Michael Davies, ein prominenter Gegner der neuen Messe, hat sogar jenen Prälaten getroffen, der das Dossier über Bugnini zusammengestellt und dem Papst übergeben haben will, zusammen mit der Ankündigung, die Sache publik zu machen, wenn dieser nicht handele. So berichtet er es in seinem Buch „Pope John’s Council“.

Bugnini selbst stritt diesen Vorwurf ab, der ihm – so schreibt er in seiner „Liturgiereform“ – aus erster Hand von einem Kardinal mitgeteilt wurde, der das Dossier auf dem Schreibtisch des Papstes gesehen hatte. Daraufhin schrieb er an Paul VI.: „Ich habe mich nie für die Freimaurerei interessiert. Ich weiß nicht, was sie treibt, welches ihre Ziele sind.“ Da behauptet wurde, er erhielte Geld von der Loge, fügte er hinzu: „Jedermann kann bestätigen, dass ich seit elf Jahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Büro fahre. Ich lebe in meiner Kommunität in zwei kleinen Zimmern, die kaum das Notwendigste enthalten.“ Aussage gegen Aussage! Der Brief blieb unbeantwortet. Ebenso hat der Vatikan niemals eine Begründung für die Ablösung des Vinzentiners bekanntgegeben oder die Gerüchte über dessen Mitgliedschaft bei den Freimaurern dementiert. 1976 wurde er als Nuntius in den Iran versetzt: Die zweite und endgültige Verbannung! Anfang der achtziger Jahre erkrankte Bugnini an Magenkrebs. Er verstarb mit siebzig Jahren am 3. Juli 1982 in einer römischen Klinik.

Von der Lebensumständen Bugninis kann sich heute noch jedermann im Konvent der Vinzentiner am Quirinalshügel überzeugen, wozu auch die wunderschöne Kirche San Silvestro al Quirinal gehört. Die Zelle, die der Erzbischof bis zu seiner Abreise in den Iran bewohnte, ist in ihrer Bescheidenheit und Einfachheit derjenigen Pater Pios vergleichbar. Überhaupt sei der Vinzentiner ein bescheidener und vor allem integrer Mann gewesen; ein Mensch, der sich jeden Tag für die Liturgiereform aufopferte, und dessen Leben und Leidenschaft darin bestand, den Menschen die heilige Messe, das Gebet der Kirche und damit Jesus Christus näherzubringen. So sagt es Pater Luigi Mezzadri, 81 Jahre, der Bugnini persönlich gekannt hat und heute noch täglich in San Silvestro al Quirinal zelebriert. Und so können wir es von vielen Klerikern, Liturgiewissenschaftlern und Theologen der 1950er Jahre bis heute hören.

Mezzadri führt die Besucher auch zum Altar, an dem Bugnini täglich die Messe zelebrierte – direkt unter einer Marienikone aus dem dreizehnten Jahrhundert, der Madonna delle Catene, und dem Bildnis Papst Pius V., der das römische Missale nach dem Tridentinum als allgemeinverbindlich festlegte. Eine fast schon schizophrene Situation, auch für jenen Herausgeber einer Zeitschrift, der sich in die Kirche geschmuggelt hatte, um zu beobachten, wie dieser berüchtigte Reformer denn die Messe zelebriere. Bugnini überliefert uns dessen Fazit: „Sehr gläubig. (…) Wie ist es aber möglich, dass dieser Priester am Morgen vor dem Bild Pius V. auf Latein, mit dem tridentinischen Missale zelebrierte, und dann am Abend der Kirche die reformierte Messe in der Volkssprache vorschreibt und damit das Konzil von Trient verrät?“ Wer dieser Beobachter war und wo seine Aussage nachzulesen ist, verrät uns Bugnini freilich nicht.

Noch einmal die Frage: Wer war Annibale Bugnini? Was wollte er? Was hat er erreicht? War er ein Freimaurer, ein Gauner und Schwätzer, der Papst, Kardinale und ganze Kommissionen gegeneinander ausspielte oder ein bescheidener, freundlicher und leidenschaftlicher Diener Gottes, der die Messe entstauben und den Menschen damit näherbringen wollte. War er vielleicht beides, weil er zu leidenschaftlich für seine Sache war? Er wäre damit nicht der erste gewesen.

Lex Orandi, Lex Credendi

Wenn man ein Werk wie die Liturgiereform an seinen Früchten erkennen kann, dann müssen wir zumindest für Europa und weite Teile Nord und Lateinamerikas feststellen, dass die Kirchen leer sind und sich die Kirchenaustritte häufen.

Dafür mag es viele Gründe geben, wie wir angesichts des Missbrauchsskandals in diesen Tagen sehen. Aber kann man das Fundament der Kirche, die Eucharistiefeier, mithin die heilige Messe ohne Folgen verändern?

