Papst Franziskus an die Diplomaten: Die Ansprache in deutscher Übersetzung

Papst Franziskus und das diplomatische Corps (Vatican Media)

Vatican News dokumentiert hier die Ansprache des Papstes an die Diplomaten in voller Länge und in offizieller deutscher Übersetzung.

Ansprache an das Diplomatische Korps

(Montag, 8. Januar 2018)

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

diese Begegnung ist ein schöner Brauch, denn sie gibt mir die Gelegenheit, während im Herzen die weihnachtliche Freude noch lebendig ist, Ihnen persönlich meine guten Wünsche für das vor kurzem begonnene Jahr zu übermitteln und meine Nähe und Verbundenheit mit den Völkern, die Sie vertreten, zum Ausdruck zu bringen. Ich danke dem Dekan des Diplomatischen Korps, Seiner Exzellenz Herrn Armindo Fernandes do Espírito Santo Vieira, Botschafter Angolas, für die ehrerbietigen Worte, die er eben im Namen des gesamten beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps an mich gerichtet hat. Besonders heiße ich die die Botschafter willkommen, die für diesen Anlass von außerhalb Roms gekommen sind. Ihre Zahl ist infolge der im vergangenen Mai stattgefundenen Aufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der Republik der Union Myanmar gewachsen. Ebenso begrüße ich die immer zahlreicheren in Rom residierenden Botschafter, unter denen sich jetzt auch der Botschafter der Republik Südafrika befindet. Zugleich möchte ich besonders des Botschafters Kolumbiens, Guillermo León Escobar-Herrán, gedenken, der wenige Tage vor Weihnachten verstorben ist. Ich danke Ihnen für den ergiebigen und beständigen Austausch, den Sie mit dem Staatssekretariat und den anderen Dikasterien der Römischen Kurie pflegen; er ist ein Zeugnis für das Interesse der internationalen Gemeinschaft an der Sendung des Heiligen Stuhles und am Einsatz der katholischen Kirche in Ihren jeweiligen Ländern. In diesem Zusammenhangt ist auch die Vertragstätigkeit des Heiligen Stuhls zu sehen, die im Februar des vergangenen Jahres zur Unterzeichnung der Rahmenvereinbarung mit der Republik Kongo geführt hat und im August zur Vereinbarung zwischen dem Staatssekretariat und der Regierung der Russischen Föderation über die Reisen ohne Visum der Inhaber diplomatischer Reisepässe.

In seiner Beziehung mit den zivilen Autoritäten strebt der Heilige Stuhl nur danach, das geistliche und materielle Wohl der menschlichen Person sowie das Gemeinwohl zu fördern. Die apostolischen Reisen, die ich im Laufe des vergangenen Jahres nach Ägypten, Portugal, Kolumbien, Myanmar und Bangladesch unternommen habe, waren Ausdruck dieses Anliegens. Anlässlich der Hundertjahrfeier der Erscheinungen der Muttergottes von Fatima habe ich mich als Pilger nach Portugal begeben, um die Heiligsprechung der Hirtenkinder Jacinta und Francisco Marto abzuhalten. Dort konnte ich den Glauben voll Begeisterung und Freude erleben, den die Jungfrau Maria in den vielen zu diesem Anlass zusammengekommenen Pilgern erweckt hat. Auch in Ägypten, Myanmar und Bangladesch konnte ich den örtlichen christlichen Gemeinschaften begegnen, die – obgleich zahlenmäßig sehr klein – aufgrund ihres Beitrags geschätzt werden, den sie für die Entwicklung und das zivile Zusammenleben der jeweiligen Länder leisten. Auch Treffen mit den Vertretern anderer Religionen haben nicht gefehlt, was bezeugt, wie die jeweiligen Besonderheiten nicht ein Hindernis für den Dialog sind, sondern der Lebenssaft, der das gemeinsame Streben nährt, die Wahrheit zu erkennen und die Gerechtigkeit zu üben. In Kolumbien habe ich schließlich die Bemühungen und den Mut dieses geliebten Volkes gesegnet, das nach über einem halben Jahrhundert des inneren Konflikts von einer großen Sehnsucht nach Frieden durchdrungen ist.

Liebe Botschafter,

dieses Jahr ist der hundertste Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs, eines Konflikts, der das Angesicht Europas und der ganzen Welt mit dem Entstehen neuer Staaten an der Stelle der alten Reiche neu gezeichnet hat. Aus dem Trümmerhaufen des Weltkriegs kann man zwei Mahnungen ziehen, die die Menschheit leider nicht unmittelbar verstand, so dass nach zwanzig Jahren zu einem neuen Konflikt kam, der noch zerstörerischer als der vorherige sein sollte. Die erste Mahnung ist, dass Siegen niemals bedeutet, den bezwungenen Gegner zu demütigen. Der Friede wird nicht als Machtbestätigung des Siegers über den Besiegten aufgebaut. Es ist nicht das Gesetz der Angst, das von künftigen Angriffen abhält, sondern vielmehr die Kraft der ruhigen Vernünftigkeit, die zum Dialog anregt und zum gegenseitigen Verständnis, um die Kontraste zu versöhnen[1]. Daraus leitet sich die zweite Mahnung ab: Der Friede wird gefestigt, wenn sich die Nationen in einem Klima der Gleichheit gegenübertreten können. Der damalige US-amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson erkannte dies – genau wie heute – vor einem Jahrhundert, als er die Einrichtung eines allgemeinen Bundes der Nationen vorschlug, der zum Ziel haben sollte, für alle Staaten, egal ob groß oder klein, gegenseitige Garantien für Unabhängigkeit und territoriale Integrität zu erreichen. Es wurden so die ideellen Grundlagen jener multilateralen Diplomatie gelegt, die im Laufe der Jahre eine wachsende Rolle gespielt hat und zunehmend Einfluss auf die gesamte internationale Gemeinschaft gewonnen hat.

Auch die Beziehungen unter den Nationen werden – so wie die zwischenmenschlichen Beziehungen – »von der Norm der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der tatkräftigen Solidarität und der Freiheit bestimmt«[2]. Dies bringt das Prinzip mit sich, »dass alle Staaten, was ihre natürliche Würde angeht, untereinander gleichgestellt sind«[3], wie auch die Anerkennung der beiderseitigen Rechte verbunden mit den jeweiligen Pflichten[4]. Grundlegende Voraussetzung dieser Haltung ist die Bejahung der Würde jeder menschlichen Person; deren Verachtung oder Nichtanerkennung führt zu Akten der Barbarei, die das Gewissen der Menschheit mit Empörung erfüllen[5]. Andererseits bildet »die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt«[6], wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unterstreicht.

Unser heutiges Treffen möchte ich diesem wichtigen Dokument widmen, das vor siebzig Jahren von die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 angenommen wurde. Von den Menschenrechten zu sprechen bedeutet nämlich für den Heiligen Stuhl vor allem, immer wieder auf die zentrale Stellung der Würde des Menschen, der von Gott gewollt und als sein Abbild ihm ähnlich geschaffen ist, hinzuweisen. Wenn der Herr Jesus Christus Aussätzige heilte, Blinde sehend machte, mit Zöllnern verkehrte, das Leben der Ehebrecherin verschonte und dazu einlud, den verwundeten Reisenden zu pflegen, hat er damit selbst zu verstehen gegeben, dass jeder Mensch unabhängig von seiner körperlichen, geistigen und gesellschaftlichen Lage Respekt und Beachtung verdient. Aus christlicher Sicht besteht also eine bedeutende Beziehung zwischen der Botschaft des Evangeliums und der Anerkennung der Menschenrechte gemäß dem Geist der Verfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Diese Rechte ziehen ihre Voraussetzung aus der Natur, die das Menschengeschlecht objektiv vereint. Sie sind formuliert worden, um die Mauern niederzureißen, welche die Menschheitsfamilie trennen, und das zu fördern, was die Soziallehre der Kirche ganzheitliche menschliche Entwicklung nennt, da sie »jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge hat […] bis hin zur gesamten Menschheit«[7]. Eine reduktionistische Sicht der menschlichen Person öffnet hingegen den Weg für die Verbreitung von Ungerechtigkeit, sozialer Ungleichheit und Korruption.

Wir müssen jedoch feststellen, dass im Laufe der Zeit, vor allem im Anschluss an die sozialen Unruhen der 68er-Jahre die Interpretation einiger Rechte fortschreitend derart abgeändert wurde, dass diese eine Vielzahl „neuer Rechte“ einschließt, die oft im Widerspruch zueinander stehen. Dies hat nicht immer die Förderung von freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Nationen begünstigt[8], weil strittige Auffassungen der Menschenrechte entstanden sind, die zu der Kultur vieler Länder im Gegensatz stehen. Diese fühlen sich in ihren gesellschaftlich-kulturellen Traditionen nicht respektiert, sondern angesichts der real zu bewältigenden Erfordernisse alleingelassen. Es kann deshalb die auf gewisse Weise paradoxe Gefahr bestehen, dass im Namen der Menschenrechte moderne Formen von ideologischer Kolonisierung der Starken und Reichen zum Schaden der Armen und Schwachen entstehen. Zugleich ist es angebracht, sich vor Augen zu halten, dass die Traditionen einzelner Völker nicht als Vorwand benutzt werden dürfen, um die gebührende Beachtung der von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formulierten Grundrechte zu unterlassen.

Sechzig Jahre später schmerzt es festzustellen, wie viele Grundrechte noch heute verletzt werden – als erstes vor allen anderen das Recht auf Leben, auf Freiheit und Unantastbarkeit jeder menschlichen Person[9]. Nicht nur Krieg oder Gewalt verletzen sie. In unserer Zeit gibt es subtilere Formen: Ich denke vor allem an die unschuldigen Kinder, die noch vor ihrer Geburt „weggeworfen“ werden; man will sie zuweilen nicht, nur weil sie krank oder missgebildet sind oder aufgrund des Egoismus der Erwachsenen. Ich denke an die alten Menschen, die oftmals ebenso „weggeworfen“ werden, vor allem wenn sie krank sind und als Last betrachtet werden. Ich denke an die Frauen, die oft Gewalt und Unterdrückung auch im Kreis ihrer eigenen Familien erleiden müssen. Ich denke dann an die Opfer des Menschenhandels, der das Verbot jeder Form von Sklaverei verletzt. Wie viele Menschen, insbesondere auf der Flucht vor Armut und Krieg, werden zum Gegenstand dieses von skrupellosen Leuten betriebenen schmutzigen Handels?

Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit zu verteidigen bedeutet auch, das Recht auf die Gesundheit der Person und ihrer Familienangehörigen zu schützen. Heute besitzt dieses Recht Implikationen, die die ursprüngliche Absicht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte überschreiten, die darauf abzielte, das Recht eines jeden auf die notwendigen medizinischen Behandlungen und sozialen Dienstleistungen zu gewährleisten[10]. In dieser Hinsicht hoffe ich, dass man sich in den international zuständigen Plattformen dafür einsetzt, dass vor allem ein einfacher Zugang zu den Behandlungen und Gesundheitsdiensten für alle gefördert wird. Es ist wichtig, die Bemühungen für eine Politik zu bündeln, welche die Bereitstellung von überlebensnotwendigen Medikamenten für Notleidende zu erschwinglichen Preisen gewährleistet. Dabei darf jedoch nicht die Forschung und Weiterentwicklung von Behandlungen vernachlässigt werden, die, auch wenn sie für den Markt wirtschaftlich gesehen unbedeutend sind, für die Rettung von menschlichem Leben aber entscheidend sind.

Das Recht auf Leben zu verteidigen bedeutet auch, sich aktiv für den Frieden einzusetzen, der allgemein als einer der höchsten und wichtigsten Werte angesehen wird, den es zu wahren gilt. Und dennoch stecken schwerwiegende lokale Konflikte verschiedene Regionen der Welt in Brand. Die gemeinsamen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, der humanitäre Einsatz von internationalen Organisationen und die unablässigen Rufe nach Frieden aus den blutgetränkten Kampfgebieten scheinen angesichts der schrecklichen Logik des Krieges immer wirkungsloser zu bleiben. Dieses Szenario darf unseren Wunsch nach Frieden und unsere Bemühungen dafür nicht schwächen, denn wir wissen, dass ohne ihn die ganzheitliche Entwicklung des Menschen nicht zu erreichen ist.

Die vollständige Abrüstung und die ganzheitliche Entwicklung stehen in einer engen Wechselbeziehung. Die Suche nach Frieden als Voraussetzung für Entwicklung schließt wiederum mit ein, Ungerechtigkeit zu bekämpfen und gewaltlos die Konfliktgründe auszumerzen, die zu Kriegen führen. Die Verbreitung von Waffen verschlimmert dagegen eindeutig die Konfliktsituationen und verursacht enorme Kosten auf menschlicher und materieller Ebene, die dann die Entwicklung und die Suche nach einem dauerhaften Frieden bedrohen. Ein historische Ergebnis wurde letztes Jahr mit der Annahme des Atomwaffenverbotsvertrags am Ende der Konferenz der Vereinten Nationen zur Verhandlung eines rechtlich bindenden Instruments für das Verbot von Atomwaffen erreicht. Es zeigt, wie die Sehnsucht nach Frieden stets lebendig ist. Die Förderung einer Friedenskultur für eine ganzheitliche Entwicklung erfordert beharrliche Bemühungen im Hinblick auf die Abrüstung und die Begrenzung des Einsatzes von Waffengewalt bei der Lösung internationaler Angelegenheiten. Ich möchte daher eine ruhige und möglichst breit angelegte Debatte über das Thema anregen, welche Polarisierungen der internationalen Gemeinschaft bezüglich einer so empfindlichen Frage vermeidet. Jedes auch noch so geringe Bemühen in diese Richtung stellt schon einen wichtigen Erfolg für die Menschheit dar.

