24.10.1998 – Ansprache von Kardinal Ratzinger zum 10-jährigen Bestehen des Motu proprio Ecclesia Dei

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Zehn Jahre Motu proprio Ecclesia Dei – welche Bilanz können wir in diesem Augenblick ziehen?   Ich denke, zunächst und vor allem gibt es da Grund zur Dankbarkeit.   Die verschiedenen Gemeinschaften, die auf dem Boden des Motu proprio entstanden sind, haben der Kirche eine große Zahl von Priester- und Ordensberufen geschenkt, die mit Eifer und Freude und in tiefer innerer Einheit mit dem Papst den Dienst für das Evangelium in dieser Zeit tun.   Sie haben viele Gläubige in der Freude an der Liturgie und in der Liebe zur Kirche bestärkt oder sie neu geschenkt.   In nicht wenigen Bistümern der Welt vollzieht sich ihr Dienst in einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit den Bischöfen und in einem guten, brüderlichen Verhältnis mit den Gläubigen, die sich in der erneuerten Form der Liturgie zu Hause fühlen.   All dies muß in dieser Stunde Grund zur Dankbarkeit sein.

Aber es wäre unrealistisch zu verschweigen, daß es an vielen Orten nach wie vor Schwierigkeiten gibt, weil Bischöfe, Priester und Gläubige die Anhänglichkeit an die alte Liturgie – die liturgischen Bücher von 1962 – als ein Element der Spaltung ansehen, das den Frieden der Gemeinden stört und Vorbehalte in der Annahme des Konzils wie überhaupt im Gehorsam gegen die rechtmäßigen Hirten der Kirche vermuten läßt.   Unsere Frage muß sein: Wie können diese Schwierigkeiten überwunden werden wie kann Vertrauen geschaffen werden, so daß sich die Gruppen und Gemeinschaften, die die alte Liturgie lieben, friedvoll und fruchtbar ins gemeinsame Leben der Kirche einfügen können?   Diesen Fragen liegt eine andere voraus: Was ist der eigentliche Grund für das Mißtrauen oder gar für die Ablehnung eines Fortbestehens der alten Formen liturgischen Feierns?   Zweifellos kann es da zunächst vortheologische Gründe geben, die am Temperament der einzelnen Menschen, am Gegensatz der Charaktere oder an anderen äußeren Umständen hängen.   Aber sicher gibt es auch tiefer liegende und weniger zufällige Ursachen für die Probleme.

Die beiden Begründungen, die am meisten genannt werden, sind mangelnder Gehorsam dem Konzil gegenüber, das nun einmal die liturgischen Bücher erneuert habe sowie die Spaltung der Einheit, die sich aus den unterschiedlichen Formen der Liturgie ergebe.   Beide Gründe lassen sich zunächst verhältnismäßig leicht auflösen.   Das Konzil hat zwar nicht selbst die liturgischen Bücher erneuert, wohl aber hat es den Auftrag zu deren Revision erteilt und dafür einige Grundsätze festgelegt.   Vor allem aber hat es eine Wesensbestimmung von Liturgie gegeben, die das innere Maß der einzelnen Reformen vorgibt und zugleich den beständigen Maßstab rechten liturgischen Feierns ausdrückt.   Der Gehorsam gegenüber dem Konzil wäre dann verletzt, wenn diese wesentlichen inneren Maßstäbe mißachtet und die normae generales beiseite geschoben würden, die in den Abschnitten 34 – 36 der Liturgiekonstitution formuliert sind.   Nach diesen Maßstäben ist sowohl die Feier der Liturgie nach den alten wie nach den neuen Büchern zu beurteilen, denn das Konzil hat – wie schon gesagt – nicht Bücher vorgeschrieben oder abgeschafft, sondern Grundnormen gegeben, die in allen Büchern respektiert werden müssen.   In diesem Zusammenhang ist an die Feststellung von Kardinal Newman zu erinnern, daß die Kirche nie in ihrer Geschichte rechtgläubige Formen von Liturgie einfach abgeschafft oder verboten hat – das wäre dem Geist der Kirche durchaus fremd.   Eine rechtgläubige Liturgie ist ja nie eine bloß pragmatisch geschaffene Zusammenstellung von Zeremonien, die man dann positivistisch heute so und morgen anders verfügen könnte.   Rechtgläubige Formen eines Ritus sind lebendige Wirklichkeiten, die aus dem liebenden Dialog der Kirche mit ihrem Herrn gewachsen sind, Lebensgestalten der Kirche, in denen sich der Glaube, das Beten und das Leben von Generationen verdichtet und in denen das Miteinander von Gottes Handeln und Antwort des Menschen Form gefunden hat. Solche Riten können absterben, wenn das sie tragende Subjekt in der Geschichte verschwindet oder sich mit seinem Erbe einem anderen Lebensraum einfügt.   Die Autorität der Kirche kann in wechselnden geschichtlichen Situationen den Gebrauch solcher Riten umschreiben und einschränken, aber sie verbietet sie nie einfach.   So hat das Konzil den Auftrag zu einer Erneuerung der liturgischen Bücher und damit auch ritueller Gestaltungen gegeben, aber nicht ein Verbot von Büchern formuliert.   Der Maßstab des Konzils ist zugleich weiträumiger und anspruchsvoller er fordert alle zur Selbstprüfung heraus.

Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen müssen.   Zunächst ist aber noch das Argument der Störung der Einheit zu bedenken.   Da muß man wohl zwischen der theologischen und der praktischen Seite der Frage unterscheiden.   Was das Theoretische, das Grundsätzliche angeht, so hat es immer mehrere Formen von lateinischen Riten gegeben, die mit der Vereinheitlichung der Lebensräume in Europa allmählich zurückgetreten sind, aber bis zum Konzil gab es neben dem römischen den ambrosianischen Ritus, den Ritus von Toledo, den Ritus der Dominikaner, vielleicht auch noch andere, mir nicht bekannte.   Niemand hat daran Anstoß genommen, daß die Dominikaner, die ja durchaus in unseren Pfarreien gegenwärtig waren, die Messe etwas anders feierten als der Pfarrer.   Wir wußten, daß die eine Weise so katholisch war wie die andere und freuten uns des Reichtums der Überlieferungen.   Des weiteren ist zu sagen, daß die Freiräume der Kreativität, die der neue Meßordo läßt, nicht selten überdehnt werden und daß der Unterschied zwischen den einzelnen örtlichen Anwendungen der neuen Bücher oft größer ist als der Unterschied zwischen alten und neuen Büchern, wenn sie in ihrem eigenen Bestand an Texten und Riten streng beobachtet werden.   Ein lateinisches Hochamt nach dem alten und nach dem neuen Missale ist für den liturgisch weniger gebildeten Christen kaum zu unterscheiden, während der Unterschied zwischen der getreulich nach dem neuen Meßbuch gefeierten Liturgie und den „kreativ“ ausgeweiteten Formen muttersprachlicher Zelebration gewaltig sein kann.

Damit haben wir aber die Ebene des Theoretischen schon überschritten und sind im Bereich des Praktischen angelangt, wo natürlich die Dinge komplizierter sind, weil es sich ja um das Miteinander von lebendigen Menschen handelt.   Die Aversionen sind – wie mir scheint – deshalb so groß, weil man die beiden Weisen liturgischen Feierns mit zwei unterschiedlichen spirituellen Haltungen verbindet, zwei verschiedenen Weisen, die Kirche und das Christsein überhaupt zu verstehen.   Das hat mancherlei Gründe.   Es liegt zuallererst aber daran, daß man die beiden liturgischen Gestalten an äußeren Elementen ihrer Form mißt und von daher dann auch zu gegensätzlichen Grundhaltungen kommt.   Als wesentlich für die erneuerte Liturgie sieht der Durchschnittschrist an, daß sie muttersprachlich ist, daß sie in Zuwendung zum Volk gefeiert wird, daß Gestaltungsfreiheiten sind und daß Laien aktive Funktionen in der Liturgie ausüben.   Als wesentlich für die Feier nach den alten Büchern sieht man an, daß sie in lateinischer Sprache erfolgt, daß der Priester zum Altar gewendet steht, daß der Ritus streng vorgegeben ist und daß die Gläubigen in stillem Beten der Messe folgen, ohne selbst aktive Funktionen auszufüllen.   Die Phänomenologie der Liturgie ist entscheidend für ihre Aufnahme, nicht das, was sie selbst als das Wesentliche versteht.   Damit freilich mußte man rechnen, daß der Gläubige die Liturgie von den konkreten Formen ihrer Erscheinung her deutet, von ihr her spirituell bestimmt wird und nicht ohne weiteres ihre tieferen Schichten wahrnimmt.   Zu den eben aufgezählten Gegensätzen ist nämlich zu sagen, daß sie aus Geist und Buchstaben des Konzils keineswegs abzuleiten sind.   Die Konzilskonstitution selbst spricht überhaupt nicht von der Zuwendung zum Altar oder zum Volk.   Sie sagt über die Sprache, daß das Latein bewahrt werden müsse, aber der Muttersprache mehr Raum zu geben sei, besonders „in den Lesungen und Hinweisen (admonitionibus) und in einigen Orationen und Gesängen“ (36 § 2).   Was die Beteiligung der Laien angeht, so betont das Konzil zunächst ganz allgemein, daß die Liturgie ihrem Wesen nach vom ganzen Leib Christi, Haupt und Glieder, getragen wird (7), daß daher ihre Feier „den ganzen mystischen Leib der Kirche angeht“ (26) und daß sie demgemäß auf „gemeinschaftliches Feiern mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt“ ist (27).   Das wird dann so konkretisiert: „Bei den liturgischen Feiern soll jeder, sei er Liturge oder Gläubiger, in der Ausübung seiner Aufgaben nur das und all das tun, was ihm aus der Natur der Sache und gemäß den liturgischen Regeln zukommt“ (28).   „Um die tätige Teilnahme zu fördern, soll man den Akklamationen des Volkes, dem Psalmengesang, den Antiphonen, den Liedern sowie den Handlungen und den Körperhaltungen Sorge zuwenden.   Auch das heilige Schweigen soll zu seiner Zeit eingehalten werden“ (30).

Diese Maßgaben des Konzils müssen allen zu denken geben.   Es gibt gerade in Kreisen mancher moderner Liturgiker Tendenzen, zwar den konziliaren Ansatz aufzugreifen, ihn aber in einer Weise einseitig weiter zu entwickeln, daß die Intentionen des Konzils auf den Kopf gestellt scheinen.   Die Stellung des Priesters wird von manchen aufs rein Funktionale reduziert.   Die Tatsache, daß der ganze Leib Christi Subjekt der Liturgie ist, wird dahin umgebogen, daß die jeweilige Gemeinde das eigentliche Subjekt der Liturgie sei und darin die Rollen verteile.   Es gibt eine bedenkliche Tendenz, den Opfercharakter zu minimalisieren, das Moment des Mysteriums und überhaupt das Sakrale über dem Anliegen schneller Verständlichkeit fast ganz verschwinden zu lassen.   Schließlich ist die Tendenz zu beobachten, durch eine einseitige Betonung des gemeindlichen Charakters des Gottesdienstes eine Fragmentierung der Liturgie herbeizuführen, die jeweils Sache der Gemeinde sei, die selbst ihre Feier entscheide.   Es gibt aber gottlob inzwischen auch einen großen Überdruß an den banalen Rationalismen und Pragmatismen solcher Theoretiker und Praktiker der Liturgie und eine entschiedene neue Zuwendung zum Mysterium, zur Anbetung, zum sakralen, zum kosmischen und eschatologischen Charakter der Liturgie, wofür die Oxford-Declaration on Liturgy von 1996 ein eindrucksvolles Beispiel ist.   Andererseits muß man zugeben, daß die Feier der alten Liturgie oft zu sehr ins Individualistische und Private abgesunken war, daß die Gemeinschaft von Priester und Volk ungenügend gewesen ist.   Ich habe großen Respekt vor unseren Vorfahren, die während der stillen Liturgie aus ihren Meßbüchem ihre Meßandachten beteten, aber als ideale Form liturgischer Feier kann man dies gewiß nicht ansehen.   Vielleicht sind solche reduktionistische Weisen liturgischer Feier sogar der eigentliche Grund dafür, weshalb in vielen Ländern das Verschwinden der alten liturgischen Bücher überhaupt nicht als ein einschneidender Vorgang empfunden wurde. Man war gar nicht mit der Liturgie selbst in Berührung gekommen.   Der Schmerz über eine hastig und oft äußerlich durchgeführte Reform ist da entstanden, wo die Liturgische Bewegung Liebe zur Liturgie geschaffen und wesentliche Postulate des Konzils, nämlich die betende Einbeziehung aller in das gottesdienstliche Geschehen vorweggenommen hatte.   Wo es gar keine Liturgische Bewegung gab, ist die Liturgiereform zunächst schmerzlos vor sich gegangen.   Unbehagen ist erst da und dort aufgestiegen, wo willkürliche Kreativität das Mysterium verschwinden ließ.   Deswegen ist es wichtig, daß bei der Feier der Liturgie nach den alten Büchern die wesentlichen Maßstäbe der Liturgiekonstitution eingehalten werden, die ich eben zitiert habe.   Wenn diese Liturgie wirklich die Gläubigen mit ihrer Schönheit und Tiefe erreicht, dann wird sie geliebt, dann steht sie aber auch in keinem unversöhnlichen Gegensatz zu den neuen Büchern, wo diese wiederum in wahrhaft konzilsgemäßer Form angewandt werden.