Wir erinnern uns: Lex orandi, lex credendi. Womit wir wieder bei der Klage Joseph Ratzingers angekommen sind: Es ist wohl nicht möglich, ein jahrhundertelang gewachsenes Gebäude abzubrechen und in wenigen Jahren ein neues bauen. Diesen Versuch aber haben Annibale Bugnini und seine Mitstreiter unternommen, vielleicht weil sie auf die Menschen und die getrennten protestantischen Brüder zugehen und die Kirche in eine neue Zeit führen wollten. Wenn wir sie nach menschlichen Maßstäben beurteilen, dann sind sie gescheitert – unabhängig davon, welche Absichten sie hatten. Das endgültige Urteil aber fällt Gott. Und so müssen wir mit dem alten Atheisten Bertolt Brecht über Bugnini und sein Werk ausrufen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen. Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Vatican Magazin.

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Quelle

Die Prophetie des Jesaja kündigt den Aufgang eines gewaltigen Lichtes an

CHRISTMETTE

HOCHFEST DER GEBURT DES HERRN

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Petersdom
Mittwoch, 24. Dezember 2014

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»Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf« (Jes 9,1). »Da trat der Engel des Herrn zu ihnen [den Hirten] und der Glanz des Herrn umstrahlte sie« (Lk 2,9). So stellt uns die Liturgie in dieser heiligen Weihnacht die Geburt des Heilands vor Augen: als Licht, das die tiefste Dunkelheit durchdringt und sie auflöst. Die Gegenwart des Herrn mitten in seinem Volk nimmt die Last der Niederlage und die Traurigkeit der Knechtschaft und schafft Freude und Glück.

Auch wir sind in dieser Heiligen Nacht durch die Finsternis, welche die Erde umhüllt, zum Haus Gottes gekommen, aber wir waren geleitet von der Flamme des Glaubens, die unsere Schritte erleuchtet, und beseelt von der Hoffnung, das „helle Licht“ zu finden. Wenn wir unser Herz öffnen, haben auch wir die Möglichkeit, das Wunder jenes Kindes zu betrachten, das wie die Sonne aufstrahlt aus der Höhe und den Horizont erhellt.

Der Ursprung der Finsternis, von der die Welt umhüllt ist, verliert sich in der Nacht der Zeiten. Denken wir an den dunklen Moment zurück, in dem das erste Verbrechen der Menschheit begangen wurde, als Kain, blind vor Neid, seinen Bruder Abel erschlug (vgl. Gen 4,8). So war der Lauf der Jahrhunderte gezeichnet von Gewalt, Krieg, Hass und Unterdrückung. Gott aber, der auf den Menschen seine Erwartungen setzte – er hatte ihn ja als sein Abbild und ihm ähnlich erschaffen –, er wartete. Gott wartete. Er hat so lange gewartet, dass er an einem bestimmten Punkt eigentlich hätte aufgeben müssen. Aber er konnte nicht aufgeben, er konnte sich selbst nicht verleugnen (vgl. 2 Tim 2,13). Deshalb hat er geduldig weiter gewartet angesichts der Korruption von Menschen und Völkern. Die Geduld Gottes. Wir schwer ist das zu begreifen: Gottes Geduld mit uns!

Den Weg der Geschichte hindurch offenbart uns das Licht, welches das Dunkel durchbricht, dass Gott ein Vater ist und dass seine geduldige Treue stärker ist als die Finsternis und die Korruption. Das ist die eigentliche Botschaft der Weihnacht. Gott kennt keinen Wutanfall und keine Ungeduld. Er ist immer da, wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, in der Erwartung, von weitem die Rückkehr des Sohnes zu erkennen – und das Tag für Tag, in Geduld. Die Geduld Gottes…

Die Prophetie des Jesaja kündigt den Aufgang eines gewaltigen Lichtes an, welches das Dunkel durchbricht. Es wird in Bethlehem geboren und aufgenommen von den liebevollen Händen Marias, der Liebe Josefs und dem Staunen der Hirten. Als die Engel den Hirten die Geburt des Erlösers verkündeten, sagen sie: » Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt « (Lk 2,12). Das „Zeichen“ ist gerade die Demut Gottes, die bis zum Äußersten getriebene Demut Gottes; es ist die Liebe, mit der er in jener Nacht unsere Schwachheit, unser Leiden, unsere Ängste, unsere Sehnsüchte und unsere Grenzen angenommen hat. Die Botschaft, auf die alle warteten, das, wonach alle tief innerlich suchten, war nichts anderes als die Zärtlichkeit Gottes: Gott, der uns mit einem von Liebe erfüllten Blick anschaut, der unser Elend annimmt, Gott, der in unser Kleinsein verliebt ist.

Wenn wir in dieser Heiligen Nacht das Jesuskind betrachten, wie es gleich nach der Geburt in eine Futterkrippe gelegt wird, sind wir zum Nachdenken eingeladen. Wie nehmen wir die Zärtlichkeit Gottes an? Lasse ich mich von ihm erreichen, lasse ich mich umarmen oder hindere ich ihn daran, mir nahe zu kommen. „Aber ich suche doch den Herrn“, könnten wir einwenden. Das Wichtigste ist allerdings nicht, ihn zu suchen, sondern zuzulassen, dass er mich sucht, dass er mich findet und mich liebevoll streichelt. Das ist die Frage, die das Christuskind uns einzig mit seiner Gegenwart stellt: Lasse ich zu, dass Gott mich lieb hat?

