Zentralafrikanische Republik: 40 Tote bei Anschlag auf Missionsstation „Wir gehen durch die Wüste. Aber verlieren nicht die Hoffnung“

Bischof Juan José Aguirre / © ACN

Mitte August verübten Angehörige der „Seleka“, einem Sammelbecken islamistischer Kampfeinheiten, einen Anschlag auf eine Missionsstation in Gambo im Westen der Zentralafrikanischen Republik: Mindestens 40 Menschen kamen dabei ums Leben. Der zuständige Bischof Juan José Aguirre aus Bangassou sieht das ganze Land von Terror und Bürgerkrieg zerrissen. Viele Menschen seien auf der Flucht. Im Interview mit Josué Villalón vom weltweiten päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ schildert er, dass die Christen auch für Muslime Partei ergriffen hätten, da diese den Kämpfen schutzlos ausgeliefert gewesen seien. Von der Weltgemeinschaft erhofft er eine Unterstützung der zentralafrikanischen Armee – und tatkräftige Hilfe beim Wiederaufbau, damit die Geflüchteten zurückkehren können.

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Josué Villalón: Herr Bischof, vor rund zwei Wochen wurde die Missionsstation in Gambo angegriffen. Es gab zahlreiche Tote. Können Sie uns genaueres dazu sagen?

Bischof Juan José Aguirre: Die Lage ist schrecklich. Es sind wohl um die 40 Tote. Ihnen wurde die Kehle durchgeschnitten. Und jetzt verwesen sie unter freiem Himmel, denn sie konnten aufgrund der Sicherheitslage noch nicht bestattet werden. Das halbe Dorf Gambo ist niedergebrannt, die Kirche und das Pfarrhaus geplündert und in Brand gesteckt. Wir haben Lebensmittel und Nothilfen hingeschickt. Der Wiederaufbau wird schwer. 2000 Menschen sind geflohen und sind jetzt hier in Bangassou untergekommen.

Die Zentralfrikanische Republik kommt nicht zur Ruhe. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage?

Bischof Juan José Aguirre: Was zurzeit geschieht, kann nur verstanden werden, wenn man sich die Anschläge der islamistischen „Seleka“-Truppen von 2013 vor Augen führt. Damals besetzten sie die Hälfte der Zentralafrikanischen Republik – unterstützt von der Regierung des Nachbarlands Tschad und finanziert von den reichen Erdöl-Staaten. Seitdem steht unser Land Kopf. Auch jetzt, vier Jahre später, konnten weder unsere Regierung noch die stationierten UN-Truppen die Seleka endgültig aus dem Land drängen. Im Gegenteil: Sie haben bisweilen sogar gemeinsame Sache mit ihnen gemacht. Nun haben viele junge Menschen unseres Landes die Sache selber in die Hand genommen und zu den Waffen gegriffen, um die Seleka zu bekämpfen. Sie nennen sich „Anti-Balaka“. Der Konflikt weitet sich aus: Muslime, Nicht-Muslime, Anhänger von traditionellen Religionen und nichtchristlichen Sekten bekämpfen sich gegenseitig. In meiner Bischofsstadt mussten wir sogar Muslime beschützen, die angegriffen wurden und sich in einer Moschee verschanzt hatten, darunter viele Frauen und Kinder.

Was konnten Sie tun, um ihnen zu helfen?

Bischof Juan José Aguirre: Wir haben sie ins Priesterseminar unserer Diözese gebracht, wo sie jetzt immer noch wohnen. Insgesamt unterstützen wir mithilfe von verschiedenen Organisationen mehrere tausend Flüchtlinge, Christen wie Nichtchristen. Allerdings haben einige humanitäre Organisationen das Land nach der Zunahme der Kämpfe in den letzten Monaten verlassen – und sind nicht mehr zurückgekommen. Gott allein weiß, wie wir aus dieser Sackgasse wieder herauskommen.

Sie konnten vor kurzem Flüchtlinge besuchen, die im Kongo Zuflucht gefunden haben. Erzählen Sie uns davon!

Bischof Juan José Aguirre: Im Grenzgebiet halten sich rund 17 000 Geflüchtete auf. 1000 von ihnen konnte ich bei einem Gottesdienst treffen, mit ihnen reden, ihnen Hoffnung machen. Aber die Menschen sind schon sehr verzweifelt. Oft konnte ich gar nichts sagen, nur schweigen und zuhören. Die Menschen warten, bis sich die Lage in Bangassou gebessert hat. Sie wollen zurückkommen. Aber sie müssen bei Null anfangen, denn die Felder sind zerstört, die Häuser niedergebrannt. Wir haben nur noch den Trost Gottes, oder, wenn er nicht zu uns spricht, sein Schweigen.

Was ist aus Ihrer Sicht jetzt am dringendsten erforderlich?

Bischof Juan José Aguirre: Wir brauchen einen zentralafrikanischen Gouverneur in Bangassou und eine durchsetzungsfähige Nationalarmee, um die Disziplin durchzusetzen. Es gibt zwar Soldaten, aber sie klagen darüber, dass sie keine ausreichendenden Waffen haben. Die Rebellengruppen aber haben Waffen, die über die Nachbarländer eingeschmuggelt werden – zum Teil mithilfe multinationaler Konzerne. Viele bereichern sich an den Waffengeschäften! Die Folgen erleben wir hier: Ein brutaler Konflikt, ohne dass der Staat etwas entgegensetzen kann. Wir gehen durch die Wüste. Aber verlieren nicht die Hoffnung.