Natürlich bleiben unterschiedliche spirituelle und theologische Akzentuierungen bestehen, aber die sind dann nicht mehr gegensätzliche Weisen des Christseins, sondern Reichtum des einen Glaubens.   Als vor etlichen Jahren das Stichwort einer neuen Liturgischen Bewegung in die Debatte geworfen wurde, wodurch das Auseinanderdriften beider liturgischen Formen gebremst und ihre innere Konvergenz neu sichtbar werden solle, haben einige Freunde der alten Liturgie gefürchtet, dies sei ein Trick, um doch endlich die alten Bücher ganz verabschieden zu können.   Solche Ängstlichkeiten sollten aufhören.   Wenn in beiden Weisen des Feierns deutlich die Einheit des Glaubens und die Einzigkeit des Mysteriums erscheint, kann das für alle nur Grund der Freude und der Dankbarkeit sein.   Je mehr wir alle aus solcher Gesinnung heraus glauben, leben und handeln, desto mehr werden wir auch die Bischöfe überzeugen können, daß die Präsenz der alten Liturgie nicht ein Störungselement und eine Bedrohung der Einheit ist, sondern eine Gabe, die dem Aufbau des Leibes Christi dient, dem wir alle verpflichtet sind.   So möchte ich Sie, liebe Freunde, ermutigen, die Geduld nicht zu verlieren, das Vertrauen zu bewahren und aus der Gabe der Liturgie die Kraft zum Zeugnis zu nehmen, das Christus hineinträgt in diese unsere Zeit.

Josef Kardinal RATZINGER
Präfekt der Glaubenskongregation

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Quelle

Damit Maria Königin des Friedens sein kann, müssen wir ihr helfen

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Maria Empfängnis, Zanesville, Ohio (USA) / Wikimedia Commons – Nheyob, CC BY-SA 4.0 (Cropped)

Impuls von Msgr. Peter von Steinitz
zum Fest der Unbefleckten Empfängnis 2016

Wir sind am Ende und Ziel der diesjährigen Novene angekommen und feiern die „ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Die meisten von uns wissen auch, dass dies ein Dogma ist, also ein unverrückbarer Glaubenssatz, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Kirchengeschichte durch das Lehramt der Kirche ein für allemal feierlich proklamiert worden ist. Im Zusammenhang mit der Gottesmutter hat die katholische Kirche bisher vier Dogmen verkündet:

431 die göttliche Mutterschaft (Theotokos)

1555 die immerwährende Jungfräulichkeit

1854 die Unbefleckte Empfängnis und

1950 die Aufnahme Mariens in den Himmel mit Leib und Seele.

Aber, liebe Brüder und Schwestern, das Aufzählen von Glaubenssätzen ist noch nicht das, um was es hier am heutigen Tage eigentlich geht. Es ist gut, dass wir fest daran glauben, dass Maria ohne jede Sünde, sogar ohne die Ursünde, ist. Auf der anderen Seite könnte einen das  trotzdem kalt lassen, man könnte salopp und cool sagen: schön für sie.

Und die unausgesprochene Frage des heutigen Menschen lautet auch hier wie immer: was bringt mir das? Und wenn man es tatsächlich auf das abstrakte Wissen beschränkt, ist die Frage und das, was sie weiterhin beinhaltet, sogar berechtigt. Allerdings könnte es uns dann so gehen wie jenem Mann, von dem der hl. Josemaría Escrivá erzählt, der während des II. Vatikanischen Konzils einmal ganz aufgebracht zu ihm sagte, man habe in der Konzilsaula diesen Satz gehört: wir müssen nun noch das „Thema der Muttergottes“ unterbringen.

„Sprechen so Kinder von ihrer Mutter? Als von einem Thema?“

Bei allem, was mit Maria zu tun hat, haben die Christen unserer Zeit immer wieder gegen zwei mögliche Verirrungen zu kämpfen: den Kitsch und die Sentimentalität. Solange wir nur sachliche, theologische Aussagen über sie machen, ist da keine Gefahr. Aber sobald wir das Herz sprechen lassen, werden wir sehr schnell verunsichert, weil man uns ja für allzu gefühlvoll halten könnte oder aber man an unserem guten Geschmack zweifeln könnte. Sehr viele Andachtsbilder kommen für den gebildeten Christen einfach nicht infrage, weil sie geschmacklos sind – ein Phänomen, das es im Mittelalter oder im Barock nicht gegeben hat.

Hier kommt uns nun  von außerhalb der Kirche jemand zu Hilfe, der uns ein  Bild von Maria entwirft, das von höchster künstlerischer Qualität und zugleich großer menschlicher Wärme ist.

Einer der bedeutendsten Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, Franz Werfel, schildert in seinem Buch „Das Lied von  Bernadette“, wie das Mädchen Bernadette die Jungfrau Maria in der Grotte Massabielle in Lourdes sieht. Der Autor, der zu diesem Zeitpunkt nicht katholisch, sondern jüdisch ist, schildert die Jungfrau Maria so großartig, dass man meint, er habe sie soeben selbst gesehen.

„Ihr ganzes Wesen jubelt über die Schönheit der Dame. Es gibt keine Schönheit, die rein körperlich wäre. In jedem Menschengesicht, das wir schön nennen, bricht ein Leuchten durch, das, obwohl an physische Formen gebunden, geistiger Natur ist. Die Schönheit der Dame scheint weniger körperlich zu sein als jede andere Schönheit. Sie ist das geistige Leuchten selbst, das Schönheit heißt.“

Ich lade Sie zu folgendem Gedankenexperiment ein: machen wir den Versuch, einmal über himmlische Dinge nachzudenken nicht unter dem Aspekt der theologischen Wissenschaftlichkeit, sondern unter dem des Lebens. Was Gott uns Menschen bietet ist Leben, nicht abstrakte Wissenschaft. Die Frau, die der Vater als Mutter seines Sohnes erwählt hat, ist nicht nur vollkommen gut, sondern auch vollkommen schön. Auch und gerade ihre Jungfräulichkeit ist von großer Anmut und ansprechendem Reiz. Bernadette ist verliebt in ihre Schönheit – eine Liebe, die über jede Frage, wie man sie heute manchmal stellt, erhaben ist, denn sie führt zu Gott.

Und noch eine weitere Wirkung erkennen wir: die Begegnung mit der „Unbefleckten Empfängnis“ – denn so nennt sich die schöne Dame auf Befragen – löst in Bernadette etwas aus.

Auf eine unmittelbare, intuitive Weise bewirkt die Unbefleckte Empfängnis, dass im Menschen Regungen, Befindlichkeiten ans Tageslicht gefördert werden, über die sich der Mensch zum Teil nie Rechenschaft gegeben hat. Ist es uns nicht auch einmal passiert, dass wir in einer Gnadenstunde – vielleicht während eines feierlichen Gottesdienstes, oder bei Einkehrtagen oder an einem Marienwallfahrtsort – plötzlich Dinge mit großer Klarheit sehen, die bisher in uns verborgen waren?

Man bemerkt beispielsweise, dass man im Grunde immer sehr egoistisch gehandelt hat; man stellt fest, dass  der andere Vorzüge hat, die man immer übersehen hatte, man erkennt mit einem Mal, dass man sein Leben ändern muss. Die Theologie nennt so etwas Gnade.

Können wir ein solches Wirken, können wir die Gnade mit der Begegnung mit Maria, mit der Unbefleckten Empfängnis vergleichen oder gar gleichsetzen?

Gewiss, die Gnade ist aus Gott und nur aus ihm. Aber die Theologie selber und das päpstliche Lehramt sagen: Maria ist die Vermittlerin der Gnaden. Alle Gnaden, die Christus der Herr uns durch sein Leiden und seine Auferstehung erworben hat, und die zunächst etwas Geistiges, ja Abstraktes sind, gehen durch die Hände der Gottesmutter und bekommen durch sie gewissermaßen ein menschliches Gesicht.

Wenn wir uns heute fragen: ist Maria wirklich Königin des Friedens und bedeutet das, dass sie den Frieden so wie die anderen Gnaden vermitteln kann, dann müssten wir uns also die Frage stellen: wenn ich auf Maria schaue, auf die Unbefleckte Empfängnis, geschieht dann in mir oder durch mich etwas, das den Frieden schafft oder mindestens fördert? Unter Wahrung der Freiheit des Menschen, meine ich diese Frage bejahen zu können.

Denn wie ist es konkret mit dem Frieden, den wir ja in der heutigen weltgeschichtliche Konstellation mehr denn je nötig haben? Wie entsteht Frieden, der möglichst mehr ist als nur die Abwesenheit von Kampfhandlungen?

Ich sehe in einem einfachen Wort der Hl.Schrift eine weitaus tiefergehende Begründung für den Frieden. Der Psalmist sagt: „Opus iustitiae pax“. Friede ist ein Werk der Gerechtigkeit.

Armut, Hunger, ungleiche Verteilung der Güter dieser Erde – das alles entsteht ja aus dem Mangel an Gerechtigkeit.

Die Gerechtigkeit ist allerdings eine Tugend, die alle Menschen üben sollten. Täten sie es, so würde in der Tat diese Erde ganz anders aussehen. Wir alle wissen: es triumphieren allenthalben die Habgier und der Egoismus. Es ist daher nicht genug, dass wir den Staat auffordern, etwas zur Förderung des Friedens zu tun. Der Staat ist da überfordert: jeder Staatsbürger muss bei sich selbst anfangen.

Aber dazu bedarf es der Erkenntnis, wo es an der Gerechtigkeit fehlt, und das ist  eben die Gnade, um die wir zuerst beten müssen.. Wir alle sind groß im Erkennen der Fehler der anderen. Bei den eigenen sind wir meist sehr großzügig. Hier gilt es anzusetzen bei unseren Bemühungen für den Frieden.

Danach, aber wirklich erst dann, wenn wir mit der Erkenntnisgnade alles getan haben, was wir konnten, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns den Frieden schenkt, den letztlich nur er geben kann. Gott will uns – weil er ein guter Pädagoge ist – nicht in den Schoß legen, was wir aus eigener Kraft erreichen können. Erst wenn wir an unsere Grenzen gekommen sind, wirkt er die Wunder, die wir brauchen.

Maria ist, wie sie sich in Lourdes selber nennt, die Unbefleckte Empfängnis, und sie hat, wie die Lauretanische Litanei es ausdrückt, in sich die ganze Fülle, die es zur Heilung des Menschen braucht: sie ist Sitz der Weisheit, Ursache unserer Freude, Königin der Familien und Königin der Apostel. Sie ist Heil der Kranken und Bundeslade, Kelch des Geistes und Pforte des Himmels und vieles mehr. Und sie ist wirklich die Königin des Friedens in diesem doppelten Sinne: sie vermittelt den Frieden, „den nur der Herr geben kann“ und sie gibt uns durch den Aufblick zu ihr alles das an die Hand, was wir brauchen, um das Unsere zur Erreichung des Friedens zu tun.

Als „Spiegel der Gerechtigkeit“ weckt sie in unserem Herzen alles das auf, was wir bewußt oder unbewußt vergraben haben. Es gilt das Herz zu öffnen, dann werden wir wie Bernadette erkennen, wo eigentlich der Schuh drückt. Auch wir – alle Menschen, wenn sie denn mal den Stolz beiseite lassen – bedürfen des Trostes. Heißt sie nicht auch Trösterin der Betrübten?

“Überwältigt von diesem Leuchten und ein bisschen auch, um sich über die Wesensart der Dame zu vergewissern, will Bernadette ein Kreuz schlagen. Das Bekreuzigen ist ein sehr probates Mittel gegen die tausend Ängste der Seele, die Bernadette seit ihrer Kindheit verfolgen“.