Gehen wir noch einen Schritt weiter: Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren? Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit! – Geduld Gottes, Nähe Gottes, Zärtlichkeit Gottes.

Die Antwort des Christen kann nicht anders sein als jene, die Gott angesichts unseres Kleinseins gibt. Das Leben muss mit Güte, mit Sanftmut angegangen werden. Wenn wir uns bewusst werden, dass Gott in unser Kleinsein verliebt ist, dass er selbst sich klein macht, um uns besser zu begegnen, können wir nicht anders, als ihm unser Herz zu öffnen und ihn zu bitten: „Herr, hilf mir, wie du zu sein; gib mir die Gnade der Zärtlichkeit in den schwierigsten Lebensumständen; gib mir die Gnade, in jeder Not nahe zu sein, die Gnade der Sanftheit in welchen Konflikten auch immer“.

Liebe Brüder und Schwestern, in dieser Heiligen Nacht betrachten wir die Krippe. Dort hat es sich verwirklicht: »Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht« (Jes 9,1). Das einfache Volk hat das Licht gesehen; die Menschen, die bereit waren, die Gabe Gottes anzunehmen. Nicht gesehen haben es die Überheblichen, die Stolzen, diejenigen, die die Gesetze nach ihren persönlichen Maßstäben festlegen, die in ihrer Haltung verschlossen sind. Schauen wir auf die Krippe und bitten wir im Gebet die jungfräuliche Mutter: „O Maria, zeige uns Jesus!“.

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„Gott ist Mensch geworden und wird sich nie von unserem Menschsein lösen, das er sich zu Eigen gemacht hat.“

CHRISTMETTE

HOCHFEST DER GEBURT DES HERRN

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Samstag, 24. Dezember 2016

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» Die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten « (Tit 2,11). Die Worte des Apostels Paulus offenbaren das Geheimnis dieser heiligen Nacht: Die Gnade Gottes, seine unentgeltliche Gabe ist erschienen; in dem Kind, das uns geschenkt ist, wird die Liebe Gottes zu uns konkret.

Es ist eine Nacht der Herrlichkeit – jener Herrlichkeit, die von den Engeln in Bethlehem und auch von uns in aller Welt verkündet wird. Es ist eine Nacht der Freude, denn von heute an und für immer ist Gott – der Ewige, der Unendliche – der Gott mit uns: Er ist nicht fern, wir müssen ihn nicht in den Himmelsbahnen suchen oder in irgendwelchen mystischen Vorstellungen. Er ist nahe, ist Mensch geworden und wird sich nie von unserem Menschsein lösen, das er sich zu Eigen gemacht hat. Es ist eine Nacht des Lichtes: Jenes von Jesaja geweissagte Licht, (vgl. 9,1) das die erleuchten sollte, die im Dunkeln lebten, ist erschienen und hat die Hirten von Bethlehem umstrahlt (vgl. Lk 2,9).

Die Hirten entdecken einfach: » Uns ist ein Kind geboren « (Jes 9,5), und verstehen, dass all diese Herrlichkeit, all diese Freude und all dieses Licht sich auf einen einzigen Punkt konzentrieren, auf jenes Zeichen, das der Engel ihnen angegeben hat: » Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt « (Lk 2,12). Das ist das immerwährende Zeichen, um Jesus zu finden. Nicht nur damals, sondern auch heute. Wenn wir das wahre Weihnachten feiern wollen, lasst uns dieses Zeichen betrachten: die zerbrechliche Einfachheit eines kleinen Neugeborenen; die Sanftheit, mit der er daliegt; die zarte Liebe, welche die Windeln ausdrücken, die ihn umhüllen. Dort ist Gott.

Und mit diesem Zeichen offenbart uns das Evangelium ein Paradox: Es spricht vom Kaiser, vom Statthalter, von den Großen jener Zeit, aber dort taucht Gott nicht auf; er erscheint nicht im Nobelsaal eines königlichen Palastes, sondern in der Armut eines Stalls; nicht im Prunk der äußeren Erscheinung, sondern in der Einfachheit des Lebens; nicht in der Macht, sondern in einer Kleinheit, die überrascht. Und um ihm zu begegnen, muss man dorthin gehen, wo er ist: Man muss sich niederbeugen, sich erniedrigen, klein werden. Der Knabe, der uns geboren wird, fragt uns an: Er ruft uns, die Trugbilder des Vergänglichen loszulassen, um zum Wesentlichen zu gehen, auf unsere unersättlichen Ansprüche zu verzichten, die ständige Unzufriedenheit und die Traurigkeit um irgendetwas, das uns immer fehlen wird, hinter uns zu lassen. Es wird uns gut tun, diese Dinge loszulassen, um in der Einfachheit des Gotteskindes den Frieden, die Freude und den großartigen Sinn des Lebens wiederzufinden.

