Pius XII. und die Rettung der Juden Roms

Pope Pius XII sits in front of a microphone prepared to give a radio address in this 1943 file photo. During World War II, the pontiff made many pleas for peace through Vatican Radio. (CNS photo) (April 28, 2006) See VATICAN LETTER April 28, 2006.

Neue Dokumente beweisen die entscheidende Rolle, die der Papst für die Rettung der römischen jüdischen Gemeinde gespielt hat. Ist das Ende der konstruierten ‚Schwarzen Legende’ nahe? Wer hat sie geschaffen?

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Seit vielen Jahren kämpft die amerikanische Stiftung „Pave the Way“ unter der Leitung des Juden Gary Krupp dafür, dass die historische Wahrheit über das Wirken und die Rolle Papst Pius’ XII. während des II. Weltkriegs zur Rettung der Juden ans Licht kommt. Vor einigen Tagen lieferte „Pave the Way“ gegenüber der internationalen Nachrichtenagentur Zenit weitere Elemente, um die tragischen Umstände des 16. Oktobers 1943 rekonstruieren zu können. An jenem Tag begannen in Rom die Verhaftungen der Juden. Über 1.000 von rund 12.400 römischen Juden wurden verschleppt und fanden in Auschwitz den Tod. Die neue Sicht auf jenen Tag und die ihn begleitenden Umstände wurde durch die Forschungsarbeit des deutschen Historikers Michael Hesemann möglich. Hesemann arbeitete in den Archiven der deutschen Pfarrei Roms „Santa Maria dell’Anima“.

Wie Gary Krupp erklärte, hätten viele Menschen Pius XII. aufgrund seines „Schweigens“ während der Verhaftungswelle in Rom und der Verschleppung von 1.007 Juden kritisiert. Diese Kritiker würden sprechen, ohne vom direkten Eingreifen des Papstes Kenntnis zu haben, das darauf ausgerichtet gewesen sei, die Verhaftungen am 16. Oktober 1943 zu beenden. Die neuen Entdeckungen würden zeigen, wie Pius XII. direkt dafür gearbeitet habe, dass die Verhaftungen bis um 14:00 Uhr desselben Tages, an dem sie begonnen hatten, ein Ende finden. Leider jedoch sei es ihm nicht gelungen, die Abfahrt des Zuges mit dem 1.007 Juden nach Auschwitz zu verhindern. Durch das direkte Eingreifen des Papstes wurden laut Krupp mehr als 11.400 Juden gerettet.

Nachdem Pius XII. am Morgen des 16. Oktobers 1943 von den Verhaftungen erfahren habe, habe er sofort einen offiziellen Protest beim deutschen Botschafter in Rom angeordnet, wobei er gewusst habe, dass dieser zu nichts führen würde. Daher habe der Papst seinen Neffen, Fürst Carlo Pacelli, zum österreichischen Bischof und Rektor von „Santa Maria dell’Anima“ Alois Hudal gesandt, der viele Deutsche in Rom gekannt und gute Beziehungen zu den Nationalsozialisten gehabt habe. Hudal sollte einen Brief an den Gouverneur von Rom, General Stahel, schreiben und um eine Beendigung der Verhaftungen bitten. Hudal habe in seinem Schreiben darauf verwiesen, dass das Verhalten der Nationalsozialisten gegenüber den Juden Roms die Gefahr eines offenen Protestes des Papstes mit sich bringe. Der Brief Hudals sei dann von P. Pankratius Pfeiffer SDS, dem Generalsuperior der Salvatorianer, zu Stahel gebracht worden, der diesen sofort an die GESTAPO Roms und an Heinrich Himmler weitergeleitet habe.

Der Reichsführer SS habe aufgrund des Sonderstatus Roms ein sofortiges Ende der Verhaftungen angeordnet. Dennoch sei es Pius XII. nicht gelungen, die 1.007 bereits verhafteten Juden zu retten. Hesemann betonte, dass der Papst gezwungen gewesen sei, zu schweigen, um eine Wiederaufnahme der Verhaftungen zu vermeiden. Des weiteren gebe es das Dokument der SS mit dem Befehl, 8.000 römische Juden zu verhaften und in das Konzentrationslager Mauthausen zu überführen, um sie dort als Geiseln festzuhalten. Es sei anzunehmen, dass der Vatikan der Überzeugung war, über deren Freilassung zu verhandeln, sollte dies notwendig werden.

Krupp zeigte sich davon überrascht, dass sich bisher keiner der notorischen Kritiker Papst Pius’ XII. die Mühe gemacht habe, die seit 2006 bis zum Jahr 1939 offenen vatikanischen Archive zu sichten. Ebenso habe keiner den Antrag gestellt, das Archiv der Stiftung zu bearbeiten, das kostenlos online, jedoch „restricted“ zur Verfügung stehe (46.000 Seiten). Für Krupp ist es klar, dass Pius XII. alles in seiner Möglichkeit Stehende getan hatte, während er von feindlichen Mächten mit dem Tod bedroht und von infiltrierten Spionen umgeben wurde.

Die Arbeit von „Pave the Way“ zeigt eindeutig, dass die seit 1963 bestehende, durch Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ initiierte „schwarze Legende“ des „schweigenden Papstes“ falsch ist. Bis 1963 wurde Pius XII. einstimmig wegen seines Verhaltens während des II. Weltkrieges sowie der Rolle der Kirche bei ihrem Versuch, Juden zu retten, gelobt. Wie konnte es dazu kommen, dass durch ein Theaterstück bedingt einer der größten Päpste des 20. Jahrhunderts verleumdet und diese Verleumdung zur „geschichtlichen Wahrheit“ hochstilisiert wurde?

Das Entstehen der „Schwarzen Legende“ und die Rolle der Sowjetunion: ein EX-Securitade-Offizier spricht. Eine erstaunliche Geschichte 

Generalleutnant Ion Mihai Pacepa ist einer der hochrangigsten Geheimdienstoffiziere, die je aus dem Einflussbereich des ehemaligen Sowjet-Blocks desertiert haben. Bereits vor seiner Desertion im Jahr 1978 war der Zwei-Sterne-General des unter dem Diktator Nicolae Ceauşescu sehr mächtigen rumänischen Geheimdienstes „Securitade“ ein Spion der amerikanischen CIA („Central Intelligence Agency“). Pacepa nahm damals gleichzeitig die Funktion des Verantwortlichen für Information des „Conducators“ wahr und diente als Chef des Auslandsgeheimdienstes sowie als Staatssekretär im rumänischen Innenministerium. Nach seiner Desertion arbeitete er in verschiedenen Bereichen mit den amerikanischen Geheimdiensten zusammen, um den Zusammenbruch des kommunistischen Sowjetimperiums zu beschleunigen.

Im September 1978 wurde Pacepa zu zwei Todesstrafen verurteilt. Erst im Jahr 1999 hob das Oberste Gericht Rumäniens die Todesstrafen wieder auf. Gleichzeitig wurden ihm vom Gericht sein militärischer Rang sowie die von Ceauşescu konfiszierten Güter zurückerstattet. Die Regierung Rumäniens verweigerte allerdings die Umsetzung dieses Urteils. Erst im Dezember 2004 wurde ihm sein militärischer Rang wieder definitiv anerkannt.

Die Fahnenflucht des Securitade-Offiziers kann als einer der schwersten Schläge gegen den Ostblock angesehen werden, der zusammen mit anderen dann nach weiteren elf Jahren zum endgültigen Zusammenbruch des Sowjetimperiums und insbesondere der rumänischen kommunistischen Gewaltherrschaft geführt hat. Der Name Pacepa ist für immer mit dem persönlichen Untergang eines der grausamsten kommunistischen Herrscher verbunden.

Am 25. Januar 2007 veröffentlichte General Pacepa in der in New York erscheinenden Zweiwochenzeitschrift „National Review“ einen längeren Artikel mit dem Titel: „Moskaus Angriff gegen den Vatikan“. Pacepa vertritt darin die Ansicht, dass es in der Zeit des Kalten Krieges zu einem der Hauptanliegen des sowjetischen Geheimdienstes KGB gehört habe, die Kirche zu diffamieren, um sie ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben. Zu den Hauptzielen dieser besonders seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts inszenierten Kampagne gehörte laut Pacepas Ausführungen Papst Pius XII.

Die Geheimoperation des Kremls, die unter dem Codenamen „Seat 12“ anlief, zielte nach Angaben Pacepas darauf ab, den Ruf des Vatikans in den Schmutz zu ziehen, indem Pius XII. als ein eifriger Sympathisant des Nationalsozialismus und als Antisemit porträtiert wurde. Die Aktion begann im Jahr 1960: Nikita Chruschtschow gab sein Einvernehmen zum Plan „Top Secret“ der Zerstörung der moralischen Autorität des Vatikans in Westeuropa. Dass Pius XII. bewusst zum Ziel gewählt wurde, hing damit zusammen, dass er im Jahr 1958 gestorben war. Somit stand ein sowohl für den KGB als auch für die von ihm infiltrierten Stellen übliches Handlungsschema zur Verfügung: „Dead men cannot defend themselves“ – „Tote Männer können sich nicht mehr verteidigen“, so die Devise des KGB.

Um die Spitzelarbeit vorwärts zu bringen, mussten der Vatikan selbst und dabei vor allem seine Archive (das Geheimarchiv sowie das Archiv des Staatsekretariats und die Apostolische Bibliothek) infiltriert werden. Es war Aufgabe Pacepas, diese Arbeit zu organisieren, um ein möglichst realistisches Bild der Verleumdung aufzubauen.

Zwischen 1960 und 1962 durchforsteten nach dem Bericht des Generals drei als Priester getarnte Unteroffiziere des rumänischen Geheimdienstes Unterlagen über Papst Pius XII. Persönliche Briefe des Papstes, Aufzeichnungen, Redemanuskripte und anderes mehr geriet in die Hände des KGB (hierbei ist anzumerken, dass Pacepa bei seiner Erzählung der Fakten ein Fehler unterlaufen ist, der noch zu klären sein wird: Er spricht von Agenten, die Dokumente aus dem Geheimarchiv kopiert oder entfernt hätten; die Akten Pius XII. jedoch befanden sich zur damaligen Zeit noch nicht im Geheimarchiv. Es ist wahrscheinlich, dass Pacepa das Geheimarchiv mit den Archiven des Staatssekretariats verwechselt hat).

In den folgenden Jahren ging die Saat des sowjetischen Propagandaangriffs auf. Wie Pacepa erklärt, hat das Projekt „Seat 12“ in einem Werk des deutschen Autors Rolf Hochhuth, das als „dokumentarisches Theaterstück“ getarnt gewesen sei, eine seiner wirksamsten Verwirklichungen gefunden. Laut Pacepa wurde das Werk mit Hilfe des KGB und der in seiner Hand befindlichen vatikanischen Dokumente konstruiert. Im Jahr 1963 wurde das Verleumdungsstück gegen Pius XII. in Berlin uraufgeführt. Der KGB hatte sein Ziel erreicht: Unter freiwilliger oder unbewusster Mitarbeit einiger Instanzen des westlichen kulturellen Lebens und insbesondere der links-orientierten Kulturelite konnten eine Lüge und eine geheimdienstliche Materialorganisation zur „geschichtlichen Wahrheit“ avancieren. Pacepa stellte fest, dass viele Menschen noch nie etwas von Hochhuth und seinem Werk gehört hätten, aber dennoch der festen Überzeugung seien, dass Pius XII. „ein kalter und schlechter Mann war, der die Juden hasste und Hitler bei deren Vernichtung half“. Die Strategie des KGB hinterlässt noch heute ihre Spuren.

„Während der letzten 16 Jahre“, so Pacepa im Jahr 2007, „wurde in Russland die Religionsfreiheit wieder hergestellt, und eine neue Generation kämpfte darum, eine neue nationale Identität zu entwickeln“. Es sei nur zu hoffen, dass Präsident Wladimir Putin stark genug sei, die Archive des KGB zu öffnen, damit alle sehen könnten, „wie die Kommunisten einen der bedeutendsten Päpste des letzten Jahrhunderts verleumdet haben“.

P. Peter Gumpel SJ ist seit 1984 Untersuchungsrichter des Heiligen Stuhls für Selig- und Heiligsprechungsprozesse und beschäftigt sich in besonderer Weise mit dem Verfahren der Seligsprechung Pius XII. Dem Jesuiten wurde im Jahr 2007 der Text des ehemaligen Geheimdienstoffiziers Pacepa 24 Stunden nach dessen Erscheinen zugestellt. Nach eingehendem Studium übermittelte er diesen auch an die zuständigen vatikanischen Stellen. Die Frage, ob dieser Text der Wahrheit entspreche und ob er eine realistische Beschreibung des „Angriffs“ des kommunistischen Imperiums auf die Kirche gibt, bejahte Gumpel. Die Inhalte seien überprüfbar. Es liege zudem auf der Hand, dass der Vatikan und die Kirche ein klares Ziel der sowjetischen Propaganda gewesen seien. Es sei eindeutig, dass sich die Hauptzielsetzung der aggressiven Verleumdungskampagne gegen Pius XII. gerichtet habe. Gleiches gelte für die Äußerungen Pacepas zur Funktion und zu den „Diensten“ Hochhuths gegenüber dem KGB. Für Gumpel ist es eine Tatsache, dass das Stück Hochhuths in allen Ländern des Ostblocks wenigsten einmal im Jahr pflichtmäßig aufgeführt werden musste.

Pius XII. sei zum Hauptziel auserkoren worden, da das Moskauer Regime ihm seine eindeutige und harte antikommunistische Haltung nie verziehen habe. P. Gumpel erläuterte, dass Italien im Jahr 1948 Gefahr lief, durch einen möglichen Wahlsieg der Kommunistischen Partei in das Einflussgebiet der Sowjetunion zu fallen. Die katholische Kirche habe deshalb die so genannten „Comitati Civici“ (Bürgerkomitees) eingerichtet, deren Aufgabe es gewesen sei, in einer durchdringenden Aktion den Sieg der Kommunisten zu verhindern. Der entschlossenen Initiative von Pius XII. sei es zu verdanken gewesen, dass Italien damals der Gefahr, eine kommunistische Republik zu werden, entronnen sei. Moskau habe somit seinen Hass auf Pius XII. konzentriert. Die Kampagne gegen den Papst sei dann im Westen von vielen Medien bewusst oder unbewusst aufgenommen worden.

Eine der Reaktionen der Kirche bestand nach Angaben Gumpels darin, einen Großteil der Dokumente, die sich auf die Zeit des Pontifikats von Pius XII. beziehen, bereits in den 60er-Jahren zu veröffentlichen. Normalerweise müssen zwischen dem Tod eines Papstes und der Veröffentlichung der entsprechenden Dokumente aus den verschiedenen Archiven 70 Jahre vergehen. Nach dem Tod Pius XII. im Jahr 1958 hätten die Archivare also gedacht, dass sie bis zum Jahr 2028 Zeit hätten. Insofern sei für die Sichtung der Dokumente aus der Zeit von 1939 bis 1958 kein zusätzliches Personal eingestellt worden. Die Dokumente seien ungesichtet und ungeordnet in Schachteln gestapelt worden. Niemand hätte etwas vom Vorhaben Moskaus geahnt. Paul VI. habe dann die Voraussetzungen für eine entsprechende Reaktion seitens der Kirche geschaffen, doch leider sei es schon zu spät gewesen.

Fazit: Seit fast 50 Jahren wird ein Papst verleumdet und eine Fiktion als historische Wirklichkeit ausgegeben. Dank Einrichtungen wie „Pave the Way“ und einer ernsthaften wissenschaftlichen Forschung bleibt zu hoffen, dass Mystifikationen aufrecht als solche anerkannt und die Beleidigungen gegen einen heiligen Papst eingestellt werden.

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Quelle

Das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. und das II. Vatikanische Konzil

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DES KONGRESSES
„DAS ERBE DES LEHRAMTES PIUS‘ XII.
UND DAS II. VATIKANISCHE KONZIL“

Samstag, 8. November 2008

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, Sie anläßlich des Kongresses über »Das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. und das II. Vatikanische Konzil« zu empfangen, der von der Päpstlichen Lateranuniversität gemeinsam mit der Päpstlichen Universität Gregoriana veranstaltet wurde. Es ist ein wichtiger Kongreß, sowohl wegen des Themas, das er aufgreift, als auch wegen der Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen, die daran teilnehmen. Während ich jeden herzlich begrüße, danke ich besonders Erzbischof Rino Fisichella, Rektor der Lateranuniversität, und P. Gianfranco Ghirlanda, Rektor der Universität Gregoriana, für die freundlichen Worte, mit denen sie die gemeinsamen Gefühle aller zum Ausdruck gebracht haben.

Ich bin sehr erfreut über das anspruchsvolle Thema, auf das Sie Ihre Aufmerksamkeit konzentriert haben. Wenn in den letzten Jahren von Pius XII. gesprochen wurde, galt die Aufmerksamkeit in überzogener Weise zumeist nur einer Problematik, die zudem ziemlich einseitig behandelt wurde. Das erschwerte, abgesehen von jeder anderen Überlegung, eine angemessene Annäherung an eine Gestalt von so großer historisch-theologischer Bedeutung, wie Papst Pius XII. es war. Die eindrucksvolle Aktivität, die dieser Papst insgesamt entfaltet hat, und ganz besonders sein Lehramt, mit dem Sie sich in diesen Tagen befaßt haben, sind ein beredter Beweis für das, was ich eben gesagt habe. Sein Lehramt zeichnet sich nämlich ebenso durch eine umfassende und positive Breitewie durch seine außerordentliche Qualität aus, weshalb man mit Recht behaupten kann, daß es ein wertvolles Erbe darstellt, aus dem die Kirche geschöpft hat und dies weiterhin tut.

Ich habe von der »umfassenden und positiven Breite« dieses Lehramtes gesprochen. Diesbezüglich genügt es, auf die Enzykliken und die unzähligen Ansprachen und Radiobotschaften hinzuweisen, die in den zwanzig Dokumentationsbänden – den »Insegnamenti« – seines Pontifikats enthalten sind. Von ihm wurden mehr als vierzig Enzykliken veröffentlicht. Darunter ragt die Enzyklika Mystici Corporis heraus, in der sich der Papst mit dem Thema des wahren und innersten Wesens der Kirche auseinandersetzt. Durch seine umfassende Untersuchung bringt er Licht in unsere tiefe ontologische Verbundenheit mit Christus und – in Ihm, durch Ihn und mit Ihm – mit allen anderen, von seinem Geist beseelten Gläubigen, die sich von seinem Leib nähren und, nachdem sie in Ihm verwandelt wurden, Ihm die Möglichkeit zur Fortsetzung und Ausweitung seines Heilswerkes in der Welt geben. Eng verbunden mit Mystici Corporis sind zwei andere Enzykliken: Divino afflante Spiritu über die Heilige Schrift und Mediator Dei über die heilige Liturgie. In ihnen werden die beiden Quellen vorgestellt, aus denen diejenigen stets schöpfen müssen, die zu Christus gehören, dem Haupt jenes mystischen Leibes, der die Kirche ist.

In diesem umfassenden Kontext hat Pius XII. über die verschiedenen Personengruppen gesprochen, die nach dem Willen des Herrn – wenn auch mit unterschiedlichen Berufungen und Aufgaben – zur Kirche gehören: die Priester, die Ordensleute und die Laien. So hat er weise Vorschriften für die Ausbildung der Priester erlassen, die sich durch die persönliche Liebe zu Christus auszeichnen sollen sowie durch ein einfaches, anspruchsloses Leben, durch die Treue gegenüber ihren Bischöfen und durch die Verfügbarkeit für jene, die ihrer pastoralen Sorge anvertraut sind. In der Enzyklika Sacra Virginitas und in anderen Dokumenten über das Ordensleben hat Pius XII. sodann die Vortrefflichkeit des »Geschenks« klar herausgestellt, das Gott gewissen Menschen mit dem Ruf gewährt, sich in der Kirche ganz dem Dienst an Ihm und am Nächsten zu weihen. Aus dieser Sicht besteht der Papst nachdrücklich auf der Rückkehr zum Evangelium und zum authentischen Charisma der Gründer und Gründerinnen der verschiedenen Orden und Ordenskongregationen, wobei er auch die Notwendigkeit einiger heilsamer Reformen anspricht. Außerdem gab es unzählige Anlässe, bei denen Pius XII. die Verantwortung der Laien in der Kirche behandelt hat. Im besonderen nutzte er die Gelegenheit der großen internationalen Kongresse, die dieser Thematik gewidmet waren. Gern setzte er sich mit den Problemen der einzelnen Berufe auseinander und wies zum Beispiel auf die Aufgaben und Pflichten der Richter, der Rechtsanwälte, der Sozialarbeiter und der Ärzte hin: Diesen letzteren widmete der Papst zahlreiche Ansprachen, in denen er die deontologischen Normen erläuterte, die sie bei ihrer Tätigkeit befolgen sollen. In der Enzyklika Miranda prorsus ging der Papst dann auf die große Bedeutung der modernen Kommunikationsmedien ein, die auf immer stärkere Weise die öffentliche Meinung zu beeinflussen begannen. Gerade deshalb unterstrich dieser Papst, der die neue Erfindung des Radios in höchstem Maße zur Geltung brachte, die Pflicht der Journalisten, wahrheitsgetreue und den sittlichen Normen entsprechende Informationen weiterzugeben.

Auch den Wissenschaften und den von ihnen erzielten außerordentlichen Fortschritten widmete Pius XII. seine Aufmerksamkeit. Trotz aller Bewunderung für die auf diesen Gebieten erreichten Errungenschaften versäumte es der Papst nicht, vor den Gefahren zu warnen, die eine Forschung, die sich nicht um die moralischen Werte kümmert, zur Folge haben kann. Ein Beispiel soll genügen: seine berühmte Ansprache über die Kernspaltung. Mit außerordentlichem Weitblick hat der Papst allerdings warnend auf die Notwendigkeit hingewiesen, mit allen Mitteln zu verhindern, daß diese genialen wissenschaftlichen Fortschritte für den Bau von tödlichen Waffen eingesetzt werden, die schreckliche Katastrophen und sogar die völlige Zerstörung der Menschheit auslösen könnten. Zu erwähnen sind ferner die langen, erleuchteten Ansprachen, welche die gewünschte Neuordnung der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft betreffen, als deren unverzichtbares Fundament er die Gerechtigkeit nannte, die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen den Völkern ist: »opus iustitiae pax! – Das Werk der Gerechtigkeit ist der Friede«. Besonders erwähnenswert ist auch die Lehre Pius’ XII. über Maria, die ihren Höhepunkt in der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens in den Himmel gefunden hat, mit dem der Heilige Vater die eschatologische Dimension unseres Daseins hervorheben und außerdem die Würde der Frau ehren wollte.

Was läßt sich über die Qualität des Lehramtes Pius’ XII. sagen? Er war gegen jede Art von Improvisation: Er schrieb jede Ansprache mit größter Sorgfalt, wobei er jeden Satz und jedes Wort abwog, bevor er es öffentlich aussprach. Er studierte aufmerksam die verschiedenen Sachverhalte und hatte die Gewohnheit, sich mit herausragenden Experten zu beraten, wenn es sich um Themen handelte, die eine spezielle Sachkenntnis erforderten. Von seiner Natur und seinem Wesen her war Pius XII. ein maßvoller Mensch und ein Realist, dem ein leichtfertiger Optimismus fremd war, aber er war ebenso immun gegenüber der Gefahr jenes Pessimismus, der nicht zu einem Gläubigen paßt. Fruchtlose Polemiken widerstrebten ihm, und er mißtraute zutiefst jedem Fanatismus und Sentimentalismus.

Diese inneren Haltungen geben Rechenschaft vom Wert und der Tiefe sowie auch von der Zuverlässigkeit seiner Lehre und erklären die vertrauensvolle Zustimmung zu ihr, die nicht allein auf die Gläubigen beschränkt war, sondern auch von vielen Menschen kam, die nicht zur Kirche gehörten. Angesichts der großen Breite und hohen Qualität des Lehramtes Pius’ XII. muß man sich fragen, wie er das alles zu leisten vermochte, da er sich ja auch den zahlreichen anderen Aufgaben widmen mußte, die mit seinem Papstamt verbunden waren: die tägliche Leitung der Kirche, die Ernennungen und Besuche der Bischöfe, die Besuche von Staatsoberhäuptern und Diplomaten, die zahllosen Audienzen, die er Privatpersonen und ganz unterschiedlichen Gruppen gewährte.

Alle anerkennen in Pius XII. einen Mann von außergewöhnlicher Intelligenz, mit einem ausgezeichneten Gedächtnis, einer einzigartigen Vertrautheit mit den Fremdsprachen und einer bemerkenswerten Sensibilität. Man sagt von ihm, er sei ein höflicher Diplomat, ein hervorragender Jurist, ein ausgezeichneter Theologe gewesen. Das alles trifft zu, aber es erklärt nicht alles. Es gab darüber hinaus in ihm das ständige Bemühen und den festen Willen, sich selbst Gott zu schenken, ohne sich etwas zu ersparen und ohne Rücksicht auf seine schwache Gesundheit. Die eigentliche Triebfeder seines Verhaltens war folgende: Alles erwuchs aus der Liebe zu seinem Herrn Jesus Christus und aus der Liebe zur Kirche und zur Menschheit. Er war nämlich vor allem der Priester in ständiger, inniger Verbundenheit mit Gott, der Priester, der in langen Gebetszeiten vor dem Allerheiligsten, im stillen Gespräch mit seinem Schöpfer und Erlöser die Kraft für seine enorme Arbeit fand. Darin hatte sein Lehramt seinen Ursprung und erhielt von daher, wie übrigens jede andere seiner Tätigkeiten, seinen Antrieb.