Aber Bernadette wünscht, dass die Dame zuerst das Zeichen des Kreuzes macht.

„Dabei wird ihr Gesicht sehr ernst, und dieser Ernst ist eine neue Welle jener Lieblichkeit, die atemlos macht. Bernadette hat bisher im Leben wie alle anderen Leute beim Bekreuzigen Stirn und Brust nur ungenau betupft. Jetzt aber fühlt sie von einer milden Gewalt ihre Hand ergriffen. Wie man einem Kinde, das nicht schreiben kann, die Hand führt, so zeichnet jene milde Gewalt dasselbe große und unaussprechlich vornehme Kreuz mit der eiskalten Hand des Mädchens auf dessen Stirn.“

Wir sehen: die Unbefleckte Empfängnis ist also nicht nur etwas, das „schön für sie“ ist, sondern auch für uns. Immer dann, wenn uns die Forderungen unseres Glaubens schwer oder gar unerreichbar erscheinen, sollten wir auf Maria blicken.

Der hl. Josefmaria gab u.a. den Rat, die Marienbilder, die einem begegnen, mit einem Blick zu grüßen, ohne Worte, womöglich sogar ohne Gebet – einfach nur sie kurz anschauen. Vieles wird uns dann sozusagen intuitiv vermittelt an Erkenntnissen und Impulsen zum Handeln. Ohne die Gefahr, ins Sentimentale abzurutschen, aber auch ohne uns an abstrakten Formeln zu reiben, tun wir das Richtige, fördern wir Gerechtigkeit und damit den Frieden.

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

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Benedikt XVI.: Die ‚Orientierung der Liturgie Richtung Osten‘

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Emeritierter Papst schreibt in jüngst veröffentlichtem Festschriftbeitrag:
„In der Orientierung der Liturgie Richtung Osten sehen wir, dass die Christen gemeinsam mit dem Herrn vorwärtsschreiten wollen zur Erlösung der gesamten Schöpfung.“

Vatikan (kath.net) Spricht sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. für die Feier der Eucharistie „ad orientem“ aus? Benedikt schreibt im vom „Osservatore Romano“ verbreiteten Festschriftbeitrag für den Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., er wolle einen Punkt herausgreifen: „Seine Liebe für die Schöpfung und sein Bemühen darum, dass sie dieser Liebe entsprechend im Großen wie im Kleinen behandelt werde. Ein Hirte der Herde Jesu Christi orientiert sich nie nur an seinen eigenen Gläubigen. Vielmehr ist die Gemeinschaft der Kirche auch in jenem Sinn universal, dass sie die gesamte Wirklichkeit miteinschließt. Dies wird beispielsweise in der Liturgie deutlich, die nicht nur Gedächtnis und Erfüllung der Heilstaten Jesu Christi bedeutet. Vielmehr ist sie ausgerichtet auf die Erlösung der ganzen Schöpfung. In der Orientierung der Liturgie Richtung Osten sehen wir, dass die Christen gemeinsam mit dem Herrn vorwärtsschreiten wollen zur Erlösung der gesamten Schöpfung. [Nell’orientamento della liturgia verso Oriente, vediamo che i cristiani, insieme al Signore, desiderano procedere verso la salvezza del creato nella sua interezza.] Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr, ist gleichzeitig auch die ‚Sonne‘, die die Welt erhellt. Der Glaube umfasst immer auch die ganze Schöpfung. Deshalb erfüllt Patriarch Bartholomäus einen wichtigen Aspekt seines priesterlichen Auftrages auch in seinem Engagement für den Umweltschutz.“

Der Text wurde vom „Osservatore Romano“ bisher u.a. in italienischer, englischer und polnischer Sprache in voller Länge veröffentlicht, international berichteten viele Medien zusammenfassend. Über die Bemerkungen des emeritierten Papstes zur Zelebrationsrichtung wurde bisher im deutschen Sprachraum allerdings noch kaum berichtet, auch nicht von kirchlichen Medien.

Benedikt XVI. greift damit offenbar das Anliegen des Präfekten der vatikanischen Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Robert Kardinal Sarah, auf. Der „Chefliturgiker“ des Vatikans schlägt eine Rückkehr zur Zelebrationsrichtung „Ad orientem“ vor. Er hatte sich seit Ende Mai 2016 mehrfach dazu geäußert. Sarah schlug vor, dass die Priester ab Advent 2016, also mit Beginn des neuen Kirchenjahres, wieder verstärkt „ad orientem“ feiern sollten, kath.net hat berichtet. Dafür brauche es keine eigene Erlaubnis, so Sarah, da diese Zelebrationsrichtung nie verboten worden war.

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Quelle (14 Oktober 2016, 09:34)

Die Kraft der Stille: Das ganze Interview mit Kardinal Sarah in deutscher Sprache

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Großes Aufsehen hat Kardinal Robert Sarah mit seinem neuen Interview erregt, in dem der bekannte Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung warnt: „Wir laufen Gefahr, die heiligen Geheimnisse auf gute Gefühle zu reduzieren“. CNA veröffentlicht nun eine deutsche Übersetzung des vollständigen Interviews mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und „La Nef“.

Das französische Original dieses Gesprächs erschien in La Nef N°285, Oktober 2016.

Nach dem Erfolg von „Gott oder Nichts“ [deutsche Version: fe-Medienverlag, 2015] veröffentlicht Kardinal Sarah Anfang Oktober ein neues Buch mit Nicolas Diat. Ein wunderbares Buch von erstaunlicher spiritueller Tiefe, das uns eintreten läßt in das Herz des Geheimnisses Gottes: die Stille, die notwendig ist für jede Begegnung mit dem Herrn sowohl im inneren Leben als auch in der Liturgie. Das Buch ist eine Begegnung mit einem Menschen, in dem die Gegenwart Gottes spürbar ist.

Das Buch, das Sie den Lesern vorlegen, ist eine echte geistliche Betrachtung über die Stille.  Warum haben Sie sich auf eine so tiefe Reflexion eingelassen, die man normalerweise von einem Präfekten der Gottesdienstkongregation nicht erwarten würde, der für sehr konkrete Angelegenheiten in der Kirche zuständig ist, nicht erwarten würde?

„Die erste Sprache Gottes ist die Stille“. Indem er diese reiche und tiefe Intuition des hl. Johannes vom Kreuz kommentiert, schreibt Thomas Keating in seinem Werk „Invitation to love“: „Alles andere ist eine armselige Übersetzung, wir müssen lernen still zu sein und uns bei Gott auszuruhen“.

Es ist Zeit, die wahre Ordnung der Prioritäten wiederzufinden. Es ist Zeit, Gott wieder in die Mitte unserer Sorgen und Beschäftigungen, in die Mitte unseres Handelns und unseres Lebens zu stellen, an die einzige Stelle, die Ihm gebührt. So wird unser christlicher Lebensweg seinen Schwerpunkt in diesem Felsen finden, im Licht des Glaubens seine Struktur finden und sich im Gebet ernähren, das ein Moment der stillen und intimen Begegnung ist, wo der Mensch sich im Angesicht Gottes aufhält, um Ihn anzubeten und Ihm seine kindliche Liebe auszudrücken.

Täuschen wir uns nicht. Die wahre Dringlichkeit besteht darin, den Sinn für Gott wiederzufinden. Dem Vater können wir aber nur in der Stille nahekommen. Das, was die Kirche heute braucht, ist nicht eine Verwaltungsreform, ein weiteres Pastoralprogramm, eine strukturelle Veränderung. Das Programm existiert schon: es ist das Programm aller Zeiten, entnommen aus dem Evangelium und der lebendigen Tradition. Es hat seine Mitte in Jesus Christus selbst, den wir kennen, lieben, nachahmen müssen, um in Ihm und durch Ihn zu leben, um unsere Welt zu verwandeln, diese Welt, die lebt, als ob Gott nicht existierte. Als Priester, als Hirte, als Präfekt, als Kardinal ist es meine größtes Anliegen zu sagen, daß Gott allein das Herz des Menschen erfüllen kann.

Ich glaube, daß wir Opfer der durch die Mediengesellschaft verbreiteten Oberflächlichkeit, des Egoismus und des verweltlichten Geistes sind. Wir verlieren uns in Kämpfen um Einfluß, in Konflikten zwischen Personen, in einem narzißtischen und hohlen Aktivismus. Wir blasen uns auf vor Stolz und Ehrgeiz und sind gefangen im Willen zur Macht. Für Titel, berufliche oder kirchliche Ernennungen nehmen wir feige Kompromisse in Kauf. Aber all das verschwindet wie Rauch. Mit meinem neuen Buch möchte ich die Christen und die Menschen guten Willens einladen, in die Stille einzutreten. Ohne sie befinden wir uns in der Scheinwirklichkeit. Die einzige Wirklichkeit, die unsere Aufmerksamkeit verdient, ist Gott selbst, und Gott ist still. Er wartet auf unsere Stille, um sich zu offenbaren.

Die Stille wiederzufinden, ist also eine Priorität, eine Notwendigkeit, eine Dringlichkeit.

Die Stille ist wichtiger als jedes menschliche Werk. Denn sie läßt Gott zum Ausdruck kommen. Die wahre Revolution kommt aus der Stille, sie führt uns zu Gott und zu den Mitmenschen hin, um uns demütig in ihren Dienst zu stellen.

Warum ist der Begriff der Stille für Sie so wesentlich? Ist die Stille notwendig, um Gott zu finden, und worin ist sie „die größte Freiheit des Menschen“ (n°25)? Ist die Stille als „Freiheit“ Form der Askese?

Die Stille ist kein Begriff, sie ist der Weg, der den Menschen erlaubt, zu Gott zu gehen.

Gott ist Stille, und die göttliche Stille nimmt im Menschen Wohnung. Indem wir mit dem stillen Gott und in Ihm leben, müssen wir selber still werden. Nichts wird uns besser Gott entdecken lassen als diese Stille, die ins Herz unseres Seins eingeschrieben ist.

Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß Kinder Gottes zu sein heißt, Kinder der Stille zu sein.

Das Erlangen der Stille bedeutet einen Kampf und eine Askese. Ja, man braucht Mut, um sich von all dem zu befreien, was unser Leben beschwert, welches nichts so sehr liebt wie den Schein, die mühelose Erreichbarkeit und die äußere Hülle der Dinge. Der Schwätzer, der sich von dem Bedürfnis, alles zu sagen, nach außen mitreißen läßt, kann nur fern von Gott sein und unfähig jeder tiefen spirituellen Tätigkeit. Im Gegensatz dazu ist der stille Mensch ein freier Mensch. Die Ketten der Welt haben keine Macht über ihn.

Ich denke an meinen Vorgänger als Bischof von Conakry in Guinea, Msgr. Raymond-Marie Tchidimbo. Er war als Verfolgter der kommunistischen Diktatur fast neun Jahre lang im Gefängnis. Niemandem durfte er begegnen und mit niemandem sprechen. Das Schweigen, das ihm von seinen Peinigern auferlegt war, ist ihm zum Ort der Gottesbegegnung geworden. Auf geheimnisvolle Weise ist ihm sein Kerker zu einem wahren „Noviziat“ geworden, und diese Verurteilung zu Elend und Stummheit hat ihm erlaubt, ein wenig die große Stille des Himmels zu verstehen.

Ist es in einer Welt, in der die Geräusche und der Krach in allen ihren Formen niemals aufhören, noch möglich, die Bedeutung der Stille zu erkennen? Ist das eine neue Situation der „Modernität“ mit ihren Medien, dem Fernsehen, dem Internet oder war der Krach immer ein Charakteristikum der „Welt“?

Gott ist still, der Teufel ist laut. Seit jeher versucht Satan, seine Lügen unter der Maske einer trügerischen und lauten Geschäftigkeit zu verbergen. Dem Christen ist es aufgetragen, nicht von der Welt zu sein. Es gehört zu seinem Leben, sich von den Geräuschen der Welt abzuwenden, vom Lärm, der zügellos dahineilt, um uns vom Wesentlichen abzulenken: von Gott.

Unsere ultratechnisierte und übergeschäftige Welt hat uns nur noch kränker gemacht. Der Lärm ist wie eine Droge, von der unsere Zeitgenossen abhängig sind. Mit seinem Anschein von Feierstimmung ist der Lärm ein Wirbel, der es vermeidet, sich ins Gesicht zu schauen, sich mit der inneren Leere zu konfrontieren. Er ist eine diabolische Lüge. Das Erwachen daraus kann nur eine brutale Erfahrung sein.