Auch der Heilige Stuhl hat im Namen und seitens des Staates der Vatikanstadt den Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet und ratifiziert, gemäß der vom heiligen Johannes XXIII. in Pacem in terris formulierten Sichtweise, nach der »Gerechtigkeit, gesunde Vernunft und Rücksicht auf die Menschenwürde dringend [fordern], dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört; dass ferner die in verschiedenen Staaten bereits zur Verfügung stehenden Waffen auf beiden Seiten und gleichzeitig vermindert werden; dass Atomwaffen verboten werden«[11]. Wenn es in der Tat »auch kaum glaublich ist, dass es Menschen gibt, die es wagen möchten, die Verantwortung für die Vernichtung und das Leid auf sich zu nehmen, die ein Krieg im Gefolge hat, so kann man doch nicht leugnen, dass unversehens und unerwartet ein Kriegsbrand entstehen kann«[12].

Der Heilige Stuhl bekräftigt daher die feste Überzeugung, »dass die Streitigkeiten, die unter Umständen zwischen den Völkern entstehen, nicht durch Waffengewalt, sondern durch Verträge und Verhandlungen beizulegen sind«[13]. Andererseits kann ich angesichts der beständigen Herstellung von immer fortschrittlicheren und „verbesserten“ Waffen und des Andauerns zahlreicher Konfliktherde – was ich mehrfach „dritter Weltkrieg in Stücken“ genannt habe – die Worte meines heiligen Vorgängers nur mit Nachdruck wiederholen: »Darum widerstrebt es in unserem Zeitalter, das sich rühmt, Atomzeitalter zu sein, der Vernunft, den Krieg noch als das geeignete Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten. […] Trotz allem ist zu hoffen, die Völker werden durch freundschaftliche wechselseitige Beziehungen und Verhandlungen die Bande der menschlichen Natur besser anerkennen, durch die sie aneinandergeknüpft sind; sie werden ferner deutlicher einsehen, dass es zu den hauptsächlichen Pflichten der menschlichen Natur gehört, darauf hinzuwirken, dass die Beziehungen zwischen den einzelnen Menschen und den Völkern nicht der Furcht, sondern der Liebe gehorchen sollen, denn der Liebe ist es vor allem eigen, die Menschen zu jener aufrichtigen, äußeren und inneren Verbundenheit zu führen, aus der für sie so viel Gutes hervorzusprießen vermag.«[14]

In dieser Hinsicht ist es von besonderer Dringlichkeit, jeden Versuch des Dialogs auf der koreanischen Halbinsel zu unterstützen, um neue Wege zur Überwindung der aktuellen Gegensätze zu finden, das gegenseitige Vertrauen zu stärken und dem koreanischen Volk und der ganzen Welt eine Zukunft des Friedens zu sichern.

Ebenso wichtig ist es, dass die verschiedenen laufenden Friedensinitiativen für Syrien in einem konstruktiven Klima gestärkten Vertrauens unter den Kontrahenten fortgesetzt werden können, um dem langen Konflikt endlich ein Ende zu setzen, der das Land in Mitleidenschaft gezogen hat und entsetzliche Leiden verursacht hat. Es ist der allgemeine Wunsch, dass nach so viel Zerstörung die Zeit des Wiederaufbaus gekommen ist. Aber noch mehr als Gebäude ist es notwendig, die Herzen wieder aufzubauen und das Netz des gegenseitigen Vertrauens neu zu knüpfen, das für das Florieren einer jeglichen Gesellschaft eine unverzichtbare Voraussetzung darstellt. Man muss sich also darum bemühen, die rechtlichen und politischen Bedingungen wie auch die Sicherheitslage zu fördern, damit das gesellschaftlichen Leben wiederaufgenommen wird, in dem jeder Bürger unabhängig von seiner Volks- oder Religionszugehörigkeit an der Entwicklung des Landes teilnehmen kann. In diesem Sinne ist es lebensnotwendig, dass die religiösen Minderheiten geschützt werden; darunter sind die Christen, die seit Jahrhunderten aktiv zur Geschichte Syriens beitragen.

Es ist ebenso von Bedeutung, dass die zahlreichen Flüchtlinge, die in den Nachbarländern – vor allem in Jordanien, im Libanon und in der Türkei – Aufnahme und Zuflucht gefunden haben, in ihre Heimat zurückkehren können. Der Einsatz dieser Länder und ihre Anstrengungen in dieser schwierigen Situation verdienen die Anerkennung und die Unterstützung der ganzen internationalen Gemeinschaft. Diese ist zugleich aufgerufen, sich darum zu bemühen, die Voraussetzungen für die Heimkehr der aus Syrien stammenden Flüchtlinge zu schaffen. Diese Verpflichtung muss sie konkret auf sich nehmen, beginnend vom Libanon, damit dieses werte Land weiterhin eine „Botschaft“ des Respekts und des Zusammenlebens bleibt wie auch ein für die gesamte Region und die ganze Welt nachzuahmendes Beispiel.

Der Wille zum Dialog ist auch im geschätzten Irak vonnöten, damit seine verschiedenen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften den Weg der Versöhnung und des friedlichen Zusammenlebens und der Zusammenarbeit wiederfinden können, desgleichen im Jemen und in anderen Teilen der Region sowie in Afghanistan.

Im Anschluss an die Spannungen der letzten Wochen denke ich besonders an die Israeli und Palästinenser. Der Heilige Stuhl bekundet seine Trauer um alle, die in den kürzlich stattgefundenen Gefechten ihr Leben verloren haben. Indessen erneuert er seinen eindringlichen Aufruf, jede Initiative zu erwägen, um eine Zuspitzung der Gegensätze zu vermeiden, und lädt dazu ein, die gemeinsame Verpflichtung zur Achtung des Status quo von Jerusalem, der Christen, Juden und Moslems heiligen Stadt, in Übereinstimmung mit den entsprechenden Resolutionen der Vereinten Nationen einzuhalten. Sechzig Jahre Auseinandersetzungen machen es dringender denn je, eine politische Lösung zu finden, die es ermöglicht, dass in der Region zwei unabhängige Staaten innerhalb von international anerkannten Grenzen bestehen. Selbst unter Schwierigkeiten bleibt der Wille zum Dialog und zur Wiederaufnahme der Verhandlungen der Königsweg, um endlich zu einer friedlichen Koexistenz der beiden Völker zu gelangen.

Auch in den innerstaatlichen Bereichen sind Offenheit und Bereitschaft zur Begegnung wesentlich. Ich denke vor allem an das geschätzte Venezuela, das eine immer dramatischere und noch nie dagewesene politische und humanitäre Krise durchmacht. Während der Heilige Stuhl dazu auffordert, unverzüglich die dringendsten Bedürfnisse der Bevölkerung abzudecken, hofft er, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, damit die für dieses Jahr geplanten Wahlen zu einer Lösung der bestehenden Konflikte führen können. Möge man so mit wiedererlangter Gelassenheit in die Zukunft blicken können.

Die internationale Gemeinschaft darf auch das Leid in vielen Teilen Afrikas nicht vergessen, besonders im Südsudan, in der Demokratischen Republik Kongo, in Somalia, in Niger und in der Zentralafrikanischen Republik, wo das Recht auf Leben von einer wahllosen Ausbeutung der Rohstoffe, von Terrorismus und von dem Anwachsen bewaffneter Gruppierungen sowie von andauernden Konflikten bedroht ist. Es genügt nicht, sich über solche Gewalt zu entrüsten. Stattdessen muss jeder in seiner eigenen Umgebung bemüht sein, die Ursachen von Armut zu beseitigen und Brücken der Brüderlichkeit zu bauen, die eine Grundvoraussetzung für einen wahrhaft menschlichen Fortschritt sind.

Auch in der Ukraine ist ein gemeinsames Bemühen um den Wiederaufbau von Brücken dringlich. Im eben zu Ende gegangenen Jahr hat der Konflikt, der das Land heimsucht, zahlreiche neue Opfer gefordert und der Bevölkerung großes Leid zugefügt, vor allem den Familien, die in den Kriegsgebieten wohnen und Angehörige, darunter oft Kinder und Alte, verloren haben.

Gerade über die Familie will ich besonders sprechen. Das Recht, eine Familie zu gründen – sie ist »die natürliche Grundeinheit der Gesellschaft und hat Anspruch auf Schutz durch Gesellschaft und Staat«[15] –, ist denn auch von der Erklärung von 1948 anerkannt. Leider wissen wir, dass die Familie insbesondere im Westen als eine veraltete Institution betrachtet wird. Der Stabilität eines endgültigen Projektes zieht man heute flüchtige Bindungen vor. Aber ein Haus, das auf brüchige und unbeständige Bindungen gebaut wird, ist wackelig. Man braucht dazu einen Felsen, in den man feste Grundmauern verankern kann. Dieser Felsen ist die Gemeinschaft der treuen und unauflöslichen Liebe, die Mann und Frau eint. Eine Gemeinschaft von schlichter, einfacher Schönheit mit heiligem und unzerstörbaren Charakter und mit einer naturgegebenen Aufgabe für die Gesellschaftsordnung[16]. Ich halte es deshalb für dringlich, wirkliche politische Fördermaßnahmen zugunsten der Familie, von der unter anderem die Zukunft und der Fortschritt der Staaten abhängt, zu ergreifen. Ohne die Familie wird es keine Gesellschaft geben, die den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist. Die Vernachlässigung der Familie hat eine weitere dramatische Konsequenz, die in einigen Gegenden besonders ausgeprägt ist: das Sinken der Geburtszahlen. Wir leben in einem wahren demographischen Winter! Das ist das Kennzeichen einer Gesellschaft, die die Herausforderungen der Gegenwart nur mit Mühe angeht und deshalb immer mehr die Zukunft fürchtet und sich dann in sich selbst verschließt.

Gleichzeitig dürfen wir die Familien nicht vergessen, die aufgrund von Armut, Krieg und Migration zerrissen sind. Viel zu häufig sehen wir das Drama von Kindern, die alleine die Grenzen von Süd nach Nord überschreiten, oft als Opfer des Menschenhandels.

Heute wird viel über Flüchtlinge und Migration gesprochen, manchmal nur, um alteingesessene Ängste zu schüren. Wir dürfen nicht vergessen, dass es immer schon Migrationen gegeben hat. In der jüdisch-christlichen Tradition ist die Heilsgeschichte wesentlich eine Geschichte von Wanderungen. Außerdem gehört die Bewegungsfreiheit, also auch die Freiheit, das eigene Land zu verlassen und wieder zurückzukehren, zu den Grundrechten des Menschen[17]. Wir müssen darum auf eine falsche Rhetorik auf diesem Gebiet verzichten und von der grundliegenden Tatsache ausgehen, dass es sich hier vor allem um Menschen handelt.

Das wollte ich in meiner Botschaft zum Weltfriedenstag am vergangenen 1. Januar unter dem Titel „Migranten und Flüchtlinge: Menschen auf der Suche nach Frieden“ unterstreichen. Auch wenn man zugestehen muss, dass nicht immer alle von den besten Absichten geleitet werden, darf man nicht vergessen, dass der Großteil der Migranten lieber im eigenen Land bleiben würde. Sie sind jedoch »aufgrund von Diskriminierung, Verfolgung, Armut und Umweltzerstörung gezwungen […] ihr Land zu verlassen. […] Die Aufnahme des Anderen erfordert konkretes Engagement, eine Kette von Unterstützung und Wohlwollen, eine wache und verständnisvolle Aufmerksamkeit. Ebenso verlangt sie einen verantwortlichen Umgang mit neuen komplexen Situationen, die manchmal zu den zahlreichen bereits bestehenden Problemen hinzukommen, und mit den Ressourcen, die stets begrenzt sind. Wenn die Regierenden mit Besonnenheit vorgehen, sind sie imstande, praktische Maßnahmen zu ergreifen, um aufzunehmen, zu fördern, zu schützen und zu integrieren, und auf diese Weise, „soweit es das wahre Wohl ihrer Gemeinschaft zulässt, dem Vorhaben derer entgegenzukommen, die sich einer neuen Gemeinschaft anschließen wollen“ (Pacem in terris, 57). Sie haben eine klare Verantwortung gegenüber der Bevölkerung in ihren Ländern, deren ordentliche Rechte und harmonische Entwicklung sie gewährleisten müssen, damit sie nicht wie der törichte Bauherr erscheinen, der falsche Berechnungen angestellt hat und nicht in der Lage war, den Turm fertigzustellen, dessen Bau er begonnen hatte (Vgl. Lk 14, 28-30).«[18]

Ich möchte nochmals den Verantwortlichen jener Staaten danken, die sich in diesen Jahren bemüht haben, den zahlreichen Flüchtlingen an ihren Grenzen Unterstützung zu gewähren. Ich denke vor allem an nicht wenige Länder in Asien, Afrika und in Amerika, die viele Menschen aufnehmen und unterstützen. In lebendiger Erinnerung habe ich die Begegnung mit einigen Angehörigen des Volkes der Rohingya in Dakka. Ich möchte noch einmal den Autoritäten von Bangladesch für ihre Hilfsleistungen auf ihrem Gebiet danken.

Ferner möchte ich Italien besonderen Dank aussprechen, das in den vergangenen Jahren ein offenes und großmütiges Herz gezeigt hat und auch positive Beispiele von Integration aufzeigen konnte. Mein Wunsch ist, dass die Schwierigkeiten des Landes in den vergangenen Jahren, dessen Folgen noch andauern, nicht zur Abschottung oder zur Ausschließung führen mögen, sondern vielmehr zu einer Wiederentdeckung der Wurzeln und Traditionen, welche die reiche Geschichte der Nation gespeist haben und von unschätzbarem Wert für die ganze Welt sind. Ebenso danke ich weiteren europäischen Staaten für ihren Einsatz, besonders Griechenland und Deutschland. Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Flüchtlinge und Migranten nach Europa wollen, weil sie wissen, dass sie dort Frieden und Sicherheit finden können. Frieden und Sicherheit sind übrigens die Früchte eines langen Weges, der mit den Idealen der Gründerväter des europäischen Projektes nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Anfang genommen hat. Europa muss auf dieses Erbe stolz sein, das auf bestimmten Prinzipien und einer Sicht des Menschen gründet, das von seiner zweitausendjährigen, von der christlichen Auffassung der menschlichen Person inspirierten Geschichte herrührt. Die Ankunft der Flüchtlinge sollte Europa dazu anspornen, das eigene kulturelle und religiöse Erbe wiederzuentdecken. Wenn es sich der Werte bewusst wird, auf die es erbaut wurde, dann mag es sowohl die eigenen Traditionen wachhalten als auch weiterhin ein gastfreundlicher Ort sein, der Frieden und Entwicklung verspricht.