Es braucht deshalb nicht zu verwundern, daß seine Lehre auch heute weiterhin Licht in der Kirche verbreitet. Fünfzig Jahre sind seit seinem Tod vergangen, aber sein vielseitiges und fruchtbares Lehramt bleibt auch für die heutigen Christen von unschätzbarem Wert. Gewiß ist die Kirche, der Mystische Leib Christi, ein lebender und lebendiger Organismus, der nicht starr an dem festhält, was vor fünfzig Jahren war. Aber die Entwicklung vollzieht sich in Kontinuität. Deshalb ist das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. vom Zweiten Vatikanischen Konzil gesammelt und den nachfolgenden christlichen Generationen neu vorgelegt worden. In den von den Konzilsvätern des Zweiten Vatikanums eingebrachten mündlichen und schriftlichen Beiträgen finden sich bekanntlich mehr als tausend Bezugnahmen auf das Lehramt Pius’ XII. Nicht alle Konzilsdokumente haben einen Anmerkungsapparat, aber in den Dokumenten, die ihn haben, taucht über zweihundert Mal der Name Pius XII. auf. Das heißt: Mit Ausnahme der Heiligen Schrift ist dieser Papst die am häufigsten zitierte maßgebliche Quelle. Man weiß außerdem, daß die den Dokumenten angefügten Anmerkungen im allgemeinen nicht bloße erklärende Hinweise sind, sondern daß in ihnen oft wesentliche Bestandteile der Konzilstexte enthalten sind; sie sind nicht nur Anmerkungen zur Bekräftigung dessen, was im Text gesagt wurde, sondern sie bieten einen Interpretationsschlüssel dafür.

Wir können also sagen, daß der Herr in der Person Papst Pius’ XII. seiner Kirche ein außerordentliches Geschenk gemacht hat, für das wir alle Ihm dankbar sein müssen. Ich spreche daher noch einmal meine Anerkennung für die wichtige Arbeit aus, die Sie in der Vorbereitung und Durchführung dieses Internationalen Symposions über das Lehramt Pius’ XII. geleistet haben, und wünsche mir, daß man weiter über das wertvolle Erbe, das von dem unsterblichen Papst der Kirche hinterlassen wurde, nachdenkt, um daraus nützliche Anwendungen auf die heute auftauchenden Probleme zu gewinnen. Mit diesem Wunsch rufe ich auf Ihre Arbeit die Hilfe des Herrn herab und erteile jedem von Ihnen von Herzen meinen Segen.

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Quelle

Papst Pius XII.: Ansprache von 1939 an die Nationalwallfahrt der Ungarn

ANSPRACHE VON PAPST PIUS XII.
AN DIE TEILNEHMER DER
NATIONALWALLFAHRT DER UNGARN*

Freitag, 28. Juni 1939

Salve, carissime Nobis Cardinalis Strigoniensium Archiepiscope, salvete, venerabiles fratres et Episcopi et dilecti filii qui totius cleri hungarici quasi vices geritis, cuius firmam fidem, indefessum laborem, virtutes sacerdotales, elapso anno, occasione Congressus Eucharistici immortali memoria digni, experiri et admirari Nobis licuit. Summo afficimur gaudio, quod vos, quorum tunc hospes fuimus, hodie in hac Nostra domo excipere et vota Nostra pro universis filiis Nostris hungaricis ac tota vestra natione vobis committere possumus.

Geliebte Söhne und Töchter aus Ungarn! Was an der Hungaria catholica so verehrungswürdig ist, das ist die Treue, mit der die ungarischen Katholiken seit den Tagen des unvergleichlichen hl. Königs Stephan und seines Sohnes Emmerich ihren Glauben unter härtesten Prüfungen bewahrt haben. Wir denken vor allem an die Zähigkeit und Geduld, mit der ihr euren Glauben durch die Herrschaft des Halbmonds, durch anderthalb Jahrhunderte hindurch gerettet habt. Ein ausgeprägter edler Zug eurer Nation und die Gnade Gottes haben sich in dieser Glaubenstreue die Hand gereicht und gemeinsam ausgewirkt.

Heute spielen sich wieder überall religiöse Entscheidungen von größtem Ausmaß ab. Gott sei Dank — Christus und seine Kirche haben heute wie selten zuvor ein wohlgerüstetes Heer mutiger und opferwilliger Streiter, und auch auf die sieben Millionen ungarische Katholiken setzt der Statthalter Christi große Hoffnungen. Gott helfe euch, euren Glauben bis in seine letzten Folgerungen offen zu bekennen und ins Leben umzusetzen.

Mit Trost erfüllt Uns sodann die kindliche Verehrung und Liebe, die Ungarns Katholiken dem Heiligen Vater entgegenbringen. Es ist ja bezeichnend für eure Geschichte, dass die Zeiten der Blüte Ungarns immer auch Zeiten seiner innigsten Verbundenheit mit dem Stuhle Petri waren. Der beredste Ausdruck für diese Tatsache ist gerade die hl. Stephanskrone. Mit Stolz nennen Wir, wo von der Verbindung Ungarns mit dem Hl. Stuhl die Rede ist, Papst Innozenz XI. Erst die neuesten Forschungen haben ganz aufgehellt, wie entscheidend dieser heiligmäßige Papst zur Befreiung Ungarns beigetragen hat und dass sein Name von den großen Ereignissen vor und nach 1686 gar nicht wegzudenken ist. Wir sind glücklich in dem Bewusstsein, dass jene Jahre, die zu den glorreichsten der ungarischen Geschichte zählen, mit dem Namen eines Unserer Vorgänger so eng verknüpft sind.

Geliebte Söhne und Töchter, lasst die Anhänglichkeit an den Hl. Stuhl immer das Wahrzeichen eures kirchlichen Lebens sein. Sie ist auch das Geheimnis eurer Glaubenskraft und Glaubenstreue.

Unsere innigsten Wünsche gelten dem blühenden katholischen Leben eurer Heimat, vor allem dem vorbildlichen Arbeiten seiner Katholischen Aktion. Ungarns Aufstieg und Glück, seinen inneren und äusseren Frieden, vor allem aber sein religiöses Leben empfehlen Wir der überströmenden Liebe und Gnade Jesu Christi und dem machtvollen Schutze der Patrona Hungariae. Als Unterpfand dessen erteilen Wir euch, allen euren Lieben in der Heimat, allen, die ihr jetzt einschließt, vor allem eurer Jugend aus der Fülle des Herzens den Apostolischen Segen.

*Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, I,
Erstes Pontifikatsjahr, 2. März 1939 – 1. März 1940, SS.229-230
Tipografia Poliglotta Vaticana

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Ansprache Papst Pius‘ XII. an die Schweizer-Pilger am Freitag 16. Mai 1947

Mit tiefer Ergriffenheit haben Wir gestern Nikolaus von Flüe der Schar der Heiligen beigesellt, und mit tiefer Ergriffenheit habt ihr, geliebte Söhne und Töchter, Landsleute des neuen Heiligen, der erhabenen Handlung beigewohnt. Mit ihr wurde der einzigartigen Gestalt aus dem 15. Jahrhundert, die ihr als die Verkörperung des Besten von dem empfindet, was an gesunder Natur und christlicher Frömmigkeit in eurem Wesen lebt, eine Ehrung zuteil, wie sie höher auf Erden und in der Kirche Christi niemandem widerfahren kann. Uns selbst war es eine grosse Genugtuung, eurem Volke, mit dem Uns so viele angenehme Beziehungen verknüpfen, die Freude der Heiligsprechung dieses echten Schweizers zu bereiten.

Wenn auch das Lob, ein echter Sohn des Schweizer Volks zu sein, im Vollsinn des Wortes ganz gewiss einer stattlichen Reihe eurer um das Vaterland verdienten Männer gebührt, so doch sicher keinem mehr als Nikolaus von Flüe.

Er stammt aus dem Herzen der Eidgenossenschaft, aus einem der Urkantone, einem « gläubigen und frommen Land », wie seine Obwaldner Heimat noch in unserer Zeit ehrend genannt wurde. Den Ruf seines Geschlechts, rechtschaffen und gottesfürchtig zu sein, zurückhaltender Natur, mässig, ganz dem Beruf, der Feldarbeit lebend, umgänglich und immer gewohnt, den Mitmenschen Gutes zu tun, eifrig im Gebet und in Einhaltung der kirchlichen Lebensordnung (Robert Durrer, Bruder Klaus, Die ältesten Quellen über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluss [2 Bände, Samen 1917-1921] B. II, S. 671), diesen Ruf hat jedenfalls Nikolaus vollkommen wahr gemacht: Einen züchtigen, gütigen, einen tugendhaften, frommen und wahrhaften Menschen nennt ihn ein Zeuge, der ihm von seiner frühen Jugend bis zu seinem Abschied von der Welt immer sehr nahe stand (Durrer, B. I, S. 462).

Mit 14 Jahren nimmt Nikolaus an der Landsgemeinde teil (Durrer, B. I, S. XII). Er ist Kriegsmann im Dienst des Vaterlandes und steigt zum Fähnrich, Rottmeister und Hauptmann auf (Durrer, B. I, S. 428). In zwanzigjähriger Ehe mit Dorothea Wyss ersteht ihm eine blühende Familie von zehn Kindern. Heute, in dieser feiervollen Stunde, verdient auch der Name seiner Gattin in Ehren genannt zu werden. Sie hat durch den freiwilligen Verzicht auf den Gemahl, einen Verzicht, der ihr nicht leicht wurde, und durch ihre feinfühlige, echt christliche Haltung in den Jahren der Trennung mitgewirkt, um euch den Retter des Vaterlandes und den Heiligen zu schenken.

Mit Umsicht und Fleiss waltet Nikd1aus des elterlichen Erbes. Er ist ein angesehener Bürger, Ratsherr, Richter und Tagsatzungsgesandter, und dass er nicht Landammann wurde, ist nur an seinem eigenen Widerstreben gescheitert (Durrer, B. I, S. 463; dazu S. XII).

Erst fünfzigjährig zieht er sich zurück von der Welt, von der eigenen Familie und den öffentlichen Geschäften, um noch an die zwanzig Jahre in äusserster Entsagung, in strengster Busse nur dem Verkehr mit Gott zu leben.

Allein gerade in dieser Abgeschiedenheit wird Nikolaus zum grossen Segen für sein Volk. Mehr und mehr kommen sie von nah und fern zu ihm, um sich seinem Gebet zu empfehlen, an seinem Beispiel aufzurichten, von ihm Trost und Rat zu erholen. Bischöfe und Grafen, Beauftragte in Sachen der Eidgenossenschaft wie Gesandte auswärtiger Städte und Mächte suchen bei ihm Antwort, Weisung oder Vermittlung in Fragen des öffentlichen Wohls, des inneren und äusseren Friedens (Durrer, B. I, S. XXV-XXVI, 584-585). In jenen entscheidungsvollen Dezembertagen des Jahres 1481, da der Gegensatz politischer Interessen die Entfremdung zwischen den Land-und Stadtkantonen so sehr vertieft hatte, dass sie in offener Feindschaft und in Bruderkrieg zu enden drohte, in einem Bruderkrieg, der wohl den Untergang der Eidgenossenschaft bedeutet hätte, ist Nikolaus von Flüe, über die engen Grenzen der Kantone hinweg auf das Wohl des Ganzen schauend, durch seinen Rat und die damals schon überirdische Kraft seiner Persönlichkeit der Retter des Vaterlands geworden. Sein Name wird mit dem Stanser Vorkommnis, einem der Eckpfeiler und grossen Marksteine in der Geschichte eurer Heimat, auf immer verbunden bleiben. Bruder Klaus ist nicht zu Unrecht als « der erste eidgenössische Patriot » bezeichnet worden. Er ist ganz einer von euch; er ist euer Heiliger (Durrer, B. I, S. XXIX, 115-170).

Das Vorbild christlicher Tugend und Vollkommenheit, das im hl. Nikolaus aufleuchtet, ist so einfach natürlich, so entzückend schön, inhaltsvoll und vielgestaltig wie der Farbenreichtum einer in ihrer Blumenpracht daliegenden Alpenwiese. Aber nicht der Mannigfaltigkeit seines Vorbilds wollen Wir in dieser Stunde nachgehen. Was Wir aufzeigen möchten, sind bestimmte Brennpunkte im Strahlenfeld seiner Heiligkeit, und zwar jene Brennpunkte, die gleichzeitig die Kraftquellen angeben, aus denen euer Volk in der Vergangenheit seine Stärke geschöpft hat und deren es auch in der Zukunft nicht wird entbehren können. Solcher Brennpunkte glauben Wir drei nennen zu sollen : seine beherrschte Lebensweise, seine Gottesfurcht und sein Beten.

Die Lebensweise des Heiligen ist beherrscht, auf Verzicht und Abtötung eingestellt, nicht nur wenn wir sie mit unseren heutigen Daseinsverhältnissen vergleichen, sondern schon für die viel einfacheren seiner Zeit und seiner Heimat, ganz abgesehen davon, dass man auch damals das Leben zu geniessen wusste. Wo immer ihr Nikolaus betrachten möget, stets ist bei ihm der Geist Herr über den Leib. Diese Beherrschtheit gab auch seinem Aeusseren jene Ehrfurcht weckende Würde und herbe Schönheit, die uns aus seinen Bildern so wohltuend ansprechen. Nikolaus hat früh, schon als Junge, sehr ernst damit begonnen, sich Opfer aufzuerlegen, und er ist darin beharrlich vorangeschritten (Durrer, B. 1, S. 462). Durch sein überaus strenges Leben in der Klause gehört er zu den grossen Büssergestalten der katholischen Kirche, und wenn er in jenen zwanzig Jahren sich ausschliesslich vom Brot der Engel nährte, so war dieses Charisma die Vollendung und der Lohn eines langen Lebens der Selbstbeherrschung und Abtötung aus Liebe zu Christus.

Versteht ihr die Mahnung, die der Heilige durch sein Beispiel an unsere Zeit richtet? Ein wahrhaft christliches Leben ist undenkbar ohne Selbstbeherrschung und Entsagung; aber auch Volksgesundheit und Volkskraft können ihrer auf die Dauer nicht entbehren. In der Strenge der christlichen Lebensordnung liegen zugleich unersetzliche soziale Werte. Sie ist das wirksamste Gegengift gegen die Sittenverderbnis in allen ihren Erscheinungen.

Wenn — gewiss auch auf die Fürbitte des hl. Nikolaus — Gottes barmherzige Vorsehung eure Heimat vor der Verelendung bewahrt hat, wie sie als Folge zweier Weltkriege in grauenvollen Formen über andere Länder gekommen ist, so stattet ihr euren Dank dafür durch grossmütige Werke der Caritas ab; Wir benützen gerne auch diese Gelegenheit, um es anzuerkennen. Erweist euch jedoch darüber hinaus dankbar dadurch, dass ihr im Geist und in der Tat um Christi willen ein einfaches und beherrschtes Leben führt, auch in Wohlhabenheit und Reichtum.

Der Büsser vom Ranft mag einmalig sein. Auch Franz von Assisi war es; aber ganzen Schichten der Christenheit wurde sein heldenhaftes Beispiel zum Ansporn, ihr Erdendasein weniger auf Wohlleben und Macht, als vielmehr auf Sichbescheiden und auf die ewigen Güter auszurichten. Folgt ihr ebenso Nikolaus von Flüe nach! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Wo Nikolaus von Flüe uns entgegentritt, ist er der gottesfürchtige Mensch. Auch als Kriegsmann, wie uns seine Kameraden eindrucksvoll berichten (Durrer, B. I, S. 464). Ueber sein Eheleben kann man die Eingangsworte der Eheenzyklika Unseres hochseligen Vorgängers Pius XI., setzen : « Der reinen Ehe Hoheit und Würde ». Von seiner öffentlichen Tätigkeit konnte Nikolaus selbst bezeugen : « Ich war mächtig in Gericht und Rat und in den Regierungsgeschäften meines Vaterlandes. Dennoch erinnere ich mich nicht, mich jemandes so angenommen zu haben, dass ich vom Pfade der Gerechtigkeit abgewichen wäre» (Durrer, B. I, S. 39). « Wer Gott fürchtet, wird ganz gross sein », sagt die Schrift (Judith 16, i9). Das gilt von eurem Heiligen.

Aufstieg und Niedergang der Völker entscheiden sich danach, ob ihr Eheleben und ihre öffentliche Sittlichkeit sich auf der Normallinie der Gottesgebote halten oder unter sie hinuntergleiten.

Klingt nicht auch diese Feststellung wie ein Notruf in unsere Zeit hinein? Die Zahl der guten Christen ist heute nicht gering, die der Helden und Heiligen in der Kirche vielleicht grösser als zuvor. Aber die öffentlichen Verhältnisse sind weithin zerrüttet. Und das ist die Aufgabe der Kinder der Kirche, aller guten Christen, sich dieser Abwärtsbewegung entgegenzustemmen und durch Bekenntnis wie Tat, im Beruf wie in der Handhabung der Bürgerrecte, in Handel und Wandel des täglichen Daseins dem Gebot Gottes und Gesetz Christi wieder den Weg in alle Bereiche des menschlichen Lebens zu bahnen. Christliche, katholische Schweizer! Hier liegt auch eure Aufgabe für euer Vaterland. Führt sie durch im Geist und in der Kraft von Bruder Klaus! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Nicolaus von Flüe war endlich ein Mann des Gebetes, sein Leben ein Leben aus dem Glauben. Die Aeusserung, die er in seinem Selbstbekenntnis über den Priester, den « Engel Gottes », und das « heiligste Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi » (ebenda) getan, würde genügen, um zu zeigen, wie erfüllt von katholischen Glauben er war. Es ist bezeichnend, wie gerne er schon seit den Knabenjahren sich zu stundenlanger Versenkung ins Gebet zurückzog. Sein Leben im Ranft war ein Leben der Entsagung, um zur Vereinigung mit Gott zu kommen, das Ruhen in Gott der Sinn dieses Lebens. Auch seine Tat zur Rettung der Eidgenossenschaft Weihnachten 1481 war der Sieg eines Titanen des Gebetes über den Ungeist der Selbstsucht und Zwietracht.

Liegt nicht ein Fingerzeig Gottes darin, wenn Er eurer Heimat einen Volksheiligen schenkt, der so ausgesprochen ein Mann des Gebetes war wie Bruder Klaus? Die Kurve der Zerrüttung des öffentliches Lebens geht parallel mit der Kurve seiner Säkularisierung, seiner Loslösung vom Gottesglauben und Gottesdienst. Solcher Verweltlichung können aber — Land für Land und Volk für Volk — Einhalt tun nur Menschen und Gemeinschaften, die glauben und beten. Deshalb rufen Wir euch zu: « Betet, freie Schweizer, betet! », wie Nikolaus von Flüe gebetet hat. Dann könnt ihr mit Recht und in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Schiller lässt im Wilhelm Teil den alten Attinghausen ein Wort sprechen, das ihr in jungen Jahren mit Begeisterung aufgenommen habt, das Wort (2. Aufzug, I. Szene):

Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.

Wenn ihr aber nunmehr fragt, wo im Vaterland die starken Wurzeln eurer Kraft liegen, so lautet die Antwort: sie liegen — nicht allein, aber vor allem anderen — in dem christlichen Unterbau, der das Gemeinwesen, seine Verfassung, seine soziale Ordnung, sein Riecht und seine gesamte Kultur trägt, und dieser christliche Unterbau ist durch nichts zu ersetzen, nicht durch Macht und nicht durch politische Höchstleistung. Die Stürme, die seit Jahren wie ein Weltgericht über die Kontinente dahingehen, haben dies mit Donnerstimme kundgetan. Auf Schweizer Boden hat jener christliche Unterbau in Nikolaus von Flüe Leben und Gestalt gewonnen wie wohl in keinem anderen eures Volkes. Schliesst euch ihm an, dann wird es gut bestellt sein um das Schicksal eures Vaterlandes.

Ihr seid stolz auf eure Freiheit. Ueberseht aber nicht, dass irdische Freiheit nur dann zum Guten ist, wenn sie aufgeht in einer höheren Freiheit, wenn ihr frei seid in Gott, frei euch selbst gegenüber, wenn ihr die Seele frei und offen bewahrt für das Einströmen der Liebe und Gnade Jesu Christi, des Ewigen Lebens, das Er selber ist. Nikolaus von Flüe verkörpert in wundersamer Vollkommenheit den Einklang von irdischer und himmlischer Freiheit. Folgt ihm nach! Er sei euer Vorbild, euer Fürbitter, euer und eures ganzen Volkes hundert- und tausendfältiger Segen.

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Quelle

Siehe ferner:

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DAS APOSTOLAT DER FRAU

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DAS APOSTOLAT DER FRAU

Nur wenige Wochen nach dem Antritt seines Pon­tifikats hielt Pius XII. am Osterfest 1939 seine erste An­sprache an Frauen vor der Internationalen Katholischen Frauenliga, in der er über das Apostolat der Frau und ihre Arbeit im Gottes-Reich spricht. Wie stets in seinen ersten Reden knüpft der Papst seine Arbeit an die seines Vor­gängers Papst Pius‘ XI. an, den er bezeichnet als „den großen Förderer der Katholischen Aktion, auch jetzt noch ihr unsichtbarer Berater und Wegweiser“. Eine der gol­denen Regeln dieses Papstes sei es gewesen, daß jeder Apostel nicht zu den Vertretern irgendeiner abstrakten Menschheit sprechen solle, sondern zu bestimmten Grup­pen, die einheitlich durch Nation, durch Alter und Beruf zusammengefaßt werden sollten. So habe also die Arbeit der Katholischen Aktion in der Art der Ausübung sich der Verschiedenheit der Länder und Zeiten anzupassen. Pius XII. führt dann weiter aus:

„Wenn Wir Sie heute hier sehen, geht Unser Gedanke zu den edlen, vor Eifer brennenden christlichen Frauen, die seit den Tagen der Urkirche mit den Aposteln und Seelenhirten bei der Ausbreitung des Evangeliums mitgearbeitet haben, die verdienten, von der damaligen Hierarchie gelobt zu werden, und deren Namen, wie der hl. Paulus sagt, ‚eingeschrieben sind in das Buch des Lebens‘ (Phil 4, 3). Die Mitglieder Ihrer Vereinigungen setzen die glorreichen Traditionen dieser Frauen und Jungfrauen fort. Auch Ihr Wirken gereicht Ihnen zum Lob und zeigt Uns, wie weit Ihr ‚apostolisches Arbeitsfeld‘ schon reicht, das Sie noch immer weiter ausdehnen wollen.

Es gab eine Zeit, wo das apostolische Wirken der Frau sich darauf beschränken konnte, das christliche Leben in der Familie zu bewahren und lebendig zu erhalten. Das genügt nicht mehr in unseren Tagen, wo das ganze Familienleben zwangsläufig und unmittelbar dem Einfluß der sozialen Umwelt, in der es sich entfaltet, unterworfen ist. Von dieser sozialen Umgebung wird zum großen Teil die geistige Atmosphäre in der Familie abhängen und auch ihr sittliches und religiöses Leben. Darum wird sich die katholische Frau von heute ihrer sozialen Pflichten bewußt. Ihre Kongresse arbeiten, um durch gemeinsames Studium diese Aufgaben immer besser zu verstehen; Ihre Ligen bemühen sich, sie immer besser zu erfüllen. So er­klären sich die so wunderbar verschiedenartigen Formen Ihrer Bemühungen … Wie bei allen großen mensch­lichen Werken hat Gott auch in dem menschlich-gött­lichen Werk der Erlösung die Frau zur Gefährtin und Gehilfin des Mannes gemacht. Aber diese Mitarbeit der Frau bei der Ausbreitung und Verteidigung des Gottes-Reiches scheint Uns heute notwendiger denn je … Um diese Wunde [die Zerrissenheit der Menschheit] zu hei­len, gibt es nur einen wirksamen Balsam: die Rückkehr des Geistes und des menschlichen Herzens zur Erkenntnis und Liebe Gottes, des gemeinsamen Vaters, und desjenigen, den er zur Rettung der Welt gesandt hat, Jesus Christus. Um aber diesen heilenden Balsam in die offene Wunde einer durch so viele Erschütterungen gemarterten Mensch­heit zu gießen, scheinen die Hände der Frauen durch die Vorsehung besonders vorbereitet zu sein, da ihnen die feinere Empfindsamkeit und das größere Zartgefühl des Herzens gegeben sind.

Es ist nun Ihre Aufgabe, katholische Frauen und junge Mädchen, sich zu dieser großen Verwundeten zu neigen; selbst von Gott geführt und unterstützt hier aufzurichten, dort zu ermutigen. Machen Sie aus dieser herdenartigen Masse wieder eine organische Gemeinschaft, in friedvoller Abgrenzung der Tätigkeiten und Ämter, in der Achtung der Pflichten und Rechte, in harmonischer Zusammen­ordnung der festgefügten und fruchtbaren Familien .. . Ist es nötig hinzuzufügen, daß Ordnung und Friede zu­vor in Ihren Organisationen gepflegt werden müssen, ehe Sie sie in Ihrer Umgebung zur Herrschaft bringen? Was das betrifft, so gefällt es Uns ganz besonders, wie in Ihrer Internationalen Vereinigung sich die Abteilung der Frauen mit der der jungen Mädchen harmonisch zusammenfindet. Sie sind wie Blüten und Früchte, die manchmal gleich­zeitig gewisse bevorzugte Bäume schmücken. An der Seite der verdienstvollen Arbeiterinnen mit reicher Erfahrung stehen freudig die ,Lehrlinge‘, voller Bereitschaft, sich einzusetzen. Sie erbitten hierfür ‚Formung und Vorberei­tung‘ und möchten den Rat ihrer Vorgängerinnen emp­fangen, nicht wie aufgezwungenen Lehrstoff, sondern wie dargebotene Schätze. Das wirksamste Apostolat, das durch nichts zu ersetzen ist, ist das eines heiligen und frommen Lebens, das durch Beispiel und Gebet wirkt. Daher nimmt unter den verschiedenen Formen Ihrer Tätigkeit dieses Apostolat des Beispiels den ersten Platz ein . ..“1

1 Osteransprache 1939, vgl. Jussen, S. 228 ff.

Das sprach Papst Pius XII. wenige Monate, ehe der Zweite Weltkrieg ausbrach, in der Erkenntnis, daß die menschliche Gesellschaft auseinanderzufallen drohe. Seine Furcht sollte sich nur allzubald erfüllen, und so kam es, daß die erste Enzyklika, in der sich der Papst an die ganze Welt wandte, ‚Summi Pontificatus‚ vom 20. Okto­ber 1939 den Ausdruck seiner Sorgen und Befürchtungen widerspiegelt. Er spricht darin von den vielfältigen und gefährlichen Irrtümern, welche die Folge des religiösen und sittlichen Agnostizismus sind und ruft mit überzeugenden Worten zum Apostolat auf, um „im Kampf zwi­schen Christentum und Antichristentum Gnadenquellen und Kraftreserven“ zu gewinnen.