Ich fürchte mich nicht, alle Menschen guten Willens aufzurufen, in eine Art Widerstand einzutreten. Was würde aus unserer Welt, wenn sie keine Oasen der Stille finden könnte?

Im Schwall geschäftiger und hohler Worte scheint die Stille ein Zeichen von Schwäche zu sein. In der modernen Welt wird der stille Mensch als einer angesehen, der sich nicht zu verteidigen weiß. Er ist ein „Untermensch“ gegenüber dem sogenannten Starken, der den anderen mit seinem Wortschwall erdrückt und ertränkt.  Der stille Mensch wird als überflüssig empfunden. Das ist der tiefe Grund für die schrecklichen Verbrechen oder für die Verachtung und den Haß der Moderne gegen die stillen Wesen, die die ungeborenen Kinder sind, die Kranken oder die Sterbenden. Diese Menschen sind wunderbare Propheten der Stille. Zusammen mit ihnen scheue ich mich nicht, zu bekräftigen, daß die Priester der Moderne, die der Stille eine Art Krieg erklärt haben, die Schlacht verloren haben. Denn wir können stillbleiben inmitten des größten Durcheinanders, der schändlichsten Unruhe, inmitten des Krachs und des Schreiens  dieser höllischen Maschinen, die zum Aktivismus einladen und uns jeder transzendenten Dimension und jeder Innerlichkeit entreißen.

Bleibt Gott auch dann noch still, wenn der innerliche Mensch die Stille sucht, um Ihn zu finden? Und wie können wir verstehen, was einige das „Schweigen Gottes“ nennen angesichts von Dramen extremer Bosheit, wie der Shoa, der Gulags…? Oder, allgemeiner gesagt, läßt die Existenz des Bösen die „Allmacht Gottes“ in Zweifel ziehen?

Ihre Frage läßt uns eintreten in ein sehr tiefes Geheimnis. In der Großen Kartause haben wir dieses Geheimnis sehr lange meditiert mit dem Generalprior, Dom Dysmas de Lassus.

Gott will das Böse nicht. Dennoch bleibt Er erstaunlich still gegenüber unseren Prüfungen.  Trotz allem läßt das Leiden die Allmacht Gottes nicht in Zweifel ziehen, sondern es offenbart sie uns. Ich höre noch die Stimme des Kindes, das weinend fragte: „Warum hat Gott nicht verhindert, das Papa getötet wurde?“ In seinem geheimnisvollen Schweigen offenbart sich Gott in der Träne, die von diesem Kind vergossen wird, und nicht in der Weltordnung, die diese Träne rechtfertigen würde.  Gott hat seine geheimnisvolle Weise, uns in unseren Prüfungen nahe zu sein. Er ist intensiv gegenwärtig in unseren Erprobungen und Leiden. Seine Kraft macht sich still, denn sie offenbart seine unendliche Feinfühligkeit, seine liebevolle Zärtlichkeit für die, die leiden. Die äußerlichen Bezeugungen sind nicht unbedingt die besten Beweise der Nähe. Die Stille offenbart das Mitleiden, die Anteilnahme Gottes an unseren Leiden. Gott will das Böse nicht. Und je grausamer das Leiden ist, desto mehr zeigt sich, daß Gott in uns das erste Opfer ist.

Der Sieg Christi über den Tod und die Sünde vollzieht sich im großen Schweigen des Kreuzes. Gott offenbart seine ganze Macht im Schweigen, das keine barbarische Untat jemals besudeln kann.

Als ich mich in den Ländern aufhielt, die gewaltige und tiefe Krisen, Leiden und tragisches Elend durchlebten wie Syrien, Libyen, Haiti oder die Philippinen nach den Verwüstungen durch den Taifun, habe ich festgestellt, wie sehr das stille Gebet der letzte Schatz derer ist, die alles verloren haben. Das Schweigen ist der letzte Graben, wohin niemand vordringen kann, die letzte Kammer, wo man in Frieden bleiben kann, der Ort, wo das Leiden für einen Augenblick die Waffen streckt. Verstecken wir uns also im Leiden hinter der Festung des Gebetes! Dann hat die Macht der Henker keine Bedeutung mehr; die Verbrecher können rasend alles zerstören, es ist unmöglich, in das Schweigen einzubrechen, in das Herz, in das Gewissen eines Menschen, der betet und sich in Gott verbirgt. Das Schlagen eines stillen Herzens, die Hoffnung, der Glaube und das Gottvertrauen können darin nicht untergehen. Im Äußeren kann die Welt ein Trümmerfeld werden, aber im Inneren unserer Seele, in der größten Stille wacht Gott. Der Krieg und das Gefolge des Schreckens überwinden niemals den in uns gegenwärtigen Gott. Angesichts des Bösen und des Schweigens Gottes muß man immer im Gebet bleiben und still schreiend mit Glaube und Liebe sprechen:

„Ich habe dich gesucht, Jesus!

Ich habe dich vor Freude weinen hören

bei der Geburt eines Kindes.

Ich habe dich die Freiheit suchen gesehen

durch die Gitter eines Gefängnisses.

Ich bin an dir vorübergegangen,

als du um ein Stück Brot betteltest.

Ich habe dich vor Schmerz schreien gehört,

als deine Kinder von Bomben zerschmettert wurden.

Ich habe dich in den Krankenhauszimmern entdeckt,

wo du Therapien ohne Liebe unterworfen wurdest.

Jetzt habe ich dich gefunden;

ich will dich nicht mehr verlieren.

Ich bitte dich, lehre mich dich lieben.“

Mit Jesus ertragen wir unsere Leiden und Prüfungen besser.

Welche Rolle schreiben Sie der Stille in unserer lateinischen Liturgie zu, wo sehen Sie sie und wie vereinbaren Sie Stille und Teilnahme?

Vor der Majestät Gottes verlieren wir unsere Worte. Wer wagte es, vor dem Allmächtigen das Wort zu ergreifen? Der hl. Johannes Paul II. sah in der Stille das Wesen jeglicher Gebetshaltung, denn die mit der angebeteten Gegenwart gefüllte Stille offenbart „die demütige Annahme der Grenzen des Geschöpfes vor der unendlichen Transzendenz eines Gottes, der nicht aufhört, sich als Gott der Liebe zu offenbaren“. Die mit vertrauensvoller Ehrfurcht und Anbetung angefüllte Stille abzulehnen bedeutet, die Freiheit Gottes abzulehnen, uns durch seine Liebe und seine Gegenwart zu ergreifen.  Das heilige Schweigen ist also der Ort, wo wir Gott begegnen können, denn wir kommen zu Ihm mit der rechten Haltung des Menschen, der sich zitternd zurückhält und doch vertrauensvoll hofft. Wir Priester müssen diese kindliche Ehrfurcht vor Gott und die Heiligkeit unserer Beziehung zu ihm neu erlernen. Wir müssen neu lernen, vor Staunen angesichts der Heiligkeit Gottes und der unerhörten Gnade unseres Priestertums zu zittern.

Das Schweigen lehrt uns eine bedeutsame Regel des geistlichen Lebens: die Vertraulichkeit fördert nicht die Intimität, im Gegenteil: die rechte Distanz ist eine Bedingung der Kommunion. Durch die Anbetung geht die Menschheit auf die Liebe zu. Die heilige Stille öffnet auf die mystische Stille hin, die voll liebender Intimität ist. Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, daß das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind. Ich zögere also nicht zu beteuern, daß die heilige Stille ein Grundgesetz jeder liturgischen Zelebration ist.

Sie erlaubt es uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, daß die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern.

Die Konzilsväter wollten zeigen, was eine wahre liturgische Teilnahme ist: das Eintreten in das göttliche Mysterium. Unter dem Vorwand, den Zugang zu Gott zu erleichtern, haben einige gewollt, daß alles in der Liturgie unmittelbar einsichtig, rational, horizontal und menschlich sei. Aber auf diese Weise riskieren wir, das heilige Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren. Unter dem Vorwand der Pädagogik erlauben sich einige Priester nicht enden wollende oberflächliche und horizontale Kommentare. Haben diese Hirten Angst, daß die Stille vor dem allerhöchsten die Gläubigen verwirren könnte? Glauben sie, daß der Heilige Geist unfähig ist, die Herzen für die göttlichen Mysterien zu öffnen und ihnen sein Licht und seine geistliche Gnade auszuspenden?

Der hl. Johannes Paul II. warnt uns: Der Mensch tritt in die Teilhabe an der göttlichen Gegenwart vor allem ein, „indem er sich zu einer anbetenden Stille erziehen läßt, denn auf dem Gipfel der Erkenntnis und Erfahrung Gottes steht seine absolute Transzendenz“.

Die heilige Stille ist ein Gut der Gläubigen, und die Kleriker dürfen sie dessen nicht berauben!

Die Stille ist der Stoff, aus dem unsere Liturgien gemacht sein müssen. Und nichts in ihnen darf die Atmosphäre der Stille stören, die ihr natürliches Klima ist.

Besteht nicht ein gewisses Paradox darin, einerseits die Notwendigkeit der Stille in der Liturgie zu behaupten und andererseits die östlichen Liturgien anzuerkennen, die ja keine Momente des Schweigens haben (n° 259) und doch besonders schön, sakral und dem Gebet hingegeben sind?

Ihre Anmerkung ist vernünftig und zeigt, daß es nicht ausreicht, „Momente der Stille“ vorzuschreiben, damit die Liturgie vom heiligen Schweigen durchtränkt sei.

Das Schweigen ist eine Haltung der Seele. Es ist keine Pause zwischen zwei Riten, es ist selbst ganz und gar Ritus.

Sicher, die östlichen Riten sehen keine Zeiten der Stille während der Göttlichen Liturgie vor. Nichtsdestoweniger haben sie eine intensive Erfahrung der apophatischen Dimension des Gebets angesichts des „unaussprechlichen, unfaßlichen, unbegreiflichen“ Gottes. Die Göttliche Liturgie ist wie ins Mysterium eingetaucht. Bei uns, den Lateinern, ist das Schweigen eine klingende Ikonostase. Die Stille ist Mystagogie, sie läßt uns ins Mysterium eintreten, ohne es zu entweihen. Die Sprache der Mysterien in der Liturgie ist eine stille Sprache. Die Stille verbirgt nicht, sie offenbart in der Tiefe.

Der hl. Johannes Paul II. lehrt uns, daß „das Mysterium sich ständig verhüllt, sich mit Schweigen bedeckt, um zu vermeiden, daß man an Gottes Stelle ein Idol aufstellt“. Ich möchte feststellen, daß die Gefahr für die Christen heute groß ist, Götzenanbeter zu werden. Als Gefangene des Geräusches nicht endender menschlicher Gespräche sind wir nicht weit davon, einen Kult auf unserem Niveau zu entwickeln, einen Gott nach unserem Bild zu bauen. Wie es Kardinal Godfried Danneels anmerkte, hat die „westliche Liturgie, so wie sie praktiziert wird, den Hauptfehler, zu geschwätzig zu sein“. In Afrika sagt der ruandische Priester Faustin Nyobayré, daß die „Oberflächlichkeit nicht die Liturgie oder die scheinbar religiösen Versammlungen verschont, aus denen man eher atemlos und schwitzend wieder hinausgeht als erholt und erfüllt von dem, was man gefeiert hat, um es besser leben und bezeugen zu können“. Die Zelebrationen werden manchmal laut und anstrengend. Die Liturgie ist krank. Das auffallendste Symptom dieser Krankheit ist die Allgegenwart des Mikrophons. Es ist so unverzichtbar geworden, daß man sich fragt, wie man vor seiner Erfindung überhaupt Liturgie feiern konnte!

Der äußere Lärm und der Lärm im eigenen Innern entfremden uns unserer selbst. Im Lärm kann der Mensch nur der Banalität verfallen: wir sind oberflächlich in dem, was wir sagen, wir geben hohle Reden von uns, wo endlos gesprochen wird, solange man nur irgendwas zu sagen findet, eine Art unverantwortliches Gewirr aus Scherzen und Worten, die töten. Wir sind oberflächlich auch in dem, was wir tun: wir leben in der Banalität, erheben dabei den Anspruch, vernünftig und moralisch zu sein, und finden nichts Außergewöhnliches darin.

Oft verlassen wir die Kirchen nach laut und oberflächlich zelebrierten Liturgien, ohne Gott begegnet zu sein und den inneren Frieden gefunden zu haben, den Er uns schenken will.

Nach ihrem Vortrag in London im vergangenen Juli sind sie auf die Ausrichtung der Liturgie nach Osten zurückgekommen und wollen sie in unseren Kirchen praktiziert sehen: Warum ist sie so wichtig? Und wie möchten Sie, daß diese Änderung sich vollzieht?

