Papst würdigt Einsatz des Patriarchen Bartholomaios I. für die Einheit der Christen

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Basilica San Nicola, Bari / Wikimedia Commons

Ökumenischer Patriarch empfing am Montag
den „Nikolaus-Preis“ in Bari

Papst Franziskus hat den Einsatz des ökumenischen Patriarchen Konstantinopels, Bartholomaios I., ‪„zur Förderung einer immer größeren Gemeinschaft unter allen Gläubigen in Christus“ gewürdigt. Der im Februar 1940 auf der Insel Imbros (oder Gökçeada, in der türkischen Provinz Çanakkale) geborene Patriarch wurde am Montag im süditalienischen Bari mit dem ökumenischen ‪„Sankt-Nikolaus-Preis“ ausgezeichnet.

Der von der Theologischen Fakultät Apuliens gestiftete „Premio Ecumenico San Nicola“ wird katholischen und orthodoxen Persönlichkeiten verliehen, die sich in besonderer Art und Weise um die Förderung der Einheit der Christen verdient gemacht haben. Der Preis besteht aus einer gold-silbernen Reproduktion der ‪„einflammigen Lampe“, die seit 1936 bei den Reliquien des heiligen Nikolaus von Myra in der päpstlichen Nikolaus-Basilika in Bari brennt.

In seinem Telegramm an den Erzbischof von Bari, Msgr. Francesco Cacucci, vereint der Papst sich ‪„geistlich mit dem sehr lieben Bruder Bartholomaios in der Verehrung des heiligen Bischofs von Myra Nikolaus, dessen Reliquien seit fast tausend Jahren in Bari aufbewahrt werden“.

Im Schreiben vertraut Papst Franziskus „die ersehnte Verwirklichung der vollen Einheit der Christen“ der Fürsprache des ‪„sowohl im Westen wie im Osten sehr geliebten Hirten“ Nikolaus an.

Mit ihrer ‪„lobenswerten“ Initiative – so heißt es weiter – bezeugen „die Theologische Fakultät Apulien‪s und die ganze Kirche Apuliens ihre Treue an ihrer Berufung als Brücke zwischen den Christen des Ostens und des Westens.“

Der hl. Nikolaus wird am 6. Dezember gefeiert (19. Dezember im Julianischen Kalender) und genießt vor allem Bekanntheit als Freund der Kinder und Geber guter Gaben.

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Quelle

Augsburg: Tomás Halík ruft Christen in Europa auf, eine tiefere Spiritualität zu suchen

Jahresempfang des Bischofs von Augsburg 2016, Bischof Konrad Zdarsa; Gastvortragender Tomas Halik

Professor Halík: Wenn sich die Kirche auf Seelsorge in der Pfarrgemeinde beschränkt, wird sie „ihrer klassischen Biosphäre verlustig werden.“ (Foto: Annette Zoepf/pba)

Der Prager Soziologieprofessor und katholische Priester
sprach beim Jahresempfang der Diözese

Der Prager Soziologieprofessor und katholische Priester Dr. Tomáš Halík hat gestern Abend beim Jahresempfang des Bischofs von Augsburg dazu aufgerufen, eine neue, tiefere Spiritualität zu suchen. „Das heutige europäische Christentum wirkt zu müde und zu wenig überzeugend“, betonte er. Das Thema seines Vortrags lautete: „Christlicher Glaube – Hoffnung für Europa?“

Wie Bischof Dr. Konrad Zdarsa bei der Begrüßung der rund 300 geladenen Gäste aus Kirche, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft im Augsburger Haus Sankt Ulrich hervorhob, könne Professor Halík aus seinen reichen persönlichen Erfahrungen schöpfen. 1948 in Prag geboren, studierte er in den 1960er Jahren Soziologie, Philosophie und Psychologie, bevor er in den 1970er Jahren im Untergrund Theologie studierte und zum Priester geweiht wurde. Halík beschäftigt sich immer wieder mit der Nahtstelle zwischen Glauben und Unglauben. Zentral ist für ihn der ernsthafte Dialog mit den Atheisten über die Gottesfrage.

In seinem Vortrag betonte Halík mehrmals, das europäische Christentum müsse eine tiefere Spiritualität entwickeln. Europa sei eine fortlaufende Geschichte, es mache immer wieder Änderungen durch. Auch unsere Art des Christseins ändere sich dabei. „Das Christentum von gestern kann schwerlich eine Hoffnung für das Europa von heute oder von morgen sein“, konstatierte er. Die praktizierenden Christen in Europa seien zu einer Minderheit geworden. Wenn sich die Kirche auf Seelsorge in der Pfarrgemeinde beschränke, wird sie „ihrer klassischen Biosphäre verlustig werden“, blickte er voraus. Zugleich stellte Halík aber auch fest, dass die Säkularisierung nicht das letzte Wort der geschichtlichen Entwicklung in Europa sei. An ihre Stelle trete die Pluralisierung. Die Frage sei dabei nur, ob Europa unsere christlichen Werte wahren werde.

Das Christentum in Europa müsse deshalb eine tiefe Reform durchmachen, forderte Halík. Das Pontifikat von Papst Franziskus könne hier zum Beginn eines neuen Kapitels werden. Es könne Hilfe leisten bei der Suche nach einer neuen Spiritualität. Papst Franziskus setze Akzente mit Themen wie der Barmherzigkeit Gottes, der Solidarität mit den Armen, der Verantwortung für die Umwelt oder auch mit seinem Verständnis für Menschen, die sich in moralisch komplizierten Situationen befänden. Mit solchen Themen könnten Christen sogar zu einer „schöpferischen Minderheit“ werden, meinte Professor Halík, der zudem von der „therapeutischen Stärke des Glaubens“ sprach. Angesichts neuer Warnsignale und Gespenster in Europa – er nannte als Beispiel die Angst vor den Fremden – könne die Kirche zu einer Kultivierung des sozialen Klimas beitragen. Hiermit könne sie „der Demokratie einen großen Dienst erweisen.“

Entscheidend ist unsere Fähigkeit, als Christen mit Suchenden in den Dialog zu treten

Vor allem hänge die Zukunft der Kirche davon ab, „inwieweit sie fähig ist, mit Suchenden in Verbindung zu treten.“ Er nannte dabei auch die wachsende Zahl der „Apatheisten“. Für Professor Halik sind dies Menschen, die apathisch gegenüber der Religion und der Frage nach Gott sind. Auch mit ihnen müsse ein Dialog geführt werden. „Über das, was diesen Menschen heilig ist.“ Bei diesem Dialog müssten wir selber als Suchende die anderen begleiten. Es gehe dabei darum, die Wahrheit neu zu durchdenken. „Die Wahrheit ist ein Buch, das niemand von uns bis zum Ende gelesen hat.“ Für Halík ist damit auch verbunden, dass wir uns von einer oberflächlichen Vorstellung von Gott verabschieden und zu einer tieferen, reiferen Gestalt des Christentums gelangen. Er sprach deshalb auch von einem „nachmittäglichen Christentum“, das sich in der Zeit der Reife befände.

Zentral ist für Professor Halík dabei unser Gottesbild, unsere persönliche Spiritualität. Mit Bezug auf den spätmittelalterlichen Theologen und Mystiker Meister Eckhart sprach er vom „äußeren Menschen“, der oberflächlich lebe, konform sei und sich manipulieren lasse. Dessen Vorstellung von Gott sei eine Projektion menschlicher Phantasien, Ängste und Wünsche. Das sei aber, so Halík, nichts anderes als ein atheistisches Gottesbild, es existiere nur im Reich menschlicher Illusionen und Ängste. „Aber wir müssen ein anderes Bild Gottes anbieten, Gott als Tiefe des Lebens, der Wirklichkeit“, richtete er sich an seine Zuhörer. Dieser „innere Gott“ zeige sich in Liebe, Glaube und Hoffnung, nicht in Angst, Aberglaube und Illusion. Die Suche nach einem solchen Gott sei ein dauernder Prozess und laufe auf eine existentielle Umwandlung des Menschen hinaus.

Eine solche Konversion zeige sich auch in der Solidarität mit anderen, ergänzte er. Theresa von Kalkutta, für Halík eine „Heilige unserer Zeit“, habe das immer wieder neu gelebt. Tags über habe sie sich solidarisch gezeigt mit dem körperlichen Elend des Menschen, nachts mit den geistig Leidenden. Es gehe also darum, die Zeichen der Zeit zu lesen und uns solidarisch mit anderen zu zeigen, so Halík. Es gehe darum, wie der Apostel Paulus es formulierte, als Christen zu einer neuen Schöpfung beizutragen. Niemand von uns könne die Breite des Glaubens erschöpfen. Aber wenn wir als Christen und als Kirche unsere Perspektive erweitern wollen, dann brauche es den Diskurs in dieser Welt über unseren Glauben und unser Gottesbild. Im Reformationsjahr 2017 könne dies sogar Anlass sein, „einen mutigeren Ökumenismus zu entdecken“, meinte Halík. „Wenn die Kirchen Schule dieses Dialogs sind, brauchen sie keine Angst zu haben, dann können sie Sauerteig für Europa, für diese Welt von heute sein“, so sein Schlusswort.

Wer sich mit der Gedankenwelt von Professor Halík intensiver auseinandersetzen möchte, dem sei das aktuelle „Religiöse Buch des Monats November 2016“ des Sankt Michaelsbunds empfohlen:

Anselm Grün/Tomáš Halík: Gott los werden? Wenn Glaube und Unglaube sich umarmen. Münsterschwarzach: Vier-Türme-Verlag, 2016. – 206 S.; 19,99 €

(Quelle: Webseite des Bistums Augsburg, 08.11.2016)

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Österreich: Broschüre für Flüchtlinge zeigt christliche Werte

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„Grüß Gott in Österreich“ heißt eine Broschüre, die die katholische Kirche und der Österreichische Integrationsfonds (ÖIF) für Flüchtlinge erstellt. Sie informiert auf Deutsch, Arabisch und Farsi über „ein Land mit christlichen Wurzeln“; dargestellt werden auf 44 Seiten österreichische Traditionen, Symbole, Brauchtum sowie Feste und die Grundlagen des christlichen Glaubens. „Es kommen viele Tausend Menschen in unser Land, hilfesuchend, Zukunft suchen, und wir möchten ihnen etwas von dem sagen, was die christlichen Wurzeln dieses Landes sind“, erklärt Kardinal Christoph Schönborn von Wien, der Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz. Es gehe nicht darum, andere Traditionen als minderwertig darzustellen, „sondern wir wollen ihnen positiv sagen, das sind unsere Werte, das ist unsere Tradition, das sind unsere christlichen Wurzeln. Ihr sollt sie kennenlernen und die Möglichkeit haben, darum zu wissen, in diesem Sinn wollen wir euch dabei helfen, auch eure Wurzeln zu finden, wenn ihr hier bleibt.“

Viele Flüchtlinge brächten Neugier, aber auch offene Fragen mit, wenn sie christlichen Traditionen begegnen, so Kardinal Schönborn weiter „Viele Aspekte unserer Kultur – von Weihnachten über den arbeitsfreien Sonntag bis zur Caritas – haben sich aus dem Christentum heraus entwickelt. Die Broschüre soll Flüchtlingen helfen, die christlichen Wurzeln Österreichs zu verstehen und damit unser Land besser kennen zu lernen. Sie ist ein Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in unserem Land“, so der Vorsitzende der Bischofskonferenz.