„In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein Mißverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern (Matth 9, 37; Luk 10, 2) einen sorgenschweren Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche und hingebende Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für den Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, er möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth 9, 38; Luk 10, 2), ist in einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe, diesem Apostolat die ganze Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine Massenheimkehr zu Christus zu verwandeln … In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen ehrender und beglückender nicht erhoffen können.”2

2 A. A. S. vol. 31 (1939) P. 587.

Zum ersten Male hörte die gesamte Welt einen Aufruf Pius‘ XII., daß alle vom Kriegselend Betroffenen katholische Bruderliebe erfahren sollen, die „nicht ein leeres Wort ist, sondern lebendige Wirklichkeit“. Wie viele Hilfs- und Mahnrufe sollten in den nächsten Jahren noch folgen, um das Gewissen der Nationen und die Einsatzbereitschaft der einzelnen wachzurütteln!

„Ein unübersehbares Arbeitsgebiet eröffnet sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das Vertrauen zu Unseren Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen Ländern, deren Boden noch nicht von der Geißel des Krieges heimgesucht ward, daß sie im Geiste des göttlichen Samaritans sich derer erinnern, die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe. haben.“3

3 A. A. S. vol. 31 (1939) p. 593.

Während Papst Pius XII. in diesem Rundschreiben die ganze Welt zur Mitarbeit aufrief, wandte er sich in den nächstfolgenden Jahren in mehreren Ansprachen an einzelne Gruppen, und zwar vornehmlich an Italiener, da es ihnen auch in den Kriegsjahren möglich war, in Rom zu Kongressen zusammenzukommen.

In einer Ansprache vom 4. September 1940 vor italienischen Mitarbeitern der Katholischen Aktion gab der Papst seiner Genugtuung Ausdruck über die vierfache Einheit innerhalb der Katholischen Aktion: „mit der kirchlichen Hierarchie; mit Gott durch die tiefe geistige Verbindung; mit den Mitgliedern untereinander, durch die Eintracht im Handeln; mit den Mitgliedern der anderen Gruppen, jedoch in Unterwerfung unter die kirchliche Führung“…

Die einzelnen Punkte führt Pius XII. dann näher aus.

„Die Mitglieder der Katholischen Aktion, die in solcher Weise vorbereitet, gebildet und vereint sind, werden sich als Apostel in die verschiedenen Wirkungsbereiche der Gesellschaft begeben, in alle Richtungen, wo auch immer Seelen für Christus zu gewinnen sind und wo auch immer ein Zufluchtsort oder ein Ort der Zusammenkunft von einzelnen oder einer Gemeinschaft ist, über die Christus, unser Herr, herrschen muß. Geht, geliebte Söhne und Töchter, zu den Bedürftigen, zu den Armen, zu den Leidenden, zu den Unglücklichen, zu den von der Welt Verlassenen; geht, um sie aufzuklären, um sie aufzurichten, um sie zu trösten, um ihnen zu helfen, um ihnen Mut einzuflößen. In ihrer Mühsal, in ihrem Kummer, in ihren Schmerzen, in ihrer Einsamkeit fühlen sie sich mit dem Bruder verbunden, der mit ihnen weint, der mit ihnen brüderlich ihr Unglück und ihr Leid mitfühlt, der ihr Freund ist in ihren Widerwärtigkeiten, der eine Hand, die sie unterstützt, der ein Wort hat, das ihre Trostlosigkeit mildert, der sie nicht auf den flüchtigen Schein der Zeit, sondern auf die unwandelbaren Güter der Ewigkeit hinweist . . . Geht mitten hinein in die Welt, vertraut auf Christus, der die Welt besiegt hat. Eure Jahre des Apostolats mögen Jahre des Gebets sein, des Beispiels der Feder und des Wortes, der Demut und der guten Werke, des Duldens und der Sanftmut, der Klugheit und der Bescheidenheit, der weisen Nächstenliebe, nachgiebig gegenüber den Fehlenden, jedoch nicht gegenüber den Fehlern, weil jede menschliche Seele nach nichts mehr und mit größerer Inbrunst verlangt als nach der Wahrheit. Dies mögen eure Regeln und euer Handeln auf dem geistigen Schauplatz sein, so möge eure vielfältige Initiative und euer Eifer sein, den die Bischöfe und das Kardinalkollegium, die von Uns eingesetzt worden sind, anerkennen, zusammenfassen und leiten mögen.“4

4 A. A. S. vol. 32 (1940) p. 369 s.

Am 22. Jänner 1947 empfing Pius XII. die italienischen Frauen der „Renovatio Christiana“ (Christliche Wiedergeburt) in Audienz und sprach zu ihnen über die Aufgaben des Apostolats. Im Jahre 1943 hatten Damen des römischen Adels diese Bewegung der „Renovatio Christiana“ gegründet, die dem modernen Heidentum Kampf ansagte und in der Einstellung der Katholischen Aktion sich der echten christlichen Nächstenliebe widmete. Die kleine Gruppe von geistig und religiös tief gebildeten Damen stellt an sich selbst hohe Anforderungen und versucht durch „Liebe und Dienen“ Einfluß auf die religiöse Vertiefung ihrer Umwelt zu erlangen. Die Ansprache zeigt ganz besonders lehrreich, wie der Papst sich ein wirksames Apostolat gebildeter Frauen erhofft; die Rede soll daher nahezu vollständig wiedergegeben werden.

„Heute bedarf es der Größe eines in seiner Fülle und unerschütterlichen Beharrlichkeit gelebten Christentums; es bedarf der mutigen und tüchtigen Schar derer, die, seien es nun Männer oder Frauen, mitten in der Welt leben, aber jeden Augenblick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen. Ihre Augen müssen sich fest auf ihn als das Vorbild richten, das sie nachahmen, als den Führer, dem sie in ihrer Arbeit und ihrem Apostolat folgen wollen. Diese Norm habt ihr, geliebte Töchter, euch gesetzt.

Vor allem anderen wollt ihr Seelen von vollem und uneingeschränktem katholischem Glauben sein. Es ist dem Christentum kürzlich auch der Rat gegeben worden, wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle, sich dem modernen Leben und Denken, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außerordentlichen Macht der Technik anzupassen, denen gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nur noch der Nachglanz einer fast erlosche­nen Vergangenheit seien. Welch ein Irrtum und wie sehr enthüllte er die eitle Selbsttäuschung oberflächlicher Geister! Sie wollen die Kirche in den engen Rahmen rein menschlicher Organisationen wie in ein Prokrustesbett pressen. Als ob die neue Auffassung von der Welt, der gegenwärtige Bereich der Wissenschaft und der Technik, das ganze Feld beherrschte und keinen freien Raum mehr übrig ließe für das übernatürliche Leben, das nach allen Seiten darüber hinausgeht! Sie ist nicht imstande, es zu vernichten oder zu absorbieren: vielmehr bezeugen die wunderbaren wissenschaftlichen Entdeckungen (die die Kirche fördert und begünstigt) nur noch kraftvoller und wirksamer als früher die ,ewige Macht Gottes‘ (Röm 1, 20). Aber das moderne Denken und Leben müssen zu Christus zurückgeführt und wiedererobert werden. Christus, seine Wahrheit, seine Gnade sind der Menschheit unserer Zeit nicht weniger notwendig als derjenigen von gestern und vorgestern und aller vergangenen und zukünftigen Jahr­hunderte. Die einzige Quelle des Heils ist der katholische Glaube; aber nicht ein verstümmelter, blutloser, versüßlichter Glaube, sondern ein Glaube in seiner ganzen Fülle, Reinheit und Kraft. Gewiß können manche Leute diesen Glauben für eine ‚Torheit‘ halten; das ist nichts Neues; es war schon zur Zeit des Apostels Paulus so. Für euch dagegen ist er ,Kraft Gottes‘ (1 Kor 1, 18), und es drängt euch dazu, ihn eurem Jahrhundert mitzuteilen in demselben Glauben an den Sieg, der die Herzen der ersten Christen erfüllte. Wir loben eure Absichten. Möge der Herr sie durch die Fülle seines Segens fruchtbar machen. Mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens vereint ihr den Mut, die Beobachtung der Gebote Gottes und des ganzen Gesetzes Christi und seiner Kirche ernst zu nehmen. In der Tat ist das kein geringes Verdienst, zumal unter den gegenwärtigen Umständen. Wenn man die Verhältnisse, unter denen ihr lebt, die modernen Ideen und Lebensgewohnheiten, die moderne Welt mit ihrem Elend und Unglück, doch auch mit ihrer Verführung und ihrem fast diabolischen Zauber, dem tyrannischen Druck von Organisationen mit einer ungeheuerlichen Macht ernstlich ins Auge faßt, so muß man zugeben, daß es, um immer und überall ohne Rückhalt und ohne Kompromiß den Geboten Gottes treu zu bleiben, tatsächlich einer Selbstbeherrschung, einer unausgesetzten Anstrengung, einer Selbstüberwindung bedarf, die sich oft bis zu jenem Heldentum steigert, dessen charakteristischestes Zeichen das Blutzeugnis ist. Wir haben gesagt: ohne Rücksicht und ohne Kompromiß; denn wer könnte behaupten, daß eine Seele treu Gott dient, wenn sie bei der Erfüllung der christlichen Praxis einen offenkundig weltlichen Sinn verrät, wenn sie ihre Gedanken der Selbstsucht, der Eitelkeit, der Sinnlichkeit mit in die Kirche bringt; wenn sie glaubt, sie könne ein oberflächliches und profanes Leben rechtfertigen und heiligen, indem sie ein paar Übungen einer völlig oberflächlichen Frömmigkeit einschiebt, wenn es nicht sogar kindische und abergläubische Andachtsübungen sind. Mit Recht fragt ihr darum gerade heraus: Gilt das Wort Christi: ,Wenn einer mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach‘ (Luk 9, 23) auch heute noch ebenso wie früher? Ja? Dann muß es für uns zur Lebensregel werden. Und ist der Mensch, die Frau ebensowohl wie der Mann, in seiner Lebensführung, sowohl in privater Hinsicht wie in sozialen Beziehungen, vielleicht frei, sich selber willkürlich und nach eigenem Gutdünken zu regieren? Oder muß er vielleicht in jedem Bereich anerkennen, daß es Fragen gibt, deren Lösung immer von den unveränderlichen Geboten Gottes abhängt? In diesem Falle weg mit allem Kleinmut, aller unnützen Furcht! Wenn Gott befiehlt, versäumt er nie mit der Vorschrift zugleich auch die Hilfe zu verleihen, sie zu erfüllen. Daher euer Entschluß: den Weg des Herrn zu bereiten, seinem Willen einen geraden Pfad; vor allem in eurem eigenen Leben, dann aber auch in dem des Nächsten. Wir segnen eure Absicht! Gott möge sie mit dem himmlischen Tau seiner Gnaden beleben!

Doch die Festigkeit des Glaubens, der Mut des Handelns genügen euren Wünschen noch nicht; vielmehr soll sich in eurem Herzen eine leuchtende und glühende Flamme des Eifers entzünden. Da ihr entschlossen seid, in eurem Leben als junge Mädchen, als Ehefrauen, als Mütter das heilige Gesetz Gottes in seinem ganzen Umfange zu verwirklichen, sollt ihr daran mitarbeiten, in dem Bereich und unter den Umständen, die die Vorsehung euch bereitet und in die sie jede einzelne von euch gestellt hat, die Seelen zu dem einzigen Herrn und Meister zurückzuführen, ihnen in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in der Aufnahmebereitschaft für die unfehlbare Lehre, in der Heiligung durch die Gnade die einzige wahre Freiheit zu bringen, die sie von der erniedrigenden Knechtschaft des Irrtums und des Bösen befreit. Das ist der Sinn des ganzen Erlösungswerkes und jedes Apostolat, in welcher Form es auch ausgeübt wird, ist nur eine Teilnahme am Erlösungswerk Christi…

Bei eurem Apostolat befolgt ihr die Worte des göttlichen Meisters: ,Das Reich Gottes kommt nicht so, daß es die Blicke auf sich zieht‘ (Luk 17, 20); ihr wollt nicht durch Zurschaustellung öffentlicher Kundgebungen wirken; überhaupt soll im allgemeinen alles, was die Organisation anbetrifft, bei euch im Schatten bleiben und sich auf das Allernotwendigste beschränken. Wir haben zu Beginn von euch als von einer Sturmtruppe gesprochen, aber eure Gegenoffensive wird nicht mit Lärm und Aufregung vorbereitet und ausgeführt, sondern in Ruhe und Sammlung, im stillen Gebet, durch Beispiel, durch das nachdrückliche Bekenntnis eurer festen Überzeugungen und der christlichen Grundsätze im Kreise von Personen, die anders denken und handeln, durch eine langsame, ständig fortschreitende Einwirkung auf diese, um sie ganz allmählich zu Christus zurückzuführen. Zweifellos kann kein Werk, was es auch sei, ohne ein Minimum von Organisation Festigkeit und Dauer haben. Immerhin bleibt diese, so unerläßlich sie auch ist, doch immer nur ein Mittel des Apostolates, und nichts weiter. Ebenso haben öffentliche Kundgebungen ihren Wert, ja in gewissen Fällen können sie notwendig sein, zumal da, wo sich der Gegner ihrer mit einem großen Apparat zu Propagandazwecken bedient. Doch um das Ziel zu erreichen, das sich eure Bewegung gesetzt hat, habt ihr die schlichte Methode der Arbeit gewählt; der Weg, den ihr eingeschlagen habt, ist sicher, und ihr könnt ihn mit Vertrauen weiter beschreiten. Die Bescheidenheit, die Unaufdringlichkeit, mit der ihr euren Eifer betätigt, sind keineswegs mit Passivität oder ermüdender Eintönigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil! Jede von euch, die sich dem gemeinsamen Werk einordnet, muß sich doch mit ihrem eigenen Charakter, mit ihrem eigenen Temperament, ihren Gaben, ihren persönlichen Mitteln einsetzen. Gerade das Zusammentreffen dieser so verschiedenen Eigenschaften gibt eurer freundschaftlichen Zusammenarbeit ihre Harmonie und ihre besonderen Merkmale. Ihr alle könnt und sollt das Apostolat eines vorbildlichen Lebens, des Gebets und des Opfers zur Geltung bringen. Aber gerade hier bleibt jenseits dessen, was für jeden Gläubigen streng ver­pflichtend ist, ein weites Gebiet, in dem die physischen Möglichkeiten, die bei jeder einzelnen ganz verschieden sind, und die Großmut des Herzens, mit der ihr — immer ein gesundes Urteil und die gute Absicht vorausgesetzt ­dem Antrieb der Gnade antwortet, das richtige und ange­messene Maß eures Handelns bestimmen müssen.

Diese Verschiedenheiten im Maß und in der Form des Mutes finden ihre Anwendung sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Denen von euch, denen die wirtschaftlichen Verhältnisse oder andere günstige Um­stände oder eine besondere Freigiebigkeit es erlauben, das Apostolat der Liebe gegenüber dem Notleidenden aus­zuüben, sagen Wir mit dem hl. Paulus ,Laßt euch nicht besiegen durch das Böse, sondern besiegt das Böse durch das Gute‘ (Röm 12, 21). Dem Geist der Verleumdung, des niedrigen Klatsches, des Neides, des Hasses, der Grausamkeit, der Unterdrückung sollt ihr unermüdlich Güte und Liebe entgegensetzen, die Liebe des Herzens und des Wortes, die Liebe der Werke eurer Hände … Wir müssen noch das Apostolat im genauen Wortsinn betrachten, das Apostolat der persönlichen, unmittelbaren Einwirkung auf den Nächsten, um ihn für Christus zu gewinnen. Das ist nicht etwas, was jedem liegt. Dazu gehören besondere Eigenschaften, eine Vorbereitung, eine Ausbildung, die nur das Privileg einer Elite sein können. Doch auch dann ist die Befähigung zu einem solchen religiösen Apostolat je nach der Person sehr verschieden. Bemüht euch also, euch selber zu erkennen, um, jede nach ihrer Art, Bote Gottes zu werden. Aber welches auch die Art und Weise und sozusagen der persönliche Zug jeder einzelnen sein wird, das beherrschende Merkmal, das ihr euch allen aufdrücken müßt, ist jene geistige Größe, die der Märtyrer Ignatius so herrlich gepriesen hat.“5

5 ,In den Zeiten, in denen es Gegenstand des Hasses der Welt ist, bedarf das Christentum nicht überzeugender Worte, sondern der Größe.‘ (ad Romanos 3, 3) — Dieser Satz stand zu Beginn der Ansprache. — A. A. S. vol. 39 (1947) p. 58-63. — Hd. I, 358 ff.

Noch im gleichen Jahr empfing Papst Pius XII. am 12. September 1947 die Delegierten von 60 verschiedenen Ländern, die zum Kongreß des Internationalen Verbandes der katholischen Frauenvereine nach Rom gekommen waren. In der Audienz sprach der Papst über die Aufgaben der katholischen Frauen. Da er zum Teil auf die Mitarbeit im sozialen und politischen Leben zu sprechen kommt und auf seine große Ansprache vom 21. Oktober 1945 zurückgreift, die diesem Aufgabenkreis gewidmet ist, soll sie anschließend an diese Rede erst im folgenden Kapitel angeführt werden.

Das Jahr 1951 brachte zwei bedeutsame Reden des Papstes zur Katholischen Aktion. Am 3. April sprach er zu den Teilnehmern der Generalversammlung der italienischen Katholischen Aktion und am 14. Oktober zu den Delegierten des ersten Weltkongresses des Laienapostolats. In der ersten Ansprache legte Pius XII. in sechs Punkten ausführlich dar, was er unter Katholischer Aktion versteht.

„1. … Demgegenüber könnte man sich keine Gruppe der Katholischen Aktion vorstellen, in die Mitglieder aufgenommen würden, die nicht in vollem Sinne aktiv wären. Die Mitgliedskarte erwerben, Vorträge und Diskussionen anhören, eine Zeitung beziehen, vielleicht ohne sie überhaupt zu lesen, könnte das genügen, um sich ein echtes Glied der Katholischen Aktion zu nennen? Wäre das kein Widerspruch zwischen dem Namen und der Sache? Würde ein kleiner Kern aktiver Mitglieder, dem bei den großen öffentlichen Kundgebungen eine amorphe Masse von Anhängern als Gefolge und Chor zur Seite träte, den Namen Katholische Aktion verdienen?

2. … Doch damit diese Leitung für eure weiblichen Vereine wirklich heilig und fruchtbar sei, überlassen die Priester mit feinfühliger Zurückhaltung den Leiterinnen oder der Sorge und den Händen frommer und kluger Frauen alles, was diese selber, manchmal sogar besser, tun können, und sie selbst beschränken ihre Tätigkeit auf die eigentliche priesterliche Aufgabe… Vor allem ein Wort über den Begriff des Apostolats. Es besteht nicht nur in der Verkündigung der frohen Botschaft, sondern auch darin, die Menschen zu den Quellen des Heiles zu führen, wenn auch in voller Achtung ihrer Freiheit, sie zu bekehren und die Getauften mit glühendem Eifer dazu zu erziehen, daß sie vollkommene Christen werden. Es wäre übrigens irrig, in der Katholischen Aktion — wie es kürzlich von einigen geschehen ist — eine wesentlich neue Sache, eine Veränderung in der Struktur der Kirche, ein neues Apostolat der Laien zu sehen, das neben dem des Priesters stünde und nicht diesem untergeordnet wäre. Es hat in der Kirche immer Zusammenarbeit der Laien mit dem Apostolat der Hierarchie, in Unterordnung unter den Bischof und diejenigen gegeben, denen der Bischof die Verantwortung für die Seelsorge unter seiner Autorität übertragen hat. Die Katholische Aktion hat dieser Mitarbeit nur eine neue Form und akzidentelle Organisation geben wollen, um ihre Ausübung zu verbessern und zu stärken.

Wenn die Katholische Aktion auch ursprünglich, wie die Kirche selbst, nach Diözesen und Pfarren organisiert ist, so hindert das nicht ihre Fortentwicklung über die engen Grenzen der Pfarre hinaus. Man muß vielmehr zugeben, daß trotz der ganzen Bedeutung der Werte und der grund-legenden und unersetzlichen Kräfte der Pfarre die schnell-wachsende Verflochtenheit des modernen Lebens dringend einen weiteren Ausbau der Katholischen Aktion fordern kann. Aber auch dann bleibt diese immer ein Apostolat von Laien, das dem Bischof und seinen Delegierten unterstellt ist.

3. Die Tätigkeit der Katholischen Aktion erstreckt sich auf das gesamte religiöse und soziale Gebiet, das heißt so weit, wie eben die Mission und das Werk der Kirche reicht. Nun ist es bekannt, daß das normale Wachstum des religiösen Lebens ein bestimmtes Maß von gesunden, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen voraussetzt. Wem zöge sich nicht das Herz zusammen, wenn er sieht, wie wirtschaftliches Elend und soziale übel das christliche Leben gemäß den Geboten Gottes erschweren und nur zu oft heroische Opfer verlangen? Aber daraus darf man nicht schließen, daß die Kirche dazu übergehen müßte, ihre religiöse Sendung zurückzustellen und in erster Linie auf die Heilung des sozialen Elends hinzuwirken. Wenn die Kirche immer darauf bedacht gewesen ist, die Gerechtigkeit zu verteidigen und zu fordern, so hat sie doch seit der Zeit der Apostel auch angesichts der ärgsten sozialen Mißstände ihre eigene Mission erfüllt und versucht, durch die Heilung der Seelen und die Umwandlung der inneren Triebe auch die Heilung der sozialen Übel und Schäden einzuleiten; denn sie ist überzeugt, daß die religiösen Kräfte und die christlichen Prinzipien mehr als alle anderen Mittel dazu geeignet sind, die Heilung zu bewirken.

4. …Die äußere wohldisziplinierte Organisation der Katholischen Aktion schließt den persönlichen Scharfblick und den Geist der Voraussicht und der Initiative der einzelnen nicht aus, sondern fördert ihn vielmehr im ständigen Kontakt mit den Gliedern der Katholischen Aktion des gleichen Ortes, des gleichen Kreises, je nach der besonderen Eignung eines jeden. Jeder hält sich aufrichtig zur Verfügung, sobald irgendwie Bedarf für einen Einsatz oder eine katholische Unternehmung vorliegt. Jeder bringt mit seiner Begeisterung und seiner Hingabe in selbstloser Weise den anderen Vereinen und Einrichtungen, die seine Mitwirkung wünschen können, um ihr Ziel sicherer und vollkommener zu erreichen, Hilfe. Mit anderen Worten, mit dem wahren Begriff der Katholischen Aktion würde sich die Mentalität von Mitgliedern, die sich als die trägen Räder einer riesigen Maschine betrachten, die unfähig wären, sich selber zu bewegen, wenn die Zentralkraft sie nicht in Bewegung setzt, nicht ver­tragen. Ebenso wäre es unzulässig, wenn man die Führer der Katholischen Aktion in der Rolle von Leuten sähe, die eine elektrische Zentrale bedienen und die vor dem Schaltbrett nur darauf bedacht sind, in dem weiten Netz den Strom durchzuschicken oder zu unterbrechen, zu regulieren oder zu lenken.

Vor allem müssen sie einen persönlichen sittlichen Einfluß ausüben, der die normale Folge der Achtung und Sympathie sein wird, die sie sich zu erwerben wissen, und die ihren Anregungen, Ratschlägen, der Autorität ihrer Er­fahrung Kredit verschaffen wird, sobald es sich darum handelt, die aktionsfähigen katholischen Kräfte in Bewegung zu setzen.

5. Wir brauchen euch nicht darüber zu belehren, daß die Katholische Aktion nicht dazu berufen ist, eine Kraft im Bereich der Parteipolitik zu sein. Die katholischen Bürger können sich als solche sehr wohl an einer Vereinigung zu politischer Aktivität zusammenschließen; das ist ihr gutes Recht, ebenso als Christen wie als Bürger. Die Anwesenheit und Teilnahme von Gliedern der Katholischen Aktion in ihren Reihen — in dem oben angeführten Sinne und diesen Grenzen — ist berechtigt und kann sogar durchaus wünschenswert sein . . .

6. Ebensowenig hat die Katholische Aktion ihrem Wesen nach die Aufgabe, an der Spitze der anderen Vereine zu stehen und über diese eine Art autoritären Patronats aus­zuüben. Die Tatsache, daß sie der unmittelbaren Leitung der kirchlichen Hierarchie unterstellt ist, führt zu keiner derartigen Folgerung. Tatsächlich ist das Ziel jeder Organi­sation das, welches die Art ihrer Leitung festlegt. Und es kann geschehen, daß dieses Ziel eine solche unmittel­bare Leitung nicht erfordert, ja nicht einmal günstig erscheinen läßt. Darum hören jedoch diese Organisationen nicht auf, katholisch und mit der Hierarchie vereint zu sein. Im Vergleich zu ihnen liegt der besondere Sinn der Katholischen Aktion, wie Wir gesagt haben, eben in der Tatsache, daß sie gleichsam der Treffpunkt jener aktiven Katholiken ist, die immer bereit sind, mit dem Apostolat der Kirche mitzuarbeiten, einem Apostolat, das durch göttliche Einrichtung hierarchisch ist und das in den Getauften und Gefirmten die ihm auf übernatürliche Weise verbundenen Mitarbeiter findet. Daraus ergibt sich eine Folgerung, die zu gleicher Zeit eine väterliche Ermahnung nicht nur für die Katholische Aktion eines bestimmten Landes, sondern für die Katholische Aktion jedes Landes und jeder Zeit ist. Ihr Aufbau nämlich wird sich in den verschiedenen Gegenden den besonderen Verhältnissen des Ortes anpassen müssen; doch in einem Punkt müssen alle ihre Glieder gleich sein: im ,sentire cum Ecclesia‘, in der Hingabe an die Sache der Kirche, im Gehorsam gegenüber denen, die der Heilige Geist als Bischöfe eingesetzt hat, um die Kirche Gottes zu lenken, in der kindlichen Unterwerfung unter den obersten Hirten, dessen Sorge Christus seine Kirche anvertraut hat. Und wie könnte es auch anders sein, da ja ihr, Glieder der Katholischen Aktion, sozusagen eins seid mit dem Bischof und dem Papst? In diesem Sinne erteilen Wir euch, geliebte Söhne und Töchter, aus der Fülle Unseres Herzens Unseren Apostolischen Segen.“6

6 Stellen aus A. A. S. vol. 43, 1 (1951) p. 375 ss. — Hd. V, 400 ff.

Seit 1949 wurden die Vorbereitungen zum ersten „Weltkongreß des Laienapostolats“ getroffen, der im „Heiligen Jahr“ in Rom stattfinden sollte, aber zweimal verschoben werden mußte und schließlich erst vom 7.-14. Oktober 1951 tagte. Der Kongreß wollte international gültige Richtlinien erarbeiten über die dogmatischen, moralischen und asketischen Grundsätze des Laienapostolats, für die verschiedenen Formen seiner Organisationen und die Reichweite seiner Betätigung. 1200 Delegierte aus 74 Nationen und 38 internationalen katholischen Organisationen kamen in Rom zu dem kirchengeschichtlich erstmaligen, bedeutsamen Ereignis zusammen. Unter den Rednern befanden sich zwei Kardinäle, sechs Bischöfe und eine Reihe bekannter Laien. Den Höhepunkt der Tagung aber bildete die Audienz der Teilnehmer beim Papst, bei der Pius XII. in französischer Sprache eine richtunggebende und eindringliche Ansprache „über das Laienapostolat, seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart“ hielt.

