Faire jüdische Stellungnahmen für die katholische Kirche und Papst Pius XII.

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Pius XII., Besuch An Stadtviertel San Lorenzo Nach Bombardierung, 13. August 1943 / Wikimedia Commons, Public Domain

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich seit Jahren um Differenzierung

Die kontroverse Debatte um eine mögliche Seligsprechung  von Papst Pius XII. reißt nicht ab. Einwände gegen diesen Pontifex gibt es von verschiedenen Seiten, häufig von ‪„Reformkatholiken‪“, bisweilen melden sich auch kritische jüdische Stimmen zu Wort. Für etliche progressive Theologen scheint es schon zu genügen, daß Pius XII. ein ‪„‪vorkonziliarer Papst“ war, um starke Skepsis auszulösen. Auch von bürgerlicher Seite hört man manchmal den Einwand, Pius XII. sei zu sehr ‪„entrückt‪“, vom Typ her sehr aristokratisch, insgesamt zu wenig volkstümlich gewesen.

Von einer Reihe jüdischer Vertreter wird seit langem Kritik am Pacelli-Papst geübt, weil er  – so wird behauptet  –  zur Judenvernichtung der Nationalsozialisten geschwiegen und insofern versagt habe.

Dieser Aspekt wird allerdings nicht von allen jüdischen Persönlichkeiten und Vereinigungen so rigide beurteilt. Der bekannte Physiker Albert Einstein schrieb am 23. Dezember 1940  im „Time Magazin‪“ über die katholische Kirche: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.‪“

Einstein bekennt in seiner Stellungnahme, daß er nie ein besonderes Interesse für die katholische Kirche hegte, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung‪“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat,  auf der geistigen Wahrheit und moralischen Freiheit zu bestehen.‪“    – Der jüdische Nobelpreisträger fügte hinzu: „Ich muß sagen, daß ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe.‪“

Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meier, die israelische Außenministerin und spätere Ministerpräsidentin, einen positiven Nachruf, in welchem sie den verstorbenen Papst als einen „großen Diener des Friedens‪‪“ bezeichnete; er habe ‪„während der zehn Jahre des Nazi-Terrors, als unser Volk furchtbare Qualen erlitt, seine Stimme für die Opfer erhoben und die Henker verurteilt.‪‪“ –  Auch die Rabbiner von Rom, Jerusalem, London und Frankreich sowie der Großteil der jüdischen Vereinigungen schloß sich der Würdigung Meirs an.

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich um Differenzierung

Um ein faires Geschichtsbild hinsichtlich Pius XII. kümmert sich seit Jahren die jüdische Stiftung „Pave the Way‪“. Anläßlich seines 50. Todestages veranstaltete diese amerikanische Vereinigung vom 15. bis 17. September 2009 eine Studientagung im Vatikan, wobei vor allem die positive Rolle untersucht wurde, die Pius XII. bei der Rettung tausender von Juden gespielt hatte.

„Pave the Way‪“ ging bereits Anfang Februar 2009 einen eigenständigen Weg jenseits des üblichen Medienmainstreams, als sich diese jüdische Vereinigung schützend vor Papst Benedikt XVI. stellte und die Schlammschlacht gegen ihn verurteilte, die wegen der Aufhebung der Exkommunikation hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. und absurder Äußerungen von Weihbischof Williamson erfolgte.

Am 18. September 2009 hielt Papst Benedikt eine Ansprache an die Teilnehmer einer Pave-the-Way-Tagung in Castel Gandolfo. Dabei erklärte er über den Ablauf dieses Symposiums:

„Ich weiß, daß viele herausragende Gelehrte sich an den Überlegungen beteiligt haben, deren Gegenstand das vielfältige Wirken meines geschätzten Vorgängers  – des Dieners Gottes Pius XII. –  in der schwierigen Zeit um den Zweiten Weltkrieg war…Sie haben unvoreingenommen die geschichtlichen Fakten analysiert und sich allein mit der Suche nach der Wahrheit befaßt.

‪„‪In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist sehr viel über ihn geschrieben und gesagt worden, und nicht alle wirklichen Aspekte seines Wirkens wurden im rechten Licht untersucht. Die Absicht Ihres Symposiums bestand darin, einige dieser Lücken zu schließen durch eine sorgfältige Untersuchung vieler seiner Stellungnahmen und Interventionen, besonders zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa zur Zielscheibe wurden, dem kriminellen Plan derer entsprechend, die sie von der Erdoberfläche tilgen wollten.

‪„‪Nähert man sich diesem edlen Papst ohne ideologische Vorurteile, wird man nicht nur von seinem erhabenen geistlichen und menschlichen Charakter ergriffen, sondern darüber hinaus auch von der Vorbildlichkeit seines Lebens und dem außerordentlichen Reichtum seiner Lehre. So wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk.‪‪“

Der Papst bedanke sich sodann bei der Stiftung „Pave the Way‪“ für ihre Forschungsarbeit und ihre „beständigen Aktivitäten‪‪“ zugunsten des Friedens und der Verständigung.  Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Mit diesen Gedanken rufe ich auf Sie und die Arbeiten Ihres Symposiums die Fülle des göttlichen Segens herab.‪“

Auch in Yad Vashem ändert sich die frühere Betrachtungsweise

Aber auch in Israel findet inzwischen ein gewisses Umdenken statt. Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, erklärte im Mai 2009, sein Dokumentations-Center habe neue Unterlagen aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das in den Medien verbreitete Bild von Pius XII. ‪„‪zutiefst verändern“ könnten.

Demnach erteilte dieser Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, verfolgte Juden in einem Kloster bei Rom zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich der römische Großrabbiner Israel Zolli nach dem 2. Weltkrieg auf den Vornamen Eugenio taufen, als er in die katholische Kirche übertrat.  (Der bürgerliche Name von Papst Pius XII. lautete Eugenio Pacelli.)

Am 25. Januar  2010 veröffentlichte der bedeutende französische Philosoph Bernard-Henri Levy ein deutliches Plädoyer für Pius XII. in ‪„‪The Huffington Post“, worin er zugleich den damals vielfach attackierten Papst Benedikt verteidigt. Dieser jüdische Schriftsteller, in Frankreich unter dem Kürzel ‪„‪BHL“ bekannt, wurde von der linken ‪„‪ taz“ ‪am 13.4.2007 in einem ansonsten kritischen Text als ‪„‪der Popstar unter Frankreichs Intellektuellen“ bezeichnet.

BHLs Artikel vom 25.1.2010 beginnt mit den Worten: ‪„Es ist Zeit, der Unaufrichtigkeit ein Ende zu setzen‪‪“ –  und er kritisiert, daß ein Papst aus der Sicht der meisten Medien heute alles sein dürfe, ‪„‪nur nicht konservativ‪“.

Der Philosoph wendet sich gegen den ‪„‪Chor der Falsch-Informierer‪“ und verweist auf die päpstliche Enzyklika ‪„Mit brennender Sorge‪“, die er als ‪„‪eines der stärksten und aussagekräftigsten Anti-Nazi-Manifeste“ würdigt. Der spätere Papst Pius XII. und damalige päpstliche Nuntius in Deutschland, Kardinal Pacelli, sei ‪„‪Mit-Autor“ dieses eindrucksvollen Dokumentes gewesen, das unter Papst Pius XI. erschien und 1937 von den kath. Kanzeln in Deutschland verlesen wurde.

Einen Tag vor BHLs Pius-Verteidigung war ein ähnlicher Artikel in der bekannten israelischen Tageszeitung ‪„‪Haaretz“ zu lesen. Am 24. Januar 2010  wurde Papst Pius XII. in einem ausführlichen Bericht unter dem Titel ‪„Der vielgeschmähte Papst‪“ vehement in Schutz genommen.

Auch ‪„Haaretz‪“ erwähnt seine Mitarbeit an der Enzyklika ‪„‪Mit brennender Sorge“, die den Nationalsozialismus wortgewaltig verurteilt habe: ‪„‪Die Enzyklika wurde nach Deutschland geschmuggelt und am 21. März 1937 von den katholischen Kanzeln verlesen.“ –  Die anspruchsvolle Zeitung zitiert aus einem Nazi-Dokument, wonach dieses päpstliche Rundschreiben ‪„‪eines der schwersten Angriffe auf die deutsche Regierung“ sei, zumal es ‪„die katholischen Bürger zum Aufstand gegen die Autorität des Staates‪“ auffordere.

Sodann verweist ‪„‪Haaretz“ auf diverse Dokumente, die für Pius XII. sprechen, auch darauf, daß die Nazis äußerst unzufrieden waren, als Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde. Am 4.3.1939 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: ‪„Mittags mit dem Führer. Es ist zu prüfen, ob wir das Konkordat mit Rom im Lichte der Wahl Pacelli als Papst kündigen sollten.‪“

Abschließend schreibt die bekannte israelische Tageszeitung, es sei wohl nur in einer ‪„rückständigen Welt‪“ wie der heutigen möglich, einen so ‪„‪einzigartigen Mann“, der so vielen Juden und Nazi-Opfern beigestanden habe, derart unfair zu schmähen.

Diese Aussagen verdeutlichen, daß es auch unter Juden durchaus unterschiedliche Ansichten über Papst Pius XII. und die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Diktatur gibt. Das Plädoyer für eine faire und differenzierte Würdigung dieses Papstes schließt natürlich eine begründete Sachkritik nicht aus, lehnt aber Diffamierungen ab, wie sie in oberflächlichen Medien nicht selten zu lesen sind.

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Quelle

Papst Pius XII. als vorbildlicher Lehrer des Glaubens. Ein theologisches Lebensbild.

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Joachim Kardinal Meisner – Portrait von Gerd Mosbach (2010)

 

Erzbischof  Joachim  Kardinal Meisner

Vortrag am 15. Oktober 2008 in Wien

 

In diesem Jahr gedenken wir des fünfzigsten Todestages von Papst Pius XII. Sein Pontifikat währte neunzehn Jahre, vom 3. März 1939 bis zum 9. Oktober 1958, an dem er – weltweit hoch angesehen – in Castel Gandolfo verstarb. Die zahlreichen Nachrufe von Christen und Nicht-Christen waren voll Anerkennung und großem Respekt vor einer außergewöhnlichen Lebensleistung. Angelo Giuseppe Roncalli, damals Patriarch von Venedig, kurze Zeit später Papst Johannes XXIII., ließ in seiner Trauerrede keinen Zweifel daran, der Name Pius’ XII. werde „unter die größten und beliebtesten in der Geschichte der neueren Zeit eingehen“ und zitierte dann aus dem Markus-Evangelium: „Er hat alles gut gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden“ (Trauerrede 1958 in: Tardini, 9ff.).

 

1.   Die bleibende kirchliche Bedeutung Pius XII.

Im Folgenden möchte ich Ihnen diesen großen Papst in theologischen Schwerpunkten als vorbildlichen Lehrer des Glaubens vor Augen stellen. Unter den kirchlichen Zeugnissen für die Bedeutung Pius’ XII. sei zunächst auf die erste Weihnachtsansprache Papst Johannes’ XXIII. verwiesen, zweieinhalb Monate nach dem Tod seines Vorgängers. Der Heilige Vater bezeichnet Eugenio Pacelli als „hervorragenden Lehrer“ („doctor optimus“), „Licht der heiligen Kirche“ („Ecclesiae sanctae lumen“) und „Liebhaber des Gesetzes Gottes“ („divinae legis amator“) [Radiobotschaft vom 24.12.1958: AAS 51 (1959) 5-12 (8)]. Der Erzbischof von Mailand, Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., schrieb im Januar 1959 an Schwester Pascalina Lehnert: „Der überreiche Schatz der Reden (von Papst Pius XII.) hilft mir ständig und erfüllt mich mit Bewunderung, wenn ich an die Arbeit und an die Weisheit denke, die ihn geschaffen hat; er bereichert das lehrhafte und sprachliche Vermögen der Kirche“ (Brief vom 9.1.1959).

Vierzig Jahre nach dem Amtsantritt Pius’ XII. hebt Papst Johannes Paul II. besonders die Wegbereitung für das Zweite Vatikanische Konzil hervor: Bei diesem Jahrestag „können wir nicht vergessen, was Pius XII. zur theologischen Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils beigetragen hat, vor allem für die Lehre über die Kirche, die ersten liturgischen Reformen, den neuen Impuls für das Studium der Bibel und die große Aufmerksamkeit für die Probleme der Gegenwart“ (Ansprache zum Angelus, Sonntag, 18. März 1979). Die Dokumente des Zweiten Vatikanums weisen über 200 Mal ausdrücklich auf die lehramtlichen Veröffentlichungen Pius’ XII. hin. Daraus ergibt sich: Nach der Heiligen Schrift wird auf dem letzten Konzil – wie eben schon kurz angedeutet – keine Persönlichkeit so häufig zitiert wie Papst Pius XII.

Zum Verständnis des Zweiten Vatikanums sollten darum auch dessen Quellen erneut studiert werden, nicht zuletzt die reichhaltigen und auch heute noch nicht ausgeschöpften Lehrdokumente des „doctor optimus“. Zu dieser Rezeption des Konzils ermuntert uns der gegenwärtige Nachfolger Petri, Papst Benedikt: Die konziliaren Texte sind nicht mit einer „Hermeneutik der Diskontinuität“ zu deuten, wonach das Zweite Vatikanum einen radikalen Bruch mit der Überlieferung vollzogen hat, sondern mit einer „Hermeneutik der Reform“, „der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität“ (Ansprache an die Mitglieder der römischen Kurie, 22.12.2005). Für diese Kontinuität stehen nicht zuletzt die wichtigen Lehraussagen Pius’ XI. und Pius’ XII., die den Konzilsvätern vertraut waren und in den Fußnoten zitiert werden, die aber heute vielfach unbekannt sind. Zur Hermeneutik der Kontinuität gehört darum die Aufgabe, das vom Konzil in den Fußnoten Genannte sich auch unmittelbar wieder anzueignen: Eine erneute Rezeption des reichhaltigen Werkes von Papst Pacelli ist an der Zeit. Zweifellos führt das Zweite Vatikanum das theologische Erbe Pius’ XII. in manchen Punkten weiter, entfernt sich aber keineswegs von der Substanz des Lehramtes und des seelsorglichen Wirkens von Eugenio  Pacelli.

2.   Das christologische Zentrum

Im Zentrum des theologischen Lehramtes Pius’ XII. steht zweifellos die Gestalt Jesu Christi. Schon seine erste Enzyklika, die ein Programm des Pontifikates entwirft, setzt ein mit einem dankbaren Rückblick auf die feierliche Weihe des Menschengeschlechtes an das Heiligste Herz Jesu im Jahre 1899 durch Papst Leo XIII. Im gleichen Jahr wurde Eugenio Pacelli zum Priester geweiht. Seine theologische Ausbildung und geistliche Formung erhielt er also während des Pontifikates von Leo XIII. (1878-1903). Wichtig für diese Zeit ist vor allem die Erneuerung der philosophischen und theologischen Studien im Zuge der Enzyklika Aeterni Patris (1878), mit einem vertieften Zugang zum Werke des hl. Thomas von Aquin, aber auch die seelsorgliche Aufmerksamkeit für die zahlreichen neuen sozialen Fragen im Gefolge der Industrialisierung. Von Leo XIII. stammt bekanntlich die erste große Sozialenzyklika, Rerum novarum (1891). Angesichts des weit gespannten Interesses des Lehramtes Leos XIII. mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass der Papst die Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu als den Höhepunkt seines Pontifikates betrachtete: Verwunderlich ist dieser geistliche Akzent freilich nicht, wenn wir bedenken, dass auch die sozialen und politischen Übel dieser Welt letztlich nur durch die gottmenschliche Hingabe Jesu Christi geheilt werden können, dessen Königreich der Liebe und des Friedens am Ende über alle Mächte des Bösen triumphieren wird.

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit zeigt sich im Pontifikat Pius’ XII. besonders deutlich in der Enzyklika Haurietis aquas (1956), der theologisch und pastoral gründlichsten Stellungnahme des kirchlichen Lehramtes zum Thema. Es ist eine Ermunterung, in Freude „Wasser zu schöpfen“ aus den Quellen des Heiles (vgl. Jes 12,3). Das heiligste Herz Jesu wird gekennzeichnet als „Sinnbild“ und „Zusammenfassung des ganzen Geheimnisses der Erlösung“ (Enz. Haurietis aquas: AAS 48 (1956) 336). Es ist ein machtvolles Heilmittel in einer Zeit, in der „die Gottlosigkeit überhandnimmt“ und „die Liebe bei vielen erkaltet“ (Mt 24,12).

In die Regierungszeit Pius’ XII. fiel auch das tausendfünfhundertjährige Jubiläum des Konzils von Chalzedon (451 – 1951). Auf diesem Konzil gelangt die lehramtliche Ausformulierung des Christusglaubens zu ihrem Höhepunkt: In Jesus Christus, der Person des ewigen Sohnes Gottes, sind durch die Inkarnation die göttliche und die menschliche Natur miteinander verbunden, und zwar unvermischt und ungetrennt. Sie sind nicht vermischt, denn Gottheit und Menschheit behalten ihre spezifische Eigenart. Sie sind aber auch nicht getrennt, denn in der menschlichen Natur ist der Sohn Gottes persönlich zugegen.

Die Enzyklika Sempiternus Rex (1951) würdigt das Konzil von Chalzedon auch im Blick auf zeitgenössische Gefährdungen: Einige Theologen trennen die Gottheit Christi aufgrund der „Kenosis“ (Entäußerung) von seiner Menschheit, während andere die menschliche Natur Jesu so verselbständigen, dass sie als eigenständiges Subjekt erscheint und von der Person des ewigen Wortes abgekoppelt wird. Diese Mahnung ist auch heute höchst aktuell angesichts von Stimmen, die von einer „menschlichen Person“ Jesu sprechen und dem Menschen Jesus eine eigene Subjekthaftigkeit zuschreiben, die von seinem göttlichen Ich getrennt wird. Dagegen betont schon Pius XII. mit dem Hinweis auf Chalzedon, dass die menschliche Natur Christi in der Person des Wortes subsistiert, d.h. von der göttlichen Person des Sohnes seinsmäßig getragen wird (Vgl. Sempiternus Rex: AAS 43 (1951) 637f.).

3.   Die Beziehung von Glaube und Vernunft

Das Geheimnis Christi ist zugänglich durch den Glauben, der wiederum die menschliche Vernunft logisch voraussetzt. Das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft wird herausgestrichen durch die Enzyklika Humani generis (1950). Sie trägt den Untertitel: „(Rundschreiben)über einige falsche Ansichten, welche die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen“. Humani generis ist das Lehrdokument Pius’ XII., das im „Katechismus der Katholischen Kirche“ am meisten zitiert wird. Es gilt als die wichtigste aller Enzykliken des „doctor optimus“. Auf die gegenwärtige Aktualität deutet auch die Enzyklika Johannes Pauls II. Fides et ratio (1998), worin das Rundschreiben des „doctor angelicus“ vier Mal genannt wird (Vgl. Johannes Paul II., Enz. Fides et ratio, Nr. 49, 54 (zweimal), 55. Siehe auch Enz. Veritatis splendor (1993), Nr. 36; Enz. Evangelium vitae (1995), Nr. 43).

Im Zentrum der päpstlichen Kritik steht ein „dogmatischer Relativismus“, der begünstigt wird durch „die Geringschätzung der allgemein gebräuchlichen Lehre und ihrer sprachlichen Ausdrucksweise“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 566). Manche Theologen vergessen, dass das „Lehramt in Sachen des Glaubens und der Sitten … die nächste und allgemeine Glaubensnorm (proxima et universalis veritatis norma) sein muss“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 567); anstatt die fortschreitende Klärung der Lehre zu würdigen, wenden sie die falsche Methode an, „Klares aus Dunklem erklären zu wollen“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 569). Die fragwürdige Verabschiedung von der überlieferten Sprache und von den in Jahrhunderte langer Mühe erarbeiteten philosophischen Begriffen ist motiviert durch die Hoffnung, sich mit einer Rückkehr zur Ausdrucksväter der Schrift und der Väter den getrennten Christen nähern zu können. Die Ansätze der philosophia perennis werden durch Anleihen aus der modernen Philosophie ersetzt, so etwa aus dem Idealismus oder dem Existentialismus. Dieser falsche „Irenismus“ führt zum Zusammenbruch der Stützen für die Glaubensreinheit: „Brechen sie zusammen, so ist freilich alles geeint, aber einzig und allein zum Ruin“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 565).

Die menschliche Vernunft ist in der Lage, „das Dasein des einen persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen und die Grundlagen des christlichen Glaubens durch göttliche Zeichen unwiderleglich nachzuweisen; ebenso das Gesetz richtig zu umschreiben, das Gott in die Herzen der Menschen hineingelegt hat … Die Vernunft wird jedoch diese Aufgabe nur dann genau und sicher erfüllen können, wenn sie … von jener gesunden Philosophie durchdrungen ist, die wir gleich einem längst bestehenden Erbteil von früheren christlichen Jahrhunderten überkommen haben, und die sogar ein umso höheres Ansehen genießt, als ja das kirchliche Lehramt selber deren Grundsätze und Hauptthesen … am Maßstab der göttlichen Offenbarung selbst gemessen hat. Diese Philosophie … verteidigt einmal den echten und zuverlässigen Wert der menschlichen Erkenntnis, sodann die unerschöpflichen Grundgesetze der Metaphysik – nämlich die Prinzipien des zureichenden Grundes, der Kausalität und der Finalität – und schließlich die Fähigkeit, eine sichere und unveränderliche Wahrheit zu ermitteln“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 571f.). Betont wird deshalb die Vorrangstellung der Lehre des hl. Thomas von Aquin für die Ausbildung der zukünftigen Priester in den philosophischen Disziplinen (Humani generis: AAS 42 (1950) 573).

Das kirchliche Lehramt verteidigt nicht nur den Glauben, sondern auch die der Glaubenszustimmung logisch vorausgesetzten Grundsätze der menschlichen Vernunft, weil es um die Folgen der Erbsünde weiß. „Denn die Wahrheiten, die sich auf Gott beziehen und das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen betreffen, übersteigen durchaus die Ordnung der sinnlichen Welt; und sobald sie auf die Lebensführung Einfluss gewinnen und sie bestimmen, fordern sie Selbsthingabe und Selbstverleugnung. Der menschliche Verstand erwirbt aber solche Wahrheiten nur mit Mühe, einerseits infolge des Andranges der Sinne und der Einbildungskraft, andererseits infolge der bösen Neigungen, die aus der Erbsünde stammen. Daher kommt es, dass die Menschen in dergleichen Dingen sich gern einreden, das sei falsch oder doch zweifelhaft, was sie selber nicht wahrhaben wollen“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 561f.).

Papst Pius XII. wendet sich gegen Irrtümer bezüglich der Gotteslehre: „Man bezweifelt die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, ohne Hilfe der Offenbarung und der Gnade Gottes anhand von Beweisgründen aus der Schöpfung die Existenz eines persönlichen Gottes zu beweisen“; man leugnet den Anfang der Welt und das göttliche Vorauswissen der freien Handlungen der Menschen (vgl. Humani generis: AAS 42 (1950) 570).

Wichtig ist auch die klare Unterscheidung zwischen Natur und Gnade: Manche Theologen „unterhöhlen den Begriff der unverdienten übernatürlichen Gnadenordnung, indem sie der Meinung sind, Gott könne keine vernunftbegabten Wesen schaffen, ohne sie zur seligmachenden Anschauung zu bestimmen und zu berufen“ (ebd.).

Unter den übrigen Irrtümern sei insbesondere auf die Leugnung der Lehre von der Transsubstantiation verwiesen mit der Begründung, der hierbei vorausgesetzte philosophische Begriff von der Substanz sei überholt. Dieser Irrtum beschränkt die eucharistische Gegenwart Christi „auf eine Art von Symbolismus“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 570f.).

Als folgenreichster Irrtum im Bereich des natürlichen Denkens wird von Pius XII. der Evolutionismus gebrandmarkt (wie wir diese Denkrichtung heute nennen): „Das sogenannte Evolutionssystem, das sogar im eigenen Bereich der Naturwissenschaften noch nicht einwandfrei bewiesen ist“, wird „unklug und kritiklos“ angenommen und „auf den Ursprung aller Dinge“ angewandt; damit gelangt man zum Monismus (so etwa bei den Propagandisten des Kommunismus) und zum Pantheismus (Humani generis: AAS 42 (1950) 562). Nichts einzuwenden ist gegen eine sachliche Erörterung der Evolutionslehre, „insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus einem bereits bestehenden und lebenden Stoffe erforscht; während uns der katholische Glaube verpflichtet, an der unmittelbaren Erschaffung der Seelen durch Gott festzuhalten“. Der „Ursprung des menschlichen Leibes aus einem bereits bestehenden und lebenden Stoffe“ ist freilich noch nicht bewiesen, und „die Quellen der göttlichen Offenbarung“ erfordern „auf diesem Gebiet die größte Zurückhaltung und Vorsicht“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 575).

Papst Johannes Paul II. hat 1996 in einer Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften einer evolutiven Sicht des menschlichen Leibes eine höhere Wahrscheinlichkeit eingeräumt: „Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika [scil. „Humani generis“], geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar“ (n. 4).

Die von Pius XII. geforderte Vorsicht vergisst Johannes Paul II. darüber freilich nicht. Auch er erklärt diejenigen Evolutionstheorien für nicht mit der Wahrheit über den Menschen vereinbar, „die – angeleitet von der dahinter stehenden Weltanschauung – den Geist für eine Ausformung der Kräfte der belebten Materie oder für ein bloßes Epiphänomen dieser Materie halten. Diese Theorien sind im Übrigen nicht imstande, die personale Würde des Menschen zu begründen“ (n. 5).

Während Pius XII. die Evolutionslehre bezüglich des Leibes mit Vorsicht behandelt, betont er bezüglich des Ursprungs der Menschheit die Verbindung mit der Lehre von der Erbsünde: Der Polygenismus, der eine Vielzahl von Stammvätern annehme, sei keine diskutable Hypothese; „es ist nämlich in keiner Weise ersichtlich, wie eine derartige Auffassung sich vereinbaren lässt mit dem, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des kirchlichen Lehramtes über die Erbsünde sagen, die auf eine wirkliche, von einem einzigen Adam begangene Sünde zurückzuführen ist, und die durch Zeugung auf alle Menschen übertragen wird und jedem einzelnen persönlich anhaftet“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 576). Noch heute lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche, dass „das Menschengeschlecht … aufgrund des gemeinsamen Ursprungs eine Einheit“ bildet. Bezeichnenderweise wird dieser Satz mit einer Passage der Enzyklika Pius XII. „Summi Pontificatus“ kommentiert (KKK 360).

4.   Das Mysterium der Kirche

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg finden wir in der Theologie eine beachtliche Erneuerung der Ekklesiologie. Kennzeichnend ist hierfür etwa der berühmte Satz von Romano Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen“ (Vom Sinn der Kirche, Mainz 1923). Es wächst das Bewusstsein für die gemeinschaftliche Natur der Kirche, die in allen ihren Gliedern das Leben Christi in sich trägt. Die Kirche ist nicht nur eine rechtlich fassbare Institution und besteht nicht nur aus der Hierarchie. Die erneute Aufmerksamkeit für die Kirche als „Leib Christi“ konnte freilich zu einer Vernachlässigung des institutionellen Aspektes führen. Die Enzyklika Mystici corporis (1943) über die Kirche als geheimnisvollen Leib Christi bietet von Seiten des Lehramtes eine gründliche Stellungnahme, in der das sichtbare und das unsichtbare Element der Kirche, das göttliche Geheimnis und die hierarchische Institution gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Inmitten des Zweiten Weltkrieges ist die Gemeinschaft der Kirche ein Zeichen der Hoffnung, das von Christus her die Feindschaft überwindet.

Die Analogie des „Leibes“ für die Kirche ist von ihrem neutestamentlichen Ursprung eng mit den Sakramenten der Taufe und der Eucharistie verbunden. Es ist nicht die einzige Bezeichnung für die Kirche, wohl aber die gehaltvollste, wie Pius XII. nachdrücklich hervorhebt (vgl. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 199). Das Zweite Vatikanum hat weitere Analogien betont, wie die vom Volke Gottes, ohne freilich die vorzügliche Bedeutung der Rede vom geheimnisvollen „Leib Christi“ in Frage zu stellen. Der christologische und der pneumatologische Ansatzpunkt für die Ekklesiologie kommen gleichermaßen zum Zuge: Christus ist das „Haupt“ und der Heilige Geist die „Seele“ der Kirche (vgl. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 220). Das Adjektiv „mystisch“ „erinnert daran, dass die Kirche … nicht bloß aus gesellschaftlichen und rechtlichen Bestandteilen und Beziehungen besteht“. Sie ragt über die natürliche Ordnung hinaus kraft des Heiligen Geistes, „der als Quelle aller Gnaden, Gaben und Charismen fortwährend und zuinnerst die Kirche erfüllt und in ihr wirkt“ (Mystici corporis: AAS 35 (1943) 222f). Das missionarische und ökumenische Anliegen der Enzyklika zeigt sich in der Einladung an alle Menschen, „sich aus einer Lage zu befreien, in der sie des eigenen ewigen Heiles nicht sicher sein können. Denn mögen sie auch aus einem unbewussten Sehnen und Wünschen heraus schon in einer gewissen Beziehung stehen zum mystischen Leib des Erlösers, so entbehren sie doch so vieler wirksamer göttlicher Gaben und Hilfen, derer man sich nur in der katholischen Kirche erfreuen kann“ (Mystici corporis: AAS 35 (1943) 243).

Mit den Anliegen der Enzyklika über die Kirche ist das Rundschreiben über die Liturgie innig verbunden (Mediator Dei, 1947). Auch hier geht es um die Einbeziehung aller Glieder der Kirche in die Verehrung Gottes zugunsten des Heiles der Menschen aufgrund der Mittlerschaft Jesu Christi. Papst Pius XII. greift die Anliegen der Liturgischen Bewegung auf, reinigt sie von Irrwegen und bereitet den Weg für die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, Sacrosanctum Concilium. Im Zentrum stehen hierbei die Ausführung zur Eucharistie, wobei die Darbringung des Opfers (mit Lob, Dank, Sühne und Bitte) ein deutliches Profil erhält. Zu unterscheiden sind das hierarchische Priestertum, deren Vertreter in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, die eucharistische Wandlung vollziehen, und das gemeinsame Priestertum aller Getauften, worin sich die Gläubigen mit dem heiligen Opfer verbinden. Neben der Liturgie, der öffentlichen Gottesverehrung im Namen der Kirche, würdigt Pius XII. auch die übrigen Formen des Kultes: die geistliche Betrachtung und die Gewissenserforschung, den Besuch des Altarsakramentes, die Volksandachten und die marianische Frömmigkeit, insbesondere in der Gestalt des Rosenkranzes. Der Papst äußert sich ebenso zu den Prinzipien für die christliche Kunst und die kirchliche Musik.

Die wichtigste dogmatische Entscheidung Pius’ XII. im Bereich der Liturgie findet sich in der Apostolischen Konstitution Sacramentum Ordinis (1947): sie klärt die Frage nach dem sakramentalen Zeichen des Weihesakramentes. „Materie“ und „Form“ sind hier die Handauflegung durch den Bischof sowie die Worte, welche die Anwendung des sakramentalen Zeichens näher bestimmen (vgl. AAS 40 (1948) 5-7; DH 3857-3861). Damit wurde die Streitfrage bezüglich der Sakramentalität der Bischofsweihe im positiven Sinn geklärt. Das hat dann das 2. Vaticanum in seiner Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ Nr. 21 erneut bestätigt. Eine wichtige Maßnahme der liturgischen Reform war 1951 die Wiedereinführung der Osternacht, die zuvor am Karsamstagvormittag in meist gähnend leeren Kirchen stattgefunden hatte und nun wieder als Hauptfeier des Kirchenjahres zur Geltung kam.

Zu den größten Herausforderungen der Kirche gehört vor allem seit der Aufklärungszeit die Deutung der Heiligen Schrift. Die stärkere Herausarbeitung der historischen und literarischen Feinheiten kann das Verständnis des inspirierten Textes fördern. Ein rationalistisches Vorverständnis freilich kann die Grundlagen des Glaubens zerstören. Während in der Zeit Pius’ X. die päpstliche Bibelkommission wichtige Punkte der biblischen Botschaft zu verteidigen suchte, geht es im Pontifikat Pius’ XII. stärker um eine positive Einbindung der Fortschritte in der exegetischen Wissenschaft. Die Enzyklika Divino afflante Spiritu (1943) bildet hier einen Meilenstein, der die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanums über die göttliche Offenbarung maßgeblich vorbereitet (Enz. Divino afflante Spiritu (30.9.1943): AAS 35 (1943) 297-325). Eigens erwähnt sei die Bedeutung der verschiedenen literarischen Gattungen für die Erklärung des Wortsinns der Heiligen Schrift (Divino afflante Spiritu: AAS 35 (1943) 314-316).

Die Sorge für die Einheit der Christen tritt unter anderen in der Enzyklika über die Kirche (Mystici corporis) hervor, zeigt sich aber auch vor allem in mehreren Rundschreiben, die sich an die katholischen Ostkirchen wenden (Enz. Orientalis Ecclesiae (9.4.1944): AAS 36 (1944) 129-144, u.a.). Vier Enzykliken sind der Ausbreitung der Kirche in der Mission gewidmet: Pius XII. befasst sich etwa mit der Situation in China (1958) und ermöglicht einen leichteren Austausch der Priester für die Missionsländer durch die Enzyklika Fidei donum (1957), welche die missionarische Verpflichtung aller Ortskirchen und aller Bischöfe betont.

5.   Das  marianische Lehramt

Schon zur Zeit Pius’ XI. gab es Vorbereitungen für eine Weiterführung des 1871 wegen des deutsch-französischen Krieges abgebrochenen Vatikanischen Konzils. Als Programmpunkte für die Konzilsarbeit wurden von der Vorbereitungskommission zwei dogmatische Definitionen erwogen: die der universalen Mittlerschaft Mariens und die der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel. Nach der Definition der erbsündenfreien Empfängnis durch Papst Pius IX. (1854) wünschten viele Theologen eine vollständigere Abklärung der marianischen Grundwahrheiten durch das kirchliche Lehramt. Besonders weit gediehen waren die Vorbereitungen für eine Definition der universalen Gnadenmittlerschaft, nachdem Papst Benedikt XV. im Jahre 1921 auf Bitten der belgischen Bischöfe das Fest Mariens als „Mittlerin aller Gnaden“ eingeführt hatte. Dessen Feier wurde allen Bistümern und Ordensgemeinschaften ermöglicht, die darum nachsuchten. Eugenio Pacelli, als Nuntius in München, war einer der ersten kirchlichen Würdenträger, die im Jahre 1925 eine von Kardinal Mercier veranlasste Bittschrift unterschrieben zugunsten der Heiligsprechung Ludwig Maria Grignions von Montfort und der dogmatischen Definition der universalen Gnadenmittlerschaft Mariens. Beide Anliegen waren eng miteinander verbunden. Papst Pius XII. sprach zwar 1947 den seligen Grignion heilig, unternahm aber nicht die dogmatische Definition der Gnadenmittlerschaft. Der Hauptgrund dafür waren Einwände gegen die aktive Mitwirkung Mariens bei der Erlösung als Grundlage für ihre allgemeine Gnadenmittlerschaft in Jesus Christus. Diese Schwierigkeiten sind zwar mittlerweile durch das Zweite Vatikanum überwunden, das Maria eine aktive Mitwirkung an der Erlösung zugesteht. Sie führten freilich dazu, dass sich die marianische Aktivität Pius’ XII. von Anfang an auf die Definition der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel konzentrierte und die Überlegungen zu dem anderen Mariendogma zurückstellte.