Lassen wir uns anfragen vom Kind in der Krippe, aber lassen wir uns auch anfragen von den Kindern, die heute nicht in einer Wiege liegen und von der Liebe einer Mutter und eines Vaters umhegt sind, sondern in den elenden „Futterkrippen der Würde“: im unterirdischen Bunker, um den Bombardierungen zu entkommen; auf dem Bürgersteig einer großen Stadt, auf dem Boden eines mit Migranten überladenen Schleppkahns. Lassen wir uns anfragen von den Kindern, die man nicht zur Welt kommen lässt; von denen, die weinen, weil niemand ihren Hunger stillt; von denen, die nicht Spielzeug, sondern Waffen in den Händen halten.

Das Geheimnis, das Licht und Freude ist, fragt an und rüttelt auf, weil es zugleich ein Geheimnis der Hoffnung und der Traurigkeit ist. Es hat einen Beigeschmack der Traurigkeit, weil die Liebe nicht aufgenommen und das Leben ausgesondert wird. So geschah es Josef und Maria, die auf verschlossene Türen stießen und Jesus in eine Krippe legten, » weil in der Herberge kein Platz für sie war « (Lk 2,7). Jesus wird geboren – abgelehnt von einigen und unter der Gleichgültigkeit der meisten. Auch heute kann es dieselbe Gleichgültigkeit geben, wenn Weihnachten zu einem Fest wird, bei dem die Hauptfiguren wir sind und nicht Er; wenn die Lichter des Gewerbes das Licht Gottes in den Schatten stellen; wenn wir uns abmühen für die Geschenke und den Ausgegrenzten gegenüber gefühllos bleiben. Diese Weltlichkeit hat das Weihnachtsfest als Geisel genommen; man muss es befreien!

Doch Weihnachten hat vor allem den Geschmack der Hoffnung, weil trotz unserer Finsternis das Licht Gottes leuchtet. Sein freundliches Licht macht keine Angst; Gott, der in uns verliebt ist, zieht uns an mit seiner Zärtlichkeit, indem er arm und zerbrechlich in unserer Mitte zur Welt kommt, als einer von uns. Er wird geboren in Bethlehem, was bedeutet „Haus des Brotes“. Er scheint uns auf diese Weise sagen zu wollen, dass er als Brot für uns geboren wird; er kommt zum Leben, um uns sein Leben zu geben; er kommt in unsere Welt, um uns seine Liebe zu bringen. Er kommt nicht, um zu verschlingen und zu befehlen, sondern um zu ernähren und zu dienen. So gibt es eine unmittelbare Verbindung von der Futterkrippe zum Kreuz, wo Jesus gebrochenes Brot sein wird: Es ist die unmittelbare Verbindung der Liebe, die sich hingibt und uns rettet, die unserem Leben Licht und unseren Herzen Frieden schenkt.

Das haben in jener Nacht die Hirten begriffen, die zu den Ausgegrenzten von damals gehörten. Aber in den Augen Gottes ist niemand ausgegrenzt, und gerade sie waren die Eingeladenen zur Weihnacht. Die Selbstsicheren, Selbstzufriedenen waren zu Hause bei ihren Angelegenheiten; die Hirten hingegen » eilten hin « (vgl. Lk 2,16). Lassen auch wir uns in dieser Nacht von Jesus anfragen und zusammenrufen; gehen wir vertrauensvoll zu ihm, von dem Punkt aus, in dem wir uns ausgegrenzt fühlen, von unseren eigenen Grenzen aus, von unseren Sünden aus. Lassen wir uns von der Zärtlichkeit berühren, die rettet. Nähern wir uns Gott, der uns nahe kommt, halten wir inne, um die Krippe anzuschauen, stellen wir uns die Geburt Jesu vor: das Licht und den Frieden, die extreme Armut und die Ablehnung. Treten wir mit den Hirten in die wahre Weihnacht ein, bringen wir das zu Jesus, was wir sind, unsere Ausgrenzungen, unsere nicht ausgeheilten Wunden,  unsere Sünden. So werden wir in Jesus den wahren Geist von Weihnachten kosten: die Schönheit, von Gott geliebt zu werden. Stehen wir mit Maria und Josef vor der Krippe, vor Jesus, der geboren wird als Brot für mein Leben. Und indem wir seine demütige und grenzenlose Liebe betrachten, sagen wir ihm einfach Dank: Danke, weil du all das für mich getan hast.

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DIE LITURGIE ALS WERK DER DREIFALTIGKEIT: GOTT DER VATER, GOTT DER SOHN, GOTT DER HEILIGE GEIST

AMT FÜR DIE LITURGISCHEN FEIERN DES PAPSTES

Liturgie als Werk der Dreifaltigkeit/1: Gott der Vater
(KKK 1077-1083)