„Welcher Trost und welche Freude überströmt Unser Herz beim Anblick eurer imposanten Versammlung, in der Wir euch unter Unseren Augen versammelt sehen, ehrwürdige Brüder im Episkopat, und auch euch, liebe Söhne und Töchter, die ihr von allen Erdteilen und allen Gegenden zum Mittelpunkt der Kirche herbeigeeilt seid, um hier den Weltkongreß über das Laienapostolat abzuhalten. Ihr habt Wesen und Ziel dieses Apostolats untersucht, ihr habt seinen gegenwärtigen Stand betrachtet, und ihr habt über die wichtigsten Pflichten nachgedacht, die es voraussichtlich in der Zukunft zu erfüllen hat. Es sind für euch Tage inständigen Gebetes, ernsthafter Gewissenserforschung und eines Austausches von Ansichten und Erfahrungen gewesen. Zum Abschluß seid ihr gekommen, um dem Stellvertreter Christi euren Glauben, eure Hingabe, eure Treue erneut zu beteuern und ihn zu bitten, eure Entschließungen und eure Tätigkeit durch seinen Segen zu befruchten.

Sehr oft haben Wir im Laufe Unseres Pontifikates bei den verschiedensten Umständen und unter den verschiedensten Aspekten über dieses Laienapostolat gesprochen: in Unseren Botschaften an alle Gläubigen oder in Unseren Ansprachen an die Katholische Aktion, an die Marianischen Kongregationen, an die Arbeiter und Arbeiterinnen, an die Lehrer und Lehrerinnen, an die Ärzte und Juristen ebenso wie an reine Frauenorganisationen, um sie an ihre Pflichten auch im öffentlichen Leben zu erinnern, und noch an viele andere Gruppen. Es waren für Uns ebenso viele Gelegenheiten, beiläufig oder ausdrücklich die Fragen zu behandeln, die in dieser Woche ihren ganz bestimmten Ort in eurer Tagesordnung gefunden haben.

Diesmal wollen Wir in Gegenwart einer so zahlreichen Elite von Priestern und Gläubigen, die alle ein sehr berechtigtes Bewußtsein ihrer Verantwortung im oder gegenüber diesem Apostolat haben, ihm im Licht der vergangenen Geschichte der Kirche mit einem ganz kurzen Wort seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart anweisen. Es hat niemals in dieser Geschichte gefehlt; es wäre interessant und lehrreich, seine Entwicklung im Laufe der vergangenen Zeiten zu verfolgen. Man pflegt gern zu sagen, daß die Kirche in den letzten vier Jahrhunderten ausschließlich ‚klerikal‘ gewesen ist aus Reaktion gegen die Krise, die im 16. Jahrhundert den Anspruch erhob, die Hierarchie einfach abzuschaffen. Darüber hinaus gibt man zu verstehen, daß es Zeit für sie sei, ihren Rahmen zu erweitern.

Ein solches Urteil ist weit von der Wirklichkeit entfernt; gerade mit dem Konzil von Trient hat vielmehr das Laientum seine Stellung eingenommen und in der apostolischen Tätigkeit Fortschritte gemacht. Das läßt sich leicht feststellen; man braucht sich nur an zwei historische Tatsachen zu erinnern, die unter vielen anderen hervorleuchten: an die Marianischen Männerkongregationen, die das Laienapostolat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens aktiv ausüben, und an die fortschreitende Einführung der Frau in das moderne Apostolat. Man braucht nur an zwei große Gestalten der katholischen Geschichte zu erinnern: an Mary Ward, diese unvergleichliche Frau, die das katholische England in seinen dunkelsten und blutigsten Stunden der Kirche geschenkt hat, und an den heiligen Vinzenz von Paul, der unbestreitbar der erste unter den Gründern und Förderern der Werke der katholischen Caritas gewesen ist .. .

Bei dieser feierlichen Gelegenheit ist es Uns eine sehr teure Pflicht, ein Wort der Dankbarkeit an alle jene, Priester und Gläubigen, Männer und Frauen, zu richten, die sich diesen Bewegungen angeschlossen haben für die Sache Gottes und der Kirche, und deren Namen es verdienen, überall mit Ehren genannt zu werden. Sie haben sich abgemüht und gekämpft, indem sie nach Kräften ihre zerstreuten Kräfte vereinigt haben. Die Zeiten waren noch nicht reif für einen Kongreß wie den soeben abgehaltenen. Wie sind sie nun im Laufe dieses halben Jahrhunderts zur Reife gelangt? Ihr wißt es! In immer schnellerem Rhythmus hat sich die Kluft verbreitert und vertieft, die seit langem die Geister und die Herzen in zwei Parteien teilt, für oder gegen Gott, die Kirche, die Religion. Sie hat, wenn auch nicht überall mit derselben Klarheit, eine Grenze mitten durch die Völker und Familien hindurchgezogen. Gewiß, es gibt eine ganze verworrene Schar von Lauen, Unentschlossenen und Schwankenden, für die die Religion vielleicht noch etwas bedeutet, aber etwas sehr Unbestimmtes, ohne Einfluß auf ihr Leben. Diese gestaltlose Masse kann — die Erfahrung hat es gezeigt — eines schönen Tages unversehens vor der Notwendigkeit stehen, eine Entscheidung zu treffen. Die Kirche hat nun gegenüber all diesen eine dreifache Sendung zu erfüllen: die eifrigen Gläubigen auf das Niveau der Anforderungen der gegenwärtigen Zeit emporzuheben; diejenigen, die auf der Schwelle zögern, in das warme und heilsame Innere des Hauses hineinzuführen; diejenigen zurückzuführen, die der Religion fernstehen und die sie doch nicht ihrem elenden Los überlassen kann. Eine schöne Aufgabe für die Kirche, die ihr aber dadurch sehr erschwert wird, daß sie zwar im ganzen stark angewachsen ist, ihr Klerus jedoch nicht in der gleichen Weise zugenommen hat. Nun muß sich der Klerus aber vor allem für die Ausübung seines eigentlichen priesterlichen Amtes aufsparen, bei dem niemand ihn ersetzen kann.

Ein Beitrag der Laien zum Apostolat ist also eine unerläßliche Notwendigkeit. Daß er einen kostbaren Wert darstellt, haben die Erfahrung der Waffenbrüderschaft oder der Gefangenschaft oder andere Prüfungen des Krieges bezeugt. Diese Erfahrung beweist vor allem für das religiöse Gebiet den tiefen und nachhaltigen Einfluß der Berufs- und Lebenskameraden. Diese und viele andere Faktoren, die mit bestimmten örtlichen oder personalen Umständen zusammenhängen, haben die Tore für die Mitarbeit der Laien im Apostolat der Kirche weit geöffnet. Die Fülle der Anregungen und Erfahrungen, die im Laufe eures Kongresses ausgetauscht worden sind, und ebenso das, was Wir schon bei den vorhin erwähnten Gelegenheiten gesagt haben, enthebt Uns der Mühe, ausführlicher auf die Einzelheiten des gegenwärtigen Laienapostolats einzugehen. Wir wollen Uns daher darauf beschränken, euch einige Betrachtungen vorzulegen, die etwas mehr Licht auf das eine oder andere Problem, das sich stellt, werfen könnten.

1. Alle Gläubigen, ohne Ausnahme, sind Glieder des mystischen Leibes Jesu Christi. Daraus folgt, daß das Naturgesetz und mehr noch das Gesetz Christi es ihnen zur Pflicht machen, das gute Beispiel eines wahrhaft christlichen Lebens zu geben: ,Wir sind vor Gott Christi Wohlgeruch unter denen, die gerettet sind, und unter denen, die verlorengehen‘ ( 2 Kor 2, 15 ). Alle sind auch, und heute mehr denn je, dazu verpflichtet, beim Gebet und Opfer nicht nur an ihre privaten Nöte zu denken, sondern auch an die großen Ziele des Reiches Gottes in der Welt gemäß dem Geist des Vaterunsers, das Jesus Christus selbst uns gelehrt hat.

Kann man behaupten, daß alle gleicherweise zum Apostolat im strengsten Sinn dieses Wortes berufen sind? Gott hat weder allen die Möglichkeit noch die Eignung dafür gegeben. Man kann nicht verlangen, daß die Gattin, die Mutter, die ihre Kinder christlich erzieht und die außerdem noch Heimarbeit übernehmen muß, um ihrem Mann zu helfen, die Seinen zu ernähren, sich mit den Werken des Apostolats belädt. Die Berufung zum Apostolat richtet sich also nicht an alle. Gewiß ist es nicht leicht, genau die Trennungslinie zu ziehen, von der an das Laienapostolat im eigentlichen Sinn beginnt. Gehört z. B. dazu die Erziehung, die die Familienmutter oder Lehrer und Lehrerin in der Ausübung ihres pädagogischen Berufes mit heiligem Eifer erteilen? Oder die Haltung des angesehenen und sich zum katholischen Glauben bekennenden Arztes, dessen Gewissen niemals schwankt, wenn es sich um das natürliche und göttliche Gesetz handelt, und der mit all seinen Kräften um die christliche Würde der Ehegatten, die heiligen Rechte ihrer Nachkommenschaft kämpft? Oder der Einsatz eines katholischen Staatsmannes für eine großzügige Wohnungspolitik zu Gunsten der Minderbemittelten? Viele werden dazu neigen, dies zu verneinen, da sie in alledem nur die einfache Erfüllung der Standespflicht sehen, die zwar sehr lobenswert, aber doch nur pflichtgemäß ist.

Wir kennen jedoch den mächtigen und unersetzlichen Wert dieser einfachen Erfüllung der Standespflicht durch Millionen und aber Millionen gewissenhafter und vorbildlicher Gläubigen für das Heil der Seelen. Das Laienapostolat im eigentlichen Sinn ist zweifellos zum großen Teil in der Katholischen Aktion und anderen Institutionen apostolischer Tätigkeit, die von der Kirche approbiert sind, organisiert; aber neben diesen kann es Laienapostel, Männer und Frauen, geben und gibt es solche, die das Gute, das getan werden muß, die Möglichkeiten und Mittel, es zu tun, sehen und es dann auch tun, und zwar in der ausschließlichen Sorge darum, Seelen für die Wahrheit und Gnade zu gewinnen. Wir denken auch an alle die hervorragenden Laien, die in den Gebieten, in denen die Kirche wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums verfolgt wird, nach besten Kräften die eingekerkerten Priester ersetzen und selbst unter Lebensgefahr in ihrem Umkreis die christliche Lehre verkünden, im religiösen Leben und in der rechten Art, auf katholische Weise zu denken, unterweisen, zum Besuch der Sakramente und zur Praxis der Andachtsübungen, besonders der Verehrung der allerheiligsten Eucharistie anleiten. Alle diese Laien seht ihr an der Arbeit; macht euch keine Sorge darum, welcher Organisation sie angehören; bewundert sie vielmehr und seid von ganzem Herzen dankbar für das Gute, das sie tun.

Es liegt Uns fern, die Organisation zu verachten oder ihren Wert als apostolischen Faktor zu unterschätzen; Wir schätzen sie im Gegenteil sehr hoch ein, zumal in einer Welt, in der die Gegner der Kirche sich mit den Massen ihrer Organisationen auf diese stürzen. Aber die Organisation darf nicht zu engherziger Ausschließlichkeit führen, zu etwas, was der Apostel ,der Freiheit auflauern‘ nannte (Gal 2, 4). Laßt im Rahmen eurer Organisation jedem möglichst viel Raum, um seine Fähigkeiten und persönlichen Gaben in allem, was dem Wohl und der Erbauung dienen kann, zu entfalten: ,zum Wohl und zur Erbauung‘ (Röm 15, 2), und freut euch, daß ihr außerhalb eurer Reihen andere seht, die ,vom Geiste geführt‘ (Gal 5, 18) eure Brüder für Christus gewinnen.

2. Klerus und Laien im Apostolat. Es versteht sich von selbst, daß das Laienapostolat der kirchlichen Hierarchie untergeordnet ist; diese ist die göttliche Einrichtung; das Laienapostolat kann also nicht unabhängig von ihr sein. Anders denken hieße die Mauer an der Basis untergraben, auf der Christus selbst seine Kirche gebaut hat. Dies vorausgesetzt, wäre es immer noch irrig zu glauben, im Bereich der Diözese entwickle sich die traditionelle Struktur der Kirche oder ihre gegenwärtige Form, das Laienapostolat, wesensgemäß parallel zum hierarchischen Apostolat, so daß selbst der Bischof das pfarrliche Laienapostolat nicht dem Pfarrer unterstellen könnte. Er kann es; und er kann sogar zur Regel erheben, daß die Werke des Laienapostolats, die für die Pfarre selbst bestimmt sind, der Autorität des Pfarrers unterstellt werden. Der Bischof hat diesen zum Hirten der ganzen Pfarre eingesetzt, und er ist als solcher für das Heil aller seiner Schafe verantwortlich.

Daß es andererseits Werke des Laienapostolats geben kann, die außerpfarrlich und selbst außerdiözesan — Wir möchten lieber sagen überpfarrlich und überdiözesan — ­sind, wenn es das gemeinsame Wohl der Kirche erfordert, ist ebenso wahr, und es ist überflüssig, es zu wiederholen. . . . Wenn Wir den Laienapostel oder genauer den Gläu­bigen der Katholischen Aktion nach dem heute geläufigen Ausdruck mit einem Instrument in der Hand der Hier­archie vergleichen, so verstehen Wir diesen Vergleich in dem Sinne, daß die kirchlichen Oberen ihn auf die Weise gebrauchen, wie der Schöpfer und Herr die vernünftigen Geschöpfe als Werkzeuge, als Zweitursache gebraucht ,mit einer Milde voller Rücksicht‘ (Weish 12, 18). Mögen sie sie also im Bewußtsein ihrer schweren Verantwortung gebrauchen, indem sie sie ermutigen, ihnen Anregungen geben, willigen Herzens die Initiativen annehmen, die ihnen von ihnen unterbreitet werden, und sie gegebenen­falls in weitsichtiger Weise fördern. In den entscheidenden Schlachten gehen manchmal von der Front die glücklich­sten Initiativen aus. Die Geschichte der Kirche bietet dazu zahlreiche Beispiele. Ganz allgemein gesagt, ist in der Apostolatsarbeit zu wünschen, daß das herzlichste Ein­vernehmen zwischen Priestern und Laien herrsche. Das Apostolat der einen ist keine Konkurrenz für das der anderen. Ja, um die Wahrheit zu sagen, gefällt Uns der Ausdruck ‚Emanzipation der Laien‘, den man hie und da hört, nicht sehr. Er hat einen unerfreulichen Klang; er ist zudem historisch ungenau. Waren denn jene großen Führer, auf die Wir angespielt haben, als Wir von der katholischen Bewegung vor 50 Jahren sprachen, etwa Kinder, Minderjährige, die warten mußten bis zu ihrer Großjährigkeit? Im übrigen werden im Reiche der Gnade alle als Erwachsene betrachtet. Und nur das zählt.

Der Aufruf zur Hilfe der Laien ist nicht die Folge eines Versagens des Klerus gegenüber der gegenwärtigen Aufgabe. Daß es persönliches Versagen gibt, liegt in der unvermeidlichen Schwäche der menschlichen Natur, und man trifft es auf der einen wie auf der anderen Seite.

Aber ganz allgemein gesprochen hat der Priester ebenso gute Augen wie der Laie, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, und sein Ohr ist nicht weniger empfindlich, um das menschliche Herz abzuhören. Der Laie ist zum Apostolat berufen als Mitarbeiter des Priesters, häufig als sehr wertvoller und selbst notwendiger Mitarbeiter auf Grund des Mangels an Priestern, die, wie Wir schon sagten, zu wenig zahlreich sind, um allein ihre Aufgabe erfüllen zu können.

3. Wir können, teure Söhne und Töchter, nicht schließen, ohne an die praktische Arbeit zu erinnern, die das Laienapostolat in der ganzen Welt auf allen Gebieten des individuellen und sozialen menschlichen Lebens geleistet hat und noch leistet, eine Arbeit, deren Ergebnisse und Erfahrungen ihr in diesen Tagen unter euch konfrontiert und diskutiert habt: Apostolat im Dienste der christlichen Ehe, der Familie, der Kinder, der Erziehung und der Schule; für die jungen Männer und jungen Mädchen; Apostolat der Caritas und Fürsorge unter ihren heute unzählbaren Formen; Apostolat einer praktischen Besserung der sozialen Mißstände und des Elends; Apostolat in den Missionen oder im Dienste der Auswanderer und Einwanderer; Apostolat im Bereich des intellektuellen und kulturellen Lebens; Apostolat in Spiel und Sport; endlich, und nicht am wenigsten wichtig: Apostolat der öffentlichen Meinung. Wir empfehlen und loben eure Anstrengungen und Arbeiten und vor allem die Kraft eures guten Willens „und apostolischen Eifers, die ihr in euch tragt, die ihr im Laufe dieses Kongresses spontan bewiesen habt und die wie eine Quelle lebendigen Wassers seine Diskussionen fruchtbar gemacht hat.

Wir beglückwünschen euch für euren Widerstand gegen die selbst bei Katholiken herrschende verhängnisvolle Tendenz, die Kirche auf die sogenannten rein religiösen Fragen beschränken zu wollen. Man gibt sich keine Mühe, sich genau klar zu machen, was darunter zu verstehen ist. Wenn sich die Kirche nur auf den Kirchenraum und die Sakristei beschränkt und träge zusieht, wie die Menschheit sich draußen in ihrer Verzweiflung und in ihren Nöten abmüht, so ist das alles, was man von ihr verlangt. Es ist nur zu wahr: in gewissen Ländern ist die Kirche ge­zwungen, sich so abzuschließen; selbst in diesem Falle muß sie noch zwischen den vier Wänden ihres Gottes­hauses das Wenige tun, was ihr zu tun möglich ist. Sie zieht sich nicht freiwillig und aus eigenem Antrieb zurück. Notwendigerweise und ununterbrochen findet sich das menschliche Leben, das private wie das soziale, in Berührung mit dem Gesetz und Geist Christi; daraus ergibt sich mit Notwendigkeit eine wechselseitige Durchdringung des religiösen Apostolates und des politischen Handelns. Politik im erhabenen Sinn des Wortes bedeutet ja nichts anderes als Mitarbeit am Wohl des irdischen Staates, der Polis. Aber dieses Wohl des Staates dehnt sich auf ein weites Gebiet aus, und darum werden auf politischem Gebiet auch Gesetze von höchster Tragweite debattiert und diktiert, so die Gesetze über die Ehe, die Familie, das Kind, die Schule, um Uns nur auf diese Beispiele zu beschränken. Sind das nicht Fragen, die die Religion aufs höchste interessieren? Können sie einen Apostel gleich­gültig lassen? Wir haben in der vorhin erwähnten An­sprache (3. Mai 1951) die Grenze gezogen zwischen Katholischer Aktion und politischer Aktion. Die Katho­lische Aktion darf nicht in die Schranken der Parteipolitik eintreten. Aber, … so lobenswert es ist, sich aus den zufälligen Streitigkeiten herauszuhalten, die die Partei­kämpfe vergiften …, so wäre es doch tadelnswert, den Unwürdigen und Unfähigen das Feld zu überlassen, so daß sie die Staatsgeschäfte lenken (Rede vom 28. März 1948). Wie weit soll und darf sich der Apostel von dieser Grenze entfernt halten? Es ist schwer, über diesen Punkt eine für alle gleichermaßen gültige Regel zu formulieren. Die Umstände, die Mentalität sind nicht überall die gleichen. Wir nehmen eure Entschließungen mit Freude zur Kennt­nis; sie drücken euren festen Willen aus, euch über die Grenzen hinweg die Hände zu reichen, um praktisch zu einer vollen und wirksamen Zusammenarbeit in allgemeiner Liebe zu kommen. Wenn es eine Macht in der Welt gibt, die imstande ist, die traurigen Schranken der Vorurteile und Voreingenommenheiten umzustoßen und die Seelen zu einer freien Versöhnung und brüderlichen Vereinigung der Völker bereitzumachen, so ist es die katholische Kirche. Ihr dürft euch darüber mit Stolz freuen. Eure Sache ist es, mit aller Kraft daran mitzuarbeiten.“7

7 A. A. S. vol. 43, 2 (1951), p. 784 ss. — Hd. VI, 120 ff.

In einer Radioansprache wandte sich der Heilige Vater am 10. Februar 1952 mit einer herzlichen Mahnung an die Gläubigen seiner eigenen Bischofstadt Rom, in der er sehr bedeutungsvolle Anregungen zu einheitlichem und planmäßigem Handeln für die religiöse Erneuerung gibt, die allgemeine Gültigkeit haben.

„Aus Unserem Herzen, geliebte Söhne und Töchter Roms, ergeht dieser väterliche Anruf an euch.

Ihr alle wißt, daß größer und schwerer als alle Seuchen und Naturkatastrophen vergangener Jahrhunderte die Gefahren sind, die auf der heutigen Menschheit lasten, wenn auch ihre dauernde Bedrohung die Völker nunmehr fast unempfindlich und apathisch gemacht hat. Ist nicht vielleicht dies das verhängnisvollste Symptom der endlosen und nie verebben wollenden Krise, das alle denkenden Menschen, die noch ein offenes Auge für die Wirklichkeit haben, erzittern und erschrecken läßt? Wenn Wir daher auch voll Vertrauen Unsere Zuflucht nehmen zur Barmherzigkeit Gottes und zur mütterlichen Güte der allerseligsten Jungfrau, so muß doch jeder einzelne Gläubige, jeder, der noch guten Willen hat, mit allem der schweren Lage der Gegenwart entsprechenden Ernst sich fragen, was er persönlich tun könnte und tun müßte, was er beitragen sollte zum Erlösungswerk Gottes, wie er mithelfen könnte zur Rettung der Welt, die dem Verderben entgegengeht.

Angesichts der anhaltend kritischen Lage, die, wie Wir leider sagen müssen, jeden Augenblick sich in furchtbarer Weise entladen könnte und deren tiefste Ursache in der religiösen Gleichgültigkeit zu suchen ist, in dem moralischen Tiefstand des öffentlichen und privaten Lebens, in der systematischen Vergiftung der einfachen Seelen, denen das Gift eingeträufelt wird, nachdem man ihnen den Sinn für die wahre Freiheit sozusagen eingeschläfert hat, können und dürfen die Guten nicht unbekümmert und untätig als stille Zuschauer einer nahen, alles umstürzenden Kata­strophe ihr gewohntes Leben in den alten Geleisen weiter­führen…

Jetzt ist es Zeit, geliebte Söhne und Töchter, es ist wirk­lich Zeit, entscheidende Schritte zu unternehmen. Es ist Zeit, die verhängnisvolle Lethargie abzuschütteln. Es ist Zeit, daß alle Guten, denen das Schicksal der Welt am Herzen liegt, sich einander nähern und sich aufs engste zusammenschließen. Mit dem Apostel wiederholen Wir: ,Hora est iam nos de somno surgere (Röm 13, 11) — Die Stunde ist da, vom Schlafe aufzustehn‘, denn es naht sich unsere Erlösung.

Es gilt, eine ganze Welt von Grund aus umzuformen, sie aus einer verwilderten in eine menschlich edle, aus einer menschlich edlen in eine vergöttlichte Welt umzuwandeln, entsprechend den Heilsabsichten Gottes. Millionen von Menschen ersehnen eine Änderung des Kurses. Sie richten daher ihren Blick auf die Kirche Christi, die einzige erfahrene Lenkerin und Führerin, die infolge ihrer Achtung vor der menschlichen Freiheit sich an die Spitze eines so gewaltigen Unternehmens zu stellen vermag. Man fleht um die Führung mit offenen Worten. Ja, noch mehr! Man weist hin auf das Meer von Tränen, auf die noch schmerzenden Wunden, auf die endlos weiten Fried­höfe, die der bewaffnete Haß auf der ganzen Welt geschaffen.

… Wie Wir in einer nunmehr weit zurückliegenden Stunde, da es Gott so gefiel, das schwere Kreuz des Pontifikates auf Uns nahmen, so unterziehen Wir Uns heute der schwierigen Aufgabe, soweit Unsere schwachen Kräfte es erlauben, Herold einer besseren gottgewollten Welt zu sein, deren Banner Wir in erster Linie euch, geliebte Söhne und Töchter, übergeben und anvertrauen möchten, euch, die ihr Uns mehr als andere nahesteht und Unserer Hirtensorge in besonderer Weise anvertraut seid… Erblickt darin den Ruf Gottes und eine wahrhaft würdige Lebensaufgabe: kraftvolle religiöse Erneuerung in eurem gesamten Tun und Denken. Religiöse Erneuerung sagen Wir, die alle ohne Unterschiede erfaßt, Klerus und Volk, sowie alle, die in führender Stellung stehen, die Familien, jedwede Gemeinschaft und jeden einzelnen. Tiefgreifende religiöse Erneuerung des christlichen Lebens, sagen Wir, durch Verteidigung der sittlichen Werte, Durchführung der sozialen Gerechtigkeit, Wiederaufbau der kirchlichen Ordnung…

Es ist jetzt nicht der Augenblick theoretischer Diskussionen, sich nach neuen Richtlinien umzusehen oder neue Wege und Ziele anzugeben. All diese Dinge sind längst bekannt und nach ihrer wesentlichen Seite hin erprobt, denn sie wurden von Christus selbst gelehrt und im Laufe der Jahrhunderte durch das Lehramt der Kirche dargelegt und von den letzten Päpsten den modernen Zeiterfordernissen angepaßt. Sie erfordern nur eines: die konkrete Verwirklichung. Was nützte auch ein ständiges Erforschen der Wege Gottes, wenn man tatsächlich die Wege des Verderbens wählt und sich willenlos den Trieben der Natur überläßt? Was nützt es zu wissen und auszusprechen, daß Gott unser Vater und die Menschen Brüder sind, wenn man jedes Eingreifen Gottes in das private und öffentliche Leben fürchtet? Wozu dienen lange Erörterungen über Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, wenn der Wille von vornherein entschlossen ist, den Opfern auszuweichen, wenn das Herz in eisiger Einsamkeit sich verschließt und niemand es wagt, die Mauer des trennenden Hasses zu durchbrechen, um die Brüder in aufrichtiger Liebe zu empfangen? Ein solches Verhalten würde bei den Kindern des Lichtes die Schuld nur noch mehr vergrößern, denn auch sie werden wenig Verzeihung und Erbarmen finden, wenn sie weniger geliebt haben. Mit einer solchen Inkonsequenz und Trägheit hätte die Kirche in ihren An­fängen weder das Antlitz der Erde erneuert noch sich so rasch ausgebreitet; sie hätte weder ihre segenspendende Tätigkeit durch die Jahrhunderte fortzusetzen vermocht, noch sich Bewunderung und Vertrauen der Völker erworben.