Die Stille stellt uns vor eine Wesensfrage der Liturgie. Die Liturgie ist mystisch. Im Maße, in dem wir uns ihr mit einem lauten Herzen nähern, bekommt sie oberflächlichen und menschlichen Charakter. Die liturgische Stille ist eine radikale und wesentliche Disposition; sie bedeutet eine Umkehr des Herzens. Nun heißt Umkehr etymologisch sich umwenden, sich zu Gott hin wenden. Es ist gibt keine echte Stille in der Liturgie, wenn wir nicht mit unserem ganzen Herzen zum Herrn hin ausgerichtet sind. Wir müssen umkehren, uns zum Herrn hin kehren, um Ihn anzuschauen, sein Antlitz zu betrachten und vor seinen Füßen anbetend niederzufallen. Wir haben ein Beispiel: Maria Magdalena hat Jesus am Ostermorgen erkennen können, weil sie sich zu Ihm umgewandt hatte: „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ „Haec cum dixisset, conversa est retrorsum et videt Jesus stantem – Nachdem sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen.“ (Joh 20, 13-14)

Wie können wir in diese Haltung eintreten, wenn wir uns nicht physisch, alle gemeinsam, Priester und Gläubige, zum kommenden Herrn hinwenden, zum  durch die Apsis symbolisierten Osten hin, wo das Kreuz thront?

Diese äußere Orientierung führt uns zur inneren hin, welche durch sie symbolisiert wird. Seit den apostolischen Zeiten kennen die Christen diese Art zu beten. Es geht nicht darum, dem Volk den Rücken zuzuwenden, sondern darum, nach Osten zu schauen, zum Herrn hin.

Diese Weise des Gebets fördert die Stille. Der Zelebrant ist weniger versucht, das Wort zu monopolisieren. Vor dem Herrn spürt er weniger die Versuchung,  ein Professor zu werden, der die ganze Messe lang eine Vorlesung gibt und den Altar zu einer Bühne macht, deren Mittelpunkt nicht mehr das Kreuz ist, sondern das Mikrophon! Der Priester muß sich darauf besinnen, daß er nichts weiter ist als ein Werkzeug in den Händen Christi, der er schweigen muß, um dem WORT Platz zu machen, daß die menschlichen Worte lächerlich wirken vor dem einen Ewigen Wort.

Ich bin davon überzeugt, daß die Priester mit einer anderen Stimme sprechen werden, wenn sie nach Osten hin zelebrieren. Wir sind in großem Maße weniger versucht, uns, wie Papst Franziskus sagt, selbst als Hauptakteure zu bergreifen.

Wichtig ist zu verstehen, daß diese legitime und wünschenswerte Zelebrationsweise nicht als eine Revolution auferlegt werden darf. Ich weiß, daß vielerorts eine vorbereitende Katechese den Gläubigen erlaubt hat, sich die Ausrichtung nach Osten hin anzueignen und sie schätzen zu lernen. Ich wünsche mir sehr, daß diese Frage nicht zu einem ideologischen Kampf zwischen Parteien wird. Es geht um unsere Beziehung zu Gott.

Wie ich vor kurzem in einer persönlichen Begegnung mit dem Heiligen Vater Gelegenheit hatte zu sagen, gebe ich hier nichts anderes als Anregungen, die aus meinem von der Sorge um das Wohl der Gläubigen erfüllten Herzen stammen. Es geht mir nicht darum, eine Praxis der anderen entgegenzustellen. Wenn es von den materiellen Gegebenheiten her unmöglich ist, nach Osten hin zu zelebrieren, muß notwendigerweise ein gut sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden als Referenzpunkt für alle. Christus am Kreuz ist der christliche Osten.

Sie verteidigen glühend die Konzilskonstitution über die Liturgie und bedauern dabei, daß sie schlecht umgesetzt wurde. Wie erklären Sie das aus dem Abstand von 50 Jahren? Sind nicht die kirchlichen Autoritäten die ersten Verantwortlichen dafür?

Ich glaube, daß wir die Konzilsdokumente zu wenig im Geist des Glaubens lesen. In Bann geschlagen von dem, was Benedikt XVI. das Konzil der Medien nennt, unterwerfen wir sie einer zu menschlichen Lektüre, indem wir Brüche und Gegensätze suchen, wo das katholische Herz sich bemühen müßte, die Erneuerung in der Kontinuität zu finden. Mehr als je muß uns die in Sacrosanctum Concilium enthaltene Lehre des Konzils leiten. Es wäre an der Zeit, uns vom Konzil belehren zu lassen, anstatt es zu benutzen, um unsere Bemühungen um Kreativität zu rechtfertigen oder unsere Ideologien zu verteidigen, indem wir die heilige Liturgie als Waffe benutzen.

Ein einziges Beispiel: Das Zweite Vatikanum hat auf wunderbare Weise das Taufpriestertum der Laien als unsere Fähigkeit definiert, uns mit Christus dem Vater als Opfer darzubringen, um in Jesus „heilige, reine und unbefleckte Opfer“ zu werden. Wir haben hier das theologische Fundament der wahren Teilnahme an der Liturgie.

Diese spirituelle Wirklichkeit müßte besonders beim Offertorium gelebt werden, in diesem Moment, wo das christliche Volk sich zum Opfer bringt, nicht neben Christus, sondern in Ihm, durch sein Opfer, das bei der Wandlung verwirklicht wird. Die erneute Lektüre des Konzils könnte uns erlauben zu vermeiden, daß unsere Offertorien durch Darbietungen entstellt werden, die mehr von Folklore als von Liturgie an sich haben. Eine gesunde Hermeneutik der Kontinuität könnte uns dahin führen, die alten, im Licht des Zweiten Vatikanums neu gelesenen Offertoriumsgebete wieder in ihre Ehre einzusetzen.

Sie weisen hin auf die von Ihnen gewünschte „Reform der Reform“ (n°257): Worin sollte sie vor allem bestehen? Betrifft sie beide Formen des Römischen Ritus oder nur die ordentliche Form?

Die Liturgie bedarf um der größeren Treue zu ihrer mystischen Natur willen immer einer Reform.  Das, was „Reform der Reform“ genannt wird und was wir als „gegenseitige Bereicherung der Riten“ bezeichnen könnten, um einen Ausdruck aus dem Lehre Benedikts XVI. zu verwenden, ist eine geistliche Notwendigkeit. Sie betrifft beide Formen des Römischen Ritus.

Ich lehne es ab, unsere Zeit dazu zu verwenden, die eine Liturgie gegen die andere zu stellen oder den Ritus des heiligen Paul V. gegen den des seligen Paul VI. Es geht darum, in die große Stille der Liturgie einzutreten; man muß sich von allen liturgischen Formen bereichern lassen, lateinischen oder östlichen. Warum sollte sich die außerordentliche Form nicht dem öffnen, was die aus dem Zweiten Vatikanum hervorgegangene liturgische Reform an Besserem hervorgebracht hat? Warum sollte die ordentliche Form nicht die alten Offertoriumsgebete wiederfinden, das Stufengebet oder ein wenig Stille während mancher Teile des Kanons?

Ohne einen kontemplativen Geist bleibt die Liturgie eine Gelegenheit zu haßerfüllten Entzweiungen und ideologischen Kämpfen, öffentlichen Demütigungen der Schwachen durch jene, die beanspruchen, die Autorität zu besitzen, während die Liturgie doch der Ort unserer Einheit und unserer Gemeinschaft im Herrn sein müßte. Warum gegeneinander kämpfen und sich verachten? Im Gegenteil, die Liturgie sollte uns alle zusammenkommen lassen in der Einheit des Glaubens und der wahren Kenntnis des Sohnes Gottes, zum vollkommenen Menschen, zur Fülle der Gestalt Christi… So in der Wahrheit der Liebe lebend werden wir in allem in Christus heranwachsen zu Ihm hin, der das Haupt ist (vgl. Eph 4, 13-15).

 

Wie können wir im aktuellen liturgischen Kontext der lateinischen Welt das Mißtrauen überwinden, das einige Anhänger der beiden liturgischen Formen desselben Römischen Ritus hegen, die es ablehnen, die andere Form zu zelebrieren und sie manchmal mit einer gewissen Verachtung betrachten?

Die Liturgie verderben heißt unsere Beziehung zu Gott und den Ausdruck unseres christlichen Glaubens zu verderben. Kardinal Charles Journet versicherte: „Die Liturgie und die Katechese sind die beiden Greifer der Zange, durch welche der Dämon dem christlichen Volk den Glauben entreißen und sich der Kirche bemächtigen will, um sie zu zermalmen, zu vernichten und endgültig zu zerstören. Heute noch liegt der große Drache vor der Frau, der Kirche, auf der Lauer, bereit, ihr Kind zu verschlingen.“ Ja, der Teufel will uns gegeneinander stellen im Herzen des Sakraments der Einheit selbst und der brüderlichen Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß die Verachtung, das Mißtrauen und die Verdächtigungen ein Ende nehmen. Es ist Zeit, ein katholisches Herz wiederzufinden. Es ist Zeit, gemeinsam die Schönheit der Liturgie wiederzufinden, wie es uns der Hl. Vater Franziskus empfiehlt, denn, „die Schönheit der Liturgie spiegelt“ – wie er sagt – „die Herrlichkeit unseres Gottes wieder, die in seinem lebendigen und getrösteten Volk aufscheint“ (Predigt zur Chrisammesse am 28. März 2013).

Wie haben Sie ihren Aufenthalt in der Großen Kartause erlebt?

Ich danke Gott, daß er mir diese außerordentliche Gnade erwiesen hat. Und wie könnte ich die Dankbarkeit meines Herzens gegenüber Dom Dysmas de Lassus verschweigen für seine so warme Gastfreundschaft. Ich möchte ihn auch demütig um Verzeihung bitten für alle Störung, die ich durch meinen Aufenthalt bei ihm verursacht haben mag. Die Große Kartause ist das Haus Gottes. Sie zieht uns zu Gott empor und bringt uns vor sein Angesicht. Alles ist aufgeopfert, um Gott zu begegnen: die Schönheit der Natur, die strenge Einfachheit des Ortes, das Schweigen, die Einsamkeit und die Liturgie. Obwohl ich die Gewohnheit habe, nachts zu beten, hat mich das nächtliche Offizium in der Großen Kartause tief beeindruckt: die Dunkelheit war rein, die Stille war Trägerin einer Gegenwart, der Gegenwart Gottes. Die Nacht verbarg uns alles, sie isolierte den einen gegenüber den anderen, aber sie vereinte unsere Stimmen und unseren Lobpreis, sie richtete unsere Herzen aus, unsere Blicke und unsere Gedanken, um nichts anderes zu sehen als Gott. Die Nacht ist mütterlich, köstlich und reinigend. Die Dunkelheit ist wie eine Quelle, aus der wir gewaschen aufsteigen, befriedet und tiefer mit Christus und den anderen vereint. Einen guten Teil der Nacht im Gebet zu verbringen, regeneriert uns. Es läßt uns neu geboren werden. Hier wird Gott wirklich unser Leben, unsere Kraft, unser Glück, unser Alles. Ich spüre eine große Bewunderung für den heiligen Bruno, der wie Elija so viele Seelen auf diesen Berg Gottes geführt hat, um sie hören und sehen zu lassen „die Stimme eines leisen Säuselns“ und sich von dieser Stimme ansprechen zu lassen, die uns sagt: „Was tust Du da, Elija?“ (1 Kön 19, 11-13)

Die Fragen stellte Christophe Geffroy.

Deutsche Übersetzung veröffentlicht bei CNA mit freundlicher Genehmigung von Kardinal Sarah und La Nef.

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Quelle

Kardinal Sarah kritisiert die „kranke Liturgie“

Kardinal Robert Sarah

Die gegenwärtige Liturgie der Kirche ist krank, sagt Kardinal Robert Sarah. Der Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation kritisierte moderne Priester, die der Stille den Kampf angesagt hätten. Um Gott wahrhaft zu begegnen, sieht er dagegen einen anderen Weg.

Kardinal Robert Sarah, Präfekt der vatikanischen Gottesdienstkongregation, hat die gegenwärtig praktizierte Liturgie als krank bezeichnet. Das auffälligste Merkmal dieser Krankheit sei die Allgegenwart des Mikrophons, sagte er in einem Interview mit der französischen katholischen Monatszeitschrift La Nef.