Ohne die Mittlerschaft des Sohnes hätten wir den Vater nicht kennengelernt und den Geist nicht empfangen, der es uns ermöglicht, den Sohn als Herrn anzuerkennen und in ihm den Vater anzubeten. Der Vater hat vor der Erschaffung der Welt die Entscheidung getroffen, uns zu all dem zu befähigen bzw. uns als Kinder anzunehmen (vgl. Katechismus der katholischen Kirche (KKK), 1077). Die Befähigung, als Einzelne und als Glieder eines auserwählten und geweihten Volkes zu wirken, nennt sich „Liturgie“; zu Recht wird sie als Werk des Geheimnisses der drei (göttlichen) Personen definiert. Das heißt, dass das trinitarische Handeln das Urbild für das sakrale oder liturgische Handeln ist. Betrachtet man jedoch den kirchlichen und liturgischen Aktivismus, der dazu geführt hat, sogar in die heilige Liturgie Begriffe wie „Schauspieler“ oder „Operator“ hineinzutragen, müssen wir, das Wesen dieses Handelns bestimmen, um Missverständnisse zu vermeiden. Die heilige Handlung der Liturgie ist im Wesentlichen eine „Segnung“, ein Begriff, den alle kennen, aber nicht in seiner wahren Bedeutung. Dies tut der folgende Artikel des Katechismus, den ganz wiederzugeben sich lohnt: „Segnen ist eine göttliche Handlung, die Leben schenkt und im Vater ihren Ursprung hat. Sein Segen (bene-dictio, eu-logia) ist zugleich Wort und Gabe. Auf den Menschen bezogen bedeutet das Wort „Segen“ Anbetung und Selbstübergabe an den Schöpfer in der Danksagung“ (KKK, 1078).

Die Liturgie ist folglich göttliche Segnung, Wort und Gabe, und menschliche Anbetung, oder (eucharistische) Danksagung und Opfer. Ist nicht die ganze heilige Messe in dieser Definition enthalten? Niemand kann es unterlassen, die heilige Liturgie oder das Sakrament so zu definieren. Die Anbetung ist nichts anderes als dieselbe Liturgie. Alle Versuche, die beiden Dinge zu trennen, widersprechen dem katholischen Glauben und der katholischen Wahrheit.

Macht man heute nicht geltend, dass der Mensch Gott mit seinem ganzen Sein anbetet? Das heißt mit Leib und Seele. Deshalb ist in der Bibel das ganze „Werk Gottes Segnung“ (vgl. KKK, 1079-1081): Die kosmische Dimension durchdringt die Heilige Schrift von der Genesis bis zur Apokalypse und gleichermaßen die Liturgie. Wenn Segnen Anbeten heißt, dann ist die Segnung oder Anbetung durch die Niederwerfung und das körperliche Beugen der Knie sowie das metaphysische des Herzens  belegt. Nur der Teufel beugt nicht die Knie, weil er – so sagen es die Wüstenväter – keine Knie hat. So sieht der heilige Paulus das Zusammenklingen der Heilsgeschichte und des Kosmos vor Jesus: Jedes Knie im Himmel, auf der Erde und unter der Erde muss sich beugen. Die konkrete Konsequenz: Das Knien muss als primäre Geste in den Ritus der Messe, in den Verlauf, als Inspiration und Geschmack des heiligen Gesangs und in die Einrichtung zurückkehren: Eine Kirche ohne Kniebänke ist keine katholische Kirche.

Warum sich niederwerfen? Weil die göttliche Segnung sich insbesondere durch die „Gegenwart Gottes im Tempel“ kundtut (KKK, 1081): Die erste und grundlegende Geste in seiner Gegenwart ist die Anbetung. Man sage nicht, dass der Tempel abgeschafft worden sei, als Jesus ihn reinigte, indem er ihn durch seinen Leib ersetzte, in welchem seine Göttlichkeit leibhaftig wohnt. So ist die göttliche Gegenwart nun die des Leibes Christi und  trifft in höchstem Maße mit dem Allerheiligsten Sakrament zusammen. Man beachte, dass wir bis hierher von Sachverhalten gesprochen haben, die vom Herrn selbst in der Heiligen Schrift offenbart wurden. In der „Einführung in den Geist der Liturgie“ hat Josef Ratzinger gezeigt, wie sehr es bei der Liturgiereform geschadet hat, die Verbindung zwischen dem jüdischen Tempel und der christlichen Kirche aufzuheben: Das sehen wir heute in den neuen Kirchen, während man auf der ökumenischen Ebene mit den Juden im Dialog steht. Wenn der Leib Christi durch den geistlichen Bau seiner Glieder errichtet wird (vgl. 1 Petr 2,5), dann muss man wissen, dass dort, wo die Kirche sich um die Mysterien versammelt, ein „heiliger Raum“ entsteht.

Jetzt kann man verstehen, was der Katechismus in aller Klarheit aussagt: „In der Liturgie der Kirche wird der Segen Gottes vollkommen geoffenbart und mitgeteilt: Der Vater wird als Ursprung und Ziel allen Segens der Schöpfung und des Heils anerkannt und angebetet; in seinem fleischgewordenen, für uns gestorbenen und auferstandenen Wort überhäuft er uns mit seinen Segnungen und durch das Wort legt er uns die Gabe aller Gaben, den Heiligen Geist, ins Herz“ (KKK, 1082). So wird dadurch letztlich die doppelte Dimension der Liturgie der Kirche bestimmt: Sie ist einerseits die Segnung des Vaters durch Anbetung, Lobpreis und Danksagung; sie ist andererseits die Darbringung seiner selbst und der eigenen Gaben an den Vater und die Anrufung des Heiligen Geistes, damit er auf die ganze Welt herabkommt. Alles geht über die priesterliche Mittlerschaft oder durch die Opfergabe und „die Gemeinschaft mit dem Tod und der Auferstehung Christi des Priesters und durch die Macht des Geistes“ (KKK, 1083).