Im vergangenen Jahr haben sich Regierungen, internationale Organisationen und die Zivilgesellschaft gegenseitig beraten bezüglich der Grundprinzipien, der Prioritäten und der geeigneten Maßnahmen angesichts der Migrationsströme und der anhaltenden Lage der Flüchtlinge. Im Anschluss an die Erklärung von New York zu Flüchtlingen und Migranten 2016 haben die Vereinten Nationen wichtige Vorbereitungsprozesse zur Umsetzung von zwei Global Compacts hinsichtlich der Flüchtlinge bzw. einer sicheren, geordneten und geregelten Migration in die Wege geleitet.

Der Heilige Stuhl hofft, dass diese Initiativen mit den bald beginnenden Verhandlungen die Früchte bringen mögen, die einer immer stärker miteinander verflochtenen Weltgemeinschaft, die auf dem Prinzip der Solidarität und gegenseitigen Hilfe gründet, entsprechen. Im heutigen internationalen Kontext fehlen weder die Möglichkeiten noch die Mittel, um jedem Mann und jeder Frau dieser Erde die Lebensbedingungen zu garantieren, die der Würde der menschlichen Person entsprechen.

In der Botschaft zum diesjährigen Weltfriedenstag habe ich vier „Eckpfeiler“ für das Handeln vorgeschlagen: »aufnehmen, schützen, fördern und integrieren«[19]. Ich möchte mich besonders mit dem letzten beschäftigen, bezüglich dessen es verschiedene gegensätzlichen Einstellungen gibt, die sich aus ebenso verschiedenen Bewertungen, Erfahrungen, Ängsten und Überzeugungen speisen. „Integration“ ist „ein zweiseitig ausgerichteter Prozess“ mit gegenseitigen Rechten und Pflichten. Wer jemanden aufnimmt, muss dessen ganzheitliche menschliche Entwicklung fördern. Wer aufgenommen wird, muss sich den Regeln des Landes, das ihn beherbergt, unbedingt anpassen und dessen Identitätsprinzipien respektieren. Jeder Integrationsprozess muss ins Zentrum der Normen, die die verschiedenen Aspekte des politischen und sozialen Lebens betreffen, immer den Schutz und die Förderung der Person stellen, besonders wenn ihre Lage verletzlich ist.

Der Heilige Stuhl wird nicht in Entscheidungen eingreifen, die den Staaten zustehen. Sie tragen nämlich die erste Verantwortung zur Aufnahme, die sie im Licht der jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation und ihrer je eigenen Aufnahme- und Integrationskapazitäten wahrnehmen. Dennoch fühlt sich der Heilige Stuhl verpflichtet, auf die Prinzipien Menschlichkeit und Brüderlichkeit „hinzuweisen“, denn diese begründen jede Gesellschaft, die sich durch Zusammenhalt und Harmonie auszeichnet. In dieser Hinsicht darf man die Zusammenarbeit mit den Religionsgemeinschaften als Institutionen wie auch auf der Ebene der Verbände nicht vergessen, da sie eine wertvolle Rolle spielen können: zur Unterstützung der Betreuung und Förderung, im Bereich der sozialen und kulturellen Vermittlung sowie der Versöhnung und Integration.

Zu den Menschenrechten, an die ich heute erinnern will, gehört auch das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit, welches die Freiheit einschließt, die Religion zu wechseln.[20] Bekanntlich ist die Religionsfreiheit leider oft nicht gewährleistet und nicht selten wird die Religion zum Anlass genommen, neue Formen von Extremismus ideologisch zu rechtfertigen, oder zu einem Vorwand, um sozial auszugrenzen, wenn nicht gar die Gläubigen in gewisser Form zu verfolgen. Die Heranbildung einer inklusiven Gesellschaft benötigt als ihre Voraussetzung eine ganzheitliche Betrachtung der menschlichen Person. Diese wird sich wirklich angenommen fühlen, wenn sie in allen Dimensionen ihrer Identität, auch ihrer religiösen, anerkannt und akzeptiert wird.

Schließlich möchte ich die Wichtigkeit des Rechtes auf Arbeit wieder in Erinnerung rufen. Es gibt weder Frieden noch Entwicklung, wenn der Mensch daran gehindert wird, persönlich mit seiner eigenen Arbeit zum Gemeinwohl beizutragen. Es ist schmerzlich zu sehen, wie in vielen Teilen der Welt die Arbeit ein seltenes Gut ist. Mitunter gibt es – gerade für die Jugendlichen – geringe Möglichkeiten, Arbeit zu finden. Oft ist es einfach, sie zu verlieren, und zwar nicht nur wegen der Auswirkungen wechselnder Wirtschaftszyklen, sondern auch wegen des zunehmenden Einsatzes von immer perfekteren und genaueren Technologien und Maschinen, die in der Lage sind, den Menschen zu ersetzen. Wenn man also einerseits eine ungerechte Verteilung der Arbeitsmöglichkeiten feststellen kann, ist andererseits die Tendenz vorhanden, von den Werktätigen immer drückendere Arbeitsrhythmen zu verlangen. Die von der Globalisierung diktierte Forderung nach Profit hat zu einer schrittweisen Reduzierung der Ruhezeiten und -tage geführt. Damit haben wir eine grundlegende Dimension des Lebens verloren, nämlich die Ruhe, die es dem Menschen erlaubt, sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig zu erholen. Gott selbst hat am siebten Tag geruht: Er segnete ihn und heiligte ihn, »denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte« (Gen 2,3). Im Wechsel von Mühe und Erholung hat der Mensch Teil an der „Heiligung der Zeit“, die Gottes Werk ist, und adelt so die eigene Arbeit, weil er sie aus dem Einerlei eines sich immer wiederholenden rastlosen Alltags herausholt.

Ein besonderer Grund zur Sorge sind sodann die von der Internationalen Arbeitsorganisation veröffentlichen Daten bezüglich der wachsenden Zahl an arbeitenden Kindern und an Opfern neuer Formen von Sklaverei. Die Plage der Kinderarbeit beeinträchtigt weiter ernsthaft die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder, nimmt ihnen die Freuden der Kindheit und fordert unschuldige Opfer. Wir können nicht meinen, eine bessere Zukunft zu planen, oder wünschen, inklusivere Gesellschaften zu schaffen, solange wir Wirtschaftsmodelle weiterführen, die bloß auf reinen Profit ausgerichtet sind und die Ausbeutung Schwächerer, wie zum Beispiel Kinder, beinhalten. Die strukturellen Ursachen dieser Plage zu beseitigen sollte für Regierungen und internationale Organisationen eine Priorität darstellen. Sie sind aufgerufen, ihre Anstrengungen zu verstärken, um integrierte Strategien und aufeinander abgestimmte Politiken durchzuführen, damit die Kinderarbeit in all ihren Formen ein Ende findet.

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

wenn ich einige der Rechte der Allgemeinen Erklärung von 1948 in Erinnerung gerufen habe, soll will ich doch nicht einen damit eng verbundenen Gesichtspunkt weglassen: Jedes Individuum hat auch Pflichten gegenüber der Gesellschaft, um »den gerechten Anforderungen der Moral, der öffentlichen Ordnung und des allgemeinen Wohles in einer demokratischen Gesellschaft zu genügen«[21]. Beim angemessenen Hinweis auf die Rechte jedes Menschen muss in Betracht gezogen werden, dass jeder von uns Teil eines größeren Leibes ist. Wie bei jedem menschlichen Leib, so geht es auch unserer Gesellschaft gut, wenn jedes Mitglied seine Aufgabe erfüllt und sich bewusst ist, dass es dem Gemeinwohl dient.

Eine besonders dringende Pflicht ist heute die Sorge um unsere Erde. Wir wissen, dass die Natur auch von sich aus grausam sein kann, ohne dass der Mensch dafür verantwortlich ist. Das haben wir im vergangenen Jahr bei den Erdbeben gesehen, die verschiedene Regionen der Welt getroffen haben, insbesondere in den letzten Monaten in Mexiko und im Iran mit zahlreichen Opfern; oder auch bei der Gewalt der Wirbelstürme, die verschiedene Länder der Karibik heimgesucht haben und bis an die US-amerikanische Küste gelangt sind oder die erst vor kurzem über die Philippinen hinweggezogen sind. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es auch eine hauptsächliche Verantwortung des Menschen im Zusammenspiel mit der Natur gibt. Der Klimawandel mit dem globalen Temperaturanstieg und die damit verbundenen zerstörerischen Auswirkungen sind auch Folgen des menschlichen Handelns. Wir müssen daher gemeinsam die Verantwortung dafür übernehmen, den kommenden Generationen eine schönere und lebenswertere Welt zu hinterlassen. Dafür müssen wir daran arbeiten, im Licht der 2015 in Paris getroffenen Verpflichtungen die Abgasemissionen, die für die Atmosphäre schädlich sind als auch der menschlichen Gesundheit schaden, zu reduzieren.

Der Geist, der die Einzelnen und die Staaten bei dieser Aufgabe beseelen muss, kann mit dem der Erbauer der mittelalterlichen Kathedralen in ganz Europa verglichen werden. Diese gewaltigen Bauten erzählen, wie wichtig die Teilnahme eines jeden an einem Werk ist, dass die Grenzen der Zeit überdauert. Der Baumeister an einer Kathedrale wusste, dass er die Vollendung seines Werkes nicht erleben würde. Trotzdem hat er kräftig mitgeholfen, denn er verstand sich als Teil eines Projektes, das seinen Kinder zu Gute kommen sollte und die es dann ihrerseits für ihre Kinder verschönern und erweitert würden. Jeder Mann und jede Frau dieser Erde – und besonders wer Regierungsverantwortung trägt – soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen und so ein Zeichen der Hoffnung für unsere zerrissene Welt sein.

Mit diesen Überlegungen verbinde ich erneut meinen Wunsch für jeden von Ihnen, für Ihre Familien und Ihre Völker, dass das neue Jahr voll Freude, Hoffnung und Frieden sei. Danke.

 

 

[1] Vgl. Johannes XXIII., Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), 67.

[2] Ebd., 47.

[3] Ebd., 49.

[4] Vgl. ebd., 51.

[5] Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (10. Dezember 1948), Präambel.

[6] Ebd.

[7] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 14.

[8] Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Präambel.

[9] Vgl. ebd., Art. 3.

[10] Vgl. ebd., Art. 25.

[11] Pacem in terris, 60.

[12] Ebd.

[13] Ebd., 67.

[14] Ebd.

[15] Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 16.

[16] Vgl. Paul VI., Ansprache beim Besuch der Verkündigungsbasilika in Nazareth (5. Januar 1964).

[17] Vgl. Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 13.

[18] Franziskus, Botschaft zur Feier des 51. Weltfriedenstages 2018 (13. November 2017), 1.

[19] Ebd., 4.

[20] Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Art. 18.

[21] Ebd., Art. 29.

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Quelle

„Der Friede ist eine ‚aktive Tugend’‪‪“

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Audienzansprache Vor Dem Diplomatischen Corps, 9. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Audienzansprache von Papst Franziskus vor dem Diplomatischen Corps — Volltext

Wir dokumentieren in der offiziellen Übersetzung die Audienzansprache von Papst Franziskus vor dem Diplomatischen Corps. Eine Zusammenfassung ist hier abrufbar.

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Exzellenzen,
liebe Botschafter,
sehr geehrte Damen und Herren,

gerne heiße ich Sie willkommen und danke Ihnen, dass Sie so zahlreich erschienen sind und diesem traditionellen Treffen wieder Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es gibt uns die Gelegenheit, gegenseitig die Wünsche auszutauschen, dass das eben begonnene Jahr für alle eine Zeit der Freude, des Wohlergehens und des Friedens sei. Einen ganz besonderen Dank richte ich an den Dekan des Diplomatischen Korps, Seine Exzellenz Armindo Fernandes do Espírito Santo Vieira, Botschafter von Angola, für die ehrerbietigen Grußworte im Namen des ganzen beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps. Es wurde ja kürzlich durch die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit der Islamischen Republik Mauretanien vor einem Monat erweitert. Desgleichen möchte ich den vielen Botschaftern, die in der Stadt Rom residieren und deren Zahl im Lauf des vergangenen Jahres zugenommen hat, wie auch den nicht residierenden Botschaftern meinen Dank ausdrücken, dass sie mit ihrem heutigen Besuch das freundschaftliche Band, das ihre Völker und den Heiligen Stuhl verbindet, unterstreichen wollen. Ebenso ist es mir ein Anliegen, dem Botschafter von Malaysia im Gedenken an seinen im vergangenen Februar verstorbenen Vorgänger Dato’ Mohd Zulkephli Bin Mohd Noor meine besondere Anteilnahme auszusprechen.

Im Lauf des letzten Jahres konnten die Beziehungen zwischen Ihren Ländern und dem Heiligen Stuhl dank der geschätzten Besuche zahlreicher Staatsoberhäupter und Regierungschefs weiter vertieft werden, die auch in Verbindung mit den verschiedenen Veranstaltungen im Rahmen des kürzlich zu Ende gegangenen außerordentlichen Jubiläums der Barmherzigkeit stattfanden. Es wurden auch einige bilaterale Verträge unterzeichnet oder ratifiziert, sowohl solche allgemeiner Natur zur Anerkennung des Rechtsstatuts der Kirche – mit der Demokratischen Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik, mit Benin und mit Ost-Timor –, als auch solche mehr fachlicher Natur wie der mit Frankreich geschlossene Abänderungsvertrag oder die Steuerkonvention mit der Republik Italien, die vor kurzem in Kraft trat. Hinzu kommt auch das Memorandum zur gegenseitigen Verständigung zwischen dem Staatssekretariat und der Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate. Ferner wurde im Blick auf den Einsatz des Heiligen Stuhls, die übernommenen Verpflichtungen der unterzeichneten Abkommen einzuhalten, das Comprehensive Agreement mit dem Staat Palästina, das vor einem Jahr in Kraft trat, vollständig umgesetzt.