Um die pastorale Arbeit sowie die Flüchtlingshilfe der Kirche in der Zentralafrikanischen Republik weiterhin unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.de oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Zentralafrikanische Republik

(Quelle: KiN)

Papst Franziskus wünscht „neue Etappe in christlicher Geschichte“ Zentralafrikas

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Papst Franziskus bei der Messe im Stadion von Bangui

Papst Franziskus hat die Katholiken in der Zentralafrikanischen Republik dazu aufgerufen, „eine neue Etappe in der christlichen Geschichte“ ihres Landes zu verwirklichen. Es gelte, dem „Lockruf des Satans“ zu widerstehen, der zu Gewalt, Zerstörungswut und Rache anstifte, sagte Franziskus am Montag bei einer Messe in Bangui vor Zehntausenden Menschen. Der Gottesdienst im Sportstadion der Hauptstadt war der letzte Termin seiner Afrikareise. In seiner Predigt zum Andreasfest, das die Kirche am 30. November begeht, verglich er die Lage im Land mit einer Überfahrt des Sees Genezareth, bei der wir Jesus an unserer Seite haben. Beifall brandete auf, als der Papst ausrief: „Das andere Ufer ist zum Greifen nahe!“

Das andere Ufer meine zum einen das ewige Leben, so Franziskus. „Dieses ewige Leben ist keine Illusion, keine Weltflucht; es ist eine mächtige Wirklichkeit, die uns ruft und die uns zur Ausdauer im Glauben und in der Liebe verpflichtet.“ Doch das „unmittelbarere andere Ufer“ sei das Reich Gottes, das schon hier in dieser Welt beginne – „trotz des Elends, der Gewalt, die uns umgibt, oder der Angst vor dem nächsten Tag“. Noch seien wir „nicht am Ziel“, sondern ruderten mitten im Fluss und müssten ein paar wichtige Entscheidungen treffen. „Jeder Getaufte muss fortwährend mit dem brechen, was noch vom alten Menschen in ihm ist, von dem sündigen Menschen, der stets bereit ist, beim Lockruf des Satans wieder aufzuwachen – und wie sehr handelt dieser in unserer Welt und in diesen Zeiten der Konflikte, des Hasses und des Krieges! –, beim Lockruf des Satans, der ihn zum Egoismus führen will, zur Nabelschau und zum Misstrauen, zur Gewalt und zur Zerstörungswut, zur Rache, zur Vernachlässigung und Ausbeutung der Schwächsten…“

Franziskus drängte die Zentralafrikaner, „eine neue Etappe“ zu beginnen, „zu neuen Horizonten vorzupreschen, weiter hinaus zu rudern, in tiefe Wasser“. Jeder einzelne Christ solle ein Bote Gottes sein. „Und wir alle sind berufen – jeder Einzelne –, dieser Bote zu sein, den unser Bruder oder unsere Schwester, gleich welcher Ethnie, Religion oder Kultur, erwartet, oft ohne es zu wissen!“ Jesus überquere den Fluss mit uns, er sei auferstanden von den Toten. „Seither sind die Prüfungen und die Leiden, die wir erleben, immer Gelegenheiten, die einer neuen Zukunft die Türen öffnen, wenn wir akzeptieren, uns an seine Person zu binden. Christen von Zentralafrika, jeder von euch ist berufen, mit der Ausdauer seines Glaubens und mit seinem missionarischen Einsatz ein „Handwerker“ und Gestalter der menschlichen und geistlichen Erneuerung eures Landes zu sein!“

Ehe der den Schlusssegen spendete, richtete Franziskus vom Altar aus noch einen Gruß zum orthodoxen Andreasfest an den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I. Franziskus feierte die Messe in vier Sprachen, Französisch, Italienisch, Latein und Sango, die Verkehrssprache in Zentralafrika. Wie immer bei Gottesdiensten in Afrika prägten freudiger Gesang und Tanz die Liturgie. Besonders festlich: die getanzte Gabenprozession, bei der symbolische Reichtümer des Landes wie Tropenholz, Früchte und Tierhäute dargebracht wurden.

Zentralafrika, eine frühere französische Kolonie, gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Exportiert werden Diamanten, Holz und Uran. Blutige Konflikte entlang der ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten erschüttern das Land seit Jahren. Von den gut fünf Millionen Einwohnern wurden 900.000 vertrieben, allein 40.000 seit dem Wiederaufflammen der Gewalt Ende September.

Angesichts der angespannten Sicherheitslage war die Reise von Franziskus nach Bangui bis zuletzt ungewiss. Die Stadt wird von einem starken UN-Blauhelmkontingent und französischen Truppen gesichert. Auch bei der Abschlussmesse waren Hunderte Blauhelmsoldaten um das Stadion postiert. Die Sicherheitsleute aus dem Vatikan waren gut sichtbar auf der Altarbühne präsent.