Im Jahre 1942 veröffentlichte das Heilige Offizium zwei umfangreiche Bände mit zahlreichen Gesuchen zur dogmatischen Definition der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, die den Heiligen Stuhl von 1869 bis 1940 erreicht hatten und die durch über fünf Millionen Unterschriften von Gläubigen unterstützt wurden. Vor allem in den vierziger Jahren entstanden akribisch dokumentierte theologische Studien, welche die Möglichkeit einer Definition bekräftigten. Am 1. Mai 1946 richtete Pius XII. an alle Bischöfe ein Rundschreiben, um ihre Meinung bezüglich des Mariendogmas zu erkunden (Vgl. Enz. Deiparae Virginis (1.5.1946): AAS 42 (1950) 782-783). Das Ergebnis der Befragung war positiv. Von 1191 befragten Bischöfen stimmten 1169 zu. Am 1. November 1950 erfolgte daraufhin die Verkündigung des Glaubenssatzes, „dass die unbefleckte Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde“ (Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus (1.11.1950): AAS 42 (1950) 767-770 [770]).

Die dogmatische Definition bildet den Höhepunkt der gesamten lehramtlichen Tätigkeit Pius’ XII. Für die Marienlehre bedeutsam ist daneben die Einführung des Festes Maria Königin im Jahre 1954 zum hundertsten Jahrestag der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis (Enz. Ad caeli reginam (11.10.1954): AAS 46 (1954) 625-640). Es vervollständigt die Einführung des Christkönigsfestes durch Pius XI. (1925). Wie Christus „König“ der ganzen Schöpfung ist aufgrund seiner Gottessohnschaft und des von ihm vollbrachten Erlösungswerkes, so ist Maria „Königin“ durch ihre Gottesmutterschaft und die Mitwirkung am Erlösungswerk Christi. Die Einführung des Festes Maria Königin war der Höhepunkt des Marianischen Jahres 1953-54. Ein weiteres Jubeljahr (1957-58) erinnerte an den hundertsten Jahrestag der Marienerscheinungen von Lourdes und wurde von einer eigenen Enzyklika vorbereitet (Vgl. Enz. Le pèlerinage de Lourdes (2.7.1957): AAS 49 (1957) 605-619).

Eugenio Pacelli wurde am 13. Mai 1917 von Papst Benedikt XV. zum Bischof geweiht. Dieser Termin fällt mit der ersten Erscheinung der Gottesmutter in Fatima zusammen. Um der Botschaft von Fatima entgegenzukommen, vollzog Pius XII. im Jahre 1942 die Weihe der Menschheit an das Unbefleckte Herz Mariens und führte 1944 das Fest vom Herzen Mariens ein. 1952 vollzog er mit einem Apostolischen Schreiben die Weihe Russlands an das Herz Mariens, die von der Seherin Lucia dos Santos im Namen der Gottesmutter gefordert worden war, allerdings ohne die von der prophetischen Botschaft vorgesehene Beteiligung des Weltepiskopates.

Schon bei Pius XII. klingt die später beim Zweiten Vatikanum breiter entfaltete Beziehung zwischen Maria und der Kirche an. Beachtenswert ist besonders die Beschreibung des Anteils Mariens am Erlösungswerk in der Enzyklika Mystici corporis. Innig verbunden mit ihrem Sohn, hat Maria ihn „auf Golgota … dem ewigen Vater dargebracht als neue Eva für alle Kinder Adams, die von dessen traurigem Fall entstellt waren. So ward sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch … im Geiste Mutter aller seiner Glieder“ (Enz. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 247f.).

6.   Die Gestaltung des christlichen Lebens

Die reichhaltige Lehre des „doctor optimus“ erstreckt sich auf alle Bereiche des christlichen Lebens, von Ehe und Familie bis hin zu Fragen der medizinischen Ethik und dem Frieden in der Welt. Die nahezu 1400 Ansprachen Pius’ XII. in verschiedenen Sprachen bieten dafür einen reichhaltigen Stoff. „Es gibt kaum eine religiöse Grundsatzfrage, die Pius XII. nicht in seinen Reden und Schreiben behandelt hätte“ (Leiber, Robert, „Pius XII.“: LThK2 8 (1963) 542-544 [543]). Nur einige wenige Beispiele seien hier angedeutet.

Papst Pius XI. hatte im Jahre 1932 zum ersten Mal die Säle des Vatikans für die Neuvermählten geöffnet. Sein Nachfolger führte diese Gewohnheit fort und empfing bei den großen Mittwochsaudienzen oft mehrere hundert Paare, denen er eigene Ansprachen widmete. Darin wird das gesamte Leben von Ehe und Familie feinfühlig, tiefgründig und mit praktischem Sinn beleuchtet. Es sind „Perlen religiöser Redekunst“ (Zimmermann, Friedrich, „Einführung“: Ders. (Hrsg.), Ansprachen Pius’ XII. an Neuvermählte, Regensburg 1953, 5-11 [11]), die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Aus diesen Ansprachen könnte man ein ganzes Kompendium zur Theologie und Spiritualität der Familie zusammenstellen. In einer eigenen Enzyklika findet der Papst aber auch wegweisende Worte für die Bedeutung der gottgeweihten Jungfräulichkeit; wichtig ist die von ihm geschaffene rechtliche Grundlage für die Schaffung der Säkularinstitute (vgl. Apost. Konstitution Provida mater Ecclesia (2.2.1947): AAS 39 (1947) 114-124). Eine umfangreiche und sehr konkrete Apostolische Ermahnung fördert die Heiligkeit des Priesterlebens (Apost. Ermahnung Menti nostrae (23.9.1950): AAS 42 (1950) 657-702).

Eine besondere Aufmerksamkeit widmet Pius XII. der Berufung der Frau. Er weist auf die neue Situation hin, die eine stärkere Beteiligung der Frau am öffentlichen Leben erfordert als in früheren Zeiten. Gleichzeitig unterstreicht er aber die besonderen Eigenschaften der Geschlechter, die hierbei zu beachten sind. Dazu gehört eine spezifische, wenn auch nicht exklusive Verantwortung des Mannes in Führungsrollen und die mütterliche Begabung der Frau, die in alle Lebensbereiche einzubringen ist. Der damalige Bischof von Graz schreibt in seinem Geleitwort zu einer Sammlung von päpstlichen Stellungnahmen zur Situation der Frau: „Es ist geradezu staunenswert, wie schlicht, einfach und doch so umfassend der Heilige Vater auf alle Gebiete der fraulichen Interessen einzugehen weiß. Die Darstellung wird zu einem modernen Frauenspiegel, sowohl in Anbetracht der vielfältigen Probleme und Schwierigkeiten, denen sich heute die Frauen und Mädchen gegenübersehen, als auch hinsichtlich eines Frauenbildes, wie es aus dem christlichen Raume der heutigen Welt aufbauend geboten werden soll“ (Schoiswohl, Josef, „Geleitwort“: Seibel-Royer, Käthe (Hrsg.), Pius XII., Ruf an die Frau. Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Graz 21956, 9-10 [9]).

Eine ganze Reihe von Stellungnahmen betrifft den Bereich, der heute als „Bioethik“ bezeichnet wird und dem eine stets zunehmende Bedeutung zukommt. In einer seiner Ansprachen an katholische Ärzte begründet Pius XII. beispielsweise, dass die künstliche Befruchtung außerhalb, aber auch innerhalb der Ehe grundsätzlich abzulehnen ist. Der gute Zweck, den Kindersegen zu fördern, heiligt nicht die Mittel, welche die Verbindung zwischen Zeugung und ehelicher Gemeinschaft auflösen. Genutzt werden können freilich die neuen medizinischen Möglichkeiten, die eheliche Verbindung selbst zu erleichtern (Vgl. Ansprache an den 4. internationalen Kongress katholischer Ärzte, 29.9.1949: AAS 41 (1949) 559f.).

Die ersten Jahre des Pontifikates von Pius XII. fielen mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Während die Kriegsmaschinerie ihr grauenvolles Zerstörungswerk anrichtete, präsentierte der Papst vor allem in seinen Weihnachtsansprachen der Jahre 1942 und 1943 die moralischen Bedingungen für einen gerechten Frieden nach dem Ende des Krieges. Pius XII. weist dabei auf die verbindende Deutung des Naturrechtes, das auch von Nichtchristen gewürdigt werden kann. Anerkennende Worte findet der Papst für eine demokratische Gesellschaft, die freilich das von Gott stammende Naturrecht anerkennt und sich gegenüber den Ansprüchen Christi, des wahren Friedensfürsten, nicht verschließt.

Das sittliche Naturgesetz wird nachdrücklich bereits in der Antrittsenzyklika erwähnt mit Worten, die wir auch heute allen Politikern, gleich welcher Couleur, ins Stammbuch schreiben sollten: „Die vornehmliche und tiefere Quelle der Übel, von denen das heutige Staatswesen geplagt wird“, besteht darin, „dass die allgemeine Norm in Bezug auf die Rechtschaffenheit der Sitten geleugnet und verworfen wird“, nämlich das Naturgesetz (lex naturalis). „Dieses Naturgesetz beruht als auf seinem Fundament auf Gott, dem allmächtigen Schöpfer und Vater aller …“. „Das Völkerrecht vom göttlichen Recht zu lösen, so dass es einzig auf der Willkür der Staatslenker als seinem Fundament beruht, bedeutet … nichts anderes, als jenes selbst vom Thron seiner Ehre und seiner Stärke herabzustoßen und es dem allzu großen und aufgeregten Eifer privaten und öffentlichen Interesses zu übertragen, der nach nichts anderem strebt, als die eigenen Rechte zur Geltung zu bringen und die fremden in Abrede zu stellen“ (Summi pontificatus (1939): AAS 31 (1939) 430. 438; dt. DH 3780f. 3786).

Der gesellschaftspolitische Einsatz Pius’ XII. für Friede und Gerechtigkeit ist in einer tiefen Spiritualität verwurzelt. Das reiche geistliche Leben des Papstes zeigt sich mit besonderer Frische in seinen Ansprachen anlässlich der von ihm vorgenommenen 33 Heiligsprechungen. Unter den Rundschreiben, die einzelnen Heiligen gewidmet sind, seien besonders die Ausführungen über den heiligen Benedikt (vgl. Enz. Fulgens radiatur (21.3.1947): AAS 39 (1947) 137-155 [zum 1400. Todestag des hl. Benedikt]) und den heiligen Bonifatius (Enz. Ecclesiae fastos (5.6.1954): AAS 46 (1954) 337-356 [zum 1200. Todestag des hl. Bonifatius]) hervorgehoben. Die Bonifatius-Enzyklika vom 5. Juni 1954 schließt mit einem Blick auf die Statue des Heiligen in Fulda, dessen Sockel eine biblische Ermunterung trägt: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“ (1 Petr 1,25). Die Kirche hat seit dem segensvollen Wirken des heiligen Bonifatius manche Stürme erlebt und wird auch in der Gegenwart aufs stärkste bedrängt. Sie ist aber, auch dank des Wirkens des großen Missionars, fest begründet auf den Felsen Petri“ (a.a.O. 353-356).

7.   Die verbreitete Kritik an Pius XII.

Obwohl mir die Darstellung Pius XII.’ als eines überragenden theologischen Lehrers besonders am Herzen liegt, ist es mir auch wichtig, zu den populären, ja populistischen Vorwürfen gegen Pius XII. Stellung bezogen zu haben. Wenn wir heute auf die 5 Jahrzehnte zurückschauen, die seit dem Tod dieses Papstes vergangen sind, stellen wir fest, dass die zunächst unumstritten positiven Einschätzungen in heftigem Meinungsstreit ziemlich an den Rand gedrückt worden sind. Bei keinem anderen Papst gehen die Urteile der Nachwelt so weit auseinander und bei keinem anderen Papst ist die Diskrepanz zwischen einem populären Schwarz-Weiß-Geschichtsbild und den differenzierten Ergebnissen der Zeitgeschichtsforschung so groß wie in seinem Fall. Rolf Hochhuth diffamiert den Papst, der seliggesprochen werden soll, inzwischen als „satanischen Feigling“ und als den „verächtlichsten aller Päpste“. Auf der Theaterbühne und Filmleinwand erscheint Papst Pius XII. als der Bösewicht, der aus verwerflichen politischen und ökonomischen Motiven sowie aus persönlicher Schwäche den Völkermord an den Juden nicht öffentlich verurteilt hat, obwohl er ihn als Oberhaupt der einflussreichsten moralischen Institution der Welt sogar hätte verhindern können. Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von Hochhuths 1963 erstaufgeführtem Stück „Der Stellvertreter” ist so bemerkenswert, dass neuerdings sogar Geheimdienste an der Inszenierung des Welterfolgs beteiligt gewesen sein wollen. Hochhuths Polemik ist inzwischen in die Jahre gekommen und hat auch durch die sich steigernde Aggressivität des Schriftstellers keine neue Überzeugungskraft gewonnen. In den letzten Jahren konnte Hochhuth seine Thesen nur dadurch retten, dass er sich dem Dialog mit den neuen wissenschaftlichen Ergebnissen verweigerte. Besonders bedauerlich, ja beschämend, ist die Feststellung, dass die Kritik an Pius XII. von Deutschland ausging. Denn nach der totalen Niederlage am Ende des Krieges war es dieser Papst, der weithin als einziger den Deutschen noch einen Rest an Würde zusprach. Das zeigte sich bei der Kardinalserhebung im Februar 1946, bei der drei deutsche Bischöfe ins hl. Kollegium berufen wurden und der Papst in der öffentlichen Ansprache betonte, dass Menschen nicht das Recht hätten, eine Kollektivschuld zu behaupten.

Ich will mich – in der gebotenen Kürze – in dem folgenden Teil meiner Überlegungen mit zwei Hauptvorwürfen der Pius-Debatte auseinandersetzen. Der erste Hauptvorwurf lautet: Der autoritäre, antibolschewistische Eugenio Pacelli, seit seiner Zeit als Nuntius in München und Berlin 1917-1929 ein Freund der Deutschen, sympathisierte mit dem autoritären, antibolschewistischen Dritten Reich und wurde so zu „Hitlers Papst“. Der zweite Hauptvorwurf richtet sich an den „Papst, der geschwiegen hat“: Pius XII. hat, so der Vorwurf, aus persönlicher Feigheit und aus seiner antisemitischen Grundeinstellung heraus zum Völkermord an den europäischen Juden geschwiegen und deshalb moralische Schuld am Holocaust auf sich geladen.

Zunächst: Hitlers Papst

Pacelli wird vorgehalten, die deutschen Katholiken durch das Reichskonkordat in eine besondere, widerstandshemmende Loyalitätsverpflichtung gegenüber Hitler gebracht zu haben. Der Kardinalstaatssekretär habe durch den Vertrag die Oppositionsmöglichkeiten des deutschen Klerus geschwächt, den seelischen Widerstand der deutschen Katholiken gebrochen und die Zentrumspartei, die im Vatikan eher weniger geschätzte Vertretung des politischen Katholizismus, ohne Gegenleistung geopfert. Auf der anderen Seite habe das Reichskonkordat Hitler und den Nationalsozialismusinternational aufgewertet und den zentralistischen vatikanischen Einfluss auf die deutsche Kirche verstärkt.

In der Tat wollte der Vatikan die Gelegenheit, der katholischen Kirche einen einklagbaren Spielraum zu sichern und sich im Konfliktfall auf eine völkerrechtliche Vereinbarung berufen zu können, nicht vorbeigehen lassen. Immerhin enthielt das Konkordat allgemeine Garantien für die ungehinderte Seelsorge, beendete zumindest vorübergehend die Verfolgung der Geistlichen, versprach die Erhaltung des Verbandskatholizismus, regelte Fragen der finanziellen Unterstützung der Kirche, garantierte den Erhalt der theologischen Fakultäten, der Bekenntnisschulen und des Religionsunterrichts. Es war ja auch tatsächlich ein großer Vorteil, dass die katholische Kirche auch nach 1933 nicht in die Illegalität abgedrängt war wie Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern national und international organisiert blieb und sich offen ihrer dichten Infrastruktur bedienen konnte.

Es ist richtig, dass Hitler aus dem Vertragsabschluß propagandistische Erwartungen ableitete: »Durch den Abschluss des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und der Deutschen Reichsregierung scheint mir genügend Gewähr dafür gegeben, dass sich die Reichsangehörigen des römisch-katholischen Bekenntnisses von jetzt ab rückhaltlos in den Dienst des neuen nationalsozialistischen Staates stellen werden« (8.7.1933, in: L. VOLK, Der bayerische Episkopat, S. 121 f.). Dass das Konkordat in seiner Wirkung den Loyalitätsdruck auf die deutschen Bischöfe tatsächlich erhöht und später den deutschen Katholiken den Widerstand erschwert haben soll, ist jedoch bisher nicht glaubhaft nachgewiesen worden. Die zeitgenössische Presse sah jedenfalls die Kirche als moralische Siegerin, das Angebot der Nationalsozialisten hatte nicht nur die Bedingungen erfüllt, an denen in der Weimarer Republik noch alle Verhandlungen gescheitert waren, sondern war sogar darüber hinausgegangen. Die NS-Monatshefte rechneten noch beim Tod Pius XI. das Reichskonkordat zu den größten Erfolgen seines Pontifikats.

Pacelli sah das Dritte Reich zu keinem Zeitpunkt als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Ausbreitung des Bolschewismus durch die Sowjetunion und riet auch Pius XI. dringend davon ab, solche Pläne in Erwägung zu ziehen. Aus der eindeutigen Ablehnung des Bolschewismus in Theorie und Praxis ergab sich keine Unterstützung des Nationalsozialismus.„Beide sind materialistisch, antireligiös, totalitär, tyrannisch, grausam und militaristisch“ erklärte das vatikanische Staatssekretariat am 30. Mai 1943 dem britischen Geschäftsträger.

Für die Auseinandersetzung mit den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hatte die Glaubenskongregation unter aktiver Beteiligung des Kardinalstaatssekretärs Pacelli bereits 1935/1936 Gutachten ausarbeiten lassen, die den Nationalismus, Rassismus, Kommunismus und Totalitarismus gleichermaßen als Häresien verurteilten. Am 18. November 1936, 14 Tage nach dem Gespräch des Kardinals Faulhaber mit Adolf Hitler, verzichtete das Hl. Offizium aber auf den Plan einer gemeinsamen Verurteilung dieser Irrlehren. Stattdessen kam es im März 1937 zunächst zur Veröffentlichung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die sicher nicht erschienen wäre, wenn Papst Pius XI. die kurzzeitige Hoffnung von 1933 auf eine antibolschewistische Kooperation mit dem Nationalsozialismusimmer noch gehegt hätte. Wenige Tage später erschien die Enzyklika Divini Redemptoris mit einer scharfen Kritik am atheistischen Kommunismus. 1938 folgte dann der sog. „Rassensyllabus“ und der Auftrag Papst Pius’ XI. zu einer Rassenenzyklika, die dann aber vor seinem Tod nicht mehr erscheinen konnte und deshalb als „Unterschlagene Enzyklika“ erst vor 10 Jahren „wiederentdeckt“ wurde.

Die Beziehung Pacelli – Hitler war eine Beziehung gegenseitiger Abneigung ohne persönlichen Kontakt. Für Pacelli gab es weder weltanschaulich noch persönlich irgendeine Verbindung zu Adolf Hitler. Allein Pacellis Münchener Erfahrungen mit kommunistischen und nationalsozialistischen Bewegungen hätten dafür ausreichen können, keinerlei Sympathien für die eine oder andere Ideologie mehr zu empfinden. Von der Beurteilung der katholikenfeindlichen Vorkommnisse während des Hitler-Putsches 1923 über die zahlreichen internen Protestschreiben wegen der permanenten Konkordatsverletzungen ab 1933 bis zur Enzyklika „Mit brennender Sorge“ 1937, die von Kardinal Faulhaber entworfen und von Pacelli politisch zugespitzt worden war, ist die Einschätzung Hitlers und seiner Partei unmissverständlich klar. Pacellis 1929 beim Abschied aus Deutschland festgehaltener Eindruck von Hitler hat sich später nicht mehr verändert, wurde aber vielfach bestätigt: „Ich müsste mich sehr täuschen, wenn dies hier ein gutes Ende nehmen sollte. Dieser Mensch ist völlig von sich selbst besessen, alles, was nicht ihm dient, verwirft er, was er sagt und schreibt, trägt den Stempel seiner Selbstsucht, dieser Mensch geht über Leichen und tritt nieder, was ihm im Weg ist. Ich kann nur nicht begreifen, dass selbst so viele von den Besten in Deutschland dies nicht sehen. .Wer von all diesen hat überhaupt das haarsträubende Buch „Mein Kampf“ gelesen?“ (Verabschiedung bei Bischöfen 1929, übernommen aus P. Lehnert, S.42).

Diplomatisch zurückhaltender schrieb Pacelli am 28. April 1937 an den damaligen Wiener Nuntius Amleto Cicognani: „Um die Wahrheit zu sagen: Die starken Feindschaftsgefühle gegenüber der Kirche seitens des gegenwärtigen Kanzlers des Deutschen Reichs sind hier seit langem bekannt“ (zitiert nach Godman, 218). Zwei ungeschützte, erst kürzlich bekannt gewordene Äußerungen aus Gesprächen mit Diplomaten von 1937 und 1938 passen bestätigend in dieses Bild. Hitler sei, so Pacelli, ein „nicht vertrauenswürdiger Halunke“ und eine „grundsätzlich böse Person“, mit der jeder politische Kompromiss definitiv ausgeschlossen sei. „Pius XII.?“, wird Hitler 1944 zitiert, „dies ist der einzige Mensch, der mir immer widersprochen und niemals gehorcht hat.“

Das „Schweigen“ des Papstes und die Ermordung der europäischen Juden

Die These vom „Papst, der geschwiegen hat“ ist für viele offenbar so unmittelbar einleuchtend, dass sie inzwischen häufig als eine selbstverständliche Tatsache präsentiert wird, die nicht mehr überprüft werden muss. Die Frage ist dann nur noch, welche Konsequenzen dieses schuldhafte Verhalten haben muss.

Wenn wir uns an dieser Stelle einmal einen Moment über die Vorgaben der political correctness hinwegsetzen und trotzdem nachfragen, wie es eigentlich gewesen ist, stoßen wir auf eine Fülle schriftlicher Zeugnisse, die die Nachlässe von Päpsten, die nicht geschwiegen haben, weit übersteigt: 41 Enzykliken, 4 Apostolische Konstitutionen, 3 Motu proprii, 14 Apostolische Schreiben und 1400 Ansprachen mit Stellungnahmen zu fast allen Zeitfragen bei Audienzen, in Printmedien und Radioansprachen. Allein die Textsammlung „Soziale Summe“ umfasst für das Pontifikat Pius XII. mehr als 4000 Druckseiten. Ausgerechnet Pius XII., der in den Texten des II. Vatikanischen Konzils meistzitierte Theologe, soll also geschwiegen haben?

„Um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen, ist längst keine Forschung mehr notwendig“ (Brechenmacher, Katholizismusforschung, 96). Die vielfältigen, bereits vorliegenden Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung beziehen sich sowohl auf tatsächliche Stellungnahmen als auch auf die vielfältigen Formen humanitärer Unterstützung und diplomatischer Hilfe, für deren Erfolg es unabdingbar war, dass sie gerade nicht vor aller Augen passierten.

In der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937) (n. 12) heißt es: „Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung … zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“ In diesem Satz der Enzyklika, so urteilte Papst Pius XII. 1945, „gipfelt der aufs Letzte gehende Widerstreit zwischen dem nationalsozialistischen Staat und der katholischen Kirche. Wo es soweit gekommen war, konnte die Kirche, ohne ihrer Sendung untreu zu werden, nicht länger darauf verzichten, vor der ganzen Welt Stellung zu nehmen.“ (Ansprache Pius’ XII. „Con sempre“ an das Kardinalskollegium über den Nationalsozialismus 2. Juni 1945, n. 15).

In seiner Weihnachtsansprache 1942 prangerte Pius XII. öffentlich die Verfolgung der Hunderttausende an, „die persönlich schuldlos, manchmal nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen, dem Tod geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.“ Pius XII. wurde damals kritisiert, weil er weder die Juden noch die Nationalsozialisten beim Namen genannt hatte. Der Papst war davon ausgegangen, dass auch so jedem Zuhörer klar sein musste, wer gemeint war. Aber selbst vatikanintern war man an diesem Punkt nicht ganz einer Meinung. Der prompte Protest des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl zeigte dann, dass die Botschaft auch in dieser Form des uneigentlichen Sprechens ankommen konnte. Die Nationalsozialisten reagierten empört, der Papst habe damit seine Neutralität aufgegeben, zu der ihn die Lateran-Verträge verpflichteten. Die Rede sei „eine einzige Attacke gegen alles, für das wir einstehen. Der Papst sagt, dass Gott alle Völker und Rassen gleichwertig ansieht. Hier spricht er deutlich zugunsten der Juden … Er beschuldigt das deutsche Volk, Ungerechtigkeiten gegenüber den Juden zu begehen, und macht sich zum Sprecher der jüdischen Kriegsverbrecher“  (SD 1942).

Gegen das von vielen Seiten erwartete offene Wort sprach, dass davon „kein praktischer Erfolg zu erwarten ist und dass durch einen solchen Schritt die noch mögliche Arbeit auch gefährdet werden könnte“ (heißt es in einem Bericht für die Fuldaer Bischofskonferenz aus dem Sommer 1942). Dazu kam als durchgehende Konstante im Leben des rationalen Juristen und Diplomaten Pacelli die Versuchung, in der Abwägung moralischer Erfordernisse gegen mögliche Erfolgsaussichten eher zögerlich-zaudernd alles bedenken zu wollen. Pius hielt an seinen honorigen Spielregeln auch dann noch unbeirrt fest, als diese von der Geschichte längst außer Kraft gesetzt worden waren.

Ein abschreckendes Beispiel bildete zudem die Reaktion der Nationalsozialisten auf den öffentlichen Protest der niederländischen Bischöfe gegen die Verfolgung der Juden. Am 26. Juli 1942 wurde in allen niederländischen Kirchen ein Hirtenbrief von Erzbischof Johannes de Jong von Utrecht verlesen, in dem scharf gegen die Deportation der niederländischen Juden protestiert wurde. Gleichzeitig wurde ein Protesttelegramm der Kirchen an die deutsche Besatzungsmacht veröffentlicht. Die Deutschen reagierten darauf wie angekündigt mit der Deportation auch der katholisch getauften Juden, die bis dahin von den Verfolgungsmaßnahmen verschont geblieben waren, darunter die Philosophin Sr. Teresia Benedicta a Cruce Edith Stein. Das Beispiel der Niederlande veranlasste Pius XII. zu noch größerer Zurückhaltung, weil es einerseits zeigte, dass die Angst vor den Reaktionen der Nationalsozialisten auf öffentliche Proteste durchaus begründet war, und andererseits deutlich wurde, dass dieses offene Wort keine Verbesserung der Lage bewirken konnte.

Damals ging es nicht in erster Linie darum, was der Papst sagte oder worüber er schwieg, sondern darum, was er getan hat. Statt auf einen öffentlichen Protest konzentrierte Pius XII. seine Anstrengungen auf die humanitäre Unterstützung der Verfolgten. In den mit Deutschland verbündeten, aber nicht direkt von Deutschland beherrschten Ländern waren die Einflussmöglichkeiten des Vatikans je nach Einstellung der Regierungen größer als in Deutschland selbst. In verschiedenen Ländern protestierten die katholischen Bischöfe und päpstlichen Nuntien gemeinsam gegen antisemitische Gesetze und die Verfolgung der Juden.

Der Vatikan nutzte seine Kontakte zu freien Staaten dazu, getauften Juden die Einreise in diese Staaten zu ermöglichen, und beschafft e z.B. 3000 Einreisegenehmigungen für Brasilien. Ferner unterstützte er die Emigration von Juden, indem er die Überfahrt in die USA finanziell ermöglichte. Die caritative Hilfe wurde aber auch für die wirtschaftliche Unterstützung von Familien eingesetzt, denen ab Herbst 1941 die Emigration nicht mehr möglich war. Der Vatikan kümmerte sich um die Freilassung internierter Juden und speziell um die Rettung der Juden von Rom. Pius XII. konnte zwar nicht verhindern, dass die am 16. Oktober 1943 aufgegriffenen etwa 1000 Juden ermordet wurden. Die sofortige, von Pius XII. über den sonst nur als Fluchthelfer für NS-Größen erwähnten Bischof Hudal eingeleitete Reaktion führte aber dazu, dass nach dem 17. Oktober keine Massendeportationen aus Rom mehr stattf anden. Bereits vor dieser Razzia konnte die Hälfte der etwa 8000 in Rom lebenden Juden in kirchlichen Einrichtungen untertauchen, in Klöstern, Konventen, Kinderheimen, Waisenhäusern, auch im Vatikan selbst (1964 wurde durch den Bericht der New Yorker jüdischen Zeitung „Wiedergutmachung” bekannt, ein reicher italienischer Jude habe den Heiligen Stuhl als Haupterben eingesetzt, um sich für die Zuflucht zu bedanken, die ihm in den Kriegsjahren im Vatikan gewährt worden war). Die Darstellung dieser Vorgänge bei Hochhuth, der Papst habe selbst dann noch geschwiegen, als die Juden „unter seinen eigenen Fenstern“ abtransportiert wurden, ist emotional aufgeladene Geschichtsklitterung.

Lassen Sie mich zum Ende dieses ersten Teils noch eine Überlegung von P. Alfred Delp anfügen. Er schrieb in der Sylvesternacht 1944/1945 in seiner Todeszelle in Plötzensee in sein Tagebuch: „Gewiss wird man später einmal feststellen, dass der Papst seine Pflicht und mehr als das getan hat. Dass er Frieden anbot, Friedensmöglichkeiten suchte, geistige Voraussetzungen für die Ermöglichung des Friedens proklamierte, für Gefangene sorgte, Almosen spendete, nach Vermissten suchte usw. Das alles weiß man mehr oder weniger heute schon, es wird sich nur um eine Mehrung der Quantität handeln, die wir später aus den Archiven erfahren“ (P. Alfred Delp, Aufzeichnungen aus der Todeszelle in Plötzensee, Silvesternacht 1944/1945). Die Tagebuchnotizen P. Alfred Delps erinnern freilich uns alle noch einmal daran, dass das Thema Pius XII. und der Nationalsozialismus nicht das Thema einer anonymen Institution und nicht das Thema eines umstrittenen Papstes allein sein kann, sondern unversehens zur Anfrage an uns alle wird.

Christus hat seiner Kirche zugesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28,20). Aus dieser Verheißung Christi erfuhr Papst Pius XII. selbst Kraft für sein segensvolles Wirken in einer bewegten Zeit. Sie ermuntert auch uns, die Liebe Christi und seine Friedensherrschaft auszubreiten in den Turbulenzen der Gegenwart. Das Lehramt des „doctor optimus“ schenkt uns dabei reiche geistige Nahrung, die auch in der Zukunft ihre Früchte zeigen wird.

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Quelle

 

DIE FATIMA-WEIHEAKTE DER PÄPSTE

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RADIOMESSAGGIO DI SUA SANTITÀ PIO XII

PREGHIERA PER LA CONSACRAZIONE DELLA CHIESA
E DEL GENERE UMANO AL CUORE IMMACOLATO DI MARIA*

Sabato, 31 ottobre 1942

 

Regina del Santissimo Rosario, ausilio dei cristiani, rifugio del genere umano, vincitrice di tutte le battaglie di Dio! supplici ci prostriamo al vostro trono, sicuri di impetrare misericordia e di ricevere grazie e opportuno aiuto e difesa nelle presenti calamità, non per i nostri meriti, dei quali non presumiamo, ma unicamente per l’immensa bontà del vostro materno Cuore.

A Voi, al vostro Cuore Immacolato, in quest’ora tragica della storia umana, ci affidiamo e ci consacriamo, non solo in unione con la Santa Chiesa, corpo mistico del vostro Gesù, che soffre e sanguina in tante parti e in tanti modi tribola, ma anche con tutto il mondo straziato da feroci discordie, riarso in un incendio di odio, vittima della propria iniquità.

Vi commuovano tante rovine materiali e morali; tanti dolori, tante angoscie di padri e di madri, di sposi, di fratelli, di bambini innocenti; tante vite in fiore stroncate; tanti corpi lacerati nell’orrenda carneficina; tante anime torturate e agonizzanti, tante in pericolo di perdersi eternamente!

Voi, o Madre di misericordia, impetrateci da Dio la pace! e anzitutto quelle grazie che possono in un istante convertire i cuori umani, quelle grazie che preparano, conciliano, assicurano la pace! Regina della pace, pregate per noi e date al mondo in guerra la pace che i popoli sospirano, la pace nella verità, nella giustizia, nella carità di Cristo. Dategli la pace delle armi e la pace delle anime, affinché nella tranquillità dell’ordine si dilati il regno di Dio.

Accordate la vostra protezione agli infedeli e a quanti giacciono ancora nelle ombre della morte; concedete loro la pace e fate che sorga per essi il Sole della verità, e possano, insieme con noi, innanzi all’unico Salvatore del mondo ripetere: Gloria a Dio nel più alto dei cieli e pace in terra agli uomini di buona volontà! (Luc. 2, 14).

Ai popoli separati per l’errore o per la discordia, e segnatamente a coloro che professano per Voi singolare devozione, e presso i quali non c’era casa ove non si tenesse in onore la vostra veneranda icone (oggi forse occultata e riposta per giorni migliori), date la pace e riconduceteli all’unico ovile di Cristo, sotto l’unico e vero Pastore.

Ottenete pace e libertà completa alla Chiesa santa di Dio; arrestate il diluvio dilagante del neopaganesimo; fomentate nei fedeli l’amore alla purezza, la pratica della vita cristiana e lo zelo apostolico, affinché il popolo di quelli che servono Dio aumenti in meriti e in numero.

Finalmente, siccome al Cuore del vostro Gesù furono consacrati la Chiesa e tutto il genere umano, perché, riponendo in Lui ogni speranza, Egli fosse per loro segno e pegno di vittoria e salvezza; così parimenti noi in perpetuo ci consacriamo anche a Voi, al vostro Cuore Immacolato, o Madre nostra e Regina del mondo : affinché il vostro amore e patrocinio affrettino il trionfo del Regno di Dio, e tutte le genti, pacificate tra loro e con Dio, Vi proclamino beata, e con Voi intonino, da un’estremità all’altra della terra, l’eterno Magnificat di gloria, amore, riconoscenza al Cuore di Gesù, nel quale solo possono trovare la Verità la Vita e la Pace.

*Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, IV,
Quarto anno di Pontificato, 2 marzo 1942 – 1° marzo 1943, pp. 453-454
Tipografia Poliglotta Vaticana

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Quelle – Deutsch: „Weihe der Welt an das Unbefleckte Herz Mariens am 31. Oktober 1942 durch Papst Pius XII.


CARTA DE SU SANTIDAD JUAN XXIII
AL CARDENAL PATRIARCA DE LISBOA
CON MOTIVO DE LA SEGUNDA PEREGRINACIÓN NACIONAL
DE PORTUGAL A FÁTIMA

 

Podemos imaginar el ardor espiritual que prepara la Segunda Peregrinación Nacional de Portugal a Fátima y exultamos pensando en las multitudes que se congregarán en aquellas alturas donde parece que la Virgen Santísima erigió el trono de sus misericordias.

El acontecimiento constituirá un singular espectáculo de fe: fiesta de almas que, deteniéndose a meditar sobre las virtudes y triunfos de la Reina y Madre del cielo. secundando sus invitaciones a la oración y a la penitencia, encuentran el fervor de la aproximación a Dios y el estímulo para una observancia más fiel a su ley. Esta es la misión de bondad y de misericordia de María: dirigir y exhortar a sus devotos hacia el camino que conduce a Jesucristo salvador por las vías de una sincera enmienda, e inspirar a los corazones reconfortados pensamiento de amor y de perdón para con los hermanos, a fin de glorificar juntamente con ellos al Padre Celestial y elevar todos unidos la invocación: „Fiat voluntas tua, sicut im coelo et in terra“.

Con serena confianza Nos vemos en tal celebración un feliz presagio del anhelado reflorecimiento de la vida cristiana a que mira con ansia constante nuestro corazón de Padre y Pastor universal. Acoja benignamente la Virgen piadosísima, Mater divinae gratiae, la ardiente súplica de todos por la dilatación del reino de Dios en las almas, en las familias, en la sociedad: por la celebración, cuando plazca al Señor, del II Concilio Ecuménico Vaticano, y por el advenimiento de la concordia fraternal y de la paz entre los pueblos.

Con tales sentimientos y votos paternales bendecimos efusivamente a los presentes y a cuantos, por medio de la radio y de la televisión, siguen las ceremonias sagradas. Deseando, además, dar mayor solemnidad a la clausura de la peregrinación, concedemos gustosamente a ti, querido hijo, la facultad de dar en nuestro nombre y con nuestra autoridad, la bendición apostólica con indulgencia plenaria aneja que los presentes en la misa pontifical pueden lucrar en las condiciones acostumbradas.

Del Vaticano, 8 de octubre de 1961.

IOANNES PP. XXIII

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Quelle


Papst-Paul-VI.--13.05.1967

PELLEGRINAGGIO AL SANTUARIO DI NOSTRA SIGNORA DI FÁTIMA

SANTA MESSA NELLA BASILICA DI FÁTIMA

OMELIA DI PAOLO VI

Sabato, 13 maggio 1967

 

Tanto è il Nostro desiderio di onorare la Ss.ma Vergine Maria, Madre di Cristo, e perciò Madre di Dio e Madre nostra, tanta è la Nostra fiducia nella sua benevolenza verso la santa Chiesa e verso il Nostro apostolico ufficio, tanto è il Nostro bisogno della sua intercessione presso Cristo, suo Figlio divino, che Noi siamo venuti umili e fidenti pellegrini a questo Santuario benedetto, dove si celebra oggi il 50° delle apparizioni di Fatima e dove si commemora il 25° della consacrazione del mondo al Cuore Immacolato di Maria.

IL SALUTO E LA LETIZIA DEL PADRE

E siamo lieti d’incontrarCi con voi, Fratelli e Figli carissimi, e di associarvi tutti alla professione della Nostra devozione a Maria Ss.ma e alla Nostra preghiera, affinché più manifesta e più filiale sia la comune venerazione, e più viva e più accetta sia la Nostra invocazione.

Noi vi salutiamo, Fratelli e Figli qui presenti, voi specialmente cittadini di questa illustre Nazione, che nella sua lunga storia ha dato alla Chiesa Uomini santi e grandi e un Popolo operoso e credente; voi salutiamo, pellegrini venuti da queste regioni e venuti da lontano; e voi fedeli della santa Chiesa cattolica, che da Roma, dalle vostre terre e dalle vostre case, sparse in tutto il mondo, siete ora spiritualmente rivolti a questo altare, tutti, tutti vi salutiamo. Noi celebriamo ora con voi e per voi la Santa Messa, e insieme ci componiamo come figli d’una stessa famiglia vicino alla Madre celeste per essere ammessi, nella celebrazione del Santo Sacrificio, a più stretta e salutare comunione con Cristo nostro Signore e nostro Salvatore.

Nessuno Noi vogliamo escludere da questo spirituale ricordo, perché tutti vogliamo partecipi delle grazie, che qui ora impetriamo dal Cielo: vi portiamo nel cuore, voi, Fratelli nell’Episcopato, voi, Sacerdoti, e voi, Religiosi e Religiose, che a Cristo siete consacrati con amore totale; voi, Famiglie cristiane, abbiamo presenti; voi, Laici carissimi, che volete collaborare col Clero per l’incremento del regno di Dio; voi, giovani e fanciulli, che vorremmo avere tutti a Noi d’intorno; e voi tutti che siete tribolati e affaticati, voi malati e piangenti, che certamente ricordate come Cristo a Sé vi chiami per farvi soci della sua Passione redentrice e per consolarvi. Il Nostro sguardo si spinge anche a tutti i Cristiani non cattolici, ma fratelli nostri nel battesimo, per i quali la Nostra memoria è speranza di perfetta comunione nell’unità voluta dal Signore Gesù. E si allarga a tutto il mondo: Noi non vogliamo che la Nostra carità abbia confine, e in questo momento la estendiamo alla intera umanità, a tutti i Governanti e a tutti i Popoli della terra.

SIA LA CHIESA: VIVA, VERA, UNITA, SANTA

Voi sapete quali siano le Nostre intenzioni speciali, che vogliono caratterizzare questo pellegrinaggio. Qui le ricordiamo, affinché diano voce alla Nostra preghiera e siano lume a quanti Ci ascoltano.

La prima intenzione è la Chiesa; la Chiesa una, santa, cattolica ed apostolica. Vogliamo pregare, abbiamo detto, per la sua pace interiore. Il Concilio Ecumenico ha risvegliato molte energie nel seno della Chiesa, ha aperto più ampie visioni nel campo della sua dottrina, ha chiamato tutti i suoi figli a più chiara coscienza, a più intima collaborazione, a più alacre apostolato. A Noi preme che tanto beneficio e tale rinnovamento si conservino e si accrescano. Quale danno sarebbe se un’interpretazione arbitraria e non autorizzata dal magistero della Chiesa facesse di questo risveglio un’inquietudine dissolvitrice della sua tradizionale e costituzionale compagine, sostituisse alla teologia dei veri e grandi maestri ideologie nuove e particolari, intese a togliere dalla norma della fede quanto il pensiero moderno, privo spesso di luce razionale, non comprende o non gradisce, e mutasse l’ansia apostolica della carità redentrice nell’acquiescenza alle forme negative della mentalità profana e del costume mondano! Quale delusione sarebbe il nostro sforzo di avvicinamento universale se non offrisse ai Fratelli cristiani, tuttora da noi divisi, e all’umanità priva della nostra fede nella sua schietta autenticità e nella sua originale bellezza il patrimonio di verità e di carità, di cui la Chiesa è depositaria e dispensatrice!

Noi vogliamo chiedere a Maria una Chiesa viva, una Chiesa vera, una Chiesa unita, una Chiesa santa. Noi ora con voi vogliamo pregare, affinché le speranze e le energie, suscitate dal Concilio, abbiano a maturare in larghissima misura i frutti di quello Spirito Santo, di cui domani, Pentecoste, la Chiesa celebra la festa, e da cui proviene la vera vita cristiana; i frutti enumerati dall’Apostolo Paolo: «la carità, il gaudio, la pace, la longanimità, la benignità, la bontà, la fedeltà, la mitezza, la temperanza» (Gal. 5, 22). Noi vogliamo pregare affinché il culto di Dio ancora e sempre primeggi nel mondo, e la sua legge informi la coscienza ed il costume dell’uomo moderno. La fede in Dio è la luce suprema dell’umanità; e questa luce non solo non deve spegnersi nel cuore degli uomini, ma deve piuttosto ravvivarsi per lo stimolo che le viene dalla scienza e dal progresso.

IL CONFORTO PER QUANTI SOFFRONO A CAUSA DELLA FEDE

Questo pensiero, che anima e agita la Nostra preghiera, porta in questo momento il Nostro ricordo a quei paesi nei quali la libertà religiosa è praticamente oppressa, e dove la negazione di Dio è promossa quasi essa rappresenti la verità dei tempi nuovi e la liberazione dei popoli, mentre così non è. Noi preghiamo per tali paesi; Noi preghiamo per i fratelli credenti di quelle nazioni, affinché l’intima forza di Dio li sostenga e la vera e civile libertà sia loro concessa.

E così la seconda intenzione del Nostro pellegrinaggio riempie l’animo Nostro: il mondo, la pace del mondo.

Voi sapete come la coscienza della missione della Chiesa nel mondo, una missione di amore e di servizio, sia oggi, dopo il Concilio, resa assai vigilante ed operante. Voi sapete come il mondo sia in una fase di grande trasformazione a causa del suo enorme e meraviglioso progresso nella conoscenza e nella conquista delle ricchezze della terra e dell’universo. Ma sapete e vedete come il mondo non è felice, non è tranquillo; e la prima causa di questa sua inquietudine è la difficoltà alla concordia, la difficoltà alla pace. Tutto sembra spingere il mondo alla fratellanza, all’unità; ed invece in seno all’umanità scoppiano ancora, e tremendi, continui conflitti. Due motivi principali rendono perciò grave questa situazione storica dell’umanità: essa è carica di armi terribilmente micidiali; ed essa non è moralmente così progredita come lo è nel campo scientifico e tecnico. Per di più, molta parte dell’umanità è tuttora in stato d’indigenza e di fame, mentre si è svegliata in essa la inquieta consapevolezza dei suoi bisogni e dell’altrui benessere. Perciò, Noi diciamo, il mondo è in pericolo. Perciò Noi siamo venuti ai piedi della Regina della pace a domandarle come dono, che solo Dio può dare, la pace.

LA PACE ESIGE ACCETTAZIONE E COLLABORAZIONE DELL’UOMO

È la pace, sì, un dono di Dio, che suppone l’intervento d’una sua azione, estremamente buona, misericordiosa e misteriosa. Ma non è sempre un dono miracoloso; è un dono che compie i suoi prodigi nel segreto dei cuori degli uomini; un dono perciò che ha bisogno d’una libera accettazione e d’una libera collaborazione. E allora la Nostra preghiera, dopo d’essersi rivolta al Cielo, si rivolge agli uomini di tutto il mondo: Uomini, Noi diciamo in questo singolare momento, uomini, procurate d’essere degni del dono divino della pace. Uomini, siate uomini. Uomini, siate buoni, siate saggi, siate aperti alla considerazione del bene totale del mondo. Uomini, siate magnanimi. Uomini, sappiate vedere il vostro prestigio e il vostro interesse, non contrari, ma solidali col prestigio e con l’interesse altrui. Uomini, non pensate a progetti di distruzione e di morte, di rivoluzione e di sopraffazione; pensate a progetti di comune conforto e di solidale collaborazione. Uomini, pensate alla gravità e alla grandezza di quest’ora, che può essere decisiva per la storia della presente e della futura generazione; e ricominciate ad avvicinarvi gli uni agli altri con pensieri di costruire un mondo nuovo; sì, il mondo degli uomini veri, il quale non potrà mai essere tale senza il sole di Dio sul suo orizzonte. Uomini, ascoltate mediante l’umile e tremante voce Nostra, l’eco sonante della Parola di Cristo: «Beati i mansueti, perché possiederanno la terra; beati i pacifici, perché saranno chiamati figli di Dio»!

LA PREGHIERA E LA PENITENZA

Vedete, Figli e Fratelli, che qui Ci ascoltate, come il quadro del mondo e dei suoi destini qui si presenta immenso e drammatico. È il quadro che la Madonna ci apre davanti, il quadro che contempliamo con occhi esterrefatti, ma sempre fidenti; il quadro al quale ci appresseremo sempre – e ne facciamo promessa – seguendo il monito che la Madonna stessa ci ha dato; quello della preghiera e della penitenza; e voglia perciò Iddio che questo quadro del mondo non abbia mai più a registrare lotte, tragedie e catastrofi; ma le conquiste dell’amore e le vittorie della pace.

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Quelle (Siehe auch: „Signum magnum“ (italienisch) und „Signum magnum“ (deutsch)!)


Pope John Paul II kneels in prayer at the foot of the statue of Our Lady of Fatima in Portugal May 13, 1982, a year to the day after an assailant shot and seriously wounded him. The pope consecrated the world to Mary at the Fatima shrine in 1982. (CNS file photo) (Aug. 29, 2003) See POPE25-OVERVIEW and POPE25-MARY Aug. 28, 2003. (b/w only)

PREGHIERA DEL SANTO PADRE GIOVANNI PAOLO II
DI AFFIDAMENTO E DI CONSACRAZIONE
ALLA VERGINE

Fatima
Giovedì, 13 maggio 1982

 

“Sotto la tua protezione cerchiamo rifugio, santa Madre di Dio”!

1. Pronunciando le parole di questa antifona, con la quale la Chiesa di Cristo prega da secoli, mi trovo oggi in questo luogo da te scelto e da te, Madre, particolarmente amato.

Sono qui, unito con tutti i Pastori della Chiesa in quel particolare vincolo, mediante il quale costituiamo un corpo e un collegio, così come Cristo volle gli Apostoli in unità con Pietro.

Nel vincolo di tale unità, pronunzio le parole del presente Atto, in cui desidero racchiudere, ancora una volta, le speranze e le angosce della Chiesa nel mondo contemporaneo.

Quaranta anni fa e poi ancora dieci anni dopo il tuo servo, il Papa Pio XII, avendo davanti agli occhi le dolorose esperienze della famiglia umana, ha affidato e consacrato al tuo Cuore Immacolato tutto il mondo e specialmente i popoli che erano particolare oggetto del tuo amore e della tua sollecitudine.

Questo mondo degli uomini e delle nazioni ho davanti agli occhi anch’io oggi, nel momento in cui desidero rinnovare l’affidamento e la consacrazione compiuta dal mio predecessore nella Sede di Pietro: il mondo del secondo millennio che sta per terminare, il mondo contemporaneo, il nostro mondo odierno!

La Chiesa memore delle parole del Signore: “Andate . . . e ammaestrate tutte le nazioni . . . Ecco, io sono con voi tutti i giorni, fino alla fine del mondo” (Mt 28, 19-20), ha rinnovato, nel Concilio Vaticano II, la coscienza della sua missione in questo mondo.

E perciò, o Madre degli uomini e dei popoli, tu che “conosci tutte le loro sofferenze e le loro speranze”, tu che senti maternamente tutte le lotte tra il bene e il male, tra la luce e le tenebre, che scuotono il mondo contemporaneo, accogli il nostro grido che, come mossi dallo Spirito Santo, rivolgiamo direttamente al tuo Cuore e abbraccia, con l’amore della Madre e della Serva, questo nostro mondo umano, che ti affidiamo e consacriamo, pieni di inquietudine per la sorte terrena ed eterna degli uomini e dei popoli.

In modo speciale ti affidiamo e consacriamo quegli uomini e quelle nazioni, che di questo affidamento e di questa consacrazione hanno particolarmente bisogno.

“Sotto la tua protezione cerchiamo rifugio, santa Madre di Dio”!

Non disprezzare le suppliche di noi che siamo nella prova!

Non disprezzare!

Accogli la nostra umile fiducia – e il nostro affidamento!

2. “Dio infatti ha tanto amato il mondo da dare il suo Figlio unigenito, perché chiunque crede in lui non muoia, ma abbia la vita eterna” (Gv 3, 16). Proprio questo amore ha fatto sì che il Figlio di Dio abbia consacrato se stesso: “Per loro io consacro me stesso, perché siano anch’essi consacrati nella verità” (Gv 17, 19).

In forza di quella consacrazione i discepoli di tutti i tempi sono chiamati a impegnarsi per la salvezza del mondo, ad aggiungere qualcosa ai patimenti di Cristo a favore del suo Corpo che è la Chiesa (cf. 2 Cor 12, 15; Col 1, 24).

Davanti a te, Madre di Cristo, dinanzi al tuo Cuore Immacolato, io desidero oggi, insieme con tutta la Chiesa, unirmi col Redentore nostro in questa sua consacrazione per il mondo e per gli uomini, la quale solo nel suo Cuore divino ha la potenza di ottenere il perdono e di procurare la riparazione.

La potenza di questa consacrazione dura per tutti i tempi ed abbraccia tutti gli uomini, i popoli e le nazioni, e supera ogni male, che lo spirito delle tenebre è capace di ridestare nel cuore dell’uomo e nella sua storia e che, di fatto, ha ridestato nei nostri tempi.

A questa consacrazione del nostro Redentore, mediante il servizio del successore di Pietro, si unisce la Chiesa, Corpo mistico di Cristo.

Oh, quanto profondamente sentiamo il bisogno di consacrazione per l’umanità e per il mondo: per il nostro mondo contemporaneo, nell’unità con Cristo stesso! L’opera redentrice di Cristo, infatti, deve essere partecipata dal mondo per mezzo della Chiesa.

Oh, quanto ci fa male, quindi, tutto ciò che nella Chiesa e in ciascuno di noi si oppone alla santità e alla consacrazione! Quanto ci fa male che l’invito alla penitenza, alla conversione, alla preghiera, non abbia riscontrato quell’accoglienza che doveva!

Quanto ci fa male che molti partecipino così freddamente all’opera della Redenzione di Cristo! Che così insufficientemente si completi nella nostra carne “quello che manca ai patimenti di Cristo” (Col 1, 24).

Siano quindi benedette tutte le anime, che obbediscono alla chiamata dell’eterno Amore! Siano benedetti coloro che, giorno dopo giorno, con inesausta generosità accolgono il tuo invito, o Madre, a fare quello che dice il tuo Gesù (cf. Gv 2, 5) e danno alla Chiesa e al mondo una serena testimonianza di vita ispirata al Vangelo.

Sii benedetta sopra ogni cosa tu, Serva del Signore, che nel modo più pieno obbedisci alla Divina chiamata!

Sii salutata tu, che sei interamente unita alla consacrazione redentrice del tuo Figlio!

Madre della Chiesa! Illumina il Popolo di Dio sulle vie della fede, della speranza e della carità! Aiutaci a vivere con tutta la verità della consacrazione di Cristo per l’intera famiglia umana del mondo contemporaneo.

3. Affidandoti, o Madre, il mondo, tutti gli uomini e tutti i popoli, ti affidiamo anche la stessa consacrazione per il mondo, mettendola nel tuo Cuore materno.

Oh, Cuore Immacolato! Aiutaci a vincere la minaccia del male, che così facilmente si radica nei cuori degli stessi uomini d’oggi e che nei suoi effetti incommensurabili già grava sulla nostra contemporaneità e sembra chiudere le vie verso il futuro!

Dalla fame e dalla guerra, liberaci!

Dalla guerra nucleare, da una autodistruzione incalcolabile, da ogni genere di guerra, liberaci!

Dai peccati contro la vita dell’uomo sin dai suoi albori, liberaci!

Dall’odio e dall’avvilimento della dignità dei figli di Dio, liberaci! Da ogni genere di ingiustizia nella vita sociale, nazionale e internazionale, liberaci!

Dalla facilità di calpestare i comandamenti di Dio, liberaci! Dai peccati contro lo Spirito Santo, liberaci! liberaci!

Accogli, o Madre di Cristo, questo grido carico della sofferenza di tutti gli uomini! Carico della sofferenza di intere società!

Si riveli, ancora una volta, nella storia del mondo l’infinita potenza dell’Amore misericordioso! Che esso fermi il male! Trasformi le coscienze! Nel tuo Cuore Immacolato si sveli per tutti la luce della Speranza!

Una speciale preghiera voglio ancora rivolgerti, o Madre che conosci le ansie e le preoccupazioni dei tuoi figli.

Con invocazione accorata ti supplico di interporre la tua intercessione per la pace nel mondo, tra i popoli che, in diverse regioni, contrasti di interessi nazionali o atti di ingiusta prepotenza oppongono sanguinosamente fra di loro.

Ti supplico, in particolare, perché abbiano fine le ostilità che dividono ormai da troppi giorni due grandi Paesi nelle acque dell’Atlantico meridionale, cagionando dolorose perdite di vite umane. Fa’ che si trovi finalmente una soluzione giusta e onorevole fra le due parti, non solo per la controversia che le divide e minaccia con imprevedibili conseguenze, ma anche e soprattutto per il ristabilimento fra esse della più alta e profonda armonia, quale conviene alla loro storia, alla loro civiltà, alle loro tradizioni cristiane.

Che la grave e preoccupante controversia sia presto superata e conclusa: così che anche il progettato mio viaggio pastorale in Gran Bretagna possa aver luogo felicemente, in adempimento non solo del mio desiderio, ma anche di quello di tutti coloro che questa visita ardentemente attendono ed hanno con tanto impegno e con tanto cuore preparato.

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Quelle 1 / Quelle 2 (Siehe ferner: Weihegebete von Papst Johannes Paul II.: am 13. Mai 1982 in Fatima)


collegial-consecration

INVOCAZIONE DI GIOVANNI PAOLO II
AL «CONGEDO» DELLA STATUA DELLA MADONNA DI FATIMA

Basilica Vaticana – Domenica, 25 marzo 1984

 

Fratelli e Sorelle,

prima che abbia termine questa sosta mariana nella basilica di San Pietro lasciatemi dire una parola di ringraziamento. Voglio ringraziare te, Madre di Cristo, nostra Signora da Fatima, che ci hai fatto questo onore, oggi, terza domenica di Quaresima, giorno del Giubileo delle famiglie; che ci hai fatto questa visita in un giorno così pieno della nostra fede e della nostra speranza. Come Vescovo di Roma, voglio ringraziare te, Madre di Cristo, nostra Signora di Fatima per questa tua visita nella basilica di San Pietro, in un giorno in cui questa basilica e questa piazza, riempita dai pellegrini dell’Anno Santo della Redenzione, hanno potuto assistere a un solenne, profondamente sentito, direi sofferto, atto di affidamento, atto rivolto al tuo cuore immacolato e, nel tuo cuore immacolato, rivolto al tuo Figlio, Redentore del mondo, Redentore dell’uomo. Ci fidiamo di questo tuo cuore immacolato, cuore materno, perché in questo tuo cuore hai portato lui come madre. Ci fidiamo di questo tuo cuore materno, perché con questo cuore tu abbracci tutti i suoi discepoli, anzi tutti gli uomini.

Ecco, oggi si sono volute affidare le sorti del mondo, degli uomini, dei popoli al tuo cuore immacolato per arrivare al centro stesso del mistero che è più forte di tutti i peccati dell’uomo e del mondo, del mistero in cui si può vincere il peccato nelle sue diverse forme, in cui si può incominciare, inaugurare un mondo nuovo. E noi abbiamo tanto bisogno di questo mondo nuovo perché sperimentiamo sempre più che il mondo vecchio, il mondo del peccato, ci opprime, ci fa paura, ci porta varie forme di ingiustizia: molte volte sotto il nome della giustizia, ci porta ingiustizie.

Così, abbiamo voluto scegliere questa domenica, terza della Quaresima dell’anno 1984, ancora nell’arco dell’Anno Santo della Redenzione, per l’atto dell’affidamento, della consacrazione del mondo, della grande famiglia umana, di tutti i popoli, specialmente di quelli che hanno tanto bisogno di questa consacrazione, di questo affidamento, di quei popoli per i quali tu stessa aspetti il nostro atto di consacrazione e di affidamento. Tutto questo abbiamo potuto fare secondo le nostre povere, umane possibilità, nella dimensione della nostra umana debolezza. Ma con una fiducia enorme nel tuo materno amore, con una fiducia enorme nella tua materna sollecitudine.

Nostra Signora di Fatima, a cui siamo tanto devoti e tanto riconoscenti, anche nel senso più intimo e personale, tu hai voluto farci visita in questo giorno così importante qui a Roma. Come ne siamo grati! Come ne siamo riconoscenti. Quale grazia ci hai fatto con questa tua presenza, direi personale. E la nostra riconoscenza si rivolge al custode del tuo santuario a Fatima, il nostro amatissimo confratello nell’episcopato, il vescovo di Leiria-Fatima. Gli siamo grati per averci portato l’immagine della Madonna di Fatima. Siamo grati tutti, tutti i romani, soprattutto il Vescovo di Roma. Siamo tanto grati per questa permanenza dell’immagine di Fatima qui, nel nostro ambiente: prima nella cappella Paolina del Vaticano, poi nella mia cappella privata, poi in piazza San Pietro durante la grande celebrazione, infine in questa Basilica. Ora si conclude in questa basilica la visita della Madonna di Fatima che andrà, per essere presente ancora a Roma, nella cattedrale del Vescovo di Roma, San Giovanni in Laterano e poi anche nel santuario del Divino Amore. Scusaci, o Madonna, scusaci, o Madre di Gesù, se dobbiamo incontrarci in questa Roma, in diversi luoghi, in diversi posti. Dobbiamo aprire, vogliamo aprire la grazia della tua presenza ai diversi ambienti di questa grande città e diocesi del Papa. Ringrazio per tutto e nel nome del cardinale vicario di Roma, dei miei confratelli nell’episcopato, di tutti i sacerdoti, di tutto il popolo di Dio di questa città e di questa Chiesa.

Bacio i tuoi piedi per aver voluto indirizzare i tuoi passi verso di noi.

Mi sia permesso, o Maria, nostra Signora di Fatima, di dare alla tua presenza, ancora una Benedizione a tutti i presenti e a tutta la Chiesa di Roma.

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Quelle


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ATTO DI AFFIDAMENTO
ALLA VERGINE DI FATIMA

PREGHIERA DEL SANTO PADRE GIOVANNI PAOLO II

Santuario di Fatima
Lunedì, 13 maggio 1991

“Santa Madre del Redentore, Porta del cielo, Stella del mare, soccorri il tuo Popolo che anela a risorgere”. Ancora una volta ci rivolgiamo a Te, Madre di Cristo e della Chiesa, raccolti ai tuoi piedi nella Cova da Iria, per ringraziarti di quanto Tu hai fatto in questi anni difficili per la Chiesa, per ciascuno di noi e per l’intera umanità.

Monstra te esse Matrem!”, quante volte Ti abbiamo invocato! Ed oggi siamo qui a ringraziarti, perché sempre ci hai ascoltato.
Tu ti sei mostrata Madre: Madre della Chiesa, missionaria sulle vie della terra verso l’atteso terzo Millennio cristiano;
Madre degli uomini, per la costante protezione che ci ha evitato sciagure e distruzioni irreparabili, e ha favorito il progresso e le moderne conquiste sociali.
Madre delle Nazioni, per i mutamenti insperati che hanno ridato fiducia a popoli troppo a lungo oppressi e umiliati;
Madre della vita, per i molteplici segni con cui ci hai accompagnati difendendoci dal male e dal potere della morte;
Madre mia da sempre, e in particolare in quel 13 maggio del 1981, in cui ho avvertito accanto a me la tua presenza soccorritrice;
Madre di ogni uomo, che lotta per la vita che non muore. Madre dell’umanità riscattata dal sangue di Cristo. Madre dell’amore perfetto, della speranza e della pace, Santa Madre del Redentore.

Monstra te esse Matrem!” Sì, continua a mostrarti Madre per tutti, perché il mondo ha bisogno di Te. Le nuove situazioni dei popoli e della Chiesa sono ancora precarie ed instabili. Esiste il pericolo di sostituire il marxismo con un’altra forma di ateismo, che adulando la libertà tende a distruggere le radici dell’umana e cristiana morale.
Madre della speranza, cammina con noi! Cammina con l’uomo di quest’ultimo scorcio del secolo ventesimo, con l’uomo di ogni razza e cultura, d’ogni età e condizione. Cammina con i popoli verso la solidarietà e l’amore, cammina con i giovani, protagonisti di futuri giorni di pace. Hanno bisogno di Te le Nazioni che di recente hanno riacquistato spazi di libertà ed ora sono impegnate a costruire il loro avvenire. Ha bisogno di Te l’Europa che dall’Est all’Ovest non può ritrovare la sua vera identità senza riscoprire le comuni radici cristiane. Ha bisogno di Te il mondo per risolvere i tanti e violenti conflitti che ancora lo minacciano.

Monstra te esse Matrem!” Mostrati Madre dei Poveri, di chi muore di fame e di malattia, di chi patisce torti e soprusi, di chi non trova lavoro, casa e rifugio, di chi è oppresso e sfruttato, di chi dispera o invano ricerca la quiete lontano da Dio. Aiutaci a difendere la vita, riflesso dell’amore divino, aiutaci a difenderla sempre, dall’alba al suo naturale tramonto. Mostrati Madre di unità e di pace.
Cessino ovunque la violenza e l’ingiustizia, crescano nelle famiglie la concordia e l’unità, e tra i popoli il rispetto e l’intesa; regni sulla terra la pace, la pace vera! Maria, dona al mondo Cristo, nostra pace. Non riaprano i popoli nuovi fossati di odio e di vendetta, non ceda il mondo alle lusinghe di un falso benessere che mortifica la dignità della persona e compromette per sempre le risorse del creato.

Mostrati Madre della speranza! Veglia sulla strada che ancora ci attende. Veglia sugli uomini e sulle nuove situazioni dei popoli
ancora minacciati da rischi di guerra. Veglia sui responsabili delle Nazioni e su quanti reggono le sorti dell’umanità. Veglia sulla Chiesa sempre insidiata dallo spirito del mondo. Veglia, in particolare, sulla prossima Assemblea speciale del Sinodo dei Vescovi, tappa importante del cammino della nuova evangelizzazione in Europa. Veglia sul mio ministero petrino, al servizio del Vangelo e dell’uomo verso i nuovi traguardi dell’azione missionaria della Chiesa. Totus tuus!

In collegiale unità con i Pastori in comunione con l’intero Popolo di Dio, sparso in ogni angolo della terra, anche oggi rinnovo a Te
l’affidamento filiale del genere umano. A Te con fiducia tutti ci affidiamo. Con Te intendiamo seguire Cristo, Redentore dell’uomo:
la stanchezza non ci appesantisca, né la fatica ci rallenti, le difficoltà non spengano il coraggio, né la tristezza la gioia nel cuore.
Tu, Maria, Madre del Redentore, continua a mostrarti Madre per tutti, veglia sul nostro cammino, fa’ che pieni di gioia vediamo il tuo Figlio nel Cielo.

Amen.

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Quelle


ROSENKRANZGEBET VOR DER STATUE DER GOTTESMUTTER
ANLÄSSLICH DER HEILIGJAHRFEIER DER BISCHÖFE

ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.

Samstag, 7. Oktober 2000

 

1. Zum Abschluß dieses eindrucksvollen Augenblicks des Mariengebets möchte ich an euch alle, liebe Brüder im Bischofsamt, einen herzlichen Gruß richten, den ich gerne auf die zahlreichen Gläubigen ausdehne, die heute abend hier mit uns auf dem Petersplatz versammelt oder über Radio und Fernsehen mit uns verbunden sind.

Wir sind zur Heiligjahrfeier der Bischöfe hier in Rom zusammengekommen, und der erste Samstag im Oktober mußte uns unweigerlich dazu führen, gemeinsam zu Füßen der Jungfrau zu beten, die das Volk Gottes an diesem Tag unter dem Titel »Königin vom heiligen Rosenkranz« verehrt.

Unser Gebet am heutigen Abend steht insbesondere im Licht der »Botschaft von Fatima«, deren Aussagen hilfreich sind für unsere Überlegungen zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Zur Festigung dieser geistlichen Perspektive trägt – durch eine glückliche Fügung – die Gegenwart der verehrten Darstellung der Jungfrau von Fatima in unserer Mitte bei. Ich habe die Freude, sie erneut im Vatikan zu empfangen – im feierlichen Rahmen der Anwesenheit so vieler meiner Brüder im Bischofsamt und so vieler Priester, Ordensmänner, Ordensfrauen und Gläubigen, die sich heute abend auf diesem Platz versammelt haben.

2. Wir haben über die »glorreichen Geheimnisse« meditiert. Vom Himmel aus, in den der Herr sie aufgenommen hat, hört Maria nicht auf, unsere Blicke auf die Herrlichkeit des auferstandenen Christus zu lenken, in dem sich der Sieg Gottes und seines Heilsplanes der Liebe über das Böse und den Tod offenbart. Als Bischöfe haben wir teil an den Leiden und der Herrlichkeit Christi (vgl. 1 Petr 5,1). Wir sind die ersten Zeugen dieses Sieges, der die Grundlage sicherer Hoffnung für jeden Menschen und für die gesamte Menschheit ist.

Jesus Christus, der Auferstandene, hat uns in die ganze Welt gesandt, um sein Evangelium des Heils zu verkünden, und von Jerusalem aus hat diese Botschaft im Laufe von zwanzig Jahrhunderten alle fünf Erdteile erreicht. Heute abend hat unser Gebet die ganze Menschheitsfamilie im Geiste um Maria, »Regina Mundi« [Königin der Welt], vereint.

3. Im Rahmen des Großen Jubiläumsjahrs 2000 wollten wir die Dankbarkeit der Kirche für die mütterliche Fürsorge, die Maria ihren durch die Zeit pilgernden Kindern immer gezeigt hat, zum Ausdruck bringen. Es gibt kein Jahrhundert und kein Volk, in dem sie ihre Gegenwart nicht spürbar gemacht und dadurch den Gläubigen, vor allem den Kleinen und Armen, Licht, Hoffnung und Trost gebracht hätte.

Im Vertrauen auf ihre mütterliche Fürsorge werden wir morgen, zum Abschluß der eucharistischen Konzelebration, unseren »Weiheakt« an das Unbefleckte Herz Mariens in kollegialem Geiste vollziehen. Heute abend haben wir über die glorreichen Geheimnisse des hl. Rosenkranzes nachgedacht und uns so innerlich auf diese Geste vorbereitet. Wir haben die Haltung der Jünger im Abendmahlssaal übernommen, die dort mit Maria im einträchtigen und einmütigen Gebet verharrten.

Für jeden von euch, liebe Mitbrüder, und für euer Amt habe ich die besondere Fürsprache der Mutter der Kirche erbeten, und ich erbitte sie auch weiterhin. Sie unterstütze euch allezeit in der schwierigen und begeisternden Aufgabe, das Evangelium in alle Teile der Welt zu bringen, damit jeden Menschen, angefangen bei den Kleinen und Armen, die Frohe Botschaft vom Erlöser Christus erreiche.

