Was diesen Weltkriegspapst und seine Botschaft des Friedens heute so aktuell macht

Papst Benedikt XV.

Er wollte die „furchtbare Schlächterei“ stoppen – und sein Friedensappell ist heute immer noch aktuell: Der Brief von Papst Benedikt XV. an die Regierungen des Ersten Weltkriegs war Auftakt einer neuen, wichtigen Rolle der Päpste als Autoritäten für den Frieden im blutigen 20. Jahrhundert – und darüber hinaus.

Daran hat der Vorsitzende der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) erinnert, Kardinal Gualtiero Bassetti.

In einem Artikel in L’Osservatore Romano äußert sich Bassetti über den Brief, den der damalige Pontifex am 1. August 1917 an die „Führer der kriegsführenden Völker“ schrieb.

Die Beschwörung eines sinnlosen Massakers, so Kardinal Bassetti, „wurde zu einer Art Schmerzensschrei gegen die moderne Kriegsführung und alle Formen brutalen Massenmordes, den eine nihilistische Moderne hervorgebracht hat“.

Tatsächlich hätten wenige Dokumente eines Papstes so sehr eine zeitgenössische Öffentlichkeit beeinflusst wie die Friedensnote Benedikts XV.

„Soll denn die zivilisierte Welt nur noch ein Leichenfeld sein?“ – Das ist die erschütternde Frage, die der Papst stellte, vor nunmehr genau 100 Jahren, am 1. August 1917. Seit drei Jahren floss bereits Blut. Benedikt warnte vor diesem „allgemeinen Wahnsinn“. Wie ein Vater rufe er „alle seine Kinder“, die er gleich liebe, zum Frieden auf, so der Papst.

Neben den Warnungen enthielt der Brief auch Vorschläge. Konkret schlug der damals 62 Jahre alte Benedikt vor, der mit bürgerlichem Namen Giacomo della Chiesa hieß, auf eroberte Gebiete ebenso zu verzichten wie Reparationszahlungen.

Wie seine frühreren Aufrufe zum Frieden blieb auch dieser Brief auf den ersten Blick erfolglos: Der Krieg ging weiter, und die Mächte verunglimpften den Papst.

Dennoch erwiesen sich die Worte des Papstes als „propethisch“, schreibt Kardinal Bassetti; einmal aufgrund seiner Verurteilung dieser Konflikte, in denen nicht nur Soldaten und Streitkräfte, „sondern Millionen unschuldiger Menschen“ starben.

Zweitens habe der Brief den Auftakt einer neuen Theologie des Friedens gegeben. Diese bereichere die Kirche, aber auch die Kultur des Westens, so Kardinal Bassetti weiter.

Mit der Enzyklika des Jahres 1920, Pacem Dei munus Pulcherrimum, habe Benedikt dann diesen Auftakt verstetigt, der sich auch in Pacem in terris von Johannes XXIII. zeige, und Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils.

Ausarbeitung von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und die Würde des Menschen als Prinzipien des Evangeliums, so Kardinal Bassetti, seien Errungenschaften dieser Theologie.

„Frieden anzustreben ist nicht Ausdruck einer dekadenten Zivilisation mit labiler Identität“, so Kardinal Bassetti, sondern im Gegenteil sei das Ringen um Frieden „eine heroische Übung, die eines großen, unermüdlichen, täglichen Einsatzes bedarf“. Diese Macht sei nicht die einer Armee, sondern – wie Benedikt XV. geschrieben habe – „die moralische Macht des Gesetzes“.

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Quelle

Siehe ferner:

Das war der flammende Aufruf des Heiligen Vaters an alle Kriegführenden im Jahre 1915

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 BENEDICT XV

 APOSTOLISCHES SCHREIBEN

AN DIE IM KRIEGE SICH BEFINDENDEN VÖLKER
UND IHRE LEITER*

Nachdem wir; obgleich unwürdig; als Nachfolger des milden Papstes Pius X auf den Thron des Apostelfürsten berufen wurden, in welchem der Schmerz über den Bruderkrieg, kurz vorher entflammt, sein heiligmäßiges und wohltätiges Leben abgekürzt hat, fühlen auch wir, wenn wir unsere Blicke auf die blutgetränkten Schlachtfelder wenden, den Schmerz eines Vaters, welcher sein Haus verwüstet sieht und unbewohnbar gemacht wurde von einem verheerenden Orkan. Und denken mit unaussprechlichem Schmerz an all unsere jugendlichen Söhne, welche zu tausenden und abertausenden vom Tode hinweggeraubt wurden, fühlen wir in unserem Herzen, erfüllt von der Liebe Christus de Herrn, den ganzen Schmerz der Mütter und der vorzeitig verwitweten Frauen und das untröstbare Jammern der ihres Vaters zu früh beraubten Kinder. Im Geiste nehmen wir immer teil an dem Schmerze unzählbarer Familien und wohlerkennend unsere uns gemäß unserer erhabenen Sendung auferlegten Pflicht, nämlich der Mission des Friedens und der Nächstenliebe, haben wir uns fest vorgenommen unsere ganze Tätigkeit und unsere ganze Autorität für die Versöhnung der kriegführenden Völker einzusetzen, und so haben wir auch feierliche Gelübde dem göttlichen Erlöser gemacht, welcher um den Preis seines kostbaren Blutes alle Menschen unsere Brüder erlösen wollte.

Und Worte des Friedens und der Liebe waren unsere ersten, welche wir an die Völker und Leiter derselben als oberster Seelenhirte richteten. Aber leider blieb unser Rat, liebevoll und dringend als Vater und Freund unerhört. Und wenn sich in unserem Herzen der Schmerz vermehrte, so verminderte sich nicht unser Vorsatz und vertrauensvoll nahmen wir unsere Zuflucht zu Gott dem Allmächtigen, welcher in seiner Hand hat sowohl die Herzen als auch die Gedanken der Untertanen und der Könige, erflehend von ihm die Beendigung des ungeheueren Unglücks. Alle Gläubigen wollten wir mit uns in innbrünstigsten Gebete vereinigen und um die Erhörung dieses Gebetes zu erflehen wollten wir dass dasselbe vereint werde mit Ausübung einer christlichen Busse. Aber heute an dem traurigen Jahrtage des Ausbruches des Krieges flehen wir umso heißer zu Gott, dass dem grausamen Kriege ein Ende gesetzt werden möge, erflehen aus ganzem Herzen den Frieden.

Möge dieser unser Friedensruf das Waffengeklirr übertönen, und die nun im Kriege sich befindenden Völker und ihre Leiter erreichen, damit sowohl die einen wie die andern den milden und aufrichtig gemeinten Ratschlägen folge leisten mögen.

Im Allerheiligsten Namen des Allmächtigen unseres göttlichen Vaters, und um des kostbaren Blutes Jesu Christi willen, für die Erlösung der Menschheit vergossen, beschwören wir euch; o Herrscher der nun im Kriege sich befindlichen Völker, endlich diesem entsetzlichen Kampfe ein Ende zu bereiten, welcher seit einem Jahr Europa entehrt. Denn es ist ja Bruderblut; welches zu Wasser und zu Land vergossen wird. Die schönsten Landstriche Europas, dieses herrlichsten Gartens der Welt sind bedeckt mit Toten und angehäuft von Ruinen, wo noch vor kurzem Handel und Industrie sowie der Ackerbau blühten da tönen jetzt dröhnend die Geschütze nicht verschonend Dörfer und Städte sondern überall nur Tod und Elend säend. Ihr aber habt vor Gott und den Menschen die fürchterliche Verantwortung für Krieg und Frieden wir flehen euch an erhört die väterliche Stimme des Stellvertreters des ewigen und höchsten Richters, welchem auch ihr Rechenschaft ablegen müsst, sowohl über die öffentlichen als auch über euere privaten Taten.

Die großen Reichtümer mit welchen Gott der Schöpfer die Euerer Leitung unterworfenen Länder ausgestattet hat erlauben euch den Kampf fortzusetzen aber um welchen Preis ? Es antworten aus den Gräbern tausend und abertausende Stimmen der jungen Männer die täglich auf dem Schlachtfelde sterben, es antworten die Ruinen so vieler Städte und Dörfer und Kunstwerke welche wir der Frömmigkeit und dem Genie unserer Vorfahren verdankten. Und diese vielen bitteren Tränen vergossen fast in jedem Heim oder zu fassen der Altäre, wiederholen nicht auch sie dass groß ist ja zu groß der Preis des täglichen Kampfes?

Man möge auch nicht sagen dass der ungeheuere Streit nicht ohne Waffengewalt beigelegt werden kann. Man möge von vornherein einsehen, dass die Nationen nicht sterben und daher absehen von dem gegenseitigen Vorsatz sich zu vernichten: die Nationen erniedrigt und gedemütigt, ertragen mit Widerwillen das aufgezwungene, bereiten sich aber vor auf Widereroberung und verbreiten von Geschlecht zu Geschlecht Hass und Rache. Warum nicht von nun ab mit Gerechtigkeit die Rechte und gerechten Aspirationen der Völker prüfen und abwägen?

Warum nicht mit frischem Mute einen direkten oder indirekten Meinungsaustausch herbeiführen zum Zwecke der Prüfung dieser Rechte oder Aspirationen, um so dem ungeheueren Kriege ein Ende zu bereiten, so wie man es auch tat in anderen ähnlichen Umständen? Gesegnet sei derjenige, welcher zuerst den Palmzweig erheben wird und seinem Feinde die Rechte darbieten wird zugleich ihm annehmbare Friedensbedingungen anbietend; denn das Gleichgewicht in der Welt und der gedeihliche und sichere Friede der Völker beruhen hauptsächlich auf gegenseitigem Wohlwollen und auf der Hochachtung der gegenseitigen Würde und Rechte vielmehr als auf großen Heeren und gewaltigen Festungen.

Das ist der Friedensruf der um so lauter tönt an diesem traurigen Jahrtage und wir laden daher alle die Freunde des Friedens sind ein Uns die Hand zu reichen um das Ende des Krieges, welcher Europa in ein weites Schlachtfeld verwandelt hat zu beschleunigen. Möge Christus der Herr von Mitleid bewogen nach so fürchterlicher Plage die Morgenröte des Friedens leuchten lassen! Mögen bald zu Gott dem Herrn dem Geber alles Guten Dankgebete emporsteigen, für die Wideraussöhnung der Staaten, möchten die Völker in brüderlicher Liebe vereint den edlen Wettstreit um Künste und Wissenschaften sowie des Handels wiederaufnehmen. Und nachdem das Recht eines jeden wiederhergestellt ist mögen sie sich von nun ab entschließen Streitfragen nicht mehr dem Schwerte zur Entscheidung zu überlassen sondern durch Recht und Gerechtigkeit mögen sie entschieden werden, nachdem dieselben mit Ruhe und Mäßigung vorher diskutiert wurden. Und das wahrhaftig würde Euere schönste und ruhmreichste Eroberung sein!

In der sicheren Hoffnung, dass durch solche Vereinbarungen bald wieder der Welt der Langersehnte Friede gebracht werde erteilen wir aus ganze Herzen all denjenigen die unserer Hirtensorge anvertraut sind den hl. apostolischen Segen, und auch für diejenigen, welche nicht der hl. römischen Kirche angehören bitten wir den Herrn, dass er sie mit uns vereinigen möge im Geiste der vollkommensten Nächstenliebe.

Gegeben zu Rom im Vatikan, am 28 Juli. 1915.

BENEDICTUS PP. XV


*AAS 7 (1915) S.372-374.