(rv/kap 30.11.2015 sk)

Papst Franziskus beendet seine Afrikareise

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Erst angekommen und schon wieder weg: Nach sechs intensiven Tagen und drei afrikansichen Ländern fliegt Franziskus wieder zurück nach Rom

Papst Franziskus hat seine erste Afrikareise beendet. Von Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik aus, brach er an diesem Montagmittag auf in Richtung Rom. Dort wird er am Abend gegen 19 Uhr zurückerwartet. Auf dem Flughafen von Bangui wurde Franziskus von der Übergangspräsidentin der Zentralafrikanischen Republik, Catherine Samba-Panza, verabschiedet; dabei wurden die Hymnen des Landes und des Vatikans gespielt, Reden wurden nicht gehalten. Vor seiner Abreise aus Bangui hatte der Papst im Stadion der Hauptstadt mit Zehntausenden von Menschen eine Messe gefeiert. Dabei rief er sie dazu auf, dem „Lockruf des Satans“ zu widerstehen und für eine „Erneuerung eures Landes“ zu arbeiten.

Es war die elfte Auslandsreise von Franziskus seit seinem Amtsantritt vom März 2013 gewesen. Vom 25. bis 30. November besuchte er Kenia, Uganda und die Zentralafrikanische Republik. Von Kenias Hauptstadt Nairobi aus rief der Papst im Hauptsitz des UNO-Umweltprogramms den Klimagipfel von Paris zu mutigen Entscheidungen auf. In Bangui öffnete er am Sonntagabend die erste Heilige Pforte des bevorstehenden Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Offiziell startet dieses Heilige Jahr erst am 8. Dezember in Rom.

(rv 30.11.2015 sk)

Papstpredigt im Stadion von Bangui

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Papst Franziskus letzter Afrikatermin: Die Messe im Stadion von Bangui

Wir halten hier die Papstpredigt im Wortlaut im Stadion in der Barthélémy Boganda (Bangui, Zentralafrikanische Republik) vom 30. November 2015 fest.

Beim Hören der ersten Lesung können wir erstaunt sein über die Begeisterung und den missionarischen Schwung, die der Apostel Paulus in sich hat. „Wie sind die Freudenboten willkommen, die Gutes verkündigen!“ (Röm 10,15). Es ist für uns eine Einladung, Dank zu sagen für das Geschenk des Glaubens, das wir von diesen Boten empfangen haben, die ihn uns überbrachten. Es ist auch eine Einladung, über das missionarische Werk zu staunen, das vor gar nicht langer Zeit zum ersten Mal die Freude des Evangeliums in dieses geschätzte Land Zentralafrika gebracht hat. Es ist gut – vor allem, wenn die Zeiten schwierig sind, wenn es nicht an Prüfungen und Leiden fehlt, wenn die Zukunft unsicher ist, man sich müde fühlt und fürchtet, es nicht schaffen zu können – dann ist es gut, sich um den Herrn zu versammeln, wie wir es heute tun, um uns an seiner Gegenwart zu erfreuen, an dem neuen Leben und an dem Heil, das er uns vorschlägt wie ein anderes Ufer, dem wir zustreben müssen.

Dieses andere Ufer ist gewiss das ewige Leben, der Himmel, wo wir erwartet werden. Dieser auf die zukünftige Welt gerichtete Blick hat immer den Mut der Christen, der Ärmsten, der Geringsten auf ihrer irdischen Pilgerschaft unterstützt. Dieses ewige Leben ist keine Illusion, keine Weltflucht; es ist eine mächtige Wirklichkeit, die uns ruft und die uns zur Ausdauer im Glauben und in der Liebe verpflichtet.

Aber das unmittelbarere andere Ufer, das wir zu erreichen suchen, dieses Heil, das uns der Glaube verschafft und von dem der heilige Paulus spricht, ist eine Wirklichkeit, die schon unser gegenwärtiges Leben und die Welt, in der wir leben, verwandelt: „Wer aus tiefstem Herzen glaubt, wird gerecht“ (vgl. Röm 10,10). Er nimmt das Leben Christi selbst auf, das ihn befähigt, Gott und die Mitmenschen in einer neuen Weise zu lieben, so dass er eine von der Liebe erneuerte Welt erstehen lässt.

Danken wir dem Herrn für seine Gegenwart und für die Kraft, die er uns im Alltag unseres Lebens gibt, wenn wir physisches oder moralisches Leiden, Kummer und Trauer erfahren; danken wir ihm für die Taten der Solidarität und der Großherzigkeit, zu denen er uns befähigt; für die Freude und die Liebe, die er in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften aufleuchten lässt, manchmal trotz des Elends, der Gewalt, die uns umgibt, oder der Angst vor dem nächsten Tag; danken wir ihm für den Mut, den er unserer Seele einflößt, Bande der Freundschaft zu knüpfen, in Dialog zu treten mit denen, die nicht sind wie wir, denen zu vergeben, die uns Böses angetan haben, uns beim Aufbau einer gerechteren und geschwisterlicheren Gesellschaft zu engagieren, wo niemand verlassen wird. Bei all dem nimmt der auferstandene Christus uns an die Hand und führt uns, ihm zu folgen. Und ich möchte gemeinsam mit euch dem Herrn der Barmherzigkeit danken für all das, was er euch an Schönem, Großherzigem und Mutigem in euren Familien und in euren Gemeinschaften hat vollbringen lassen während der Ereignisse, die in eurem Land seit vielen Jahren geschehen sind.