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HEILIGJAHRFEIER DER BISCHÖFE

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Sonntag, 8. Oktober 2000

1. »Sättige uns, Herr, mit deiner Huld!« (Antwortpsalm)

Der Petersplatz gleicht heute einem großen Abendmahlssaal: Bischöfe aus allen Teilen der Welt sind zu Gast, die nach Rom gekommen sind, um ihre Heiligjahrfeier zu begehen. Die Erinnerung an den Apostel Petrus, die sein Grab unter dem Altar der großen Vatikanbasilika in uns wachruft, lädt uns dazu ein, im Geiste zum ersten Sitz des Apostelkollegiums zurückzukehren, in jenen Abendmahlssaal von Jerusalem, wo ich zu meiner großen Freude während meiner kürzlich unternommenen Pilgerfahrt ins Heilige Land die Eucharistie feiern konnte.

Eine ideelle Brücke, die sich über die Jahrhunderte und Kontinente erstreckt, verbindet heute den Abendmahlssaal mit diesem Platz, auf dem diejenigen zusammengekommen sind, die im Heiligen Jahr 2000 die Nachfolger jener ersten Apostel Christi sind. Euch allen, liebe und verehrte Brüder, gilt meine herzliche Umarmung, die ich mit gleicher Zuneigung auf all jene ausweite, die nicht hierherkommen konnten und von ihren Bischofssitzen aus in geistlicher Weise mit uns verbunden sind.

Machen wir uns gemeinsam den Bittruf des Psalms zu eigen: »Sättige uns, Herr, mit deiner Huld!« In der »sapientia cordis« [Weisheit des Herzens], die ein Geschenk Gottes ist, läßt sich die Frucht unseres Zusammentreffens im Jubiläumsjahr zusammenfassen. Sie besteht in einer inneren Angleichung an Christus, die Weisheit des Vaters, durch das Wirken des Heiligen Geistes. Um diese Gabe zu erhalten, die für eine gute Leitung der Kirche unerläßlich ist, müssen in erster Linie wir Hirten Ihn, die »Tür zu den Schafen« (Joh 10,7), durchschreiten. Wir sollen Ihm, dem »guten Hirten« (Joh 10,11.14), nachfolgen, damit die Gläubigen, wenn sie uns hören, Ihn hören, und wenn sie uns nachfolgen, Ihm nachfolgen, dem einzigen Erlöser, gestern, heute und in Ewigkeit.

2. Gott schenkt uns die Weisheit des Herzens durch sein lebendiges und wirkmächtiges Wort, das das Innerste des Menschen offenlegen kann – wie uns der Verfasser des Hebräerbriefes (vgl. Hebr 4,12) in dem soeben vorgelesenen Abschnitt aufgezeigt hat. Nachdem das göttliche Wort »viele Male und auf vielerlei Weise […] einst zu den Vätern gesprochen [hat] durch die Propheten« (Hebr 1,1), wandte es sich in der Endzeit in der Person des Sohnes an die Menschen (Hebr 1,2).

Wir Hirten sind kraft unseres »munus docendi« [Lehramtes] dazu berufen, qualifizierte Verkünder dieses Wortes zu sein. »Wer euch hört, der hört mich …« (Lk 10,16). Dies ist eine erhebende Aufgabe, es stellt aber zugleich ein große Verantwortung dar! Uns wurde ein lebendiges Wort anvertraut: daher sollen wir es mehr mit dem Leben als mit dem Mund verkünden. Es handelt sich um ein Wort, das mit der Person Christi selbst übereinstimmt, dem »fleischgewordenen Wort« (vgl. Joh 1,14): wir müssen den Menschen daher das Antlitz Christi zeigen und ihnen sein Kreuz verkünden, was wir mit jener Stärke tun sollen, die für Paulus bezeichnend war: »Denn ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten« (1 Kor 2,2).

3. »Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt« (Mk 10,28). Diese Worte des Petrus bringen die Radikalität jener Entscheidung zum Ausdruck, die vom Apostel abverlangt wird. Eine Radikalität, die im Lichte jenes anspruchsvollen Dialogs erhellt wird, den Jesus mit dem reichen Jüngling führt. Als Bedingung für das ewige Leben hatte ihm der Meister die Befolgung der Gebote genannt. In Anbetracht seines Wunsches nach noch größerer Vollkommenheit hatte er mit einem liebevollen Blick geantwortet und mit einem radikalen Vorschlag: »Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!« (Mk 10,21). Angesichts dieses Wortes überkommt ihn, so als würde sich plötzlich der Himmel verdunkeln, das traurige Gefühl der Ablehnung. Damals vernahmen wir von Jesus eine seiner strengsten Aussagen: »… wie schwer ist es, in das Reich Gottes zu kommen!« (Mk 10,24). Ein Satz, den er angesichts der Bestürzung der Apostel im Vertrauen auf die Macht Gottes abschwächte: »… denn für Gott ist alles möglich« (Mk 10,28).

Die Worte des Petrus bringen die Gnade zum Ausdruck, mit der Gott den Menschen verwandelt und ihn zu einer vollkommene Hingabe befähigt: »…wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt (Mk 10,28). Auf diese Weise wird man Apostel. Und auf diese Weise erfährt man, wie die Verheißung Christi hinsichtlich des »Hundertfachen « Wirklichkeit wird: Der Apostel, der alles verlassen hat, um Christus nachzufolgen, erlebt bereits hier auf Erden, trotz der unausbleiblichen Prüfungen, ein erfülltes und freudvolles Leben.

Verehrte Brüder, wie könnten wir in diesem Augenblick nicht unsere Dankbarkeit gegenüber dem Herrn bekunden für das Geschenk der Berufung, zunächst zum Priestertum und dann zu seiner Fülle im Bischofsamt? Wenn wir auf die Ereignisse unseres Lebens zurückblicken, so wird unser Herz von Ergriffenheit erfaßt, da wir erkennen, auf wievielerlei Art Gott uns seine Liebe und Barmherzigkeit gezeigt hat. In der Tat, »misericordias Domini in aeternum cantabo!« [Von den Taten deiner Huld, Herr, will ich ewig singen…] (Ps 88,2).

4. Der Bischof als Nachfolger der Apostel ist jemand, für den Christus alles bedeutet. So kann er jeden Tag mit Paulus wiederholen: »Denn für mich ist Christus das Leben…« (Phil 1,21). Hierfür muß er mit seinem ganzen Dasein Zeugnis ablegen. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt: »Ihrer apostolischen Aufgabe sollen sich die Bischöfe zuwenden als Zeugen Christi vor allen Menschen « (Dekret Christus Dominus, 11).

Wenn von den Bischöfen als Zeugen gesprochen wird, kann ich nicht umhin, während dieser feierlichen Jubiläumsfeier an die vielen Bischöfe zu erinnern, die im Laufe von zweitausend Jahren Christus das höchste Zeugnis des Martyriums dargebracht haben. Sie hielten sich an das Vorbild der Apostel und befruchteten die Kirche durch das Vergießen ihres Blutes.

Das zwanzigste Jahrhundert war besonders reich an solchen Zeugen, die ich selbst zu meiner großen Freude zur Ehre der Altäre erheben durfte. Vor einer Woche habe ich vier Bischöfe, die in China das Martyrium erlitten haben, ins Verzeichnis der Heiligenein geschrieben: Gregorio Grassi, Antonino Fantosati, Francesco Fogolla und Luigi Versiglia. Als Selige verehren wir Michael Kozal, Antoni Julian Nowowiejski, Leon Wetmanski und Wladuslaw Goral, die in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten ungekommen sind. Zu ihnen scharen sich Diego Ventaja Milán, Manuel Medina Olmos, Anselmo Polanco und Florentino Asensio Barroso, die während des Spanischen Bürgerkrieges umgebracht wurden. Während des langen Winters des kommunistischen Totalitarismus lebten in Osteuropa die seligen Märtyrer Wilhelm Apor, Vinzenz Eugen Bossilkov und Alojzije Stepinac.

Es ist unsere freudige Pflicht, Gott auch für all jene weisen und großherzigen Hirten Dank zu sagen, die im Laufe der Jahrhunderte die Kirche durch ihre Lehre und ihr Beispiel bereichert haben. Wie viele heilige und selige Bekenner finden wir unter den Bischöfen! So denke ich beispielsweise an die lichtreichen Gestalten Karl Borromäus und Franz von Sales sowie an die Päpste Pius IX. und Johannes XXIII., die ich zu meiner großen Freude vor kurzem seligsprechen konnte.

Liebe Mitbrüder, »da uns eine solche Wolke von Zeugen umgibt« (Hebr 12,1), erneuern wir unsere Antwort auf das Geschenk Gottes, das wir durch die Bischofsweihe erhalten haben. »…auch wir [wollen] alle Last und die Fesseln der Sünde abwerfen. Laßt uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken« (Hebr 12,1–2), den Hirten der Hirten. Einsatz für Neuevangelisierung

5. Als das Zweite Vatikanische Konzil seine Betrachtungen dem Geheimnis der Kirche und ihrer Sendung zuwandte, verspürte es die Notwenigkeit, dem pastoralen Dienst der Hirten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Heute, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend, rückt die Herausforderung der Neuevangelisierung das Bischofsamt noch weiter in den Vordergrund: an erster Stelle trägt der Bischof die Verantwortung, und er belebt die kirchliche Gemeinschaft sowohl im Streben nach Gemeinschaft als auch in ihren missionarischen Vorhaben. Angesichts des Relativismus und Subjektivismus, die so weite Bereiche der gegenwärtigen Kultur verschmutzen, sind die Bischöfe dazu berufen, die Einheit ihrer Gläubigen in der Lehre zu verteidigen und zu fördern. Für alle Situationen Sorge tragend, in denen der Glaube verlorengeht oder unbeachtet bleibt, setzen sich die Bischöfe mit aller Kraft für die Evangelisierung ein. Sie bereiten Priester, Ordensleute und Laien auf diese Aufgabe vor und stellen die hierfür nötigen Mittel zur Verfügung (vgl. Dekret Christus dominus).

Der Lehre des Konzils eingedenk (vgl. ebd., 7), wollen wir heute von diesem Platz aus unsere brüderliche Solidarität gegenüber jenen Bischöfen bekunden, die Verfolgungen ausgesetzt, in Gefängnissen inhaftiert sind oder an der Ausübung ihres Dienstes gehindert werden. Im Namen des sakramentalen Bandes weiten wir dieses Erinnern und unser Gebet auf unsere Mitbrüder im Priesteramt aus, die dieselben Prüfungen erleiden müssen. Die Kirche dankt ihnen für all das unschätzbare Gute, das sie dem mystischen Leib durch ihr Gebet und ihr Opfer erweisen.

6. »Es komme über uns die Güte des Herrn, unsres Gottes. Laß das Werk unsrer Hände gedeihen, ja, laß gedeihen das Werk unsrer Hände!« (Ps 90,17).

Liebe Brüder im Bischofsamt, während dieser unserer Heiligjahrfeier ist die Güte des Herrn in Überfülle über uns herabgekommen. Das Licht und die Kraft, die von ihr ausgehen, werden mit Sicherheit das »Werk unserer Hände« gedeihen lassen, d.h. die Arbeit, die uns gegenüber Gott und der Kirche anvertraut ist.

Zu unserer Hilfe und unserem Trost wollten wir in diesen Tagen des Jubiläums die Gegenwart der allerseligsten Jungfrau Maria, unsere Mutter, unter uns besonders hervorheben. Dies taten wir gestern abend beim gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes. Dies tun wir heute durch den Weiheakt, den wir zum Abschluß der Messe vornehmen werden. Diesen Akt werden wir in kollegialem Geist begehen, da wir wissen, daß uns zahlreiche Bischöfe nahe sind, die sich von ihrem jeweiligen Bischofssitz aus unserer Feier anschließen und gemeinsam mit ihren Gläubigen eben diesen Weiheakt beten. Das verehrte Gnadenbild der Muttergottes von Fatima, das wir zu unserer großen Freude bei uns zu Gast haben, helfe uns dabei, die Erfahrungen des ersten Apostelkollegiums, das im Abendmahlssaal mit Maria, der Mutter Jesu, im Gebet vereint war, von neuem mitzuerleben.

Königin der Apostel, bete mit uns, und bitte für uns, damit der Heilige Geist in Fülle auf die Kirche herabkomme und sie immer einiger, heiliger, katholischer und apostolischer in der Welt erstrahle. Amen.

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JOHANNES PAUL II.

DEM SCHUTZ MARIENS ANVERTRAUEN 

 Sonntag, 8. Oktober 2000

1. „Frau, siehe, dein Sohn!“ (Joh 19,26). Das Heilige Jahr geht dem Ende zu. Du, Mutter, hast uns während dieses Jubiläums Jesus gezeigt, die gebenedeite Frucht deines reinen Leibes, das Wort, das Fleisch geworden ist, den Erlöser der Welt. Sein Wort, das uns auf dich hinweist und dich zu unserer Mutter macht, klingt wohl in unseren Ohren: „Frau, siehe, dein Sohn!“. Indem er dir den Apostel Johannes und mit ihm die Söhne und Töchter der Kirche, ja alle Menschen anvertraute, verringerte Christus seine ausschließliche Rolle als Erlöser der Welt nicht, sondern bekräftigte sie. Du bist der Glanz, der das Licht Christi nicht mindert, denn du lebst in ihm und durch ihn. Dein ganzes Sein ist Zustimmung: „fiat“. Du bist die Unbefleckte, du bist die Fülle und der Widerschein der Gnade.
Sieh da, deine Söhne und Töchter, die beim Anbruch des neuen Jahrtausends hier um dich versammelt sind. Durch die Stimme des Nachfolgers Petri im Verein mit den Stimmen der Bischöfe, die aus allen Teilen der Welt hier zusammengekommen sind, sucht die Kirche heute bei dir Zuflucht. Sie stellt sich unter deinen mütterlichen Schutz. Sie bittet vertrauensvoll um deine Fürsprache
angesichts der Herausforderungen der Zukunft.

2. In diesem Gnadenjahr erlebten und erleben noch viele Menschen die überströmende Freude des Erbarmens, das der Vater uns in Christus geschenkt hat. In den Teilkirchen, die über die ganze Erde verstreut sind, und mehr noch hier, im Zentrum der Christenheit,
haben Menschen aller Klassen dieses Geschenk in Empfang genommen. Hier glühten die Jugendlichen vor Begeisterung. Hier beteten und flehten die Kranken. Hierher kamen Priester und Ordensleute, Künstler und Journalisten, Menschen aus der Welt der Arbeit, der Technik und Wissenschaft, Kinder und Erwachsene. Alle erkannten in deinem geliebten Sohn das Wort Gottes, das in deinem Schoß Fleisch geworden ist. Erflehe, o Mutter, durch deine Fürsprache, daß die Früchte dieses Jahres nicht verloren gehen,
und daß die Samenkörner der Gnade sich bis zum Vollmaß der Heiligkeit entwickeln, zu der wir alle berufen sind. Wir wollen dir heute die Zukunft anvertrauen, die vor uns liegt.

3. Wir bitten dich, uns auf unserem Weg zu begleiten. Wir Männer und Frauen leben in einer außergewöhnlichen Zeit, die zugleich verheißungsvoll und schwierig ist. Die Menschheit besitzt heute nie dagewesene Mittel zur Macht: Sie ist imstande, diese Welt zu einem blühenden Garten zu machen oder sie völlig zu zerstören. Die Menschheit hat die außerordentliche Fähigkeit erlangt, sogar in die Anfänge des Lebens einzugreifen. Sie kann dies zum Wohl aller im Rahmen des Moralgesetzes nutzen oder dem kurzsichtigen Hochmut einer Wissenschaft nachgeben, die keine Grenzen anerkennt und sogar die gebührende Achtung vor jedem Menschenleben verweigert. Die Menschheit steht heute an einem Scheideweg wie nie zuvor. Die Rettung, o heiligste Jungfrau, ist wiederum dein Sohn Jesus allein.

4. Deshalb wollen wir dich, Mutter, wie der Apostel Johannes bei uns aufnehmen (vgl. Joh 19,27), um von dir zu lernen, deinem Sohn ähnlich zu werden. „Frau, siehe, deine Söhne und Töchter!“ Wir stehen hier vor dir und wollen uns selbst, die Kirche und die ganze Welt deinem mütterlichen Schutz anvertrauen. Bitte deinen Sohn für uns, daß er uns den Heiligen Geist in Fülle schenke, den Geist, der Wahrheit, aus dem das Leben hervorgeht. Empfange ihn für uns und mit uns wie in der Urgemeinde von Jerusalem, die sich am Pfingsttag um dich geschart hat (vgl. Apg 1,14). Der Geist Gottes öffne die Herzen für die Liebe und Gerechtigkeit. Er wecke in den Personen und Nationen gegenseitiges Verständnis und den festen Willen zum Frieden. Wir vertrauen dir alle Menschen an, zuerst die schutzlosesten: die Kinder, die noch nicht zur Welt gekommen sind, und die Kinder, die in Armut und Leid geboren werden; die Jugendlichen, die auf der Suche nach einem Lebensziel sind; die Menschen ohne Arbeit und diejenigen, die Hunger und Krankheit erleiden. Wir vertrauen dir die zerrütteten Familien an, die Alten, denen niemand  beisteht, und alle, die verlassen und ohne Hoffnung sind.

5. Mutter, du kennst die Leiden und Hoffnungen der Kirche und der Welt. Steh deinen Söhnen und Töchtern in den Prüfungen bei,
die der Lebensalltag für jeden bereithält. Gib, daß dank des gemeinsamen Bemühens aller die Finsternis nicht über das Licht siegt.
Dir, Morgenröte der Erlösung, vertrauen wir unseren Weg ins neue Jahrtausend an, damit alle Menschen unter deiner Führung Christus finden, das Licht der Welt und den einzigen Erlöser, der herrscht mit dem Vater und dem Heiligen Geist
in Ewigkeit. Amen.

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Papst Benedikt XVI. in Fatima, 12. Mai 2010

GEBET VON BENEDIKT XVI.

in der Erscheinungskapelle – Fatima
Mittwoch, 12. Mai 2010

Maria, unsere Herrin und Mutter aller Männer und Frauen, hier bin ich, ein Sohn, der seine Mutter besucht in Begleitung einer Schar
von Brüdern und Schwestern.

Als Nachfolger Petri, dem die Sendung anvertraut wurde, in der Kirche Christi den Vorsitz in der Liebe zu führen und alle im Glauben
und in der Hoffnung zu stärken, will ich zu deinem Unbefleckten Herzen die Freuden und Hoffnungen, die Schwierigkeiten und Leiden eines jeden dieser deiner Kinder bringen, die hier in der Cova da Iria zugegen sind oder uns aus der Ferne begleiten.

O liebenswerte Mutter, du kennst jeden bei seinem Namen,  kennst sein Gesicht und seine Geschichte, du hast alle lieb in mütterlicher Güte, die vom Herzen Gottes selbst kommt, der die Liebe ist.  Alle vertraue ich dir an und weihe sie dir, heilige Maria,
Mutter Gottes und unsere Mutter.

Der ehrwürdige Diener Gottes Papst Johannes Paul II.  ist dreimal hierher zu dir nach Fatima gekommen und hat der „unsichtbaren Hand“ gedankt, die ihn vor fast dreißig Jahren beim Attentat am 13. Mai auf dem Petersplatz vor dem Tod gerettet hat. Er hat dem Heiligtum von Fatima eine Kugel geschenkt, die ihn schwer verletzt hatte und die in deine Krone der Königin des Friedens eingesetzt wurde.  Wie tröstlich ist es zu wissen, daß du nicht nur eine Krone aus dem Gold und Silber unserer Freuden und Hoffnungen trägst,
sondern auch aus den „Kugeln“ unserer Sorgen und Leiden.

Geliebte Mutter, ich danke für die Gebete und Opfer, die die Hirtenkinder von Fatima für den Papst erbracht haben in der Gesinnung,
die du bei den Erscheinungen in ihnen geweckt hast. Ich danke auch allen, die jeden Tag für den Nachfolger Petri und in seinen Anliegen beten, daß der Papst stark sei im Glauben, kühn in der Hoffnung und eifrig in der Liebe.

Dir, unser aller geliebten Mutter, überreiche ich hier in deinem Heiligtum von Fatima die Goldene Rose, die ich aus Rom mitgebracht habe, zum Zeichen der Dankbarkeit des Papstes für die Wunder, die der Allmächtige durch dich in den Herzen so vieler gewirkt hat,
die zu deinem mütterlichen Haus pilgern. Ich bin gewiß, daß die Hirtenkinder von Fatima,  die seligen Francisco und Jacinta und die Dienerin Gottes Lucia de Jesus, uns in dieser Stunde des Gebets und des Jubels begleiten.

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AKT DES ANVERTRAUENS UND DER WEIHE AN DAS
UNBEFLECKTE HERZ MARIÄ

GEBET VON BENEDIKT XVI.

Dreifaltigkeitskirche – Fatima
Mittwoch, 12. Mai 2010

Maria, Unbefleckte Mutter, an diesem Ort der Gnade, an dem die Liebe deines Sohnes Jesus, des Ewigen Hohenpriesters, uns Söhne im Sohn und seine Priester zusammengerufen hat, weihen wir uns deinem mütterlichen Herzen, um treu den Willen des Vaters zu erfüllen.

Wir sind uns bewußt, daß wir ohne Jesus nichts Gutes vollbringen können (vgl. Joh 15,5) und daß wir nur durch ihn, mit ihm und in ihm für die Welt Werkzeug des Heils sein können.

Braut des Heiligen Geistes, erwirke uns die unschätzbare Gabe der Umgestaltung in Christus. In derselben Kraft des Geistes, der dich überschattet und zur Mutter des Erlösers gemacht hat, hilf uns, daß Christus, dein Sohn, auch in uns geboren werde.  Die Kirche möge so von heiligen Priestern erneuert werden, die von der Gnade dessen verwandelt wurden, der alles neu macht.

Mutter der Barmherzigkeit, dein Sohn hat uns berufen, so zu werden wie er selbst: Licht der Welt und Salz der Erde. (vgl. Mk 5,13.14). Hilf uns mit deiner mächtigen Fürsprache, daß wir dieser erhabenen Berufung nie untreu werden, daß wir unserem Egoismus nicht nachgeben, noch den Schmeicheleien der Welt und den Verlockungen des Bösen.

Bewahre uns mit deiner Reinheit, beschütze uns mit deiner Demut und umfange uns mit deiner mütterlichen Liebe, die sich in vielen Seelen widerspiegelt, die dir geweiht sind und uns zu echten Müttern im Geiste geworden sind.

Mutter der Kirche, wir Priester wollen Hirten sein, die nicht sich selbst weiden, sondern sich Gott hingeben für die Brüder und Schwestern und darin ihre Erfüllung und ihr Glück finden. Nicht nur mit Worten, sondern mit unserem Leben wollen wir demütig
Tag für Tag unser „Hier bin ich“ sagen.

Von dir geführt, wollen wir Apostel der Göttlichen Barmherzigkeit sein und voll Freude jeden Tag das heilige Opfer des Altares feiern und allen, die darum bitten, das Sakrament der Versöhnung spenden.

Fürsprecherin und Mittlerin der Gnaden, du bist ganz hineingenommen in die einzige universale Mittlerschaft Christi, erflehe uns von Gott ein völlig neues Herz, das Gott mit all seiner Kraft liebt und der Menschheit dient wie du.

Sprich zum Herrn noch einmal dein wirkungsvolles Wort: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3), damit der Vater und der Sohn
über uns den Heiligen Geist wie in einer neuen Sendung ausgießen.

Voller Staunen und Dank für deine ständige Gegenwart in unserer Mitte, will auch ich  im Namen aller Priester ausrufen: „Wer bin ich, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43).

Maria, seit jeher unsere Mutter, werde nicht müde, uns zu „besuchen“, uns zu trösten, uns zu stützen.  Komm uns zu Hilfe und errette uns aus allen Gefahren, die uns drohen.

Mit diesem Akt des Anvertrauens und der Weihe wollen wir dich auf tiefere und vollständigere Weise, für immer und ganz in unser Leben als Menschen und Priester hineinnehmen.

Deine Gegenwart lasse die Wüste unserer Einsamkeit neu erblühen und die Sonne über unserer Dunkelheit leuchten und bringe nach dem Sturm die Ruhe zurück, damit jeder Mensch das Heil des Herrn sehe, das den Namen und das Gesicht Jesu trägt, der sich in unseren Herzen widerspiegelt, da sie stets eins mit dem deinen sind.

Amen.

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Pope Francis touches the original statue of Our Lady of Fatima after entrusting the world to Mary at the end of a Mass in her honor in St. Peter's Square at the Vatican Oct. 13. (CNS photo/Paul Haring) (Oct. 14, 2013) See POPE-FATIMA Oct. 14, 2013.

Weihegebet an die Gottesmutter Maria
(13. Oktober 2013)

Franziskus

Hinweis/Quelle: (news.stjosef.at) (Weihegebet von Papst Franziskus an die Gottesmutter, vollzogen vor der Statue der Jungfrau von Fatima am 13.10.2013 auf dem Petersplatz)

 

Selige Jungfrau Maria von Fatima,

mit erneuerter Dankbarkeit für Deine mütterliche Gegenwart vereinen wir unsere Stimme mit jener aller Geschlechter, die dich selig preisen. Wir preisen in Dir die großen Werke Gottes, der nie müde wird, sich in Barmherzigkeit zur Menschheit herabzuneigen, die vom Bösen bedrängt wird und von der Sünde verwundet ist, um sie zu heilen und zu retten.

Nimm mit dem Wohlwollen einer Mutter den Akt des Anvertrauens an, den wir heute mit Vertrauen vor dieser uns so überaus lieben Statue vollziehen. Wir sind sicher, dass ein jeder einzelne von uns in Deinen Augen kostbar ist und dass für Dich nichts fremd ist von dem, was in unseren Herzen wohnt. Wir wollen uns von Deinem so süßen Blick erreichen lassen und den tröstenden Liebreiz Deines Lächelns annehmen.

Beschütze unser Leben in Deinen Händen, segne und bestärke jede Sehnsucht nach dem Guten; belebe das Wachstum des Glaubens; unterstütze und erleuchte die Hoffnung; erwecke und belebe die Liebe; leite uns alle auf dem Weg der Heiligkeit. Erweise Deine ganz besondere Liebe den Kleinen und Armen, den Ausgestoßenen und Leidenden, den Sündern und im Herzen Verirrten: Versammle alle unter Deinem Schutz und empfiehl alle Deinem geliebten Sohn, unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

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Quelle

Die Erstlings-Enzyklika Papst Pius‘ XII. vom 20. Oktober 1939

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R U N D S C H R E I B E N

AN DIE EHRWÜRDIGEN BRÜDER
PATRIARCHEN PRIMATEN ERZBISCHÖFE BISCHÖFE
UND DIE ANDEREN OBERHIRTEN
DIE IN FRIEDEN UND GEMEINSCHAFT
MIT DEM APOSTOLISCHEN STUHLE LEBEN.

PAPST PIUS XII.

EHRWÜRDIGE BRÜDER
GRUSS UND APOSTOLISCHEN SEGEN !

Der geheime Ratschluss des Herrn hat Uns ohne Unser Verdienst die Würde und Bürde des höchsten Hirtenamts in dem Jahre zufallen lassen, in dessen Verlauf die vom verewigten Papste Leo XIII. um die Jahrhundertwende und an der Schwelle eines Heiligen Jahres vollzogene Weihe des Menschengeschlechts an das Heiligste Herz des Welterlösers ihre vierzigste Wiederkehr feiern kann.

Mit welcher Freude, Ergriffenheit, innerster Zustimmung haben Wir damals — ein junger Levit, der soeben sein Introibo ad altare Dei (Ps. 42, 4) hatte sprechen dürfen — das Rundschreiben «Annum Sanctum» gleich einer Stimme vom Himmel begrüsst! Mit welcher Inbrunst erschlossen Wir Unser Herz den Gesinnungen und Absichten dieses wahrhaft von der Vorsehung gefügten Aktes eines Papstes, der die Höhen und Tiefen, die offenen und verschwiegenen Nöte seiner Zeit beherrschend überblickte! Wie sollten Wir daher nicht heute von heissem Dank gegen Gott erfüllt sein, der das Erstlingsjahr Unseres Hohenpriesteramtes mit jener bedeutungsreichen und teuren Erinnerung aus dem Erstlingsjahr Unseres Priestertums zusammenfallen liess? Wie sollten Wir nicht freudigen Herzens die Gelegenheit ergreifen, um die Huldigung vor «dem König der Könige und dem Herrn der Herrscher» (1 Tim., 6, 15; Apoc. 19, 16) gleichsam zum Staffelgebet Unseres Pontifikats zu machen, im Geiste Unseres unvergesslichen Vorgängers und in getreuer Verwirklichung seiner Ziele? Ja in ihr sehen Wir Anfang und Zielpunkt Unseres ober hirtlichen Wollens und Hoffens, Unseres Lehrens und Wirkens, Duldens und Leidens, um alles ganz der Ausbreitung des Reiches Christi zu weihen.

Wenn Wir die äusseren Geschehnisse und geistigen Wandlungen dieser vierzig Jahre im Lichte der Ewigkeit überblicken, ihren Wert und Unwert wägen, dann erschliesst sich Unserem geistigen Auge immer mehr der religiöse Sinn jener Welthuldigung an Christus den König. Sie wollte in ihrer sinnbildlichen Kraft eine Mahnung sein, die Seelen läutern und erheben, innerlich festigen und wehrhaft machen und damit zugleich in seherischer Weisheit der Gesundung, der Würde, dem wahren Wohl jeder menschlichen Gemeinschaft dienen. Immer deutlicher offenbart sie sich als einer der grossen Mahn- und Gnadenrufe Gottes an seine Kirche und darüber hinaus an eine Welt, die der Erweckung und Wegweisung nur allzu bedürftig war; an eine Welt, die dem Diesseitskult verfallen, in ihm sich immer hemmungsloser verlor und in kaltem Nützlichkeitsstreben aufging; an eine Menschheit, in der wachsende Schichten sich dem Glauben an Christus und mehr noch der Anerkennung und Anwendung seines Gesetzes entwöhnt hatten; an eine Weltauffassung, der die Liebes- und Verzichtlehre der Bergpredigt, die göttliche Liebestat des Kreuzes ein Ärgernis und eine Torheit dünkten. So wie einst der Vorläufer des Herrn den Fragern und Suchern seiner Tage entgegenrief : «Seht das Lamm Gottes!» (Jo., 1, 29), um ihnen zu sagen, dass der Erwartete der Völker (Agg., 2, 8) unerkannt in ihrer Mitte weile, so richtete hier der Stellvertreter Christi an die Verneiner, die Zweifler, die Unentschiedenen und Halben, die dem verherrlichten, in seiner Kirche fortlebenden und wirkenden Erlöser die Gefolgschaft weigerten oder mit dieser Gefolgschaft nicht letzten Ernst machten, sein hoheitsvolles und beschwörendes «Seht da euren König!» (Jo., 19, 14).

Aus der Verbreitung und Vertiefung der Andacht zum Göttlichen Erlöserherzen, die in der Weihe des Menschengeschlechts an der Jahrhundertwende und weiterhin in der Einführung des Christkönigsfestes durch Unsern unmittelbaren Amtsvorgänger ihre erhebende Krönung fand, ist unsagbarer Segen erflossen für ungezählte Seelen — ein starker Lebensstrom, der die Stadt Gottes mit Freude erfüllt (Ps., 45, 5). Welche Zeit bedürfte dieses Segens dringender als die gegenwärtige? Welche Zeit leidet inmitten alles technischen und rein zivilisatorischen Fortschrittes so sehr an seelischer Leere, an abgrundtiefer innerer Armut? Kann man nicht auch auf dieses unser Weltalter das entlarvende Wort der Geheimen Offenbarung anwenden : «Du sagst: Ich bin reich, ich habe Überfluss und brauche nichts mehr. Und du weisst nicht, dass du elend und erbärmlich bist, arm, blind und bloss» (Apoc , 3, 17)?

Ehrwürdige Brüder! Kann es Grösseres, Dringenderes geben, als solcher Zeit «den unergründlichen Reichtum Christi zu verkünden» (Eph., 3, 8)? Kann es Edleres geben, als vor ihr, die so vielen trügerischen Fahnen gefolgt ist und weiter folgt, das Königsbanner Christi zu entfalten, um der siegreichen Standarte des Kreuzes die Gefolgschaft auch der Abtrünnigen wiederzugewinnen? Wessen Herz sollte nicht entbrennen in hilfsbereitem Mitleid angesichts all der Brüder und Schwestern, die durch Irrtum und Leidenschaft, durch Verhetzung und Vorurteile dem Glauben an den wahren Gott, der Froh- und Heilsbotschaft Jesu Christi entfremdet wurden? Welcher Streiter Christi — sei er Priester oder Laie — wird sich nicht zu gesteigerter Wachsamkeit, zu entschlossener Abwehr aufgerufen fühlen, wenn er die Front der Christusfeinde wachsen und wachsen sieht? Muss er doch Zeuge sein, wie die Wortführer dieser Richtungen die Lebenswahrheiten und Lebenswerte unseres christlichen Gottesglaubens grundsätzlich ablehnen oder doch tatsächlich verdrängen, wie sie die Tafeln der Gottesgebote mit frevelnder Hand zerbrechen, um an ihre Stelle neue Gesetzestafeln zu setzen, aus denen der sittliche Gehalt der Sinaioffenbarung, der Geist der Bergpredigt und des Kreuzes verbannt sind. Wer sollte nicht mit wehem Schmerz gewahren wie solche Verirrung traurige Ernte unter denen hält, die in Tagen ruhiger Geborgenheit sich zur Gefolgschaft Christi zählten, die aber — leider mehr Namens- als Tatchristen — in der Stunde der Bewährung, der Anfechtung, des Leidens, der getarnten oder offenen Verfolgung eine Beute des Kleinmuts, der Schwäche, des Zweifels, der Unentschlosstenheit werden, und, von Angst erfasst wegen der Opfer, die sie um des christlichen Glaubens willen bringen sollten, sich nicht ermannen können, den Leidenskelch der Christustreuen zu trinken?

In solcher Umwelt und Geisteslage, ehrwürdige Brüder, möge das bevorstehende Christ-König-Fest, zu dem Wir das vorliegende Rundschreiben in euer aller Hand hoffen, ein Gnadentag tiefgehender Erneuerung und Erweckung im Sinne der Herrschaft Christi sein! Ein Tag, an dem die Weltweihe an das Göttliche Herz in besonders feierlicher Weise vollzogen werden soll; an dem die Gläubigen aller Völker und Nationen huldigend und sühnend sich um den Thron des Ewigen Königs scharen, um Ihm und seinem Gesetz, das ein Gesetz der Wahrheit und Liebe ist, den Schwur der Treue zu erneuern für Zeit und Ewigkeit. Es sei ein Gnadentag für die Getreuen, wo das Feuer, das der Herr auf diese Erde brachte, in ihren Herzen immer mehr zu heller, lauterer Flamme sich entfache; ein Gnadentag für die Lauen, Müden und Verdrossenen, an dem ihr kleinmütig gewordenes Herz im Geiste sich wieder erneuert und ermannt; ein Gnadentag auch für die, welche Christus noch nicht erkannt oder wieder verloren haben. Aus Millionen gläubiger Herzen soll das Gebet zum Himmel steigen : «Das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt» (Jo., 1, 9) möge ihnen den Weg des Heiles erhellen, seine Gnade möge in dem Herzen der Irrenden, das ja doch nicht zur Ruhe kommt, das Heimweh nach den ewigen Gütern erwecken; aus diesem Heimweh möge eine Heimkehr werden zu dem, der vom Schmerzensthron seines Kreuzes aus auch nach ihren Seelen dürstet und kein brennenderes Verlangen trägt, als auch ihnen Weg, Wahrheit und Leben (Jo., 14, 6) zu sein.