Liebe Botschafter,

vor einem Jahrhundert befand sich die Welt mitten im Ersten Weltkrieg. Ein unnötiges Blutbad[1], bei dem neue Gefechtstechniken Tod verbreiteten und für die wehrlose Zivilbevölkerung unermessliche Leiden verursachten. Im Jahr 1917 wandelte sich das Antlitz des Krieges grundlegend und nahm immer mehr weltweite Züge an, während jene totalitären Regime, die dann lange Zeit Ursache schmerzlicher Teilungen sein sollten, am Horizont erschienen. Hundert Jahre danach können viele Teile der Welt sagen, dass sie lange Friedenszeiten genießen konnten. Diese haben bisher nie dagewesene Möglichkeiten wirtschaftlicher Entwicklung und Formen des Wohlstands begünstigt. Wenn heute für viele der Friede in gewisser Weise als ein selbstverständliches Gut erscheint, gleichsam als ein erworbenes Recht, dem man nicht mehr viel Aufmerksamkeit schenkt, ist er für zu viele noch immer nur ein fernes Wunschbild. Millionen von Menschen leben immer noch im Zentrum sinnloser Konflikte. Auch an Orten, die einmal als sicher galten, spürt man ein allgemeines Gefühl der Angst. Wir sind oft übermannt von Bildern des Todes, vom Leid der Unschuldigen, die um Hilfe und Trost bitten, von der Trauer derer, die wegen Hass und Gewalt um einen geliebten Menschen weinen, vom Drama der Flüchtlinge, die vor dem Krieg fliehen, oder der Migranten, die tragisch ums Leben kommen.

Daher möchte ich die heutige Begegnung dem Thema der Sicherheit und des Friedens widmen. Im Klima allgemeiner Besorgnis um die Gegenwart als auch der Unsicherheit und der Angst vor der Zukunft, in dem wir uns befinden, halte ich es für wichtig, ein Wort der Hoffnung zu sagen, das auch die Perspektive eines Weges aufzeigt.

Vor einigen Tagen haben wir gerade den 50. Weltfriedenstag gefeiert, den mein Vorgänger der selige Paul VI. einführte »als Wunsch und Gelöbnis, an den Anfang des Jahres, das die Zeit unseres menschlichen Daseins misst und beschreibt, den Frieden zu stellen, um in seiner gerechten und wohltuenden Ausgeglichenheit die geschichtliche Entwicklung der Zukunft zu bestimmen«[2]. Für die Christen ist der Friede eine Gabe des Herrn, verkündet und besungen von den Engeln bei der Geburt Christi: »Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade« (Lk 2, 14). Er ist ein positives Gut, »die Frucht der Ordnung, die […] in die menschliche Gesellschaft eingestiftet«[3] ist, und »besteht nicht [einfach] darin, dass kein Krieg ist«.[4] Er »lässt sich auch nicht bloß durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern«[5], vielmehr fordert er den Einsatz der Menschen guten Willens »durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit«[6].

In dieser Sicht bekunde ich die feste Überzeugung, dass jeder Ausdruck von Religion den Frieden zu fördern hat. Das konnte ich auf bedeutsame Weise im Zuge des Weltgebetstags für den Frieden im vergangenen September in Assisi erfahren, bei dem sich die Vertreter der verschiedenen Religionen getroffen haben, um »allen, die leiden, eine Stimme [zu] geben, allen, die keine Stimme haben und die niemand hört«[7], als auch anlässlich meines Besuchs in der Großen Synagoge von Rom oder in der Moschee von Baku.

Wir wissen, dass es an religiös motivierter Gewalt nicht gefehlt hat, angefangen eben bei Europa, wo die historischen Spaltungen unter den Christen viel zu lange andauerten. Auf meiner jüngsten Reise nach Schweden wollte ich an die dringende Notwendigkeit erinnern, die Wunden der Vergangenheit zu heilen und zusammen unterwegs zu sein auf gemeinsame Ziele hin. Einem solchen Weg kann nur der echte Dialog zwischen den unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen zugrunde liegen. Es ist ein möglicher und notwendiger Dialog, wie ich durch das Treffen mit dem Patriarchen Kyrill von Moskau auf Kuba zu bezeugen versuchte als auch bei den Apostolischen Reisen nach Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Dort konnte ich das rechte Bestreben dieser Völker sehen, die Konflikte beizulegen, die seit Jahren die Eintracht und den Frieden beeinträchtigen.

Zugleich ist es angebracht, die vielfältigen religiös inspirierten Werke nicht zu vergessen, die – manchmal auch unter dem Opfer der Märtyrer – am Aufbau des Gemeinwohls mitwirken, besonders durch Bildung und Unterstützung vor allem in den am meisten notleidenden Regionen und den Konfliktschauplätzen. Solche Werke tragen zum Frieden bei und geben Zeugnis davon, wie man konkret zusammenleben und zusammenarbeiten kann – selbst wenn man verschiedenen Völkern, Kulturen und Traditionen angehört –, sooft die Würde der menschlichen Person in den Mittelpunkt des eigenen Handelns gestellt wird.

Leider ist uns bewusst, wie auch heute noch die religiöse Erfahrung, anstatt für den anderen zu öffnen, bisweilen als Vorwand für Abschottung, Ausgrenzung und Gewalt benutzt werden kann. Ich beziehe mich in besonderer Weise auf den Terrorismus fundamentalistischen Ursprungs, der auch im vergangenen Jahr zahlreiche Opfer auf der ganzen Welt hinweggerafft hat: Afghanistan, Bangladesch, Belgien, Burkina Faso, Ägypten, Frankreich, Deutschland, Jordanien, Irak, Nigeria, Pakistan, Vereinigte Staaten von Amerika, Tunesien und Türkei. Es sind niederträchtige Akte, die wie in Nigeria Kinder zum Töten missbrauchen; die es auf Menschen absehen, die wie in der Koptischen Kathedrale von Kairo beten, die wie in Brüssel reisen oder arbeiten, die wie in Nizza und Berlin als Passanten unterwegs sind oder wie in Istanbul einfach den Beginn des neuen Jahres feiern.

Es handelt sich um einen mörderischen Wahnsinn, der den Namen Gottes missbraucht, um Tod zu verbreiten, und versucht, einen Macht- und Herrschaftswillen durchzusetzen. Daher appelliere ich an alle religiösen Autoritäten, dass sie gemeinsam entschieden bekräftigen, dass man nie im Namen Gottes töten darf. Der fundamentalistische Terrorismus ist Frucht einer großen geistigen Erbärmlichkeit, mit der häufig auch eine beträchtliche soziale Armut eng verbunden ist. Er wird nur durch den gemeinsamen Beitrag der religiösen und politischen Führer vollständig überwunden werden können. Ersteren obliegt die Pflicht, jene religiösen Werte zu vermitteln, die keinen Gegensatz zwischen Gottesfurcht und Nächstenliebe zulassen. Aufgabe der zweiten ist es, im öffentlichen Raum das Recht der Religionsfreiheit zu garantieren und den positiven und konstruktiven Beitrag anzuerkennen, den sie am Aufbau der Zivilgesellschaft leistet. In ihr dürfen die soziale Zugehörigkeit, die vom Staatsbürgerschaftsprinzip festgelegt wird, und die geistliche Dimension des Lebens nicht als einander widersprechend verstanden werden. Die Regierenden haben ferner die Verantwortung, die Entstehung jener Situationen zu verhindern, die zum fruchtbaren Boden für die Ausbreitung von Fundamentalismen werden. Dies erfordert eine angemessene Sozialpolitik mit dem Ziel der Bekämpfung der Armut, die von einer echten Aufwertung der Familie als bevorzugter der Ort der menschlichen Reifung und von beträchtlichen Investitionen im Bildungs- und Kulturbereich nicht absehen kann.

Diesbezüglich nehme ich mit Interesse die Initiative des Europarats zur religiösen Dimension des interkulturellen Dialogs auf, die im vergangenen Jahr die Rolle der Erziehung bei der Prävention von Radikalisierung, die zum gewalttätigen Terrorismus und Extremismus führt, zum Thema hatte. Es handelt sich um eine Gelegenheit, den Beitrag des religiösen Phänomens und die Rolle der Erziehung hinsichtlich einer wirklichen Befriedung des sozialen Gefüges, die für das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft notwendig ist, eingehend zu studieren.

In diesem Sinn möchte ich die Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass keine politische Autorität sich damit begnügen darf, die Sicherheit der eigenen Staatsbürger zu gewährleisten – eine Auffassung, die sich leicht auf ein einfaches „ruhigen Leben“ zurückführen lassen könnte – sondern aufgerufen ist, auch wirklich Frieden zu fördern und aufzubauen. Der Friede ist eine „aktive Tugend“, die den Einsatz und die Mitarbeit jedes einzelnen Menschen und der gesamten Gesellschaft als Ganzer erfordert. Wie das Zweite Vatikanische Konzil feststellte, »ist der Friede niemals endgültiger Besitz, sondern immer wieder neu zu erfüllende Aufgabe«[8], welcher das Wohl der Menschen schützt und ihre Würde achtet. Den Frieden aufzubauen erfordert vor allem, auf Gewalt in der Beanspruchung der eigenen Rechte zu verzichten.[9] Genau diesem Grundsatz wollte ich die Botschaft für den Weltfriedenstag 2017 mit dem Titel »Gewaltfreiheit: Stil einer Politik für den Frieden« widmen, um vor allem in Erinnerung zu rufen, inwiefern die Gewaltfreiheit ein politischer Stil ist, der auf dem Vorrang des Rechts und der Würde jedes Menschen beruht.

Den Frieden aufzubauen verlangt auch, dass »die Ursachen der Zwietracht in der Welt, die zum Krieg führen, beseitigt werden«[10], angefangen bei den Ungerechtigkeiten. Es gibt wirklich eine tiefe Verbindung zwischen Gerechtigkeit und Frieden[11]. Der heilige Johannes Paul II. stellte fest: »Da aber die menschliche Gerechtigkeit, die nun einmal den Grenzen und Egoismen von Personen und Gruppen ausgesetzt ist, immer zerbrechlich und unvollkommen ist, muss sie in der Vergebung, die die Wunden heilt und die tiefgehende Wiederherstellung der gestörten menschlichen Beziehungen bewirkt, praktiziert und gewissermaßen vervollständigt werden. […] Die Vergebung widersetzt sich in keiner Weise der Gerechtigkeit […] Die Vergebung strebt vielmehr jene Fülle von Gerechtigkeit an, welche die Ruhe der Ordnung herbeiführt; diese bedeutet […] eine tiefgreifende Heilung der in den Herzen blutenden Wunden. Wesentlich für eine solche Heilung sind beide, die Gerechtigkeit und die Vergebung.«[12] Diese Worte, die heute mehr denn je aktuell sind, trafen bei einigen Staatsoberhäuptern und Regierungschefs die Bereitschaft an, meine Einladung aufzugreifen, einen Gnadenakt gegenüber den Strafgefangenen zu setzen. Ihnen wie auch allen, die sich dafür einsetzen, würdige Lebensbedingungen für die Häftlinge zu schaffen und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu fördern, möchte ich meine besondere Anerkennung und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

Ich bin überzeugt, dass das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit für viele eine besonders günstige Gelegenheit war, um auch die »große positive Auswirkung der Barmherzigkeit als sozialer Wert«[13] zu entdecken. Jeder kann so beitragen, »eine Kultur der Barmherzigkeit wachsen zu lassen, die darauf gründet, die Begegnung mit den anderen wiederzuentdecken: eine Kultur, in der niemand mit Gleichgültigkeit auf den anderen schaut, noch den Blick abwendet, wenn er das Leid der Mitmenschen sieht.«[14] Nur so wird man Gesellschaften aufbauen können, die Ausländern gegenüber offen und aufnahmebereit und zugleich in ihrem Inneren sicher und friedlich sind. Dies ist in der gegenwärtigen Zeit noch viel notwendiger, da große Migrationsströme in verschiedenen Teilen der Welt ununterbrochen weitergehen. Ich denke besonders an die zahlreichen Vertriebenen und Flüchtlinge in einigen Gebieten Afrikas, Südostasiens und an alle, die aus den Konfliktgebieten im Nahen Osten fliehen.

Im vergangenen Jahr hat sich die internationale Gemeinschaft mit zwei wichtigen Treffen der Vereinten Nationen beschäftigt: dem ersten Humanitären Weltgipfel und dem Gipfel zu den großen Flucht-und Migrationsbewegungen. Es braucht einen gemeinsamen Einsatz für Migranten, Vertriebene und Flüchtlinge, damit ihnen eine würdige Aufnahme geboten werden kann. Dazu muss man das Recht »jede[s] Menschen […] in andere Staaten auszuwandern und dort seinen Wohnsitz aufzuschlagen«,[15] anwenden und gleichzeitig die Möglichkeit zur Integration der Migranten in das Sozialgefüge, in das sie sich eingliedern, garantieren, ohne dass dieses seine eigene Sicherheit, seine kulturelle Identität und sein sozialpolitisches Gleichgewicht gefährdet sieht. Andererseits dürfen die Migranten selbst nicht vergessen, dass sie verpflichtet sind, die Gesetze, die Kultur und Traditionen der Länder, die sie aufnehmen, zu respektieren.