Das Zweite Vatikanische Konzil betont, dass Stille das beste Mittel ist, um die Teilhabe des Volkes Gottes an der Liturgie zu fördern“, erklärte der als konservativ geltende Kardinal. 2014 hatte Papst Franziskus ihn in die Kongregation berufen. Zuvor war er Päpstlicher Sonderbotschafter im Nahen Osten und Präsident des Päpstlichen Rates „Cor unum“ gewesen, der unter anderem Hilfsaktionen des Heiligen Stuhls in Katastrophengebieten organisiert. Papst Benedikt XVI. hatte Sarah 2010 als Kardinaldiakon ins Kardinalskollegium aufgenommen.

„Eingang in das göttliche Mysterium“

Laut dem Kardinal hätten die Konzilsväter zeigen wollen, was wahre liturgische Teilhabe ist: Eingang in das göttliche Mysterium. Doch unter der Ausrede, den Zugang zu Gott zu erleichtern, wollten heute einige, dass alles in der Liturgie unmittelbar verständlich, rational, horizontal und menschlich sei. „Aber wenn wir so handeln, riskieren wir, das göttliche Mysterium auf gute Gefühle zu reduzieren“, warnte er.

Bei der Messfeier „ad orientem“, bei der Gemeinde und Priester gemeinsam Richtung Osten gewandt sind, bestehe laut Sarah dagegen „eine geringere Versuchung für den Zelebranten, selbst die Messe zu dominieren“. Wir seien weniger versucht, uns selbst als Schauspieler zu sehen, zitierte er Papst Franziskus. „Es geht nicht darum, mit dem Rücken zu den Menschen zu feiern oder sie anzusehen, sondern darum, zum Osten gewandt zu sein, ad Dominum, zum Herrn“, so der Kardinal. Sarah tritt regelmäßig für die Messfeier „ad orientem“ ein, zuletzt hatte er sich im Mai ähnlich gegenüber dem französischen Wochenmagazin „Famille chrétienne“ geäußert.

Der Kardinal sieht zudem die Gefahr, dass Christen leicht zu Götzendienern würden. „Als Gefangene des Kraches von endlosem Gerede sind wir nicht weit davon entfernt, einen Kult nach unseren eigenen Maßstäben, einen Gott nach unserem Bild zu schaffen“, so Sarah. Oft würden Christen aus der lauten, oberflächlichen Liturgie herauskommen, ohne Gott und den inneren Frieden gefunden zu haben, den dieser gebe. „Ich denke, wir sind Opfer des oberflächlichen, egoistischen und weltlichen Geistes, der in unserer medienorientierten Gesellschaft verbreitet ist“, bemängelte der Kardinal. Er wolle deshalb mit seinem neuen Buch „La force du silence“ (deutsch: „Die Kraft der Stille“) „Christen und Menschen guten Willens einladen, in die Stille zu gehen; ohne sie sind wir in einer Illusion“. Gott warte auf unsere Stille, um sich selbst zu offenbaren.

„Gott ist Stille und der Teufel ist Lärm“

„Gott ist Stille und der Teufel ist Lärm„, führte Sarah aus. Denn trotz seiner fröhlichen Erscheinung sei „Lärm ein Wirbelsturm, der einen davon abhält, sich selbst ins Gesicht zu sehen und die eigene Leere zu erkennen. Er ist eine teuflische Lüge.“ Der Teufel setze bei Liturgie und Katechese an, um „den Glauben der Christen zu nehmen und die Kirche so zu packen, dass sie zerbricht, ausgelöscht und endgültig  zerstört wird“. Stille dagegen sei der Pfad, der es dem Menschen ermögliche, zu Gott zu finden, führte der Kardinal aus. Priester der Moderne hätten der Stille zwar den Krieg erklärt, doch sie hätten diesen Kampf schon verloren. Denn es sei möglich, inmitten des Lärms die Stille zu wahren.

Linktipp: Die reale Gegenwart Christi

Es geschieht in jeder heiligen Messe. Aber was hat es mit der wahrhaften Gegenwart des Gottessohns in der heiligen Eucharistie auf sich?

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Sarah bemängelte, dass in der heutigen Gesellschaft ein stiller Mensch „einer zu viel“ sei. „Dies ist der tiefe Grund, weshalb der moderne Mensch stille Geschöpfe verachtet und hasst und weshalb er abscheuliche Verbrechen gegen ungeborene Kinder, Kranke oder Menschen am Ende ihres Lebens begeht“, kritisierte der Kardinal. Diese stillen Geschöpfe seien aber die wahren Propheten der Stille.

„Stille offenbart das Mitleiden Gottes und die Tatsache, dass er an unserem Leid Anteil nimmt“, so Sarah weiter. Christi Sieg über den Tod und die Sünde werde in der großen Stille am Kreuz vollzogen. „Gott zeigt seine Allmacht in dieser Stille, die keine Barbarei jemals antasten kann.“ Bei seinen Reisen in Krisenregionen habe der Kardinal beobachtet, dass stilles Gebet der letzte Schatz derer sei, denen sonst nichts geblieben ist. „Lasst uns im Leiden in der Festung des Gebets verharren“, forderte er deshalb auf.

Sarah: Stille ist Ort der Begegnung mit Gott

Als Beispiel führte Sarah Erzbischof Raymond-Marie Tchidimbo, seinen Vorgänger auf dem Bischofssitz von Conakry in Guinea, an. Von den Marxisten verfolgt habe dieser neun Jahre isoliert im Gefängnis gesessen. „Die von den Beamten auferlegte Stille wurde zum Ort der Begegnung mit Gott„, so der Kardinal. Gottes erste Sprache sei Stille. Alles andere sei dagegen nur eine armselige Übersetzung. „Um diese Sprache zu verstehen, müssen wir lernen, still zu sein und in Gott zu ruhen.“ (jml)

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Quelle

IKONOGRAPHIE UND LITURGIE

Hortus_Deliciarum,_Die_Geburt_Christi

Hortus Deliciarum — Die Geburt Christi

AMT FÜR DIE LITURGISCHEN FEIERN DES PAPSTES

Die Konzilsakten des Zweiten Konzils von Nizäa –
des Siebten Ökumenischen Konzils

Ikonographie
und Liturgie

Von Erzbischof Piero Marini, Päpstlicher Zeremonienmeister

  

Zum Weihnachtsfest 2004 hat uns die Vatikanische Verlagsbuchhandlung das Geschenk des schönen dreibändigen Werkes »Die Akten des Zweiten Konzils von Nizäa, des Siebten Ökumenischen Konzils« gemacht. Von Herzen gratuliere ich der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung zu dieser wichtigen Veröffentlichung, die nicht nur der historischen und theologischen Kenntnis der Akten eines ökumenischen Konzils dient, sondern auch zur Vertiefung eines Aspekts des christlichen Kults beiträgt, nämlich der Bilderverehrung.

 

I. Einleitung

Auch gratuliere ich Pater Piergiorgio M. Di Domenico OSM nicht nur für die Übersetzung der Akten aus dem griechischen Urtext, sondern auch für die interessante Einleitung, die mit äußerster Sorgfalt und großer Klarheit die komplexe Thematik der Bilderverehrung vor Augen führt.

Schließlich komme ich nicht umhin, Msgr. Crispino Valenziano zu danken, der mit viel Enthusiasmus und Beharrlichkeit zur Veröffentlichung der Konzilsakten ermutigt hat; ohne ihn könnten wir uns heute dieses Werk nicht zunutze machen.

Es verwundert, daß es bisher nicht möglich war, den gesamten Text der Akten des Siebten Ökumenischen Konzils in einer modernen Sprache vorliegen zu haben. Die Beschlüsse des Konzils waren in religiöser, künstlerischer und politischer Hinsicht von maßgebender Bedeutung. Auch dreizehn Jahrhunderte nach seiner Einberufung ist es immer noch von großem Interesse, und dies nicht nur in ausschließlich historischem Sinne. Diese Seiten haben große Bedeutung für das Leben der Kirche von heute. Anläßlich der 1200-Jahrfeier des Konzils im Jahr 1987 verwies Papst Johannes Paul II. auf »das theologische Gewicht und die ökumenische Bedeutung jenes siebenten und letzten Konzils […], das sowohl von der katholischen wie von der orthodoxen Kirche anerkannt wird. Die von diesem Konzil bezüglich der Erlaubtheit der Bilderverehrung in der Kirche definierte Lehre verdient nicht nur wegen des Reichtums ihrer geistlichen Früchte, sondern auch wegen der Forderungen, die sie an den Gesamtbereich der sakralen Kunst stellt, besondere Aufmerksamkeit« (Apostolisches Schreiben Duodecimum saeculum, 1).

Was die Wichtigkeit dieses Konzils für die ökumenischen Beziehungen anbelangt, bekräftigt der Papst: »Die Bedeutung, die das II. Konzil von Nizäa der Frage der Überlieferung, vornehmlich der ungeschriebenen Überlieferung beimißt, stellt für uns Katholiken wie für unsere orthodoxen Brüder die eindringliche Aufforderung dar, nochmals gemeinsam den Weg der Tradition der ungeteilten Kirche zu durchlaufen und in ihrem Licht die Mißhelligkeiten, die die Jahrhunderte der Trennung zwischen uns aufgehäuft haben, neuerlich zu prüfen, um schließlich im Sinne des Gebets Jesu zum Vater die volle Gemeinschaft in der sichtbaren Einheit wiederzuerlangen« (Duodecimum saeculum, 1).

Das Zweite Konzil von Nizäa ist außerdem von besonderer Aktualität durch das erneuerte Interesse des Westens für die Theologie und Spiritualität der Bilder, sowie allgemein für die Wertschätzung der nicht verbalen Sprache in der Liturgie. In einer Welt, in der Bilder allgegenwärtig sind, betrachtet der Christ in der Ikone das Angesicht Christi, des wahren Ebenbilds des Vaters (vgl. Kol 1,15), und er betrachtet das Angesicht der Heiligen, die sich durch das Werk des Geistes haben umgestalten lassen und so Jesus Christus ähnlich geworden sind. Wie der Ökumenische Patriarch Dimitrios I. mit großem Bedauern beklagt, sind Ikonen leider manchmal zu bloßen Handelswaren gemacht worden (Enzyklika zum Fest der Kreuzerhöhung, 15.9.1987, 31–32).

Das Nizänum ist also, kurz gesagt, aktuell, weil es auf theologischer, künstlerischer und liturgischer Ebene das Erbe der christlichen Tradition überliefert. Von der Bilderverehrung zu sprechen heißt vom Gebet zu sprechen, und zwar besonders vom liturgischen Gebet; und somit ist die Rede davon, daß wir »vor dem Herrn stehen«, um unsererseits zu lebendigen Ikonen umgestaltet zu werden.

 

II. Der Bilderstreit

Das Zweite Nizänum bildet den Abschluß eines langen Reflexionsprozesses über den Sinn und Stellenwert der Bilder im Leben der Kirche.

Bis zu Beginn des 3. Jahrhunderts überwiegt in der Kirche das Fehlen von Bildern. Dies ist auf den in der heidnischen Welt weitverbreiteten Götzendienst zurückzuführen, der ja schon dem Bilderverbot der alttestamentlichen Gesetzgebung zugrunde lag.

Der Friede, der zur Zeit Konstantins mit der Kirche geschlossen wird, hat tiefgreifende Auswirkungen. Angesichts der zunehmenden Zahl von Getauften nehmen die äußeren Ausdrucksformen christlicher Frömmigkeit zu; es entwickelt sich der Kult der Märtyrer; Wallfahrten gewinnen an Bedeutung; überall entstehen neue Kirchen und Basiliken. Christliche Kunst ist nicht länger vorwiegend Grabikonographie, die als solche für Nichteingeweihte unverständlich ist, sondern sie übernimmt nun die Funktion, der immer größer werdenden Gemeinschaft der Christen das Evangelium zu vermitteln.

Im 4. Jahrhundert erheben sich zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche Stimmen, die religiöse Bilder mißbilligen. Sie berufen sich dabei auf das alttestamentliche Bilderverbot (vgl. Ex 20,4; Dtn 4,15–18). Kanon 36 des Konzils von Elvira (um 300), über das wir ansonsten nur spärlich informiert sind, legt fest, daß »sich in der Kirche keine Bilder befinden dürfen«. Der Brief des Eusebius von Cäsarea an die Kaiserin Constantia und die Schriften des Epiphanius von Salamis beinhalten ikonoklastische Aussagen. Dem Urteil der Gelehrten zufolge ist diese erste Form der Abneigung gegen Bilder ein begrenztes und beschränktes Phänomen, das vielleicht auf arianische Einflüsse zurückzuführen ist. Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen der arianischen Hervorhebung der Transzendenz Gottes und dem Verbot von Bildern. Aber diese ikonoklastischen Stimmen überdauern den Lauf der Jahrhunderte und bald erheben sich andere Stimmen zur Verteidigung der Bilder. So schreibt Gregor der Große (540–604): »Nicht ohne Grund war es in früher Zeit in den Kirchen erlaubt, das Leben der Heiligen malerisch darzustellen … Was die Schrift für jene bedeutet, die lesen können, leistet das Bild für diejenigen, die dies nicht können … Die Bilder sind das Buch derer, die die Schriften nicht kennen« (Briefe IX, 209).