Doch es ist auch wahr, dass wir noch nicht ans Ziel gelangt sind. Wir befinden uns gleichsam mitten auf dem Fluss und müssen uns mutig entscheiden, in einem erneuten missionarischen Engagement, ans andere Ufer hinüber zu rudern. Jeder Getaufte muss fortwährend mit dem brechen, was noch vom alten Menschen in ihm ist, von dem sündigen Menschen, der stets bereit ist, beim Lockruf des Satans wieder aufzuwachen – und wie sehr handelt dieser in unserer Welt und in diesen Zeiten der Konflikte, des Hasses und des Krieges! –, beim Lockruf des Satans, der ihn zum Egoismus führen will, zur Nabelschau und zum Misstrauen, zur Gewalt und zur Zerstörungswut, zur Rache, zur Vernachlässigung und Ausbeutung der Schwächsten…

Wir wissen auch, einen wie weiten Weg unsere christlichen Gemeinschaften, die ja zur Heiligkeit berufen sind, noch zurücklegen müssen. Sicher müssen wir alle den Herrn um Vergebung bitten für die zu vielen Widerstände und für die Trägheit, Zeugnis für das Evangelium zu geben. Möge das in eurem Land eben begonnene Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit die Gelegenheit dafür sein. Und ihr, liebe Zentralafrikaner, müsst vor allem auf die Zukunft blicken und euch, gestärkt durch den bereits zurückgelegten Weg, energisch entschließen, eine neue Etappe in der christlichen Geschichte eures Landes zu verwirklichen, zu neuen Horizonten vorzupreschen, weiter hinaus zu rudern, in tiefe Wasser. Der Apostel Andreas und sein Bruder Petrus haben nicht einen Augenblick gezögert, auf den Ruf Jesu hin alles zu verlassen, um ihm zu folgen: „Sofort ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm“ (Mt 4,20). Auch hier staunen wir über so viel Begeisterung bei den Aposteln, so sehr zieht Christus sie an, so sehr spüren sie, dass sie mit ihm alles unternehmen und alles wagen können.

Nun kann jeder sich in seinem Herzen die so wichtige Frage nach seiner persönlichen Beziehung zu Jesus stellen, überprüfen, was er bereits angenommen – oder auch verweigert – hat, um auf seinen Ruf in die engere Nachfolge zu antworten. Der Ruf der Boten klingt uns mehr denn je in den Ohren, gerade wenn die Zeiten hart sind – jener Ruf, der „in der ganzen Welt zu hören [ist], bis an die Enden der Erde“ (Röm 10,18; vgl. Ps 19,5). Und er ertönt hier heute in diesem Land Zentralafrika; er ertönt in unseren Herzen, in unseren Familien, in unseren Pfarreien, wo immer wir leben, und er lädt uns ein zur Ausdauer in der Begeisterung für die Mission – eine Mission, die neue Boten braucht, noch zahlreicher, noch großherziger, noch fröhlicher, noch heiliger. Und wir alle sind berufen – jeder Einzelne –, dieser Bote zu sein, den unser Bruder oder unsere Schwester, gleich welcher Ethnie, Religion oder Kultur, erwartet, oft ohne es zu wissen. In der Tat, wie kann dieser Bruder oder diese Schwester an Christus glauben – fragt sich der heilige Paulus – wenn das Wort Gottes nicht gehört, noch verkündet wird?

Auch wir müssen nach dem Beispiel des Apostels voller Hoffnung und Begeisterung für die Zukunft sein. Das andere Ufer ist zum Greifen nahe, und Jesus überquert den Fluss mit uns. Er ist von den Toten auferstanden; seither sind die Prüfungen und die Leiden, die wir erleben, immer Gelegenheiten, die einer neuen Zukunft die Türen öffnen, wenn wir akzeptieren, uns an seine Person zu binden. Christen von Zentralafrika, jeder von euch ist berufen, mit der Ausdauer seines Glaubens und mit seinem missionarischen Einsatz ein „Handwerker“ und Gestalter der menschlichen und geistlichen Erneuerung eures Landes zu sein.

Die Jungfrau Maria, die jetzt, nachdem sie die Passion ihres Sohnes mit ihm durchlitten hat, an seiner vollkommenen Freude Anteil nimmt, beschütze und ermutige euch auf diesem Weg der Hoffnung. Amen

(rv 30.11.2015 no)

Im Wortlaut: Franziskus vor Jugendlichen zur Gebetsvigil in Bangui

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Jubel bei der Ankunft des Papstes

Am Sonntagabend, 29. November, traf Papst Franziskus in Bangui in der Zentralafrikanischen Republik Jugendliche. Vor der Kathedrale feierte er mit ihnen eine Gebetsvigil. Dabei hielt er eine improvisierte Ansprache. Hier finden Sie den Text, den er für das Ereignis vorbereitet hatte und den er den Jugendlichen übergeben hat.

Liebe junge Freunde, guten Abend!

Es ist mir eine große Freude, euch heute Abend zu treffen, während wir mit dem ersten Adventssonntag ein neues Kirchenjahr beginnen. Ist das nicht für jeden von uns eine Gelegenheit zu einem neuen Aufbruch, die Gelegenheit, »ans andere Ufer« (Lk 8,22) hinüberzufahren?

Danke, Evans, für die Worte, die du in euer aller Namen an mich gerichtet hast. Während dieses unseres Treffens werde ich einigen von euch das Sakrament der Versöhnung spenden können. Und so möchte ich euch einladen, über die Bedeutsamkeit dieses Sakraments nachzudenken, in dem Gott uns persönlich entgegenkommt. Jedes Mal, wenn wir ihn darum bitten, kommt er zu uns, um uns „ans andere Ufer“ hinüberzuführen, zu diesem Ufer unseres Lebens, an dem Gott uns vergibt, uns seine Liebe eingießt, die heilt, lindert und aufrichtet! Das Jubiläum der Barmherzigkeit, das ich soeben zu meiner Freude speziell für euch, liebe zentralafrikanische und afrikanische Freunde, eröffnet habe, erinnert uns gerade daran, dass Gott uns mit offenen Armen erwartet, wie uns auch das schöne Bild vom Vater, der den verlorenen Sohn aufnimmt, ins Gedächtnis ruft.