Ein kluger Ansatz seitens der Vertreter des öffentlichen Lebens besteht nicht in der Durchführung einer Politik der Ausgrenzung von Migranten, sondern vielmehr in einem weisen und weitsichtigen Abwägen, inwieweit das eigene Land in der Lage ist, den Migranten – vor allem wirklich schutzbedürftigen – ein würdiges Leben zu bieten, ohne dabei das Gemeinwohl der Bürger zu schädigen. Auf keinen Fall darf man die gegenwärtige dramatische Krise zu einer einfachen Berechnung von Zahlen machen. Migranten sind Personen mit Namen, Geschichten und Familien. Nie wird es wirklichen Frieden geben, solange auch nur ein einziger Mensch in seiner eigenen persönlichen Identität verletzt wird und auf eine bloße Statistiknummer oder ein Objekt von wirtschaftlichem Interesse reduziert wird.

Die Migrationsproblematik ist eine Frage, die nicht einige Länder gleichgültig lassen darf, während andere die humanitäre Last tragen, oft mit beträchtlichem Aufwand und schweren Unannehmlichkeiten, um einem fast endlos scheinenden Notstand die Stirn zu bieten. Alle sollten sich zum Aufbau und zur Mitarbeit am internationalen Gemeinwohl aufgerufen fühlen, auch durch konkrete Gesten von Mitmenschlichkeit. Diese sind wesentliche Faktoren für jenen Frieden und jene Entwicklung, auf welche noch ganze Länder und Millionen von Menschen warten. Ich bin daher den vielen Ländern dankbar, die großzügig Notleidende aufnehmen, angefangen bei verschiedenen europäischen Staaten, besonders Italien, Deutschland, Griechenland und Schweden.

Immer wird mir die Reise in Erinnerung bleiben, die ich gemeinsam mit meinen Brüdern Patriarch Bartholomaios und Erzbischof Hieronymos auf die Insel Lesbos unternommen habe. Dort habe ich hautnah die dramatische Situation der Flüchtlingslager erlebt, aber auch die Menschlichkeit und die Dienstbereitschaft der vielen Helfer. Ebenso wenig dürfen die Aufnahmebereitschaft weiterer Länder Europas und des Nahen Ostens, wie Libanon, Jordanien, Türkei, und der Einsatz verschiedener afrikanischer und asiatischer Länder vergessen werden. Auch während meiner Reise nach Mexiko, wo ich die Freude des mexikanischen Volkes erfahren durfte, fühlte ich mich den Tausenden von Migranten aus Zentralamerika nahe. Auf der Suche nach einer besseren Zukunft erleiden sie schreckliche Ungerechtigkeiten und Gefahren, sind Opfer von Erpressungen und werden zur Ware auf dem verwerflichen Markt des Menschenhandels, eine entsetzliche Form moderner Sklaverei.

Ein Feind des Friedens ist eine solche „reduktive Sicht“ des Menschen, die zur Verbreitung von Ungerechtigkeit, sozialer Ungleichheit und Korruption beiträgt. Genau gegen letzteres Phänomen der Korruption ist der Heilige Stuhl neue Verpflichtungen eingegangen, als er am vergangenen 19. September das Beitrittsdokument zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen Korruption, das am 31. Oktober 2003 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet worden ist, formell hinterlegt hat.

In seiner Enzyklika Populorum progressio, deren 50. Jahrestag dieses Jahr begangen wird, hat der selige Paul VI. daran erinnert, wie derartige Ungleichheiten zu Unfrieden führen. »Der Weg zum Frieden [führt] nur über den Fortschritt«.[16] Ihn zu fördern und zu begünstigen ist die Pflicht der Vertreter des öffentlichen Lebens, indem sie Bedingungen für eine gerechtere Güterverteilung schaffen und Arbeitsmöglichkeiten gerade für die Jüngeren anregen. Es gibt auf der Welt immer noch zu viele Menschen, vor allem Kinder, die unter ständiger Armut leiden und denen es im Leben an ausreichender Nahrung fehlt – ja, die Hunger leiden –, während die natürlichen Ressourcen von einigen Wenigen gierig ausgebeutet und jeden Tag enorme Mengen von Nahrungsmitteln verschwendet werden.

Die Kinder und Jugendlichen sind die Zukunft, für sie arbeiten wir und bauen wir etwas auf. Sie dürfen nicht egoistisch vernachlässigt und vergessen werden. Wie ich schon kürzlich in einem Schreiben an alle Bischöfe erinnert habe, halte ich deshalb den Schutz der Kinder für vorrangig. Ihre Unschuld wird oft unter der Last der Ausbeutung, Schwarz- und Sklavenarbeit, Prostitution oder des Missbrauchs durch Erwachsene, Kriminelle und Todeshändler zerstört.[17]

Während meiner Reise nach Polen anlässlich des Weltjugendtages durfte ich Tausenden Jugendlichen voll Enthusiasmus und Lebensfreude begegnen. Bei vielen anderen habe ich allerdings Schmerz und Leid gesehen. Ich denke dabei an die Jungen und Mädchen, die unter den Folgen des grausamen Syrienkonfliktes leiden und denen die Freuden der Kindheit und Jugendzeit genommen wurden: von der Möglichkeit, ungezwungen zu spielen, bis zur Gelegenheit, eine Schule zu besuchen. An sie und an das ganze geliebte syrische Volk gehen ständig meine Gedanken. Indessen appelliere ich an die internationale Gemeinschaft, sich schnell um die Aufnahme ernsthafter Verhandlungen zu bemühen, die diesen Konflikt, der eine regelrechte humanitäre Katastrophe hervorruft, für immer beenden. Alle Beteiligten müssen die Beachtung des humanitären Völkerrechts als vorrangig ansehen, indem sie den Schutz der Zivilbevölkerung und die notwendige humanitäre Hilfe für die Bevölkerung garantieren. Unser gemeinsamer Wunsch ist, dass der kürzlich geschlossene Waffenstillstand für das ganze syrische Volk ein Hoffnungszeichen sei, welches es so sehr benötigt.

Dies erfordert auch Bemühungen im Kampf gegen den schändlichen Waffenhandel und den andauernden Wettlauf um Herstellung und Verbreitung von immer höher entwickelten Waffen. Die Experimente auf der koreanischen Halbinsel sind erschütternd; sie destabilisieren die gesamte Region und stellen die ganze internationale Gemeinschaft vor die beunruhigende Frage nach der Gefahr eines neuen nuklearen Rüstungswettlaufes. Noch immer sind die Worte des heiligen Johannes XXIII. in der Enzyklika Pacem in terris aktuell, als er sagte: »Gesunde Vernunft und Rücksicht auf die Menschenwürde [fordern] dringend, dass der allgemeine Rüstungswettlauf aufhört; dass ferner die in verschiedenen Staaten bereits zur Verfügung stehenden Waffen auf beiden Seiten und gleichzeitig vermindert werden; dass Atomwaffen verboten werden.«[18] In diesem Sinne und mit Blick auf die nächste Abrüstungskonferenz bemüht sich der Heilige Stuhl, eine Friedens- und Sicherheitsethik zu fördern, welche die Angst und die „Abschottung“ überwindet, welche die Diskussion um Nuklearwaffen beherrscht.

Auch bezüglich der herkömmlichen Waffen muss hervorgehoben werden, dass der oft mühelose Zugang zum Waffenmarkt, auch zu Waffen kleinen Kalibers, die Situation in den verschiedenen Konfliktgebieten verschärft und außerdem ein allgemeines Gefühl von Unsicherheit und Angst hervorruft. Das ist in Zeiten sozialer Ungewissheit und epochaler Veränderungen wie heute umso gefährlicher.

Ein Feind des Friedens ist die Ideologie, welche soziale Notstände ausnützt, um Verachtung und Hass zu schüren und den anderen als Feind zu betrachten, der vernichtet werden muss. Leider tauchen am Horizont der Menschheit immer wieder neue Formen von Ideologien auf. Sie verkleiden sich als Heilsbringer für das Volk und lassen stattdessen Armut, Gräben, soziale Spannungen, Leid und nicht selten auch Tod zurück. Der Friede wird hingegen durch Solidarität gewonnen. Aus ihr entsteht der Wille zu Dialog und Zusammenarbeit, der in der Diplomatie ein grundlegendes Instrument besitzt. Vor dem Hintergrund der Barmherzigkeit und Solidarität versteht sich der überzeugte Einsatz des Heiligen Stuhls und der Katholischen Kirche für eine Abwendung von Konflikten und bei der Begleitung von Prozessen für Frieden, Versöhnung und Suche nach Verhandlungslösungen. Es ist ermutigend zu sehen, dass einige Versuche auf den guten Willen von vielen Menschen stoßen, die von mehreren Seiten her sich aktiv und faktisch für den Frieden einsetzen. Ich denke dabei an die Bemühungen für eine Annäherung zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten in den letzten zwei Jahren. Ich denke ebenso an den beharrlichen Einsatz, wenn auch unter Schwierigkeiten, zur Beendigung des Konflikts in Kolumbien.

Dieser Ansatz will das gegenseitige Vertrauen fördern, Wege des Dialogs unterstützen und unterstreichen, dass mutige Gesten notwendig sind. Diese sind auch im benachbarten Venezuela äußerst dringlich, wo die Folgen der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Krise seit geraumer Zeit auf der Zivilbevölkerung lasten; oder auch in anderen Teilen der Erde, angefangen beim Nahen Osten, um nicht nur dem Syrienkonflikt ein Ende zu setzen, sondern auch eine volle Versöhnung der Gesellschaft im Irak und in Jemen zu fördern. Der Heilige Stuhl bekräftigt ferner seinen eindringlichen Aufruf, dass zwischen Israelis und Palästinensern der Dialog wieder aufgenommen wird, damit man zu einer stabilen und dauerhaften Lösung gelangt, welche die friedliche Koexistenz zweier Staaten innerhalb international anerkannter Grenzen gewährleistet. Kein Konflikt darf je zur Gewohnheit werden, von der man scheinbar quasi nicht loskommen kann. Israelis und Palästinenser brauchen Frieden. Der ganze Nahe Osten braucht dringend Frieden!

Gleichfalls erhoffe ich, dass die Abkommen zur Wiederherstellung des Friedens in Libyen, wo es höchst dringlich ist, die Spaltungen dieser Jahre zu überwinden, vollständig umgesetzt werden. Ebenso unterstütze ich alle Anstrengungen auf lokaler und internationaler Ebene, um das zivile Zusammenleben im Sudan und im Südsudan sowie in der Zentralafrikanischen Republik, die von anhaltenden bewaffneten Auseinandersetzungen, Massakern und Verwüstungen geplagt werden, wie auch in anderen Nationen des Kontinents, in denen politische und soziale Instabilität herrscht, wiederzustellen. Insbesondere bringe ich meine Hoffnung zum Ausdruck, dass das kürzlich unterzeichnete Abkommen in der Demokratischen Republik Kongo dazu beiträgt, dass die Verantwortungsträger in der Politik sich voll Eifer dafür einsetzen, die Versöhnung und den Dialog zwischen allen Teilen der Zivilgesellschaft zu fördern. Ferner denke ich an Myanmar, damit ein friedliches Miteinander gefördert wird und man mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft denen Unterstützung zukommen lässt, die sie sehr dringend brauchen.

Auch in Europa, wo es ebenso Spannungen gibt, ist die Bereitschaft zum Dialog der einzige Weg, um die Sicherheit und die Entwicklung des Kontinents zu gewährleisten. Gerne begrüße ich daher die Initiativen zur Förderung des Einigungsprozesses von Zypern, das gerade heute eine Wiederaufnahme der Verhandlungen erfährt. Ich hoffe hingegen, dass man in der Ukraine die Suche nach gangbaren Lösungen entschlossen weiterführt, damit die von den Parteien übernommenen Verpflichtungen vollständig realisiert werden und damit vor allem rasch auf die weiterhin schwierige humanitäre Lage geantwortet wird.

Ganz Europa erlebt gerade einen entscheidenden Moment seiner Geschichte, in dem es gerufen ist, seine Identität wiederzufinden. Dies erfordert, die eigenen Wurzeln wieder zu entdecken, um die eigene Zukunft gestalten zu können. Angesicht der spalterischen Kräfte ist es höchst dringlich, die „Idee Europa“ zu aktualisieren, um einen neuen Humanismus zur Welt zu bringen, der auf der Fähigkeit zur Integration und zum Dialog und der Fähigkeit, etwas hervorzubringen, gegründet ist,[19] die den sogenannten Alten Kontinent groß gemacht haben. Der europäische Einigungsprozess, der nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hat, war und ist weiterhin eine einzigartige Gelegenheit zu Stabilität, Friede und Solidarität zwischen den Völkern. An dieser Stelle kann ich nur das Interesse und die Sorge des Heiligen Stuhls für Europa und seine Zukunft bekräftigten. Denn es ist uns bewusst, dass die Werte, in denen dieses Projekt – in diesem Jahr wird sein sechzigster Jahrestag begangen – seinen Ursprung hat und auf denen es beruht, dem ganzen Kontinent gemeinsam sind und die Grenzen der Europäischen Union selbst übersteigen.

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

den Frieden aufzubauen bedeutet jedoch auch, sich aktiv für die Sorge um die Schöpfung einzusetzen. Das kürzlich in Kraft getretene Klimaabkommen von Paris ist ein wichtiges Zeichen der gemeinsamen Verpflichtung, den nachfolgenden Generationen eine schöne und zum Leben geeignete Welt zu hinterlassen. Ich hoffe, dass die in jüngster Zeit unternommenen Anstrengungen, den Klimaänderungen entgegenzutreten, auf eine immer breitere Zusammenarbeit aller stoßen, weil die Erde unser gemeinsames Haus ist und man bedenken muss, dass die Entscheidungen eines jeden Auswirkungen auf das Leben aller haben.