Bleibt euch stets bewußt, geliebte Söhne und Töchter, daß die Wurzel der heutigen Übel und ihre verhängnisvollen Folgen nicht wie in vorchristlichen Zeiten oder wie in heidnischen Ländern unverschuldete Unkenntnis der auf die Ewigkeit hingeordneten Ziele des menschlichen Lebens ist oder auch Unkenntnis der eigentlichen Wege, die dahin führen. Nein, heute ist es die Trägheit des Geistes, die Schlaffheit des Willens, die Kälte des Herzens. Die Menschen, die an solch geistigem Siechtum darnieder­liegen, suchen sich zur Rechtfertigung ihres Verhaltens in die alte Finsternis einzuhüllen und sich mit alten und neuen Irrtümern zu entschuldigen. Es ist daher notwendig, auf ihren Willen einzuwirken.

… Traget Sorge, daß die Aufgaben genau festgestellt werden, daß die Zielsetzungen klar umrissen sind, daß die Kräfte, die zur Verfügung stehen, wohl abgewogen wer­den, u. zw. so, daß die Hilfsquellen, die jetzt im Anfang bereitstehen, nicht ungenützt liegenbleiben, weil man sie nicht kennt, noch auch planlos herangezogen oder ver­geudet werden in zweitrangiger Betätigung. Man ziehe die Seelen heran, die guten Willens sind; sie sollen sich von sich aus zur Verfügung stellen… Es gibt glühende Seelen, die nur darauf warten, herangezogen zu werden. Ihrer brennenden Ungeduld weise man das weite Feld zu, das zu bestellen ist. Andere wieder gibt es, die da schläfrig sind; sie müssen aufgeweckt werden. Andere sind ängst­lich; sie müssen aufgemuntert werden. Andere endlich haben die Richtung verloren; sie müssen geführt werden. Vor allem aber wird gefordert, daß sie sich weise einfügen und sich verständig verwenden lassen. Ein Arbeitsrhythmus wird gefordert, der der dringenden Notwendigkeit gerecht wird, zu verteidigen, zu erobern und positiv aufzubauen.“8

8A. A. S. vol. 44, 1 (1952), p. 158 ss. — Hd. VI (1951/52), S. 267 ff.

Pius XII. spricht dann den Wunsch aus, daß diese „kraftvolle religiöse Erneuerung“ überall nachgeahmt werden möge, damit „die Nationen, die Kontinente, die gesamte Menschheit“ zu Christus zurückkehren.

Der 13. Internationale Weltkongreß der katholischen Frauenorganisationen tagte Ostern 1952 vom 21.-24. April in Rom und hatte sich die Mitarbeit der Frau für den Frieden als Thema gestellt. Das gleiche Leitwort wählte der Papst bei dem Empfang der Teilnehmerinnen am 24. April für seine Ansprache.

„Des großen Beitrages gewiß, den die Frauen der Sache des Friedens geben können, richten Wir heute Unsere väterliche Botschaft an euch Mütter, Frauen und Mädchen aller Nationen, und vor allem an euch katholische Frauen. Ist Uns doch eure kindliche Liebe zum Stellvertreter Christi bekannt und durch ihn zu Christus selbst, der im Laufe seines Erdenlebens so viele edle Beweise fraulicher Frömmigkeit erfahren hat. Immer besorgt, das Werk des Friedens mit allen Uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern bis hin zu dem Tage, an dem der Friede auf Erden endgültig Heimat gefunden hat, vertrauen Wir euch, geliebte Töchter, das schwierige und zugleich erhabene Amt an, für den Frieden zu arbeiten. Ihr wißt vielleicht besser als andere den Wert der Ruhe und Ordnung zu schätzen, da er ja die Grundbedingung jedes gesunden fraulichen Lebens ist. Gerade in Rom, das der Friedenskönig der Menschheitsfamilie zu eigen machte, um gleichsam jenen allgemeinen Frieden zu befestigen und zu erheben, den das Reich des Augustus sich vorgestellt und auf seine Weise verwirklicht hat, ist ein Kongreß veranstaltet worden, auf dem die gesamte katholische Frauenwelt vertreten ist. Ihr wollt damit eure Sehnsucht nach Frieden feierlich bekunden, dem Willen Ausdruck geben, den Frieden von denen zu fordern, die die Gewalt haben, ihn hier auf Erden zu verwirklichen, die konkreten Mittel erforschen und eure Mitarbeit an seiner Verwirklichung anbieten. Dies alles wollt ihr, gegründet auf Gott und dem Fundament christlicher Grundsätze.

Euer Ruf ist in der Tat nicht neu, und auch nicht der letzte unter so vielen, die von überall her nach dem Frieden verlangen; sicherlich aber ist er ganz aufrichtig, und Wir haben Grund zu hoffen, daß er fruchtbar sei. Wer könnte an der Aufrichtigkeit der Frau, die Frieden erfleht, zweifeln, die doch als erste seinen Segen erfährt, oder wenn sie den Krieg verabscheut, dessen bemitleidenswertes Opfer sie wäre? So war es immer. Die alte Sage der leidenden Andromache vom verhängnisvollen Krieg, der Ursache der Tränen der Witwen, der Verwaisung und dann der Verbannung und Versklavung, bleibt, wenn sie auch nur eine epische Legende ist, die Personifizierung der ungeheuren Tragödien, in die die Kriege jeder Zeit die Frau mit sich fortreißen, und jener noch entsetzlicheren, die ihr von den totalen Konflikten unserer Zeit noch vorbehalten sind.

Die Schreckensbilder des letzten Weltbrandes stehen noch Millionen Männern und Frauen, die ihn glücklich überlebt haben, lebhaft vor Augen. Mütter mit ihren Kindern auf den Armen, begraben unter den Trümmern ihrer Häuser, von Wunden zerrissen; andere von Schmerz erstarrt über einen unvorhergesehenen Verlust, der geradezu einen Teil ihres eigenen Lebens jäh hinwegriß. Anderswo sind jene, denen Haus und Hof ihr ein und alles bedeuteten, gezwungen, in unzählbaren Scharen von Ort zu Ort umherzuziehen, getrieben durch die Armeen, verfolgt von Schrecken, mit ihren von Hunger und Krankheit weinenden Kindern; Mütter und Frauen lange Jahre hindurch im Ungewissen über das Los ihrer Lieben. Einige sogar sind durch die unglaubliche Herzenshärte der Staatslenker, deren Taten allzu verschieden von ihren Worten sind, bis heute in angstvollem Zweifel: Wird mein Sohn leben? Jungfrauen, der Schande ausgesetzt; Familien ohne jegliche Stütze; Mädchen, denen für immer der Traum ihres Lebens zerbrochen wurde — das ist die Frau in Kriegszeiten!

Haben Staatsmänner nie mit dem Herzen eines Sohnes an solche Schrecknisse gedacht, jene Staatsmänner, von denen Wir nicht sagen möchten, daß sie Kriegspläne oder Kriegsabsichten hegen, die aber eine Lage schaffen und aufrecht erhalten, die eine Kriegsgefahr heraufbeschwören kann, wobei ungerecht unterdrückten Völkern vielleicht der Krieg — schrecklich zu sagen! — als letzte Hoffnung ihrer Befreiung sogar erwünscht sein könnte. Aber auf wen fällt die Verantwortung eines solch verzweifelten Wunsches? Der Mann, für den es Ruhm bedeutet, sich in solchen Widerwärtigkeiten zu bewähren, gewöhnt sich zwar auf irgendeine Weise an solche von einem Krieg herbeigeführte Lebensumstände wie Entbehrungen, Härten, ungeahnte Schrecken, ungewohnte Verhältnisse jeder Art; für die Frau indessen zeitigen sie oft physisch und moralisch verheerende Folgen.

Nun treibt die Furcht, ein solches Unheil könnte erneut ausbrechen — Gott möge es verhüten! —, die Frauen der ganzen Welt dazu, mit glühendem Herzen den Frieden zu erflehen. Diesen Flehruf haben Wir als euer gemeinsamer Vater oft von euren Lippen vernommen, und heute wollen Wir ihn zu dem Unseren machen, um denen, bei welchen die schwerwiegende Wahl zwischen Krieg und Frieden liegt, zuzurufen: Schaut mit den Augen eines Sohnes auf die Ängste so vieler Mütter und Frauen, unter denen auch die euren sind. Sorgt dafür, daß die Waagschale eurer Erwägungen sich nicht neige auf die Seite reiner Prestigegründe, unmittelbarer Vorteile oder sogar wirklichkeitsfremder Theorien, die in der wahren Natur des Menschen und der Dinge kein Fundament haben. Fordert von den Frauen keinen unnützen Heroismus. Denn schon so viele üben ihn in ihrem täglichen Leben zum Wohle des Vater­landes und der menschlichen Familie.

Das Empfinden jedoch, das die Frau den Krieg verab­scheuen läßt, nützt niemandem, noch hat es irgendwelchen wirksamen Einfluß auf die Sache des Friedens, wenn es nicht zu dem heißen Verlangen wird, überall den Geist der Brüderlichkeit wiederherzustellen. Dieses Empfinden muß getragen sein vom Wissen um die höhere Pflicht der Liebe, die gestärkt ist von der Bereitschaft, im eigenen Wirkungskreis die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die den Frieden schafft. Dies alles würde, kurz gesagt, nichts nützen, wenn das Empfinden nicht Tat wird, die ausge­richtet ist nach den christlichen Grundsätzen. In Unserer letzten Weihnachtsbotschaft über die Friedensaufgabe der Kirche (A. A. S. vol. 44, 1952, p. 11-15) haben Wir im einzelnen ausgeführt, welches diese Grundsätze sind und wie sie das Handeln der Kirche und der Katholiken bestimmen. Hierin, geliebte Töchter, unterscheidet sich euer Ruf nach Frieden deutlich von dem anderer Frauen, dessen Aufrichtigkeit Wir durchaus nicht in Zweifel ziehen. Oft aber sehen Wir ihn entweiht und anderen Zwecken dienstbar gemacht, wenn er nicht ganz in ein Geschrei der Verbitterung und des Hasses übergeht. Jedenfalls ist es sicher, daß jeglicher Ruf nach Frieden, dem man das Fundament der christlichen Weltanschauung entzieht, dazu verurteilt ist, in der Öde verbitterter Herzen ungehört zu verhallen wie ein Schrei Schiffbrüchiger auf offenem Meer.

So seid ihr, katholische Frauen, Künder und Verfechter des Friedens, kraft des gleichen Ehrentitels, mit dem ihr euch als katholische Frauen schmückt. Katholisch sein ist gleichbedeutend mit Friedensstifter sein. Und obwohl eure Staatsbürgerpflicht von euch den festen Entschluß verlangt, euch für das Vaterland hinzuopfern, wenn es wirklich ungerechterweise angegriffen und in seinen Lebensrechten bedroht wird, so seid ihr natürlicherweise noch mehr und mit noch größerem Eifer dazu fähig, eure Kräfte einzusetzen, um jene inneren und äußeren Verhältnisse zu schaffen, die Ruhe und Ordnung sichern. Diese Tat, die darauf gerichtet ist, die Haßgefühle zu beseitigen, die Völker brüderlich miteinander zu verbinden, die materiellen Ursachen für Konflikte aufzuheben — wie etwa Elend, Arbeitslosigkeit, Auswanderungshindernisse und ähnliches —, erwarten die Kirche und die Menschheit von euch.

Es handelt sich um eine doppelte Tätigkeit. Auf der einen Seite um eine psychologische und sittenfördernde, die euer feiner Takt am besten durchzuführen vermag. Das will besagen, die Menschen zum Verständnis des Übernatürlichen hinzuführen, sie milde zu Lebensstrenge oder wenigstens zum Lebensernst und zur Sittsamkeit zu führen, überallhin den Geist der Milde, den brüderlichen Sinn unter allen Gotteskindern auszustrahlen und das Wissen um die Pflicht. Das will weiterhin bedeuten, auf ungerechten Reichtum zu verzichten, wobei ihr selbst als erste auf jede Art von Luxus in der Lebensführung verzichten solltet. — Vor allem aber soll die Krone eurer geistlichen Tätigkeit sein, die Jugend christlich zu erziehen, gemäß der Weltanschauung, die der Heiland uns geoffenbart hat. Wem, wenn nicht den Müttern, ist in der Praxis die erste Unterweisung in der Lehre des Evangeliums anvertraut? O Weisheit der Güte der Vorsehung Gottes! Sie hat es so gefügt, daß jede Generation in ihrer frühesten Jugend durch die milde Schule der Frau gehe, der sich unsere gemeinsame Mutter, die Kirche, zugesellt, und wo sie stets von neuem Güte, Milde und Frömmigkeit schöpfen soll, alles Vorzüge, die der Frau eigen sind. Ohne diese immer neue Rückkehr zur Quelle verfiele die Menschheit binnen kurzer Zeit im Zurückweichen vor der Härte und dem schweren Kampf des Lebens einer höchst beklagenswerten Verwilderung. Weist also ihr, die ihr aus natürlicher Verpflichtung und kraft göttlicher Sendung die Seelen der Jugend formt, die neue Generation ein in ein Empfinden für die allgemeine Brüderlichkeit und in den Abscheu vor der Gewalt. Das sei eine Tätigkeit, die in allzu ferner Zukunft ihre Früchte trägt, mag jemand sagen. Nein, es ist ein Wirken, das in die Tiefe baut und damit grundlegend und dringlich ist. Wie die Kriege, zumindest die heutigen, nicht unvorhergesehen ausbrechen, sondern jahrelang keimhaft in den Herzen heranreifen, so wird auch der wahre, bleibende, gerechte Friede nicht plötzlich mit dem ersten Aufleuchten einer Gefühlsregung oder eines Aufrufes Wirklichkeit.

Es gibt dann noch eine zweite, äußere Tätigkeit. War in früheren Jahren der Einfluß der Frau auf das Haus und den Umkreis des Hauses beschränkt, so erstreckt er sich in unseren Tagen, ob wir es nun wollen oder nicht, auf ein immer weiteres Gebiet: auf das soziale und öffentliche Leben, auf die Parlamente, die Gerichte, das Pressewesen, das Berufsleben und die ganze Arbeitswelt. In jedes dieser Gebiete soll die Frau ihr Wirken für den Frieden hineintragen. Wenn nur wirklich jede Frau aus dem ihr eigenen Empfinden, mit dem sie den Krieg verabscheut, zur konkreten Tat schreiten würde, um ihn zu verhindern, dann wäre es unmöglich, daß die Gesamtheit solch starker Kräfte, die sich eben für das einsetzen, was die Persönlichkeit bildet, nämlich für Frömmigkeit und Liebe, dann wäre es unmöglich, so sagen Wir, daß sie ihren Zweck verfehlte.

Dazu soll, um diese Kräfte zu befruchten, die Hilfe Gottes mitwirken, die Wir im Gebet herabrufen. Die Frau, die von Natur aus fromm ist, richtet für gewöhnlich ihr Gebet mit größerer Beharrlichkeit zu Gott. Wie die Fürbitte der Gottesmutter auf der Hochzeit zu Kana voll Sorge und Unruhe über die Verwirrung der Brautleute Jesus zu bewegen wußte, das Wasser in Wein zu verwandeln — in Wein, den die Feinschmecker die Seele der Mahlzeit nennen‘ (Bossuet, Sermon pour le II. Dimanche apres l’Epiphanie) —, so wandelt auch euer Flehen in Nacheiferung der allerseligsten Jungfrau Maria das Wollen der Menschen aus Haß in Liebe und aus Habgier in Gerechtigkeit.

Geliebte Töchter, ihr wißt, wieviel die Frau dem Christentum verdankt. Als es in die Zeit eintrat, hat die heidnische Kultur die Frau oft nur wegen äußerer und kurzdauernder Gaben oder wegen ihrer feinfühligeren Art hochgeschätzt. Diese ästhetische Schau und dieses tiefe Gefühl bilden sich zu Formen höchster Feinfühligkeit aus. Die Verse ausgesuchter Dichtkunst in den unsterblichen Dichtungen des augusteischen Zeitalters sind durchpulst von leidenschaftlichem Pathos; Götterstatuen, herrliche Schöpfungen der Kunst zierten Straßen und Plätze, Tempel und Hallen prachtvoller Paläste. Und doch war alles leer und oberflächlich. Athen und Rom, die Leuchten der Kultur, die doch so vieles natürliches Licht auf die Familienbande warfen, brachten es weder mit den hohen Gedankengängen der Philosophie noch mit der wahrhaft weisen Gesetzgebung zustande, die Frau zu der ihrer Natur entsprechenden Höhe zu erheben. Erst das Christentum, und es allein — gewiß nicht in der Verkennung jener äußeren und tiefreichenden Vorzüge — hat in der Frau Sendung und Beruf entdeckt und gepflegt, die die wahre Grundlage ihrer Würde bilden und ihr somit eine würdigere Rangstellung einräumen. Auf diese Weise entstehen neue Typen der Frau, und diese behaupten sich in der christlichen Zivilisation, so jene der Märtyrerin für ihre Religion, so jene der Heiligen, der Glaubensbotin, der Jungfrau, der Urheberin weitgespannter Reformen, der Helferin in allen Leiden, der Erzieherin und Retterin verlorener Seelen. So wie allmählich neue soziale Bedürfnisse reifen, so dehnt sich auch ihre lebenspendende Sendung auf neue Aufgabenkreise aus, und die christliche Frau wird, wie es heute ganz zu Recht besteht, nicht weniger als der Mann ein notwendiger Träger der Kultur und des Fortschritts. Gerade in dieser Schau sehen Wir euer heutiges friedenbringendes Wirken, vielleicht das größte, das euch die Vorsehung zugedacht hat, als das am meisten soziale und heilbringende, das ihr je innehattet. Nehmt es in Angriff als einen Auftrag von Gott und der Mensch­heit; weiht ihm eure eifrigsten Bemühungen und befolgt jene Weisungen, die ein ausgewählter Kreis von euch auf dem Internationalen Kongreß der Katholischen Frauen­organisationen studiert und fördert. Seid davon überzeugt, daß ihr für das Heil eurer Heimatländer und eurer Kinder nichts Segensreicheres tun könnt. Das entspricht ganz Unserem Wunsch als Stellvertreter Christi. Über euch alle, geliebte Töchter, auf der ganzen weiten Welt und besonders über euch, katholische Frauen, wie auch auf jede Teilnehmerin dieses Kongresses hier in Rom, erflehen Wir vom allmächtigen Gott Licht und Gnade. Als Unterpfand dessen erteilen Wir euch aus väterlichem Herzen den Apostolischen Segen.“9

9 A. A. S. vol. 44, I (1952) p. 420 ss. — Ausgabe des Katholischen Deutschen Frauenbundes in: „Papst Pius XII. zu den heutigen Auf­gaben der Frau“. — Köln, S. 36 ff.

Einen der Höhepunkte des Marianischen Jahres bildete Anfang September 1954 der Weltkongreß der Marianischen Kongregationen. Am 8. September richtete Papst Pius XII. eine Ansprache an die Teilnehmer, in der er zum Thema des Kongresses Stellung nimmt und über das dreifache Ziel, nämlich sorgfältigere Auswahl der Mitglieder, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden spricht:

„ . . . Eure Pilgerfahrt ist nicht nur ein Akt kindlicher Liebe, sondern sie beweist darüber hinaus euren Willen, immer mehr auf dem Wege zur christlichen Vollkom­menheit, nach der ihr strebt, voranzukommen; auch erwar­tet ihr von Uns Ermutigung und Richtlinien, um euer Ideal der Liebe und des Apostolates besser zu verwirk­lichen.

Der Kongreß, welcher heute eröffnet wird, muß in der Tat der Ausgangspunkt einer geistlichen Erneuerung für alle Kongregationen der Welt werden. Sein Thema lautet: ,Der größte Ruhm Gottes durch eine sorgfältigere Auswahl, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden.’…

Wir werden heute nur auf die drei Punkte des Programms eingehen, die Wir soeben erwähnt haben:…

1. Sorgfältigere Auswahl.

Der erste Punkt ist wesentlich für die Sicherung der erwünschten Erneuerung. Die Kongregationen sind nicht einfach fromme Vereinigungen, sondern Schulen der Vollkommenheit und des Apostolates. Sie wenden sich an Christen, die nicht damit zufrieden sind, etwas mehr als notwendig zu tun, sondern die sich entschlossen haben, den Anregungen der Gnade hochherzig zu entsprechen und gemäß ihrem Lebensstand ganz nach dem Willen Gottes zu suchen und ihn zu erfüllen. Deshalb sollte niemand aufgenommen werden nur aus irgendeiner Tradition, um der Kongregation Ehre anzutun oder selbst durch sie zu Ansehen und Würde zu kommen. Es zählt nur das Verlangen nach größerer Vervollkommnung und nach einem christlichen Leben, das von persönlicher apostolischer Glut erfüllt ist. Die Räte, die zur Abgabe ihres Urteils berufen sind, und besonders der Direktor, der allein die Verantwortung für die Aufnahme trägt, mögen diese wesentlichen Punkte ernsthaft beachten.
Die Eignung des Kandidaten wird sich in seiner Treue beim Besuch der Versammlungen, seiner Liebe zum Gebet, seinem Eifer im Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie erweisen, mit einem Wort, in seinem Bemühen um das unaufhörliche Wachstum in der Liebe zu Gott, der Grundlage des Seeleneifers. Dieser bedarf wirklich einer übernatürlichen Tugend, um Bestand zu haben und Früchte zu bringen. Nun sind aber weder der Glaube noch die Hoffnung noch die Liebe nur das Ergebnis einer glücklichen Charakterveranlagung oder eines willkürlichen Tuns. Sie sind Gaben Gottes, die man demütig und beharrlich erflehen und sorgfältig pflegen muß.

Wer danach trachtet, ein Kongreganist zu sein, der dieses Namens würdig ist, verpflichtet sich eindeutig zum Kampf gegen seine minder guten Neigungen. Er ist entschlossen, sich vollständig von der Herrschaft der Sünde zu befreien, und faßt die immer treuere Nachahmung Jesu, des sanften und demütigen Menschensohnes, ins Auge. Gleich ihm brennt er darauf, die geringsten Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihm in allem und trotz allem zu gefallen. Möge dieses verlockende und strenge Ideal für jeden von euch, liebe Söhne und Töchter, zur Quelle wirklicher geist­licher Erneuerung werden und zur Grundlage für ein Streben, das still und langsam ist wie das Leben, aber unaufhaltsam wie das Wirken Gottes.

2 Der Anschluß an die Hierarchie.

Die Vereinigung mit der Hierarchie, das sichtbare Zei­chen der aufrichtigen Anhänglichkeit an Christus, wird auch der Prüfstein für die Reinheit des Seeleneifers sein. Wenn Wir Wert darauf legten, die Marianischen Kongregationen, wie sie die Konstitution ,Bis saeculari‚ defi­niert, unter die eigentlichsten Formen der Katholischen Aktion einzureihen, geschah es deshalb, weil sie ausdrück­lich darauf hinarbeiten, ihre Mitglieder in den Geist der Kirche, das ,Sentire cum Ecclesia‘, einzuführen. Diese Haltung ist die einzig angemessene, wenn man bean­sprucht, mit dem Apostolat der Hierarchie zusammenzu­arbeiten. Aus der Verantwortung für die Ehre Gottes auf Erden und als Treuhänderin der göttlichen Gewalten weist die Hierarchie jedem, der sich freiwillig anbietet, um das Werk Christi fortzusetzen, seine Aufgabe zu.

Um ihr wirksam zu helfen, genügt es nicht, eine jede bestehende Einrichtung oder neue Initiative ihrer Billi­gung zu unterstellen. Man muß sich ihren Geist zu eigen machen, ihre Absichten verstehen, ihren Wünschen zuvorkommen. Das setzt Demut und Gehorsam, Hingabe und Selbstverleugnung voraus, echte Tugenden, die die ernste Bildung von Kongregationen nicht zu entwickeln versäumt. Weil die Kongregationen von dem Willen beseelt sind, um jeden Preis zu dienen, machen sie niemals den Versuch, sich zu isolieren oder gewisse Bereiche für sich allein zu beanspruchen, sondern sie sind im Gegenteil bereit, da zu arbeiten, wohin die Hierarchie sie sendet. Sie dienen der Kirche nicht wie einer fremden Macht, nicht einmal wie einer menschlichen Familie, sondern wie der Braut Christi, die vom Heiligen Geist selbst beseelt und geführt wird und deren Interessen auch diejenigen Jesu sind. Der Apostel Paulus litt schon darunter, daß er feststellen mußte, daß einige — alle, sagte er bitter —, ,alle ihre eigenen Interessen und nicht diejenigen Jesu Christi verfolgen‘ (Phil. 2, 21). Möge eine solche Bemerkung euch wachhalten. Vergeßt euch selbst, seid bereit, jede enge Sicht von euch zu weisen, und nehmt die Ratschläge der Kirche hin, als kämen sie von eurem göttlichen Oberhaupt. So werdet ihr mit dem Apostel sprechen können: ,Am Tage Christi . . . werden mein Laufen und meine Bemühungen nicht vergeblich gewesen sein.‘ (Phil. 2, 16).

3. Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Vereinigungen.