Tatsächlich tröstet uns die empfangene Vergebung und erlaubt uns, mit zuversichtlichem Herzen und in Frieden neu aufzubrechen, fähig, mehr in Harmonie mit uns selbst, mit Gott und mit den anderen zu leben. Diese empfangene Vergebung ermöglicht uns auch, selber zu vergeben. Wir haben das immer nötig, und besonders in Situationen von Konflikt und Gewalt wie jene, die ihr noch allzu oft erlebt. Ich bringe erneut allen unter euch, die von Schmerz, Trennung und den Wunden des Hasses und des Krieges betroffen sind, meine Nähe zum Ausdruck. In diesem Zusammenhang ist es menschlich sehr schwierig, denen zu verzeihen, die uns Böses getan haben. Doch Gott schenkt uns Kraft und Mut, um jene „Handwerker“, jene Gestalter von Versöhnung und Frieden zu werden, deren euer Land so sehr bedarf. Der Christ, der Jünger Christi, folgt den Spuren seines Meisters, der am Kreuz seinen himmlischen Vater gebeten hat, denen zu vergeben, die ihn kreuzigten (vgl. Lk 23,34). Wie weit ist diese Haltung von den Gefühlen entfernt, die allzu oft in unserem Herzen wohnen!… Diese Haltung und dieses Wort Jesu, »Vater, vergib ihnen«, zu meditieren, kann uns helfen, unseren Blick und unser Herz zu verwandeln. Für viele ist es ein Ärgernis, dass Gott gekommen ist, um einer von uns zu werden; ein Ärgernis, dass er am Kreuz gestorben ist. Ja es ist ein Ärgernis: das Ärgernis des Kreuzes. Das Kreuz erregt weiter Anstoß. Doch es ist der einzig sichere Weg: der Weg des Kreuzes, der Weg Jesu, der gekommen ist, um unser Leben zu teilen und uns von der Sünde zu erlösen (vgl. Begegnung mit den jungen Argentiniern in der Kathedrale von Rio de Janeiro [25. Juli 2013]). Liebe Freunde, dieses Kreuz spricht zu uns von der Nähe Gottes: Er ist bei uns, ist bei jedem von euch in euren Freuden wie in euren Prüfungen.

Liebe junge Freunde, das wertvollste Gut, das wir im Leben haben können, ist unsere Beziehung zu Gott. Seid ihr davon überzeugt? Seid ihr euch bewusst, welch unschätzbaren Wert ihr in den Augen Gottes besitzt? Wisst ihr, dass ihr von ihm geliebt und bedingungslos angenommen werdet, so wie ihr seid? (vgl. Botschaft zum Weltjugendtag 2015, 2). Wenn ihr euch Zeit nehmt zum Gebet und zum Lesen der Heiligen Schrift, besonders des Evangeliums, werdet ihr ihn besser kennen lernen, und auch euch selbst werdet ihr kennen lernen. Die Ratschläge Jesu können nämlich auch heute eure Gefühle und eure Entscheidungen erleuchten. Ihr seid begeistert und großherzig, seid auf der Suche nach einem großen Ideal, sucht die Wahrheit und die Schönheit. Ich ermutige euch, einen wachen und kritischen Geist zu bewahren gegenüber jedem Kompromiss, der im Gegensatz zur Botschaft des Evangeliums steht. Danke für eure kreative Dynamik, derer die Kirche bedarf! Pflegt sie! Seid Zeugen der Freude, welche die Begegnung mit Jesus schenkt! Möge sie euch verwandeln, möge sie euren Glauben stärken und festigen, um die Ängste zu überwinden, um immer mehr in den Plan der Liebe einzutreten, den Gott für euch hat! Gott will das Gute für alle seine Kinder. Diejenigen, die sich von ihm anschauen lassen, werden von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere, von der Abschottung befreit (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 1). Und stattdessen können sie den Mitmenschen als Bruder oder Schwester betrachten, akzeptieren, dass er anders ist, und entdecken, dass er ein Geschenk für sie selbst ist. Dies ist die Weise, wie der Friede jeden Tag aufgebaut wird. Das verlangt, den Weg des Dienens und der Demut einzuschlagen, aufmerksam auf die Bedürfnisse des anderen zu sein. Um in diese Mentalität einzutreten, muss man ein Herz haben, das sich zu erniedrigen weiß und versteht, das Leben mit denen zu teilen, die bedürftiger sind. Darin liegt die wahre Nächstenliebe. Und so wächst die Solidarität, angefangen bei den kleinen Dingen, und die Keime der Trennung verschwinden. So trägt der Dialog zwischen den Gläubigen Frucht; die Geschwisterlichkeit wird Tag für Tag gelebt und macht das Herz weit, indem sie eine Zukunft auftut. Auf diese Weise könnt ihr sehr viel Gutes für euer Land tun, und ich ermutige euch, es zu tun.