Wenn die Auferstehung Christi sich nicht historisch ereignet hätte und nicht die Geschichte ursprünglich „erfüllt“ hätte, indem sie ihr die endgültige Richtung einprägt, hätten die Sakramente keine Wirksamkeit und das Ziel würde vermindert, zu dem sie gespendet werden: unsere Auferstehung am Ende des Lebens und der Menschheitsgeschichte. Einer entmythologisierenden Exegese folgt normalerweise eine auf den Symbolismus reduzierte Theologie; das katholische Denken jedoch spricht mit dem Apostel von der „Macht seiner Auferstehung“: Den Erscheinungen des Auferstandenen folgen nicht nur das Kerygma und der Glaube der Jünger, sondern das Einströmen der Auferstehungskraft in die Sakramente. Daher ist die Wahrheit von der leiblichen Auferstehung Christi entscheidend für die Wirksamkeit der Sakramente und ihr wirkliches Einwirken auf die Umgestaltung des Menschen.

Gerade weil das österliche Geheimnis den Sohn vom Tod zum Leben hat hinübergehen sehen, sieht es ebenso die Kinder Gottes hinübergehen. Deshalb wird es „österlich“ genannt, wegen dieses Übergangs, der dank des Opfers des Gottessohnes geschehen ist. Daher also ist das eucharistische Opfer das Zentrum der Schwerkraft aller Sakramente (vgl. KKK, 1113), so wie Ostern das Zentrum des liturgischen Jahres ist.

Der göttliche Heilsplan ist einer: Die Menschen und die Dinge des Himmels und der Erde unter die Herrschaft Christi zurückzubringen. Das erste Werk der drei (göttlichen) Personen zielt darauf ab, den Menschen zu seinem ursprünglichen Wesen zurückzuführen, damit jenes Bild in ihm wiederhergestellt wird, das durch die Sünde entstellt wurde.

 

Die Liturgie, Werk der Dreifaltigkeit /2: Gott der Sohn
(KKK 1084-1090)

Im zweiten, Gott dem Sohn gewidmeten Teil des Abschnitts über Liturgie als Werk der Heiligen Dreifaltigkeit, erläutert der Katechismus der Katholischen Kirche die Grundlagen der Sakramentaldoktrin. Der auferstandene und verherrlichte Christus gießt den Heiligen Geist über die Kirche aus, die sein Leib ist, und wirkt jetzt und heute in den Sakramenten, durch die er seine Gnade vermittelt. Der Katechismus wiederholt, nach der klassischen Definition, was die Sakramente sind: 1. durch die Sinne wahrnehmbare Zeichen (Worte und Handlungen), die 2. von Christus eingesetzt wurden und 3. die Gnade bewirken, die sie bezeichnen (vgl. Nr. 1084).

In der Feier der Sakramente, das heißt in der heiligen Liturgie, bezeichnet und verwirklicht Christus kraft des Heiligen Geistes das Pascha-Mysterium seines Leidens, seines Kreuzestodes und seiner Auferstehung. Dieses Mysterium besteht nicht nur aus einer Kette von Geschehnissen, die sich in ferner Vergangenheit zugetragen haben (obwohl man auf die geschichtliche Wahrheit dieser Ereignisse nicht verzichten kann!), sondern es betritt die Dimension der Ewigkeit, weil der „Wirkende“, d.h. jener, der in diesen Ereignissen gewirkt und gelitten hat, das fleischgewordene Wort selbst war. Aus diesem Grund steht das Pascha-Mysterium Christi „über allen Zeiten und wird in ihnen gegenwärtig“ (Nr. 1085) mittels der Sakramente, die er selbst seiner Kirche anvertraut hat, allen voran das Opfer der Eucharistie.

Diese außergewöhnliche Gabe wurde zunächst auf die Apostel übertragen, als der Auferstandene in der Kraft des Heiligen Geistes, ihnen seine Heiligungsgewalt anvertraute. Die Apostel wiederum übertrugen diese Macht ihren Nachfolgern, den Bischöfen; und so werden die Heilsgüter im sakramentalen Leben des Volkes Gottes weitergegeben und aktualisiert bis zur Parusie, wenn Christus in der Herrlichkeit wiederkehren wird, um das Reich Gottes zu erfüllen. So garantiert diese „apostolische Sukzession“, dass in der Feier der Sakramente die Gläubigen in Kommunion mit Christus treten und durch die Gabe seiner rettenden Liebe an seinem Segen teilhaben, vor allem in der Eucharistie, wenn er sich selbst unter der äußerlichen Form des Brots und des Weins hingibt.

Die sakramentale Teilnahme am Leben Christi hat eine ganz bestimmte Form, die im „Ritus“ besteht, den der damalige Kardinal Ratzinger im Jahr 2004 als „die Form der Feier und des Gebets“ bezeichnete, „die im Glauben und im Leben der Kirche heranreift“. Der Ritus – oder besser, die verschiedenen Riten jener Kirchen, die apostolischen Ursprungs sind – ist „verdichtete Form der lebenden Tradition […], durch die wir gleichzeitig die Kommunion zwischen den Generationen erfahren, die Kommunion mit denen, die vor und nach uns beten. Daher ist der Ritus wie ein Geschenk, das die Kirche erhalten hat, eine lebende Form der Paradosis [Tradition]“ (30 Tage, Nr. 12 – 2004).

Indem er sich auf die Lehre der Konstitution über die heilige Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils beruft, erinnert der Katechismus an die verschiedenen Arten der Gegenwart Christi in den liturgischen Handlungen. An erster Stelle ist der Herr in der Person des geweihten Dieners im Eucharistieopfer gegenwärtig, denn „derselbe bringt das Opfer jetzt dar durch den Dienst der Priester, der sich einst am Kreuz selbst dargebracht hat“ [Konzil von Trient], und vor allem unter den eucharistischen Gestalten. Außerdem ist Christus mit seiner Kraft in den Sakramenten gegenwärtig, dann mit seinem Wort, wenn die heiligen Schriften gelesen werden, und schließlich, wenn die Mitglieder der Kirche, der geliebten Braut Christi, in seinem Namen versammelt sind, um zu beten und zu lobpreisen (vgl. Nr. 1088 und Sacrosanctum Concilium, Nr. 7). So verwirklicht sich in der irdischen Liturgie das doppelte Ziel des gesamten Gotteskults, nämlich Gott zu verherrlichen und den Menschen zu heiligen (vgl. Nr. 1089).

Tatsächlich nimmt die irdische Messfeier, im Glanz der großen Kathedralen genauso wie an schlichten, doch würdevollen Orten, an der himmlischen Liturgie des neuen Jerusalem teil und lässt uns die künftige Herrlichkeit in der Gegenwart des lebendigen Gottes vorauskosten. Dieser Dynamismus verleiht der Liturgie ihre Größe, bewahrt die einzelnen Gemeinden davor, sich in sich selbst zu verschließen, und öffnet ihnen den Zugang zur Versammlung der Heiligen in der himmlischen Stadt, wie der Hebräerbrief es beschreibt: „Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels“ (Hebr 12,22-24).

Es scheint daher angebracht zu sein, zum Abschluss dieser kurzen Gedanken die trefflichen Worte des seligen Kardinals Ildefonso Schuster zu zitieren, der die Liturgie als „ein heiliges Gedicht“ bezeichnete, „an dem wahrhaftig Himmel und Erde zusammen gearbeitet haben“.

 

Die Liturgie, Werk der Dreifaltigkeit/3: Gott, der Heilige Geist
(KKK 1091-1109)

Die Liturgie oder das öffentliche Werk, das im Namen des Volkes ausgeübt wird, ist unsere Teilhabe am Gebet Christi zum Vater im Heiligen Geist. Ihre Feier taucht uns in das Leben der Gottheit ein, wie es in der Präfation vom Wochentag IV zum Ausdruck kommt: „Du bedarfst nicht unseres Lobes, es ist ein Geschenk deiner Gnade, dass wir dir danken. Unser Lobpreis kann deine Größe nicht mehren, doch uns bringt er Segen und Heil durch unseren Herrn Jesus Christus“. Deswegen gab es die Liturgie schon ehe wir daran teilnehmen konnten, denn sie begann in der Heiligsten Dreieinigkeit und Christus, der uns während seines Erdenlebens beispielhaft zeigte, wie wir den Vater anbeten sollen, gab denjenigen, die glauben, durch die Feier der Liturgie, in der uns das Leben der Dreieinigkeit mitgeteilt wird, die Mittel an die Hand, um ihr Dasein zu verwandeln.

In der Liturgie werden wir durch das Wirken des Heiligen Geistes mit dem Siegel der liebenden Beziehung der Dreieinigkeit, die im Herzen der Kirche steht, geprägt und geheiligt. Der Heilige Geist ist derjenige, der den Glauben weckt und unser Mitwirken hervorruft. Es handelt sich um jenes ehrliche Mitwirken, das unsere Sehnsucht nach Gott zum Ausdruck bringt und die Liturgie zum gemeinsamen Werk der Dreieinigkeit und der Kirche werden lässt (KKK 1091-1092).

Ehe der Heilsauftrag Christi in der Welt begann, legte der Heilige Geist die Grundlage dafür, dass Christus aufgenommen werden konnte, indem er die Verheißungen des Alten Bundes zur Erfüllung brachte. Wie dies auch in der Liturgie des Hauses Israel der Fall war, bildet die Erinnerung an diese Meisterwerke Gottes in nicht geringerer Weise das Rückgrat unserer eigenen Liturgie. Betrachte man doch das Alte Testament mit seinen großen literarischen Werken und der Schönheit der Psalmen! – Was wäre die kirchliche Feier des Advents ohne den Propheten Jesaja? – die Liturgie vom Gründonnerstagabend ohne die Verkündigung des rituellen Paschafestes im Buch Exodus (Kap. 12)? Mehr noch, wie sonst könnte die Ostervigil ohne den Bericht über den Durchgang durch das Rote Meer und die hiermit verbundene Hymne im Buch Exodus (Kapp.14-15) auf so wirkungsvolle Weise die Harmonie zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herausstellen (KKK 1093-1095)? Die großen Feste im liturgischen Jahreskreis offenbaren die innere Beziehung von jüdischer und christlicher Liturgie, wie es bei der Feier des Osterfestes ersichtlich ist, bei der „die Juden das auf die Zukunft ausgerichtete geschichtliche Pascha [feiern]; die Christen das im Tod und in der Auferstehung Christi in Erfüllung gegangene, wenn auch noch stets auf die endgültige Vollendung harrende Pascha“ (KKK 1096).