Das Thema eures Kongresses faßt auch eine größere Zusammenarbeit mit den anderen apostolischen Vereinigungen ins Auge. Außer seiner praktischen Seite ist dieser Zusammenschluß der Kräfte ein eindeutiges Zeichen der Gegenwart Christi inmitten derer, die in der Aktion wie im Gebet der gleichen Eingebung gehorchen. ,Daß sie eins seien‘, bat Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet inständig seinen Vater, wie Du, Vater, in mir und ich in Dir bin, daß sie eins in Uns seien, damit die Welt glaube, daß Du mich gesandt hast‘ ( Joh. 17, 21 ). Das Apostolat hat in gewisser Weise an der göttlichen Sendung Jesu Anteil. Es offenbart den Menschen die Liebe des Vaters und des Sohnes in der Gabe ihres einzigen Geistes. Ihr erinnert euch zweifellos, wie die Apostelgeschichte, diese wunderbare Frucht des Heiligen Geistes, an dem Tage nach Pfingsten hervorhebt: ,Die Menge der Gläu­bigen hatte nur ein Herz und eine Seele. Niemand nannte das, was ihm gehörte, sein, sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam. Mit großer Macht legten die Apo­stel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und sie standen alle in großem Ansehen‘ (Apg 4, 32-34). Die außerordentliche apostolische Strahlungskraft in der ersten christlichen Gemeinde hat sich in den verschieden­sten Formen in der Geschichte der Kirche wiederholt, besonders in kritischen Stunden, wo nur die lebendige Wucht junger Kräfte von ungebrochener Überzeugung in gewaltigem Aufschwung anscheinend unüberwindliche Hindernisse zu beseitigen vermochte. Ist es nicht ein Zeugnis von dieser Art, das die gegenwärtige Zeit ganz besonders von euch erwartet? So viele edle Unternehmungen verzetteln sich auf auseinanderstrebenden Gleisen, wissen nichts voneinander und geraten leider manchmal sogar in Gegensatz zueinander. Unterdessen schreitet das Böse ohne Waffenruhe in seiner Eroberung fort, und, mangels guten Einvernehmens und Zusammenarbeitens der Guten, dringt es überall ein.

Wie in den Anfängen der Kirche die mächtige Fürbitte Mariens der Gemeinde von Jerusalem die voll­kommene Eintracht in der Liebe verdiente, so wünschen Wir lebhaft, daß die Königin der Apostel euch alle, liebe Söhne und Töchter, die ihr hier versammelt seid, und alle eure Mitsodalen aus der ganzen Welt, die ihr hier bei Uns vertretet, mit einem Geist aufrichtiger Zusammen­arbeit erfülle. Möge man von euch in Abwandlung des Wortes des hl. Paulus, das Wir soeben zitierten, sagen können: ,Niemand verfolgte seine eigenen Interessen, sondern einzig die von Jesus Christus.‘ . .“

Der Papst beschließt seine Ansprache mit dem Wunsch, alle Kongreßteilnehmer möchten die Erinnerung an einen „Pfingsthauch“ in ihre Heimat mitnehmen und den Willen, großherzig auf so viele Gnaden, die sie unter der Schutzherrschaft der Unbefleckten Jungfrau empfingen, durch die Tat zu antworten.»

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

 

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: MODERNE EHEPROBLEME

IV

MODERNE EHEPROBLEME

Zahlreich sind die Nöte der Familie, die Papst Pius XII. in den bisher angeführten Ansprachen aufzählt. Aber die tiefste Ursache seines Kummers um die Familie und die Würde der Frau liegt in der Haltung zur Frage der Nachkommenschaft. Immer wieder klingt in verschiedenen Reden die Sorge des Papstes über diese Einstellung, die an den Wurzeln, am Fortbestand der Familie nagt, an. Wir hören schon in den Ansprachen an Neuvermählte manche väterliche Mahnung, die gerade bei den jungen Ehepaaren, die das Glück hatten, sich persönlich nach ihrer Trauung den Segen des Heiligen Vaters holen zu dürfen, noch am ehesten auf fruchtbaren Boden fallen konnten. „Das Eheleben aber, das unauflösliche Eheband, fordert, daß die Eigenliebe geopfert werde. Das Ich muß zurücktreten gegenüber der Pflicht, gegenüber der Liebe zu Gott, der euer gemeinsames Sehnen erhört und gesegnet hat, gegenüber der Liebe zu den Kindern, deretwegen ihr den Segen des Priesters und den des Himmels empfangen habt. O ihr Mütter, schreckt nicht zurück vor dem Schmerz! Wenn er auch einen Augenblick lang eure Stirne durchfurcht, er führt euch doch zur Freude einer Wiege. Ein Kinderweinen wird euer Herz aufjubeln machen, Kinderlippen werden eure Brust suchen, ein Händchen wird euch liebkosen und ein Engellächeln wird euch Paradiesesfreuden verkosten machen.“1

1 Rede vom 17. Juni 1942. (Eheleben, S. 132).

„Die unleugbaren Schwierigkeiten, die ein schöner Kreis von Kindern mit sich bringt, vor allem in unseren Zeiten des teuren Lebens und in den wenig wohlhabenden Familien erfordern Opfer, ja bisweilen wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat… Gott allein kann die Gnade hervorbringen. Aber er wird Heldenkraft. Aber wie die heilsame Myrrhe, so bewahrt diese Strenge der ehelichen Pflichten die Eheleute vor allem vor einer schweren Schuld, der unheilvollen Quelle des Verderbens für die Familien und die Völker. Außerdem sichern ihnen diese Schwierigkeiten, selbst wenn sie mutig überwunden werden, die Bewahrung der sakramentalen Gnade und eine Fülle göttlichen Beistandes. Schließlich halten sie vom häuslichen Herde die vergifteten Elemente der Auflösung fern, nämlich die Selbstsucht, das dauernde Verlangen nach Reichtum, die falsche und fehlerhafte Erziehung einer freiwillig eingeschränkten Nachkommenschaft. Wie viele Beispiele in eurer Umgebung werden euch dagegen hinweisen auf eine auch natürliche Quelle der Freude und gegenseitigen Ermunterung in den Anstrengungen der Eltern, das tägliche Brot einer teuren und zahlreichen Kinderschar zu verschaffen, die unter dem Auge Gottes im Nest der Familie das Licht der Welt erblickt hat!“2

2 Rede vom 10. Jänner 1940 (Z. S. 31 f. — vgl. Ideal, S. 50)

„Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, gestärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jenem Dienst, zu dem er euch den Weg eröffnet und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade herabgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilligung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleisch eine geistige und unsterbliche Seele herabrufen. Auf eure Bitte hin sich herablassen und eure Hilfe in Anspruch nehmen, wenn er die Seelen aus dem Nichts hervorbringt, so wie er sich auch eurer bedient hat, um euch die Gnade zu schenken… Bei der einen wie bei der anderen Mitarbeit wartet Gott auf euer Jawort, um seine schöpferische Allmacht zu gebrauchen… Sein Wille ist es, daß ihr frei die Tat setzt, auf die er wartet, um sein schöpferisches und heiligendes Werk zu vollführen. So steht ihr denn, liebe Söhne und Töchter, vor dem Schöpfer, dazu ausersehen, seine Wege zu bereiten. Aber ihr steht da in Freiheit und innerer Verantwortlichkeit. Hängt es doch von euch ab, ob jene ,einfachen Seelen, die noch nichts wissen‘ (Dante) über die Schwelle des Lebens treten werden. So gern möchte Gott sie aus dem Nichts rufen und mit unendlicher Liebe sie empfangen, damit sie eines Tages als Erwählte ihn selbst besitzen sollen, in der ewigen Seligkeit des Himmels. Von euch hängt es ab, ob diese Seelen nur herrliche Bilder in Gottes Gedanken bleiben, sie, die leuchtende Strahlen hätten sein können jener Sonne, die jeden Erdgeborenen erleuchtet. So aber werden sie nur Lichter bleiben, die menschliche Feigheit und Ichsucht ausgelöscht haben… In den unvernünftigen Lebewesen sichert ein blinder Instinkt die Weitergabe des Lebens. Im Menschengeschlechte dagegen, das in Adam fiel, im Sohne Gottes aber, dem fleischgewordenen Worte, erlöst und geheiligt wurde, können kalte und boshafte Berechnungen einer genießerischen und entarteten Ichsucht es fertigbringen, die Blüte eines körperlichen Lebens, das sich nach Entfaltung sehnte, abzubrechen.“3

3 Rede vom 5. März 1941. (Ideal, S. 146 ff.).

„Eine andere, leider noch häufigere Prüfung, der die Treue ausgesetzt ist, kommt daher, daß einer der Gatten die Heiligkeit der ehelichen Pflicht verkennt. Aus Furcht vor vermehrten Familienlasten, aus Furcht vor der Mühe, dem Leid, der Gefahr (die hie und da wohl übertrieben wird), aus Furcht — und diese Furcht ist unvergleichlich nichtiger —, eine Linie der eigenen Eleganz, einen Zipfel des eigenen Lebens, der Lust und Freiheit opfern zu müssen, manchmal auch aus Herzenskälte oder Kleinlichkeit des Geistes, aus schlechter Laune oder ans vermeintlicher, falschverstandener Tugend, versagt sich ein Gatte dem anderen oder zeigt, wenn er sich hingibt, deutlich sein Mißbehagen und seine Befürchtungen. — Wir sprechen hier natürlich nicht von der schuldhaften Abmachung zweier Eheleute, den Kindersegen von ihrem Herde fernzuhalten. — Eine solche Prüfung ist für einen Gatten oder eine Gattin, die ihre Aufgabe erfüllen möchten, sehr hart. Und wenn sie sich wiederholt und wenn sie andauert und zu einem bleibenden und gleichsam endgültigen Zustand wird, dann entsteht aus ihr leicht die Versuchung, anderswo einen unerlaubten Ersatz zu suchen.“4

4 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 243/44)

Die unheilvolle Zeit des Krieges mit ihren verderbenbringenden Folgen in den darauffolgenden Jahren zwang den Papst, deutlicher zu werden und auf die unverhüllt schamlose Einstellung der Welt zur Ehe mit aller Klarheit und Festigkeit eine Antwort zu geben, zumal katholische Gläubige, in erster Linie katholische Ärzte, an den Papst herangetreten waren und um seine Stellungnahme in einer Reihe von Problemen baten. Es sind hier einige Ansprachen zu nennen, die sich ausschließlich mit der Beantwortung dieser Fragen befassen: „Über die christliche Ehe und Mutterschaft“ vom 29. Oktober 1951; „Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft“ vom 28. November 1951; „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“ vom 30. September 1949. Da die Mutterschaft das Geschenk Gottes an die Frau, ihre Hauptaufgabe und Krone ist, so wird alles, was sie an der Erfüllung ihres Frauentums hindert, zugleich ihre Würde beein­trächtigen. Wir müssen darum die Worte des Papstes, dem das Ansehen der Frau, der Fortbestand der christ­lichen Familie so sehr am Herzen liegen, in den wichtigen Fragen unbedingt zur Kenntnis nehmen.

Schon Pius XI. griff mit seiner Enzyklika „Casti connubii“ die Ehefrage auf, aber die letzten Jahrzehnte machten ein weiteres Eingehen auf verschiedene Probleme notwendig. Als im Oktober 1951 in Rom ein Kongreß von katholischen Hebammen Italiens zusammenkam, benutzte der Papst bei ihrem Empfang die Gelegenheit, um vor ihnen seine Einstellung, zur Frage der Geburtenrege­lung darzulegen:

„Wer daher dieser Wiege des werdenden Lebens nahe­kommt und sich daselbst auf die eine oder andere Weise betätigt, muß die Ordnung kennen, die nach dem Willen des Schöpfers dort zu beobachten ist, wie auch die Gesetze, die für sie bestimmt sind. Denn es handelt sich hier nicht um rein physische und biologische Gesetze, denen ver­nunftlose Wesen und blinde Kräfte mit Notwendigkeit gehorchen, sondern um Gesetze, deren Ausführung und deren Mitwirkungen dem selbstbestimmenden und freien Mittun der Menschen anvertraut sind.

Diese Ordnung, festgesetzt von der höchsten Vernunft, ist eingestellt auf den vom Schöpfer gewollten Zweck; sie umfaßt das äußere Tun des Menschen und die innere Zu­stimmung seines freien Willens; sie schließt Handlung und auch pflichtgemäße Enthaltung ein… Wenn der Mensch das Seine getan und die wunderbare Entwicklung des Lebens in Gang gebracht hat, ist es seine Pflicht, des­sen Fortschritt ehrfürchtig zu achten, eine Pflicht, die es ihm verbietet, das Wirkeberr Natur aufzuhalten oder seinen natürlichen Ablauf zu verhindern.“

Der Papst spricht dann von dem Beruf der Heb­ammen als von einem Apostolat, zu dem sie durch ihren Beruf verpflichtet sind.

„Warum ruft man euch! Weil man überzeugt ist, daß ihr eure Kunst versteht, daß ihr wißt, was Mutter und Kind brauchen, welchen Gefahren beide ausgesetzt sind und wie diese Gefahren vermieden oder überwunden werden können. Man erwartet von euch Rat und Hilfe, natürlich nicht unbedingt, sondern innerhalb der Grenzen des   menschlichen Wissens und Könnens, gemäß dem Fortschritt und dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und der Praxis eures Faches. Wenn man das alles von euch erwartet, so darum, weil man Vertrauen zu euch hat, und dieses Vertrauen ist vorwiegend eine Sache der Persönlichkeit. Eure Persönlichkeit muß es einflößen. Daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werde, ist nicht nur euer lebhafter Wunsch, sondern auch eine Forderung eures Berufes und daher eine Gewissenspflicht für euch. Darum müßt ihr danach streben, eure fachlichen Kenntnisse zur höchsten Vollendung zu bringen. Indes ist eure berufliche Tauglichkeit auch eine Forderung und Form eures Apostolats. Welchen Wert genösse in der Tat euer Wort in Fragen der Sitte und Religion, die mit eurem Amt verknüpft sind, wenn ihr in den Fragen eures Faches versagt? Umgekehrt wird euer Eingreifen auf sittlichem und religiösem Gebiet von ganz anderem Gewicht sein, wenn ihr es versteht, durch euer überlegenes berufliches Können Achtung einzuflößen . .. Man wird klar erkennen, daß ihr bei der Ausübung eures Berufes euch eurer Verantwortung gegenüber Gott bewußt seid; daß ihr in eurem Glauben an Gott den stärksten Antrieb findet, mit um so größerer Hingabe zu helfen, je größer die Not ist; daß ihr aus dem festen religiösen Fundament die Kraft nehmt, unvernünftigen und widersittlichen Wünschen — von welcher Seite sie immer kommen mögen — ein ruhiges, aber unerschrockenes und unentwegtes Nein entgegenzusetzen.

Der heutigen Welt tut es dringend not, dessen durch das dreifache Zeugnis des Geistes, des Herzens und der Tat sicher zu werden. Euer Beruf bietet euch die Möglichkeit und macht es euch zur Pflicht, ein solches Zeugnis abzulegen. Mitunter ist es ein bloßes Wort, zur rechten Zeit und mit Takt zur Mutter oder zum Vater gesprochen; und häufiger werden euer ganzes Verhalten und euer gewissenhaftes Tun unscheinbar und still auf sie einwirken…
Jedes Menschenwesen, auch das Kind im Mutterschoß, hat sein Lebensrecht unmittelbar von Gott, nicht von den Eltern, nicht von irgendeiner Gemeinschaft oder menschlichen Autorität. Darum gibt es keinen Menschen, keine menschliche Autorität, keine Wissenschaft, keine medizinische, eugenische, soziale, wirtschaftliche oder ethische ‚Indikation‘, die einen Rechtstitel darstellen oder geben könnte zu einer überlegten direkten Verfügung über schuldloses Menschenleben, das heißt eine Verfügung, die auf Vernichtung abzielt, sei sie Selbstzweck, sei sie Mittel für einen anderen Zweck, der an sich vielleicht nicht unerlaubt ist. So ist zum Beispiel die Rettung des Lebens der Mutter ein sehr edles Ziel; aber die direkte Tötung des Kindes als Mittel zu diesem Ziel ist nicht erlaubt. Die direkte Zerstörung des sogenannten ,lebensunwerten Lebens‘, ob geboren oder noch nicht geboren, wie sie vor einigen Jahren in größtem Ausmaß geübt wurde, läßt sich in keiner Weise rechtfertigen. Als darum die Praxis begann, hat die Kirche in aller Form als dem natürlichen und positiv göttlichen Recht entgegen und darum als unerlaubt erklärt, selbst wenn es auf Anordnung der öffentlichen Autorität geschieht, diejenigen zu töten, die zwar schuldlos, aber wegen physischer oder psychischer Mängel für die Nation keinen Nutzen, sondern vielmehr eine Belastung darstellen .. .

Über jedes menschliche Gesetz, auch über jede ‚Indikation‘ erhebt sich unantastbar das Gesetz Gottes… Euer Apostolat richtet sich indes vor allem an die Mutter. Zweifellos spricht die Stimme der Natur in ihr und legt ihr das Verlangen, die Freude, den Mut, die Liebe und den Willen ins Herz, für das Kind zu sorgen. Um aber die Einflüsterungen des Kleinmuts in allen ihren Formen zu überwinden, bedarf jene Stimme der Stärkung und gleichsam eines übernatürlichen Einschlags. An euch liegt es, weniger durch Worte als durch euer ganzes Benehmen und Handeln die junge Mutter Größe, Schönheit und Adel des Lebens verkosten zu lassen, das in ihrem Schoß erwacht, Form gewinnt und lebt, das von ihr geboren wird, das sie in ihrem Arm trägt und an ihrer Brust nährt; an euch, in ihren Augen und ihrem Herzen aufleuchten zu lassen, wie reich das Geschenk der Liebe Gottes ist für sie und für ihr Kind…

Im übrigen haben Wir nicht nötig, euch, die ihr hier eure Erfahrung habt, zu beweisen, wie sehr heute das Apostolat der Hochschätzung und Liebe des neuen Lebens notwendig ist. Leider sind die Fälle nicht selten, wo das Sprechen oder auch nur eine vorsichtige Andeutung vom Kind als einem ‚Segen‘ genügt, um Widerspruch oder vielleicht auch Spott hervorzurufen. Viel öfter herrscht heute die Idee und das Wort von der großen ‚Last‘ des Kindes vor. Wie sehr ist doch diese Geisteshaltung dem Gedanken Gottes, der Sprache der Heiligen Schrift, ja auch der gesunden Vernunft und dem natürlichen Empfinden entgegen! Wenn Bedingungen und Umstände vorherrschen, unter denen die Eltern ohne Verletzung des göttlichen Gesetzes den Kindersegen vermeiden können, so berechtigen doch diese Fälle einer höheren Gewalt nicht dazu, die Begriffe zu verkehren, die Werte zu mißachten, die Mutter geringzuschätzen, die den Mut und die Ehre hatte, Leben zu geben …

Es ist eines der Grunderfordernisse der rechten sittlichen Ordnung, daß der Ausübung der ehelichen Rechte die aufrichtige und innerliche Annahme des Berufes und der Pflichten der Mutterschaft entspreche. Unter dieser Be-dingung wandelt die Frau auf dem vom Schöpfer gebahnten Wege dem Ziele zu, das er seinem Geschöpf bestimmt hat, indem er es in der Ausübung jener Funktion an seiner Güte, seiner Weisheit und seiner Allmacht teilhaben läßt, entsprechend der Botschaft des Engels: ,Du wirst empfangen und gebären‘ (vgl. Luk 1, 31).

Häufig ist das Kind unerwünscht; schlimmer noch, man fürchtet sich vor ihm. Wie könnte bei solcher Verfassung noch Bereitwilligkeit zur Pflicht bestehen? Hier braucht es den wirksamen Einsatz eures Apostolates; vor allem ab­lehnend, indem ihr jegliche sittenwidrige Mitwirkung ver­sagt; dann aber auch aufbauend, indem ihr taktvoll eure Sorge darauf richtet, Vorurteile, mannigfaltige Besorg­nisse und kleinmütige Vorwände zu zerstreuen, Hinder­nisse, auch von außen kommende, welche die Annahme der Mutterschaft erschweren könnten, zu beseitigen. Wenn man sich an euch um Rat und Hilfe wendet, nur um die Erweckung neuen Lebens zu erleichtern, um es zu schüt­zen und zur vollen Entfaltung zu bringen, so könnt ihr ohne weiteres eure Mitwirkung angedeihen lassen; aber in wie vielen anderen Fällen wendet man sich an euch, um die Weckung und Erhaltung solchen Lebens zu verhin­dern, ohne jede Rücksicht auf die Vorschriften der sitt­lichen Ordnung? Solchen Zumutungen zu willfahren, hieße euer Wissen und Können erniedrigen, weil ihr euch dadurch der Mittäterschaft sittenwidrigen Tuns schuldig machen würdet; das hieße, euer Apostolat in sein Gegenteil verkehren. Hier ist ein ruhiges, aber entschie­denes Nein erforderlich, das keine Übertretung der Ge­bote Gottes und der Entscheidung des Gewissens duldet… Unser Vorgänger, Pius XI. seligen Angedenkens, verkün­dete in seiner Enzyklika ,Casti connubii‚ vom 31. Dezem­ber 1930 von neuem feierlich das Grundgesetz des ehe­lichen Aktes und der ehelichen Beziehungen: daß näm­lich jeder Eingriff der Gatten in den Vollzug des ehelichen Aktes oder in den Ablauf seiner natürlichen Folgen, ein Eingriff, der zum Zwecke hat, ihn der ihm innewohnen­den Kraft zu berauben und die Weckung neuen Lebens zu verhindern, widersittlich ist und daß keine ‚Indika­tion‘, kein Notstand ein innerlich sittenwidriges Tun in ein sittengemäßes und erlaubtes verwandeln kann (vgl. A.A.S. 22, p. 599 ss.). Diese Vorschrift hat ihre volle Geltung heute wie gestern, und sie wird sie auch morgen und immer haben, weil sie kein einfaches Gebot menschlichen Rechtes ist, sondern der Ausdruck eines Gesetzes der Natur und Gottes selbst. Mögen Unsere Worte eine sichere Norm bieten für alle Fälle, in denen euer Beruf und euer Apostolat von euch eine klare und feste Entscheidung verlangt!

Es wäre sehr viel mehr als ein einfacher Mangel an Bereitschaft zum Dienst am Leben, wenn der Eingriff des Menschen nicht nur einen einzelnen Akt anginge, sondern den Organismus selbst träfe zum Zweck, ihn mittels Sterilisierung der Fähigkeit zur Weckung neuen Lebens zu berauben. Auch hier habt ihr eine klare Wegweisung in der Lehre der Kirche. Die direkte Sterilisierung — also jene, die als Mittel oder als Zweck darauf ausgeht, die Zeugung unmöglich zu machen — ist eine schwere Verletzung des Sittengesetzes und deshalb unerlaubt. Auch die öffentliche Autorität hat kein Recht, unter dem Vorwand irgendwelcher Indikation sie zu erlauben und noch viel weniger sie vorzuschreiben oder zum Schaden von Schuldlosen zur Ausführung zu bringen. Dieser Grundsatz findet sich schon ausgesprochen in der vorher erwähnten Ehe-Enzyklika Pius‘ XI. (a.a.O. p. 564-565). Als deshalb vor einem Jahrzehnt die Anwendung der Sterilisierung immer weiter um sich griff, sah sich der Heilige Stuhl genötigt, ausdrücklich und öffentlich zu erklären, daß die direkte Sterilisierung, ob dauernd oder nur zeitweise, ob Sterilisierung des Mannes oder der Frau, unerlaubt ist, in Kraft des Naturgesetzes, von dem zu entpflichten, wie ihr wißt, auch die Kirche keine Gewalt hat (Decr. S. Off., 22. Febr. 1940 — A. A. S. 1940, p. 73). Widersetzt euch deshalb, soweit ihr vermögt, in eurem Apostolat diesen widernatürlichen Bestrebungen und versagt ihnen eure Mitwirkung. Heutzutage wird außerdem die ernste Frage gestellt, ob und inwieweit die Pflicht der Bereitschaft zum Mutterdienst sich vereinbaren läßt mit der immer mehr sich ausbreitenden Flucht in die Zeiten der natürlichen Unfruchtbarkeit (die sogenannten Perioden der Empfängnisunfähigkeit der Frau), was ein klarer Ausdruck des jener Bereitschaft entgegengesetzten Willens zu sein scheint. Man erwartet von euch mit Recht, daß ihr bezüglich der medizinischen Seite gut unterrichtet seid über die bekannte Theorie und die Fortschritte, die sich auf diesem Gebiet noch erwarten lassen, daß aber anderer­seits euer Rat und eure Hilfe sich nicht auf einfache populäre Veröffentlichungen stützen, sondern auf wissen­schaftlicher Sachlichkeit und dem bewährten Urteil gewissenhafter Fachmänner in Medizin und Biologie beruhen. Eure Aufgabe ist es, nicht die des Priesters, die Eheleute in persönlicher Beratung oder durch ernste Ver­öffentlichungen über die biologische und technische Seite der Theorie zu unterrichten, ohne euch jedoch zu einer weder zu rechtfertigenden noch passenden Propaganda verleiten zu lassen. Aber auch auf diesem Gebiet verlangt euer Apostolat von euch als Frauen und Christinnen, die sittlichen Maßstäbe zu kennen und zu verteidigen, denen die Anwendung jener Theorie unterliegt. Und hier ist die Kirche zuständig.

Es sind vor allem zwei Voraussetzungen zu beachten: Wenn die Anwendung jener Theorie nichts weiter besagen will, als daß die Gatten auch an den Tagen der natürlichen Unfruchtbarkeit von ihrem Eherecht Gebrauch machen können, so ist dagegen nichts einzuwenden; damit ver­hindern und vereiteln sie tatsächlich in keiner Weise den Vollzug des natürlichen Aktes und seiner weiteren natürlichen Folgen. Gerade dadurch unterscheidet sich die Anwendung der Theorie, von der Wir sprechen, wesentlich von dem schon bezeichneten Mißbrauch, der in der Verkehrung des Aktes selbst liegt.