Liebe junge Freunde, der Herr lebt und geht mit euch den Weg. Wenn die Schwierigkeiten sich zu häufen scheinen, wenn rings um euch Schmerz und Traurigkeit herrschen, lässt er euch nicht im Stich. Er hat uns das Gedächtnis seiner Liebe hinterlassen: die Eucharistie und die anderen Sakramente, um auf dem Weg voranzukommen, denn in ihnen findet ihr die Kraft, jeden Tag weiterzumachen. Und dies muss die Quelle eurer Hoffnung und eures Mutes sein, um mit Jesus ans andere Ufer hinüberzufahren (vgl. Lk 8,22) und so für euch und eure Generation, für eure Familien und für euer Land neue Wege zu öffnen. Ich bete, dass ihr diese Hoffnung habt. Seid in ihr verankert und gebt sie weiter an die anderen, an unsere von Kriegen, Konflikten, vom Bösen und von der Sünde verwundeten Welt. Vergesst nicht: Der Herr ist mit euch. Er hat Vertrauen in euch. Er möchte, dass ihr seine missionarischen Jünger seid, in den schwierigen Momenten und in den Prüfungen unterstützt von der Fürbitte der Jungfrau Maria und vom Gebet der ganzen Kirche. Liebe Jugendliche aus Zentralafrika, geht, ich sende euch aus!

(rv 29.11.2015 gs)

Im Wortlaut: Predigt in der Kathedrale von Bangui

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Franziskus öffnet die Hl. Pforte von Bangui

Im Wortlaut dokumentieren wir hier die Predigt von Papst Franziskus bei der Hl. Messe in der Kathedrale von Bangui am Sonntag, den 29. November 2015. Er feierte den Gottesdienst mit Priestern, Ordensleuten und engagierten Laien. 

An diesem ersten Sonntag im Advent, einer liturgischen Zeit der Erwartung des Retters und eines Symbols der christlichen Hoffnung, hat Gott meine Schritte zu euch gelenkt, in dieses Land, während die Weltkirche sich anschickt, das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit zu eröffnen. Und ich freue mich besonders, dass mein Pastoralbesuch mit der Eröffnung dieses Jubiläumsjahres in eurem Land zusammenfällt. Von dieser Kathedrale aus möchte ich mit meinem Herzen und meinen Gedanken liebevoll alle Priester, gottgeweihten Personen und pastoralen Mitarbeiter dieses Landes erreichen, die in diesem Moment geistig mit uns verbunden sind. Durch euch möchte ich auch alle Zentralafrikaner, die Kranken, die alten Menschen und die vom Leben Verwundeten grüßen. Einige von ihnen sind vielleicht verzweifelt, haben nicht einmal mehr die Kraft zu handeln und erwarten nur ein Almosen, das Almosen des Brotes, das Almosen der Gerechtigkeit, das Almosen einer  Geste der Zuwendung und der Güte.

Doch wie die Apostel Petrus und Johannes, die zum Tempel hinaufgingen und weder Gold noch Silber besaßen, um es dem bedürftigen Gelähmten zu geben, so komme ich, um ihnen die Kraft und die Macht Gottes anzubieten, die den Menschen heilen, ihn wieder aufrichten und ihn fähig machen, ein neues Leben zu beginnen, indem er »ans andere Ufer« (Lk 8,22) hinüberfährt.

Jesus schickt uns nicht allein ans andere Ufer, sondern lädt uns vielmehr ein, die Überfahrt gemeinsam mit ihm zu unternehmen, indem jeder auf eine spezifische Berufung antwortet. Wir müssen uns darum bewusst sein, dass man diese Überfahrt ans andere Ufer nur gemeinsam mit ihm machen kann, indem man sich von den Begriffen der Familie und des Blutes, die Trennungen verursachen, befreit, um eine Kirche aufzubauen, die Familie Gottes ist, die für alle offen ist und sich um die kümmert, die es am meisten brauchen. Das setzt Nähe zu unseren Brüdern und Schwestern voraus, es bedeutet einen Gemeinschaftsgeist. Es ist nicht vor allem eine Frage der finanziellen Mittel; in Wirklichkeit genügt es, das Leben des Gottesvolkes zu teilen, indem wir jedem Rede und Antwort stehen, der nach der Hoffnung fragt, die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15), und Zeugen der unendlichen Barmherzigkeit Gottes sind, der – wie der Antwortpsalm dieses Sonntags hervorhebt – »gut und gerecht ist [und] die Irrenden auf den rechten Weg« weist  (Ps 25,8). Jesus lehrt uns, dass der himmlische Vater »seine Sonne […] über Bösen und Guten aufgehen [lässt] « (Mt 5,45). Nachdem wir selber Vergebung erfahren haben, müssen wir vergeben. Das ist unsere grundsätzliche Berufung: »Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist« (Mt 5,48). Eine der wesentlichen Anforderungen dieser Berufung zur Vollkommenheit ist die Feindesliebe, die gegen die Versuchung zur Rache und die Spirale endloser Vergeltungsmaßnahmen wappnet. Jesus hat Wert darauf gelegt, auf diesem besonderen Aspekt des christlichen Zeugnisses zu beharren (vgl. Mt 5,46-47). Die Arbeiter für die Evangelisierung müssen also vor allem „Handwerker“ der Vergebung, Spezialisten der Versöhnung und Experten der Barmherzigkeit sein. Das ist die Art und Weise, wie wir unseren Brüdern und Schwestern helfen können, „ans andere Ufer hinüberzufahren“, indem wir ihnen das Geheimnis unserer Kraft, unserer Hoffnung und unserer Freude offenbaren, die ihre Quelle in Gott haben, weil sie auf die Gewissheit gegründet sind, dass er mit uns im Boot ist. Wie der Herr im Moment der Brotvermehrung mit den Aposteln gehandelt hat, so sind jetzt wir es, denen er seine Gaben anvertraut, damit wir hingehen, um sie überall zu verteilen, und sein Wort verkünden, das versichert: »Seht, es werden Tage kommen […], da erfülle ich das Heilswort, das ich über das Haus Israel und über das Haus Juda gesprochen habe« (Jer 33,14).