Ebenfalls in der Broschüre abgebildet sind die zentralen Integrationsangebote des Österreichischen Integrationsfonds für Flüchtlinge. „Grüß Gott in Österreich“ ist in einer ersten Auflage von 34.000 Stück erschienen. Die Broschüre liegt in Kirchen, kirchlichen Einrichtungen und Integrationszentren auf und ist auch im Internet abrufbar.

(kap 21.09.2016 gs)

Die Einheit ist ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes

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Feierlicher Einzug in die Basilika St. Paul vor den Mauern

Vesper in der Basilika St. Paul vor den Mauern
am Fest der Bekehrung des heiligen Apostels Paulus und
zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen

Predigt von Papst Franziskus am 25. Januar 2016

»Ich bin der geringste von den Aposteln […], weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe. Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben« (1 Kor 15,9-10). So fasst der Apostel Paulus die Bedeutung seiner Bekehrung zusammen. Diese Bekehrung, die nach der von blendendem Licht erfüllten Begegnung mit dem auferstandenen Jesus (vgl. 1 Kor 9,1) auf dem Weg von Jerusalem nach Damaskus erfolgte, bedeutet nicht in erster Linie moralische Veränderung, sondern sie ist eine verwandelnde Erfahrung der Gnade Christi und zugleich Berufung zu einer neuen Sendung: allen jenen Jesus zu verkünden, den er vorher verfolgt hat, indem er seine Jünger verfolgte. Denn in jenem Augenblick versteht Paulus, dass zwischen dem in Ewigkeit lebenden Christus und jenen, die ihm nachfolgen, eine wirkliche transzendente Gemeinschaft besteht: Jesus lebt in ihnen und ist in ihnen gegenwärtig, und sie leben in Ihm. Die Berufung zum Apostel ist nicht auf die menschlichen Verdienste von Paulus gegründet, der sich selbst als »gering« und »unwürdig« betrachtet, sondern auf die unend­liche Güte Gottes, der ihn erwählt und ihm das Amt anvertraut hat.

Ein ähnliches Verständnis des auf dem Weg nach Damaskus Geschehenen wird vom heiligen Paulus auch im ersten Brief an Timotheus bezeugt: »Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn früher lästerte, verfolgte und verhöhnte. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben nicht, was ich tat. So übergroß war die Gnade unseres Herrn, die mir in Christus Jesus den Glauben und die Liebe schenkte« (1,12-14). Die übergroße Barmherzigkeit Gottes ist der einzige Grund, auf den die Sendung des Paulus sich stützt, und sie ist zugleich das, was der Apostel allen verkünden muss.

Die Erfahrung des heiligen Paulus ähnelt derjenigen der Gemeinschaften, an die der Apostel Petrus seinen ersten Brief richtet. Der heilige Petrus wendet sich an die Mitglieder kleiner und schwacher Gemeinschaften, die von der Verfolgung bedroht sind, und bezieht die Ruhmestitel des heiligen Volkes Gottes auf sie: »ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das Gottes besonderes Eigentum wurde« (1 Petr 2,9). Für jene ersten Christen wie auch für uns alle Getauften heute ist es ein Grund des Trostes und beständigen Staunens um die Auserwählung zu wissen, Teil des göttlichen Heilsplanes zu sein, der in Jesus Christus und in der Kirche verwirklicht wird. »Warum, Herr, gerade ich?«; »Warum gerade wir?« Wir berühren hier das Geheimnis der Barmherzigkeit und der Erwählung durch Gott: Der Vater liebt alle und will alle retten, und deshalb beruft er einige, indem er sie mit seiner Gnade »ergreift«, damit durch sie seine Liebe alle Menschen erreichen kann. Die Sendung des ganzen Gottesvolkes ist es, die wunderbaren Taten des Herrn zu verkünden, an erster Stelle das Pascha-Mysterium Christi, durch das wir aus der Finsternis der Sünde und des Todes in das Licht seines neuen und ewigen Lebens hinübergegangen sind (vgl. 1 Petr 2,10).

Im Licht des Wortes Gottes, das wir gehört haben und das uns in dieser Gebetswoche für die Einheit der Christen geleitet hat, können wir wirklich sagen, dass wir alle, die wir an Christus glauben, gerufen sind, »Gottes große Taten zu verkünden« (vgl. 1 Petr 2,9). Über die Differenzen hinaus, die uns noch trennen, erkennen wir voller Freude, dass am Ursprung des christlichen Lebens immer eine Berufung steht, deren Urheber Gott selbst ist. Auf dem Weg der vollen sichtbaren Gemeinschaft unter den Christen können wir nicht nur Fortschritte machen, wenn wir uns einander annähern, sondern vor allem in dem Maße, in dem wir uns zum Herrn bekehren, der uns aus Gnade erwählt und uns beruft, seine Jünger zu sein. Und sich bekehren bedeutet zuzulassen, dass der Herr in uns lebt und wirkt. Aus diesem Grund machen die Christen der verschiedenen Kirchen wichtige Schritte in Richtung der Einheit, wenn sie gemeinsam das Wort Gottes hören und sich bemühen, es in die Praxis umzusetzen. Und nicht nur die Berufung vereint uns, sondern auch dieselbe Sendung: allen die großen Taten Gottes zu verkünden. Wie der heilige Paulus und wie die Gläubigen, an die der heilige Petrus schreibt, können wir nicht umhin, die barmherzige Liebe zu verkünden, die uns ergriffen hat und die uns verwandelt hat. Während wir auf dem Weg zur vollen Gemeinschaft untereinander sind, können wir bereits zahlreiche Formen der Zusammenarbeit entwickeln, gemeinsam vorangehen und zusammenarbeiten, um die Verbreitung des Evangeliums zu fördern. Und wenn wir gemeinsam vorangehen und zusammenarbeiten, dann merken wir, dass wir bereits im Namen des Herrn vereint sind. Die Einheit wird im Unterwegssein geschaffen.

In diesem außerordentlichen Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit dürfen wir nicht vergessen, dass es keine wahre Suche nach der Einheit der Christen geben kann, ohne sich ganz der Barmherzigkeit des Vaters anzuvertrauen. Wir bitten vor allem um Vergebung für die Sünde unserer Spaltungen, die eine offene Wunde im Leib Christi sind. Als Bischof von Rom und Hirte der katholischen Kirche möchte ich um Barmherzigkeit und Vergebung bitten für das nicht mit dem Evangelium übereinstimmende Verhalten von Katholiken gegenüber Christen anderer Kirchen. Zugleich lade ich alle katholischen Brüder und Schwestern ein zu vergeben, wenn sie heute oder in der Vergangenheit von anderen Christen Beleidigungen erlitten haben. Wir können Geschehenes nicht auslöschen, aber wir wollen nicht zulassen, dass die Last vergangener Schuld weiter unsere Beziehungen vergiftet. Die Barmherzigkeit Gottes wird unsere Beziehungen erneuern.

In dieser Atmosphäre inständigen Gebets richte ich einen brüderlichen Gruß an Seine Eminenz Metropolit Gennadios, den Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, und an Seine Gnaden David Moxon, den persönlichen Repräsentanten des Erzbischofs von Canterbury in Rom, sowie an alle Vertreter der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften Roms, die heute Abend hier zusammengekommen sind. Mit ihnen sind wir durch die Heilige Pforte dieser Basilika gegangen, um daran zu erinnern, dass die einzige Tür, die uns zum Heil führt, Jesus Christus ist, unser Herr, das barmherzige Antlitz des Vaters.

Herzlich grüße ich auch die jungen Menschen orthodoxen oder orientalisch-orthodoxen Glaubens, die mit der Unterstützung des »Komitees für kulturelle Zusammenarbeit mit den orthodoxen Kirchen«, das dem Rat zur Förderung der Einheit der Christen angegliedert ist, hier in Rom studieren, wie auch die Studenten des »Ecumenical Institute of Bossey«, die hier in Rom einen Besuch abstatten, um ihre Kenntnis der katholischen Kirche zu vertiefen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen uns heute dem Gebet anschließen, das Jesu Christus an den Vater gerichtet hat: »Alle sollen eins sein […], damit die Welt glaubt« (Joh 17,21). Die Einheit ist ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes, des Vaters. Hier vor dem Grab des heiligen Apostels und Märtyrers Paulus, das in dieser wundervollen Basilika bewahrt wird, spüren wir, dass unsere demütige Bitte von der Fürsprache der großen Schar christlicher Märtyrer aus Vergangenheit und Gegenwart unterstützt wird. Großherzig haben sie auf den Ruf des Herrn geantwortet, sie haben mit ihrem Leben ein treues Zeugnis gegeben von den großen Taten, die Gott für uns vollbracht hat, und sie erfahren bereits die volle Gemeinschaft in der Gegenwart Gottes, des Vaters. Gestützt von ihrem Beispiel – diesem Beispiel, das die Ökumene des Blutes gibt – und ermutigt von ihrer Fürsprache wollen wir unser demütiges Gebet an Gott richten.

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Quelle: Osservatore Romano 4/2016

Papst Franziskus an die Teilnehmer der ökumenischen Tagung vom 24. Januar 2015

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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER ÖKUMENISCHEN TAGUNG, DIE DIE KONGREGATION FÜR
DIE INSTITUTE GEWEIHTEN LEBENS UND DIE
GESELLSCHAFTEN APOSTOLISCHEN LEBENS VERANSTALTET HAT

Konsistoriensaal
Samstag, 24. Januar 2015

[Multimedia]


 

Meine Herren Kardinäle,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich heiße sie herzlich willkommen und danke Kardinal Braz de Aviz für die Worte, die er im Namen aller an mich gerichtet hat. Ich freue mich, dass diese Initiative gottgeweihte Männer und Frauen aus verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften vereint hat, die ich herzlich begrüße. Besondere Bedeutung kommt der Tatsache zu, dass eure Begegnung in der Gebetswoche für die Einheit der Christen stattgefunden hat. Jedes Jahr erinnert sie uns daran, dass die geistliche Ökumene die »Seele der ökumenischen Bewegung« ist, wie es das Konzilsdekret Unitatis redintegratio (Nr. 8) unterstreicht, dessen 50. Jahrestag wir kürzlich gefeiert haben. Ich möchte einige Gedanken zur Bedeutung des geweihten Lebens für die Einheit der Christen mit euch teilen.

Der Wille, die Einheit aller Christen wiederherzustellen, ist natürlich in allen Kirchen vorhanden und betrifft sowohl den Klerus als auch die Laien (vgl. ebd., 5). Aber das geweihte Leben, das im Willen Christi und in der gemeinsamen Tradition der ungeteilten Kirche verwurzelt ist, hat zweifellos eine besondere Berufung für die Förderung dieser Einheit. Im Übrigen ist es sicherlich kein Zufall, dass zahlreiche Pioniere der Ökumene Männer und Frauen des geweihten Lebens waren. Auch heute widmen sich verschiedene Gemeinschaften intensiv diesem Ziel und sind privilegierte Orte der Begegnung zwischen Christen unterschiedlicher Traditionen. In diesem Zusammenhang möchte ich auch die ökumenischen Gemeinschaften erwähnen, wie die von Taizé und Bose, die beide bei dieser Tagung anwesend sind. Zum geweihten Leben gehört die Suche nach der Vereinigung mit Gott und nach der Einheit innerhalb der brüderlichen Gemeinschaft. So verwirklicht es beispielhaft das Gebet des Herrn: »Alle sollen eins sein« (Joh17,21).