Geht man indessen weiter, indem man nämlich den ehe­lichen Akt ausschließlich an jenen Tagen zuläßt, dann muß das Verhalten der Eheleute genauer geprüft werden. Hier stellen sich Unserer Erwägung wiederum zwei Voraussetzungen. Wenn schon beim Abschluß der Ehe wenigstens einer der Gatten die Absicht gehabt hätte, das Gatten-Recht, also nicht nur seinen Gebrauch, selbst auf die Zeiten der Unfruchtbarkeit zu beschränken, derart, daß an den anderen Tagen der andere Eheteil nicht einmal das Recht hätte, den Akt zu verlangen, so würde dies einen wesentlichen Mangel des Ehewillens in sich begreifen, einen Mangel, der die Ungültigkeit der Ehe selbst zur Folge hätte; denn das aus dem Ehevertrag sich herleitende Recht ist ein dauerndes, ununterbrochenes, nicht aussetzendes Recht eines jeden der Gatten dem anderen gegenüber. Wenn hingegen die Beschränkung des Aktes auf die Tage der natürlichen Unfruchtbarkeit nicht das Recht selbst trifft, sondern nur den Gebrauch des Rechtes, so bleibt die Gültigkeit der Ehe unbestritten; immerhin wäre die sittliche Erlaubtheit solchen Verhaltens der Ehegatten zu bejahen oder zu verneinen, je nachdem die Absicht, ständig sich an jene Zeiten zu halten, auf ausreichenden und zuverlässigen sittlichen Gründen beruht oder nicht. Die Tatsache allein, daß die Gatten sich nicht gegen die Natur des Aktes verfehlen und auch bereit sind, das Kind anzunehmen und aufzuziehen, das trotz ihrer Vorsichtsmaßregeln zur Welt käme, würde für sich allein nicht genügen, die Rechtlichkeit der Absicht und die unbedingte Sittengemäßheit der Beweggründe zu gewährleisten. Der Grund liegt darin, daß die Ehe zu einem Lebensstand verpflichtet, der einerseits bestimmte Rechte verleiht, andererseits aber auch die Ausführung einer positiven, dem Stand selber obliegenden Leistung verlangt. In einem solchen Fall läßt sich der allgemeine Grundsatz anwenden, daß eine positive Leistung unterlassen werden kann, wenn unabhängig vom guten Willen der Verpflichteten schwerwiegende Gründe zeigen, daß jene Leistung unzweckmäßig ist, oder beweisen, daß sie vom Berechtigten — in diesem Fall dem Menschengeschlecht — billigerweise nicht verlangt werden kann.

Der Ehevertrag, der den Brautleuten das Recht verleiht, dem Naturtrieb Genüge zu tun, versetzt sie in einen Lebensstand, den Ehestand. Den Gatten nun, die mit dem ihrem Stand eigentümlichen Akt von jenem Recht Gebrauch machen, legen die Natur und der Schöpfer die Aufgabe auf, für die Erhaltung des Menschengeschlechts Sorge zu tragen. Das ist die eigenartige Leistung, die den eigentlichen Wert, die Bedeutung ihres Standes ausmacht, das bonum prolis — das Gut der Nachkommenschaft. Der einzelne und die Gesellschaft, das Volk und der Staat, ja selbst die Kirche hängen nach der von Gott gesetzten Ordnung für ihre Existenz von der fruchtbaren Ehe ab. Daraus folgt: den Ehestand ergreifen, ständig die ihm eignende und nur ihm erlaubterweise zu tätigende Fähigkeit nutzen, und andererseits sich immer und absichtlich ohne schwerwiegenden Grund seiner hauptsächlichen Pflicht entziehen, hieße gegen den Sinn des Ehelebens selbst sich verfehlen.

Von dieser pflichtmäßigen positiven Leistung können nun ernste Beweggründe, auch auf lange Zeit, ja für die Dauer der Ehe, entpflichten, wie solche nicht selten bei der sogenannten medizinischen, eugenischen, wirtschaftlichen und sozialen Indikation vorliegen. Daraus folgt, daß die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten sittlich erlaubt sein kann; und unter den erwähnten Bedingungen ist sie es tatsächlich. Wenn dagegen nach vernünftigem und billigem Urteil derartige persönliche oder aus den äußeren Verhältnissen sich herleitende gewichtige Gründe nicht vorliegen, so kann der Wille der Gatten, gewohnheitsmäßig der Fruchtbarkeit ihrer Vereinigung aus dem Wege zu gehen, während sie fortfahren, die volle Befriedigung ihres Naturtriebs in Anspruch zu nehmen, nur von einer falschen Wertung des Lebens und von Beweggründen kommen, die außerhalb der richtigen ethischen Maßstäbe liegen.

Nun werdet ihr dazu vielleicht bemerken, daß ihr in Ausübung eures Berufs gelegentlich vor sehr heiklen Fällen steht, nämlich Fällen, in denen das Wagnis der Mutterschaft nicht verlangt werden kann, diese im Gegenteil unbedingt zu vermeiden ist, in denen aber andererseits die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten entweder nicht genügend Sicherheit bietet oder aber aus anderen Gründen von ihr abgesehen werden muß. Und da fragt ihr nun, wie dann noch die Rede sein könne von einem Apostolat im Dienst der Mutterschaft.

Wenn nach eurem sicheren und erprobten Urteil die Umstände unbedingt ein ‚Nein‘ erfordern, also den Ausschluß der Mutterschaft, so wäre es ein Irrtum und ein Unrecht, ein ,Ja‘ aufzuerlegen oder anzuraten. Es handelt sich hier in Wahrheit nicht um eine theologische, sondern um eine medizinische Frage; sie liegt also innerhalb eurer Zuständigkeit. Indes erfragen die Eheleute in solchen Fällen von euch keine ärztliche, notwendigerweise verneinende Antwort, sondern die Billigung einer ‚Technik‘ der ehelichen Betätigung, die gegen das Wagnis der Mutterschaft gesichert wäre. Damit seid ihr also schon wieder gerufen, euer Apostolat auszuüben, insofern ihr keinen Zweifel lassen werdet, daß auch in diesen äußersten Fällen jede Präventiv-Maßnahme und jeder direkte, unmittelbare Eingriff in das Leben oder die Entwicklung des Keimes im Gewissen verboten und ausgeschlossen ist, und daß nur ein Weg offen bleibt, nämlich die Enthaltung von jeglicher Vollbetätigung der Naturanlage. Hier ver-pflichtet euch euer Apostolat zu einem klaren und sicheren Urteil und zu ruhiger Festigkeit.

Indes wird man einwenden, daß solche Enthaltsamkeit unmöglich, daß solcher Heroismus nicht durchführbar ist. Diesen Einwand werdet ihr heute überall hören und lesen von seiten derer, die nach Pflicht und Zuständigkeit in der Lage sein sollten, ganz anders zu urteilen. Zur Rechtfertigung wird folgender Beweis vorgebracht: niemand ist zu Unmöglichkeiten verpflichtet, und man kann von keinem vernünftigen Gesetzgeber voraussetzen, daß er mit seinem Gesetz auch zu Unmöglichem verpflichten wolle. Für die Eheleute ist jedoch die Enthaltung auf lange Dauer unmöglich. Sie sind also nicht verpflichtet zur Enthaltsamkeit. Das göttliche Gesetz kann diesen Sinn nicht haben. Hier wird aus teilweise richtigen Vordersätzen eine falsche Schlußfolgerung gezogen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, den Beweis umzukehren! Gott verpflichtet nicht zu Unmöglichem. Nun aber verpflichtet Gott die Ehegatten zur Enthaltsamkeit, wenn ihre Vereinigung nicht naturgemäß vollziehbar ist. Also ist in diesen Fällen Enthaltsamkeit möglich. Wir haben zur Bestätigung dieser Beweisführung die Lehre des Konzils von Trient, das in dem Kapitel über die notwendige und mögliche Beobachtung der Gebote, auf eine Stelle des heiligen Augustinus zurückgreifend, lehrt: ‚Gott befiehlt nichts Unmögliches, er ermahnt vielmehr, während er befiehlt, zu tun, was du kannst, und um das zu bitten, was du nicht kannst, und er hilft, daß du kannst.‘ (Conc. Trid. sess. 6 cap. 11; Denzinger n. 804. — S. August., De natura et gratia cap. 43 n. 50; Migne P. L. vol. 44 col. 271).

Laßt euch also in eurer Berufspraxis und in eurem Apostolat von diesem aufdringlichen ,Unmöglichkeitsgerede‘ nicht verwirren, weder in eurem inneren Urteil noch in eurem äußeren Verhalten. Gebt euch nie her für irgendetwas, das gegen das Gesetz Gottes und euer christliches Gewissen verstößt. Es hieße, den Männern und Frauen unserer Zeit ein Unrecht antun, wenn man sie eines fortgesetzten Heroismus für unfähig hielte. Heute wird aus so vielen Gründen — vielleicht unter dem Zwang der harten Not, manchmal auch im Dienst des Unrechts — Heroismus in einem Grad und Ausmaß geübt, wie man es in vergangenen Zeiten für unmöglich gehalten hätte. Wenn also die Umstände dieses Heldentum wirklich verlangen, warum sollte es dann haltmachen an den Grenzen der Leidenschaften und Naturtriebe? Das ist klar: wer sich nicht beherrschen will, wird es auch nicht können; und wer glaubt, sich beherrschen zu können, dabei aber nur auf die eigene Kraft zählt, ohne aufrichtig und beharrlich die göttliche Hilfe zu suchen, wird elendiglich enttäuscht werden.

Dies zu eurem Apostolat, das bezwecken soll, die Ehegatten für den Dienst der Mutterschaft zu gewinnen, nicht im Sinn einer blinden Knechtschaft unter dem Drang der Natur, sondern im Sinn eines nach den Grundsätzen der Vernunft und des Glaubens geregelten Handhabung der ehelichen Rechte und Pflichten. Die ,Persönlichkeitswerte‘ und die Notwendigkeit sie zu achten — dieser Gegenstand beschäftigt seit zwei Jahrzehnten immer mehr das Schrifttum. In vielen seiner Erzeugnisse ist auch dem spezifischen sexuellen Akt ein eigener Platz angewiesen, um ihn in den Dienst der Persönlichkeit der Gatten zu stellen. Der eigentliche und tiefste Sinn der Ausübung des Gattenrechtes sollte darin liegen, daß die körperliche Verbindung der Ausdruck und die Bestätigung der persönlichen und affektiven Vereinigung ist. Artikel, Kapitel, ganze Bücher, Konferenzen, besonders auch über die ,Technik der Liebe‘, dienen der Verbreitung dieser Ideen, ihrer Beleuchtung mit Ratschlägen an die Brautleute, als Führer in der Ehe, damit sie nicht aus Torheit oder mißverstandener Scham oder unbegründeter Ängstlichkeit das vernachlässigen, was Gott, der Schöpfer auch der natürlichen Neigung, ihnen anbietet. Wenn aus diesem völligen gegenseitigen Sichschenken der Gatten ein neues Leben entsprießt, so ist das ein Ergebnis, das außerhalb oder höchstens am Rand der ,persönlichen Werte‘ bleibt; ein Ergebnis, das nicht verleugnet wird, das man aber nicht im Mittelpunkt der Gattenbeziehungen wissen will.

Nach diesen Theorien hätte eure Hingabe zum besten des noch im Mutterschoß verborgenen Lebens und seiner glücklichen Geburt nur eine untergeordnete Bedeutung und rückte in die zweite Linie. Wenn nun diese relative Abschätzung weiter nichts täte, als daß sie den Ton mehr auf den Wert der Persönlichkeit der Gatten legte als auf den des Kindes, so könnte man, streng genommen, diese Frage auf sich beruhen lassen. Hier handelt es sich indes um eine schwerwiegende Verkehrung der Wertordnung und der vom Schöpfer selbst gesetzten Zwecke. Wir finden uns gegenüber der Verbreitung eines Komplexes von Gedanken und Gefühlen, die der Klarheit, der Tiefe, dem Ernst des christlichen Denkens direkt entgegengesetzt sind. Da muß nun euer Apostolat von neuem einsetzen. Es kann ja auch geschehen, daß ihr von Mutter und Gattin ins Vertrauen gezogen und befragt werdet über die geheimen Wünsche und Intimitäten des Ehelebens. Wie könntet ihr dann aber, im Bewußtsein eurer Sendung, der Wahr­heit und der rechten Ordnung in der Bewertung und dem Tun der Gatten Geltung verschaffen, hättet ihr nicht selbst davon genaue Kenntnis und wäret ihr nicht ausgerüstet mit der Charakterfestigkeit, die nötig ist, um aufrecht zu erhalten, was ihr als wahr und gerecht erkennt?

Wahr ist nun aber, daß die Ehe als Natureinrichtung nach dem Willen des Schöpfers zum ersten und innersten Zweck nicht die persönliche Vervollkommnung der Gatten hat, sondern die Weckung und Aufzucht neuen Lebens. So sehr auch die anderen Zwecke von der Natur gewollt sind, so stehen sie doch nicht auf dem gleichen Höhegrad wie der erste, und noch weniger sind sie ihm übergeordnet. Das gilt für jede Ehe, auch wenn sie unfruchtbar ist; wie man von jedem Auge sagen kann, daß es bestimmt und geformt ist zum Sehen, auch wenn es in anormalen Fällen infolge besonderer innerer und äußerer Umstände nie in der Lage sein wird, zum Sehakt zu führen.

Gerade um Schluß zu machen mit allen Unsicherheiten und Entgleisungen, die über die Stufenleiter der Ehezwecke und ihre gegenseitigen Beziehungen Irrtümer zu verbreiten drohten, verfaßten Wir selbst vor einigen Jahren (10. März 1944) eine Erklärung über die Ord­nung jener Zwecke und gaben als solche das an, was die innere Struktur der Naturanlage selbst kundgibt, was Erb­gut der christlichen Überlieferung ist, was die Päpste zu wiederholten Malen gelehrt haben, was dann in geeigneter Form vom kirchlichen Gesetzbuch (Can. 1013, § 1) fest­gelegt worden ist. Ja, zur Rechtfertigung der entgegen­stehenden Auffassungen verkündete kurz hernach der Heilige Stuhl in einem öffentlichen Dekret als unzulässig die Meinung einiger Autoren, die leugneten, daß der erste Ehezweck die Weckung und Aufzucht der Nachkommenschaft sei, oder lehren, daß die zweitrangigen Zwecke dem ersten Zwecke nicht wesentlich untergeordnet, sondern ihm gleichgestellt und von ihm unabhängig seien (S. C. Off., 1. April 1944. — A. A. S. 36, 1944, p. 103). Soll damit vielleicht verneint oder verkleinert werden, was an Gutem und Berechtigtem in den aus der Ehe und ihrer Betätigung sich ergebenden ‚Persönlichkeitswerten‘ enthalten ist? Sicherlich nein! Denn zur Weckung neuen Lebens hat der Schöpfer in der Ehe Menschenwesen bestimmt, gebildet aus Fleisch und Blut, mit Geist und Herz begabt, und sie sind berufen, als Menschen und nicht wie vernunftlose Sinnenwesen Urheber ihrer Nachkommenschaft zu sein. Zu dem Zweck will Gott die Vereinigung der Gatten…

Nicht allein das gemeinsame äußere Tun, auch die ganze Persönlichkeitsbereicherung, auch der geistige und seelische Reichtum, ja sogar all das Höchste und Tiefste am Seelischen in der Gattenliebe als solcher ist nach dem Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der Nachkommenschaft gestellt worden. Aus der Natur der Sache heraus bedeutet das vollkommene Eheleben auch die völlige Hingabe der Eltern an das Wohl der Kinder, und die Gattenliebe selbst in ihrer Stärke und ihrer Zartheit ist eine Forderung der vollen Sorge um das Kind und die Gewähr ihrer Verwirklichung (vgl. S. Th. III. q. 29 a. 2 in c; Suppl. q. 49 a. 2 ad 1) .

Alle die zweitrangigen Werte auf dem Gebiet und in der Betätigung der Zeugungskraft münden ein in den Bereich der den Ehegatten eigentümlichen Aufgabe, Urheber und Erzieher neuen Lebens zu sein. Eine hohe und edle Aufgabe, die jedoch nicht zum Wesen des vollkommenen Menschseins gehört, als ob es in irgendeiner Weise oder irgendeinem Grad eine Herabminderung der menschlichen Persönlichkeit bedeutete, wenn der natürliche Fortpflanzungstrieb nicht zur Betätigung käme. Der Verzicht auf jene Betätigung — besonders wenn er aus edelsten Beweggründen geschieht — ist keine Verstümmelung der persönlichen seelischen Werte. Von jenem freiwilligen Verzicht aus Liebe zum Reich Gottes hat der Herr gesagt: ,Non omnes capiunt verbum istud, sed quibus datum est. — Nicht alle erfassen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist.‘ (Matth 19, 11).
Die Zeugungsfunktion, auch in ihrer rechten und sittlichen Form des Ehelebens, im Übermaß verherrlichen, wie es heute nicht selten geschieht, ist deshalb nicht nur ein Irrtum und eine Verirrung; diese birgt in sich auch die Gefahr einer Verstandes- und Gefühlsentgleisung, die geeignet ist, gute und hehre Gesinnungen zu verhindern oder zu ersticken, besonders in der noch unerfahrenen, mit den Enttäuschungen des Lebens noch nicht vertrauten Jugend, denn welcher normale, an Leib und Seele gesunde Mensch möchte schließlich zu der Zahl der an Charakter und innerem Gehalt Minderwertigen gehören?

Möge es eurem Apostolat da, wo ihr euren Beruf ausübt, vergönnt sein, hier aufklärend zu wirken und die richtige Wertordnung einzuprägen, damit die Menschen ihr Urteil und Verhalten derselben angleichen! Unsere Darlegung über die Aufgabe eures Berufsapostolats wäre trotzdem unvollständig, wenn Wir nicht noch ein kurzes Wort anfügten über den Schutz der Menschenwürde bei der Betätigung des Zeugungstriebes.

Derselbe Schöpfer, der in seiner Güte und Weisheit für die Erhaltung und Fortpflanzung des Menschengeschlechtes sich der Mitwirkung von Mann und Frau bedienen wollte und sie deshalb in der Ehe vereinte, hat auch angeordnet, daß die Gatten in jener Betätigung Freude und Glück an Leib und Seele innewerden. Wenn deshalb die Gatten diese Freude suchen und kosten, tun sie nichts Böses. Sie nehmen entgegen, was der Schöpfer ihnen bestimmt hat. Nichtsdestoweniger müssen auch hier die Eheleute es verstehen, in den Grenzen des rechten Maßhaltens zu bleiben. Wie beim Genuß von Speise und Trank, sollen sie sich auch beim sexuellen Genuß nicht zügellos dem sinnlichen Drang überlassen! Der rechte Maßstab ist folgender: Der Gebrauch der natürlichen Fortpflanzungsanlage ist sittlich erlaubt nur in der Ehe, im Dienst und nach der Ordnung der Zwecke der Ehe selbst. Daraus folgt, daß auch nur in der Ehe und unter Beobachtung dieser Regel das Verlangen und der Genuß jener Freude und Befriedigung zulässig sind. Denn das Genießen untersteht dem Gesetz des Tuns, aus dem es stammt, und nicht umgekehrt das Tun dem des Genießens. Und dieses vernünftige Gesetz betrifft nicht nur die Substanz, sondern auch die Umstände des Tuns, so daß man auch bei Wahrung der Substanz des Aktes sich verfehlen kann in der Art seiner Ausführung.

Die Übertretung dieser Norm ist so alt wie die Erbsünde. In unserer Zeit läuft man jedoch Gefahr, das Grundgesetz selbst aus dem Auge zu verlieren. Gegenwärtig pflegt man tatsächlich in Wort und Schrift (auch von seiten mancher Katholiken) die notwendige Eigengesetzlichkeit, den Selbstzweck und Eigenwert des Geschlechtlichen und seiner Betätigung zu behaupten, unabhängig vom Ziel der Weckung neuen Lebens. Man möchte die von Gott selbst getroffene Ordnung einer Überprüfung und Neuregelung unterziehen. Man möchte bezüglich der Art, wie der Instinkt befriedigt werden soll, keine andere Beschränkung zulassen als die Innehaltung des Wesens der Instinkthandlung. Damit träte an die Stelle der sittlichen Pflicht der Beherrschung der Leidenschaften die Freiheit, blind und zügellos den Launen und dem Drang der Natur sich zu fügen, was über kurz oder lang nur zum Schaden der Sittlichkeit, des Gewissens und der menschlichen Würde sich auswirken kann.

Wenn die Natur ausschließlich oder wenigstens in erster Linie ein gegenseitiges Sichschenken und Besitzen der Gatten in Freud und Lust angestrebt hätte, und wenn sie jene Handlung angeordnet hätte, nur um ihre persönliche Erfahrung im höchstmöglichen Grad glückvoll zu gestalten, und nicht, um sie zum Dienst am neuen Leben anzutreiben, dann hätte der Schöpfer in der ganzen Einrichtung des Naturaktes einen anderen Plan zur Anwendung gebracht. Nun aber ist im Gegenteil das alles unter- und eingeordnet jenem einen und großen Gesetz der ,generatio et educatio prolis` — ,Weckung und Erziehung von Nachkommenschaft‘, das heißt der Verwirklichung des ersten Zwecks der Ehe als Ursprung und Quelle des Lebens.

Leider überspülen unaufhörlich Sturzwellen von Hedonismus (,Lust`) die Welt und drohen in der wachsenden Flut der Vorstellungen, Wünsche und Handlungen, das ganze Eheleben in die Tiefe zu ziehen, nicht ohne ernste Gefahren und schweren Nachteil für die Hauptaufgabe der Ehegatten.

Allzuoft scheut man sich nicht, diesen antichristlichen Hedonismus zur Lehre zu erheben, indem man aufdringlich das Verlangen erweckt, in der Vorbereitung und in der Tätigung der ehelichen Verbindung den Genuß immer intensiver zu gestalten; als ob in den ehelichen Beziehungen das Sittengesetz sich auf den ordnungsmäßigen Vollzug des Aktes beschränkte und alles übrige, mag es getätigt werden wie es will, gerechtfertigt würde vom gegen
seitigen Liebesaustausch, geheiligt durch das Sakrament der Ehe, verdienstlich an Lob und Lohn vor Gott und dem Gewissen. Um die Würde des Menschen und die Würde des Christen, die dem Übermaß der Sinnlichkeit einen Zügel anlegen, kümmert man sich nicht.

Nein, der Ernst und die Heiligkeit des christlichen Sittengesetzes erlauben keine zügellose Befriedigung des sexuellen Triebes, um so nur auf Lust und Genuß auszugehen; jenes Gesetz erlaubt es vernunftbegabten Menschen nicht, sich in solchem Ausmaß unterjochen zu lassen, weder was das Wesen noch was die Umstände der Handlung angeht.

Der eine oder andere möchte vielleicht ins Feld führen, daß das Glück in der Ehe dem Genuß der ehelichen Beziehungen ganz parallel laufe. Nein: das Glück in der Ehe entspricht vielmehr genau der Achtung der Gatten voreinander, auch in ihren intimsten Beziehungen; nicht als ob sie als unsittlich verurteilten oder ablehnten, was die Natur darbietet und der Schöpfer geschenkt hat; sondern weil diese Rücksichtnahme und die mit ihr gegebene gegenseitige Hochschätzung eines der wirksamsten Mittel einer reinen und eben dadurch umso zarteren Liebe wird.

Widersetzt euch in eurer Berufstätigkeit, so viel wie euch möglich, dem Ansturm dieses ausgeklügelten Hedonismus, der ohne seelische Werte und deshalb christlicher Eheleute unwürdig ist! Zeigt, daß die Natur ganz gewiß das instinktive Verlangen nach Genuß gegeben hat und es in der gültigen Ehe billigt, aber nicht als Zweck in sich selbst, vielmehr letztlich für den Dienst am Leben! Verbannt aus eurem Innern jenen Kult des Genusses und tut euer Bestes, um die Verbreitung einer Literatur zu verhindern, die meint, die Vertraulichkeiten des Ehelebens bis in alle Einzelheiten beschreiben zu sollen, unter dem Vorwand aufzuklären, anzuleiten und zu beruhigen! Um die zarten Gewissen der Eheleute zu beruhigen, genügen im allgemeinen der gesunde Menschenverstand, der natürliche Instinkt und eine kurze Unterweisung über die klaren und einfachen Grundsätze des christlichen Sittengebotes. Wenn aber einmal unter besonderen Umständen eine Braut oder junge Gattin ausführlichere Anweisungen über irgendeinen Einzelpunkt benötigt, so ist es an euch, ihnen taktvoll und mit entsprechendem Zartgefühl eine dem Naturgesetz und dem gesunden christlichen Gewissen entsprechende Aufklärung zu geben. Unsere Unterweisung hier hat nichts zu tun mit Manichäismus oder Jansenismus, wie manche glauben machen wollen, um sich selbst zu rechtfertigen. Sie ist nur eine Ehrenrettung der christlichen Ehe und der Persönlichkeitswürde der Ehegatten.

Diesem Zweck zu dienen ist besonders in unseren Tagen eine drängende Pflicht eurer Berufssendung…“5

5 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 835 SS. – Hd. VI, 112 ff.

Mit dieser Rede vor den Hebammen Italiens hat Pius XII. bewußt und unerschrocken das tiefste und gefährlichste sittliche Übel unserer Zeit aufgedeckt. Daß der Widerhall in der ganzen Welt laut und widerspruchsvoll sein würde, das mußte ihm vorher klar sein. Und dennoch ging der Papst ruhig und sachlich an das Problem heran, ging von der Natur und dem göttlichen Gebot aus und entwickelte daraus folgerichtig den Standpunkt der Kirche. Durch die immer mehr in Gebrauch gekommene Theorie der unfruchtbaren Zeiten von Knaus-Ogino erklärt sich sein Eingehen auf dieses Problem. Auch darin bleibt keine Frage offen. Der Papst erwägt die Möglichkeit der Anwendung der Theorie in allen nur denkbaren Fällen und spricht dementsprechend sein „licet“ oder „non licet“. Die sich immer mehr ausbreitende Ansicht, daß der eheliche Akt in erster Linie der persönlichen Vervollkommnung der Ehegatten diene, war unter seinem Pontifikat bereits durch das Dekret des heiligen Offiziums abgelehnt und dahin berichtigt worden, daß die Zeugung und Erziehung der Kinder der primäre Zweck der Ehe sei. Aber wie stark die Reaktion auf die „Hebammen-Rede“ tatsächlich wurde, das war wegen ihrer aggressiven, oft unvornehmen Kampfesart dennoch überraschend. „Despotismus“, „gefühllos“, „Intoleranz“, ja „grausam“ und „unmenschlich“, um von weniger taktvollen Worten ganz abzusehen, das waren die wenig sachlichen Antworten aus aller Welt. In England war die Aufregung besonders stark, wo man wegen der Frage, ob nun die katholischen Ärzte und Hebammen das Leben des Kindes in den fraglichen Fällen dem der Mutter vorziehen würden, zu böswilligen Angriffen überging.