Dennoch ist es ebenso offensichtlich, dass es Phänomene gibt, welche die Möglichkeiten des menschlichen Handelns übersteigen. Ich beziehe mich auf die zahlreichen Erdbeben, die einige Gegenden der Erde getroffen haben. Ich denke vor allem an die Erdbeben in Ecuador, Italien und Indonesien, die unzählige Opfer verursacht haben. Viele Menschen leben nach wie vor unter sehr prekären Bedingungen. Ich konnte selbst einige der von Erdbeben getroffenen Gebiete in Mittelitalien besuchen. Dort stellte ich fest, welche Wunden die Erdstöße einem an Kunst und Kultur reichen Land zugefügt haben, und konnte das Leid vieler Menschen teilen wie auch deren Mut und Entschlossenheit, was zerstört wurde, wieder aufzubauen. Ich hoffe, dass die Solidarität, die das geschätzte italienische Volk in den auf das Erdbeben folgenden Stunden vereint hat, weiter die ganze Nation beseelt, besonders in dieser schwierigen Situation ihrer Geschichte. Der Heilige Stuhl und Italien sind durch offensichtliche historische, kulturelle und geographische Gründe besonders verbunden. Dieses Band war im Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit augenscheinlich, und ich danke allen italienischen Behörden und Einrichtungen für die Hilfe bei der Organisation dieses Ereignisses, auch im Hinblick auf die Sicherheit der Pilger aus allen Teilen der Welt.

Liebe Botschafter,

der Friede ist eine Gabe, eine Herausforderung und ein Auftrag. Eine Gabe, weil er vom Herzen Gottes selbst kommt; eine Herausforderung, weil er ein nie selbstverständliches Gut ist und immer wieder errungen werden muss; ein Auftrag, weil er die leidenschaftliche Arbeit aller Menschen guten Willens erfordert, ihn zu suchen und aufzubauen. Es gibt daher keinen echten Frieden, wenn nicht im Ausgang von einer Sicht des Menschen, die seine ganzheitliche Entwicklung zu fördern weiß und seine transzendente Würde berücksichtigt, da »Entwicklung gleichbedeutend ist mit Frieden«,[20] wie der selige Paul VI. in Erinnerung rief. Dies ist also mein Wunsch für das soeben begonnene Jahr: Mögen unter unseren Ländern und ihren Völkern die Gelegenheiten, zusammenzuarbeiten und echten Frieden aufzubauen, zunehmen. Seinerseits wird der Heilige Stuhl, insbesondere das Staatssekretariat, stets bereit sein, mit allen zusammenzuarbeiten, die sich dafür einsetzen, den bestehenden Konflikten ein Ende zu setzen und den leidenden Bevölkerungen Hilfe und Hoffnung zu geben.

In der Liturgie sprechen wir den Gruß: »Der Friede sei mit euch.« Mit diesem Ausdruck, dem Unterpfand reichen göttlichen Segens, erneuere ich einem jeden von Ihnen, verehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps, Ihren Familien und den Ländern, die Sie vertreten, meine herzlichsten Wünsche für dieses neue Jahr.

Vielen Dank.

*

FUSSNOTEN

[1] Benedikt XV., Brief an die Staatsoberhäupter der kriegführenden Völker, 1. August 1917: AAS IX (1917), 423.

[2] Paul VI., Botschaft zur Feier des 1. Weltfriedenstages (1. Januar 1968).

[3] Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes (7. Dezember 1965), 78.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ansprache zum Weltgebetstag für den Frieden (Assisi, 20. September 2016).

[8] Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 78.

[9] Vgl. ebd.

[10] Ebd., 83.

[11] Vgl. Ps 85, 11 und Jes 32, 17.

[12] Johannes Paul II., Botschaft zur Feier des 35. Weltfriedenstages: Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung (1. Januar 2002), 3.

[13] Apostolisches Schreiben Misericordia et misera (20. November 2016), 18.

[14] Ebd., 20.

[15] Johannes XXIII, Enzyklika Pacem in terris (11. April 1963), 12.

[16] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio (26. März 1967), 83.

[17] Vgl. Brief an die Bischöfe am Fest der Unschuldigen Kinder (28. Dezember 2016).

[18] Johannes XXIII., Pacem in terris, 60.

[19] Vgl. Ansprache aus Anlass der Verleihung des Internationalen Karlspreises, 6. Mai 2016.

[20] Paul VI., Populorum progressio, 87.

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Quelle

Vatikan-Diplomat: Zunehmend antichristliche Stimmung

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Vatikan-Diplomat Antoine Camilleri – RV

Vatikan-Diplomat Antoine Camilleri ortet eine zunehmend „antichristlichen Stimmung“ auch in Europa: „Unter der Maske von ‚political correctnes‘ werden der christliche Glaube und die christliche Moral als feindlich angesehen“, sagte er bei einer OSZE-Konferenz zur „Bekämpfung von Intoleranz und Diskriminierung gegenüber Christen“ am Mittwoch in Wien. Der Vatikan hatte Camilleris Statement erst am Donnerstag veröffentlicht. Demnach warnte der Vatikan-Vertreter vor einer zunehmend „antichristlichen Stimmung“ auch in Europa. Der Fokus der Sorge um die Zukunft der Christen liege derzeit stark auf dem Nahen Osten, zugleich dürfe man jedoch auch vor beunruhigenden Entwicklungen in Europa nicht die Augen verschließen.

Nicht nur im Nahen Osten, auch im Raum der OSZE-Staaten verschärfe sich die Situation für Christen, so Camilleri: „Vorsätzliche Zerstörung von Kirchen, Vandalismus gegen religiöse Symbole – Kreuze, Statuen-, sakraler Diebstahl und Missbrauch von dem, was Christen heilig ist“. Noch beunruhigender sei aber, dass es eine „antichristliche Stimmung“ gebe. Unter dem Vorwand der Toleranz und Nichtdiskriminierung werde Religionsfreiheit eingeschränkt. Dies sei – wie es Papst Franziskus definiert habe, eine „gebildete Form der Verfolgung von Christen, eine mit weißen Handschuhen“. Sie konkretisiere sich in der Form von Antidiskriminierungsgesetzen, die das Prinzip der Religionsfreiheit abstreiten würden.

Nichtreligiöser öffentlicher Diskurs angestrebt

„Unter der Maske von ‚political correctnes‘ werden der christliche Glaube und die christliche Moral als feindlich und beleidigend angesehen. Sie sollten demzufolge aus dem öffentlichen Diskurs entfernt werden“, so der aus Malta stammende Prälat. Für den Heiligen Stuhl sei die Förderung der Religionsfreiheit eine „zentrale und grundlegende Priorität“. Dabei gehe es nicht darum, eigene Interessen zu verteidigen, sondern um die Freiheit an sich – „weil diese Freiheit ist ein Lackmus-Test für die Achtung aller anderen Menschenrechte und Grundfreiheiten ist“.

„Die Verteidigung der Religionsfreiheit für Christen ist daher ein wirksames Instrument, um die Menschenrechte von anderen Gläubigen zu verteidigen“, sagte Camilleri. Denn Religion und Glauben – und damit auch das Christentum – hätte eine „unbegrenzte Kapazität“, in der Gesellschaft das Gute zu festigen und zu praktizieren, betonte der Diplomat unter Verweis auf die religiöse motivierten NGOs und Hilfswerke.

Bei der Konferenz, die in der Wiener Hofburg stattfand, wurde in drei „Sessions“ von den internationalen Teilnehmern über „Best practise“-Beispiele in der Bekämpfung der Intoleranz sowie über Präventivmaßnahmen beraten. Unter den OSZE-Mitgliedsstaaten gebe es einen breiten Konsens darüber, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus sowie Diskriminierung und Intoleranz u.a. gegen Muslime, Christen und Juden verhindert und so genannte „hate crimes“ bekämpft werden müssten, heißt es in einem Konferenz-Papier. „Vermehrte Attacken auf Christen und Gemeinden in den letzten Jahren“ in der OSZE-Region hätten die Notwendigkeit deutlich werden lassen, sich dieser Thematik verstärkt zu widmen.

Ziel müsse zum einen eine bessere Dokumentation von Akten der Intoleranz Gewalt speziell gegenüber Christen sein, zum anderen die Entwicklung von Bildungs- und Schulungsprogrammen, die dieses Thema etwa in den Schulen zur Sprache bringen. Auch wurden spezielle Trainings für Politiker, gesellschaftliche Entscheidungsträger und Journalisten, um diese dafür zu sensibilisieren, angeregt.

In einem Forderungskatalog ruft die Direktorin des in Wien ansässigen „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians“, Ellen Kryger Fantini, die OSZE-Staaten und das Büro des deutschen Diplomaten Michael Link (Leiter der OSZE-Menschenrechtssektion ODIHR) dazu auf, speziell einen Fokus auf das Problem der Intoleranz gegenüber christlichen Flüchtlingen etwa in Flüchtlingsunterkünften zu legen. Es brauche gerade im Blick auf die Flüchtlingskrise spezielle Programme zum Schutz der christlichen Minderheit unter den mehrheitlich sunnitischen Flüchtlingen in den Flüchtlingsunterkünften, so Kryger Fantini. Christen, die bereits Opfer von religiöser Gewalt geworden sind, müssten in eigenen Unterkünften untergebracht werden.

Es brauche außerdem spezielle Trainings und Schulungen für politische Entscheidungsträger und religiöse Führer, um das Problem religiöser Diskriminierung speziell gegenüber Christen dauerhaft zu bekämpfen. Kryger Fantini war am Vortag der Konferenz mit zwölf Vertretern zivilgesellschaftlicher Organisationen zusammengekommen. Dabei wurde ein umfangreicher Empfehlungskatalog an die OSZE/ODIHR erarbeitet, den Kryger Fantini bei der Konferenz präsentierte.

(rv/kap 16.12.2016 pr)

Die Papstrede vor dem diplomatischen Corps

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Papst Franziskus beim Empfang des Diplomatischen Corps am Heiligen Stuhl

Ansprache des Heiligen Vaters

Empfang für das beim Heiligen Stuhl akkreditierte Diplomatische Corps

(11. Januar 2016)

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

ich heiße Sie herzlich willkommen zu diesem jährlichen Treffen, das mir die Gelegenheit bietet, Ihnen meine Glückwünsche für das neue Jahr zu überbringen, und es mir gestattet, gemeinsam mit Ihnen über die Situation dieser unserer von Gott gesegneten und geliebten und doch von so vielen Übeln geplagten und bedrückten Welt nachzudenken. Ich danke dem neuen Dekan des Diplomatischen Corps, Exzellenz Armindo Fernandes do Espírito Santo Vieira, Botschafter von Angola, für seine freundlichen Worte, die er im Namen des gesamten beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps an mich gerichtet hat. Zugleich möchte ich in besonderer Weise der vor fast einem Monat verstorbenen Botschafter von Kuba, Rodney Alejandro López Clemente, und von Liberia, Rudolf P. von Ballmoos, gedenken.

Gerne nehme ich die Gelegenheit wahr, auch einen speziellen Gruß  an alle zu richten, die zum ersten Mal an dieser Begegnung teilnehmen, und betone zu meiner Zufriedenheit, dass die Anzahl der in Rom ansässigen Botschafter sich weiter erhöht hat. Das ist ein bedeutsames Zeichen für die Aufmerksamkeit, mit der die internationale Gemeinschaft die diplomatische Aktivität des Heiligen Stuhls verfolgt. Ein weiterer Beweis dafür sind die im eben zu Ende gegangenen Jahr unterzeichneten oder ratifizierten internationalen Verträge. Besonders möchte ich hier die spezifischen steuerlichen Vereinbarungen erwähnen, die mit Italien und den Vereinigten Staaten von Amerika unterschrieben wurden und die das verstärkte Engagement des Heiligen Stuhls für eine umfassendere Transparenz in wirtschaftlichen Angelegenheiten bezeugen. Nicht weniger bedeutend sind die Verträge allgemeiner Art, die darauf ausgerichtet sind, wesentliche Aspekte des Lebens und Handelns der Kirche in den verschiedenen Ländern zu regeln, wie die in Díli mit der Demokratischen Republik Timor-Leste unterzeichnete Vereinbarung.

Gleichfalls möchte ich an den Austausch der Ratifizierungsurkunden des Vertrags mit Tschad über die Rechtsstellung der katholischen Kirche im Land erinnern wie auch an den unterzeichneten und ratifizierten Vertrag mit Palästina. Es handelt sich um zwei Verträge, die – gemeinsam mit der Grundsatzvereinbarung zwischen dem Staatssekretariat und dem Außenministerium von Kuweit – unter anderem beweisen, dass ein friedliches Zusammenleben unter Angehörigen verschiedener Religionen dort möglich ist, wo die Religionsfreiheit anerkannt wird und die effektive Möglichkeit gewährleistet ist, in gegenseitiger Achtung gegenüber der kulturellen Identität eines jeden am Aufbau des Gemeinwohls zusammenzuarbeiten.

Andererseits kann jede authentisch gelebte religiöse Erfahrung nur den Frieden fördern. Daran erinnert uns das Weihnachtsfest, das wir gerade gefeiert und an dem wir die Geburt eines wehrlosen Kindes betrachtet haben, das »Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens« genannt wird (Jes 9,5). Das Geheimnis der Menschwerdung zeigt uns das wahre Gesicht Gottes, für den Macht nicht Gewalt und Zerstörung bedeutet, sondern Liebe und für den Gerechtigkeit nicht Rache bedeutet, sondern Barmherzigkeit. Das ist die Sichtweise, die meiner Absicht zugrunde lag, das außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit auszurufen, das dann ausnahmsweise in Bangui im Laufe meiner apostolischen Reise nach Kenia, Uganda und in die Zentralafrikanische Republik eröffnet wurde. In einem lange von Hunger, Armut und Konflikten heimgesuchten Land, wo die brudermörderische Gewalt der letzten Jahre tiefe Verwundungen in den Herzen der Menschen hinterlassen, die nationale Gemeinschaft zerrissen und materielle wie moralische Not verursacht hat, wollte die Öffnung der Heiligen Pforte der Kathedrale ein Zeichen der Ermutigung sein, den Blick zu erheben, den Weg wieder aufzunehmen und die Argumente für den Dialog wiederzufinden. Dort, wo der Name Gottes missbraucht worden ist, um Unrecht zu verüben, wollte ich gemeinsam mit der muslimischen Gemeinschaft der Zentralafrikanischen Republik bekräftigen: »Wer behauptet, an Gott zu glauben, muss auch ein Mensch des Friedens sein«[1] und folglich ein Mensch der Barmherzigkeit, denn niemals kann man im Namen Gottes töten. Nur eine ideologische und irregeleitete Form von Religion kann daran denken, durch vorsätzlichen Mord an wehrlosen Menschen im Namen Gottes Gerechtigkeit zu erweisen, wie es in den blutigen Terroranschlägen der vergangenen Monate in Afrika, Europa und im Nahen Osten geschehen ist.