Wenn Wir so diese Erstlingsenzyklika Unseres Pontifikats vertrauensvoll und hoffend unter das Zeichen Christi des Königs stellen, fühlen Wir Uns der einmütigen und freudigen Zustimmung der gesamten Herde des Herrn vollkommen gewiss. Die Erfahrungen, Sorgen und Prüfungen der Gegenwart wecken, steigern und läutern wie selten zuvor das katholische Gemeinschaftsgefühl. Sie haben in allen, die noch an Gott und Christus glauben, das Bewusstsein erzeugt, von einer gemeinsamen Gefahr gemeinsam bedroht zu sein. Dieser Geist katholischer Verbundenheit, in der heutigen schweren Lage mächtig gesteigert, bedeutet zugleich Sammlung und Selbstbehauptung, Entschlossenheit und Siegeswillen. Sein Hauch war es, den Wir tröstlich und unvergesslich gerade in jenen Tagen verspürten, da Wir zagenden Schrittes, aber voll Vertrauen auf Gott den Thron bestiegen, der durch den Tod Unseres grossen Vorgängers verwaist war.

Lebendig bleibt in Uns die Erinnerung an die unzähligen Beweise kindlicher Treue zur Kirche und zum Stellvertreter Christi, die anlässlich Unserer Wahl und Krönung Uns zuteil wurden und sich überaus feinfühlend, warmherzig und ungezwungen äusserten. Darum ergreifen Wir gern diese günstige Gelegenheit, um euch, ehrwürdige Brüder, und allen, die zur Herde des Herrn gehören, gerührten Herzens für diese Kundgebung zu danken. Es war wie der grosse Volksentscheid einer Friedensgemeinschaft, die dem Papsttum ihre Ehrfurcht, Liebe und unerschütterliche Treue bekundete, der gottgewollten Sendung des Hohenpriesters und Oberhirten ihre Anerkennung zollte. Denn alle jene Kundgebungen wollten und konnten ja schliesslich nicht Unsere arme Person meinen, sondern nur das höchste Amt, zu dem Uns der Herr erhoben hat. Wohl haben Wir von Anfang an die ganze Wucht der schweren Verantwortung gefühlt, die Uns mit der höchsten Gewalt von der göttlichen Vorsehung auferlegt ward; aber Wir fühlten Uns gestärkt, als Wir sehen durften, in welch grossartiger und geradezu greifbarer Form die unlösbare Einheit der katholischen Kirche sich kundtat, die sich um den unerschütterlichen Felsen Petri nur um so fester zusammenschliesst, ihre Mauern und Vorwerke nur um so höher auftürmt, je mehr der Übermut der Feinde Christi sich steigert. Diese Weltkundgebung katholischer Einheit und übernatürlich-brüderlicher Verbundenheit der Völker um den gemeinsamen Vater musste uns um so hoffnungsreicher erscheinen, je beunruhigender bereits damals die äusseren Verhältnisse und die geistige Lage waren. Darum hat die Erinnerung an jene Stunden Uns auch getröstet, als Wir bereits in den ersten Monaten Unseres Pontifikats die Mühen, Sorgen und Prüfungen erfahren mussten, mit denen die Braut Christi ihren Weg über die Welt bestreut sieht.

Wir wollen auch nicht verschweigen, dass in Unserem Herzen ein starkes Echo ergriffener Dankbarkeit durch die Glückwünsche derer geweckt wurde, die zwar nicht zum sichtbaren Leib der katholischen Kirche gehören, die aber bei dem Adel und der Aufrichtigkeit ihres Herzens auf jene Gefühle nicht vergessen wollten, die sie in der Liebe zu Christi Person oder im Glauben an Gott mit Uns verbinden. An sie alle ergeht der Ausdruck Unserer Dankbarkeit. Wir empfehlen sie alle und jeden einzelnen von ihnen dem Schutz und der Führung desi Herrn, und Wir versichern feierlich, dass nur ein Gedanke Unser Herz leitet: das Beispiel des guten Hirten nachzuahmen, um alle zur wahren Glückseligkeit zu führen, «damit sie das Leben haben und es in Fülle besitzen» (Joh., 10, 10).

Vor allem aber drängt es Uns, Unseren tiefempfundenen Dank auszusprechen für die Erweise ehrerbietiger Huldigung, die Uns von Herrschern, Staatsoberhäuptern und öffentlichen Autoritäten jener Nationen zugekommen sind, mit denen der Heilige Stuhl freundschaftliche Beziehungen unterhält. Besonders freudig bewegt es Unser Herz, dass Wir in diesem Unserem ersten Rundschreiben an die Weltkirche zu jenen Staaten auch das geliebte Italien rechnen dürfen, in dem als in einem fruchtbaren Garten die Apostelfürsten den Glauben gepflanzt haben. Dank den Lateranverträgen, dem Werk der Vorsehung, nimmt es nunmehr einen Ehrenplatz in der Reihe der beim Apostolischen Stuhle amtlich vertretenen Länder ein. Gleich der Morgenröte friedvoller und brüderlicher Eintracht im Heiligtum wie im bürgerlichen Leben ging von diesen Verträgen die Pax Christi Italiae reddita aus. Das ist Unser Gebet zum Herrn, dass dieser Friede wie heiteres Himmelsblau das Gemüt des italienischen Volkes durchziehe, belebe, weite und machtvoll stärke : dieses Volkes, das Uns so nahe steht, in dessen Mitte Wir denselben Lebensodem atmen. In zuversichtlichem Hoffen flehen Wir zu Gott, dass die Unserem Vorgänger und Uns so teure Nation, getreu ihrer ruhmreichen katholischen Vergangenheit, unter des Grossen Gottes mächtigem Schutz immer mehr die Wahrheit des Psalmwortes an sich erfahre: «Glückselig das Volk, dessen Gott der Herr» (Ps. 43, 15). Die glückverheissende neue rechtliche und religiöse Lage, die jenes Werk für Italien und den ganzen katholischen Erdkreis geschaffen und besiegelt hat — und es soll in der Geschichte seine unvertilgbaren Spuren zurücklassen — erschien Uns nie so gewaltig und einheitschaffend als in jenem Augenblick, da Wir von der hohen Loggia der Vatikanbasilika zum ersten Male Unsere Arme ausbreiteten und Unsere Segenshand erhoben über Rom, den Sitz des Papsttums und Unsere vielgeliebte Geburtsstadt, über das mit der Kirche versöhnte Italien und über die Völker der ganzen Welt.

* * *

Wir sind Stellvertreter desjenigen, der in entscheidender Stunde vor dem Vertreter der höchsten irdischen Macht von damals das grosse Wort sprach : «Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme» (loh., 18, 37). Als solcher erachten Wir es gerade auch in unseren Tagen als besondere Pflicht Unseres Amtes, mit apostolischem Freimut der Wahrheit Zeugnis zu geben. Diese Pflicht umfasst notwendig die Darlegung und Widerlegung der menschlichen Irrtümer und Fehlungen, die erkannt werden müssen, wenn sie behandelt und geheilt werden sollen : «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch freimachen» (Joh., 8, 32). In der Erfüllung dieser Unserer Sendung werden Wir Uns von irdischen Rücksichten nicht beeinflussen lassen; weder Misstrauen und Widerspruch, Ablehnung und Unverständnis, noch die Furcht missverstanden oder falsch ausgelegt zu werden, kann Uns von ihr abhalten. Wir werden jedoch stets handeln beseelt von jener väterlichen Liebe, die selber mit den Schmerzen der Kinder leidend, ihnen das Heilmittel angibt, und Wir wollen Uns immerfort bemühen, das göttliche Vorbild aller Hirten nachzuahmen, den guten Hirten Jesus, der Licht ist zugleich und Liebe : «Die Wahrheit tätigen in Liebe» (Eph., 4, 15).

Am Eingang des Weges, der zur geistigen und sittlichen Not unserer Tage führt, steht der todbringende Versuch von nicht wenigen, Christus zu entthronen, die Verwerfung des Gesetzes der Wahrheit, das er verkündete, des Gesetzes der Liebe, die der lebenspendende Odem seines Reiches ist.

Die Königsrechte Christi wieder anerkennen, zurückfinden zum Gesetz seiner Wahrheit und seiner Liebe, das ist der einzige Weg der Rettung für den Einzelmenschen und die Gemeinschaft.

In dem Augenblick, ehrwürdige Brüder, wo Wir diese Zeilen schreiben, erreicht Uns die Schreckenskunde, dass das entsetzliche Unwetter des Krieges, das Wir mit Unserem ganzen Einsatz vergeblich zu beschwören suchten, doch ausgebrochen ist. Die Feder will Uns entsinken, wenn Wir an das abgrundtiefe Leid unzähliger Menschen denken, denen gestern noch am heimischen Herd der Sonnenschein eines bescheidenen Glückes leuchtete. Unser Vaterherz bangt in tiefer Betrübnis, wenn Wir ahnend vorausschauen, was alles aus der Drachensaat der Gewalt und des Hasses hervor wachsen mag, für die heute das Schwert die blutigen Furchen zieht. Aber gerade inmitten dieser apokalyptischen Vorausschau gegenwärtigen und zukünftigen Unheils erachten Wir es als Unsere Pflicht, die Augen und Herzen aller, in denen noch ein Funke guten Willens glimmt, mit wachsender Eindringlichkeit hinzulenken auf den Einzigen, von dem der Welt das Heil kommt — auf den Einzigen, dessen allmächtige und gütige Hand auch diesem Sturm Einhalt gebieten kann — auf den Einzigen, aus dessen Wahrheit und Liebe dieser in Irrtum und Eigensucht, in Streit und Hass verkrampften Menschheit die Erkenntnisse aufleuchten und die Gesinnungen sich entzünden können, die für eine Neuordnung der Welt im Geiste des Königtums Christi notwendige Voraussetzung sind.

Vielleicht — Gott der Herr gebe es — ist diese Stunde höchster Not auch eine Stunde des Erkenntnis- und Gesinnungswandels für viele, die bisher in blindem Vertrauen die Wege zeitgängiger Massenirrtümer wandelten, ohne zu ahnen, wie hohl und brüchig der Boden war, auf dem sie standen. Vielleicht werden viele, die für die Erzieher Weisheit und die Erziehersorgen der Kirche kein Auge hatten, heute, die kirchlichen Mahnungen begreifen, die sie in der Selbstsicherheit früherer Tage nicht beachteten. Die Not der Gegenwart ist eine Rechtfertigung des Christentums, wie sie erschütternder nicht gedacht werden kann. Auf einem gigantischen Gipfelpunkt widerchristlicher Irrtümer und Bewegungen sind aus ihnen unsagbar bittere Früchte gereift, und diese sprechen ein Verdammungsurteil, dessen Wucht jede bloss theoretische Widerlegung übertrifft.

Stunden so peinvoller Ernüchterung und Enttäuschung sind oft Stunden der Gnade — ein Vorübergehen des Herrn (cf. Exod., 12, 11), wo auf des Heilands Wort: «Sieh, ich stehe vor Tür und klopfe an» (Apoc, 3, 20) sich Türen öffnen, die ihm sonst verschlossen waren. Gott weiss, mit welch verstehender Liebe, mit welch heiliger Hirtenfreude sich Unser Herz denen zuwendet, denen aus derart leidvoller Erkenntnis das heilsuchende und heilbringende Verlangen nach der Wahrheit Christi, nach der Gerechtigkeit und dem Frieden Christi erwächst. Und auch für die, denen solche Stunde der Erkenntnis noch nicht geschlagen, weiss Unser Herz nichts als Liebe und Unser Mund nichts als das Gebet zum Vater der Erleuchtungen, Er möge ihrer Christusfremdheit oder gar Christusfeindschaft ein Damaskuslicht aufleuchten lassen, wie es einst Saulus zum Paulus verwandelte und das so oft gerade in den trübsten Tagen der Kirche seine geheimnisvolle Kraft erwiesen hat.

Eine zusammenfassende lehramtliche Stellungnahme zu den Irrtümern der Gegenwart mag einem späteren, von den Bedrängnissen des äusseren Geschehens weniger beunruhigten Zeitpunkt vorbehalten bleiben; jetzt jedenfalls beschränken Wir Uns auf einige grundlegende Hinweise.

Die gegenwärtige Zeit, ehrwürdige Brüder, hat zu den falschen Lehren der Vergangenheit noch neue Irrtümer gehäuft bis zu einem Grade, dass sie zu einem Ende mit Schrecken führen mussten. Vor allem liegt die eigentliche Wurzel der Übel, die in der modernen Gesellschaft zu beklagen sind, in der Leugnung und Ablehnung eines allgemein gültigen Sittengesetzes für das Leben des einzelnen und das Gesellschaftsleben, wie für die Beziehungen der Staaten untereinander: es herrscht heute weithin Verkennung oder geradezu Vergessen eines natürlichen Sittengesetzes.

Dieses natürliche Gesetz beruht auf Gott als seinem Fundament. Er ist der allmächtige Schöpfer und Vater aller, ihr höchster und unabhängiger Gesetzgeber, der allwissende und gerechte Vergelter der menschlichen Handlungen. Wo Gott geleugnet wird, da wird die Grundlage der Sittlichkeit erschüttert; die Stimme der Natur wird geschwächt, wenn nicht erstickt, jene Stimme, die auch den Ungebildetsten und selbst noch den unzivilisierten Wilden lehrt, was gut und was böse ist, erlaubt und unerlaubt, jene Stimme, die Verantwortlichkeit für die eigenen Taten vor einem höchsten Richter predigt.

Wenn man fragt, wie es zur Leugnung der Grundlage der Sittlichkeit gekommen ist, so lautet die Antwort: es hat damit begonnen, dass man sich von der Lehre Christi entfernte, deren Bewahrer und Lehrer der Stuhl Petri ist. Vor Zeiten hat diese Lehre Europa seinen geistigen Zusammenhalt gegeben, und Europa, erzogen und veredelt durch das Kreuz, hat einen solchen Aufschwung genommen, dass es Erzieher anderer Völker und anderer Erdteile werden konnte. Durch ihre Entfernung von dem unfehlbaren Lehramt der Kirche aber sind nicht wenige getrennte Brüder so weit gekommen, dass sie selbst das Grunddogma des Christentums, die Gottheit des Erlösers, geleugnet und so den allgemeinen Auflösungsprozess beschleunigt haben.

Als Jesus gekreuzigt wurde, «brach eine Finsternis über das ganze Land herein», wie der Hl. Bericht erzählt (Mt., 27, 45); ein schreckenerregendes Sinnbild dessen, was geschah und was geistigerweise dauernd wieder geschieht, wo immer der Unglaube in Blindheit und Selbstüberheblichkeit Christus aus dem Leben der Gegenwart, besonders aus dem öffentlichen Leben, tatsächlich ausgeschlossen und mit dem Glauben an Christus auch den Glauben an Gott verdrängt hat. Als Folge davon kamen die sittlichen Werte, nach denen in früheren Zeiten das private und öffentliche Tun beurteilt wurde, gleichsam ausser Kurs; Mensch, Familie und Staat wurden dem wohltuenden und erneuernden Einfluss des Gottesgedankens und der kirchlichen Lehre durch die immer rascher fortschreitende, hochgepriesene Laisierung des gesellschaftlichen Lebens entzogen; und nun hat diese auch in Gegenden, wo viele Jahrhunderte hindurch die Strahlen der christlichen Kultur leuchteten, immer klarere, immer deutlichere, immer mehr beängstigende Anzeichen eines verderbten und verderblichen Heidentums wieder aufkommen lassen : «Finsternis brach herein, als sie Jesus gekreuzigt hatten» (Römisches Brevier, Karfreitag, Viertes Responsorium).

Viele waren vielleicht bei der Trennung von der Lehre Christi sich nicht voll bewusst, dass ein luftiges Truggebilde schillernder Redensarten sie betört hatte, von Redensarten, die eine derartige Trennung als Befreiung von der Knechtschaft ausgaben, in der man bisher zurückgehalten worden sei; weder sahen sie voraus, welch bittere Folgen es habe, den traurigen Tausch der Wahrheit, die frei macht, gegen den Irrtum, der knechtet, zu vollziehen; noch bedachten sie, dass, wer auf das unendlich weise und väterliche Gesetz Gottes und auf die einigende und erhebende Lehre von der Liebe Christi verzichtete, der Willkür einer armseligen, wandelbaren Menschen-Weisheit sich verschrieb: man redete von Fortschritt, und man machte Rückschritte; von Aufschwung, und man sank ab; von Aufstieg zur Mündigkeit, und man versklavte; man merkte nicht, wie vergeblich alles menschliche Bemühen ist, das Gesetz Christi durch irgend etwas ihm Gleiches zu ersetzen : «Sie verfielen mit ihren Gedanken auf Nichtigkeiten» (Rom., 1, 21).

Der Glaube an Gott und an Jesus Christus wurde geschwächt, das Licht der sittlichen Grundsätze wurde in den Seelen verdunkelt, und so war die einzige und unersetzliche Grundlage jener Festigkeit und Ruhe, jener inneren und äusseren, privaten und öffentlichen Ordnung untergraben, die allein die Wohlfahrt der Staaten hervorbringen und bewahren kann.

Gewiss, auch als durch gleiche, der christlichen Lehrverkündigung entnommene Ideale Europa brüderlich verbunden war, fehlten Streitigkeiten, Wirren und Kriege nicht, die es verwüsteten; aber wohl niemals wurde so fühlbar wie heute die verzagte Ratlosigkeit verspürt, die über der Möglichkeit eines Ausgleichs liegt; denn damals war eben jenes Bewusstsein von Recht und Unrecht, von Erlaubtem und Unerlaubtem lebendig, das Vereinbarungen erleichtert, während es den Ausbruch der Leidenschaften zügelt und den Weg zu einer Verständigung in Ehren offen lässt. Umgekehrt kommen heutzutage die Zwistigkeiten nicht nur vom Ansturm sich empörender Leidenschaften, sondern aus einer tiefen Krise des Geistigen, welche die gesunden Grundsätze der privaten und öffentlichen Gesittung verkehrt hat.

Unter den vielfältigen Irrtümern, die aus dem Giftquell des religiösen und sittlichen Agnostizismus hervorbrechen, wollen Wir zwei besonders eurer Beachtung unterbreiten, ehrwürdige Brüder, und zwar Irrtümer, die das friedliche Zusammenleben der Völker geradezu unmöglich oder wenigstens überaus schwankend und unsicher machen.

* * *

Der erste dieser gefährlichen Irrtümer, der heute weit verbreitet ist, liegt darin, dass man das Gesetz der Solidarität und Liebe zwischen den Menschen in Vergessenheit geraten lässt, jenes Gesetz, das sowohl durch den gemeinsamen Ursprung und durch die nämliche Vernunftnatur aller Menschen, gleichviel welchen Volkes, vorgeschrieben und auferlegt ist, wie auch durch das Opfer der Erlösung, das Jesus Christus am Altar des Kreuzes seinem himmlischen Vater für die sündige Menschheit darbrachte.

In der Tat erzählt die erste Seite der Schrift mit grossartiger Einfachheit, wie Gott als Krönung seines Schöpfungswerks nach seinem Bild und Gleichnis den Menschen machte (vgl. Gen., 1, 26-27); und ebenso belichtet sie, wie Er ihn mit übernatürlichen Gaben und Vergünstigungen bereicherte und ihn so für ein ewiges und unaussprechliches Glück bestimmte. Sie zeigt weiter, wie von dem ersten Paar die anderen Menschen herstammen, und dann lässt sie mit unübertroffener Ausdruckskraft der Sprache deren Teilung in mannigfache Gruppen und die Verstreuung in die verschiedenen Teile der Welt folgen. Auch als sie sich von ihrem Schöpfer abwandten, hörte Gott nicht auf, sie als Söhne zu betrachten, die eines Tages nach seinem allbarmherzigen Plan noch einmal wieder in seiner Freundschaft vereint sein sollten (vgl. Gen., .12, 3).

Der Völkerapostel macht sich zum Künder dieser Wahrheit, welche die Menschen in einer grossen Familie brüderlich eint, wenn er der griechischen Welt verkündet, dass Gott «aus einem einzigen Stamm alle Geschlechter der Menschen hervorgehen liess, damit sie die ganze Oberfläche der Erde bewohnten, und dass er die Zeit ihres Daseins und die Grenzen ihrer Wohnsitze bestimmte, auf dass sie den Herrn suchten » (Apg., 17 26).

Wunderbare Schau, die uns das Menschengeschlecht sehen lässt in der Einheit eines gemeinsamen Ursprungs in Gott : «Ein Gott und Vater aller, der da ist über allen, durch alles und in uns allen» (Eph., 4, 6); in der Einheit der Natur, bei allen gleich gefügt aus stofflichem Leib und geistiger, unsterblicher Seele; in der Einheit des unmittelbaren Ziels und seiner Aufgabe in der Welt; in der Einheit der Siedlung auf dem Erdboden, dessen Güter zu nutzen alle Menschen naturrechtlich befugt sind, um so ihr Leben zu erhalten und zu entwickeln; in der Einheit des übernatürlichen Endziels, Gottes selbst, nach dem zu streben alle verpflichtet sind; in der Einheit der Mittel, um dieses Ziel zu erreichen.

Der gleiche Apostel zeigt uns die Menschheit in der Einheit der Beziehungen zum Sohne Gottes, dem Ebenbild des unsichtbaren Gottes, in dem alle Dinge geschaffen sind : «In ihm ist alles erschaffen» (Kol., 1, 16); in der Einheit der für alle durch Christus gewirkten Auslösung, durch Christus, der die zerbrochene ursprüngliche Freundschaft mit Gott durch sein heiliges und bitterstes Leiden wiederherstellte, indem er sich zum Mittler zwischen Gott und den Menschen machte : «Denn es gibt nur einen Gott und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen: den Menschen Christus Jesus»( 1 Tim., 2, 5).

Ebendieser göttliche Heils- und Friedensmittler wollte nun jene Freundschaft zwischen Gott und der Menschheit noch inniger gestalten: daher liess er in der weihevollen Stille des Abendmahlsaals, bevor er das Kreuzesopfer vollbrachte, von seinen Gotteslippen Worte kommen, die mit hellem Klang durch die Jahrhunderte widerhallten und so Heldentaten der Liebe immitten einer liebeleeren und hasszerrissenen Welt weckten: «Dies ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe» (Joh., 15, 12).

Es handelt sich hier um übernatürliche Wahrheiten, die tiefe Grundmauern und starke Bande der Einheit legen, einer Einheit, die vervollkommnet wird durch die Liebe zu Gott und zum göttlichen Erlöser, von dem alle das Heil empfangen «zum Aufbau des Leibes Christi, bis wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur Mannesreife, zum Vollmass des Alters Christi» (Eph., 4, 12, 13).

Im Lichte dieser rechtlichen und tatsächlichen Einheit des Ganzen der Menschheit fügen sich die Einzelnen nicht bindungslos aneinander wie Sandkörner; vielmehr einen sie sich in organischen, harmonischen und wechselseitigen Beziehungen (die mit dem Wandel der Zeiten verschiedenartige Formen annehmen können) entsprechend ihrem natürlichen und übernatürlichen Ziel und Antrieb.

Dass die Völker sich entfalten und sich besondern gemäss der Verschiedenheit von Lebens- und Kulturbedingungen, ist nicht auf Spaltung der Einheit des Menschengeschlechts hingerichtet; die Völker sollen diese vielmehr durch die Mitteilung ihrer besonderen Gaben und durch den gegenseitigen Austausch ihrer Werte reicher und schöner gestalten; dies kann aber nur geschehen und im ganzen wirksam sein, wenn eine wechselseitige Liebe und eine lebendig gefühlte Zuneigung alle Kinder desselben Vaters und alle in demselben Gottesblut Erlösten eint.

Die Kirche bewahrt mit grösster Treue die erzieherische Weisheit Gottes. Daher kann sie nicht daran denken und denkt nicht daran, die für jedes Volk eigentümlichen Sonderwerte anzutasten oder minderzuachten, die von jedem mit empfindsamer Anhänglichkeit und mit begreiflichem Stolz gehegt und als kostbares Vätergut betrachtet werden. Das Ziel der Kirche ist die Einheit im Übernatürlichen und in umfassender Liebe durch Gesinnung und Tat, nicht die Einerleiheit, die nur äusserlich und oberflächlich ist und gerade darum kraftlos macht. Die Kirche begrüsst freudig und begleitet mit mütterlichem Wohlwollen jede Einstellung und Bemühung für eine verständige und geordnete Entfaltung solcher eigengearteter Kräfte und Strebungen, die im innersten Eigensein jedes Volkstums wurzeln; Voraussetzung dabei ist nur, dass sie mit den Verpflichtungen nicht in Widerspruch stehen, die sich der Menschheit durch ihren einheitlichen Ursprung und durch die Einheitlichkeit ihrer gemeinsamen Aufgaben auferlegen. Diese grundsätzliche Regel ist der Leitstern im allumfassenden Apostolat der Kirche, wie ihr Wirken auf dem Missionsfeld nicht nur einmal zeigt. Ungemein viele Untersuchungen und bahnbrechende Forschungen sind das mit Opfern, Hingabe und Liebe gewirkte Werk der Glaubensboten aller Zeiten, Untersuchungen und Forschungen, die darauf abzielten, das innere Verständnis und die Achtung vor verschiedenartigstem Kulturgut zu erleichtern und seine geistigen Werte zum Besten einer lebendigen und lebensnahen Verkündigung der Frohbotschaft Christi zu heben. Jedwede Gebräuche und Gewohnheiten, die nicht unlösbar mit religiösem Irrtum verknüpft sind, werden stets mit Wohlwollen geprüft und — wenn immer möglich — geschützt und gefördert. Gerade Unser unmittelbarer Vorgänger heiligen und verehrungswürdigen Andenkens wandte derartige Richtlinien auf eine besonders heikle Angelegenheit an und traf grosszügige Entscheidungen, die seinem Weitblick und seinem glühenden apostolischen Eifer ein hochragendes Denkmal setzen. Es ist nicht nötig, ehrwürdige Brüder, zu erklären, dass Wir selbst ohne Zögern denselben Weg gehen wollen. Alle ohne Ausnahme, die sich der Kirche anschliessen, welcher Herkunft und welcher Sprache sie auch sind, sollen wissen, dass sie im Hause des Herrn, wo das Gesetz und der Friede Christi herrschen, gleiche Kindesrechte besitzen. Im Einklang mit diesen Grundsätzen der Gleichheit verwendet die Kirche alle Mühe auf die Bildung eines hochstehenden einheimischen Klerus und auf die allmähliche Erweiterung der Reihen einheimischer Bischöfe. Gerade um diesen Unseren Absichten einen äusseren Ausdruck zu geben, wählten Wir das bevorstehende Christkönigsfest, um am Grab des Apostelfürsten zwölf Vertreter der verschiedensten Völker und Stämme zur bischöflichen Würde zu erheben. Mitten in der Zerrissenheit und Gegensätzlichkeit, die die Menschheitsfamilie spalten, vermag diese feierliche Handlung allen Unseren auf der weiten Welt verstreuten Kindern laut zu künden, dass Geist, Lehre und Tun der Kirche nicht abweichen können von der Predigt des Völkerapostels: «Zieht den neuen Menschen an, der das Bild seines Schöpfers trägt und zu ganz neuer Erkenntnis führt. Da heisst es nicht mehr Heide oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Barbar oder Szythe, Sklave oder Freier: Christus ist alles und in allen» (Kol., 3, 10-11).

Man fürchte nicht, dass das Bewusstsein des umfassenden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Grösse des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebensowenig, dass dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die Förderung des Wohls und der berechtigten Anliegen der eigenen Heimat geht. Dieselbe Lehre zeigt nämlich, dass es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt, und nach dieser muss man mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der göttliche Meister zeigte durch sein Beispiel, dass er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; er weinte ob der drohenden Verwüstung der Heiligen Stadt. Aber die begründete und rechte Liebe zum eigenen Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Liebe, die auch die anderen und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt.

Wunderbar ist diese Lehre von der Liebe und vom Frieden. In hohem Masse hat sie zum bürgerlichen und religiösen Fortschritt der Menschheit beigetragen.

Denn die von übernatürlicher Liebe beseelten Boten dieser Lehre begnügten sich nicht damit, das Land urbar zu machen und Krankheiten zu heilen; darüber hinaus wurde von ihnen der Boden eigentlichen Lebens angereichert, geprägt und emporentwickelt zu göttlichen Höhen; man nahm den Aufschwung zu den Gipfeln der Heiligkeit, wo alles und jedes im Lichte Gottes gesehen wird. Denkmäler und Heiligtümer erhoben sich, die bezeugen, zu welchen Geisteshöhen der christliche Gedanke den Austieg bahnt. Vor allem aber machten sie aus den Menschen, aus den Gebildeten und den Ungebildeten, aus den Starken und den Schwachen, lebendige Tempel Gottes und Rebzweige am selben Weinstock, an Christus. Man überlieferte den künftigen Geschlechtern die Schätze der Kunst und Wissenschaft des Altertums; aber vor alledem: man liess sie teilhaben an jenem unaussprechlichen Geschenk der ewigen Weisheit, das die Menschen durch ein Band übernatürlicher Zusammengehörigkeit zu Brüdern vereint.

* * *

Ehrwürdige Brüder, das Ausserachtlassen des Gesetzes der allumfassenden Liebe, die allein den Frieden sichern, den Hass ersticken und den Geist bösartigen Zwistes mässigen kann, muss die Quelle schwerster Schäden im friedvollen Zusammenleben der Völker bilden. Nicht weniger unheilvoll aber erweisen sich für das Wohl der Nationen und den Fortschritt der grossen menschlichen Gesellschaft, die in ihrem Schoss alle Völker umspannt, jene falschen Gedankengänge, nach denen die Staatsgewalt frei und unabhängig vom höchsten Wesen dastehen soll; und doch ist Gott die erste Ursache und das letzte Ziel des Einzelnen wie der Gesellschaft. Die Staatsgewalt soll keine Bindung an ein höheres Gesetz anerkennen, das aus Gott als der ersten Quelle erfliessen würde; vielmehr billigt man ihr unbegrenzte Handlungsfreiheit zu und überlässt sie damit dem unsteten Wellengang der Willkür und ausschliesslich den Forderungen schwankender geschichtlicher Ansprüche und zeitbedingter Interessen.

Damit verneint man die Herrscherhoheit Gottes und die verpflichtende Kraft seines Gesetzes. Mit unerbittlicher Folgerichtigkeit greift dann die staaliche Gewalt nach jener unumschränkten Selbstherrlichkeit, die doch nur dem Schöpfer zusteht; sie sucht sich an die Stelle des Allmächtigen zu setzen, erhebt den Staat oder die Masse zum letzten Ziel des Lebens, zur obersten Richtschnur der sittlichen und rechtlichen Ordnung, und verbietet damit jeden Appell an die Grundsätze der natürlichen Vernunft und des christlichen Gewissens.

Wir wollen nicht verkennen, dass abwegige Grundsätze sich glücklicherweise nicht immer voll auswirken, besonders dann nicht, wenn jahrhundertealtes christliches Herkommen, von dem die Völker gelebt haben, noch tief, wenn auch nur unbewusst, in den Herzen verwurzelt ist.

Dennoch darf man nicht vergessen, dass jede Richtschnur des sozialen Lebens wesenhaft ungenügend ist und versagen muss, wenn sie nur auf rein menschlichen Grundmauern ruht, nur von irdischen Beweggründen sich leiten lässt und ihre ganze Kraft auf die Zwangsmittel einer rein äusseren Gewalt stützen will.

Wo die Abhängigkeit des menschlichen Rechtes vom göttlichen Recht geleugnet wird, wo man sich nur an die schwankende Idee einer rein irdischen Autorität wendet und eine Eigengesetzlichkeit fordert, die einzig auf dem Standpunkt der Nützlichkeitsmoral steht, dort fehlt einem solchen rein menschlichen Recht gerade bei seinen schwersten Anforderungen die sittliche Kraft — und das nicht ohne Grund — denn die sittliche Bindegewalt ist die wesentliche Voraussetzung dafür, dass ein Recht Anerkennung finden und auch Opfer fordern kann.

Es ist wohl richtig, dass eine Macht, die auf so schwachen und schwankenden Grundlagen ruht, manchmal unter gegebenen Umständen äussere Erfolge erreicht, die weniger tiefblickende Beobachter in Erstaunen setzen können; aber es kommt dann der Augenblick, wo das unausweichliche Gesetz doch triumphiert, das jedes Werk trifft, das aufgebaut ist auf dem verborgenen oder offenen Missverhältnis zwischen der Grösse des materiellen, äusseren Erfolges und der Schwäche seines inneren Wertes und sittlichen Fundaments. Und dieses Missverhältnis besteht immer dann, wenn die Staatsgewalt die Oberhoheit des obersten Gesetzgebers verkennt oder verleugnet; Er hat den Staatshäuptern die Gewalt gegeben, und Er hat ihrer Gewalt die Grenzen bezeichnet und gezogen.

Die staatliche Herrschaftsgewalt ist vom Schöpfer gewollt — das hat mit hoher Weisheit Unser grosser Vorgänger Leo XIII. in seinem Rundschreiben Immortale Dei dargelegt. Sie soll das gemeinschaftliche Leben nach den Richtlinien einer in ihren allgemeinen Grundgesetzen unveränderlichen Ordnung regeln, sie soll der menschlichen Persönlichkeit in der natürlichen Ordnung die Erreichung der leiblichen, geistigen und sittlichen Vollkommenheit erleichtern und sie schliesslich fördern im Streben nach ihrem übernatürlichen Ziel.

Es ist also das auszeichnende Vorrecht und die hohe Sendung des Staates, die private Tätigkeit der Einzelnen im nationalen Leben zu überwachen, zu fördern und zu ordnen, um sie einheitlich auf das allgemeine Wohl auszurichten. Das letztere kann jedoch nicht nach Willkür bestimmt werden, noch darf es seine Norm in erster Linie von der materiellen Wohlfahrt der Gesellschaft empfangen; es erhält sie vielmehr von der harmonischen Entwicklung und natürlichen Vervollkommnung des Menschen, dem die Gemeinschaft vom Schöpfer selbst als Mittel zugeordnet ist.

Den Staat als Endziel betrachten wollen, dem einfach alles unterzuordnen und zuzuweisen sei, würde schliesslich notwendig einer wahren und dauerhaften Wohlfahrt der Völker schaden. Und das in jedem Fall, mag man dem Staat eine derart unbegrenzte Oberhoheit zugestehen als dem Bevollmächtigten der Nation, des Volkes oder auch einer einzelnen sozialen Klasse, oder mag der Staat selbst, unabhängig von jedweder Beauftragung, für sich als den unumschränkten Herrn ein derartiges Recht beanspruchen.