Papst Pius XII. ergriff darum am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Kongresses „Front der Familie‘ empfing, die Gelegenheit, sich nochmals zu dem Thema der Ehe und Nachkommenschaft zu äußern, um in seiner gütigen, ruhigen Art den Mißverständnissen entgegenzutreten, um zu helfen, soweit die katholische Lehre das zuläßt. Die Gedankengänge des ersten Teiles dieser Ansprache betreffen die Nöte, die wir bereits in dem Kapitel über die Familie wiedergaben. Im zweiten Teil kommt Pius XII. dann auf die Ehemoral zu sprechen:

„Noch ein anderes Übel bedroht die Familie, freilich nicht erst seit gestern, sondern schon seit langer Zeit. Dieses Übel wächst jedoch zur Zeit zusehends und kann der Familie zum Verhängnis werden, weil es ihre Wurzel angreift. Wir meinen die Erschütterung der Ehemoral in ihrer ganzen Ausdehnung. Wir haben im Lauf der letzten Jahre jede Gelegenheit wahrgenommen, um den einen oder anderen wesentlichen Punkt der Ehemoral aufzuzeigen, und erst kürzlich legten Wir sie in ihrem großen Zusammenhang dar. Wir haben nicht nur die Irrtümer zurückgewiesen, die sie untergraben, sondern hellten auch positiv den Sinn der Ehemoral auf, ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, ihren Wert für das Glück der Ehegatten, der Kinder und der ganzen Familie, für den Bestand und die Forderung des sozialen Wohles vom häuslichen Herd bis zu Staat und Kirche.

Im Mittelpunkt dieser Lehre wurde die Ehe als eine Einrichtung im Dienste des Lebens hervorgehoben. In enger Anlehnung an diese Grundlage haben Wir im Sinne der steten Lehre der Kirche einen Satz herausgestellt, der eine der wesentlichen Grundlagen nicht nur der Ehemoral, sondern überhaupt der Sozialethik im allgemeinen ist, daß nämlich der direkte Angriff auf schuldloses menschliches Leben als Mittel zum Zweck — im vorliegenden Fall zum Zweck der Erhaltung eines anderen Lebens — unerlaubt ist. Das schuldlose menschliche Leben, ganz gleich in welchem Zustand es sich befindet, ist vom ersten Augenblick seiner Existenz an jedem direkten absichtlichen Angriff entzogen.

Dies ist ein Fundamentalrecht der menschlichen Persön­lichkeit und nach christlicher Lebensauffassung von allgemeiner Gültigkeit; ebenso gültig für das Leben, das noch verborgen im Mutterschoß ruht, wie für das schon zur Welt gekommene Leben; ebenso gültig gegen die direkte Abtreibung wie gegen die direkte Tötung des Kindes vor, während und nach der Geburt. Wie begründet auch die Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Entwick­lungsmomenten des geborenen oder noch nicht geborenen Lebens sein mag im profanen wie im kirchlichen Recht und für gewisse bürgerliche und strafrechtliche Folgen — nach dem Sittengesetz handelt es sich in all diesen Fällen um ein schweres und unerlaubtes Attentat auf das unverletzte menschliche Leben.

Dieser Grundsatz gilt ebenso für das Leben des Kindes wie für das Leben der Mutter. Niemals und in keinem Fall hat die Kirche gelehrt, daß das Leben des Kindes jenem der Mutter vorzuziehen sei. Es ist irrig, die Frage mit dieser Alternative zu stellen: entweder das Leben des Kindes oder das Leben der Mutter. Nein! Weder das Leben der Mutter noch das Leben des Kindes dürfen einem Akt direkter Vernichtung unterzogen werden. Für den einen wie für den anderen Teil kann nur die eine Forde­rung bestehen: alles aufzubieten, das Leben beider zu retten, der Mutter und des Kindes (vgl. Pius‘ XI. Enzyklika ,Casti connubii‚, 31. Dezember 1930. ­A. A. S., 22, p. 562-563). Es ist eine der schönsten und edelsten Bestrebungen der Medizin, immer neue Wege zu suchen, um das Leben beider sicherzustellen. Wenn aber trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch Fälle übrig bleiben, jetzt und auch in Zukunft, in denen man mit dem Tode der Mutter rechnen muß, wenn diese die Geburt des Lebens, das sie in sich trägt, zu Ende führen und es nicht unter Verletzung des Gebotes Gottes: Du sollst nicht töten! zerstören will, so bleibt dem Menschen, der sich bis zum letzten mühen wird, zu helfen und zu retten, nichts übrig, als sich in Ehrfurcht vor den Gesetzen der Natur und dem Walten der göttlichen Vorsehung zu beugen.

Aber — so wendet man ein — das Leben der Mutter und insbesondere der Mutter einer kinderreichen Familie, ist ein unvergleichlich höherer Wert als das eines noch nicht geborenen Kindes. Die Anwendung der Güterabwägungstheorie auf den Fall, der uns gegenwärtig beschäftigt, hat schon in juristischen Erörterungen Aufnahme gefunden. Die Antwort auf diesen viele bedrückenden Einwand ist nicht schwer. Die Unverletzlichkeit des keimenden Lebens eines Schuldlosen hängt nicht von seinem größeren oder geringeren Wert ab. Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Kirche die Tötung des als ‚wertlos‘ erachteten Lebens in aller Form verurteilt. Wer die traurigen Ereignisse kennt, die diese Verurteilung hervorriefen, wer die verhängnisschweren Folgen zu erwägen weiß, zu denen man gelangen würde, wollte man die Unantastbarkeit schuldlosen Lebens nach seinem Wert bemessen, der weiß sehr wohl die Beweggründe zu schätzen, die zu jenem Entscheid geführt haben.

Wer kann übrigens beurteilen, welches von den beiden Leben das kostbarere ist? Wer kann wissen, welchen Weg jenes Kind gehen wird, zu welcher Höhe der Leistung und der Vollkommenheit es gelangen wird? Hier werden zwei Größen miteinander verglichen, von denen man die eine gar nicht kennt. Wir möchten hier ein Beispiel anführen, das vielleicht einigen von euch schon bekannt ist, das aber deswegen nichts von seinem eindrucksvollen Wert einbüßt. Es geht auf das Jahr 1905 zurück. Da lebte eine junge Frau adeliger Abstammung, noch adeliger jedoch von Gesinnung. Sie war schwächlicher Konstitution und von zarter Gesundheit. Als Mädchen hatte sie eine kleine Rippenfellentzündung gehabt, die jedoch geheilt zu sein schien. Als sie sich glücklich verheiratet hatte und fühlte, wie sich in ihrem Schoß neues Leben regte, mußte sie sehr bald feststellen, wie ein eigenartiges Übel ihre Gesundheit untergrub, das die beiden tüchtigen Ärzte, die mit liebender Sorge ihre Gesundheit überwachten, sehr beunruhigte. Die frühere Rippenfellerkrankung mit ihrem schon ausgeheilten Infektionsherd war wieder aufge­brochen. Nach Meinung der Ärzte war keine Zeit zu verlieren; das einzige Mittel, die zarte Frau zu retten, bestand darin, ohne Aufschub die medizinische Abtreibung einzuleiten. Auch der Gemahl begriff seinerseits die Schwere des Falles und gab sein Einverständnis zum pein­lichen Eingriff. Als jedoch der behandelnde Gynäkologe ihr sehr taktvoll die Entscheidung der Ärzte mitteilte und ihr nahelegte, derselben beizupflichten, antwortete sie fest und entschieden: ,Ich danke Ihnen für Ihre teilnehmenden Ratschläge; ich kann jedoch nicht das keimende Leben meines Kindes töten! Ich kann und kann es nicht! Ich spüre schon einen Herzschlag in meinem Schoß. Das Kind hat das Recht zum Leben; von Gott kommt es, und es muß Gott kennenlernen, um ihn zu lieben und in ihm glücklich zu werden.‘ Auch der Gemahl bat und flehte sie an; sie blieb unbeugsam und erwartete ruhig den Ausgang. Ein Mädchen kam gesund zur Welt; sofort nach der Geburt verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Mutter. Der Infektionsherd in der Lunge erweiterte sich; der Verfall des Organismus schritt voran. Zwei Monate später lag sie im Sterben; sie sah noch einmal die Kleine, die gesund bei einer kräftigen Amme heranwuchs; die Lippen bewegten sich noch einmal zu seligem Lächeln, dann starb sie friedlich. Viele Jahre gingen dahin. Man konnte in einem Schwesternheim eine junge Ordensfrau sehen, die ganz der Pflege und Erziehung verlassener Kinder hingegeben war und sich mit Augen voll mütter­licher Liebe über die kleinen Kranken neigte, wie wenn sie ihnen Leben schenken wollte. Das war sie, das Kind des Opfers, die jetzt mit ihrem edlen Herzen so viel Gutes wirkte unter der verlassenen Jugend. Der unerschrockene Heroismus der Mutter ist wahrlich nicht umsonst gewesen! (Vgl. Andreas Majocchi, Tra bistori e forbici, 1940, S. 21 ff.) Wir fragen jedoch: Ist denn das christliche, ja, auch nur das menschliche Empfinden schon so sehr geschwunden, daß kein Verständnis mehr da ist für das wunderbare Opfer der Mutter und für die sichtbare Führung der göttlichen Vorsehung, die aus diesem Opfer eine so edle Frucht hervorwachsen ließ?

Wir haben absichtlich immer den Ausdruck gebraucht ,direkter Angriff auf das Leben eines Schuldlosen‘, ,direkte Tötung‘. Denn wenn zum Beispiel die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des Kindes im Mutterleib zur Folge hätte, könnte man einen solchen Eingriff nicht als einen unmittelbaren Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe — immer vorausgesetzt, daß ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, daß der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist.

Da also die erste Aufgabe der Ehe im Dienst am Leben besteht, gilt Unser besonderes Wohlgefallen und Unser väterlicher Dank jenen Ehegatten, die aus Liebe zu Gott und im Vertrauen auf ihn mutig eine zahlreiche Familie gründen und aufziehen. Andererseits fühlt die Kirche Teilnahme und Verständnis für die wirklichen Schwierigkeiten des Ehelebens in unserer heutigen Zeit. Deswegen haben Wir in Unserer letzten Ansprache über die Ehemoral die Berechtigung und zugleich die tatsächlich weit gesteckten Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft herausgestellt, die — im Gegensatz zur sogenannten ‚Geburtenkontrolle‘ — mit dem Gesetz Gottes vereinbar ist. Man kann sogar hoffen — doch überläßt hier die Kirche das Urteil natürlich der medizinischen Wissenschaft —, daß es gelingt, diesem erlaubten Verhalten eine genügend sichere Grundlage zu geben, und die neuesten Berichte scheinen eine solche Hoffnung zu bestätigen. Im übrigen helfen zur Überwindung der viel­fachen Prüfungen des ehelichen Lebens vor allem ein lebendiger Glaube und regelmäßiger Empfang der heili­gen Sakramente. Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können. Und mit diesem Hinweis auf die höheren übernatürlichen Kraftquellen möchten Wir schließen. Auch euch, geliebte Söhne und Töchter, könnte es eines Tages geschehen, daß ihr euren Mut wanken fühlt unter dem wuchtigen Sturm, der um euch oder, noch viel gefährlicher, innerhalb der Familie ausgebrochen ist, durch die Lehren nämlich, welche die gesunde und normale Auffassung der christlichen Ehe zu unterhöhlen drohen. Habt Vertrauen! Die Kräfte der Natur, vor allem aber jene der Gnade, die der Herrgott im Sakrament der Ehe in eure Seelen gesenkt hat, sind wie ein starker Fels, an dem die brandenden Wogen des stürmischen Meeres sich brechen. Und wenn Katastrophen wie Krieg und Nachkrieg der Ehe und Familie Wunden geschlagen haben, die auch heute noch bluten, so haben doch gerade in jenen Jahren die Treue und Standhaftig­keit der Ehegatten und die bis zu unvorstellbaren Opfern bereite Mutterliebe in ungezählten Fällen wahre und leuch­tende Triumphe davongetragen.“6

6 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 855 ss. — Hd. VI, 170 ff.

Das war die Antwort des Papstes auf die vielfäl­tigen Anschuldigungen, ja Beschimpfungen auf seine Sep­tember-Rede hin. Kein Pochen auf seine päpstliche Auto­rität, keine zurückweisende Schärfe — statt dessen die Güte eines Vaters, der seinen Kindern zeigt, daß er um ihre Schwierigkeiten weiß und mit ihnen leidet. ,,Fortiter in re, suaviter in modo“ macht er ihnen verständlich, daß er ihnen in der Sache nicht nachgeben darf; väterlich be­lehrend zeigt er an einem Beispiel, wie großartig auch die schwerste Frage im Opfer und Gehorsam gegen Gott gelöst werden muß. Er macht ergänzend klar, in welchem Fall bei der Erkrankung einer Mutter ein ärztlicher Eingriff erlaubt ist, und wie weit schon die Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft gesteckt sind; ja, er weist sogar auf die Möglichkeit hin, daß „eine genügend sichere Grundlage“ dafür zu erhoffen ist. Außer der Teilnahme und dem Verständnis der Kirche versichert er die Ehegatten der göttlichen Hilfe in ihren Schwierigkeiten und Prüfungen, wenn sie sich Kraft holen im Empfang der heiligen Sakramente. In der Ansprache vom 21. Oktober 1942 an Neuvermählte zog Pius XII. den Vergleich zwischen dem Ehrenfeld des Mannes, wenn er dem Vaterland sein Leben schenkt, und dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht der Frau mit seinen Gefahren und Leiden. Die Frau muß sich trotz der erschwerten Lage der heutigen Zeit, die ihr in so vielen Fällen kaum Zeit und Besinnlichkeit läßt, ihre Kinder in Ruhe und Geborgenheit zur Welt zu bringen und sich an ihrem ersten Wachstum zu erfreuen, in geradezu heldenhafter Weise bewähren. Wie sehr sie da der Kraft und Gnade durch den Sakramentenempfang bedarf, weiß jede katholische Mutter. Sie versteht darum auch das Wort des Heiligen Vaters: „Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können.“ So mögen jene dann aber auch zu den Papstreden schweigen, in Ehrfurcht schweigen oder doch ehrlich bekennen, daß ihnen darum die „Rede hart“ vorkommt, weil sie ihnen vielfach unbequem ist und die eigene Eheauffassung anklagt. Auch der gläubigen katholischen Frau erscheint oft die Forderung fast unerträglich schwer, besonders wenn sie schon Kinder hat, sich gegebenenfalls opfern zu müssen, um das kommende Kindlein zu retten. Vielleicht darf hier ein solch seltener Fall, der sich wirklich ereignete, eingefügt werden. Eine Dame, die bereits Mutter war, fühlte, daß sie ihr Kind in Querlage, in der gefährlichsten Lage also, trug. Sie wußte, was das wahrscheinlich für sie und das Kind bedeuten konnte, und machte sich Gedanken, was sie als gläubige Katholikin tun müsse; sie entschied sich gegen den Stand-punkt der Kirche. Kurz vor der Geburt trat eine weitere Erschwerung der Lage hinzu. Da der Gatte beruflich abwesend war, mußte der Arzt der Mutter die Schwierigkeit der Geburt klarmachen. Diese hatte inzwischen in sich eine große Wandlung mitgemacht; so ganz allein in ihrer Verantwortung vor Gott und dem kommenden Leben gegenüber, hatte sie es plötzlich als große Selbstverständlichkeit erkannt, daß das Leben des Kindes vorging. Sie verlangte dann auch vom Arzte ausdrücklich, daß er das Kind rette; sich selbst hatte sie aufgegeben. Sie hatte im gegebenen Moment nicht kalte Überlegung, nicht die Selbstsucht, sondern ihr Mutterherz entscheiden lassen. Die mütterliche Natur gibt also der Forderung der katholischen Kirche recht. Dem Herrgott hatte das gehorsame Fiat genügt — die Geburt war schwer, aber die Mutter und ein gesundes Kind wurden gerettet. „Habt Vertrauen!“ Im übrigen machten gerade englische katholische Ärzte in einer sehr positiven Antwort auf die englische Haltung der ersten Papstrede gegenüber unter anderem bekannt: „Mit dem Fortschritt der modernen Medizin kommt ein Fall, bei dem die Mutter geopfert werden müßte, um das Kind zu retten, sehr selten vor.“ (Veröffentlicht in der Lukas-Gilde.)

Die dritte Rede, die Papst Pius XII. zu dem modernen Eheproblem hielt, liegt zeitlich vorher. Vom 26. bis 29. September 1949 fand in Rom der vierte Internationale Kongreß katholischer Ärzte statt. Am 30. September empfing der Papst die Teilnehmer in Audienz und hielt eine Ansprache „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“.

„Der Arzt würde nicht voll und ganz dem Ideal seines Berufes entsprechen, wenn er bei der Anwendung der neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und der medizinischen Kunst in der Praxis nur seine Intelligenz und Geschicklichkeit einsetzen würde und nicht auch — und das betonen Wir besonders — sein menschliches Herz, sein mildtätiges christliches Feingefühl. Er arbeitet nicht in ,anima vili`; er wirkt zweifellos direkt auf die Körper ein, aber auf Körper, die mit einer unsterblichen geistigen Seele belebt sind auf Grund des geheimnisvollen, aber unauflöslichen Bandes zwischen dem Physischen und Geistigen; er wirkt nur dann mit Erfolg auf den Körper ein, wenn er zugleich auf den Geist einwirkt.

Ob er sich nun mit dem Leib oder mit der Gesamtheit des Menschen und seiner Einheit beschäftigt, der christliche Arzt wird sich immer vor der Bezauberung durch die Technik, vor der Versuchung, sein Wissen und seine Kunst zu anderen Zwecken als zur Pflege des ihm anvertrauten Patienten zu benutzen, hüten müssen. Gott sei Dank wird er sich nie gegen eine andere, eine verbrecherische Versuchung zu verteidigen haben, nämlich die, die von Gott im Schoße der Natur verborgenen Wohltaten im Dienste niederer Interessen, beschämender Leidenschaften und unmenschlicher Anschläge zu benutzen. Die natürliche und christliche Moral besitzt überall ihre unabdingbaren Rechte; von diesen und nicht von Erwägungen des Gefühls, der materialistischen und naturalistischen Philanthropie, müssen die wesentlichen Grundsätze der ärztlichen Pflichtenlehre abgeleitet werden: die Würde des menschlichen Körpers, der Vorrang der Seele vor dem Leibe, die Brüderlichkeit aller Menschen, die souveräne Herrschaft Gottes über das menschliche Leben und das Schicksal.

Wir haben schon manchmal Gelegenheit gehabt, eine ganze Anzahl von besonderen Punkten der ärztlichen Moral zu berühren. Doch heute steht eine Frage an erster Stelle, die nicht minder dringend als die anderen das Licht der katholischen Morallehre verlangt, die der künstlichen Befruchtung. Wir können die gegenwärtige Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne kurz in großen Zügen das sittliche Urteil aufzuzeigen, das diesem Gegenstand gegen-über notwendig ist.

1. Die Praxis dieser künstlichen Befruchtung kann, sobald es sich um den Menschen handelt, nicht ausschließlich und nicht einmal in erster Linie vom biologischen und ärztlichen Gesichtspunkt aus unter Nichtachtung der Moral und des Rechtes betrachtet werden.

2. Die künstliche Befruchtung außerhalb der Ehe ist kurz und einfach als unmoralisch zu beurteilen. Das positive natürliche Recht, das göttliche Recht sagen, daß die Zeugung neuen Lebens nur die Frucht der Ehe sein darf. Die Ehe allein garantiert die Würde der Eheleute (im gegenwärtigen Falle vor allem die der Frau) und ihr persönliches Heil. Sie allein sorgt für das Wohl und die Erziehung der Kinder. Folglich ist über die Verurteilung der
künstlichen Befruchtung außerhalb der ehelichen Verbindung keine Meinungsverschiedenheit unter Katholiken möglich. Das unter solchen Bedingungen empfangene Kind wäre eben darum illegitim.

3. Die künstliche Befruchtung in der Ehe, jedoch hervorgerufen durch die aktive Einwirkung eines Dritten, ist ebenfalls unmoralisch und deshalb unwiderruflich abzulehnen.

Nur die Eheleute haben ein gegenseitiges Recht auf ihren Körper, um ein neues Leben zu zeugen, ein ausschließliches und unübertragbares Recht. Das ist auch im Hinblick auf das Kind notwendig. Wer einem kleinen Wesen das Leben schenkt, dem überträgt die Natur auf Grund eben dieses Bandes auch seine Erhaltung und Erziehung. Aber zwischen dem legitimen Gatten und dem Kind, das Frucht der aktiven Mitwirkung eines Dritten (auch mit Zustimmung des Gatten) wäre, besteht kein ursprüngliches Band ehelicher Zeugung.

4. Im Hinblick auf die Erlaubtheit der künstlichen Zeugung in der Ehe möge es Uns im Augenblick genügen, an folgende Grundsätze des natürlichen Rechts zu erinnern: die einfache Tatsache, daß das Ergebnis, auf das man hinzielt, auf diese Weise erreicht wird, rechtfertigt nicht den Gebrauch des Mittels selbst; und der an sich sehr berechtigte Wunsch der Eheleute, ein Kind zu haben, genügt nicht, um die Rechtmäßigkeit des Rückgriffs auf die künstliche Befruchtung, die diesen Wunsch erfüllt, zu beweisen. Es wäre falsch zu denken, daß die Möglichkeit, dieses Mittel anzuwenden, eine Ehe zwischen Personen gültig machen könnte, die auf Grund des impedimentum impotentiae zu ihrem Vollzug nicht fähig wären. Andererseits ist es überflüssig zu bemerken, daß das aktive Element niemals rechtmäßigerweise durch Handlungen gegen die Natur herbeigeführt werden kann.

Obwohl man nicht im voraus neue Methoden ausschließen kann, nur weil sie neu sind, muß man doch hinsichtlich der künstlichen Befruchtung nicht nur äußerst zurückhaltend sein, sondern sie absolut verwerfen. Wenn man das sagt, verwirft man nicht notwendig den Gebrauch gewisser künstlicher Mittel, die nur dazu bestimmt sind, den natürlichen Akt zu erleichtern, das heißt zu bewirken, daß der normal vollzogene Akt sein Ziel erreicht. Man darf nicht vergessen: nur die Zeugung eines neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bewirkt in einem erstaunlichen Maß von Vollendung die Verwirklichung der erstrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig der körperlichen und geistigen Natur und der Würde der Eheleute und der normalen und glücklichen Entwicklung des Kindes gemäß.“7

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 557 ss. — Hd. IV, 113 f. 120

Zu dem gleichen Problem äußert sich Papst Pius XII. zwei Jahre später noch kurz in der Rede an die Hebammen:
„Das Zusammenleben der Gatten und den ehelichen Akt herabmindern auf eine rein organische Funktion zur Übertragung der Keime, hieße das Heim, das Heiligtum der Familie, in ein gewöhnliches biologisches Laboratorium verwandeln. Deshalb haben Wir in Unserer Ansprache vom 29. September 1949 an den Internationalen Kongreß der katholischen Ärzte die künstliche Befruchtung in aller Form aus der Ehe hinausgewiesen. Der eheliche Akt ist in seinem natürlichen Gefüge eine persönliche Betätigung, ein gleichzeitiges und unmittelbares Zusammenwirken der Gatten, das durch die Natur der Handelnden und die Eigenheit der Handlung der Ausdruck des gegenseitigen Sichschenkens ist und dem Wort und der Schrift gemäß das Einswerden ,in einem Fleisch allein‘ bewirkt. Das ist viel mehr als die Vereinigung von zwei Keimen, die auch künstlich getätigt werden kann, also ohne die natürliche Handlung der Gatten. Der eheliche Akt, so wie die Natur ihn angeordnet und gewollt hat, ist ein persönliches Zu-sammenwirken, zu dem die Brautleute im Eheabschluß sich gegenseitig das Recht übertragen.

Ist daher diese Leistung in ihrer naturgemäßen Form von Anfang an dauernd unmöglich, so ist der Gegenstand des Ehevertrages mit einem wesentlichen Mangel behaftet. Das ist es, was Wir damals gesagt haben: ,Man vergesse nicht: nur die Weckung neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bringt in einem Grad der Vollkommenheit, der Staunen erregt, die Verwirklichung der angestrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig angepaßt der leiblichen und seelischen Natur der Gatten wie der natürlichen und glücklichen Entwicklung des Kindes`.“8

8 Vergleiche a. a. 0. — Die Stelle: A. A. S. vol. 43, 2 (1951), P. 85o. — Hd. VI, 118.

Vor wenigen Jahrzehnten noch wäre diese Ansprache vor katholischen Ärztinnen und Ärzten undenkbar, unfaßbar gewesen. Heute ist das Problem der künstlichen Befruchtung durch Literatur, leider sogar durch Zeitschriften, so verbreitet worden, daß der Heilige Vater um der Würde der Frau willen, der Heiligkeit der Ehe und des Anrechts des Kindes auf Zeugung durch Liebe den Standpunkt der Kirche in den einzelnen Fragen festlegen mußte. Im August-Heft 1953 der „Frankfurter Hefte“ befaßt sich ein Artikel von Hermann Frühauf mit dem Thema der künstlichen Befruchtung. Er gibt bekannt, daß in Amerika jährlich etwa 20.000, in England 10.000 und in Frankreich 1000 Kinder in dieser Art zur Welt kommen. In Amerika führten 80 von 100 der Gynäkologen die Insemination aus; nur bei 10 Prozent seien die eigenen Ehegatten die Spender. Wie würdelos ein solches Verfahren für die Frau ist, wie gefahrvoll durch die Erbgesetze für die Kinder, braucht hier wirklich nicht ausgeführt zu werden. Frühauf gibt an, daß die „Académie française des Sciences morales et politiques“ und die englische Staatskirche nicht die künstliche Befruchtung unter den Ehegatten, wohl aber durch Fremdsperma ablehnen. Da auf dem katholischen Ärztekongreß 1949 in Rom die Stellung bezüglich des Spermas des Ehemannes unter den Ärzten nicht eindeutig klar gewesen sei, habe man den Papst um seine Stellungnahme gebeten.

Die Antwort des Papstes ist nun aber ganz eindeutig ablehnend, klar und bindend und muß um der Frauenwürde willen auch allen Eheleuten bekannt sein. Hier kann nur die Frau selbst sich schützen, daß man ihre Ehre, ihr tiefstes Frauentum nicht antastet und herabzieht.

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955