In den liturgischen Texten dieses Sonntags können wir einige Merkmale dieses angekündigten Heiles Gottes entdecken, die sich zugleich als Anhaltspunkte erweisen, um uns in unserer Mission zu leiten. Zunächst ist das von Gott verheißene Glück mit den Begriffen der Gerechtigkeit angekündigt. Der Advent ist die Zeit, unsere Herzen vorzubereiten, um den Retter empfangen zu können, das heißt den einzigen Gerechten und den einzigen Richter, der imstande ist, jedem das angedeihen zu lassen, was er verdient. Hier wie anderswo dürsten viele Männer und Frauen nach Achtung, nach Gerechtigkeit, nach Fairness, ohne positive Zeichen am Horizont zu sehen. Zu diesen kommt er, um sie mit seiner Gerechtigkeit zu beschenken (vgl. Jer 33,15). Er kommt, um unsere persönlichen und kollektiven Geschichten, unsere enttäuschten Hoffnungen und unsere sterilen Zukunftsaussichten fruchtbar zu machen. Und er sendet uns aus, um vor allem denen, die von den Mächtigen dieser Welt unterdrückt werden, wie auch denen, die unter der Last ihrer Sünden gebeugt sind, zu verkünden: »Juda [wird] gerettet werden, Jerusalem kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Jahwe ist unsere Gerechtigkeit« (Jer 33,16). Ja, Gott ist Gerechtigkeit! Das ist es, warum wir Christen berufen sind, in der Welt „Handwerker“ eines auf Gerechtigkeit gegründeten Friedens zu sein.

Das erwartete Heil Gottes hat zugleich den Charakter der Liebe. Während wir uns auf das Weihnachtsgeheimnis vorbereiten, machen wir uns ja erneut den Weg des Gottesvolkes zu Eigen, um den Sohn Gottes aufzunehmen, der gekommen ist, um uns zu offenbaren, dass Gott nicht nur Gerechtigkeit ist, sondern auch und vor allem Liebe (vgl. 1 Joh 4,8). Überall, auch und vor allem dort, wo Gewalt, Hass, Ungerechtigkeit und Verfolgung herrschen, sind die Christen aufgerufen, Zeugnis von diesem Gott zu geben, der die Liebe ist. Indem ich den Priestern, den gottgeweihten Personen und den Laien, die in diesem Land die christlichen Tugenden manchmal sogar in heroischer Weise leben, Mut zuspreche, gebe ich zu, dass der Abstand, der uns von dem so anspruchsvollen Ideal des christlichen Zeugnisses trennt, zuweilen groß ist. Darum übernehme ich in Form eines Gebetes jene Worte des heiligen Paulus: Liebe Brüder, »euch aber lasse der Herr wachsen und reich werden in der Liebe zueinander und zu allen« (1 Thess 3,12). In diesem Zusammenhang muss das Zeugnis der Heiden über die Christen der Urkirche wie ein Leuchtturm an unserem Horizont gegenwärtig bleiben: »Seht, wie  sie einander lieben, sie lieben sich wirklich« (TERTULLIAN, Apologetik, 39,7).

Und schließlich hat das angekündigte Heil Gottes den Charakter einer unbesiegbaren Macht, die allem überlegen ist. Nachdem Jesus nämlich seinen Jüngern die schrecklichen Zeichen angekündigt hat, die seinem Kommen vorausgehen werden, schließt er: »Wenn [all] das beginnt, dann richtet euch auf, und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe« (Lk 21,28). Und wenn der heilige Paulus von einer Liebe spricht, die »wachsen und reich werden« soll, dann tut er das, weil das christliche Zeugnis diese unwiderstehliche Kraft widerspiegeln muss, um die es im Evangelium geht. Jesus will also auch inmitten nie dagewesener Umwälzungen seine große Macht, seine unvergleichliche Herrlichkeit (vgl. Lk 21,27) und die Macht der Liebe zeigen, die vor nichts zurückweicht, weder vor den erschütterten Himmeln, noch vor der brennenden Erde, noch vor dem wütenden Meer. Gott ist stärker als alles. Diese Überzeugung gibt dem Gläubigen Gelassenheit, Mut und die Kraft, angesichts der schlimmsten Widrigkeiten im Guten durchzuhalten. Auch wenn die Kräfte des Bösen sich entfesseln, müssen die Christen sich mit erhobenem Haupt zur Stelle melden, bereit, in diesem Kampf standzuhalten, in dem Gott das letzte Wort hat. Und dieses Wort wird ein Wort der Liebe sein!