In der Tat, die Privatinitiative hat ihre innere, empfindliche und verwickelte Gesetzmässigkeit, die das Verwirklichen der ihr eigentümlichen Ziele sicherstellt. Wenn nun der Staat diese Privatinitiative an sich zieht und von sich aus ordnen will, so wird sie, gewaltsam losgetrennt von ihrem Mutterboden, nämlich von dem verantwortlichen Einsatz der Einzelperson, nur Schaden leiden, und zwar zum Nachteil des öffentlichen Wohls.

Auch die erste und wesenhafte Keimzelle der Gesellschaft, die Familie, ihr Wohlsein und Wachsen, würde dann Gefahr laufen, lediglich unter dem Gesichtswinkel völkischer Kraft betrachtet zu werden. Damit aber würde man vergessen, dass Mensch und Familie durch ihre Natur vor dem Staat sind, und dass der Schöpfer beiden Kräfte und Rechte verliehen und eine Aufgabe zugewiesen hat, die unbezweifelbaren Naturforderungen entspricht.

Die Erziehung des kommenden Geschlechts würde nicht mehr auf eine ausgeglichene Entwicklung des Körpers und aller geistig-sittlichen Anlagen zielen, sondern auf die einseitige Ausbildung jener staatsbürgerlichen Tugenden, die man als notwendig zur Verwirklichung politischer Erfolge erachtet; jene Tugenden dagegen, die das gesellschaftliche Leben mit dem Feiergewand von Edelsinn, Menschlichkeit und Ehrfurcht umkleiden, würden weniger empfohlen, gleichsam als ob sie den Stolz des Staatsbürgers verminderten.

In schmerzhafter Klarheit stehen vor Unserm Blick die Gefahren, die dem heutigen und kommenden Geschlecht aus der Verkennung, Verkürzung und fortschreitenden Auslöschung der Eigenrechte der Familie erwachsen müssen. Darum erheben Wir Uns, im vollen Bewusstsein Unserer heiligen Amtspflicht, zu ihrem freimütigen Anwalt. Nirgendwo werden die äusseren und inneren, die materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit so bis zur Neige verkostet, nirgendwo die vielfachen Irrtümer in ihren tausend Auswirkungen so bitter durchlitten, wie innerhalb der Klein- und Edelzelle der Familie. Ein richtiger Wagemut, ja ein Heldentum, das in seiner Schlichtheit dreifach achtunggebietend dasteht, ist oft vonnöten, um die Härten des Lebens, die tägliche Leidenslast, die wachsenden Entbehrungen und fortschreitende Einengung zu tragen, die ein früher nie gekanntes Ausmass erreichen und deren innerer Sinn und sachliche Notwendigkeit oft nicht zu sehen sind. Wer in der Seelsorge steht, wer in die Herzen schauen kann, weiss um die heimlichen Tränen der Mütter, um den stillen Schmerz ungezählter Väter, weiss um die Bitternis, von der keine Statistik spricht noch sprechen kann. Er sieht mit Besorgnis die Flut dieser Bitternisse immer höher und höher steigen und beobachtet, wie die Mächte der Umwälzung und Zerstörung auf der Lauer liegen, um solche Stimmungen für ihre dunklen Ziele auszunutzen. Niemand, der guten Willens und offenen Auges ist, wird in so aussergewöhnlichen Zeiten der Staatsgewalt ein weitgehendes Notrecht verweigern wollen. Aber die von Gott gesetzte, sittliche Ordnung verlangt auch in solcher Lage die ernste, in gewissem Sinn sogar verschärfte Prüfung, ob derartige Massnahmen sittlich erlaubt und vom wahren Gemeinwohl sachlich erfordert sind.

In jedem Falle — je grösser die materiellen Opfer sind, die seitens des Staates von dem einzelnen und der Familie verlangt werden: um so heiliger und unverbrüchlicher müssen ihm die Rechte des Gewissens sein. Er kann Gut und Blut fordern, aber niemals die von Gott erlösten Seelen. Der Auftrag, den Gott den Eltern gab, für die materielle und seelische Wohlfahrt ihrer Kinder zu sorgen und ihnen eine ausgeglichene Erziehung in Geiste echter Religiosität zu vermitteln, kann ihnen von niemand ohne schwere Rechtsverletzung entrissen werden. Diese Erziehung soll gewiss auch sein eine Erziehung «zum Staate hin», d. h. zur bewussten, gewissenhaften, freudigen Pflichterfüllung eines edlen Patriotismus, der dem irdischen Vaterland das ihm zukommende Vollmass an Liebe, Hingabe und Mitarbeit schenkt. Eine Erziehung jedoch, die darauf vergässe oder gar bewusst unterliesse, Auge und Herz der Jugend auch auf das ewige Vaterland zu lenken, wäre ein Unrecht an der Jugend, ein Unrecht an den unabtretbaren Erzieherrechten und Erzieherpflichten der christlichen Familie — eine Grenzüberschreitung, die nach Abhilfe ruft, gerade auch im Interesse des Volks- und Staatswohls. Mag sie denen, die dafür verantwortlich sind, vorübergehend als Quelle wachsender Kraft und Macht erscheinen; in Wirklichkeit wäre sie das Gegenteil und ihre bitteren Auswirkungen würden das beweisen. Die Majestätsbeleidigung gegen den ((König der Könige, und den Herrn der Herrscher » (1 Tim., 6, 15; Apoc , 19, 16), die in einer christusfremden oder gar christusfeindlichen Erziehung sich vollzieht, die Umkehr des Herrenwortes : «Lasset die Kinder zu mir kommen» (Marc, 10, 14) in sein Gegenteil müsste bitterste Früchte tragen. Der Staat, der den blutenden, in Gewissenskämpfen sich verzehrenden Herzen der christlichen Väter und Mütter ihre Sorgen abnimmt und ihre Rechte wiedergibt, baut nur an seinem eigenen inneren Frieden und an der Grundlegung einer glücklichen Zukunft des Vaterlandes. Die Seelen der Kinder, die Gott den Eltern schenkte, die in der Taufe mit dem Königszeichen Christi besiegelt wurden, sind ein heiliges Treuhandgut, über dem Gottes eifersüchtige Liebe wacht. Derselbe Christus, der gesagt hat: Lasset die Kinder zu mir kommen, hat — bei all seiner erbarmenden Güte — ein schneidendes Wehe gerufen über jene, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis bereiten. Und welches Ärgernis wirkt vernichtender und nachhaltiger auf ganze Geschlechter als eine Fehlleitung der Jugenderziehung in eine Richtung, die von Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, wegführt in offenen oder getarnten Abfall von ihm? Dieser Christus, dem man die heutige und kommende Jugend zu entfremden sucht, er ist derselbe, der aus den Händen seines himmlischen Vaters alle Königsgewalt empfing im Himmel und auf Erden. Er trägt in seiner allmächtigen Hand das Schicksal der Staaten, der Völker und Nationen. Bei ihm steht es, ihr Leben, Wachsen, Gedeihen und ihre Grösse zu kürzen oder zu verlängern. Von allem, was diese Erde trägt, ist nur die Menschenseele unsterblich. Ein Erziehungssystem, das den von Gottes heiligem Gesetz umfriedeten Bannkreis der christlichen Familie nicht achtete, ihre sittlichen Grundlagen bedrohen, der Jungend den Weg zu Christus, zu den Lebens- und Freudenquellen des Heilandes (vgl. Isai, 12, 3) versperren wollte, das gar den Abfall von Christus und seiner Kirche als Kennzeichen der Treue zum Volk oder einer bestimmten Klasse erachten wollte, würde sich selbst das Urteil sprechen und zu gegebener Zeit die unentrinnbare Wahrheit des Propheten Wortes an sich erfahren : «Alle, die Dich verlassen, werden in den Staub geschrieben» (1er., 17,13).

* * *

Die falsche Auffassung von der schrankenlosen Autorität des Staates, ehrwürdige Brüder, ist nicht nur für das innere Leben der Nationen, ihre Wohlfahrt und ihren geordneten Aufschwung verderblich, sondern schadet auch den Beziehungen der Völker untereinander, weil sie die übernationale Gemeinschaft zerstört, dem Völkerrecht seine Grundlage und seine Bedeutung entzieht, zur Verletzung fremder Rechte führt und jedes Verstehen und friedliche Zusammenleben erschwert.

Die Menschheit ist zwar, gemäss der von Gott eingerichteten natürlichen Ordnung, in gesellschaftliche Gruppen, Nationen und Staaten geteilt, die von einander unabhängig sind inbezug auf Gestaltung und Leitung ihres Eigenlebens; zugleich ist sie aber auch durch gegenseitige sittliche und rechtliche Bindungen zu einer grossen Gemeinschaft zusammengeschlossen, deren Ziel das Wohl aller Völker ist und die ihre Einheit und ihren Fortschritt durch besondere Gesetze schützt.

Es ist nun klar, dass die angebliche absolute Autonomie des Staates zu dieser naturgegebenen Rechtsordnung in offenem Widerspruch steht, sie geradezu leugnet, indem sie die Dauerhaftigkeit internationaler Beziehungen dem Ermessen der Regierenden überlässt und dadurch eine gesicherte Einigung und fruchtbare Zusammenarbeit zum gemeinsamen Wohl unmöglich macht.

Soll es also, ehrwürdige Brüder, ein dauernd friedliches Nebeneinander und fruchtbringende Verbindungen von Land zu Land geben, so ist dafür unerlässliche Voraussetzung, dass die Völker das die internationalen Beziehungen unterbauende Naturrecht anerkennen und danach handeln, durch das allein jene Verbindungen bestehen und sich auswirken können. Zu diesem Naturrecht gehört die Achtung der jeweiligen Rechte auf Unabhängigkeit, auf Dasein und auf Entwicklungsmöglichkeiten kultureller Art; dazu gehört ferner die Einhaltung der Verträge, die nach den Satzungen des Völkerrechts eingegangen worden sind.

Zweifellos ist unerlässliche Vorbedingung für jedes friedliche Zusammenleben der Völker und gewissermassen die Seele aller Rechtsbeziehungen zwischen ihnen das gegenseitige Vertrauen, die Gewissheit, dass ein gegebenes Wort von beiden Seiten gehalten wird, die Zuversicht, dass alle Teile davon überzeugt sind, wie sehr «Weisheit besser ist als Waffengewalt» (Eccle., 9, 18); dass man bereit ist, zu verhandeln und nicht zur Gewalt oder Gewaltandrohung zu schreiten, wenn Verschleppung, Hindernisse, Änderungen oder sonstige Unstimmigkeiten vorliegen; denn dergleichen braucht nicht notwendig von bösem Willen zu kommen, sondern kann in den gewandelten Verhältnissen und tatsächlichen Interessengegensätzen seinen Grund haben.

Wollte man jedoch das Völkerrecht vom göttlichen Recht loslösen, um es auf den unabhängigen Willen der Staaten aufzubauen, so würde man es dadurch entthronen und ihm die vornehmste und stärkste Verankerung nehmen, um es der unseligen Dynamik privater Interessen und kollektiver Selbstsucht zu überantworten, die beide nur mehr die eigenen Rechte auf Kosten der Rechte anderer zur Geltung bringen wollen.

Es kann wohl geschehen, dass im Lauf der Zeit und unter wesentlich veränderten Umständen, die beim Vertragsabschluss nicht vorgesehen waren und vielleicht nicht vorhergesehen werden konnten, ein Vertrag oder einzelne Bestimmungen desselben wirklich oder scheinbar ungerecht, unausführbar, allzu drückend für einen Vertragspartner werden. Wenn ein solcher Fall eintreten sollte, müsste zeitig durch ehrliche Verhandlung der Vertrag geändert oder durch einen neuen ersetzt werden. Aber von vornherein Verträge als etwas Vorübergehendes ansehen und sich stillschweigend das Recht zu ihrer einseitigen Lösung vorbehalten, sobald es nützlich dünkt, hiesse jegliches gegenseitige Vertrauen von Staat zu Staat zerstören. Das wäre das Ende der naturgewollten Ordnung, und es blieben nur mehr unüberbrückbare Trennungsgräben zwischen den Völkern und Nationen.

Heute, ehrwürdige Brüder, blickt eine ganze Welt mit Grauen in den Abgrund, an den die von Uns gekennzeichneten Irrtümer und die aus ihnen geborenen praktischen Ergebnisse die Menschheit geführt haben. Die Trugbilder eines stolzen Fortschrittglaubens liegen am Boden. Wer auch jetzt noch nicht erwachen will, den müsste das Geschehen dieser Tage aufrütteln mit den Worten des Propheten: «Ihr Tauben, hört, und ihr Blinden, schauet auf!» (Is., 42, 18). Was nach aussen Ordnung schien, war nichts anderes als wachsende Verwirrung. Eine Verwirrung der sittlichen und rechtlichen Lebensgesetze, die sich von der Majestät des Gottesgesetzes gelöst und alle Bereiche der menschlichen Betätigung verseucht hatten. Aber lassen Wir das Vergangene. Schauen Wir in die Zukunft, in jene Zukunft, die nach den blutigen Kämpfen von heute eine neue Ordnung in Gerechtigkeit und Wohlfahrt bringen soll, wie uns die Mächtigen dieser Welt versprechen.

Wird diese Zukunft andere, wird sie bessere Wege wandeln? Die Friedensschlüsse, die völkerrechtliche Neuordnung am Ende des nun entfesselten Kriegs — werden sie wirklich von Gerechtigkeit und Billigkeit gegen alle beseelt sein, werden sie die Menschheit befreien und befrieden, oder werden sie ausmünden in eine traurige Wiederholung alter und neuer Irrtümer? Von der bewaffneten Auseinandersetzung und ihrem Ergebnis allein eine entscheidende Besserung zu erhoffen, ist eitel; das beweist die Erfahrung. Die Stunde des Sieges ist eine Stunde des äusseren Triumphes für jene, deren Fahnen er zufällt. Aber sie ist zugleich auch eine Stunde der Versuchung, wo der Engel der Gerechtigkeit ringt mit dem Dämon der Gewalt. Nur zu leicht verhärtet sich das Herz des Siegers; Masshaltung und vorausschauende Weisheit erscheinen ihm als Schwäche. Die lodernde Leidenschaft der Masse, durch Opfer und Leiden zur Glut entfacht, blendet oft auch das Auge der Verantwortlichen und lässt sie die mahnende Stimme der Menschlichkeit und Billigkeit überhören; sie wird übertönt oder erstickt von dem mitleidlosen «Wehe den Besiegten!» Entschlüsse und Entscheidungen, aus solcher Stimmung erwachsen, würden Gefahr laufen, nichts zu sein als Unrecht unter dem Mantel der Gerechtigkeit.

Nein, ehrwürdige Brüder, nicht von aussen her wird den Völkern Rettung kommen. Das Schwert kann Friedensbedingungen diktieren, aber keinen wahren Frieden schaffen. Von innen, vom Geiste her müssen die Kräfte wachsen, die das Antlitz der Erde erneuern.

Nach den Bitternissen und Kämpfen der Gegenwart darf nicht wieder eine Neuordnung der Welt, des staatlichen und überstaatlichen Gemeinschaftslebens werden, die auf dem Flugsand immerfort sich wandelnder und vergehender Rechtsschöpfung steht und dem individuellen oder kollektiven Eigennutz überlassen bleibt. Ihr letzter und unerschütterlicher Felsgrund muss wieder das aus Natur und Offenbarung sprechende Gottesrecht werden. Von ihm allein kann dem menschlichen Gesetzgeber der Geist der Selbstbeherrschung, der helle Sinn für sittliche Verantwortung kommen, ohne den die Spanne zwischen dem berechtigtem Gebrauch und dem Missbrauch der Gewalt oft nur allzu kurz ist. Nur so werden seine Entscheidungen innere Stetigkeit, hehre Würde und religiöse Sanktion finden und nicht zum Spielball von Eigennutz und Leidenschaft werden.

Wenn es richtig ist, dass die Übel, an denen die heutige Menschheit leidet, wenigstens zum Teil wirtschaftliche Ursachen haben, im Kampf um eine gerechtere Verteilung der Güter, die Gott dem Menschen zu seinem Unterhalt und Fortschritt gegeben hat, so ist nicht weniger richtig: Die Wurzeln dieser Übel liegen noch viel tiefer; sie liegen darin, dass der religiöse Glaube und die sittliche Überzeugung mehr und mehr zerstört worden sind, je mehr sich die Völker von der Einheit der Glaubenslehre und des Sittengesetzes entfernt haben, die einstens durch die unermüdliche und segensreiche Arbeit der Kirche gefördert wurde. Wenn eine künftige Erziehungsarbeit an der Menschheit Erfolg haben soll, dann muss vor allem geistige und religiöse Erziehungsarbeit geleistet werden. Sie muss von Christus als dem einzigen Fundament ausgehen, sie muss im Geist der Gerechtigkeit geleitet und in Geist der Liebe vollendet werden.

Diese Wiedergeburt durchzuführen, unter Anpassung an die veränderten Zeiten und die neuen Bedürfnisse der Menschheit, ist recht eigentlich Aufgabe der Mutter Kirche. Ihr ist die Verkündigung der Frohen Botschaft von ihrem göttlichen Stifter übertragen. Hier wird den Menschen Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe eingeschärft. Dazu beitragen, diese Gesetze so fest als möglich in den Herzen und in den Gewissen verankern, das ist die vornehmste und auch die wirksamste Arbeit für den Frieden. Diese Aufgabe ist so gewaltig, dass die streitende Kirche menschlich gesprochen fast daran verzweifeln müsste. Aber an der Ausbreitung des Gottesreiches zu arbeiten, in jedem Jahrhundert anders, mit neuen Mitteln, unter neuen und harten Kämpfen, ist ein Gebot, unter dessen heiligem Zwang jeder steht, den die Gnade des Herrn der Dienstbarkeit Satans entrissen und im Bade der Wiedergeburt zum Bürger seines Reiches umgeschaffen hat.

Mitglied dieses Reiches sein, heisst seinem Geist entsprechend leben, heisst an seinem Wachstum arbeiten, seine Schätze auch denen erschliessen, die noch nicht seine Glieder sind. Das besagt aber in unsern Tagen: ankämpfen müssen gegen Hindernisse und Widerstände, die in ausgeklügeltem System in die Breite und Tiefe angelegt sind wie nie zuvor; daher ist heute mehr denn je ein offenes, mutiges Glaubensbekenntnis gefordert, Standhaftigkeit in Kampf, äusserste Opferbereitschaft. Wer im Geiste Christi lebt, den entmutigen die Schwierigkeiten nicht, vielmehr treiben sie ihn zu höchster Kraftanspannung und vollstem Gottvertrauen an; der entzieht sich nicht den harten Forderungen des Augenblicks, sondern stellt sich ihnen und vollbringt seine Hilfeleistung mit jener Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckt, die stärker ist als der Tod, die sich nicht auslöschen lässt durch die reissenden Wasser der Trübsal.

Ein inniger Trost, eine beglückende Freude, für die Wir Gott dem Herrn Tag für Tag in tiefer Demut danken, ist es für Uns, ehrwürdige Brüder, in allen Breiten der katholischen Welt unverkennbare Zeichen eines Geistes zu sehen, der den riesengrossen Aufgaben der Zeit mutig die Stirne bietet, der mit bewundernswerter Hochherzigkeit und entschlossenem Ernst darangeht, die erste und wesentliche Sorge um persönliche Selbstheiligung mit dem apostolischen Ringen um des Gottesreiches Mehrung in fruchtbarem Ausgleich zu vereinen. Das von Unsern Vorgängern mit so viel Liebe gepflegte Werk der Eucharistischen Kongresse und die Mitarbeit der Laien, die in der Katholischen Aktion zum vertieften Bewusstsein ihrer hohen Sendung und Würde erzogen werden, schenken der Kirche in einem Moment gesteigerter Bedrohung und verstärkter Beanspruchung Gnadenquellen und Kraftreserven, die in dem zwischen Christentum und Antichristentum entbrannten Kampf nicht hoch genug eingeschätzt werden können

In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein Missverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der grossen Ernte und den wenigen Arbeitern (Matth., 9, 37; Lk., 10, 2) einen sorgenschweren Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche, eifrige und hingebende Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für die Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, Er möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth., 9, 38; Lk., 10, 2), ist in einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe diesem Apostolat die ganze Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine Massenheimkehr zu Christus zu wandeln. Ihnen allen gilt in diesem für die Kirche und die Menschheit so bedeutungsvollen Augenblick Unser väterlicher Gruss, Unser bewegter Dank, Unsere vertrauensvolle Hoffnung. Sie haben in Wahrheit ihr Leben und Schaffen unter das Banner Christi des Königs gestellt. Sie können mit dem Psalmisten sprechen: «Meine Werke gehören dem König» (Ps. 44, 1). Der Ruf : Zu uns komme Dein Reich! — ist nicht nur Sehnsuchtsziel ihres Betens, sondern auch Leitstern ihres Handelns. In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen ehrender und beglückender nicht erhoffen können. Diese apostolische Arbeit, im Geiste der Kirche geleistet, weiht auch den Laien gewissermassen zum «Diener Christi», wie es der hl. Augustin mit folgenden Worten erklärt: ((Meine Brüder, wenn ihr den Herrn sagen hört : „Wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein“ so dürft ihr nicht nur an die guten Bischöfe und Geistlichen denken. Auch ihr dient ja in eurer Weise Christus, indem ihr heilig lebt, Almosen spendet und Christi Namen und Lehre soviel als möglich verkündet. Jeder Familienvater sei schon auf Grund dieses Namens sich bewusst, dass er seine Familie in väterlicher Güte umfangen soll. Um Christi und um des ewigen Lebens willen möge er alle die Seinen ermahnen, belehren, aufmuntern und zurechtweisen; er zeige ihnen ein gutes Herz, aber sehe auch auf ernste Zucht; so wird der Hausvater in seinem Heim ein kirchliches, ja geradezu ein bischöfliches Amt erfüllen, indem er Christus dient, um auf ewig auch bei Christus zu sein» (In Ev. Joh., tract. 51, n. 13).

Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laienapostolates fällt eine besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den Geist des jungen Geschlechts entscheidend. Solange am heimischen Herd des Christusglaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen Erlöser aus der Öffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen, wo von den Wänden der Schulen das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie der providenzielle, in einem gewissen Grade unangreifbare Zufluchtsort christlicher Glaubensgesinnung. Und — Gott sei es gedankt! — unzählige Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in grosser Zahl — auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus Leid und Verfolgung bedeutet — harrt aus am Throne des Erlöser-Königs mit jener ruhigen und sicheren Entschlossenheit, die an die ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.

Welche Ströme des Segens könnten sich über die Welt ergiessen, wieviel Licht, Ordnung und Befriedung in die verschiedenen Bereiche des Gemeinschaftslebens einziehen, wieviel kostbare, ja unersetzbare Kräfte könnten für die grossen Aufgaben und Ziele der Menschheit nutzbar gemacht werden, wenn man der Kirche, der berufenen Lehrmeisterin von Gerechtigkeit und Liebe, freie Bahn gäbe, auf die sie kraft ihres Gottesauftrags ein heiliges, unbestreitbares Recht besitzt! Wieviel Unheil könnte verhütet, wieviel Glück und Zufriedenheit geschaffen werden, wollte die soziale und übernationale Friedensarbeit sich von den starken Antrieben des Evangeliums der Liebe im Kampf gegen individuellen und kollektiven Eigennutz lenken lassen!

Die Gesetze, die das Leben der gläubigen Christen ordnen, und die Postulate wahren Menschentums widersprechen sich nicht, sondern stützen sich gegenseitig. Im Interesse der leidenden, in ihrem materiellen und geistigen Gefüge tief erschütterten Menschheit haben Wir keinen sehnlicheren Wunsch, als diesen: die Not der Gegenwart möge vielen die Augen öffnen, damit sie Christus den Herrn und die Sendung seiner Kirche in der Welt im wahren Lichte sehen, und alle Machthaber mögen sich entschliessen, für die welterzieherischen Aufgaben der Kirche im Sinne der Gerechtigkeit und des Friedens die Bahn freizugeben.

Voraussetzung für diese Friedensarbeit ist, dass der Kirche bei der Ausübung der ihr von Gott anvertrauten Sendung keine Hindernisse in den Weg gelegt werden; dass man ihr Betätigungsfeld nicht einengt und nicht die Massen, besonders die Jugend, ihrem segensreichen Einfluss entzieht. Als Stellvertreter dessen, der vom Propheten „Fürst des Friedens“ (Isai., 9, 6) genannt worden ist, wenden wir Uns daher an die Lenker der Völker und an alle, die auf das öffentliche Leben Einfluss besitzen, damit sich die Kirche in voller Freiheit ihrer Erziehungsaufgabe widmen könne, indem sie die Wahrheit verkündigt, die Gerechtigkeit einschärft und die Herzen mit der göttlichen Liebe Christi erneuert.

Auf die Ausübung dieser ihrer Mission, die als Endziel hier auf Erden den göttlichen Plan verwirklichen will «alles in Christus zu erneuern, was im Himmel und auf Erden ist» (Eph., 1, 10), kann die Kirche niemals verzichten; umso weniger heute, wo ihre Arbeit notwendiger denn je erscheint, da die traurige Erfahrung lehrt, dass äussere Mittel, menschliche Vorsorge und politische Massnahmen allein ausserstande sind, der bedrängten Menschheit wirksame Erleichterung zu bringen.

Gerade weil die menschlichen Auskunftsmittel leider die Stürme abzuwenden nicht imstande waren, die unsere Kultur in ihren Wirbel reissen, wenden viele erneut voll Hoffnung ihren Blick zur Kirche, dem Hort der Wahrheit und Liebe, zum Stuhle Petri, von dem, wie sie fühlen, der Menschheit jene Einheit des Glaubens und des Sittengesetzes wiedergeschenkt werden kann, die zu anderer Zeit den friedlichen Beziehungen der Völker Dauer und Festigkeit verlieh.

Eine Einheit, nach der nicht wenige für die Geschicke der Völker verantwortlichen Staatsmänner mit schmerzlicher Sehnsucht Ausschau halten: sie müssen es ja Tag für Tag erfahren, wie sehr die Mittel versagen, auf die sie einstens ihre Hoffnung setzten. Eine Einheit, auf welche die Scharen, gross an Zahl, Unserer eigenen Kinder harren, die täglich den Gott des Friedens und der Liebe anrufen (vgl. 2 Cor., 13,11). Eine Einheit, die Erwartung so vieler edler Geister, die zwar nicht zu Uns gehören, die aber doch in ihrem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und Frieden ihr Augenmerk auf den Stuhl Petri richten, von wo sie Führung und Rat erhoffen.

Was sie an der katholischen Kirche achten, ist die sichere Festigkeit, mit der die Kirche durch zwei Jahrtausende die christliche Glaubens- und Lebensregel bewahrt hat. Was sie achten, ist die unerschütterliche Geschlossenheit der kirchlichen Hierarchie, die geeint um Petri Nachfolger sich selbstlos aufopfert, um das Licht der Frohbotschaft in die Menschheit hineinzutragen, sie zu führen und zu heiligen; die in mütterlichem Verstehen weitherzig ist gegen alle, aber unbeugsam bleibt, wenn sie, selbst um den Preis von Verfolgung und blutigem Tod, erklären muss: Non licet, es ist nicht erlaubt!

Und doch, ehrwürdige Brüder, die Lehre Christi, die allein den Menschen eine sichere Glaubensgrundlage bieten kann, von der aus der Blick in selige Fernen schweift und das Herz den göttlichen Dingen sich weit erschliesst, die Lehre Christi, die in den grossen Zeitnöten mächtige Hilfe verleiht — sie und das rastlose Mühen der Kirche, jene Lehre zu verkünden, zu verbreiten und die Menschen nach ihr zu bilden, sind nicht selten Gegenstand misstrauischen Verdachts, als ob sie den Unterbau der staatlichen Autorität erschütterten und sich deren Rechte anmassten.

Solchem Argwohn gegenüber erklären Wir mit apostolischer Offenheit: Bei allem Festhalten an dem, was Unser Vorgänger Pius XI. verehrungswürdigen Angedenkens in seinem Rundschreiben «Quas primas» vom 11. Dezember 1925 über die Gewalt Christi des Königs und Seiner Kirche gelehrt hat, liegen der Kirche derartige Bestrebungen vollkommen fern; sie breitet ihre mütterlichen Arme gegen die Welt aus — nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Sie beansprucht nicht, sich innerhalb des Eigenbereichs anderer rechtmässiger Gewalten an deren Stelle zu setzen; sie bietet ihnen vielmehr ihre Hilfe an, ganz nach dem Beispiel und im Geiste ihres göttlichen Stifters, der «umherzog, Wohltaten spendend» (Apg., 10, 38).

Die Kirche predigt mit Nachdruck Gehorsam und Ehrfurcht gegenüber der weltlichen Autorität, die ja ihre hohe Abkunft von Gott herleitet, und sie hält sich an die Lehre ihres göttlichen Meisters, der sagte: «Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt» (Mt., 22, 21); sie will sich keine Macht anmassen, sondern lässt in ihrer Liturgie singen: «Doch der raubt nie ein irdisch‘ Reich, der himmlische vergeben kann» (Hymnus am Epiphaniefest). Sie beugt nicht die menschliche Kraft nieder, sondern erhebt sie zu allem Hochherzigen und Edlen, sie prägt Charaktere, die unentwegt zu ihrem Gewissen stehen. Die Kirche, die den Völkern die Gesittung brachte, hat sich nie gegen den kulturellen Fortschritt der Menschheit gestemmt, im Gegenteil — ihr Mutterstolz schaut auf ihn mit Freude und Gefallen. Was ihr Wirken will, haben, die Engel an der Krippe des menschgewordenen Gottes wunderbar verkündet, als sie des Höchsten Ehre sangen und den Menschen guten Willens die Friedensbotschaft brachten : «Ehre sei Gott in der Höhe, und auf Erden Frieden den Menschen seiner Huld» (Luk., 2, 14). Es ist der Friede, den die Welt nicht geben kann; ihn hat der göttliche Erlöser seinen Jüngern als Erbe hinterlassen: «den Frieden hinterlasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich Euch» (Job.., 14, 27); und nach dieser erhabenen Lehre Christi, die Er selbst im Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe zusammenfasste, haben Millionen von Seelen den Frieden gefunden, finden ihn heute und immerdar. Die Geschichte von fast zweitausend Jahren — und ein grosser Redner Roms hat die Geschichte treffend die «Lehrmeisterin des Lebens» (Cic, Orat., 1, 2, 9) genannt — liefert den Beweis von der Wahrheit des Schriftwortes, dass jene den Frieden nicht finden, die sich Gott widersetzen (Job, 9, 4). Denn Christus allein ist der «Eckstein» (Eph. 2, 20), auf dem das Heil des Einzelmenschen und des Gesellschaft festbegründet steht.

Auf diesen Eckstein ist die Kirche gebaut, und daher werden feindliche Mächte nichts gegen sie ausrichten: «Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen» (Matth., 16, 18). Nicht einmal schwächen können sie die Kirche, denn alle inneren und äusseren Kämpfe steigern nur ihre Kraft und winden nur immer neue ruhmreiche Siegeskränze um ihr Haupt.

Jeder andere Bau dagegen, der nicht fest auf Christi Lehre ruht, ist auf Flugsand gebaut und muss über kurz oder lang zusammenstürzen (vgl. Matth., 7, 26-27).

Ehrwürdige Brüder, die Stunde, in der dieses Unser erstes Rundschreiben zu euch hinausgeht, ist in mehr als einer Hinsicht wahrhaft eine Stunde der Finsternis (cf. Luk., 22, 53), in der die Geister der Gewalt und des Unfriedens die blutige Schale namenlosen Leides über die Menschheit ausgiessen. Brauchen Wir Euch zu versichern, dass Unser Vaterherz allen seinen Kindern mitleidend in Liebe nahe ist, vor allem den Bedrängten, Unterdrückten und Verfolgten? Schon sind Völker in den mörderischen Strudel des Krieges hineingezogen, und vielleicht stehen sie erst am «Anfang der Leiden» (Matth., 24, 8); und doch ist bereits in Tausenden von Familien Tod und Verwaisung, Trauer und Elend bitterer Hausgast geworden. Das Blut ungezählter Menschen, auch von Machtkämpfern, erhebt erschütternde Klage, insbesondere auch über ein so geliebtes Volk, wie das polnische, dessen kirchliche Treue und Verdienste um die Rettung der christlichen Kultur mit unauslöschlichen Lettern in das Buch der Geschichte geschrieben sind und ihm ein Recht geben auf das menschlich-brüderliche Mitgefühl der Welt. Vertrauend auf die mächtige Fürsprache Marias, der Hilfe der Christen, ersehnt es die Stunde einer Auferstehung nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und eines wahren Friedens.

Was heute geschehen ist und weiter geschieht, stand wie eine Vision vor Unserem Auge, als Wir in einer Zeit, wo noch nicht alle Hoffnung geschwunden war, nichts unversucht liessen, um in den Unserem heiligen Amte gemässen Formen und mit den Uns zu Gebote stehenden Mitteln den Waffengang zu verhüten und die Wege zu einer für beide Teile ehrenvollen Vereinbarung offen zu halten. Überzeugt davon, dass der Gewaltanwendung von der einen Seite die bewaffnete Antwort der Gegenseite folgen werde, erachteten Wir es — selbst auf die Gefahr von Missverständnissen Unserer Absichten und Ziele hin — für eine unabweisbare Pflicht Unseres Amtes und ein Gebot christlicher Liebe, alles daran zu setzen, um der Menschheit und der Christenheit die Schrecken eines neuen Weltbrandes zu ersparen. Unsere Mahnungen sind, wenn auch nicht ungehört, so doch unbefolgt verhallt. Und während Unser Herz erschauert in Hirtenleid und Hirtensorge, ersteht vor Uns das Bild des Guten Hirten; es ist Uns, als müssten Wir in seinem Namen der Welt von heute sein klagendes Wort zurufen: «Ach hättest du es doch erkannt, was Dir zum Frieden dient! Nun aber ist es vor Deinen Augen verborgen!» (Luk., 18, 42).

Inmitten dieser Welt, die heute das grauenvolle Gegenstück zu dem Frieden Christi im Reiche Christi bietet, steht die Kirche und stehen ihre Gläubigen vor Zeiten und vielleicht Jahren der Prüfung, wie sie in ihrer bewegten Kampf- und Leidensgeschichte sicher selten zu verzeichnen waren. Aber gerade in solchen Zeiten weiss der, der einen festen Glauben und ein gestähltes Herz besitzt, dass Christus der König den Seinen nie so nahe ist, wie in der Stunde der Heimsuchung, die stets eine Feuerprobe christlicher Bewährung bedeutet. Mit blutendem Herzen ob der Leiden und Gefahren so vieler ihrer Kinder, aber auch mit dem Starkmut und der Unbeirrbarkeit, die ihr die Verheissungen des Herrn verleihen, geht die Braut Christi den kommenden Stürmen entgegen. Und sie weiss: die Wahrheit, die sie predigt, die Liebe, die sie lehrt und übt, wird einst beim Aufbau einer neuen Welt in Gerechtigkeit und Liebe mithelfen als unentbehrliche Beraterin und Stütze aller, die guten Willens sind, wenn einmal die Menschheit auf dem Weg des Irrtums sich müde gelaufen und den bitteren Trank des Hasses und der Gewalttat bis zur Neige ausgekostet hat.

Inzwischen aber, ehrwürdige Brüder, soll die Welt, sollen alle vom Kriesgselend Betroffenen erfahren, dass das Grundgesetz des Reiches Christi, die katholische Bruderliebe, nicht ein leeres Wort ist, sondern lebendige Wirklichkeit. Ein unübersehbares Arbeitsfeld eröffnet sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das Vertrauen zu Unsern Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen Ländern, deren Boden noch nicht von der Geissel des Kriegs heimgesucht ward, dass sie im Geiste des Göttlichen Samaritana sich derer erinnern, die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe haben.

Die katholische Kirche steht da als die Stadt Gottes, «deren König die Wahrheit, deren Gesetz die Liebe, deren Lebensform die Ewigkeit ist» (S. Aug., Ep., 38 ad Marcellinum, 3, 17); sie kündet die Wahrheit, unverfälscht und unvermindert, sie wirkt mit mütterlicher Hingabe aus Christi Liebe, und erhebt sich als «Erscheinung seligen Friedens » über dem Strudel von Irrtum und Leidenschaft. So harrt sie des Augenblicks, da Christi des Königs allmächtige Hand dem Sturm gebietet und die Geister bannt, die den Unfrieden heraufbeschworen. Was in Unserer Macht liegt, um das Kommen des Tages zu beschleunigen, wo die Friedenstaube auf dieser von einer Sintflut der Zwietracht überfluteten Erde eine Rast findet, das wollen Wir auch weiterhin tun; Wir vertrauen dabei auf jene hervorragenden Staatsmänner, die vor Kriegsausbruch sich mit Edelmut eingesetzt haben, um die Völker vor solcher Geissel zu bewahren; wir vertrauen auf Millionen von Seelen aller Länder und Schichten, die wie nach Gerechtigkeit, ebenso auch nach Liebe und Erbarmen rufen; Wir vertrauen aber vor allem auf den allmächtigen Gott, zu dem Wir täglich flehen: «Im Schatten Deiner Flügel hoffe ich, bis die Trübsal weicht» (Ps. 56, 2).

Gott kann alles: in Seiner Hand trägt er das Glück und Los der Völker ebenso wie die Pläne der Menschen; er vermag sie in Milde zu wenden, wie Er es will. Selbst Hindernisse werden in Seiner allmächtigen Hand zu Werkzeugen, um Dinge und Geschehnisse zu formen und den freien Entschluss der Herzen auf Seine Ziele zu lenken.

Darum, ehrwürdige Brüder, betet ohne Unterlass, betet vor allem dann, wenn ihr das göttliche Opfer der Liebe darbringt. Betet ihr, von denen der mutige Glaubenseinsatz heute harte, schwere, oft heldenhafte Opfer fordert; betet ihr leidenden und bedrückten Glieder der Kirche, wenn Jesus zu euch kommt, um eure Schmerzen mit tröstender Liebe zu lindern.

Vergesst auch nicht, durch wahren Bussgeist und würdige Werke der Busse euer Gebet angenehmer zu gestalten in den Augen dessen, «der Stütze ist allen, die stürzen, und der alle Gebeugten aufrichtet» (Ps. 144, 14), damit Er in seiner Barmherzigkeit die Tage der Prüfung abkürze und sich so das Wort des Psalmisten erfülle: «Sie schrien in ihrer Bedrängnis zum Herrn, und er befreite sie aus ihren Ängsten» (Ps. 106,13).

Und ihr lichten Scharen der Kinder, ihr Lieblinge Jesu, erhebt beim Empfang des himmlischen Lebensbrotes euer unberührtes, unschuldvolles Gebet und vereint es mit dem Flehen der ganzen Kirche. Dem Flehruf der Unschuldigen kann Jesu Herz nicht widerstehen; denn es liebt euch. Betet alle, betet ohne Unterlass (1 Thess., 5, 17).

So werdet ihr in die Tat umsetzen, was der göttliche Meister als erhabenes Gebot, als heiligstes Vermächtnis Seines Herzens hinterliess: «dass alle eins seien» (Joh., 17, 20): dass alle in jener Glaubens- und Liebeseinheit leben, an der die Welt erkennen soll, wie stark und eindrucksmächtig Christi Sendung und Seiner Kirche Wirken ist.

Die alte Kirche hat dieses Gottesgebot begriffen, getätigt und in einem erhabenen Gebet ausgesprochen; das sollt ihr zu dem eurigen machen mit jenen Gesinnungen, die das Leid der Stunde erheischt: «Gedenke, o Herr, Deiner Kirche, erlöse sie von allem Übel und mache sie vollkommen in Deiner Liebe. Führe sie, die Geheiligte, von den vier Himmelsrichtungen zusammen in Dein Reich, das Du ihr bereitet hast; denn Dein ist die Macht und Ehre in Ewigkeit» (Didache, cap. 10).

Im Vertrauen, dass Gott, des Friedens Mehrer und Freund, das Gebet Seiner Kirche erhöre, erteilen Wir als Unterpfand überströmender göttlicher Gnade, aus der Fülle Unseres väterlichen Herzens, den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Castel Gandolfo bei Rom, am 20. Oktober 1939, im ersten Jahr Unseres Pontifikats.

PIUS PP. XII.

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Quelle: AAS-31-1939 (565-594)

Siehe auch:

7 PÄPSTE führen die KIRCHE CHRISTI ins Dritte Jahrtausend nach Christus

der-Petrus-Papst

Papst PIUS XII. (Eugenio Maria Giuseppe Giovanni Pacelli)

Papst JOHANNES XXIII. (Angelo Giuseppe Roncalli)

Papst PAUL VI. (Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini)

Papst JOHANNES PAUL I. (Albino Luciani)

Papst JOHANNES PAUL II. (Karol Józef Wojtyla)

Papst BENEDIKT XVI. (Joseph Aloisius Ratzinger)

Papst FRANZISKUS (Jorge Mario Bergoglio)

PAPST PIUS XII. am 31.12.1956 zum Weltanschauungsunterricht in der öffentlichen Schule

FILE PHOTO OF POPE PIUS XII

ANSPRACHE VON PAPST PIUS XII.
AN DEN VERBAND BAYERISCHER LEHRER *

Montag, 31. Dezember 1956

 

Geliebte Söhne und Töchter!

Sie kommen aus München, aus Bayern, und das macht Unseren Gruß an Sie besonders herzlich. Ihr Schaffen gehört der Schuljugend; Sie bekennen sich außerdem zur « Katholischen Erziehergemeinschaft in Bayern », und dies gibt Unserem Gruß einen verstärkten Ton väterlichen Mitfühlens und Vertrauens.

Die Fragen um Ihren Beruf sind ja zurzeit höchst lebendig in Bayern. Stossen wir gleich zu deren Kernpunkt vor : Es ist ein selbstverständlicher Grundsatz nicht nur des streng demokratischen Staates, sondern des Rechtsstaates überhaupt, dass, je stärker die Schule an den Staat gebunden ist, von diesem umso peinlichere Rücksicht auf den Willen der Erziehungsberechtigten genommen werden muss. In Ihrer Heimat gilt aber gerade für die Schule, durch die alle Kinder gehen, die Volks- oder Grundschule, nicht nur das System des staatlichen Schulzwangs, sondern darüber hinaus das der staatlichen Zwangsschule, also das System der stärksten Bindung der Schule an den Staat. Daraus folgt für den letzteren die Pflicht, im Ausbau des Schulwesens, ganz besonders in der Formung der Lehrkräfte, die Erwartungen und den Willen der Erziehungsberechtigten gewissenhaft zu erfüllen.

Um jenen Grundsatz auf die katholischen Erziehungsberechtigten anzuwenden, muss die Erfüllung jener staatlichen Pflicht so sein, dass zwischen dem katholischen Heim und der Schule, zwischen den katholischen Eltern und den Lehrern oder Lehrerinnen ihrer Kinder das warme Verhältnis des Sich-Verstehens, des gegenseitigen Vertrauens und der Zusammenarbeit herrsche — aus dem Bewusstsein, im Letzten und Tiefsten, im Religiösen, eines Denkens, einer Überzeugung, eines Glaubens zu sein.

Es ist damit schon angedeutet, und Wir brauchen nicht weiter auszuführen, wie sehr im Mittelpunkt dieser grundsätzlichen Erwägung die Frage der Lehrerbildung steht. Der Lehrer ist ja die Seele der Schule; er ist es, der ihren Geist bestimmt.

Die Schule, der Jahre hindurch Tag für Tag erteilte Unterricht, wirkt wie eine Naturgewalt, langsam, aber stetig, fast unvermerkt, aber um so tiefer. Man sage nicht, die den Unterricht Erteilenden sollen eben angehalten sein, in der Schule von ihrer persönlichen Weltanschauung Abstand zu nehmen. Man würde damit von ihnen etwas verlangen, was zu leisten sie einfach nicht imstande sind, nicht einmal in den sogenannten neutralen Fächern, geschweige denn in den Gesinnungsfächern. Es wäre aber eine grundlegende Verletzung der Menschenrechte, wenn man die Eltern gesetzlich zwingen wollte, ihre Kinder der Naturgewalt einer Schule zu überantworten, deren Lehrkräfte den religiösen und sittlichen Überzeugungen des Elternhauses kühl, ablehnend, ja feindlich gegenüberstehen.

Vielleicht hat niemand in der Frage der weltanschaulichen Beeinflussung der Jugend durch die Schule so vielseitige Erfahrung wie die katholische Kirche. Sie hat ihre Erfahrung über die ganze Welt hin sammeln können, und das Ergebnis ist eindeutig: um gar nicht zu reden von der eigentlich laizistischen Schule — in allen gemischten Schulen, Gemeinschaftsschulen, « neutralen » Schulen ist weltanschaulich sie die Hauptleidtragende, aus dem einfachen Grund, weil ihr religiöses Bekenntnis das denkbar reichste, das geschlossenste ist. Dann möge man aber auch Verständnis dafür aufbringen, dass die Kirche um des Bestandes und Wohles der katholischen Familie und ihrer Kinder willen für die katholische Schule und Lehrerbildung bis zum letzten sich einsetzen wird.

Man wende nicht ein, dass die Schule den jungen Menschen doch zu einem tüchtigen Staatsbürger erziehen müsse. Als ob die katholische Schule dies nicht getan hätte und täte! Die katholische Kirche erkennt jene Forderung restlos an. Was ihre Erfüllung angeht, kann die katholische Schule, so glauben Wir. erhobenen Hauptes vor jede staatliche Autorität hintreten. Schauen Sie auf Ihr eigenes Vaterland! Es hat seit 1914 Prüfungen und Katastrophen höchsten Maßes über sich ergehen lassen müssen. Haben die Katholiken dabei etwa versagt? Muss man nicht im Gegenteil sagen : Gerade in der Zeit der Not haben sie dem Vaterland, dem Volk, dem Gemeinwohl hochwertige Männer gestellt und wertvollste Dienste geleistet!

Wir segnen, geliebte Söhne und Töchter, Ihre Berufsarbeit. Wir segnen ebenso Ihr mutiges Eintreten für eine Schule und Lehrerbildung, die sich in die geschlossene Einheit des katholischen Glaubens und seiner Weltanschauung mühelos einfügen. Wir segnen alle, die Sie in Unseren Segen einschließen : Ihre Lieben zu Hause und Ihre Schulkinder besonders, und erteilen allen als Unterpfand des huldvollen Schutzes der « Mutter mit dein Himmelskinde » aus tiefstem Herzen den Apostolischen Segen.

 

*Discorsi e Radiomessaggi di Sua Santità Pio XII, XVIII,
18. Pontifikatsjahr, 2. März 1956 – 1. März 1957, SS. 745 – 747
Tipografia Poliglotta Vaticana

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Quelle

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: Papst Pius XII. als vorbildlicher Lehrer des Glaubens. Ein theologisches Lebensbild

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Vortrag am 15. Oktober 2008 in Wien

In diesem Jahr gedenken wir des fünfzigsten Todestages von Papst Pius XII. Sein Pontifikat währte neunzehn Jahre, vom 3. März 1939 bis zum 9. Oktober 1958, an dem er – weltweit hoch angesehen – in Castel Gandolfo verstarb. Die zahlreichen Nachrufe von Christen und Nicht-Christen waren voll Anerkennung und großem Respekt vor einer außergewöhnlichen Lebensleistung. Angelo Giuseppe Roncalli, damals Patriarch von Venedig, kurze Zeit später Papst Johannes XXIII., ließ in seiner Trauerrede keinen Zweifel daran, der Name Pius’ XII. werde „unter die größten und beliebtesten in der Geschichte der neueren Zeit eingehen“ und zitierte dann aus dem Markus-Evangelium: „Er hat alles gut gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden“ (Trauerrede 1958 in: Tardini, 9ff.).

1. Die bleibende kirchliche Bedeutung Pius XII.

Im Folgenden möchte ich Ihnen diesen großen Papst in theologischen Schwerpunkten als vorbildlichen Lehrer des Glaubens vor Augen stellen. Unter den kirchlichen Zeugnissen für die Bedeutung Pius’ XII. sei zunächst auf die erste Weihnachtsansprache Papst Johannes’ XXIII. verwiesen, zweieinhalb Monate nach dem Tod seines Vorgängers. Der Heilige Vater bezeichnet Eugenio Pacelli als „hervorragenden Lehrer“ („doctor optimus“), „Licht der heiligen Kirche“ („Ecclesiae sanctae lumen“) und „Liebhaber des Gesetzes Gottes“ („divinae legis amator“) [Radiobotschaft vom 24.12.1958: AAS 51 (1959) 5-12 (8)]. Der Erzbischof von Mailand, Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI., schrieb im Januar 1959 an Schwester Pascalina Lehnert: „Der überreiche Schatz der Reden (von Papst Pius XII.) hilft mir ständig und erfüllt mich mit Bewunderung, wenn ich an die Arbeit und an die Weisheit denke, die ihn geschaffen hat; er bereichert das lehrhafte und sprachliche Vermögen der Kirche“ (Brief vom 9.1.1959).

Vierzig Jahre nach dem Amtsantritt Pius’ XII. hebt Papst Johannes Paul II. besonders die Wegbereitung für das Zweite Vatikanische Konzil hervor: Bei diesem Jahrestag „können wir nicht vergessen, was Pius XII. zur theologischen Vorbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils beigetragen hat, vor allem für die Lehre über die Kirche, die ersten liturgischen Reformen, den neuen Impuls für das Studium der Bibel und die große Aufmerksamkeit für die Probleme der Gegenwart“ (Ansprache zum Angelus, Sonntag, 18. März 1979). Die Dokumente des Zweiten Vatikanums weisen über 200 Mal ausdrücklich auf die lehramtlichen Veröffentlichungen Pius’ XII. hin. Daraus ergibt sich: Nach der Heiligen Schrift wird auf dem letzten Konzil – wie eben schon kurz angedeutet – keine Persönlichkeit so häufig zitiert wie Papst Pius XII.

Zum Verständnis des Zweiten Vatikanums sollten darum auch dessen Quellen erneut studiert werden, nicht zuletzt die reichhaltigen und auch heute noch nicht ausgeschöpften Lehrdokumente des „doctor optimus“. Zu dieser Rezeption des Konzils ermuntert uns der gegenwärtige Nachfolger Petri, Papst Benedikt: Die konziliaren Texte sind nicht mit einer „Hermeneutik der Diskontinuität“ zu deuten, wonach das Zweite Vatikanum einen radikalen Bruch mit der Überlieferung vollzogen hat, sondern mit einer „Hermeneutik der Reform“, „der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität“ (Ansprache an die Mitglieder der römischen Kurie, 22.12.2005). Für diese Kontinuität stehen nicht zuletzt die wichtigen Lehraussagen Pius’ XI. und Pius’ XII., die den Konzilsvätern vertraut waren und in den Fußnoten zitiert werden, die aber heute vielfach unbekannt sind. Zur Hermeneutik der Kontinuität gehört darum die Aufgabe, das vom Konzil in den Fußnoten Genannte sich auch unmittelbar wieder anzueignen: Eine erneute Rezeption des reichhaltigen Werkes von Papst Pacelli ist an der Zeit. Zweifellos führt das Zweite Vatikanum das theologische Erbe Pius’ XII. in manchen Punkten weiter, entfernt sich aber keineswegs von der Substanz des Lehramtes und des seelsorglichen Wirkens von Eugenio Pacelli.

2. Das christologische Zentrum

Im Zentrum des theologischen Lehramtes Pius’ XII. steht zweifellos die Gestalt Jesu Christi. Schon seine erste Enzyklika, die ein Programm des Pontifikates entwirft, setzt ein mit einem dankbaren Rückblick auf die feierliche Weihe des Menschengeschlechtes an das Heiligste Herz Jesu im Jahre 1899 durch Papst Leo XIII. Im gleichen Jahr wurde Eugenio Pacelli zum Priester geweiht. Seine theologische Ausbildung und geistliche Formung erhielt er also während des Pontifikates von Leo XIII. (1878-1903). Wichtig für diese Zeit ist vor allem die Erneuerung der philosophischen und theologischen Studien im Zuge der Enzyklika Aeterni Patris (1878), mit einem vertieften Zugang zum Werke des hl. Thomas von Aquin, aber auch die seelsorgliche Aufmerksamkeit für die zahlreichen neuen sozialen Fragen im Gefolge der Industrialisierung. Von Leo XIII. stammt bekanntlich die erste große Sozialenzyklika, Rerum novarum (1891). Angesichts des weit gespannten Interesses des Lehramtes Leos XIII. mag es auf den ersten Blick erstaunen, dass der Papst die Weihe der Welt an das Heiligste Herz Jesu als den Höhepunkt seines Pontifikates betrachtete: Verwunderlich ist dieser geistliche Akzent freilich nicht, wenn wir bedenken, dass auch die sozialen und politischen Übel dieser Welt letztlich nur durch die gottmenschliche Hingabe Jesu Christi geheilt werden können, dessen Königreich der Liebe und des Friedens am Ende über alle Mächte des Bösen triumphieren wird.

Die Herz-Jesu-Frömmigkeit zeigt sich im Pontifikat Pius’ XII. besonders deutlich in der Enzyklika Haurietis aquas (1956), der theologisch und pastoral gründlichsten Stellungnahme des kirchlichen Lehramtes zum Thema. Es ist eine Ermunterung, in Freude „Wasser zu schöpfen“ aus den Quellen des Heiles (vgl. Jes 12,3). Das heiligste Herz Jesu wird gekennzeichnet als „Sinnbild“ und „Zusammenfassung des ganzen Geheimnisses der Erlösung“ (Enz. Haurietis aquas: AAS 48 (1956) 336). Es ist ein machtvolles Heilmittel in einer Zeit, in der „die Gottlosigkeit überhandnimmt“ und „die Liebe bei vielen erkaltet“ (Mt 24,12).

In die Regierungszeit Pius’ XII. fiel auch das tausendfünfhundertjährige Jubiläum des Konzils von Chalzedon (451 – 1951). Auf diesem Konzil gelangt die lehramtliche Ausformulierung des Christusglaubens zu ihrem Höhepunkt: In Jesus Christus, der Person des ewigen Sohnes Gottes, sind durch die Inkarnation die göttliche und die menschliche Natur miteinander verbunden, und zwar unvermischt und ungetrennt. Sie sind nicht vermischt, denn Gottheit und Menschheit behalten ihre spezifische Eigenart. Sie sind aber auch nicht getrennt, denn in der menschlichen Natur ist der Sohn Gottes persönlich zugegen.

Die Enzyklika Sempiternus Rex (1951) würdigt das Konzil von Chalzedon auch im Blick auf zeitgenössische Gefährdungen: Einige Theologen trennen die Gottheit Christi aufgrund der „Kenosis“ (Entäußerung) von seiner Menschheit, während andere die menschliche Natur Jesu so verselbständigen, dass sie als eigenständiges Subjekt erscheint und von der Person des ewigen Wortes abgekoppelt wird. Diese Mahnung ist auch heute höchst aktuell angesichts von Stimmen, die von einer „menschlichen Person“ Jesu sprechen und dem Menschen Jesus eine eigene Subjekthaftigkeit zuschreiben, die von seinem göttlichen Ich getrennt wird. Dagegen betont schon Pius XII. mit dem Hinweis auf Chalzedon, dass die menschliche Natur Christi in der Person des Wortes subsistiert, d.h. von der göttlichen Person des Sohnes seinsmäßig getragen wird (Vgl. Sempiternus Rex: AAS 43 (1951) 637f.).

3. Die Beziehung von Glaube und Vernunft

Das Geheimnis Christi ist zugänglich durch den Glauben, der wiederum die menschliche Vernunft logisch voraussetzt. Das Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft wird herausgestrichen durch die Enzyklika Humani generis (1950). Sie trägt den Untertitel: „(Rundschreiben) über einige falsche Ansichten, welche die Grundlagen der katholischen Lehre zu untergraben drohen“. Humani generis ist das Lehrdokument Pius’ XII., das im „Katechismus der Katholischen Kirche“ am meisten zitiert wird. Es gilt als die wichtigste aller Enzykliken des „doctor optimus“. Auf die gegenwärtige Aktualität deutet auch die Enzyklika Johannes Pauls II. Fides et ratio (1998), worin das Rundschreiben des „doctor angelicus“ vier Mal genannt wird (Vgl. Johannes Paul II., Enz. Fides et ratio, Nr. 49, 54 (zweimal), 55. Siehe auch Enz. Veritatis splendor (1993), Nr. 36; Enz. Evangelium vitae (1995), Nr. 43).

Im Zentrum der päpstlichen Kritik steht ein „dogmatischer Relativismus“, der begünstigt wird durch „die Geringschätzung der allgemein gebräuchlichen Lehre und ihrer sprachlichen Ausdrucksweise“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 566). Manche Theologen vergessen, dass das „Lehramt in Sachen des Glaubens und der Sitten … die nächste und allgemeine Glaubensnorm (proxima et universalis veritatis norma) sein muss“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 567); anstatt die fortschreitende Klärung der Lehre zu würdigen, wenden sie die falsche Methode an, „Klares aus Dunklem erklären zu wollen“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 569). Die fragwürdige Verabschiedung von der überlieferten Sprache und von den in Jahrhunderte langer Mühe erarbeiteten philosophischen Begriffen ist motiviert durch die Hoffnung, sich mit einer Rückkehr zur Ausdrucksweise der Schrift und der Väter den getrennten Christen nähern zu können. Die Ansätze der philosophia perennis werden durch Anleihen aus der modernen Philosophie ersetzt, so etwa aus dem Idealismus oder dem Existentialismus. Dieser falsche „Irenismus“ führt zum Zusammenbruch der Stützen für die Glaubensreinheit: „Brechen sie zusammen, so ist freilich alles geeint, aber einzig und allein zum Ruin“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 565).

Die menschliche Vernunft ist in der Lage, „das Dasein des einen persönlichen Gottes mit Sicherheit zu beweisen und die Grundlagen des christlichen Glaubens durch göttliche Zeichen unwiderleglich nachzuweisen; ebenso das Gesetz richtig zu umschreiben, das Gott in die Herzen der Menschen hineingelegt hat … Die Vernunft wird jedoch diese Aufgabe nur dann genau und sicher erfüllen können, wenn sie … von jener gesunden Philosophie durchdrungen ist, die wir gleich einem längst bestehenden Erbteil von früheren christlichen Jahrhunderten überkommen haben, und die sogar ein umso höheres Ansehen genießt, als ja das kirchliche Lehramt selber deren Grundsätze und Hauptthesen … am Maßstab der göttlichen Offenbarung selbst gemessen hat. Diese Philosophie… verteidigt einmal den echten und zuverlässigen Wert der menschlichen Erkenntnis, sodann die unerschöpflichen Grundgesetze der Metaphysik – nämlich die Prinzipien des zureichenden Grundes, der Kausalität und der Finalität – und schließlich die Fähigkeit, eine sichere und unveränderliche Wahrheit zu ermitteln“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 571f.). Betont wird deshalb die Vorrangstellung der Lehre des hl. Thomas von Aquin für die Ausbildung der zukünftigen Priester in den philosophischen Disziplinen (Humani generis: AAS 42 (1950) 573).

Das kirchliche Lehramt verteidigt nicht nur den Glauben, sondern auch die der Glaubenszustimmung logisch vorausgesetzten Grundsätze der menschlichen Vernunft, weil es um die Folgen der Erbsünde weiß. „Denn die Wahrheiten, die sich auf Gott beziehen und das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen betreffen, übersteigen durchaus die Ordnung der sinnlichen Welt; und sobald sie auf die Lebensführung Einfluss gewinnen und sie bestimmen, fordern sie Selbsthingabe und Selbstverleugnung. Der menschliche Verstand erwirbt aber solche Wahrheiten nur mit Mühe, einerseits infolge des Andranges der Sinne und der Einbildungskraft, andererseits infolge der bösen Neigungen, die aus der Erbsünde stammen. Daher kommt es, dass die Menschen in dergleichen Dingen sich gern einreden, das sei falsch oder doch zweifelhaft, was sie selber nicht wahrhaben wollen“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 561f.).

Papst Pius XII. wendet sich gegen Irrtümer bezüglich der Gotteslehre: „Man bezweifelt die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, ohne Hilfe der Offenbarung und der Gnade Gottes anhand von Beweisgründen aus der Schöpfung die Existenz eines persönlichen Gottes zu beweisen“; man leugnet den Anfang der Welt und das göttliche Vorauswissen der freien Handlungen der Menschen (vgl. Humani generis: AAS 42 (1950) 570).

Wichtig ist auch die klare Unterscheidung zwischen Natur und Gnade: Manche Theologen „unterhöhlen den Begriff der unverdienten übernatürlichen Gnadenordnung, indem sie der Meinung sind, Gott könne keine vernunftbegabten Wesen schaffen, ohne sie zur seligmachenden Anschauung zu bestimmen und zu berufen“ (ebd.).

Unter den übrigen Irrtümern sei insbesondere auf die Leugnung der Lehre von der Transsubstantiation verwiesen mit der Begründung, der hierbei vorausgesetzte philosophische Begriff von der Substanz sei überholt. Dieser Irrtum beschränkt die eucharistische Gegenwart Christi „auf eine Art von Symbolismus“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 570f.).

Als folgenreichster Irrtum im Bereich des natürlichen Denkens wird von Pius XII. der Evolutionismus gebrandmarkt (wie wir diese Denkrichtung heute nennen): „Das sogenannte Evolutionssystem, das sogar im eigenen Bereich der Naturwissenschaften noch nicht einwandfrei bewiesen ist“, wird „unklug und kritiklos“ angenommen und „auf den Ursprung aller Dinge“ angewandt; damit gelangt man zum Monismus (so etwa bei den Propagandisten des Kommunismus) und zum Pantheismus (Humani generis: AAS 42 (1950) 562). Nichts einzuwenden ist gegen eine sachliche Erörterung der Evolutionslehre, „insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus einem bereits bestehenden und lebenden Stoffe erforscht; während uns der katholische Glaube verpflichtet, an der unmittelbaren Erschaffung der Seelen durch Gott festzuhalten“. Der „Ursprung des menschlichen Leibes aus einem bereits bestehenden und lebenden Stoffe“ ist freilich noch nicht bewiesen, und „die Quellen der göttlichen Offenbarung“ erfordern „auf diesem Gebiet die größte Zurückhaltung und Vorsicht“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 575).

Papst Johannes Paul II. hat 1996 in einer Botschaft an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften einer evolutiven Sicht des menschlichen Leibes eine höhere Wahrscheinlichkeit eingeräumt: „Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika [scil. „Humani generis“], geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar“ (n. 4).

Die von Pius XII. geforderte Vorsicht vergisst Johannes Paul II. darüber freilich nicht. Auch er erklärt diejenigen Evolutionstheorien für nicht mit der Wahrheit über den Menschen vereinbar, „die – angeleitet von der dahinter stehenden Weltanschauung – den Geist für eine Ausformung der Kräfte der belebten Materie oder für ein bloßes Epiphänomen dieser Materie halten. Diese Theorien sind im Übrigen nicht imstande, die personale Würde des Menschen zu begründen“ (n. 5).

Während Pius XII. die Evolutionslehre bezüglich des Leibes mit Vorsicht behandelt, betont er bezüglich des Ursprungs der Menschheit die Verbindung mit der Lehre von der Erbsünde: Der Polygenismus, der eine Vielzahl von Stammvätern annehme, sei keine diskutable Hypothese; „es ist nämlich in keiner Weise ersichtlich, wie eine derartige Auffassung sich vereinbaren lässt mit dem, was die Quellen der geoffenbarten Wahrheit und die Akten des kirchlichen Lehramtes über die Erbsünde sagen, die auf eine wirkliche, von einem einzigen Adam begangene Sünde zurückzuführen ist, und die durch Zeugung auf alle Menschen übertragen wird und jedem einzelnen persönlich anhaftet“ (Humani generis: AAS 42 (1950) 576). Noch heute lehrt der Katechismus der Katholischen Kirche, dass „das Menschengeschlecht … aufgrund des gemeinsamen Ursprungs eine Einheit“ bildet. Bezeichnenderweise wird dieser Satz mit einer Passage der Enzyklika Pius XII. „Summi Pontificatus“ kommentiert (KKK 360).

4. Das Mysterium der Kirche

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg finden wir in der Theologie eine beachtliche Erneuerung der Ekklesiologie. Kennzeichnend ist hierfür etwa der berühmte Satz von Romano Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen“ (Vom Sinn der Kirche, Mainz 1923). Es wächst das Bewusstsein für die gemeinschaftliche Natur der Kirche, die in allen ihren Gliedern das Leben Christi in sich trägt. Die Kirche ist nicht nur eine rechtlich fassbare Institution und besteht nicht nur aus der Hierarchie. Die erneute Aufmerksamkeit für die Kirche als „Leib Christi“ konnte freilich zu einer Vernachlässigung des institutionellen Aspektes führen. Die Enzyklika Mystici corporis (1943) über die Kirche als geheimnisvollen Leib Christi bietet von Seiten des Lehramtes eine gründliche Stellungnahme, in der das sichtbare und das unsichtbare Element der Kirche, das göttliche Geheimnis und die hierarchische Institution gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Inmitten des Zweiten Weltkrieges ist die Gemeinschaft der Kirche ein Zeichen der Hoffnung, das von Christus her die Feindschaft überwindet.

Die Analogie des „Leibes“ für die Kirche ist von ihrem neutestamentlichen Ursprung eng mit den Sakramenten der Taufe und der Eucharistie verbunden. Es ist nicht die einzige Bezeichnung für die Kirche, wohl aber die gehaltvollste, wie Pius XII. nachdrücklich hervorhebt (vgl. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 199). Das Zweite Vatikanum hat weitere Analogien betont, wie die vom Volke Gottes, ohne freilich die vorzügliche Bedeutung der Rede vom geheimnisvollen „Leib Christi“ in Frage zu stellen. Der christologische und der pneumatologische Ansatzpunkt für die Ekklesiologie kommen gleichermaßen zum Zuge: Christus ist das „Haupt“ und der Heilige Geist die „Seele“ der Kirche (vgl. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 220). Das Adjektiv „mystisch“ „erinnert daran, dass die Kirche … nicht bloß aus gesellschaftlichen und rechtlichen Bestandteilen und Beziehungen besteht“.

Sie ragt über die natürliche Ordnung hinaus kraft des Heiligen Geistes, „der als Quelle aller Gnaden, Gaben und Charismen fortwährend und zuinnerst die Kirche erfüllt und in ihr wirkt“ (Mystici corporis: AAS 35 (1943) 222f). Das missionarische und ökumenische Anliegen der Enzyklika zeigt sich in der Einladung an alle Menschen, „sich aus einer Lage zu befreien, in der sie des eigenen ewigen Heiles nicht sicher sein können. Denn mögen sie auch aus einem unbewussten Sehnen und Wünschen heraus schon in einer gewissen Beziehung stehen zum mystischen Leib des Erlösers, so entbehren sie doch so vieler wirksamer göttlicher Gaben und Hilfen, derer man sich nur in der katholischen Kirche erfreuen kann“ (Mystici corporis: AAS 35 (1943) 243).

Mit den Anliegen der Enzyklika über die Kirche ist das Rundschreiben über die Liturgie innig verbunden (Mediator Dei, 1947). Auch hier geht es um die Einbeziehung aller Glieder der Kirche in die Verehrung Gottes zugunsten des Heiles der Menschen aufgrund der Mittlerschaft Jesu Christi. Papst Pius XII. greift die Anliegen der Liturgischen Bewegung auf, reinigt sie von Irrwegen und bereitet den Weg für die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, Sacrosanctum Concilium. Im Zentrum stehen hierbei die Ausführung zur Eucharistie, wobei die Darbringung des Opfers (mit Lob, Dank, Sühne und Bitte) ein deutliches Profil erhält. Zu unterscheiden sind das hierarchische Priestertum, deren Vertreter in der Person Christi, des Hauptes der Kirche, die eucharistische Wandlung vollziehen, und das gemeinsame Priestertum aller Getauften, worin sich die Gläubigen mit dem heiligen Opfer verbinden. Neben der Liturgie, der öffentlichen Gottesverehrung im Namen der Kirche, würdigt Pius XII. auch die übrigen Formen des Kultes: die geistliche Betrachtung und die Gewissenserforschung, den Besuch des Altarsakramentes, die Volksandachten und die marianische Frömmigkeit, insbesondere in der Gestalt des Rosenkranzes. Der Papst äußert sich ebenso zu den Prinzipien für die christliche Kunst und die kirchliche Musik.

Die wichtigste dogmatische Entscheidung Pius’ XII. im Bereich der Liturgie findet sich in der Apostolischen Konstitution Sacramentum Ordinis (1947): sie klärt die Frage nach dem sakramentalen Zeichen des Weihesakramentes. „Materie“ und „Form“ sind hier die Handauflegung durch den Bischof sowie die Worte, welche die Anwendung des sakramentalen Zeichens näher bestimmen (vgl. AAS 40 (1948) 5-7; DH 3857-3861). Damit wurde die Streitfrage bezüglich der Sakramentalität der Bischofsweihe im positiven Sinn geklärt. Das hat dann das 2. Vaticanum in seiner Kirchenkonstitution „Lumen gentium“ Nr. 21 erneut bestätigt. Eine wichtige Maßnahme der liturgischen Reform war 1951 die Wiedereinführung der Osternacht, die zuvor am Karsamstagvormittag in meist gähnend leeren Kirchen stattgefunden hatte und nun wieder als Hauptfeier des Kirchenjahres zur Geltung kam.

Zu den größten Herausforderungen der Kirche gehört vor allem seit der Aufklärungszeit die Deutung der Heiligen Schrift. Die stärkere Herausarbeitung der historischen und literarischen Feinheiten kann das Verständnis des inspirierten Textes fördern. Ein rationalistisches Vorverständnis freilich kann die Grundlagen des Glaubens zerstören. Während in der Zeit Pius’ X. die päpstliche Bibelkommission wichtige Punkte der biblischen Botschaft zu verteidigen suchte, geht es im Pontifikat Pius’ XII. stärker um eine positive Einbindung der Fortschritte in der exegetischen Wissenschaft. Die Enzyklika Divino afflante Spiritu (1943) bildet hier einen Meilenstein, der die Dogmatische Konstitution des Zweiten Vatikanums über die göttliche Offenbarung maßgeblich vorbereitet (Enz. Divino afflante Spiritu (30.9.1943): AAS 35 (1943) 297-325). Eigens erwähnt sei die Bedeutung der verschiedenen literarischen Gattungen für die Erklärung des Wortsinns der Heiligen Schrift (Divino afflante Spiritu: AAS 35 (1943) 314-316).

Die Sorge für die Einheit der Christen tritt unter anderen in der Enzyklika über die Kirche (Mystici corporis) hervor, zeigt sich aber auch vor allem in mehreren Rundschreiben, die sich an die katholischen Ostkirchen wenden (Enz. Orientalis Ecclesiae (9.4.1944): AAS 36 (1944) 129-144, u.a.). Vier Enzykliken sind der Ausbreitung der Kirche in der Mission gewidmet: Pius XII. befasst sich etwa mit der Situation in China (1958) und ermöglicht einen leichteren Austausch der Priester für die Missionsländer durch die Enzyklika Fidei donum (1957), welche die missionarische Verpflichtung aller Ortskirchen und aller Bischöfe betont.

5. Das marianische Lehramt

Schon zur Zeit Pius’ XI. gab es Vorbereitungen für eine Weiterführung des 1871 wegen des deutschfranzösischen Krieges abgebrochenen Vatikanischen Konzils. Als Programmpunkte für die Konzilsarbeit wurden von der Vorbereitungskommission zwei dogmatische Definitionen erwogen: die der universalen Mittlerschaft Mariens und die der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel. Nach der Definition der erbsündenfreien Empfängnis durch Papst Pius IX. (1854) wünschten viele Theologen eine vollständigere Abklärung der marianischen Grundwahrheiten durch das kirchliche Lehramt. Besonders weit gediehen waren die Vorbereitungen für eine Definition der universalen Gnadenmittlerschaft, nachdem Papst Benedikt XV. im Jahre 1921 auf Bitten der belgischen Bischöfe das Fest Mariens als „Mittlerin aller Gnaden“ eingeführt hatte. Dessen Feier wurde allen Bistümern und Ordensgemeinschaften ermöglicht, die darum nachsuchten. Eugenio Pacelli, als Nuntius in München, war einer der ersten kirchlichen Würdenträger, die im Jahre 1925 eine von Kardinal Mercier veranlasste Bittschrift unterschrieben zugunsten der Heiligsprechung Ludwig Maria Grignions von Montfort und der dogmatischen Definition der universalen Gnadenmittlerschaft Mariens. Beide Anliegen waren eng miteinander verbunden. Papst Pius XII. sprach zwar 1947 den seligen Grignion heilig, unternahm aber nicht die dogmatische Definition der Gnadenmittlerschaft. Der Hauptgrund dafür waren Einwände gegen die aktive Mitwirkung Mariens bei der Erlösung als Grundlage für ihre allgemeine Gnadenmittlerschaft in Jesus Christus. Diese Schwierigkeiten sind zwar mittlerweile durch das Zweite Vatikanum überwunden, das Maria eine aktive Mitwirkung an der Erlösung zugesteht. Sie führten freilich dazu, dass sich die marianische Aktivität Pius’ XII. von Anfang an auf die Definition der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel konzentrierte und die Überlegungen zu dem anderen Mariendogma zurückstellte.

Im Jahre 1942 veröffentlichte das Heilige Offizium zwei umfangreiche Bände mit zahlreichen Gesuchen zur dogmatischen Definition der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel, die den Heiligen Stuhl von 1869 bis 1940 erreicht hatten und die durch über fünf Millionen Unterschriften von Gläubigen unterstützt wurden. Vor allem in den vierziger Jahren entstanden akribisch dokumentierte theologische Studien, welche die Möglichkeit einer Definition bekräftigten. Am 1. Mai 1946 richtete Pius XII. an alle Bischöfe ein Rundschreiben, um ihre Meinung bezüglich des Mariendogmas zu erkunden (Vgl. Enz. Deiparae Virginis (1.5.1946): AAS 42 (1950) 782-783). Das Ergebnis der Befragung war positiv. Von 1191 befragten Bischöfen stimmten 1169 zu. Am 1. November 1950 erfolgte daraufhin die Verkündigung des Glaubenssatzes, „dass die unbefleckte Gottesgebärerin und immerwährende Jungfrau Maria nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde“ (Apostolische Konstitution Munificentissimus Deus (1.11.1950): AAS 42 (1950) 767-770 [770]).

Die dogmatische Definition bildet den Höhepunkt der gesamten lehramtlichen Tätigkeit Pius’ XII. Für die Marienlehre bedeutsam ist daneben die Einführung des Festes Maria Königin im Jahre 1954 zum hundertsten Jahrestag der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis (Enz. Ad caeli reginam (11.10.1954): AAS 46 (1954) 625-640). Es vervollständigt die Einführung des Christkönigsfestes durch Pius XI. (1925). Wie Christus „König“ der ganzen Schöpfung ist aufgrund seiner Gottessohnschaft und des von ihm vollbrachten Erlösungswerkes, so ist Maria „Königin“ durch ihre Gottesmutterschaft und die Mitwirkung am Erlösungswerk Christi. Die Einführung des Festes Maria Königin war der Höhepunkt des Marianischen Jahres 1953-54. Ein weiteres Jubeljahr (1957-58) erinnerte an den hundertsten Jahrestag der Marienerscheinungen von Lourdes und wurde von einer eigenen Enzyklika vorbereitet (Vgl. Enz. Le pèlerinage de Lourdes (2.7.1957): AAS 49 (1957) 605-619).

Eugenio Pacelli wurde am 13. Mai 1917 von Papst Benedikt XV. zum Bischof geweiht. Dieser Termin fällt mit der ersten Erscheinung der Gottesmutter in Fatima zusammen. Um der Botschaft von Fatima entgegenzukommen, vollzog Pius XII. im Jahre 1942 die Weihe der Menschheit an das Unbefleckte Herz Mariens und führte 1944 das Fest vom Herzen Mariens ein. 1952 vollzog er mit einem Apostolischen Schreiben die Weihe Russlands an das Herz Mariens, die von der Seherin Lucia dos Santos im Namen der Gottesmutter gefordert worden war, allerdings ohne die von der prophetischen Botschaft vorgesehene Beteiligung des Weltepiskopates.

Schon bei Pius XII. klingt die später beim Zweiten Vatikanum breiter entfaltete Beziehung zwischen Maria und der Kirche an. Beachtenswert ist besonders die Beschreibung des Anteils Mariens am Erlösungswerk in der Enzyklika Mystici corporis. Innig verbunden mit ihrem Sohn, hat Maria ihn „auf Golgota … dem ewigen Vater dargebracht als neue Eva für alle Kinder Adams, die von dessen traurigem Fall entstellt waren. So ward sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch … im Geiste Mutter aller seiner Glieder“ (Enz. Mystici corporis: AAS 35 (1943) 247f.).

6. Die Gestaltung des christlichen Lebens

Die reichhaltige Lehre des „doctor optimus“ erstreckt sich auf alle Bereiche des christlichen Lebens, von Ehe und Familie bis hin zu Fragen der medizinischen Ethik und dem Frieden in der Welt. Die nahezu 1400 Ansprachen Pius’ XII. in verschiedenen Sprachen bieten dafür einen reichhaltigen Stoff. „Es gibt kaum eine religiöse Grundsatzfrage, die Pius XII. nicht in seinen Reden und Schreiben behandelt hätte“ (Leiber, Robert, „Pius XII.“: LThK28 (1963) 542-544 [543]). Nur einige wenige Beispiele seien hier angedeutet.

Papst Pius XI. hatte im Jahre 1932 zum ersten Mal die Säle des Vatikans für die Neuvermählten geöffnet. Sein Nachfolger führte diese Gewohnheit fort und empfing bei den großen Mittwochsaudienzen oft mehrere hundert Paare, denen er eigene Ansprachen widmete. Darin wird das gesamte Leben von Ehe und Familie feinfühlig, tiefgründig und mit praktischem Sinn beleuchtet. Es sind „Perlen religiöser Redekunst“ (Zimmermann, Friedrich, „Einführung“: Ders. (Hrsg.), Ansprachen Pius’ XII. an Neuvermählte, Regensburg 1953, 5-11 [11]), die einen tiefen Eindruck hinterlassen haben. Aus diesen Ansprachen könnte man ein ganzes Kompendium zur Theologie und Spiritualität der Familie zusammenstellen. In einer eigenen Enzyklika findet der Papst aber auch wegweisende Worte für die Bedeutung der gottgeweihten Jungfräulichkeit; wichtig ist die von ihm geschaffene rechtliche Grundlage für die Schaffung der Säkularinstitute (vgl. Apost. Konstitution Provida mater Ecclesia (2.2.1947): AAS 39 (1947) 114-124). Eine umfangreiche und sehr konkrete Apostolische Ermahnung fördert die Heiligkeit des Priesterlebens (Apost. Ermahnung Menti nostrae (23.9.1950): AAS 42 (1950) 657-702).

Eine besondere Aufmerksamkeit widmet Pius XII. der Berufung der Frau. Er weist auf die neue Situation hin, die eine stärkere Beteiligung der Frau am öffentlichen Leben erfordert als in früheren Zeiten. Gleichzeitig unterstreicht er aber die besonderen Eigenschaften der Geschlechter, die hierbei zu beachten sind. Dazu gehört eine spezifische, wenn auch nicht exklusive Verantwortung des Mannes in Führungsrollen und die mütterliche Begabung der Frau, die in alle Lebensbereiche einzubringen ist. Der damalige Bischof von Graz schreibt in seinem Geleitwort zu einer Sammlung von päpstlichen Stellungnahmen zur Situation der Frau: „Es ist geradezu staunenswert, wie schlicht, einfach und doch so umfassend der Heilige Vater auf alle Gebiete der fraulichen Interessen einzugehen weiß. Die Darstellung wird zu einem modernen Frauenspiegel, sowohl in Anbetracht der vielfältigen Probleme und Schwierigkeiten, denen sich heute die Frauen und Mädchen gegenübersehen, als auch hinsichtlich eines Frauenbildes, wie es aus dem christlichen Raume der heutigen Welt aufbauend geboten werden soll“ (Schoiswohl, Josef, „Geleitwort“: Seibel-Royer, Käthe (Hrsg.), Pius XII., Ruf an die Frau. Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Graz 2 1956, 9-10 [9]).

Eine ganze Reihe von Stellungnahmen betrifft den Bereich, der heute als „Bioethik“ bezeichnet wird und dem eine stets zunehmende Bedeutung zukommt. In einer seiner Ansprachen an katholische Ärzte begründet Pius XII. beispielsweise, dass die künstliche Befruchtung außerhalb, aber auch innerhalb der Ehe grundsätzlich abzulehnen ist. Der gute Zweck, den Kindersegen zu fördern, heiligt nicht die Mittel, welche die Verbindung zwischen Zeugung und ehelicher Gemeinschaft auflösen. Genutzt werden können freilich die neuen medizinischen Möglichkeiten, die eheliche Verbindung selbst zu erleichtern (Vgl. Ansprache an den 4. internationalen Kongress katholischer Ärzte, 29.9.1949: AAS 41 (1949) 559f.).

Die ersten Jahre des Pontifikates von Pius XII. fielen mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Während die Kriegsmaschinerie ihr grauenvolles Zerstörungswerk anrichtete, präsentierte der Papst vor allem in seinen Weihnachtsansprachen der Jahre 1942 und 1943 die moralischen Bedingungen für einen gerechten Frieden nach dem Ende des Krieges. Pius XII. weist dabei auf die verbindende Deutung des Naturrechtes, das auch von Nichtchristen gewürdigt werden kann. Anerkennende Worte findet der Papst für eine demokratische Gesellschaft, die freilich das von Gott stammende Naturrecht anerkennt und sich gegenüber den Ansprüchen Christi, des wahren Friedensfürsten, nicht verschließt.

Das sittliche Naturgesetz wird nachdrücklich bereits in der Antrittsenzyklika erwähnt mit Worten, die wir auch heute allen Politikern, gleich welcher Couleur, ins Stammbuch schreiben sollten: „Die vornehmliche und tiefere Quelle der Übel, von denen das heutige Staatswesen geplagt wird“, besteht darin, „dass die allgemeine Norm in Bezug auf die Rechtschaffenheit der Sitten geleugnet und verworfen wird“, nämlich das Naturgesetz (lex naturalis). „Dieses Naturgesetz beruht als auf seinem Fundament auf Gott, dem allmächtigen Schöpfer und Vater aller …“. „Das Völkerrecht vom göttlichen Recht zu lösen, so dass es einzig auf der Willkür der Staatslenker als seinem Fundament beruht, bedeutet … nichts anderes, als jenes selbst vom Thron seiner Ehre und seiner Stärke herabzustoßen und es dem allzu großen und aufgeregten Eifer privaten und öffentlichen Interesses zu übertragen, der nach nichts anderem strebt, als die eigenen Rechte zur Geltung zu bringen und die fremden in Abrede zu stellen“ (Summi pontificatus (1939): AAS 31 (1939) 430. 438; dt. DH 3780f. 3786).

Der gesellschaftspolitische Einsatz Pius’ XII. für Friede und Gerechtigkeit ist in einer tiefen Spiritualität verwurzelt. Das reiche geistliche Leben des Papstes zeigt sich mit besonderer Frische in seinen Ansprachen anlässlich der von ihm vorgenommenen 33 Heiligsprechungen. Unter den Rundschreiben, die einzelnen Heiligen gewidmet sind, seien besonders die Ausführungen über den heiligen Benedikt (vgl. Enz. Fulgens radiatur (21.3.1947): AAS 39 (1947) 137-155 [zum 1400. Todestag des hl. Benedikt]) und den heiligen Bonifatius (Enz. Ecclesiae fastos (5.6.1954): AAS 46 (1954) 337-356 [zum 1200. Todestag des hl. Bonifatius]) hervorgehoben.

Die Bonifatius-Enzyklika vom 5. Juni 1954 schließt mit einem Blick auf die Statue des Heiligen in Fulda, dessen Sockel eine biblische Ermunterung trägt: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit“ (1 Petr 1,25). Die Kirche hat seit dem segensvollen Wirken des heiligen Bonifatius manche Stürme erlebt und wird auch in der Gegenwart aufs stärkste bedrängt. Sie ist aber, auch dank des Wirkens des großen Missionars, fest begründet auf den Felsen Petri“ (a.a.O. 353-356).

7. Die verbreitete Kritik an Pius XII.

Obwohl mir die Darstellung Pius XII.’ als eines überragenden theologischen Lehrers besonders am Herzen liegt, ist es mir auch wichtig, zu den populären, ja populistischen Vorwürfen gegen Pius XII. Stellung bezogen zu haben. Wenn wir heute auf die 5 Jahrzehnte zurückschauen, die seit dem Tod dieses Papstes vergangen sind, stellen wir fest, dass die zunächst unumstritten positiven Einschätzungen in heftigem Meinungsstreit ziemlich an den Rand gedrückt worden sind. Bei keinem anderen Papst gehen die Urteile der Nachwelt so weit auseinander und bei keinem anderen Papst ist die Diskrepanz zwischen einem populären Schwarz-Weiß-Geschichtsbild und den differenzierten Ergebnissen der Zeitgeschichtsforschung so groß wie in seinem Fall. Rolf Hochhuth diffamiert den Papst, der seliggesprochen werden soll, inzwischen als „satanischen Feigling“ und als den „verächtlichsten aller Päpste“. Auf der Theaterbühne und Filmleinwand erscheint Papst Pius XII. als der Bösewicht, der aus verwerflichen politischen und ökonomischen Motiven sowie aus persönlicher Schwäche den Völkermord an den Juden nicht öffentlich verurteilt hat, obwohl er ihn als Oberhaupt der einflussreichsten moralischen Institution der Welt sogar hätte verhindern können. Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte von Hochhuths 1963 erstaufgeführtem Stück „Der Stellvertreter” ist so bemerkenswert, dass neuerdings sogar Geheimdienste an der Inszenierung des Welterfolgs beteiligt gewesen sein wollen. Hochhuths Polemik ist inzwischen in die Jahre gekommen und hat auch durch die sich steigernde Aggressivität des Schriftstellers keine neue Überzeugungskraft gewonnen. In den letzten Jahren konnte Hochhuth seine Thesen nur dadurch retten, dass er sich dem Dialog mit den neuen wissenschaftlichen Ergebnissen verweigerte. Besonders bedauerlich, ja beschämend, ist die Feststellung, dass die Kritik an Pius XII. von Deutschland ausging. Denn nach der totalen Niederlage am Ende des Krieges war es dieser Papst, der weithin als einziger den Deutschen noch einen Rest an Würde zusprach. Das zeigte sich bei der Kardinalserhebung im Februar 1946, bei der drei deutsche Bischöfe ins hl. Kollegium berufen wurden und der Papst in der öffentlichen Ansprache betonte, dass Menschen nicht das Recht hätten, eine Kollektivschuld zu behaupten.

Ich will mich – in der gebotenen Kürze – in dem folgenden Teil meiner Überlegungen mit zwei Hauptvorwürfen der Pius-Debatte auseinandersetzen. Der erste Hauptvorwurf lautet: Der autoritäre, antibolschewistische Eugenio Pacelli, seit seiner Zeit als Nuntius in München und Berlin 1917-1929 ein Freund der Deutschen, sympathisierte mit dem autoritären, antibolschewistischen Dritten Reich und wurde so zu „Hitlers Papst“. Der zweite Hauptvorwurf richtet sich an den „Papst, der geschwiegen hat“: Pius XII. hat, so der Vorwurf, aus persönlicher Feigheit und aus seiner antisemitischen Grundeinstellung heraus zum Völkermord an den europäischen Juden geschwiegen und deshalb moralische Schuld am Holocaust auf sich geladen.

Zunächst: Hitlers Papst Pacelli wird vorgehalten, die deutschen Katholiken durch das Reichskonkordat in eine besondere, widerstandshemmende Loyalitätsverpflichtung gegenüber Hitler gebracht zu haben. Der Kardinalstaatssekretär habe durch den Vertrag die Oppositionsmöglichkeiten des deutschen Klerus geschwächt, den seelischen Widerstand der deutschen Katholiken gebrochen und die Zentrumspartei, die im Vatikan eher weniger geschätzte Vertretung des politischen Katholizismus, ohne Gegenleistung geopfert. Auf der anderen Seite habe das Reichskonkordat Hitler und den Nationalsozialismus international aufgewertet und den zentralistischen vatikanischen Einfluss auf die deutsche Kirche verstärkt.

In der Tat wollte der Vatikan die Gelegenheit, der katholischen Kirche einen einklagbaren Spielraum zu sichern und sich im Konfliktfall auf eine völkerrechtliche Vereinbarung berufen zu können, nicht vorbeigehen lassen. Immerhin enthielt das Konkordat allgemeine Garantien für die ungehinderte Seelsorge, beendete zumindest vorübergehend die Verfolgung der Geistlichen, versprach die Erhaltung des Verbandskatholizismus, regelte Fragen der finanziellen Unterstützung der Kirche, garantierte den Erhalt der theologischen Fakultäten, der Bekenntnisschulen und des Religionsunterrichts. Es war ja auch tatsächlich ein großer Vorteil, dass die katholische Kirche auch nach 1933 nicht in die Illegalität abgedrängt war wie Sozialdemokraten und Kommunisten, sondern national und international organisiert blieb und sich offen ihrer dichten Infrastruktur bedienen konnte.

Es ist richtig, dass Hitler aus dem Vertragsabschluß propagandistische Erwartungen ableitete: »Durch den Abschluss des Konkordats zwischen dem Heiligen Stuhl und der Deutschen Reichsregierung scheint mir genügend Gewähr dafür gegeben, dass sich die Reichsangehörigen des römisch-katholischen Bekenntnisses von jetzt ab rückhaltlos in den Dienst des neuen nationalsozialistischen Staates stellen werden« (8.7.1933, in: L. VOLK, Der bayerische Episkopat, S. 121 f.). Dass das Konkordat in seiner Wirkung den Loyalitätsdruck auf die deutschen Bischöfe tatsächlich erhöht und später den deutschen Katholiken den Widerstand erschwert haben soll, ist jedoch bisher nicht glaubhaft nachgewiesen worden. Die zeitgenössische Presse sah jedenfalls die Kirche als moralische Siegerin, das Angebot der Nationalsozialisten hatte nicht nur die Bedingungen erfüllt, an denen in der Weimarer Republik noch alle Verhandlungen gescheitert waren, sondern war sogar darüber hinausgegangen. Die NS-Monatshefte rechneten noch beim Tod Pius XI. das Reichskonkordat zu den größten Erfolgen seines Pontifikats.

Pacelli sah das Dritte Reich zu keinem Zeitpunkt als Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die Ausbreitung des Bolschewismus durch die Sowjetunion und riet auch Pius XI. dringend davon ab, solche Pläne in Erwägung zu ziehen. Aus der eindeutigen Ablehnung des Bolschewismus in Theorie und Praxis ergab sich keine Unterstützung des Nationalsozialismus. „Beide sind materialistisch, antireligiös, totalitär, tyrannisch, grausam und militaristisch“ erklärte das vatikanische Staatssekretariat am 30. Mai 1943 dem britischen Geschäftsträger.

Für die Auseinandersetzung mit den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts hatte die Glaubenskongregation unter aktiver Beteiligung des Kardinalstaatssekretärs Pacelli bereits 1935/1936 Gutachten ausarbeiten lassen, die den Nationalismus, Rassismus, Kommunismus und Totalitarismus gleichermaßen als Häresien verurteilten.

Am 18. November 1936, 14 Tage nach dem Gespräch des Kardinals Faulhaber mit Adolf Hitler, verzichtete das Hl. Offizium aber auf den Plan einer gemeinsamen Verurteilung dieser Irrlehren. Stattdessen kam es im März 1937 zunächst zur Veröffentlichung der Enzyklika „Mit brennender Sorge“, die sicher nicht erschienen wäre, wenn Papst Pius XI. die kurzzeitige Hoffnung von 1933 auf eine antibolschewistische Kooperation mit dem Nationalsozialismus immer noch gehegt hätte. Wenige Tage später erschien die Enzyklika „Divini Redemptoris“ mit einer scharfen Kritik am atheistischen Kommunismus. 1938 folgte dann der sog. „Rassensyllabus“ und der Auftrag Papst Pius’ XI. zu einer Rassenenzyklika, die dann aber vor seinem Tod nicht mehr erscheinen konnte und deshalb als „Unterschlagene Enzyklika“ erst vor 10 Jahren „wiederentdeckt“ wurde.

Die Beziehung Pacelli – Hitler war eine Beziehung gegenseitiger Abneigung ohne persönlichen Kontakt. Für Pacelli gab es weder weltanschaulich noch persönlich irgendeine Verbindung zu Adolf Hitler. Allein Pacellis Münchener Erfahrungen mit kommunistischen und nationalsozialistischen Bewegungen hätten dafür ausreichen können, keinerlei Sympathien für die eine oder andere Ideologie mehr zu empfinden. Von der Beurteilung der katholikenfeindlichen Vorkommnisse während des Hitler-Putsches 1923 über die zahlreichen internen Protestschreiben wegen der permanenten Konkordatsverletzungen ab 1933 bis zur Enzyklika „Mit brennender Sorge“ 1937, die von Kardinal Faulhaber entworfen und von Pacelli politisch zugespitzt worden war, ist die Einschätzung Hitlers und seiner Partei unmissverständlich klar. Pacellis 1929 beim Abschied aus Deutschland festgehaltener Eindruck von Hitler hat sich später nicht mehr verändert, wurde aber vielfach bestätigt: „Ich müsste mich sehr täuschen, wenn dies hier ein gutes Ende nehmen sollte. Dieser Mensch ist völlig von sich selbst besessen, alles, was nicht ihm dient, verwirft er, was er sagt und schreibt, trägt den Stempel seiner Selbstsucht, dieser Mensch geht über Leichen und tritt nieder, was ihm im Weg ist. Ich kann nur nicht begreifen, dass selbst so viele von den Besten in Deutschland dies nicht sehen. Wer von all diesen hat überhaupt das haarsträubende Buch „Mein Kampf“ gelesen?“ (Verabschiedung bei Bischöfen 1929, übernommen aus P. Lehnert, S.42).

Diplomatisch zurückhaltender schrieb Pacelli am 28. April 1937 an den damaligen Wiener Nuntius Amleto Cicognani: „Um die Wahrheit zu sagen: Die starken Feindschaftsgefühle gegenüber der Kirche seitens des gegenwärtigen Kanzlers des Deutschen Reichs sind hier seit langem bekannt“ (zitiert nach Godman, 218). Zwei ungeschützte, erst kürzlich bekannt gewordene Äußerungen aus Gesprächen mit Diplomaten von 1937 und 1938 passen bestätigend in dieses Bild. Hitler sei, so Pacelli, ein „nicht vertrauenswürdiger Halunke“ und eine „grundsätzlich böse Person“, mit der jeder politische Kompromiss definitiv ausgeschlossen sei. „Pius XII.?“, wird Hitler 1944 zitiert, „dies ist der einzige Mensch, der mir immer widersprochen und niemals gehorcht hat.“

Das „Schweigen“ des Papstes und die Ermordung der europäischen Juden

Die These vom „Papst, der geschwiegen hat“ ist für viele offenbar so unmittelbar einleuchtend, dass sie inzwischen häufig als eine selbstverständliche Tatsache präsentiert wird, die nicht mehr überprüft werden muss.

Die Frage ist dann nur noch, welche Konsequenzen dieses schuldhafte Verhalten haben muss. Wenn wir uns an dieser Stelle einmal einen Moment über die Vorgaben der political correctness hinwegsetzen und trotzdem nachfragen, wie es eigentlich gewesen ist, stoßen wir auf eine Fülle schriftlicher Zeugnisse, die die Nachlässe von Päpsten, die nicht geschwiegen haben, weit übersteigt: 41 Enzykliken, 4 Apostolische Konstitutionen, 3 Motu proprii, 14 Apostolische Schreiben und 1400 Ansprachen mit Stellungnahmen zu fast allen Zeitfragen bei Audienzen, in Printmedien und Radioansprachen. Allein die Textsammlung „Soziale Summe“ umfasst für das Pontifikat Pius XII. mehr als 4000 Druckseiten. Ausgerechnet Pius XII., der in den Texten des II. Vatikanischen Konzils meistzitierte Theologe, soll also geschwiegen haben?

„Um die These vom schuldhaften Schweigen des Papstes zurückzuweisen, ist längst keine Forschung mehr notwendig“ (Brechenmacher, Katholizismusforschung, 96). Die vielfältigen, bereits vorliegenden Ergebnisse der zeitgeschichtlichen Katholizismusforschung beziehen sich sowohl auf tatsächliche Stellungnahmen als auch auf die vielfältigen Formen humanitärer Unterstützung und diplomatischer Hilfe, für deren Erfolg es unabdingbar war, dass sie gerade nicht vor aller Augen passierten.

In der Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937) (n. 12) heißt es: „Wer die Rasse oder das Volk oder den Staat oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt oder andere Grundwerte menschlicher Gemeinschaftsgestaltung … zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“ In diesem Satz der Enzyklika, so urteilte Papst Pius XII. 1945, „gipfelt der aufs Letzte gehende Widerstreit zwischen dem nationalsozialistischen Staat und der katholischen Kirche. Wo es soweit gekommen war, konnte die Kirche, ohne ihrer Sendung untreu zu werden, nicht länger darauf verzichten, vor der ganzen Welt Stellung zu nehmen.“ (Ansprache Pius’ XII. „Con sempre“ an das Kardinalskollegium über den Nationalsozialismus 2. Juni 1945, n. 15).

In seiner Weihnachtsansprache 1942 prangerte Pius XII. öffentlich die Verfolgung der Hunderttausende an, „die persönlich schuldlos, manchmal nur um ihrer Volkszugehörigkeit oder Abstammung willen, dem Tod geweiht oder einer fortschreitenden Verelendung preisgegeben sind.“ Pius XII. wurde damals kritisiert, weil er weder die Juden noch die Nationalsozialisten beim Namen genannt hatte. Der Papst war davon ausgegangen, dass auch so jedem Zuhörer klar sein musste, wer gemeint war. Aber selbst vatikanintern war man an diesem Punkt nicht ganz einer Meinung. Der prompte Protest des deutschen Botschafters beim Heiligen Stuhl zeigte dann, dass die Botschaft auch in dieser Form des uneigentlichen Sprechens ankommen konnte. Die Nationalsozialisten reagierten empört, der Papst habe damit seine Neutralität aufgegeben, zu der ihn die Lateran-Verträge verpflichteten. Die Rede sei „eine einzige Attacke gegen alles, für das wir einstehen. Der Papst sagt, dass Gott alle Völker und Rassen gleichwertig ansieht. Hier spricht er deutlich zugunsten der Juden … Er beschuldigt das deutsche Volk, Ungerechtigkeiten gegenüber den Juden zu begehen, und macht sich zum Sprecher der jüdischen Kriegsverbrecher“ (SD 1942).

Gegen das von vielen Seiten erwartete offene Wort sprach, dass davon „kein praktischer Erfolg zu erwarten ist und dass durch einen solchen Schritt die noch mögliche Arbeit auch gefährdet werden könnte“ (heißt es in einem Bericht für die Fuldaer Bischofskonferenz aus dem Sommer 1942). Dazu kam als durchgehende Konstante im Leben des rationalen Juristen und Diplomaten Pacelli die Versuchung, in der Abwägung moralischer Erfordernisse gegen mögliche Erfolgsaussichten eher zögerlich-zaudernd alles bedenken zu wollen. Pius hielt an seinen honorigen Spielregeln auch dann noch unbeirrt fest, als diese von der Geschichte längst außer Kraft gesetzt worden waren.

Ein abschreckendes Beispiel bildete zudem die Reaktion der Nationalsozialisten auf den öffentlichen Protest der niederländischen Bischöfe gegen die Verfolgung der Juden. Am 26. Juli 1942 wurde in allen niederländischen Kirchen ein Hirtenbrief von Erzbischof Johannes de Jong von Utrecht verlesen, in dem scharf gegen die Deportation der niederländischen Juden protestiert wurde. Gleichzeitig wurde ein Protesttelegramm der Kirchen an die deutsche Besatzungsmacht veröffentlicht. Die Deutschen reagierten darauf wie angekündigt mit der Deportation auch der katholisch getauften Juden, die bis dahin von den Verfolgungsmaßnahmen verschont geblieben waren, darunter die Philosophin Sr. Teresia Benedicta a Cruce Edith Stein. Das Beispiel der Niederlande veranlasste Pius XII. zu noch größerer Zurückhaltung, weil es einerseits zeigte, dass die Angst vor den Reaktionen der Nationalsozialisten auf öffentliche Proteste durchaus begründet war, und andererseits deutlich wurde, dass dieses offene Wort keine Verbesserung der Lage bewirken konnte.

Damals ging es nicht in erster Linie darum, was der Papst sagte oder worüber er schwieg, sondern darum, was er getan hat. Statt auf einen öffentlichen Protest konzentrierte Pius XII. seine Anstrengungen auf die humanitäre Unterstützung der Verfolgten. In den mit Deutschland verbündeten, aber nicht direkt von Deutschland beherrschten Ländern waren die Einflussmöglichkeiten des Vatikans je nach Einstellung der Regierungen größer als in Deutschland selbst. In verschiedenen Ländern protestierten die katholischen Bischöfe und päpstlichen Nuntien gemeinsam gegen antisemitische Gesetze und die Verfolgung der Juden. Der Vatikan nutzte seine Kontakte zu freien Staaten dazu, getauften Juden die Einreise in diese Staaten zu ermöglichen, und beschaffte z.B. 3000 Einreisegenehmigungen für Brasilien. Ferner unterstützte er die Emigration von Juden, indem er die Überfahrt in die USA finanziell ermöglichte. Die caritative Hilfe wurde aber auch für die wirtschaftliche Unterstützung von Familien eingesetzt, denen ab Herbst 1941 die Emigration nicht mehr möglich war. Der Vatikan kümmerte sich um die Freilassung internierter Juden und speziell um die Rettung der Juden von Rom. Pius XII. konnte zwar nicht verhindern, dass die am 16. Oktober 1943 aufgegriffenen etwa 1000 Juden ermordet wurden. Die sofortige, von Pius XII. über den sonst nur als Fluchthelfer für NS-Größen erwähnten Bischof Hudal eingeleitete Reaktion führte aber dazu, dass nach dem 17. Oktober keine Massendeportationen aus Rom mehr stattfanden. Bereits vor dieser Razzia konnte die Hälfte der etwa 8000 in Rom lebenden Juden in kirchlichen Einrichtungen untertauchen, in Klöstern, Konventen, Kinderheimen, Waisenhäusern, auch im Vatikan selbst (1964 wurde durch den Bericht der New Yorker jüdischen Zeitung „Wiedergutmachung” bekannt, ein reicher italienischer Jude habe den Heiligen Stuhl als Haupterben eingesetzt, um sich für die Zuflucht zu bedanken, die ihm in den Kriegsjahren im Vatikan gewährt worden war). Die Darstellung dieser Vorgänge bei Hochhuth, der Papst habe selbst dann noch geschwiegen, als die Juden „unter seinen eigenen Fenstern“ abtransportiert wurden, ist emotional aufgeladene Geschichtsklitterung.

Lassen Sie mich zum Ende dieses ersten Teils noch eine Überlegung von P. Alfred Delp anfügen. Er schrieb in der Sylvesternacht 1944/1945 in seiner Todeszelle in Plötzensee in sein Tagebuch: „Gewiss wird man später einmal feststellen, dass der Papst seine Pflicht und mehr als das getan hat. Dass er Frieden anbot, Friedensmöglichkeiten suchte, geistige Voraussetzungen für die Ermöglichung des Friedens proklamierte, für Gefangene sorgte, Almosen spendete, nach Vermissten suchte usw. Das alles weiß man mehr oder weniger heute schon, es wird sich nur um eine Mehrung der Quantität handeln, die wir später aus den Archiven erfahren“ (P. Alfred Delp, Aufzeichnungen aus der Todeszelle in Plötzensee, Silvesternacht 1944/1945). Die Tagebuchnotizen P. Alfred Delps erinnern freilich uns alle noch einmal daran, dass das Thema Pius XII. und der Nationalsozialismus nicht das Thema einer anonymen Institution und nicht das Thema eines umstrittenen Papstes allein sein kann, sondern unversehens zur Anfrage an uns alle wird. Christus hat seiner Kirche zugesagt: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28,20). Aus dieser Verheißung Christi erfuhr Papst Pius XII. selbst Kraft für sein segensvolles Wirken in einer bewegten Zeit. Sie ermuntert auch uns, die Liebe Christi und seine Friedensherrschaft auszubreiten in den Turbulenzen der Gegenwart. Das Lehramt des „doctor optimus“ schenkt uns dabei reiche geistige Nahrung, die auch in der Zukunft ihre Früchte zeigen wird.

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