Euer Treffen hat am Institut für Patristik »Augustinianum« stattgefunden. Der heilige Augustinus beginnt seine Regel mit folgenden vielsagenden Worten: »Das Erste, warum ihr in Gemeinschaft zusammenlebt, ist, einmütig im Haus zu wohnen, und ein Herz und eine Seele zu sein auf Gott hin« (I,3). Das gottgeweihte Leben zeigt uns gerade, dass diese Einheit nicht die Frucht unserer Bemühungen ist: Die Einheit ist eine Gabe des Heiligen Geistes, der die Einheit in der Verschiedenheit verwirklicht. Es zeigt uns auch, dass diese Einheit nur wahr werden kann, wenn wir gemeinsam auf dem Weg sind, wenn wir den Weg der Brüderlichkeit in Liebe, Dienstbereitschaft und gegenseitiger Annahme gehen.

Es gibt keine Einheit ohne Bekehrung. Das geweihte Leben erinnert uns daran, dass im Mittelpunkt jeder Suche nach Einheit und damit jeden ökumenischen Bemühens vor allem die Bekehrung des Herzens steht, die die Bitte um Vergebung und die Gewährung von Vergebung einschließt. Sie besteht zum großen Teil in einer Bekehrung unseres Blicks: sich bemühen, uns gegenseitig in Gott anzublicken und uns auch in den Standpunkt des anderen hineinzuversetzen: das ist eine zweifache Herausforderung, die mit der Suche nach der Einheit verbunden ist, sowohl innerhalb der Gemeinschaften geweihten Lebens als auch zwischen Christen unterschiedlicher Traditionen. Es gibt keine Einheit ohne Gebet. Das geweihte Leben ist eine Schule des Gebets. Das ökumenische Engagement antwortet an erster Stelle auf das Gebet des Herrn und ist wesentlich auf das Gebet gegründet. Einer der Pioniere der Ökumene und ein großer Förderer der Gebetswoche für die Einheit, P. Paul Couturier, gebrauchte ein Bild, das die Verbindung von geweihtem Leben und Ökumene gut verdeutlicht: Er verglich all jene, die für die Einheit beten, sowie die ökumenische Bewegung allgemein mit einem »unsichtbaren Kloster«, das die Christen der verschiedenen Kirchen, der verschiedenen Länder und Kontinente vereint. Liebe Brüder und Schwestern, ihr seid als erste die treibenden Kräfte dieses »unsichtbaren Klosters«: Ich ermutige euch, für die Einheit der Christen zu beten und dieses Gebet in eurer Haltung und in den täglichen Gesten umzusetzen.

Es gibt keine Einheit ohne die Heiligkeit des Lebens. Das geweihte Leben hilft uns, uns der an alle Getauften gerichteten Berufung bewusst zu werden: die Berufung zur Heiligkeit des Lebens, die der einzig wahre Weg zur Einheit ist. Das wird mit eindringlichen Worten im Konzilsdekret Unitatis redintegratio unterstrichen: »Alle Christgläubigen sollen sich bewußt sein, daß sie die Einheit der Christen um so besser fördern, ja sogar einüben, je mehr sie nach einem reinen Leben gemäß dem Evangelium streben. Je inniger die Gemeinschaft ist, die sie mit dem Vater, dem Wort und dem Geist vereint, um so inniger und leichter werden sie imstande sein, die gegenseitige Brüderlichkeit zu vertiefen« (Nr. 7).

Liebe Brüder und Schwestern! Während ich euch für euer Lebenszeugnis für das Evangelium und für euren Dienst am Anliegen der Einheit danke, bitte ich den Herrn euren Dienst reich zu segnen und euch zu inspirieren, unermüdlich für Frieden und Versöhnung zwischen allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften tätig zu sein. Ich bitte euch, für mich zu beten, und segne euch von Herzen. Bitten wir den Herrn um den Segen, indem wir, jeder in seiner Sprache, das Gebet des Herrn sprechen. [Gebet des Vaterunser] Der Herr segne uns alle.

Generalaudienz: Die eine und heilige Kirche und die schwere Sünde der Teilung

Im Nächsten Gott erkennen, darin liegt die Heiligkeit der Kirche. Das betonte Papst Franziskus an diesem Mittwoch bei der ersten Generalaudienz nach der Sommerpause, die wieder auf dem Petersplatz und nicht in der Audienzhalle stattfand.

„Immer wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, bekräftigen wir, dass die Kirche „eins und heilig“ ist, führte Franziskus in das Thema ein. Damit setzte der Papst seine Katechese-Reihe zum Glaubensbekenntnis fort. Die „Einheit“ und „Heiligkeit“ der Kirche, von denen im Credo die Rede ist, haben ihren Ursprung in Gott selbst, so der Papst – dem Glaubenden falle zu, sich davon zur Umkehr motivieren zu lassen, fuhr er fort: Das Bekennen des Glaubens treibe zu einer solchen Umkehr an. Dabei könnten sich die Gläubigen immer auf Jesu Beistand verlassen, so Franziskus, er lasse seine Kirche nie allein:

„Wie gut ist es doch zu wissen, dass sich der Herr im Augenblick vor seinem Tod nicht um sich selbst gesorgt hat, sondern dass er an uns gedacht hat! Und in seinem betrübten Gespräch mit dem Vater hat er darum gebetet, dass wir alle eins seien mit ihm und untereinander. Genau so, mit diesen Worten, hat sich Jesus zu unserem Fürsprecher beim Vater gemacht, so dass auch wir in die volle Gemeinschaft der Liebe mit ihm eintreten können. Gleichzeitig vertraut er uns sein geistliches Testament an, so dass die Einheit immer mehr zum Merkmal unserer christlichen Gemeinschaften werde und die Antwort für jeden, der uns nach dem Grund der Hoffnung fragt, die in uns ist. Das ist die Einheit.“

Die Worte Jesu im Johannesevangelium, im siebzehnten Kapitel, drückten diese Einheit wunderbar aus, fügte der Papst an.

„,Sie sollen eins sein. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.‘ Die Kirche müht sich seit Beginn, diesen Wunsch zu erfüllen, der Jesus so sehr am Herzen liegt. Die Erfahrung aber zeigt uns, dass es viele Sünden gegen die Einheit gibt. Und dabei denken wir nicht nur an die großen Schismen, sondern auch an das Fehlen von Einheit in unseren Gemeinden, an die ,Pfarreisünden‘. Unsere Gemeinden sind manchmal traurigerweise Orte des Neides, der Eifersucht, der Antipathie, obwohl sie dazu berufen sind, Orte des Teilens und der Gemeinschaft zu sein. … Das Geschwätz, das machen alle! Wie viel wird in den Pfarreien geschwätzt! Das ist nicht gut! Da wird jemand Vorsitzender einer Kommission, und man schwätzt über ihn, und da wird jemand Vorsitzende der Katecheten, und man schwätzt über sie. Das ist nicht die Kirche. Ich verlange ja nicht, dass ihr euch die Zunge herausschneidet, das wäre zu viel verlangt. Wir müssen den Herrn nur um die Gnade bitten, das nicht zu tun.“

So ein Verhalten sei menschlich, aber nicht christlich, betonte der Papst. Es geschehe, wenn man sich selber an die erste Stelle rücke, dann schaue man auf die Schwächen und Defekte der anderen, dann verurteile man. Und damit gebe man dem Gewicht, was trenne. Das sei auch in der Geschichte der Kirche sichtbar, in den Spannungen unter den Christen. Und auch heute seien die Christen getrennt. Um das überwinden zu können, brauche es eine ernsthafte Gewissenserforschung. Papst Franziskus:

„In einer christlichen Gemeinschaft ist die Teilung eine der schwerwiegendsten Sünden, weil sie ein Zeichen nicht des Wirkens Gottes, sondern des Wirkens des Teufels ist. Er ist per Definition der, der trennt und Beziehungen zerstört. Gott dagegen will, dass wir in der Fähigkeit des gegenseitigen Annehmens, des Vergebens und darin, sich gegenseitig Gutes zu wünschen, wachsen. Um ihm immer ähnlicher zu werden, der Gemeinschaft und Liebe ist. Hierin liegt auch die Heiligkeit der Kirche: In der Identifikation mit dem Bild Gottes, erfüllt von seiner Barmherzigkeit und seiner Gnade.“

Abschließend erinnerte der Papst an die Worte Jesu „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“. Der Weg zur Einheit und Gemeinschaft führe über die Bekehrung. Nur so werde der Gläubige immer mehr zum Abbild Gottes.

(rv 17.08.2014 ord)

(Audio: http://media01.radiovaticana.va/audio/ra/00441783.RM)

WER IST EIN CHRIST? – WER IST ES NICHT?

Christ ist, wer Jesus CHRISTUS so annimmt und in seinem und durch sein Leben bekennt, wie Sich dieser Christus Selber bezeugt hat. Christ ist, wer vorbehaltlos und unein­geschränkt an Jesus Christus, an Sein Wort, an Seine Lehre glaubt und diesen Glauben durch seine Taten (als echt) beweist.

Jesus Christus ist also die Basis, der Boden, das Fundament des christlichen Glaubens und des Christseins, das ist klar. Und zwar (natürlich nur) der wirkliche Jesus Christus, der tatsächlich gelebt hat, nicht irgendein Phantasieprodukt, einzig der geschichtliche, der von seinen (unvoreingenommenen, ge­rech­ten) Zeitgenossen, von Seinen Jüngern, Seinen Aposteln und den Apostelschülern in historischen Urkunden, – deren einwandfreie Überlieferung bis heute nachgewiesen und jederzeit nachweisbar ist -, in jeder Hinsicht glaubwürdig geschil­derte Jesus von Nazareth. Was von Anfang an war, was wir gehört und mit unsern Augen gesehen haben, was wir geschaut und mit unsern Händen betastet haben, berichten wir vom WORT des Lebens. Das Leben ist ja erschienen, und wir haben es gesehen und bezeugen und ver­künden euch das Leben, das Ewige, das beim Vater war und sich uns geoffenbart hat.“ (I. Jo 1,1 f.) Christ ist somit, wer die vier (kanonischen) Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes), die Apostelgeschichte, die Briefe des heiligen Apostels Paulus, die „Katho­lischen Briefe“ (den Brief des Apostels Jakobus, die Briefe des Apostelfürsten Petrus, die Briefe des Apostels Johannes, den Brief des Apostels Judas Thaddäus), die Offenbarung des Apostels Johannes, d.h. die Bibel, die Heilige Schrift des Neuen Testamentes (nebst der­jenigen des Alten Bundes) vor allem mit 100%iger Zustimmung annimmt.

Und nun, diese Ausgangsbasis einmal gesetzt, ergibt sich alles Weitere wie von selbst:

Christ ist nur, wer an die Gottheit Christi glaubt, wer bekennt, daß Christus wahrer GOTT, wesensgleich mit Gott dem Schöpfer aller Dinge, dem Ewigen VATER oder mit GOTT schlichthin ist. Laut dem Apostel Johannes offenbarte Christus: „Ich und der Vater sind eins.“ (Jo 10,30), das heißt: Christus und GOTT sind (Ihrer Wesenheit nach) eins, sind ein und dasselbe, sind identisch. „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch, ehe Abraham ward, bin Ich.“ (Jo 8,58) „… so glaubt, daß der Vater in Mir ist und Ich im Vater.“ (Jo 10,37 f.) „Im Anfang war das WORT, und das WORT war bei Gott, und Gott war das WORT.“ (Jo 1,1f.) „Das WORT ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ (Jo 1,14)

Kein Christ ist demnach, wer (auch nur schon) zweifelt an der Gottheit Christi (geschweige denn sie leugnet), wer Jesus Christus (auch nur schon ansatzweise) als einen bloßen (wenn auch höchstbegnadeten) Menschen betrachtet (vgl. den Arianismus und den heutigen Neo-Arianismus!) „Wir wollen denen keinen, Glauben schen­ken, die da behaupten, Christus sei nichts anderes als ein Mensch, allerdings ein so gerechter, daß Er würdig sei, Sohn Gottes genannt zu werden. Die solches lehren, duldet die katholische Kirche nicht in ihrer Mitte.(Augustinus, de ag. christ. 19 (40:300)) „Wer von Christus redet, ohne Seine Gottheit und Weseneinheit mit dem Vater zu bekennen, hat um Christus herum­geredet.“ (Kardinal Faulhaber, Zeitrufe 26) Wer also Christus zwar als „Sohn Gottes“ bekennt, nicht aber aus­drücklich sagt, daß er diese Sohnschaft nicht in dem Sinne versteht, daß er ein Mensch wie wir alle gewesen sei, nur viel vollkom­mener, der hat den wahren Glauben nicht und ist kein Christ. Denn „in Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit wesenhaft.“ (Kol 2,8) „In Ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist…“ (Kol. 1,16 f.)