An alle, die zu Unrecht die Waffen dieser Welt gebrauchen, richte ich einen Appell: Legt diese Instrumente des Todes ab; bewaffnet euch vielmehr mit Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit, den echten Garanten des Friedens. Jünger Christi, Priester, Ordensleute oder engagierte Laien in diesem Land mit dem so eindrucksvollen Namen im Herzen Afrikas – diesem Land, das aufgerufen ist, den Herrn als wirkliches Zentrum alles Guten zu entdecken –, eure Berufung ist es, inmitten eurer Mitbürger das Herz Gottes zu verkörpern. Gebe Gott, dass wir alle »gefestigt [sind,] ohne Tadel […], geheiligt vor Gott, unserem Vater, wenn Jesus, unser Herr, mit allen seinen Heiligen kommt« (1 Thess 3,13). So sei es!

(rv 29.11.2015 gs)

Papst Franziskus öffnet Heilige Pforte in Bangui

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Öffnung der Heiligen Pforte

Die erste „Heilige Pforte“ des unmittelbar bevorstehenden „Heiligen Jahres der Barmherzigkeit“ hat Papst Franziskus an diesem Sonntag geöffnet – an einem Ort der äußersten Peripherie aus europäischer Warte: in Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. „Möge Bangui die spirituelle Hauptstadt der Welt werden!“, rief Franziskus in einer kleinen Ansprache aus, die er sich vorab zurechtgelegt hatte. „Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit beginnt (hier) frühzeitig in einem Land, das unter Krieg, Hass, Mangel an Verständigung, Mangel an Frieden leidet. In diesem leidenden Land sind auch (geistlich) alle Länder anwesend, die das Kreuz des Krieges erlebt haben. Möge Bangui die spirituelle Hauptstadt des Gebets um die Barmherzigkeit des Vaters werden! Wir alle bitten: Frieden, Barmherzigkeit, Versöhnung, Verzeihung, Liebe! Für Bangui, die ganze Zentralafrikanische Republik und die ganze Welt, alle Länder, die unter Krieg leiden, erbitten wir Frieden. Bitten wir alle zusammen um Frieden und Vergebung! Und mit diesem Gebet beginnen wir nun das Heilige Jahr hier, in dieser geistlichen Hauptstadt der Welt, heute.“

„Öffnet die Pforten der Gerechtigkeit – ich werde eintreten und dem Herrn danken“ – diese alttestamentliche Formel bildete den Auftakt der Zeremonie zur Öffnung der Pforte. Franziskus drückte mit beiden Händen die Flügel des hölzernen Tores der Kathedrale aus den 1930er Jahren auf. Auf der Schwelle verharrte er für einen Augenblick stehend im Gebet, danach trat er als erster in die Kathedrale ein.

In seiner Predigt an diesem Ersten Adventsonntag lud Franziskus die Katholiken der Zentralafrikanischen Republik dazu ein, „Handwerker“ des Friedens zu sein. Er rief sie zu Gemeinschaftsgeist auf und dazu, Böses mit Gutem zu vergelten. Eindringlich rief der Papst dazu auf, anstelle handfester mörderischer Waffen jene der Gerechtigkeit, der Liebe und der Barmherzigkeit zu benutzen.

„Christen müssen standhalten gegen das Böse“

Franziskus feierte die Messe mit Priestern, Ordensleuten und engagierten katholischen Laien. Friede sei „nicht vor allem eine Frage der finanziellen Mittel“, sagte der Papst ihnen in der Kathedrale. Er erinnerte die Katholiken an das Gebot der „Feindesliebe, die gegen die Versuchung zur Rache und die Spirale endloser Vergeltungsmaßnahmen wappnet“. Jesus habe Wert darauf gelegt, auf diesem Aspekt christlichen Verhaltens zu beharren. Die Worte des Papstes fallen in eine Situation großer Spannungen zwischen Christen und Muslimen: Am Morgen seines Eintreffens in Bangui wurden dort in der Nähe des berüchtigten muslimischen PK5-Viertels zwei junge Christen ermordet, und ihre Familien kündigten umgehend blutige Rache an.

„Auch wenn die Kräfte des Bösen sich entfesseln, müssen die Christen sich mit erhobenem Haupt zur Stelle melden, bereit, in diesem Kampf standzuhalten, in dem Gott das letzte Wort hat. Und dieses Wort wird ein Wort der Liebe sein!“, bekräftigte Franziskus. An alle, die „zu Unrecht die Waffen dieser Welt gebrauchen“, richtete der Papst den Appell, diese „Instrumente des Todes“ abzulegen und sich mit den „echten Garanten des Friedens“ zu bewaffnen: Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit.

Franziskus gestand ein, dass „der Abstand, der uns von dem so anspruchsvollen christlichen Zeugnis trennt, zuweilen groß ist“. Und er erinnerte die Priester, Ordensleute und engagierten Laien an ihre Vorbildfunktion: Sie müssten „Handwerker der Vergebung, Spezialisten der Versöhnung und Experten der Barmherzigkeit sein“.

Friedenskuss für den Imam

Beim Moment des Friedensgrusses in der Kathedrale umarmte der Papst auch einen evangelischen Pastor und einen Imam, die in seiner Nähe standen. Bereits auf dem Weg zur Kathedrale hatte Franziskus einen kurzen Stopp an einem Kinderkrankenhaus der Hauptstadt eingelegt. Dabei schenkte er den jungen Patienten Medikamente, die ihm das römische Kinderkrankenhaus Bambin Gesu mitgegeben hatte.

(rv 29.11.2015 gs)