Wenn auch in der Liturgie des Neuen Bundes die versammelte Gemeinde auf ihre Begegnung mit Christus und seiner Kirche vorbereitet werden muss, besteht diese Vorbereitung nicht primär in einer gedanklichen Rezeption theologischer Wahrheiten, sondern ist eine innere Angelegenheit des Herzens, dem Ort, wo Umkehr am besten zum Ausdruck kommt und wo die Überzeugung, ein Leben in Einheit mit dem Willen des Vaters zu führen, am lebendigsten wahrgenommen wird. Diese Verfügbarkeit oder Gelehrsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist ist die Vorbedingung für die Gnaden, die man während der Feier selbst empfängt sowie für deren spätere Auswirkungen und Folgen (KKK 1097-1098).

Das Band zwischen dem Heiligen Geist und der Kirche zeigt Christus selbst und sein Heilswerk in der Liturgie auf. Besonders bei der Messfeier ist die Liturgie das „Gedenken an sein Heilsmysterium“, während der Heilige Geist das „lebendige Gedächtnis der Kirche“ ist, denn sie begeht das Gedächtnis des Geheimnisses Christi. Die bevorzugte Art und Weise, wie der Heilige Geist die Bedeutung des Heilsereignisses ins Gedächtnis ruft, besteht darin, dass er durch das Wort Gottes, das in der Liturgie verkündet wird, Leben hervorruft, sodass es in den Hörern Teil ihres Lebensvollzugs und somit wirksam werden kann. Sacrosanctum Concilium erklärt unter Nr. 24, dass die Heilige Schrift in ihrer Lebendigkeit sowohl die Hirten als auch die Gläubigen in eine lebendige Beziehung zu Christus zu bringen vermag (KKK 1099-1101).

„Von größtem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift. Aus ihr werden nämlich Lesungen vorgetragen und in der Homilie ausgedeutet, aus ihr werden Psalmen gesungen, unter ihrem Anhauch und Antrieb sind liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn“ (SC 24).

Die liturgische Versammlung ist also ihrem Wesen nach nicht eine Ansammlung von Menschen verschiedener Veranlagung, sondern eine Glaubensgemeinschaft. Die Verkündigung in der Liturgie erfordert eine „gläubige Antwort“, in der gleichzeitig „Zustimmung und Verpflichtung“ aufleuchten, deren Konstrukteur der Heilige Geist ist, der in denjenigen, die an der Versammlung teilnehmen“ „eine Anamnese der Großtaten Gottes“ hervorruft, die sich fortschreitenden entwickelt. Die Dankbarkeit gegenüber Gott für alles, was er getan hat, geht dann auf natürliche Weise in den Lobpreis Gottes oder Doxologie über (KKK 1102-1103).

Bei der Feier des Ostergeheimnisses wird das Pascha-Geheimnis nicht wiederholt. Vielmehr sind es die einzelnen Feiern, die wiederholt werden. Die Ausgießung des Heiligen Geistes macht bei jeder Feier dieses eine, spezifische Geheimnis gegenwärtig. Bei der Epiklese wird der Heilige Geist herabgerufen und wenn der Gläubige auf rechte Weise vorbereitet in der heiligen Eucharistie den Leib und das Blut Christi empfängt, wird er selbst zu einem lebendigen Opfer für Gott, ist voll Hoffnung auf das himmlische Erbe und legt über die liturgische Feier hinaus Zeugnis vom Leben des Heiligen Geistes ab. „Die Frucht des Geistes in der Liturgie ist“ dann „zugleich Gemeinschaft mit der heiligsten Dreifaltigkeit und brüderliche Gemeinschaft“ (KKK 1104-1109). Wie Abt Alcuin Deutsch von Collegeville 1926 in seinem Vorwort zu der (von Virgil Michel erarbeiteten) englischen Übersetzung des von Lambert Beauduin stammenden Werkes La pieté de l’Église, geschrieben hat, „bringt die Liturgie auf feierliche und öffentliche Weise den Glauben, die Liebe, die Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste der Gläubigen gegenüber Gott zum Ausdruck. […] Sie ist das Produkt einer seelenbewegenden Erfahrung; sie pulsiert mit Leben und mit der Wärme des Feuers des Heiligen Geistes, von denen ihre Worte voll sind und unter deren Inspiration sie entstand. Wie nichts Anderes hat sie die Macht, die Seele zu bewegen, ihre Leben einzuflößen und ihr Geschmack an Gottes Dingen zu vermitteln” (S. IV).

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