Die Barmherzigkeit war gleichsam der „Leitfaden“, der meine Apostolischen Reisen schon im vergangenen Jahr orientiert hat. Ich beziehe mich vor allem auf den Besuch in Sarajevo, einer durch den Balkankrieg zutiefst verwundeten Stadt und Hauptstadt eines Landes – Bosnien und Herzegowina –, das eine spezielle Bedeutung für Europa und für die ganze Welt besitzt. Als Kreuzungspunkt von Kulturen, Nationen und Religionen bemüht es sich mit positiven Ergebnissen, immer neue Brücken zu bauen, das Einende zur Geltung zu bringen und die Unterschiede als eine Gelegenheit anzusehen, im Respekt gegenüber allen zu wachsen. Das ist möglich durch einen geduldigen und vertrauensvollen Dialog, der es versteht, sich die Werte der Kultur eines jeden zu Eigen zu machen und das Gute aus den Erfahrungen der anderen aufzunehmen.[2]

Außerdem denke ich an die Reise nach Bolivien, Ecuador und Paraguay, wo ich Völkern begegnet bin, die angesichts der Schwierigkeiten nicht aufgeben und sich mutig, entschlossen und im Geist der Brüderlichkeit den zahlreichen Herausforderungen stellen, die sie quälen, angefangen von der verbreiteten Armut und den sozialen Ungleichheiten. Im Laufe meiner Reise nach Kuba und in die Vereinigten Staaten von Amerika konnte ich zwei Länder umfangen, die lange voneinander getrennt waren und sich entschlossen haben, eine neue Seite im Buch der Geschichte zu schreiben, indem sie sich auf einen Weg der Wiederannäherung und der Versöhnung begeben haben.

In Philadelphia anlässlich des Weltfamilientreffens wie auch im Laufe der Reise nach Sri Lanka und auf die Philippinen sowie mit der jüngsten Bischofssynode habe ich an die Bedeutung der Familie erinnert: Sie ist die erste und wichtigste Schule der Barmherzigkeit, in der man lernt, das liebevolle Antlitz Gottes zu entdecken, und wo unsere Menschlichkeit wächst und sich entwickelt. Leider wissen wir um die zahlreichen Herausforderungen, mit denen sich die Familie auseinandersetzen muss in dieser Zeit, in der sie »bedroht [ist] durch zunehmende Bemühungen einiger, die Institution der Ehe selbst neu zu definieren, durch Relativismus, durch die Kultur der Kurzlebigkeit und durch mangelnde Offenheit für das Leben«[3]. Es besteht heute eine verbreitete Angst vor der Endgültigkeit, die für die Familie erforderlich ist, und den Preis dafür zahlen vor allem die Jüngsten, die oft schwach und orientierungslos sind, sowie die älteren Menschen, die am Ende vergessen und verlassen werden. Im Gegensatz dazu erwächst »aus der gelebten Geschwisterlichkeit in der Familie […] die Solidarität in der Gesellschaft«[4], die uns in die Verantwortlichkeit füreinander führt. Das ist nur möglich, wenn wir nicht zulassen, dass sich in unseren Familien wie in unseren Gesellschaften ein „Bodensatz“ von Schwierigkeiten und Ressentiments ablagert, und stattdessen dem Dialog Raum geben, der das beste Gegenmittel gegen den in der Kultur unserer Zeit so weit verbreiteten Individualismus ist.

 

Liebe Botschafter,

eine individualistische Mentalität ist der Nährboden, auf dem jenes Gefühl der Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten reift, das dazu führt, mit ihm umzugehen wie mit einer bloßen Handelsware; das dazu treibt, sich nicht um das Menschsein der anderen zu kümmern, und das die Personen schließlich feige und zynisch werden lässt. Sind das denn nicht die Gefühle, die wir oft gegenüber den Armen, den Ausgegrenzten, den Letzten der Gesellschaft hegen? Und wie viele Letzte haben wir in unseren Gesellschaften! Unter ihnen denke ich vor allem an die Migranten mit ihrer Last an Schwierigkeiten und Leiden, denen sie täglich begegnen auf ihrer manchmal verzweifelten Suche nach einem Ort, wo sie in Frieden und Würde leben können.

Darum möchte ich heute dabei verweilen, mit Ihnen über den schweren Migrations-Notstand nachzudenken, mit dem wir uns auseinanderzusetzen haben, um die Ursachen zu erkennen, Lösungen in Aussicht zu stellen und die unvermeidliche Angst zu überwinden, die ein so massives und gewaltiges Phänomen begleitet, das im Laufe des Jahres 2015 vor allem Europa, aber auch verschiedene Regionen Asiens sowie Nord- und Mittelamerika betraf.

»Fürchte dich also nicht und hab keine Angst; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir bei allem, was du unternimmst« (Jos 1,9). Das ist das Versprechen, das Gott dem Josua gibt und das zeigt, wie sehr der Herr jeden Menschen begleitet, vor allem den, der sich in einer Situation der Schwäche befindet wie der eines Zuflucht Suchenden in einem fremden Land. Tatsächlich erzählt uns die ganze Bibel die Geschichte einer Menschheit auf dem Wege, denn das In-Bewegung-Sein ist dem Menschen wesenseigen. Seine Geschichte besteht aus vielen Wanderungen, die manchmal aus dem Bewusstsein seines Rechts auf freie Entscheidung gereift sind, häufig aber von äußeren Umständen vorgeschrieben werden. Von der Vertreibung aus dem irdischen Paradies bis zu Abraham, der unterwegs ist zum Land der Verheißung; von der Erzählung des Exodus bis zur Deportation nach Babylonien schildert die Heilige Schrift Mühen und Leiden, Wünsche und Hoffnungen, die denen von Hunderttausenden von Menschen gleichen, die in unseren Tagen unterwegs sind, mit demselben Ziel wie Mose, ein Land zu erreichen, »in dem Milch und Honig fließen« (Ex 3,17), wo man in Freiheit und Frieden leben kann.

Und so hören wir heute wie damals den Schrei Rachels, die ihre Kinder beweint, »denn sie sind dahin« (Jer 31,15; vgl. Mt 2,18). Es ist die Stimme von Tausenden weinender Menschen auf der Flucht vor schrecklichen Kriegen, vor Verfolgungen und vor Verletzungen der Menschenrechte oder vor politischer bzw. sozialer Instabilität, die oft das Leben in der Heimat unmöglich machen. Es ist der Schrei derer, die gezwungen sind zu fliehen, um den unsäglichen Grausamkeiten, die an schutzlosen Menschen wie Kindern und Behinderten verübt werden, oder dem Martyrium aufgrund der bloßen religiösen Zugehörigkeit zu entgehen.

Wie damals hören wir die Stimme Jakobs, der zu seinen Söhnen sagt: »Zieht hin und kauft dort für uns Getreide, damit wir am Leben bleiben und nicht sterben müssen« (Gen 42,2). Es ist die Stimme derer, die dem extremen Elend entfliehen, weil es ihnen unmöglich ist, ihre Familie zu ernähren, oder weil sie keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Bildung haben; die vor dem Niedergang ohne irgendeine Aussicht auf Fortschritt fliehen oder auch aufgrund des Klimawandels und der extremen klimatischen Bedingungen. Leider ist bekanntlich der Hunger noch eine der schwersten Plagen unserer Welt, mit Millionen von Kindern, die jedes Jahr verhungern. Es schmerzt jedoch festzustellen, dass diese Migranten häufig von keinem der internationalen Schutzsysteme aufgefangen werden, die auf den internationalen Verträgen basieren.

Wie kann man in all dem nicht die Frucht jener „Wegwerfkultur“ sehen, die die menschliche Person in Gefahr bringt, indem sie Männer und Frauen den Götzen des Gewinns und des Konsums opfert? Es ist schwerwiegend, wenn man sich an diese Situationen von Armut und Not, an die Tragödien so vieler Menschen gewöhnt und sie zur „Normalität“ werden lässt. Die Menschen werden nicht mehr als ein vorrangiger zu respektierender und zu schützender Wert empfunden, besonders, wenn sie arm sind oder eine Behinderung haben, wenn sie – wie die Ungeborenen – „noch nicht nützlich sind“ oder – wie die Alten – „nicht mehr nützlich sind“. Wir sind unsensibel geworden gegenüber jeder Form von Verschwendung, angefangen bei jener der Nahrungsmittel, die zu den verwerflichsten gehört, wenn es viele Menschen und Familien gibt, die an Hunger und Unterernährung leiden.[5]

Der Heilige Stuhl hofft, dass der erste Weltgipfel für humanitäre Hilfe, der für den kommenden Mai von den Vereinten Nationen einberufen ist, in seiner Zielsetzung, den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt jeder humanitären Antwort zu stellen, im heutigen traurigen Rahmen von Konflikten und Unglücken erfolgreich ist. Es bedarf eines gemeinsamen Einsatzes, der die Wegwerfkultur und die Kultur der Entwürdigung des menschlichen Lebens entschlossen umkehrt, damit niemand sich vernachlässigt oder vergessen fühlt und damit nicht weitere Leben aus Mangel an Hilfsmitteln und – vor allem – an politischem Willen geopfert werden.

Leider hören wir heute wie damals die Stimme Judas, der vorschlägt, den eigenen Bruder zu verkaufen (vgl. Gen 37,26-27). Es ist die Arroganz der Mächtigen, welche die Schwachen instrumentalisieren und sie zu Objekten für egoistische Ziele oder für strategische und politische Kalküle herabwürdigen. Wo eine reguläre Migration unmöglich ist, sind die Migranten häufig zu der Wahl gezwungen, sich an Menschenhändler oder -schmuggler zu wenden, obwohl sie sich großenteils der Gefahr bewusst sind, während der Reise ihre Habe, ihre Würde und sogar ihr Leben zu verlieren. Aus dieser Sicht erneuere ich noch einmal meinen Appell, dem Menschenhandel Einhalt zu gebieten, der die Menschen vermarktet, besonders die schwächsten und schutzlosesten. Immer werden unserer Erinnerung und unseren Herzen die Bilder von Kindern, die im Meer ums Leben kamen, unvergesslich eingeprägt bleiben – Opfer der Skrupellosigkeit der Menschen und der Erbarmungslosigkeit der Natur. Wer dann überlebt und in einer Nation landet, die ihn aufnimmt, behält unauslöschlich die tiefen Wundmale dieser Erfahrungen und dazu die, welche von den Schrecken herrühren, die stets mit Kriegen und Gewalttaten einhergehen.

Wie damals, hört man auch heute wieder die Stimme des Engels, die ruft: »Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage« (Mt 2,13). Es ist die Stimme, welche die vielen Migranten hören, die niemals ihr Land verlassen würden, wenn sie nicht dazu gezwungen wären. Unter diesen sind zahlreiche Christen, die im Laufe der letzten Jahre zunehmend massenhaft ihre Länder verlassen haben, die sie doch seit den Anfängen des Christentums bewohnten.

Schließlich hören wir auch heute die Stimme des Psalmisten, der wiederholt: »An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten« (Ps 137,1). Es ist das Weinen derer, die gerne in ihre Länder zurückkehren würden, wenn sie dort geeignete Bedingungen für Sicherheit und Auskommen fänden. Auch hier denke ich an die Christen des Nahen Ostens, die sich wünschen, als vollberechtigte Bürger zum geistigen und materiellen Wohl ihrer jeweiligen Nationen beizutragen.

Einen großen Teil der Ursachen für die Migrationen hätte man schon vor Zeiten in Angriff nehmen können. So hätte man vielen Unglücken zuvorkommen oder zumindest ihre grausamsten Folgen abmildern können. Auch heute – und bevor es zu spät ist – könnte man vieles tun, um den Tragödien Einhalt zu gebieten und den Frieden herzustellen. Das würde aber bedeuten, eingefahrene Gewohnheiten und Gepflogenheiten wieder zur Diskussion zu stellen, vom mit dem Waffenhandel verbundenen Fragenkomplex über das Problem der Rohstoff- und Energieversorgung, über die Investitionen, die Finanzpolitik und die politischen Programme für Entwicklungshilfe bis zu der schweren Plage der Korruption. Wir sind uns außerdem bewusst, dass zum Thema der Migration mittel- und langfristige Pläne aufgestellt werden müssen, die über den Notbehelf hinausgehen. Sie müssten einerseits wirklich die Eingliederung der Migranten in die Aufnahmeländer fördern und andererseits zugleich die Entwicklung in den Herkunftsländern begünstigen mit solidarischen politischen Programmen, die jedoch die Hilfen nicht von Strategien und Verfahren abhängig machen, die den Kulturen der Völker, an die sie sich richten, ideologisch fremd sind oder zu ihnen im Widerspruch stehen.

Ohne andere dramatische Situationen zu vergessen, unter denen ich besonders an die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten denke – die ich kurz streifen werde, wenn ich mich im kommenden Februar nach Ciudad Juárez begebe –, möchte ich Europa einen speziellen Gedanken widmen. Tatsächlich ist dieser Kontinent im Laufe des letzten Jahres von einem gewaltigen Strom von Flüchtlingen heimgesucht worden – von denen viele bei dem Versuch, ihn zu erreichen, den Tod gefunden haben –, von einem Flüchtlingsstrom, der in der jüngeren Geschichte Europas keinen Vergleich kennt, nicht einmal am Ende des Zweiten Weltkriegs. Viele Migranten aus Asien und aus Afrika sehen in Europa einen Anhaltspunkt für Grundsätze wie die Gleichheit vor dem Recht und die in die Natur jedes Menschen selbst eingeschriebenen Werte, z. B. die Unveräußerlichkeit der Würde und die Gleichheit aller Menschen, die Nächstenliebe ohne Unterscheidung der Herkunft und Zugehörigkeit, die Gewissensfreiheit und die Solidarität gegenüber den Mitmenschen.