Im Laufe des 6. und 7. Jahrhunderts finden die Bilder eine starke Verbreitung, die begünstigt wird durch die Volksfrömmigkeit, die Legenden und die Wunder. Dies geschieht aber in den verschiedenen Gebieten der Christenheit nicht in gleicher Weise. Die Syrer und Armenier waren zum Beispiel durch ihre kulturelle Vergangenheit dem Gebrauch von Bildern viel weniger zugeneigt. Es ist wichtig anzumerken, daß die Kaiser, die den Bildersturm begünstigten, syrischen oder armenischen Ursprungs waren. Die Trullanische Synode bekräftigt 692: »Auf gewissen heiligen Bildern ist der Vorläufer abgebildet, wie er mit dem Finger auf das Lamm zeigt. Diese Darstellung wurde als Symbol der Gnade gedeutet. Sie war ein verborgenes Sinnbild des wahren Lammes, das Christus ist, unser Gott, der uns offenbart wird gemäß dem Gesetz. Da wir nun diese Sinnbilder und Schatten als Symbole der uns von der Kirche übermittelten Wahrheit übernommen haben, bevorzugen wir heute die Gnade und die Wahrheit selbst als Erfüllung dieses Gesetzes. Daher, um mit Hilfe der Bilder das Vollkommene aufzuzeigen, setzen wir fest, daß von nun an Christus, unser Gott, in seiner menschlichen Gestalt dargestellt werde und nicht mehr in der des Lammes« (can. 82). Schon für die Väter des Trullanischen Konzils brachte das Christusbild ein Bekenntnis des vollen Glaubens an die Inkarnation mit sich.

Ein Faktor, der zur Verschärfung der Positionen für oder gegen den Bildergebrauch beitrug, war das Vorrücken des Islams, der vorgab, die höchste und reinste Offenbarung Gottes zu sein und der die Kirche wegen ihrer Bilderverehrung des Polytheismus und des Götzenkults beschuldigte. Das 8. Jahrhundert wurde zum Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen. Kaiser Leon III. der Syrer leitete 726 die erste Phase des Bilderstreits ein, indem er die Anordnung gab, die auf dem Bronzetor des kaiserlichen Palastes in Konstantinopel befindliche Darstellung Christi zu zerstören. Das Bild wurde durch ein Kreuz ersetzt, unter dem der Kaiser die folgende Inschrift anbringen ließ: »Weil es Gott nicht genehm ist, daß von Christus ein Bildnis ohne Worte und ohne Leben gemacht wird, hergestellt aus vergänglichen Materialien, wie sie die Schrift geringschätzt, hat Leo mit seinem Sohn, dem neuen Konstantin, auf die Tore des Palastes das Zeichen des Kreuzes, der Herrlichkeit aller Gläubigen, eingraviert.« Auf diese Handlung folgten der offizielle Beschluß von Maßnahmen, die sich gegen die Bilder und ihren Kult richteten, sowie Gewalt­akte gegen Ikonen und diejenigen, die sie verehrten. Es sei daran erinnert, daß die ikonoklastischen Beschlüsse Leons III. nur wenige Jahre nach dem Edikt des Kalifen Jezid erfolgen, der die Zerstörung von Bildern in allen von ihm eroberten christlichen Provinzen anordnete, und daß es zudem kurz zuvor Angriffe von Juden gegen den christlichen Kult gab. Der Kaiser versucht, einen kulturellen Kompromiß durchzusetzen, der das Zusammenleben von Arabern, Christen und  Juden ermöglicht und Kontroversen abzu­schwächen sucht. Die Staatsräson siegt über die Gründe des Glaubens. Als Reaktion exkommunizierte Papst Gregor III. 731 die Bilderstürmer. Im Osten war die Verteidigung der Bilderverehrung vor allem das Werk von Germanos, dem Patriarchen von Konstantinopel, von Georgios von Zypern und von Johannes von Damaskus.

Germanos stellt fest, daß das Ablehnen der Ikonen das Ablehnen der Inkarnation bedeute; in der Ikone »zeichnen wir das Bild seiner menschlichen Gestalt gemäß dem Fleische und nicht das seiner unfaßbaren und unsichtbaren Göttlichkeit. Wir fühlen uns veranlaßt, unseren Glauben bildlich darzustellen, um zu zeigen, daß Gott sich nicht nur dem Anschein nach, gleichsam wie ein Schatten, mit unserer Natur vereint hat, sondern daß er wirklich Mensch geworden ist« (Briefe).

Johannes von Damaskus geht auf verschiedenen Ebenen gegen die Bilderstürmer vor. Er widerlegt den Vorwurf, in den Bildern werde ein Stück Holz angebetet, indem er erklärt: »Ich bete nicht die Materie an, sondern ich bete den Schöpfer der Materie an, der um meinetwillen selbst Materie wurde« (Reden, I,16). Und er bekräftigt, daß die Ikonen »die Bücher derer sind, die des Lesens nicht mächtig sind« (Reden, II,10). Aber sein wichtigstes Argument ist theologischer Natur; die dogmatische Grundlage des Bilderkultes ist die Inkarnation. Das Wort ist Fleisch geworden; Jesus ist das menschliche Antlitz Gottes, und daher können wir ihn bildlich darstellen (Reden, I, 33). Das Alte Testament verbot Bilder. In der alten Heilsökonomie hat sich Gott durch das Wort offenbart. Im Neuen Testament hat sich das Wort selbst zum Bild gemacht. Oft wird zur Verteidigung der Bilder der Psalm 48,9 zitiert: »Wie wir’s gehört hatten, so erlebten wir’s jetzt.« Johannes unterscheidet den Prototyp klar und eindeutig vom Bild, das ihn darstellt. Das Bild ist Objekt der Verehrung, nicht der Anbetung; die Anbetung ist ausschließlich Gott vorbehalten.

Auf Initiative Kaiser Konstantins V. wurde 754 zu Hiereia am Bosporus eine Synode einberufen, die den Entscheidungen der Bilderstürmer normativen Charakter verlieh. Es nahmen 388 Bischöfe daran teil, aber keiner von ihnen stammte aus den Bischofssitzen von Rom, Alexandrien, Antiochia oder Jerusalem. Die Synode erklärt, daß die Kaiser auf einer Stufe mit den Aposteln stehen, und daß sie, durch das Wirken des Heiligen Geistes mit Weisheit erfüllt, dazu beauftragt sind, die Gläubigen auf dem rechten Weg zu führen und sie zu lehren. Die Synode verurteilt die Anfertigung von Bildern und ihren Kult. Sie hebt den Unterschied hervor zwischen der Ikone, einem materiellen Gegenstand, und dem, was sie zu zeigen vorgibt. Als einzig wahres Bild betrachtet sie die Eucharistie. Auf diese Weise wurde der Ikonoklasmus, der sich bisher nur auf ein kaiserliches Edikt stützen konnte, zum Dogma in der ganzen Kirche.

In den folgenden zwei Jahrzehnten wurden die Mönche, die am eifrigsten den Bilderkult unterstützten, gewaltsam verfolgt; zahlreiche Klöster wurden konfisziert und die Mönche waren gezwungen, in die kaiserliche Armee einzutreten; einige von ihnen wurden gefoltert. Papst Stephan III. berief 769 eine Synode im Lateran ein, bei der die Synode von Hiereia verurteilt wurde; auch die Patriarchen des Ostens, Theodoros von Jerusalem, Theodoros von Antiochien und Kosmos von Alexandrien widersetzten sich den Entscheidungen von Hiereia.

 

III. Das Zweite Konzil von Nizäa

Mit Kaiserin Irenes Thronbesteigung erfuhr der Bilderstreit eine Wende. Als eifrige Unterstützerin des Bilderkultes entschied sie, ein Konzil einzuberufen, zu dem Papst Hadrian I. seine Zustimmung gab. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, die den Sabotageversuchen der Bilderstürmer zuzuschreiben waren, bestimmte die Versammlung der Bischöfe, die 787 in Nizäa zusammengekommen war, zunächst die wesentlichen Kriterien, an denen sich der ökumenische Charakter eines Konzils erkennen läßt. Diese Kriterien sind von großem Interesse, da es das einzige Mal war, daß ein Konzil versuchte, die Bedingungen festzulegen, auf Grund derer eine synodale Versammlung als ökumenisch angesehen werden könne. Damit eine Versammlung als wahres Konzil gelten könne, müßten der Papst und die vier apostolischen Patriarchen persönlich oder wenigstens durch Delegaten vertreten sein; sie müsse eine Lehre bekennen, die mit den vorhergehenden Ökumenischen Konzilen übereinstimme; sie müsse von den Gläubigen angenommen werden. Auf Grundlage dieser Kriterien wurden der ökumenische Charakter der Synode von Hiereia von 754 verneint und ihre Entscheidungen für ungültig erklärt; die Legitimität des Bilderkultes wurde bekräftigt, und außerdem wurden 22 disziplinäre Kanones approbiert. Unter anderem wird den weltlichen Mächten die Einmischung in die Bischofswahlen verboten; Bischöfen wird untersagt, am Handelsverkehr teilzunehmen, und sie werden verpflichtet, jährlich eine Diözesansynode einzuberufen. Es handelt sich dabei um Normen, die einen starken Einfluß auf die kirchliche Gesetzgebung des Mittelalters ausüben.

Die Lehre über die Bilder wurde während der 6. Sitzungsperiode festgelegt. Die Definition lautet wie folgt: »Gleichsam den königlichen Pfad schreitend und folgend der gottkündenden Lehre unserer heiligen Väter und der Überlieferung der katholischen Kirche – denn wir wissen, daß diese vom Heiligen Geist, der in ihr wohnt, stammt – beschließen wir mit aller Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, in den heiligen Kirchen Gottes, auf den heiligen Geräten und Gewändern, Wänden und Tafeln, Häusern und Wegen, ebenso wie die Darstellung des kostbaren und lebendigmachenden Kreuzes die ehrwürdigen und heiligen Bilder – seien sie aus Farben, Stein oder sonst einem geeigneten Material – anzubringen; [dies gilt] für das Bild unseres Herrn und Gottes und Erlösers Jesus Christus, unserer unbefleckten Herrin, der heiligen Gottesgebärerin, der ehrwürdigen Engel und aller heiligen und frommen Menschen. Je häufiger sie nämlich durch eine bildliche Darstellung angeschaut werden, desto häufiger werden auch diejenigen, die diese betrachten, emporgerichtet zur Erinnerung an die Urbilder und zur Sehnsucht nach ihnen, und dazu, daß sie diesen einen Gruß und achtungsvolle Verehrung zuwenden, nicht jedoch die nach unserem Glauben wahre Anbetung, die allein der göttlichen Natur zukommt, sondern so, wie man der Darstellung des kostbaren und lebendigmachenden Kreuzes, den heiligen Evangelien und den übrigen heiligen geweihten Gegenständen Weihrauch und Lichter zu ihrer Verehrung darbringt, wie es auch bei den Alten fromme Gewohnheit gewesen ist. ›Denn die Verehrung des Bildes geht über auf das Urbild‹, und wer das Bild verehrt, verehrt in ihm die Person des darin Abgebildeten« (Denzinger/Hünermann 600f.).

Doch trotz der feierlichen Erklärungen des Konzils von Nizäa kam der Bilderstreit nicht zur Ruhe. Im Westen leugnete Karl der Große 794 auf der Synode von Frankfurt den ökumenischen Charakter des Konzils; im Osten leitete Kaiser Leon V. (813–820) die zweite Phase des Bilderstreits und der Verfolgung der Bilderverehrer ein. Erst eine auf Initiative der Kaiserin Theodora und des Patriarchen von Konstantinopel Methodius einberufene Synode führte im März des Jahres 843 den Bilderkult wieder ein und setzte in Erinnerung an dieses Ereignis das »Fest der Orthodoxie« ein, das in der Kirche des Ostens noch immer am ersten Sonntag der Fastenzeit gefeiert wird. Dieses Fest feiert den Sieg der Bilderverehrer und die endgültige Bestätigung der in den ersten sechs ökumenischen Konzilien ausgearbeiteten Christologie, das heißt der Lehre, die die Grundlage für die Bilderverehrung darstellt.