Diese eine Wesensaussage über den geschichtlichen Jesus von Nazareth ist so zentral und so alles ent-scheidend, daß sich keiner an ihr vorbeischleichen kann. Keiner kann ein Christ sein, der nicht ein absolutes Ja sagt zu dieser einen „Initial“- („Einführungs“-)Lehre, zu diesem Fundamental-Dogma: „Jesus Christus und der eine und einzige GOTT sind wesenhaft identisch“! „Seht da, euer Gott! … Er selbst kommt und wird euch retten!“ (Is 35,4) „Alles, was der Vater hat, ist Mein.“ (Jo 16,15) „Wer Mich gesehen hat, hat auch den Vater gesehen.“ (Jo 14,9) Jeder, der Christ sein will, muß also überzeugt bekennen: Christus ist mein GOTT, und muß von Herzen beten: „Jesus, mein HERR und mein GOTT!“ Dieser Glaube ist konstituierend, ist so unabdingbar für das Erreichen des ewigen Ziels, für das eigene Heil, daß wer an dieser ersten Weg-Gabelung die falsche Seite wählt, auf seiner ganzen weiteren Erkenntnis- und Bekenntnisstrecke nicht mehr auf den rettenden „Ast“ einmünden kann. Er ist gezwungen, an diesen Ausgangs­punkt, an diesen über Wahrheit und Irrtum, über Licht und Finsternis, über Leben und Tod entscheidenden Knotenpunkt zurückzukehren und hier den (grundlegendsten) Entscheid einsichtig richtig zu fällen.

Wer aber mit ganzer Überzeugung Ja gesagt hat, befindet sich fortan auf dem Ast des Lebens. Er kann auch hier durch allerlei Abweichen auf Verästelungen noch Irrwege und Umwege gehen, aber bei Rückkehr aus ihnen gelangt er immer wieder auf die Lebensader. „Gott hat uns das Ewige Leben gegeben, und dieses Leben ist in Seinem Sohn. Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn nicht hat, der hat auch das Leben nicht.(I Jo 5,11 f.) „Gott hat Zeugnis abgelegt für Seinen Sohn. Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat das Zeugnis in sich. Wer Gott nicht glaubt, erklärt Ihn für einen Lügner; denn er glaubt nicht an das Zeugnis, das Gott für Seinen Sohn abgelegt hat.“ (I Jo 5,10) Wer Jesus Christus wahrhaft als GOTT sieht, erfüllt wie von alleine die weiteren Bedingungen. Er wird nicht nur dem geschicht­lichen, getreu überlieferten persön­lichen Wort Christi (absoluten) Glau­ben schenken, sondern (mindestens relativen, also auf Christus rück­bezogenen, an Ihm gemessenen) auch demjenigen Seiner (echten) Jünger und Apostel, demjenigen all Seiner (echten) Boten, Gesandten, Beauf­tragten aller Zeiten. Er wird An­schluß suchen bei den Gleich­gesinnten, seinen Glaubensbrüdern und so Glied der Kirche sein wollen und sich nur in ihr beheimatet fühlen. Er wird ihre Ordnung respektieren und sich einfügen. Er wird ihren (wahren) Vorstehern (gerechten) Gehorsam leisten, ihre Gottesdienste mitfeiern, ihre Sakra­mente empfangen, etc. etc.

Was aber, wenn Einzelne und ganze Teile dieser Christengemeinschaft im Laufe der Zeit von der Lehre Christi abweichen? Wer kann sich wie lange noch (mit Recht) Christ nennen?

Jedes klare Abweichen (auch nur in einem einzigen Punkt) von dem, was Christus eindeutig bezeugt und gelehrt hat, ist so schwerwiegend, daß ein Christ, der solches tut, gleich welche Stellung er in der Kirche einnimmt, sei er selbst Papst, d.h. Stellvertreter Christi, auch wenn er 99% des Glaubensgutes behält, das Recht auf seinen Christennamen verwirkt.

Die Häresie des Arianismus war ein solches offensichtliches (wenn auch z.T. subtiles) Abweichen. In den Grundzügen lehrte der Priester Arius das Folgende: 1) Der Vater allein ist der ungezeugte Urgrund von allem, der Sohn ist gezeugt, eben deshalb aber nicht gleich ewig mit dem Vater; es hat vielmehr eine Zeit gegeben, wo der Sohn nicht war. 2) Als in der Zeit entstanden, ist der Sohn auch nicht aus dem Wesen des Vaters sondern geworden durch seinen Willen, aus Nichts und deshalb nur ein Geschöpf, nicht etwa Gott von Natur aus. 3) Der Zweck, warum der Sohn vom Vater hervorgebracht ward, ist die Weltschöpfung. Weil der höchste Gott ohne Mittelwesen nicht schaffen konnte, brachte er zuerst den Logos hervor. 4) Gleich bei der Schöpfung erhielt dieser die Herrlichkeit des Vaters und die Schöpferkraft, ja er erscheint als unwandelbar, als voller Gott, letzteres jedoch nur insofern, als er durch die Gnade des Vaters als Sohn angenommen wurde.

Da Arius und seine Anhänger auch nach ihrer Verurteilung durch die von Bischof Alexander von Alexandria einberufene Synode von Alexandria (Aegypten) die weitesten Volks­schichten aufregten und immer größeren Anhang in den breiten Massen des Volkes (und des Klerus) fanden, so wurde zur Vermittlung des Friedens eine allgemeine Synode nach Nicäa berufen, die zugleich den sog. Osterfeststreit schlichten sollte. Nach langen Verhandlungen, in denen besonders der junge Athanasius den durchaus unchristlichen Charakter der arianischen Lehre nachwies und zugleich die Winkelzüge der Partei des Eusebius von Nikomedien, des bedeutendsten Anhängers des Arius, durchkreuzte, belegte das Konzil des letztern Lehre mit dem Anathem und stellte das bekannte Glaubens­bekenntnis zusammen: („… Und (ich glaube) an den einen Herrn Jesus Christus, den Sohn Gottes, der als Eingeborener aus dem Vater gezeugt ist, d.h. aus des Vaters Wesenheit; Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt und nicht geschaffen, dem Vater wesens­eins, durch den alles im Himmel und auf Erden geschaffen ist. …“)

Man sieht leicht, wie das (echte) Konzil die Tendenz verfolgte, alles Ausweichen der Häresie unmöglich zu machen. Die Schriften des Arius wurden (mit Recht) zum Feuer verurteilt, er selbst zunächst mit 2 Bischöfen verbannt. Arius und seine überzeugten Anhänger waren also keine Christen mehr! Und auch die heute seuchenartig zahlenmäßig massiv zunehmenden Neu-Arianer, die Jesus Christus auch (spitzfindig) als „Sohn Gottes“ „ehren“, aber Ihn nicht als GOTT, wesensgleich dem Schöpfer aller Dinge, bekennen, die sich aber dennoch „Christen“ und auch „Katholiken“ nennen (und oft in hohen Positionen der Hierarchie angesiedelt sind), sind in Wirklichkeit selbstverständlich keine Christen mehr!

Christ ist, wer Jesus Christus ins Zentrum, in die Herzmitte seines Lebens stellt, für den Christus das A und O, der Anfang und das Ende, der Eingang und der Ausgang, das Beginnen und das Abschließen, d.h. das ganze Leben ist, sowohl das zeitliche wie das ewige. Christ ist, wer neben Jesus Christus nicht noch andere „Götter“ hat, wer den Begründer des Christentums für GOTT, den all­einigen und einzigen GOTT hält und darum über alles ehrt und achtet und darum Seine Gebote und Weisungen und Lehren über alles beachtet und befolgt.

Kein Christ ist, wer andere Menschen auf die gleiche Stufe stellt wie Christus, wer z.B.andere „Religions“-Vorsteher und „geistliche“ Führer (irgendwie auch) für Heilsstifter hält. Nur in Christus ist Heil, das Heil. Nur Jesus konnte von sich sagen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er hat nicht gesagt: „Ich bin ein Weg… es gibt noch andere…“ Nur Er ist der Retter, der Erlöser. Kein Christ ist, wer andere (angebotene) „Wege“ für wert hält, gleich- oder ähnlichwertig beachtet oder gar befolgt zu werden. Es gibt keine Gnosis (Wissen um Gott und göttliche Geheimnisse), es gibt keine Gottes­erkenntnis gegen Christus. Als „Weg“ und „Wahrheit“ und „Leben“ Etikettiertes und Proklamiertes, das auch nur in Teil­bereichen gegen das von Jesus Christus Verkündete steht, kann für einen Christen nur als „Abweg“ und „Unwahrheit“ und „Unleben (Tod)“ gelten.

Christ ist, wer Jesus Christus für den Wegweiser, den Wahrheits­verkünder, den Lebensspender hält, außer dem es nur Boten, Vermittler, Diener dieses Seines Weges, dieser Seiner Wahrheit, dieses Seines Lebens geben kann. Kein Christ ist, wer auch nur irgendeinen anderen Menschen als mit gleicher/ähnlicher Macht und Herrlichkeit, mit irgendwelcher eigener Machtvollkommenheit ausge­stattet hält. Christus ist das Licht der Welt. Er ist der Lehrer aller Lehrer, der Meister aller Meister, der Herrscher aller Herr­scher. Von Seinem Denken und Wollen hängt alles, hängen alle ab. Sein Gericht ist das höchste. Sein Wort das absolute, das alles und alle bindende. Niemand kann sich herausnehmen, über Sein Wort zu bestimmen, zu verfügen. Was Jesus Christus bezeugt und gelehrt hat, hat ewigen Bestand und ewige Gültigkeit. Keine Autorität der Erde (auch die des Papstes nicht!) und des Himmels (auch die der Engel und Heiligen nicht), kann dagegen auftreten. Ein Papst, auch wenn er als Nachfolger des Apostels Petrus höchster „Stellvertreter Christi“ und damit „Schlüsselträger“ und damit Inhaber der Binde- und Lösegewalt ist, hat keine eigene Macht­vollkommenheit, so daß er irgend etwas von Christus Bezeugtes, Bewertetes, Gelehrtes, Entschiedenes neu und anders bezeugen, bewerten, lehren oder entscheiden könnte. So können Päpste und Konzilien nichts von dem aufheben oder uminterpretieren, was in der (als echt und vollständig erkannten und anerkannten) Heiligen Schrift festgeschrieben und von Anfang an zuverlässig überliefert ist. Die Apostel und Jünger Christi und ihre Nachfolger sind nichts mehr als Diener und Ausspender der Besitz- und Reichtümer Christi. Sie sind nicht als Herren über das Erbe Christi gesetzt, sondern als Verwalter. Das Erbe aber sind vorzüglich die Seelen, die von Ihm erlösten, losgekauften Seelen. Christus ist die Tür zu den Schafen. Er ist der gute Hirt. Er ist das Brot des Lebens. Er ist die Auferstehung und das (ewige)Leben. Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Er steht an der Spitze von allem, und alles hat in Ihm seinen Bestand. In Ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten, alles ist durch Ihn und für Ihn geschaffen. (KoI 1,15-17) In Ihm wohnt wirklich die ganze Fülle der Gottheit.(Kol 2,9) Er ist der Anfang, der Erstgeborene unter den Toten. (Kol. 1,18) Alles hat Er (Gott Vater) Ihm zu Füßen gelegt und Ihn zum alles überragenden Haupte der Kirche gemacht, die Sein Leib ist, erfüllt von Ihm, der das Ganze mit allem erfüllt (Eph 1,22.23)

Wie tief und eindrucksvoll ist die schlichte Symbolik alter Mosaiken, Gemälde, Buchmalereien: Christus groß, alle andern Personen, z.B. Apostel usw., klein dargestellt (vor Ihm wird alles klein).

Christus ist gesetzt… zu einem Zeichen des Widerspruchs, an Ihm vollzieht sich das große Entweder-Oder. „Glaubt nicht, Ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert (der Geisterscheidung).“ (Mt 10,34)

„Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber auf den Sohn nicht hören will, wird das Leben nicht sehen, sondern dem Zorne Gottes verfallen.“ (Jo 3,36) „Wer an Ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat.“ (Jo 3,18) „Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer aber den Sohn bekennt, hat auch den Vater.“ (1 Jo2,23)

„Das ist Sein (des Vaters) Gebot, daß wir an den Namen Seines Sohnes Jesus Christus glauben.“ (I Jo 3,23) „Wer an Mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist; und wer im Glauben an Mich lebt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ (Jo 11,26) „Niemand erkennt den Sohn als der Vater, und niemand erkennt den Vater als der Sohn und wem der Sohn es offenbaren will.“ (Mt 11,25-27) „Wer Mich verachtet und Meine Worte nicht annimmt, der hat seinen Richter; das Wort, das Ich verkündet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.“ (Jo 12,47.48) „Wenn ihr nicht glaubt, daß Ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ (Jo 8,24) „Jeder, der auf diesen Stein fällt, wird zerschmettert werden; auf wen aber der Stein fällt, den wird er zermalmen.“ (Lk 20,18) „Ist unsere frohe Botschaft verhüllt, so ist sie nur für jene verhüllt, die verloren gehen, für die Ungläubigen, deren Verstand der Gott dieser Welt verblendet hat, daß ihnen nicht erstrahle das Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, der das Ebenbild Gottes ist.“ (2 Kor 4,3f.) „Sie verleugnen den Herrn, der sie losgekauft hat, und ziehen sich jähes Verderben zu.“ (2 Petr 2,1)

Darum: „Geliebte, traut nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind. Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt hinausgegangen. Daran erkennt den Geist Gottes: Jeder Geist, der bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist, ist aus Gott; der Geist aber, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott.“ (I Jo 4,1) „Viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleische erschienen ist. Aus ihnen spricht der Verführer, der Antichrist. Seht euch vor, daß ihr nicht verliert, was ihr erarbeitet habt, sondern daß ihr den vollen Lohn empfangt. Wer über die rechte Grenze hinausgeht und nicht bei der Lehre Christi bleibt, besitzt Gott nicht; wer aber bei der Lehre bleibt, besitzt den Vater und den Sohn.“

Christ ist, wer glaubt, daß Christus die Wahrheit ist. Daß Er die absolute, alles umfassende Wahrheit ist. Wir nennen etwas wahr, was in Wirklich­keit so ist, wie es ausgesagt wird. Wahrheit ist, was mit dem Sein übereinstimmt. Die Wahrheit ist, was mit dem Sein kongruent, deckungs­gleich ist. Jesus ist die Wahrheit, weil Er das Sein ist. Er ist der Seiende, das Leben schlechthin. „Wie der Vater das Leben in Sich selbst hat, so hat Er auch dem Sohn verliehen, das Leben in Sich selbst zu haben.“ (Jo 5,26). Vor Ihm und über Ihm gibt es nichts In-Sich-Seiendes. Alles Leben strömt aus Ihm. Wäre Jesus nicht GOTT, dann könnte Er niemals von sich sagen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Wäre Jesus nur ein Mensch wie wir, und wenn auch ein viel vollkomme­nerer (wie die heiligste Jungfrau Maria), dann wäre Jesus nicht die Wahrheit, sondern dann wäre er höchstens höchster Künder und Ver­mittler der Wahrheit, des Seins, des Lebens.

Christ ist, wer glaubt, daß Christus der Allwissende ist. Jesus ist auch als kleines Kind, ja schon als Un­geborener im Mutterschoß, der All­wissende und Allmächtige. (Vgl. dazu z.B. das mystische Werk „Das Innenleben Jesu“ der Äbtissin Cäcilia Baij) In Seiner Person vereinigt er die göttliche mit der menschlichen Natur. „Ein und derselbe Christus existiert in 2 Naturen, unvermischt, unveränder­lich, ungeteilt und untrennbar, wobei die Verschiedenheit der Naturen wegen der Einigung nicht aufhört, vielmehr die Eigentümlichkeit jeder Natur bewahrt wird und mit der andern zu einer Person und Subsi­stenz zusammenkommt; er (Christus) ist nicht in 2 Personen geteilt, sondern ein und der nämliche ist eingeborener Sohn, Gott, Logos, Herr, Jesus Christus“ (Denzinger 148). Gott aber nahm in Christus die Menschennatur an und nicht umgekehrt. Nicht der Mensch, der in Maria empfangen wurde, nahm die Gottesnatur an. Die Vereinigung der beiden Naturen geht also von der göttlichen aus und wird von dieser bestimmt. Gott hat aber nicht eine Menschennatur angenom­men, um sie nach Belieben wieder „abzustreifen“, sondern für immer, für ewig, „unveränderlich“, unwiderruflich! Die Zweite Person Gottes kann sich nie mehr von ihrer Menschennatur trennen. Doch trotz dieser untrenn­baren Einigung wird die Eigentüm­lichkeit auch der menschlichen Natur bewahrt. Jesus Christus ist wahrer, wahrster Mensch. Nichts geht ihm ab an seinem Menschsein, was das Menschsein ausmacht. „In ALLEM wurde Er uns gleich, außer (in) der Sünde.“ Jesus mußte darum als Mensch auch lernen, Erfahrungen sammeln, zunehmen an Weisheit und Macht (Können). Christus war Mensch unter Menschen. Er bewegte sich unter ihnen, sprach mit ihnen, aß und trank, hungerte und dürstete, war müde vom Wandern, schlief müde im Schiff, vergoß blutigen Schweiß, litt, starb und wurde begraben; Er trauerte, weinte, wurde erschüttert, frohlockte, zürnte und liebte mensch­lich stark und innig. Jesus konnte darum als Mensch von sich auch sagen: „Nicht einmal der Menschen­sohn kennt den Tag und die Stunde …“ und konnte echt beten: „Vater, … dieser Kelch möge an mir vorübergehen.“ Und: „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“

Christ ist demnach nur, wer nicht nur glaubt, daß Christus der wahre und einzige GOTT ist, sondern auch das für absolut unabdingbar hält, daß Jesus Christus in jeder Beziehung ech­ter, wahrer MENSCH und damit un­ser BRUDER und damit unser ERLÖSER ist. Nicht als Gott hat Chri­stus uns erlöst, sondern als Mensch. „Wäre Gottes Sohn nur Got­tes Sohn geblieben, ohne Menschen­sohn zu werden, so hätte Er die Menschen­kinder nicht er­löst.“ (Augustinus s. 127,6,9; 38:710) „Hätte Er irgend etwas von der menschlichen Natur nicht ange­nommen, so hätte Er uns auch nicht erlösen können.“ (Hierony­mus, hom. in nat. Dom (Kös 15:217). „Der Logos schuldet dem Vater keinen Gehor­sam, sondern ist ein Herr und Gott mit ihm. Wenn er nun in einer Menschennatur ein Leben des freiwil­ligen Gehorsams vom ersten Eintritt in die Welt (Hebr. 10,5) an bis zum Kreuzestode (Phil 2,8) führt und als Sühne für uns (Mk 10,45) aufopfert, so wird aus unserer Mitte heraus überfließend mehr und Wert­volleres Gott dargeboten, als wir alle ihm an geschuldetem Gehorsam verweigert haben. Das Geheimnis der hyposta­tischen Union ist also, worauf schon seine frühesten patristischen Verteidi­ger hinweisen, das eigentliche Funda­ment für die Möglichkeit der vollkommenen und überfließenden Sühneleistung im Erlösungswerk Chri­sti.“ (Lex. f. Theol. u. Kirche, Her­der, 1933)

Das letzte, das entscheidende Verständnis Seiner Person kann uns nur Jesus Selbst aufschließen. Es hat nie Menschenworte gegeben, die es an Würde und Machtgefühl aufneh­men könnten mit den Worten und Gesten, in denen das göttliche Selbst­bewußtsein Jesu aufblitzte. Nie hat ein Mensch mit solchem Bewußtsein vor der Welt gestanden. Keine natürlichen Entwicklungen können einen Menschen auf jene Höhe führen, auf der Jesus steht. Die Natur baut keine Jakobsleiter zu dem Thron hin, auf dem der Messias thront. Man versuche es einmal und streiche alle Worte aus Christi Mund, aus denen ein Schimmer übermenschlicher Größe und Macht leuchtet, alle Aussprüche, welche von Seiner eigenen Erhabenheit und Gottheit handeln, alle Taten, die als Wunder und Erfüllung der Weissagungen bezeichnet werden: was bleibt dann von Seinen Worten überhaupt noch übrig?

Und so bestimmt, so selbst­verständlich, so natürlich, wie Er von Gott als Seinem Vater sprach, konnte nur der reden, der Gott in dem Lichte Seiner eigenen Seele schaute, der nicht uns andern gleich nur durch äußere Vermittlung zu einem tieferen Gottesbewußtsein eingeführt wurde. Es gibt nichts Hohes und Heiliges im Alten Bund, nicht einmal seinen Tempel, nicht einmal seinen Sabbat, ja nicht einmal sein Gesetz, was nicht Seinem Willen und Seiner Vollmacht unterstünde. In dem einen kleinen Wort vom Menschensohn, in dem Schlichtesten, was Er von Sich aussagen konnte, in dem Namen „Mensch“ verbargen Sich Ihm die ungeheuersten Spannungen Seines Selbstbewußtseins. Bis zum Himmel weiß Sich Jesus erhöht, und in den Staub der Erde sieht Er Sich hinabgestoßen. Er ist gekommen zu herrschen. Er ist gekommen zu dienen, zu sterben. König des Himmels ist Er und Mensch, ja Sklave der Menschen zugleich.

Wer hier erschrickt, wer nicht mehr weiter kann und an dem Paradox zusammenbricht: Gott, der Allvoll­kommene, Allheilige, der Unendliche ist ein Mensch, ein Jude, ein Zimmermann, ein Verurteilter, ein Gekreuzigter: solch ein Schiffbrüchi­ger mag doch wohl noch gläubiger und frömmer sein als einer, der all das gelassen zur Kenntnis nimmt und teilnahmslos sein Credo spricht, oder gar als einer, der sich erfrecht, Jesu Selbstaussagen als unschuldige Floskeln, als harmlose Übersteige­rungen eines exzentrisch frommen Gemüts auszugeben und vor der edlen Menschlichkeit Jesu seine Verbeugung zu machen.

Jesus starb, Jesus mußte sterben, weil die Menschen zu klein und zu eng, zu stumpf und zu niedrig waren, um Sein Hohes, Himmlisches zu erfassen.

„Entweder ist Jesus Christus wirklich wahrer Gott oder die christliche Religion ist in ihrem innersten Kerne gotteslästerlicher Trug, und ihr Stifter selbst war ein Bösewicht oder Wahnwitziger; das ist aber für alle, die denken können und wollen, ein vollgültiger Beweis sowohl für die Gottheit Christi als auch für die Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums.“ (Kleutgen, Theol. d. Vorzeit 3,17)

Da Christus also, wie hinreichend nachgewiesen, identisch mit GOTT ist, eines Wesens mit der höchsten unerschaffenen und allschöpferischen Ewigen Wesenheit, ist jeder Mensch ein (mindestens anonymer) Christ, der den Willen GOTTES (wenigstens im­pli­zit) (nach Maßgabe seines Erken­nens und seiner Willenskraft) erfüllt oder (grundsätzlich) zu erfüllen trachtet. Um Christ zu sein, ist also weder das konkrete Wissen um Christus, noch das explizite Bekennt­nis zu Ihm, noch die materielle Taufe etc. unabdingbare Voraussetzung. Das alles gab es einmal nicht. In den Zeiten vor Christus. Im Alten Bund. Und doch waren – schon vor Christi Geburt – ALLE „Gerechten“ jener frühen Epochen eigentlich auch CHRISTEN, d.h. in Christus (Vor-)Erlöste, nämlich Menschen, die an den GOTT glaubten, der dann „in der Fülle der Zeit“ in Jesus Christus Mensch und damit sichtbarer, „greif­barer“ Retter, Erlöser geworden ist, an den Gott, der schon damals Seinen Willen, Seine Gesetze (durch die Propheten) den Menschen zur Er­füllung und damit zu ihrem Heil auftrug, und schon damals ALLES auf CHRISTUS hin schuf und ordnete. Adam und Eva, Noah, Abraham, Moses, Esther und Judith, Anna und Joachim, etc. sie alle waren und sind also Erlöste, Gerettete, Heilige und darum auch CHRISTEN! Sie ohnehin. Aber nicht nur sie, sondern auch ALLE HEIDEN, die ohne eigene Schuld nichts (oder nicht Hin­reichendes) von der wahren Gottes­offenbarung, nichts (oder nicht genü­gend Überzeugendes) von Jesus Chri­stus als dem Gott-Menschen und Erlöser, nichts (oder nur Bruchstück­haftes) von seinem Evangelium (oder schon von seinem Protoevangelium), nichts (oder mehr Negatives) von seiner Kirche erfahren haben und erfahren, und die nach bestem Wissen und Gewissen ihr Leben an ihrem entsprechend dunklen, wenigstens aber aufrichtigen Glauben ausrichten. Alle, die „in unüberwindlicher Un­wissen­heit“ hinsichtlich der göttlichen (Voll-)Wahrheit „in Finsternis und Todesschatten“ sitzen, die unschuldi­gerweise falschen Philosophien und Religionen und Welt­anschauungen anhangen und so ihr kümmerliches, aber ehrliches, „gutartiges“, „gerech­tes“ Seelenleben fristen.

Christ ist also nicht nur, wer sich bewußt zu Christus bekennt und seine Lehre annimmt und erfüllt, sondern auch, wer sich unbewußt, eben implizit, d.h. einschlußweise, zu all dem bekennt und all das annimmt, und all das erfüllt, was GOTT direkt und indirekt in jedes Menschen Herz „verkündet“. So ist denn tatsächlich JEDER Mensch, sind ALLE Men­schen ohne Ausnahme erlöst oder vorerlöst.

Es gibt also eine wahre „All­erlö­sungs­lehre“. Aber sie darf nicht miß­verstanden und miß­deutet wer­den.

Wären wir alle unschuldig wie Kinder, wie (noch) unwissende und unvermögende Kleinkinder, dann bräuchten wir um unser ewiges Seelenheil keine Bedenken zu haben. Wir kämen alle (schließlich) in den Himmel. Und effektiv: ALLE Menschen, ALLE, auch die Ungetauften, also auch alle Heidenkinder, die gezeugt und emp­fangen werden, die nicht geboren oder geboren werden, die sterben oder getötet werden, ohne zum Vernunftalter (und damit zur Fähigkeit des [persönlichen] Sündigens, zur Auflehnung wider Gott) gelangt zu sein, sie ALLE sind notwendigerweise in Christus Erlöste und wie die Unschuldigen Kindlein von Bethlehem in Christus Geheiligte und Heilige. Und sie genießen ALLE die ewige Glückseligkeit. Um ihr Heil müssen wir also nicht fürchten. Das Kapitalverbrechen der Abtreibung (z.B.) ist nicht deshalb so entsetzlich und verabscheuungswürdig, weil die Dahin­geschlachteten ewig verloren­gingen, sondern weil sich die sie Ab­schlachtenden mit höchster Wahr­scheinlichkeit zur Hölle verdammen. Und wohlverstanden: die Unschuldi­gen Kindlein von Bethle­hem sind nicht deshalb Selige, weil sie etwa Judenkinder (also Kinder des „auser­wählten Volkes“) waren, und auch nicht, weil sie wegen Christus (um Christi willen) getötet wurden. Sie wären es auch, wenn sie völlig ohne Zusammenhang mit Jesus Christus irgendwo auf dieser Welt von einem Rohling oder einer ganzen Horde von Schlächtern gemordet oder von Krankheit oder Naturkatastrophen oder Unfällen aus dem Leben gerissen worden wären. Sie sind ganz einfach Selige, weil sie unschuldige Kindlein waren und als beseelte Geschöpfe Gottes in Christus Erlöste sind, solange sie sich nicht bewußt gegen Gott richten!

Noch einmal mit anderen Worten und ganz kurz gesagt: Gotteskind und damit in Christus Erlöster und damit Christ ist JEDER ins Dasein gerufene MENSCH, der nicht wissentlich und willentlich gegen seine Natur, gegen sein Gewissen, gegen Gott und damit gegen Christus steht.

Daraus folgt, daß ALLE jene keine Christen sind, die sich wider bessere Erkenntnis, d.h. schuldhaft, d.h. sündhaft gegen Christi Lehre und damit gegen GOTTES GESETZ oder gegen Gottes Gesetz und damit gegen CHRISTI LEHRE auflehnen. Und so wie ein Mensch, der ganz einfach die in allem grundgelegten Gesetze Gottes erfüllt, ein Christ ist, auch wenn er nicht getauft ist und vom christlichen Glaubensbekenntnis über­haupt nichts, oder nichts Ausdrück­liches, oder nur Unzureichendes weiß, so ist kein Christ derjenige Mensch, der in irgendeiner Form wesentlich wider diese Gesetze handelt, auch wenn er getauft ist, auch wenn er ein höchster Kirchenfürst ist. Kein Christ ist, wer „aus seinem Herzen eine Mördergrube macht“, wer also die Gnade(n) Gottes verschmäht, mit Füßen tritt, wer das Licht, das in ihn einfließt, mutwillig auslöscht, wer die Flamme erstickt, wer die Finsternis mehr liebt als das Licht. Kein Christ ist, wer, wenn er über Gott, über Christus Wahres erfährt, dieses Wahre dauernd abweist, wer sich auf jeden spürbaren Gnaden-Anruf hin ver­schließt, wer im Seelischen fortgesetzt wider seine Natur handelt.

Und noch einmal anders ausge­drückt: Christ ist, wer nach dem Maße seiner Einsicht und seiner Fähigkeiten und seiner Mittel und seines Handlungsspielraums sich als Ge­schöpf und Kind GOTTES fühlt und benimmt und deshalb alles Gute anstrebt und alles Böse meidet und flieht und bekämpft.

Man kann es auf einen noch kürze­ren Nenner bringen: Christ ist, wer guten Willens ist. Der gute Wille ist das Ausschlaggebende. Wer guten Willen hat, kann (objektiv, materiell) noch so sehr auf Dunkel- und Irrwe­gen gehen, er strebt unweigerlich Christus, dem Lichte, dem Himmel zu. Wer bösen Willen hat hingegen, kann (physisch) noch so sehr in Christi Nähe weilen, er driftet ab, gleitet weg von Ihm, vom Heil. Darum sangen die Engel, „die große himmlische Heer­schar“ in ihrem Weihnachts-Gotteslob vor den staunenden Hirten: „Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind!“ „Et in terra pax hominibus bonae voluntatis„. ALLE Menschen, die guten Willens sind, werden also von den Himmelsboten mit dem Friedensgruß seitens GOT­TES beehrt. Das heißt nichts anderes, als daß GOTT diese Menschen als seine „aktuellen“ Kinder betrachtet, ob sie nun zum „Auserwählten Volk“ gehören oder nicht, ob sie Heiden sind oder Juden, ob sie einem „götzendienerischen Volk“ angehören oder nicht, ob sie eine richtige Gottesvorstellung haben oder nicht, ob sie unwissend und voller Vorurteile sind oder nicht, usw. Wichtig und wesentlich ist, daß sie guten Willen haben. Nicht der „Ausgangsort“ und „flüchtige Standort“ ist also maß­geblich, sondern die (Aus-)Richtung, die jemand hat. Guter Wille ist Aufbruch zu dem, wozu und wofür wir geschaffen sind, ist Aufstieg, ist Streben nach oben, ist Fortschreiten zum Besseren, ist Annäherung an den Bestimmungsort. Böser Wille ist Abstieg zu den Tiefen, ist Drang nach unten, ist Hang und Gang zum Schlechteren, ist Entfernung vom Ziel. „Selig, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit…; selig, die ein reines Herz haben…“ Guter Wille ist immer Verlangen nach der Ge­rechtig­keit, d.h. nach der Ordnung GOTTES. Und diese Ordnung ist Klarheit, ist Reinheit von allem „Unstimmigen“.

„Der Mensch sieht aufs Äußere, der Herr aber schaut ins Herz.“ (I Sm 16,7) „Die Gesinnung gibt den Aus­schlag, ob eine Gabe reich ist oder dürftig, sie gibt den Dingen ihren Wert.“ (Ambrosius) „Auf der Waage der göttlichen Gerechtigkeit werden die Gaben nicht nach ihrer Menge, sondern nach dem Maße der dabei gezeigten Gesinnung gewogen.“ (Leo d. Gr.) „Was du (tun) willst und nicht (tun) kannst, das rechnet dir Gott als geleistet an.“ (Augustinus) In diesem Sinne können wir sogar noch weiter gehen und sagen: „Was du sein und tun würdest, wenn du erführest, erkänntest und dann wolltest, das rechnet dir Gott als erreicht und geleistet an.“ „Gott fragt nach der Wurzel, nicht nach der Blu­me.“ (Augustinus) „Gott wägt die Handlung mehr nach der Meinung ab, in der sie geschieht, als nach der Größe des verrichteten Wer­kes.“ (Nachfolge Christi) Gott veran­schlagt auch die allgemeine, grundsätzliche, dauernde Disponiert­heit mehr als die ausdrücklich gefaßte Partikular-Meinung. „Willst du wissen, ob dein Tun, sei es inneres oder äußeres, göttlich ist oder nicht und ob Gott es wirkt in dir: sieh zu, ob Gott das Ziel in deinem Denken ist; wenn ja, so ist dein Wirken gut. (Eckehart) „Alles, was zum Ziel bezogen ist oder der Richtung auf das Ziel entspricht, ist eben dadurch gut. Alles, sage ich, ist gut durch die Ordnung auf Gott als das letzte Ziel.“ (Derselbe)

Was aber ist konkret „guter Wille“? Guter Wille ist das aufrichtige Wollen (Anstreben) des als (sittlich) gut, als ein (sittlich) Gutes, als das Gute Erkannten. Guter Wille ist die ständi­ge Bereitschaft und Entschlossenheit, das eigene Verhalten und Handeln am eigenen Gewissen auszurichten, mit dem Gewissen in (völlige) Übereinstimmung zu halten und zu bringen. Böser Wille ist logischer­weise das Gegenteil davon. Böser Wille ist das mutwillige, vorsätzliche Nicht Wollen des als moralisch Gesollten Erkannten. „Wenn der Wille das höhere Gut darangibt und sich einem niederen zuwendet, wird er böse; nicht weil der Gegenstand, zu dem er sich wendet, schlecht ist, sondern weil die Hinwendung selbst­verkehrt ist.“ (Augustinus) „Nie ist etwas nützlich, wenn es nicht gleichzeitig sittlich gut ist. Und nicht, weil es nützlich ist, ist etwas sittlich gut, sondern weil es sittlich gut ist, ist es auch nützlich.“ (Cicero)

Wenn die Heiden, die das Gesetz nicht haben, aus natürlichem Antrieb die Forderungen des Gesetzes erfül­len, so sind sie, weil sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen, daß der Kern des Geset­zes in ihr Herz geschrieben ist. Ihr Gewissen bezeugt es ihnen durch die Gedanken, die sie teils anklagen, teils verteidigen, am Tage, da Gott das verborgene Tun der Menschen nach meinem Evangelium durch Jesus Christus richten wird.“ (Röm 2,14-16) „Zwei Lehrer sind uns von Anfang an mitgegeben, die beide, auch ohne Worte, die Menschen unterweisen: die geschaffene Welt und das eigene Gewissen.“ (Chrysostomus) „Wie wir unsere erste Kenntnis der äußern Welt durch die Sinne haben, so beginnt unser Lernen von Gott dem Herrn durch das Gewissen … Hier sind es die sich immer wieder­holenden Erfahrungen des Gewis­sens, die uns ganz unaufdringlich den Willen eines Überlegenen nahe­bringen und uns zur immer deut­licheren Überzeugung von dem Da­sein eines höchsten Gesetzgebers führen, von dem die einzelnen Mahnungen und Befehle ausge­hen.“ (Newman)

Ein Missionar fragte einen alten Heiden in Indien: „Wenn euch jemand euer Geld stiehlt, begeht der eine Sünde?“ „Natürlich!“ „Und wenn je­mand einen andern umbringt, ist das eine Sünde?“ „Gewiß!“ So ging der Pater die meisten Gebote durch und sagte dann: „Ihr habt alle die Gebote Gottes gewußt, wer hat euch denn die gelehrt?“ „Gott.“ „Gott hat aber doch noch nie zu euch gesprochen.“ Da wies der Mann auf seine Brust: „Da drin, da drin!“ Es war ein verachteter Paria, der nicht lesen und schreiben konnte!

Christ ist also jeder, der natürlich gut ist. Auch wenn er von Christus nichts weiß. Weil das Natur-Gesetz vollends übereinstimmt mit Christi offenbartem Gesetz. Weil er nur dann „natürlich gut“ ist, wenn er die Botschaft von Christus sofort annehmen würde, wenn er sie (richtig) erführe. Denn: „Die heilige Mutter Kirche hält fest an der Lehre: Der Mensch kann Gott, den Ursprung und das Endziel aller Dinge, durch das natürliche Licht seiner Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Gewißheit erkennen. «Denn das Unsichtbare an ihm erschaut der denkende Verstand seit Erschaffung der Welt in seinen Werken.» (Röm 1,20) Indes hat es der Weisheit und Güte Gottes gefallen, Sich selbst und die ewigen Ratschlüsse Seines Willens dem Menschengeschlecht auch auf einem andern, dem übernatürlichen Weg zu offenbaren.“ (I Vaticanum, de fid. cath. 2,12 (D 1785) Aber eben: „Viele, die draußen (außerhalb der heils­notwendigen Kirche) zu sein schei­nen, sind drinnen; viele, die drinnen zu sein scheinen, sind drau­ßen.“ (Augustinus) „Der vielberufene Satz («Außer der Kirche kein Heil») bedeutet, daß in der gegenwärtigen Heilsordnung alle Erlösungsgnaden nur mit Hinblick auf Christus und Seine wahre Kirche gespendet werden, daß somit alle, die gerettet werden, wenigstens innerlich (voto, d.h. durch ihre Bereitschaft, alles zu tun, was Gott verordnet hat) zur Kirche Christi gehören müssen. Von der äußern Zugehörigkeit zur katholischen Kirche gilt der Satz nur relativ, d.h. für alle diejenigen, die zur Erkenntnis der Wahrheit und Heils­notwendigkeit dieser Kirche gelangt sind.“ (Pribilla)

Und nochmals anders kann man den Christen vom Nicht­christen unter­schei­den:

Gott ist die Liebe. Und all sein Sein und Wirken ist nichts als LIEBE. Und ALLES, was aus Ihm hervorgeht, ist LIEBE. Wer also die(se) Liebe hat und in der (in dieser) Liebe bleibt, der ist aus Gott und bleibt in Gott, ist also Geschöpf und Kind Gottes und damit kern- und wesenhaft CHRIST.

Der hl. Kirchenvater Augustinus hat in der Osterwoche des Jahres 416, also „auf dem Höhepunkt seiner bischöf­lichen Wirksamkeit und seines geistigen Lebens“, in der Kathedrale zu Hippo (Nordafrika) eine Reihe von Predigten über den ersten Johannesbrief gehalten, die zum Schön­sten gehören, was wir vom diesem großen lateinischen Kirchenlehrer besitzen. Sie behandeln sein Lieblingsthema, den Zen­tral­gegen­stand seiner ganzen Theologie: die Liebe, die Caritas.

Vielleicht die wertvollste dieser Pre­digten ist die fünfte, der die folgende Auswahl entnommen ist. Ich entlehne sie der Übersetzung von Dr. Fritz Hofmann, der vor Jahrzehnten die Predigten des hl. Augustinus über den ersten Johannesbrief unter dem Titel „Gott ist die Liebe“ als Band der Samm­lung „Zeugen des Wortes“ herausge­geben hat. Da es sich dabei um einen Kommentar des Textes der johannei­schen Epistel handelt, schicke ich die in Betracht kommenden Abschnitte nach der Übersetzung von Rösch voraus:

«Wer aus Gott geboren ist, tut keine Sünde. Sein Lebenskeim bleibt in ihm. Er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist. Daran erkennt man die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels: Wer das Rechte nicht tut, ist nicht aus Gott. Ebensowenig, wer seinen Bruder nicht liebt. Das ist ja die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt: Wir sollen einander lieben. Nicht wie Kain, der vom Bösen herkam und seinen Bruder erschlug. Und warum erschlug er ihn? Weil sein Tun böse war, das seines Bruders aber gerecht. Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch haßt. Wir wissen, daß wir aus dem Tode zum Leben gekommen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer keine Liebe hat, bleibt im Tode. Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Mörder. Und ihr wißt, daß kein Mörder das ewige Leben in sich trägt. – Daran haben wir die Liebe Gottes erkannt, daß er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir das Leben für unsere Brüder hingeben. Wer die Güter der Welt besitzt und seinen Bruder Not leiden sieht, und doch sein Herz vor ihm verschließt: wie kann in dem die Liebe Gottes wohnen? Kinder, laßt uns nicht mit Worten und mit der Zunge lieben, sondern in der Tat und in der Wahrheit!» (1 Jo. 3,9-19) 

Dazu nun der Kommentar, die Aus­­legung des hl. Augustinus:

Dieser (Johannes-) Brief, der allen köstlich ist, deren Herz einen gesunden Geschmack hat, Gottes Brot zu schme­cken, und der in der heiligen Kirche Gottes in hohem Ansehen steht, legt besonders die Liebe ans Herz. Von nichts anderem fast spricht er ja als von der Liebe. Wer ein inneres Organ zum Hören hat, wird mit Freude darauf horchen müssen. So wird diese Lesung ihm sein wie Öl ins Feuer. Wenn da etwas ist, das genährt werden kann, dann erhält es Nahrung und wächst und bleibt. Desgleichen soll es für manche so sein wie Feuer auf den Zunder, so daß er, wenn er vorher nicht brannte, durch die Predigt entzündet wird. Denn bei den einen findet Nahrung, was bereits da ist, bei den andern wird entflammt, was noch fehlt, so daß wir alle in einer einzigen Liebe unsere Freude finden. Wo aber die Liebe ist, da ist der Friede; und wo die Demut ist, da ist die Liebe. So wollen wir ihn jetzt hören und auch zu euch über seine Worte reden, was der Herr eingibt, auf daß ihr sie recht versteht.

Die Liebe also empfehlen wir; die Liebe empfiehlt dieser Brief. Nur um das eine fragt der Herr nach der Auferstehung den Petrus: „Liebst du mich?“ Und es war ihm nicht genug, einmal zu fragen; ein zweites und ein drittes Mal stellt er keine andere Frage. Obgleich Petrus die dritte Frage als Kränkung empfand, als wollte er ihm nicht glauben, als wüßte er nicht, was in ihm vorging, fragte er ihn dennoch ein erstes, zweites, drittes Mal. Dreimal verleugnete die Furcht, dreimal bekann­te die Liebe. Siehe, Petrus liebt den Herrn. Was wird er ihm geben? Beunruhigt nicht auch ihn jenes Psalmwort: „Was soll ich dem Herrn vergelten für alles, was er mir getan hat?“ Der Sänger des Psalmes dachte nämlich daran, wieviel Gott ihm gegeben hatte; und er fragte, wie er es Gott vergelten sollte, und fand keine Antwort. Alles, womit du ihm vergelten willst, hast du ja von ihm empfangen, um es ihm zu geben. Und was fand er zur Vergeltung? Wir sagten es schon, Brüder, was er von ihm empfangen hatte, das fand er als Gegengabe. „Den Kelch des Heiles will ich ergreifen, und den Namen des Herrn will ich an­rufen“ (Ps.115,12f). Denn wer sonst hatte ihm den Kelch des Heils gegeben als der, dem er vergelten wollte? Den Kelch des Heils ergreifen und den Namen des Herrn anrufen, das heißt aber an der Liebe sich sättigen und sich in einem solchen Maße sättigen, daß du den Bruder nicht nur nicht hassest, sondern bereit bist, für den Bruder zu sterben. Das ist die vollkommene Liebe, daß du bereit bist, für den Bruder zu sterben. Diese Liebe hat der Herr für seine eigene Person getätigt, da er für alle starb und für seine Kreuziger betend die Worte sprach: „Vater, verzeihe ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk 23,34). Aber er war nicht der Meister, wenn er allein dies tat, wenn er keine Schüler hatte. Es folgten ihm die Schüler und handelten ebenso. Gesteinigt wurde Stephanus und betete gebeugten Knies: „Herr, rechne es ihnen nicht zur Sünde an!“ (Apg. 7,59). Er liebte die, von denen er getötet wurde, weil er ja sogar für sie starb. Höre auch den Apostel Paulus: „Ich selbst will mich hingeben für euere Seelen“ (2 Kor. 12,15). Er war ja unter denen, für die Stephanus Fürbitte eingelegt hatte, als er durch ihre Hand starb. Das also ist die vollkommene Liebe. Wenn einer so große Liebe hat, daß er bereit ist, für den Bruder sogar zu sterben, dann ist die Liebe in ihm vollkommen. Ist sie aber, sobald sie entsteht, auch schon ganz vollkommen? Nein! Damit sie vollkommen werde, wird sie geboren; ist sie geboren, wird sie genährt; durch die Nahrung wird sie gekräftigt; wenn sie gestärkt ist, dann wird sie vollendet. Wie aber spricht sie, wenn sie vollkommen geworden ist? „Leben ist für mich Christus und Sterben Gewinn. Ich wünschte aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein; denn das ist bei weitem das Bessere. Das Verbleiben aber im Fleisch ist notwendig um euretwillen“ (Phil. 1,21,23f). Um derentwillen, für die er bereit war zu sterben, wollte er leben.

(Ist die Deutung des Wortes, daß „jeder der aus Gott geboren ist, keine Sünde tut“, auf die Liebe, bzw. die Sünde gegen die Liebe auch nicht willkürlich, sondern sachlich begründet?) Möge also Johannes uns belehren, welche Sünde er meint, damit nicht etwa nur ich aufs Geratewohl erkläre, daß diese Sünde in der Verletzung der Liebe liege, weil er vorher sagte: „Wer seinen Bruder haßt, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht, weil die Finsternis seine Augen verblendet hat“ (2,11). Vielleicht weist Johannes im Folgenden ausdrücklich auf die Liebe hin. Seht, daß jener zusammengehörige Textabschnitt dieses Ende hat, diesen Ausgang nimmt: «Jeder, der aus Gott geboren ist, sündigt nicht; denn sein Same bleibt in ihm.» Der Same Gottes ist das Wort Gottes, weshalb der Apostel sagt: «Durch das Evangelium habe ich euch gezeugt» (1 Kor. 4,15). «Ja, er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.» Sage er also und sehen wir, worin er nicht sündigen kann! «Darin sind die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels offenbar: Jeder, der nicht gerecht ist und der seinen Bruder nicht liebt, ist nicht von Gott» (3,9f). Jetzt ist es offenbar, weshalb er sagt: «Wer seinen Bruder nicht liebt.» Die Liebe allein scheidet die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels. Mögen alle mit dem Zeichen des Kreuzes sich bezeichnen; mögen alle antworten Amen; mögen alle Alleluja singen; mögen alle getauft werden, in die Kirche eintreten – der Unterschied zwischen den Kindern Gottes und den Kindern des Teufels liegt einzig in der Liebe. Die die Liebe haben, sind aus Gott geboren; die sie nicht haben, sind nicht aus Gott geboren. Ein großes Zeichen, eine große Unter­schei­dung! Habe, was immer du willst. Hast du dies eine nicht, nützt es dir nichts; wenn du anderes nicht hast. so habe nur dies, und du hast das Gesetz erfüllt. «Denn wer den Nächsten liebt, der hat das Gesetz erfüllt», sagt der Apostel und: «Die Fülle des Gesetzes ist die Liebe» (Röm.13,8.10). Ich glaube, daß das die Perle ist, die der Kaufmann nach der Schilderung des Evangeliums gesucht hat, jene Perle, die er fand und für die er alles verkaufte, was er hatte, und die er erwarb (vgl. Matth.13,46). Das ist die kostbare Perle, die Liebe, ohne die dir nichts nützt, soviel du auch hast; und die dir genügt, wenn du sie und sonst nichts besitzest. Jetzt siehst du im Glauben, dereinst wirst du in der Schau sehen. Denn wenn wir lieben, wo wir nicht sehen, wie werden wir erst umfangen, wo wir sehen?

Aber wie müssen wir uns darauf üben? Durch die Bruderliebe. Du kannst mir sagen: Ich habe Gott nicht gesehen! Kannst du mir etwa auch sagen: Ich habe den Menschen nicht gesehen? Liebe den Bruder! Denn wenn du den Bruder, den du siehst, liebst, wirst du zugleich auch Gott schauen; denn du wirst die Liebe schauen, und in ihrem Innersten wohnt Gott.

«Wer nicht gerecht ist und wer seinen Bruder nicht liebt, ist nicht aus Gott. Denn das ist die Kunde» – höre, wie er es bekräftigt: «Denn das ist die Kunde, die wir von Anfang an vernommen haben, daß wir einander lieben sollen» (3,10f). Er macht es uns vollkommen klar, daß er mit Bezug darauf sagt: Wer gegen dieses Gebot handelt, der ist in jener verwerflichen Sünde, in die solche nicht fallen, die aus Gott geboren werden.

«Wundert euch nicht, Brüder, wenn euch die Welt haßt» (3,13). Wie oft muß ich es euch noch sagen, was die Welt ist? Die Welt in schlechtem Sinn sind jene, die die Welt lieben; die Welt in gutem Sinn sind Himmel und Erde und was an Werken Gottes darin ist. Darum heißt es: «Und die Welt ist durch ihn gemacht wor­den» (Joh. 1,10). Ebenso ist die Welt die ganze Erde, wie Johannes sagt: «Der Versöhner ist er nicht nur für unsere Sünden, sondern für die der ganzen Welt» (2,2). „Welt“ meint hier alle Gläubigen, die über den Erdkreis hin verstreut sind. Die Welt in schlechtem Sinn aber sind die, welche die Welt lieben. Die die Welt lieben, können den Bruder nicht lieben.

«Wenn uns die Welt haßt, so wissen wir» -was wissen wir?: «Daß wir vom Tode zum Leben übergegangen sind.» Woher wissen wir es? «Weil wir die Brüder lieben.» Niemand frage einen andern Menschen, jeder halte Einkehr in sein Herz! Wenn er dort die Bruderliebe findet, so sei er ohne Sorge; denn er ist vom Tod zum Leben übergegangen. Schon ist er auf der rechten Seite; nicht achte er darauf, daß seine Herrlichkeit jetzt verborgen ist; wenn der Herr kommt, dann wird das Leben in Herrlichkeit erscheinen. Schon jetzt besitzt er das Leben, aber noch wie im Winter. Die Wurzel ist voll Lebenskraft, aber die Zweige sind gleichsam noch dürr; innen ist das Mark, in dem der Saft quillt, innen sind die Blätter der Bäume, innen die Frucht; sie warten nur auf den Sommer. Also «wissen wir, daß wir vom Tode zum Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, der bleibt im Tode» (3,14). Glaubt nicht, Brüder, daß es nicht darauf ankomme, zu hassen oder nicht zu lieben; hört noch, was folgt: «Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschenmörder.» Wird also einer, der seinen Bruder nicht achtet, auch den Menschenmord in seinem Herzen schon gering achten? Er rührt die Hand nicht, um einen Menschen zu töten, und schon wird er vom Herrn für einen Mörder gehalten; jener lebt, und dieser wird bereits als Mörder verurteilt. «Jeder, der seinen Bruder haßt, ist ein Menschen­mörder; und ihr wißt, daß kein Mörder das ewige Leben hat, das in ihm bleibt» (3,15).

«Daran erkennen wir die Liebe», die Vollkommenheit der Liebe meint er, jene vollkommene Liebe, die wir euch ans Herz gelegt haben; «Darum erkennen wir die Liebe, daß jener für uns sein Leben eingesetzt hat; und so müssen auch wir das Leben für unsere Brüder einset­zen» (3,16). Nun sieh den Sinn des «Petrus, liebst du mich? Weide meine Schafe!» Damit ihr wißt, daß er nach seinem Willen seine Schafe so leiten sollte, daß er sein Leben für sie einsetzte, fügte er sogleich hinzu: «Da du ein Jüngling warst, gürte­test du dich selbst und gingest, wohin du wolltest; wenn du aber älter geworden bist, wird ein anderer dich gürten und wird dich bringen, wohin du nicht willst. Das aber sagte er – bemerkt der Evangelist –, um anzudeuten, durch welchen Tod er Gott verherrlichen werde“ (Joh. 21,156), um den zu lehren, daß er sein Leben für seine Schafe einsetzen müsse, zu dem er gesagt hatte: «Weide meine Schafe».

Wo aber nimmt die Liebe ihren Anfang, Brüder? Worin sie vollendet wird, das habt ihr gehört. Ihr Ziel und Maß hat der Herr selbst im Evangelium nahegelegt: «Eine größere Liebe hat niemand, sagt er, als daß er sein Leben hingibt für seine Freunde» (Joh. 15,13). Ihre Vollendung also zeigt er im Evangelium. Doch ihr fragt euch: Können wir je diese Liebe haben? Verzweifle nicht vorschnell! Vielleicht ist sie schon geboren, aber nur noch nicht vollendet; nähre sie, damit sie nicht ersticke! Doch du wirst mir sagen: Woher kann ich das wissen, daß sie in mir schon geboren ist? Von der Vollendung der Liebe haben wir gehört; vernehmen wir nun ihren Anfang! Johannes fährt fort mit den Worten: «Wer aber die Güter der Welt hat und seinen Bruder hungern sieht und sein Herz vor ihm verschließt, wie wird die Liebe Gottes in ihm bleiben kön­nen?» (3,17) Siehe da, wo die Liebe ihren Anfang nimmt! Wenn du noch nicht bereit bist, für den Bruder zu sterben, so solltest du doch schon bereit sein, dem Bruder von deinen Gütern mitzu­teilen. Möge die Liebe dein Herz bewegen, daß du nicht aus Ruhmsucht, sondern aus lauterster Barmherzigkeit handelst, daß du ihn rein in seiner Bedürftigkeit siehst. Denn wenn du dem Bruder nicht einmal von deinem Überfluß geben kannst, kannst du dann für ihn dein Leben einsetzten? An deinem Busen birgst du das Gold, das dir Diebe stehlen können; und wenn es nicht Diebe wegnehmen, wirst du es im Tode lassen müssen, auch wenn es dich bei Lebzeiten nicht verläßt. Was wirst du also tun? Es hungert dein Bruder, er befindet sich in einer Notlage; viel­leicht ist er in großer Verlegenheit, von einem Gläubiger bedrängt; er besitzt selbst nichts, du hast etwas: Dein Bruder ist er; zumal seid ihr erkauft um den nämlichen Preis, beide seid ihr durch das Blut Christi erlöst; sieh, daß du dich seiner erbarmst, weil du weltliche Güter hast! Was geht das mich an?, sagst du vielleicht. Soll ich mein Geld hingeben, damit jener vor einer Unan­nehmlichkeit bewahrt bleibt? Wenn dir dein Herz so antwortet, dann bleibt die Liebe des Vaters nicht in dir. Wenn die Liebe des Vaters nicht in dir bleibt, bist du nicht aus Gott geboren. Wie kannst du dich da rühmen, ein Christ zu sein? Den Namen hast du wohl, die Taten hast du nicht. Wenn du aber mit dem Namen die Tat verbindest, dann mag einer dich einen Heiden schelten, du erweisest dich durch die Tat als Christ! Denn wenn du dich nicht im Werk als Christ erweisest, mögen alle dich einen Christen nennen, was nützt dir der Name, wo dir die Wirk­lichkeit fehlt? «Wer aber die Güter der Welt hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz vor ihm verschließt, wie kann die Liebe Gottes in einem solchen blei­ben?» Und Johannes fährt fort: «Kindlein, nicht nur im Worte und nicht bloß mit der Zunge laßt uns lieben, sondern in der Tat und in der Wahrheit!» (3,18)

Paul O. Schenker