Die massenhaften Landungen an den Küsten des Alten Kontinents scheinen jedoch das System der Aufnahme ins Wanken zu bringen, das auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs mühsam aufgebaut wurde und immer noch ein Leuchtfeuer der Menschlichkeit darstellt, auf das man sich beziehen kann. Angesichts des gewaltigen Ausmaßes der Ströme und der unvermeidlich damit verbundenen Probleme sind nicht wenige Fragen aufgetaucht nach den realen Möglichkeiten des Empfangs und der Anpassung der Menschen, nach der Veränderung des kulturellen und sozialen Gefüges der Aufnahmeländer wie auch nach einer Umgestaltung einiger regionaler geopolitischer Gleichgewichte. Ebenso relevant sind die Befürchtungen um die Sicherheit, die durch die überhand nehmende Bedrohung durch den internationalen Terrorismus über alle Maßen verschärft werden. Die augenblickliche Migrationswelle scheint die Fundamente jenes „humanistischen Geistes“ zu untergraben, den Europa von jeher liebt und verteidigt.[6] Dennoch darf man sich nicht erlauben, die Werte und die Prinzipien der Menschlichkeit, der Achtung der Würde eines jeden Menschen, der Subsidiarität und der gegenseitigen Solidarität aufzugeben, auch wenn sie in einigen Momenten der Geschichte eine schwer zu tragende Bürde sein können. Ich möchte daher meine Überzeugung bekräftigen, dass Europa, unterstützt durch sein großes kulturelles und religiöses Erbe, die Mittel besitzt, um die Zentralität der Person zu verteidigen und um das rechte Gleichgewicht zu finden in seiner zweifachen moralischen Pflicht, einerseits die Rechte der eigenen Bürger zu schützen und andererseits die Betreuung und die Aufnahme der Migranten zu garantieren.[7]

Zugleich empfinde ich die Notwendigkeit, Dankbarkeit auszudrücken für all die Initiativen, die ergriffen wurden, um eine würdige Aufnahme der Menschen zu fördern, darunter z. B. der Migranten- und Flüchtlingsfonds der Entwicklungsbank des Europarates. Ebenso danke ich für das Engagement jener Länder, die eine großherzige Haltung des Miteinander-Teilens gezeigt haben. Ich beziehe mich vor allem auf die Nationen in der Nachbarschaft Syriens, die unverzüglich mit Hilfe und Aufnahme reagiert haben, vor allem auf den Libanon, wo die Flüchtlinge ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachen, und auf Jordanien, das seine Grenzen nicht geschlossen hat, obwohl es bereits Hunderttausende von Flüchtlingen beherbergt. In gleicher Weise dürfen die Anstrengungen anderer an vorderster Front engagierter Länder nicht vergessen werden, darunter besonders Türkei und Griechenland. Eine spezielle Anerkennung möchte ich Italien aussprechen, dessen entschiedener Einsatz viele Leben im Mittelmeer gerettet hat und das sich auf seinem Territorium immer noch einer gewaltigen Zahl von Flüchtlingen annimmt. Ich hoffe, dass der traditionelle Sinn für Gastfreundschaft, der das italienische Volk auszeichnet, durch die unvermeidlichen Schwierigkeiten des Augenblicks nicht geschwächt werde, sondern dass es im Licht seiner vieltausendjährigen Tradition fähig sei, den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Beitrag, den die Migranten bieten können, aufzunehmen und zu integrieren.

Es ist wichtig, dass die Nationen an vorderster Front bei ihrer Auseinandersetzung mit dem aktuellen Notstand nicht allein gelassen werden, und es ist ebenso unerlässlich, einen freimütigen und respektvollen Dialog unter allen von dem Problem betroffenen Nationen – sowohl den Herkunfts- als auch den Durchgangs- oder den Aufnahmeländern – einzuleiten, um mit größerem kreativen Wagemut nach neuen und nachhaltigen Lösungen zu suchen. Tatsächlich ist unter den gegebenen Umständen nicht an Lösungen zu denken, die von den einzelnen Staaten im Alleingang angestrebt werden, denn die Konsequenzen der Entscheidungen eines jeden fallen unvermeidlich auf die gesamte internationale Gemeinschaft zurück. Es ist ja bekannt, dass die Migrationen mehr, als das bisher der Fall war, ein grundlegendes Element der Zukunft der Welt darstellen werden und dass die Antworten nur das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit sein können, die die Menschenwürde und die Menschrechte achtet. Die von den Vereinten Nationen im vergangenen September angenommene Entwicklungs-Agenda für die nächsten 15 Jahre, die viele der Probleme ins Auge fasst, die in die Migration treiben, wie auch andere Dokumente der internationalen Gemeinschaft zur Handhabung der Migrationsfrage werden eine den Erwartungen entsprechende Anwendung finden können, wenn es gelingt, den Menschen wieder in den Mittelpunkt der politischen Entscheidungen auf allen Ebenen zu stellen und dabei die Menschheit als eine einzige Familie und die Menschen als Geschwister zu betrachten, in der Achtung gegenüber den jeweiligen Unterschieden und Gewissensüberzeugungen.

Wenn man sich mit der Migrationsfrage auseinandersetzt, dürfen nämlich die damit zusammenhängenden kulturellen Hintergründe nicht vernachlässigt werden, angefangen bei denen, die mit der Religionszugehörigkeit verbunden sind. Der Extremismus und der Fundamentalismus finden einen fruchtbaren Boden nicht nur in der Instrumentalisierung der Religion für Ziele der Macht, sondern auch in der Leere der fehlenden Ideale und im Verlust der – auch religiösen – Identität, die den sogenannten Westen dramatisch kennzeichnet. Aus dieser Leere erwächst die Angst, die dazu treibt, den anderen als eine Gefahr und einen Feind anzusehen, sich in sich selbst zu verschließen und sich in vorgefassten Meinungen zu verschanzen. Das Phänomen der Migration wirft also eine ernste kulturelle Frage auf, deren Beantwortung man sich nicht entziehen kann. Die Aufnahme kann daher eine günstige Gelegenheit sein für eine neue Einsicht und Öffnung des Horizontes – sowohl für den Aufgenommenen, der die Pflicht hat, die Werte, Traditionen und Gesetze der gastgebenden Gemeinschaft zu respektieren, als auch für diese Letztere, die aufgefordert ist, alles zum Tragen kommen zu lassen, was jeder Einwanderer zum Nutzen der gesamten Gemeinschaft beisteuern kann. Auf diesem Gebiet erneuert der Heilige Stuhl seinen Einsatz im ökumenischen und interreligiösen Bereich, um einen aufrichtigen und fairen Dialog einzuleiten, der dadurch, dass er die Besonderheiten und die persönliche Identität eines jeden zur Geltung bringt, ein harmonisches Zusammenleben aller sozialen Komponenten fördert.

 

Sehr geehrte Mitglieder des diplomatischen Corps,

das Jahr 2015 kann den Abschluss bedeutender internationaler Vereinbarungen verzeichnen, die auf eine gute Zukunft hoffen lassen. Ich denke vor allem an das sogenannte Atomabkommen mit dem Iran, das – wie ich hoffe – dazu beitragen möge, ein Klima der Entspannung in der Region zu fördern, wie auch an die Erzielung des erwarteten Klimavertrags im Laufe der Konferenz von Paris. Es handelt sich um eine bedeutungsvolle Vereinbarung, die ein wichtiges Ergebnis für die gesamte internationale Gemeinschaft darstellt und eine starke kollektive Bewusstwerdung der großen Verantwortung deutlich werden lässt, die jeder – Einzelne wie Nationen – dafür hat, die Schöpfung zu bewahren und »eine Kultur der Achtsamkeit [zu] fördern, die die gesamte Gesellschaft erfüllt«[8]. Nun ist es grundlegend, dass die übernommenen Engagements nicht nur ein guter Vorsatz bleiben, sondern für alle Staaten eine wirkliche Verpflichtung darstellen, die notwendigen konkreten Schritte zu unternehmen, um unsere geliebte Erde zu erhalten, zum Wohl der gesamten Menschheit, vor allem der kommenden Generationen.

Das eben begonnene Jahr kündigt sich seinerseits an als ein Jahr voller Herausforderungen, und nicht wenige Spannungen haben sich schon am Horizont blicken lassen. Ich denke vor allem an die schweren Konflikte, die in der Region des Persischen Golfs aufgekommen sind, wie auch an das besorgniserregende militärische Experiment, das auf der koreanischen Halbinsel durchgeführt wurde. Ich hoffe, dass die Gegensätze Raum lassen für die Stimme des Friedens und für den guten Willen, nach Einigungen zu suchen. Aus dieser Perspektive kann ich zu meiner Zufriedenheit feststellen, dass es nicht an bedeutungsvollen und besonders ermutigenden Zeichen fehlt. Ich beziehe mich speziell auf das Klima eines friedlichen Zusammenlebens, in dem sich die jüngsten Wahlen in der Zentralafrikanischen Republik abgespielt haben – ein positives Zeichen für den Willen, den eingeschlagenen Weg zur vollkommenen nationalen Versöhnung fortzusetzen. Außerdem denke ich an die in Zypern eingeleiteten neuen Initiativen, um eine lang andauernde Spaltung zu heilen, und auf die vom kolumbianischen Volk unternommenen Anstrengungen, um die Konflikte der Vergangenheit zu überwinden und den lang ersehnten Frieden zu erreichen. Alle schauen wir außerdem voller Hoffnung auf die wichtigen Schritte, die die internationale Gemeinschaft unternommen hat, um eine politische und diplomatische Lösung der Krise in Syrien zu erzielen, die den allzu lang andauernden Leiden der Bevölkerung ein Ende setzen soll. In gleicher Weise sind die Signale aus Libyen ermutigend, die auf einen erneuerten Einsatz hoffen lassen, um die Gewalttätigkeiten zu beenden und die Einheit des Landes wiederzufinden. Andererseits erscheint immer deutlicher, dass nur eine gemeinsame und abgestimmte politische Aktion dazu beitragen kann, die Ausbreitung des Extremismus und des Fundamentalismus aufzuhalten, mit ihren Hintergründen terroristischer Prägung, die sowohl in Syrien und Libyen als auch in anderen Ländern wie dem Irak und dem Jemen unzählige Opfer fordern.

Möge dieses Heilige Jahr der Barmherzigkeit auch der Anlass zu Dialog und Versöhnung im Hinblick auf den Aufbau des Gemeinwohls in Burundi, in der Demokratischen Republik Kongo und im Süd-Sudan sein. Möge es vor allem eine günstige Zeit sein, um den Konflikt in den östlichen Regionen der Ukraine definitiv zu beenden. Von grundlegender Bedeutung ist die Unterstützung, die die internationale Gemeinschaft, die einzelnen Staaten und die humanitären Organisationen dem Land unter vielfältigen Gesichtspunkten bieten können, damit es die aktuelle Krise überwindet.

Die Herausforderung, die uns mehr als alle anderen erwartet, ist jedoch die, die Gleichgültigkeit zu überwinden, um den Frieden aufzubauen[9], der ein immer anzustrebendes Gut bleibt. Leider befindet sich unter den vielen Teilen unserer geliebten Welt, die ihn brennend herbeisehnen, das Land, das Gott bevorzugt und erwählt hat, um allen das Antlitz seiner Barmherzigkeit zu zeigen. Es ist mein Wunsch, dass dieses neue Jahr die tiefen Wunden heilen möge, die Israelis und Palästinenser trennen, und das friedliche Zusammenleben zweier Völker ermögliche, die – des bin ich gewiss – aus tiefstem Herzen nichts anderes verlangen als Frieden!

 

Exzellenzen, meine Damen und Herren,

auf diplomatischer Ebene wird der Heilige Stuhl niemals aufhören dafür zu arbeiten, dass die Stimme des Friedens bis an die äußersten Enden der Erde gehört werden kann. Ich bekräftige daher erneut die völlige Bereitschaft des Staatssekretariats, mit Ihnen bei der Förderung eines ständigen Dialogs zwischen dem Apostolischen Stuhl und den von Ihnen vertretenen Ländern zusammenzuarbeiten, zum Wohl der gesamten internationalen Gemeinschaft. Dabei habe ich die innere Gewissheit, dass dieses Jubiläumsjahr die günstige Gelegenheit sein kann, dass die kalte Gleichgültigkeit vieler Herzen überwunden wird durch die Wärme der Barmherzigkeit, dieses kostbaren Geschenks Gottes, das die Furcht in Liebe verwandelt und uns zu Friedensstiftern macht. Mit diesen Empfindungen übermittle ich erneut jedem von Ihnen, Ihren Familien und Ihren Ländern meine innigsten Glückwünsche für ein von Segen erfülltes Jahr.

Danke.

 

(rv 11.01.2016 cz)


[1] Begegnung mit der muslimischen Gemeinschaft (Bangui, 30. November 2015).

[2] Vgl. Begegnung mit Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens(6. Juni 2015).

[3] Begegnung mit den Familien (Manila, 16. Januar 2015).

[4] Begegnung mit Vertretern des öffentlichen Lebens (Quito, 7. Juli 2015).

[5] Vgl. Generalaudienz (5. Juni 2013).

[6] Vgl. Ansprache an das Europäische Parlament (Straßburg, 25. November 2014).

[7] Vgl. ebd.

[8] Laudato si’, 231.

[9] Vgl. Überwinde die Gleichgültigkeit und erringe den Frieden, Botschaft zum Weltfriedenstag 2016 (8. Dezember 2015)