 

IV. Die Ikone
in Theologie und Liturgie

In derselben Tradition vereint, erhoben sich Ost und West gemeinsam gegen die Bilderstürmer, weil sie in der Ablehnung der Bilder die Ablehnung des Geheimnisses der Menschwerdung selbst sahen. Indem das Konzil von Nizäa das Bild des menschgewordenen Gottes verteidigte, wollte es auch das göttliche Bild verteidigen, das im Menschen gegenwärtig ist. Neben der Christusikone gibt es auch die Heiligenikonen, also der Menschen, die gemäß der östlichen Spiritualität in sich selbst das Abbild Gottes wiedergefunden haben und die in Synergie mit dem Heiligen Geist Christus ähnlich geworden sind. Die Heiligen sind jene Menschen, die Christus am »ähnlichsten« sind, lebendige Ikonen, Transparenz der Gegenwart des Reiches Gottes auf Erden. »Es ist symptomatisch,« schreibt Pavel Evdokimov, »daß der Ikonoklasmus im Moment seiner gewaltsamsten Phase zu gleicher Zeit das Bild, das monastische Leben, den Kult der Heiligen und die göttliche Mutterschaft der Theotokos angreift« (La teologia della bellezza,ital. Übersetzung von G. Vetralla, Roma 1971, p. 196). »Du kämpfst nicht gegen die Bilder, sondern gegen die Heiligen«, schreibt Johannes von Damaskus an Kaiser Leon III. (Reden,II,10). Und das Zweite Nizänum erklärt: »Sowohl durch die Betrachtung der Schrift als auch durch die Betrachtung der Bilder … erinnern wir uns der Vorbilder und werden mit ihnen bekannt gemacht.« Die Betrachtung eines Bildes ist kein ästhetisches Geschehen, sondern ein geistliches Ereignis. Das Bild stellt einen Aufruf zur Umkehr dar, eine Einladung, dem Werk der Umwandlung zuzustimmen, von dem Paulus im 2. Korintherbrief 3,18 spricht: »Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.«

Mit der offiziellen kirchlichen Lehre über die Bilder fand der Bilderstreit sein Ende. Die Bilder nahmen Einzug in die Wohnungen der Gläubigen; auch heute noch wacht das heilige Bild, vor dem eine kleine Kerze brennt, von oben über die Bewohner des Hauses. Der liturgische Gebrauch von Bildern wurde geregelt; keine Heiligenikone durfte mit einer Christus- oder Marienikone auf eine Stufe gestellt werden; nur der Heilige, dem die Kirche geweiht war, hatte einen besonderen Platz. Das althergebrachte Gitter, das den Altarraum von der Versammlung trennte, wurde nach dem Zweiten Konzil von Nizäa mit Ikonen versehen und wurde mehr und mehr zur heutigen Ikonostase. Es ist seither bis zum heutigen Tag gebräuchlich, die Ikone des Tagesheiligen auf ein Pult zu stellen, damit sie von den Gläubigen verehrt werden kann. Seit Anfang des 7. Jahrhunderts ist der Brauch bezeugt, Ikonen durch einen Kuß zu verehren; nach der ikonoklastischen Krise fing man an, dies auch während der Liturgie zu tun.

Aber auch die »Schrift« der Ikonen selbst (»graphein« bezeichnet auf griechisch sowohl den Akt des Schreibens als auch den des Malens) wurde von den Kanones des Konzils normativ geregelt. Die Kirche wacht über die Authentizität der Ikonographie. Es handelt sich nicht um die einfache Herstellung eines Kunstwerkes, sondern um ein geistliches Werk, das begleitet von Gebet und Askese angefertigt wird. Die »umgekehrte« Perspektive, die Dimensionen und die Proportionen der Körper, der Gebäude und der Objekte sowie der Symbolismus der Farben, der goldfarbene Hintergrund und das geschickte Spiel von Licht und Schatten machen aus der Ikone ein Fenster, das sich auf die göttliche Welt hin öffnet. Auch die Heiligenikone ist niemals ein Porträt; sie lädt die Gläubigen ein, »den Menschen, der in der Tiefe des Herzens verborgen ist«, zu betrachten, von dem der Apostel Petrus spricht (vgl. 1Petr 3,4), das in der Tiefe des Seins verborgene Bild Gottes, das der Heilige in seinem Leben hat wiederauftauchen lassen.

Die Bilder sind jedoch nicht ein exklusiver Schatz der Ostkirche. In Rom existierte seit unbestimmter Zeit eine antike Marienikone, die der Legende zufolge von Lukas gemalt wurde, sowie eine »nicht von Menschenhand gemalte« Christusikone. Im Laufe des 8. Jahrhunderts wurden die östlichen Ikonen, die den Verwüstungen des Bildersturms entrissen werden konnten, in Italien in Sicherheit gebracht. Der Patriarch Germanos berichtet, wie eine Marienikone auf dem Wasserweg nach Rom kam; später wurde sie »Maria la romana« [»Maria die Römerin«] genannt. Die Christusikone wurde in der Privatkapelle des Papstes in der Residenz am Lateran bewahrt; jeden 15. August, zum Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel, trug man sie in feierlicher Prozession nach »Santa Maria Maggiore«, wo sich die von Lukas gemalte Ikone befand. Papst Hadrian I. (772–795) schenkte der Petersbasilika zwei Ikonengruppen, bestehend aus je drei großen Ikonen. Gerade in Rom hat sich damals eine bemerkenswerte Mosaikdekoration entwickelt, die man bis zum heutigen Tag in verschiedenen Basiliken bewundern kann: »Santa Cecilia«, »San Marco a Piazza Venezia« und »Santa Prassede«.

Ebenso wie im Osten wird auch im Westen die Verwendung von Bildern in der Liturgie bestimmten Regeln unterworfen. In den folgenden Jahrhunderten entwickelt der Westen sein eigenes ikonographisches Konzept, auch wenn er sich dabei von den östlichen Bildern inspirieren läßt.

 

Abschließende Bemerkungen

Im Kampf um die Verteidigung der Bilder waren Ost und West vereint. Heute, mit einem Abstand von Jahrhunderten, entdeckt der Westen die Bilder wieder, zusammen mit ihrem tiefen theologischen und liturgischen Sinn. Die Dogmatische Konstitution Lumen gentium erinnert ausdrücklich an das Zweite Konzil von Nizäa und verweist auf seine Dekrete über die Bilder (Nr. 51); in Nr. 67 ermahnt sie uns, »das, was in früherer Zeit über die Verehrung der Bilder Christi, der seligen Jungfrau und der Heiligen festgesetzt wurde, ehrfürchtig zu bewahren«. Das Bild »lebt« im persönlichen Gebet und in der Liturgie. Papst Johannes Paul II. erinnert uns: »Die Kunst um der Kunst willen, die auf niemanden als auf ihren Schöpfer verweist und keine Verbindung mit der göttlichen Welt herstellt, hat im christlichen Bildverständnis keinen Platz. Jede Form sakraler Kunst muß nämlich, unabhängig davon, welchen Stil sie sich angeeignet hat, den Glauben und die Hoffnung der Kirche ausdrücken« (Duodecimum saeculum, 11). Und Patriarch Dimitrios I. bekräftigt: »Die Gegenwart der Bilder in den Kirchen, zusammen mit den zelebrierenden Priestern und den betenden Gläubigen, bedeutet die Verwirklichung des Augenblicks, da das Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen verwirklicht sein wird, der Menschen, die den dreifaltigen Gott anbeten, die sich Gott wohlgefällig gemacht haben und die die betende Kirche von heute und der kommenden Jahrhunderte bilden. Und die Verehrung der Bilder im kirchlichen Kult ist auch von noch größerer Bedeutung, weil sie die Gläubigen, die die Bilder verehren, in die Nähe Gottes, in die Nähe der hypostatischen Gegenwart der dargestellten Personen und in die Nähe der in Ehrfurcht vor Gott gefeierten sakramentalen Handlungen bringt« (Enzyklika, 15.9.1987, 30). Die Bilder Christi, der Jungfrau und der Heiligen, die in einem kirchlichen Gebäude aufgestellt wurden, sind oft zu raumbezogenen Ikonen geworden, das heißt sie sind an den kirchlichen Raum, in dem sie stehen, gebunden.

Des weiteren finden sich im liturgischen Raum oft nicht nur die Gesichter einzelner Heiliger, sondern auch die Erzählungen der Heilsgeschichte. Die Darstellung der Offenbarung Gottes in der Vergangenheit findet ihre Verwirklichung in Gegenwart und Zukunft. Ihren Raum hat die Ikonographie in der Kirche gefunden und ihre Zeit im Kalender der liturgischen Feste. Die Liturgie ist der Rahmen und der offizielle Bezugspunkt der Bilder geworden.

In der Kapelle »Redemptoris Mater« im Apostolischen Palast, die in den Jahren 1996–99 auf Wunsch des Papstes mit Mosaiken ausgeschmückt wurde, ist die Ikonographie in Bezug auf die räumlichen Referenzpunkte der liturgischen Feier konzipiert worden: den Stuhl, den Ambo und den Altar. Die Mosaike unterstreichen gleichsam die beiden Bewegungen der Heilsgeschichte, die in der Liturgie gefeiert werden. An den Seitenwänden wird die absteigende und aufsteigende Bewegung dargestellt: Gottes Hinabsteigen zur Menschheit und die Vergöttlichung des Menschen. Der Stuhl befindet sich in der Nähe der Eingangstür zur Kapelle. Auf der dort befindlichen Wand ist die Parusie Christi abgebildet, der kommt, um mit der Menschheit die letzte Eucharistie zu feiern. Der Ambo befindet sich im Zentrum der Kapelle, in Anlehnung an Christus den Pantokrator, der als Herrscher auf der Decke abgebildet ist. Der Altar ist nahe der Rückwand, auf der das Hochzeitsmahl des Himmlischen Jerusalems zu sehen ist, in dessen Mitte sich die Jungfrau Mutter befindet und das von der Heiligen Dreifaltigkeit beherrscht wird. Die Ikonographie muß dem Menschlichen getreu und für das Göttliche transparent sein.

Es ist notwendig, die zwischen liturgischer Feier, Architektur und Ikonographie bestehende Synergie wiederzuentdecken. Außerhalb dieser Synergie gibt es keine liturgische Kunst, sondern nur generische Sakralkunst.

Es ist wichtig, die Tradition der heiligen Väter wiederaufzunehmen und die Bilder in ihrem spezifischen Bereich lebendig werden zu lassen – in den Bereichen des persönlichen Gebets und der liturgischen Feier. Die Liturgie läßt das Geheimnis Christi zum Geheimnis der Kirche werden und sorgt dafür, daß der Christ, gemäß des schönen Ausdrucks des Irenäus von Lyon, zum »Sohn Gottes wird« (Adversus haereses, III,19,1): Die Bilder sind eine wertvolle Hilfe auf dem Weg, Christus ähnlich zu werden.

(Ital. in O.R. 5.2.2005)

  

+ Piero Marini

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Quelle

Polen: Bischof gegen Pop-Schlager in Liturgie

CARDINAL ROBERT SARAH - ENREGISTREMENT DE L' EMISSION ' BIBLIOTHEQUE MEDICIS ' DIFFUSE SUR PUBLIC SENAT

Warschau (DT/mee) Der Bischof von Wloclawek, Wieslaw Mering (70), erinnert in einer aktuellen Anweisung an den angemessenen Einsatz von Musik in den Kirchen seiner Diözese. Auf Grundlage der Instruktion „Musicam sacram“ aus dem Jahre 1967 und die „Erklärung über Konzerte in Kirchen“, verfasst von der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung im Jahr 1987, erinnert Mering daran, dass die sakrale Musik bei Konzerten den ersten Platz einnehmen müsse. Wenn es um klassische Musik gehe, brauche die jeweilige Kirche eine Genehmigung des Ortsbischofs. Das Schreiben Merings spricht sich dagegen aus, während Hochzeiten und Beerdigungen Pop-Schlager wie etwa „Hallelujah“ von Leonard Cohen zu spielen. „Unsere Liturgie ist schön und reich, es genügt, wenn man sie auf würdige Weise mit Vorbereitung und angemessener Teilnahme feiert. All das Bizarre, das Zielen auf billige Popularität und Originalität, das Aufführen von nicht-religiösen, säkularen Stücken ist verboten“.

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Siehe dazu auch: