Ansprache Papst Pius‘ XII. an die Schweizer-Pilger am Freitag 16. Mai 1947

Mit tiefer Ergriffenheit haben Wir gestern Nikolaus von Flüe der Schar der Heiligen beigesellt, und mit tiefer Ergriffenheit habt ihr, geliebte Söhne und Töchter, Landsleute des neuen Heiligen, der erhabenen Handlung beigewohnt. Mit ihr wurde der einzigartigen Gestalt aus dem 15. Jahrhundert, die ihr als die Verkörperung des Besten von dem empfindet, was an gesunder Natur und christlicher Frömmigkeit in eurem Wesen lebt, eine Ehrung zuteil, wie sie höher auf Erden und in der Kirche Christi niemandem widerfahren kann. Uns selbst war es eine grosse Genugtuung, eurem Volke, mit dem Uns so viele angenehme Beziehungen verknüpfen, die Freude der Heiligsprechung dieses echten Schweizers zu bereiten.

Wenn auch das Lob, ein echter Sohn des Schweizer Volks zu sein, im Vollsinn des Wortes ganz gewiss einer stattlichen Reihe eurer um das Vaterland verdienten Männer gebührt, so doch sicher keinem mehr als Nikolaus von Flüe.

Er stammt aus dem Herzen der Eidgenossenschaft, aus einem der Urkantone, einem « gläubigen und frommen Land », wie seine Obwaldner Heimat noch in unserer Zeit ehrend genannt wurde. Den Ruf seines Geschlechts, rechtschaffen und gottesfürchtig zu sein, zurückhaltender Natur, mässig, ganz dem Beruf, der Feldarbeit lebend, umgänglich und immer gewohnt, den Mitmenschen Gutes zu tun, eifrig im Gebet und in Einhaltung der kirchlichen Lebensordnung (Robert Durrer, Bruder Klaus, Die ältesten Quellen über den seligen Nikolaus von Flüe, sein Leben und seinen Einfluss [2 Bände, Samen 1917-1921] B. II, S. 671), diesen Ruf hat jedenfalls Nikolaus vollkommen wahr gemacht: Einen züchtigen, gütigen, einen tugendhaften, frommen und wahrhaften Menschen nennt ihn ein Zeuge, der ihm von seiner frühen Jugend bis zu seinem Abschied von der Welt immer sehr nahe stand (Durrer, B. I, S. 462).

Mit 14 Jahren nimmt Nikolaus an der Landsgemeinde teil (Durrer, B. I, S. XII). Er ist Kriegsmann im Dienst des Vaterlandes und steigt zum Fähnrich, Rottmeister und Hauptmann auf (Durrer, B. I, S. 428). In zwanzigjähriger Ehe mit Dorothea Wyss ersteht ihm eine blühende Familie von zehn Kindern. Heute, in dieser feiervollen Stunde, verdient auch der Name seiner Gattin in Ehren genannt zu werden. Sie hat durch den freiwilligen Verzicht auf den Gemahl, einen Verzicht, der ihr nicht leicht wurde, und durch ihre feinfühlige, echt christliche Haltung in den Jahren der Trennung mitgewirkt, um euch den Retter des Vaterlandes und den Heiligen zu schenken.

Mit Umsicht und Fleiss waltet Nikd1aus des elterlichen Erbes. Er ist ein angesehener Bürger, Ratsherr, Richter und Tagsatzungsgesandter, und dass er nicht Landammann wurde, ist nur an seinem eigenen Widerstreben gescheitert (Durrer, B. I, S. 463; dazu S. XII).

Erst fünfzigjährig zieht er sich zurück von der Welt, von der eigenen Familie und den öffentlichen Geschäften, um noch an die zwanzig Jahre in äusserster Entsagung, in strengster Busse nur dem Verkehr mit Gott zu leben.

Allein gerade in dieser Abgeschiedenheit wird Nikolaus zum grossen Segen für sein Volk. Mehr und mehr kommen sie von nah und fern zu ihm, um sich seinem Gebet zu empfehlen, an seinem Beispiel aufzurichten, von ihm Trost und Rat zu erholen. Bischöfe und Grafen, Beauftragte in Sachen der Eidgenossenschaft wie Gesandte auswärtiger Städte und Mächte suchen bei ihm Antwort, Weisung oder Vermittlung in Fragen des öffentlichen Wohls, des inneren und äusseren Friedens (Durrer, B. I, S. XXV-XXVI, 584-585). In jenen entscheidungsvollen Dezembertagen des Jahres 1481, da der Gegensatz politischer Interessen die Entfremdung zwischen den Land-und Stadtkantonen so sehr vertieft hatte, dass sie in offener Feindschaft und in Bruderkrieg zu enden drohte, in einem Bruderkrieg, der wohl den Untergang der Eidgenossenschaft bedeutet hätte, ist Nikolaus von Flüe, über die engen Grenzen der Kantone hinweg auf das Wohl des Ganzen schauend, durch seinen Rat und die damals schon überirdische Kraft seiner Persönlichkeit der Retter des Vaterlands geworden. Sein Name wird mit dem Stanser Vorkommnis, einem der Eckpfeiler und grossen Marksteine in der Geschichte eurer Heimat, auf immer verbunden bleiben. Bruder Klaus ist nicht zu Unrecht als « der erste eidgenössische Patriot » bezeichnet worden. Er ist ganz einer von euch; er ist euer Heiliger (Durrer, B. I, S. XXIX, 115-170).

Das Vorbild christlicher Tugend und Vollkommenheit, das im hl. Nikolaus aufleuchtet, ist so einfach natürlich, so entzückend schön, inhaltsvoll und vielgestaltig wie der Farbenreichtum einer in ihrer Blumenpracht daliegenden Alpenwiese. Aber nicht der Mannigfaltigkeit seines Vorbilds wollen Wir in dieser Stunde nachgehen. Was Wir aufzeigen möchten, sind bestimmte Brennpunkte im Strahlenfeld seiner Heiligkeit, und zwar jene Brennpunkte, die gleichzeitig die Kraftquellen angeben, aus denen euer Volk in der Vergangenheit seine Stärke geschöpft hat und deren es auch in der Zukunft nicht wird entbehren können. Solcher Brennpunkte glauben Wir drei nennen zu sollen : seine beherrschte Lebensweise, seine Gottesfurcht und sein Beten.

Die Lebensweise des Heiligen ist beherrscht, auf Verzicht und Abtötung eingestellt, nicht nur wenn wir sie mit unseren heutigen Daseinsverhältnissen vergleichen, sondern schon für die viel einfacheren seiner Zeit und seiner Heimat, ganz abgesehen davon, dass man auch damals das Leben zu geniessen wusste. Wo immer ihr Nikolaus betrachten möget, stets ist bei ihm der Geist Herr über den Leib. Diese Beherrschtheit gab auch seinem Aeusseren jene Ehrfurcht weckende Würde und herbe Schönheit, die uns aus seinen Bildern so wohltuend ansprechen. Nikolaus hat früh, schon als Junge, sehr ernst damit begonnen, sich Opfer aufzuerlegen, und er ist darin beharrlich vorangeschritten (Durrer, B. 1, S. 462). Durch sein überaus strenges Leben in der Klause gehört er zu den grossen Büssergestalten der katholischen Kirche, und wenn er in jenen zwanzig Jahren sich ausschliesslich vom Brot der Engel nährte, so war dieses Charisma die Vollendung und der Lohn eines langen Lebens der Selbstbeherrschung und Abtötung aus Liebe zu Christus.

Versteht ihr die Mahnung, die der Heilige durch sein Beispiel an unsere Zeit richtet? Ein wahrhaft christliches Leben ist undenkbar ohne Selbstbeherrschung und Entsagung; aber auch Volksgesundheit und Volkskraft können ihrer auf die Dauer nicht entbehren. In der Strenge der christlichen Lebensordnung liegen zugleich unersetzliche soziale Werte. Sie ist das wirksamste Gegengift gegen die Sittenverderbnis in allen ihren Erscheinungen.

Wenn — gewiss auch auf die Fürbitte des hl. Nikolaus — Gottes barmherzige Vorsehung eure Heimat vor der Verelendung bewahrt hat, wie sie als Folge zweier Weltkriege in grauenvollen Formen über andere Länder gekommen ist, so stattet ihr euren Dank dafür durch grossmütige Werke der Caritas ab; Wir benützen gerne auch diese Gelegenheit, um es anzuerkennen. Erweist euch jedoch darüber hinaus dankbar dadurch, dass ihr im Geist und in der Tat um Christi willen ein einfaches und beherrschtes Leben führt, auch in Wohlhabenheit und Reichtum.

Der Büsser vom Ranft mag einmalig sein. Auch Franz von Assisi war es; aber ganzen Schichten der Christenheit wurde sein heldenhaftes Beispiel zum Ansporn, ihr Erdendasein weniger auf Wohlleben und Macht, als vielmehr auf Sichbescheiden und auf die ewigen Güter auszurichten. Folgt ihr ebenso Nikolaus von Flüe nach! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Wo Nikolaus von Flüe uns entgegentritt, ist er der gottesfürchtige Mensch. Auch als Kriegsmann, wie uns seine Kameraden eindrucksvoll berichten (Durrer, B. I, S. 464). Ueber sein Eheleben kann man die Eingangsworte der Eheenzyklika Unseres hochseligen Vorgängers Pius XI., setzen : « Der reinen Ehe Hoheit und Würde ». Von seiner öffentlichen Tätigkeit konnte Nikolaus selbst bezeugen : « Ich war mächtig in Gericht und Rat und in den Regierungsgeschäften meines Vaterlandes. Dennoch erinnere ich mich nicht, mich jemandes so angenommen zu haben, dass ich vom Pfade der Gerechtigkeit abgewichen wäre» (Durrer, B. I, S. 39). « Wer Gott fürchtet, wird ganz gross sein », sagt die Schrift (Judith 16, i9). Das gilt von eurem Heiligen.

Aufstieg und Niedergang der Völker entscheiden sich danach, ob ihr Eheleben und ihre öffentliche Sittlichkeit sich auf der Normallinie der Gottesgebote halten oder unter sie hinuntergleiten.

Klingt nicht auch diese Feststellung wie ein Notruf in unsere Zeit hinein? Die Zahl der guten Christen ist heute nicht gering, die der Helden und Heiligen in der Kirche vielleicht grösser als zuvor. Aber die öffentlichen Verhältnisse sind weithin zerrüttet. Und das ist die Aufgabe der Kinder der Kirche, aller guten Christen, sich dieser Abwärtsbewegung entgegenzustemmen und durch Bekenntnis wie Tat, im Beruf wie in der Handhabung der Bürgerrecte, in Handel und Wandel des täglichen Daseins dem Gebot Gottes und Gesetz Christi wieder den Weg in alle Bereiche des menschlichen Lebens zu bahnen. Christliche, katholische Schweizer! Hier liegt auch eure Aufgabe für euer Vaterland. Führt sie durch im Geist und in der Kraft von Bruder Klaus! Dann erst könnt ihr in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Nicolaus von Flüe war endlich ein Mann des Gebetes, sein Leben ein Leben aus dem Glauben. Die Aeusserung, die er in seinem Selbstbekenntnis über den Priester, den « Engel Gottes », und das « heiligste Sakrament des Leibes und Blutes Jesu Christi » (ebenda) getan, würde genügen, um zu zeigen, wie erfüllt von katholischen Glauben er war. Es ist bezeichnend, wie gerne er schon seit den Knabenjahren sich zu stundenlanger Versenkung ins Gebet zurückzog. Sein Leben im Ranft war ein Leben der Entsagung, um zur Vereinigung mit Gott zu kommen, das Ruhen in Gott der Sinn dieses Lebens. Auch seine Tat zur Rettung der Eidgenossenschaft Weihnachten 1481 war der Sieg eines Titanen des Gebetes über den Ungeist der Selbstsucht und Zwietracht.

Liegt nicht ein Fingerzeig Gottes darin, wenn Er eurer Heimat einen Volksheiligen schenkt, der so ausgesprochen ein Mann des Gebetes war wie Bruder Klaus? Die Kurve der Zerrüttung des öffentliches Lebens geht parallel mit der Kurve seiner Säkularisierung, seiner Loslösung vom Gottesglauben und Gottesdienst. Solcher Verweltlichung können aber — Land für Land und Volk für Volk — Einhalt tun nur Menschen und Gemeinschaften, die glauben und beten. Deshalb rufen Wir euch zu: « Betet, freie Schweizer, betet! », wie Nikolaus von Flüe gebetet hat. Dann könnt ihr mit Recht und in Wahrheit sagen, dass er euer Heiliger ist.

Schiller lässt im Wilhelm Teil den alten Attinghausen ein Wort sprechen, das ihr in jungen Jahren mit Begeisterung aufgenommen habt, das Wort (2. Aufzug, I. Szene):

Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen!
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.

Wenn ihr aber nunmehr fragt, wo im Vaterland die starken Wurzeln eurer Kraft liegen, so lautet die Antwort: sie liegen — nicht allein, aber vor allem anderen — in dem christlichen Unterbau, der das Gemeinwesen, seine Verfassung, seine soziale Ordnung, sein Riecht und seine gesamte Kultur trägt, und dieser christliche Unterbau ist durch nichts zu ersetzen, nicht durch Macht und nicht durch politische Höchstleistung. Die Stürme, die seit Jahren wie ein Weltgericht über die Kontinente dahingehen, haben dies mit Donnerstimme kundgetan. Auf Schweizer Boden hat jener christliche Unterbau in Nikolaus von Flüe Leben und Gestalt gewonnen wie wohl in keinem anderen eures Volkes. Schliesst euch ihm an, dann wird es gut bestellt sein um das Schicksal eures Vaterlandes.

Ihr seid stolz auf eure Freiheit. Ueberseht aber nicht, dass irdische Freiheit nur dann zum Guten ist, wenn sie aufgeht in einer höheren Freiheit, wenn ihr frei seid in Gott, frei euch selbst gegenüber, wenn ihr die Seele frei und offen bewahrt für das Einströmen der Liebe und Gnade Jesu Christi, des Ewigen Lebens, das Er selber ist. Nikolaus von Flüe verkörpert in wundersamer Vollkommenheit den Einklang von irdischer und himmlischer Freiheit. Folgt ihm nach! Er sei euer Vorbild, euer Fürbitter, euer und eures ganzen Volkes hundert- und tausendfältiger Segen.

_______

Quelle

Siehe ferner:

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DAS APOSTOLAT DER FRAU

V

DAS APOSTOLAT DER FRAU

Nur wenige Wochen nach dem Antritt seines Pon­tifikats hielt Pius XII. am Osterfest 1939 seine erste An­sprache an Frauen vor der Internationalen Katholischen Frauenliga, in der er über das Apostolat der Frau und ihre Arbeit im Gottes-Reich spricht. Wie stets in seinen ersten Reden knüpft der Papst seine Arbeit an die seines Vor­gängers Papst Pius‘ XI. an, den er bezeichnet als „den großen Förderer der Katholischen Aktion, auch jetzt noch ihr unsichtbarer Berater und Wegweiser“. Eine der gol­denen Regeln dieses Papstes sei es gewesen, daß jeder Apostel nicht zu den Vertretern irgendeiner abstrakten Menschheit sprechen solle, sondern zu bestimmten Grup­pen, die einheitlich durch Nation, durch Alter und Beruf zusammengefaßt werden sollten. So habe also die Arbeit der Katholischen Aktion in der Art der Ausübung sich der Verschiedenheit der Länder und Zeiten anzupassen. Pius XII. führt dann weiter aus:

„Wenn Wir Sie heute hier sehen, geht Unser Gedanke zu den edlen, vor Eifer brennenden christlichen Frauen, die seit den Tagen der Urkirche mit den Aposteln und Seelenhirten bei der Ausbreitung des Evangeliums mitgearbeitet haben, die verdienten, von der damaligen Hierarchie gelobt zu werden, und deren Namen, wie der hl. Paulus sagt, ‚eingeschrieben sind in das Buch des Lebens‘ (Phil 4, 3). Die Mitglieder Ihrer Vereinigungen setzen die glorreichen Traditionen dieser Frauen und Jungfrauen fort. Auch Ihr Wirken gereicht Ihnen zum Lob und zeigt Uns, wie weit Ihr ‚apostolisches Arbeitsfeld‘ schon reicht, das Sie noch immer weiter ausdehnen wollen.

Es gab eine Zeit, wo das apostolische Wirken der Frau sich darauf beschränken konnte, das christliche Leben in der Familie zu bewahren und lebendig zu erhalten. Das genügt nicht mehr in unseren Tagen, wo das ganze Familienleben zwangsläufig und unmittelbar dem Einfluß der sozialen Umwelt, in der es sich entfaltet, unterworfen ist. Von dieser sozialen Umgebung wird zum großen Teil die geistige Atmosphäre in der Familie abhängen und auch ihr sittliches und religiöses Leben. Darum wird sich die katholische Frau von heute ihrer sozialen Pflichten bewußt. Ihre Kongresse arbeiten, um durch gemeinsames Studium diese Aufgaben immer besser zu verstehen; Ihre Ligen bemühen sich, sie immer besser zu erfüllen. So er­klären sich die so wunderbar verschiedenartigen Formen Ihrer Bemühungen … Wie bei allen großen mensch­lichen Werken hat Gott auch in dem menschlich-gött­lichen Werk der Erlösung die Frau zur Gefährtin und Gehilfin des Mannes gemacht. Aber diese Mitarbeit der Frau bei der Ausbreitung und Verteidigung des Gottes-Reiches scheint Uns heute notwendiger denn je … Um diese Wunde [die Zerrissenheit der Menschheit] zu hei­len, gibt es nur einen wirksamen Balsam: die Rückkehr des Geistes und des menschlichen Herzens zur Erkenntnis und Liebe Gottes, des gemeinsamen Vaters, und desjenigen, den er zur Rettung der Welt gesandt hat, Jesus Christus. Um aber diesen heilenden Balsam in die offene Wunde einer durch so viele Erschütterungen gemarterten Mensch­heit zu gießen, scheinen die Hände der Frauen durch die Vorsehung besonders vorbereitet zu sein, da ihnen die feinere Empfindsamkeit und das größere Zartgefühl des Herzens gegeben sind.

Es ist nun Ihre Aufgabe, katholische Frauen und junge Mädchen, sich zu dieser großen Verwundeten zu neigen; selbst von Gott geführt und unterstützt hier aufzurichten, dort zu ermutigen. Machen Sie aus dieser herdenartigen Masse wieder eine organische Gemeinschaft, in friedvoller Abgrenzung der Tätigkeiten und Ämter, in der Achtung der Pflichten und Rechte, in harmonischer Zusammen­ordnung der festgefügten und fruchtbaren Familien .. . Ist es nötig hinzuzufügen, daß Ordnung und Friede zu­vor in Ihren Organisationen gepflegt werden müssen, ehe Sie sie in Ihrer Umgebung zur Herrschaft bringen? Was das betrifft, so gefällt es Uns ganz besonders, wie in Ihrer Internationalen Vereinigung sich die Abteilung der Frauen mit der der jungen Mädchen harmonisch zusammenfindet. Sie sind wie Blüten und Früchte, die manchmal gleich­zeitig gewisse bevorzugte Bäume schmücken. An der Seite der verdienstvollen Arbeiterinnen mit reicher Erfahrung stehen freudig die ,Lehrlinge‘, voller Bereitschaft, sich einzusetzen. Sie erbitten hierfür ‚Formung und Vorberei­tung‘ und möchten den Rat ihrer Vorgängerinnen emp­fangen, nicht wie aufgezwungenen Lehrstoff, sondern wie dargebotene Schätze. Das wirksamste Apostolat, das durch nichts zu ersetzen ist, ist das eines heiligen und frommen Lebens, das durch Beispiel und Gebet wirkt. Daher nimmt unter den verschiedenen Formen Ihrer Tätigkeit dieses Apostolat des Beispiels den ersten Platz ein . ..“1

1 Osteransprache 1939, vgl. Jussen, S. 228 ff.

Das sprach Papst Pius XII. wenige Monate, ehe der Zweite Weltkrieg ausbrach, in der Erkenntnis, daß die menschliche Gesellschaft auseinanderzufallen drohe. Seine Furcht sollte sich nur allzubald erfüllen, und so kam es, daß die erste Enzyklika, in der sich der Papst an die ganze Welt wandte, ‚Summi Pontificatus‚ vom 20. Okto­ber 1939 den Ausdruck seiner Sorgen und Befürchtungen widerspiegelt. Er spricht darin von den vielfältigen und gefährlichen Irrtümern, welche die Folge des religiösen und sittlichen Agnostizismus sind und ruft mit überzeugenden Worten zum Apostolat auf, um „im Kampf zwi­schen Christentum und Antichristentum Gnadenquellen und Kraftreserven“ zu gewinnen.

„In einem Zeitpunkt, wo zwischen Priesterzahl und Priesteraufgaben ein Mißverhältnis besteht, das dem Worte Christi von der großen Ernte und den wenigen Arbeitern (Matth 9, 37; Luk 10, 2) einen sorgenschweren Sinn gibt, bedeutet die zahlreiche und hingebende Mitarbeit der Laien am hierarchischen Apostolat eine wertvolle Hilfe für den Priester und zeigt Entfaltungsmöglichkeiten, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigen. Das Gebet der Kirche zu dem Herrn der Ernte, er möge Arbeiter in seinen Weinberg senden (Matth 9, 38; Luk 10, 2), ist in einer Weise erhört worden, die den Forderungen der Gegenwart entspricht und die eine Ergänzung der vielfach eingeengten priesterlichen Seelsorge ermöglicht. Eine einsatzbereite Front katholischer Männer und Frauen, Jungmänner und Jungfrauen widmet, dem Ruf des obersten Hirten folgend, in Unterordnung unter die Bischöfe, diesem Apostolat die ganze Glut des Herzens und müht sich, den Massenabfall von Christus in eine Massenheimkehr zu Christus zu verwandeln … In allen Klassen, Berufsschichten und Gruppen macht diese Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien wertvolle Energien frei und weist ihnen Aufgaben zu, wie sie edle und treue Herzen ehrender und beglückender nicht erhoffen können.”2

2 A. A. S. vol. 31 (1939) P. 587.

Zum ersten Male hörte die gesamte Welt einen Aufruf Pius‘ XII., daß alle vom Kriegselend Betroffenen katholische Bruderliebe erfahren sollen, die „nicht ein leeres Wort ist, sondern lebendige Wirklichkeit“. Wie viele Hilfs- und Mahnrufe sollten in den nächsten Jahren noch folgen, um das Gewissen der Nationen und die Einsatzbereitschaft der einzelnen wachzurütteln!

„Ein unübersehbares Arbeitsgebiet eröffnet sich der christlichen Caritas in allen ihren Formen. Wir haben das Vertrauen zu Unseren Söhnen und Töchtern, vor allem auch in denjenigen Ländern, deren Boden noch nicht von der Geißel des Krieges heimgesucht ward, daß sie im Geiste des göttlichen Samaritans sich derer erinnern, die als Opfer des Krieges ein Recht auf Mitleid und Hilfe. haben.“3

3 A. A. S. vol. 31 (1939) p. 593.

Während Papst Pius XII. in diesem Rundschreiben die ganze Welt zur Mitarbeit aufrief, wandte er sich in den nächstfolgenden Jahren in mehreren Ansprachen an einzelne Gruppen, und zwar vornehmlich an Italiener, da es ihnen auch in den Kriegsjahren möglich war, in Rom zu Kongressen zusammenzukommen.

In einer Ansprache vom 4. September 1940 vor italienischen Mitarbeitern der Katholischen Aktion gab der Papst seiner Genugtuung Ausdruck über die vierfache Einheit innerhalb der Katholischen Aktion: „mit der kirchlichen Hierarchie; mit Gott durch die tiefe geistige Verbindung; mit den Mitgliedern untereinander, durch die Eintracht im Handeln; mit den Mitgliedern der anderen Gruppen, jedoch in Unterwerfung unter die kirchliche Führung“…

Die einzelnen Punkte führt Pius XII. dann näher aus.

„Die Mitglieder der Katholischen Aktion, die in solcher Weise vorbereitet, gebildet und vereint sind, werden sich als Apostel in die verschiedenen Wirkungsbereiche der Gesellschaft begeben, in alle Richtungen, wo auch immer Seelen für Christus zu gewinnen sind und wo auch immer ein Zufluchtsort oder ein Ort der Zusammenkunft von einzelnen oder einer Gemeinschaft ist, über die Christus, unser Herr, herrschen muß. Geht, geliebte Söhne und Töchter, zu den Bedürftigen, zu den Armen, zu den Leidenden, zu den Unglücklichen, zu den von der Welt Verlassenen; geht, um sie aufzuklären, um sie aufzurichten, um sie zu trösten, um ihnen zu helfen, um ihnen Mut einzuflößen. In ihrer Mühsal, in ihrem Kummer, in ihren Schmerzen, in ihrer Einsamkeit fühlen sie sich mit dem Bruder verbunden, der mit ihnen weint, der mit ihnen brüderlich ihr Unglück und ihr Leid mitfühlt, der ihr Freund ist in ihren Widerwärtigkeiten, der eine Hand, die sie unterstützt, der ein Wort hat, das ihre Trostlosigkeit mildert, der sie nicht auf den flüchtigen Schein der Zeit, sondern auf die unwandelbaren Güter der Ewigkeit hinweist . . . Geht mitten hinein in die Welt, vertraut auf Christus, der die Welt besiegt hat. Eure Jahre des Apostolats mögen Jahre des Gebets sein, des Beispiels der Feder und des Wortes, der Demut und der guten Werke, des Duldens und der Sanftmut, der Klugheit und der Bescheidenheit, der weisen Nächstenliebe, nachgiebig gegenüber den Fehlenden, jedoch nicht gegenüber den Fehlern, weil jede menschliche Seele nach nichts mehr und mit größerer Inbrunst verlangt als nach der Wahrheit. Dies mögen eure Regeln und euer Handeln auf dem geistigen Schauplatz sein, so möge eure vielfältige Initiative und euer Eifer sein, den die Bischöfe und das Kardinalkollegium, die von Uns eingesetzt worden sind, anerkennen, zusammenfassen und leiten mögen.“4

4 A. A. S. vol. 32 (1940) p. 369 s.

Am 22. Jänner 1947 empfing Pius XII. die italienischen Frauen der „Renovatio Christiana“ (Christliche Wiedergeburt) in Audienz und sprach zu ihnen über die Aufgaben des Apostolats. Im Jahre 1943 hatten Damen des römischen Adels diese Bewegung der „Renovatio Christiana“ gegründet, die dem modernen Heidentum Kampf ansagte und in der Einstellung der Katholischen Aktion sich der echten christlichen Nächstenliebe widmete. Die kleine Gruppe von geistig und religiös tief gebildeten Damen stellt an sich selbst hohe Anforderungen und versucht durch „Liebe und Dienen“ Einfluß auf die religiöse Vertiefung ihrer Umwelt zu erlangen. Die Ansprache zeigt ganz besonders lehrreich, wie der Papst sich ein wirksames Apostolat gebildeter Frauen erhofft; die Rede soll daher nahezu vollständig wiedergegeben werden.

„Heute bedarf es der Größe eines in seiner Fülle und unerschütterlichen Beharrlichkeit gelebten Christentums; es bedarf der mutigen und tüchtigen Schar derer, die, seien es nun Männer oder Frauen, mitten in der Welt leben, aber jeden Augenblick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen. Ihre Augen müssen sich fest auf ihn als das Vorbild richten, das sie nachahmen, als den Führer, dem sie in ihrer Arbeit und ihrem Apostolat folgen wollen. Diese Norm habt ihr, geliebte Töchter, euch gesetzt.

Vor allem anderen wollt ihr Seelen von vollem und uneingeschränktem katholischem Glauben sein. Es ist dem Christentum kürzlich auch der Rat gegeben worden, wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle, sich dem modernen Leben und Denken, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außerordentlichen Macht der Technik anzupassen, denen gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nur noch der Nachglanz einer fast erlosche­nen Vergangenheit seien. Welch ein Irrtum und wie sehr enthüllte er die eitle Selbsttäuschung oberflächlicher Geister! Sie wollen die Kirche in den engen Rahmen rein menschlicher Organisationen wie in ein Prokrustesbett pressen. Als ob die neue Auffassung von der Welt, der gegenwärtige Bereich der Wissenschaft und der Technik, das ganze Feld beherrschte und keinen freien Raum mehr übrig ließe für das übernatürliche Leben, das nach allen Seiten darüber hinausgeht! Sie ist nicht imstande, es zu vernichten oder zu absorbieren: vielmehr bezeugen die wunderbaren wissenschaftlichen Entdeckungen (die die Kirche fördert und begünstigt) nur noch kraftvoller und wirksamer als früher die ,ewige Macht Gottes‘ (Röm 1, 20). Aber das moderne Denken und Leben müssen zu Christus zurückgeführt und wiedererobert werden. Christus, seine Wahrheit, seine Gnade sind der Menschheit unserer Zeit nicht weniger notwendig als derjenigen von gestern und vorgestern und aller vergangenen und zukünftigen Jahr­hunderte. Die einzige Quelle des Heils ist der katholische Glaube; aber nicht ein verstümmelter, blutloser, versüßlichter Glaube, sondern ein Glaube in seiner ganzen Fülle, Reinheit und Kraft. Gewiß können manche Leute diesen Glauben für eine ‚Torheit‘ halten; das ist nichts Neues; es war schon zur Zeit des Apostels Paulus so. Für euch dagegen ist er ,Kraft Gottes‘ (1 Kor 1, 18), und es drängt euch dazu, ihn eurem Jahrhundert mitzuteilen in demselben Glauben an den Sieg, der die Herzen der ersten Christen erfüllte. Wir loben eure Absichten. Möge der Herr sie durch die Fülle seines Segens fruchtbar machen. Mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens vereint ihr den Mut, die Beobachtung der Gebote Gottes und des ganzen Gesetzes Christi und seiner Kirche ernst zu nehmen. In der Tat ist das kein geringes Verdienst, zumal unter den gegenwärtigen Umständen. Wenn man die Verhältnisse, unter denen ihr lebt, die modernen Ideen und Lebensgewohnheiten, die moderne Welt mit ihrem Elend und Unglück, doch auch mit ihrer Verführung und ihrem fast diabolischen Zauber, dem tyrannischen Druck von Organisationen mit einer ungeheuerlichen Macht ernstlich ins Auge faßt, so muß man zugeben, daß es, um immer und überall ohne Rückhalt und ohne Kompromiß den Geboten Gottes treu zu bleiben, tatsächlich einer Selbstbeherrschung, einer unausgesetzten Anstrengung, einer Selbstüberwindung bedarf, die sich oft bis zu jenem Heldentum steigert, dessen charakteristischestes Zeichen das Blutzeugnis ist. Wir haben gesagt: ohne Rücksicht und ohne Kompromiß; denn wer könnte behaupten, daß eine Seele treu Gott dient, wenn sie bei der Erfüllung der christlichen Praxis einen offenkundig weltlichen Sinn verrät, wenn sie ihre Gedanken der Selbstsucht, der Eitelkeit, der Sinnlichkeit mit in die Kirche bringt; wenn sie glaubt, sie könne ein oberflächliches und profanes Leben rechtfertigen und heiligen, indem sie ein paar Übungen einer völlig oberflächlichen Frömmigkeit einschiebt, wenn es nicht sogar kindische und abergläubische Andachtsübungen sind. Mit Recht fragt ihr darum gerade heraus: Gilt das Wort Christi: ,Wenn einer mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach‘ (Luk 9, 23) auch heute noch ebenso wie früher? Ja? Dann muß es für uns zur Lebensregel werden. Und ist der Mensch, die Frau ebensowohl wie der Mann, in seiner Lebensführung, sowohl in privater Hinsicht wie in sozialen Beziehungen, vielleicht frei, sich selber willkürlich und nach eigenem Gutdünken zu regieren? Oder muß er vielleicht in jedem Bereich anerkennen, daß es Fragen gibt, deren Lösung immer von den unveränderlichen Geboten Gottes abhängt? In diesem Falle weg mit allem Kleinmut, aller unnützen Furcht! Wenn Gott befiehlt, versäumt er nie mit der Vorschrift zugleich auch die Hilfe zu verleihen, sie zu erfüllen. Daher euer Entschluß: den Weg des Herrn zu bereiten, seinem Willen einen geraden Pfad; vor allem in eurem eigenen Leben, dann aber auch in dem des Nächsten. Wir segnen eure Absicht! Gott möge sie mit dem himmlischen Tau seiner Gnaden beleben!

Doch die Festigkeit des Glaubens, der Mut des Handelns genügen euren Wünschen noch nicht; vielmehr soll sich in eurem Herzen eine leuchtende und glühende Flamme des Eifers entzünden. Da ihr entschlossen seid, in eurem Leben als junge Mädchen, als Ehefrauen, als Mütter das heilige Gesetz Gottes in seinem ganzen Umfange zu verwirklichen, sollt ihr daran mitarbeiten, in dem Bereich und unter den Umständen, die die Vorsehung euch bereitet und in die sie jede einzelne von euch gestellt hat, die Seelen zu dem einzigen Herrn und Meister zurückzuführen, ihnen in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in der Aufnahmebereitschaft für die unfehlbare Lehre, in der Heiligung durch die Gnade die einzige wahre Freiheit zu bringen, die sie von der erniedrigenden Knechtschaft des Irrtums und des Bösen befreit. Das ist der Sinn des ganzen Erlösungswerkes und jedes Apostolat, in welcher Form es auch ausgeübt wird, ist nur eine Teilnahme am Erlösungswerk Christi…

Bei eurem Apostolat befolgt ihr die Worte des göttlichen Meisters: ,Das Reich Gottes kommt nicht so, daß es die Blicke auf sich zieht‘ (Luk 17, 20); ihr wollt nicht durch Zurschaustellung öffentlicher Kundgebungen wirken; überhaupt soll im allgemeinen alles, was die Organisation anbetrifft, bei euch im Schatten bleiben und sich auf das Allernotwendigste beschränken. Wir haben zu Beginn von euch als von einer Sturmtruppe gesprochen, aber eure Gegenoffensive wird nicht mit Lärm und Aufregung vorbereitet und ausgeführt, sondern in Ruhe und Sammlung, im stillen Gebet, durch Beispiel, durch das nachdrückliche Bekenntnis eurer festen Überzeugungen und der christlichen Grundsätze im Kreise von Personen, die anders denken und handeln, durch eine langsame, ständig fortschreitende Einwirkung auf diese, um sie ganz allmählich zu Christus zurückzuführen. Zweifellos kann kein Werk, was es auch sei, ohne ein Minimum von Organisation Festigkeit und Dauer haben. Immerhin bleibt diese, so unerläßlich sie auch ist, doch immer nur ein Mittel des Apostolates, und nichts weiter. Ebenso haben öffentliche Kundgebungen ihren Wert, ja in gewissen Fällen können sie notwendig sein, zumal da, wo sich der Gegner ihrer mit einem großen Apparat zu Propagandazwecken bedient. Doch um das Ziel zu erreichen, das sich eure Bewegung gesetzt hat, habt ihr die schlichte Methode der Arbeit gewählt; der Weg, den ihr eingeschlagen habt, ist sicher, und ihr könnt ihn mit Vertrauen weiter beschreiten. Die Bescheidenheit, die Unaufdringlichkeit, mit der ihr euren Eifer betätigt, sind keineswegs mit Passivität oder ermüdender Eintönigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil! Jede von euch, die sich dem gemeinsamen Werk einordnet, muß sich doch mit ihrem eigenen Charakter, mit ihrem eigenen Temperament, ihren Gaben, ihren persönlichen Mitteln einsetzen. Gerade das Zusammentreffen dieser so verschiedenen Eigenschaften gibt eurer freundschaftlichen Zusammenarbeit ihre Harmonie und ihre besonderen Merkmale. Ihr alle könnt und sollt das Apostolat eines vorbildlichen Lebens, des Gebets und des Opfers zur Geltung bringen. Aber gerade hier bleibt jenseits dessen, was für jeden Gläubigen streng ver­pflichtend ist, ein weites Gebiet, in dem die physischen Möglichkeiten, die bei jeder einzelnen ganz verschieden sind, und die Großmut des Herzens, mit der ihr — immer ein gesundes Urteil und die gute Absicht vorausgesetzt ­dem Antrieb der Gnade antwortet, das richtige und ange­messene Maß eures Handelns bestimmen müssen.

Diese Verschiedenheiten im Maß und in der Form des Mutes finden ihre Anwendung sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Denen von euch, denen die wirtschaftlichen Verhältnisse oder andere günstige Um­stände oder eine besondere Freigiebigkeit es erlauben, das Apostolat der Liebe gegenüber dem Notleidenden aus­zuüben, sagen Wir mit dem hl. Paulus ,Laßt euch nicht besiegen durch das Böse, sondern besiegt das Böse durch das Gute‘ (Röm 12, 21). Dem Geist der Verleumdung, des niedrigen Klatsches, des Neides, des Hasses, der Grausamkeit, der Unterdrückung sollt ihr unermüdlich Güte und Liebe entgegensetzen, die Liebe des Herzens und des Wortes, die Liebe der Werke eurer Hände … Wir müssen noch das Apostolat im genauen Wortsinn betrachten, das Apostolat der persönlichen, unmittelbaren Einwirkung auf den Nächsten, um ihn für Christus zu gewinnen. Das ist nicht etwas, was jedem liegt. Dazu gehören besondere Eigenschaften, eine Vorbereitung, eine Ausbildung, die nur das Privileg einer Elite sein können. Doch auch dann ist die Befähigung zu einem solchen religiösen Apostolat je nach der Person sehr verschieden. Bemüht euch also, euch selber zu erkennen, um, jede nach ihrer Art, Bote Gottes zu werden. Aber welches auch die Art und Weise und sozusagen der persönliche Zug jeder einzelnen sein wird, das beherrschende Merkmal, das ihr euch allen aufdrücken müßt, ist jene geistige Größe, die der Märtyrer Ignatius so herrlich gepriesen hat.“5

5 ,In den Zeiten, in denen es Gegenstand des Hasses der Welt ist, bedarf das Christentum nicht überzeugender Worte, sondern der Größe.‘ (ad Romanos 3, 3) — Dieser Satz stand zu Beginn der Ansprache. — A. A. S. vol. 39 (1947) p. 58-63. — Hd. I, 358 ff.

Noch im gleichen Jahr empfing Papst Pius XII. am 12. September 1947 die Delegierten von 60 verschiedenen Ländern, die zum Kongreß des Internationalen Verbandes der katholischen Frauenvereine nach Rom gekommen waren. In der Audienz sprach der Papst über die Aufgaben der katholischen Frauen. Da er zum Teil auf die Mitarbeit im sozialen und politischen Leben zu sprechen kommt und auf seine große Ansprache vom 21. Oktober 1945 zurückgreift, die diesem Aufgabenkreis gewidmet ist, soll sie anschließend an diese Rede erst im folgenden Kapitel angeführt werden.

Das Jahr 1951 brachte zwei bedeutsame Reden des Papstes zur Katholischen Aktion. Am 3. April sprach er zu den Teilnehmern der Generalversammlung der italienischen Katholischen Aktion und am 14. Oktober zu den Delegierten des ersten Weltkongresses des Laienapostolats. In der ersten Ansprache legte Pius XII. in sechs Punkten ausführlich dar, was er unter Katholischer Aktion versteht.

„1. … Demgegenüber könnte man sich keine Gruppe der Katholischen Aktion vorstellen, in die Mitglieder aufgenommen würden, die nicht in vollem Sinne aktiv wären. Die Mitgliedskarte erwerben, Vorträge und Diskussionen anhören, eine Zeitung beziehen, vielleicht ohne sie überhaupt zu lesen, könnte das genügen, um sich ein echtes Glied der Katholischen Aktion zu nennen? Wäre das kein Widerspruch zwischen dem Namen und der Sache? Würde ein kleiner Kern aktiver Mitglieder, dem bei den großen öffentlichen Kundgebungen eine amorphe Masse von Anhängern als Gefolge und Chor zur Seite träte, den Namen Katholische Aktion verdienen?

2. … Doch damit diese Leitung für eure weiblichen Vereine wirklich heilig und fruchtbar sei, überlassen die Priester mit feinfühliger Zurückhaltung den Leiterinnen oder der Sorge und den Händen frommer und kluger Frauen alles, was diese selber, manchmal sogar besser, tun können, und sie selbst beschränken ihre Tätigkeit auf die eigentliche priesterliche Aufgabe… Vor allem ein Wort über den Begriff des Apostolats. Es besteht nicht nur in der Verkündigung der frohen Botschaft, sondern auch darin, die Menschen zu den Quellen des Heiles zu führen, wenn auch in voller Achtung ihrer Freiheit, sie zu bekehren und die Getauften mit glühendem Eifer dazu zu erziehen, daß sie vollkommene Christen werden. Es wäre übrigens irrig, in der Katholischen Aktion — wie es kürzlich von einigen geschehen ist — eine wesentlich neue Sache, eine Veränderung in der Struktur der Kirche, ein neues Apostolat der Laien zu sehen, das neben dem des Priesters stünde und nicht diesem untergeordnet wäre. Es hat in der Kirche immer Zusammenarbeit der Laien mit dem Apostolat der Hierarchie, in Unterordnung unter den Bischof und diejenigen gegeben, denen der Bischof die Verantwortung für die Seelsorge unter seiner Autorität übertragen hat. Die Katholische Aktion hat dieser Mitarbeit nur eine neue Form und akzidentelle Organisation geben wollen, um ihre Ausübung zu verbessern und zu stärken.

Wenn die Katholische Aktion auch ursprünglich, wie die Kirche selbst, nach Diözesen und Pfarren organisiert ist, so hindert das nicht ihre Fortentwicklung über die engen Grenzen der Pfarre hinaus. Man muß vielmehr zugeben, daß trotz der ganzen Bedeutung der Werte und der grund-legenden und unersetzlichen Kräfte der Pfarre die schnell-wachsende Verflochtenheit des modernen Lebens dringend einen weiteren Ausbau der Katholischen Aktion fordern kann. Aber auch dann bleibt diese immer ein Apostolat von Laien, das dem Bischof und seinen Delegierten unterstellt ist.

3. Die Tätigkeit der Katholischen Aktion erstreckt sich auf das gesamte religiöse und soziale Gebiet, das heißt so weit, wie eben die Mission und das Werk der Kirche reicht. Nun ist es bekannt, daß das normale Wachstum des religiösen Lebens ein bestimmtes Maß von gesunden, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen voraussetzt. Wem zöge sich nicht das Herz zusammen, wenn er sieht, wie wirtschaftliches Elend und soziale übel das christliche Leben gemäß den Geboten Gottes erschweren und nur zu oft heroische Opfer verlangen? Aber daraus darf man nicht schließen, daß die Kirche dazu übergehen müßte, ihre religiöse Sendung zurückzustellen und in erster Linie auf die Heilung des sozialen Elends hinzuwirken. Wenn die Kirche immer darauf bedacht gewesen ist, die Gerechtigkeit zu verteidigen und zu fordern, so hat sie doch seit der Zeit der Apostel auch angesichts der ärgsten sozialen Mißstände ihre eigene Mission erfüllt und versucht, durch die Heilung der Seelen und die Umwandlung der inneren Triebe auch die Heilung der sozialen Übel und Schäden einzuleiten; denn sie ist überzeugt, daß die religiösen Kräfte und die christlichen Prinzipien mehr als alle anderen Mittel dazu geeignet sind, die Heilung zu bewirken.

4. …Die äußere wohldisziplinierte Organisation der Katholischen Aktion schließt den persönlichen Scharfblick und den Geist der Voraussicht und der Initiative der einzelnen nicht aus, sondern fördert ihn vielmehr im ständigen Kontakt mit den Gliedern der Katholischen Aktion des gleichen Ortes, des gleichen Kreises, je nach der besonderen Eignung eines jeden. Jeder hält sich aufrichtig zur Verfügung, sobald irgendwie Bedarf für einen Einsatz oder eine katholische Unternehmung vorliegt. Jeder bringt mit seiner Begeisterung und seiner Hingabe in selbstloser Weise den anderen Vereinen und Einrichtungen, die seine Mitwirkung wünschen können, um ihr Ziel sicherer und vollkommener zu erreichen, Hilfe. Mit anderen Worten, mit dem wahren Begriff der Katholischen Aktion würde sich die Mentalität von Mitgliedern, die sich als die trägen Räder einer riesigen Maschine betrachten, die unfähig wären, sich selber zu bewegen, wenn die Zentralkraft sie nicht in Bewegung setzt, nicht ver­tragen. Ebenso wäre es unzulässig, wenn man die Führer der Katholischen Aktion in der Rolle von Leuten sähe, die eine elektrische Zentrale bedienen und die vor dem Schaltbrett nur darauf bedacht sind, in dem weiten Netz den Strom durchzuschicken oder zu unterbrechen, zu regulieren oder zu lenken.

Vor allem müssen sie einen persönlichen sittlichen Einfluß ausüben, der die normale Folge der Achtung und Sympathie sein wird, die sie sich zu erwerben wissen, und die ihren Anregungen, Ratschlägen, der Autorität ihrer Er­fahrung Kredit verschaffen wird, sobald es sich darum handelt, die aktionsfähigen katholischen Kräfte in Bewegung zu setzen.

5. Wir brauchen euch nicht darüber zu belehren, daß die Katholische Aktion nicht dazu berufen ist, eine Kraft im Bereich der Parteipolitik zu sein. Die katholischen Bürger können sich als solche sehr wohl an einer Vereinigung zu politischer Aktivität zusammenschließen; das ist ihr gutes Recht, ebenso als Christen wie als Bürger. Die Anwesenheit und Teilnahme von Gliedern der Katholischen Aktion in ihren Reihen — in dem oben angeführten Sinne und diesen Grenzen — ist berechtigt und kann sogar durchaus wünschenswert sein . . .

6. Ebensowenig hat die Katholische Aktion ihrem Wesen nach die Aufgabe, an der Spitze der anderen Vereine zu stehen und über diese eine Art autoritären Patronats aus­zuüben. Die Tatsache, daß sie der unmittelbaren Leitung der kirchlichen Hierarchie unterstellt ist, führt zu keiner derartigen Folgerung. Tatsächlich ist das Ziel jeder Organi­sation das, welches die Art ihrer Leitung festlegt. Und es kann geschehen, daß dieses Ziel eine solche unmittel­bare Leitung nicht erfordert, ja nicht einmal günstig erscheinen läßt. Darum hören jedoch diese Organisationen nicht auf, katholisch und mit der Hierarchie vereint zu sein. Im Vergleich zu ihnen liegt der besondere Sinn der Katholischen Aktion, wie Wir gesagt haben, eben in der Tatsache, daß sie gleichsam der Treffpunkt jener aktiven Katholiken ist, die immer bereit sind, mit dem Apostolat der Kirche mitzuarbeiten, einem Apostolat, das durch göttliche Einrichtung hierarchisch ist und das in den Getauften und Gefirmten die ihm auf übernatürliche Weise verbundenen Mitarbeiter findet. Daraus ergibt sich eine Folgerung, die zu gleicher Zeit eine väterliche Ermahnung nicht nur für die Katholische Aktion eines bestimmten Landes, sondern für die Katholische Aktion jedes Landes und jeder Zeit ist. Ihr Aufbau nämlich wird sich in den verschiedenen Gegenden den besonderen Verhältnissen des Ortes anpassen müssen; doch in einem Punkt müssen alle ihre Glieder gleich sein: im ,sentire cum Ecclesia‘, in der Hingabe an die Sache der Kirche, im Gehorsam gegenüber denen, die der Heilige Geist als Bischöfe eingesetzt hat, um die Kirche Gottes zu lenken, in der kindlichen Unterwerfung unter den obersten Hirten, dessen Sorge Christus seine Kirche anvertraut hat. Und wie könnte es auch anders sein, da ja ihr, Glieder der Katholischen Aktion, sozusagen eins seid mit dem Bischof und dem Papst? In diesem Sinne erteilen Wir euch, geliebte Söhne und Töchter, aus der Fülle Unseres Herzens Unseren Apostolischen Segen.“6

6 Stellen aus A. A. S. vol. 43, 1 (1951) p. 375 ss. — Hd. V, 400 ff.

Seit 1949 wurden die Vorbereitungen zum ersten „Weltkongreß des Laienapostolats“ getroffen, der im „Heiligen Jahr“ in Rom stattfinden sollte, aber zweimal verschoben werden mußte und schließlich erst vom 7.-14. Oktober 1951 tagte. Der Kongreß wollte international gültige Richtlinien erarbeiten über die dogmatischen, moralischen und asketischen Grundsätze des Laienapostolats, für die verschiedenen Formen seiner Organisationen und die Reichweite seiner Betätigung. 1200 Delegierte aus 74 Nationen und 38 internationalen katholischen Organisationen kamen in Rom zu dem kirchengeschichtlich erstmaligen, bedeutsamen Ereignis zusammen. Unter den Rednern befanden sich zwei Kardinäle, sechs Bischöfe und eine Reihe bekannter Laien. Den Höhepunkt der Tagung aber bildete die Audienz der Teilnehmer beim Papst, bei der Pius XII. in französischer Sprache eine richtunggebende und eindringliche Ansprache „über das Laienapostolat, seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart“ hielt.

„Welcher Trost und welche Freude überströmt Unser Herz beim Anblick eurer imposanten Versammlung, in der Wir euch unter Unseren Augen versammelt sehen, ehrwürdige Brüder im Episkopat, und auch euch, liebe Söhne und Töchter, die ihr von allen Erdteilen und allen Gegenden zum Mittelpunkt der Kirche herbeigeeilt seid, um hier den Weltkongreß über das Laienapostolat abzuhalten. Ihr habt Wesen und Ziel dieses Apostolats untersucht, ihr habt seinen gegenwärtigen Stand betrachtet, und ihr habt über die wichtigsten Pflichten nachgedacht, die es voraussichtlich in der Zukunft zu erfüllen hat. Es sind für euch Tage inständigen Gebetes, ernsthafter Gewissenserforschung und eines Austausches von Ansichten und Erfahrungen gewesen. Zum Abschluß seid ihr gekommen, um dem Stellvertreter Christi euren Glauben, eure Hingabe, eure Treue erneut zu beteuern und ihn zu bitten, eure Entschließungen und eure Tätigkeit durch seinen Segen zu befruchten.

Sehr oft haben Wir im Laufe Unseres Pontifikates bei den verschiedensten Umständen und unter den verschiedensten Aspekten über dieses Laienapostolat gesprochen: in Unseren Botschaften an alle Gläubigen oder in Unseren Ansprachen an die Katholische Aktion, an die Marianischen Kongregationen, an die Arbeiter und Arbeiterinnen, an die Lehrer und Lehrerinnen, an die Ärzte und Juristen ebenso wie an reine Frauenorganisationen, um sie an ihre Pflichten auch im öffentlichen Leben zu erinnern, und noch an viele andere Gruppen. Es waren für Uns ebenso viele Gelegenheiten, beiläufig oder ausdrücklich die Fragen zu behandeln, die in dieser Woche ihren ganz bestimmten Ort in eurer Tagesordnung gefunden haben.

Diesmal wollen Wir in Gegenwart einer so zahlreichen Elite von Priestern und Gläubigen, die alle ein sehr berechtigtes Bewußtsein ihrer Verantwortung im oder gegenüber diesem Apostolat haben, ihm im Licht der vergangenen Geschichte der Kirche mit einem ganz kurzen Wort seinen Platz und seine Rolle in der Gegenwart anweisen. Es hat niemals in dieser Geschichte gefehlt; es wäre interessant und lehrreich, seine Entwicklung im Laufe der vergangenen Zeiten zu verfolgen. Man pflegt gern zu sagen, daß die Kirche in den letzten vier Jahrhunderten ausschließlich ‚klerikal‘ gewesen ist aus Reaktion gegen die Krise, die im 16. Jahrhundert den Anspruch erhob, die Hierarchie einfach abzuschaffen. Darüber hinaus gibt man zu verstehen, daß es Zeit für sie sei, ihren Rahmen zu erweitern.

Ein solches Urteil ist weit von der Wirklichkeit entfernt; gerade mit dem Konzil von Trient hat vielmehr das Laientum seine Stellung eingenommen und in der apostolischen Tätigkeit Fortschritte gemacht. Das läßt sich leicht feststellen; man braucht sich nur an zwei historische Tatsachen zu erinnern, die unter vielen anderen hervorleuchten: an die Marianischen Männerkongregationen, die das Laienapostolat auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens aktiv ausüben, und an die fortschreitende Einführung der Frau in das moderne Apostolat. Man braucht nur an zwei große Gestalten der katholischen Geschichte zu erinnern: an Mary Ward, diese unvergleichliche Frau, die das katholische England in seinen dunkelsten und blutigsten Stunden der Kirche geschenkt hat, und an den heiligen Vinzenz von Paul, der unbestreitbar der erste unter den Gründern und Förderern der Werke der katholischen Caritas gewesen ist .. .

Bei dieser feierlichen Gelegenheit ist es Uns eine sehr teure Pflicht, ein Wort der Dankbarkeit an alle jene, Priester und Gläubigen, Männer und Frauen, zu richten, die sich diesen Bewegungen angeschlossen haben für die Sache Gottes und der Kirche, und deren Namen es verdienen, überall mit Ehren genannt zu werden. Sie haben sich abgemüht und gekämpft, indem sie nach Kräften ihre zerstreuten Kräfte vereinigt haben. Die Zeiten waren noch nicht reif für einen Kongreß wie den soeben abgehaltenen. Wie sind sie nun im Laufe dieses halben Jahrhunderts zur Reife gelangt? Ihr wißt es! In immer schnellerem Rhythmus hat sich die Kluft verbreitert und vertieft, die seit langem die Geister und die Herzen in zwei Parteien teilt, für oder gegen Gott, die Kirche, die Religion. Sie hat, wenn auch nicht überall mit derselben Klarheit, eine Grenze mitten durch die Völker und Familien hindurchgezogen. Gewiß, es gibt eine ganze verworrene Schar von Lauen, Unentschlossenen und Schwankenden, für die die Religion vielleicht noch etwas bedeutet, aber etwas sehr Unbestimmtes, ohne Einfluß auf ihr Leben. Diese gestaltlose Masse kann — die Erfahrung hat es gezeigt — eines schönen Tages unversehens vor der Notwendigkeit stehen, eine Entscheidung zu treffen. Die Kirche hat nun gegenüber all diesen eine dreifache Sendung zu erfüllen: die eifrigen Gläubigen auf das Niveau der Anforderungen der gegenwärtigen Zeit emporzuheben; diejenigen, die auf der Schwelle zögern, in das warme und heilsame Innere des Hauses hineinzuführen; diejenigen zurückzuführen, die der Religion fernstehen und die sie doch nicht ihrem elenden Los überlassen kann. Eine schöne Aufgabe für die Kirche, die ihr aber dadurch sehr erschwert wird, daß sie zwar im ganzen stark angewachsen ist, ihr Klerus jedoch nicht in der gleichen Weise zugenommen hat. Nun muß sich der Klerus aber vor allem für die Ausübung seines eigentlichen priesterlichen Amtes aufsparen, bei dem niemand ihn ersetzen kann.

Ein Beitrag der Laien zum Apostolat ist also eine unerläßliche Notwendigkeit. Daß er einen kostbaren Wert darstellt, haben die Erfahrung der Waffenbrüderschaft oder der Gefangenschaft oder andere Prüfungen des Krieges bezeugt. Diese Erfahrung beweist vor allem für das religiöse Gebiet den tiefen und nachhaltigen Einfluß der Berufs- und Lebenskameraden. Diese und viele andere Faktoren, die mit bestimmten örtlichen oder personalen Umständen zusammenhängen, haben die Tore für die Mitarbeit der Laien im Apostolat der Kirche weit geöffnet. Die Fülle der Anregungen und Erfahrungen, die im Laufe eures Kongresses ausgetauscht worden sind, und ebenso das, was Wir schon bei den vorhin erwähnten Gelegenheiten gesagt haben, enthebt Uns der Mühe, ausführlicher auf die Einzelheiten des gegenwärtigen Laienapostolats einzugehen. Wir wollen Uns daher darauf beschränken, euch einige Betrachtungen vorzulegen, die etwas mehr Licht auf das eine oder andere Problem, das sich stellt, werfen könnten.

1. Alle Gläubigen, ohne Ausnahme, sind Glieder des mystischen Leibes Jesu Christi. Daraus folgt, daß das Naturgesetz und mehr noch das Gesetz Christi es ihnen zur Pflicht machen, das gute Beispiel eines wahrhaft christlichen Lebens zu geben: ,Wir sind vor Gott Christi Wohlgeruch unter denen, die gerettet sind, und unter denen, die verlorengehen‘ ( 2 Kor 2, 15 ). Alle sind auch, und heute mehr denn je, dazu verpflichtet, beim Gebet und Opfer nicht nur an ihre privaten Nöte zu denken, sondern auch an die großen Ziele des Reiches Gottes in der Welt gemäß dem Geist des Vaterunsers, das Jesus Christus selbst uns gelehrt hat.

Kann man behaupten, daß alle gleicherweise zum Apostolat im strengsten Sinn dieses Wortes berufen sind? Gott hat weder allen die Möglichkeit noch die Eignung dafür gegeben. Man kann nicht verlangen, daß die Gattin, die Mutter, die ihre Kinder christlich erzieht und die außerdem noch Heimarbeit übernehmen muß, um ihrem Mann zu helfen, die Seinen zu ernähren, sich mit den Werken des Apostolats belädt. Die Berufung zum Apostolat richtet sich also nicht an alle. Gewiß ist es nicht leicht, genau die Trennungslinie zu ziehen, von der an das Laienapostolat im eigentlichen Sinn beginnt. Gehört z. B. dazu die Erziehung, die die Familienmutter oder Lehrer und Lehrerin in der Ausübung ihres pädagogischen Berufes mit heiligem Eifer erteilen? Oder die Haltung des angesehenen und sich zum katholischen Glauben bekennenden Arztes, dessen Gewissen niemals schwankt, wenn es sich um das natürliche und göttliche Gesetz handelt, und der mit all seinen Kräften um die christliche Würde der Ehegatten, die heiligen Rechte ihrer Nachkommenschaft kämpft? Oder der Einsatz eines katholischen Staatsmannes für eine großzügige Wohnungspolitik zu Gunsten der Minderbemittelten? Viele werden dazu neigen, dies zu verneinen, da sie in alledem nur die einfache Erfüllung der Standespflicht sehen, die zwar sehr lobenswert, aber doch nur pflichtgemäß ist.

Wir kennen jedoch den mächtigen und unersetzlichen Wert dieser einfachen Erfüllung der Standespflicht durch Millionen und aber Millionen gewissenhafter und vorbildlicher Gläubigen für das Heil der Seelen. Das Laienapostolat im eigentlichen Sinn ist zweifellos zum großen Teil in der Katholischen Aktion und anderen Institutionen apostolischer Tätigkeit, die von der Kirche approbiert sind, organisiert; aber neben diesen kann es Laienapostel, Männer und Frauen, geben und gibt es solche, die das Gute, das getan werden muß, die Möglichkeiten und Mittel, es zu tun, sehen und es dann auch tun, und zwar in der ausschließlichen Sorge darum, Seelen für die Wahrheit und Gnade zu gewinnen. Wir denken auch an alle die hervorragenden Laien, die in den Gebieten, in denen die Kirche wie in den ersten Jahrhunderten des Christentums verfolgt wird, nach besten Kräften die eingekerkerten Priester ersetzen und selbst unter Lebensgefahr in ihrem Umkreis die christliche Lehre verkünden, im religiösen Leben und in der rechten Art, auf katholische Weise zu denken, unterweisen, zum Besuch der Sakramente und zur Praxis der Andachtsübungen, besonders der Verehrung der allerheiligsten Eucharistie anleiten. Alle diese Laien seht ihr an der Arbeit; macht euch keine Sorge darum, welcher Organisation sie angehören; bewundert sie vielmehr und seid von ganzem Herzen dankbar für das Gute, das sie tun.

Es liegt Uns fern, die Organisation zu verachten oder ihren Wert als apostolischen Faktor zu unterschätzen; Wir schätzen sie im Gegenteil sehr hoch ein, zumal in einer Welt, in der die Gegner der Kirche sich mit den Massen ihrer Organisationen auf diese stürzen. Aber die Organisation darf nicht zu engherziger Ausschließlichkeit führen, zu etwas, was der Apostel ,der Freiheit auflauern‘ nannte (Gal 2, 4). Laßt im Rahmen eurer Organisation jedem möglichst viel Raum, um seine Fähigkeiten und persönlichen Gaben in allem, was dem Wohl und der Erbauung dienen kann, zu entfalten: ,zum Wohl und zur Erbauung‘ (Röm 15, 2), und freut euch, daß ihr außerhalb eurer Reihen andere seht, die ,vom Geiste geführt‘ (Gal 5, 18) eure Brüder für Christus gewinnen.

2. Klerus und Laien im Apostolat. Es versteht sich von selbst, daß das Laienapostolat der kirchlichen Hierarchie untergeordnet ist; diese ist die göttliche Einrichtung; das Laienapostolat kann also nicht unabhängig von ihr sein. Anders denken hieße die Mauer an der Basis untergraben, auf der Christus selbst seine Kirche gebaut hat. Dies vorausgesetzt, wäre es immer noch irrig zu glauben, im Bereich der Diözese entwickle sich die traditionelle Struktur der Kirche oder ihre gegenwärtige Form, das Laienapostolat, wesensgemäß parallel zum hierarchischen Apostolat, so daß selbst der Bischof das pfarrliche Laienapostolat nicht dem Pfarrer unterstellen könnte. Er kann es; und er kann sogar zur Regel erheben, daß die Werke des Laienapostolats, die für die Pfarre selbst bestimmt sind, der Autorität des Pfarrers unterstellt werden. Der Bischof hat diesen zum Hirten der ganzen Pfarre eingesetzt, und er ist als solcher für das Heil aller seiner Schafe verantwortlich.

Daß es andererseits Werke des Laienapostolats geben kann, die außerpfarrlich und selbst außerdiözesan — Wir möchten lieber sagen überpfarrlich und überdiözesan — ­sind, wenn es das gemeinsame Wohl der Kirche erfordert, ist ebenso wahr, und es ist überflüssig, es zu wiederholen. . . . Wenn Wir den Laienapostel oder genauer den Gläu­bigen der Katholischen Aktion nach dem heute geläufigen Ausdruck mit einem Instrument in der Hand der Hier­archie vergleichen, so verstehen Wir diesen Vergleich in dem Sinne, daß die kirchlichen Oberen ihn auf die Weise gebrauchen, wie der Schöpfer und Herr die vernünftigen Geschöpfe als Werkzeuge, als Zweitursache gebraucht ,mit einer Milde voller Rücksicht‘ (Weish 12, 18). Mögen sie sie also im Bewußtsein ihrer schweren Verantwortung gebrauchen, indem sie sie ermutigen, ihnen Anregungen geben, willigen Herzens die Initiativen annehmen, die ihnen von ihnen unterbreitet werden, und sie gegebenen­falls in weitsichtiger Weise fördern. In den entscheidenden Schlachten gehen manchmal von der Front die glücklich­sten Initiativen aus. Die Geschichte der Kirche bietet dazu zahlreiche Beispiele. Ganz allgemein gesagt, ist in der Apostolatsarbeit zu wünschen, daß das herzlichste Ein­vernehmen zwischen Priestern und Laien herrsche. Das Apostolat der einen ist keine Konkurrenz für das der anderen. Ja, um die Wahrheit zu sagen, gefällt Uns der Ausdruck ‚Emanzipation der Laien‘, den man hie und da hört, nicht sehr. Er hat einen unerfreulichen Klang; er ist zudem historisch ungenau. Waren denn jene großen Führer, auf die Wir angespielt haben, als Wir von der katholischen Bewegung vor 50 Jahren sprachen, etwa Kinder, Minderjährige, die warten mußten bis zu ihrer Großjährigkeit? Im übrigen werden im Reiche der Gnade alle als Erwachsene betrachtet. Und nur das zählt.

Der Aufruf zur Hilfe der Laien ist nicht die Folge eines Versagens des Klerus gegenüber der gegenwärtigen Aufgabe. Daß es persönliches Versagen gibt, liegt in der unvermeidlichen Schwäche der menschlichen Natur, und man trifft es auf der einen wie auf der anderen Seite.

Aber ganz allgemein gesprochen hat der Priester ebenso gute Augen wie der Laie, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, und sein Ohr ist nicht weniger empfindlich, um das menschliche Herz abzuhören. Der Laie ist zum Apostolat berufen als Mitarbeiter des Priesters, häufig als sehr wertvoller und selbst notwendiger Mitarbeiter auf Grund des Mangels an Priestern, die, wie Wir schon sagten, zu wenig zahlreich sind, um allein ihre Aufgabe erfüllen zu können.

3. Wir können, teure Söhne und Töchter, nicht schließen, ohne an die praktische Arbeit zu erinnern, die das Laienapostolat in der ganzen Welt auf allen Gebieten des individuellen und sozialen menschlichen Lebens geleistet hat und noch leistet, eine Arbeit, deren Ergebnisse und Erfahrungen ihr in diesen Tagen unter euch konfrontiert und diskutiert habt: Apostolat im Dienste der christlichen Ehe, der Familie, der Kinder, der Erziehung und der Schule; für die jungen Männer und jungen Mädchen; Apostolat der Caritas und Fürsorge unter ihren heute unzählbaren Formen; Apostolat einer praktischen Besserung der sozialen Mißstände und des Elends; Apostolat in den Missionen oder im Dienste der Auswanderer und Einwanderer; Apostolat im Bereich des intellektuellen und kulturellen Lebens; Apostolat in Spiel und Sport; endlich, und nicht am wenigsten wichtig: Apostolat der öffentlichen Meinung. Wir empfehlen und loben eure Anstrengungen und Arbeiten und vor allem die Kraft eures guten Willens „und apostolischen Eifers, die ihr in euch tragt, die ihr im Laufe dieses Kongresses spontan bewiesen habt und die wie eine Quelle lebendigen Wassers seine Diskussionen fruchtbar gemacht hat.

Wir beglückwünschen euch für euren Widerstand gegen die selbst bei Katholiken herrschende verhängnisvolle Tendenz, die Kirche auf die sogenannten rein religiösen Fragen beschränken zu wollen. Man gibt sich keine Mühe, sich genau klar zu machen, was darunter zu verstehen ist. Wenn sich die Kirche nur auf den Kirchenraum und die Sakristei beschränkt und träge zusieht, wie die Menschheit sich draußen in ihrer Verzweiflung und in ihren Nöten abmüht, so ist das alles, was man von ihr verlangt. Es ist nur zu wahr: in gewissen Ländern ist die Kirche ge­zwungen, sich so abzuschließen; selbst in diesem Falle muß sie noch zwischen den vier Wänden ihres Gottes­hauses das Wenige tun, was ihr zu tun möglich ist. Sie zieht sich nicht freiwillig und aus eigenem Antrieb zurück. Notwendigerweise und ununterbrochen findet sich das menschliche Leben, das private wie das soziale, in Berührung mit dem Gesetz und Geist Christi; daraus ergibt sich mit Notwendigkeit eine wechselseitige Durchdringung des religiösen Apostolates und des politischen Handelns. Politik im erhabenen Sinn des Wortes bedeutet ja nichts anderes als Mitarbeit am Wohl des irdischen Staates, der Polis. Aber dieses Wohl des Staates dehnt sich auf ein weites Gebiet aus, und darum werden auf politischem Gebiet auch Gesetze von höchster Tragweite debattiert und diktiert, so die Gesetze über die Ehe, die Familie, das Kind, die Schule, um Uns nur auf diese Beispiele zu beschränken. Sind das nicht Fragen, die die Religion aufs höchste interessieren? Können sie einen Apostel gleich­gültig lassen? Wir haben in der vorhin erwähnten An­sprache (3. Mai 1951) die Grenze gezogen zwischen Katholischer Aktion und politischer Aktion. Die Katho­lische Aktion darf nicht in die Schranken der Parteipolitik eintreten. Aber, … so lobenswert es ist, sich aus den zufälligen Streitigkeiten herauszuhalten, die die Partei­kämpfe vergiften …, so wäre es doch tadelnswert, den Unwürdigen und Unfähigen das Feld zu überlassen, so daß sie die Staatsgeschäfte lenken (Rede vom 28. März 1948). Wie weit soll und darf sich der Apostel von dieser Grenze entfernt halten? Es ist schwer, über diesen Punkt eine für alle gleichermaßen gültige Regel zu formulieren. Die Umstände, die Mentalität sind nicht überall die gleichen. Wir nehmen eure Entschließungen mit Freude zur Kennt­nis; sie drücken euren festen Willen aus, euch über die Grenzen hinweg die Hände zu reichen, um praktisch zu einer vollen und wirksamen Zusammenarbeit in allgemeiner Liebe zu kommen. Wenn es eine Macht in der Welt gibt, die imstande ist, die traurigen Schranken der Vorurteile und Voreingenommenheiten umzustoßen und die Seelen zu einer freien Versöhnung und brüderlichen Vereinigung der Völker bereitzumachen, so ist es die katholische Kirche. Ihr dürft euch darüber mit Stolz freuen. Eure Sache ist es, mit aller Kraft daran mitzuarbeiten.“7

7 A. A. S. vol. 43, 2 (1951), p. 784 ss. — Hd. VI, 120 ff.

In einer Radioansprache wandte sich der Heilige Vater am 10. Februar 1952 mit einer herzlichen Mahnung an die Gläubigen seiner eigenen Bischofstadt Rom, in der er sehr bedeutungsvolle Anregungen zu einheitlichem und planmäßigem Handeln für die religiöse Erneuerung gibt, die allgemeine Gültigkeit haben.

„Aus Unserem Herzen, geliebte Söhne und Töchter Roms, ergeht dieser väterliche Anruf an euch.

Ihr alle wißt, daß größer und schwerer als alle Seuchen und Naturkatastrophen vergangener Jahrhunderte die Gefahren sind, die auf der heutigen Menschheit lasten, wenn auch ihre dauernde Bedrohung die Völker nunmehr fast unempfindlich und apathisch gemacht hat. Ist nicht vielleicht dies das verhängnisvollste Symptom der endlosen und nie verebben wollenden Krise, das alle denkenden Menschen, die noch ein offenes Auge für die Wirklichkeit haben, erzittern und erschrecken läßt? Wenn Wir daher auch voll Vertrauen Unsere Zuflucht nehmen zur Barmherzigkeit Gottes und zur mütterlichen Güte der allerseligsten Jungfrau, so muß doch jeder einzelne Gläubige, jeder, der noch guten Willen hat, mit allem der schweren Lage der Gegenwart entsprechenden Ernst sich fragen, was er persönlich tun könnte und tun müßte, was er beitragen sollte zum Erlösungswerk Gottes, wie er mithelfen könnte zur Rettung der Welt, die dem Verderben entgegengeht.

Angesichts der anhaltend kritischen Lage, die, wie Wir leider sagen müssen, jeden Augenblick sich in furchtbarer Weise entladen könnte und deren tiefste Ursache in der religiösen Gleichgültigkeit zu suchen ist, in dem moralischen Tiefstand des öffentlichen und privaten Lebens, in der systematischen Vergiftung der einfachen Seelen, denen das Gift eingeträufelt wird, nachdem man ihnen den Sinn für die wahre Freiheit sozusagen eingeschläfert hat, können und dürfen die Guten nicht unbekümmert und untätig als stille Zuschauer einer nahen, alles umstürzenden Kata­strophe ihr gewohntes Leben in den alten Geleisen weiter­führen…

Jetzt ist es Zeit, geliebte Söhne und Töchter, es ist wirk­lich Zeit, entscheidende Schritte zu unternehmen. Es ist Zeit, die verhängnisvolle Lethargie abzuschütteln. Es ist Zeit, daß alle Guten, denen das Schicksal der Welt am Herzen liegt, sich einander nähern und sich aufs engste zusammenschließen. Mit dem Apostel wiederholen Wir: ,Hora est iam nos de somno surgere (Röm 13, 11) — Die Stunde ist da, vom Schlafe aufzustehn‘, denn es naht sich unsere Erlösung.

Es gilt, eine ganze Welt von Grund aus umzuformen, sie aus einer verwilderten in eine menschlich edle, aus einer menschlich edlen in eine vergöttlichte Welt umzuwandeln, entsprechend den Heilsabsichten Gottes. Millionen von Menschen ersehnen eine Änderung des Kurses. Sie richten daher ihren Blick auf die Kirche Christi, die einzige erfahrene Lenkerin und Führerin, die infolge ihrer Achtung vor der menschlichen Freiheit sich an die Spitze eines so gewaltigen Unternehmens zu stellen vermag. Man fleht um die Führung mit offenen Worten. Ja, noch mehr! Man weist hin auf das Meer von Tränen, auf die noch schmerzenden Wunden, auf die endlos weiten Fried­höfe, die der bewaffnete Haß auf der ganzen Welt geschaffen.

… Wie Wir in einer nunmehr weit zurückliegenden Stunde, da es Gott so gefiel, das schwere Kreuz des Pontifikates auf Uns nahmen, so unterziehen Wir Uns heute der schwierigen Aufgabe, soweit Unsere schwachen Kräfte es erlauben, Herold einer besseren gottgewollten Welt zu sein, deren Banner Wir in erster Linie euch, geliebte Söhne und Töchter, übergeben und anvertrauen möchten, euch, die ihr Uns mehr als andere nahesteht und Unserer Hirtensorge in besonderer Weise anvertraut seid… Erblickt darin den Ruf Gottes und eine wahrhaft würdige Lebensaufgabe: kraftvolle religiöse Erneuerung in eurem gesamten Tun und Denken. Religiöse Erneuerung sagen Wir, die alle ohne Unterschiede erfaßt, Klerus und Volk, sowie alle, die in führender Stellung stehen, die Familien, jedwede Gemeinschaft und jeden einzelnen. Tiefgreifende religiöse Erneuerung des christlichen Lebens, sagen Wir, durch Verteidigung der sittlichen Werte, Durchführung der sozialen Gerechtigkeit, Wiederaufbau der kirchlichen Ordnung…

Es ist jetzt nicht der Augenblick theoretischer Diskussionen, sich nach neuen Richtlinien umzusehen oder neue Wege und Ziele anzugeben. All diese Dinge sind längst bekannt und nach ihrer wesentlichen Seite hin erprobt, denn sie wurden von Christus selbst gelehrt und im Laufe der Jahrhunderte durch das Lehramt der Kirche dargelegt und von den letzten Päpsten den modernen Zeiterfordernissen angepaßt. Sie erfordern nur eines: die konkrete Verwirklichung. Was nützte auch ein ständiges Erforschen der Wege Gottes, wenn man tatsächlich die Wege des Verderbens wählt und sich willenlos den Trieben der Natur überläßt? Was nützt es zu wissen und auszusprechen, daß Gott unser Vater und die Menschen Brüder sind, wenn man jedes Eingreifen Gottes in das private und öffentliche Leben fürchtet? Wozu dienen lange Erörterungen über Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, wenn der Wille von vornherein entschlossen ist, den Opfern auszuweichen, wenn das Herz in eisiger Einsamkeit sich verschließt und niemand es wagt, die Mauer des trennenden Hasses zu durchbrechen, um die Brüder in aufrichtiger Liebe zu empfangen? Ein solches Verhalten würde bei den Kindern des Lichtes die Schuld nur noch mehr vergrößern, denn auch sie werden wenig Verzeihung und Erbarmen finden, wenn sie weniger geliebt haben. Mit einer solchen Inkonsequenz und Trägheit hätte die Kirche in ihren An­fängen weder das Antlitz der Erde erneuert noch sich so rasch ausgebreitet; sie hätte weder ihre segenspendende Tätigkeit durch die Jahrhunderte fortzusetzen vermocht, noch sich Bewunderung und Vertrauen der Völker erworben.

Bleibt euch stets bewußt, geliebte Söhne und Töchter, daß die Wurzel der heutigen Übel und ihre verhängnisvollen Folgen nicht wie in vorchristlichen Zeiten oder wie in heidnischen Ländern unverschuldete Unkenntnis der auf die Ewigkeit hingeordneten Ziele des menschlichen Lebens ist oder auch Unkenntnis der eigentlichen Wege, die dahin führen. Nein, heute ist es die Trägheit des Geistes, die Schlaffheit des Willens, die Kälte des Herzens. Die Menschen, die an solch geistigem Siechtum darnieder­liegen, suchen sich zur Rechtfertigung ihres Verhaltens in die alte Finsternis einzuhüllen und sich mit alten und neuen Irrtümern zu entschuldigen. Es ist daher notwendig, auf ihren Willen einzuwirken.

… Traget Sorge, daß die Aufgaben genau festgestellt werden, daß die Zielsetzungen klar umrissen sind, daß die Kräfte, die zur Verfügung stehen, wohl abgewogen wer­den, u. zw. so, daß die Hilfsquellen, die jetzt im Anfang bereitstehen, nicht ungenützt liegenbleiben, weil man sie nicht kennt, noch auch planlos herangezogen oder ver­geudet werden in zweitrangiger Betätigung. Man ziehe die Seelen heran, die guten Willens sind; sie sollen sich von sich aus zur Verfügung stellen… Es gibt glühende Seelen, die nur darauf warten, herangezogen zu werden. Ihrer brennenden Ungeduld weise man das weite Feld zu, das zu bestellen ist. Andere wieder gibt es, die da schläfrig sind; sie müssen aufgeweckt werden. Andere sind ängst­lich; sie müssen aufgemuntert werden. Andere endlich haben die Richtung verloren; sie müssen geführt werden. Vor allem aber wird gefordert, daß sie sich weise einfügen und sich verständig verwenden lassen. Ein Arbeitsrhythmus wird gefordert, der der dringenden Notwendigkeit gerecht wird, zu verteidigen, zu erobern und positiv aufzubauen.“8

8A. A. S. vol. 44, 1 (1952), p. 158 ss. — Hd. VI (1951/52), S. 267 ff.

Pius XII. spricht dann den Wunsch aus, daß diese „kraftvolle religiöse Erneuerung“ überall nachgeahmt werden möge, damit „die Nationen, die Kontinente, die gesamte Menschheit“ zu Christus zurückkehren.

Der 13. Internationale Weltkongreß der katholischen Frauenorganisationen tagte Ostern 1952 vom 21.-24. April in Rom und hatte sich die Mitarbeit der Frau für den Frieden als Thema gestellt. Das gleiche Leitwort wählte der Papst bei dem Empfang der Teilnehmerinnen am 24. April für seine Ansprache.

„Des großen Beitrages gewiß, den die Frauen der Sache des Friedens geben können, richten Wir heute Unsere väterliche Botschaft an euch Mütter, Frauen und Mädchen aller Nationen, und vor allem an euch katholische Frauen. Ist Uns doch eure kindliche Liebe zum Stellvertreter Christi bekannt und durch ihn zu Christus selbst, der im Laufe seines Erdenlebens so viele edle Beweise fraulicher Frömmigkeit erfahren hat. Immer besorgt, das Werk des Friedens mit allen Uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu fördern bis hin zu dem Tage, an dem der Friede auf Erden endgültig Heimat gefunden hat, vertrauen Wir euch, geliebte Töchter, das schwierige und zugleich erhabene Amt an, für den Frieden zu arbeiten. Ihr wißt vielleicht besser als andere den Wert der Ruhe und Ordnung zu schätzen, da er ja die Grundbedingung jedes gesunden fraulichen Lebens ist. Gerade in Rom, das der Friedenskönig der Menschheitsfamilie zu eigen machte, um gleichsam jenen allgemeinen Frieden zu befestigen und zu erheben, den das Reich des Augustus sich vorgestellt und auf seine Weise verwirklicht hat, ist ein Kongreß veranstaltet worden, auf dem die gesamte katholische Frauenwelt vertreten ist. Ihr wollt damit eure Sehnsucht nach Frieden feierlich bekunden, dem Willen Ausdruck geben, den Frieden von denen zu fordern, die die Gewalt haben, ihn hier auf Erden zu verwirklichen, die konkreten Mittel erforschen und eure Mitarbeit an seiner Verwirklichung anbieten. Dies alles wollt ihr, gegründet auf Gott und dem Fundament christlicher Grundsätze.

Euer Ruf ist in der Tat nicht neu, und auch nicht der letzte unter so vielen, die von überall her nach dem Frieden verlangen; sicherlich aber ist er ganz aufrichtig, und Wir haben Grund zu hoffen, daß er fruchtbar sei. Wer könnte an der Aufrichtigkeit der Frau, die Frieden erfleht, zweifeln, die doch als erste seinen Segen erfährt, oder wenn sie den Krieg verabscheut, dessen bemitleidenswertes Opfer sie wäre? So war es immer. Die alte Sage der leidenden Andromache vom verhängnisvollen Krieg, der Ursache der Tränen der Witwen, der Verwaisung und dann der Verbannung und Versklavung, bleibt, wenn sie auch nur eine epische Legende ist, die Personifizierung der ungeheuren Tragödien, in die die Kriege jeder Zeit die Frau mit sich fortreißen, und jener noch entsetzlicheren, die ihr von den totalen Konflikten unserer Zeit noch vorbehalten sind.

Die Schreckensbilder des letzten Weltbrandes stehen noch Millionen Männern und Frauen, die ihn glücklich überlebt haben, lebhaft vor Augen. Mütter mit ihren Kindern auf den Armen, begraben unter den Trümmern ihrer Häuser, von Wunden zerrissen; andere von Schmerz erstarrt über einen unvorhergesehenen Verlust, der geradezu einen Teil ihres eigenen Lebens jäh hinwegriß. Anderswo sind jene, denen Haus und Hof ihr ein und alles bedeuteten, gezwungen, in unzählbaren Scharen von Ort zu Ort umherzuziehen, getrieben durch die Armeen, verfolgt von Schrecken, mit ihren von Hunger und Krankheit weinenden Kindern; Mütter und Frauen lange Jahre hindurch im Ungewissen über das Los ihrer Lieben. Einige sogar sind durch die unglaubliche Herzenshärte der Staatslenker, deren Taten allzu verschieden von ihren Worten sind, bis heute in angstvollem Zweifel: Wird mein Sohn leben? Jungfrauen, der Schande ausgesetzt; Familien ohne jegliche Stütze; Mädchen, denen für immer der Traum ihres Lebens zerbrochen wurde — das ist die Frau in Kriegszeiten!

Haben Staatsmänner nie mit dem Herzen eines Sohnes an solche Schrecknisse gedacht, jene Staatsmänner, von denen Wir nicht sagen möchten, daß sie Kriegspläne oder Kriegsabsichten hegen, die aber eine Lage schaffen und aufrecht erhalten, die eine Kriegsgefahr heraufbeschwören kann, wobei ungerecht unterdrückten Völkern vielleicht der Krieg — schrecklich zu sagen! — als letzte Hoffnung ihrer Befreiung sogar erwünscht sein könnte. Aber auf wen fällt die Verantwortung eines solch verzweifelten Wunsches? Der Mann, für den es Ruhm bedeutet, sich in solchen Widerwärtigkeiten zu bewähren, gewöhnt sich zwar auf irgendeine Weise an solche von einem Krieg herbeigeführte Lebensumstände wie Entbehrungen, Härten, ungeahnte Schrecken, ungewohnte Verhältnisse jeder Art; für die Frau indessen zeitigen sie oft physisch und moralisch verheerende Folgen.

Nun treibt die Furcht, ein solches Unheil könnte erneut ausbrechen — Gott möge es verhüten! —, die Frauen der ganzen Welt dazu, mit glühendem Herzen den Frieden zu erflehen. Diesen Flehruf haben Wir als euer gemeinsamer Vater oft von euren Lippen vernommen, und heute wollen Wir ihn zu dem Unseren machen, um denen, bei welchen die schwerwiegende Wahl zwischen Krieg und Frieden liegt, zuzurufen: Schaut mit den Augen eines Sohnes auf die Ängste so vieler Mütter und Frauen, unter denen auch die euren sind. Sorgt dafür, daß die Waagschale eurer Erwägungen sich nicht neige auf die Seite reiner Prestigegründe, unmittelbarer Vorteile oder sogar wirklichkeitsfremder Theorien, die in der wahren Natur des Menschen und der Dinge kein Fundament haben. Fordert von den Frauen keinen unnützen Heroismus. Denn schon so viele üben ihn in ihrem täglichen Leben zum Wohle des Vater­landes und der menschlichen Familie.

Das Empfinden jedoch, das die Frau den Krieg verab­scheuen läßt, nützt niemandem, noch hat es irgendwelchen wirksamen Einfluß auf die Sache des Friedens, wenn es nicht zu dem heißen Verlangen wird, überall den Geist der Brüderlichkeit wiederherzustellen. Dieses Empfinden muß getragen sein vom Wissen um die höhere Pflicht der Liebe, die gestärkt ist von der Bereitschaft, im eigenen Wirkungskreis die Gerechtigkeit zu verwirklichen, die den Frieden schafft. Dies alles würde, kurz gesagt, nichts nützen, wenn das Empfinden nicht Tat wird, die ausge­richtet ist nach den christlichen Grundsätzen. In Unserer letzten Weihnachtsbotschaft über die Friedensaufgabe der Kirche (A. A. S. vol. 44, 1952, p. 11-15) haben Wir im einzelnen ausgeführt, welches diese Grundsätze sind und wie sie das Handeln der Kirche und der Katholiken bestimmen. Hierin, geliebte Töchter, unterscheidet sich euer Ruf nach Frieden deutlich von dem anderer Frauen, dessen Aufrichtigkeit Wir durchaus nicht in Zweifel ziehen. Oft aber sehen Wir ihn entweiht und anderen Zwecken dienstbar gemacht, wenn er nicht ganz in ein Geschrei der Verbitterung und des Hasses übergeht. Jedenfalls ist es sicher, daß jeglicher Ruf nach Frieden, dem man das Fundament der christlichen Weltanschauung entzieht, dazu verurteilt ist, in der Öde verbitterter Herzen ungehört zu verhallen wie ein Schrei Schiffbrüchiger auf offenem Meer.

So seid ihr, katholische Frauen, Künder und Verfechter des Friedens, kraft des gleichen Ehrentitels, mit dem ihr euch als katholische Frauen schmückt. Katholisch sein ist gleichbedeutend mit Friedensstifter sein. Und obwohl eure Staatsbürgerpflicht von euch den festen Entschluß verlangt, euch für das Vaterland hinzuopfern, wenn es wirklich ungerechterweise angegriffen und in seinen Lebensrechten bedroht wird, so seid ihr natürlicherweise noch mehr und mit noch größerem Eifer dazu fähig, eure Kräfte einzusetzen, um jene inneren und äußeren Verhältnisse zu schaffen, die Ruhe und Ordnung sichern. Diese Tat, die darauf gerichtet ist, die Haßgefühle zu beseitigen, die Völker brüderlich miteinander zu verbinden, die materiellen Ursachen für Konflikte aufzuheben — wie etwa Elend, Arbeitslosigkeit, Auswanderungshindernisse und ähnliches —, erwarten die Kirche und die Menschheit von euch.

Es handelt sich um eine doppelte Tätigkeit. Auf der einen Seite um eine psychologische und sittenfördernde, die euer feiner Takt am besten durchzuführen vermag. Das will besagen, die Menschen zum Verständnis des Übernatürlichen hinzuführen, sie milde zu Lebensstrenge oder wenigstens zum Lebensernst und zur Sittsamkeit zu führen, überallhin den Geist der Milde, den brüderlichen Sinn unter allen Gotteskindern auszustrahlen und das Wissen um die Pflicht. Das will weiterhin bedeuten, auf ungerechten Reichtum zu verzichten, wobei ihr selbst als erste auf jede Art von Luxus in der Lebensführung verzichten solltet. — Vor allem aber soll die Krone eurer geistlichen Tätigkeit sein, die Jugend christlich zu erziehen, gemäß der Weltanschauung, die der Heiland uns geoffenbart hat. Wem, wenn nicht den Müttern, ist in der Praxis die erste Unterweisung in der Lehre des Evangeliums anvertraut? O Weisheit der Güte der Vorsehung Gottes! Sie hat es so gefügt, daß jede Generation in ihrer frühesten Jugend durch die milde Schule der Frau gehe, der sich unsere gemeinsame Mutter, die Kirche, zugesellt, und wo sie stets von neuem Güte, Milde und Frömmigkeit schöpfen soll, alles Vorzüge, die der Frau eigen sind. Ohne diese immer neue Rückkehr zur Quelle verfiele die Menschheit binnen kurzer Zeit im Zurückweichen vor der Härte und dem schweren Kampf des Lebens einer höchst beklagenswerten Verwilderung. Weist also ihr, die ihr aus natürlicher Verpflichtung und kraft göttlicher Sendung die Seelen der Jugend formt, die neue Generation ein in ein Empfinden für die allgemeine Brüderlichkeit und in den Abscheu vor der Gewalt. Das sei eine Tätigkeit, die in allzu ferner Zukunft ihre Früchte trägt, mag jemand sagen. Nein, es ist ein Wirken, das in die Tiefe baut und damit grundlegend und dringlich ist. Wie die Kriege, zumindest die heutigen, nicht unvorhergesehen ausbrechen, sondern jahrelang keimhaft in den Herzen heranreifen, so wird auch der wahre, bleibende, gerechte Friede nicht plötzlich mit dem ersten Aufleuchten einer Gefühlsregung oder eines Aufrufes Wirklichkeit.

Es gibt dann noch eine zweite, äußere Tätigkeit. War in früheren Jahren der Einfluß der Frau auf das Haus und den Umkreis des Hauses beschränkt, so erstreckt er sich in unseren Tagen, ob wir es nun wollen oder nicht, auf ein immer weiteres Gebiet: auf das soziale und öffentliche Leben, auf die Parlamente, die Gerichte, das Pressewesen, das Berufsleben und die ganze Arbeitswelt. In jedes dieser Gebiete soll die Frau ihr Wirken für den Frieden hineintragen. Wenn nur wirklich jede Frau aus dem ihr eigenen Empfinden, mit dem sie den Krieg verabscheut, zur konkreten Tat schreiten würde, um ihn zu verhindern, dann wäre es unmöglich, daß die Gesamtheit solch starker Kräfte, die sich eben für das einsetzen, was die Persönlichkeit bildet, nämlich für Frömmigkeit und Liebe, dann wäre es unmöglich, so sagen Wir, daß sie ihren Zweck verfehlte.

Dazu soll, um diese Kräfte zu befruchten, die Hilfe Gottes mitwirken, die Wir im Gebet herabrufen. Die Frau, die von Natur aus fromm ist, richtet für gewöhnlich ihr Gebet mit größerer Beharrlichkeit zu Gott. Wie die Fürbitte der Gottesmutter auf der Hochzeit zu Kana voll Sorge und Unruhe über die Verwirrung der Brautleute Jesus zu bewegen wußte, das Wasser in Wein zu verwandeln — in Wein, den die Feinschmecker die Seele der Mahlzeit nennen‘ (Bossuet, Sermon pour le II. Dimanche apres l’Epiphanie) —, so wandelt auch euer Flehen in Nacheiferung der allerseligsten Jungfrau Maria das Wollen der Menschen aus Haß in Liebe und aus Habgier in Gerechtigkeit.

Geliebte Töchter, ihr wißt, wieviel die Frau dem Christentum verdankt. Als es in die Zeit eintrat, hat die heidnische Kultur die Frau oft nur wegen äußerer und kurzdauernder Gaben oder wegen ihrer feinfühligeren Art hochgeschätzt. Diese ästhetische Schau und dieses tiefe Gefühl bilden sich zu Formen höchster Feinfühligkeit aus. Die Verse ausgesuchter Dichtkunst in den unsterblichen Dichtungen des augusteischen Zeitalters sind durchpulst von leidenschaftlichem Pathos; Götterstatuen, herrliche Schöpfungen der Kunst zierten Straßen und Plätze, Tempel und Hallen prachtvoller Paläste. Und doch war alles leer und oberflächlich. Athen und Rom, die Leuchten der Kultur, die doch so vieles natürliches Licht auf die Familienbande warfen, brachten es weder mit den hohen Gedankengängen der Philosophie noch mit der wahrhaft weisen Gesetzgebung zustande, die Frau zu der ihrer Natur entsprechenden Höhe zu erheben. Erst das Christentum, und es allein — gewiß nicht in der Verkennung jener äußeren und tiefreichenden Vorzüge — hat in der Frau Sendung und Beruf entdeckt und gepflegt, die die wahre Grundlage ihrer Würde bilden und ihr somit eine würdigere Rangstellung einräumen. Auf diese Weise entstehen neue Typen der Frau, und diese behaupten sich in der christlichen Zivilisation, so jene der Märtyrerin für ihre Religion, so jene der Heiligen, der Glaubensbotin, der Jungfrau, der Urheberin weitgespannter Reformen, der Helferin in allen Leiden, der Erzieherin und Retterin verlorener Seelen. So wie allmählich neue soziale Bedürfnisse reifen, so dehnt sich auch ihre lebenspendende Sendung auf neue Aufgabenkreise aus, und die christliche Frau wird, wie es heute ganz zu Recht besteht, nicht weniger als der Mann ein notwendiger Träger der Kultur und des Fortschritts. Gerade in dieser Schau sehen Wir euer heutiges friedenbringendes Wirken, vielleicht das größte, das euch die Vorsehung zugedacht hat, als das am meisten soziale und heilbringende, das ihr je innehattet. Nehmt es in Angriff als einen Auftrag von Gott und der Mensch­heit; weiht ihm eure eifrigsten Bemühungen und befolgt jene Weisungen, die ein ausgewählter Kreis von euch auf dem Internationalen Kongreß der Katholischen Frauen­organisationen studiert und fördert. Seid davon überzeugt, daß ihr für das Heil eurer Heimatländer und eurer Kinder nichts Segensreicheres tun könnt. Das entspricht ganz Unserem Wunsch als Stellvertreter Christi. Über euch alle, geliebte Töchter, auf der ganzen weiten Welt und besonders über euch, katholische Frauen, wie auch auf jede Teilnehmerin dieses Kongresses hier in Rom, erflehen Wir vom allmächtigen Gott Licht und Gnade. Als Unterpfand dessen erteilen Wir euch aus väterlichem Herzen den Apostolischen Segen.“9

9 A. A. S. vol. 44, I (1952) p. 420 ss. — Ausgabe des Katholischen Deutschen Frauenbundes in: „Papst Pius XII. zu den heutigen Auf­gaben der Frau“. — Köln, S. 36 ff.

Einen der Höhepunkte des Marianischen Jahres bildete Anfang September 1954 der Weltkongreß der Marianischen Kongregationen. Am 8. September richtete Papst Pius XII. eine Ansprache an die Teilnehmer, in der er zum Thema des Kongresses Stellung nimmt und über das dreifache Ziel, nämlich sorgfältigere Auswahl der Mitglieder, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden spricht:

„ . . . Eure Pilgerfahrt ist nicht nur ein Akt kindlicher Liebe, sondern sie beweist darüber hinaus euren Willen, immer mehr auf dem Wege zur christlichen Vollkom­menheit, nach der ihr strebt, voranzukommen; auch erwar­tet ihr von Uns Ermutigung und Richtlinien, um euer Ideal der Liebe und des Apostolates besser zu verwirk­lichen.

Der Kongreß, welcher heute eröffnet wird, muß in der Tat der Ausgangspunkt einer geistlichen Erneuerung für alle Kongregationen der Welt werden. Sein Thema lautet: ,Der größte Ruhm Gottes durch eine sorgfältigere Auswahl, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden.’…

Wir werden heute nur auf die drei Punkte des Programms eingehen, die Wir soeben erwähnt haben:…

1. Sorgfältigere Auswahl.

Der erste Punkt ist wesentlich für die Sicherung der erwünschten Erneuerung. Die Kongregationen sind nicht einfach fromme Vereinigungen, sondern Schulen der Vollkommenheit und des Apostolates. Sie wenden sich an Christen, die nicht damit zufrieden sind, etwas mehr als notwendig zu tun, sondern die sich entschlossen haben, den Anregungen der Gnade hochherzig zu entsprechen und gemäß ihrem Lebensstand ganz nach dem Willen Gottes zu suchen und ihn zu erfüllen. Deshalb sollte niemand aufgenommen werden nur aus irgendeiner Tradition, um der Kongregation Ehre anzutun oder selbst durch sie zu Ansehen und Würde zu kommen. Es zählt nur das Verlangen nach größerer Vervollkommnung und nach einem christlichen Leben, das von persönlicher apostolischer Glut erfüllt ist. Die Räte, die zur Abgabe ihres Urteils berufen sind, und besonders der Direktor, der allein die Verantwortung für die Aufnahme trägt, mögen diese wesentlichen Punkte ernsthaft beachten.
Die Eignung des Kandidaten wird sich in seiner Treue beim Besuch der Versammlungen, seiner Liebe zum Gebet, seinem Eifer im Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie erweisen, mit einem Wort, in seinem Bemühen um das unaufhörliche Wachstum in der Liebe zu Gott, der Grundlage des Seeleneifers. Dieser bedarf wirklich einer übernatürlichen Tugend, um Bestand zu haben und Früchte zu bringen. Nun sind aber weder der Glaube noch die Hoffnung noch die Liebe nur das Ergebnis einer glücklichen Charakterveranlagung oder eines willkürlichen Tuns. Sie sind Gaben Gottes, die man demütig und beharrlich erflehen und sorgfältig pflegen muß.

Wer danach trachtet, ein Kongreganist zu sein, der dieses Namens würdig ist, verpflichtet sich eindeutig zum Kampf gegen seine minder guten Neigungen. Er ist entschlossen, sich vollständig von der Herrschaft der Sünde zu befreien, und faßt die immer treuere Nachahmung Jesu, des sanften und demütigen Menschensohnes, ins Auge. Gleich ihm brennt er darauf, die geringsten Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihm in allem und trotz allem zu gefallen. Möge dieses verlockende und strenge Ideal für jeden von euch, liebe Söhne und Töchter, zur Quelle wirklicher geist­licher Erneuerung werden und zur Grundlage für ein Streben, das still und langsam ist wie das Leben, aber unaufhaltsam wie das Wirken Gottes.

2 Der Anschluß an die Hierarchie.

Die Vereinigung mit der Hierarchie, das sichtbare Zei­chen der aufrichtigen Anhänglichkeit an Christus, wird auch der Prüfstein für die Reinheit des Seeleneifers sein. Wenn Wir Wert darauf legten, die Marianischen Kongregationen, wie sie die Konstitution ,Bis saeculari‚ defi­niert, unter die eigentlichsten Formen der Katholischen Aktion einzureihen, geschah es deshalb, weil sie ausdrück­lich darauf hinarbeiten, ihre Mitglieder in den Geist der Kirche, das ,Sentire cum Ecclesia‘, einzuführen. Diese Haltung ist die einzig angemessene, wenn man bean­sprucht, mit dem Apostolat der Hierarchie zusammenzu­arbeiten. Aus der Verantwortung für die Ehre Gottes auf Erden und als Treuhänderin der göttlichen Gewalten weist die Hierarchie jedem, der sich freiwillig anbietet, um das Werk Christi fortzusetzen, seine Aufgabe zu.

Um ihr wirksam zu helfen, genügt es nicht, eine jede bestehende Einrichtung oder neue Initiative ihrer Billi­gung zu unterstellen. Man muß sich ihren Geist zu eigen machen, ihre Absichten verstehen, ihren Wünschen zuvorkommen. Das setzt Demut und Gehorsam, Hingabe und Selbstverleugnung voraus, echte Tugenden, die die ernste Bildung von Kongregationen nicht zu entwickeln versäumt. Weil die Kongregationen von dem Willen beseelt sind, um jeden Preis zu dienen, machen sie niemals den Versuch, sich zu isolieren oder gewisse Bereiche für sich allein zu beanspruchen, sondern sie sind im Gegenteil bereit, da zu arbeiten, wohin die Hierarchie sie sendet. Sie dienen der Kirche nicht wie einer fremden Macht, nicht einmal wie einer menschlichen Familie, sondern wie der Braut Christi, die vom Heiligen Geist selbst beseelt und geführt wird und deren Interessen auch diejenigen Jesu sind. Der Apostel Paulus litt schon darunter, daß er feststellen mußte, daß einige — alle, sagte er bitter —, ,alle ihre eigenen Interessen und nicht diejenigen Jesu Christi verfolgen‘ (Phil. 2, 21). Möge eine solche Bemerkung euch wachhalten. Vergeßt euch selbst, seid bereit, jede enge Sicht von euch zu weisen, und nehmt die Ratschläge der Kirche hin, als kämen sie von eurem göttlichen Oberhaupt. So werdet ihr mit dem Apostel sprechen können: ,Am Tage Christi . . . werden mein Laufen und meine Bemühungen nicht vergeblich gewesen sein.‘ (Phil. 2, 16).

3. Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Vereinigungen.

Das Thema eures Kongresses faßt auch eine größere Zusammenarbeit mit den anderen apostolischen Vereinigungen ins Auge. Außer seiner praktischen Seite ist dieser Zusammenschluß der Kräfte ein eindeutiges Zeichen der Gegenwart Christi inmitten derer, die in der Aktion wie im Gebet der gleichen Eingebung gehorchen. ,Daß sie eins seien‘, bat Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet inständig seinen Vater, wie Du, Vater, in mir und ich in Dir bin, daß sie eins in Uns seien, damit die Welt glaube, daß Du mich gesandt hast‘ ( Joh. 17, 21 ). Das Apostolat hat in gewisser Weise an der göttlichen Sendung Jesu Anteil. Es offenbart den Menschen die Liebe des Vaters und des Sohnes in der Gabe ihres einzigen Geistes. Ihr erinnert euch zweifellos, wie die Apostelgeschichte, diese wunderbare Frucht des Heiligen Geistes, an dem Tage nach Pfingsten hervorhebt: ,Die Menge der Gläu­bigen hatte nur ein Herz und eine Seele. Niemand nannte das, was ihm gehörte, sein, sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam. Mit großer Macht legten die Apo­stel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und sie standen alle in großem Ansehen‘ (Apg 4, 32-34). Die außerordentliche apostolische Strahlungskraft in der ersten christlichen Gemeinde hat sich in den verschieden­sten Formen in der Geschichte der Kirche wiederholt, besonders in kritischen Stunden, wo nur die lebendige Wucht junger Kräfte von ungebrochener Überzeugung in gewaltigem Aufschwung anscheinend unüberwindliche Hindernisse zu beseitigen vermochte. Ist es nicht ein Zeugnis von dieser Art, das die gegenwärtige Zeit ganz besonders von euch erwartet? So viele edle Unternehmungen verzetteln sich auf auseinanderstrebenden Gleisen, wissen nichts voneinander und geraten leider manchmal sogar in Gegensatz zueinander. Unterdessen schreitet das Böse ohne Waffenruhe in seiner Eroberung fort, und, mangels guten Einvernehmens und Zusammenarbeitens der Guten, dringt es überall ein.

Wie in den Anfängen der Kirche die mächtige Fürbitte Mariens der Gemeinde von Jerusalem die voll­kommene Eintracht in der Liebe verdiente, so wünschen Wir lebhaft, daß die Königin der Apostel euch alle, liebe Söhne und Töchter, die ihr hier versammelt seid, und alle eure Mitsodalen aus der ganzen Welt, die ihr hier bei Uns vertretet, mit einem Geist aufrichtiger Zusammen­arbeit erfülle. Möge man von euch in Abwandlung des Wortes des hl. Paulus, das Wir soeben zitierten, sagen können: ,Niemand verfolgte seine eigenen Interessen, sondern einzig die von Jesus Christus.‘ . .“

Der Papst beschließt seine Ansprache mit dem Wunsch, alle Kongreßteilnehmer möchten die Erinnerung an einen „Pfingsthauch“ in ihre Heimat mitnehmen und den Willen, großherzig auf so viele Gnaden, die sie unter der Schutzherrschaft der Unbefleckten Jungfrau empfingen, durch die Tat zu antworten.»

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

 

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: MODERNE EHEPROBLEME

IV

MODERNE EHEPROBLEME

Zahlreich sind die Nöte der Familie, die Papst Pius XII. in den bisher angeführten Ansprachen aufzählt. Aber die tiefste Ursache seines Kummers um die Familie und die Würde der Frau liegt in der Haltung zur Frage der Nachkommenschaft. Immer wieder klingt in verschiedenen Reden die Sorge des Papstes über diese Einstellung, die an den Wurzeln, am Fortbestand der Familie nagt, an. Wir hören schon in den Ansprachen an Neuvermählte manche väterliche Mahnung, die gerade bei den jungen Ehepaaren, die das Glück hatten, sich persönlich nach ihrer Trauung den Segen des Heiligen Vaters holen zu dürfen, noch am ehesten auf fruchtbaren Boden fallen konnten. „Das Eheleben aber, das unauflösliche Eheband, fordert, daß die Eigenliebe geopfert werde. Das Ich muß zurücktreten gegenüber der Pflicht, gegenüber der Liebe zu Gott, der euer gemeinsames Sehnen erhört und gesegnet hat, gegenüber der Liebe zu den Kindern, deretwegen ihr den Segen des Priesters und den des Himmels empfangen habt. O ihr Mütter, schreckt nicht zurück vor dem Schmerz! Wenn er auch einen Augenblick lang eure Stirne durchfurcht, er führt euch doch zur Freude einer Wiege. Ein Kinderweinen wird euer Herz aufjubeln machen, Kinderlippen werden eure Brust suchen, ein Händchen wird euch liebkosen und ein Engellächeln wird euch Paradiesesfreuden verkosten machen.“1

1 Rede vom 17. Juni 1942. (Eheleben, S. 132).

„Die unleugbaren Schwierigkeiten, die ein schöner Kreis von Kindern mit sich bringt, vor allem in unseren Zeiten des teuren Lebens und in den wenig wohlhabenden Familien erfordern Opfer, ja bisweilen wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat… Gott allein kann die Gnade hervorbringen. Aber er wird Heldenkraft. Aber wie die heilsame Myrrhe, so bewahrt diese Strenge der ehelichen Pflichten die Eheleute vor allem vor einer schweren Schuld, der unheilvollen Quelle des Verderbens für die Familien und die Völker. Außerdem sichern ihnen diese Schwierigkeiten, selbst wenn sie mutig überwunden werden, die Bewahrung der sakramentalen Gnade und eine Fülle göttlichen Beistandes. Schließlich halten sie vom häuslichen Herde die vergifteten Elemente der Auflösung fern, nämlich die Selbstsucht, das dauernde Verlangen nach Reichtum, die falsche und fehlerhafte Erziehung einer freiwillig eingeschränkten Nachkommenschaft. Wie viele Beispiele in eurer Umgebung werden euch dagegen hinweisen auf eine auch natürliche Quelle der Freude und gegenseitigen Ermunterung in den Anstrengungen der Eltern, das tägliche Brot einer teuren und zahlreichen Kinderschar zu verschaffen, die unter dem Auge Gottes im Nest der Familie das Licht der Welt erblickt hat!“2

2 Rede vom 10. Jänner 1940 (Z. S. 31 f. — vgl. Ideal, S. 50)

„Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, gestärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jenem Dienst, zu dem er euch den Weg eröffnet und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade herabgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilligung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleisch eine geistige und unsterbliche Seele herabrufen. Auf eure Bitte hin sich herablassen und eure Hilfe in Anspruch nehmen, wenn er die Seelen aus dem Nichts hervorbringt, so wie er sich auch eurer bedient hat, um euch die Gnade zu schenken… Bei der einen wie bei der anderen Mitarbeit wartet Gott auf euer Jawort, um seine schöpferische Allmacht zu gebrauchen… Sein Wille ist es, daß ihr frei die Tat setzt, auf die er wartet, um sein schöpferisches und heiligendes Werk zu vollführen. So steht ihr denn, liebe Söhne und Töchter, vor dem Schöpfer, dazu ausersehen, seine Wege zu bereiten. Aber ihr steht da in Freiheit und innerer Verantwortlichkeit. Hängt es doch von euch ab, ob jene ,einfachen Seelen, die noch nichts wissen‘ (Dante) über die Schwelle des Lebens treten werden. So gern möchte Gott sie aus dem Nichts rufen und mit unendlicher Liebe sie empfangen, damit sie eines Tages als Erwählte ihn selbst besitzen sollen, in der ewigen Seligkeit des Himmels. Von euch hängt es ab, ob diese Seelen nur herrliche Bilder in Gottes Gedanken bleiben, sie, die leuchtende Strahlen hätten sein können jener Sonne, die jeden Erdgeborenen erleuchtet. So aber werden sie nur Lichter bleiben, die menschliche Feigheit und Ichsucht ausgelöscht haben… In den unvernünftigen Lebewesen sichert ein blinder Instinkt die Weitergabe des Lebens. Im Menschengeschlechte dagegen, das in Adam fiel, im Sohne Gottes aber, dem fleischgewordenen Worte, erlöst und geheiligt wurde, können kalte und boshafte Berechnungen einer genießerischen und entarteten Ichsucht es fertigbringen, die Blüte eines körperlichen Lebens, das sich nach Entfaltung sehnte, abzubrechen.“3

3 Rede vom 5. März 1941. (Ideal, S. 146 ff.).

„Eine andere, leider noch häufigere Prüfung, der die Treue ausgesetzt ist, kommt daher, daß einer der Gatten die Heiligkeit der ehelichen Pflicht verkennt. Aus Furcht vor vermehrten Familienlasten, aus Furcht vor der Mühe, dem Leid, der Gefahr (die hie und da wohl übertrieben wird), aus Furcht — und diese Furcht ist unvergleichlich nichtiger —, eine Linie der eigenen Eleganz, einen Zipfel des eigenen Lebens, der Lust und Freiheit opfern zu müssen, manchmal auch aus Herzenskälte oder Kleinlichkeit des Geistes, aus schlechter Laune oder ans vermeintlicher, falschverstandener Tugend, versagt sich ein Gatte dem anderen oder zeigt, wenn er sich hingibt, deutlich sein Mißbehagen und seine Befürchtungen. — Wir sprechen hier natürlich nicht von der schuldhaften Abmachung zweier Eheleute, den Kindersegen von ihrem Herde fernzuhalten. — Eine solche Prüfung ist für einen Gatten oder eine Gattin, die ihre Aufgabe erfüllen möchten, sehr hart. Und wenn sie sich wiederholt und wenn sie andauert und zu einem bleibenden und gleichsam endgültigen Zustand wird, dann entsteht aus ihr leicht die Versuchung, anderswo einen unerlaubten Ersatz zu suchen.“4

4 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 243/44)

Die unheilvolle Zeit des Krieges mit ihren verderbenbringenden Folgen in den darauffolgenden Jahren zwang den Papst, deutlicher zu werden und auf die unverhüllt schamlose Einstellung der Welt zur Ehe mit aller Klarheit und Festigkeit eine Antwort zu geben, zumal katholische Gläubige, in erster Linie katholische Ärzte, an den Papst herangetreten waren und um seine Stellungnahme in einer Reihe von Problemen baten. Es sind hier einige Ansprachen zu nennen, die sich ausschließlich mit der Beantwortung dieser Fragen befassen: „Über die christliche Ehe und Mutterschaft“ vom 29. Oktober 1951; „Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft“ vom 28. November 1951; „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“ vom 30. September 1949. Da die Mutterschaft das Geschenk Gottes an die Frau, ihre Hauptaufgabe und Krone ist, so wird alles, was sie an der Erfüllung ihres Frauentums hindert, zugleich ihre Würde beein­trächtigen. Wir müssen darum die Worte des Papstes, dem das Ansehen der Frau, der Fortbestand der christ­lichen Familie so sehr am Herzen liegen, in den wichtigen Fragen unbedingt zur Kenntnis nehmen.

Schon Pius XI. griff mit seiner Enzyklika „Casti connubii“ die Ehefrage auf, aber die letzten Jahrzehnte machten ein weiteres Eingehen auf verschiedene Probleme notwendig. Als im Oktober 1951 in Rom ein Kongreß von katholischen Hebammen Italiens zusammenkam, benutzte der Papst bei ihrem Empfang die Gelegenheit, um vor ihnen seine Einstellung, zur Frage der Geburtenrege­lung darzulegen:

„Wer daher dieser Wiege des werdenden Lebens nahe­kommt und sich daselbst auf die eine oder andere Weise betätigt, muß die Ordnung kennen, die nach dem Willen des Schöpfers dort zu beobachten ist, wie auch die Gesetze, die für sie bestimmt sind. Denn es handelt sich hier nicht um rein physische und biologische Gesetze, denen ver­nunftlose Wesen und blinde Kräfte mit Notwendigkeit gehorchen, sondern um Gesetze, deren Ausführung und deren Mitwirkungen dem selbstbestimmenden und freien Mittun der Menschen anvertraut sind.

Diese Ordnung, festgesetzt von der höchsten Vernunft, ist eingestellt auf den vom Schöpfer gewollten Zweck; sie umfaßt das äußere Tun des Menschen und die innere Zu­stimmung seines freien Willens; sie schließt Handlung und auch pflichtgemäße Enthaltung ein… Wenn der Mensch das Seine getan und die wunderbare Entwicklung des Lebens in Gang gebracht hat, ist es seine Pflicht, des­sen Fortschritt ehrfürchtig zu achten, eine Pflicht, die es ihm verbietet, das Wirkeberr Natur aufzuhalten oder seinen natürlichen Ablauf zu verhindern.“

Der Papst spricht dann von dem Beruf der Heb­ammen als von einem Apostolat, zu dem sie durch ihren Beruf verpflichtet sind.

„Warum ruft man euch! Weil man überzeugt ist, daß ihr eure Kunst versteht, daß ihr wißt, was Mutter und Kind brauchen, welchen Gefahren beide ausgesetzt sind und wie diese Gefahren vermieden oder überwunden werden können. Man erwartet von euch Rat und Hilfe, natürlich nicht unbedingt, sondern innerhalb der Grenzen des   menschlichen Wissens und Könnens, gemäß dem Fortschritt und dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und der Praxis eures Faches. Wenn man das alles von euch erwartet, so darum, weil man Vertrauen zu euch hat, und dieses Vertrauen ist vorwiegend eine Sache der Persönlichkeit. Eure Persönlichkeit muß es einflößen. Daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werde, ist nicht nur euer lebhafter Wunsch, sondern auch eine Forderung eures Berufes und daher eine Gewissenspflicht für euch. Darum müßt ihr danach streben, eure fachlichen Kenntnisse zur höchsten Vollendung zu bringen. Indes ist eure berufliche Tauglichkeit auch eine Forderung und Form eures Apostolats. Welchen Wert genösse in der Tat euer Wort in Fragen der Sitte und Religion, die mit eurem Amt verknüpft sind, wenn ihr in den Fragen eures Faches versagt? Umgekehrt wird euer Eingreifen auf sittlichem und religiösem Gebiet von ganz anderem Gewicht sein, wenn ihr es versteht, durch euer überlegenes berufliches Können Achtung einzuflößen . .. Man wird klar erkennen, daß ihr bei der Ausübung eures Berufes euch eurer Verantwortung gegenüber Gott bewußt seid; daß ihr in eurem Glauben an Gott den stärksten Antrieb findet, mit um so größerer Hingabe zu helfen, je größer die Not ist; daß ihr aus dem festen religiösen Fundament die Kraft nehmt, unvernünftigen und widersittlichen Wünschen — von welcher Seite sie immer kommen mögen — ein ruhiges, aber unerschrockenes und unentwegtes Nein entgegenzusetzen.

Der heutigen Welt tut es dringend not, dessen durch das dreifache Zeugnis des Geistes, des Herzens und der Tat sicher zu werden. Euer Beruf bietet euch die Möglichkeit und macht es euch zur Pflicht, ein solches Zeugnis abzulegen. Mitunter ist es ein bloßes Wort, zur rechten Zeit und mit Takt zur Mutter oder zum Vater gesprochen; und häufiger werden euer ganzes Verhalten und euer gewissenhaftes Tun unscheinbar und still auf sie einwirken…
Jedes Menschenwesen, auch das Kind im Mutterschoß, hat sein Lebensrecht unmittelbar von Gott, nicht von den Eltern, nicht von irgendeiner Gemeinschaft oder menschlichen Autorität. Darum gibt es keinen Menschen, keine menschliche Autorität, keine Wissenschaft, keine medizinische, eugenische, soziale, wirtschaftliche oder ethische ‚Indikation‘, die einen Rechtstitel darstellen oder geben könnte zu einer überlegten direkten Verfügung über schuldloses Menschenleben, das heißt eine Verfügung, die auf Vernichtung abzielt, sei sie Selbstzweck, sei sie Mittel für einen anderen Zweck, der an sich vielleicht nicht unerlaubt ist. So ist zum Beispiel die Rettung des Lebens der Mutter ein sehr edles Ziel; aber die direkte Tötung des Kindes als Mittel zu diesem Ziel ist nicht erlaubt. Die direkte Zerstörung des sogenannten ,lebensunwerten Lebens‘, ob geboren oder noch nicht geboren, wie sie vor einigen Jahren in größtem Ausmaß geübt wurde, läßt sich in keiner Weise rechtfertigen. Als darum die Praxis begann, hat die Kirche in aller Form als dem natürlichen und positiv göttlichen Recht entgegen und darum als unerlaubt erklärt, selbst wenn es auf Anordnung der öffentlichen Autorität geschieht, diejenigen zu töten, die zwar schuldlos, aber wegen physischer oder psychischer Mängel für die Nation keinen Nutzen, sondern vielmehr eine Belastung darstellen .. .

Über jedes menschliche Gesetz, auch über jede ‚Indikation‘ erhebt sich unantastbar das Gesetz Gottes… Euer Apostolat richtet sich indes vor allem an die Mutter. Zweifellos spricht die Stimme der Natur in ihr und legt ihr das Verlangen, die Freude, den Mut, die Liebe und den Willen ins Herz, für das Kind zu sorgen. Um aber die Einflüsterungen des Kleinmuts in allen ihren Formen zu überwinden, bedarf jene Stimme der Stärkung und gleichsam eines übernatürlichen Einschlags. An euch liegt es, weniger durch Worte als durch euer ganzes Benehmen und Handeln die junge Mutter Größe, Schönheit und Adel des Lebens verkosten zu lassen, das in ihrem Schoß erwacht, Form gewinnt und lebt, das von ihr geboren wird, das sie in ihrem Arm trägt und an ihrer Brust nährt; an euch, in ihren Augen und ihrem Herzen aufleuchten zu lassen, wie reich das Geschenk der Liebe Gottes ist für sie und für ihr Kind…

Im übrigen haben Wir nicht nötig, euch, die ihr hier eure Erfahrung habt, zu beweisen, wie sehr heute das Apostolat der Hochschätzung und Liebe des neuen Lebens notwendig ist. Leider sind die Fälle nicht selten, wo das Sprechen oder auch nur eine vorsichtige Andeutung vom Kind als einem ‚Segen‘ genügt, um Widerspruch oder vielleicht auch Spott hervorzurufen. Viel öfter herrscht heute die Idee und das Wort von der großen ‚Last‘ des Kindes vor. Wie sehr ist doch diese Geisteshaltung dem Gedanken Gottes, der Sprache der Heiligen Schrift, ja auch der gesunden Vernunft und dem natürlichen Empfinden entgegen! Wenn Bedingungen und Umstände vorherrschen, unter denen die Eltern ohne Verletzung des göttlichen Gesetzes den Kindersegen vermeiden können, so berechtigen doch diese Fälle einer höheren Gewalt nicht dazu, die Begriffe zu verkehren, die Werte zu mißachten, die Mutter geringzuschätzen, die den Mut und die Ehre hatte, Leben zu geben …

Es ist eines der Grunderfordernisse der rechten sittlichen Ordnung, daß der Ausübung der ehelichen Rechte die aufrichtige und innerliche Annahme des Berufes und der Pflichten der Mutterschaft entspreche. Unter dieser Be-dingung wandelt die Frau auf dem vom Schöpfer gebahnten Wege dem Ziele zu, das er seinem Geschöpf bestimmt hat, indem er es in der Ausübung jener Funktion an seiner Güte, seiner Weisheit und seiner Allmacht teilhaben läßt, entsprechend der Botschaft des Engels: ,Du wirst empfangen und gebären‘ (vgl. Luk 1, 31).

Häufig ist das Kind unerwünscht; schlimmer noch, man fürchtet sich vor ihm. Wie könnte bei solcher Verfassung noch Bereitwilligkeit zur Pflicht bestehen? Hier braucht es den wirksamen Einsatz eures Apostolates; vor allem ab­lehnend, indem ihr jegliche sittenwidrige Mitwirkung ver­sagt; dann aber auch aufbauend, indem ihr taktvoll eure Sorge darauf richtet, Vorurteile, mannigfaltige Besorg­nisse und kleinmütige Vorwände zu zerstreuen, Hinder­nisse, auch von außen kommende, welche die Annahme der Mutterschaft erschweren könnten, zu beseitigen. Wenn man sich an euch um Rat und Hilfe wendet, nur um die Erweckung neuen Lebens zu erleichtern, um es zu schüt­zen und zur vollen Entfaltung zu bringen, so könnt ihr ohne weiteres eure Mitwirkung angedeihen lassen; aber in wie vielen anderen Fällen wendet man sich an euch, um die Weckung und Erhaltung solchen Lebens zu verhin­dern, ohne jede Rücksicht auf die Vorschriften der sitt­lichen Ordnung? Solchen Zumutungen zu willfahren, hieße euer Wissen und Können erniedrigen, weil ihr euch dadurch der Mittäterschaft sittenwidrigen Tuns schuldig machen würdet; das hieße, euer Apostolat in sein Gegenteil verkehren. Hier ist ein ruhiges, aber entschie­denes Nein erforderlich, das keine Übertretung der Ge­bote Gottes und der Entscheidung des Gewissens duldet… Unser Vorgänger, Pius XI. seligen Angedenkens, verkün­dete in seiner Enzyklika ,Casti connubii‚ vom 31. Dezem­ber 1930 von neuem feierlich das Grundgesetz des ehe­lichen Aktes und der ehelichen Beziehungen: daß näm­lich jeder Eingriff der Gatten in den Vollzug des ehelichen Aktes oder in den Ablauf seiner natürlichen Folgen, ein Eingriff, der zum Zwecke hat, ihn der ihm innewohnen­den Kraft zu berauben und die Weckung neuen Lebens zu verhindern, widersittlich ist und daß keine ‚Indika­tion‘, kein Notstand ein innerlich sittenwidriges Tun in ein sittengemäßes und erlaubtes verwandeln kann (vgl. A.A.S. 22, p. 599 ss.). Diese Vorschrift hat ihre volle Geltung heute wie gestern, und sie wird sie auch morgen und immer haben, weil sie kein einfaches Gebot menschlichen Rechtes ist, sondern der Ausdruck eines Gesetzes der Natur und Gottes selbst. Mögen Unsere Worte eine sichere Norm bieten für alle Fälle, in denen euer Beruf und euer Apostolat von euch eine klare und feste Entscheidung verlangt!

Es wäre sehr viel mehr als ein einfacher Mangel an Bereitschaft zum Dienst am Leben, wenn der Eingriff des Menschen nicht nur einen einzelnen Akt anginge, sondern den Organismus selbst träfe zum Zweck, ihn mittels Sterilisierung der Fähigkeit zur Weckung neuen Lebens zu berauben. Auch hier habt ihr eine klare Wegweisung in der Lehre der Kirche. Die direkte Sterilisierung — also jene, die als Mittel oder als Zweck darauf ausgeht, die Zeugung unmöglich zu machen — ist eine schwere Verletzung des Sittengesetzes und deshalb unerlaubt. Auch die öffentliche Autorität hat kein Recht, unter dem Vorwand irgendwelcher Indikation sie zu erlauben und noch viel weniger sie vorzuschreiben oder zum Schaden von Schuldlosen zur Ausführung zu bringen. Dieser Grundsatz findet sich schon ausgesprochen in der vorher erwähnten Ehe-Enzyklika Pius‘ XI. (a.a.O. p. 564-565). Als deshalb vor einem Jahrzehnt die Anwendung der Sterilisierung immer weiter um sich griff, sah sich der Heilige Stuhl genötigt, ausdrücklich und öffentlich zu erklären, daß die direkte Sterilisierung, ob dauernd oder nur zeitweise, ob Sterilisierung des Mannes oder der Frau, unerlaubt ist, in Kraft des Naturgesetzes, von dem zu entpflichten, wie ihr wißt, auch die Kirche keine Gewalt hat (Decr. S. Off., 22. Febr. 1940 — A. A. S. 1940, p. 73). Widersetzt euch deshalb, soweit ihr vermögt, in eurem Apostolat diesen widernatürlichen Bestrebungen und versagt ihnen eure Mitwirkung. Heutzutage wird außerdem die ernste Frage gestellt, ob und inwieweit die Pflicht der Bereitschaft zum Mutterdienst sich vereinbaren läßt mit der immer mehr sich ausbreitenden Flucht in die Zeiten der natürlichen Unfruchtbarkeit (die sogenannten Perioden der Empfängnisunfähigkeit der Frau), was ein klarer Ausdruck des jener Bereitschaft entgegengesetzten Willens zu sein scheint. Man erwartet von euch mit Recht, daß ihr bezüglich der medizinischen Seite gut unterrichtet seid über die bekannte Theorie und die Fortschritte, die sich auf diesem Gebiet noch erwarten lassen, daß aber anderer­seits euer Rat und eure Hilfe sich nicht auf einfache populäre Veröffentlichungen stützen, sondern auf wissen­schaftlicher Sachlichkeit und dem bewährten Urteil gewissenhafter Fachmänner in Medizin und Biologie beruhen. Eure Aufgabe ist es, nicht die des Priesters, die Eheleute in persönlicher Beratung oder durch ernste Ver­öffentlichungen über die biologische und technische Seite der Theorie zu unterrichten, ohne euch jedoch zu einer weder zu rechtfertigenden noch passenden Propaganda verleiten zu lassen. Aber auch auf diesem Gebiet verlangt euer Apostolat von euch als Frauen und Christinnen, die sittlichen Maßstäbe zu kennen und zu verteidigen, denen die Anwendung jener Theorie unterliegt. Und hier ist die Kirche zuständig.

Es sind vor allem zwei Voraussetzungen zu beachten: Wenn die Anwendung jener Theorie nichts weiter besagen will, als daß die Gatten auch an den Tagen der natürlichen Unfruchtbarkeit von ihrem Eherecht Gebrauch machen können, so ist dagegen nichts einzuwenden; damit ver­hindern und vereiteln sie tatsächlich in keiner Weise den Vollzug des natürlichen Aktes und seiner weiteren natürlichen Folgen. Gerade dadurch unterscheidet sich die Anwendung der Theorie, von der Wir sprechen, wesentlich von dem schon bezeichneten Mißbrauch, der in der Verkehrung des Aktes selbst liegt.

Geht man indessen weiter, indem man nämlich den ehe­lichen Akt ausschließlich an jenen Tagen zuläßt, dann muß das Verhalten der Eheleute genauer geprüft werden. Hier stellen sich Unserer Erwägung wiederum zwei Voraussetzungen. Wenn schon beim Abschluß der Ehe wenigstens einer der Gatten die Absicht gehabt hätte, das Gatten-Recht, also nicht nur seinen Gebrauch, selbst auf die Zeiten der Unfruchtbarkeit zu beschränken, derart, daß an den anderen Tagen der andere Eheteil nicht einmal das Recht hätte, den Akt zu verlangen, so würde dies einen wesentlichen Mangel des Ehewillens in sich begreifen, einen Mangel, der die Ungültigkeit der Ehe selbst zur Folge hätte; denn das aus dem Ehevertrag sich herleitende Recht ist ein dauerndes, ununterbrochenes, nicht aussetzendes Recht eines jeden der Gatten dem anderen gegenüber. Wenn hingegen die Beschränkung des Aktes auf die Tage der natürlichen Unfruchtbarkeit nicht das Recht selbst trifft, sondern nur den Gebrauch des Rechtes, so bleibt die Gültigkeit der Ehe unbestritten; immerhin wäre die sittliche Erlaubtheit solchen Verhaltens der Ehegatten zu bejahen oder zu verneinen, je nachdem die Absicht, ständig sich an jene Zeiten zu halten, auf ausreichenden und zuverlässigen sittlichen Gründen beruht oder nicht. Die Tatsache allein, daß die Gatten sich nicht gegen die Natur des Aktes verfehlen und auch bereit sind, das Kind anzunehmen und aufzuziehen, das trotz ihrer Vorsichtsmaßregeln zur Welt käme, würde für sich allein nicht genügen, die Rechtlichkeit der Absicht und die unbedingte Sittengemäßheit der Beweggründe zu gewährleisten. Der Grund liegt darin, daß die Ehe zu einem Lebensstand verpflichtet, der einerseits bestimmte Rechte verleiht, andererseits aber auch die Ausführung einer positiven, dem Stand selber obliegenden Leistung verlangt. In einem solchen Fall läßt sich der allgemeine Grundsatz anwenden, daß eine positive Leistung unterlassen werden kann, wenn unabhängig vom guten Willen der Verpflichteten schwerwiegende Gründe zeigen, daß jene Leistung unzweckmäßig ist, oder beweisen, daß sie vom Berechtigten — in diesem Fall dem Menschengeschlecht — billigerweise nicht verlangt werden kann.

Der Ehevertrag, der den Brautleuten das Recht verleiht, dem Naturtrieb Genüge zu tun, versetzt sie in einen Lebensstand, den Ehestand. Den Gatten nun, die mit dem ihrem Stand eigentümlichen Akt von jenem Recht Gebrauch machen, legen die Natur und der Schöpfer die Aufgabe auf, für die Erhaltung des Menschengeschlechts Sorge zu tragen. Das ist die eigenartige Leistung, die den eigentlichen Wert, die Bedeutung ihres Standes ausmacht, das bonum prolis — das Gut der Nachkommenschaft. Der einzelne und die Gesellschaft, das Volk und der Staat, ja selbst die Kirche hängen nach der von Gott gesetzten Ordnung für ihre Existenz von der fruchtbaren Ehe ab. Daraus folgt: den Ehestand ergreifen, ständig die ihm eignende und nur ihm erlaubterweise zu tätigende Fähigkeit nutzen, und andererseits sich immer und absichtlich ohne schwerwiegenden Grund seiner hauptsächlichen Pflicht entziehen, hieße gegen den Sinn des Ehelebens selbst sich verfehlen.

Von dieser pflichtmäßigen positiven Leistung können nun ernste Beweggründe, auch auf lange Zeit, ja für die Dauer der Ehe, entpflichten, wie solche nicht selten bei der sogenannten medizinischen, eugenischen, wirtschaftlichen und sozialen Indikation vorliegen. Daraus folgt, daß die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten sittlich erlaubt sein kann; und unter den erwähnten Bedingungen ist sie es tatsächlich. Wenn dagegen nach vernünftigem und billigem Urteil derartige persönliche oder aus den äußeren Verhältnissen sich herleitende gewichtige Gründe nicht vorliegen, so kann der Wille der Gatten, gewohnheitsmäßig der Fruchtbarkeit ihrer Vereinigung aus dem Wege zu gehen, während sie fortfahren, die volle Befriedigung ihres Naturtriebs in Anspruch zu nehmen, nur von einer falschen Wertung des Lebens und von Beweggründen kommen, die außerhalb der richtigen ethischen Maßstäbe liegen.

Nun werdet ihr dazu vielleicht bemerken, daß ihr in Ausübung eures Berufs gelegentlich vor sehr heiklen Fällen steht, nämlich Fällen, in denen das Wagnis der Mutterschaft nicht verlangt werden kann, diese im Gegenteil unbedingt zu vermeiden ist, in denen aber andererseits die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten entweder nicht genügend Sicherheit bietet oder aber aus anderen Gründen von ihr abgesehen werden muß. Und da fragt ihr nun, wie dann noch die Rede sein könne von einem Apostolat im Dienst der Mutterschaft.

Wenn nach eurem sicheren und erprobten Urteil die Umstände unbedingt ein ‚Nein‘ erfordern, also den Ausschluß der Mutterschaft, so wäre es ein Irrtum und ein Unrecht, ein ,Ja‘ aufzuerlegen oder anzuraten. Es handelt sich hier in Wahrheit nicht um eine theologische, sondern um eine medizinische Frage; sie liegt also innerhalb eurer Zuständigkeit. Indes erfragen die Eheleute in solchen Fällen von euch keine ärztliche, notwendigerweise verneinende Antwort, sondern die Billigung einer ‚Technik‘ der ehelichen Betätigung, die gegen das Wagnis der Mutterschaft gesichert wäre. Damit seid ihr also schon wieder gerufen, euer Apostolat auszuüben, insofern ihr keinen Zweifel lassen werdet, daß auch in diesen äußersten Fällen jede Präventiv-Maßnahme und jeder direkte, unmittelbare Eingriff in das Leben oder die Entwicklung des Keimes im Gewissen verboten und ausgeschlossen ist, und daß nur ein Weg offen bleibt, nämlich die Enthaltung von jeglicher Vollbetätigung der Naturanlage. Hier ver-pflichtet euch euer Apostolat zu einem klaren und sicheren Urteil und zu ruhiger Festigkeit.

Indes wird man einwenden, daß solche Enthaltsamkeit unmöglich, daß solcher Heroismus nicht durchführbar ist. Diesen Einwand werdet ihr heute überall hören und lesen von seiten derer, die nach Pflicht und Zuständigkeit in der Lage sein sollten, ganz anders zu urteilen. Zur Rechtfertigung wird folgender Beweis vorgebracht: niemand ist zu Unmöglichkeiten verpflichtet, und man kann von keinem vernünftigen Gesetzgeber voraussetzen, daß er mit seinem Gesetz auch zu Unmöglichem verpflichten wolle. Für die Eheleute ist jedoch die Enthaltung auf lange Dauer unmöglich. Sie sind also nicht verpflichtet zur Enthaltsamkeit. Das göttliche Gesetz kann diesen Sinn nicht haben. Hier wird aus teilweise richtigen Vordersätzen eine falsche Schlußfolgerung gezogen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, den Beweis umzukehren! Gott verpflichtet nicht zu Unmöglichem. Nun aber verpflichtet Gott die Ehegatten zur Enthaltsamkeit, wenn ihre Vereinigung nicht naturgemäß vollziehbar ist. Also ist in diesen Fällen Enthaltsamkeit möglich. Wir haben zur Bestätigung dieser Beweisführung die Lehre des Konzils von Trient, das in dem Kapitel über die notwendige und mögliche Beobachtung der Gebote, auf eine Stelle des heiligen Augustinus zurückgreifend, lehrt: ‚Gott befiehlt nichts Unmögliches, er ermahnt vielmehr, während er befiehlt, zu tun, was du kannst, und um das zu bitten, was du nicht kannst, und er hilft, daß du kannst.‘ (Conc. Trid. sess. 6 cap. 11; Denzinger n. 804. — S. August., De natura et gratia cap. 43 n. 50; Migne P. L. vol. 44 col. 271).

Laßt euch also in eurer Berufspraxis und in eurem Apostolat von diesem aufdringlichen ,Unmöglichkeitsgerede‘ nicht verwirren, weder in eurem inneren Urteil noch in eurem äußeren Verhalten. Gebt euch nie her für irgendetwas, das gegen das Gesetz Gottes und euer christliches Gewissen verstößt. Es hieße, den Männern und Frauen unserer Zeit ein Unrecht antun, wenn man sie eines fortgesetzten Heroismus für unfähig hielte. Heute wird aus so vielen Gründen — vielleicht unter dem Zwang der harten Not, manchmal auch im Dienst des Unrechts — Heroismus in einem Grad und Ausmaß geübt, wie man es in vergangenen Zeiten für unmöglich gehalten hätte. Wenn also die Umstände dieses Heldentum wirklich verlangen, warum sollte es dann haltmachen an den Grenzen der Leidenschaften und Naturtriebe? Das ist klar: wer sich nicht beherrschen will, wird es auch nicht können; und wer glaubt, sich beherrschen zu können, dabei aber nur auf die eigene Kraft zählt, ohne aufrichtig und beharrlich die göttliche Hilfe zu suchen, wird elendiglich enttäuscht werden.

Dies zu eurem Apostolat, das bezwecken soll, die Ehegatten für den Dienst der Mutterschaft zu gewinnen, nicht im Sinn einer blinden Knechtschaft unter dem Drang der Natur, sondern im Sinn eines nach den Grundsätzen der Vernunft und des Glaubens geregelten Handhabung der ehelichen Rechte und Pflichten. Die ,Persönlichkeitswerte‘ und die Notwendigkeit sie zu achten — dieser Gegenstand beschäftigt seit zwei Jahrzehnten immer mehr das Schrifttum. In vielen seiner Erzeugnisse ist auch dem spezifischen sexuellen Akt ein eigener Platz angewiesen, um ihn in den Dienst der Persönlichkeit der Gatten zu stellen. Der eigentliche und tiefste Sinn der Ausübung des Gattenrechtes sollte darin liegen, daß die körperliche Verbindung der Ausdruck und die Bestätigung der persönlichen und affektiven Vereinigung ist. Artikel, Kapitel, ganze Bücher, Konferenzen, besonders auch über die ,Technik der Liebe‘, dienen der Verbreitung dieser Ideen, ihrer Beleuchtung mit Ratschlägen an die Brautleute, als Führer in der Ehe, damit sie nicht aus Torheit oder mißverstandener Scham oder unbegründeter Ängstlichkeit das vernachlässigen, was Gott, der Schöpfer auch der natürlichen Neigung, ihnen anbietet. Wenn aus diesem völligen gegenseitigen Sichschenken der Gatten ein neues Leben entsprießt, so ist das ein Ergebnis, das außerhalb oder höchstens am Rand der ,persönlichen Werte‘ bleibt; ein Ergebnis, das nicht verleugnet wird, das man aber nicht im Mittelpunkt der Gattenbeziehungen wissen will.

Nach diesen Theorien hätte eure Hingabe zum besten des noch im Mutterschoß verborgenen Lebens und seiner glücklichen Geburt nur eine untergeordnete Bedeutung und rückte in die zweite Linie. Wenn nun diese relative Abschätzung weiter nichts täte, als daß sie den Ton mehr auf den Wert der Persönlichkeit der Gatten legte als auf den des Kindes, so könnte man, streng genommen, diese Frage auf sich beruhen lassen. Hier handelt es sich indes um eine schwerwiegende Verkehrung der Wertordnung und der vom Schöpfer selbst gesetzten Zwecke. Wir finden uns gegenüber der Verbreitung eines Komplexes von Gedanken und Gefühlen, die der Klarheit, der Tiefe, dem Ernst des christlichen Denkens direkt entgegengesetzt sind. Da muß nun euer Apostolat von neuem einsetzen. Es kann ja auch geschehen, daß ihr von Mutter und Gattin ins Vertrauen gezogen und befragt werdet über die geheimen Wünsche und Intimitäten des Ehelebens. Wie könntet ihr dann aber, im Bewußtsein eurer Sendung, der Wahr­heit und der rechten Ordnung in der Bewertung und dem Tun der Gatten Geltung verschaffen, hättet ihr nicht selbst davon genaue Kenntnis und wäret ihr nicht ausgerüstet mit der Charakterfestigkeit, die nötig ist, um aufrecht zu erhalten, was ihr als wahr und gerecht erkennt?

Wahr ist nun aber, daß die Ehe als Natureinrichtung nach dem Willen des Schöpfers zum ersten und innersten Zweck nicht die persönliche Vervollkommnung der Gatten hat, sondern die Weckung und Aufzucht neuen Lebens. So sehr auch die anderen Zwecke von der Natur gewollt sind, so stehen sie doch nicht auf dem gleichen Höhegrad wie der erste, und noch weniger sind sie ihm übergeordnet. Das gilt für jede Ehe, auch wenn sie unfruchtbar ist; wie man von jedem Auge sagen kann, daß es bestimmt und geformt ist zum Sehen, auch wenn es in anormalen Fällen infolge besonderer innerer und äußerer Umstände nie in der Lage sein wird, zum Sehakt zu führen.

Gerade um Schluß zu machen mit allen Unsicherheiten und Entgleisungen, die über die Stufenleiter der Ehezwecke und ihre gegenseitigen Beziehungen Irrtümer zu verbreiten drohten, verfaßten Wir selbst vor einigen Jahren (10. März 1944) eine Erklärung über die Ord­nung jener Zwecke und gaben als solche das an, was die innere Struktur der Naturanlage selbst kundgibt, was Erb­gut der christlichen Überlieferung ist, was die Päpste zu wiederholten Malen gelehrt haben, was dann in geeigneter Form vom kirchlichen Gesetzbuch (Can. 1013, § 1) fest­gelegt worden ist. Ja, zur Rechtfertigung der entgegen­stehenden Auffassungen verkündete kurz hernach der Heilige Stuhl in einem öffentlichen Dekret als unzulässig die Meinung einiger Autoren, die leugneten, daß der erste Ehezweck die Weckung und Aufzucht der Nachkommenschaft sei, oder lehren, daß die zweitrangigen Zwecke dem ersten Zwecke nicht wesentlich untergeordnet, sondern ihm gleichgestellt und von ihm unabhängig seien (S. C. Off., 1. April 1944. — A. A. S. 36, 1944, p. 103). Soll damit vielleicht verneint oder verkleinert werden, was an Gutem und Berechtigtem in den aus der Ehe und ihrer Betätigung sich ergebenden ‚Persönlichkeitswerten‘ enthalten ist? Sicherlich nein! Denn zur Weckung neuen Lebens hat der Schöpfer in der Ehe Menschenwesen bestimmt, gebildet aus Fleisch und Blut, mit Geist und Herz begabt, und sie sind berufen, als Menschen und nicht wie vernunftlose Sinnenwesen Urheber ihrer Nachkommenschaft zu sein. Zu dem Zweck will Gott die Vereinigung der Gatten…

Nicht allein das gemeinsame äußere Tun, auch die ganze Persönlichkeitsbereicherung, auch der geistige und seelische Reichtum, ja sogar all das Höchste und Tiefste am Seelischen in der Gattenliebe als solcher ist nach dem Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der Nachkommenschaft gestellt worden. Aus der Natur der Sache heraus bedeutet das vollkommene Eheleben auch die völlige Hingabe der Eltern an das Wohl der Kinder, und die Gattenliebe selbst in ihrer Stärke und ihrer Zartheit ist eine Forderung der vollen Sorge um das Kind und die Gewähr ihrer Verwirklichung (vgl. S. Th. III. q. 29 a. 2 in c; Suppl. q. 49 a. 2 ad 1) .

Alle die zweitrangigen Werte auf dem Gebiet und in der Betätigung der Zeugungskraft münden ein in den Bereich der den Ehegatten eigentümlichen Aufgabe, Urheber und Erzieher neuen Lebens zu sein. Eine hohe und edle Aufgabe, die jedoch nicht zum Wesen des vollkommenen Menschseins gehört, als ob es in irgendeiner Weise oder irgendeinem Grad eine Herabminderung der menschlichen Persönlichkeit bedeutete, wenn der natürliche Fortpflanzungstrieb nicht zur Betätigung käme. Der Verzicht auf jene Betätigung — besonders wenn er aus edelsten Beweggründen geschieht — ist keine Verstümmelung der persönlichen seelischen Werte. Von jenem freiwilligen Verzicht aus Liebe zum Reich Gottes hat der Herr gesagt: ,Non omnes capiunt verbum istud, sed quibus datum est. — Nicht alle erfassen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist.‘ (Matth 19, 11).
Die Zeugungsfunktion, auch in ihrer rechten und sittlichen Form des Ehelebens, im Übermaß verherrlichen, wie es heute nicht selten geschieht, ist deshalb nicht nur ein Irrtum und eine Verirrung; diese birgt in sich auch die Gefahr einer Verstandes- und Gefühlsentgleisung, die geeignet ist, gute und hehre Gesinnungen zu verhindern oder zu ersticken, besonders in der noch unerfahrenen, mit den Enttäuschungen des Lebens noch nicht vertrauten Jugend, denn welcher normale, an Leib und Seele gesunde Mensch möchte schließlich zu der Zahl der an Charakter und innerem Gehalt Minderwertigen gehören?

Möge es eurem Apostolat da, wo ihr euren Beruf ausübt, vergönnt sein, hier aufklärend zu wirken und die richtige Wertordnung einzuprägen, damit die Menschen ihr Urteil und Verhalten derselben angleichen! Unsere Darlegung über die Aufgabe eures Berufsapostolats wäre trotzdem unvollständig, wenn Wir nicht noch ein kurzes Wort anfügten über den Schutz der Menschenwürde bei der Betätigung des Zeugungstriebes.

Derselbe Schöpfer, der in seiner Güte und Weisheit für die Erhaltung und Fortpflanzung des Menschengeschlechtes sich der Mitwirkung von Mann und Frau bedienen wollte und sie deshalb in der Ehe vereinte, hat auch angeordnet, daß die Gatten in jener Betätigung Freude und Glück an Leib und Seele innewerden. Wenn deshalb die Gatten diese Freude suchen und kosten, tun sie nichts Böses. Sie nehmen entgegen, was der Schöpfer ihnen bestimmt hat. Nichtsdestoweniger müssen auch hier die Eheleute es verstehen, in den Grenzen des rechten Maßhaltens zu bleiben. Wie beim Genuß von Speise und Trank, sollen sie sich auch beim sexuellen Genuß nicht zügellos dem sinnlichen Drang überlassen! Der rechte Maßstab ist folgender: Der Gebrauch der natürlichen Fortpflanzungsanlage ist sittlich erlaubt nur in der Ehe, im Dienst und nach der Ordnung der Zwecke der Ehe selbst. Daraus folgt, daß auch nur in der Ehe und unter Beobachtung dieser Regel das Verlangen und der Genuß jener Freude und Befriedigung zulässig sind. Denn das Genießen untersteht dem Gesetz des Tuns, aus dem es stammt, und nicht umgekehrt das Tun dem des Genießens. Und dieses vernünftige Gesetz betrifft nicht nur die Substanz, sondern auch die Umstände des Tuns, so daß man auch bei Wahrung der Substanz des Aktes sich verfehlen kann in der Art seiner Ausführung.

Die Übertretung dieser Norm ist so alt wie die Erbsünde. In unserer Zeit läuft man jedoch Gefahr, das Grundgesetz selbst aus dem Auge zu verlieren. Gegenwärtig pflegt man tatsächlich in Wort und Schrift (auch von seiten mancher Katholiken) die notwendige Eigengesetzlichkeit, den Selbstzweck und Eigenwert des Geschlechtlichen und seiner Betätigung zu behaupten, unabhängig vom Ziel der Weckung neuen Lebens. Man möchte die von Gott selbst getroffene Ordnung einer Überprüfung und Neuregelung unterziehen. Man möchte bezüglich der Art, wie der Instinkt befriedigt werden soll, keine andere Beschränkung zulassen als die Innehaltung des Wesens der Instinkthandlung. Damit träte an die Stelle der sittlichen Pflicht der Beherrschung der Leidenschaften die Freiheit, blind und zügellos den Launen und dem Drang der Natur sich zu fügen, was über kurz oder lang nur zum Schaden der Sittlichkeit, des Gewissens und der menschlichen Würde sich auswirken kann.

Wenn die Natur ausschließlich oder wenigstens in erster Linie ein gegenseitiges Sichschenken und Besitzen der Gatten in Freud und Lust angestrebt hätte, und wenn sie jene Handlung angeordnet hätte, nur um ihre persönliche Erfahrung im höchstmöglichen Grad glückvoll zu gestalten, und nicht, um sie zum Dienst am neuen Leben anzutreiben, dann hätte der Schöpfer in der ganzen Einrichtung des Naturaktes einen anderen Plan zur Anwendung gebracht. Nun aber ist im Gegenteil das alles unter- und eingeordnet jenem einen und großen Gesetz der ,generatio et educatio prolis` — ,Weckung und Erziehung von Nachkommenschaft‘, das heißt der Verwirklichung des ersten Zwecks der Ehe als Ursprung und Quelle des Lebens.

Leider überspülen unaufhörlich Sturzwellen von Hedonismus (,Lust`) die Welt und drohen in der wachsenden Flut der Vorstellungen, Wünsche und Handlungen, das ganze Eheleben in die Tiefe zu ziehen, nicht ohne ernste Gefahren und schweren Nachteil für die Hauptaufgabe der Ehegatten.

Allzuoft scheut man sich nicht, diesen antichristlichen Hedonismus zur Lehre zu erheben, indem man aufdringlich das Verlangen erweckt, in der Vorbereitung und in der Tätigung der ehelichen Verbindung den Genuß immer intensiver zu gestalten; als ob in den ehelichen Beziehungen das Sittengesetz sich auf den ordnungsmäßigen Vollzug des Aktes beschränkte und alles übrige, mag es getätigt werden wie es will, gerechtfertigt würde vom gegen
seitigen Liebesaustausch, geheiligt durch das Sakrament der Ehe, verdienstlich an Lob und Lohn vor Gott und dem Gewissen. Um die Würde des Menschen und die Würde des Christen, die dem Übermaß der Sinnlichkeit einen Zügel anlegen, kümmert man sich nicht.

Nein, der Ernst und die Heiligkeit des christlichen Sittengesetzes erlauben keine zügellose Befriedigung des sexuellen Triebes, um so nur auf Lust und Genuß auszugehen; jenes Gesetz erlaubt es vernunftbegabten Menschen nicht, sich in solchem Ausmaß unterjochen zu lassen, weder was das Wesen noch was die Umstände der Handlung angeht.

Der eine oder andere möchte vielleicht ins Feld führen, daß das Glück in der Ehe dem Genuß der ehelichen Beziehungen ganz parallel laufe. Nein: das Glück in der Ehe entspricht vielmehr genau der Achtung der Gatten voreinander, auch in ihren intimsten Beziehungen; nicht als ob sie als unsittlich verurteilten oder ablehnten, was die Natur darbietet und der Schöpfer geschenkt hat; sondern weil diese Rücksichtnahme und die mit ihr gegebene gegenseitige Hochschätzung eines der wirksamsten Mittel einer reinen und eben dadurch umso zarteren Liebe wird.

Widersetzt euch in eurer Berufstätigkeit, so viel wie euch möglich, dem Ansturm dieses ausgeklügelten Hedonismus, der ohne seelische Werte und deshalb christlicher Eheleute unwürdig ist! Zeigt, daß die Natur ganz gewiß das instinktive Verlangen nach Genuß gegeben hat und es in der gültigen Ehe billigt, aber nicht als Zweck in sich selbst, vielmehr letztlich für den Dienst am Leben! Verbannt aus eurem Innern jenen Kult des Genusses und tut euer Bestes, um die Verbreitung einer Literatur zu verhindern, die meint, die Vertraulichkeiten des Ehelebens bis in alle Einzelheiten beschreiben zu sollen, unter dem Vorwand aufzuklären, anzuleiten und zu beruhigen! Um die zarten Gewissen der Eheleute zu beruhigen, genügen im allgemeinen der gesunde Menschenverstand, der natürliche Instinkt und eine kurze Unterweisung über die klaren und einfachen Grundsätze des christlichen Sittengebotes. Wenn aber einmal unter besonderen Umständen eine Braut oder junge Gattin ausführlichere Anweisungen über irgendeinen Einzelpunkt benötigt, so ist es an euch, ihnen taktvoll und mit entsprechendem Zartgefühl eine dem Naturgesetz und dem gesunden christlichen Gewissen entsprechende Aufklärung zu geben. Unsere Unterweisung hier hat nichts zu tun mit Manichäismus oder Jansenismus, wie manche glauben machen wollen, um sich selbst zu rechtfertigen. Sie ist nur eine Ehrenrettung der christlichen Ehe und der Persönlichkeitswürde der Ehegatten.

Diesem Zweck zu dienen ist besonders in unseren Tagen eine drängende Pflicht eurer Berufssendung…“5

5 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 835 SS. – Hd. VI, 112 ff.

Mit dieser Rede vor den Hebammen Italiens hat Pius XII. bewußt und unerschrocken das tiefste und gefährlichste sittliche Übel unserer Zeit aufgedeckt. Daß der Widerhall in der ganzen Welt laut und widerspruchsvoll sein würde, das mußte ihm vorher klar sein. Und dennoch ging der Papst ruhig und sachlich an das Problem heran, ging von der Natur und dem göttlichen Gebot aus und entwickelte daraus folgerichtig den Standpunkt der Kirche. Durch die immer mehr in Gebrauch gekommene Theorie der unfruchtbaren Zeiten von Knaus-Ogino erklärt sich sein Eingehen auf dieses Problem. Auch darin bleibt keine Frage offen. Der Papst erwägt die Möglichkeit der Anwendung der Theorie in allen nur denkbaren Fällen und spricht dementsprechend sein „licet“ oder „non licet“. Die sich immer mehr ausbreitende Ansicht, daß der eheliche Akt in erster Linie der persönlichen Vervollkommnung der Ehegatten diene, war unter seinem Pontifikat bereits durch das Dekret des heiligen Offiziums abgelehnt und dahin berichtigt worden, daß die Zeugung und Erziehung der Kinder der primäre Zweck der Ehe sei. Aber wie stark die Reaktion auf die „Hebammen-Rede“ tatsächlich wurde, das war wegen ihrer aggressiven, oft unvornehmen Kampfesart dennoch überraschend. „Despotismus“, „gefühllos“, „Intoleranz“, ja „grausam“ und „unmenschlich“, um von weniger taktvollen Worten ganz abzusehen, das waren die wenig sachlichen Antworten aus aller Welt. In England war die Aufregung besonders stark, wo man wegen der Frage, ob nun die katholischen Ärzte und Hebammen das Leben des Kindes in den fraglichen Fällen dem der Mutter vorziehen würden, zu böswilligen Angriffen überging.

Papst Pius XII. ergriff darum am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Kongresses „Front der Familie‘ empfing, die Gelegenheit, sich nochmals zu dem Thema der Ehe und Nachkommenschaft zu äußern, um in seiner gütigen, ruhigen Art den Mißverständnissen entgegenzutreten, um zu helfen, soweit die katholische Lehre das zuläßt. Die Gedankengänge des ersten Teiles dieser Ansprache betreffen die Nöte, die wir bereits in dem Kapitel über die Familie wiedergaben. Im zweiten Teil kommt Pius XII. dann auf die Ehemoral zu sprechen:

„Noch ein anderes Übel bedroht die Familie, freilich nicht erst seit gestern, sondern schon seit langer Zeit. Dieses Übel wächst jedoch zur Zeit zusehends und kann der Familie zum Verhängnis werden, weil es ihre Wurzel angreift. Wir meinen die Erschütterung der Ehemoral in ihrer ganzen Ausdehnung. Wir haben im Lauf der letzten Jahre jede Gelegenheit wahrgenommen, um den einen oder anderen wesentlichen Punkt der Ehemoral aufzuzeigen, und erst kürzlich legten Wir sie in ihrem großen Zusammenhang dar. Wir haben nicht nur die Irrtümer zurückgewiesen, die sie untergraben, sondern hellten auch positiv den Sinn der Ehemoral auf, ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, ihren Wert für das Glück der Ehegatten, der Kinder und der ganzen Familie, für den Bestand und die Forderung des sozialen Wohles vom häuslichen Herd bis zu Staat und Kirche.

Im Mittelpunkt dieser Lehre wurde die Ehe als eine Einrichtung im Dienste des Lebens hervorgehoben. In enger Anlehnung an diese Grundlage haben Wir im Sinne der steten Lehre der Kirche einen Satz herausgestellt, der eine der wesentlichen Grundlagen nicht nur der Ehemoral, sondern überhaupt der Sozialethik im allgemeinen ist, daß nämlich der direkte Angriff auf schuldloses menschliches Leben als Mittel zum Zweck — im vorliegenden Fall zum Zweck der Erhaltung eines anderen Lebens — unerlaubt ist. Das schuldlose menschliche Leben, ganz gleich in welchem Zustand es sich befindet, ist vom ersten Augenblick seiner Existenz an jedem direkten absichtlichen Angriff entzogen.

Dies ist ein Fundamentalrecht der menschlichen Persön­lichkeit und nach christlicher Lebensauffassung von allgemeiner Gültigkeit; ebenso gültig für das Leben, das noch verborgen im Mutterschoß ruht, wie für das schon zur Welt gekommene Leben; ebenso gültig gegen die direkte Abtreibung wie gegen die direkte Tötung des Kindes vor, während und nach der Geburt. Wie begründet auch die Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Entwick­lungsmomenten des geborenen oder noch nicht geborenen Lebens sein mag im profanen wie im kirchlichen Recht und für gewisse bürgerliche und strafrechtliche Folgen — nach dem Sittengesetz handelt es sich in all diesen Fällen um ein schweres und unerlaubtes Attentat auf das unverletzte menschliche Leben.

Dieser Grundsatz gilt ebenso für das Leben des Kindes wie für das Leben der Mutter. Niemals und in keinem Fall hat die Kirche gelehrt, daß das Leben des Kindes jenem der Mutter vorzuziehen sei. Es ist irrig, die Frage mit dieser Alternative zu stellen: entweder das Leben des Kindes oder das Leben der Mutter. Nein! Weder das Leben der Mutter noch das Leben des Kindes dürfen einem Akt direkter Vernichtung unterzogen werden. Für den einen wie für den anderen Teil kann nur die eine Forde­rung bestehen: alles aufzubieten, das Leben beider zu retten, der Mutter und des Kindes (vgl. Pius‘ XI. Enzyklika ,Casti connubii‚, 31. Dezember 1930. ­A. A. S., 22, p. 562-563). Es ist eine der schönsten und edelsten Bestrebungen der Medizin, immer neue Wege zu suchen, um das Leben beider sicherzustellen. Wenn aber trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch Fälle übrig bleiben, jetzt und auch in Zukunft, in denen man mit dem Tode der Mutter rechnen muß, wenn diese die Geburt des Lebens, das sie in sich trägt, zu Ende führen und es nicht unter Verletzung des Gebotes Gottes: Du sollst nicht töten! zerstören will, so bleibt dem Menschen, der sich bis zum letzten mühen wird, zu helfen und zu retten, nichts übrig, als sich in Ehrfurcht vor den Gesetzen der Natur und dem Walten der göttlichen Vorsehung zu beugen.

Aber — so wendet man ein — das Leben der Mutter und insbesondere der Mutter einer kinderreichen Familie, ist ein unvergleichlich höherer Wert als das eines noch nicht geborenen Kindes. Die Anwendung der Güterabwägungstheorie auf den Fall, der uns gegenwärtig beschäftigt, hat schon in juristischen Erörterungen Aufnahme gefunden. Die Antwort auf diesen viele bedrückenden Einwand ist nicht schwer. Die Unverletzlichkeit des keimenden Lebens eines Schuldlosen hängt nicht von seinem größeren oder geringeren Wert ab. Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Kirche die Tötung des als ‚wertlos‘ erachteten Lebens in aller Form verurteilt. Wer die traurigen Ereignisse kennt, die diese Verurteilung hervorriefen, wer die verhängnisschweren Folgen zu erwägen weiß, zu denen man gelangen würde, wollte man die Unantastbarkeit schuldlosen Lebens nach seinem Wert bemessen, der weiß sehr wohl die Beweggründe zu schätzen, die zu jenem Entscheid geführt haben.

Wer kann übrigens beurteilen, welches von den beiden Leben das kostbarere ist? Wer kann wissen, welchen Weg jenes Kind gehen wird, zu welcher Höhe der Leistung und der Vollkommenheit es gelangen wird? Hier werden zwei Größen miteinander verglichen, von denen man die eine gar nicht kennt. Wir möchten hier ein Beispiel anführen, das vielleicht einigen von euch schon bekannt ist, das aber deswegen nichts von seinem eindrucksvollen Wert einbüßt. Es geht auf das Jahr 1905 zurück. Da lebte eine junge Frau adeliger Abstammung, noch adeliger jedoch von Gesinnung. Sie war schwächlicher Konstitution und von zarter Gesundheit. Als Mädchen hatte sie eine kleine Rippenfellentzündung gehabt, die jedoch geheilt zu sein schien. Als sie sich glücklich verheiratet hatte und fühlte, wie sich in ihrem Schoß neues Leben regte, mußte sie sehr bald feststellen, wie ein eigenartiges Übel ihre Gesundheit untergrub, das die beiden tüchtigen Ärzte, die mit liebender Sorge ihre Gesundheit überwachten, sehr beunruhigte. Die frühere Rippenfellerkrankung mit ihrem schon ausgeheilten Infektionsherd war wieder aufge­brochen. Nach Meinung der Ärzte war keine Zeit zu verlieren; das einzige Mittel, die zarte Frau zu retten, bestand darin, ohne Aufschub die medizinische Abtreibung einzuleiten. Auch der Gemahl begriff seinerseits die Schwere des Falles und gab sein Einverständnis zum pein­lichen Eingriff. Als jedoch der behandelnde Gynäkologe ihr sehr taktvoll die Entscheidung der Ärzte mitteilte und ihr nahelegte, derselben beizupflichten, antwortete sie fest und entschieden: ,Ich danke Ihnen für Ihre teilnehmenden Ratschläge; ich kann jedoch nicht das keimende Leben meines Kindes töten! Ich kann und kann es nicht! Ich spüre schon einen Herzschlag in meinem Schoß. Das Kind hat das Recht zum Leben; von Gott kommt es, und es muß Gott kennenlernen, um ihn zu lieben und in ihm glücklich zu werden.‘ Auch der Gemahl bat und flehte sie an; sie blieb unbeugsam und erwartete ruhig den Ausgang. Ein Mädchen kam gesund zur Welt; sofort nach der Geburt verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Mutter. Der Infektionsherd in der Lunge erweiterte sich; der Verfall des Organismus schritt voran. Zwei Monate später lag sie im Sterben; sie sah noch einmal die Kleine, die gesund bei einer kräftigen Amme heranwuchs; die Lippen bewegten sich noch einmal zu seligem Lächeln, dann starb sie friedlich. Viele Jahre gingen dahin. Man konnte in einem Schwesternheim eine junge Ordensfrau sehen, die ganz der Pflege und Erziehung verlassener Kinder hingegeben war und sich mit Augen voll mütter­licher Liebe über die kleinen Kranken neigte, wie wenn sie ihnen Leben schenken wollte. Das war sie, das Kind des Opfers, die jetzt mit ihrem edlen Herzen so viel Gutes wirkte unter der verlassenen Jugend. Der unerschrockene Heroismus der Mutter ist wahrlich nicht umsonst gewesen! (Vgl. Andreas Majocchi, Tra bistori e forbici, 1940, S. 21 ff.) Wir fragen jedoch: Ist denn das christliche, ja, auch nur das menschliche Empfinden schon so sehr geschwunden, daß kein Verständnis mehr da ist für das wunderbare Opfer der Mutter und für die sichtbare Führung der göttlichen Vorsehung, die aus diesem Opfer eine so edle Frucht hervorwachsen ließ?

Wir haben absichtlich immer den Ausdruck gebraucht ,direkter Angriff auf das Leben eines Schuldlosen‘, ,direkte Tötung‘. Denn wenn zum Beispiel die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des Kindes im Mutterleib zur Folge hätte, könnte man einen solchen Eingriff nicht als einen unmittelbaren Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe — immer vorausgesetzt, daß ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, daß der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist.

Da also die erste Aufgabe der Ehe im Dienst am Leben besteht, gilt Unser besonderes Wohlgefallen und Unser väterlicher Dank jenen Ehegatten, die aus Liebe zu Gott und im Vertrauen auf ihn mutig eine zahlreiche Familie gründen und aufziehen. Andererseits fühlt die Kirche Teilnahme und Verständnis für die wirklichen Schwierigkeiten des Ehelebens in unserer heutigen Zeit. Deswegen haben Wir in Unserer letzten Ansprache über die Ehemoral die Berechtigung und zugleich die tatsächlich weit gesteckten Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft herausgestellt, die — im Gegensatz zur sogenannten ‚Geburtenkontrolle‘ — mit dem Gesetz Gottes vereinbar ist. Man kann sogar hoffen — doch überläßt hier die Kirche das Urteil natürlich der medizinischen Wissenschaft —, daß es gelingt, diesem erlaubten Verhalten eine genügend sichere Grundlage zu geben, und die neuesten Berichte scheinen eine solche Hoffnung zu bestätigen. Im übrigen helfen zur Überwindung der viel­fachen Prüfungen des ehelichen Lebens vor allem ein lebendiger Glaube und regelmäßiger Empfang der heili­gen Sakramente. Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können. Und mit diesem Hinweis auf die höheren übernatürlichen Kraftquellen möchten Wir schließen. Auch euch, geliebte Söhne und Töchter, könnte es eines Tages geschehen, daß ihr euren Mut wanken fühlt unter dem wuchtigen Sturm, der um euch oder, noch viel gefährlicher, innerhalb der Familie ausgebrochen ist, durch die Lehren nämlich, welche die gesunde und normale Auffassung der christlichen Ehe zu unterhöhlen drohen. Habt Vertrauen! Die Kräfte der Natur, vor allem aber jene der Gnade, die der Herrgott im Sakrament der Ehe in eure Seelen gesenkt hat, sind wie ein starker Fels, an dem die brandenden Wogen des stürmischen Meeres sich brechen. Und wenn Katastrophen wie Krieg und Nachkrieg der Ehe und Familie Wunden geschlagen haben, die auch heute noch bluten, so haben doch gerade in jenen Jahren die Treue und Standhaftig­keit der Ehegatten und die bis zu unvorstellbaren Opfern bereite Mutterliebe in ungezählten Fällen wahre und leuch­tende Triumphe davongetragen.“6

6 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 855 ss. — Hd. VI, 170 ff.

Das war die Antwort des Papstes auf die vielfäl­tigen Anschuldigungen, ja Beschimpfungen auf seine Sep­tember-Rede hin. Kein Pochen auf seine päpstliche Auto­rität, keine zurückweisende Schärfe — statt dessen die Güte eines Vaters, der seinen Kindern zeigt, daß er um ihre Schwierigkeiten weiß und mit ihnen leidet. ,,Fortiter in re, suaviter in modo“ macht er ihnen verständlich, daß er ihnen in der Sache nicht nachgeben darf; väterlich be­lehrend zeigt er an einem Beispiel, wie großartig auch die schwerste Frage im Opfer und Gehorsam gegen Gott gelöst werden muß. Er macht ergänzend klar, in welchem Fall bei der Erkrankung einer Mutter ein ärztlicher Eingriff erlaubt ist, und wie weit schon die Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft gesteckt sind; ja, er weist sogar auf die Möglichkeit hin, daß „eine genügend sichere Grundlage“ dafür zu erhoffen ist. Außer der Teilnahme und dem Verständnis der Kirche versichert er die Ehegatten der göttlichen Hilfe in ihren Schwierigkeiten und Prüfungen, wenn sie sich Kraft holen im Empfang der heiligen Sakramente. In der Ansprache vom 21. Oktober 1942 an Neuvermählte zog Pius XII. den Vergleich zwischen dem Ehrenfeld des Mannes, wenn er dem Vaterland sein Leben schenkt, und dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht der Frau mit seinen Gefahren und Leiden. Die Frau muß sich trotz der erschwerten Lage der heutigen Zeit, die ihr in so vielen Fällen kaum Zeit und Besinnlichkeit läßt, ihre Kinder in Ruhe und Geborgenheit zur Welt zu bringen und sich an ihrem ersten Wachstum zu erfreuen, in geradezu heldenhafter Weise bewähren. Wie sehr sie da der Kraft und Gnade durch den Sakramentenempfang bedarf, weiß jede katholische Mutter. Sie versteht darum auch das Wort des Heiligen Vaters: „Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können.“ So mögen jene dann aber auch zu den Papstreden schweigen, in Ehrfurcht schweigen oder doch ehrlich bekennen, daß ihnen darum die „Rede hart“ vorkommt, weil sie ihnen vielfach unbequem ist und die eigene Eheauffassung anklagt. Auch der gläubigen katholischen Frau erscheint oft die Forderung fast unerträglich schwer, besonders wenn sie schon Kinder hat, sich gegebenenfalls opfern zu müssen, um das kommende Kindlein zu retten. Vielleicht darf hier ein solch seltener Fall, der sich wirklich ereignete, eingefügt werden. Eine Dame, die bereits Mutter war, fühlte, daß sie ihr Kind in Querlage, in der gefährlichsten Lage also, trug. Sie wußte, was das wahrscheinlich für sie und das Kind bedeuten konnte, und machte sich Gedanken, was sie als gläubige Katholikin tun müsse; sie entschied sich gegen den Stand-punkt der Kirche. Kurz vor der Geburt trat eine weitere Erschwerung der Lage hinzu. Da der Gatte beruflich abwesend war, mußte der Arzt der Mutter die Schwierigkeit der Geburt klarmachen. Diese hatte inzwischen in sich eine große Wandlung mitgemacht; so ganz allein in ihrer Verantwortung vor Gott und dem kommenden Leben gegenüber, hatte sie es plötzlich als große Selbstverständlichkeit erkannt, daß das Leben des Kindes vorging. Sie verlangte dann auch vom Arzte ausdrücklich, daß er das Kind rette; sich selbst hatte sie aufgegeben. Sie hatte im gegebenen Moment nicht kalte Überlegung, nicht die Selbstsucht, sondern ihr Mutterherz entscheiden lassen. Die mütterliche Natur gibt also der Forderung der katholischen Kirche recht. Dem Herrgott hatte das gehorsame Fiat genügt — die Geburt war schwer, aber die Mutter und ein gesundes Kind wurden gerettet. „Habt Vertrauen!“ Im übrigen machten gerade englische katholische Ärzte in einer sehr positiven Antwort auf die englische Haltung der ersten Papstrede gegenüber unter anderem bekannt: „Mit dem Fortschritt der modernen Medizin kommt ein Fall, bei dem die Mutter geopfert werden müßte, um das Kind zu retten, sehr selten vor.“ (Veröffentlicht in der Lukas-Gilde.)

Die dritte Rede, die Papst Pius XII. zu dem modernen Eheproblem hielt, liegt zeitlich vorher. Vom 26. bis 29. September 1949 fand in Rom der vierte Internationale Kongreß katholischer Ärzte statt. Am 30. September empfing der Papst die Teilnehmer in Audienz und hielt eine Ansprache „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“.

„Der Arzt würde nicht voll und ganz dem Ideal seines Berufes entsprechen, wenn er bei der Anwendung der neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und der medizinischen Kunst in der Praxis nur seine Intelligenz und Geschicklichkeit einsetzen würde und nicht auch — und das betonen Wir besonders — sein menschliches Herz, sein mildtätiges christliches Feingefühl. Er arbeitet nicht in ,anima vili`; er wirkt zweifellos direkt auf die Körper ein, aber auf Körper, die mit einer unsterblichen geistigen Seele belebt sind auf Grund des geheimnisvollen, aber unauflöslichen Bandes zwischen dem Physischen und Geistigen; er wirkt nur dann mit Erfolg auf den Körper ein, wenn er zugleich auf den Geist einwirkt.

Ob er sich nun mit dem Leib oder mit der Gesamtheit des Menschen und seiner Einheit beschäftigt, der christliche Arzt wird sich immer vor der Bezauberung durch die Technik, vor der Versuchung, sein Wissen und seine Kunst zu anderen Zwecken als zur Pflege des ihm anvertrauten Patienten zu benutzen, hüten müssen. Gott sei Dank wird er sich nie gegen eine andere, eine verbrecherische Versuchung zu verteidigen haben, nämlich die, die von Gott im Schoße der Natur verborgenen Wohltaten im Dienste niederer Interessen, beschämender Leidenschaften und unmenschlicher Anschläge zu benutzen. Die natürliche und christliche Moral besitzt überall ihre unabdingbaren Rechte; von diesen und nicht von Erwägungen des Gefühls, der materialistischen und naturalistischen Philanthropie, müssen die wesentlichen Grundsätze der ärztlichen Pflichtenlehre abgeleitet werden: die Würde des menschlichen Körpers, der Vorrang der Seele vor dem Leibe, die Brüderlichkeit aller Menschen, die souveräne Herrschaft Gottes über das menschliche Leben und das Schicksal.

Wir haben schon manchmal Gelegenheit gehabt, eine ganze Anzahl von besonderen Punkten der ärztlichen Moral zu berühren. Doch heute steht eine Frage an erster Stelle, die nicht minder dringend als die anderen das Licht der katholischen Morallehre verlangt, die der künstlichen Befruchtung. Wir können die gegenwärtige Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne kurz in großen Zügen das sittliche Urteil aufzuzeigen, das diesem Gegenstand gegen-über notwendig ist.

1. Die Praxis dieser künstlichen Befruchtung kann, sobald es sich um den Menschen handelt, nicht ausschließlich und nicht einmal in erster Linie vom biologischen und ärztlichen Gesichtspunkt aus unter Nichtachtung der Moral und des Rechtes betrachtet werden.

2. Die künstliche Befruchtung außerhalb der Ehe ist kurz und einfach als unmoralisch zu beurteilen. Das positive natürliche Recht, das göttliche Recht sagen, daß die Zeugung neuen Lebens nur die Frucht der Ehe sein darf. Die Ehe allein garantiert die Würde der Eheleute (im gegenwärtigen Falle vor allem die der Frau) und ihr persönliches Heil. Sie allein sorgt für das Wohl und die Erziehung der Kinder. Folglich ist über die Verurteilung der
künstlichen Befruchtung außerhalb der ehelichen Verbindung keine Meinungsverschiedenheit unter Katholiken möglich. Das unter solchen Bedingungen empfangene Kind wäre eben darum illegitim.

3. Die künstliche Befruchtung in der Ehe, jedoch hervorgerufen durch die aktive Einwirkung eines Dritten, ist ebenfalls unmoralisch und deshalb unwiderruflich abzulehnen.

Nur die Eheleute haben ein gegenseitiges Recht auf ihren Körper, um ein neues Leben zu zeugen, ein ausschließliches und unübertragbares Recht. Das ist auch im Hinblick auf das Kind notwendig. Wer einem kleinen Wesen das Leben schenkt, dem überträgt die Natur auf Grund eben dieses Bandes auch seine Erhaltung und Erziehung. Aber zwischen dem legitimen Gatten und dem Kind, das Frucht der aktiven Mitwirkung eines Dritten (auch mit Zustimmung des Gatten) wäre, besteht kein ursprüngliches Band ehelicher Zeugung.

4. Im Hinblick auf die Erlaubtheit der künstlichen Zeugung in der Ehe möge es Uns im Augenblick genügen, an folgende Grundsätze des natürlichen Rechts zu erinnern: die einfache Tatsache, daß das Ergebnis, auf das man hinzielt, auf diese Weise erreicht wird, rechtfertigt nicht den Gebrauch des Mittels selbst; und der an sich sehr berechtigte Wunsch der Eheleute, ein Kind zu haben, genügt nicht, um die Rechtmäßigkeit des Rückgriffs auf die künstliche Befruchtung, die diesen Wunsch erfüllt, zu beweisen. Es wäre falsch zu denken, daß die Möglichkeit, dieses Mittel anzuwenden, eine Ehe zwischen Personen gültig machen könnte, die auf Grund des impedimentum impotentiae zu ihrem Vollzug nicht fähig wären. Andererseits ist es überflüssig zu bemerken, daß das aktive Element niemals rechtmäßigerweise durch Handlungen gegen die Natur herbeigeführt werden kann.

Obwohl man nicht im voraus neue Methoden ausschließen kann, nur weil sie neu sind, muß man doch hinsichtlich der künstlichen Befruchtung nicht nur äußerst zurückhaltend sein, sondern sie absolut verwerfen. Wenn man das sagt, verwirft man nicht notwendig den Gebrauch gewisser künstlicher Mittel, die nur dazu bestimmt sind, den natürlichen Akt zu erleichtern, das heißt zu bewirken, daß der normal vollzogene Akt sein Ziel erreicht. Man darf nicht vergessen: nur die Zeugung eines neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bewirkt in einem erstaunlichen Maß von Vollendung die Verwirklichung der erstrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig der körperlichen und geistigen Natur und der Würde der Eheleute und der normalen und glücklichen Entwicklung des Kindes gemäß.“7

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 557 ss. — Hd. IV, 113 f. 120

Zu dem gleichen Problem äußert sich Papst Pius XII. zwei Jahre später noch kurz in der Rede an die Hebammen:
„Das Zusammenleben der Gatten und den ehelichen Akt herabmindern auf eine rein organische Funktion zur Übertragung der Keime, hieße das Heim, das Heiligtum der Familie, in ein gewöhnliches biologisches Laboratorium verwandeln. Deshalb haben Wir in Unserer Ansprache vom 29. September 1949 an den Internationalen Kongreß der katholischen Ärzte die künstliche Befruchtung in aller Form aus der Ehe hinausgewiesen. Der eheliche Akt ist in seinem natürlichen Gefüge eine persönliche Betätigung, ein gleichzeitiges und unmittelbares Zusammenwirken der Gatten, das durch die Natur der Handelnden und die Eigenheit der Handlung der Ausdruck des gegenseitigen Sichschenkens ist und dem Wort und der Schrift gemäß das Einswerden ,in einem Fleisch allein‘ bewirkt. Das ist viel mehr als die Vereinigung von zwei Keimen, die auch künstlich getätigt werden kann, also ohne die natürliche Handlung der Gatten. Der eheliche Akt, so wie die Natur ihn angeordnet und gewollt hat, ist ein persönliches Zu-sammenwirken, zu dem die Brautleute im Eheabschluß sich gegenseitig das Recht übertragen.

Ist daher diese Leistung in ihrer naturgemäßen Form von Anfang an dauernd unmöglich, so ist der Gegenstand des Ehevertrages mit einem wesentlichen Mangel behaftet. Das ist es, was Wir damals gesagt haben: ,Man vergesse nicht: nur die Weckung neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bringt in einem Grad der Vollkommenheit, der Staunen erregt, die Verwirklichung der angestrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig angepaßt der leiblichen und seelischen Natur der Gatten wie der natürlichen und glücklichen Entwicklung des Kindes`.“8

8 Vergleiche a. a. 0. — Die Stelle: A. A. S. vol. 43, 2 (1951), P. 85o. — Hd. VI, 118.

Vor wenigen Jahrzehnten noch wäre diese Ansprache vor katholischen Ärztinnen und Ärzten undenkbar, unfaßbar gewesen. Heute ist das Problem der künstlichen Befruchtung durch Literatur, leider sogar durch Zeitschriften, so verbreitet worden, daß der Heilige Vater um der Würde der Frau willen, der Heiligkeit der Ehe und des Anrechts des Kindes auf Zeugung durch Liebe den Standpunkt der Kirche in den einzelnen Fragen festlegen mußte. Im August-Heft 1953 der „Frankfurter Hefte“ befaßt sich ein Artikel von Hermann Frühauf mit dem Thema der künstlichen Befruchtung. Er gibt bekannt, daß in Amerika jährlich etwa 20.000, in England 10.000 und in Frankreich 1000 Kinder in dieser Art zur Welt kommen. In Amerika führten 80 von 100 der Gynäkologen die Insemination aus; nur bei 10 Prozent seien die eigenen Ehegatten die Spender. Wie würdelos ein solches Verfahren für die Frau ist, wie gefahrvoll durch die Erbgesetze für die Kinder, braucht hier wirklich nicht ausgeführt zu werden. Frühauf gibt an, daß die „Académie française des Sciences morales et politiques“ und die englische Staatskirche nicht die künstliche Befruchtung unter den Ehegatten, wohl aber durch Fremdsperma ablehnen. Da auf dem katholischen Ärztekongreß 1949 in Rom die Stellung bezüglich des Spermas des Ehemannes unter den Ärzten nicht eindeutig klar gewesen sei, habe man den Papst um seine Stellungnahme gebeten.

Die Antwort des Papstes ist nun aber ganz eindeutig ablehnend, klar und bindend und muß um der Frauenwürde willen auch allen Eheleuten bekannt sein. Hier kann nur die Frau selbst sich schützen, daß man ihre Ehre, ihr tiefstes Frauentum nicht antastet und herabzieht.

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FAMILIE

III

DIE FAMILIE

Wenn wir den Gedankengängen des Papstes folgen und immer klarer das Bild vor uns sehen, das er von einer christlichen Mutter hat, wie er ihre Freuden an ihren Kindern kennt, aber nicht minder die vielfältigen Sorgen, die sie in der Erziehung von früh an hat, so fragen wir uns unwillkürlich, wie kommt dieser Papst, der jahrzehntelang, fast ein ganzes Leben hindurch als Diplomat im Staatssekretariat, als Nuntius und zuletzt als engster Mitarbeiter seines Vorgängers Pius‘ XI., als dessen Kardinal-Staatssekretär, gearbeitet hat, zu diesem bis in Einzelheiten gehenden Wissen, zu diesem tiefen Mitempfinden mit den Müttern? Einmal wird es ein Rückblick sein in seine Jugend, die er in einer glücklichen christlichen Familie erleben durfte, denn bei gar manchen Worten sehen wir unwillkürlich das Bild seiner gütigen, edlen Mutter Virginia Graziosi vor uns, andererseits beweisen diese Erwägungen, wie sehr Pius XII. zutiefst Seelsorger ist. Dazu kommt, daß er als oberster Hirte mit Schrecken die Gefährdung der Familie in den letzten Jahrzehnten immer mehr wachsen sieht.

Bereits in seiner ersten Enzyklika „Summi Pontificatus“ vom 20. Oktober 1939 widmet er dieser Frage seine Sorge.

„In schmerzhafter Klarheit stehen vor Unserem Blick die Gefahren, die dem heutigen und kommenden Geschlecht aus der Verkennung, Verkürzung und fortschreitenden Auslöschung der Eigenrechte der Familie erwachsen müssen. Darum erheben Wir Uns, in vollem Bewußtsein Unserer heiligen Amtspflicht, zu ihrem freimütigen Anwalt. Nirgendwo werden die äußeren und inneren, die materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit so bis zur Neige verkostet, nirgendwo die vielfachen Irrtümer in ihren tausend Auswirkungen so bitter durchlitten wie innerhalb der Klein- und Edelzelle der Familie. Ein richtiger Wagemut, ja ein Heldentum, das in seiner Schlichtheit dreifach achtunggebietend dasteht, ist oft vonnöten, um die Härten des Lebens, die tägliche Leidenslast, die wachsenden Entbehrungen und fortschreitende Einengung zu ertragen, die ein früher nie gekanntes Ausmaß erreichen und deren innerer Sinn und sachliche Notwendigkeit oft nicht zu sehen sind. Wer in der Seelsorge steht, wer in die Herzen schauen kann, weiß um die heimlichen Tränen der Mütter, um den stillen Schmerz ungezählter Väter, weiß um die Bitternis, von der keine Statistik spricht noch sprechen kann… Der Auftrag, den Gott den Eltern gab, für die materielle und seelische Wohlfahrt ihrer Kinder zu sorgen und ihnen eine ausgeglichene Erziehung im Geiste echter Religiosität zu vermitteln, kann ihnen von niemandem ohne schwere Rechtsverletzung entrissen werden… Eine Erziehung jedoch, die darauf vergäße oder gar bewußt unterließe, Auge und Herz der Jugend auch auf das ewige Vaterland zu lenken, wäre ein Unrecht an der Jugend, ein Unrecht an den unabtretbaren Erzieherrechten und Erzieherpflichten der christlichen Familie — eine Grenzüberschreitung, die nach Abhilfe ruft, gerade auch im Interesse des Volkes und Staatswohls. Mag sie denen, die dafür verantwortlich sind, vorübergehend als Quelle wachsender Kraft und Macht erscheinen; in Wirklichkeit wäre sie das Gegenteil und ihre bitteren Auswirkungen würden das beweisen…

Derselbe Christus, der gesagt hat: Lasset die Kinder zu mir kommen, hat — bei all seiner erbarmenden Güte — ein schneidendes Wehe gerufen über jene, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis bereiten. Und welches Ärgernis wirkt vernichtender und nachhaltiger auf ganze Geschlechter als eine Fehlleitung der Jugenderziehung in eine Richtung, die von Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, wegführt in offenem oder getarntem Abfall von ihm. Dieser Christus, dem man die heutige und kommende Jugend zu entfremden sucht, er ist derselbe, der aus den Händen seines himmlischen Vaters alle Königsgewalt empfing im Himmel und auf Erden… Ein Erziehungs-system, das den von Gottes heiligem Gesetz umfriedeten Bannkreis der christlichen Familie nicht achtete, ihre sitt-lichen Grundlagen bedrohen, der Jugend den Weg zu Christus, zu den Lebens- und Freudenquellen des Heilands (vgl. Is 12, 3) versperren wollte, das gar den Abfall von Christus und seiner Kirche als Kennzeichen der Treue zum Volk oder einer bestimmten Klasse erachten sollte, würde sich selbst das Urteil sprechen und zu gegebener Zeit die unentrinnbare Wahrheit des Prophetenwortes an sich erfahren: ,Alle, die dich verlassen, werden in den Staub geschrieben‘ (Jer 17, 13)… Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laien-Apostolates fällt eine besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den Geist des jungen Geschlechts entscheidend. Solange am heimischen Herd des Christus-Glaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen Erlöser aus der Öffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen werden, wo von den Schulwänden das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie die providenzielle, in einem gewissen Grade der unangreifbare Zufluchtsort christlicher Glaubensgesinnung. Und — Gott sei es gedankt! — unzählige Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in großer Zahl, auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus Leid und Verfolgung bedeutet, harrt aus am Throne des Erlöserkönigs mit jener ruhigen, sicheren Entschlossenheit, die an die ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.“ 1

Gewiß ist zu bedenken, daß die Worte der Enzyklika 1939 in der Hauptsache als Mahnruf an die totalitären Staaten gerichtet sind. Die prophetischen Worte, die der Papst darin von ihrem Untergang gebraucht, sind für die Reiche Hitlers und Mussolinis bereits in Erfüllung gegangen. Der Krieg ist beendet. Aber der Frieden ist darum noch nicht gekommen, und die Worte Pius‘ XII. gelten uneingeschränkt auch für andere Staaten. „Die bitteren Auswirkungen“ jener Bedrängung der Familie sind in den Staaten, die jetzt wieder friedlich arbeiten können — vielleicht in einer Ruhepause — immer noch stark zu spüren.

Wenige Monate nach Erscheinen der Enzyklika spricht Pius XII. die Worte: „Die Familie ist die Grundlage der Gesellschaft. Wie der menschliche Körper sich aus lebendigen Zellen zusammensetzt, die nicht für sich allein nebeneinander bestehen, sondern durch die inneren und dauernden Beziehungen zueinander einen Gesamtorganismus darstellen, so wird auch die menschliche Gesellschaft nicht gebildet von einer Vielheit von Einzelpersonen, getrennten Wesen, die einen Augenblick erscheinen, um wieder zu verschwinden, sondern von der wirtschaftlichen Gemeinschaft und der sittlichen Verbundenheit der Familien, die das wertvolle Erbe desselben Ideals, derselben Kultur und desselben Glaubens von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen und so den inneren Zusammenhang und die zeitliche Fortdauer der Gemeinschaftsbande sichern. Der hl. Augustinus bemerkte das vor 1500 Jahren, als er schrieb, daß die Familie das Urelement und wie eine Zelle (particula) der Stadt sein muß. Und da jeder Teil hingerichtet ist auf das Ziel und

1 Stellen aus: „Summi Pontificatus“ — A. A. S. vol. 31 (1939) p. 581 s. — Jussen, S. 156 ff.

die Unversehrtheit des Ganzen, zog er daraus die Folgerung, daß der Friede am häuslichen Herd zwischen dem, der befiehlt, und dem, der gehorcht, die Eintracht unter den Bürgern fördert. (De civ. Dei, 1, 19, c. 16). Das wissen jene wohl, die Gott aus der menschlichen Gesellschaft verbannen und sie umstürzen wollen. Deshalb gehen sie darauf aus, der Familie die Achtung, ja sogar den Gedanken an das göttliche Gesetz zu nehmen, indem sie die Ehescheidung und die freie Liebe preisen, den Eltern die ihnen von Gott übertragene Aufgabe gegen ihre Kinder schwer machen, indem sie ihnen Angst machen wegen der materiellen Opfer und der moralischen Verantwortlichkeit, die die ehrenvolle Last einer zahlreichen Kinderschar mit sich bringt.“ 2 „Wer die Familie entheiligt, wird keinen Frieden haben; nur die christliche Familie, die mit Hilfe der Gnade das Gesetz des Schöpfers und Erlösers befolgt, ist Bürgschaft für den Frieden.“ 3

Im Jahre 1946 berührt der Papst vor den Teilnehmern des I. Nationalkongresses des italienischen Verbandes der Lehrer am 8. September das in allen Ländern immer brennender werdende Thema des Rechtes der Eltern auf eine konfessionelle Schule. Er führt aus:

„Gerade unsere Zeit hat gezeigt, daß die Ergebnisse der religionslosen Schule, die ja in Wirklichkeit schon anti-religiös ist oder es wird, schlimm waren. Sie hat nach den Erfahrungen des vergangenen wie auch unseres Jahrhunderts bittere Früchte gezeitigt und hat also ihren wahren Zweck verfehlt, während die christliche Erziehung in fast 2000 Jahren jede Bewährungsprobe bestanden hat… Euer Leitgedanke bekommt also folgenden Sinn: Laßt das Kind in der reinen Luft der christlichen Familie aufwachsen und gewährt ihm eine Schule, die im Einvernehmen mit dem Elternhaus und mit der Kirche an einer gesunden Bildung der Jugend arbeitet. Die Eltern

2 Rede vom 26. Juni 1940 (Z. S. 44 f. — vgl. Ideal, S. 79/8o).
3 Rede vom 19. Juli 1939 (Z. S. 17. — vgl. Ideal, S. 33).

haben ein primäres, in der Naturordnung begründetes Recht auf die Erziehung ihrer Nachkommenschaft, ein Recht, das unverletzlich ist und dem der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates voransteht, wie Unser glorreicher Vorgänger Pius XI. erklärte (Enzyklika ,Divini illius Magistri` vom 31. Dezember 1929). Aber auch der Kirche als Lehrerin und übernatürlichen Mutter der Seelen steht ein unmittelbares und höchst bedeutendes Recht auf Mitwirkung an der Erziehung und auf alles, was dazu notwendig und nützlich ist, zu, da ihr die Seelsorge unter den Menschen anvertraut und sie deshalb für die religiöse und sittliche Erziehung der Kinder verantwortlich ist. Wir beabsichtigen gewiß nicht, das Eigenrecht auch des Staates auf seinen Anteil an der Erziehung zu verneinen oder zu schmälern. Dieses Recht hat seine Grundlage im allgemeinen Wohl, das ihm gleichzeitig Maß und Grenze setzt. Das allgemeine Wohl aber verlangt, daß der Staat das der Familie und der Kirche zustehende Recht auf Erziehung schütze und achte.“ 4

In einer Ansprache über die Weltlage an das Hl. Kollegium der Kardinäle, das dem Papst seine Glückwünsche zum Namensfest überbrachte, äußert er sich am 2. Juni 1947 voll Trauer über die Familie: „In einem ähnlichen Zustand völliger Unsicherheit, einem Zustand, der sich verewigen zu wollen scheint, schwebt auch die Familie, diese naturgemäße Pflanz- und Bildungsstätte, in der der Mensch von morgen heranwächst und sich aufs Leben vorbereitet. Was wird ihr Schicksal sein? Herzzerreißend sind die Berichte, die aus den am schwersten heimgesuchten Gebieten zu Uns gelangen, über die Frau. Erschütternd ist vor allem die Lage jener Familienheime — wenn man herumirrende Menschengruppen noch so nennen kann —, auf welche die Treue der Gatten zu Gottes Gebot den Segen einer reichen Kinderschar herabgezogen hatte. Nach ihren im Vergleich

4 Hd. I (1946/47). S. 119 f.

zu anderen sehr oft besonders schweren Blutopfern im Kriege müssen sie nun noch den allgemeinen Mangel an Wohnung und Nahrung mit seinen Folgen ganz besonders spüren.

Nun wird Gott zu seinem Wort stehen, ganz im Gegensatz zu dem, was die höhnischen Bemerkungen der Egoisten und Lebemänner unterstellen; aber Unverstand, Herzlosigkeit, Übelwollen von außen machen den Helden der Ehepflichten das Leben fast unerträglich schwer. Tatsächlich kann nur ein wahres, von der göttlichen Gnade getragenes Heldentum in den Herzen der jungen Gatten das Verlangen nach einer zahlreichen Kinderschar und die Freude an ihr erhalten. Aber welche Erniedrigung liegt für die Welt darin, so tief gefallen zu sein, in soziale Verhältnisse, die dermaßen naturwidrig sind!

Vor Gott und vor der schmerzlichen Wahrheit der Tatsachen rufen Wir mit all Unserer Kraft um beschleunigte Abhilfe, Wir vertrauen darauf, daß Unser Notruf bis an die Grenzen der Erde gehört werde und ein Echo bei denen finde, die das öffentliche Leben verantwortlich leiten und wissen müssen, daß ohne die gesunde und lebenstüchtige Familie Volk und Nation verloren sind. Es gibt vielleicht nichts, was so dringend die Befriedung der Welt verlangt wie die unsagbare Not der Familie und der Frau!“ 5

In einem Dankschreiben an die deutschen Bischöfe für die Weihnachts- und Neujahrswünsche zeigt Pius XII. sein Wissen um die vielgestaltige Not Deutschlands und sein Mitempfinden und seinen Dank für alle bereits geleistete Arbeit. „Wir kennen diese Not in ihrer ganzen erschütternden Größe, in ihrer zerstörenden Wirkung auf die physische Lebenskraft und die seelische Gesundung eures Volkes. Wir wissen um die verheerenden sittlichen Folgen dieser Not vor allem für die Jugend, die Frau, die Familie und jenen Grundstock von sozialer

5 Ansprache vom 2. Juni 1947, A. A. S. vol. 39 (1947) P. 258 SS. Hd. I, 524.

Ordnung, ohne den eine christliche Kultur nicht zu bestehen vermag.“ 6

Vor den Teilnehmern einer Tagung des Internationalen Verbandes der Familienorganisationen sprach Papst Pius XII. in einer Audienz vom 21. September 1949 ausführlich über die Bedeutung der Familie und über Möglichkeiten, die zu ihrer Gesundung beitragen können: „Die Würde, die Rechte und die Pflichten des häuslichen Herdes, den Gott als Lebensquell der Gesellschaft eingerichtet hat, sind eben darum ebenso alt wie die Mensch-heit; sie sind unabhängig von der Macht des Staates (vgl. Leo XIII., Enzyklika ,Rerum Novarum`), aber wenn sie bedroht sind, muß dieser sie schützen und verteidigen. Rechte und Pflichten, die zu jeder Epoche der Geschichte und unter jedem Himmel gleich heilig sind, doppelt heilig in den tragischen Stunden des Unglücks, der Kriege, in denen immer die Familie das große Opfer ist. Und gerade weil sie das organische Element der Gesellschaft ist, stellt jedes gegen sie verübte Attentat ein Attentat auf die Menschheit dar. Gott hat in die Herzen des Mannes und der Frau wie einen eingeborenen Instinkt die eheliche Liebe, die väterliche und mütterliche Liebe, die kindliche Liebe gelegt. Wenn man daher diese dreifache Liebe entwurzeln oder lähmen will, so ist das eine Entweihung, die schon als solche Entsetzen einflößt und die unweigerlich das Vaterland und die Menschheit zum Untergang führt … Das Programm der Aktion, deren Ziel es ist, die Familie wieder zu festigen, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu heben, sie in den lebenden Mechanismus der Welt einzuordnen, kann man in einige ganz bestimmte Programmpunkte zusammenfassen: dem Unvermögen der Familie abzuhelfen, indem man ihr, was ihr fehlt, verschafft, damit sie ihre häusliche und soziale Funktion auszuüben vermag; die Familien untereinander zu einer

6 Brief vom i. März 5948. — Hd. II, S. 346.

festen, ihrer Kraft bewußten Front zusammenzuschließen; der Familie dazu zu verhelfen, daß ihre Stimme in den öffentlichen Angelegenheiten jedes Landes wie auch der ganzen Gesellschaft gehört wird, so daß sie niemals unter diesen zu leiden hat, sondern im Gegenteil in möglichst weitem Ausmaße von ihnen profitiert. Es ist also vor allem wichtig, daß die Familie und ihr Wesen, ihr Zweck und ihr Leben unter ihrem wahren Gesichtspunkt betrach­tet werden, das heißt unter dem Gottes und seines religiösen und moralischen Gesetzes. Ist es nicht beklagenwert, anzusehen, zu welchen Lösungen der schwierigsten Probleme eine materialistische Anschauung hinabsinkt: Auflösung der Familie durch eine Zuchtlosig­keit der Sitten, die durch eine nicht mehr tragbare Freiheit ermöglicht wurde; Zerrüttung der Familie durch die in allen Formen in die Gesetzgebung eingeführte Eugenik; materielle und sittliche Unterjochung der Familie, in der die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder allmählich auf die Stufe von Verurteilten herabgedrückt wurden, die jeder väterlichen Gewalt beraubt sind. Die Auffassung der Familie, vom Standpunkt Gottes aus betrachtet, wird notwendigerweise zum einzigen Grundsatz einer ehrlichen Lösung führen: alle Mittel zu gebrauchen, um die Familie in den Stand zu versetzen, sich selbst zu genügen und ihren Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten … Was damals [nach dem ersten Weltkrieg] notwendig war und was hier und da mit gleichem Mute versucht worden ist, das ist eine Politik großen Stiles, die die Gebäude leert, in denen die Mieter wie in Kasernen hausen, und die statt dessen Familienwohnstätten schafft. Heute, nach dem zweiten Weltkrieg, ist diese Forderung sicher an die erste Stelle gerückt.

Dazu muß die Bildung eines geschärften Gewissens für die Verantwortlichkeit bei der Gründung einer Familie, die Entwicklung eines gesünderen Familienlebens in einem Eigenheim kommen, das für den Geist ebenso wohltätig ist wie für das Herz. Wir haben nicht versäumt, auch die Organisationen zu erwähnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, besser auf die Aufgaben und Pflichten der Ehe vorzubereiten. Welche Hilfe können hier Presse, Radio und Film leisten, und wie schwer ist ihre Verantwortung im Hinblick auf die Familie! Sollte der Film sich nicht in der Tat, anstatt sich in der Darstellung von Ehe­scheidungen und Ehetrennungen zu erniedrigen, in den Dienst der Einheit der Ehe, der ehelichen Treue, der Gesundung der Familie und des Glückes des häuslichen Herdes stellen? Das Volk verlangt nach einer edleren und höheren Auffassung vom häuslichen Leben. Der un­erwartete Erfolg gewisser Filme der letzten Zeit beweist es. Wir wollen ebenfalls auf die bereits geleistete Hilfe hin­weisen: auf die Hilfe für die Kinder, für die Jugendlichen, auf die Erholungsheime für Mütter, auf die so wohltätige Organisation der Soforthilfe für überlastete Familien ­wenn es z. B. für die Mutter nicht mehr möglich ist, die Hausarbeiten selbst zu verrichten —; es ist ein ungeheuer großes Arbeitsfeld, das sich den öffentlichen Fürsorge­organisationen, vor allem aber der privaten Caritas bietet. Wir wollen natürlich die größte Aufmerksamkeit auf die kinderreichen Familien lenken: Steuerermäßigung, Unter­stützungen, Gehaltszulagen, die nicht als eine freiwillige Gabe angesehen werden sollen, sondern eher als eine sehr bescheidene Entschädigung für den großen sozialen Dienst, den die Familie, besonders die kinderreiche, erweist. Sehr zu Recht verleiht ihr in euren Statuten eurem Willen Nachdruck, die Bande der Solidarität zwischen allen Familien der Welt zu stärken; das ist eine sehr günstige Bedingung für die Erfüllung ihrer Funktion als lebenskräftige Zellen der Gesellschaft. Wie viele kost­bare moralische Kräfte würden sich so vereinigen, um gegen den Krieg im Dienste des Friedens zu kämpfen! Daß sich alle Familien der Welt zusammenschließen, um sich gegenseitig zu helfen, um die bösen Kräfte durch ihre gesunde und fruchtbare Kraft zu überwinden, ist sehr gut. Noch ein Schritt bleibt zu tun: den Geist der christlichen Familie auf die Ebene der Nation, der inter­nationalen Beziehungen, der Welt auszudehnen! So wenig eine einzelne Familie nur die Zusammenfassung ihrer Mitglieder unter einem Dach ist, so wenig soll die Gesellschaft die einfache Summe der Familien sein, die sie bilden. Sie soll aus dem familienhaften Geist leben, der sich auf die Gemeinschaft von Herkunft und Ziel gründet. Wenn die Lebensumstände unter den Gliedern einer Familie Ungleichheit schaffen, so hilft man sich gegenseitig. So sollte es auch zwischen den Gliedern der großen Familie der Nationen sein. Zweifellos ein hohes Ideal! Doch warum sollte man sich nicht sofort an die Arbeit machen, so fern die Verwirklichung auch scheinen mag? Selbst die bedrückenden Fragen der kontinentalen und der Weltwirtschaft würden unter diesem Gesichts­punkt eine fühlbare Entspannung und wohltätige Hilfe erfahren. Die Arbeit, die zu tun übrig bleibt, ist also unermeßlich und wird nur durch allmähliche Fortschritte erfüllt werden. Euer Eifer richtet sich darauf, diese Fort­schritte zu vertiefen und zu beschleunigen.“ 7

Zwei Jahre später, fast am gleichen Tage, griff Papst Pius XII. in einer Ansprache vor einer Gruppe der französischen Katholischen Aktion das Thema „Über die Heiligkeit, Rechte und Pflichten der Familie“ wieder auf. „Der Staat sollte also gerade aus Selbsterhaltungstrieb das erfüllen, was wesentlich und nach dem Plan Gottes, des Schöpfers und Erlösers, seine erste Pflicht ist, nämlich bedingungslos die Werte schützen, die der Familie Ordnung, Menschenwürde, Gesundheit und Glück sichern. Diese Werte, die die Elemente des Gemeinwohles selber sind, dürfen niemals irgend etwas geopfert werden, was als ein Gemeingut erscheinen könnte. Weisen Wir beispiels­halber nur auf einige hin, die heute in größter Gefahr sind: die Unauflöslichkeit der Ehe; der Schutz des Lebens vor der Geburt; die angemessene Wohnung für die

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 551 ss. — teilweise: Hd. IV, 112 ff.

Familie, nicht nur mit einem oder zwei Kindern, oder selbst ohne Kinder, sondern für die normale, zahlreichere Familie; die Arbeitsbeschaffung, denn die Arbeitslosigkeit des Vaters ist die bitterste Not für die Familie; das Recht der Eltern über ihre Kinder gegenüber dem Staat; die volle Freiheit der Eltern, ihre Kinder im wahren Glauben zu erziehen, und folglich auch das Recht der katholischen Eltern auf die katholische Schule; die Verhältnisse des öffentlichen Lebens und besonders einer öffentlichen Mo­ral, die so geschaffen sein sollte, daß die Familien und besonders die Jugend nicht mit moralischer Gewißheit durch sie verdorben werden … Doch was die wesent­lichen Rechte der Familie anbetrifft, so werden sich die wahren Gläubigen der Kirche bis zum letzten einsetzen, um sie zu erhalten. Es wird hier und da geschehen kön­nen, daß man sich in dem einen oder anderen Punkt ge­nötigt sieht, vor der Überlegenheit der politischen Kräfte zurückzuweichen. Aber in diesem Fall kapituliert man nicht, sondern man wartet geduldig. Außerdem muß in einem solchen Fall die Lehre unversehrt bleiben, alle wirk­samen Mittel müssen eingesetzt werden, um allmählich dem Ziel näher zu kommen, auf das man nicht verzichtet hat.“ 8

Eine weitere große Ansprache über „Familiennot und Familienhilfe“ hielt Pius XII. zwei Monate später, am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Natio­nalen Kongresses „Front der Familie“ in Audienz empfing. Der erste Teil dieser Rede ist wieder den allgemeinen Nöten der Familie gewidmet, von denen er bereits in der letzten Ansprache in teilnahmsvollen Worten gesprochen hatte.

„In der Ordnung der Natur, unter den sozialen Schöpfun­gen gibt es keine, die der Kirche mehr am Herzen liegt als die Familie. Die Wurzel der Familie, die Ehe, hat Chri­stus zur Würde eines Sakramentes erhoben. Die Familie hat in all dem, was ihre unverletzlichen Rechte, ihre Frei‑

8 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 730 ss. — Hd. VI, 68.

heit und die Ausübung ihrer hohen Aufgabe angeht, in der Kirche immer Verteidigung, Schutz und Hilfe gefunden … Eine Familienbewegung, die, wie die eure, sich dafür einsetzt, im Volke voll und ganz die Ideale der christlichen Familie zu verwirklichen, wird sich immer durch ihre innere, sie beseligende Kraft wie durch die Nöte des Volkes, in dessen Mitte eure Bewegung lebt und wächst, in den Dienst jenes bekannten dreifachen Zieles stellen, das den Gegenstand eurer Bestrebungen bildet: Einfluß ausüben durch die Gesetzgebung in dem weiten Ausmaß, in dem sie mittel- oder unmittelbar die Familie berührt; Solidarität der christlichen Familien untereinander; christliche Kultur der Familie. Dieser letztere Gegenstand ist grundlegend; die beiden ersteren wollen zusammenwirken, ihn zu unterstützen und ihn zu fördern.

Zu den verschiedensten Gelegenheiten haben Wir zu Gunsten der christlichen Familie gesprochen. In den meisten Fällen taten Wir es, um ihr zu helfen oder um andere zu ihrer Hilfe aufzurufen, wenn es darum ging, sie aus schwerster Not zu erretten. Insbesondere taten Wir es, um sie im Kriegsunglück zu unterstützen. Bei weitem waren noch nicht die durch den ersten Weltkrieg verursachten Schäden geheilt, als der zweite, noch furchtbarere Weltkrieg hereinbrach, um sie ins Unermeßliche zu steigern. Noch vieler Zeit und vieler Mühen seitens der Menschen und noch größeren göttlichen Beistandes wird es bedürfen, bis die tiefen Wunden, die diese beiden Kriege der Familie zugefügt haben, wirklich vernarbt sind. Ein anderes übel, das teilweise ebenso von den Kriegszerstörungen herkommt, darüber hinaus aber auch in einer Überbevölkerung oder in verkehrten bzw. selbstsüchtigen Tendenzen seinen Grund hat, ist die Wohnungskrise. Alle diejenigen, die sich mühen, hier Abhilfe zu schaffen, Gesetzgeber, Staatsmänner, Mitglieder sozialer Werke, erfüllen, sei es auch nur indirekt, ein höchstwertiges Apostolat.

Dasselbe gilt für den Kampf gegen die Geißel der Arbeitslosigkeit, für die Sicherstellung eines hinreichenden Familieneinkommens, damit die Mutter, wie es leider häufig der Fall ist, sich nicht gezwungen sieht, außerhalb des Hauses eine Arbeit zu suchen, sondern sich mehr dem Mann und der Familie widmen kann.
Die Arbeit zu Gunsten der Schule und der religiösen Erziehung bedeutet ebenfalls einen wertvollen Beitrag zum Wohl der Familie, wie auch die Pflege einer gesunden Natürlichkeit und anspruchslosen Lebensart, sowie die Ver-tiefung religiöser Überzeugungen; ferner im Bereich der Familie einer Atmosphäre christlicher Reinheit Raum zu schaffen, die geeignet ist, die Familie vor den schädlichen äußeren Einflüssen zu schützen und von all jenen krank-haften Erregungen freizuhalten, die in der Seele des Jugendlichen ungeordnete Leidenschaften wecken.
Aber es gibt noch eine tiefergreifende Not, von der man die Familie bewahren muß, eine entwürdigende Versklavung: dahin wird die Familie gebracht durch eine Mentalität, die darauf ausgeht, aus ihr lediglich einen Organismus im Dienste der kollektiven Gemeinschaft zu machen, um für diese eine hinreichende Masse von ‚Menschenmaterial‘ zu schaffen.“ 9

Am 23. März 1952, dem „Tag der Familie“ der Katholischen Aktion Italiens, sprach der Papst über den Rundfunk: „Über das Wesen des christlichen Gewissens, seine Bedeutung und Stellung innerhalb der christlichen Moral und über die Gewissenserziehung“. Diese Ansprache steht inhaltlich der Rede an die Jugend vom 19. April 1952 sehr nahe, in der er wenige Wochen später das Thema der „neuen Moral“ weiter ausführt und über die Situationsethik spricht.10

„Die Familie ist die Wiege, in der ein neues Leben entsteht und sich entwickelt. Damit es nicht zugrunde geht, bedarf es der Sorge und Erziehung. Dies ist das Grundrecht und die Grundpflicht der Eltern, die Gott ihnen unmittelbar verliehen und auferlegt hat. Inhalt und Ziel

9 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 85 ss. — Hd. VI, 17o ff.

10 Vgl. S. 226 ff.

der Erziehung in der natürlichen Ordnung ist die Ent-wicklung des Kindes zu einem vollen Menschen. Inhalt und Ziel der christlichen Erziehung ist die Bildung des neuen, in der Taufe wiedergeborenen menschlichen Wesens zu einem vollkommenen Christen. Diese Pflicht war immer schon Brauch und Stolz der christlichen Familien . . . Wir möchten aber auf eine Grundwirklichkeit aufmerksam machen, die die Grundlage und Stütze der Erziehung, besonders der christlichen Erziehung ist, die aber einigen auf den ersten Blick als nebensächlich erscheint. Wir wollen von dem sprechen, was zutiefst und zuinnerst im Menschen ist: sein Gewissen. Wir sind darüber unterrichtet, daß einige Strömungen des modernen Denkens beginnen, den Begriff des Gewissens zu entstellen und seinen Wert anzufechten. Wir wollen also das Gewissen behandeln, insofern es Gegenstand der Erziehung ist … Um genau zu verstehen, daß das Gewissen erzogen werden kann und muß, ist es von Nutzen, auf einige Grundbegriffe der katholischen Lehre einzugehen. Der göttliche Heiland hat dem unwissenden und schwachen Menschen seine Wahrheit und seine Gnade gebracht. Die Wahrheit, um ihm den Weg zu weisen, der zu seinem Ziele führt, die Gnade, um ihm die Kraft zu geben, daß er dieses Ziel erreichen kann.

Diesen Weg zu durchlaufen, bedeutet in der Praxis, den Willen und die Gebote Christi anzunehmen und nach ihnen das Leben auszurichten, das heißt alle einzelnen Akte, die inneren wie die äußeren, die der freie menschliche Wille erwählt und für die er sich entscheidet. Welches ist nun das Seelenvermögen, das im Einzelfall dem Willen zeigt, welche Akte dem göttlichen Willen gemäß sind, damit der Wille wähle und entscheide, wenn nicht das Gewissen? Es ist also das getreue Echo, der reine Widerhall der göttlichen Norm in den menschlichen Handlungen . . . Daraus ergibt sich, daß die Bildung des christlichen Gewissens eines Kindes oder eines Jugendlichen vor allem darin besteht, ihren Geist über den Willen Christi, sein Gesetz und seinen Weg aufzuklären und außerdem auf ihre Gesinnung einzuwirken, soweit sich das von außen her machen läßt, um sie zu einer freien und beständigen Erfüllung des göttlichen Willens anzu­leiten. Dies ist die höchste Aufgabe der Erziehung … … Wie in der dogmatischen Lehre, so möchte man nun auch in der katholischen Sittenordnung eine radikale Revi­sion vornehmen, um daraus eine neue Wertung abzuleiten. Der erste Schritt, oder besser gesagt, der erste Schlag gegen das Gebäude der christlichen, sittlichen Normen soll darin bestehen, daß man sie loslöst von der, wie man behauptet, beengenden und bedrückenden Überwachung durch die Autorität der Kirche. Die Moral soll von den Spitzfindigkeiten der kasuistischen Methode befreit, zu ihrer ursprünglichen Form zurückgeführt und einfachhin der Einsicht und der Bestimmung des individuellen Ge­wissens anheimgestellt werden. Jeder sieht, zu welch un­heilvollen Folgen eine solche Umwälzung der eigentlichen Grundlage der Erziehung führen würde. Wir unterlassen es, auf die offenbare Unerfahrenheit und Unreife der Ur­teile derjenigen hinzuweisen, die derartige Meinungen vertreten. Doch wird es nützlich sein, den Hauptfehler dieser ,neuen Moral‘ ins Licht zu setzen. Sie stellt jedes sittliche Kriterium dem persönlichen Gewissen anheim, das, stolz in sich verschlossen, der absolute Richter über seine Entscheidungen ist. So ist sie weit entfernt, ihm den Weg zu erleichtern. Sie würde es vielmehr von dem eigentlichen Weg, der da Christus ist, abbringen. Der göttliche Erlöser hat seine Offenbarung, zu der die sitt­lichen Pflichten als wesentliche Bestandteile gehören, nicht etwa den einzelnen Menschen anvertraut, sondern seiner Kirche, der er den Auftrag gegeben hat, die Menschen zu führen, damit sie in Treue sein heiliges Vermächtnis annehmen .

Die ,neue Moral‘ stellt die Behauptung auf, daß die Kirche, statt das Gesetz der menschlichen Freiheit und Liebe zu pflegen und es mit Nachdruck zur treibenden Kraft des sittlichen Lebens zu machen, fast ausschließlich und mit übertriebener Strenge auf der Festigkeit und Unbeugsamkeit der christlichen Sittengesetze besteht und häufig ihre Zuflucht nimmt zu dem: ,Ihr seid verpflichtet‘ und ,Es ist nicht erlaubt‘, was doch allzusehr nach demütigender Pe-danterie schmeckt.

Nun will aber die Kirche, und sie hebt es ausdrücklich hervor, wenn es sich um die Bildung des Gewissens handelt, daß der Christ in die unendlichen Reichtümer des Glaubens und der Gnade in überzeugender Form eingeführt werde, so daß er sich angeregt fühlt, tief in sie einzudringen. Die Kirche kann aber nicht darauf verzichten, die Gläubigen zu ermahnen, daß diese Reichtümer nur um den Preis genauer sittlicher Verpflichtungen erworben und bewahrt werden können . . . So trifft die Anklage wegen drückender Härte, die die ,neue Moral` gegen die Kirche erhebt, in Wirklichkeit an erster Stelle die anbetungswürdige Person Christi. Im Bewußtsein des Rechtes und der Pflicht des Apostolischen Stuhles, wenn nötig mit Autorität in die sittlichen Fragen einzugreifen, haben Wir es Uns in Unserer Rede vom 29. Oktober des letzten Jahres zur Aufgabe gemacht, die Gewissen über die Probleme des ehelichen Lebens aufzuklären.11 Mit derselben Autorität erklären Wir heute den Erziehern und der Jugend selbst: Das göttliche Gebot der Reinheit der Seele und des Leibes gilt ohne Abschwächung auch für die heutige Jugend. Auch sie hat die sittliche Pflicht und mit Hilfe der Gnade die Möglichkeit, sich rein zu erhalten. Wir weisen also die Behauptung derer als irrig zurück, die die Niederlagen in den Jahren der Pubertät für unvermeidlich halten, für Dinge, die es nicht verdienen, daß man von ihnen viel Aufhebens macht, als wären sie keine schwere Schuld. Denn gewöhnlich, fügen jene hinzu, hebt die Leidenschaft die Freiheit auf, die für die sittliche Verantwortlichkeit eines Aktes notwendig ist. Im Gegensatz zu

11 Wir verweisen auf die Rede im folgenden Kapitel S. 91 ff. 80

dieser Meinung ist es eine verpflichtende und weise Regel, daß der Erzieher nicht versäumt, dem jungen Menschen die hohen Werte der Reinheit darzustellen, um sie dahin zu führen, sie zu lieben und für persönlich erstrebenswert zu halten. Auf alle Fälle sollen die Erzieher klar das Ge­bot als solches, in seiner ganzen Schwere und Ernsthaftig­keit, als göttliche Anordnung erklären. So werden sie die jungen Menschen anspornen, die nächsten Gelegenheiten zu meiden; der Erzieher wird sie stärken in einem Kampf, dessen Härte er ihnen nicht verheimlichen wird; er wird sie dahin führen, daß sie mutig die Opfer bringen, die die Tugend fordert, und er wird sie ermahnen, auszuhalten und nicht der Gefahr zu erliegen, die Waffen schon im Anfang wegzuwerfen und widerstandslos den verkehrten Gewohnheiten sich zu ergeben.

Noch mehr als auf dem Gebiete des privaten Lebens wol­len heute viele die Geltung des Sittengesetzes aus dem öffentlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben, aus der Tätigkeit der öffentlichen Gewalten im Innern und Äuße­ren, im Frieden und im Kriege ausschließen, als wenn Gott dazu nichts, wenigstens nichts unbedingt Verpflich­tendes zu sagen hätte. Die Verselbständigung der äuße­ren menschlichen Tätigkeiten, zum Beispiel der Wissen­schaften, der Politik, der Kunst, gegenüber der Moral wird zuweilen in philosophischer Art mit der Autonomie be­gründet, die ihnen zusteht, sich auf ihrem Gebiet aus­schließlich nach den eigenen Gesetzen zu richten, wenn man auch zugibt, daß diese für gewöhnlich mit den sitt­lichen Gesetzen zusammenfallen … Die rein theoretische Trennung hat keinen Sinn im Leben, das immer eine Syn­these ist. Denn das einzige Subjekt jeder Art von Tätig­keit ist der Mensch selbst, dessen freie und bewußte Akte der sittlichen Bewertung nicht entgehen können…

Das war es, was Wir euch heute sagen wollten, geliebte Söhne und Töchter, die ihr Uns zuhört… Erzieht die Gewissen eurer Kinder mit zäher und beharrlicher Sorge. Erzieht sie zur Furcht wie zur Liebe Gottes. Erzieht sie zur Wahrhaftigkeit. Aber seid zuerst selber wahrhaftig und verbannt aus eurer erzieherischen Tätigkeit alles, was nicht echt und wahr ist. Prägt in die Gewissen der jungen Menschen den richtigen Begriff von Freiheit ein, von der wahren Freiheit, wie sie eines Geschöpfes, das nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, würdig und ihm eigentümlich ist. Sie ist etwas ganz anderes als Auflösung und Zügellosigkeit. Sie ist vielmehr die erprobte Möglichkeit zum Guten, sie ist der Entschluß, es zu wollen und zu vollbringen (vgl. Gal 5, 13). Sie ist die Herrschaft über die eigenen Fähigkeiten, Instinkte und Erlebnisse. Erzieht sie zum Beten und dazu, daß sie aus den Quellen der Buße, der heiligen Eucharistie das schöpfen, was die Natur nicht geben kann: die Kraft, nicht zu fallen, die Kraft, wieder aufzustehen. Schon als junge Menschen sollen sie innewerden, daß sie ohne die Hilfe dieser übernatürlichen Kräfte weder gute Christen noch einfachhin ehrenhafte Menschen zu sein vermögen, denen ein glückliches Leben beschieden ist. Doch so gerüstet, werden sie nach dem Höchsten streben können, werden sie sich der großen Aufgabe hinzugeben vermögen, deren Erfüllung ihr Ruhm sein wird: Christus in ihrem Leben zu verwirklichen.“ 12

Hören wir noch, was Pius XII. in einem Schreiben vom 1. Jänner 1954 an die Bischöfe Italiens „Über das Fernsehen“, über dessen Bedeutung innerhalb der Familie zu sagen hat. „Wie sollen Wir Uns nicht darüber freuen, daß Wir sehen, wie das Fernsehen dazu beiträgt, das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem es der ganzen Familie, fernab von den Gefahren ungesunder Gesellschaften und Orte, eine ehrbare Unterhaltung ermöglicht…“

Demgegenüber sieht er aber auch eine große Gefahr des Fernsehens für die Familie. „Man kann sich deshalb leicht darüber Rechenschaft geben, wie nahe das Fernsehen vor allem die Erziehung der Jugend und die

12 A. A. S. vol. 44, 1 (1952) p. 270 SS. – Hd. VI, S. 36o ff. 82

Gesundheit des Familienheimes angeht. Wenn man nun an den unschätzbaren Wert der Familie denkt, der die Urzelle der Gesellschaft ist, und wenn man darüber nach­denkt, daß in den häuslichen Wänden nicht nur die kör­perliche, sondern auch die geistige Entwicklung der Kin­der ihren Anfang nehmen und sich entwickeln muß, in denen die kostbare Hoffnung der Kirche und des Vater­landes liegt, dann können Wir es nicht unterlassen, alle diejenigen, die an der Verantwortung für das Fernsehen beteiligt sind, darauf hinzuweisen, daß die Pflichten und Verantwortlichkeiten, die vor Gott und der Gesellschaft auf ihnen liegen, allerschwerster Natur sind. Vor allem ist es Sache der Behörden, jede Vorsorge zu treffen, daß in keiner Weise jene Atmosphäre der Reinheit und Dis­kretion beleidigt oder getrübt wird, die über dem Heim der Familie liegen muß… Vor Unserem Geiste steht un­unterbrochen das traurige Bild der verderblichen und um­stürzenden Macht der Filmschauspiele. Aber wie sollte man nicht erschrecken bei dem Gedanken, daß mittels des Fernsehens jene vergiftete Atmosphäre des Materialismus, der Oberflächlichkeit und des Hedonismus, die man allzu­oft in so vielen Kinosälen einatmet, in die Wände des Hauses eindringen kann? Man könnte sich wirklich kein größeres Unglück für die geistigen Kräfte des Volkes vor­stellen, als wenn sich diese eindrucksmächtigen Darstel­lungen von Vergnügen, Leidenschaft und Sünde, die ein für allemal das Gefüge von Reinheit, Güte und gesunder persönlicher und sozialer Erziehung erschüttern und rui­nieren können, im Schoß der Familie vor so vielen un­schuldigen Seelen wiederholen würden.“ 13

Pius XII. fordert darum die verantwortliche Be­hörde zur Überwachung auf und verlangt katholische Mit­arbeit am Fernsehen, gemäß seinem Grundsatz, daß alle Fortschritte der Technik für die „Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“ nutzbar gemacht werden sollen.

13 A. A. S. vol. 46 (1954) p. 18 ss. — Hd. VIII, S. 229 f.

Im Juni 1954 fand zum ersten Male eine Gemeinschafts-sendung der verschiedenen europäischen Fernsehstationen statt, an der auch der Vatikansender teilnahm und Papst Pius XII. am Pfingstsonntag, den 6. Juni, in fünf Sprachen selbst vor der Fernsehkamera über die Bedeutung des Fernsehens sprach:

„… Das Fernsehen hat es auf die interessantesten Vorfälle des menschlichen Lebens abgesehen, und zwar gerade in dem Augenblick, da sie sich ereignen. Handle es sich nun um wissenschaftliche, künstlerische oder sportliche Ereignisse, um technische Bereiche oder soziale Belange: heute will jeder sofort unterrichtet werden, sozusagen daran teilnehmen und selber Augenzeuge sein. Der Wille, nur hochstehende Programme zu gestalten, nötigt zur Zusammenarbeit: dadurch werden die Lasten verteilt und das Bearbeitungsgebiet erweitert.“ (Aus dem französischen Abschnitt.)

„ . . . Kaum hat sich indes die weittragende Be-deutung dieses Werkzeugs zur Verbreitung von Kenntnissen und Wissen gezeigt, als sich schon gleich ein heikles Problem zu Wort meldet: Wie steht es um den sittlichen Wert der zum Teil neuen Welt, die das Fernsehen noch viel umfassender und anziehender eröffnet als Radio und Film? Ist es nicht möglich, daß sich neben Bestem auch anderes findet, das ein sittsames Empfinden verletzt? Ist es deshalb nicht doch wohl die erste und selbstverständliche Pflicht der Fernsehunternehmen wie der Zuschauer, eine umsichtige und passende Auswahl zu treffen? Der Gesellschaftskörper von heute weist bereits zu viele offene Wunden auf, die ihm die zersetzende Tätigkeit einer bestimmten Art von Presse, Film und Radio geschlagen hat. Wird vielleicht das neue, noch wirksamere Mittel das Übel nur verschlimmern, oder wird man von Anfang an sich bereit finden, etwas wirklich Aufbauendes und echt Gesundes zu schaffen? Die Sorge um den nötigen Absatz verleitet die Unternehmen oft zur Verbreitung von Unterhaltungsstoff und Stücken, die auf die minder edlen

menschlichen Instinkte abgestimmt sind und ihnen schmei-cheln. Es genügt nicht, die Folgen eines solchen Übels, besonders die diesseitstrunkene-selbstische Vergnügungssucht mit dem verschlossenen, harten Herzen gegenüber der Not und den Wünschen der Mitmenschen zu beklagen. Man muß in geeigneter Weise vorbeugen. Will die Television ihre glänzenden Versprechungen halten, so möge sie sich hüten, sich der billigen Künste zu bedienen, die nicht weniger dem guten Geschmack als dem sittlichen Empfinden so sehr widersprechen; sie möge davon Abstand nehmen, sich auf die unnatürlichen Erzeugnisse eines kranken Zeitgeistes einzulassen; es sei ihr vielmehr darum zu tun, die wahre Schönheit zur Anerkennung zu bringen und alles, was die Menschheitskultur und besonders die christliche Religion an Gesundem, Hohem und Bestem hervorgebracht hat und hervorbringt.“ (Aus dem deutschen Abschnitt.)

„Das Fernsehen kann Bilder vom tiefsten Trachten und Sehnen der Menschen auf den Bildschirm bannen: Bilder menschlicher Verbrüderung, Bilder von Gerechtig-keit und Frieden, Bilder von Familien- und Heimatliebe. Wir denken jetzt vor allem auch an euch, die ihr durch Krankheit oder Gebrechen ans Haus gefesselt seid und darum mehr als die anderen das Bedürfnis empfindet, im Geiste den heiligen Handlungen zu folgen und so euer Gebet mit jenem der Kirche zu vereinen. Euch versetzt nun das Fernsehen noch besser als das Radio ins Heiligtum. Möge diese europäische Gemeinschaftssendung Symbol und Versprechen sein — Symbol der Eintracht unter den Nationen: man kann sich so besser verstehen lernen, die Schönheiten anderer Länder und Kulturschätze kosten. So können Vorurteile zu Fall gebracht werden.“ (Aus dem englischen Abschnitt.)…14

Möge am Schluß dieses Kapitels die Mahnung des Heiligen Vaters zum Familiengebet stehen, wie er sie

14 A. A. S. vol. 46, p. 369 ss. — Hd. VIII, S. 45o f.

wiederum in einem Schreiben an Kardinal Griffin ausspricht:
„Das mächtigste Gegenmittel gegen die Übel, die die menschliche Gesellschaft in Gefahr bringen, ist das Gebet, zumal das gemeinschaftliche Gebet… Und welche Form gemeinschaftlichen Gebetes ist einfacher und wirksamer als der Familienrosenkranz, durch den Eltern und Kinder sich in flehentlichem Gebet zum ewigen Vater vereinigen, mittels der Fürsprache ihrer so liebevollen Mutter und in Betrachtung der heiligen Geheimnisse unseres Glaubens. Es gibt kein sichereres Mittel, Gottes Segen auf die Familie herabzuziehen und besonders den häuslichen Frieden und das Glück zu bewahren, als das tägliche Rosenkranzgebet. Abgesehen von seiner fürbittenden Kraft kann der Familienrosenkranz sehr weitreichende Wirkungen haben. Wenn die Gewohnheit dieser frommen Übung den Kindern in jungem und eindrucksfähigem Alter eingeprägt wird, werden sie auch später dem Rosenkranz treu bleiben, und ihr Glaube wird daraus Nahrung und Stärke ziehen.“ 15

15 Schreiben vom 14. Juli 1952. A. A. S. vol. 44, 2 (1952) P. 625. Hd. VII (1952/53) S. 18.

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS MUTTER

Die Ehe ist nicht Selbstzweck, sondern von Gott einge­setzt für die Nachkommenschaft. So ist also die Krönung der Ehe für die Frau die Mutterschaft. Zahllos sind die Worte, die der Papst den Frauen darüber zu sagen hat. Er verlangt für dieses Amt eine besonders sorgfältige Vorbe­reitung, wie er es ausdrücklich in seiner großen Ansprache vom 26. Oktober 1941 vor den italienischen Frauen der Katholischen Aktion am Christkönigsfest zum Ausdruck bringt. „Aber es genügt nicht, daß man von einer Pflicht weiß und den Willen hat, sie zu erfüllen; man muß sich auch die Fähigkeit aneignen, sie gut zu erfüllen. Nun seht ihr etwas Seltsames, das auch Pius XI. in seiner En­zyklika (,Divini illius Magistri‘) vom 31. Dezember 1929 (über die christliche Erziehung der Jugend) beklagte: Während es niemand in den Sinn kommen würde, plötz­lich und auf einmal, ohne Lehrzeit und Vorbereitung, Handwerker oder Techniker, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden, verheiraten und vereinigen sich alle Tage nicht wenige junge Männer und junge Frauen, ohne auch nur einen Augenblick daran gedacht zu haben, sich auf die schwierigen Pflichten vorzubereiten, die sie bei der Erzie­hung ihrer Kinder erwarten.“ 1

Was der Papst hier in einer Schulung der italienischen Frauen ausführt, ist grundlegend auch für seine späteren

1 A. A. S. vol. 33 (1941) p. 450-458.— „Gerechtigkeit schafft Frie­den.“ Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII. Herausgegeben von W. Jussen S. J., Hansa Verlag, Hamburg 1947. S. 237 f. (zit. als „Jussen“).

Reden über diesen Pflichtenkreis. Die Ansprache vom Oktober 1941 über die Pflichten der Mutter in der Erziehung der Kinder ist an Bedeutung der späteren großen Rede „Über die Pflichten der Frau im sozialen und politi­schen Leben“ vom Oktober 1945 gleichzustellen; grund­legende Fragen in beiden Hauptberufszweigen der Frauen werden richtunggebend beantwortet. Daß die ersten Reden des Papstes bis 1945 sich an Italienerinnen wen­den, ergibt sich aus der Kriegslage, die es den Frauen anderer Nationen damals noch unmöglich machte, nach Rom zu kommen. Aber der Inhalt seiner Ansprachen ist an alle Frauen gerichtet, auch an diejenigen, die vorerst noch nicht anwesend sein konnten. Da in den Jahren des Nationalsozialismus die Papstreden in Deutschland und einigen anderen Ländern nicht verbreitet werden durften, ist uns eine Reihe der bedeutendsten Ansprachen und Enzykliken aus jener Zeit durch P. Wilhelm Jussen S. J. im Jahre 1946 in Übersetzung vorgelegt worden. In die­ser Ausgabe sind auch zwei Reden an Frauen enthalten: die Osteransprache 1939 an die Internationale Frauen­liga über das Katholische Apostolat und diese Schulungs­rede für Mütter. Den Familienmüttern und Erzieherin­nen, denen er am Christkönigs-Tag Audienz gewährte, sagt er zu Beginn: „Während Wir sonst Unser Wort an alle richten, auch wenn Wir zu den Neuvermählten spre­chen, so betrachten Wir dieses als eine ausgezeichnete Ge­legenheit, um Uns besonders an euch zu wenden, geliebte Töchter, weil Wir in den Familienmüttern — zusammen mit den frommen und erfahrenen Personen, die ihnen helfen — die ersten und vertrautesten Erzieherinnen der Kleinen zum Wachstum in der Frömmigkeit und in der Tugend sehen.“ 2

Die erste Sorge des Papstes, die er ausspricht, gilt dem Ausbau von Einrichtungen, „die wie die ‚Mütter­woche‘ sich wirksam dafür einsetzen, daß in jedem Stande

Jusssen. S. 237.

und gesellschaftlichem Rang Erzieherinnen herangebildet werden, die die Größe ihrer Sendung spüren, die in der Gesinnung und in der Haltung auf der Hut sind gegen­über dem Bösen, fest und voll Sorge gegenüber dem Guten…“

„Ein besonders günstiges Licht verbreitet eure Vereini­gung der Katholischen Aktion durch die Organisation des ,Apostolates der Wiege‘ und der ‚Mater parvulorum‘, durch die ihr Sorge tragt, die jungen Frauen schon vor der Geburt ihrer Kinder und dann während der ersten Kindheit zu bilden und ihnen zu helfen.“ 3 Bei den ge­nannten Organisationen hat der Papst italienische Ver­hältnisse im Auge. In Deutschland hatten wir bereits nach dem ersten Weltkriege Mütterschulen und Mütter­kurse, wie zum Beispiel die des Katholischen Frauenbun­des. Dazu kam die kirchliche Betreuung durch die Katho­lischen Müttervereine. Da diese Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus vom Staat abgelöst wurden, ging man nach der Beendigung des Krieges sofort daran, ein neues katholisches Mütterbildungswerk aufzubauen. In Nachmittags- oder Abendkursen werden die jungen Frauen dort alles lernen können, was ihnen für die Pflege und Erziehung der Kleinen an Wissen und Erfahrung noch fehlt.

Daß die Erziehung der Kinder nicht früh genug einsetzen kann, ist die nächste Mahnung des Papstes. „Sorget schon vor der Geburt des Kindes für die Reinheit der Atmosphäre in der Familie, in der seine Augen und seine Seele sich dem Licht und dem Leben öffnen: der Atmosphäre, die alle Schritte seines sittlichen Fortschrittes mit dem Wohlgeruch Christi umgibt. Ihr Mütter liebt, da ihr gefühlvoller seid, auch umso zärtlicher! Ihr wer­det euren Kleinen während der Kindheit in jedem Augen­blick mit eurem wachsamen Blick folgen und über ihr

3 Ebendas. S. 238 f.

Wachstum und die Gesundheit ihres kleinen Körpers wachen müssen … Bedenkt, daß diese Kinder durch die Taufe zu angenommenen Kindern Gottes geworden, die Lieblinge Christi sind, deren Engel immer das Antlitz des himmlischen Vaters schauen. Auch ihr müßt als gute Engel sie hüten, fördern und erziehen und in eurer Sorge und Wachsamkeit immer zum Himmel schauen. Von der Wiege an habt ihr nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Erziehung zu beginnen; denn, wenn ihr sie nicht erzieht, werden sie sich selber erziehen, gut oder schlecht. Denkt daran, daß nicht wenige, auch moralische Züge, die ihr im heranwachsenden, im reifen Menschen seht, tatsächlich ihren Ursprung haben in den Formen und in den Umständen des ersten leiblichen Wachstums der Kindheit; rein organische Gewohnheiten von klein auf an­geeignet, werden später vielleicht eine schwere Störung für das geistige Leben einer Seele werden. Ihr werdet da­her allen Eifer darauf verwenden, daß die euren Kleinen gewidmete Sorge in Übereinstimmung stehe mit den For­derungen einer vollkommenen Gesundheitspflege. So sollt ihr in ihnen für den Augenblick, wo sie zum Gebrauch der Vernunft gelangen, körperliche Fähigkeiten und ge­sunde Organe ohne die Anlage zu verkehrten Neigungen bereiten und festigen. Gerade aus diesem Grunde ist es so sehr zu wünschen, daß, abgesehen vom Fall der Un­möglichkeit, die Mutter selbst das Kind ihres Schoßes nährt. Wer kann die geheimnisvollen Einflüsse ergrün­den, die auf das Wachstum dieses kleinen Wesens die Ernährerin ausübt, von der es in seiner Entwicklung ganz und gar abhängt? Habt ihr nie diese offenen, fragenden, unruhigen Äuglein beobachtet, die über tausend Gegen­stände hingleiten und bald bei diesem, bald bei jenem verweilen, die einer Bewegung oder einer Geste folgen, die schon Freude und den Schmerz, den Zorn und die Starrköpfigkeit und die Anzeichen von kleinen Leiden­schaften offenbaren, die sich in dem menschlichen Herzen einnisten, noch bevor die kleinen Lippen gelernt haben, ein Wort auszusprechen? Wundert euch nicht darüber. Man wird nicht geboren — wie es philosophische Schulen gelehrt haben — mit den Begriffen eines angeborenen Wissens, noch auch mit den Träumen einer schon erlebten Vergangenheit. Der Geist eines Kindes ist ein Blatt, auf das bei der Geburt noch nichts geschrieben ist; seine Augen und die anderen Sinne, die durch sein ganzes Le­ben ihm das Leben der Welt vermitteln, werden darauf die Bilder und die Begriffe der Dinge schreiben, inmitten derer es sich befinden wird, von Stunde zu Stunde, von der Wiege bis zum Grabe. Daher hebt ein unwidersteh­licher Trieb zum Wahren und Guten ,die junge Seele, die nichts weiß und sinnt‘ (Dante, Fegefeuer XVI, 88) über die sinnlich wahrnehmbaren Dinge hinweg. Alle diese Sinnesfähigkeiten, alle diese kindlichen Empfindungen, durch die der Verstand und der Wille sich langsam offen­baren und wach werden, brauchen unbedingt eine wach­same und richtungweisende Erziehung und Unterweisung, damit das normale Erwachen und die richtige Entwicklung so edler geistiger Fähigkeiten nicht gefährdet oder ent­stellt werden. Schon jetzt wird das Kind durch einen liebevollen Blick, durch ein leitendes Wort lernen müs­sen, nicht jedem Eindruck nachzugeben; mit dem Wach­sen seiner erwachenden Vernunft richtig zu unterscheiden, den Wechsel seiner Empfindungen zu beherrschen; kurz, unter der mütterlichen Leitung und Ermahnung den Weg und das Werk seiner Erziehung zu beginnen.

Studiert das Kind im zarten Alter! Nur wenn ihr es gut kennt, werdet ihr es gut erziehen. Ihr werdet seine Natur nicht falsch und schief auffassen; ihr werdet es verstehen können, nicht zur Unzeit nachzugeben. Nicht alle Men­schenkinder haben eine gute Anlage!

Bildet den Verstand eurer Kinder! Gebt ihnen keine fal­schen Begriffe oder Erklärungen der Dinge. Antwortet nicht auf ihre Fragen, wie sie auch sein mögen, mit Scher­zen oder mit unwahren Behauptungen, auf die ihr Geist so leicht eingeht, sondern benutzt sie, um mit Geduld und Liebe ihren Verstand zu leiten und zu stützen, der nichts anderes verlangt, als sich dem Besitz der Wahrheit zu er­öffnen und zu lernen, sie mit den unbefangenen Schritten des ersten Denkens und Überlegens zu erobern. Wer wird je sagen können, was so viele herrliche Menschengeister diesem langen und vertrauensvollen Fragen und Antwor­ten verdanken, die in der Kindheit am häuslichen Herd gewechselt wurden?

Bildet den Charakter eurer Kinder! Schwächt oder verbes­sert die Fehler. Lasset wachsen und pflegt die guten Eigenschaften und richtet sie aus auf die Festigkeit, die der Stärke des Willens im Laufe des Lebens den Weg be­reitet. Wenn die Kleinen, die älter werden, zu der Zeit, wo sie allmählich anfangen zu denken und zu wollen, einen guten, von Heftigkeit und Zorn freien, beständigen und starken, nicht zu Schwächen und Launen geneigten väterlichen und mütterlichen Willen über sich fühlen, werden sie mit der Zeit lernen, darin den Dolmetsch eines höheren Willens zu sehen, nämlich des göttlichen Willens. Auf diese Weise werden sie ihrem Geist jene mächtigen ersten Gewohnheiten einpflanzen und einwurzeln lassen, die einen Charakter bilden und stützen, der bereit ist, sich in den verschiedensten Schwierigkeiten und Widerständen zu beherrschen, fest entschlossen, nicht zurückzuweichen vor dem Kampf oder vor dem Opfer, durchdrungen von einem tiefen christlichen Pflichtbewußtsein.

Bildet das Herz! Welche Schicksale, welche Kämpfe, welche Gefahren bereiten nur zu oft den Herzen der her­anwachsenden Kleinen die glückseligen Bewunderungen und Lobsprüche, die unvorsichtige Besorgtheit, die weich­liche Nachgiebigkeit der Eltern, die von einer unverstän­digen Liebe verblendet sind und diese flatterhaften klei­nen Herzen daran gewöhnen zu sehen, wie sich alles um sie bewegt und dreht, wie sich alles vor ihrem Willen und vor ihren Launen beugt. Gerade dadurch pflanzen sie ihren Herzen die Wurzeln eines zügellosen Egoismus ein, dessen erste Opfer später die Eltern selbst sein werden.

Das ist eine ebenso häufige wie gerechte Strafe jener egoi­stischen Überlegungen, aus denen man einem einzigen Sohn die Freude kleiner Brüder versagt, die mit ihm die mütterliche Liebe teilten und ihm abgewöhnt hätten, nur an sich selbst zu denken. Eine wie tiefe und starke Kraft der Liebe, der Güte und der Hingabe schläft im Herzen der Kinder! Ihr Mütter werdet sie wecken, sie pflegen, sie leiten, sie erheben zu dem, der sie heiligen muß, zu Jesus, zu Maria. Die himmlische Mutter wird dieses Herz der Frömmigkeit öffnen, wird es mit dem Gebet lehren, dem göttlichen Kinderfreund seine reinen Opfer und seine unschuldigen Siege darzubieten, auch eine barm­herzige Hand dem Armen und Elenden zu zeigen. O glück­licher Frühling der Kindheit ohne Stürme und Winde! Es wird aber der Tag kommen, an dem dieses Kinderherz neue Triebe, neue Neigungen in sich erwachen fühlt, die den heiteren Himmel des Kindesalters trüben. In dieser gefährlichen Zeit, ihr Mütter, denkt daran, daß das Herz erziehen auch bedeutet, den Willen erziehen gegenüber den Nachstellungen des Bösen und der Tücke der Leiden­schaften. In diesem Übergang von der unbewußten Rein­heit der Kindheit zur bewußten und siegreichen Reinheit der Jugendzeit wird eure Aufgabe von höchster Bedeu­tung sein. Bei euch steht es, eure Söhne und eure Töchter vorzubereiten, daß sie frei, wie einer, der über Schlangen schreitet, durch diese Zeit der Krisis und der körper­lichen Umbildung hindurchgehen, ohne etwas zu verlie­ren von dem unschuldigen Frohsinn. Ihr sollt jenes natür­liche und einzigartige Schamgefühl hüten, womit die Vorsehung sie wie mit einem Zaun gegenüber den Leiden­schaften, die nur zu leicht auf Abwege führen, umgeben hat. Ihr werdet dafür Sorge tragen, daß dieses Scham­gefühl, der liebliche Bruder des religiösen Gefühls, in seiner unwillkürlichen Ehrfurcht, an die man heutzutage so wenig denkt, in ihnen nicht verletzt werde durch Klei­dung, durch Putz, durch unziemliche Vertraulichkeiten, in unsittlichen Schauspielen und Darstellungen. Ihr werdet es vielmehr immer zarter und wachsamer, reiner und echter gestalten. Ihr werdet mit offenen Augen über ihre Schritte wachen, ihr werdet nicht zulassen, daß die Rein­heit ihrer Seele befleckt und vernichtet wird durch die Gesellschaft mit schon verdorbenen Kameraden und Ver­führern; ihr werdet ihnen Hochachtung und tiefe Liebe zur Reinheit einflößen, indem ihr ihnen als treue Wäch­terin den mütterlichen Schutz der Unbefleckten Jungfrau gebt. Mit eurem Scharfblick als Mutter und Erzieherin und dank der vertrauensvollen Offenherzigkeit, die ihr euren Kindern eingepflanzt habt, werdet ihr nicht verfehlen, die Gelegenheit und den Augenblick zu beachten und zu erkennen, in dem gewisse heimliche Fragen in ihrem Geiste aufgetaucht sind und in ihren Empfindungen be­sondere Störungen hervorgerufen haben. Dann wird es eure Sache sein, für eure Töchter, die des Vaters für eure Söhne — soweit es notwendig erscheint — in vorsichtiger zarter Weise den Schleier der Wahrheit zu lüften und ihnen auf diese Fragen und diese Unruhen kluge, richtige und christliche Antwort zu geben. Wenn sie diese Beleh­rung über die geheimnisvollen und wunderbaren Lebens­gesetze aus eurem Mund, aus dem Mund christlicher Eltern, zur geeigneten Stunde und mit aller notwendigen Vorsicht empfangen, dann werden sie diese mit ehrfürch­tiger Dankbarkeit annehmen, und die Aufklärung wird mit viel weniger Gefahr für ihre Seele verbunden sein, als wenn sie diese auf gut Glück erfahren hätten durch trübe Erlebnisse, durch geheime Unterredungen, durch Belehrung von unzuverlässigen und schon allzu erfahrenen Kameraden, durch geheime Lektüre, die um so gefähr­licher und verderblicher ist, als das Geheimnis die Phan­tasie entzündet und die Sinne erregt. Eure Worte können, wenn sie angemessen und taktvoll sind, eine Schutzwehr und eine Warnung inmitten der Versuchungen einer ver­dorbenen Umwelt sein; denn … ,vorausgeschaut, scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen‘. (Dante, Paradies XVII, 27. )

Ihr seht aber auch ein, daß in diesem herrlichen Werk der christlichen Erziehung eurer Söhne und eurer Töchter die häusliche Bildung, so weise und tief sie auch sein mag, nicht genügt, sondern vollendet und vervollkommnet wer­den muß durch die machtvolle Hilfe der Religion. Neben dem Priester, dessen väterliche, geistliche und seelsorg­liche Autorität über eure Kinder vom Taufbrunnen an sich an eure Seite stellt, müßt ihr selbst seine Mitarbeiter sein bei den Anfangsgründen der Frömmigkeit und der kate­chetischen Unterweisung, die das Fundament jeder soliden Erziehung sind und wovon auch ihr als die ersten Lehrer eurer Kinder hinreichende und sichere Kenntnis haben müßt. Wie könnt ihr lehren, was ihr selbst nicht wißt? Lehrt sie Gott, Jesus Christus, die Kirche, unsere Mutter und die Hirten der Kirche, die euch leiten, lieben. Liebet den Katechismus und macht, daß eure Kinder ihn lieben. Er ist das große Buch von der Liebe und der Furcht Got­tes, von der christlichen Weisheit und vom ewigen Leben. Bei eurer vielseitigen Erziehungsarbeit werdet ihr außer­dem das Bedürfnis und die Verpflichtung fühlen, andere als Helfer heranzuziehen. Wählet dafür Christen aus, wie ihr es seid, und zwar mit der ganzen Sorgfalt, die der kostbare Schatz verdient, den ihr ihnen anvertraut: der Glaube, die Reinheit und die Frömmigkeit eurer Kinder. Aber wenn ihr sie auch ausgewählt habt, so haltet euch darum doch nicht selbst für frei und ledig eurer Pflichten und eurer Wachsamkeit, vielmehr müßt ihr mit ihnen zu­sammenarbeiten. Mögen auch jene Lehrer und Lehrerin­nen ganz ausgezeichnete Erzieher sein, sie werden wenig ausrichten in der Erziehung eurer Kinder, wenn ihr nicht mit ihrer Tätigkeit die eure verbindet. Was würde dann eintreten, wenn eure Tätigkeit, statt die ihrige zu unter­stützen und zu stärken, sie geradezu durchkreuzen und ihr entgegenarbeiten würde; wenn eure Schwächen, wenn eure, aus einer Liebe, die in Wirklichkeit ein versteckter, erbärmlicher Egoismus ist, hervorgehenden Maßnahmen zu Hause das zerstören würden, was in der Schule, in der Katechese, in den katholischen Vereinen grundgelegt wurde, um den Charakter eurer Kinder zu zügeln und ihre Frömmigkeit zu fördern?

Vielleicht wird manche Mutter sagen, die Kinder von heute sind so schwer zu leiten, mit meinem Sohn, mit mei­ner Tochter ist nichts anzufangen, kann man nichts errei­chen! — Ja, es ist wahr, mit zwölf oder fünfzehn Jahren sind nicht wenige Knaben und Mädchen schwer zu be­handeln. Aber warum? Weil ihnen mit zwei oder drei Jahren alles gewährt und erlaubt, alles gutgeheißen wurde. Es ist wahr, es gibt undankbare und widerspenstige Tem­peramente; aber hört denn dieser verschlossene, starrköp­fige, gefühllose Kleine infolge dieser Fehler auf, euer Sohn zu sein? Würdet ihr ihn weniger lieben als seine Geschwister, wenn er kränklich oder ein Krüppel wäre? Gott hat auch ihn euch anvertraut; hütet euch, daß ihr ihn nicht zum Stiefkind in der Familie werden laßt! Keiner ist so wild, daß er nicht gesänftigt werden könnte durch Sorge, durch Geduld, durch Liebe. Meist wird es euch gelingen, auf diesem steinigen und mit Unkraut bewach­senen Boden manche Blume des Gehorsams und der Tu­gend ans Wachsen zu bringen, wenn ihr nicht durch par­teiische und unvernünftige Strenge euch der Gefahr aus­setzt, in diesem Kleinen den im Grund der Seele verbor­genen guten Willen zu entmutigen. Ihr würdet die ganze Erziehung eurer Kinder verderben, wenn sie je in euch ­Gott weiß, daß sie ein gutes Auge dafür haben — eine Vorliebe für einzelne Kinder, Bevorzugung oder Abnei­gung gegen das eine oder andere Kind entdeckten. Zu eurem und der Familie Wohl ist es notwendig, daß alle in eurer wohlüberlegten Strenge wie in euren gütigen Er­mahnungen und in euren Liebkosungen eine gleiche Liebe sehen und fühlen, die keinen Unterschied macht zwischen ihnen, außer wenn es sich darum handelt, das Böse zu verbessern und das Gute zu fördern. Habt ihr sie nicht alle in gleicher Weise von Gott empfangen?

An euch, christliche Mütter, war Unser Wort besonders gerichtet, aber zusammen mit euch sehen Wir heute um Uns einen Kranz von Ordensschwestern, von Lehrerinnen, von Beauftragten, von Apostolinnen, von Helferinnen, die der Erziehung und der Fürsorge der Kinder all ihre Mühen und Arbeiten widmen. Sie sind nicht Mütter dem Blute nach, aber durch ihre Liebe zur Jugend, die von Christus und seiner Braut, der Kirche, so sehr geliebt wird. Ja, auch ihr, die ihr als Erzieherinnen an der Seite der christlichen Mütter wirkt, seid Mütter, denn ihr habt ein Mutterherz und in ihm brennt die Flamme der Liebe, die der Heilige Geist in eure Herzen ausgießt. In dieser Liebe, der Liebe Christi, die euch zum Guten drängt, findet ihr euer Licht, euren Trost und eure Lebensaufgabe. Diese bringt euch den Müttern, den Vätern und den Kindern nahe und aus so lebendigen Sprößlingen der menschlichen Gesellschaft, der Hoffnung der Eltern und der Kirche, macht ihr eine große Familie von zwanzig, von hundert, ja von tausend und abertausend Kleinen und Kindern, deren Verstand, Charakter und Herz ihr in höherer Weise erzieht, indem ihr sie in die geistliche und sittliche Atmo­sphäre erhebt, wo mit dem Frohsinn der Unschuld der Glaube an Gott und die Ehrfurcht gegen heilige Dinge, die Liebe zu den Eltern und zum Vaterland leuchten. Mit der Anerkennung für die Mütter verbindet sich Unser Lob und Unser Dank. Erzieherinnen wie sie, eifert ihr ihnen nach und geht ihnen voraus in euren Schulen, in euren Asylen und Heimen, in euren Vereinen, als Schwestern in geistiger Mutterschaft, geschmückt mit einem Lilienkranz.

Welch unvergleichliche Aufgabe ist es, deren Schönheit Wir soeben in einigen Punkten gestreift haben! Eine Aufgabe in unserer Zeit voll von schweren Hindernissen und Gefahren, der ihr euch widmet, christliche Mütter und geliebte Töchter, indem ihr euch so sehr abmüht, die wachsenden Zweige der Ölbäume, welche die Familien sind, zu pflegen. Wie groß ist in Unseren Augen eine Mutter im häuslichen Kreise, von Gott an eine Wiege gesetzt als Ernährerin und als Erzieherin ihrer Kinder! Staunet über ihre mühevolle Tätigkeit, mit der sie den­noch nicht, so könnte man zu glauben versucht sein, ihrer Aufgabe genügen würde, wenn ihr nicht die allmächtige Gnade Gottes zur Seite stünde, um sie zu erleuchten, zu leiten, zu stützen in der täglichen Sorge und Mühe; wenn die Gnade nicht andere Erzieherinnen mit einem Herzen und einem Eifer, der aus gleicher mütterlicher Liebe stammt, anregte und beriefe, mit ihr mitzuwirken an der Bildung dieser jungen Seelen …“ 4

Während es möglich war, nahezu den vollen Wortlaut der Ansprache vom Oktober 1941 im Zusammen­hang zu geben, sollen zur Ergänzung kostbare Worte über die Mutterschaft der Frau aus den Reden an Neuvermählte hinzugefügt werden.

„Und wenn der Herr in seiner Güte der Gattin die Mutterwürde schenkt und sie an der Wiege steht, so wird das Wimmern des neugeborenen Kindes das Glück des Heimes weder schmälern noch stören; es wird im Gegenteil es in jene göttliche Höhe erheben, wo die Engel des Himmels erglänzen und von wo ein Strahl des Lebens herniedersteigt, der die Natur überragt und die Menschen­kinder zu Gottes-Kindern macht. Seht die Heiligkeit des Ehegemachs! Seht die Würde der christlichen Mutter­schaft! . .. Eine Wiege heiligt die Mutter der Familie, und mehr Wiegen heiligen und verklären sie vor dem Manne und den Kindern. Törichte, ihr eigenes Wesen verleugnende und unglückliche Frauen sind jene Mütter, die jammern, wenn ein neues Kind sich an ihre Brust schmiegt und Nahrung verlangt am Quell des Schoßes! Ein Feind des häuslichen Glückes ist das Jammern wegen des Segens Gottes, der es umhegt und stärkt.“ 5

„Je reiner eure Augen sind, ihr jungen Mütter von morgen, desto mehr werdet ihr in den teuren, kleinen

4 vgl. Jussen, a. a. 0. S. 239 – 249.

5 Rede vom 25. Februar 1942 (Z. S. 162 f. — vgl. Eheleben, S. 34 f.).

Wesen, die eurer Sorge anvertraut sind, die Seelen sehen, die mit euch bestimmt sind zur Verherrlichung des einzigen Gegenstandes, der aller Ehre und Herrlichkeit würdig ist. Anstatt wie so viele andere euch in ehrgeizigen Träumen an der Wiege eines Neugeborenen zu verlieren, werdet ihr dann frommen Sinnes euch beugen über das gebrechliche Herz, das zu schlagen beginnt, und werdet ohne über­flüssige Unruhe an die Geheimnisse seiner Zukunft denken, die ihr der zarten Liebe der Jungfrau vom Rosenkranz anvertrauen werdet, die noch mütterlicher und mächtiger ist als eure eigene Liebe.“ 6„Die Frau ist nicht nur die Sonne, sondern auch das Allerheiligste der Familie, wohin die Kleinen sich in ihrem Schmerz flüchten, die, welche die Schritte der Heran­wachsenden lenkt, sie in ihrem Leid stärkt, ihre Zweifel beruhigt, der sie ihre Zukunft anvertrauen. Sie, die Herrin der Sanftmut, ist auch die Herrin des Hauses. Die Achtung, die ihr Familienhäupter ihr entgegenbringt, sollen die Kinder und Angestellten des Hauses merken, spüren und sehen an eurem Blick, an eurem Benehmen, an euren Mie­nen, an euren Lippen, an eurem Wort, an eurem Gruß.“ 7 „Das Mutteramt mit seinen Sorgen, seinen Leiden und seinen Gefahren fordert und verlangt Mut: die Frau muß auf dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht nicht weniger heldenhaft sein und sich zeigen als der Mann auf dem Ehrenfeld der Bürgerpflicht, wo er dem Vaterland das Geschenk seines Lebens macht.“ 8 Für die Erziehung der Kinder ist die Autorität in der Familie äußerst wichtig. Dafür ist die Ansprache vom 24. September 1941 besonders aufklärend und wert­voll. „Die Väter und Mütter in unseren Tagen führen oft Klage darüber, daß es ihnen nicht mehr gelingt, ihre Kinder zum Gehorsam zu bringen. Es seien launische

6 Rede vom 16. Oktober 194o (Z. S. 92 f. — vgl. Ideal, S. tot f.).

7 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 146. — vgl. Eheleben, S. 8z).

8 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 167. — vgl. Eheleben, S. 212).

Kinder, die auf keinen hören, Jungen, die jede Führung ablehnen, Jungmänner und Mädchen, die jeden Rat ver­schmähen, taub sind gegen jede Ermahnung, voll Ver­langen, bei Spielen und Wettkämpfen zu glänzen, die alles nach ihrem eigenen Kopf tun wollen, weil sie meinen, sie verständen wohl allein die Notwendigkeiten des modernen Lebens. Kurz, das neue Geschlecht ist gewöhn­lich (es gibt gewiß so viele schöne und herrliche Ausnahmen!) nicht geneigt, sich vor der Autorität von Vater und Mutter zu beugen.

Und was ist der Grund für diese unbelehrbare Haltung? Gewöhnlich pflegt man dafür anzugeben, daß heute die Kinder wohl oft keinen Sinn mehr haben für Gehorsam, für die Achtung, die sie ihren Eltern und ihrem Wort schuldig sind: in der Atmosphäre starken jugendlichen Selbstbewußtseins, in der sie leben, arbeitet alles darauf hin, daß sie sich frei machen von jeder Abhängigkeit von den Eltern und sie überflüssig machen; alles, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören, steigert, begeistert und verhärtet schließlich ihr Wesen und zügelt nicht ihren Hang nach Unabhängigkeit, ihre Verachtung vor der Vergangenheit und ihre Sbrigens nach der Zu­kunft .. . Die reibungslose Ausübung der Autorität hängt nicht nur von denen ab, die gehorchen müssen, sondern auch, und zwar in weitem Maße, von jenen, die zu befehlen haben. Ganz deutlich gesagt: etwas anderes ist das Recht auf den Besitz der Autorität, das Recht, Befehle zu geben, und etwas anderes ist jenes moralische Übergewicht, das die erfolgreiche, tätige und wirksame Autorität begründet und ziert, der es gelingt, bei anderen sich Achtung zu verschaffen und wirklich Gehorsam zu erreichen. Das erste Recht wird von Gott übertragen mit dem Augenblick, der euch zu Vater und Mutter macht. Das zweite Vorrecht muß man erwerben und bewahren; denn es kann verloren­gehen, wie es auch gesteigert werden kann. Nun wird das Recht, euren Kindern zu befehlen, ziemlich wenig bei ihnen erreichen, wenn es nicht begleitet ist von jener Macht und jenem persönlichen Einfluß auf sie, die euch erst den wirklichen Gehorsam sichern. Wie und auf welche kluge Art werdet ihr denn eine solche moralische Macht erobern, erhalten und steigern können?

Gott gewährt einigen die natürliche Gabe zu befehlen, die Gabe, bei anderen ihren Willen durchsetzen zu können. Das ist ein kostbares Geschenk; ob es ganz im Geistigen ruht oder zum Teil in der äußeren Persönlichkeit, in der Haltung, im Wort, im Blick, in der Miene, das ist oft schwer zu sagen, aber es ist gleichzeitig ein Geschenk, das man fürchten muß. Mißbraucht es nicht, wenn ihr es besitzt, bei der Erziehung eurer Kinder, ihr möchtet sonst ihre Seelen in der Furcht einschließen und erhalten und aus ihnen Sklaven und nicht liebenswürdige Kinder machen. Mildert diese Macht durch die Weitherzigkeit der Liebe, die ihrer Liebe entgegenkommt, durch freund­liche, geduldige, eifrige und ermunternde Güte! .. . Denkt daran, ihr Eltern, daß Strenge nur dann zu Recht besteht, wenn das Herz gütig ist! .. .

Die Milde und die Autorität verbinden, heißt siegen und triumphieren in jenem Kampf, zu dem euch eure elterliche Stellung verpflichtet. Übrigens ist für alle jene, die zu gebieten haben, die Grundvoraussetzung einer wohltätigen Herrschaft über den Willen anderer die Herrschaft über sich selbst, über die eigenen Leidenschaften und Sinne . Wenn die Befehle, die ihr euren Kindern gebt, wenn die Vorwürfe, die ihr ihnen macht, aus den Eingebungen des Augenblicks stammen, aus Ausbrüchen der Ungeduld, aus falschen Voraussetzungen oder aus blinden oder schlecht beherrschten Gefühlen, dann kann es meistens nicht anders sein, als daß sie ihnen willkürlich, zusammenhanglos, vielleicht auch ungerecht und unangebracht vorkommen. Heute seid ihr gegen diese armen Kleinen unvernünftig in eurer Forderung, von einer unerbittlichen Strenge, morgen laßt ihr alles durchgehen. Ihr beginnt damit, ihnen eine Kleinigkeit abzuschlagen, die ihr einen Augenblick nachher, müde von ihrem Weinen oder ihrem Trotz, ihnen gewährt, um zu verhüten, daß die Sache dann mit einer Szene endet, die euch auf die Nerven geht. Warum versteht ihr denn nicht, Herr zu sein über die Stimmungen eures Herzens, eure Phantasie zu zügeln, euch selbst zu beherrschen, da ihr doch die Absicht und die Sorge habt, eure Kinder zu regieren? Wenn es euch bisweilen scheint, daß ihr nicht ganz Herr seid über euch selbst, dann verschiebt auf später, auf eine gelegenere Stunde, den Tadel, den ihr anbringen wollt, die Strafe, die ihr glaubt verhängen zu müssen. In der versöhnlichen und ruhigen Festigkeit eures Geistes werden euer Wort und eure Strafe eine ganz andere Wirkung, eine mehr erzieherische und gebieterische Kraft haben als beim Ausbruch einer unbeherrschten Leidenschaft.

Vergeßt nicht, daß die Kinder, auch sehr kleine, ganz Ohr sind im Aufpassen und Beobachten und unverzüglich den Wechsel eurer Stimmung bemerken. Von der Wiege an, kaum daß sie so weit sind, die Mutter von jeder anderen Frau unterscheiden zu können, werden sie schnell merken, welche Gewalt über schwache Eltern ein Eigen­sinn oder ein Tränenausbruch hat, und sie werden sich in ihrer kindlichen Boshaftigkeit nicht scheuen, sie zu miß­brauchen. Hütet euch darum vor allem, was eure Autori­tät bei ihnen mindern könnte! Hütet euch davor, diese Autorität zu zerstören durch die Spielereien ständiger, unausgesetzter Ermahnungen und Zurechtweisungen, die ihnen schließlich lästig fallen; sie werden sie anhören, aber nicht ernst nehmen. Hütet euch davor, eure Kinder zu täuschen oder zu hintergehen mit Gründen oder Erklä­rungen, die auf schwachen Füßen stehen oder unwahr sind und leichthin abgegeben werden, um euch aus der Verlegenheit zu ziehen und lästige Fragen abzuwehren. Wenn es euch nicht gut scheint, ihnen die wirklichen Gründe einer Anordnung oder einer Tatsache auseinander­zusetzen, dann wird es heilsamer sein, euch auf ihr Ver­trauen zu euch, auf ihre Liebe zu euch zu berufen. Fälscht die Wahrheit nicht, allenfalls verschweigt sie ihnen. Ihr ahnt vielleicht gar nicht, welche Verwirrungen und welche Krisen eines Tages in jenen jungen Seelen entstehen, wenn sie merken, daß man ihre natürliche Gutgläubigkeit miß­braucht hat. Hütet euch davor, durchblicken zu lassen, daß ihr nicht eins seid untereinander und verschieden denkt über die Art, eure Kinder erzieherisch zu behandeln: sie würden dann recht bald darauf ausgehen, die Autorität der Mutter gegen die des Vaters oder die des Vaters gegen die der Mutter auszuspielen, und sie würden nur schwer der Versuchung widerstehen, eine solche Uneinigkeit auszunutzen für die Befriedigung all ihrer Einfälle. Hütet euch endlich davor, darauf zu warten, daß eure Kinder heranwachsen, um über sie gut und ruhig, zugleich aber fest und kraftvoll eure Autorität auszuüben, die vor keinem Tränenstrom oder keiner Trotzszene zurückweicht! Schon von klein auf, von der Wiege an, mit dem Auf­dämmern ihrer kindlichen Vernunft, sollen sie liebevolle und zarte, aber auch weise und kluge Hände über sich erfahren und spüren.

Autorität ohne Schwäche sei die eure, aber eine Autorität, die aus der Liebe kommt und ganz von der Liebe durch­drungen und getragen ist. Ihr sollt die ersten Lehrer und die ersten Freunde eurer Kinder sein. Wenn wirklich Vater- und Mutterliebe — das heißt eine in jeder Hinsicht christliche und nicht eine mehr oder weniger selbstsüchtige Liebe — eure Befehle lenken, dann werden eure Kinder davon berührt und ihnen nachkommen aus tiefstem Her­zen, ohne daß es vieler Worte bedarf; denn die Sprache der Liebe ist beredter in schweigendem Tun als im Laut der Lippen. Tausend kleine unmerkliche Zeichen, ein Wechsel im Ton, eine unauffällige Geste, ein flüchtiger Ausdruck im Gesicht, ein Zeichen der Zustimmung offenbaren ihnen besser als alle Beteuerungen, wieviel Liebe hinter einem Verbot steht, das sie betrübt, wieviel Wohlwollen sich verbirgt in einer Ermahnung, die ihnen lästig vorkommt, und so wird das Wort der elterlichen Autorität ihnen nicht wie ein lastendes Gewicht oder wie ein verhaßtes Joch erscheinen, das man möglichst bald abschütteln muß, sondern als die höchste Offenbarung eurer Liebe. Und wird mit der Liebe nicht das Beispiel zusammengehen? Wie sollen die Kleinen, die von Natur aus bereitwillige Nachahmer sind, gehorchen lernen, wenn sie sehen, daß in allem die Mutter tut, was den Anord­nungen des Vaters entgegen ist, ja sogar über ihn sich beklagt; wenn sie innerhalb der häuslichen Wände ständig ehrfurchtlose Kritiken über jede Autorität hören; wenn sie merken, daß ihre Eltern die ersten sind, die das nicht tun, was Gott und die Kirche gebieten? Wenn sie aber einen Vater und eine Mutter vor Augen haben, die in ihrer Art zu sprechen und zu handeln das Beispiel der Achtung vor den rechtmäßigen Obrigkeiten und der ständigen Pflichttreue geben; von einem so erbaulichen Bild werden sie mit größerem Erfolg als von einer ein­studierten Ermahnung lernen, was wahrer christlicher Gehorsam ist und wie sie selbst ihn gegen ihre Eltern betätigen können. Seid überzeugt, … daß das gute Bei­spiel das kostbarste Erbe ist, das ihr euren Kindern schenken und hinterlassen könnt! Es ist der unvergäng­liche Anblick eines Schatzes von Werken und Taten, von Worten und Ratschlägen, von frommen Betätigungen und tugendhaften Schritten, der stets lebendig haften wird in ihrem Gedächtnis als eine der eindrucksvollsten und teuersten Erinnerungen, die eure Person in ihnen lebendig machen wird, in den Stunden des Zweifels und Schwan­kens zwischen Gut und Bös, zwischen Gefahr und Sieg. In trüben Augenblicken, wenn der Himmel sich ver­dunkelt, werdet ihr ihnen wieder in einem Licht erscheinen, das ihren Weg erhellen und leiten wird in Erinnerung an jenen Weg, den ihr schon gegangen seid und der angefüllt ist mit jener Arbeit und Mühe, die das Unterpfand des irdischen und himmlischen Glückes sind. Ist das vielleicht ein Traum? Nein, das Leben, das ihr mit eurer Familie beginnt, ist kein Traum, es ist ein Weg, den ihr geht, umkleidet mit einer Würde und Autorität, die eine Schule und Lehrzeit sein soll für die Nachkommen, die eures Blutes sind.

Möge der himmlische Vater, der euch berufen hat zur Teilnahme an der Größe seiner Vaterschaft und auch seine Autorität euch übertragen hat, euch die Gnade geben, sie in seiner Nachahmung weise und liebevoll auszuüben.“ 9

9 Rede vom 24. September 1941 (Z. S. 228 ff. — vgl. Ideal, S. 201 ff.).

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS GATTIN

Wenn wir darangehen, einen Überblick über das zu ge­winnen, was Papst Pius XII. der Frau zu sagen hat, so ist es ganz selbstverständlich, daß wir dort beginnen, wo nach Gottes Willen, nach der physischen und seelischen Struktur der Frau ihre Hauptaufgabe liegt: in der Ehe.

Da der Papst es für überaus wichtig hält, daß junge Men­schen, die sich das Sakrament der Ehe spenden wollen, sich über die Bedeutung ihres neuen Standes klar werden, hat er es selbst vom Beginn seines Pontifikats an über­nommen, durch Ansprachen an Neuvermählte die wesent­lichen Fragen des Ehelebens vor ihnen zu besprechen. Pius XII. setzt damit eine Einrichtung fort, die sein von ihm so sehr verehrter Vorgänger, Papst Pius XI., einge­führt hatte, Jungvermählte, die den kirchlichen Trauschein vorweisen konnten, in Audienz zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit hält er ihnen kurze Ansprachen, die sich in ihrem Inhalt keineswegs wiederholen, sondern die fort­laufend, von den verschiedensten Gelegenheiten und Ge­sichtspunkten ausgehend, eine Erziehung zur Ehe geben.

Der Papst betrachtet diese Aufgabe als eine sei­ner wichtigsten und liebsten Pflichten. Am 15. Jänner 1941 sagte er bei einem solchen Empfang: „Bei den zahllosen Sorgen und Verantwortungen, die auf Uns lasten, seitdem die göttliche Vorsehung Uns in so schwerer Zeit zur Lei­tung der Kirche berief, gewährt Uns der Herr zur Erleich­terung Unserer Last einen herrlichen Trost in diesen Audienzen, in denen es Uns vergönnt ist, in einer milde­ren Luft zu atmen und Uns ganz als Vater zu fühlen, der seine Kinder empfängt und in ihrem Kreise sein Herz öffnet und es zwanglos vor ihnen ausschüttet. Aber zu den Audienzen, die Uns besonders lieb und angenehm sind, rechnen Wir gern jene, in denen die Scharen der Neuvermählten um Uns sich versammelt.“ 1

Daß Papst Pius XII. seine Ansprachen in diesen Audienzen nicht nur auf den Kreis der Anwesenden be­schränkt wissen will, geht daraus hervor, daß er sehr oft die Ausführungen eines bestimmten Themas in mehreren Abschnitten behandelt, so daß die folgende Mittwoch-Audienz die Fortsetzung der Ansprache der vorhergehen­den bringt. Er weist selbst einmal darauf hin, in seiner Rede vom 27. Jänner 1943, wo er die Worte spricht: „Von diesen Tugenden werden Wir zu den Jungvermählten sprechen, die nach euch kommen und christlich sind wie ihr. Wir hoffen, daß ihr diese Unsere Mahnungen lest; Wir vertrauen auch darauf, daß sie nicht ohne Nutzen auch von rechtschaffenen und edeldenkenden Seelen ge­lesen werden, die nicht wie ihr das Glück haben, dieses göttliche Leben zu besitzen.“ 2

Es ist unsere erste Aufgabe, aus den Papstreden das Bild der Frau als Gattin zu gewinnen, so wie Pius XII. sie sehen möchte. Drei Hauptthemen sind es, die ihm am Herzen liegen: Die Auffassung der Ehe als Sakrament,

1 Die Reden des Heiligen Vaters an Braut- und Eheleute wurden im Rex-Verlag, Luzern, veröffentlicht, und zwar die Reden 1939 bis 1941 unter dem Titel „Das Ideal der christlichen Ehe“ (2. Aufl. 1946), die Reden 1942 unter dem Titel „Eheleben und Familien­glück“ (z. Aufl. 1948). Ferner brachte der Verlag Josef Habbel, Regensburg, eine Ausgabe von 41 Ansprachen des Papstes an Neu­vermählte aus den ersten fünf Jahren seines Pontifikats nach dem Text des „Osservatore Romano“ heraus, die von DDr. Friedrich Zimmermann übersetzt und eingeleitet worden sind. Die kurzen Ansprachen an Jungvermählte werden in dem inoffiziellen Blatt des Vatikans veröffentlicht, nicht in den Apostolischen Akten. Im folgenden wurden mit freundlicher Genehmigung der Verlage die beiden Ausgaben herangezogen — „Ansprachen Pius‘ XII. an Neu­vermählte“, übersetzt und eingeleitet von DDr. Friedrich Zimmer­mann; Verlag Habbel, Regensburg 1953, S. 125. (Wir zitieren kurz mit Z.)

2 Z. a. a. 0. S. 197.

die Beziehung der Gatten zueinander, ihre Anpassung und die äußere und innere Treue im Eheleben.

In einer Anrede vom 15. Jänner 1941 spricht der Heilige Vater von der Sonderstellung, die Gott der Ehe neben dem Priesteramt gab.

„Die Ordensprofeß, so sagen Wir, ist kein Sakrament. Indes auch die bescheidenste Eheschließung, die in einem armen und abgelegenen Landkirchlein oder in einer armen und schmucklosen Kapelle eines Arbeiterviertels stattfin­det, die Trauung zweier Verlobten, die unmittelbar nach­her wieder an die Arbeit gehen müssen, vor einem ein­fachen Priester, im Beisein nur weniger Verwandter und Freunde, diese Feier ohne äußeren Schmuck und Prunk steht in ihrer sakramentalen Würde unmittelbar neben dem Glanz einer feierlichen Priester- oder Bischofsweihe, die in einer herrlichen Kathedrale im Beisein vieler Prie­ster und Gläubigen, des Diözesanbischofs selbst, der mit der ganzen Pracht der bischöflichen Gewänder geschmückt ist, stattfindet. Die Priesterweihe und Ehe, das wißt ihr wohl, krönen und vollenden die Siebenzahl der Sakra­mente.“ 3 „Das Sakrament der Ehe macht aus der Ehe selbst ein Mittel gegenseitiger Heiligung für die Eheleute und eine unerschöpfliche Quelle übernatürlicher Hilfen; es macht ihre Vereinigung zu einem Abbild jener zwi­schen Christus und der Kirche; macht die Eheleute selbst zu Mitarbeitern am Schöpfungswerke des Vaters, am Er­lösungswerke des Sohnes und am Erziehungswerke des Heiligen Geistes.“ 4 „Das heilige Versprechen, das ihr, liebe Brautleute, an den Stufen des Altares vor dem Prie­ster einander gegeben habt, hat eure innige Freude gekrönt und eure Herzen und eure Lebenswege in eins verschmol­zen. Auf dieses Versprechen hat Gottes Stellvertreter da­durch geantwortet, daß er die Früchte des himmlischen Segens auf euch herabrief: auf euch selber, auf das unlös­liche Band eurer Ehe, auf euer neues Heim, das eines

3 Z. a. a. 0. S. 126 (vgl. Das Ideal der christlichen Ehe, S. 120).

4 Rede vom 19. 6. 1940 (Z. S. 40. — vgl. Das Ideal … S. 76).

Tages Kinder ,gleich den Schößlingen des Ölbaumes‘ um den Tisch in Freude füllen sollen. In jenem Augenblick habt ihr es verspürt, wie eure Herzen zusammenschlugen, wie eure Seelen und euer Wille in eins verwuchsen, wie sich eure Glücksträume erfüllten; ihr habt es verspürt, wie der Himmel eurer Zukunft sich aufhellte im Lichtglanz der heiligen Kirche . . . Und doch, so fruchtbar an gött­lichen Gnaden der Segen des Priesters und des Stellver­treters Christi sein mögen, nicht sie bilden den Haupt­quell der Gnadengeschenke Gottes, die euch auf eurem Lebenswege führen und aufrichten sollen. Hoch über jedem Segen, der da im Namen des Herrn erteilt wird, erhebt sich das Sakrament, das ihr empfangen habt; denn in ihm hat Gott unmittelbar auf eure Seele eingewirkt und sie geheiligt und gefestigt für die neuen Aufgaben, die eurer harren. Oder wißt ihr nicht, daß in jedem Sakrament der Spender nur ein Werkzeug ist in Gottes Hand? .. . Daher kommt es denn, daß Gott die Haupt­ursache ist, die durch eigene Kraft wirkt, indes der Die­ner oder Stellvertreter nur werkzeugliche Ursache ist und in der Kraft Gottes wirkt .. . Der Priester vertritt dabei die Kirche als befugter Zeuge und vollzieht die heiligen Zeremonien, die den Ehevertrag begleiten. Jedoch Spen­der des Sakramentes seid, der Anordnung Gottes gemäß, ihr selber in Gegenwart eines Priesters. Eurer hat Gott sich bedient, um euch in unlösbarer Gemeinschaft anein­anderzubinden und in eure Seelen die Gnaden einzugie­ßen, die euch standhaft und treu euren neuen Pflichten gegenüber machen sollen . . . Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, ge­stärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jedem Dienst, zu dem er euch den Weg eröff­net und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade her­abgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilli­gung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleische eine geistige und unsterbliche Seele herab­rufen. Auf eure Bitte hin wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat.“ 5

In einer Betrachtung über „die Erhebung der bräutlichen Liebe in die Welt der Gnade“ gebrauchte Pius XII. die schönen Worte: „Die Liebe des christlichen Gatten für seine Gattin nimmt teil an diesen göttlichen Mitteilungen, wenn nach dem ausdrücklichen Willen des Schöpfers Mann und Frau eine Wohnung für die Seele bereiten, in der der Heilige Geist mit seiner Gnade woh­nen wird. So sind die Ehegatten in der ihnen von der Vorsehung übertragenen Aufgabe recht eigentlich die Mitarbeiter Gottes und seines Christus; ihre Werke selbst haben etwas Göttliches, auch darin können sie genannt werden ‚teilhaftig der göttlichen Natur‘.“ 6

In der Einheit der Ehe ist ihre Unauflöslichkeit begrün­det. „Die Ehe gründet zwar auf einer Neigung der Natur, aber sie entsteht doch nicht mit naturgesetzlicher Not­wendigkeit. Sie kommt vielmehr zustande durch den freien Willen. Doch kann der freie Wille der Vertrag­schließenden das Band nur eingehen, nicht aber es wieder lösen.“ 7

Wegen der Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe warnt der Papst vor übereilter Eheschließung. Die beiden Menschen sollen sich Zeit nehmen, sich gut kennen­zulernen. „Angesichts eurer neuen Pflichten, eurer neuen

5 Stellen aus der Rede vom S. März 1941. Pius XII., Das Ideal der christlichen Ehe, S. 143 ff. (ab jetzt zitieren wir kurz „Ideal“).

6 Rede vom 23. Oktober 1940 (Z. S. 98. — vgl. Ideal, S. 107).

7 Rede vom 22. April 1942 (Pius XII., Eheleben und Familienglück, S. 101. — Ab jetzt zitieren wir „Eheleben“).

Verantwortungen reicht eine rein äußere Verbindung eures Lebens nicht aus, um die Herzen in jenes lebendige Verhältnis zu bringen, das der Aufgabe entspricht, die Gott euch anvertraut hat, als er euch anregte, eine Familie zu gründen, so daß ihr im Segen des Herrn bleibt, in sei­nem Willen verharrt und in seiner Liebe lebt. In der Liebe Gottes leben bedeutet für euch, in der Liebe zu ihm eure gegenseitige Liebe erhöhen, die nicht nur Wohl­wollen sein will, sondern jene erhabene eheliche Freund­schaft zweier Herzen, die gegenseitig sich öffnen, indem sie dasselbe wollen und dasselbe nicht wollen und immer inniger sich durch die Liebe verbinden, von der sie ge­tragen und beseelt sind. Wenn ihr euch gegenseitig stüt­zen und die Hand reichen und euch unter die Arme grei­fen müßt, um die leiblichen Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen, der eine als Führer der Familie, der durch seine Arbeit die notwendigen Mittel zu ihrem Unterhalt sichert, die andere, indem sie wacht und sorgt für alles im inneren Familienkreis, dann ist es noch notwendiger, daß ihr euch gegenseitig ergänzt, euch stützt und in wechsel­seitiger Hilfe zusammensteht, um den sittlichen und gei­stigen Notwendigkeiten eurer Seelen zu genügen und derer, die Gott eurer Sorge anvertrauen will, der Seelen eurer lieben Kleinen. Wie könntet ihr nun euch eine solche gegenseitige Stütze und Hilfe bieten, wenn eure Seelen einander fremd blieben, indem jede eifersüchtig ihre eigenen Geheimnisse im Geschäft, in der Erziehung und der Beisteuer zum gemeinsamen Leben für sich be­hielte? Seid ihr nicht wie zwei Bäche, die aus dem Quellgrund zweier christlicher Familien fließen und durch das Tal der menschlichen Gesellschaft laufen, um ihre klaren Wasser zu vereinigen und den Garten der Kirche zu be­fruchten?“8

Eine der schönsten Ansprachen an Neuvermählte ist die vom 12. November 1941 über das gegenseitige

8 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 110. — vgl. Ideal, S. 217 f.).

Vertrauen, „den gegenseitigen Herzensaustausch“, den er „eine Vorbedingung, ein Element, ja sogar eine Nah­rung“ ihres Glückes nennt. Es dürfe nicht sein, daß die Gatten „ihr Herz voreinander verschließen, in ihrem Zusammenleben einander fast fremd bleiben und Unbegreif­lichkeiten und Mißverständnisse aufkommen und wachsen lassen, die nach und nach ihre Gemeinschaft trüben und verringern und nicht selten sie auf den Weg trauriger Katastrophen führen … Bisweilen mag es jene Form an­geborener Schüchternheit sein, die macht, daß einige Männer und Frauen einen angeborenen Widerwillen füh­len, ihre innersten Gefühle zu offenbaren und anderen mitzuteilen; ein anderer Grund wird ein Mangel an Schlichtheit sein, der aus einer Eitelkeit und einem geheimen, vielleicht unbewußten Stolz kommt; in anderen Fällen hat eine mangelhafte, allzu strenge und oft äußer­liche Erziehung die Seele daran gewöhnt, sich auf sich zurückzuziehen, sich nicht zu eröffnen und keinem den Zutritt zu gestatten, aus Furcht, sie könne in ihrem Inner­sten und Tiefsten getroffen werden.“ 9

Selbstverständlich anerkennt Pius XII. wohl die Schranken, die durch das Berufsgeheimnis gezogen sind, selbst dem anderen Ehepartner gegenüber, von dem er dann Vertrauen und Achtung vor einer solchen Haltung erwartet; ja, er geht noch weiter in seinem tiefen Ein­fühlungsvermögen und seiner Erfahrung, wie aus dem folgenden Gedankengang hervorgeht: „Denkt daran, daß in der Ehe eure Persönlichkeit und Verantwortung nicht aufgehoben werden. Aber auch in dem, was euch persönlich angeht, kann es der Fall sein, daß vertrauliche Mitteilungen ohne Nutzen und nicht ohne Gefahr gemacht würden, daß sie der ehelichen Gemeinschaft Schaden brächten und Verwirrung stifteten, anstatt sie enger, fester und froher zu machen. Ein Gatte und eine Gattin sind keine Beichtväter; die Beichtväter findet ihr in den Kir‑

9 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 109. — vgl. Ideal, S. 216 f.).

chen, im Bußgericht, da, wo sie durch ihren priesterlichen Charakter in eine das Familienleben überragende Sphäre erhoben sind.“ 10

Eine echte Frau wird aus sich heraus das Empfin­den und die Klugheit besitzen, im gegebenen Falle ohne äußere Beratung von dritter Seite genau zu wissen, wann Sprechen und wann Schweigen am Platze ist. Allerdings ist die Vorbedingung für solch rechtes Verhalten die Liebe zum Manne und der unbedingte Wille, sich selbst zurück­zustellen, wenn der Frieden der kleinen Gemeinschaft sonst gefährdet wäre. Die ungeordnete Selbstliebe, die Selbstsucht nennt Pius XII. die größten Feinde der Ehe. Er warnt immer wieder davor, da letztere fähig ist, mit ihren „kleinen Grausamkeiten“ immer wieder zu ver­letzten, so daß es zu kleinen Rissen kommt. „Oft war die Liebe während der Brautzeit blind; man sah die Fehler nicht oder sie erschienen sogar als Vorzüge. Aber die Eigenliebe ist ganz Auge, sie beobachtet und bemerkt, auch wenn sie in keiner Weise darunter zu leiden hat, die geringsten Unvollkommenheiten, die harmlosesten Eigen­heiten des einen oder der anderen. Wenn sie ihr auch nur ein wenig mißfallen oder ihr einfach Ärger verursachen, macht sie alsbald Aufhebens davon mit einem sanft ironischen Blick, mit einem leicht verletzenden Wort, vielleicht mit einer flüchtigen Anspielung in Gegenwart anderer. Sie selbst ahnt am wenigsten den Pfeil, der trifft, die Wunde, die schmerzt, während sie ihrerseits darüber aufgebracht wird, wenn die anderen, auch ohne etwas zu sagen, auf ihre Fehler aufmerksam werden, die ihnen so sehr auf die Nerven gehen. Ist es noch ein einfacher Riß? Gewiß nicht jenes feine gütige Verhalten nach dem Bei­spiel des Herzens Jesu, das durch Lieben und Ertragen so vieles bei uns nachsieht. Wenn die Selbstsucht nur auf der einen Seite herrscht, so bleibt das Herz des anderen im stillen verletzt in seiner tiefen und nachgiebigen Tugend;

10 Rede vom 12. November 1941 (Z. S. 111. — vgl. Ideal, S. 219).

aber wenn die Selbstsucht auf beiden Seiten sich aufbläht und gegenübertritt, seht, dann ist die tragische Feind­seligkeit da!“ 11

Um den Bruch zu vermeiden, sollen die Ehegatten in Ver­bindung mit Gott tätige Liebe und Opferbereitschaft üben, geduldig bleiben, sich gegenseitig ertragen lernen und für die Schwächen und Fehler Verzeihung finden. „Die wahre und tiefe Liebe muß beim einen wie beim anderen sich stärker erweisen als Ermüdung und Ärger, stärker als der Wechsel der Zeit und der Jahreszeiten, stärker als der Wandel der persönlichen Stimmungen und die Über­raschung von plötzlichem Mißgeschick.“ 12

„Und wieviel Seelenstärke fordert oft dieses täg­liche Leben selbst, wenn man jeden Morgen zu denselben Arbeiten zurückkehren muß, die vielleicht grob und in ihrer Eintönigkeit lästig sind, wenn man so gut wie möglich mit einem Lächeln auf den Lippen lieb und froh die gegenseitigen Fehler ertragen muß, die immer be­stehenden Gegensätze, die kleinen Verschiedenheiten in Geschmack, Lebensgewohnheiten und Denkart, die das gemeinsame Leben nicht selten mit sich bringt; wenn man bei geringfügigen, oft unvermeidlichen Schwierigkeiten und Vorkommnissen sich nicht verwirren lassen darf und die Ruhe und die gute Laune bewahren muß, wenn bei einer kühlen Begegnung die Kunst zu schweigen helfen muß, das Klagen rechtzeitig zu unterdrücken, das Wort zu ändern und zu mildern, das zwar, wenn man ihm freien Lauf ließe, den erregten Nerven Entspannung bringen, aber eine dichte Wolke in der Atmosphäre der häuslichen Wände ausbreiten würde! Tausend kleine Dinge, tausend flüchtige Augenblicke des täglichen Lebens, die für sich allein wohl nichts bedeuten und fast ein Nichts sind, aber in ihrer Summierung und ihrem Zusammenhang schließ­lich so ernst werden können, und mit denen doch großen‑

11 Rede vom 8. Juli 1942 (Z. S. 186 f. — vgl. Eheleben, S. 136/37).

12 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 149. — vgl. Eheleben, S. 86).

teils der Friede und die Freude eines Heimes im gegen­seitigen Sichertragen verknüpft und verbunden ist.“ 13

Der Papst verlangt die Zusammenarbeit der Ehe­gatten; der Wille, das herzliche Bemühen darf nicht fehlen noch nachlassen. Sie müssen die Erkenntnis gewinnen, daß „wer in die Ehe tritt mit dem Anspruch, die persönliche Freiheit mit hineinzubringen und eifersüchtig zu behaup­ten, aber nichts von der eigenen persönlichen Freiheit opfern will, schlimmen Konflikten entgegengehe.“ 14 Der Wille zur Mitarbeit muß vorhanden sein, „man muß diese Mitarbeit wollen und suchen, man muß gern zusammen­arbeiten, ohne darauf zu achten, was geboten oder ver­langt oder auferlegt wird; man muß vorangehen, die ersten Schritte tun können, wenn es notwendig ist, um tatsächlich den Anfang damit zu machen, man muß zur Not lebhaft die Fortsetzung dieser ersten Schritte wünschen und dabei mit wachsamer und angestrengter Sorge ausharren, um einen Weg zu finden, die Tätigkeiten beider wirklich mit­einander zu verbinden. Man darf nicht mutlos werden noch Ungeduld zeigen, wenn eine Mitwirkung oder Hilfe nicht genügend zu sein oder in keinem rechten Verhältnis zu den eigenen Anstrengungen zu stehen scheint, sondern muß immer entschlossen sein, nie einen Preis für zu hoch anzusehen, der eine so wünschenswerte unerläßliche und nützliche Eintracht in der Zusammenarbeit und im Streben nach dem Wohl der Familie erzielen kann. Herzliches Bemühen, mitzuarbeiten! Jenen Eifer meinen Wir, den man nicht aus Büchern lernt, sondern den das Herz lehrt, das die tätige Gemeinschaft und Zusammenarbeit in der Leitung und im Ablauf des häuslichen Lebens liebt; jenen Eifer, der gegenseitige Liebe, beiderseitiges Bemühen und Sorge für das gemeinsame Nest ist; jenen Eifer, der auf­merkt, um zu lernen, der lernt, um zu tun, der tut, um dem anderen die Hand zu reichen; kurz jenen Eifer, der für die Ehe eine langsame und gegenseitige Bildung und

13 Rede vom 2o. August 1941 (Z. S. 138 f, — vgl. Ideal, S. 183/84).

14 Rede vom 18. März 1942 (Z. S. 121. — vgl. Eheleben S. 56).

Erziehung ist, die zwei Seelen brauchen, welche zu einer engen und wirklichen Mitarbeit gelangen wollen. Wenn vor dem gemeinschaftlichen Leben unter einem und dem­selben Dach jede der beiden Seelen ihre eigenen Tage gelebt und sich für sich selbst gebildet hat, wenn beide aus Familien kommen, die nie ganz gleich sind, mögen sie sich auch noch so sehr gleichen, wenn also jede ins gemein­same Heim Eigenarten des Denkens, Fühlens, Handelns und Verkehrens hineinbringt, die anfangs nie in voller und ganzer Harmonie untereinander stehen, dann seht ihr wohl, daß man, um sich in der Mitarbeit zu verständigen, sich vor allem gegenseitig gründlicher kennenlernen muß, als dies während der Brautzeit möglich gewesen ist; daß man Tugenden und Fehler, Gaben und Mängel von Fall zu Fall merken und unterscheiden muß, nicht mehr, um Kritiken und Streitigkeiten heraufzubeschwören oder nur, um die Flecken am Lebensgefährten oder an der Lebens­gefährtin zu sehen, sondern um sich klar darüber zu werden, was man davon erwarten, was man vielleicht dazu wird ergänzen oder ausgleichen müssen. Wenn einmal der Weg bekannt ist, auf dem die Regelung des Persönlichen erfolgen muß, dann wird bereitwillig die Arbeit ein­setzen, Gedanken und Gewohnheiten zu ändern, anzu­passen und untereinander in übereinstimmung zu brin­gen.“15

Ernst warnt Papst Pius XII. in einer Ansprache vom November 1942 vor einer „Klippe“ des Eheglücks, die in der ersten Zeit der Ehe besonders leicht der Frau zum Verhängnis werden kann. Er spricht von dem Leicht­sinn, der manche Frau dazu verführt, nun als Verheiratete allzu viele Schranken übersteigen zu wollen und alles, was ihr im behüteten Elternhaus verwehrt war, jetzt als ver­heiratete Frau kennenlernen zu wollen. „War schon ihr Mädchenleben weltlich und ausgelassen, so wird sie sich glücklich schätzen, nun auf anständige Weise, wie sie meint

15 Rede vom 18. März 3942 (Z. S. 121-123. — vgl. Eheleben, S. 5759).

— sie ist ja in Begleitung ihres Mannes —, auch das bißchen Zurückhaltung noch abzuwerfen, das ihr jugend­liches Alter ihr bis dahin auferlegt hatte.“ 16 Jedes Ver­gnügen glaubt sie sich erlaubt und jede Lektüre. In vielen späteren großen Reden warnt Pius XII. vor dem verderb­lichen Einfluß, den das Theater, der Film und viele Bücher in unserer Zeit ausüben, vor allem in den Ansprachen an die weibliche Jugend. Der jungen Ehefrau sagt er die Worte: „Jene Romane erzählen so viel von Untreue, von Schuld, von unerlaubten und hemmungslosen Leiden­schaften. Da geschieht es denn nicht selten, daß die Liebe zweier Gatten dadurch etwas verliert von ihrer Reinheit, ihrem Adel und ihrer Heiligkeit; daß die christliche Wertung und der christliche Begriff der Liebe verfälscht werden; daß diese sich in eine rein sinnliche und irdische Liebe verwandelt, die die hohen Zwecke einer gott­gesegneten Ehe vergißt.“17

Auch möge die junge Ehefrau sich nicht durch die Liebe, wie sie in den Romanen beschrieben wird, der Wirklich­keit entfremden. „Wer gewohnheitsmäßig Romane liest und an romanhaften Bühnenspielen sich ergötzt — mögen sie auch nicht direkt unsittlich oder anstößig sein —, dessen Gefühl, Herz und Phantasie gleiten oft in die Atmosphäre eines vorgetäuschten wirklichkeitsfremden Lebens hin­ein.“ 18 „Das tatsächliche Leben bekommt ja seinen wahren Wert und seine herbe Schönheit von der Arbeit, dem Opfer, der wachsamen Aufmerksamkeit und sorgenden Umsicht für eine gesunde und eine zahlreiche Familie. Aber gerade dieses Salz der Weisheit, das dem wahren Leben seinen Geschmack verleiht, geht auf jene Weise verloren.“ 19

Wir hören in diesen Ansprachen an Jungver­mählte aber keineswegs nur immer den mahnenden Vater,

16 Rede vom 4. November 1942 (Eheleben, S. 229.)

17 Ebendas. S. 230.

18 Ebendas. S. 230/31.

19 Ebendas. S. 231.

sondern der Papst gibt so viele schöne Beweise für seine Gesamtschau, wie er die Frau im Eheleben sieht, daß sich daraus ganz klar ein leuchtendes Spiegelbild der echten Frau herauskristallisiert. In mehreren Anreden nennt Pius XII. die Frau „die Sonne des Hauses“. „Innerhalb der häuslichen vier Wände seid ihr glücklich; da seht ihr nichts von Nebeln, eure Familie hat ja eine eigene Sonne: die Gattin. .. . Sie wird zur Sonne durch ihre Großmut und Hingabe, durch ihre immerwährende Bereitschaft, durch ihre wache Feinfühligkeit, mit der sie genau errät, was dem Gatten und den Kindern das Leben froh macht. Rund um sich verbreitet sie Licht und Wärme. Man pflegt zu sagen, eine Ehe sei dann glückverheißend, wenn keiner der Gatten sie eingeht, um sich selbst, sondern jeder nur, um den anderen glücklich zu machen. Ziemen nun so edles Fühlen und solch reine Absicht auch beiden Gatten, so ist es doch vorzüglich die Tugend der Frau. Die Frau besitzt ja von Geburt aus das warme Schlagen und Empfinden eines Mutterherzens; ein solches Herz mag Bitterkeit empfangen: es will doch nichts als Freude geben; es mag Verdemütigung erfahren: es will doch nichts als Ehre und Achtung erweisen. Es gleicht der Sonne, die die Morgennebel mit ihrem Frühlicht verklärt und die Abendwolken mit ihren Abschiedsstrahlen vergoldet.

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch die Klarheit ihres Auges und durch die Wärme ihres Wor­tes … Ein Licht geht aus von der Gattin Auge, tausend­fach leuchtend in einem einzigen Strahl, und ein Wohl­laut von ihren Lippen, tausendfach ergreifend in einem einzigen Klang. Es sind Strahlen und Klänge, die dem Mutterherzen entströmen, es sind die Strahlen und Klänge, die die Kinderjahre zum lebendigen Paradies machen …

Die Gattin ist die Sonne der Familie durch ihre reine Natürlichkeit, durch ihre würdevolle Schlichtheit und durch ihren christlichen und ehrbaren Liebreiz. Dieser offenbart sich sowohl in der Sammlung und Rechtschaffenheit des Geistes wie in der feinen Harmonie ihres Benehmens und ihrer Kleidung, ihres Schmuckes und ihres Auftretens, das zurückhaltend und gewinnend zu­gleich ist. Zartes Fühlen, anmutig sprechendes Mienen­spiel, ungekünsteltes Schweigen und Lächeln, beifälliges Nicken des Kopfes geben ihr den Liebreiz einer erlesenen und doch einfachen Blume, die ihre Blütenkrone öffnet, um die Farben der Sonne aufzunehmen und widerzu­strahlen . . . Was geschieht aber, wenn der Familie diese Sonne genommen ist? Wenn die Gattin immerfort und bei jeder Gelegenheit auch in den intimsten Beziehungen unmißverständlich zu merken gibt, wie viele Opfer das eheliche Leben sie kostet. Wo bleibt ihre liebevolle Güte, wenn überspitzte Härte in der Erziehung und Gereiztheit und Kälte in Blick und Wort in den Kindern das glück­liche Gefühl, bei der Mutter sei Freude und Trost zu finden, ersticken? Wenn sie nichts anderes tut, als mit harter Stimme, mit Klagen und Vorwürfen das traute Zu­sammenleben im Familienkreise in unseliger Weise zu zer­stören und zu verbittern? Wo bleibt jene großmütige Fein­fühligkeit und jene zarte Liebe, wenn sie — anstatt mit natürlicher und umsichtiger Schlichtheit eine Atmosphäre angenehmer Ruhe im Hause und Heim zu schaffen — das Gebaren einer ruhelosen, nervösen und anspruchsvollen Modedame annimmt? Ist das etwa ein Verbreiten wohltuender und lebenspendender Sonnenstrahlen? Ist das nicht vielmehr eisiger Nordwind, der den Familien­garten gefrieren macht? . . .

Euch aber und eurer Umsicht steht es zu, im Heim die rechte Wohligkeit zu verbreiten und so ein friedsames, frohes Zusammengehen eurer zwei Lebenswege zu verbürgen. Dies ist für euch nicht nur ein natürlicher Beruf, nein, auch die Religion und die christliche Tugend legen euch diese Pflichten auf, so daß alles, was ihr in dieser Absicht tut, euch Verdienste erwirbt und euch in der Liebe und Gnade Gottes wachsen läßt.“ 20

20 Stellen aus der Rede vom 11. März 1942 (Eheleben, S. 37 ff.).

Papst Pius XII. weist der Frau nicht einseitig die Hauptverantwortung für das Glück der Ehe zu. In mehreren Reden spricht er weitläufig und eindringlich von der Verantwortung des Mannes und von seiner Mit­wirkung. Es besteht nicht im geringsten Zweifel daran, daß der Papst innerhalb der Ehe, gemäß den Worten des hl. Paulus (1 Kor 2, 3) und der ununterbrochenen Stellung der Kirche zur Ehe den Mann als das Haupt der Familie ansieht. Diese Einstellung liegt allen seinen Reden zu­grunde. Alle Errungenschaften der Frauenbewegung, zumal der in unserer Zeit zu klärende Begriff der Gleich­berechtigung, werden an der Tatsache, daß innerhalb der Ehegemeinschaft dem Mann und Vater die Führung zusteht, nichts ändern können. Nicht nur die katholische Gattin, sondern jede echte Frau, die ihren Mann liebt, wird sich gegen diesen Standpunkt der Kirche nicht auf­lehnen. Was Gott bei der Einsetzung der Ehe anordnete und in die Natur des Mannes und Weibes hineinlegte, das kann nicht erschüttert werden, ohne sich bei beiden bitter zu rächen. Für die glückliche Ehefrau gibt es in diesem Sinne kein Problem, gleichgültig, welche Fähig­keiten, welche äußeren und inneren Werte sie in die Ehe mit hineinbringt. Je größer ihre eigene Begabung, je tiefer ihr eigener Wert ist, umso mehr will sie im Gatten den Mann, den Führer sehen. Im 5. Band des Handbuchs der katholischen Sittenlehre, herausgegeben von Fr. Till­mann, „Die soziologischen Grundlagen der katholischen Sittenlehre“, schreibt W. Schöllgen von der Frau, „die Intelligenz und Willenskraft“ besitzt: „Sie wird bei der Gattenwahl (denn sie ist durchaus noch im gesunden Sinne für die Ehe ansprechbar) allerdings den harten, nur virilen Männertyp ablehnen und einen weicheren Charakter im Stile der Kontrastwahl bevorzugen. Ein solcher Mann wird sich durchaus wohlfühlen, wenn er taktvoll unter den Pantoffel gebracht wird. Er hat nicht den Ehrgeiz, Familientyrann zu sein. In solchen Familien — und eigentlich nur in ihnen — entsteht ein echter Gefühlskonflikt, wenn etwa ein Gesetz im Stile bisheriger Gesetz­gebung das ausschlaggebende Bestimmungsrecht dem Mann zuweist. Aber eigentlich nur in der Theorie und bei prinzipieller Betrachtung seitens unverheirateter Frauen dieses Typs. Denn in der Praxis tut ein solcher Mann doch, was seine Frau an Wünschen äußert.“ Das ist als durchaus unzutreffend abzulehnen. Bei der Gattenwahl der intelli­genten und willensstarken Frau ist in erster Linie aus­schlaggebend, daß sie einen Gatten findet, für den sie nicht nur Liebe empfindet, sondern Hochachtung auf­bringt. Dabei ist es weniger wichtig, daß er ihr geistig ebenbürtig oder gar überlegen ist, als daß er ihr als Charakter Gewähr bietet, sie führen zu können. Wohl­gemerkt ist von einer echten Ehe die Rede, nicht von einer aus Berufsgründen oder aus sonstigen Vernunftsgründen, bestenfalls aus der Sehnsucht der Frau nach dem Kinde geschlossenen ehelichen Partnerschaft. Ein echter Mann wiederum, der es sich charakterlich und geistig leisten kann, die intelligente Frau zu heiraten, wird wissen, was eine solche Frau ihm als Gattin und Kamerad, seinen Kindern als kluge Erzieherin zu schenken vermag, und er wird es sich kaum einfallen lassen, bei einer solchen Ehefrau den „Familientyrannen“ abzugeben.

Doch hören wir auf Papst Pius XII.!

„Da die allgemein bekannte Tugend und Achtung des Gatten Ehre und Zier der Frau ist, könnten wir hinzu­fügen, daß der Mann mit Rücksicht auf sie sich bemühen muß, unter seinen Kollegen, in seinem Berufe das Beste zu leisten und sich auszuzeichnen. Im allgemeinen wünscht jede Frau, stolz auf ihren Lebensgefährten sein zu können. Verdient also nicht der Mann ein besonderes Lob, der aus feinem Verständnis für seine Gattin und aus tiefer Liebe zu ihr sich bemüht, in seinem Beruf sein Bestes zu leisten und, soweit er dazu imstande ist, etwas auszuführen und zu erreichen, was ihn angesehen und geschätzter macht?“ 21

21 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 145 f. — vgl. Eheleben, S. 81).

„Ihr tut als Haupt der Familie nicht genug, wenn ihr zu Hause oder draußen nur das tut, was zu eurem Beruf, zu eurem Handwerk oder zu eurer speziellen Beschäftigung gehört; im Hause selbst, das das besondere Reich eurer Gattin ist, habt ihr auch euern Teil zu tun. Ihr, stärker an Kraft, oft geschickter im Gebrauch von Werkzeugen und Handwerksgeräten, werdet in der Ordnung des Hauses vor allem bei vielen kleinen Arbeiten Zeit und Gelegenheit zu Tätigkeiten finden, die mehr dem Manne als der Frau zufallen. Es werden keine Mühen und Aufgaben sein, wie die im Dienst, in der Werkstätte oder im Laboratorium, wo ihr tätig seid, noch werden sie unpassend sein für die männliche Würde; sie werden vielmehr eine Teilnahme an der Sorge eurer Lebensgefährtin sein, die oft mit Sorgen und Arbeiten überlastet ist, eine freundliche Hand­reichung, eine Last zu heben; für sie wird es eine Hilfe bedeuten, für euch gleichsam ein Vergnügen oder einen Wechsel in der Beschäftigung.“ 22

Am besten kommt die Stellung des Papstes in seiner Rede vom 10. September 1941 zum Ausdruck, wo er den Männern und Frauen ein Mahnwort zuruft. Zu den Männern spricht er: „An eurem Herd ist jeder von euch Haupt, mit allen Pflichten und mit der ganzen Verant­wortung, die dieser Titel in sich schließt. Zögert und zaudert also nicht, diese Gewalt auszuüben, entzieht euch diesen Pflichten nicht, flieht nicht vor der Verantwortung! Nie sollen Lässigkeit, Gleichgültigkeit, Ichsucht oder Zeitvertreib euch das von Gott anvertraute Steuerruder eures Familienschiffleins aus den Händen nehmen. Aber wenn ihr eure Autorität nun geltend macht und ausübt über jene, die ihr zu eurer Lebensgefährtin erwählt habt, von wieviel Zartgefühl, von wieviel Achtung und Liebe muß sie da jederzeit, in Freud oder Leid, geleitet sein.“23 Die Frau andererseits mahnt er: „Wir wissen wohl, die Gleichstellung in den Studien, in Schule und Wissenschaft,

22 Rede vom 15. April 1942 (Z. S. 151 f. — vgl. Eheleben, S. 90).

23 Rede vom to. September 1941. (Ideal, S. 196).

in Sport und Wettkampf, weckt in nicht wenigen weib­lichen Herzen ein stolzes Gefühl. Auch ihr seid moderne, unabhängige, junge Frauen, und so mag vielleicht eure argwöhnische Empfindsamkeit nur schwer sich einer häuslichen Unterordnung fügen. Rund um euch werden viele Stimmen euch die Unterwerfung als etwas Unge­rechtes schildern; sie werden euch die Idee von einer stolzeren Herrschaft über euch selber beibringen wollen, immer wieder werden sie es euch vorsagen, daß ihr in allem eurem Gatten gleicht, ja in mancher Hinsicht ihm überlegen seid.“ Aber dennoch sagt er ihnen: „Seid nicht damit zufrieden, diese Autorität des Gatten hinzunehmen oder gewissermaßen sie zu ertragen, wo Gott selber in der Natur- und Gnadenordnung euch dieser Autorität unter­stellt hat; nein, ihr sollt sie in aufrichtiger Unterwerfung lieben, lieben mit der gleichen ehrfürchtigen Liebe, die ihr zur Autorität unseres Heilandes selber hegt; denn von ihm stammt die Gewalt eines jeden Hauptes.“ 24

In diesen Erziehungsansprachen zur Ehe ist dem Papst besonders daran gelegen, den Neuvermählten immer wieder die Heiligkeit und Unauflöslichkeit der Ehe ans Herz zu legen. Darum spricht er ihnen so oft von der Treue, da in ihrer Verletzung zumeist der tiefste Grund für die Entfremdung der Ehegatten liegt. Seine Ansprache vom 21. Oktober 1942 ist wahrhaft ein Hoheslied auf die Treue.

„Was ist denn in der Tat die Treue anderes als die ehr­fürchtige Achtung vor dem Geschenk, das jeder der Braut­leute dem andern gemacht hat, dem Geschenk seiner selbst, seines Leibes, seines Geistes, seines Herzens für die ganze Lebenszeit, ohne anderen Vorbehalt als die heiligen Rechte Gottes?“ Ihm ist nicht bang um die erste Zeit nach der Eheschließung, in der Reiz und Begeisterung noch unerprobt sind, wohl aber für die Folgezeit. „Bald

24 Rede vom 1o. September 1941 (Ideal, S. 197).

kommen Unvollkommenheiten zum Vorschein, die Ver­schiedenheiten der Charaktere machen sich bald bemerkbar und wachsen; vielleicht wird auch die geistige Armut bald sehr offenkundig. Das künstliche Feuer ist erloschen, die Liebe, bisher blind, öffnet die Augen und sieht sich getäuscht. Dann beginnt für die echte und wahre Liebe die Prüfungszeit, und zu gleicher Zeit öffnet sich ihr Zauber. Sie ist nicht blind, denn sie bemerkt jede Unvoll­kommenheit, aber sie nimmt sie mit liebevoller Geduld, indem sie ihrer eigenen Fehler gedenkt, noch hellsichtiger, wenn sie nach und nach unter der Hülle des Alltags die guten Eigenschaften eines verständigen Sinnes, gesunden Menschenverstandes und gediegener Frömmigkeit ent­decken und wertschätzen lernt: reiche Schätze, dunkel verborgen, aber in guter Verbindung. Darauf bedacht, diese Gaben und Tugenden des Geistes in volles Licht und rechte Bewertung zu rücken, ist sie ebenso geschickt und wachsam, die Mängel und Schattenseiten des Denkens und Könnens, die Sonderbarkeiten und Ecken des Charak­ters vor fremden Augen zu verbergen. Für irrige und ungelegene Äußerungen weiß sie eine wohlwollende und günstige Deutung zu suchen und freut sich immer, wenn sie eine findet. Seht, so ist sie bereit zu sehen, was eint und verbindet, und nicht das, was trennt, jeden Irrtum zu berichtigen oder jede Voreingenommenheit zu zerstreuen, mit so vollendeter Anmut, daß sie niemals anstößt und beleidigt. Dabei macht sie kein Aufhebens von ihrer Überlegenheit, sondern ihr Feingefühl fragt und sucht vielmehr den Rat des anderen Teiles, wobei sie durch­blicken läßt, daß sie auch gern annimmt, wenn er etwas zu geben hat. Seht ihr nicht, wie auf diese Weise unter den Eheleuten eine geistige Einigung, eine theoretische und praktische Zusammenarbeit begründet wird, die sie zusammen aufsteigen läßt zu der Wahrheit, auf der die Einheit ruht, zur höchsten Wahrheit, zu Gott? Was ist das anders als die Treue zu dem beiderseitigen Geschenk ihres Geistes? . . . Wenn endlich mit dem Alter die Krankheiten, die Schwächen, die demütigenden und drückenden Ver­fallserscheinungen zunehmen mit dem ganzen Gefolge von Leiden, die ohne die Kraft und den Halt der Liebe den einstmals so verführerischen Leib abstoßend machen würden, dann tragen sie für ihn mit einem Lächeln auf den Lippen Sorge mit rührendster Liebe. Seht! Das ist die Treue zu dem gegenseitigen Geschenk des Körpers… „25 „Wenn es von Anfang an echte Liebe war und nicht bloß selbstsüchtiger Trieb nach sinnlichen Genüssen, dann bleibt diese unveränderte Liebe des Herzens immer jung, wird nie besiegt von den Jahren, die dahineilen.“ 26

Am 4. November 1942 spricht Papst Pius XII. in ernsten und tiefen Gedankengängen über die geheime Untreue: „Diese Sünde geheimer Untreue ist leider so häufig, daß die Welt kein Aufhebens davon macht und das eingeschläferte Gewissen sich damit abfindet, wie mit dem Zauber eines Blendwerks“ . . . „Alle rechtlich den­kenden Menschen, auch die, welche christlichem Denken fernstehen, erheben laut ihre warnende Stimme … Man begreift nicht, wenn man nicht die Erschlaffung des sittlichen Gefühls dafür verantwortlich macht, wie Männer von Ehre dulden können, daß ihre Frauen oder Bräute anderen so verwegene Blicke und Vertraulichkeiten ge­statten, noch versteht man, wie eine Verlobte oder eine junge Frau, die tief ihre hehre Würde empfinden, dulden können, daß der Mann oder der Verlobte mit anderen solche Freiheiten oder Vertraulichkeiten sich heraus­nehmen. Muß nicht gegen so schwere Angriffe auf die heilige Treue einer rechtmäßigen und keuschen Liebe auch der leiseste Funke einer ehrbaren Gesinnung sich empören und erheben?“ 27

Diese Art grober geheimer Untreue, die allerdings oft vor dem Äußersten zurückschreckt, ist als Gefahr leicht zu er‑

25 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 166ff. — vgl. Eheleben, S. 210 ff.).

26 Ebendas. (Z. S. 170. — vgl. Eheleben, S. 216).

27 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 173. — vgl. Eheleben, S. 218 ff.).

kennen und wird von der liebenden, vornehm denken­den Frau abgelehnt. Gefährlicher ist die zweite Art geheimer Untreue, vor der Papst Pius XII. warnt, weil auch die gute, edle Gattin sich darin verstricken kann, ohne daß ihr, zu Anfang wenigstens, die Schuld dem Gat­ten gegenüber bewußt wird. Da besonders ideal veranlagte Frauen zu solchen natürlichen Zuneigungen sich hinge­zogen fühlen, sollen die Worte des Papstes ausführlich angegeben werden.

„Trotzdem müssen Wir euch zur Vorsicht mahnen gegen­über manchen Vertraulichkeiten, hinter denen verborgene Sinnlichkeit lauert, gegenüber einer Liebe, die platonisch sich nennen will, die aber oft genug nichts anderes ist als ein Vorspiel, das eine weniger erlaubte und reine Liebe anfängt, oder der dünne Schleier, der sie verdeckt. So­lange die geistige Zuneigung stehen bleibt bei der Über­einstimmung in den ehrlichen und spontanen geistigen Äußerungen, bei der freudigen Bewunderung der Tiefe und Würde einer Seele, ist dabei an sich noch nichts Tadelnswertes. Doch warnt der hl. Johannes vom Kreuz selbst geistliche Personen vor den Verirrungen, die daraus folgen können (vgl. San. Juan de la Cruz, Noche oscura, Buch I, cap. IV n. 7). Unmerklich wird dabei die rechte Ordnung oft umgekehrt, in der Weise, daß man von einer durchaus ehrbaren Zuneigung zu einer Person, die ihren Grund hat in der Harmonie des Denkens, Empfindens und Strebens, unbewußt dazu übergeht, die eigenen Gedan­ken und die eigenen Meinungen den Gedanken und An­sichten der bewunderten Person völlig anzupassen. Anfangs spürt man das Übergewicht nur in unbedeutenden Fragen; dann in ernsteren Dingen, in Sachen praktischer Art, in Fragen der Kunst und des Geschmacks, die schon mehr Persönliches haben, endlich auf dem eigentlich gei­stigen und weltanschaulichen Gebiet und am Ende in den religiösen und sittlichen Anschauungen, so daß man schließlich auf eine eigene persönliche Meinung verzich­tet, um nur zu denken und zu urteilen unter jenem empfangenen Einfluß. Während sonst der menschliche Geist natürlicherweise, oft bis zum Übermaß, stolz ist auf das Festhalten an dem eigenen Urteil, wie ist dann eine so hörige Unterwürfigkeit und gänzliche Unterwerfung unter die Denkweise eines anderen zu erklären? Aber in dem­selben Maße, wie auf diese Weise der eigene Geist sich nach und nach dem Geiste eines Fremden anpaßt, ent­fernt er sich auf der anderen Seite täglich mehr von dem Geist des rechtmäßigen Gatten oder der angetrauten Gat­tin. Schließlich zeigt er in allem, was diese denken oder sagen, eine unwiderstehliche Neigung zum Widerspruch, zur Gereiztheit und Mißachtung. Diese Gesinnung, die vielleicht unbewußt, aber darum nicht weniger gefährlich ist, zeigt, daß der Verstand erobert, gefangen worden ist, daß einem anderen der Geist geschenkt worden ist als dem, dessen unwiderrufliches Geschenk er am Tage der Hochzeit geworden war. Ist das Treue? …

Nächst dem Geist verschenkt man das Herz, aber das ge­schieht nur, indem man dem die Treue bricht, dem es von Anfang an mit unauflöslicher Bindung geschenkt worden war. Die Welt hat gut die Frau rühmen, die keinen tat­sächlichen Fall getan hat, hat gut ihre ausgezeichnete Treue preisen, weil sie vielleicht mit heldenhaftem Opfer­sinn, aber mit rein menschlichem Heldentum ohne Liebe weiterlebt an der Seite des Gatten, mit dem sie ihr Leben verbunden hatte, während ihr Herz, ihr ganzes Herz end­gültig, leidenschaftlich einem anderen gehört. Sehr streng und heilig ist das Sittengesetz Christi. Man kann gut den Adel eines angeblichen Bundes zweier Herzen rühmen, die keusch ,wie Sterne und Palmen‘ miteinander verbun­den seien; man kann gut diese Leidenschaft mit dem Hei­ligenschein einer unklaren Religiosität umgeben. Es ist doch nichts anderes als dichterisches und romanhaftes Gerede, aber kein Wort von christlichem Evangelium und heiligem Bund; man mag sich damit schmeicheln, diese Liebe in erhabenen Höhen zu halten, die Natur ist nach dem Sündenfall den einfältig selbstgefälligen Sprüchen getäuschter Geister nicht mehr so weit gefügig, und die Treue ist schon gebrochen durch die unerlaubte Leiden­schaft des Herzens. Junge Eheleute! Hütet euch vor sol­chen Vorspiegelungen.“ 28

Von der Treue verlangt der Papst Bewährung auch zu den Zeiten einer räumlichen Trennung der Gat­ten, wie sie der Krieg von so vielen forderte. Die Ab­lenkung aus der Einsamkeit durch Ersatzgenüsse „erscheint als Heilmittel, das die Seele von den trüben Gedanken der Abwesenheit abbringen soll; in Wirklichkeit jedoch lenkt es vom Abwesenden selber ab“ 29 In diesen Zeiten der erzwungenen Trennungen, die einer zeitweiligen Wit­wenschaft gleichzusetzen sind, muß die Frau „einen ge­wissen Ernst im Leben, in den Sitten, in den Gewohn­heiten und Umgangsformen zur Schau tragen. Aus ihrer ganzen Haltung sollen auch Fremde deutlich die unsicht­bare Gegenwart des abwesenden Gatten herausmerken können.“ 30

Mit sehr großer Hochachtung spricht darum Papst Pius XII. oft von dem Heldentum der Ehe, das die Treue, die Unauflöslichkeit der Ehe immer wieder neu erfordern.

Besonders erschütternde Worte aber findet er für die Frau, die neben dem untreuen Gatten die Ehe weiter­führt. „Ja, das ist der Gipfel des Leides, der Höhepunkt der Versuchung, eine Witwenschaft, die trauriger ist als der Tod … Das Leben ist gebrochen, aber nicht ausge­löscht; es wird zu einer Prüfung ohne Ende, die etwas Furchtbares an sich hat. Wie groß stehen aber auch jene da, die eine solche Prüfung würdig und heilig zu ertragen wissen. Ja, wunderbar groß, eine Heldin in ihrer Küm­mernis, so steht jene Frau, jene Mutter vor euch, die nun allein die Familie erhalten und die Kinder erziehen muß … Welch schreckliche Versuchung, dem Leben ein Ende zu machen oder sich ein neues Leben und ein neues

28 Rede vom 4. Nov. 1942 (Z. S. 174 ff. — vgl. Eheleben, S. 222 ff.).

29 Rede vom 15. Juli 1942 (Eheleben, S. 15o).

30 Ebendas. (S. 151).

Heim aufzubauen .. . Und doch steht die Pflicht, eine unerbittliche Pflicht, die mit Blitzesklarheit das Gewissen durchforscht und eindeutig gebietet, dennoch dem Schwur treu zu bleiben, den der andere Teil verletzt und zertreten hat.“ 31 Wenn der schuldige Gatte das Zusammenleben nicht abbricht, dann hat die Frau ein besonders schwie­riges Apostolat, weil sie alles tun und leiden muß, um der anderen Seele willen. „ . . . Es braucht die Liebe, die Liebe eines jeden Augenblickes, eine feine, zarte, zu allen Opfern und allen im Gewissen gestatteten Zugeständnis­sen bereite Liebe, eine Liebe, die sich beeilt, jedem Wunsch oder auch irgendeiner unschuldigen Laune Genüge zu tun, ja zuvorzukommen, nur, um das verirrte Herz zurück­zugewinnen und zurückzuführen auf den Weg der Pflicht.“ 32

Welcher Starkmut, ja hier ist das Wort Heroismus nicht fehl am Platze, dazu gehört, ein solches Leben zu ertragen, sei es aus Liebe zum Gatten, in der Hoffnung, ihn doch zurückzugewinnen; sei es, und das wird in den meisten Fällen der Beweggrund sein, um der Kinder wil­len, die bei einer Trennung die Leidtragenden sind, oder sei es aus der Treue zum Sakrament, in der Gesinnung der Hingabe an Gottes Willen, das weiß der Papst nur zu gut. Aber obwohl er um das tägliche Heldentum und das Opferleben vieler Ehen weiß, sieht er in der Ehe­scheidung den Untergang der Frauenwürde. „Einem ver­hängnisvollen Irrtum unterliegen alle jene, die da glau­ben, man könne die Kultur der Frau und ihre weibliche Ehre und Würde erhalten, schützen und heben, ohne ihnen als Grundlage die Einheit und Unauflöslichkeit der Ehe zu setzen.“ 33

Der Papst spricht einmal von der Zeit, der die unsere in vielem so ähnlich ist, vom Niedergang des anti­ken Heidentums. „Die Ehescheidungen mehrten sich; die

31 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 240 f.).

32 Ebendas. (S. 245).

33 Rede vom 29. April 1942 (Eheleben, S. 115).

Familie löste sich mehr und mehr auf; weibliche Sitten und weibliches Empfinden glitten weit ab vom geraden Weg der Tugend, so weit, daß Seneca in die bekannte bittere Klage ausbrach: ,Gibt es wohl noch eine Frau, die sich schämen würde, die Ehe aufzulösen, jetzt, nachdem hochstehende und vornehme Damen ihre Jahre nicht mehr nach den Konsuln, sondern nach der Zahl ihrer Männer zählen; Damen, die sich scheiden, um zu heiraten, und heiraten, um sich zu scheiden?‘ “ 34 Weitere Worte er­übrigen sich, um in diesem Punkt die Parallele weiter zu verfolgen; denn es würde nicht schwer halten, entspre­chende Beispiele aus unserer Zeit des neuen Heidentums zu nennen.

In einer Ansprache an die Heilige Römische Rota vom 6. Oktober 1946 hat Pius XII. über die Gefährdung der Ehe und die steigende Zahl der Eheprozesse gespro­chen: „Sind nicht die vor eurem Gerichtshof anhängigen Eheverfahren ein verräterisches Zeichen? Zeigen sie nicht die fortschreitende Auflösung des Ehelebens an, eine Auf­lösung, die auch die Sitten der katholischen Bevölkerung zu vergiften und verderben droht? Zu der Ausbreitung einer so verhängnisvollen Unordnung haben beide Welt­kriege, der zweite jedoch unvergleichlich mehr als der erste, beigetragen. Niemand kann angesichts dieser Tra­gödie, die so unselige Folgen nach sich zieht, noch beim Gedanken an die Millionen junger Ehegatten, die eine erzwungene Trennung monate- und jahrelang voneinan­der ferngehalten hat, kalt und unempfindlich bleiben. Welche Summe von Mut, Selbstverleugnung und Geduld, welcher Schatz von liebevollem Vertrauen, welcher christ­liche Glaubensgeist waren nötig, um die geschworene Treue zu halten und zu widerstehen. Gewiß sind viele mit Hilfe der im Gebet erflehten Gnade standhaft geblie­ben. Aber wie viele andere sind weniger stark gewesen! Wie viele Trümmer zerstörter Heime, wie viele in ihrer

34 Rede vom 10. September 1941 (Ideal, S. 193/94).

Menschenwürde, im Zartesten und Empfindlichsten ihrer ehelichen Existenz verwundete Seelen, wie viele für das Familienglück tödliche Niederbrüche! Jetzt handelt es sich darum, diese Trümmer wieder aufzurichten, diese Wun­den zu heilen, diese Übel zu kurieren.“ 35

Oder hören wir die bewegte Klage des Heiligen Vaters in seiner Ansprache vom 11. September 1947: „Die Tränen kommen einem in die Augen und die Schamröte steigt einem in die Wangen, wenn man feststellen und bekennen muß, daß bis in die katholischen Kreise hinein die verkehrten Lehren über die Würde der Frau, über die Ehe und die Familie, über die eheliche Treue und Schei­dung, selbst über Leben und Tod unmerklich Besitz von den Geistern ergriffen haben und wie ein schädlicher Wurm an den Wurzeln des christlichen Lebens, der Fa­milie und der Frau nagen.“ 36

Es bedarf der Hilfe Gottes, das Eheleben treu und rein dem Willen Gottes gemäß zu führen. Im Gebet sol­len die Eheleute ihre Zuflucht suchen. „Euer erster und tiefster Trost und Halt wird das vertrauensvolle Gebet sein. Da ihr der Liebe Gottes für euch immer sicher seid, wißt ihr wohl, daß keines eurer Gebete umsonst sein, daß Gott alle erhören wird, wenn nicht in der Stunde und der Art, wie ihr es euch gewünscht und vorgestellt habt, so doch zu einer Zeit, die passender ist für euch, und auf eine Art, die unendlich besser ist für euch: je nachdem die göttliche Weisheit und Macht seiner Liebe es zu eurem Nutzen festzusetzen wissen.“ 37

Pius XII. wiederholt den Rat des hl. Franz von Sales, den Jahrestag der Hochzeit durch den gemeinsamen Empfang der heiligen Kommunion zu feiern. Und ob­gleich er genau weiß, daß in unserer Zeit wenig Sinn für das gemeinsame Familiengebet geblieben ist, hält er im‑

35 A. A. S. (Acta Apostolicae Sedis) vol. 38 (1946) P. 393 Hd. (Herder-Korrespondenz) I, 225.

36 A. A. S. vol. 39 (1947) p. 480-486. — Hd. II, S. 75 ff.

37 Rede vom 9. Juli 1941 (Z. S. 269).

mer wieder an seiner Mahnung fest, es zu pflegen: „Im Namen unseres Herrn bitten Wir euch, geliebte Neuver­mählte, schützt und haltet unversehrt bei jene schöne Überlieferung der christlichen Familien, das gemeinsame Abendgebet, das am Ende eines jeden Tages, um den Segen Gottes zu erflehen und die Unbefleckte Jungfrau im Rosenkranz zu verehren, alle jene versammelt, die unter demselben Dache schlafen: euch zwei, und dann, wenn sie von euch gelernt haben, ihre Händchen zu falten, die Kleinen, die die Vorsehung euch anvertraut hat.“ 38

Die gleiche Bitte äußert der Papst noch ange­legentlicher in seinem Rundbrief „Ingruentium Malorum“ vom 15. September 1951, in welchem er über das Rosen­kranzgebet spricht. Es geht nicht mehr an, mit einem Achselzucken oder verlegenen Lächeln diese Mahnung zum täglichen Rosenkranzgebet in der Familie abzutun, als ein wenig veraltet, in das Tempo, in die Zerrissenheit des modernen Haushalts nicht mehr hineinpassend; denn es ist ja nicht nur der Heilige Vater, der dazu mahnt. Wir dürfen und müssen sogar den vielen Erscheinungen der Gottesmutter gegenüber kritisch sein. Aber wenn wir alle Täuschungen abziehen, so bleibt dennoch wunderbar und erstaunlich, wie oft die Heilige Jungfrau in den letz­ten hundert Jahren an Orten, die von der Kirche aner­kannt sind, erschienen ist (La Salette, Lourdes, Fatima, Banneux). Es ist immer die gleiche Mahnung, die sie ausspricht: sie wünscht Gebet, nennt dabei ausdrücklich das Rosenkranzgebet und verlangt Buße. In La Salette, wo die Heilige Jungfrau 1846 erschien, hat sie selbst ge­sagt, wenn die Welt sich nicht bekehre, könne sie den strafenden Arm der göttlichen Gerechtigkeit nicht mehr zurückhalten. „Wenn mein Volk sich nicht unterwerfen will, bin ich gezwungen, die Hand meines Sohnes fallen zu lassen .. .“ In Fatima gebrauchte sie in einer Erschei­nung vor Jacinta, der kleinen Seherin, fast die gleichen

38 Rede vom 12. Februar 1941 (Z. S. 274. — vgl. Ideal, S. 138).

Worte. So bedeutet das oftmalige Erscheinen der Gottes­mutter, daß sie als unsere Mutter mahnen und vermitteln will, vielleicht in letzter Stunde, damit der Zorn Gottes nicht über uns hereinbreche.

_______

Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955